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Freitag, 3. März 2023

Ungeduld beim inneren Wachsen

Für immer mehr Menschen wird das innere Wachsen ein wichtiges Thema. Sie merken, dass sie ihre Potenziale nur mangelhaft ausnutzen können, sich innerlich leer fühlen oder eine Sehnsucht verspüren, über die bisherige Erfahrungsform hinauszustreben. Es geht nicht nur darum, im Äußeren erfolgreich zu sein und dort Abenteuer zu erleben, materiellen Wohlstand anzuhäufen und Unterhaltung zu genießen; es gibt auch die innere Dimension, in der vieles gefunden werden kann, was die Außenwelt nie bieten kann. Und es zeigt sich dann immer mehr, dass die Freilegung der Potenziale des Inneren den Umgang mit den Herausforderungen des Äußeren erleichtert. 

Wenn wir an unserem inneren Wachsen arbeiten, durch Therapie oder Meditation, durch Selbstreflexion und achtsame Bewusstheit, erleben wir oft unerwartete und überraschende Verbesserungen und Fortschritte. Manchmal erscheinen sie wie richtige Durchbrüche auf eine neue Ebene des Bewusstseins. Wir sehen die Welt mit neuen Augen, erfreuen uns an der Schönheit der Natur und erkennen das Strahlen in jedem Menschen. Wir fühlen uns am Gipfel angekommen. 

Rückfälle oder Umwege 

Dann passiert es aber immer wieder auch, dass wir auf alte, schon längst überwundene Muster zurückfallen. Wir versinken in Filmserien, die uns nicht wirklich interessieren, spielen Computerspiele, die uns abstumpfen, finden alle möglichen Ausflüchte, wenn wir etwas für unsere Fitness machen sollten, rasten wegen Kleinigkeiten aus und fühlen uns andauernd angespannt oder verstimmt. Wir sind wieder im alten Fahrwasser, als hätte sich nie etwas geändert. Schon sind die Selbstvorwürfe aktiv, mit denen wir unsere Stimmung noch mehr vermiesen. Wir denken uns, die ganzen Bemühungen haben alle nichts gebracht, all das Geld, das wir für Sitzungen und Selbsterfahrungsgruppen, für Meditationsretreats und Indienreisen ausgegeben haben, war für die Katz‘. All die Zeit, die wir für tägliches Meditieren, Yogamachen, Achtsamkeitsgehen und QiGong-Übungen aufgewendet haben, war vergeudete Liebesmüh‘. Es kommt uns vor, als ob wir im gleichen bekannten Sumpf stecken, in dem wir uns schon vor Jahren missmutig gesuhlt haben.  

In solchen Situationen haben wir vergessen, dass das innere Wachsen kein linearer Prozess ist. Wir haben vergessen, wie trickreich unser Ego ist, weil wir dachten, wir hätten es schon längst durchschaut und überwunden. Aber es wartet immer wieder hinter einer Ecke und ist dann plötzlich wie selbstverständlich wieder da, meistens gerade dann, wenn uns das Leben neue Herausforderungen präsentiert. Dadurch geraten wir in Stress und fallen aus der inneren Balance. Und schon ist das Ego zur Stelle und macht sich wichtig. Schließlich war es jahrzehntelang der Krisenmanager. Es reproduziert alten Stress und verbindet ihn mit der neuen Situation, es mobilisiert alte Bewältigungsmechanismus, die aus unserem Überlebensmodus stammen.  Schnell kommt es wieder in seine ursprüngliche Macht. Es lässt uns ungeduldig werden und aktiviert unsere Selbstzweifel: Was hat das alles gebracht, was wir zu unserer Selbstverbesserung und zur spirituellen Öffnung unternommen haben, wo wir doch schon wieder in einem alten Loch stecken? 

Das Ego weiß um seinen natürlichen Feind, das innere Wachsen. Deshalb macht es alles schlecht, was ihm gefährlich werden könnte.  Es versetzt uns in Unruhe und Unzufriedenheit und will uns weismachen, dass wir, wenn unsere Bemühungen sinnvoll gewesen wären, wir schon längst dauerhaft in Shangri-La wohnhaft sein müssten. Da das noch immer nicht der Fall ist, kann es sich stolz als Retter in der Not auf die Brust klopfen und den weiteren Fortschritt auf zweierlei Weise behindern: Entweder indem es den Narzissmus der spirituellen Sucherin nährt und suggeriert, welch außergewöhnliche und ausgewählte Person sie ist oder indem es der Ungeduld Raum gibt, die immer nachfragt, wie lange es noch dauert, bis endlich das Ziel erreicht ist. 

Immer also, wenn sich die Ungeduld in unsere Innenarbeit einmischt, sollten wir wissen, dass es das Ego ist, das uns den Genuss der Früchte unseres spirituellen Strebens verderben möchte. Die Ungeduld führt uns weg aus dem gegenwärtigen Moment und verbindet uns mit einer illusionären und fantasierten Zukunft. Sie macht uns schmerzlich bewusst, dass wir noch immer nicht dort sind, wo wir meinen, dass wir eigentlich schon längst sein sollten.  

Das Handtuch werfen 

Manche geben die Reise nach innen auf, wenn sie merken, dass sie schon wieder einem Rückfall im Wachstumsprozess unterlegen sind. Sie kehren zum „normalen“ Leben zurück, tauchen in die „sublime Mittelmäßigkeit“ frei nach Hanzi Freinacht ein und genießen die kleinen oder größeren Vorzüge des Alltags. Sie gewöhnen sich an das Auf und Ab der Stimmungen und richten es sich in den altbekannten Gewohnheiten wohnlich ein. Mit ein wenig Wehmut und viel Sarkasmus blicken sie vielleicht zurück auf die Zeiten der “Nabelbeschau” zurück und pflegen ein Stück heimliche Bewunderung und Verachtung für jene, die sich weiter auf diesem Weg abmühen. 

Widerstände werden zu Ressourcen 

Andere nehmen den verlorengegangenen Faden wieder auf und wandern ihm entlang weiter. Sie erkennen, dass Rückschritte zum Weg gehören, weil sie auf tiefere Widerstände aufmerksam machen. Sie erfahren, dass die Hemmungen beim Weitergehen ganz wichtige Lernerfahrungen beinhalten, wenn sie bewusst erforscht werden. Sie nehmen sich dieser Kräfte an, die gesehen, gespürt und überwunden werden können, bis sie sich in Ressourcen verwandeln und dem Wachsen dienen. 

Bald werden sie bei diesen Erkundungen merken, dass sie auf einem Fundament aufbauen, das sich durch die früheren Erfahrungen gebildet hat. Nichts, was je erworben wurde, ist umsonst geschehen. Jedes Lernen und Wachsen hat eine Spur hinterlassen und Neues erschlossen.  

Sie kommen leichter in die innere Stille als in ihren Anfängen, sie merken, dass ihnen die Disziplin im Üben und Reflektieren leichter fällt als früher und dass sie schneller zur Gelassenheit zurückfinden, wenn sie sich mal aufregen. Sie erkennen, dass kein Schritt, der sie jemals näher zu sich selber geführt hat, umsonst war, sondern dass all diese Erfahrungen ihren Sinn haben und zum Weitergehen beitragen.  

Das Rätsel der Ungeduld lichtet sich, indem es als ein Trick des Egos verstanden wird. Ein spiritueller Weg ist nie geradlinig und eben, er kennt viel rauf und runter, unerwartete und unübersichtliche Kurven tauchen auf, und manchmal stecken wir in einem Labyrinth fest und suchen verzweifelt den Ausweg. Hindernisse aller Art stellen sich entgegen, und eine davon ist die Ungeduld. Je mehr wir diese Hindernisse verstehen, desto besser können wir mit ihnen umgehen. Was uns zuerst als lästiger Gegner erscheint, wird dann zum vertrauten Bekannten, der uns ein Stück begleitet. Die Ungeduld, die wir zur Freundin gewinnen, verwandelt sich bald in eine entspannte Genießerin des Augenblicks.  

Zum Weiterlesen:
Alles zu seiner Zeit: Ungeduld in der Therapie
Geduld ist die Tugend der Glücklichen
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen

Sonntag, 30. April 2017

Innere Grenzen und ihre Erweiterung

Inneres Wachstum bedeutet, dass wir neue Räume in uns betreten, kennenlernen und bewohnbar machen. Mit jeder Neubesiedelung erweitern wir unsere Möglichkeiten und gewinnen spezielle Ressourcen, die es nur in diesen Räumen gibt. Wir können diesen Prozess auch so beschreiben, dass wir Teile von uns, die uns fremd geworden sind, wieder erschließen und zu uns nehmen. Auf diesem Weg finden wir mehr und mehr zur Ganzheit dessen, was wir sind.

Dabei stoßen wir auf Grenzen, die dort entstanden sind, wo uns alte Erfahrungen zur Vorsicht mahnen: Geh dort nicht hinein, es lauert etwas Schlimmes auf dich. Also brauchen wir den Mut, mit dem wir die Schwelle überwinden können. Er sagt: Auch wenn es gefährlich ist, bin ich bereit, das Risiko einzugehen, weil ich meine inneren Möglichkeiten erweitern will. Wir begeben uns also auf eine Heldenreise mit der Bereitschaft, uns mit den inneren Dämonen und Ungeheuern auseinanderzusetzen.

Jede erfolgreiche Erfahrung bestätigt uns auf dem Weg. Denn der Lohn besteht in mehr innerem Reichtum, mehr Kraft und mehr Freiheit.

Jede missglückte Erfahrung stellt uns vor die Wahl, in der Komfortzone mit ihren eingeschränkten Möglichkeiten zu bleiben oder den Weg trotz der widrigen Erfahrung weiterzugehen und mit anderen Voraussetzungen an die spezielle Grenze zu treten, die uns mit Schwierigkeiten konfrontiert hat. Was brauchen wir, damit wir diesmal ohne Schaden über die Grenze kommen und das Land jenseits davon erkunden, bis wir auch dort heimisch geworden sind?

Wir haben auch die Bequemlichkeit in uns, die uns signalisiert, dass wir mit dem, was wir an Raum zur Verfügung haben, schon genug an Freiheit haben. Warum das Risiko eingehen, das mit einer neuen Eroberung einhergehen könnte? Das ist allerdings nur eine der vielen verschiedenen Formen, in denen unsere inneren Grenzen auftauchen können. Wieder stehen wir vor der Wahl, gleich weiterzugehen oder zuzuwarten, bis der Druck groß genug ist, dass wir uns aufmachen, über unsere Bequemlichkeitsgrenze hinauszugehen.

Die Weisheit, die wir aus der Geschichte der Auseinandersetzung mit unseren inneren Grenzen schöpfen können, sagt uns, dass es kein Ende dieses Prozesses gibt und dass wir uns nur Gutes tun, wenn wir immer wieder nach unseren inneren Grenzen Ausschau halten, um Wege zu finden sie zu überwinden.

Wir brauchen uns nur die vielfältigen Erfahrungen unseres Alltags zu Bewusstsein bringen und stoßen auf eine Menge von Grenzen, die wir produzieren, wenn wir ihnen begegnen. Jede Form von Widerstand gegen eine Erfahrung, die sich als innere Ablehnung und Protest äußert, jede Form von Konflikt, in den wir mit anderen Menschen geraten, jedes Schutzgefühl, das durch bestimmte Erfahrungen ausgelöst wird, weist darauf hin, dass wir Grenzen in uns haben, die ein Potenzial für mehr Lebendigkeit und Flexibilität in sich bergen, wenn es uns gelingt, sie mit Hilfe unserer Entschlossenheit, Tatkraft und Risikobereitschaft zu überwinden.

Lernen heißt, Grenzen zu überschreiten


Die Wirklichkeit unseres Lebens beschert uns beständig Chancen für das Lernen. Lernen heißt, die Grenzen des Bisherigen zu überschreiten und Räume und Strukturen zu verändern. Wir können diese Angebote annehmen oder übergehen. Wir sollten uns nicht beim Leben beschweren, dass es nicht gut mit uns umgeht, wenn es uns Lektion über Lektion serviert. Es tut genau das, was wir brauchen, um wachsen zu können, und manchmal gibt es Zeiten, in denen dieses Angebot überbordend und allzu reichlich über uns hereinbricht, und manchmal träufelt es anscheinend spärlicher. Manchmal sind die präsentierten Lernkapitel heftiger, manchmal sind sie subtiler.

Leben ist Wachsen, und für Menschen ist das innere Wachsen von größter Bedeutung. Wachsen heißt, Grenzen zu verändern und zu erweitern. Dadurch entstehen neue Strukturen und Vernetzungen. Inneres Wachsen ist also nicht nur quantitativ, sondern immer auch qualitativ, ein Wachsen an Dichte und Tiefe, an Verfeinerung und Detaillierung. Es vermehrt sich die Fähigkeit, mit der Differenzierung der Welt im Inneren wie im Äußeren adäquat umgehen zu können, damit kann auch die Wirklichkeit vermehrt in ihrer Differenziertheit erkannt, geschätzt und genutzt werden. Dieser Nutzen ist ein geteilter, ein Teil kommt mir als dem Initiator und Rahmengeber für das Wachstum zu, der andere Teil gehört der Wirklichkeit in ihren verschiedenen Bereichen, der Realität in mir und der um mich herum, also den anderen Menschen und Lebewesen und Dingen. Je reicher wir sind, desto mehr können wir teilen, und je mehr wir teilen können – über die Grenzen hinweg – desto reicher wird unsere Erfahrungswelt.

Vgl. Grenzen und Durchlässigkeit

Montag, 18. Mai 2015

Die Innenperspektive, notwendig für Individuen und Gesellschaft

Wir leben in einer Gesellschaft, die die Ablenkung auf Dauerfeuer gestellt hat: die mobile Nutzung des Smartphones geht nahtlos über zu Fernsehen und Computerverwendung. Öffentliche Plätze sind mit Werbeanreizen vollgestopft, mediale Botschaften sind allgegenwärtig. Die Ablenker tragen wir mit uns herum, damit wir ja nie alleine und ohne Reizfütterung sind.

Bei dem, was wir gerne Ablenkung nennen, handelt es sich eher um eingelernte und von außen geschickt verstärkte Gewohnheiten, die einen gravierenden Verlerneffekt beinhalten: Wir verlernen dabei, uns selber zu spüren, also unser Inneres wahrzunehmen. Denn die sogenannte Ablenkung wird von äußeren Instanzen gesteuert, sodass unsere Aufmerksamkeit von den Reizen gefesselt wird, die auf uns – nahezu ohne unsere Kontrolle – einprasseln.

Wir wollen wissen, was sich da gerade verändert und was da neu auftaucht, wenn wir auf einen Bildschirm oder ein Display starren. Dabei vergessen wir, darauf zu achten, wie unser Inneres auf die Reizfülle reagiert, wie es mit dem Datensturm zurechtkommt, was wirklich wichtig und was banal und nebensächlich ist. Wir unterstützen es nicht bei der Integration all der Abenteuer, die über unsere Augen und Ohren nach innen überfluten. So werden all die Facebook- und WhatsApp-Nachrichten in einem ungeordneten Haufen von Fragmenten, zusammenhangslos in der Rumpelkammer unseres Bewusstseins abgelegt, während die Aufmerksamkeit schon wieder woanders angebunden ist. Die Reize erschöpfen sich schnell und fordern beständige Nachfütterung. Unweigerlich entwickeln sich selbstverstärkende Suchtmuster.

Dabei verkümmert der innere Sinn. Eine Gesellschaft ohne Innenperspektive wird zu einer Gesellschaft ohne Integrationskapazität und Orientierung. Es gibt allerdings eine, wie ich hoffe, wachsende Minderheit von Menschen, die sich dem hemmungslosen Medienkonsum und der suchtartigen Außenbezogenheit bewusst entziehen. Die Hoffnung tut not, weil möglicherweise das Schicksal der Menschheit daran liegt, das verloren gegangene Gleichgewicht zwischen Außen und Innen wiederherzustellen.

Plakativ gesagt, beobachten wir allerdings das Auseinanderdriften zwischen wachstumsbereiten und konsumorientierten Menschen, zwischen den primär Außengeleiteten und denen, die immer wieder auch nach innen schauen. Ein Blick auf die Bewusstseinsevolution zeigt uns, wo es hingeht, wo wir die Vorreiter des Ausgleichs finden können: Dort, wo die Innenperspektive gepflegt und entwickelt wird. Nachhaltigkeit gibt es nur, wo der innere Weg, der Weg zu sich selbst, gleich stark neben der Außenorientierung steht.

Was wäre erforderlich, was würde sich ändern, wenn das Auseinandergedriftete wieder zueinander fände?

Ein paar Beispiele:


Geburt: Es gibt den Trend, dass weder Mütter noch Väter, weder Geburtshelfer noch Medizinplaner spüren, was es für diesen so wichtigen Schritt eines Menschenlebens braucht. Was tut gut und was stimmt, wenn ein neues Leben das Licht der Welt erblickt, damit es gut in dieser Welt leben kann? Wir müssen danach vor allem im Innen suchen. Fehlt die Fürsorge für das Innenleben von Anfang an, so bringen Eltern, die die werdenden Babys nicht spüren können, Babys zur Welt, die sich nicht spüren können.

Kollektiv wird verständlicherweise das Nichtspüren als Hilfe und Schutz vor Schmerz zur massivsten Bemühung der Gesellschaft, implementiert mittels raffinierter Ablenkungsmanöver. Für Extremfälle stehen die Schmerzmittel, englisch pain killers, zur Verfügung – der Schmerz muss gewaltsam umgebracht werden.

Die Integration der Innenperspektive würde das Gebären umkrempeln, etwas nach niederländischem Vorbild, wo 30 % der Kinder zuhause geboren werden, in einer natürlichen Umgebung, frei vom Stress eines Spitals. Geburten sind komplizierte Vorgänge, und sie brauchen alle Ressourcen, die wir haben, primär die des inneren Spürens. Erst langsam nehmen wir zur Kenntnis, dass Babys als sehr fein und genau spürende Wesen zur Welt kommen, alles registrierend, was im Innen wie im Außen vorgeht. Sie brauchen Eltern, die das Innere genauso wie das Äußere registrieren können. Therapeuten, die mit Eltern und Babys arbeiten, berichten, dass sich Schreibabys beruhigen, wenn die Eltern ihre eigenen Gefühle spüren und ausdrücken.

Wissenschaft:
Durch die Dominanz der Außenperspektive zerfallen die Wissenschaften in zwei Kategorien: Diejenigen mit den harten Fakten und die anderen mit den weichen Befunden. Die ersteren, die mittels objektivierender Methoden möglichst subjektfreie Erkenntnisse liefern wollen, liefern die Grundlagen für Entscheidungen z.B. im Gesundheitsbereich. Gelder fließen dorthin, wo es harte Fakten gibt.

In einer zukünftigen Gesellschaft, die den Wert des inneren Sinnes wieder in sein Recht gesetzt hat, müsste sich diese Dominanz ändern. Die Erkenntnisse des inneren Sinnes, wie sie in einer Wissenschaft der Ersten Person erbracht werden, stehen dort gleichberechtigt und wechselseitig ergänzend neben den traditionellen Wissenschaften der Dritten Person. Die Befunde aus der Innenforschung fließen gleichermaßen in die Prozesse der gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsfindung und Planung ein wie die Erkenntnisse der objektivierenden Wissenschaften. Das bedeutet z.B. für das Gesundheitssystem, dass dessen Subjekte, die Kranken und deren Innenkompetenz eine zentrale Position bei Diagnose und Therapie bekommen, und die traditionellen Fachleute, Krankenschwestern und Ärzte, eine beratende und unterstützende Rolle übernehmen.

Schule:
Im Fächerkanon der Bildungsinstitutionen finden sich überwiegend „Gegenstände“ (sind damit eigentlich Dinge gemeint??), die die rationale objektivierende Sichtweise der Wirklichkeit stärken und keinen Platz für Introspektion lassen. Deshalb müssten schätzungsweise ein Drittel bis die Hälfte der Zeit und der Inhalte umgeschichtet werden, damit die Innenperspektive einen gleichrangigen Platz erhält. Methoden wie Meditation oder Achtsamkeitstraining hätten dann nicht nur einen gleichrangigen Zeitrahmen wie Mathematik oder Sprachfächer zur Verfügung, sondern auch die gleiche Wichtigkeit und Wertschätzung bei Lern- wie bei Lehrpersonen.

Gesellschaft:
Personen, die sich auf den Weg der Innenaufarbeitung begeben, werden von der Gesellschaft nicht nur dadurch unterstützt, dass z.B. psychotherapeutische Behandlungen oder der Besuch von Entspannungs- und Meditationskursen von den Krankenkassen bezahlt werden, weil erkannt wird, dass sich die Investitionen in die Innenerforschung mehrfach amortisieren. Noch weitergehend müssten Personen, die unter besonders starken inneren Prozessen leiden, vom Arbeitsleben freigestellt werden, bis sie wieder einsteigen können, ausgestattet mit neuen Kräften und mehr Menschlichkeit. Denn wer ein schweres inneres Schicksal aufarbeiten muss, würde nicht mehr als Schwächling, Drückeberger oder Simulant denunziert, sondern als jemand angesehen, dem viel angetan und zugefügt wurde und der sich diesen Themen stellt und an ihnen arbeitet, statt sie unbewusst an seine Umgebung und Nachkommen weiterzugeben.

Wir müssen über die Zynismen der Postmoderne hinwegkommen. Sie spiegelt nämlich die Reizüberfütterung und suchtartige Außenfixierung wider, indem sie dekretiert, dass  es keine allgemeingültige Perspektive mehr geben kann. Darin zeigt sich der Verlust der Allgemeinheit in einer hemmungslosen Konsumgesellschaft, die Fragmentierung der individuellen Reizverarbeitung, die sich dadurch verselbständigenden inneren Teilaspekte, die kein Zentrum und keine Zusammengehörigkeit mehr finden können.

Denn ein solches Zentrum gibt es nur im Inneren, und es ist über genau einen Sinn zugänglich, durch den inneren, das ist der Sinn der Sammlung: Es sammeln sich die aufgesplitterten Teile des Selbst, wenn die Aufmerksamkeit vom Äußeren ins Innere geht und dort solange verweilt, dass das Innere das Äußere überwiegt, sprich dass sich der Verstand, der die Summierung der äußeren Reize verkörpert, zurückzieht und dem Raum des Spürens den Vortritt lässt.

Wir kommen also nur weiter, als Individuen wie als Gesellschaft, wenn der innere Sinn, die Perspektive der Ersten Person, gleichberechtigt neben die Perspektiven der äußeren Sinne einrückt, und entsprechend geachtet und gefördert wird. Unsere Kultur ist noch weit weg davon ist, und wir haben noch gar keine Ahnung davon hat, was eine Öffnung in diese Richtung bedeuten würde. Denn es würde zu einer Umorientierung in allen Bereichen der Gesellschaft kommen.

Gesellschaften entwickeln sich nicht sprunghaft, sondern wachsen in Wellenbewegungen, die stetig voranschreiten, trotz viel Vorwärts-, Rückwärts, und Seitwärtsbewegungen. Im großen Bogen betrachtet, können wir auf ein Bewusstsein vertrauen, das von sich aus wachsen will. Wir können uns dieser Kraft anschließen und an ihr partizipieren. Die Richtung ist klar, was dagegen steht, ist die Fixierung auf das materialistische Bewusstsein. Nach meinem Modell der Bewusstseinsevolution handelt es sich dabei um eine Stufe der Entwicklung, die erst die Halbzeit dessen, was der Menschheit möglich ist, erreicht hat. Gehen wir also mutig, vertrauensvoll und geduldig in die Richtung weiter, die unser Inneres vorgibt, wenn wir es belauschen.


Vgl. auch: Die Erste-Person-Perspektive und Das innere Wissen und eine neue Methodologie

Montag, 4. August 2014

Inneres Wachsen und Beziehungen

Inneres Wachsen erleichtert das Leben, indem sich der Problemdruck und die Stressempfindlichkeit verringert. Unterwegs auf diesem Pfad zu sein, bedeutet natürlich, noch nicht am Ziel zu sein. Stolpersteine können sich in den Weg legen, neue innere Fragen auftun und Verunsicherungen bewirken. Das Aufarbeiten der inneren Themen führt insbesondere im Beziehungsbereich zu interessanten Einsichten. 

Jede Beziehung beruht auf "Abmachungen", auf unbewusst getroffenen Vereinbarungen, die das Beziehungsleben regulieren. Wenn sich eine der Beteiligten an diesen Übereinkommen in ihren Einstellungen verändert, verändert sich das Grundgefüge der Beziehung. Es muss neu geregelt werden, was deshalb komplex ist, weil es um die unbewussten Dynamiken geht. Hier kommen ebenso unbewusste Kräfte ins Spiel, die neue Vereinbarungen erzeugen wollen. Sie bedienen sich u.a. der Methode des Vergleichens, die geeignet erscheint, unter Berücksichtigung der neuen Kräfteverhältnisse ein Gleichgewicht herzustellen. 

Allerdings kann die Einstellung entstehen: "Ich bin besser (bewusster, empfindsamer, menschlicher, ...) als du." Diese Einstellung erzeugt ein Gefälle in der Beziehung, die Spannungen und Streit hervorrufen kann. Inneres Wachstum ist sowohl vom Tempo als auch von der Entwicklungsrichtung eine sehr individuelle Angelegenheit. Wie schon festgestellt, gibt es keine vergleichbaren inneren Entwicklungsprozesse, sondern äußerst individuelle Abläufe. Dennoch wirken bei den meisten, die auf dieser Heerstraße unterwegs sind, die unbewussten Mechanismen des Vergleichens weiter, und oft werden sie sogar noch zusätzlich angeheizt. 

Ein Beispiel, wie das Vergleichen Schwierigkeiten in den aktuellen Beziehungen bewirken kann: Das neu erlernte Vokabular der Selbsterforschung wird als Waffe im Beziehungskampf eingesetzt. Die Einsicht in das Gestrüpp von Dysfunktionalitäten und Neurosen, das der Blick ins eigene Innere offenbarte, offenbart nun auch die "Gestörtheit" des Beziehungspartners. Daraus erklärt sich dessen Unfähigkeit im Verstehen und Harmonieren. "Schon wieder projizierst du deine Mutter auf mich", "das machst du nur, weil du die Verstrickung mit deinem Vater noch immer nicht gelöst hast", in dieser Art wird das partnerschaftliche Streitgespräch psychologisch aufgeladen. Die "Muster" der anderen Person werden bloßgestellt, und es ist diese, die sich in ihrer Eingeschränktheit dringend und schleunigst verändern muss. Denn sie hat ja wohl das eigene Unglück verschuldet und durch ihre Unbewusstheiten die eigenen Leidenszustände verursacht. 

Der Beziehungspartner wird im Extremfall dämonisiert und pathologisiert, um sich selber als "heiler", als "normaler" und als weniger gestört darzustellen. Damit will man sich selber sicherer fühlen. Wiederum ist diese Sicherheit trügerisch, weil sie am Fundament der Beziehung rüttelt. Nicht selten kommt es gerade in der zweiten Phase des inneren Wachsens zu Beziehungstrennungen, häufig aus dem Eindruck heraus, dass sich die andere Person nicht oder nur zu wenig, bzw. in die falsche Richtung bewegt, sodass kein Zusammenklang mehr möglich erscheint. Die Schere klafft immer weiter auseinander: Auf der einen Seite ein wachstumsorientiertes Ich, auf der anderen das beharrende Du. 

 Je mehr und öfter man sich "besser" fühlt im Vergleich zum Partner, desto wahrscheinlicher wendet sich der Blick auf Ausweichmöglichkeiten. Die Qualitäten, die am Partner vermisst werden, sind ja keine utopischen Wunschträume, vielmehr gibt es Menschen, die gerade über diese Qualitäten verfügen und denen zuzutrauen ist, dass sie sie auch in eine Beziehung einbringen können. Man trifft solche Menschen in Selbsterfahrungsgruppen und anderen Veranstaltungen der Szene. Warum also in der angestammten Beziehung bleiben, wo andere mehr und Besseres versprechen? 

Erfahrene Therapeuten und Lehrer legen nahe, gerade in den turbulenten Phasen des inneren Wachsens keine weitreichenden äußeren Entscheidungen zu treffen, also keine neuen (oder zusätzlichen) Beziehungen einzugehen, keine lange bestehenden Bindungen zu beenden usw. Sie wissen, dass die im Inneren aufbrechenden Konflikte gerne nach außen verlagert werden, um hier eine scheinbare Entlastung vom Problemdruck zu erreichen. Werden solche gravierenden Lebensveränderungen vorgenommen, verschärfen sie nur die innere Belastung und verkomplizieren den inneren Weg. Manchmal kann die Empfehlung hilfreich sein, eine "Beziehungspause" einzuführen, wenn die Beziehungssituation aktuell auswegslos erscheint. Denn in der Distanz kann sich leichter aussortieren, was in die Beziehung und was zur eigenen inneren Entwicklungsarbeit gehört.

Unterschiede im Wachsen 


Tatsächlich ist es schwer, das Ungleichgewicht auszuhalten, das entsteht, wenn nur ein Partner am inneren Wachstum interessiert ist. Die Sichtweisen auf das Leben differenzieren und verfeinern sich, und stoßen auf Unverständnis, wenn sie vom Beziehungspartner nicht geteilt werden. Ebenso kommen im Zug der Innenerforschung Wünsche und Bedürfnisse an die Oberfläche, die lange Zeit zurückgedrängt oder vergessen waren, und die der Beziehungspartner, der auf das bisherige Niveau des Austausches eingestellt war, nicht gleich automatisch verstehen und erfüllen kann. 

Durch das Entdecken der eigenen Individualität werden die eigenen Konturen schärfer und prägnanter wahrgenommen und akzentuiert. Die Unterschiede zeichnen sich deutlicher ab, während häufig die Gemeinsamkeiten verblassen. Manchmal fragen dann Menschen, ob sie in einer Beziehung bleiben sollen, die immer mehr auseinander zu driften erscheint. Sie fühlen sich ausgebeutet und missverstanden, emotional unterernährt oder fortwährend abgewertet. 

Die Liebe im Relativen ist immer störanfällig, weil sie an Bedingungen hängt. Die Suche nach mehr Sichterheit in einer Beziehung ist eigentlich eine Suche nach der Liebe, die aber nur in der Bedingungslosigkeit besteht und wirkt. In den ersten Phasen des inneren Wachsens werden nur die Bedingungen verfeinert und differenziert, und es bedarf weiterer innerer Klärung, bis die Seele so weit ist, Bedingung nach Bedingung fallen zu lassen. Dann breitet sich die bedingungslose Liebe von selber aus.

Meins ist besser als deins 


Doch auch dann, wenn beide Partner an der Innenentwicklung interessiert sind, kann es zu Spannungen kommen. Besuchen die beiden die gleiche Schule oder arbeiten sie mit der gleichen Methode, kann es offen oder insgeheim zur Konkurrenz kommen, wer sich schneller und intensiver weiterbewegt. Sind die Methoden und Zugänge unterschiedlich, wird leicht ein Streit darüber ausbrechen, welche Richtung die bessere und effektivere ist. Schwachstellen der anderen Person, wie sie im Alltag auftreten, können dann als Mängel in der entsprechenden Wachstumsdisziplin dargestellt werden, um die eigene Methode und damit sich selber als besser herauszustellen.

Über das Vergleichen hinauswachsen 


Jeder tiefgehende und weitreichende innere Weg führt irgendwann zur Erkenntnis, dass Vergleiche zwischen Menschen nicht weiterhelfen. Denn sie beinhalten Bewertungen und konstruieren Konzepte, die bei der Einordnung von Menschen helfen sollen, aber gleichzeitig Gräben zwischen ihnen ausheben. Irgendwann leuchtet ein, dass solche Kategorisierungen Unrecht und Unfug sind. Sie werden der Individualität und Besonderheit jedes Menschen nicht gerecht, und sie beschränken die eigenen Wahrnehmungsmöglichkeiten und damit die innere Freiheit des Wachsens. 

Irgendwann kommt die Erfahrung dazu, dass je mehr Druck auf den Partner ausgeübt wird, sich in eine bestimmte Richtung zu bewegen, umso mehr Gegendruck erzeugt wird, gerade das nicht zu tun. Die Einsicht, durch die eigenen Bemühungen das zu erschweren, was sie bewirken sollen, ist ernüchternd. Dann kann die Hilflosigkeit, die angesichts der erfolglosen Bestrebungen entstanden ist, dem Verständnis weichen, dass der Impuls zur Veränderung nur dann wirksam werden kann, wenn er von innen kommt. So fällt es leichter, zu akzeptieren statt zu agieren. Die Erleichterung kann sich dann entspannend auf die Beziehungsgestaltung auswirken - und, wunderbarerweise, nicht so selten dazu führen, dass sich der Partner doch zu bewegen anfängt. 

Solche Erkenntnisse sind ein klares Zeichen für das Eintreten in die dritte, systemische Phase der inneren Entwicklung. Die systemische Denkweise belehrt darüber, dass sich die eigenen Beziehungsthemen nicht durch einen Partnerwechsel verändern. Sie sind das Gepäck, das wir aus den frühen Erlebnissen mit Bezugspersonen aufgeladen haben. Darin findet sich das Grundrepertoire dessen, was wir in Beziehungen einbringen können, und darauf greifen wir immer wieder zurück, vor allem, wenn wir in Stress und Anspannung geraten. 

Also steht neben der Option, den Partner zu wechseln, "weil es nicht mehr passt", auch die Option, die Verantwortung für die eigenen Anteile an den Themen zu übernehmen und für sich selbst und auch mit dem Partner zusammen Licht auf diese Themen zu werfen. In der Paartherapie, in Beziehungsgruppen oder anderen paarorientierten Veranstaltungen und Kursen treffen sich dann die wachstumsorientierten Beziehungspartner, um die Themen, die sich zwischen ihnen immer wieder auftun, zu bearbeiten. 

Das funktioniert nur dann, wenn es ihnen gelingt, die systemische Sichtweise einzunehmen. Sie führt aus den Verirrungen des Vergleichens heraus, indem sie hilft, "in die Mokkasins des Feindes" zu schlüpfen. Die Perspektive des anderen einzunehmen öffnet die Augen für die eigenen Schwächen, die sich hinter dem Sich-Besser-als-der-andere-Fühlen-Müssen verbergen. Es wird deutlich, dass in den Themen, die am Beziehungspartner stören, eigene vergessene Verletzungen festgemacht sind, die der Partner ohne Absicht aktiviert. Hier kann gelernt werden, dem Partner für das Bewusstmachen eigener Themen zu danken, statt ihn dafür zu bekämpfen oder ihn zur eigenen Sichtweise zu erziehen. 

Doch erst in der vierten Phase des inneren Wachstums wird die Kraft nutzbar, die darin besteht, die Partner in den Beziehungen in ihrer Werthaftigkeit zu schätzen, gleich ob sie sich einem Weg des inneren Wachsens verschrieben haben oder nicht. Für die bedingungslose Liebe gibt es keine Unterschiede zwischen den Menschen mehr, und jedes Bedürfnis, besser oder weiter zu sein als jemand anderer, ist verschwunden.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Wachstum und Lernbeziehung



In der Entfaltung des inneren Wachsens verändert sich unsere Beziehungskultur - in uns und mit unseren Mitmenschen. Im gleichen Maß, wie wir lernen mit uns selber besser umzugehen, lernen wir, mit anderen Menschen besser umzugehen. Der Weg zu einer hohen Qualität mitmenschlicher Beziehungen, wie wir sie uns alle wünschen, ist allerdings lang, mit vielen Stolpersteinen gepflastert. Er hat damit zu tun, wie wir unsere Fähigkeit, die Toleranzspannung zwischen Gleichheit und Individualität auszuhalten und auszuweiten. Dieser Prozess der Weitung unserer Liebesfähigkeit führt uns "notwendigerweise" an Engpässe und zu Problemzonen, in denen wir unbewusst die Kraft der wertenden Unterscheidung mobilisieren, um uns vor den Risken der Veränderungen zu schützen. Das wertende Unterscheiden soll also eine innere Not wenden.

Eine der Quellen von solchen Themen liegt in der neuen Erfahrung einer Lernbeziehung, in die wir mit einem Therapeuten oder eine Lehrerin/Meisterin eintreten. Diese Personen bieten eine Qualität des Verstehens, der Präsenz, des Ernstnehmens und der liebevollen Zuwendung, die anfangs als etwas ganz außerordentlich Besonderes und Wertvolles begegnet. Denn es gibt in dieser Ausschließlichkeit dazu kein Vorbild, weder im Erwachsenenleben noch in der eigenen Kindheit. Da begegnet man nun auf einmal der idealen Mutter und dem idealen Vater, vereinigt in einer Person, und im Kontrast dazu verblassen alle anderen realen Beziehungen in der Gegenwart und in der Vergangenheit. 

Alle Mängel der aktuellen Kommunikationspartner werden vor dieser Folie überdeutlich negativ karikiert. Das führt zu unvermeidbaren Konflikten, weil bewusst oder unbewusst auch von den ungeübten und weniger bewussten Mitmenschen eine Güte an Klarheit und Herzenswärme eingefordert wird, zu der diese aufgrund ihrer eigenen frühen Beziehungsgeschichten nicht in der Lage sein können. Schließlich haben ja auch die vorbildhaften Meister der Kommunikation jahrelang an sich gearbeitet, um diese Qualitäten zu erwerben und zu entwickeln. Doch einmal in ihrer Wohltat erfahren, möchte man sie immer haben und versteht nicht, wenn sie einem von den Menschen, von denen man annimmt, dass sie einen liebhaben, "vorenthalten" wird. Diese Frustration schlägt schnell in Aggression um, die sich klarerweise aus den Wurzeln ähnlicher Erfahrungen aus den primären Beziehungen speist - kein gedeihlicher Boden für eine gelingende Kommunikation. 

In der Not geht die Fantasie zur Meisterin, die ganz anders und viel besser mit solchen Situationen umgehen würde. Wie liebevoll würde sie reagieren, wie offen und verständnisvoll. Die Fantasien verdoppeln die Frustration, weil die Meisterin, so wertvoll ihre Präsenz erfahren wird, nicht die ganze Zeit da ist und ihre außergewöhnliche Zuwendung nur in einer zeitlich begrenzten Form geben kann, während die Person, die die ganze Zeit da ist, ihr nicht nur nicht das Wasser reichen kann, sondern vielmehr noch ein negatives Abbild dazustellen scheint.

Vor allem in den Anfangszeiten einer therapeutischen und spirituellen Lernbeziehung entwickelt sich folglich eine imaginäre Dreiecksbeziehung. Der Therapeut oder die Meisterin ist fortwährend vorhanden, und die alltäglichen Beziehungserfahrungen werden andauernd bewusst und noch mehr unbewusst mit den Beziehungsqualitäten, die die bewunderte und verehrte Person aufweist, verglichen. Aufgrund der Herausgehobenheit der therapeutischen Kommunikation aus dem Alltag ist der Vergleich natürlich unfair. Mit einem spirituellen Lehrer muss keine Einigung über die Haushaltsverantwortlichkeiten oder andere Notwendigkeiten des Alltags getroffen werden. Er kann leicht der ideale Beziehungspartner für ein paar Minuten oder Stunden sein, wenn es um nichts anderes geht als darum, mit den eigenen Problemen und Schwierigkeiten verstanden zu werden.

Dennoch übertragen wir die Erfahrung, so besonders gut oder tief verstanden worden zu sein, auf die Menschen um uns herum. Der Wunsch nach Begegnung in einer solchen Atmosphäre ist ein stark in uns verwurzeltes Bedürfnis, das uns vom Anfang unseres Lebens an begleitet, dass klar ist, dass wir uns das wünschen müssen. Wir haben im Lauf unseres Aufwachsens gelernt, darauf zu verzichten, weil sie so spärlich vorhanden war. Irgendwann haben wir vergessen, wie bitter wir sie  notwendig haben, um uns geliebt zu fühlen. Bis zu dem Zeitpunkt, wo uns dieses Gesehenwerden wieder zuteil wurde, haben wir angenommen, dass es eine derartige Qualität der Begegnung für uns ohnehin nie geben wird.

Nun, da sich gezeigt hat, dass sie uns doch geschenkt wird, erwachen unsere Wünsche und Sehnsüchte wieder, und wir erkennen, dass es zu unserem Geburtsrecht gehört, in unserem Sein und Wesen vorbehaltlos und bedingungslos angenommen und wertgeschätzt zu sein. Dieses Recht fordern wir damit logischerweise von unseren Mitmenschen ein. Sonst ist ja niemand da, der diesen Rechtsanspruch einlösen könnte. Je näher uns jemand steht, desto mehr sollte er zur Stillung dieses Bedürfnisses beitragen und desto mehr verletzt der Mangel daran. So wird die Erfahrung des Mangels proportional mit dem Grad an Vertrautheit aktiviert, was häufig dazu führt, dass die Konfliktintensität ebenso mit dem Grad an Nähe ansteigt. 

Der Ausweg aus Idealisierung und Abwertung


Es braucht weitere Schritte in der inneren Entwicklung, um sowohl die Idealisierung, die der Lehrperson gegenüber aufgebaut wird, wie auch die Irrealität der Forderungen an unsere Mitmenschen, insbesondere der uns Nahestehenden, zu durchschauen und loszulassen. Nach dem Modell der Phasen des inneren Wachsens geschieht es bei der Einübung in die dritte, die systemische Phase, dass wir die Relativität unserer Erfahrungen annehmen lernen. Wir erkennen die Beschränktheit der therapeutischen Kommunikation und ihre Nichtvergleichbarkeit mit anderen Situationen des sozialen Austausches. Wir erkennen, dass die Menschen um uns herum die gleichen oder ähnliche Mangelerfahrungen und Sehnsüchte haben wie wir selber. So nehmen wir die Ansprüche zurück, die wir an sie richten und tun uns damit leichter, die Kirchen im Dorf zu lassen: Wir können aus der therapeutischen oder spirituellen Kommunikation lernen und aufnehmen, was sie uns bieten kann, und zugleich wertschätzen, was uns die anderen Kommunikations- und Begegnungserfahrungen unseres Lebens tagtäglich schenken oder auch zu lösen aufgeben. Wir müssen nicht mehr das eine mit dem anderen vergleichen, sondern lernen, mit den unterschiedlichen Herausforderungen unterschiedlich umzugehen. 

So können wir unsere Lebenspartner von den Forderungen entlasten, die eigentlich unseren Eltern und frühen Erziehungspersonen gelten. Wir richten den Blick darauf, was sie uns geben können und wie sie für uns dasein können, um dafür die gebührende Dankbarkeit zu entwickeln, statt die Beschränktheit und Bedingtheit dieses Gebens zu bemängeln. Wir erwarten nicht mehr von den Partnern unseres Alltagslebens, dass sie unsere frühkindlichen Defizite ausgleichen, noch dass sie zu Kopien von Meistern, Lehrern oder Therapeuten werden, die wir kennenlernen konnten. Vielmehr erkennen wir, dass wir ihnen für das, was sie sind und wie sie sind, - wie sie für sich sind, und auch, wie sie für uns sind -, Anerkennung und Wertschätzung entgegenbringen können.

Und so können wir anfangen, die Orientierung umzudrehen: Statt auf die Füllung unserer eigenen Mangelerfahrungen zu dringen, die emotionale und kommunikative Unterernährung unserer Mitlebenden als Aufgabe für unsere eigene Liebesfähigkeit zu sehen. Wir schauen mehr darauf, was wir geben können, auch aus dem heraus, was wir im Lauf unseres bewussten inneren Wachsens gelernt und entwickelt haben, und weniger darauf, wo wir am meisten für uns selber profitieren könnten. Schließlich erfahren wir, wie viel Erfüllung darin liegen kann, die Qualität des Ernstnehmens und Akzeptierens, die wir in speziellen Kommunikationssituationen erleben durften, anderen weiterzugeben. Auf diesem Weg wird diese Qualität mehr und mehr zum Standardrepertoire unseres Beziehungslebens.

Damit nähern wir uns der vierten Stufe der inneren Entwicklung an, die im Teilen der bedingungslosen Form der Liebe besteht. Wir sind dann nicht mehr von unserer Bedürftigkeit gelenkt, sondern fühlen uns mit der Fülle des Seins verbunden, das uns immer genau das gibt, was für uns gut ist und uns immer einen Weg zeigt, wie wir besser für die Menschen um uns herum dasein können.

Beziehungsfallen für die Lehrperson


Aus der Not von Missverständnissen und Konfliktsituationen in den Beziehungen des täglichen Lebens wird der idealisierten Lehrperson ein besonderes Beziehungsangebot unterbreitet. Wiederum ist es vermutlich zum größten Teil unbewusst. Es besteht darin, dieser Beziehung eine herausragende Wichtigkeit und Bedeutsamkeit vor allen anderen Beziehungen einzuräumen. 

Je nachdem, wie gründlich sich ein Therapeut oder eine spirituelle Lehrerin mit den entsprechenden Ego-Anteilen auseinandergesetzt hat, die auf solche Beziehungsangebote reagieren, bemisst sich der Grad an Verantwortung, wie damit umgegangen werden kann. Im Fall einer unbewussten Schwäche im Bereich des eigenen Narzissmus wird das Angebot missbräuchlich aufgenommen: Der Lehrer nutzt die Bewunderung, die ihm entgegengebracht wird, zur Füllung des eigenen Bedürfnisses nach Anerkennung aus. Entsprechend wird er die Beziehung zur Schülerin gestalten, sodass in ihr das Gefühl verstärkt wird, nur in dieser Beziehung ihr Heil finden zu können, statt ihre Fähigkeit zu stärken, alle ihre Beziehungen im Leben besser gestalten zu können und sich damit gut aus der Idealisierungsbeziehung zur Lehrperson lösen zu können.

Die Reife der Persönlichkeit zeigt sich daran, dass die Rahmenbedingungen der Lehrbeziehung klar unterschieden werden können von den Rahmenbedingungen der anderen Beziehungen, in denen sich die hilfe- und ratsuchende Person in ihrem Leben befindet. Ein weiterer Gradmesser dieser Reife liegt darin, die Stärkung der Autonomie und universellen Liebesfähigkeit in der Schülerin als oberste Richtschnur ihrer Förderung und Unterstützung zu nehmen. Es liegt an der Lehrperson, sich selber in dieser Rolle strittweise zurückzunehmen und überflüssig zu machen. Nur wenn sie die dafür notwendige Kraft und Bewusstheit hat, ist sie wirklich geeignet, das innere Wachstum von anderen Menschen zu begleiten und zur Entfaltung zu bringen. Wenn sie über diese Qualitäten verfügt, sorgt sie auch dafür, dass sich die zu Beginn des Beitrags geschilderten Projektionsphänomene nur im möglichst geringen Grad ausbilden. Je klarer also ein Therapeut oder spiritueller Lehrer die Besonderheit des individuellen Weges einer Schülerin erkennt auf und alles in seinen Kräften Stehende dafür einsetzt, damit dieser Weg zur Auflösung aller Abhängigkeiten von ihm selbst und damit zur Auflösung der Lehrbeziehung als solcher führt, desto leichter wird es der Schülerin fallen, sich in ihrem eigenen Beziehungsnetz harmonisch entwickeln zu können. 

Donnerstag, 17. Juli 2014

Die Liebe und ihre Bedingungen - Vier Phasen

Liebe ist möglicherweise der komplexeste Begriff, über den wir verfügen, und der einfachste. Deshalb ist es schwierig, darüber zu schreiben, und sollte zugleich einfach sein. Unsere Fragen nach dem, was Liebe ist, beginnen immer in der Ära des Relativen, im Bereich der Gefühle, Konzepte und Ideen, die die Menschen in Bezug auf ihre Erfahrungen entwickeln.

Im Relativen ist die Liebe immer an Bedingungen geknüpft: Ich liebe dich, wenn du so oder so bist; ich liebe dich, wenn ich so oder so bin. Also: Wenn du mir Rosen schenkst, liebe ich dich. Wenn ich mich geliebt fühle, liebe ich dich auch, usw. Äußere oder innere Umstände bestimmen die Fähigkeit zu lieben. Liebe ist das, was im Rahmen der eigenen Konditionierungen möglich ist. Sie bricht ab, wenn die Bedingungen zu schwach werden und die Angst überhand nimmt.

Liebe ist lernfähig. Oder: Unser Umgang mit dieser Kraft hat ein Wachstums- und Entwicklungspotenzial. Wenn wir sagen, wir möchten lernen zu lieben, dann heißt das, dass wir mehr von diesem Potenzial entdecken und freilegen wollen. Es hat vor allem damit zu tun, unsere Ängste vor der Liebe Schritt für Schritt abzulegen. Schritt für Schritt lösen wir uns dabei von den Bedingungen, die sich im Lauf unseres Lebens an das, was wir als Liebe erfahren haben, angeheftet haben. Schritt für Schritt kommen wir uns selbst näher, und damit unserer Liebesfähigkeit.

Liebe will immer aus den Engen des Relativen herausführen. Sie sucht immer den Weg zur absoluten Wahrheit. Aber sie braucht andere Hilfen, um dorthin zu finden. Eine der Hilfen liegt in Wanderkarten, die die Stationen des Weges hervorstreichen. Hier können wir das Modell der Entwicklungsphasen im inneren Wachstum nutzen, um den Konditionen und Konditionierungen unserer Liebe besser auf die Spur zu kommen.

1. Phase:


Herkömmliche Konzepte der Liebe werden in Frage gestellt. Es gilt z.B. nicht mehr fraglos,  die eigenen Eltern zu lieben. Bei all den Verletzungen, die sie zugefügt haben - verdienen sie da überhaupt noch geliebt zu werden? Was war das für eine Liebe, die wir als Kinder den Eltern entgegengebracht haben? War das Naivität, gegründet auf Abhängigkeit, ein Gegengeschäft dafür, dass wir nicht alleine gelassen und dass wir grundversorgt werden? Götzenbilder und Illusionen werden vom Sockel gestürzt.

Dadurch wird bewusst, wie stark die eigene Liebesfähigkeit bisher von den Pfaden der Konditionierung geprägt und durchwirkt war. Die Enttäuschung darüber kann in den Zweifel münden, ob es überhaupt so etwas wie „echte" Liebe geben kann. Zum Beispiel kann jemand erkennen, dass die Liebe zu einem Beziehungspartner von der Sehnsucht geprägt war, endlich vom eigenen Vater geliebt zu werden. Oder dass die Anhänglichkeit an einen Partner nur von der Angst gesteuert wird, an den Verlust eines Zwillings erinnert zu werden, der in frühen Zeiten im Mutterleib abgegangen war. Liebe wurde offenbar mit Tauschgeschäften verwechselt.

Was bisher als Liebe verstanden worden war, wirkt jetzt schal und flach, weil es auf Illusionen und zurechtgebogenen Erfahrungen beruht. Deshalb werden die bestehenden Beziehungen in Frage gestellt und einer kritischen Überprüfung unterzogen, einschließlich der Beziehung zu sich selbst.

Häufig stellt uns diese Phase vor absurde Überlegungen wie eine Liebes-Bilanz. Wir stellen anhand einer Liebesbeziehung die Einnahmen den Ausgaben gegenüber, die Aktiva den Passiva. Wieviel habe ich getan und wieviel habe ich erlitten? Wieviel habe ich gegeben, wieviel dafür bekommen? Wir erstellen Berechnungspläne, wenn wir uns klar werden wollen, ob wir weiter in einer Beziehung bleiben wollen oder etwas Neues anfangen sollten. Wir wollen mit rationalen Überlegungen dem Phänomen der Liebe näherkommen, eine Verzweiflungstat. Denn die Liebe hat keine Affinität zu Verstandeskalkülen.

2. Phase:


Viele der Bedingungen, an die Liebe im bisherigen Leben geknüpft war, werden bewusst. Dazu müssen die eigenen Elternbeziehungen durchackert werden, denn sie enthalten die zahlreichen eingeprägten Bedingungen der Liebe. Schließlich waren unsere Eltern keine Heilige, sondern einfache Menschen mit den "normalen" Behinderungen der Liebesfähigkeit. Im Zug der Innenarbeit werden diese Programmierungen schrittweise aufgelöst. Zugleich werden subtilere Formen von Bedürfnissen aktiviert, die sich nach liebevoller Zuwendung sehnen, und deren Fehlen in den aktuellen Beziehungen umso schmerzhafter erlebt wird. So kann es gerade in dieser Phase zu vehementen Forderungen kommen: Endlich wollen wir das kriegen, was uns ein Leben lang vorenthalten wurde. Wir erkennen, was uns eigentlich zusteht, was unser Geburtsrecht ist, nämlich nicht mehr und nicht weniger als bedingungslos geliebt zu werden. Denn so sind wir selber in die Welt getreten: Mit dieser Offenheit, alles, was wir sind und haben, zu geben.

Doch nicht nur der Mangel und die Sehnsucht nach dem so lange Entbehrten plagt uns in dieser Phase. Momentweise wird die bedingungslose Liebe spürbar, als Idee und als Spüren im Erleben. Allerdings fehlt es noch an der Geschicklichkeit und dem Vertrauen, solche Erfahrungen in die festgefügten Kontexte der aktuellen Beziehungen zu übersetzen. Manchmal wird z.B. in Selbsterfahrungsgruppen eine Tiefe in der Begegnung mit fremden Menschen erlebt, die dann nur unbeholfen und unsicher in die mit Projektionen befrachteten Beziehungen zu den nahen und verwandten Menschen übertragen werden kann.

3. Phase:


Projektionen und Liebesbedingungen werden besser verstanden, und es wird leichter, ihre Wirkung auf einen selbst zu spüren. Wir erkennen, dass wir uns von uns selber abschneiden, wenn wir uns vor unseren Beziehungs- und Liebespartnern verschließen. Wir erkennen den Zusammenhang zwischen Selbstliebe und Liebe zzu anderen Menschen. Wir lernen, uns selber mehr und mehr anzunehmen und merken dabei, dass es uns leichter fällt, auch die anderen Menschen in ihren Schwächen und Gestörtheiten anzunehmen.

Der Unterschied zwischen bedingten Liebesformen und der unbedingten Liebe wird immer detaillierter erforscht. Verstanden wird auch der Unterschied zwischen dem, was in Bezug auf die Öffnung zur unbedingten Liebe gemacht werden kann, also der eigenen Anstrengung bedarf, und dem, was im Geschehen zugelassen werden kann.

Wechselseitige Abhängigkeiten werden bewusst. Das Eingeständnis, am Verlauf jedes kommunikativen Prozesses, an jedem bewussten und unbewussten Austausch mitzuwirken, .

Alle Konzepte von Liebe, die wir im Lauf unseres Lebens entwickelt haben, kommen auf den Prüfstein: "Liebe als immer eins sein", "Liebe als einander nähren", "Liebe als einander gehören", "Liebe als sexuelle Bestätigung", wie im Kollusionsmodell nach Jürg Willi. Die unbewusste Dynamik, die sich in jedem Konzept, in das die Liebe gepresst wird, verbirgt, wird freigelegt und, wenn es gelingt, aus zwanghaften Reaktionen in Spiele umgewandelt.

4. Phase:


Die unbedingte Liebe wird zum Normalfall. Störungen werden schnell wahrgenommen und können dann leicht behoben werden. Wir erleben es als Leiden an sich selbst, als selbstzugefügter Mangel, wenn wir erkennen, dass wir die Liebe in den Käfig von Bedingungen eingesperrt haben. Deshalb ist der Wunsch, wieder in den Zustand der Liebe zurückzukommen, so stark, dass wir alles unternehmen, um mit unseren Mitmenschen und mit uns selber wieder ins Reine zu kommen.

Die Liebe zeigt sich in ihrer Einfachheit: Wo die Angst Platz macht, ist Liebe, sie wartet nur darauf, dass sie wirken kann. Die Gewebe der romantischen Liebe mit ihren Verwirrungen und Verirrungen machen einer zauberhaften, in jedem Moment neu gewobenen Klarheit Platz, die Wirbel an Gefühlen ebben ab, weil deutlich wird, dass Liebe ein Seinszustand und kein bestimmtes Gefühlserleben ist. Dieser Seinszustand hat mit der Auflösung von inneren Grenzen zu tun, mit einer Öffnung für die Verbindung mit dem Ganzen und beruht auf dieser überindividuellen spirituellen Ebene, die nicht von Stimmungen und Gefühlslagen abhängig ist, sondern einfach da ist oder nicht.

Es braucht Zeit, sich an diese Einfachheit zu gewöhnen. Denn unsere Kultur ist voll von Verzerrungen des Liebesbegriffes, die uns fortwährend den Blick verstellen. Eine neue Kultur der einfachen Liebe hat wenig Publizität, aber umso mehr innere Resonanz und subversive Wirkung.

Dienstag, 8. Juli 2014

Unterschiede im inneren Wachstum

Wenn Menschen den Weg der inneren Heilung verfolgen, gehen sie durch bestimmte Phasen durch, die sich in sehr unterschiedlichen und individuellen Formen ausbilden. Wann immer sich in unserem Inneren etwas gelöst und befreit hat, begegnen wir der Welt und den anderen Menschen auf neue Weise. Vieles davon erleben wir als Verbesserungen, als Errungenschaften, nach denen wir schon lange gesucht haben. Andere Aspekte daran stellen uns vor neue Herausforderungen. 

Dazu zählt die Frage des Umgehens mit den Unterschieden im Wachstum. Wenn wir schon die Analogie des Wachsens verwenden, heißt das, dass wir mit jedem Schritt der inneren Entwicklung ein wenig größer werden als andere, die sich nicht entwickeln. Und wenn wir größer werden, schauen wir auf sie hinunter. Damit sind wir schon in der Metapher für Überheblichkeit. Wir fühlen uns "besser" (im Sinn von überlegen) als unsere Mitmenschen die gar nicht oder weniger an sich gearbeitet haben, die einen anderen Weg verfolgen oder nicht weiterkommen. Vielleicht verstehen wir nur ihre Art des Weiterkommens nicht, aber das bekümmert uns nicht, wenn wir in dieser Einstellung befangen sind. 

Jedenfalls entsteht eine Kluft, die uns von Menschen, die uns bisher vertraut waren, unterscheidet. Selbstverständlichkeiten, die vorher gegolten haben, funktionieren nicht mehr. Wir sehen uns selbst und die anderen in einem neuen Licht, und dieses Licht erzeugt neue Schatten, so, als würden die Fehler und Schwächen der anderen Personen überdeutlich werden im Vergleich zu ihren Stärken und Schönheiten.


Weshalb wollen wir uns unterscheiden?


Wir brauchen Unterschiede, weil sie uns motivieren, Anstrengungen für das Wachstum zu unternehmen. In der relativen Welt braucht es Motivatoren, die das Ausbrechen aus Mustern schmackhaft machen. Schließlich haben wir uns gut in unseren Gewohnheiten eingelebt, und sie geben uns eine gewisse Bequemlichkeit und Sicherheit. Wollen wir der Enge, die sie uns gleichwohl bereiten, entkommen, brauchen wir eine Idee von Fortschritt, von Verbesserung, von einem Zustand, zu dem hin wir uns entwickeln wollen. Sonst wären die Kräfte der Beharrlichkeit übermächtig. 

(Es mag wohl irgendwann auf der Reise den Punkt gehen, an dem wir verstehen, dass es keinen wirklichen Fortschritt gibt, sondern nur Bewegung. Aber solange wir diese Sichtweise nicht voll inkorporiert haben, brauchen wir dieses wertende Unterscheiden, das hinter dem Fortschrittsbegriff steckt.)


Wachstum und Vergleichen


Wie schon im Beitrag über die Phasen der Entwicklung beschrieben, beginnen Menschen ihren Erforschungsweg mit unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und Voraussetzungen. Sie wählen auch unterschiedliche Herangehensweisen, Methoden und Techniken. Damit ist klar, dass prinzipiell jeder Weg individuell und einzigartig ist.

Dennoch neigen wir dazu, uns zu vergleichen, weil wir immer eine Abstimmung unserer inneren Erkenntnisse mit den anderen Menschen suchen. Wir wollen ja nicht aus der Gemeinschaft der Menschen herausfallen, wenn wir uns in neue Richtungen bewegen. Über lange Perioden unseres Lebens galt eine Hauptbestrebung der Anpassung an die Umstände, denen wir ausgesetzt waren, und an die Erwartungen, die auf uns gesetzt wurden. 

Doch so können wir uns irgendwann nicht mehr verhalten, weil es uns wie ein Verrat uns selbst gegenüber erscheinen würde. Wir sind anders geworden und müssen deshalb auch das Verhältnis zu den anderen neu bestimmen. Das geht meist nicht ohne Schwierigkeiten, für uns und für sie. Wir suchen Gleich-Gesinnte, die uns bestätigen, dass wir am richtigen Weg sind - und dass die anderen es nicht sind.

Zum Verständnis des unterschiedlichen Erlebens von Unterschieden in der Entwicklung greife ich auf das Phasenmodell des individuellen Wachstums zurück.


Phase 1: Selbstabwertung und Selbstannahme


Wer auf den inneren Weg geht, hat bemerkt, dass er nicht mehr so funktionieren kann, wie es ihm bisher gelungen ist. Eine innere Unruhe, eine Unzufriedenheit mit dem Leben, Schwierigkeiten in Beziehungen, seltsame körperliche Beschwerden; irgendwo hat sich etwas im eigenen Leben quergelegt, was nicht mit den herkömmlichen Strategien auf gleich gebracht werden kann. Es wird deutlich, dass etwas an einem selber unrund oder mangelhaft ist. 

Also muss Hilfe gesucht werden, und das ist mit dem Eingeständnis verbunden, es alleine nicht zu schaffen, was für viele einer Peinlichkeit und Demütigung gleichkommt. Bisher haben sie so bravourös ihr Leben gemeistert, so viel geschafft, und nun stehen sie an und wissen nicht weiter.

Andere, die sich leichter tun, Hilfe zu suchen, weil sie das gewohnt sind, bestätigen sich zwar weiter in ihrer Hilflosigkeit, wenn sie an eine Engstelle kommen. Für sie zeigt sich der Punkt der Scham dort, wo sie erkennen, wie sie andere Menschen ausgenutzt und manipuliert haben, damit sie die eigenen Schwächen ausbügeln.

Neidvoll geht der Blick auf die vielen Menschen, die so selbstverständlich und erfolgreich den Geschäften ihres Lebens nachgehen, scheinbar ohne innere Probleme, Skrupel und Ängste. Aalglatt und stromlinienförmig gleiten sie durch die Fährnisse des Alltags. Zum Unterschied von einem selber sind sie nicht auf Hilfe angewiesen, um mit dem eigenen Leben klarzukommen. 

Die bittere Klage über das eigene Schicksal führt bald auf die Suche nach den Verantwortlichkeiten, nach den Tätern, die einen in diese hilfsbedürftige und abhängige Position gebracht haben. Wer hat mir die Schäden zugefügt, an denen ich jetzt leide?

Die Klage wird zur Anklage, auch deshalb, weil das Ausmaß der eigenen Misere im Vergleich zu den so tüchtigen Anderen spürbar wird. Denn der innere Erforschungsprozess führt zu den dunklen Flecken der eigenen Biographie, auf die zugefügten Schmerzen und Einschränkungen in den frühen Phasen des Lebens. Er führt zur Erkenntnis, dass zu wenig Liebe und zu viel Druck da war, als dass eine gedeihliche Entwicklung der eigenen Persönlichkeit möglich gewesen wäre. 

Andere haben da offenbar besser abgeschnitten vom Kuchen der Vorzüge des Lebens. Ihnen gilt der Neid und eine gebrochene Bewunderung. Denn der Verdacht wächst, dass hinter den Fassaden der Glücklichen und Erfolgreichen unerkannte und unbewusste seelische Gebrechen schlummern können - wie der Konsument der Regenbogenpresse beiderlei braucht: Die Traumhochzeiten, Reichtümer und Glücksanhäufungen der Berühmtheiten, die neidvoll bewundert werden, und die Skandale, Zusammenbrüche, Albtraum-Scheidungen, die mittels klammheimlicher Schadenfreude die Selbstwertbalance wieder herstellen.


Phase 2: Stärkung der Selbstperspektive


Die Erfolge in der Selbsterforschung und -erkenntnis werden spürbar. Vielleicht sind die Probleme noch die gleichen, aber die Einstellung dazu hat sich verändert. Vor allem die Haltung zu sich selbst gestaltet sich um: Statt die Abwertungen, die im Lauf der frühen Lebensgeschichte in die eigene Seele übernommen wurden, destruktiv auf sich selbst anzuwenden, wird die Selbstachtung Schritt für Schritt aufgebaut. Es fällt zunehmend leichter, sich selbst so anzunehmen, wie man/frau ist. 

Doch ruht die Selbstakzeptanz noch auf wackeligen Beinen, deshalb bewirkt sie noch nicht automatisch, auch die anderen so anzunehmen, wie sie sind. Vielmehr entsteht häufig zunächst eine Reaktionsbildung derart, dass die Abwertung, die man selbst erlitten hat, unbewusst gegen andere gerichtet wird. Ihre Fehler werden umso deutlicher erkannt, je mehr einem die eigenen Schwächen bewusst wurden. Als Ausgleich für den lange ertragenen Mangel an Wert werden die Schwachstellen der Mitmenschen unerbittlich aufgedeckt und bloßgestellt. Die neu gewonnene Selbsteinsicht, verbunden mit einer neuen Selbstsicherheit, wird abwertend gegen die anderen gerichtet, die noch nicht so weit sind. Der Lohn für die eigene Arbeit an der Überwindung der Ängste besteht darin, die Überlegenheit über andere zu kultivieren und sich damit eine vorläufige Form der sozialen Sicherheit aufzubauen. Vor jemandem, der selber Schwächen hat und sie vielleicht gar nicht kennt, braucht man keine Angst – und auch keinen Respekt zu haben.

Es wird dann gerne verglichen - wie viel weiter sind andere, vor allem Identifikationsfiguren für das eigene Wachstum wie Lehrer oder Therapeuten? Gerne werden aber auch andere gesucht, bei denen man sich beruhigt vergewissern kann, um wie viel weiter man selbst fortgeschritten ist als sie. Das Vergleichen führt also entweder in die Position der Überheblichkeit oder der Minderwertigkeit, je nach der Richtung, in der der Vergleich angelegt wird. Es spiegelt die Unsicherheit in der Selbstannahme wider und soll das Ich stärken und stabilisieren. 

Der Mechanismus dieser Phase kann auch als eine Umkehrung ins Gegenteil verstanden werden. Aus dem abgewerteten Opfer entsteht der abwertende Täter. Stolz und Verachtung bekommen eine neue Verwendung. Sie richten sich gegen diejenigen, die "noch nicht so weit sind", "so unbewusst und unreflektiert" durchs Leben laufen, "so wenig begriffen haben, worum es eigentlich geht". Eigene Erfahrungen werden in Belehrungen umgemünzt. Die eigene Methode muss die beste sein, die eigene Lehrerin die vollkommenste. Es wird ein missionarischer Predigerton angeschlagen, und es gibt dann nur mehr diejenigen, die die Wahrheit teilen, und die anderen, die an ihrer Unwahrheit verderben.

Unterschiede im Wachstum werden zum eigenen Vorteil ausgeschlachtet, was, vom "Täter" meist unbemerkt, das eigene Ego stärkt und damit dem nächsten Wachstumsschritt im Weg steht. Denn dieses Ego hat sich gerade in seiner Stärke und Selbstbewusstheit gefunden und will sich nie mehr unterkriegen lassen.


Phase 3: Zurücknahme des wertenden Unterscheidens 


In dieser Phase werden die Beziehungen in ihrer überindividuellen Dynamik erkennbar: Es gibt Kräfte, die sich der Kontrolle des Einzelnen entziehen, und die nicht einer einzelnen individuellen Macht unterworfen werden können, sondern von mehreren Seiten her verstanden werden wollen. Dann erst können sie gemeinsam verändert und gestaltet werden.

Es wird erkannt, wie das Vergleichen die eigene Entwicklung torpediert, statt sie weiterzubringen. Die neue Einstellung kann die Unterschiede unter den Menschen zulassen und wertschätzen. Wie können die Unterschiede zum gegenseitigen Bereichern beitragen? 

Kommt es zu "Fehlern", so beginnt jetzt die Suche bei sich selbst, statt sie den anderen anzulasten. Was kann ich an mir ändern, damit es mir besser geht? Wie kann ich anders auf die Mitmenschen zugehen, damit sie mir freundlicher begegnen?

Je eingehender das systemische Denken verstanden und angewendet wird, desto fragwürdiger wird der Begriff des "Fehlers" überhaupt. Denn zu jedem Zeitpunkt geschieht das Optimale, zu dem wir jeweils in der Lage sind. Nachträglich erkennen wir zwar häufig, dass wir etwas anders hätten machen können, was für uns vorteilhafter gewesen wäre. Aber statt den vergangenen übersehenen Chancen nachzuträumen, geht der Blick auf das, was für die Zukunft besser und anders gemacht werden kann. 

Zusätzlich geht, wenn ein emotionales Problem auftaucht, der Blick dorthin, wo die Wurzel in einem selber liegen könnte, die bewirkt, dass eine bestimmte Situation als belastend oder störend erlebt wird. 

Sobald sich jemand als erstes auf sich selbst ausrichtet, wenn es darum geht, die inneren Umstände des eigenen Lebens zu verändern, wird das Vergleichen mit anderen weniger interessant. Niemand ist in der gleichen Lage, in der wir uns selber befinden. Zwar gibt es Ähnlichkeiten, von denen wir uns Anregungen nehmen können, aber wichtiger sind jetzt die Unterschiede, die die eigene Situation einzigartig machen. Nur so können wir herausfinden, was für uns am förderlichsten ist und wie wir uns dorthin verändern können.


Phase 4: Verbindung im Fließen


Das eigentliche Ziel der Entwicklung ist die Freiheit von Ängsten und Abhängigkeiten und die Öffnung für die Kraft der Liebe. Je näher die erforschende Person diesem Ziel kommt, desto leichter kann sie selber mit den eigenen Problemen und Engstellen umgehen. Sie wird nicht mehr in Versuchung kommen, andere Menschen für das eigene Leiden verantwortlich zu machen, sondern die Wurzeln des Leidens in sich selber suchen und dort aufzulösen trachten. Sie praktiziert Methoden dafür oder weiß, wo sie sich kompetente Unterstützung holen kann. Bei Störungen in der Kommunikation mit anderen wird ein Weg der achtungsvollen Wiederherstellung der Verbindung gesucht.

An die Stelle des Vergleichens tritt ein Mitgefühl ohne Unterschied und Ansehen der Person. Statt andere Menschen ändern zu wollen, wirkt das Prinzip des Nicht-Wollens. Es braucht keine Absicht mehr, es genügt das liebevolle Dasein für das, was gerade ist, und die freundliche Zuwendung für die Person, mit der wir gerade zu tun haben.

In dem Maß, in dem die Erfahrung des Fließens in der einen oder anderen Form auftritt, wird die Verbundenheit mit dem Erleben im Moment so stark, dass Konzepte, die Unterschiede zu anderen Menschen und deren Erfahrungen aufbauen, nicht mehr gebraucht werden. Alles gilt gleichermaßen, was Menschen erleben und wie sie ihr Leben führen. Alles davon ist verwandt mit eigenen Erfahrungen, nichts ist wirklich fremd. In diesem Bewusstseinszustand zählen keine Wertungen mehr, jedes Wesen darf so sein, wie es ist und kann so wertgeschätzt werden. Die Liebe, die sich darin zeigt, ist nicht mehr an Bedingungen gebunden, sondern fließt frei.

Sonntag, 6. Juli 2014

Phasen des inneren Wachsens

Unter innerem Wachstum verstehe ich die Arbeit an der eigenen Bewusstseinsevolution. Sie besteht vor allem darin, die Ängste, die aus der eigenen Geschichte stammen, aufzulösen, sich den Verletzungen und schmerzhaften Erfahrungen zu stellen und mit der Vergangenheit Frieden zu schließen. Diese Innenarbeit erfordert Konsequenz und Mut, und das Vertrauen auf die Gnade. Sie kann auch als die bewusste und aktive Mitwirkung am eigenen Wachstumsprozess verstanden werden.

Das innere Wachstum trägt immer auch zur kollektiven Bewusstseinsevolution bei. Individuelle und kollektive Entwicklung sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn sich ein Mensch innerlich weiterbildet, Ängste und neurotische Verstrickungen löst, kommt das immer auch seiner Umgebung zugute und regt dort im günstigen Fall Wachstumsimpulse aus. 


Wenn eine Person den Raum der inneren Freiheit erweitern kann, trägt sie dazu bei, dass in der Welt ein Stück mehr Freiheit gelebt wird. Umgekehrt müssen die äußeren Umstände so beschaffen sein, dass sie die Gelegenheit für die innere Öffnung bieten.

Menschen beginnen diesen Weg von unterschiedlichen Voraussetzungen aus und gehen ihn auf unterschiedliche Weise. Zu den Voraussetzungen zählt das Ausmaß an Schwierigkeiten und Problematiken, das zwischen den Menschen äußerst verschieden ausgeprägt ist. Doch scheint es so, dass alle Menschen in irgendeiner Weise von Krisenerfahrungen und Traumatisierungen betroffen sind. Selbst wenn ein Leben auf einer vergoldeten Rutschbahn abzulaufen scheint, wenn offenbar alles da ist: Liebevolle Eltern, Wohlstand, Talente und Erfolge, kann etwa die Embryonalentwicklung problematisch und die Geburt schwierig gewesen sein, es können Belastungen aus früheren Generationen übertragen worden sein, es können Krankheiten im eigenen Leben und tragische Schicksale in der Umgebung aus dem Nichts auftauchen. Auch hier und gerade hier besteht die Notwendigkeit, innerlich zu wachsen.

Mit den unterschiedlichen Weisen, in denen Wachstum stattfindet, ist grundsätzlich gemeint: Wachstum, das durch bewusst gesetzte und erlebte Schritte erfolgt, und Wachstum, das durch äußere Einwirkungen bewirkt wird. Ein Beispiel für die erstere Variante ist die Innenarbeit durch Therapie oder Meditation, ein Beispiel für die zweite Möglichkeit ein Reifungssprung, der durch eine schwere Krankheit oder einen Schicksalsschlag erfolgen kann.


Vier Phasen des Wachsens


Ich schlage zum Verständnis dieser Entwicklung ein Phasenmodell der individuellen Bewusstseinsevolution vor. Das Modell bezieht sich auf die mit individueller Bewusstheit verbundene Spielart der Bewusstseinsevolution, also dort, wo Menschen absichtsvoll und mit persönlichem Einsatz an der Behebung von inneren Mängelzuständen arbeiten. Diese Phasen unterscheiden sich im individuellen Erleben, sind jedoch nicht Stufen auf einer Treppe vergleichbar, weil es oft nicht eindeutig bestimmt werden kann, in welcher Phase sich jemand befindet, weil sich das Verhalten situativ ändern kann. In einer Situation kann jemand einer Phase entsprechen, in einer anderen einer anderen. Allerdings wird häufig ein Zunehmen der Inhalte einer neuen Phase und ein Abnehmen der Inhalte einer früheren Phase erlebt.

Zu diesem Modell bemerke ich noch, dass es sich auf nur wenige Aspekte des komplexen Phänomens des inneren Wachsens bezieht. Es dient auch als Raster für das Thema des Umgehens mit Unterschieden im Wachstum, das dann noch in eigenen Beiträgen behandelt wird.


Phase 1: Aufbruch und Widerstand


Zu Beginn dieses Weges zeigt sich meist ein Gefühl des Aufbruchs, freilich gepaart mit viel Unsicherheit und Skepsis, denn es ist nicht klar, wohin die Reise geht und was sie kosten wird. Veränderungen werden bemerkbar, sind aber nicht stabil. Häufig wird ein Auf und Ab erlebt: Hochzustände signalisieren, dass sich etwas geändert hat. Aber dann kommt es wieder zu Zeiten des Misstrauens in die Entwicklung, wenn scheinbar nichts weitergeht oder alte Muster umso stärker wieder zuschlagen.

Die Widerstände gegen die innere Veränderung, gegen das Aufgeben von dysfunktionalen Gewohnheiten, die Ängste, die sich unterhalb der sozial geprägten Oberfläche zeigen, entfalten ihre Wirksamkeit. Sie werden als mühsam erlebt, weil sie drohen, erreichte Fortschritte wieder zunichte zu machen. Sie geben aber zugleich die Richtung an, in die es gehen soll.

Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Weges führen oft dazu, dass begonnene Prozesse, Übungen, Therapien oder Gruppen abgebrochen werden und immer wieder neue Möglichkeiten ausprobiert werden.

Nach dem Modell der Bewusstseinsevolution geschieht in dieser Phase das Heraustreten aus den Prägungen durch die ersten vier Bewusstseinsstufen. Es steht die innere Ablösung aus der Herkunftsfamilie an (tribale Stufe), die Auseinandersetzung mit der eigenen Autonomie (emanzipatorische Stufe), die Überwindung von Unter- und Überordnungen (hierarchische Stufe) und die Distanzierung der giergelenkten Ego-Bedürfnisse (materialistische Stufe) an.


Phase 2: Ich-Autonomie


Der eigene Fortschritt hat sich ein Stück stabilisiert und wird auch an spürbaren Veränderungen im eigenen Leben erkannt. Bestimmte Verhaltensmuster haben sich nachhaltig verändert. Die Richtung, in die es gehen soll, ist deutlich sichtbar.

Es wächst die Sicherheit und das Selbstverständnis. Es entsteht das Gefühl, für die eigenen Probleme selber die Verantwortung übernehmen zu können. Die Einstellung, das Opfer der Bosheit anderer Menschen oder der Umstände zu sein, verliert an Kraft.

In dieser Phase wird das Ego gestärkt. Es hat sich da und dort aus Abhängigkeiten befreit und will sich in seiner neu gewonnenen Autonomie auch in der Welt behaupten.

Die Ich-Autonomie, das Selbstgefühl und die Selbstsicherheit werden gestärkt. Damit nimmt die Person ein neues Verhältnis zur Welt ein. Die Form der Begegnung wandelt sich, indem die Opferposition verlassen wird. Deshalb wird unbewusst häufig statt der Opferposition die Täterposition eingenommen. Statt sich Grenzüberschreitungen durch andere gefallen zu lassen, wird begonnen, selber die Grenzen anderer zu verletzen. Wo bisher Aggressionen geschluckt wurden, werden sie jetzt ausgedrückt.

Wir können diese Phase mit der fünften, personalistischen Stufe der Bewusstseinsevolution vergleichen. Hier geht es um die Erkenntnis und Aneignung der eigenen persönlichen und individuellen Qualitäten, die den Unterschied zu den anderen Menschen und die Absetzung von ihren Erwartungen deutlich werden lassen.


Phase 3: Mehr Perspektiven


In dieser Phase treten die Beziehungen zu anderen Menschen, aber auch zu anderen Sichtweisen und Ideen in den Vordergrund. Das Nicht-Eigene wird nicht mehr nur aus der eigenen Perspektive heraus gesehen und interpretiert. Die Relativität der eigenen Einsichten wird deutlich. Es wird auch erkannt, dass die inneren Erfahrungen nur schwer kommuniziert werden können, und nicht deshalb, weil die anderen so schwer von Begriff sind oder so ignorant, sondern weil Erfahrungen individuell und subjektiv sind. Die Herstellung einer Verständigung ist daher eine beständige neue Aufgabe, und ihr Gelingen hängt nicht nur von der Öffnung des Gegenübers ab, sondern auch von der eigenen Bereitschaft, sich verständlich zu machen.

Wir verstehen uns selber besser, wenn wir das Spiel von unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen näher kennenlernen und reflektieren können. Wir wissen dann, dass wir nicht nur eine Person sind, die immer gleich ist, sondern dass wir einmal so, einmal anders reagieren können. Wir lösen damit schrittweise die Identifikation mit solchen Anteilen in uns und gründen unsere Identität dann nicht mehr auf eine der Teilpersönlichkeiten, sondern auf eine Instanz, die zu all diesen Anteilen als Beobachter und Zeuge in Distanz bleibt.

Mit dem Erkennen der Kontextabhängigkeit unserer Wahrheiten und der Unvorhersehbarkeit der kommunikativen Vermittlung schwindet die Basis für das Abwerten anderer Personen. Das Einlassen auf die Relativität hilft, die eigene Individualität, das eigene So-Sein, in Relation zur Individualität, dem So-Sein anderer Menschen zu sehen. Damit rücken die fundamentale Unterschiedlichkeit der Menschen und ihre ebenso fundamentale Gleichheit auf eine Ebene und brauchen nicht mehr gegeneinander ausgespielt zu werden.

Menschen versuchen häufig, aus dieser Position heraus bei Angelegenheiten anderer Menschen zu vermitteln, zu mediieren. Wer sich einer Therapie unterzogen hat, spürt den Wunsch, selber Therapeut zu werden. Leicht und gern wird die Rolle des Retters eingenommen, des allparteilichen Besserwissers. Diese Rolle kann sehr hilfreich sein, um Missverständnisse zwischen Menschen und daraus erwachsende Streitigkeiten zu schlichten und, statt Zwistigkeit auszuleben, der Verständigung den Weg zu ebnen. Dennoch kann der Konfliktvermittler, der Retter, in eine Position der Überheblichkeit geraten, die ihn dann ein Stück in die 2. Phase des inneren Wachstums zurückholt.

Diese Phase entspricht der Stufe des systemischen Bewusstseins im Modell der Bewusstseinsevolution. Das Einüben in das systemische Denken und Erleben stellt einen wichtigen Schritt in der inneren Entwicklung dar, weil dadurch eine vielgestaltige Sicht auf die Probleme des Lebens möglich wird, und unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten erkannt werden.


Phase 4: Der Weg ist das Ziel


Das eigentliche Ziel der Entwicklung ist die Freiheit von Ängsten und Abhängigkeiten und die Öffnung für die Kraft der Liebe. Je näher die erforschende Person diesem Ziel kommt, desto leichter kann sie selber mit den eigenen Problemen und Engstellen umgehen. Sie wird nicht mehr in Versuchung kommen, andere  Menschen für das eigene Leiden verantwortlich zu machen, sondern die Wurzeln des Leidens in sich selber auflösen. Sie praktiziert Methoden dafür oder weiß, wo sie sich kompetente Unterstützung holen kann. Bei Störungen in der Kommunikation mit anderen wird ein Weg der achtungsvollen Wiederherstellung der Verbindung gesucht.

Das Bedürfnis, sich besser als andere fühlen zu müssen, ist verschwunden. Ebenso hat sich das Bedürfnis verabschiedet, anderen helfen zu wollen, damit es einem selber besser geht. Das eigene Wohlgefühl, die Gelassenheit, die aus der Aufarbeitung von Ängsten führt, fließen in Mitgefühl mit anderen ebenso wie in die Entfaltung der Kreativität in unterschiedlichen Lebensbereichen hinein. Aus der Liebe und der schöpferischen Kraft zu leben, ist dann die wichtigste Richtschnur im eigenen Leben, und andere aus diesen Quellen zu unterstützen, zu bereichern und ohne Druck und Manipulation zu inspirieren, wird zur beständigen Aufgabe - eine Aufgabe, die aus der inneren Freiheit kommt statt aus einer auferlegten Anstrengung.

Diese Phase entspricht einer Annäherung an die siebte Stufe der Bewusstseinsentwicklung. Sie stellt das Ziel der inneren Entwicklung dar und wird in ihrer Fülle umso mehr spürbar, je weiter die Reise zum Zentrum des Wissens und der Weisheit führt.