Dienstag, 28. Juli 2026

Die Zerstörungslust und der demokratische Faschismus

Das Soziologenpaar Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey hat ein Buch über die Tendenzen zur lustvollen Zerstörung der Demokratie vorgelegt. Sie haben Interviews mit Personen aus dem rechtsextremen Feld durchgeführt, um dem Phänomen der Attraktivität von demokratiefeindlichen Bestrebungen auf die Spur zu kommen. Die Grundlage für die Auswahl der Interviewpartner bildete eine Umfrage zur „destruktiven Persönlichkeit“, die folgendes Bild ergab: „12,5 Prozent erwiesen sich als mittel- oder sogar hoch-destruktiv. Diese Personen sind eher jung, eher männlich und eher rechts. Bildung und Einkommen hatten keinen robusten Einfluss.“

So konnten drei destruktive Typen identifizieren: „die Erneuerer (sie wollen liberale Institutionen erschüttern, um traditionelle Hierarchien wiederaufzubauen), die Zerstörer (sie glauben nicht an Erneuerung und sehen die Zerstörung des Systems als Selbstzweck) und die Libertär-Autoritären (sie streben aus ideologischen Gründen nach einer Abschaffung des regulierenden Staates und wollen ihn durch autoritäre Alternativen  ersetzen).“ (S. 23-24)

Ihr Befund ist, dass die liberale Ideologie bei vielen Bevölkerungsgruppen in Verruf geraten ist. Die Versprechen, dass sich Leistung lohnt, dass es jeder zu Wohlstand bringen kann und dass das wirtschaftliche Wachstum allen zugutekommt, haben sich als nicht einlösbar herausgestellt. Zunehmend wird es schwieriger für jüngere Leute, aus der Leistungsspirale auszusteigen, die ihnen vorgibt, immer mehr Leistung erbringen zu müssen, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Der Traum vom Eigenheim z.B. kann nur mehr für jene in Erfüllung gehen, die auf ein ererbtes Vermögen zurückgreifen können.

"Liberale Gesellschaften sorgen nicht länger für umfassenden Fortschritt (…). Wir leben in einer Polykrise aus Klimawandel, Kriegen, Pandemien, Inflation, weltwirtschaftlichen Verwerfungen und den von digitalen Technologien ausgehenden Veränderungen. Insbesondere die Klimakatastrophe steht für die metabolisch schwindende Zeit.“ (S. 17)

„Wer bereits Vermögenswerte besitzt, profitiert von einer selbstverstärkenden Wertsteigerung. Wer davon ausgeschlossen ist, wird umso abhängiger von denen, die Vermögenswerte und damit am Ende den Alltag von Milliarden Menschen kontrollieren.“ (S. 52)

Das blinde Vertrauen des Liberalismus auf das wirtschaftliche Wachstum, das früher für mehr Wohlstand gesorgt hat, ist nicht mehr gerechtfertigt. Jeder Schritt des Wachstums verschärft die ökologischen Krisen. Ausbleibendes Wachstum hingegen verschärft die sozialen Krisen, weil es immer weniger zum Verteilen gibt. Diesem Teufelskreis können wir nur entkommen, wenn die Klimapolitik sozialpolitisch vorgeht.

Der demokratische Faschismus

Der historische Faschismus  ist mit dem Programm aufgetreten, die Demokratie durch eine Autokratie zu ersetzen. Die aktuellen Strömungen des Faschismus bekennen sich zumeist zur parlamentarischen Demokratie, die sie verbessern wollen, um dem „Volk“ mehr Gewicht einzuräumen. Allerdings geht es ihnen darum, die Demokratie so weit zu schwächen, dass sie den eigenen radikalen Vorstellung der Umgestaltung des Staatswesens nichts mehr entgegensetzen kann: Es werden die unabhängigen Medien zum Verstummen gebracht, die Gerichte werden mit Parteiideologen besetzt und die Wissenschaften an die Kandare genommen. Das Wahlrecht wird so umgestaltet, dass es leicht fällt, Mehrheiten zu bekommen, die dann ausgenutzt werden, um noch mehr Elemente der liberalen Demokratie abzustellen. Beispiele sind Orban-Ungarn, PIS-Polen und die Trump-USA.

"Der demokratische Faschismus ist im Gegensatz zum historischen Faschismus, der die Demokratie offen bekämpfte, in der Demokratie verankert und versteht sich als ihr Erneuerer. Gleichzeitig untergräbt er ihre Grundlagen. Treibende Kraft ist die Zerstörungslust. Mit seiner lustvollen Grausamkeit sowie dem frivolen Spiel mit der Gewalt geht der demokratische Faschismus über den Rechtspopulismus hinaus." (S. 15-16)

Ein Werkzeug der aktuellen Form des Faschismus besteht in der Zerstörung der Wahrheit. „Der erneuerte Faschismus zeichnet sich häufig durch ein lustvolles, ja frivoles Unterlaufen von Wahrheitsansprüchen aus. Man eignet sich progressiv Ideale – Freiheit, Gleichheit, Demokratie etc. – an und entleert sie in einem Akt der semantischen Anverwandlung ihrer Bedeutung.“ Meinungsfreiheit bedeutet dann beispielsweise, andere beschimpfen und mit Hass überschütten zu dürfen. Gleichheit wird beschränkt auf die „Volksgenossen“, also auf eine erfundene Herkunftsgemeinschaft. Die Demokratie wird als Steigbügel zur Machtergreifung und zur Kanalisierung des „Volkswillens“ mittels Meinungsmanipulation verstanden. Auf diese Weise kann die Gewalt gegen politische Gegner oder Minderheiten als demokratisch gerechtfertigt werden.

Indem Fakten alternative (als frei erfundene) Fakten und wissenschaftlichen Theorien Verschwörungstheorien entgegengestellt werden, soll im Raum der Wahrheitsfindung ein Chaos gebildet werden, in dem sich dann diejenige durchsetzen, die im medialen Raum die Macht haben.

Die Zerstörungslust

Die destruktive Persönlichkeit kann als eine Variante der autoritären Persönlichkeit angesehen werden, „die sich vom Staat hintergangen fühlt, der andere Gruppen bevorzuge und ihnen die Privilegien zugestehe, um die man glaubt kämpfen zu müssen. Destruktivität verspricht aber auch einen Lustgewinn. Man kann all die Hindernisse in einer symbolischen Geste wegräumen. Manifest wird die Destruktivität in ihrer Neigung zu Gewalt.“ (S. 20) „Bevor man sich anpasst, zerstört man lieber die Dämme gegen die Sintflut.“ (S. 14)

Die Autoren stellen sich die Frage, wie Menschen „autoritäre und destruktive Einstellungen entwickelt haben, obwohl sie keine autoritäre Grunddisposition haben, obwohl sie als Kinder viel weniger streng erzogen wurden.“ (S. 28) Die klassische Erklärung zur autoritären Persönlichkeit würde lauten, dass überstrenge und kontrollierende Eltern, die die Bedürfnisse der Kinder unterdrücken, dann Erwachsene hervorbringen, die sich durch autoritäres Verhalten oder durch die Unterordnung unter Autokraten mit der Bereitschaft zur Gewaltanwendung gegen Schwächere rächen. Aber viele der Interviewpartner der Autoren hatten keine besonders schwierige Kindheit, vielmehr reagierten sie mit ihrer Zerstörungslust auf Brüche in der Biographie, durch Jobverlust, Pandemie, Fehlen von Aufstiegsmöglichkeiten usw. Diese Haltung ist „einerseits eine rebellische Reaktion auf die Desillusionierungen der Moderne, andererseits spiegeln sich in destruktiven Individuen gesellschaftliche Verhältnisse wider, die selbst zerstörerisch geworden sind.“ (S. 29)

Im Ganzen entsteht ein düsteres Bild: „Heute herrschen die verklärte Vergangenheit, die zukunftslose Gegenwart und die fortschrittslose Zukunft.“ (S. 35) Rechtsgerichtete Politiker und Fanatiker gehen häufig von dem Bild einer makellosen Vergangenheit aus, die in einer verrotteten Gegenwart mündet und eine Zukunft geht, die nur dann besser werden kann, wenn die einfachen Lösungsideen von der völkischen Reinheit, der Rückkehr zu einer traditionellen Kultur, der Entmachtung von irgendwelchen Eliten oder Verschwörerzirkeln und der Herrschaft durch Erlöserfiguren umgesetzt werden.

Der Begriff der Zerstörungslust kommt ursprünglich aus der Psychologie. Die Autoren untersuchen das Phänomen als eine von der Gesellschaft hergestellte Verhaltens- und Affektstruktur. Ihre Interviewpartner haben zu erkennen gegeben, dass ihnen das Zerstören Freude bereitet. „Soll doch das ganze Dreckssystem zusammenbrechen, mir ist das völlig egal, Hauptsache, es krallt sich keiner mehr an seine Macht.“ (Ablinger, Nachtwey 2022, S. 321) „Lass die Hütte doch brennen. Mir ist vollkommen wurscht, was danach kommt, solange die da oben endlich mal spüren, wie es ist, wenn alles vor die Hunde geht.“  Es ist eine Mentalität, die lieber alles zusammenbrechen lässt, weil sie jeden Glauben an Reformen verloren haben. Die Befriedigung, die erhofft wird, besteht darin, dass es anderen ebenso schlecht oder noch schlechter als einem selbst geht. Das Gefühl der eigenen Ohnmacht, Kränkung und Zurücksetzung, verbunden mit gestauter Wut, führt zum Wunsch nach Zerstörung – der Eliten, der Wissenschaften, der Kultur, der Gesellschaft. Mit einer Mentalität des „Hinter mir die Sintflut“ bildet sich ein Nihilismus, der auflebt, sobald etwas zugrundgeht: „Sich lebendig fühlen, wenn man dem Tod nahekommt – diese Antinomie ist der Schlüssel der faschistischen Gefühlsstruktur.“ (S. 168)

Die Aggression und Gewaltbereitschaft rechtfertigt sich aus der Annahme, dass man selbst Opfer einer gewaltsamen Enteignung oder Zurücksetzung ist. „Die zerstörerische Lust ist in ihrer autoritären Spielart relational, da die destruktiven Impulse auf andere projiziert werden, die vermeintlich auf die eigenen Kosten leben.“ (S. 176) „Die Zerstörer beschreiben sich im Vergleich stärker als Opfer einer Tyrannei der Minderheit,  gegen die sie sich nun erheben. Sie wollen die liberale Demokratie brennen sehen, weil sie aus ihrer Sicht nicht demokratisch ist. Es geht ihnen darum, dass sich die Gesellschaft – endlich – aus der Herrschaft der Minderheiten befreit und die Mehrheit ihre angestammten Rechte als eigentlich Etablierte zurückerhält.“ (S. 194)

Das Nullsummendenken

Dieses Denken besteht darin, sich die Ressourcen als absolut begrenzt vorzustellen und dann davon auszugehen, dass jeder andere, der sich mehr davon nimmt, einem selbst etwas wegnimmt. Wenn andere Gruppen mehr Rechte oder mehr Unterstützung bekommen (z.B. Minderheiten, Geflüchtete, Frauen, Pensionisten), verliert man selbst. Damit wird jeder Schritt zur Gleichberechtigung zu einer Bedrohung. Deshalb wird danach getrachtet, anderen zu schaden, die scheinbar mehr haben oder kriegen.

Der Hintergrund zu dieser Einstellung liegt darin, dass es immer weniger darum geht, einen wachsenden Wohlstand gerecht zu verteilen, sondern darum, „wie begrenzter oder gar schrumpfender Reichtum aufgeteilt werden soll. In der Zeit nach dem Fortschritt werden Gewinne und Verluste in einer Nullsummenlogik miteinander verknüpft: Was die eine gewinnt, muss zwangsläufig ein anderer verlieren.“ (S. 19-20)

"Das Nullsummendenken verändert kurzum die subjektive Wahrnehmung von Welt. Die Gesellschaft ist in der Nullsummenlogik kein inklusives Gemeinwesen, in dem jeder an öffentlichen Gütern partizipieren kann; sie erscheint vielmehr als ein Klub, in dem nur Mitglieder Zugang zu exklusiven Gütern haben.“ (S. 131) Das Gefühl, ausgeschlossen oder an den Rand gedrängt zu sein, erzeugt Aggressionen gegen jene, die möglicherweise den Platz eingenommen haben, der einem selber eigentlich zustünde.

Nach den Autoren hat das Nullsummendenken bei jenen explosive Gefühle erzeugt, die zuvor an die Versprechen der Moderne (Aufstieg und Leistung) geglaubt haben und enttäuscht wurden. 

Aufstieg und Abstieg

Die Nachkriegszeit war geprägt von der Hoffnung auf Aufstieg. Die stetige Zunahme des Wohlstandes, der Bildungsmöglichkeiten und der Berufschancen erzeugte ein positives Bild der Zukunft. Die Vergangenheit mit Armut und Krieg konnte hinter sich zurückgelassen werden, während die Ärmel hochgekrempelt und gearbeitet wurde, mit der berechtigten Aussicht, dass es die eigene Kinder einmal leichter und besser haben würden. 

Die Zeiten sind vorbei: Die deutsche Bundesregierung gab 2020 bekannt, „dass die Aufstiegsmobilität zwischen 1984 und 2017 massiv zurückgegangen ist, wobei Aufstiege aus unteren in mittlere Lagen seltener wurden, während Abstiege in die umgekehrte Richtung zunahmen. … Abstiege sind keine  Ausnahme mehr, sondern gehören nun zur erwartbaren Normalität, unabhängig davon, wie stark man sich anstrengt. Gerade für die unteren Klassen ist der Traum vom Aufstieg ausgeträumt.“ (S. 56) Abzusteigen wird als Versagen, Niederlage, Kränkung und Demütigung erlebt. Als Kompensation des mit diesen Gefühlen verbundenen Schamgefühls dient die Aggression gegen jene, die einem die Chance nehmen, wieder an Status und Wohlstand zu gewinnen.

Im Zug dieses gesellschaftlichen Wandels ist viel vom Schwund der Mittelklasse die Rede. Die Auflösung der traditionellen Klassenstruktur (Ober-, Mittel- und Unterklasse) trägt dazu bei, dass die Demokratie geschwächt wird: „Die Mittelklasse trägt nur so lange zum Gelingen der Demokratie bei, wie sie sich im Aufschwung befindet. Gerät sie unter Druck, bildet sich unter Umständen ein ‚Extremismus der Mitte‘ heraus, der in der Zwischenkriegszeit faschistische Bewegungen stärkte.“

Die Schichten klaffen immer weiter auseinander: „In der Nachmoderne leben Arbeiterklasse und obere Mittelschicht somit praktisch in separaten Erfahrungswelten: Oben wachsen Lebenschancen und Entfaltungsmöglichkeiten weiter, soziale Freiheiten nehmen zu. Unten dominieren erneut große Ungleichheiten, Chancen schwinden, man ist zu einer bescheidenen Lebensführung gezwungen.“ (S. 60)

Der Befund ist ernüchternd: „Die extreme Rechte funktioniert derzeit so gut, weil die Nachmoderne immer schlechter funktioniert.“ (S. 246) Die Autoren halten sich mit Ratschlägen zurück, wie dem demokratischen Faschismus entgegengewirkt werden könnte, weil sie sich als Experten für Probleme und nicht für Lösungen sehen. Sie weisen aber auf „eine Art gemeinschaftsorientierten Postliberalismus“ (S. 287) nach dem französischen Philosophen Jean-Claude Michéa hin. Der politische wie der ökonomische Liberalismus glauben an das autonome Individuum. Die Gesellschaft beruht auf der Regulationskraft der Märkte, während die Politik die rechtlichen Rahmenbedingungen festsetzt. Allerdings müsse der abstrakte Universalismus, mit dem die Gleichstellung zum obersten Ziel wird, eingedämmt werden, weil er Strukturen schafft, die eigennützige Individualisten privilegiert.  Gemeinsinn, Reziprozität und allgemeiner Anstand dürfen nicht verloren gehen. Der postliberale Antifaschismus sollte sich nach den Autoren für folgende Ziele einsetzen: „eine demokratisch eingebettete und zum Teil geplante Ökonomie und eine Gesellschaft, die sich ehrlich mit den Herausforderungen auseinandersetzt, vor denen wir heute stehen.“ (S. 289)

Amlinger, Carolin; Nachtwey, Oliver: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2026
Soweit nicht anders angegeben, stammen die Zitate aus diesem Buch.

Amlinger, Carolin; Nachtwey, Oliver: Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2022


Samstag, 18. Juli 2026

Depersonalisierung in der Meditation

Beim Meditieren geht der Blick nach innen und alles wird ruhiger. Gedanken ziehen vorbei, der Atem wird gleichmäßiger, der Körper tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Manchmal verschiebt sich dabei aber mehr als nur die Aufmerksamkeit: Das Gefühl für das eigene Ich oder die Umgebung kann sich auf ungewohnte Weise verändern.

In der Psychiatrie sind zwei Störungsbilder bekannt, die normalerweise als Folge von großem Stress, Depressionen, Angststörung oder in der Folge von Traumatisierungen auftreten: Depersonalisation und Derealisation. Bei der Depersonalisation fühlt sich das eigene Ich fremd an, bei der Derealisation wirkt die Außenwelt unwirklich oder entfernt. 

Weder pathologisieren noch verharmlosen

Forscher haben nun festgestellt, dass diese Phänomene auch während oder als Folge von Meditation vorkommen. In der Meditation werden diese Zustände allerdings meist positiv erlebt, können aber auch irritierend oder verstörend wirken, und das ist der eigentliche Befund dieser Studie: Meditationserfahrungen mit psychiatrischer Relevanz im Sinn der Depersonalisation und Derealisation nicht grundsätzlich zu pathologisieren, sie aber auch nicht zu verharmlosen. 

Für die Untersuchung wurden 121 Personen befragt. Eine Gruppe hatte solche Zustände im Zusammenhang mit Meditation erlebt. Die andere Gruppe nannte andere Auslöser, darunter Stress, Angst, Depressionen, traumatische Erfahrungen oder Cannabis. Auf einer Skala für Depersonalisation und Derealisation unterschieden sich die Erfahrungen beider Gruppen kaum. Anders war vor allem die Bewertung.

Menschen aus der Meditationsgruppe beschrieben ihre Erlebnisse häufiger als angenehm, sinnvoll oder erkenntnisreich. In der Vergleichsgruppe überwogen eher Verwirrung, Angst und Belastung. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht allein das Erlebnis selbst entscheidend ist, sondern auch der Kontext, in dem es entsteht und interpretiert wird.

Das macht den Befund heikel für einfache Erklärungen. Ein Zustand kann sich äußerlich ähnlich beschreiben lassen und trotzdem ganz anders anfühlen. Wer meditiert, ordnet das befremdliche Ich-Gefühl als Teil einer Übung ein und fühlt sich sicher, weil das Vertrauen auf die Methode gegeben ist. Wer es nach Stress oder Angst erlebt, kann denselben Abstand zum eigenen Körper als Kontrollverlust empfinden, der den Stress weiter steigert.

In verschiedenen spirituellen Traditionen gilt ein gelockertes Ich-Gefühl nicht sofort als Problem, sondern eher als Zweck der Übung. Der Kontrollverlust, der in vielen Fällen Angst auslöst, kann in der Meditation als Befreiung erlebt werden. Wenn sich das kontrollierende Denken zurückzieht, öffnet sich der Raum für tiefere Erfahrungen.

Bedrohliche Depersonalisation 

Die Depersonalisation bedeutet nicht einfach Nachdenklichkeit oder Tagträumen. Betroffene erleben den eigenen Körper, Gedanken oder Gefühle nicht mehr wie gewohnt als zu sich gehörig. Manche fühlen sich wie Beobachter ihres eigenen Lebens oder so, als würden ihre Handlungen von außen gelenkt. Es kann dazu kommen, dass die eigenen Bewegungen automatisch wirken oder Gedanken eine Art Eigenleben bekommen, das nicht gesteuert werden kann.

Die Derealisation betrifft dagegen die Außenwelt. Vertraute Räume, Menschen oder Geräusche erscheinen dann fremd, dumpf, traumartig oder unwirklich. Die Welt verliert vorübergehend ihre gewohnte und vertraute Nähe, es tritt eine Spaltung auf, die beängstigend erlebt wird.

In der Meditationsgruppe lagen 61,7 Prozent der Teilnehmer über einem klinisch relevanten Schwellenwert auf der Cambridge Depersonalisation Scale. In der Gruppe mit anderen Auslösern waren es 77 Prozent. Eine ärztliche Diagnose hatten allerdings nur vier Personen erhalten. Hohe Werte bedeuten daher nicht automatisch eine Erkrankung.

Für eine Diagnose zählt vor allem, ob die Zustände subjektiv stark belasten und den Alltag einschränken. Besonders hier gab es deutliche Unterschiede. Die Meditationsgruppe bewertete ihre Erfahrungen im Schnitt positiver. Viele beschrieben sie als spirituell bedeutsam oder als Moment besonderer Einsicht. Belastende Verläufe gab es dennoch auch dort. Das bedeutet, dass bei allen Formen von meditativen Retreats eine achtsame und geschulte Begleitung erforderlich ist, die sich um solche Störungen kümmern kann. Nur mit Meditations-Apps zu üben, ohne Ansprech- oder Austauschperson ist riskant. Meist wird in den Beschreibungen nicht auf diese Möglichkeit der inneren Verschiebung hingewiesen, die sich fremd und bedrohlich anfühlen können.

Menschen, die für sich selbst den Meditationsweg pflegen, sollten darauf achten, dass es Leute gibt, an die sie sich wenden können, wenn Phänomene in der Meditation auftauchen, die sie irritieren oder emotional belasten. Bei der Untersuchung waren es in der Mehrzahl Einzelmeditierende, die über solche Erlebnisse berichteten. 

Retraumatisierung

Denn bei solchen Erfahrungen kann es sich um Retraumatisierungen handeln. Im scheinbar sicheren Rahmen von Meditationsübungen, in denen es zur Vertiefung und Erweiterung des Bewusstseins kommt, können Elemente von unverarbeiteten Traumen auftauchen, eben Zustände der Depersonalisierung und Derealisierung, die Teil der Traumabewältigung dargestellt haben. Ihr Widerauftreten weist darauf hin, dass therapeutische Arbeit gefragt ist, um das dahinterliegende Trauma aufzulösen. Dieses Vorgehen ist auch dann ratsam, wenn die Erfahrung subjektiv als positiv gewertet wurde.

Die depersonalisierten Zustände tauchten bei unterschiedlichen Formen der Praxis auf, bei Atemmeditation, Vipassana, Bodyscan oder Metta-Meditationen. Unabhängig von der Methode der Meditation können solche Erfahrungen auftreten. Auch die Dauer dieser Erfahrungen war unterschiedlich und schwankte zwischen Minuten und Wochen. 

Hier zur Studie: Nature  Scientific Reports volume 16, Article number: 14673
Die Autoren: Erola Pons, Julieta Galante, Nicholas T. Van Dam & Axel Lindner

Zum Weiterlesen:
Störungen in der Meditation
Das Ego in der Meditation
Die Entdeckung der Langsamkeit in der Meditation
Trauma und Sinnsuche in der Dissoziation


Mittwoch, 1. Juli 2026

Das Dämonische

„Gibt es eine dunkle Macht, die so feindlich und herrisch einen Faden in unser Inneres spinnt, woran sie uns dann packt und fortzieht auf einem gefahrvollen, verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben würden – gibt es eine solche Macht, so muss sie sich in uns, wie wir selbst gestalten, ja unser Ich werden; denn nur so glauben wir an sie und weichen ihr den Platz, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen.“ (E.T.A. Hoffmann) 

Die dunklen Mächte im Inneren sind abstoßend und faszinierend zugleich. Die Beschäftigung mit dem Dämonischen ist riskant, wie Hoffmann in mehreren seiner Erzählungen geschrieben hat (“Der Sandmann”, “Die Elexiere des Teufels”, “Das Fräulein von Scuderi”). Denn sie fordern das rationale Ich heraus. Gewinnen sie die Oberhand, so kann das Ich zerfallen und dem Wahnsinn Platz machen. Gelingt es, sie mit Mut und Umsicht zu zähmen und zu bändigen, so wachsen die Persönlichkeit und ihre Ich-Autonomie. Wer mit den inneren Mächten Freundschaft geschlossen hat, den kann nichts mehr erschüttern. 

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“
(Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 146) 

Das Ungeheuer im Inneren ist das Dämonische, die Verkörperung der Schattenseiten, der dunklen Bereiche der Seele. Es sind vor allem die zerstörerischen Kräfte, die im Seelengrund schlummern, aber immer wieder an die Oberfläche drängen. Wenn man mit ihnen kämpft, wird man zum Krieger, der vernichten will, wird also selbst zum zerstörerischen Ungeheuer. Wenn man den Kampf verweigert, bleiben die Scham und die Angst. Wer sich wegduckt und klein macht, verharrt in der Position der Ohnmacht und erzeugt einen inneren Druck, der dazu führt, dass auf einer anderen Ebene die passive Aggressivität wirksam wird.  

Der Blick in den Abgrund erfordert Mut, er bringt in Kontakt mit den Dämonen, und die Dämonen blicken mit der unerbittlichen Botschaft zurück: Stell dich uns oder gib auf! Der Abgrund, der in dich hineinblickt, präsentiert die Herausforderung, dich allen Ängsten, Wut- und Hassgefühlen, allen beschämten Aspekten zu stellen. 

Nach Sigmund Freud ist das Unheimliche ein Seelenteil, der verdrängt und dadurch entfremdet wurde. Als Dämonisches drängt es ins Bewusstsein, damit er gesehen und verstanden werden kann. Doch das verängstigte Ich reagiert mit allen Mitteln der Abwehr, um sich dem Schrecken nicht stellen zu müssen. So muss sich das Verdrängte neue Wege suchen, um ans Licht zu kommen. Es wird nicht lockerlassen, bis es an sein Ziel kommt. Träume, Fehlleistungen und neurotische Verhaltensweisen sind Wege, auf denen es sich bemerkbar machen wird. 

Die gesellschaftliche Dimension des Dämonischen 

Während Nietzsche und Freud das Ungeheuerliche im Inneren des Menschen beschrieb, erkannten die Dialektiker der Aufklärung (Max Horkheimer und Theodor W. Adorno) dämonische Dimensionen in der Verstrickung der menschlichen Vernunft mit dem technischen und zivilisatorischen Fortschritt. Die Natur soll beherrscht werden, aber am Ende ist es der Mensch, der von den Geistern, die er rief, nicht mehr loskommt und von ihnen beherrscht wird. Weil die Vernunft, die zum Instrument der Naturbeherrschung geworden ist, nicht mehr das Ganze im Blick haben kann, wird sie ihrer Aufgabe untreu, das Gerechte und Menschliche einzumahnen.  

Neue Formen der Unterdrückung der Menschlichkeit gehen mit den Glücksversprechen der Moderne einher und konterkarieren sie. Während die Menschen mehr Freiheiten und Rechte genießen können, werden sie neuen Zwängen im Konsum und in den Leistungsanforderungen ausgesetzt. Je mehr Glücksmöglichkeiten sich öffnen, desto größer werden die Ängste, das bereits Erworbene wieder zu verlieren. Um diese Spannung zu kompensieren, kommt es zu Rückfällen in den Mythos, zu Versuchen der Welterklärung mit vormodernen Mitteln. Dabei werden die emotional aufgeladenen und zerstörerischen Kräfte dieser archaischen Erzählungen geweckt, in denen alles gebündelt werden kann, was die Moderne an Schattenseiten hervorgebracht hat. 

Der Teufelspakt  

Thomas Mann, Zeitgenosse und Gesprächspartner von Adorno, griff die Dynamik des Dämonischen in seinem Roman „Doktor Faustus“ auf. Der Komponist Adrian Leverkühn will Musik schaffen, die einer völligen rationalen Kontrolle unterliegt, eine strenge Form der Zwölftonmusik. Es kommt aber zum Umschlag: Die Musik erstarrt, wie gebannt von dem Zwang, der ihr auferlegt wird – so wie in der Dialektik der Aufklärung die Vernunft, statt zur Erweiterung der Freiheit zu führen, in die Unterdrückung umschlägt.  

Es kommt im Roman dann zu einer Begegnung des Komponisten mit dem Teufel, also mit dem verkörperten Dämon. Der faustische Pakt, den Leverkühn mit dem Teufel eingeht, ist ein tollkühnes Bündnis mit den unbewussten Kräften, für den Zweck, die künstlerische Kreativität aus allen kulturellen Schranken zu befreien.  Der Preis, die Überwältigung des rationalen Ichs durch die unkontrollierten Mächte des Unbewussten im Dienst des Absoluten in der Kunst, besteht im Missbrauch des Spirituellen für ungelöste innere Konflikte. Die Vernunft wird also geopfert, um einem Ego-Bedürfnis zum Durchbruch zu verhelfen. 

Der historische Wiederholungszwang

Es handelte sich beim sozialphilosophischen und beim literarischen Zugang um den Versuch, die Barbarei des Nationalsozialismus zu verstehen. Die Kapitulation und der Verrat der Vernunft vor den mythologischen Ideologien durch das scheinbar aufgeklärte Bürgertum in den hochentwickelten europäischen Staaten und Kulturräumen hat mit dem unerforschten Dämonischen zu tun, das seine Anziehungskraft aus seiner Verdrängung gewinnt. Es handelt sich dabei nicht nur um Mächte, die im Individuum unterdrückt sind, sondern auch um Dynamiken, die das kollektive Bewusstsein prägen.  

Unschwer können wir erkennen, dass wir uns heute wieder in einer Zeit befinden, in der sich die Dialektik der Aufklärung in neuem Gewand zeigt. In den Ländern mit dem höchsten Wohlstand im Vergleich zu ärmeren Regionen und zu allen bisherigen Geschichtsepochen steigen Unzufriedenheit und Unsicherheit, verbunden mit dem Wiederaufleben des Dämonischen, das sich in narzisstischen und empathielosen Politikern zeigt, deren hasserfüllte Parolen immer mehr Menschen faszinieren. Die Faszination kommt daher, dass Leute bewundert werden, die ohne Scham aussprechen, was im eigenen Unbewussten lauert und Angst macht.

Solange das Dämonische nicht verstanden und integriert ist, wird es sich immer wieder melden. Das gilt auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene. 

Zum Weiterlesen: 
Die spirituelle Umgehung
Die Kraft der Zerstörung
Auf dem Weg zur Hassgesellschaft?