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Freitag, 11. April 2025

Weltmacht ohne Mitgefühl

Bei einer geleiteten Meditation in der Natur, an der ich kürzlich teilgenommen habe, wurde ein Text vorgelesen, in dem neben vielen schönen und erhebenden Worten zweimal „Amerika“ erwähnt wurde. Mir wurde in dem Moment bewusst, wie sehr sich das Wort „Amerika“ in wenigen Wochen in meiner Gefühlswahrnehmung von neutral bis leicht positiv in einen extrem schlechten Bereich verschoben hat. Es löst Gefühle von Ekel bis Abscheu, Ärger und Unsicherheit aus.

Mir ist klar, dass Amerika viel, viel mehr als die USA ist und auch, dass das, was gegenwärtig in diesem Land geschieht, von vielen US-Bürgern abgelehnt wird. Aber die Mächtigsten im Land zählen auch zu den Mächtigsten auf dieser Welt, und ihre Einstellungen und die daraus folgenden Handlungen haben zum Teil massive Auswirkungen auf große Teile der Weltbevölkerung. Darum kann es uns nicht egal sein, was in den Machtzentren der USA abläuft und welche Absichten jene haben, die an den Schalthebeln sitzen.

Mein erstes Amerikabild war geprägt von den Erzählungen der Erwachsenen in meiner Kindheit, und das war überwiegend positiv, vor allem im Gegensatz zu den Russen, die als barbarisch und bedrohlich geschildert wurden – eine Mischung aus realen Erfahrungen mit vergewaltigenden russischen Soldaten und solchen, die die Armbanduhren in der Bevölkerung abkassierten und aus der Nazi-Propaganda, die viel Hass und Angst auf die „bolschewistischen Untermenschen“ schürte.

Über das Bild der zuckerlverteilenden amerikanischen Besatzungssoldaten legte sich später das des „hässlichen Amerikaners“, gespeist aus den Bildern und Debatten um den Vietnamkrieg. Der US-General, der damals drohte, ganz Vietnam „zurück in die Steinzeit“ zu bomben, steht als Symbolfigur für ein rücksichtsloses und gewaltbereites Land, dem viele damals wünschten, mit ihrer überheblichen und menschenverachtenden Politik zu scheitern, was auch in Vietnam geschah und als kollektives Trauma bis heute im Selbstbild der US-Amerikaner nachwirkt. Auch weltweit hat dieser Krieg zu einem Prestigeverlust für die Staaten geführt. Das Misstrauen gegen die machtgierigen Amerikaner ist bei vielen Linksgerichteten weit verbreitet und tief verwurzelt. Es spielt beispielsweise bei der Beurteilung der Ursachen des Ukrainekrieges mit. Die Sichtweise, dass in diesem Fall Russland als Angreifer die alleinige Verantwortung und Schuld am Kriegsausbruch trägt, wird von vielen Linken, auf der Grundlage eines notorischen Misstrauens in die Machtambitionen der USA, in Frage gestellt. Es gibt aus diesem Blickwinkel verschiedene Narrative, die in den USA und der von ihr dominierten NATO die Hauptverursacher dieses blutigen Konflikts sehen.

Die Ambivalenz, Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit des Amerikabildes, die sich in meiner Beurteilung im Lauf der wechselhaften Geschichte der letzten Jahrzehnte niedergeschlagen hat, ist nun durch die jüngsten Ereignisse übertönt worden. Es scheint kaum zu glauben, wie schnell die Demokratie in den USA kollabieren kann, wenn ein selbstbesessener Präsident skrupellos sein autoritäres Programm durchzieht. Es ist viel die Rede von einer Schockstarre, in die die nunmehrige Opposition und die Zivilgesellschaft gefallen wären, überrollt vom Dauerfeuer aus dem Weißen Haus. Aber nun mehren sich die Anzeichen von Widerstand – mit wenig Aussicht auf Erfolg.

Für viele Generationen von Menschen auf der Welt galten die USA über lange Zeit als Symbol einer Freiheitsverheißung. Doch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat zur Zeit nur eine etwas weniger brutale Kopie von Hitlerdeutschland zu bieten: Militärische Hochrüstung, Unterdrückung der Meinungsfreiheit, Machtlosigkeit des Parlaments, Gängelung der Justiz, aggressive Außenpolitik, Rassismus und Ausgrenzung von Minderheiten.

Macht ohne Verantwortungsübernahme

Die USA sind aus der Menschheitsgemeinschaft ausgeschert, weil sie laut gegenwärtiger Regierung auf keinen Fall mehr Verantwortung tragen wollen außer für die von der eigenen Ideologie diktierten engstirnigen Maßnahmen, die angeblich Amerika groß machen sollen. Bei der Erdbebenkatastrophe in Myanmar sind die amerikanischen Hilfsteams ausgeblieben, vor Ort waren die Chinesen und Russen, die in dieser Hinsicht die USA an gelebter Empathie weit in den Schatten gestellt haben.

Der US-Regierung ist der Preis egal, der durch ihre Maßnahmen bezahlt werden muss – in der eigenen Bevölkerung, die unter dem Kahlschlag in der Verwaltung und im Gesundheitssystem sowie unter den Folgen der Zollpolitik leiden muss. Noch weniger schert man sich darum, wie es dem Rest der Welt mit den willkürlichen Maßnahmen geht (das bettelarme Bangla-Desh wird mit 74% „Strafzöllen“ belegt, weil es mehr Waren nach den USA liefert als umgekehrt, denn dort können sich nur wenige einen Tesla oder einen Whiskey kaufen. Tausende werden dort um ihre Arbeit und ihre Existenz gebracht). Soviel offensichtliche Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit haben in der Geschichte der Menschheit nur skrupellose Diktatoren gezeigt, die allesamt letztlich katastrophal gescheitert sind, eine Spur der Zerstörung hinterlassend.

Macht ist in der Regel mit Verantwortung verbunden, viel Macht mit viel Verantwortung. Diese einfache Gleichung war den bisherigen Präsidenten der USA zumindest ansatzweise bewusst. Der jetzige Präsident fühlt sich offenbar nicht mehr daran gebunden und kehrt sie um: Je mehr Macht, desto weniger wird die Verantwortung für die Folgen der Machtausübung wahrgenommen, sowohl im eigenen Land als auch auf der ganzen Welt. Die Folgen sind bei weitem nicht abschätzbar, aber nach dem, was sich jetzt schon abzeichnet, sind die Aussichten trübe. Die Ökonomen sagen einhellig, dass es bei dem entfachten Zollkrieg nur Verlierer gibt; diese Erkenntnis gilt vermutlich für all die anderen Politikbereiche ebenso, in denen sich die Zerstörungswut des Präsidenten und seiner Gefolgsleute austobt.

Aus Katastrophen lernen

Die Erfahrung mit Rückschritten und Rückfällen in vormoderne, um nicht zu sagen primitiv barbarische Formen der Politik im Lauf der neueren Geschichte zeigt, dass nach der Überwindung der dadurch ausgelösten Katastrophen neue Anläufe zu mehr Menschlichkeit und zur Übernahme von globaler Verantwortung unternommen wurden. Jede Katastrophe löst unweigerlich Lernprozesse aus; mit mehr Vernunft und Bewusstheit könnte oder sollte es freilich die Menschheit schaffen, auch ohne Katastrophen die notwendigen Lernschritte zu setzen.

Die Beseitigung der Empathie, also der Mitmenschlichkeit im Bewusstsein der gegenseitigen Verantwortung für das Wohlbefinden der jeweils anderen, schlägt irgendwann hart auf dem Boden der Realität auf. An diesem Punkt wird plötzlich in aller Deutlichkeit bewusst, worum es eigentlich geht in den menschlichen Angelegenheiten. Wie ein Verbrecher, der im Gefängnis versteht, dass ihn das Ausleben des Bösen nicht glücklich gemacht hat, erkennen viele Menschen im Scheitern, dass sie sich im verantwortungslosen Verfolgen der Selbstsucht nur tiefer in die Selbstbezogenheit verstricken, die irgendwann unweigerlich in Verzweiflung und Sinnlosigkeit endet. Die Tragik der menschlichen Geschichte liegt darin, dass diese Erkenntnis oft erst zugänglich wird, wenn alles, was das Ziel der egoistischen Bestrebungen war, in Trümmer zerfallen ist. Das Ego will sich erst verabschieden, wenn es alles ruiniert hat, was es sich erträumte. Wo die Identifikation mit dem Ego so mächtig ist, gelingt ein Ausbruch aus seinen Fängen nur im Scheitern, im Zusammenbruch; tragisch wird es dann, wenn viele andere in diesen Strudel hineingezogen werden, wie z.B. im Ende des Großdeutschen Reiches in den Ruinen und Schuttbergen der deutschen Städte.

Mit unserer genetischen Grundausstattung kommen wir nicht über unser Ego hinaus, das sich höchstens auf ein Gruppenego ausweitet: Das Bindungshormon Oxytocin wirkt nur im vertrauten Umkreis und schürt Misstrauen gegen alles Fremde. Studien haben herausgefunden, dass die Empathie mit Machtgewinn schwächer wird. Je mehr Geld, desto mehr Macht, desto weniger Empathie – so will uns offenbar die Natur. Sie hat allerdings nicht mit den riesigen Anhäufungen von Geld und Macht gerechnet, die in der modernen Zeit durch den Kapitalismus möglich wurden. Die Natur hat uns allerdings auch eine enorme Lernfähigkeit mitgegeben, die wir nutzen können, um unsere Vernunft auszubilden. Sie ist in der Lage, das Ego und seine selbstdestruktiven Impulse zu durchschauen und zu überwinden.

Erst wo die Vernunft das Ego einzuschränken vermag, wird ein Handeln möglich, das von Verantwortung getragen ist. Die Vernunft vermag über den Tellerrand der eigenen individuellen und kollektiven Bedürfnisse schauen und ist offen für ein universelles Mitgefühl, also für ein Verständnis des Leides der gesamten Menschheit.

Zur Universalität des Mitgefühls:
Natan Sznaider: Politik des Mitgefühls. Die Vermarktung der Gefühle in der Demokratie. 
Weinheim: Beltz Juventa, 2021

Zum Weiterlesen:
Musk: "Empathie - eine Schwäche der westlichen Zivilisation"
Der heroisierte Verzicht auf Empathie
Der Propagandatrick der Umkehrung
Taktiken zur Machtergreifung
Muster der rechtsorientierten Propaganda

Dienstag, 12. November 2013

Narzissmus und Prä-Trans-Verwechslungen

Im ersten Beitrag zu den Prä-Trans-Verwechslungen habe ich die Vermutung geäußert, dass die Tendenz zu solchen Verwechslungen auf nicht aufgearbeiteten Traumaerfahrungen beruht. Aus solchen Vorprägungen kann auch die innere Anziehung zu „zwielichtigen" Angeboten der Esoterik erwachsen, die viele Menschen in unseren Breiten zum Konsum von entsprechenden Büchern, Gegenständen und Dienstleistungen motiviert.

Ich möchte hier die Verbindung zwischen Prä-Trans-Verwechslungen und narzisstischen Störungen genauer betrachten. Narzisstische Persönlichkeitsstörungen haben die Kennzeichen von einer Überschätzung der eigenen Wichtigkeit verbunden mit Fantasien über Erfolg und Macht, Verlangen nach Bewunderung durch andere, Fehlen von Einfühlungsvermögen, Egoismus und Überheblichkeit. Das zentrale Bestreben des Narzissten liegt darin, sein labiles Selbstwertgefühl in Balance zu bringen. Er nutzt dafür andere Menschen gnadenlos aus, häufig mit ausgeprägten manipulativen Fähigkeiten. Narzissten können nach außen sehr charmant und gewinnend auftreten, während sie zugleich, aus der Nähe betrachtet, kühl, unnahbar und arrogant wirken.

Menschen, die in ihrer Kindheit wenig echte Zuwendung und Verständnis erfahren haben, können diese Störung entwickeln. Da sie als Kinder selber nie oder viel zu wenig „gesehen“ wurden, erkennen sie andere Menschen und deren Bedürfnisse nicht oder nur mangelhaft. Von den Eltern eher an äußeren Maßstäben gemessen (Du bist viel besser, schöner, tüchtiger als andere Kinder, oder: Du musst noch viel besser, schöner, tüchtiger werden, um zu genügen), entwickeln sie kein realistisches Selbstwertgefühl. Außerdem fehlt es ihnen an Empathie, die ihnen selbst nie oder viel zu wenig entgegengebracht wurde.

Nach dem Psychoanalytiker Stavros Mentzos (1984) gibt es verschiedene narzisstische Kompensationsmöglichkeiten zum Ausgleichen der Defizite im Selbstwertgefühl, von denen hier drei in Bezug auf die Esoterik beleuchtet werden:
Die erste Möglichkeit besteht darin, durch Regressionen in einen früheren (vermutlich pränatalen) Einheitszustand einen Selbstwert- und Machtzuwachs zu bewirken. Daraus entsteht dann die Grundlage für Verschmelzungsfantasien mit etwas unbegrenzt Großen.
Im zweiten Fall werden die unangenehmen Aspekte der Realität mit Hilfe von Größenfantasien verleugnet. Kinder, denen dauernd bestätigt wurde, dass sie ganz besonders und besser als andere Kinder sind, können als Erwachsene Wahnvorstellungen unterschiedlichen Grades (von harmlosen Tagträumereien bis zu psychotischem Größenwahn) entwickeln.
Drittens kann durch die Idealisierung von anderen Personen, die als omnipotent und allwissend verherrlicht werden, versucht werden, das eigene Selbstwertgefühl zu retten.
Im günstigeren Fall entwickelt sich ein Selbst, das innere Sicherheit, Selbstbewusstsein und ein ruhiges Selbstvertrauen ermöglicht, relativ unabhängig von Anerkennung und Kritik durch andere. Kommt es allerdings zu Krisen, dann kann das Fehlen von Erfolgen oder von Bestätigungen durch andere Menschen zu manifesten Störungen führen.


Narzisstische Kompensation durch esoterische Angebote


Die jeweilige Art der narzisstischen Kompensation kann auf der Grundlage von Prä-Transverwechslungen das Interesse an esoterischen Angeboten in eine bestimmte Richtung lenken und damit den Kompensationsmechanismus zu verstärken. Ebenso kann die entsprechende narzisstische Störung auf der Seite der Anbieter den Hintergrund bereitstellen, der für die Entwicklung des entsprechenden Angebotes und seiner Vertretung und Propagierung auf dem Markt notwendig ist.


Verschmelzungsfantansien


Ozeanische Verschmelzungsgefühle gehen mit großer Wahrscheinlichkeit zurück auf die pränatale Zeit, also die erste Geburtsmatrix nach Stan Grof. Der Embryo erlebt im günstigen Fall ein Gefühl des Einsseins mit dem mütterlichen Organismus, das eine gewaltige Ressource für das Urvertrauen in das Leben darstellt.

Das Kind beginnt, diese Einheit zu fantasieren, wenn sie schon verloren ist, und vor allem dann, wenn statt der ganz selbstverständlichen Verbundenheit Erfahrungen des Abgetrenntseins, der Einsamkeit und Unverbundenheit auftreten, wie es geschehen kann, wenn das werdende Leben unwillkommen ist, das Neugeborene von der Mutter getrennt wird oder das Baby allein gelassen wird. So wird die fantasierte Einheit in Form einer Verschmelzung mit etwas Großem und Ganzen zum Fluchtpunkt aus einer schwer zu ertragenden Wirklichkeit voll von emotionalen Entbehrungen.

Menschen, die eine Erfüllung solcher Verschmelzungsfantasien suchen, finden in esoterischen Angeboten eine reichhaltige Anregung und Bestätigung in esoterischen Angeboten: Propagiert wird das Erreichen der Verbundenheit mit Allem, das Eins werden mit einem großen Ganzen, die Auslöschung der eigenen Identität, und der Weg zurück zur Einfachheit, mittels verschiedenster Psychotechniken oder pseudospiritueller Praktiken.


Größenfantasien


Größenfantasien können entstehen, wenn Eltern das Kind idealisieren. Sie sehen das Kind nicht, wie es ist, mit seinen Stärken und Schwächen, sondern so, wie sie es gerne haben würden (oder: Wie sie selber gerne sein würden...). Das Kind entwickelt dann ein unrealistisch aufgeblähtes Selbstbild. Es verliert die Fähigkeit, sich selber an den Reaktionen der Außenwelt einzuschätzen. Die äußere Realität wird in ihrer Rolle als Korrektiv der Innenwelt zurückgestuft, und damit finden Konzepte Eingang ins Bewusstsein, die keinerlei Kontrolle durch die äußere Wirklichkeit benötigen, sondern sofort und ohne Prüfung anerkannt werden. Sie müssen nur mit den eigenen Größenfantasien kompatibel bleiben und sie bestätigen.

Die dahinterliegende Bindungsstörung zwischen Eltern und Kindern ist wahrscheinlich die unsichere (distanzierte) Bindung, die dadurch zustande kommt, dass sich das Kind den elterlichen Vorstellungen von Selbständigkeit und Unabhängigkeit unterordnet und seine eigenen Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung verdrängt.

Eine Form dieser Größenfantasien findet sich im Beziehungswahn und seinen milderen Abstufungen, einer Quelle für Prä-Trans-Verwechslungen. Aus der spirituellen Idee, dass alles mit allem verbunden ist, fixiert die narzisstisch gestörte Persönlichkeit inmitten des Netzes dieser unzähligen Verbindungen einen Zentralpunkt, das eigene Ich, auf das sich alles und jedes bezieht, was im Außen passiert, verbunden mit der Annahme, dass diese Beziehungen von einem selbst kausal verursacht werden. Die harmlosen Formen beginnen dort, wo jemand sagt, weil ich an XY gedacht habe, ruft er an (die möglicherweise viel zahlreicheren Gelegenheiten, bei denen jemand anruft, ohne dass vorher an ihn gedacht wurde, oder wo an jemanden gedacht wurde, und diese Person ruft dann nicht an, werden nicht beachtet, statt dessen wird die eine Erfahrung zur Regel gemacht, um die eigene Bedeutung zu erhöhen). Komplexer wird es, wenn jemand annimmt, dass die Leute deshalb aus der Straßenbahn aussteigen, weil man selbst einsteigt oder dass die Ampel deshalb auf rot (oder grün) gestellt wird, weil man gerade bei ihr ankommt.  Bis zu: Die Welt geht den Bach hinunter, weil ich selber zu wenig positive Gedanken bilde. In einer Welt der totalen Determiniertheit aller Vorgänge durch die eigene Willenskraft oder die eigenen Denkvorgänge gibt es natürlich auch keine Zufälle. 


Dazu passen die entsprechenden Angebote an esoterischen Lehren, die die unbegrenzte Erfüllung der eigenen Wünsche versprechen: Du brauchst dir nur auf die richtige Weise zu wünschen, dann wird dir alles gegeben. Das ganze Universum wartet nur darauf, einen jeden deiner Wünsche zu erfüllen. Das Schlaraffenland wird mit pseudospirituellen Gesetzmäßigkeiten für real erklärt. Kindliche Größenfantasien, in einer belasteten prärationalen Welt entstanden, liefern den Treibstoff für Lehrgebäude, die sich mit rationalen und spirituellen Bordüren verbrämen.


Idealisierung und Identifizierung


Der dritte Kompensationsmechanismus der Idealisierung und Identifizierung bevorzugt neue Konstruktionen der Wirklichkeit, wie sie z.B. in der Romantisierung bestimmter Phasen der Vergangenheit oder in der Erfindung fantastischer Kulturen auf anderen Planeten entstehen. In einer idealisierten Kultur können die Widersprüche und Unmenschlichkeiten der modernen Welt zum Verschwinden gebracht werden.

Weiters bieten sich Personen als Identifikationsmöglichkeiten für das narzisstische Bedürfnis nach Selbstüberhöhung an. Magische Meister mit übermenschlichen Fähigkeiten und kosmischen Verbindungen können nur die letztgültigen und von aller Mühsal befreienden Botschaften vermitteln. Wer über intime Kontakte zu den Plejaden verfügt, kann ein Wissen und eine Weisheit weitergeben, die jedes menschliche Maß übersteigen müssen, auch wenn die gechannelten Einsichten den Aussagewert eines durchschnittlichen spirituellen Ratgebers nicht wesentlich übersteigen.

Doch auch smarte Redner und Zahlenkünstler können mit dem willkürlichen Zusammenschneidern scheinbar objektiven Fakten das Publikum begeistern und seine Sehnsüchte nach einer besseren Welt befriedigen. So spricht z.B. der US-amerikanische New-Age-Vortragende und Bestsellerautor David Wilcock davon, dass sich gerade jetzt ein 25 920-Jahreszyklus abschließt, dank dessen die „Bösewichter“ genau in diesem Moment der Geschichte besiegt werden. Solche Botschaften hören wir gerne und danken es dem Retter mit der Verehrung, die einem Genie gebührt. Auch ist es angenehm zu hören, dass die kosmische Ordnung mit ihren mathematischen Regeln für die Beseitigung der Missstände auf dieser Erde sorgt, so brauchen wir uns selber gar nicht mehr wirklich anzustrengen. Wie leicht sich mit solchen Fantasien und Irreführungen viel Geld verdienen lässt, zeigt die weite Verbreitung der narzisstischen Verknüpfung von Größenfantasien und Idealisierungen.

Wer vierzehn oder fünfundzwanzig Stufen der Erleuchtung gemeistert hat, muss in einem derartigen Maß frei und wach sein, dass er/sie bedingungs- und kritiklose Nachfolge verdient. Alle Mängel oder Menschlichkeiten der Person in Bezug auf die Ethik der Lebensführung, in kommunikativen oder wirtschaftlichen Belangen usw., die ein außenstehender Beobachter wahrnehmen würde, werden vom narzisstischen Idealisierer ausgeblendet.

Schließlich kann die narzisstische Identifikation auch Hypothesen, Theorien und Modellen gelten, die dann nicht mehr als solche angesehen werden, sondern als unhinterfragbare Dogmen. Die von der katholischen Kirche in der Zeit der Konfessionswirren des 16. Jahrhunderts definierte Form der Dogmatisierung, dass „jeder ein Ketzer ist“, der nicht an das entsprechende Dogma glaubt, findet sich noch in esoterischen Glaubensformen, die ihre Magie angeblich nur dann entfalten, wenn man bedingungslos an sie glaubt. Zweifel und rationale Überprüfungen werden ausgeschlossen, weil die Theorien aus übernatürlichen Quellen stammen und ihre Herkunft und Legitimität gerade deshalb nicht in Frage gestellt werden darf. Besonders verschiedene Katastrophen- und Verschwörungstheorien bedienen sich dieser Abschottung.

Sie versprechen ein Wissen über die Zukunft, das die Berechnung von kommenden Ereignissen und damit die Verfügung über die Zukunft ermöglicht –  magisches Wunschdenken, das der Psyche des verträumten Vorschulkindes entspricht, das die Geschichten, die ihm erzählt werden, und die Realität, in der es lebt, nicht genau auseinanderhalten kann. Wenn Erwachsene solchen Verwechselungen erliegen, kann das mit einer unbewussten Flucht in dieses Lebensalter zusammenhängen. Wie weit solche Phänomene Verbreitung finden können, zeigt sich an der Hysterie um den angeblichen Weltuntergang am 21. Dezember 2012. Eine NASA-Webseite zur Astrobiologie erhielt in dieser Zeit Tausende von Anfragen, darunter Fragen, ob man sich selber, die Kinder oder die Haustiere umbringen sollte. Im Mai 2012 wurden bei einer Umfrage in 21 Ländern 16 000 Erwachsene befragt, von denen 8% berichteten, dass sie Angst angesichts eines möglichen Endes der Welt am 21. Dezember 2012 hätten. 10% stimmten der Aussage zu, dass der Maya-Kalender das Ende der Welt angebe. Bezeugt ist ein Selbstmord aus Angst vor dem angeblichen Weltuntergang, berichtet wurde von zahlreichen anderen. (Wikipedia)

Die Projektion von Allwissenheit und Allmacht auf Personen, Konstruktionen oder Theorien, z.B. bei der Idealisierung von bestimmten historischen Epochen, bei der Verwechslung von Mythen und realer Geschichte (etwa beim Mythos von Atlantis – ein bekanntes Beispiel der esoterischen Geschichtsschreibung) und bei pseudowissenschaftlichen Theoriegebäuden wird ein undifferenziertes kindliches Gemüt angesprochen, das sich von den Mühen der Rationalität entlasten will. Solche Projektionen dienen als Fluchtpunkt aus einer unbarmherzigen und unangenehmen Realität, die das mühevolle Aushalten von Ambivalenzen und Unsicherheiten einfordert.

Natürlich sollen wir unsere Fantasie und die unserer Kinder nicht limitieren. Sie ist frei, und sie muss frei bleiben, weil wir sie brauchen, um unsere Kreativität gedeihen zu lassen. Und solange Fantasie Fantasie und sonst gar nichts ist, sie ist über jede Kritik erhaben. Diese ist erst dort sinnvoll und notwendig, wo Produkte der Fantasie als Realität ausgegeben werden, was eine Form der Täuschung oder des Betrugs, also der Unredlichkeit darstellt, und damit Schaden bewirkt. Mit den narzisstischen Anfälligkeiten der Menschen Geschäfte zu machen, ist wohl nicht strafbar, aber ethisch bedenklich und hat rein gar nichts mit transrationaler Spiritualität zu tun. 


Literatur:
Reinhard Haller: Die Narzissmusfalle: Anleitung zur Menschen- und Selbsterkenntnis. Ecowin Verlag 2013
Arno Hraschan: Über Narzissmus. In: ATMAN-Zeitung 3/2013
Otto F. Kernberg: Narzissmus: Grundlagen – Störungsbilder – Therapie. Schattauer Verlag 2006
Christopher Lasch: Das Zeitalter des Narzißmus. Bertelsmann Verlag 1982
Stavros Mentzos: Neurotische Konfliktverarbeitung. Fischer 1984
Heinz-Peter Röhr: Die Narzißmusfalle. Deutscher Taschenbuch Verlag 2005

Dienstag, 4. Dezember 2012

Katastrophenphantasien und kindliches Erleben



Ein französisches Dorf am Fuße der Pyrenäen wird laut angeblicher Maja-Prophezeiung den Weltuntergang am 21. Dezember überleben. Dieses Dorf heißt Bugarach, und die 180 Einwohner sind überhaupt nicht erfreut. Nachdem Weltuntergangsflüchtlinge aus aller Welt das Dorf stürmen, haben sie ihr Gebiet zum Sperrgebiet erklären lassen.

Der Dorfschmied Emile will sie alle wegschicken: "Wer war bloß der Illuminierte, der gesagt hat, dass dieses Dorf, und nicht ein anderes verschont wird? Warum schickt man nicht die Geistesgestörten nach Lourdes?" (ORF-Morgenjournal, 4.12.2012)

Wie kommen Menschen aufIdeen von Weltuntergängen (und Überlebenden derselben)? Wir wissen alle, dass wir kein sicheres Wissen über die Zukunft haben, dass die Wirklichkeit so vielgestaltig ist und sich nie ganz in die Karten schauen lässt. Und doch glauben wir an Prophezeiungen, und offenbar, je absurder sie den Gang der Dinge kontrastieren, umso tiefer der Glaube.

Wir legen unsere Erwachsenenvernunft, unseren common sense beiseite, der uns durch den Alltag einer komplexen Welt begleitet und verhalten uns wie Kleinkinder, die mit offenem Mund über das staunen, was ihnen die Erwachsenen erzählen, ohne Unterscheidungskraft über das, was in die Welt der Fantasien und was in die Welt der wahrnehmbaren Dinge und Sachverhalte gehört. Wir knüpfen an das magische Denken an, das uns in diesen frühen Jahren vertraut war und vielleicht immer wieder auch als eine tröstliche Zuflucht diente, wenn uns die Welt der Menschen und Dinge rau und grob begegnete.

Wir sollten auch bedenken, was sich im Inneren eines Kleinkindes abspielt, wie sich ein Gehirn entwickelt und zugleich die Repräsentation der gesamten Außenwelt in ihm, im schrittweisen wechselseitigen Kennenlernen. Was dabei langsam mitwächst, ist die integrative Kraft, die das alles zusammenhält, und immer wieder neu zusammen halten muss. Da kann es zu Engpässen und Überforderungen kommen, vor allem dann, wenn die Einflüsse von außen in Widerspruch zur inneren Realität kommen, z.B. wenn Bedürfnisse, die der Organismus anmeldet, überhaupt nicht oder nicht adäquat erwidert werden. Solche Diskrepanzen überfordern die integrative Kraft, und die innere Erfahrung ist die einer überwältigenden Katastrophe.

Vielleicht wundern wir uns weniger, wenn Menschen Katastrophenfilme anschauen, um sich zwei Stunden lang zu fürchten und dann erleichtert rausgehen, um zu sehen, dass das alles nicht wirklich war, sich aber möglicherweise innerlich (unbewusst) zu bestätigen, dass die Welt ja ohnehin ein gefährlicher Ort ist und dass niemandem zu trauen ist, nicht einmal der Natur, was z.B. eine Prägung aus einer nicht aufgearbeiteten Geburtserfahrung sein kann. Wer sich nie auf solche Erfahrungsebenen eingelassen hat, wird immer wieder unbewusst nach dem Kitzel solcher Reinszenierungen in der Welt suchen, sei es im Kino oder verdeckter in allen Bereichen des gestressten Alltagslebens.

Esoterik und Kindlichkeit

Warum allerdings gerade Menschen, die sich als besonders bewusst bezeichnen, für Katastrophenfantasien anfällig sind und diese Formen des esoterischen Glaubens oft noch vehement als Zeichen ihrer besonderen inneren Entwicklung verteidigen, ist schwerer nachvollziehbar und hat möglicherweise damit zu tun, dass sich in den Untergangsszenarien unerlöste Themen aus der kindlichen Perspektive in die Erwachsenenwelt einblenden. 

Im Überlebensstil "Verbindung" nach dem NeuroAffectice Relational Model (Laurence Heller) gibt es einen "spiritualisierenden" Untertypen. Geprägt durch frühe Traumatisierung und Bedürfnisfrustration, entwickelt sich als Überlebensstrategie eine dissoziative Abspaltung, mit der alles, was im Leben fehlt, in der spirituellen Dimension gefunden werden kann. Da das Grundvertrauen ins Leben und in die Wirklichkeit nur schwach ausgeprägt ist, reflektiert die Angst vor Katastrophen eine dauernd wirksame innere Anspannung, und die Bemühung um spirituelle Absicherung verspricht die einzige Rettung - wenn die Welt zusammenbricht, werden die Aliens mit ihrem Raumschiff kommen und mich retten.

Jedenfalls können wir deutlich sehen, dass die Esoterik durch einen hohen Anteil an unbewusster Kindlichkeit geprägt und damit aufgeladen ist. Die Vermischung von kindlicher Denkweise und Erwachsenenvernunft ist geradezu ein grundlegendes Merkmal des esoterischen Denkens und Fühlens. Wohl hat die kindliche Lebens- und Erlebensart etwas Wunderbares und Bezauberndes an sich, das wir unser ganzes Leben nicht verlieren sollten. Aber wir sollten darob nicht vergessen, dass wir erwachsen sind (sobald wir es sind) und dass wir deshalb in der Welt und der Welt gegenüber Verantwortung tragen.

Die Unterscheidung von dem, was in die magische Welt des Kinderglaubens und was in die nüchterne Welt der Erwachsenen gehört, wird uns nicht immer klar sein, und manchmal können wir da auch durcheinander kommen. Doch gehört es zu den Herausforderungen des Wachsens, diese Unterscheidung immer wieder neu zu erkennen und zu formulieren. Dann können wir bewusst in die Kinderwelt ein- und wieder aussteigen, wie es uns beliebt. Nur so bekommen wir ein klares Gefühl für die Grenzen von Spiel und Ernst, von Fantasie und Wirklichkeit.

Verantwortung und Verantwortungslosigkeit

Ein Wissenschaftler muss seine Ergebnisse vor der Forschergemeinschaft rechtfertigen. Er muss seine Methoden und Berechnungen verbessern und verfeinern, wenn er als Wissenschaftler gelten will. Wenn er falsche Prognosen liefert, muss angeben können, wo der Fehler liegt. Sind die Prognosen immer wieder falsch, so verliert er bald seinen Ruf als Wissenschaftler und muss sich einen neuen Beruf suchen. Wenn ein Meteorologe Regen voraussagt und es scheint die Sonne, muss er überlegen, was schief gelaufen ist und wie er die Prognose verbessern kann. Passiert ihm das fortlaufend, heißt das, dass er ein schlechter Wissenschaftler ist und dass er seinen Beruf wechseln sollte. So nimmt die Wissenschaft ihre Vertreter in die Verantwortung, und die Gesellschaft kann sich im Großen und Ganzen darauf verlassen.

Ein Illuminierter, der seine Voraussagen in die Welt posaunt, übernimmt dagegen keine Verantwortung für seine Aussagen und was sie auslösen. Er muss nicht einmal darüber Rechenschaft ablegen, ob seine Eingebungen aus tiefer Meditation entsprungen sind oder Ausfluss vom Genuss von Glühwein oder anderem Prozentigem.

Trifft nicht zu, was er prophezeit hat, wurde er entweder missverstanden, oder er sieht sich darin bestätigt, dass sich alle jetzt spirituell so angestrengt haben, dass statt der Prophezeiung ein Bewusstseinssprung stattgefunden hat, den ja niemand nachweisen kann. Jedenfalls hat seine Prophezeiung nur Gutes bewirkt und war deshalb sinnvoll und notwendig. Er kann sich ausreden, wie ein kleines Kind, das die Milch verschüttet hat. Es gibt keine Öffentlichkeit, vor der er Rede und Antwort stehen muss, keine Gemeinschaft, vor der er Rechenschaft ablegen muss. Es wird Menschen geben, die sich von ihm abwenden und andere, die ihn weiter verehren. Die Bücher werden sich schlechter verkaufen, aber der Hauptumsatz vor der angesagten Katastrophe ist schon eingefahren, und das nächste Buch mit dem klingenden Namen findet wieder genügend naive Leser, die schon vergessen haben, was im vorigen Buch stand.

Geschlossene und offene Systeme

Solche Menschen bauen sich geschlossene Systeme auf: Für alles, was passiert, gibt es eine innere Erklärung, und Einflüsse von außen dienen nur zur Bestätigung der Innenansicht. Trifft die Prophezeiung ein, ist sie sichtbares Zeichen für übernatürliche Fähigkeiten, trifft sie nicht ein, ist sie spürbares Zeichen noch höherer übernatürlicher Fähigkeiten, nämlich die prophezeiten Katastrophen verhindern zu können.

Zu solchen geschlossenen Systemen fühlen sich alle hingezogen, die nach derartigen unwiderlegbaren Sicherheiten suchen. Auf diese Art entstehen die manifesten Sekten, aber auch die unsichtbaren, die in der virtuellen Welt aus ähnlichen Motivationen und Visionen zu den gleichen Denkformen kommen, ob sie sich kennen oder nicht, ähnlich wie die Fans von Tanz- oder Musikstilen oder Modetrends. Sie verhalten sich wie die Kinder, die in die Fantasiewelten von Geschichten und Märchen flüchten, wenn es in der Wirklichkeit zu stressig und unangenehm wird.

Offene Systeme bieten keine derartigen Sicherheiten, weil sie sich dauernd an neue Umweltbedingungen anpassen müssen, die nicht vorhersehbar sind. Wenn wir uns auf offene Systeme (in unserer Innen- und Außenwelt) einlassen, müssen wir mit der Ungewissheit leben, dass die Zukunft offen ist und dass auf längere Sicht keine verlässlichen Prognosen möglich sind. Dafür sind offene Systeme zum Unterschied von geschlossenen außerordentlich lernfähig und flexibel. Sie sind die Motoren und Motivatoren für die Evolution des Bewusstseins, während in den geschlossenen Systemen alte Ängste weiterschwelen, die die Entwicklung hemmen.

Doch sie können sich auf den Schuster Knieriem berufen, der seinen Kometen sicher nur deshalb überleben konnte, weil ihm trotz all der Ängste der Humor nicht abhanden gekommen ist. So kann er uns heute noch sein Couplet anbieten:

Es is kein' Ordnung mehr jetzt in die Stern',
D' Kometen müssten sonst verboten wer'n;
Ein Komet reist ohne Unterlass
Um am Firmament und hat kein' Pass;
Und jetzt richt' a so a Vagabund
Uns die Welt bei Butz und Stingel z'grund.
Aber lass'n ma das, wie's oben steht,
Auch unt' sieht man, dass's auf n Ruin losgeht.
»Ja, a Kontroll' muss halt sein, sonst gibt's kein' Kredit!«
So hab'n s' g'sagt, doch sie wer'n mit uns anders noch quitt.
Was ein richtiges Schaf is, gibt auch so seine Woll':
Jetzt krieg'n ma an' Dreck und dazu a Kontroll'!
Da wird einem halt angst und bang,
Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang lang lang lang lang lang,
Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang.
(Karl Kraus nach Johann Nestroy)

(Vgl. den Blog vom 13.1.2012: Zum Jahresbeginn 2012 - eine Anprangerung) 

Literatur: Laurence Heller: Healing Developmental Trauma. Berkeley, North Atlantic Books, 2012

Freitag, 13. Januar 2012

Zum Jahresbeginn 2012 – eine Anprangerung

Für manche hat das Jahr 2012 eine besondere Bedeutung, nachdem in diesem Jahr angeblich der Maya-Kalender sein Ende erreicht. Dazu wurde von esoterischen Spekulanten gleich das Ende der Welt prophezeit. Hollywood hat sich gleich mit einem Blockbuster angehängt, um die Megakatastrophe  kinowirksam aufzubereiten (das Internationale Filmlexikon urteilt über den Film: „Billigfilm mit erbärmlichen Effekten, der einen ebenso fundamentalistischen wie frei interpretierten christlichen Glauben zur Rettung der Welt anführt.“)  Manche der wohlmeinenderen Spekulanten haben dann diese düstere Vorhersage abgemildert, sodass dort nur mehr von einem Bewusstseinssprung die Rede ist, der gegen Ende des Jahres die „Auserwählten“ in Exstase versetzen und die Nichterwählten in die Verdammnis schicken wird.
Es ist klar und unbestreitbar, dass der Maya-Kalender, eines von vielen Kalendersystemen, die im Lauf der Menschheitsgeschichte entwickelt wurde, zwar für 2012 das Ende eines Berechnungszyklus (die sogenannte lange Zählung) vorsieht, jedoch nicht das Ende der Welt, da auch über diesen Zeitpunkt hinaus von den Mayas Berechnungen vorgenommen wurden. Es gibt keine Hinweise aus Quellen, dass die Mayas diesen Zeitpunkt mit einem Untergang verbunden hätten, auch heute noch lebende Angehörige des Maya-Volkes wehren sich gegen diese Interpretation.
Andere Interpretationen beziehen sich auf astronomische Ereignisse, die in diesem Jahr auftreten sollen und eine besonders mächtige Kraft ausüben sollen. Abgesehen von immer wiederkehrenden Konstellationen gibt es jedoch keine besonderen Ereignisse im Weltall, vor denen wir uns fürchten sollten.
Schließlich ist wieder einmal vom Polsprung die Rede, der seit Jahren angekündigt wird und gravierende Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben soll. Der Wissenschaft ist die Abnahme des Magnetfeldes bekannt, dieses geht sehr langsam vonstatten und könnte in 1000 bis 2000 Jahren zu einem Polsprung führen, der selber dann etwa 10 000 Jahre dauert. Also ist noch etwas Zeit, die Vorkehrungen für diesen Fall zu treffen, der möglichweise 50 Generationen nach uns stattfinden wird.
Die Katastrophen-Theorie für das Jahr 2012 entspringt also der Phantasie und steht in der Reihe von Untergangsszenarien, die immer wieder in der Menschheitsgeschichte aufgetreten sind. Die Welt und die Menschheit haben diese Szenarien bisher alle überlebt und es finden sich in den diversen Phantasiegeschichten auch keine nachvollziehbaren Begründungen dafür, warum das nicht auch dieses Mal so sein wird – wir werden Ende 2012 wie jedes Jahr Sylvester feiern und auf ein Jahr zurückblicken, das Gutes und Schlechtes gebracht hat.
An diesem Beispiel wird deutlich, dass sich die Menschen gerne fürchten. Sonst würden sie nicht entsprechende Nachrichten aufgreifen und weiterverbreiten. Sonst würden sie auch sich nicht entprechende Filme anschauen und Bücher lesen, also Geld dafür ausgeben, dass sie sich fürchten können.
Allerdings gibt es die Unterhaltungsfurcht, der wir uns aussetzen, wenn wir gerade nichts Besseres zu tun haben. Wir gehen ins Kino und hoffen, dass uns nicht fad wird, indem ein Schrecken den anderen jagt, bis wir dann nach zwei Stunden erleichtert den Saal verlassen. Oder wir lesen einen Horrorroman, der uns auch Kurzweil verschafft und uns nachher das Gefühl gibt, dass wir froh sein können, in einer besseren Welt zu leben als der, die im Roman beschrieben wird.
Und es gibt die esoterische Furcht, die auf einem Pseudowissen gründet, das „esoterisch“, also verborgen oder geheim ist. Dahinter steckt die Auffassung, dass es zwei Arten von Menschen gibt, die Alltagsmenschen, die von nichts eine Ahnung haben, weil sie von ihren Tagesgeschäften in Anspruch genommen sind, und die „bewussten“ Menschen, die hinter die Dinge schauen und mehr über das Leben wissen. Sie nehmen deshalb Botschaften für wichtig, die aus nicht-alltäglichen Quellen stammen – Informationen, die über Medien von aufgestiegenen Meistern, von den Bewohnern ferner Sterne, von Verstorbenen oder von UFOs übermittelt werden. Sie haben damit den Eindruck, über einen Bewusstseins-Vorsprung gegenüber den Normalos zu verfügen. Der Preis dieser Überlegenheit ist die Furcht, die damit eingehandelt wird.
Diese esoterische Furcht ist deshalb besonders hartnäckig, weil das Pseudowissen, z.B. diverse Prophezeiungen, kritikresistent ist. Da es aus einer esoterischen, d.h. nicht allgemein überprüfbaren Quelle stammt, ist es gegen Einwände, die z.B. aus dem Alltagsverstand (common sense) oder aus der Wissenschaft stammen, immun. Im Gegenteil, solche Kritikpunkte werden gerne mit dem Hinweis darauf entkräftet, dass sie der Verschleierung der „Wahrheit“, die aus der höherwertigen Quelle sprudelt, dienen und deshalb von den Kräften des Bösen gesteuert werden. So hört man dann, dass etwa so mächtige Organisationen wie der CIA oder die NASA bestimmte Erkenntnisse unterdrückt hätten, um das Volk zu täuschen. Tatsächlich sind dann diese Erkenntnisse, die angeblich unterdrückt wurden, entweder überall abrufbar oder reine Fantasie. Aber innerhalb des esoterischen Denkens spielen solche Überprüfungen keine Rolle, es genügt sich selbst und pflegt seine Ängste.
Nun soll jede/r glauben, was er/sie will. Jedem seine Angst, jeder ihre Hoffnung.
Mag auch jeder sein Brot verdienen mit dem, was er gut kann. Aber wichtig bei jederTätigkeit ist auch die Frage, ob sie ehrlich Gutes für andere will bzw. ob sie ihnen zumindest nicht schadet. Aus meiner Sicht wird überall dort, wo mit unlauteren Mitteln Ängste geschürt und gepflegt werden, diese ethische Grenze überschritten: Mit der Verbreitung und Vertiefung von esoterischen Ängsten wird Menschen Schaden zugefügt.
Sicher ist jeder Mensch dafür verantwortlich, was er/sie liest, hört, ernst nimmt. Aber wir sind nicht immer und überall in der Lage, alles und jedes, das uns begegnet, zu überprüfen. Deshalb kann es uns immer wieder passieren, dass wir Betrügern auf den Leim gehen, ob diese nun arglistig oder naiv vorgehen. Sie brauchen nur eine unserer Schwachstellen erwischen. Diese Stellen sind unsere Traumatisierungen, die uns nicht bewusst sind. Sie sind der Grund, warum wir glauben, dass wir uns fürchten müssen.
Mit den Traumatisierungen der Menschen Geschäfte zu treiben und Rebbach zu machen, ist nach meiner Ansicht verantwortungslos und gehört angeprangert, damit die Menschen davor gewarnt werden. Statt uns von selbsternannten Propheten, deren einzige Legitimation in der Fähigkeit zu reden oder zu schreiben besteht, ins Bockshorn jagen zu lassen, haben wir den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen und unsere Traumatisierungen aufzuarbeiten, bis uns keiner und nichts mehr Angst machen kann.

Montag, 16. Mai 2011

Zu spät für 2012

Wir haben alles gelesen, gehört und im Kino gesehen, was im nächsten Jahr passieren wird – Katastrophen, Zusammenbrüche, Polsprung, Weltumschwung und Bewusstseinswandel. Also kann uns nichts mehr überraschen. Jedes mögliche und denkbare Desaster wurde schon prophezeit, sei es von den Mayas vor 1200 Jahren oder von den zahlreichen nachgeborenen Propheten bzw. Prophezeiern in ihren diversen Bestsellern. Bald werden die Bücher von den Regalen der Buchläden verschwinden und in den eigenen Regalen verstauben.

Was bleibt zu tun? Das Jahr 2012 wird vergehen, wie all die Jahre zuvor, einige Katastrophen werden uns nicht erspart bleiben, und somit werden die Propheten recht behalten. Aber was kommt dann? Das Bedürfnis nach Weissagungen wird unbefriedigt weiterdürsten.

Also, setz dich hin und beginn ein neues Buch zu schreiben, damit du dein Vermögen nachhaltig absichern kannst. Was käme in Frage? 2013 ist zu nahe an 2012 gelegen, alle werden meinen, da brauchen wir ein Erholungsjahr von 2012, da will niemand was von Katastrophen lesen. 2014 und 2015 sind nette Zahlen, aber auch nicht gerade originell. Was wäre mit 2017 oder 2019? Da hat vermutlich noch niemand gedacht, ein Katastrophen- oder Umschwungjahr auszurufen. Also ran an die Arbeit: „2017: Die unausweichlichen Megakatastrophen“ oder „In die neuneinhalbe Dimension im Jahr 2019 – der ultimative Ausstieg“ – mal als Arbeitstitel.

Als nächstes schließ die Augen und fahr mit dem Finger über die Landkarte, wo der Finger bleibt, dort wird es das Erdbeben, den Vulkanausbruch, die Riesenüberschwemmung geben, oder wenn es eine Insel oder ein kleinerer Kontinent ist, den Untergang, d.h. die Anbindung an Atlantis. Wenn du auf Meeresgebiet landest, könntest du noch ein Seebeben voraussagen oder das Aufsteigen einer Landmasse samt gigantischer Kultur und spiritueller Energie. So füllen sich schnell die Seiten. Dann lass dir noch einen chicen Namen für einen Engel oder für einen aufgestiegenen Meister einfallen, der dir regelmäßig im Wachtraum erscheint und dir schon seinerzeit vorhergesagt hat, dass die ganzen Geschichten um 2012 einer kosmischen Verschwörung entstammen, mit der die Geister des Bösen die Leute in die Irre führen wollten, damit sie, wenn 2012 ohne den Zusammenbruch der Menschheit vorbeigeht, sich in Sicherheit wiegen und 2017 erst recht in die Pfanne gehauen werden. Aber jetzt hat der Leser/die Leserin die ultimative Wahrheit in der Hand, aus erster Hand.

Schnell findest du einen Verlag, die warten schon auf die nächste Jahreszahl, die Leute kaufen dein Buch wie warme Semmeln, es wird in 93 Sprachen übersetzt, du wirst zu Vorträgen überall auf der Welt eingeladen, sitzt in Talkshows und lässt dich von deinem Engel in Wetten dass erfolgreich beraten. Du wirst zum spirituellen und kosmischen Berater von Firmen, NGOs und Regierungen.

In ein paar Jahren wird der Boom abklingen, du hast deine Schäfchen gut ins Trockene gebracht und kannst dich diskret aus der Öffentlichkeit zurückziehen. So kommt das Jahr deiner Prophezeiungen, und es wird vorübergehen wie all die Jahre zuvor, und niemand wird sich mehr an deine Weissagungen erinnern, weil alle schon das Buch von der nächsten Weltzerstörung oder Weltverschwörung verschlingen, so dass sie gar nicht mitbekommen, was sich sonst noch in der Welt tut oder nicht tut.

Warum ich nicht selber das Buch schreibe? Zum einen ist mir noch kein passendes Pseudonym eingefallen, zum anderen fehlt mir die Phantasie für solche Texte, dauernd fallen mir andere blöde Geschichten ein. Aber ich gebe großzügig meine Idee an jedermann/frau weiter, der/die sich berufen fühlt, die nächste Welle der Angst und Hoffnung über den Planeten wallen zu lassen, na ja, und böse bin ich auch nicht, wenn auf mich als Ideengeber ein paar Brosamen aus dem üppigen Kuchen abfallen würde, der sich wohl aus diesen Zeilen backen lässt.