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Freitag, 28. August 2026

Die Kreativität und das Böse

Die Kreativität kann als Tor für das Absolute dienen, mit ihr wird aber auch häufig das Absolute für Ego-Zwecke missbraucht. Denn das menschliche Ego kann das Absolute mit allen Möglichkeiten, die das Relative bietet, für seine Absichten einzuspannen. Es verfügt über eine eigene Form der Kreativität, die es gerade für diesen Zweck nutzt.  Diese Form der Kreativität steht unter dem Diktat der Überlebenssicherung. Aus dem menschlichen Einfallsreichtum entspringt die Erfindung von Gehhilfen für Behinderte ebenso wie die Entwicklung von Waffen, die solche Behinderungen verursachen. 

Die schöpferische Kraft des Egos stammt aus seinen Überlebensstrategien. Es musste sich etwas einfallen lassen, um mit den Folgen einer Traumatisierung zurechtzukommen. Z.B. kann es dafür sorgen, dass die Person bei jeder weiteren Bedrohung in die Opferrolle geht, die sich für die Sicherung des Weiterlebens bewährt hat. Jede neue Gefahrensituation fordert die Kreativität des Egos, mit der die Opferrolle an die aktuelle Bedrohung angepasst werden kann. Solche Strategien werden, soweit sie nicht therapeutisch aufgelöst wurden, im weiteren Leben verfeinert und differenziert. Sie wirken aus dem Unbewussten heraus und mischen sich in alle möglichen Lebenssituationen ein, indem sie den freien Fluss der Lebensenergie blockieren.

Sie führen dann z.B. dazu, die Kreativität für das Entwerfen von Hasskampagnen zu verwenden. Sie dient den Ängsten und soll das schwache Selbstwertgefühl stabilisieren. Mit dem Hass sollen vermeintliche Gegner und Bedroher geschwächt und entmachtet werden. Das Produkt von destruktiver Kreativität trägt das Trennende und Verengte seiner Entstehungsbedingungen in sich und kann deshalb nie zu einem Kunstwerk werden. Die Kunst beginnt dort, wo die menschliche Schöpfungskraft dem Absoluten gewidmet ist, und nicht dort, wo sie einem verletzten Ego dient.

Kann das Absolute menschenfeindliche Kreativität erzeugen?

Die Verwendungszwecke der Kreativität werden immer vom Ego bestimmt. Es kann sich jedes Produkts der Kreativität bedienen, zum Guten wie zum Bösen. Es kann die KI verwenden, um Hautkrankheiten sicherer zu bestimmen oder um Drohnen zu entwickeln, die selbst entscheiden, welchen Menschen sie umbringen. C.G. Jung hat darauf verwiesen, dass der Schatten (die unbewussten Ego-Anteile) über eine starke Energie verfügt, die zum Ausdruck drängt. Kreativität, die aus dem Schatten kommt, ist destruktiv, weil sie den Schatten, an dem der Mensch leidet, in die Welt hinein verbreitet, um das Licht der Bewusstheit zu verdunkeln und andere Menschen zu verstören oder zu verwirren. 

Auch beim Erzeugen von Ideen, wie die Gesellschaft unmenschlicher gemacht werden könnte, wirkt das Absolute mit, weil es nicht zwischen Gut und Böse differenziert. Allerdings ist es auch irreführend abzunehmen, dass das Absolute das Böse hervorbringt. „Böse“ ist eine menschliche Kategorie, deshalb können nur Menschen Böses hervorbringen. Es ist ein Aspekt, ein Attribut der relativen Welt, ein wichtiges Regulativ für das menschliche Zusammenleben. 

Der Gebrauch des Absoluten für böse Zwecke ist nur möglich, solange der Einfluss des Absoluten nicht bewusst ist und damit ein verkürztes Verständnis der Kreativität besteht. Die kreativen Leistungen werden in diesem Fall zur Gänze dem Ego zugeschrieben, sodass es in diesem Kontext ganz selbstverständlich erscheint, die Ergebnisse der Kreativität für die eigenen Zwecke zu nutzen, gleich ob diese gut oder böse sind. 

Nur mit unserer Bewusstheit können wir darüber entscheiden, ob wir die Produkte unserer Kreativität für Ego-Zwecke oder für das Wohl der Menschheit nutzen wollen. Destruktive Kreativität entsteht, um innere Nöte zu kompensieren, und sie wirkt so, dass sie diese Nöte vermehrt. Der Ausweg aus der Destruktivität, die immer eine Selbstzerstörung enthält, liegt in der Bewusstmachung der Natur unserer Kreativität und dem Verständnis für das Zusammenspiel des Absoluten und des Menschlichen. 

Wenn wir in irgendeiner Weise merken, dass das Absolute beim kreativen Prozess seine Hand im Spiel hat, dann spüren wir, dass wir Dankbarkeit schulden. Und dann ist uns auch klar, dass wir unsere Kräfte für das Beste der Menschheit einsetzen wollen, weil es das Beste für uns selbst ist.

Zum Weiterlesen:

Montag, 15. Juni 2026

Das Ich und das Ego

Gemeinsamkeiten und begriffliche Unterschiede

Das Ich und das Ego stammen aus einer gemeinsamen sprachlichen Wurzel. Dennoch macht es Sinn, die beiden Begriffe zu unterscheiden, weil sie für die Beschreibung von verschiedenen Mechanismen in unserem Seelenleben dienen.

Das Ego, von dem wir heute so häufig reden, stammt eigentlich aus den ersten Übersetzungen der Schriften von Sigmund Freud ins Englische. Im Strukturmodell von Freud spielt das Ich neben dem Es und dem Über-Ich eine wichtige Rolle: „Wir sehen dieses Ich, seine Beziehungen zu den drei Seiten hin, von denen es bedrängt wird, von denen ihm Angst droht: von der Außenwelt, von der Libido des Es und von der Härte des Über-Ichs. [...] Ein Sprichwort meint, man könne nicht zwei Herren gleichzeitig dienen. Das arme Ich hat es noch schwerer, es dient drei gestrengen Herren, ist bemüht, deren Ansprüche und Forderungen miteinander in Einklang zu bringen.“ (Freud: Das Ich und das Es. Studienausgabe, Band III, Frankfurt: Fischer Verlag, S. 319) In der englischen Sprache gibt es kein substantiviertes Ich wie im Deutschen, deshalb haben die Übersetzer das „Ego” eingeführt, das dann in seiner heutigen Bedeutung in den deutschen Sprachraum zurückgekehrt ist. 

Unter dem Ego wird jener Persönlichkeitsanteil verstanden, der nur in der Vergangenheit (Erinnerungen, Traumata) und der Zukunft (Sorgen, Wünsche) weilt. Es ist auf Bestätigung angewiesen und versucht ständig, sich durch materiellen Besitz, Status, Leistungen oder auch durch spirituelle Errungenschaften zu behaupten. Es ist so etwas wie ein Reservoir der im Leben angesammelten Traumaerfahrungen und deren Bewältigung durch Abwehrmechanismen und Überlebensstrategien. Das Ego ist von inneren Ängsten angetrieben und ist bestrebt, sie mit dem Denken, das in die Vergangenheit oder in die Zukunft führt, zu bändigen. Da es auf Traumaerfahrungen beruht, befindet es sich beständig im Überlebensmodus. Es ist von der Vorstellung getrieben, dass es für die Weiterexistenz des Menschen allein zuständig ist. Der von der Angst angetriebene Überlebensimpuls ist immer egoistisch, kennt also keine Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer Menschen.

Das Ego entwickelt sich also im Lauf der Lebensgeschichte und kann mit Hilfe von therapeutischen Methoden verkleinert und entmachtet werden. Spirituelle Übungen und Erfahrungen können Egomuster überschreiben und in den Hintergrund drängen. Doch ohne therapeutische Arbeit bleiben die Muster bestehen und wirken weiter. Egomuster lösen sich auf, wenn die Traumata, aus denen sie entstanden sind, bearbeitet und integriert sind. Menschen, die sich nie einer Psychotherapie oder ähnlichen Verfahren unterzogen haben, können auf dem spirituellen Weg sehr weit gelangen, während die bestehenden Charakter- und Persönlichkeitszüge weiterwirken. Aus diesem Grund treten Diskrepanzen zwischen persönlicher und spiritueller Reife auf, indem z.B. spirituelle Lehrer zu sexuellen oder emotionalen Missbrauchern werden. 

Das Ego findet sich in vielen spirituellen Lehren, z.B. als Nafs im Sufismus oder als Shi Xin im Taoismus. Der bewertende, durch die Erziehung konditionierte Seelenteil, der trennt und unterscheidet, verhindert das Eintauchen in das Göttliche oder in das Tao und muss deshalb auf dem spirituellen Weg überwunden werden. 

Das Ich: Die Realitätsinstanz

Das Ich ist eine Instanz, die als Teil der gesunden Entwicklung der Seele in der frühen Kindheit gebildet wird und zu einer Ich-Identität weiterentwickelt wird. Das Kind lernt sich selbst mit „ich“ zu bezeichnen und reichert dieses Ich mit Inhalten an, die es im sozialen Umgang aufnimmt: der Eigenname, die Zugehörigkeit zu einer Familie und einem Land, Charaktereigenschaften, Kompetenzen usw. Dieses Ich differenziert sich im Lauf des Lebens zu einer Persönlichkeit mit vielen Facetten. Das Ich regelt das Alltagsleben mit seinen verschiedenen Herausforderungen und steuert die Kreativität, indem es Visionen entwickelt und umsetzt. Ein stabiles Selbstgefühl als Ich ist die Grundlage für die erwachsene Lebenskompetenz. Das Ich enthält die Vernunft und die Rationalität. Nach Freud regelt es die Bedürfnisse und Triebimpulse entsprechend den aktuellen Möglichkeiten in der Außenwelt und passt die Ideale und Erwartungen des Über-Ichs an die Realität an.

Das nicht existente Ich

Aus neurowissenschaftlicher Perspektive gibt es allerdings dieses Ich oder Selbst im Sinn einer unabhängigen Instanz oder eines “Ich-Zentrums” im Gehirn gar nicht. Vielmehr wird das Ich in jedem Moment des bewussten Erlebens durch ein komplexes Zusammenwirken vieler Nervenzellen erzeugt. Das “Subjekt” des Erlebens und Handelns ist eine Fiktion, die das Gehirn permanent herstellt. Ein intensiver Austausch von spezialisierten neuronalen Netzen vermittelt uns den Eindruck, wir hätten eine Ich-Identität. Wir brauchen diese Überzeugung, über ein Ich zu verfügen, um in der Welt unser Überleben zu sichern und soziale Interaktionen gestalten zu können. Der Philosoph und Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger schreibt in Bezug auf den Stand der neurowissenschaftlichen Forschung: „Niemand war jemals ein Selbst, und niemand hatte jemals ein Leben. Alles, was wir in der Vergangenheit für ein Selbst gehalten haben, ist in Wirklichkeit das Resultat eines inneren evolutionären Prozesses. Es gibt kein Ich, es gibt nur ein Selbstmodell.“ (Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel München: Piper-Verlag 2009, S. 15)

Das Ich ist also keine Gegebenheit in der Welt, kein Ding, kein Zentrum, sondern etwas, das als Resultat von gehirninternen Abläufen erlebbar wird, das aber nur ein Modell vorstellbar ist. Das Gehirn suggeriert fortlaufend die äußere Realität und die innere Realität, miteingeschlossen das Ich oder das Selbst. Wir erleben uns als dieses Ich, aber im Ich selbst ist niemand, es ist eine Leerstelle. Daraus folgt, dass dieses Ich keine fixen Eigenschaften haben kann, sondern sich laufend verändert, je nachdem, welche Datenströme das Gehirn gerade produziert. Gedanken und Gefühle tauchen auf und verschwinden wieder. Das Modell, das laufend hergestellt und ins Bewusstsein eingespeist wird, ist flexibel, flüssig. Es zerfällt, wenn wir im Tiefschlaf sind.

Aus dieser Natur des Ich folgt auch, dass es nicht von einem Schicksal geprägt ist, sondern plastisch, formbar und variantenreich gestalterisch seine fließende Form ausübt. Es kann durch die Lebenspraxis in die eine oder andere Richtung verändert werden – z. B. durch gute Sozialkontakte, viel Bewegung und gesunde Ernährung in die Richtung der Erweiterung der Lebenschancen, durch das Gegenteil in die Richtung der Verringerung der Möglichkeiten. Mittels Therapie und Meditation wird die Flexibilität und damit die Plastizität verbessert, während sie starre und selbstschädigende Gewohnheiten verringern. 

Das Ich und das Ego

Das Ich steht in einem Spannungsverhältnis zum Ego, sobald es merkt, dass bestimmte Verhaltensweisen und Gewohnheiten der Rationalität und der Kreativität schaden. Aus dem Ego können Gedanken kommen, die entmutigen und die kreativen Impulse schwächen, z.B.: „Du schaffst das nie.“ „ Du bist zu dumm dafür.” „Du kannst nicht gut genug malen, Tischtennis spielen, studieren, schreiben usw.“. Um das eigene Leben gemäß den eigenen Wünschen zu gestalten, muss das Ich das Ego in die Schranken weisen. Solche inneren Konflikte motivieren Personen, sich therapeutische Hilfe zu suchen oder einen spirituellen Weg zu beschreiten.

Da das Ego aus Überlebensmustern besteht, die in höchsten Gefahrenmomenten entstanden sind, räumt es die innere Arena nicht kampflos, sondern wehrt sich mit Händen und Füßen, wenn es ihm an den Kragen gehen soll. Das Ich-Bewusstsein versteht irgendwann, dass die Reaktionsweisen des Egos in frühen Phasen der Kindheit entstanden sind und damals einen Sinn hatten, dass sie aber der erwachsenen Persönlichkeit nicht mehr helfen, sondern für den Pfad der Selbstverwirklichung hinderlich und schädlich sind. Die Überlebensgefahren, auf die sich das Ego beruft, sind in der Erwachsenenwelt nicht mehr realistisch. Das Ego hat allerdings die menschliche Gehirnarchitektur auf seiner Seite, die den alten Bedrohungsszenarien auf einer vorbewussten Ebene eine höhere Wichtigkeit einräumt als den realistischen Einschätzungen des Ich-Bewusstseins. Deshalb wirken bloße Vorsätze, schlechte Gewohnheiten zu beenden, meist nichts; vielmehr müssen die Mechanismen des Egos verstanden, die ursprünglichen Überlebensängste erkannt und alle damit verbundenen Gefühle gespürt werden, bis die Stimme des Ichs stärker wird als die Stimme des Egos.

Auf andere Weise kommt es bei der spirituellen Suche zur Auseinandersetzung mit dem Ego. Es erweist sich bald als Drahtzieher hinter allen Widerständen, die sich der spirituellen Übungspraxis und der Entwicklung zur inneren Befreiung in den Weg stellen. Das Meister-Schüler-Verhältnis, das es in vielen Schulen gibt, hilft beim Erkennen der Ränke, die das Ego schmiedet, um seine Existenz zu behaupten. Die Meisterin durchschaut die Machtspiele des Egos in der Person der Schülerin, weil sie in der eigenen Praxis gelernt hat, die Tricks des Egos zu verstehen und zu entmachten. Sie lenkt die Aufmerksamkeit der Schülerin auf die unbewussten Mechanismen, die ihr Verhalten und ihr Denken steuern, und empfiehlt spirituelle Übungen z.B. in der achtsamen Konzentration auf den Erlebensmoment und in der Verfeinerung des inneren Sinns, sodass das Bewusstsein im Moment ruhen kann, ohne dass es vom Ego gestört wird. Auf diese Weise wächst ein Gegengewicht zur Ego-Agenda in Form von positiven Erfahrungen in der Achtsamkeitspraxis oder Meditation wie Stille, innerer Friede und Glückseligkeit. 

Jenseits von Ich und Ego

Während das Ego mit viel Selbstdisziplin und Innenarbeit entmächtigt werden muss, tritt das Ich im Zug einer Meditationspraxis immer weiter zurück, weil es immer weniger wichtig wird. Es tritt hinter die Erfahrungen von Stille, Weite und Helligkeit zurück, die zunehmend auftreten. Man könnte sagen, dass es nach innen zerfällt, wenn sich der Innenraum auftut. Das Ich verliert am Licht des Absoluten seine Bedeutung. Es verflüchtigt sich, weil es nicht gebraucht wird. Die Leerstelle verschwindet. 

Mit dem Ich verabschiedet sich der individuelle Wille. Bestimmte Meditationserfahrungen führen in einen Zustand, in dem der eigene Körper als willenlos wahrgenommen wird. Ohne jede Angst oder Sorge besteht der Eindruck, dass der eigene Körper nicht mehr bewegt werden kann. Da kein Ich mehr vorhanden ist, gibt es auch kein Wollen und damit keine willkürlichen Bewegungen. 

Im Unterschied dazu verabschiedet sich das Ego nicht von selbst oder freiwillig. Vielmehr kämpft es bis zum „bitteren“ Ende, weil es ja meint, für das Überleben zuständig zu sein. Vor dem Schritt ins Jenseits der Überlebensprogramme treten deshalb meistens massive Ängste auf, die in der Meditation überwunden werden können.

Zum Weiterlesen:
Das Ego in der Meditation
Die Weitergabe des Egos
Das Ego und seine Wurzeln
Die zwei Wahrheiten: Das Ego als Pforte zur Wahrheit
Das Ego und die Dualität


Dienstag, 23. Dezember 2025

Der Atem ist das Zentrum

Der Atem spielt eine zentrale Rolle in unserem Leben. Er ist unmittelbar dafür zuständig, dass wir leben. Unser Leben wäre ohne unsere Atmung sehr schnell zu Ende. Des Nachts könnten wir kein Auge zudrücken, wenn wir immer darauf achten müssten, dass wir noch atmen. Setzt die Atmung auch nur kurz aus, entstehen sofort Überlebensängste.

Sobald wir uns der lebenserhaltenden Funktion der Atmung bewusst werden, indem wir unser Atmen wahrnehmen, tritt unser Ego zurück, das sich sonst für unser Überleben zuständig fühlt. Wir erkennen, dass wir einer größeren Kraft all das schulden, was uns ausmacht, unsere Talente, unsere Stärken, unsere Potenziale. Im Bewusstsein dieser Erkenntnis wird unser Ego sofort unwichtiger, seine Ungeduld, Bedürftigkeit und Reaktivität tritt in den Hintergrund. An seine Stelle tritt fast ohne unser Zutun eine Einstellung der Dankbarkeit, Genügsamkeit und Hingabe.

In der unmittelbaren Atembewusstheit erscheint uns alles, was gerade ist, gut so, wie es ist. Denn es ist nichts zwischen uns und dem momentanen Geschehen. Wir sind in dem, was gerade geschieht, und das, was gerade geschieht, ist in uns. Es verschwindet also in diesen Erfahrungen der Unterschied zwischen Innen und Außen.

Das Gute, Wahre und Schöne

Im Bewusstsein der Akzeptanz und der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit sind wir mit den eminenten Qualitäten des Guten, Wahren und Schönen verbunden, nicht auf abstrakte Weise, sondern als implizite Erfahrung, als etwas, das der Atemerfahrung innewohnt. Denn wenn wir im Moment verweilen, ist alles da, was es braucht – Einatmen, Ausatmen. Es wird uns intuitiv klar, was gut, wahr und schön ist. In der Reflexion können wir erkennen, dass das Böse, Falsche und Hässliche nur Raum in unserem Bewusstsein einnehmen kann, wenn wir aus dieser Einheit mit dem Moment herausfallen.

Atembewusst wissen wir also, wie wir mit anderen Menschen umgehen können, damit wir uns wohl und sicher fühlen können und zugleich ihnen das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen geben. Wir wissen also, was notwendig ist und wie wir uns verhalten müssen, damit die Menschen in Respekt, Würde und Frieden miteinander leben können. Es leuchtet uns ein, was gut ist und was böse, was guttut und was Schaden anrichtet. Es wird uns klar, dass wir mit Bösem uns selbst am meisten Unheil bereiten. Wir erkennen, dass das Gute genau das ist, was wir tun wollen. Wir sehen ein, dass das gute Handeln am einfachsten ist und uns am meisten Freude bereitet.

In der Atembewusstheit sind wir mit der Wahrheit direkt verbunden. Denn der momentane Atemzug ist die wahre Wirklichkeit dieses Moments. Es gibt nichts Unwahres an einem Atemzug. Wir verstehen, dass es zu unseren Aufgaben gehört, immer wieder für die Wahrheit einzutreten. Die Wahrheit hält die Gemeinschaft zusammen, die sich in ihrem Licht über eine gemeinsame Interpretation der Wirklichkeit verständigen kann. Unwahrheiten zu verbreiten, um z.B. daraus eigene Vorteile zu ziehen, ist gemeinschaftsschädigend und damit auch selbstschädigend. 

In jedem Atemzug liegt etwas Schönes, wenn wir ihn bewusst wahrnehmen. Er bietet uns die Chance, genau diesen Moment des Lebens in seiner Schönheit zu entdecken, indem wir ihn so nehmen, wie er ist. Dann zeigt er sich in seiner Einzigartigkeit und Fülle. Indem wir einen Schritt weitergehen, werden wir uns der Schönheit in allen Menschen und Dingen bewusst. Die Kunst beginnt mit dem Einatmen. Unser erster Einatemzug war die erste Informationsaufnahme aus einer noch völlig fremden Welt, mit dem wir zu einem Teil von ihr wurden. Seit diesem Ereignis haben wir die Möglichkeit, in jedem Einatmen die Lust auf Neues und die Bereitschaft für Überraschungen zu finden, die Grundlage für Wissenschaften und Kunst. Wir sind also dank unseres Atems alle potenzielle Wissenschaftler und Künstler.

Lebensvertrauen

Der Atem gibt uns das Vertrauen ins Leben. Wenn wir uns ihm anheim geben, bemerken wir, dass er weiterfließt, was auch immer uns das Leben an äußeren und inneren Herausforderungen beschert. Manchmal stockt er vielleicht, wenn wir im Schock sind. Doch irgendwann löst sich die Blockierung wieder auf, und der Atem fließt weiter und führt uns aus der beängstigenden Situation heraus, und dann weiter, von einem Moment zu nächsten, kontinuierlich und unermüdlich. Er enthält die Botschaft, dass es immer weiter geht, auch wenn Situationen manchmal ausweglos erscheinen. Er flüstert uns zu, weiterzumachen statt aufzugeben, wenn es mühsam oder unbequem erscheint. Und er gibt uns ein Gefühl der Befreiung, wenn wir wieder in ruhigeres Fahrwasser geraten.

Verbindung von Innen und Außen

Der Atem verbindet uns mit der Wirklichkeit in uns und außerhalb von uns. Mit der Atembewusstheit sind wir automatisch in unserer Innenwahrnehmung und spüren uns selbst. Wir nehmen wahr, wie es uns gerade geht, welche Gefühle da sind und welche Stimmung vorherrscht. Der Atem informiert uns zudem über die Wirklichkeit um uns herum. Wir nehmen die Temperatur auf, die Gerüche geben uns einen Eindruck über die Verfasstheit und Gestimmtheit der äußeren Realität. Atembewusst sind wir immer in der aktuellen Wirklichkeit und nicht in den Gedanken, die entweder mit der Vergangenheit oder mit der Zukunft zu tun haben. 

Die Zeit des Atems

In Verbindung mit dem Fluss des Atems sind wir also in der momentanen Zeit. Der Atem zeigt uns folglich eine ganz andere Zeiterfahrung als das Denken, das zwischen Vergangenheit und Zukunft auf einer linearen Zeitachse mäandert und oszilliert. Die Atem-Zeiterfahrung ist eine, die mehr mit Ewigkeit und Zeitlosigkeit als mit Linearität zu tun hat. Denn sie ist die direkte Erfahrung der Veränderung selbst, ohne Inhalte, die sich verändern.

Wir wachsen mit in der Zeit. Jeder Atemzug macht uns reicher, reicher an Erfahrung und Einsicht. Wir erkennen, dass das Leben ein fortgesetzter Prozess des Lernens und Erweiterns ist, dass wir die Möglichkeit haben, immer mehr Aspekte der Wirklichkeit kennen- und verstehen zu lernen. Wir nähern uns also zunehmend der Wirklichkeit an, wenn wir diese Chancen ergreifen: Uns von der Wirklichkeit inspirieren zu lassen, indem wir sie neugierig einatmen. 

Der Weg zur Einfachheit

Der Atem führt uns zur Einfachheit. Es ist das Denken, das die Komplexität hervorbringt. Wenn sie uns zu viel wird, genügt die Besinnung auf den Atem, um erkennen zu können, was wichtig und was unwichtig ist, was zu tun und was zu lassen ist. Die Wahrheit des Atems ist immer einfach und zugleich einleuchtend. Wo das Denken Zweifel hervorbringt, zeigt uns der Atem die Klarheit. Wo das Denken in Verwirrung gerät, öffnet uns der Atem den Durchblick. Bewusst atmend, unterbrechen wir das wildgewordene Denken und finden zurück zu uns selbst.

Integration auf allen Ebenen

Der Atem integriert uns auf allen Ebenen unseres Seins. Er ist in alle lebenserhaltenden Funktionen unseres Körpers eingebunden. Er hält die Prozesse am Laufen, nicht nur, indem er permanent den dafür notwendigen Sauerstoff liefert, sondern auch dadurch, dass er den Körper in Bewegung hält, Tag und Nacht. Selbst wenn sich das Leben im Tiefschlaf auf sein absolutes Minimum zurückzieht, geht die Atmung weiter. Selbst wenn der Körper (mit Ausnahme der Augenbewegungen) in den REM-Phasen des Schlafes erstarrt, arbeiten die Atemmuskeln weiter. Die willentliche Beeinflussung der Atmung können wir nutzen, wenn wir unsere Gesundheit stärken wollen. Denn eine „richtige“ Atmung ist der Garant für den nachhaltig gesunden Organismus.

Der Atem begleitet und unterstützt unser Gefühlsleben. Jedes Gefühl hat sein eigenes Atemmuster, mit dem es seinen Ablauf gestalten kann. Gefühle nutzen also die Atmung, um sich zu entfalten und zu ihrem Ausdruck zu finden. Wir können zusätzlich über unsere Atmung unsere Gefühle regulieren. Einerseits hilft uns die Atmung, Gefühle, die uns wegen ihrer Heftigkeit plagen, zu beruhigen, andererseits hilft sie uns, den Zugang zu Gefühlen zu finden, die in uns verschlossen sind, aber uns dennoch belasten. Für manche ist es wichtig, den Zugang zu ihrer Wut zu finden, damit sie sich in ihrem Leben nicht mehr alles gefallen lassen müssen. Für andere ist der Zugang zu Gefühlen der Trauer und des emotionalen Schmerzes verschlossen und sie geraten in Gram und Depression; die Atmung kann sie dabei unterstützen, die Trauergefühle ins Fließen zu bringen, sich dadurch Erleichterung zu verschaffen und die Lebendigkeit zurückzugewinnen.

Das erste Tor zur geistigen Welt

Der Atem ist das erste Tor zur geistigen Welt. Jede Meditation ist bewusstes Atmen, und bewusstes Atmen ist Meditation. Die Besinnung auf den Atem ist die Besinnung auf das, was uns im Inneren ausmacht, auf das Geistige in uns. Wer wir sind, erfahren wir im Atem, immer wieder aufs Neue, sobald wir uns unseres Atems versichern. 

Der Atem selbst ist kein Ding und auch kein Prozess, sondern das, was sich im Atmen manifestiert. Wie sich der Geist in den Abläufen der Realität manifestiert, gibt sich der Atem in jedem Atemzug Gestalt. Ohne „den Atem“ ist das Atmen ein rein mechanischer Vorgang. Diese Sichtweise ist aber nur einer unbeteiligt beobachtenden Person möglich. Für die atmende Person ist es immer der Atem, der durch das Atmen aktiviert wird. Das gilt auch für den Atem einer beobachtenden Person. 

Wie es keine Materie ohne Immaterielles gibt, gibt es kein Atmen ohne den Atem. Genauer gesagt, erscheint das Materielle nur als ein Abstraktum, also als etwas Herausgezogenes, etwas, das einer Ganzheit für bestimmte Zwecke entrissen wird. Wenn wir das Atmen von einem äußerlichen Gesichtspunkt beobachten, trennen wir das Geistige daran von ihm ab, um damit Erkenntnisse zu gewinnen oder Eingriffe vornehmen zu können, die wir sonst nicht erreichen würden. Frei von jeder Zweckmäßigkeit ist es allein der Atem, der in jedem Atemzug fließt, der jeden Atemzug ausfüllt.

Der Atem spielt also eine führende Rolle auf allen Ebenen unseres Seins. Außerdem verbindet er diese Ebenen beständig, sodass sie nicht als unterscheidbare Aspekte unseres Seins auftreten, sondern als Ganzheit erlebt werden. Jeder Atemzug ist zugleich und untrennbar körperlich, seelisch und geistig. Die Atembewusstheit ist deshalb immer körperlich, seelisch und geistig. In ihr gibt es keine Unterscheidung dieser Aspekte, sie sind im Atem eins, und das heißt, wir sind im Atem eins mit uns selbst. In ihr gibt es auch keine Unterscheidung zwischen der Innenwelt und der Außenwelt, also sind wir insgesamt eins mit der Welt.

Zum Weiterlesen:
Respiratorische Philosophie im Überblick
Atemerfahrungen und Kunst
Atemresilienz angesichts der Krise
Innehalten


Montag, 22. Dezember 2025

Rumi und die Absichtslosigkeit

Im Werk des persischen Dichters und Mystikers Dschalal ad-Din Rumi (1207–1273) hat die Absichtslosigkeit einen wichtigen Stellenwert. Ähnlich wie Meister Eckhart ist es Rumi um die Überwindung des „Warum“ zu tun: „Die Liebe hat kein Warum. Wer nach dem Warum fragt, hat die Liebe nicht verstanden.“ Die Liebe hat keinen Zweck und kein Ziel, sie ist einfach und wirkt, wenn alles aus dem Weg geräumt ist, was sie behindert. Absichten sind getragen von dem Wunsch, etwas zu bekommen und die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Sie sind Hindernisse für das Wirken der Liebe.

„Du suchst Gott mit Absicht und Plan. So entgeht er dir. Wenn du ihn lässt, findest du dich in ihm wieder.“ Auch Rumi geht es um die Gelassenheit im Sinn von Eckhart: Um das Weglassen der Gottessuche, die nicht mehr als eine in sich kreisende Selbstsuche ist. Alle Pläne sind Entwürfe des Ichs, das einem gegenwärtigen Mangel entrinnen und sich eine bessere Zukunft schaffen will. In der Gottesbegegnung geht es um keine Zukunft und um kein Besser oder Schlechter, sondern um die tiefste Erfahrung des Seins, frei von allen Wertungen und Vorlieben.

Die große Liebe 

Wenn Rumi von der Liebe spricht, so meint er im Grund nur die reine, bedingungslose oder auch die große Liebe. Sie stellt keine Leistung dar und kann auch nicht durch Anstrengungen oder Übungen gefunden werden. Sie wird nur in dem Maß erfahrbar, in dem die Abscheidung im Sinn von Eckhart gelungen ist. Alle Bestrebungen des Ichs (die nafs bei Rumi) zielen auf die Stärkung des Ichs. Sie drücken sich in den Absichten aus, die die Menschen in ihrem praktischen Leben verfolgen. Die Liebe finden wir auf einem gänzlich anderen Feld, in einer gänzlich anderen Landschaft: Sie ist frei von Selbstbezogenheit und Selbstsucht und offen für das Erfahren im Moment. Sie ist getragen von der Hingabe an die höhere Macht, die durch alles wirkt: 

„Ich liebe nicht. Ich werde geliebt. Und in diesem Geliebtwerden vergeht mein Ich.“ Im Überwinden der eigenen Täterschaft in der Liebe öffnet sich ein weiter Raum, in den die unermessliche Liebe einströmt. Die Erkenntnis, dass das eigene Lieben kein Verdienst und keine Leistung darstellt, sondern ein Geschenk darstellt, übersteigt die Beschränkungen des Ichs und seine kleinen Vorstellungen der Liebe. In der Erfahrung der großen Liebe hat das Ich seine Daseinsberechtigung aufgegeben.

„Als die Liebe kam, fiel mir der Verstand aus der Hand. Ich tanzte, und der Tanz wusste mehr als ich.“ Die Liebe kommt und entfaltet ihre Macht, weil sie dem Erfahrenden alles gibt, was er braucht. Der planende und absichtsvolle Verstand fällt einfach weg. Die gewaltige Welle der Liebe reißt alles mit und bringt alles in Bewegung, kein Stein bleibt auf dem anderen. Der Tanz ist größer als der Tänzer. Er reißt den tanzenden Menschen mit und führt ihn heraus aus dem Ego, wenn er sich der Bewegung voll hingibt. Die Liebe ist größer als die Liebenden. Sie trägt alles, was Menschen tun und lassen. Sie wartet darauf, entdeckt zu werden ohne sich aufzudrängen. Die Künstler, die Poeten und Musiker sind es, die ihren Ruf kennen und ihm in ihrem Schaffen folgen. Die Menschen werden selbst zu Künstlern, wenn sie von der Kraft der großen Liebe mitgetragen werden. Denn die Liebe bietet den Anreiz für jede Form von Kreativität. 

Der Atem und die Ekstase 

Für Rumi war die Begegnung mit der Liebe ekstatisch und leidenschaftlich. Sie wird in allen Schattierungen der Gefühle, in ihrer Vielfalt und Buntheit erlebt. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich von der Gelassenheit Eckharts. Wo bei Eckhart die Leere von Liebe durchflutet wird, zeigt sich bei Rumi die Fülle als göttliche Offenbarung. Wo Eckhart in die Stille eintaucht, tanzt Rumi mit aller Hingebung zu ekstatischer Musik. Der Unterschied liegt nicht in der Erkenntnis oder deren Tiefe, sondern in der Persönlichkeit und in der Tradition, den Filtern jeder spirituellen Erfahrung und ihrer Ausdrucksweise. Die Tradition des mittelöstlichen Sufismus ist feuriger und sinnlicher als die christliche Mystik des Mittelalters. Sie nimmt den Körper auf den spirituellen Weg als Kanal mit und vertraut ihn seiner Weisheit an. Tanzend und feiernd schwingen die menschlichen Körper im Rhythmus des Universums, während der Geist in Verzückung gerät: „Drehung, Atem, Hände und Füße sind eins, bis du dich selbst loslässt.“ (Dīwān-e Shams)

Die Geburt Gottes im Menschen geschieht im Überschreiten der Körpergrenzen vor allem durch rhythmisiertes, intensives Atmen und ungehemmte Bewegungen. „Mit jedem Atemzug komme ich zu deiner Seele, wie der Atem selbst in deinem Innern strömt.“ (Mathnawī, Buch I)

Das Absolute manifestiert sich in körperlicher Form, als Verkörperung des Geistes und zugleich als Vergeistigung des Körpers. Typisch für Rumi ist also die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist. Wenn sich das verkrampfte Ich auflöst, wird der Körper spielerisch, fließend und frei: „Der Körper ist wie ein Instrument, und du bist der Klang; ohne dich ist dieses Instrument nichts wert.“

„Tanze dort, wo du dich selbst zerbrichst, wo du die Watte aus deinen Ohren ziehst.“ Das zerbrochene Ich, in dem alle fixen Gewohnheiten und Neurosen zerschmettert sind, beginnt sich frei zu bewegen in einem Tanz, in dem der Tanz und nicht mehr das Ich die Bewegung führt. Dieser Zusammenbruch geschieht, wenn die Wirklichkeit unmittelbar in ihrer Pracht wahrgenommen und erlebt werden kann. Dann ist alles entfernt, was die Wahrnehmung mit den eigenen Erwartungen und Absichten vorinterpretiert und filtert. Indem sich die körperlichen Blockaden lösen, wird der Geist frei. 

Wilhelm Reich und die Körpertherapie

Einen ähnlichen Ansatz hat übrigens Wilhelm Reich (1897 – 1957) verfolgt und in die moderne Psychotherapie eingeführt: Der Körper ist der Speicher der Traumatisierungen, die sich in Verspannungen (Panzerungen) niederschlagen. Mit körpertherapeutischen Methoden können diese Blockierungen gelockert und aufgelöst werden, sodass dann die Lebensenergie, das Orgon, wieder frei fließen kann. Auch bei ihm spielt der Atem eine führende Rolle und dient zugleich als Symbol für die Befreiung: „Die Lösung emotionaler Blockaden erfolgt häufig über die Befreiung der Atmung. Wo der Atem fließt, fließt die Lebensenergie.“ (aus: Charakteranalyse, 1933) „Der Atem ist die Grundlage allen Lebens; er drückt den seelischen Zustand aus und kann ihn verändern.“ (aus: Die Funktion des Orgasmus). Bei Reich steht allerdings nicht die spirituelle Suche, sondern die Psychotherapie im Zentrum des Interesses.

Stirb bevor du stirbst

In Rumis Werk findet sich die Formel des Todes vor dem Tod (موت قبل الموت): „Stirb, bevor du stirbst, damit du vor dem Tod sicher wirst, o Wachender.“ Wenn das Ich gestorben ist, gibt es nichts mehr, was Angst machen könnte, nicht einmal der physische Tod. Jede „gestorbene“ Fixierung ist ein kleiner Tod, der einen Schritt zur Befreiung beiträgt und in das endgültige Sterben des Ichs einübt. Jeder kleine Tod konfrontiert mit Angst und ist mit ihrer Überwindung verbunden, die eine besondere Kraft freisetzt. Dadurch wächst die innere Sicherheit. Der Gedanke an die eigene Endlichkeit verliert jeden Schrecken. Gelassen leben wir unserem Ende entgegen.

Alle Zitate stammen von Rumi. 

Zum Weiterlesen: 

Montag, 15. Dezember 2025

The Avalanche (die Lawine) - ein Text von Leonard Cohen

Auf dem Album: “Songs of Love and Hate” hat Leonard Cohen 1971 das Lied “The Avalanche” gesungen, hier der Text:

I stepped into an avalanche
It covered up my soul
When I am not this hunchback that you see
I sleep beneath the golden hill
You who wish to conquer pain
You must learn, learn to serve me well
You strike my side by accident
As you go down for your gold
The cripple here that you clothe and feed
Is neither starved nor cold
He does not ask for your company
Not at the center, the center of the world
When I am on a pedestal
You did not raise me there
Your laws do not compel me
To kneel grotesque and bare
I myself am the pedestal
For this ugly hump at which you stare
You who wish to conquer pain
You must learn what makes me kind
The crumbs of love that you offer me
They're the crumbs I've left behind
Your pain is no credential here
It's just the shadow, shadow of my wound
I have begun to long for you
I who have no greed
I have begun to ask for you
I who have no need
You say you've gone away from me
But I can feel you when you breathe
Do not dress in those rags for me
I know you are not poor
And don't love me quite so fiercely now
When you know that you are not sure
It is your turn, beloved
It is your flesh that I wear

In deutscher Übersetzung:

Ich bin in eine Lawine geraten. 
Sie hat meine Seele bedeckt.
Wenn ich nicht dieser Bucklige bin, den du siehst, schlafe ich unter dem goldenen Hügel.
Du, die du den Schmerz besiegen willst, musst lernen, lernen, mir gut zu dienen.
Du triffst mich versehentlich an der Seite, während du nach deinem Gold suchst.
Der Krüppel hier, den du kleidest und fütterst, ist weder hungrig noch friert er;
Er bittet nicht um deine Gesellschaft.
Nicht im Zentrum, dem Zentrum der Welt, wenn ich auf einem Sockel stehe. 
Du hast mich nicht dorthin erhoben, deine Gesetze zwingen mich nicht, grotesk und nackt zu knien. Ich selbst bin das Podest.
Für diesen hässlichen Buckel, den du anstarrst, du, die du den Schmerz besiegen willst, musst du lernen, was mich gütig macht;
Die Krümel der Liebe, die du mir anbietest, sind die Krümel, die ich zurückgelassen habe.
Dein Schmerz kann hier nicht als Legitimation dienen. Er ist nur der Schatten, der Schatten meiner Wunde.
Ich habe begonnen, mich nach dir zu sehnen, ich, der ich keine Gier habe.
Ich habe begonnen, nach dir zu frage, ich, der ich kein Bedürfnis habe.
Du sagst, du hast dich von mir entfernt, aber ich kann dich spüren, wenn du atmest.
Zieh diese Lumpen nicht für mich an, ich weiß, dass du nicht arm bist.
Du liebst mich jetzt nicht mehr ganz so leidenschaftlich. Wenn du weißt, dass du dir nicht sicher bist, dass du an der Reihe bist, Geliebte, dann ist es dein Fleisch, das ich trage.

Hier einige Gedanken zu dem Text: 

Eine Lawine stellt einen überwältigenden Beweis für die Macht der Natur über den Menschen dar. Wenn sie auf uns zukommt, kann sie uns jeden Moment vernichten. Wir sind dieser Macht ausgesetzt, die sich völlig unserer Kontrolle entzieht und uns gnadenlos überrollt, wenn wir an der falschen Stelle sind. 

Ebenso sind wir der Macht unseres Unterbewusstseins ausgesetzt, das wie eine Lawine unsere Seele überfluten und völlig unterwerfen kann. Wenn eine derartige Katastrophe über uns hereinbricht, geschehen oft zwei Dinge: Es entsteht eine unmittelbare und massive Angst vor dem Tod und danach ein Gefühl der Geborgenheit – so zeigen sich die beiden Seiten des Todes, der in solchen Erfahrungen anklopft: Zerstörung und Trost. 

Auf einer spirituellen Ebene können wir die majestätische Welle einer Lawine mit der Metapher eines Abgrunds in Verbindung bringen, an dem die Seele mit der Forderung konfrontiert wird, das Ego vollständig loszulassen. Das Stehen an einer Grenze, an der die Entscheidung verlangt wird, ins Unbekannte zu springen oder sich fallenzulassen, ist verbunden mit immenser Angst – das Risiko, das Ego zu verlieren, das den Schutz des Überlebens darstellt, und nicht zu wissen, ob man ohne es überleben wird oder nicht. Es ist der Punkt auf der spirituellen Suche, an dem der Suchende mit der Kraft der absoluten Wahrheit konfrontiert wird. Dann hat er nur die Wahl, zurückzuweichen oder sich hinzugeben und sich von der Lawine überrollen zu lassen.

Der Bucklige symbolisiert die Lasten des Schmerzes und Leidens, die wir im Laufe unseres Lebens, insbesondere während der Kindheit, ansammeln. Oft präsentieren wir uns mit dieser Last, um einen Vorteil in Form von Mitleid von anderen zu erhalten. So begeben wir uns in eine Position der Schwäche und nehmen die Opferrolle ein. Wenn es uns gelingt, die Last zu überwinden und Zugang zu unserer erwachsenen Kraft zu finden, nehmen wir eine aufrechte Haltung ein, die Haltung der Würde. Mit diesem Schritt gelangen wir an die Pforten des Paradieses, denn wir erkennen, dass wir alles haben, was wir für unser Leben brauchen. So baden wir im Licht des goldenen Hügels. Dort können wir in völliger Unschuld einen erquickenden Schlaf finden.

Es ist unser Ego, das unseren Schmerz gewaltsam überwinden will. Es will ihn mit allen möglichen Anstrengungen auslöschen, aber das funktioniert nicht; stattdessen verstärkt jeder Einsatz von Gewalt das Leiden. Das Ego muss lernen, zu dienen und nicht zu dominieren, denn es ist ein schlechter Herr, aber ein guter Diener. Wenn das Ego beginnt, auf das Selbst zu hören, kann es seinen Weg zu einer dienenden Position finden.

Solange das Ego seinen illusorischen Schätzen, seinem falschen Gold, nachjagt, verletzt es die Seele, denn die Seele leidet unter der Verherrlichung vergeblicher Bemühungen, die nur auf Selbsttäuschung beruhen. Wenn wir uns erlauben, die Auswirkungen der Schläge des Egos zu spüren und den Schmerz, den sie verursachen, bewusst zu erleben, können wir beginnen, die Mechanismen der Selbstverletzung und Selbsthemmung zu verstehen, die wir uns unser ganzes Leben lang zugefügt haben. Dann wachsen wir über unser verkrüppeltes Selbst hinaus zu unserer erwachsenen Kraft und Selbstbestimmung.

Der Krüppel, den das Ego nährt, ist die Karikatur des reifen Selbst. Das Selbst wird vom Ego kleingehalten, ausgehungert und der Kälte ausgesetzt. Das Ego will in seiner Anmaßung das Selbst darauf hinweisen, dass es nur von ihm heil werden kann. Aber die Seele ist weder benachteiligt noch arm, daher braucht sie für ihr Wachstum weder die Gesellschaft noch die Unterstützung des Egos.

Es gibt ein Zentrum der Welt, in dem wir den Sockel, den höchsten Punkt, einnehmen. Dieses Podest ist die Metapher für den Gipfelpunkt der Individuation, für die vollständige Verwirklichung unseres Selbst. Es ist nicht das Ego, das diesen Prozess vorangetrieben oder kontrolliert hat, sondern die innewohnende schöpferische Kraft des Selbst, die nach Reife strebt. Ein solcher Prozess kann nur gegen die Wahnvorstellungen und Widerstände des Egos erfolgreich sein. Wenn wir jedoch auf groteske Weise niederknien, indem wir die Idole der Täuschung verehren, rennen wir Fantasien und Illusionen nach und verlieren die Verbindung zu uns selbst als Zentrum unserer inneren Welt. Stattdessen werden wir zu einem Podest für andere und deren Machtmissbrauch. Wir machen uns also zu willenlosen Mitteln für die Zwecke anderer.

Das Ego mit seiner oft überbordenden Selbst- und der Fremdkritik konzentriert sich auf die Fehler der Person, auf ihre Unvollkommenheiten (den hässlichen Buckel), und zeichnet sich durch das Grübeln mit herabwürdigenden Gedanken aus. Um den Schmerz zu überwinden, ist eine freundliche und zugewandte Art gefragt, eine selbstmitfühlende Haltung gegenüber allen Unzulänglichkeiten der eigenen Persönlichkeit. Das Ego schafft es gerade einmal, Krümel der Liebe zu erzeugen, die für den Prozess der Individuation nutzlos sind und hinter sich gelassen werden. Das Leiden, das das Ego präsentiert, leitet sich aus einer erfundenen Geschichte ab, einer selbstvergessenen Erzählung der eigenen Geschichte als Opfer gemeiner äußerer Kräfte, die für alles Leiden verantwortlich gemacht werden.

An dieser Stelle wechselt die Perspektive des Gedichts explizit von der Beziehung zwischen Ego und Selbst zu einer zwischenmenschlichen Beziehung. Zugleich wird hier deutlich, dass die beiden Sichtweisen immer ineinander verschränkt sind. Innere und äußere Beziehungen sind untrennbar verflochten. Denn Inneres wird nach außen projiziert, und Äußeres wird introjiziert. Wir begegnen also unserem Ego in den anderen Menschen, die uns unsere Schattenseiten spiegeln.

Die reine Liebe ist frei von Gier, Erwartungen und Bedürfnissen. Sie streckt sich nach der geliebten Person aus und umfasst sie, selbst wenn sie geht. Die Verbindung bleibt bestehen und hat anhaltende Auswirkungen, wenn die Liebe frei von Bedingungen ist. Das Atmen, der Lebensfluss in der geliebten Person bleibt spürbar und trägt weiter.

Die reine Liebe befasst sich nicht mit den Schattenseiten oder Schwächen des anderen (in die „Lumpen“, in die sie gekleidet ist), sondern verbindet sich mit dem Reichtum und der Schönheit der geliebten Person, selbst wenn sie sich für geringer einschätzt. Die bedingungslose Liebe bleibt unberührt, selbst wenn die Liebe des anderen schwächer und geringer wird. Aber die Beziehung kann nur dann wachsen und gedeihen, wenn beide Seiten den Zugang zur Tiefe der Liebe offenhalten können, in der das Fleisch, die Lebendigkeit des anderen zu einem Gewand für sich selbst wird. Dann kann auch die Liebe Lawinen lostreten, die alles unter sich begraben, was sie beschränkt.


Freitag, 11. April 2025

Weltmacht ohne Mitgefühl

Bei einer geleiteten Meditation in der Natur, an der ich kürzlich teilgenommen habe, wurde ein Text vorgelesen, in dem neben vielen schönen und erhebenden Worten zweimal „Amerika“ erwähnt wurde. Mir wurde in dem Moment bewusst, wie sehr sich das Wort „Amerika“ in wenigen Wochen in meiner Gefühlswahrnehmung von neutral bis leicht positiv in einen extrem schlechten Bereich verschoben hat. Es löst Gefühle von Ekel bis Abscheu, Ärger und Unsicherheit aus.

Mir ist klar, dass Amerika viel, viel mehr als die USA ist und auch, dass das, was gegenwärtig in diesem Land geschieht, von vielen US-Bürgern abgelehnt wird. Aber die Mächtigsten im Land zählen auch zu den Mächtigsten auf dieser Welt, und ihre Einstellungen und die daraus folgenden Handlungen haben zum Teil massive Auswirkungen auf große Teile der Weltbevölkerung. Darum kann es uns nicht egal sein, was in den Machtzentren der USA abläuft und welche Absichten jene haben, die an den Schalthebeln sitzen.

Mein erstes Amerikabild war geprägt von den Erzählungen der Erwachsenen in meiner Kindheit, und das war überwiegend positiv, vor allem im Gegensatz zu den Russen, die als barbarisch und bedrohlich geschildert wurden – eine Mischung aus realen Erfahrungen mit vergewaltigenden russischen Soldaten und solchen, die die Armbanduhren in der Bevölkerung abkassierten und aus der Nazi-Propaganda, die viel Hass und Angst auf die „bolschewistischen Untermenschen“ schürte.

Über das Bild der zuckerlverteilenden amerikanischen Besatzungssoldaten legte sich später das des „hässlichen Amerikaners“, gespeist aus den Bildern und Debatten um den Vietnamkrieg. Der US-General, der damals drohte, ganz Vietnam „zurück in die Steinzeit“ zu bomben, steht als Symbolfigur für ein rücksichtsloses und gewaltbereites Land, dem viele damals wünschten, mit ihrer überheblichen und menschenverachtenden Politik zu scheitern, was auch in Vietnam geschah und als kollektives Trauma bis heute im Selbstbild der US-Amerikaner nachwirkt. Auch weltweit hat dieser Krieg zu einem Prestigeverlust für die Staaten geführt. Das Misstrauen gegen die machtgierigen Amerikaner ist bei vielen Linksgerichteten weit verbreitet und tief verwurzelt. Es spielt beispielsweise bei der Beurteilung der Ursachen des Ukrainekrieges mit. Die Sichtweise, dass in diesem Fall Russland als Angreifer die alleinige Verantwortung und Schuld am Kriegsausbruch trägt, wird von vielen Linken, auf der Grundlage eines notorischen Misstrauens in die Machtambitionen der USA, in Frage gestellt. Es gibt aus diesem Blickwinkel verschiedene Narrative, die in den USA und der von ihr dominierten NATO die Hauptverursacher dieses blutigen Konflikts sehen.

Die Ambivalenz, Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit des Amerikabildes, die sich in meiner Beurteilung im Lauf der wechselhaften Geschichte der letzten Jahrzehnte niedergeschlagen hat, ist nun durch die jüngsten Ereignisse übertönt worden. Es scheint kaum zu glauben, wie schnell die Demokratie in den USA kollabieren kann, wenn ein selbstbesessener Präsident skrupellos sein autoritäres Programm durchzieht. Es ist viel die Rede von einer Schockstarre, in die die nunmehrige Opposition und die Zivilgesellschaft gefallen wären, überrollt vom Dauerfeuer aus dem Weißen Haus. Aber nun mehren sich die Anzeichen von Widerstand – mit wenig Aussicht auf Erfolg.

Für viele Generationen von Menschen auf der Welt galten die USA über lange Zeit als Symbol einer Freiheitsverheißung. Doch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat zur Zeit nur eine etwas weniger brutale Kopie von Hitlerdeutschland zu bieten: Militärische Hochrüstung, Unterdrückung der Meinungsfreiheit, Machtlosigkeit des Parlaments, Gängelung der Justiz, aggressive Außenpolitik, Rassismus und Ausgrenzung von Minderheiten.

Macht ohne Verantwortungsübernahme

Die USA sind aus der Menschheitsgemeinschaft ausgeschert, weil sie laut gegenwärtiger Regierung auf keinen Fall mehr Verantwortung tragen wollen außer für die von der eigenen Ideologie diktierten engstirnigen Maßnahmen, die angeblich Amerika groß machen sollen. Bei der Erdbebenkatastrophe in Myanmar sind die amerikanischen Hilfsteams ausgeblieben, vor Ort waren die Chinesen und Russen, die in dieser Hinsicht die USA an gelebter Empathie weit in den Schatten gestellt haben.

Der US-Regierung ist der Preis egal, der durch ihre Maßnahmen bezahlt werden muss – in der eigenen Bevölkerung, die unter dem Kahlschlag in der Verwaltung und im Gesundheitssystem sowie unter den Folgen der Zollpolitik leiden muss. Noch weniger schert man sich darum, wie es dem Rest der Welt mit den willkürlichen Maßnahmen geht (das bettelarme Bangla-Desh wird mit 74% „Strafzöllen“ belegt, weil es mehr Waren nach den USA liefert als umgekehrt, denn dort können sich nur wenige einen Tesla oder einen Whiskey kaufen. Tausende werden dort um ihre Arbeit und ihre Existenz gebracht). Soviel offensichtliche Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit haben in der Geschichte der Menschheit nur skrupellose Diktatoren gezeigt, die allesamt letztlich katastrophal gescheitert sind, eine Spur der Zerstörung hinterlassend.

Macht ist in der Regel mit Verantwortung verbunden, viel Macht mit viel Verantwortung. Diese einfache Gleichung war den bisherigen Präsidenten der USA zumindest ansatzweise bewusst. Der jetzige Präsident fühlt sich offenbar nicht mehr daran gebunden und kehrt sie um: Je mehr Macht, desto weniger wird die Verantwortung für die Folgen der Machtausübung wahrgenommen, sowohl im eigenen Land als auch auf der ganzen Welt. Die Folgen sind bei weitem nicht abschätzbar, aber nach dem, was sich jetzt schon abzeichnet, sind die Aussichten trübe. Die Ökonomen sagen einhellig, dass es bei dem entfachten Zollkrieg nur Verlierer gibt; diese Erkenntnis gilt vermutlich für all die anderen Politikbereiche ebenso, in denen sich die Zerstörungswut des Präsidenten und seiner Gefolgsleute austobt.

Aus Katastrophen lernen

Die Erfahrung mit Rückschritten und Rückfällen in vormoderne, um nicht zu sagen primitiv barbarische Formen der Politik im Lauf der neueren Geschichte zeigt, dass nach der Überwindung der dadurch ausgelösten Katastrophen neue Anläufe zu mehr Menschlichkeit und zur Übernahme von globaler Verantwortung unternommen wurden. Jede Katastrophe löst unweigerlich Lernprozesse aus; mit mehr Vernunft und Bewusstheit könnte oder sollte es freilich die Menschheit schaffen, auch ohne Katastrophen die notwendigen Lernschritte zu setzen.

Die Beseitigung der Empathie, also der Mitmenschlichkeit im Bewusstsein der gegenseitigen Verantwortung für das Wohlbefinden der jeweils anderen, schlägt irgendwann hart auf dem Boden der Realität auf. An diesem Punkt wird plötzlich in aller Deutlichkeit bewusst, worum es eigentlich geht in den menschlichen Angelegenheiten. Wie ein Verbrecher, der im Gefängnis versteht, dass ihn das Ausleben des Bösen nicht glücklich gemacht hat, erkennen viele Menschen im Scheitern, dass sie sich im verantwortungslosen Verfolgen der Selbstsucht nur tiefer in die Selbstbezogenheit verstricken, die irgendwann unweigerlich in Verzweiflung und Sinnlosigkeit endet. Die Tragik der menschlichen Geschichte liegt darin, dass diese Erkenntnis oft erst zugänglich wird, wenn alles, was das Ziel der egoistischen Bestrebungen war, in Trümmer zerfallen ist. Das Ego will sich erst verabschieden, wenn es alles ruiniert hat, was es sich erträumte. Wo die Identifikation mit dem Ego so mächtig ist, gelingt ein Ausbruch aus seinen Fängen nur im Scheitern, im Zusammenbruch; tragisch wird es dann, wenn viele andere in diesen Strudel hineingezogen werden, wie z.B. im Ende des Großdeutschen Reiches in den Ruinen und Schuttbergen der deutschen Städte.

Mit unserer genetischen Grundausstattung kommen wir nicht über unser Ego hinaus, das sich höchstens auf ein Gruppenego ausweitet: Das Bindungshormon Oxytocin wirkt nur im vertrauten Umkreis und schürt Misstrauen gegen alles Fremde. Studien haben herausgefunden, dass die Empathie mit Machtgewinn schwächer wird. Je mehr Geld, desto mehr Macht, desto weniger Empathie – so will uns offenbar die Natur. Sie hat allerdings nicht mit den riesigen Anhäufungen von Geld und Macht gerechnet, die in der modernen Zeit durch den Kapitalismus möglich wurden. Die Natur hat uns allerdings auch eine enorme Lernfähigkeit mitgegeben, die wir nutzen können, um unsere Vernunft auszubilden. Sie ist in der Lage, das Ego und seine selbstdestruktiven Impulse zu durchschauen und zu überwinden.

Erst wo die Vernunft das Ego einzuschränken vermag, wird ein Handeln möglich, das von Verantwortung getragen ist. Die Vernunft vermag über den Tellerrand der eigenen individuellen und kollektiven Bedürfnisse schauen und ist offen für ein universelles Mitgefühl, also für ein Verständnis des Leides der gesamten Menschheit.

Zur Universalität des Mitgefühls:
Natan Sznaider: Politik des Mitgefühls. Die Vermarktung der Gefühle in der Demokratie. 
Weinheim: Beltz Juventa, 2021

Zum Weiterlesen:
Musk: "Empathie - eine Schwäche der westlichen Zivilisation"
Der heroisierte Verzicht auf Empathie
Der Propagandatrick der Umkehrung
Taktiken zur Machtergreifung
Muster der rechtsorientierten Propaganda

Sonntag, 3. Dezember 2023

Das Ego in der Meditation

Das Ego mischt sich in alle Themen und Aktivitäten unseres Lebens ein, so natürlich auch ins Meditieren. Es äußert sich schon von Beginn an: Was soll das bringen? Wie mühsam ist es doch, nur dazusitzen und nichts zu tun, so viele Ideen hätte ich, aber jetzt soll ich nur still sitzen bleiben ...  

Aber auch, wenn die ersten Hürden überwunden sind und der Entschluss zum Meditieren zu einer Routine geführt hat, melden sich Widerstände, die unser Ego produziert: Ich komme nicht weiter, es ist nur langweilig, ich bin ja sowieso immer nur in Gedanken etc. Manche resignieren wegen dieser hartnäckigen Widerstände und hören irgendwann mit dem Meditieren auf. Oder sie schaffen es nur, dranzubleiben, wenn sie in einer Gruppe sind. Das Aussteigen aus der Meditationspraxis tut dem Ego einen Gefallen, das sich zufrieden zurücklehnen kann und nicht mehr fürchten muss, die Macht im Inneren zu verlieren. So kann alles beim Alten bleiben, die Muster ändern sich nicht und die Gewohnheiten bestimmen weiterhin das Leben mit seinen vielfältigen Ablenkungen. 

Das Ego und der spirituelle Fortschritt

Das Ego meldet sich aber auch dann, wenn eine Meditation eine herausragend positive Erfahrung war. Hurtig brüstet es sich mit dem Fortschritt einer „gelungenen” Meditation, wenn sie z.B. zu tiefer Entspannung geführt, spezielle innere Räume geöffnet und egofreie Zustände ermöglicht hat. Kaum öffnen wir die Augen, drängt sich das Ego in den Vordergrund und reklamiert den „Erfolg“ für sich: Wie weit bin ich doch schon auf meinem inneren Weg fortgeschritten, das Ziel kann nicht mehr weit sein. Vielleicht präsentiert das Ego auch Vergleiche wie: Früher habe ich noch mit so vielen Widerständen kämpfen müssen, gestern konnte ich mich gar nicht konzentrieren, aber heute habe ich einen tollen Schritt vorwärts geschafft. 

Selbstzufrieden schauen wir auf die Errungenschaft zurück, stolz erzählen wir Freunden davon, um ihre Bewunderung zu ernten. Heimlich reibt sich das Ego seine Hände und freut sich, dass ihm die Meditation nichts anhaben konnte. Denn es sonnt sich in dem Stolz. Plötzlich steht es voll hinter der Meditation, die es als seine Leistung präsentieren kann. Dieses Momentum, wo der Drang nach innerem Vertiefen und das stolzgeprägte Ego zusammenwirken, kann die Meditiererin für sich nutzen und die Konsequenz im Weitermachen stärken. 

Dem Ego geht es zwar nicht um die innere Entwicklung, die tendenziell von seiner Macht wegführt, sondern darum, im sozialen Feld für einen stabilen Stand zu sorgen, an dem die Anerkennung sichergestellt ist. Da es aber erkennt, dass es in seiner Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen, durch die Meditation unterstützt wird, verringert es seinen Widerstand dagegen.  

Im Überschwang der „ Fürsorglichkeit” hebt es uns gerne auf ein Podest: Ach, die anderen unbewussten Menschen, die auf den Straßen im Halbschlaf herumlaufen, während ich Bewusstseinsräume kenne und in Sphären unterwegs bin, die sie nicht einmal in den kühnsten Träumen kennenlernen konnten. Sie sind voll in ihren dunklen Prägungen verhaftet und kennen die Freiheit und Glückseligkeit nicht, all die erlesenen Qualitäten, von denen ich schon gekostet habe. 

Wenn allerdings die Meditation nicht „gelungen“ erscheint, wenn zu viele Gedanken oder unangenehme Gefühle den Ablauf bestimmt haben, ist das Ego erst recht in seinem Element. Es sorgt sofort für Kritik und Selbstvorwürfe.  Es vergleicht mit früheren besseren Erfahrungen oder mit anderen Zeitgenossen, die auf diesem Weg viel schneller viel weiter gekommen sind. Statt den Stolz zu füttern, führt es hier zur Scham. 

Stolz und Scham, die Polarität des Egos

Das Ego sucht also in jeder Erfahrung, also auch in jeder meditativen Erfahrung, Anlässe für Stolz, wenn es die Erfahrung positiv bewertet, oder für Scham, wenn es sie negativ eingestuft. Das Ego richtet beständig jede Erfahrung nach seinen gewohnten Maßstäben. Damit verführt es in seine Gefilde, weg von der lebendigen Erfahrung, die in ein lebloses Objekt der Bewertung und Einordnung verwandelt wird. Es überlagert die aktuelle Wirklichkeitswahrnehmung mit seinen konstruierten und rekonstruierten Inhalten aus der Vergangenheit.  

Das Lebenselixier des Egos ist die Angst. Es ist aus Ängsten entstanden und hütet sie im Wunsch, vor ihnen zu bewahren. Es versucht, alle Erfahrungen, die wir machen, mit Angst zu verbinden und aufzuladen. Selbst wenn es sagt: Du brauchst keine Angst zu haben, weil du z.B. so gut meditierst, zeigt es sich als Agent der Ängste: Ich sage dir, wann du Angst haben sollst und wann nicht. Ich mache dich stolz und selbstsicher, aber ich kann dir deine Sicherheit jederzeit wegnehmen. Du verdankst deine Angstfreiheit meiner Umsicht und Wachsamkeit. 

Im Sinn des angstgetriebenen Vermeidens von Ängsten verkauft das Ego jeden Erfolg als eigene Leistung und jeden Misserfolg als persönliches Versagen. Erfolg heißt, dass eine Schonfrist vor der nächsten Angst gewonnen wurde. Misserfolg heißt, dass die Angst vorherrscht. Das demütige Annehmen dessen, was das Leben schenkt, ob es nun angenehm ist oder nicht, ist sein größter Feind oder das, was es am wenigsten verstehen kann. 

Das Erlernen der Distanz von Ego und Wirklichkeit

Meditieren bedeutet, dem Ego und seinen Spielchen zu begegnen und mehr und mehr Erfahrungen darüber zu sammeln, was es alles anstellt. Manchmal wird es ganz ruhig und zieht sich zurück, manchmal taucht es unvermutet hinter jedem Winkel auf: Eine Klientin meinte: „Ich habe mein Ego schon so satt!“ Und gleich drauf: „Sagt mein Ego.“  

Bei jeder Diskrepanz zwischen dem Selbst und der Realität ist das Ego aktiv. Es kritisiert und bejammert das, was gerade ist und sich nicht den eigenen Vorstellungen fügt. Beim Meditieren versuchen wir, anzunehmen, was gerade ist, ohne etwas daran zu bekritteln. Das Ego sperrt sich gegen diese Versuche und will immer wieder seine Agenda durchbringen: Die Realität soll sich gefälligst danach richten, was wir für richtig halten. 

Mit einiger Meditationspraxis und mit fortgeschrittener Fähigkeit im Durchschauen des Egos wird klar, dass es keine guten oder schlechten Meditationen, keine gelungenen oder misslungenen gibt, sondern nur verschiedenartige Erfahrungen. Jede Meditation, auf die wir uns einlassen, ist anders. Manchmal fällt es uns leichter, uns auf den Moment zu konzentrieren, manchmal geht es schwerer. Beide Erfahrungen sind gleich wertvoll. Es geht ja in der Meditation nicht darum, bestimmte Bewusstseinszustände zu erreichen, sondern eine Zeit darauf zu verwenden, die Aufmerksamkeit nur nach innen zu richten und dort alle, was auftaucht, anzunehmen. Es ist also eine Übung im Akzeptieren dessen, was ist.  Sind viele Gedanken da, so ist es das, was zu akzeptieren ist. Sind viele Gefühle da, so werden diese angenommen. Gelingt es leichter, das, was auftaucht, anzunehmen, ist das zu akzeptieren, ebenso, wenn das schwerer fällt. Was immer ist, sollte angenommen werden. Das ist der Königsweg zur Entmachtung des Egos.  

Denn das Ego will nichts in seinem Sosein annehmen, sondern an allem, was auftaucht, seinen Stempel aufdrücken, der es in etwas anderes verändert. Es ist konsequent im Kritisieren dessen, was ist, und reißt deshalb permanent aus dem Fließen von Erfahrung zu Erfahrung: Es kommt eine Erfahrung und dann eine Unterbrechung, ein Riss, in dem sich das Ego breit macht. 

Die Haltung beim Meditieren ist die gelassene Beobachtung, das Seinlassen dessen, was ist. Es kann der Atem beobachtet werden, aber auch Körperempfindungen, Energiephänomene oder die Atmosphäre in der Umgebung. Dabei ist immer auch und vor allem das eigene Ego Gegenstand des Beobachtens, des Wahrnehmens und Erkennens. Denn es bewirkt, ob die Aufmerksamkeit auf dem aktuellen Moment sein kann, auf der Erfahrung, die ins Bewusstsein tritt, oder auf Phänomenen, die vom Ego präsentiert werden, wie Gedanken und Bilder. Je mehr es gelingt, das Treiben des Egos zu identifizieren und dann die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zurücklenken, desto mehr bleiben wir mit der aktuellen Wirklichkeit verbunden und nicht mit jener synthetischen, die das Ego aufdrängt. Denn was aus dem Ego kommt, ist immer ein Stück Wirklichkeit fast ununterscheidbar mit einem Stück Fantasie kombiniert. 

Meditation ist demnach die Übung, der Wirklichkeit, die im momentanen Erleben zu finden ist, immer näher zu kommen, und dazu ist das Erlernen der Unterscheidung des Erlebens und der Ego-Produktionen notwendig.  Fast immer dominiert das Ego die Erfahrung, vor allem in unserem Alltag; manchmal besteht eine Distanz zwischen ihm und der Instanz, die es beobachtet, und in der Meditation bemühen wir uns methodisch, diese Distanz zu stärken. 

Zum Weiterlesen:
Störungen in der Meditation
Selbst- und Außenbeziehung in Therapie und Meditation
Meditation und Langeweile

Donnerstag, 10. August 2023

Über die Heilkraft der universellen Liebe

Die Liebe ist ein zentrales Wort im menschlichen Sprachschatz, weil es etwas ganz Wesentliches bezeichnet. Wir sind eine zutiefst sozial ausgerichtete Spezies, für die das Zusammensein und der Austausch mit unseren Artgenossen (neben der Sicherung des individuellen Wohlseins) überlebensnotwendig ist. Wenn die Liebe zwischen den Menschen herrscht, ist das soziale Leben gesichert, fehlt sie, steht es in Gefahr. Ist der Zusammenhalt mit den Mitmenschen bedroht, so ist auch das individuelle Überleben bedroht. Das Ausmaß an sozialer Sicherheit kann daran abgelesen werden, wie viel Liebe herrscht.

Gemeinhin wenden wir das Wort Liebe auf Beziehungen an, vorrangig auf solche, die mit Romantik und Sexualität zu tun haben. Darüber hinaus gibt es die Mutter- und Vaterliebe, also die Liebe zwischen Eltern und Kindern, die zwischen Geschwistern usw., die Liebe in den familialen Zusammenhängen. Dünner wird die Liebe, die über den engen Familienkreis hinausgeht und sich z.B. auf Freunde, Bekannte und  Nachbarn erstreckt. Erst recht abstrakt wird die Liebe, wenn sie auf Großgebilde bezogen ist wie z.B. die Vaterlandsliebe. Schließlich vertreten einige Religionen einen noch weiteren Begriff, indem sie von der Feindes- und Nächstenliebe oder vom liebevollen Mitgefühl mit allen Lebewesen sprechen.

All diese Felder der Liebe sind durch Zerbrechlichkeit und Störungsanfälligkeit gekennzeichnet. Die Liebe kommt, die Liebe geht, so heißt es im Schlager. Kleine Verschiebungen in den Stimmungen, missverständliche Worte, missglückte Gespräche – und schon ist die Liebe weg, und die Betroffenen ziehen sich zurück auf ihre individuelle Überlebenssicherung, um zu retten, was noch zu retten ist. Schnell verdrängt die Angst die Liebe, und nur langsam baut sich die Liebe wieder auf, sobald die Angst bereit ist, sich zurückzuziehen. Es ist eine zerbrechliche Liebe, die sofort in andere Gefühle umschlägt, wenn etwas geschieht, das in ihrem Rahmen nicht Platz findet.

Diese Liebe ist eng mit Erwartungen verknüpft und mit Bildern und Fantasien aufgeladen. Sie hat gewissermaßen verzerrende Brillen auf, die manches überscharf zeichnen und anderes ausblenden. Diese Filter in der Liebeswahrnehmung bewirken, dass wir die Liebe oft nur in einer bestimmten Gestalt erkennen und sie vermissen, wenn sie auf eine Weise daherkommt, die unseren Erwartungsmustern nicht entspricht. Wir fühlen uns nur geliebt, wenn uns die Liebe so entgegengebracht wird, wie wir es aufgrund von früheren Erfahrungen, medial genormten Symbolen und romantischen Schwärmereien erwarten. 

Die Liebe im Dunstkreis des Egos

Das Hauptkriterium für ein gelungenes Leben wird durch ein zureichendes Maß an Geliebtwerden festgelegt, also an der Menge an Liebe, die wir bekommen. Ist dieses Maß erfüllt, so werden alle anderen Bedürfnisse nebensächlich. Die Liebe zeigt sich als die universelle Form der Bedürfnisbefriedigung: Wenn wir sie ausreichend bekommen, ist alles gut; wenn sie uns fehlt, macht das Leben plötzlich keinen Sinn mehr und wir können ins Bodenlose abstürzen. Wir merken dann, dass wir das eigene Schicksal mit dem Geliebtwerden verknüpft haben.

Wir alle kennen diese Form der Liebe, die nach den Vorstellungen unseres Egos geschneidert ist. Emotional ist sie hoch aufgeladen, weil sie aus unseren Überlebensmustern geformt ist. Denn unerfüllte Bedürfnisse aus der Kindheit spielen In ihr die Hauptrolle. Sie ist in ihren Wirkmöglichkeiten durch Konzepte und Überlieferungen über das eingeschränkt, was Liebe sein könnte oder sollte. Aufgrund der Enge und Instabilität der Vorstellungen von der „wahren“ Liebe kommt es auf dieser Ebene immer wieder zu Unterbrechungen und Abstürzen, zu Verletzungen, Traumatisierungen und Dramen. All diese schmerzhaften Phänomene sind Beispiele für den Verlust der Verbindung mit der unbedingten oder großen Form der Liebe.

Die Liebe beginnt mit dem Geben.

Den engen Rahmen dieser bedingten Liebe überschreiten wir, wenn wir erkennen, dass Liebe zuerst nicht etwas ist, das wir entweder bekommen oder das uns vorenthalten wird, sondern etwas, das wir in uns haben, um es weiterzugeben. Die Liebe entsteht nicht im Empfangen, sondern im Geben. Der Glaube, dass wir zuerst einmal Liebe bekommen müssen, bevor wir sie geben können, ist die Folge von Kindheitserfahrungen mit einer Liebe, die nur unter Bedingungen gegeben wurde: Wenn du dich brav verhältst, wirst du geliebt, sonst nicht. Du bekommst also die Liebe, wenn du unsere Erwartungen erfüllst, so lautet die explizite oder implizite Botschaft mancher Eltern. Dass Kinder von sich aus, sobald sie am Leben sind, Liebe geben, wissen sie nicht, wenn sie dafür keine Rückmeldungen bekommen. Indem die Eltern ihre Liebe an Erwartungen und Bedingungen binden, lernt das Kind, dass es keine unbedingte Liebe gibt und dass das, was es selbst gibt und geben kann, unbedeutend und wertlos ist. Es hat also nichts zu geben, und bekommen kann es nur dann, wenn es sich durch ein bestimmtes Verhalten, durch eine Form der Gefühlsregulation und Frustrationstoleranz dieser Liebe als würdig erweisen. Die Eltern signalisieren auf diese Weise, dass die Liebe ein knappes Gut ist, das nur unter Umständen gegeben wird, nämlich dann, wenn es sich das Kind durch Anstrengung und Anpassung verdient. Unschwer ist zu erkennen, dass sich auf diese Weise die Grundlagen des Kapitalismus in die Liebesdinge eingemischt haben. Bis zur käuflichen Liebe ist es dann nicht mehr weit.

Die universelle Liebe

Die herkömmlichen Begriffe von Liebe sind also geprägt von der persönlichen Lebensgeschichte sowie von den ökonomischen und kulturellen Lebensbedingungen. Sie tragen unsere Hoffnungen und Ängste in sich, sind durchzogen von Illusionen und Traumelementen und ziehen einen Rattenschwanz an Enttäuschungen und Verletzungen nach sich. Das kann doch nicht alles sein, was die Liebe zu bieten hat!

Wir haben die Fähigkeit, aus diesen vorgeprägten, von Ängsten und Verletzungen eingeschränkten Konzepten der Liebe herauszutreten und den Schritt in einen größeren Rahmen zu wagen. Dabei stellen wir all die Vorstellungen von Liebe, die wir schon kennen, bewusst beiseite und öffnen uns für die Weite des Lebens und des Universums, die über das Menschliche und Allzu-Menschliche hinausgeht. Mit diesem Schritt in die Transzendenz gelangen wir zu einem Verständnis von Liebe als Kraft, die alles zusammenhält und verbindet. Davon ist das, was wir als menschliche Liebe kennen und verstehen, nur ein winziger Ausschnitt, und die Probleme, die uns da begegnen, schrumpfen aus dieser Sicht wie von selbst. Denn diese Perspektive erkennt alles, was geschieht, als eine Ausdrucksform der Liebe. In irgendeiner, oft geheimnisvollen Weise wirkt eine Macht, die allem Existierenden Zusammenhang, Sinn und Bedeutung gibt. Wir verstehen dieses Wirken mit unserem kleinen Geist oft nicht, denn dieser kennt nur seine engen Bahnen, auf denen er sich gern im Kreis dreht. Auch wenn wir den großen Geist nur ansatzweise fassen können, ist es uns möglich, den verheißungsvollen Geschmack, die freie Schwingung der von ihm getragenen Liebe zu erahnen und uns ihr anzuvertrauen.

Die heilende Kraft der großen Liebe

Die universelle Liebe, die wir in diesem geheimnisvollen Rahmen kennenlernen, wirkt nicht nur verbindend und Zusammengehörigkeit geben. Sie enthält auch eine Kraft der Verwandlung und der Heilung. Entwicklung heißt die Veränderung des Bestehenden, und die Kraft der Liebe steht hinter jeder Entwicklung, mit der das Leben weiterwächst, und befördert und bereichert sie.  Diese Liebe bejaht alles, was das Leben hervorbringt. In dieser bedingungslosen Affirmation steckt ihr immenses Heilpotenzial.

Wir erkennen das unmittelbar Hilfreiche dieser Form der Liebe, wenn es darum geht, mit Verletzungen und Verstörungen, die durch Liebesmangel, Liebesentzug oder Liebesverlust entstanden sind, ins Reine zu kommen. Viele Menschen hatten ganz widrige Umstände zu bewältigen, in denen das Vertrauen in die Liebe geschwächt wurde. Wer als Kind von den Eltern nicht gewollt war, spürt das fehlende Willkommen und die Ablehnung der eigenen Existenz als schwere Last und tiefes Leid. Wird aber verstanden, dass es auf einer anderen Ebene das Leben war, das das eigene Dasein gewollt und willkommen geheißen hat, dann wird spürbar, dass eine überpersönliche Liebe am Wirken ist, die stärker ist als das, was die Menschen wollen oder ablehnen. Es fällt leichter, das eigene Leben besser annehmen zu können, wenn bewusst wird, dass es ein unbedingtes Ja gibt, das aus der Urquelle des Lebens stammt und viel viel mächtiger ist als ein Nein der überforderten, ängstlichen und unreifen Eltern. Dieses Ja soll in allen Ecken und Winkeln der Seele vernommen und in jeder Zelle verspürt werden, bis es sich tief verankert hat. Dann fällt es leichter, den Eltern ihre Schwächen und ihr Versagen zu verzeihen und mit ihnen in Frieden zu kommen.

Die unbedingte und weite Liebe nährt alle Formen der kleinen und bedingten Liebe. Sie möchte sich immer zu Gehör bringen, wenn sich die kleine Liebe in den Ränken des Egos und den Schattenseiten der Persönlichkeit verloren hat. Denn allzu schnell versiegt und versickert sie, wenn sie nur auf sich selber gestellt ist. Aber die Rückverbindung an die Urquelle der Liebe in der universellen Lebenskraft lässt sie immer wieder aufblühen und Frucht bringen. Es ist die Erinnerung daran, wer wir in Wirklichkeit sind: Geschöpfe der universellen Liebe, begabt mit einer Liebeskraft, die aus den tiefsten Wurzeln des Seins fließt.

Zum Weiterlesen:
Die große und die kleine Liebe


 

Freitag, 3. März 2023

Ungeduld beim inneren Wachsen

Für immer mehr Menschen wird das innere Wachsen ein wichtiges Thema. Sie merken, dass sie ihre Potenziale nur mangelhaft ausnutzen können, sich innerlich leer fühlen oder eine Sehnsucht verspüren, über die bisherige Erfahrungsform hinauszustreben. Es geht nicht nur darum, im Äußeren erfolgreich zu sein und dort Abenteuer zu erleben, materiellen Wohlstand anzuhäufen und Unterhaltung zu genießen; es gibt auch die innere Dimension, in der vieles gefunden werden kann, was die Außenwelt nie bieten kann. Und es zeigt sich dann immer mehr, dass die Freilegung der Potenziale des Inneren den Umgang mit den Herausforderungen des Äußeren erleichtert. 

Wenn wir an unserem inneren Wachsen arbeiten, durch Therapie oder Meditation, durch Selbstreflexion und achtsame Bewusstheit, erleben wir oft unerwartete und überraschende Verbesserungen und Fortschritte. Manchmal erscheinen sie wie richtige Durchbrüche auf eine neue Ebene des Bewusstseins. Wir sehen die Welt mit neuen Augen, erfreuen uns an der Schönheit der Natur und erkennen das Strahlen in jedem Menschen. Wir fühlen uns am Gipfel angekommen. 

Rückfälle oder Umwege 

Dann passiert es aber immer wieder auch, dass wir auf alte, schon längst überwundene Muster zurückfallen. Wir versinken in Filmserien, die uns nicht wirklich interessieren, spielen Computerspiele, die uns abstumpfen, finden alle möglichen Ausflüchte, wenn wir etwas für unsere Fitness machen sollten, rasten wegen Kleinigkeiten aus und fühlen uns andauernd angespannt oder verstimmt. Wir sind wieder im alten Fahrwasser, als hätte sich nie etwas geändert. Schon sind die Selbstvorwürfe aktiv, mit denen wir unsere Stimmung noch mehr vermiesen. Wir denken uns, die ganzen Bemühungen haben alle nichts gebracht, all das Geld, das wir für Sitzungen und Selbsterfahrungsgruppen, für Meditationsretreats und Indienreisen ausgegeben haben, war für die Katz‘. All die Zeit, die wir für tägliches Meditieren, Yogamachen, Achtsamkeitsgehen und QiGong-Übungen aufgewendet haben, war vergeudete Liebesmüh‘. Es kommt uns vor, als ob wir im gleichen bekannten Sumpf stecken, in dem wir uns schon vor Jahren missmutig gesuhlt haben.  

In solchen Situationen haben wir vergessen, dass das innere Wachsen kein linearer Prozess ist. Wir haben vergessen, wie trickreich unser Ego ist, weil wir dachten, wir hätten es schon längst durchschaut und überwunden. Aber es wartet immer wieder hinter einer Ecke und ist dann plötzlich wie selbstverständlich wieder da, meistens gerade dann, wenn uns das Leben neue Herausforderungen präsentiert. Dadurch geraten wir in Stress und fallen aus der inneren Balance. Und schon ist das Ego zur Stelle und macht sich wichtig. Schließlich war es jahrzehntelang der Krisenmanager. Es reproduziert alten Stress und verbindet ihn mit der neuen Situation, es mobilisiert alte Bewältigungsmechanismus, die aus unserem Überlebensmodus stammen.  Schnell kommt es wieder in seine ursprüngliche Macht. Es lässt uns ungeduldig werden und aktiviert unsere Selbstzweifel: Was hat das alles gebracht, was wir zu unserer Selbstverbesserung und zur spirituellen Öffnung unternommen haben, wo wir doch schon wieder in einem alten Loch stecken? 

Das Ego weiß um seinen natürlichen Feind, das innere Wachsen. Deshalb macht es alles schlecht, was ihm gefährlich werden könnte.  Es versetzt uns in Unruhe und Unzufriedenheit und will uns weismachen, dass wir, wenn unsere Bemühungen sinnvoll gewesen wären, wir schon längst dauerhaft in Shangri-La wohnhaft sein müssten. Da das noch immer nicht der Fall ist, kann es sich stolz als Retter in der Not auf die Brust klopfen und den weiteren Fortschritt auf zweierlei Weise behindern: Entweder indem es den Narzissmus der spirituellen Sucherin nährt und suggeriert, welch außergewöhnliche und ausgewählte Person sie ist oder indem es der Ungeduld Raum gibt, die immer nachfragt, wie lange es noch dauert, bis endlich das Ziel erreicht ist. 

Immer also, wenn sich die Ungeduld in unsere Innenarbeit einmischt, sollten wir wissen, dass es das Ego ist, das uns den Genuss der Früchte unseres spirituellen Strebens verderben möchte. Die Ungeduld führt uns weg aus dem gegenwärtigen Moment und verbindet uns mit einer illusionären und fantasierten Zukunft. Sie macht uns schmerzlich bewusst, dass wir noch immer nicht dort sind, wo wir meinen, dass wir eigentlich schon längst sein sollten.  

Das Handtuch werfen 

Manche geben die Reise nach innen auf, wenn sie merken, dass sie schon wieder einem Rückfall im Wachstumsprozess unterlegen sind. Sie kehren zum „normalen“ Leben zurück, tauchen in die „sublime Mittelmäßigkeit“ frei nach Hanzi Freinacht ein und genießen die kleinen oder größeren Vorzüge des Alltags. Sie gewöhnen sich an das Auf und Ab der Stimmungen und richten es sich in den altbekannten Gewohnheiten wohnlich ein. Mit ein wenig Wehmut und viel Sarkasmus blicken sie vielleicht zurück auf die Zeiten der “Nabelbeschau” zurück und pflegen ein Stück heimliche Bewunderung und Verachtung für jene, die sich weiter auf diesem Weg abmühen. 

Widerstände werden zu Ressourcen 

Andere nehmen den verlorengegangenen Faden wieder auf und wandern ihm entlang weiter. Sie erkennen, dass Rückschritte zum Weg gehören, weil sie auf tiefere Widerstände aufmerksam machen. Sie erfahren, dass die Hemmungen beim Weitergehen ganz wichtige Lernerfahrungen beinhalten, wenn sie bewusst erforscht werden. Sie nehmen sich dieser Kräfte an, die gesehen, gespürt und überwunden werden können, bis sie sich in Ressourcen verwandeln und dem Wachsen dienen. 

Bald werden sie bei diesen Erkundungen merken, dass sie auf einem Fundament aufbauen, das sich durch die früheren Erfahrungen gebildet hat. Nichts, was je erworben wurde, ist umsonst geschehen. Jedes Lernen und Wachsen hat eine Spur hinterlassen und Neues erschlossen.  

Sie kommen leichter in die innere Stille als in ihren Anfängen, sie merken, dass ihnen die Disziplin im Üben und Reflektieren leichter fällt als früher und dass sie schneller zur Gelassenheit zurückfinden, wenn sie sich mal aufregen. Sie erkennen, dass kein Schritt, der sie jemals näher zu sich selber geführt hat, umsonst war, sondern dass all diese Erfahrungen ihren Sinn haben und zum Weitergehen beitragen.  

Das Rätsel der Ungeduld lichtet sich, indem es als ein Trick des Egos verstanden wird. Ein spiritueller Weg ist nie geradlinig und eben, er kennt viel rauf und runter, unerwartete und unübersichtliche Kurven tauchen auf, und manchmal stecken wir in einem Labyrinth fest und suchen verzweifelt den Ausweg. Hindernisse aller Art stellen sich entgegen, und eine davon ist die Ungeduld. Je mehr wir diese Hindernisse verstehen, desto besser können wir mit ihnen umgehen. Was uns zuerst als lästiger Gegner erscheint, wird dann zum vertrauten Bekannten, der uns ein Stück begleitet. Die Ungeduld, die wir zur Freundin gewinnen, verwandelt sich bald in eine entspannte Genießerin des Augenblicks.  

Zum Weiterlesen:
Alles zu seiner Zeit: Ungeduld in der Therapie
Geduld ist die Tugend der Glücklichen
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen

Samstag, 25. Februar 2023

Geduld ist die Tugend der Glücklichen

Wenn wir ungeduldig sind, sind wir nicht einverstanden, wie die Zeitstruktur der Wirklichkeit gerade beschaffen ist. Wir hätten gerne, dass irgendetwas schneller abläuft, als es gerade abläuft. Der Zug, auf den wir warten, soll schneller da sein, die Person, mit der wir weggehen wollen, soll schneller fertig werden, der Stau, in dem wir stecken, soll sich schneller auflösen usw. Wir geraten in Stress und machen die Umwelt dafür verantwortlich. Da sie sich nicht unseren Erwartungen gemäß verhält, erzeugt sie einen Druck in uns, der uns unangenehm ist und den wir so schnell wie möglich wieder loswerden möchten. Wir geraten in eine Opferrolle der äußeren Wirklichkeit gegenüber, denn sie alleine kann und muss dafür sorgen, dass es uns wieder besser geht und wir aus dem Stress herausfinden. 

Soziale Ängste 

Hinter der Ungeduld steckt die Angst, etwas zu versäumen, etwas nicht zu schaffen, etwas zu verlieren usw. Die Angst entsteht, weil unsere Erwartung zerstört wird, also die Fantasie, die wir über die Zukunft entwickelt haben, z.B. die Vorstellung, pünktlich zu dem Geburtstagsfest einzutreffen. Wir geraten in Stress, weil die ausbleibende Straßenbahn oder der Stau auf der Zufahrtsstraße unsere Pläne durchkreuzt und bewirkt, dass wir unpünktlich sein werden. Wir sind gerne zuverlässig und befürchten, dass wir wegen dem Zuspätkommen unsere Gastgeber enttäuschen und sie uns dann für unzuverlässig halten. Im Grund plagt uns die Angst, weniger gemocht zu werden und in der Achtung unserer Mitmenschen zu sinken, die den Stress auslöst.

Ungeduld und Wut

Hinter der Ungeduld steckt auch eine Aggression. Sie ist der Gegenpart zur Ohnmacht, die mit Situationen verbunden ist, über die wir keine Kontrolle haben, die wir also nicht in unserem Sinn gestalten können. Wir sind der Langsamkeit anderer Menschen oder der Säumigkeit von anderen Abläufen ausgeliefert. Der Zorn gibt uns das Gefühl, Einfluss ausüben zu können und zu müssen. Wir erlangen also ein Stück der Kontrolle zurück. Selbst wenn wir nur schimpfen und hadern, bekommen wir den Eindruck, dass wir etwas Macht ausüben können. Wir fühlen uns handlungsfähig. Wir stellen der widrigen Wirklichkeit eine Energie von uns gegenüber und fordern sie heraus. Wir wollen sie mit unserer Kraft zwingen, dass sie sich unseren Vorstellungen gemäß verhält. Wir beschweren uns über das, was uns da zugemutet und auferlegt wird und wir klagen an, dass uns ein Stress bereitet wird. Die Wut suggeriert uns, dass wir der Opferrolle nicht ausgeliefert sind, sondern dass wir uns wehren können. 

Allerdings wird es in den meisten Fällen so sein, dass unsere Wut nichts ausrichtet. Der Zug kommt nicht schneller, auch wenn wir uns noch so ärgern. Der Stau reagiert nicht auf unseren Gemütszustand. Und der Mitmensch, dem wir unseren Zorn über seine Saumseligkeit entgegenschleudern, wird möglicherweise selbst zornig reagieren und damit auch nicht schneller unsere Erwartungen erfüllen. Mit der Wut können wir zwar ein wenig von unserem Stress loswerden, steigern aber unter Umständen den Stress in unserer Umgebung.

Ungeduld und Scham

Hinter der Ungeduld stecken auch Schamgefühle. Denn die Ungeduld nährt sich aus Erwartungen und sozialen Zusammenhängen. In den meisten Fällen geht es darum, dass wir fürchten, die Erwartungen anderer Menschen zu enttäuschen, was uns Schamgefühle beschert. Manchmal geht es auch um Erwartungen, die wir an uns selber haben, wenn wir z.B. ungeduldig sind, weil wir eine Arbeit nicht in der Zeit schaffen, die wir dafür vorgesehen haben. In diesen Situationen schämen wir uns vor uns selbst und werten uns ab, weil wir nicht unserem Ideal entsprechen. 

Das Üben der Geduld

Zunächst sollten wir einsehen, dass jeder Stress in uns selber entsteht. Wir verfügen nicht über einen Knopf, auf den andere Menschen oder Reize aus der Umwelt drücken, und dann spüren wir uns gestresst. Wir deuten bestimmte Ereignisse in unserer Umgebung so, dass sie uns bedrohen, und das löst dann die Stressreaktion aus. Meist erfolgt diese Interpretation unbewusst, aber sie erfolgt in uns. Wir sind es also, die den Stress produzieren, und wir sind dafür verantwortlich. Wir haben also auch die Verantwortung, den Stress wieder zu beruhigen, z.B. indem wir unsere Ausatmung entspannen und langsamer atmen. Wir können die unangenehme Wartezeit in eine Meditationszeit umwandeln. Wir können uns mit etwas beschäftigen, das uns entspannt und interessiert. Wir haben viele Möglichkeiten, um vom Stress herunterzukommen, die wir erst ergreifen können, sobald wir erkennen, dass unser Stress hausgemacht ist. 

Dann geht es auch darum, zu erkennen, dass wir uns in der Ungeduld und dem Ärger, der in ihr steckt, mit der Wirklichkeit zerstreiten. Wir stellen uns über sie drüber und wollen sie beherrschen. Doch ist das ein sinnloser Anspruch. Bekanntlich wachsen die Grashalme nicht schneller, wenn wir sie antreiben. Die Wirklichkeit ist immer mächtiger als wir selbst. Alles, was sie von uns einfordert, ist Akzeptanz: Das Annehmen dessen, was jetzt gerade ist. Das, was wir wollen, kommt immer erst hinter dem, was ist. Beim Streit mit der Wirklichkeit unterliegen wir immer. Sobald wir aber akzeptieren, was ist, öffnen sich unsere Handlungsräume. Wir gewinnen einen Überblick über die Möglichkeiten, die wir haben, z.B. eine andere Route zu wählen, die entstandene Wartezeit mit anderen Inhalten zu füllen usw. Auf diese Weise versöhnen wir uns mit der Wirklichkeit, und der Stress löst sich. Wir können das genießen, was gerade ist. In diesem Sinn meint Spinoza: „Geduld ist die Tugend der Glücklichen.“

Das Leben bereitet uns immer wieder Überraschungen, und zu den unangenehmen Überraschungen zählt alles, was uns ungeduldig macht. Wir fallen aus dem Fluss des Lebens heraus und auf uns selber und unser starrsinniges Ego zurück. Es will uns einreden, gegen das Leben zu kämpfen, um unsere Interessen und Vorstellungen durchzubringen. Doch ist dieser Kampf aussichtslos. Wir werden ihn nie gewinnen, sondern nur noch mehr Stress aufbauen.

Die Geduld zu erwerben und zu vergrößern, ist ein Prozess in der Vertiefung unserer Bewusstheit. Jede Regung der Ungeduld in uns ist eine Chance, mehr in die Akzeptanz der Wirklichkeit zu gehen und unser Ego zurückzustufen. Mehr Geduld bedeutet mehr Lebensqualität. Rainer Maria Rilke schreibt: „Ich lerne es täglich, lerne es unter Schmerzen, denen ich dankbar bin: Geduld ist alles!“

Zum Weiterlesen:
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen
Der notorische Selbstzweifel
Akzeptiere was ist - einfach ist es nicht