Freitag, 3. April 2020

Eine Krise des Neoliberalismus


Warum ist die gegenwärtige Corona-Krise eine selbsterzeugte Krise des Neoliberalismus?

Der Neoliberalismus: Ein Ideologiegebäude


Die Ideologie des Neoliberalismus hat die letzten Jahrzehnte dominiert. Der Staat ist zu mächtig, wie ein Moloch beherrscht er alles und verschluckt viel zu viele Ressourcen. Er muss auf ein absolutes Minimum reduziert werden. Der Einzelne ist dem Staat unterworfen, der seine Freiheiten und sein Gewinnstreben einschränkt und muss seinem Einfluss entzogen werden. Der Markt ist der bessere, objektivere und gerechtere Regler der gesellschaftlichen Abläufe und der Verteilung der Gewinne. Soweit das Credo der Neoliberalisten, die die öffentliche Debatte beherrschten und die Politiker von links bis rechts vor sich hertrieben. 

Mit ein paar Rückschlägen hat sich die Wirtschaft der Industriestaaten stetig wachsend prächtig entwickelt und immer mehr Gewinne erwirtschaftet. Der Wohlstand ist auf breiter Basis angestiegen, obwohl sich die Schere zwischen arm und reich noch weiter geöffnet hat. Es haben also die Einzelnen im obersten Segment der Einkommenspyramide am meisten von dem Wachstumsschub profitiert. Aber immerhin: Global konnte die Armut zurückgedrängt werden. Ist also ein Lob des Kapitalismus in seiner neoliberalen Prägung fällig?

Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, das auf dem Marktprinzip beruht und seine Dynamik aus der Konkurrenz der Akteure bezieht. Alles, was diese Konkurrenz behindert, soll aus dem Weg geräumt werden. Der Staat soll seine Aktivitäten darauf beschränken, dass die Aktivitäten der Marktteilnehmer reibungslos ablaufen können. Außerdem soll er laufend neue fitte Teilnehmer auf den Markt werfen, die die Konkurrenz mit ihren aktuelleren Kompetenzen und ihrer leistungsfähigeren Vitalität frisch aufmischen sollen. Natürliche Ressourcen werden bedenkenlos ausgebeutet, einschließlich der Ressource der menschlichen Gesundheit.

Im kapitalistischen System liegt also die Macht bei einer abstrakten Instanz, beim Markt. Das hat den Vorteil, dass es keine Zentralperson gibt, einen Weltherrscher, sondern ein ungreifbares Netz von Austauschvorgängen, die kein Einzelner überblicken und beherrschen kann. Der Nachteil liegt darin, dass die Menschen dem System unterworfen sind, das sie in gewisser Weise wie Sklaven behandelt und ausbeutet. Der Kapitalismus ist seinem Wesen nach unmenschlich. 

Deshalb braucht es eine Ideologie, die den Menschen ein unmenschliches System als menschlich verkauft, ähnlich wie ein Kühlschrankhändler den Polarbewohnern einredet, dass sie Elektrogeräte zum Kühlen ihrer Robbenfänge benötigen. Es ist die Ideologie, die häufig mit: „Leisten muss sich lohnen“ daherkommt und unter den Tisch kehrt, dass die Marktmechanismen dazu führen, dass bei gleicher Leistung höchst unterschiedliche Belohnungen rauskommen und sich vor allem jene leichttun, die aufgrund von Erbschaften einen Vermögensstock schon mitbringen, bevor sie mit Leistungen im Sinn des Neoliberalismus erst einmal beginnen.

Solange die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit auf einem niedrigen Niveau bleibt und etwas vom erwirtschafteten Gewinn auch breiteren Bevölkerungsschichten zugutekommt, damit genug konsumiert werden kann, freuen sich die meisten über die Segnungen des Kapitalismus. Doch handelt es sich um ein Krisensystem, das nach Phasen des Aufschwungs Abbrüche und Niedergänge produziert, die dann hauptsächlich diejenigen am schwersten betrifft, die am wenigsten von den Höhenflügen der Aktienkurse und Unternehmensgewinne profitieren. Doch scheint es, dass solche Erfahrungen schnell vergessen werden und die neoliberale Ideologie sofort wieder Fuß fasst, kaum ist die Krise überstanden. Die beliebten Politiker, die die neoliberale Ideologie ins Volk bringen, bekommen sofort wieder Zulauf. Die eingesammelten Stimmen dienen dann der Zementierung der neoliberalen Wirtschaftspolitik, meist verbunden mit einer fremden- und ausländerfeindlichen Ausrichtung, die vielen Leuten Bedrohungsszenarien vermittelt, damit sie weniger Augenmerk darauf richten, wie die Hindernisse für die Reichtumsverschiebung von unten nach oben ausgeräumt werden. In diesen Zeiten wird mit der Devise der Verschlankung des Staates und der Kosteneinsparung im Gesundheitswesen eingespart, und die soziale Absicherung wird entweder reduziert oder zumindest nicht im Ausmaß des gesamten erwirtschafteten Vermögens weiterentwickelt.

Die Tiere und die Menschen


Was hat aber der Neoliberalismus damit zu tun, dass ein aggressiver Virus die Menschen befällt? Tiervirologen haben einen klaren Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsideologie und der Entstehung der bedrohlichen Viren erkannt. Wildtiere laufen mit einer Menge an Viren herum, die für sie harmlos, aber für Menschen gefährlich sein können. Geraten sie in Stress, weil die Menschen ihre Lebensräume beschneiden und ihr Überleben gefährden, so nehmen in ihnen diese Viren überhand und können dann leichter auf die Menschen übertragen werden. Die durch die kapitalistische Wirtschaftsweise immer weiter reduzierte Biodiversität sowie die sukzessive Einschnürung der Lebensräume führen, wie wir alle wissen, zum Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten und zu verstärktem Stress bei denen, die noch am Leben sind.

Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die nächste Pandemie nur eine Frage der Zeit. Wenn die Stressbelastung in der Natur immer weiter ansteigt, indem die Menschen, angetrieben von der neoliberalen Ideologie, der Natur rauben, was sie nur kriegen können, kippt dort das Gleichgewicht, mit unkontrollierbaren Konsequenzen für die Menschengesellschaft. Diese wichtige Botschaft, die mit den Viren mitkommt, sollten wir äußerst ernst nehmen. Die Aggressivität der Viren spiegelt die Aggressivität, mit der die Natur tagtäglich misshandelt wird.

Und es ist die Aggressivität, mit der wir uns selber behandeln. Denn auch wir sind Natur, und unsere Körper leiden z.B. unter Allergien, die von einer stressbelasteten Umwelt ausgehen: Bäume, die unter dem Klimawandel leiden, erzeugen mehr Pollen. Und wir leiden unter Viren, die von gestressten Tieren übertragen werden. Es ist unsere aggressive Lebensweise, mit der wir uns selber schaden.

Ideologieaustausch


Wir befinden uns wieder in einer Krise, die diesmal nicht unmittelbar durch den Kapitalismus herbeigeführt wurde wie jene von der Immobilienblase von 2008. Vielmehr hat es ein Virus geschafft, das Wirtschaftsleben nahezu stillzulegen. Und nun muss natürlich der Staat wieder einspringen, damit nicht noch größere Schäden für die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Menschen entstehen. 

Über Nacht wurde, nahezu unbemerkt, die offizielle Ideologie ausgetauscht. Plötzlich geht es nicht mehr um Wirtschaftswachstum und Nulldefizit, sondern um Menschenleben. In der neoliberalen Ideologie sind die Menschen austauschbare Subjekte, deren Wert von ihrer Leistung am Markt abhängt. Natürlich ist ein solches menschenverachtendes Konzept nicht für das Funktionieren einer Gesellschaft tauglich. Deshalb braucht es immer auch soziale Konzepte, die traditioneller Weise von den sozialdemokratischen Parteien und Organisationen vertreten werden und die ganz offensichtlich in den letzten Jahrzehnten massiv an Einfluss verloren haben. 

Jetzt werden sie aus dem Hintergrund hervorgeholt und dienen nun als Hauptmaßstab des politischen Handelns.  Plötzlich sind wir wieder eine menschliche Gesellschaft, die die Lebensrechte und die Würde jedes Einzelnen wichtig nimmt. Plötzlich kümmert sich der Staat um alle, die keine Arbeit haben, indem er Milliarden locker macht und sie versorgt. Plötzlich werden die Leute wertgeschätzt, die in der Krise die Infrastruktur aufrechterhalten, von der Müllabfuhr bis zum Supermarktpersonal, und es zeigt sich, dass die Wenigverdiener die Hauptleistenden sind – ein Widerspruch wird offensichtlich.

Es zeigt sich auch, dass die Krise dort am stärksten wirkt, wo das neoliberale Programm am radikalsten durchgezogen wurde. Das ist weiter nicht verwunderlich. Der Markt, bzw. das kapitalistische System ist nicht in der Lage, Krisen zu meistern, dazu braucht es das Gemeinwesen, also den Staat. Kaputtgesparten oder privatisierten staatlichen Strukturen in den geschrumpften und gerupften Staaten fehlen die Ressourcen, um der Probleme Herr zu werden. 

Noch jedes Mal ist der Kapitalismus aus seinen selbstgemachten Krisen mit neuer Glorie auferstanden. Diesmal hat das Pendel zwischen Wirtschaft und Staat sehr stark auf die Seite des Staates ausgeschlagen, und die Zukunft wird zeigen, ob der Pendelschlag nach dem Ende der Krise umso stärker in die Gegenrichtung gehen wird oder ob sich das Zentrum verschieben wird, von dem das Pendel ausgeht, d.h. ob die Dimension des Menschlichen, und das ist auch die Dimension der Nachhaltigkeit, das Gewicht bekommt, das es braucht, um die viel größeren Herausforderungen, die sich im desolaten Mensch-Natur-Verhältnis ergeben haben, zu bewältigen und künftigen Generationen einen bewohnbaren Planeten zu sichern.

Zum Weiterlesen:
Von der Angst zur Ethik
Scham, Schuld, Cororna
Raus aus der Gehirnwäsche
Die Corona-Krise als Chance?

Samstag, 28. März 2020

Von der Angst zur Ethik

Es ist zurzeit viel die Rede von der Krise und dem Lernen daraus. Wir befinden uns in einer Umstellung der Lebensverhältnisse, wie sie die westliche Zivilisation seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr betroffen hat. Während sich die Delfine in den Häfen freuen, in denen keine Kreuzfahrtkolosse ankern, während die Fische in den Kanälen von Venedig wieder Futter finden, stellt sich die Frage, ob die Erholung, die die Umwelt erfährt, nur eine kurzfristige Episode bleiben wird oder ob eine nachhaltige Trendumkehr bevorsteht. Es stellt sich die Frage, ob die neuen Erfahrungen mit Verzicht, Isolation, veränderten sozialen Kontakten, Verlangsamung der Lebensabläufe zur Veränderung von Einstellungen führen oder als unliebsame Phase übertaucht werden, um möglichst rasch zur alten verschwenderischen Lebensweise zurückzukehren.

Wir wissen nicht, in welche Richtung die Reise weitergehen wird. Wir wissen aber, dass sich eine Tür geöffnet hat, die wir weiter aufmachen können oder die wir einfach wieder zufallen lassen, sobald der Druck weg ist. Viele Menschen halten an ihren Gewohnheiten fest und wollen zu ihnen zurückkehren, sobald sich eine Notsituation entspannt hat. Wir in den westlichen Ländern leben zu einem großen Teil im Luxus, der die Eigendynamik der Unzufriedenheit enthält, die immer noch mehr will, oder zumindest das Gleiche wie irgendein Nachbar. 

Die Ethik setzt dort ein, wo die von Angst getriebenen Notwendigkeiten aufhören. Ethisch entscheidet jemand, der sich nicht vor einer Ansteckung fürchtet und Hilfeleistungen für Bedürftige erbringt. Ethisch entscheidet jemand, der ein knappes Gut nicht hortet, sondern denen überlässt, die es dringend brauchen, oder jemand, der zuhause bleibt, um niemanden anzustecken usw. Diese soziale Orientierung ist ein wichtiges Bindeglied in jeder menschlichen Gesellschaft. 

Der Neoliberalismus hat dieses Bindeglied geschwächt und den kollektiven Egoismus befeuert. Nun hat ein Virus dafür gesorgt, dass die politisch Verantwortlichen das Gemeinwohl über den wirtschaftlichen Gewinn stellen müssen. Es werden wieder ethische Haltungen empfohlen und anerkannt, statt dem Wirtschaftswachstum im Zweifelsfall die Priorität einzuräumen. 

Aber so stimmig und natürlich diese Einstellungsänderung erscheint, so stimmig und „natürlich“ war für viele vorher die neoliberale Zielsetzung des unbegrenzten Wachstums und der individualisierten Gewinnmaximierung. Geben wir uns nur jetzt, angesichts offensichtlicher Not, ein wenig mehr Menschlichkeit, um dann wieder in die Engstirnigkeit des Leistens und der Konkurrenz zurückzukehren, so als ob nichts gewesen wäre? Wird uns dann wieder das nationalistische Grenzsichern vor Fremdlingen zum Hauptanliegen?


Die Zukunftsintelligenz nutzen


Der Zukunftsforscher Matthias Horx geht von einer Trendwende aus. Er hat mit einer Re-gnose (einer Rückschau aus der Zukunft in die Gegenwart) ein optimistisches Szenario beschrieben, in dem die  Gegenwartsbewältigung durch einen Zukunftssprung vorangetrieben werden soll.

Natürlich ist es hilfreich und sinnvoll, ein Denken, das wir für die Zukunft brauchen oder in ihr erst entwickeln werden, vorwegzunehmen. Das geht aber nur, wenn wir der Zukunft angstfrei entgegentreten und uns auf den Sog der Imagination einlassen. Denn damit stärken wir in uns die Kräfte und Potenziale, die wir später brauchen werden. 

Der Schlüssel liegt in all den Dingen bei der Angst. Denn sie hindert uns am Visionieren und Imaginieren. Sie bindet uns an die Vergangenheit und all den Gefühls- und Denkmustern, die ihr entstammen. Sie scheut sich vor jedem Wagnis, das aus den gewohnten Einstellungen und Verhaltensschleifen führen würde. 

Dagegen meint Horx, dass uns die vorweggenommene Zukunftsintelligenz aus der Enge herausführt:  „Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.“ Nur lassen sich vor allem jene von dieser Zukunftsintelligenz leiten, die jetzt schon weniger von Angst getrieben sind.

Ob sich der Optimismus von Horx bewahrheitet, wissen wir nicht, weil nicht klar ist, wieweit sich die Menschen ihrer Ängste bewusst sind und sie nach dem Ende der Krise hinter sich lassen können. Dazu müssten sie auch die Scham überwinden, die mit der Angst verbündet ist und tieferen Einsichten im Weg steht. Weiters ist nicht klar, ob die Vorteile und neuen Erfahrungen zu dauerhaften Einstellungsveränderungen führen. Es steht zu befürchten, dass nach dem Ende der Pandemie-Bedrohung die alten Bedrohungsszenarien wieder in den Vordergrund treten und die Angststarre weiterhin füttern. Die alten Gewohnheiten rasten wieder ein und es geht so weiter wie vorher, mit vielen neuen Erzählungen und wenig neuen Einsichten.

So mancher wird vielleicht wegen einer Kreuzfahrt, die jetzt ins Wasser gefallen ist, im nächsten Jahr drei machen. Andere werden vielleicht die Zeiten des Zuhauseseins, über die sie jetzt jammern, vermissen, wenn sie wieder frühmorgens zur Arbeit gehen müssen. Andere werden vielleicht ein paar Elemente des vereinfachten Lebensstils beibehalten, weil sie erkannt haben, dass nachhaltiges Leben mit einem Gewinn an Lebensqualität verbunden sein kann. Ganz unverändert wird die westliche Welt nicht aus dieser Krise heraustreten, ob ein größerer Wachstumsschub im Sinn der Bewusstseinsevolution stattfindet, dürfen wir hoffen, trotz zweifelhafter Ausgangslage.


Finden wir zur gemeinschaftlichen Vernunft?


Der deutsche Philosoph Markus Gabriel steht vor der gleichen Ungewissheit, wenn er schreibt: „Warum löst eine medizinische, virologische Erkenntnis Solidarität aus, nicht aber die philosophische Einsicht, dass der einzige Ausweg aus der suizidalen Globalisierung eine Weltordnung jenseits einer Anhäufung von gegeneinander kämpfenden Nationalstaaten ist, die von einer stupiden, quantitativen Wirtschaftslogik angetrieben werden?“

Die suizidale Wirtschaftsordnung, die Gabriel anspricht, ist aus der gleichen Quelle von Angst und Scham genährt, die in der Viruskrise die Menschen umtreibt. Suizidal wird, wer den Kontakt mit dem Leben und seinen einfachen Schätzen verloren hat, wer also in der Angst feststeckt und auf den Tod zusteuert, weil er sich überall vom Tod bedroht fühlt. Und diese Form des Selbstmordes betrifft nicht eine einzelne lebensmüde Person, sondern das ganze Kollektiv. Wenn einige mit entsprechender Macht ausgerüstete Menschen einen suizidalen Kurs steuern, ist die gesamte Menschheit mitbetroffen. 

Das neue Programm, das wir uns in der gegenwärtigen Phase bewusst machen können und das eine menschenwürdige Zukunft verspricht, muss jenseits von Angst und Scham gesucht und gefunden werden. Es wird angetrieben von der unsterblichen Idee der gemeinschaftlichen Vernunft, die all die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse ausgleichen kann, sodass jedem Menschen ein seiner Würde entsprechender Platz in der Gesellschaft gegeben werden kann. Dazu sollten sich alle zusammentun, die die Menschheit als Ganze in ihrem Geist fassen können und die Umrisse für eine neue Weltordnung zu entwerfen und ihre Umsetzung anzupacken. 

Oder, im Pathos von Markus Gabriel: „Nach der virologischen Pandemie brauchen wir eine metaphysische Pan-Demie, eine Versammlung aller Völker unter dem uns alle umfassenden Dach des Himmels, dem wir niemals entrinnen werden. Wir sind und bleiben auf der Erde, wir sind und bleiben sterblich und fragil. Werden wir also Erdenbürger, Kosmopoliten einer metaphysischen Pandemie. Alles andere wird uns vernichten und kein Virologe wird uns retten.“

Vielleicht stehen wir nicht vor der Alternative zwischen Rettung oder Vernichtung, sondern zwischen einer Zukunft mit mehr oder weniger Menschlichkeit, zwischen mehr oder weniger Verbundenheit, zwischen mehr oder weniger gemeinsamer Vernunft. Wie auch immer: Jeder Moment zählt, und es zählt, ob er in die eine oder in die andere Richtung investiert wird, von mir, von dir, von uns allen. 

Das menschliche Maß, das die Ethik anstrebt, finden wir nur jenseits der Ängste, dort, wo sich der Blick über den Tellerrand hinauswagt und das große Ganze der Menschheit und des Universums in seiner Erhabenheit erkennt, um sich dort einzuordnen.


Mittwoch, 25. März 2020

Scham, Schuld, Corona

Scham und Schuld sind Gefühle, die hinter allem stecken können, was uns beschäftigt. Zurzeit gibt es das Hauptthema Virus, und es kann sich lohnen, einen Blick auf die Scham- und Schuldaspekte zu werfen, die darin verborgen sind.

Wie bei allen großen Veränderungen, die unser Leben beeinflussen, führt auch die aktuelle zu einem Rattenschwanz an Erklärungsversuchen, die nach dem oder den Schuldigen suchen. Mal sind es die Chinesen, die den Virus erfunden haben, um dem Westen zu schaden, mal die Amerikaner, um den Rest der Welt noch mehr zu dominieren, mal die Finanzeliten, um mit Spekulation noch mehr zu verdienen usw. Es gibt aber auch scheinbar metaphysische Erklärungen, die „die Natur“ für die Viren  verantwortlich machen und in ihnen eine Waffe sehen, mit der sie sich gegen die Menschen wehrt und dafür sorgt, dass sie von uns nicht noch mehr zerstört wird. Schließlich ist auch davon die Rede, dass der Planet sich mit Hilfe der Viren von der Last einer Überbevölkerung befreien will.

Die Suche nach Schuldigen


Jede dieser Theorien hat mit Scham und Schuld zu tun. Einen Schuldigen zu finden für die Pandemie klingt nach Verantwortung und Aufklärung: Schuldige für ein Unheil müssen ausgeforscht, dingfest gemacht und bestraft werden. Es passiert massives Leid, also muss es massive Schuld geben. Und wo Schuld ist, ist auch die Scham nicht weit.

Sicher gibt es Beamte und Politiker, die in dieser Situation fehlerhaft gehandelt haben. Aber die ganze Problematik und damit auch das Virus selbst als menschliche Erfindung von einigen Bösewichtern darzustellen, ist, solange es dafür keine Beweise gibt (und die Beweislage spricht eindeutig für das Gegenteil), eine ungeheure Beschuldigung gegen Unbekannt. Solche Vorwürfe entspringen dem Bedürfnis nach einem eindeutigen Schuldigen, dem die ganze Verantwortung angelastet werden kann. Wo Schlimmes geschieht, muss es Schuld geben, so haben wir das in der Kindheit gelernt und folglich muss das auch für die große weite Welt und ihre komplexen Abläufe gelten. Wie wir als Kinder für unsere schlimmen Taten beschuldigt, beschämt und bestraft wurden, muss es jetzt auch geschehen, sonst bleibt die Unsicherheit, dass es erneut zu Widrigkeiten kommt, die sich unserer Kontrolle entziehen. 

Damit wird die Scham als Waffe genutzt, die vermeintlich unsere Ehre wiederherstellen kann, die durch eine Krise in Frage gestellt wurde.  Doch ist es das eigene Schambedürfnis, aus dem eine solche Denkweise erwächst. Denn es besteht keinerlei Notwendigkeit, einem Vorgang wie diesem böse menschliche Absichten zu unterstellen – wie gesagt, solange es keine Belege dafür gibt. Die Absicht, böse Absichten ohne Grund zu unterstellen, kommt aus der eigenen Bosheit, die mit Scham unterdrückt und auf andere projiziert wird. 

Ist die Natur ein Subjekt?


Wenn wir die schuldige Instanz in der Natur sehen, die sich rächen will, sollten wir auch auf die Schamthemen schauen, die sich in diesem Erklärungsmodell verbergen. Zunächst wissen wir nicht, ob hinter der Natur und ihren Abläufen ein Plan oder ein planendes Wesen steht. Wir können von einer derartigen Annahme ausgehen, genauso wie von der gegenteiligen, dass es eben keine planende Stelle oder Person oder Intelligenz gibt, sondern dass die Vorgänge und evolutiven Prozesse in der Natur ohne Vorausplanung ablaufen. Das ist zumindest der Standpunkt der modernen Naturwissenschaften, und die Theorie des „kreativen Designs“, die eben einen Architekten des ganzen Ablaufs unterstellt, hat dagegen einen sehr schweren Stand. Sie ist deshalb nur noch in einigen amerikanischen Bundesstaaten angesehen, in denen auch die Evolutionstheorie aus den Schulen verbannt ist. 

Es ist also im besten Fall eine Glaubensfrage, ob die Natur selbständig, nach dem Modell des Menschen, handlungsfähig ist und für sich selbst Verantwortung übernimmt oder nicht. Obzwar wir als Menschen in vielen Fällen planvoll agieren, muss das nicht bedeuten, dass die Natur oder die Existenz als Ganze entsprechend designet sind. Nach all unserem Wissen sind die Menschen die einzigen, die die Herausforderungen ihres Lebens mit dieser Strategie meistern, zumindest zum Teil. Es gibt nahe Verwandte im Tierreich, die über solche Fähigkeiten im Ansatz verfügen, aber damit hat es sich schon. Wir sind ein Spezialfall innerhalb der Vielfalt der Lebensformen, mit einer Intelligenz, die in der Lage ist, die eigene Verfasstheit auf das Ganze zu übertragen, aber ohne die Fähigkeit, absolut entscheiden zu können, ob das sinnvoll ist oder nicht.

Die Natur als Rächerin


Würde es nun stimmen, dass die Natur mit Hilfe von Viren zurückschlägt, um sich der Menschenschädlinge zu entledigen, so sind wir als Menschheit mit einer riesigen Scham beladen, für die wir gerechterweise mit unserer Existenz büßen müssten. Scham ist eben das Gefühl, das auftritt, wenn der Kern unserer Existenz fraglich und unsicher ist. Wenn wir uns selber gewissermaßen in diese Existenzscham versetzen, indem wir der Natur Racheabsichten unterstellen, sind wir es selber, die uns das Existenzrecht absprechen. Es ist also gar nicht die Natur oder die von ihr ins Rennen geschickten Viren, wir selber sind es, die unsere Auslöschung wollen. 

Solche Gedankengänge sind psychologische Spiele. Sie spiegeln nichts anderes als das eigene Lebensschicksal wider. Eigentlich dienen sie gar nicht dazu, besser zu verstehen, was abläuft, um damit in Frieden zu kommen. Vielmehr rechtfertigen sie die eigene Verdammung, die irgendwo und irgendwann in einer frühen Lebensphase erlebt werden musste. Die übermächtige Naturumgebung, in der wir entstehen, ist die Mutter. Wenn sie uns nicht bedingungslos annimmt als neues Erdenwesen, sondern uns als Belastung und Störung ihres Lebens erfährt, nistet sich die Urscham ein, die besagt, dass wir als Wesen falsch und überflüssig sind.

Wenn wir diesen Gedanken des Ungewolltseins auf die ganze Menschheit übertragen, entlasten wir uns ein Stück von unserem eigenen Schicksal, indem wir die Scham potenzieren, sodass wir nur mehr ein kleines Stück von ihr betroffen sind. Wir wollen uns also selber vom eigenen Schicksal freisprechen, um den Preis, den eigenen Untergang mitsamt der Menschheit in Kauf zu nehmen und sogar noch zu rechtfertigen. 

Die fehlprogrammierte Natur


Dazu kommt das peinliche Faktum, dass wir als Menschen selber Naturwesen sind. Manche bemühen an diesem Punkt die Krebsmetapher, um ihr selbstschädigendes Modell aufrechterhalten zu können: Die Menschheit sei das Krebsgeschwür der Natur, also eine genetische Fehlprogrammierung, die in der Lage wäre, die ganze Natur auszulöschen. Wieder wird extrapoliert und vom menschlichen Organismus auf die Natur als Ganze geschlossen, was schon nach den Gesetzen der Logik problematisch ist. Letztlich würde diese Annahme auf den Punkt zusammenfallen, dass die Natur Programme in sich trägt, die bestimmte Strukturen zerstört. Sie baut also auf und zerstört, eine No-Na-Erkenntnis.

Wir wissen nicht einmal, ob die Zerstörung, die Teil von allen Naturprozessen ist, fehlerhaft ist oder nicht. Denn ohne Wissen über den Gesamtplan gibt es auch kein Richtig und Falsch in Bezug auf die Abläufe, die das Leben der Natur ausmachen. Vielleicht müssen wir uns begnügen festzustellen, dass alles so ist, wie es ist, alles so geschieht, wie es geschieht, und dass wir nicht darüber urteilen müssen, was sinnvoll und gut und was fehlerhaft und schlecht ist. 

Die Schwierigkeit, mit Nichtwissen zu leben


Offenbar ist es schwerer, in Bezug auf Gesamtfragen und Globalerklärungen mit einem Nichtwissen zu leben, als selbstschädigende Gedankenmodelle zu pflegen. Denn Nichtwissen kränkt den Narzissmus, und das schmerzt. Wo wir kein Wissen haben, haben wir keine Macht. Wir müssen also auch unsere Machtlosigkeit dem Ganzen gegenüber akzeptieren, und das heißt, wir müssen unsere Endlichkeit und Sterblichkeit annehmen. Es ist also ganz einfach die Angst vor dem Tod, die uns Erklärungsmodelle diktiert, mit denen wir ein Stück Unsterblichkeit erobern wollen. 

Wir können unheimlich viel erklären, was in der Natur abläuft, aber wir wissen nicht, ob es dahinter einen Plan gibt, den wir nach und nach entschlüsseln. Je mehr wir verstehen, desto besser können wir eingreifen und Einfluss ausüben. Sobald die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eine Methode gefunden haben, die den Viren den Garaus macht, sind wir die Plage los. Gäbe es die Wissenschaft nicht, würde die Epidemie solange wüten, bis es keine Wirte mehr für die Viren gibt, wie das bei den Pestepidemien vergangener Zeiten war. So aber ist es nur eine Frage der Zeit, und die menschliche Intelligenz wird die menschliche Gesundheit wieder ausreichend schützen können.

Doch selbst dann sind wir wieder nur ein bisschen sicherer mit unserem Leben. Selbst dann gibt es genug Bedrohungen, die unserem Leben ein Ende setzen können. Irgendwann wird eine Bedrohung so mächtig sein, dass wir ihr nicht entkommen und uns ihr hingeben müssen. Wollen wir uns auf diesen Moment vorbereiten, so ist es jetzt die Übung, dass wir uns dieser Situation hingeben, ohne zu wissen, wer daran schuld ist und was damit letztlich bezweckt ist.

Samstag, 21. März 2020

Raus aus der Gehirnwäsche

Seit ein paar Wochen hat ein Thema Einzug gehalten in unser Bewusstsein und es mittlerweile fast vollständig in Besitz genommen. In den traditionellen Medien gibt es Coronaberichte mit Unterbrechungen, in den sozialen Medien tummeln sich die unterschiedlichsten Beiträge zu dem einen Thema. Es scheint, als ob wir nichts anderes mehr bereden oder bedenken dürften. 

Klar: Dieses Virus hat unser aller Leben in einer Weise umgekrempelt, wie es das „seit Menschengedenken“ nicht mehr gegeben hat. Jeder Mensch in unserer Gesellschaft muss seine Gewohnheiten und Tagesabläufe an die Erfordernisse der Situation anpassen. Es erfordert eine Menge an Denk- und Sprechleistung, um diese Veränderungen verarbeiten zu können. 

Ein kollektives Bewusstsein hat sich ausgebreitet und ist ungehindert in unsere Köpfe eingedrungen. Sein Hauptantrieb ist die pure Überlebensangst, sein Zusatzmotor die soziale Angst, andere nicht anstecken zu wollen. Dieses Bewusstsein wirkt wie ein Sog, das alles in sich hineinziehen will, von dem nichts unberührt bleiben soll. Es hat unsere Handlungsmöglichkeiten eingekreist und wir haben uns in unser Los geschickt, wissend, dass alle anderen mitmachen. Zugleich hat es unser Denken gebunden und okkupiert, das dann wie in einer Gefängniszelle von einer Wand zur anderen wankt und dann wieder zurück.

Dazu kommt die Unsicherheit über die Dauer der Maßnahmen, die alle Planungen und Zukunftserwartungen, die wir in uns aufgebaut und vorbereitet haben, mit Fragezeichen versieht. Wir wissen nicht, wie lange wir zuhause sitzen müssen, wie lange die Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit aufrechterhalten bleiben und in welcher Form sie weiterbestehen. Wir müssen mehr im Moment leben, auch wenn die Fantasie immer wieder in die Zukunft reisen möchte.  Unser Denken kann auch hier nur kreisen: Was habe ich schon alles geplant und wie wenig weiß ich, ob es eintreten kann.

Wir sind in einem viel größeren Ausmaß mit der grundsätzlichen Unvorhersehbarkeit und Unberechenbarkeit der Wirklichkeit konfrontiert. Die Lehre des Buddhas kreiste schon vor 2600 Jahren um die Nichtpermanenz, um die andauernde Wandelbarkeit des Lebens und um den menschlichen Verstand, der das nicht und nicht akzeptieren will, der seine ganzen Ängste um diese Unbeständigkeit herum aufbaut. Nach Buddha entsteht das Leiden aus der Bekämpfung dieser Unbeständigkeit durch das Festhaltenwollen an alten Gewohnheiten, Beziehungen, Erwartungen, Dingen, darunter auch die Gesundheit. Sobald und erst wenn wir anerkennen, dass nichts von Dauer ist und dass deshalb nichts unserer absoluten Kontrolle unterliegt, finden wir zum inneren Frieden.

Wie aber sollen wir in Frieden kommen, wenn um uns herum alles unsicher ist? Wie sollten wir Ruhe finden, wenn alle fortwährend von dem einen Thema sprechen, das nichts Positives enthält, sondern nur Sorgen und Ängste bereitet? Das Virus mit all seiner unabwägbaren Bedrohung ist doch überall oder könnte zumindest überall sein, auf jeder Türschnalle und in jedem Lufttröpfchen. 

Plädoyer für coronafreie Räume


Nicht einmal dieses Plädoyer kommt ohne Anspielung auf das allmächtige Thema aus. So ist das, wenn das kollektive Bewusstsein eingeengt und eingeschränkt ist. Wir kommen aber aus dieser Verhexung nur heraus, wenn wir uns mit anderen Themen beschäftigen. Da kommt gleich wer und sagt, das wäre ja nur Ablenkung? Doch wovor sollten wir uns ablenken? Wir wissen mittlerweile im Überfluss und Überdruss, was es zu wissen gibt. Wir tun, was zu tun ist. 

Also ist jede Menge Zeit für andere Dinge, andere Aktivitäten, andere Ideen, die nichts mit dem allgegenwärtigen Virus zu tun haben. Dazu müssen wir unsere Köpfe frei machen, statt sie fortwährend aufs Neue zuzustopfen mit dem Thema. Das Virus hat sich fix in unseren Köpfen eingenistet und will sich, wie es seiner Natur entspricht, vermehren und weiter vermehren. Es will uns süchtig nach sich selbst machen, wie ein Verliebter, der die Quelle seiner Anbetung mit seinem Selbst füllen will, damit sie ihn keine Sekunde vergisst.

Wie bekämpfen wir eine Sucht? Wir hören damit auf, sie zu nähren, sie zu füttern. Wir schränken ihren Raum ein, indem wir andere Räume öffnen und uns in ihnen aufhalten, bis die Sucht in ihrem Kämmerlein verkümmert ist. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf alles, was frei ist von Viren: Die Tiere und Pflanzen um uns, der Sonnenschein, die Regentropfen. Wir nutzen die Zeit, um alte Hobbies auszugraben oder liegengebliebene Ideen zu verwirklichen. Wir freuen uns an den Schönheiten und Wundern, die uns umgeben. Wir leben mit dem Zauber der Einfachheit, den uns diese Zeit beschert. 

Die äußeren Einschränkungen haben in diesem Fall glücklicherweise nichts mit Gewalt und Zerstörung zu tun wie in einem Krieg (dieser Unterschied sollte nicht verwischt werden, auch wenn sich manche Politiker mit der Verwendung dieser Metapher für eine Seuchenbekämpfung als martialische Retter darstellen wollen). Wir können diese Einschränkungen in innere Einschränkungen übersetzen und dann an unserer Unbeweglichkeit leiden, oder wir können unsere innere Freiheit umso mehr weiten, als wir durch die äußeren Regelungen beengt sind.

Zum Weiterlesen:
Die Corona-Krise als Chance?

Montag, 16. März 2020

Die Corona-Krise als Chance?

Was bleibt einem Blogschreiber in diesen Zeiten anderes übrig als über „covid-19“ zu schreiben? Bei jedem anderen Thema würde sich der Leser oder die Leserin denken: Was hat dieser Blogschreiber für Sorgen? Scheinbar redet die ganze Welt (jedenfalls in unserem eigenen bescheidenen Umkreis) von nichts anderem als von einem Virus, der nur 120 bis 160 nm groß ist und im Elektronenmikroskop recht hübsch ausschaut. Diese Partikelchen, die nicht einmal zu den Lebewesen gezählt werden, haben binnen kurzer Zeit unser Leben umgekrempelt, massive Ängste ausgelöst und die Wirtschaft in Turbulenzen gebracht. 

Eine ganze Menge an Selbstverständlichkeiten und scheinbar dringenden Notwendigkeiten verschwindet hinter der Übermacht der Bedrohung: Plötzlich ist das Nulldefizit kein Idol mehr, das Wirtschaftswachstum kann ruhig sinken, die Steuern werden gestundet, der Konsum wird zurückgefahren und das einfache und bescheidene Leben wird zum vorbildlichen Maßstab. Menschen, die keine Arbeit mehr haben, werden wie mit einem Grundeinkommen vom Staat erhalten.  

Ideale, die vordem als sozialromantisch, fortschrittsfeindlich oder illusionär lächerlich gemacht wurden, sind auf einmal selbstverständlich und problemlos für eine breite Masse. Jeder fügt sich ein in den Verzicht, auf Reisen, Shoppen, Ausgehen, Kultur. Die sozialen Unterschiede sind da nicht mehr so wichtig: Ob ich in einer millionenschweren Villa oder einer Zweizimmerwohnung zuhause vorm Fernseher sitze, macht keinen Riesenunterschied mehr. Das Virus schert sich nicht um das Konto seines Wirtes, wenn es tut, wozu es aktiv ist. Das Virus “hobelt alle gleich” (Nestroy). 

Es ist erstaunlich, wie die als unmittelbar wahrgenommene Lebensbedrohung, die von dem – im Vergleich zu anderen Infektionen relativ schwachen – Virus ausgeht, die Menschen zur Akzeptanz von weitgehenden Lebensveränderungen motiviert. Deutlich wird die Macht der Medien mit ihren eindrucksvollen Bildern auf das Denken und Empfinden der Menschen. Sie übermitteln wichtige Informationen, damit wir mit der Situation richtig umgehen können. Sie vermitteln aber auch ein allgemeines Bild der Lage, das Ängste mobilisieren kann, die in keinem Verhältnis zur eigenen Lebensumgebung und deren Bedrohung stehen. Sie stoßen auf eine innere Angstbereitschaft, die mit unserer chronischen Stressbelastung zu tun hat. Sobald Bilder in den Medien auftauchen, verbunden mit erschreckenden Zahlen und ernsten, mahnenden Gesichtern, melden sich auf einer tieferen Ebene die Alarmglocken, die lange zuvor eingerichtet wurden und nun mit Ängsten reagieren, Ängste, die deshalb den aktuellen Bedrohungen gegenüber unverhältnismäßig sind und ein vernünftiges Handeln erschweren.  

Aus diesen Gefühlen speisen sich Verhaltensweisen, die zu Panikhandlungen auswachsen können, so z.B. das Hamsterverhalten, mit dem Kunden die Klopapierregale leerplündern und sich um die letzten Packungen streiten. Der Mitmensch auf der Straße wird zur möglichen Bedrohung, wir gehen misstrauisch auf Abstand und fragen uns, ob er seine Hände desinfiziert hat oder gar ein Coronaerkrankter ist. Hoffentlich fängt er nicht zu husten an und wir können uns nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen. 

Die Unsicherheit ist so überwältigend, weil das, was uns Angst macht, so winzig klein ist, dass es unserer Kontrolle und Abwehr zu entgehen scheint. Wir können uns vornehmen, die Gefahr mit aller Macht zu bekämpfen, doch ist der Feind so unsichtbar, dass all unser martialisches Gehabe ins Leere geht. Außerdem wissen wir so wenig, wie sich die Gefahr verhält, wie wir sie in den Griff kriegen und unserer Macht unterwerfen. Wir befinden uns an einer Grenze zu einem Unbekannten und haben die Angst, dass es uns an den Kragen geht und wir gar nicht wissen, was es ist, das uns da umbringt. 

Diese Grenzerfahrung zu vermeiden, ist vermutlich der Hauptimpuls, warum wir so bereitwillig all die Einschränkungen auf uns nehmen, die uns anbefohlen werden. Es gibt keinen zivilen Widerstand angesichts der Freiheitsverluste, sondern bereitwillig nickende Zustimmung überall. 

Währenddessen entsteht eine Gesellschaft, die weniger Ressourcen verbraucht und offensichtlich damit auch ganz gut leben kann. Sind wir schon dabei, die Spannungen eines ungleichen Sozialsystems und das Rätsel der Klimakrise zu lösen, indem wir merken, dass ein Zusammenleben miteinander und mit der Natur mit Augenmaß möglich und lebbar ist? Was könnte daraus folgen, dass wir viel weniger unter dem Konsumverzicht leiden als wir dachten, solange uns die Selbsteinschränkung mit moralischer Geste vor Augen gehalten wurde? 

Obwohl sich zeigt, dass wir könnten, was wir sollten, ist es noch zu früh für eine Einschätzung der Krisenfolgen. Denn es ist ein Verzicht, der aus Angst und nicht aus Einsicht und Vernunft stammt. Es ist eine elementare Überlebensangst, die uns ins einfache Leben zurückbringt und damit auskommen lässt, wenig unterschieden von dem kargen Leben, das die Menschen während und nach dem 2. Weltkrieg auf sich nehmen mussten. Es ist ein Virus, das uns zur Neuausrichtung unseres Verhaltens zwingt, nicht eine innere Willensausrichtung aus Freiheit und Verantwortung. 

Warum schaffen wir es als Gesellschaft nicht, ohne Angstmotivation dorthin zu kommen, wo es uns vielleicht ohnehin insgesamt besser ginge, nämlich in einer entschleunigten, sozial ausgeglichenen und bescheidenen Gesellschaft? Warum braucht es Viren, die unsere Gesundheit bedrohen, um auf Ambitionen und Güter zu verzichten, die ohnehin nur unsere Gier und Arroganz füttern? 

Wir werden sehen, ob wir aus dieser Krise eine Lektion lernen und unser Leben grundlegend und dauerhaft verändern, oder ob wir sofort zur Tagesordnung der Ressourcenvergeudung und Entsolidarisierung zurückkehren, sobald der Spuk vorbei ist. Die Chance zur Umkehr und Neuausrichtung haben wir allemal.

Zum Weiterlesen:
Raus aus der Gehirnwäsche  

Sonntag, 23. Februar 2020

Das Pathos der Beschämung in der Klimadebatte

Wie in vielen anderen Fragen unseres Lebens ist auch beim aktuellen Thema „Klima“ die Scham in vielfacher Weise involviert. Es kann helfen, die eigenen Standpunkte und Handlungsmöglichkeiten in diesem Zusammenhang besser zu verstehen und zu positionieren, wenn wir die Rolle der Scham in diesem Zusammenhang untersuchen.

Die Scham spielt immer eine Doppelrolle. Zum einen hemmt sie uns, etwas zu tun, was den eigenen Maßstäben oder den Erwartungen anderer nicht entspricht. Zum anderen motiviert sie uns dazu, unser Verhalten zu verändern, damit sie nicht mehr auftreten muss.

Wenn wir ernstnehmen, was wir mit unserem Verhalten anrichten (wir, die Konsumenten, wir die Produzenten, wir die Dienstleister etc.), dann ist Scham angebracht. Diese Menschheitsgeneration hat so viele Ressourcen verbraucht wie keine zuvor, Bodenschätze konsumiert und Arten vernichtet wie keine zuvor. Und wir sind Teil davon, wie ökologisch und nachhaltig immer wir uns verhalten. Diese Scham konfrontiert uns mit unseren Vorfahren, die mit viel Weniger ihr Auslangen fanden und zufrieden leben konnten, und mit unseren Nachfahren, denen wir einen ausgeplünderten Planeten überlassen, ungewiss, wie sie damit zurechtkommen können. Wie stehen wir anders da als mit schamgesenktem Blick?

Diese Perspektive ist schwer verkraftbar, obwohl sie ein zentraler Teil der Wirklichkeit ist, in der wir uns befinden, weil die Scham belastet und ohnmächtig macht. Andererseits kann sie leicht verdrängt werden, weil es keine direkt Betroffenen in der eigenen Umgebung gibt. Die Vorfahren, die mit weniger Wohlstand ihr Auslangen fanden, betrachten wir mit Mitleid und leichter Verachtung. Die Kinder, die im Blick auf ihre Zukunft anklagen, leben in einem fetten Wohlstand. Die Pazifik-Insulaner, denen das Meerwasser an die Hausschwelle schwappt, sind weit weg. Die abgemagerten Eisbärenfotos wurden als Fake entlarvt.

Doch was wäre, wenn wir die Scham anerkennen und ihr in unserer Innenwelt Raum geben statt sie lässig beiseite zu schieben? Wir würden mit der Verantwortung konfrontiert, die mit unserem Anteil an der Krisensituation verbunden ist. Wir würden die Aufforderung hautnahe spüren, unser Handeln zu ändern, Gewohnheiten abzulegen und neue Wege einzuschlagen, die mit einem Verzicht auf bisherige Bequemlichkeiten einhergehen könnten. Wir wären dem Anspruch ausgesetzt, neue Einstellungen zu übernehmen, die mit Bescheidenheit und Einfachheit verbunden sind. Wir würden die Weite unseres Verantwortungsraumes wahrnehmen: Ausgedehnt auf alle lebenden Wesen, jetzt und in die Zukunft hinein. Wir würden nicht mehr isoliert in unseren engen Lebenskreisen dastehen, sondern als Weltbürger, als Akteure auf der Bühne des globalen Geschehens.

Da ist es wohl einfacher, mit kognitiven Taschenspielertricks unsere Scham zu überspielen und einfach so weiterzuleben, wie bisher, vielleicht mit ein paar besorgten Gesprächen über das Klima da und dort. Vielleicht, je nach aktueller Wetterlage, dramatisieren wir dabei manchmal und verharmlosen ein andermal. Wir machen uns klein und unscheinbar und verstecken uns wie Adam und Eva vor dem strengen Blick Gottes. Wir tun so, als gäbe es uns als Akteure und Mitverantwortliche nicht und als wäre die Klimakrise ein Katastrophenereignis in einer weitentlegenen Welt, während wir weiter aus dem Vollen schöpfen. Auf diese Weise leben wir bar jeder Verantwortung, wie unschuldige Kinder, die nicht wissen, was sie tun und was sie anrichten.


Die „Klimahysteriker“ und ihre Verspotter


Politiker, die es besser wissen und auf Basis der systematischen Schamvermeidung in ihren Wirtschaftszielen weiterbasteln, können nichts mit den Warnern anfangen, die darauf hinweisen, dass auf die Menschheit größere Probleme zukommen als die Steigerung des Wirtschaftswachstums und der Konzerngewinne. Sie unterstellen ihnen Verantwortungslosigkeit und Panikmache. Sie werten sie als Klimahysteriker ab, um sie in ein pathologisches Eck zu stellen. Sie ignorieren die Befunde von Tausenden von wissenschaftlichen Studien und tun so weiter wie bisher. Sie sind in ihrer Blase gefangen, in der es nur die Steigerung der eigenen Macht mit Hilfe eines ungezügelten Kapitalismus gibt. Mit ihrem offen zur Schau getragenen Zynismus wollen sie alle Andersdenkenden beschämen und sich selber von jeder Scham freisprechen.

Andere Politiker sehen nur die Probleme der Migration und übersehen deren Zusammenhang mit dem sich verändernden Klima. Ihre Hauptangst besteht darin, dass die eigene Kultur von einer fremden überlagert und ausgelöscht wird. Die Klimakrise erklären sie zur Erfindung von korrupten Wissenschaftlern, die damit von den wahren Problemen und drohenden Katastrophen ablenken wollen. Sie verstehen sich als Aufklärer und trauen nichts anderem als ihren selbstgebastelten Pseudowahrheiten. In ihrer Blase gibt es nur eins: Gierige Fremdländer, die an die eigenen Fleischtöpfe wollen und ignorante Leute, die blind in die Falle stolpern.


Die Klimaakteure und das Pathos der Beschämung


Die als Klimahysteriker verspotteten Aktivisten um Greta Thunberg und ihren Mitstreitern treten mit dem Pathos der Endzeitwarner auf, und niemand kann mit Gewissheit behaupten, dass sie darin unrecht haben. Dennoch können wir genauer auf den Gestus dieses Einsatzes schauen, um ihn und die Reaktionen auf ihn besser zu verstehen.

Umweltschützer und Grünenpolitiker haben seit jeher das Problem, dass sie als Moralisierer und Besserwisser gesehen und abgelehnt werden. Der Gestus des Belehrens, den sie für viele ausstrahlen, stößt auf die Gegenreaktion der Abwertung und Aggression. Wer mit dem erhobenen Zeigefinger dessen, der vor einer Gefahr warnt und zur dringenden Umkehr mahnt, konfrontiert ist, kann sich gemaßregelt und beschämt vorkommen. Einer moralischen Überlegenheit gegenüber kann man nur klein beigeben oder sie bekämpfen, indem sie entwertet oder lächerlich gemacht wird. Die meisten, die sich ertappt fühlen, reagieren mit der zweiten Möglichkeit, weil sie als Erwachsene sich nicht mehr unterordnen wollen, wie sie das als Kinder getan haben.

Wir alle kennen die Geste des mahnend erhobenen Fingers, der uns klein und das Gegenüber groß und mächtig macht. Dagegen regt sich der Geist der Opposition und Rebellion. Wenn zur Geste noch beschämende Worte kommen, wird die Situation bedrohlich. Und die neue Generation der Klimaaktivisten spart nicht mit unduldsamer Strenge, mit der die „Alten“ angeklagt werden. Sie haben nichts als Worte produziert und in ihren Taten die Katastrophe in Gang gesetzt und weiter befeuert. Sie haben sich nicht bloß geirrt oder unbewusst etwas Falsches gemacht, sondern wissend das Unglück vor- und aufbereitet. Sie gehören an den Pranger gestellt, damit alle sehen, was sie Unrechtes getan und verschuldet haben. Sie gehören öffentlich beschämt. Schämen soll sich, wer fliegt, Fleisch isst, Plastik verwendet und keine effektiven Gesetze zusammenbringt.

Dieses Pathos der Beschämung entsteht aus dem Gefühl der Not und der Dringlichkeit sowie der Hilflosigkeit und Ohnmächtigkeit einer übermächtigen erwachsenen Gesellschaft gegenüber, die sehenden Auges in die Katastrophe steuert, die ein anderer Teil dieser Gesellschaft mit den Mitteln der Wissenschaft vorausberechnet hat. Das Mittel der Beschämung gilt als ultima ratio angesichts einer sonst aussichtslosen Situation. Es will aufrütteln und zur Neuausrichtung des Handelns zwingen. 

Dieses Mittel kennen vermutlich alle aus ihrer Kindheit, als Erziehungsmittel. Wer etwas falsch gemacht hat, soll sich schämen und über die Erfahrung der Scham Verantwortung übernehmen und das eigene Verhalten verbessern. Es wird von Eltern oft in Extremsituationen angewendet, in denen sie mit anderen Mitteln nicht mehr weiterkommen, um das Kind „zur Räson“ zu bringen, um also aus einem emotionsgeleiteten kleinen Menschen einen vernunftgeleiteten zu bilden. 


Das Mittel der Beschämung im Modernisierungsprozess


Die Beschämung als Erziehungsmittel in Extremsituationen erregt viel Aufsehen in der Öffentlichkeit, überhaupt weil es die erste mächtige Jugendbewegung seit den 60er Jahren kennzeichnet. Diese war auch mit dem Pathos der Beschämung aufgetreten, mit dem der faschistoiden Nachkriegsgesellschaft der Spiegel vorgehalten wurde. Jene Bewegung mündete in einen Modernisierungsschub, der auch als Entstaubungsschub verstanden werden kann und z.B. die Normen des Familien- und Eherechts endlich der Zeit anpasste. Es steht zu hoffen, dass die Wortgewalt der jungen Warner zu einem ähnlichen Modernisierungsschub führt, mit dem die Normen der Güterproduktion, die ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammen, der postkapitalistischen oder metamodernen Zeit angepasst werden und das nachhaltige Wirtschaften zum Leitprinzip machen.

Es braucht also offenbar manchmal – in Zeiten, in denen es um die Abwendung von Unheil geht – die Umkehrung der moralischen Macht zwischen den Generationen und das Mittel der Beschämung, um diesen Machtwechsel zur Geltung zu bringen. 


Kindliche und erwachsene Reaktionen


Es darf allerdings dann nicht wundern, wenn jene, die sich eine wasserdichte Schamabwehr zugelegt haben, mit Aggression, Hass und Gegenpropaganda auf die Strategie der Beschämung reagieren. Sie nutzen die Überlebensstrategien, die sie als Kinder gegen ihre übermächtigen Eltern erlernt haben, um mit dem, was sie jetzt als Erwachsene in ihrem Lebensstil und in ihren Werten bedroht, fertig zu werden. Vermutlich befürchten sie insgeheim, dass die Mahner recht haben, so wie sie als Kinder auch annehmen mussten, dass die Eltern recht hatten, als sie von ihnen beschämt wurden. Beschämt zu werden ist schmerzhaft, vor allem für Kinder, die auf die Liebe ihrer Eltern angewiesen sind.

Umso mehr müssen jene bekämpft werden, die den Finger in die Schamwunde legen, auch wenn sich ein Erwachsener nicht mehr gegen jede Beschämung zur Wehr setzen muss, sondern nachschauen könnte, wo es gilt, Verantwortung zu übernehmen. Aber es ist der kindliche Teil, der zu kämpfen beginnt und die emotionale Bedrohung als real erlebt. Daraus ist die Vehemenz und untergriffige Gemeinheit zu verstehen, mit der manche Kritiker auf die junge Schwedin losgehen und sie beschimpfen, lächerlich machen, für krank erklären oder als eine Marionette ihrer selbstsüchtigen Eltern oder skrupelloser Geschäftsleute sehen. 

Beschämung kann also Aggressionen auslösen; in der öffentlichen Debatte, in der es um eine wichtige, wenn nicht sogar überlebenswichtige Frage der Menschheit geht, sollten solche kindlichen Reaktionen keinen Stellenwert haben. Der Stellenwert, den sie dennoch haben, gibt allerdings Auskunft über den Grad an Erwachsenheit, der in unserer Gesellschaft herrscht.

Zum Weiterlesen:
Der Zynismus der zukunftsignoranten Politiker
Nachhaltiger Konsum - aber echt
Konsumscham und Schamkonsum
Privileg Flugreisen
Die Erderwärmung und die innere Wärme
Klimaabgabe für mehr Umweltfreundlichkeit
Die Erderwärmung lange nach zwölf


Freitag, 21. Februar 2020

Die guten und die schlechten Gewohnheiten

Wenn wir uns im Bereich unserer liebgewonnenen Gewohnheiten suhlen, nennen wir das die Komfortzone. Sie wird bewacht von Ängsten und Schamgefühlen. Lieber bleiben wir als genügsame Schuster bei unserem Leisten, als dass wir Neues ausprobieren, bei dem wir uns blamieren könnten. Lieber umgeben wir uns mit Menschen, die wir seit Ewigkeiten kennen, als dass wir neue Kontakte knüpfen, von denen wir nicht wissen, ob sie uns guttun. Gewohnheiten machen das Leben bequem, aber engen es ein und bewirken Langeweile, Ödigkeit bis hin zu allen suchtartigen Verhaltensweisen. 

Gewohnheiten sind also auch die Wurzel von vielem Üblen. Die eingefleischten Hirnbahnen, die uns zu immer gleichen Handlungen treiben, von denen wir wissen, dass sie uns schaden – von Denkzwängen bis zu ungesundem Essen und Trinken, von Nörgelschleifen bis zu Drogenabhängigkeiten.


Die Wurzeln der Erforschungsambivalenz


Gewohnheiten machen uns das Leben einfacher und ersparen uns viele kleine Entscheidungen, die wir durch Routine ersetzen. Sie sind aber auch Sand im Getriebe unserer Wachstumsenergie, die Grenzen erweitern und neue Räume erschließen will. Wir sind Wesen, die immer dazu lernen wollen, bis ins hohe Alter. Die Gegner der Neugier sind Angst und Scham, verbündet mit dem Zweifel, deren kognitivem Bruder. Die Ambivalenz zwischen dem Erforscher- und Erkunderdrang und der Scheu davor geht zurück auf die sogenannte Übungsphase (nach Margaret Mahler), die mit dem Erringen des aufrechten Ganges und der verbalen Sprache um die Wende vom ersten zum zweiten Lebensjahr beginnt und ungefähr eineinhalb Jahre andauert. 

In dieser Phase entwickelt sich das explizite und lebhafte Interesse des Kindes an seiner Umwelt, die es nun viel aktiver erforschen kann. Das entdeckte Neue wird zu einer Quelle von Interesse, Freude, positivem Selbstgefühl und erwachender Selbstwirksamkeit. Das Kind kann spielerisch mit Nähe und Distanz experimentieren und erweitert damit seinen Raum für Vertrauen und Sicherheit in die äußere Welt hinein. Andererseits schwankt es zwischen Trennungsangst und Expansionslust. 

Kommt es in dieser Phase aber zu Verstörungen, die durch überängstliche und überfürsorgliche oder andererseits durch vernachlässigende Betreuungspersonen oder auch durch eine frühzeitige Überlassung an Kinderkrippen oder Zieheltern hervorgerufen werden, so ist dieser Drang nach dem Neuen von Unsicherheit und Misstrauen geprägt. Der Raum für das Experimentieren wird kleingehalten und verbindet sich mit verschiedenen Ängsten. Fixe Gewohnheiten bilden sich als Rettungsanker aus, bei denen sich sicher anfühlt, dass nichts Unangenehmes passieren kann. 

Der überfürsorgliche Erziehungsstil schränkt neben der Impulsivität auch die Kreativität ein und vermindert damit die Lebenschancen in der Gesellschaft, die kreative Kräfte braucht.  
Die überfordernden und vernachlässigenden Eltern hingegen vermitteln ihren Kindern eine Welterfahrung, in der das Kindliche nur wenig Platz erhält und in der es darum geht, dass die Kinder das Kindliche möglichst schnell überwinden und erwachsen werden. Der Bezug zum Spielerischen wird eingeschränkt und mit Scham belegt, von Erwachsenen geschätzte Kompetenzen und Leistungen stehen im Vordergrund und bekommen Lob und Anerkennung. Das Kind bildet dann seine Gewohnheiten in diesen Bereichen aus.


Krankhafte Gewohnheiten


Gewohnheiten, die eine hilfreiche Funktion in unserem Lebensalltag ausüben, erleichtern uns das Leben, weil sie uns von Entscheidungen entlasten und unsere Energien für andere Aufgaben nutzen lassen. Andere Gewohnheiten sind dagegen aus frühen Verhaltensmustern entstanden, die uns als Kleinkindern das Überleben von schwierigen Situationen ermöglicht haben. Sie können sich im späteren Leben zu Neurosen und Süchten entwickeln und das eigene Leben einschränken. Es sind Abläufe, die sich im Gehirn fest eingegraben haben und wichtige Botenstoffe monopolisieren, sodass wir meinen, nur durch solche Gewohnheiten einen Lustgewinn zu erzielen oder zumindest ein angenehmes Wohlgefühl zu finden. 

Dieser Zusammenhang führt zu den Süchten aller Art, vom Alkohol bis zum Medienkonsum, von der Streitsucht bis zum chronischen Stress. Unser Essverhalten kann davon geprägt sein wie die Zeiten unseres Schlafengehens. Zwangsneurosen und Zwangsgedanken beruhen auf ähnlichen Zusammenhängen.


Dissoziative Gewohnheiten


Eine besondere Gruppe unter den Gewohnheiten bilden jene, die auf Dissoziationen beruhen. Dieser psychische Mechanismus ist die Reaktion auf traumatische Erfahrungen und dient ursprünglich dafür, die Schmerzen und den Stress, die durch die Erfahrung ausgelöst werden, nicht spüren zu müssen. Die Situation wird so erlebt, als würde sie jemand anderem passieren. Das Gehirn verfügt über einen Vorgang, in dem es die Schmerzleitungen stilllegt und das Bewusstsein vom Körper abspaltet. Es kann sich dann der Mechanismus entwickeln, dass bei weiteren unangenehmen und belastenden Erfahrungen die Aufmerksamkeit vom aktuellen Moment und von der aktuellen Wirklichkeit verabschiedet und in einen Fantasieraum ausweicht, in dem Ruhe und Frieden herrscht. 

In der harmlosen Form betreffen uns solche Gewohnheiten immer dann, wenn wir nicht im Moment sind und keine bewusste Verbindung zu unserem Körper spüren. In der krankhaften Form können sie Gedächtnislücken bis zu Lähmungen hervorrufen.


Die Befreiung von Gewohnheiten


Wir sind nicht dazu verpflichtet, die Sklaven unserer krankmachenden Gewohnheiten zu sein. Solche Gewohnheiten sind zunächst unbewusst entstandene, aber heute selbstauferlegte Qualen, deren Wirkungen wir nicht immer gleich merken, die aber langfristige Schäden an unserem Körper und unserer Psyche anrichten können. Gewohnheiten loszuwerden ist jedoch ähnlich schwierig wie sie zu erwerben. Sie sind unter erschwerenden Umständen entstanden und hatten oft viele Jahre Zeit, um sich fest in unseren Gehirnwindungen zu etablieren. Vieles in uns wehrt sich vor allem auf unbewusster Ebene, sie zu überwinden.

Es braucht viel Konsequenz, Disziplin und Geduld, um aus der Macht dieser Gewohnheiten zu entkommen. Das sind leider Fähigkeiten, die durch solche Gewohnheiten untergraben werden, sodass die erste Arbeit darin besteht, sie wieder zu kultivieren und zu stärken. Die ersten Schritte werden klein sein, aber je mehr Anerkennung wir ihnen schenken können, desto besser werden sie sich etablieren; es ist wie die Trockenlegungsarbeit, mit der Sigmund Freud die Arbeit am Unterbewusstsein vergleicht: Stück für Stück neue Gewohnheit wird der alten abgerungen. Jeder Schritt verdient ein Quäntchen Selbstzufriedenheit und Stolz. Denn jede Selbstanerkennung wirkt als Selbstverstärkung.

Und jeder Rückschritt braucht Verständnis. Denn das innere Wachsen verläuft nicht linear nach oben. Manchmal sind die Widerstände stärker als der Wille zur Veränderung. Statt uns mit Vorwürfen zu überhäufen, ist es sinnvoller, die Macht der alten Gewohnheiten zu verstehen und mit uns selber nachsichtig und geduldig zu sein. Selbstanklagen helfen uns nicht weiter, sondern nur die Besinnung auf das, was wir wirklich verändern wollen. Aus Vorwürfen können Vorsätze werden, und aus Vorsätzen Willensentscheidungen.

Wenn wir unsere Veränderungsziele zu hoch gesteckt haben und dann gleich beim ersten Versuch scheitern, ist es besser, die Ziele auf ein realistisches Maß zu stutzen. Besser ein kleiner Schritt in die richtige Richtung als ein übermäßiger Sprung, bei dem wir uns den Knöchel verrenken. 

Hilfreich ist es auch, wohlgesonnenen Mitmenschen die eigenen Ziele mitzuteilen, damit die eigenen Absichten an die Öffentlichkeit kommen und dadurch mehr Kraft erhalten. Noch mehr wirkt eine kleine Gruppe von Leuten, die am gleichen Thema arbeiten, z.B. das Rauchen aufzuhören oder den Smartphonegebrauch einzuschränken. Der Austausch mit Gleichgesinnten motiviert zusätzlich und nutzt das Konkurrenzprinzip auf kreative Weise. 

Wir können zusätzlich regelmäßig mit der Vorstellung arbeiten, was sich alles durch das Aufgeben der alten Gewohnheit ändern wird und wie es uns dann gehen wird. Weitere Hilfen sind: Den eigenen Vorsatz durch oftmaliges Wiederholen stärken und sich klarmachen, dass es um das eigene Wollen geht, um die selbstgewählte Motivation. Wenn die Widerstände sehr stark sind, lohnt es sich, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn nachhaltig lösen sich die Hindernisse erst auf, wenn sie in ihren Wurzeln in früher Kindheit oder in der Pränatalzeit verstanden werden.

Kreativität ist der Ausdruck unseres Lebendigseins. Wenn wir unproduktive und selbstschädigende Gewohnheiten verabschieden können, öffnen wir den Raum für neue Ideen, Sichtweisen und Aktivitäten. So bereichern wir unser Leben und das unserer Mitmenschen.

Zum Weiterlesen:
Musterveränderung - aber wie?
Kreativitätshemmungen und ihre Lösung
Reaktive und kreative Lebensorientierung
Selbstqual mit Selbstvorwürfen
Widerstand und Verwandlung

Mittwoch, 19. Februar 2020

Disziplin und Gnade

Diese beiden Ausrüstungen für die spirituelle Reise haben eine innige und paradoxe Beziehung zueinander. Beide brauchen wir und beide brauchen sich gegenseitig. Mit einem ausgeglichenen Zusammenspiel dieser beiden Kräfte kommen wir genau im richtigen Tempo und in der richtigen Form weiter auf dem Weg der Befreiung.


Über die Notwendigkeit der spirituellen Disziplin


Wir machen auf dem inneren Weg nur Fortschritte, wenn wir uns konsequent mit unseren Themen, vor allem mit unseren Gewohnheitsmustern und Widerständen auseinandersetzen. Sonst geht es uns wie beim „Mensch-ärgere-dich-nicht“, dass wir durch störende Einflüsse von außen oder innen aus der Bahn geworfen werden und wieder zurück an den Start müssen. Die wichtigste Übungslektion besteht darin, unangenehme Lebensereignisse als Chancen für mehr Bewusstheit zu nutzen. Wenn wir das verstanden haben und zu einer nachhaltigen Praxis ausbauen konnten, haben wir schon einen überragenden Meilenstein errichtet, auf den wir zur Orientierung immer zurückschauen können, Um zu erkennen, dass wir auf einem guten Pfad unterwegs sind. 

Das notwendige Hilfsmittel ist dabei die Disziplin. Sie holt uns zurück aus den Gewohnheiten und Vergessenheiten. Sie erinnert uns an unsere eigentliche Bestimmung und an unseren inneren Ruf. Sie hilft uns, eine regelmäßige Übungsform zu finden und aufrechtzuerhalten, mit der wir eingefräste Verhaltens- und Denkweisen durch beharrliches und konsequentes Arbeiten an der Achtsamkeit abschwächen und entkräften können. Arbeit an der Achtsamkeit heißt, die Aufmerksamkeit auf den Moment zu bringen, statt sich im Denken und Fantasieren zu verlieren. Im aktuellen Augenblick ist die Wirklichkeit zu finden, nirgends sonst. 

Nur mit Disziplin schaffen wir es, den Verlockungen und Verkrustungen, die in unserem Verstand auf Abruf gespeichert sind, Einhalt zu gebieten und ihnen die Macht über unser Bewusstsein zu nehmen. Nur mit Disziplin werden wir zu den tonangebenden Herrschern in uns selber, nur mit ihr können wir uns unabhängig machen von den anderen Stimmen, die uns ablenken wollen und fortwährend die angstgesteuerten Überlebensprogramme aktivieren.


Die Gnade der Disziplin


Wie aber kommen wir zur Disziplin, wenn so Vieles dagegen arbeitet? Brauchen wir eine Meta-Disziplin, die uns zur Disziplin motiviert? Müssen wir uns also disziplinieren, um diszipliniert sein zu können? Bevor wir uns in einer endlosen Hierarchie von Metaebenen verlieren und verzweifeln, gilt es innezuhalten. Wir können die Disziplin nicht machen wie eine Gemüselasagne oder den Yoga-Kopfstand. Disziplin ist Gnade, sie ist uns gegeben worden, damit wir sie nutzen. Wir können auf sie vergessen oder uns von ihr erholen, wenn sie uns zu sehr anstrengt. Aber sie steht immer als Möglichkeit zur Verfügung. Sie erwächst aus der Kraft des Wachsens, die ihre eigene Konsequenz hat und uns zu dem gemacht hat, was wir jetzt sind, mit unseren Stärken und Schwächen, Eigenheiten und Genialitäten. Würden wir über keine Disziplin verfügen, wären wir keine erwachsenen Menschen, sondern hilflose Babys in Riesenkörpern.

Der Zugang zur Kraft der Disziplin hängt auch von Faktoren unserer Geschichte ab: Können wir uns leicht motivieren, weil wir als Kinder immer bei unserer Neugier und Initiative unterstützt wurden, oder hat es uns an anregender und wertschätzender Umgebung gemangelt, sodass wir es schwerer hatten, innere Strukturen aufzubauen? Waren die Eltern maßvoll fordernd, was unsere Konsequenz und Zielstrebigkeit anbetrifft, oder neigten sie zu Überansprüchen oder zum Verwöhnen? Ungünstige emotionale und soziale Wachstumsbedingungen in der Kindheit wirken auf das Ausmaß ein, in dem uns die Disziplin zu unserer erwachsenen Lebensführung zur Verfügung steht und aktiviert werden kann.

Letztlich hat es auch mit Gnade zu tun, mit welchen Voraussetzungen und Ressourcen wir ausgestattet wurden. Ob wir uns mit der Disziplin leichter oder schwerer tun, sollte uns jedoch nicht daran hindern, die Kraft unserer Selbstverantwortung zur Wirkung zu bringen, um unser Pflicht- und Verantwortungsgefühl für die Strukturierung unseres Lebens einzusetzen. Disziplin als frei gewählter Einsatz für unsere eigenen Ziele ist eine wichtige Quelle für das Gelingen der Lebensführung.


Zwanghafte Disziplin


Disziplin hingegen als aufgezwungene und zwanghafte Haltung führt zu Selbstausbeutung und Unfreiheit. Menschen mit dieser Einstellung glauben, dass die Disziplin den Auftrag hat, alle genussvollen Antriebe zu unterdrücken, damit sie im Leben weiterkommen. Sie sind bestimmt von äußeren Normen, die sie erfüllen müssen, von äußeren Erwartungen, denen sie entsprechen müssen. Diese Form der Disziplin als Gegensatz zum Lustprinzip hat keinen Platz für die Gnade. Denn die Menschen mit dieser Prägung meinen, sich nur auf die eigene Pflichterfüllung und Leistung verlassen zu können. Sie stecken zwischen angestrengtem Arbeiten und schlechtem Gewissen fest, wodurch sie nie mit sich zufrieden sein können, sondern immer meinen, zu wenig und zu schlecht zu leisten. Jeder Zustand der Entspannung ist riskant, weil die Angst vorherrscht, dass die Zügel stets fest angezogen bleiben müssen, damit nicht ein verderblicher Schlendrian einbricht. Es ist also die dauernde Angst vor dem inneren Schweinehund oder Nichtsnutz, die zum disziplinierten Zusammenreißen antreibt.

Dieses Verhaltensmuster ist selbstquälerisch und kann zum Burnout und zu psychosomatischen Symptomen führen, weil es von einer chronischen Stressbelastung untermalt ist. Es ist körper- und lustfeindlich und damit unmenschlich. Die eigentliche Anstrengung sollte darin bestehen, das Muster zu durchschauen und durch eine neue Form von Disziplin zu ersetzen, die Zeiten der Entspannung und des Lebensgenusses mit umfasst. Gelingt es, die zwanghaften Prägungen zu überwinden, kann die Gnade zur Mitwirkung am Lebensglück eingeladen werden.


Das Geheimnis der Gnade


An diesem Punkt führen die Überlegungen zurück zum spirituellen Weg. Auf dieser Ebene gilt alles, was wir in unserem Leben tun oder unterlassen, alle disziplinierten Anstrengungen und undisziplinierten Durchhänger als Beitrag zum inneren Wachsen hin zu mehr Freiheit und Ego-Transzendenz. Die Gnade ist eine spirituelle Kategorie, die darauf verweist, dass vieles, wenn nicht alles, was geschieht, nicht in unserer Macht und Verfügung steht, sondern uns von einer tieferen Quelle gewährt wird oder auch nicht. Die Erfolge in unserem Leben sind nicht die Frucht unserer Bemühungen, sondern Ausfluss eines komplexen Gewebes von Ereignissen, deren Logik sich unserer Einsicht entzieht. Selbst unsere Bemühungen und die dafür notwendigen Energien sind dieser Quelle geschuldet und nicht eine Errungenschaft, die wir unserem Ego zuschreiben könnten.

In dieser Perspektive stammt jede disziplinierte Handlung von diesem Hintergrund, es wurde uns sogar jedes Quäntchen unserer Fähigkeit zur Selbstdisziplin von dort gespendet. Die Gnade verpflichtet uns zu nichts außer zu Dankbarkeit. Das Vertrauen auf die Gnade ist Teil des Grundvertrauens ins Leben, das uns entstehen und wachsen ließ, bis zum jetzigen Moment. Die Gnade wirkt allerdings unvorhersehbar und geheimnisvoll, manchmal schüttet sie ihr Füllhorn üppig aus und manchmal allzu karg. Es gibt keine Stelle, bei der wir mehr oder anderes einfordern könnten, vielmehr zwingt sie uns zum Üben im Annehmen dessen, was geschieht.


Die Alltagspraxis 


Der alte Spruch: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, kann hier in abgewandelter Form angewendet werden: Gnade ist gut und Disziplin ist notwendig. Denn das Vertrauen in die Gnade sollte nicht blind sein – ich brauche nichts zu tun, es wird schon für mich gesorgt. Blind heißt, die Ränke der eigenen Selbstsucht nicht zu durchschauen. Das Ego findet immer Schlupflöcher, um seine Pläne durchzubringen und kann sich da leichtfertig auf die Gnade stützen und statt konzentrierter Anstrengung die eigene Faulheit kultivieren. Mit einer recht verstandenen Disziplin können wir unsere Selbstverantwortung über unsere gewohnten Ausflüchte stellen und für das aktiv werden, was wir aus uns selbst heraus im Leben verwirklichen wollen.

In der „weltlichen“ Welt braucht es auch weltliche Tugenden und Fertigkeiten, um ein kreatives Leben nachhaltig zu gestalten. All diese notwendigen Werkzeuge wie die Disziplin gehen umso leichter von der Hand, je mehr wir sie mit spirituellen Einsichten verbinden. Das Zusammenspiel von Disziplin und Gnade hilft uns z.B., eine tägliche Meditations- oder Achtsamkeitspraxis aufrechtzuerhalten, die uns mehr und mehr für die Segnungen der Gnade und der Dankbarkeit öffnet. Es hilft uns auch, in unseren anderen Anstrengungen nicht müde zu werden, ohne auf einen bestimmten Erfolg fixiert zu sein. Es versöhnt uns mit Rückschlägen und Fehlern. Es bildet die Grundlage für jede kreative Arbeit. Denn die Einfälle, die wir für schöpferisches Tun brauchen, machen wir nicht, sondern sie fallen uns zu, manchmal reichhaltiger, manchmal bescheidener. 

Das in den eigenen Kräften Stehende zu tun und sich in das Nichtverfügbare fügen – eine Formel für das Zusammenwirken von Gnade und Disziplin zu unserem eigenen Besten. Oder, wie das Prophetenwort lautet: Vertraue auf Gott, und binde dein Kamel an.

Hier zur Video-Version.

Samstag, 8. Februar 2020

Über den Sinn von Leiden und Schmerzen

Die Frage, warum es Leid im menschlichen Leben gibt, ist mindestens so alt als Menschen nach dem Sinn des Lebens fragen. Seit es die Theologie gibt, steht sie vor der Frage, wie Gott es zulassen kann, dass es Menschen schlecht geht – das kann doch kein guter Gott sein, der den Menschen zuschaut, wie sie leiden, ohne aus seiner Allmacht heraus einzugreifen, und ein schlechter Gott ist ein Widerspruch in sich. 

Der Ausgangspunkt der Problematik liegt in der Gleichsetzung des Guten mit dem Schmerzfreien und Leidenslosigkeit. Ein gutes Leben muss schmerzlos und beschwerdefrei sein. Dabei verkennen wir – aus naheliegenden Gründen – die Natur des Lebens und damit des guten Lebens. Die naheliegenden Gründe liegen im Wunsch nach Schmerzfreiheit und Wohlgefühl ohne Ende. Wenn wir leiden, fühlen wir uns dagegen eben nicht gut, sondern miserabel, gepeinigt und manchmal sogar verzweifelt. Jeder will genießen und Freude empfinden und unangenehme Erfahrungen möglichst schnell überwinden. Das ist auch ein im Leben grundgelegter Antrieb, der die kreative Seite des Lebens ermöglicht. Denn nur im Zustand innerer Ausgeglichenheit und Entspanntheit können wir schöpferisch aktiv werden und anderen helfen.  

Was ist aber die Natur, die Eigenart des Lebens? Das Leben umfasst alle seine Aspekte und Dimensionen. Organismen sind fühlende Wesen, sie nehmen sich selbst und die Umgebung wahr. Jedes Fühlen ist von einem Kontinuum gekennzeichnet: Zwischen maximaler Bedrohung und maximaler Lebenssteigerung, zwischen maximalem Schmerz und maximalem Wohlgenuss. Wir verfügen über diese Empfindungsfähigkeit, um uns in der Wirklichkeit orientieren zu können, wenn wir unser Überleben sichern. Auf dieser Ebene sind wir genauso ausgestattet wie alle anderen Lebewesen. Ich nehme an, dass sie alle ihre jeweiligen Leidenszustände kennen und irgendeine Form von Schmerz erleben.  

Gäbe es kein Schmerzempfinden, wäre dieses Spektrum eingeschränkt – was auch bei Menschen, die eine spezielle Störungen im Gehirn haben, der Fall ist. Ohne körperliche Schmerzempfindung bekommen wir keine Signale über Probleme in unserem Organismus; ohne seelischen Schmerz erkennen wir nicht, wenn im Sozialsystem etwas schiefläuft. Eine völlige Schmerzbefreiung wäre lebensbedrohlich – für den Organismus und für das Sozialgefüge. 

Der Schmerz ist also ein integraler Teil unseres Welterlebens als lebendige Wesen. Selbst wenn wir ihn minimieren wollen, weil wir natürlicherweise vom Unangenehmen zum Angenehmen streben, gilt es dennoch, ihn zu achten und ihm Sinn zuzugestehen. Sonst schneiden wir vom ganzen Raum des Lebens einen wesentlichen Teil aus und nutzen ihn nur zum Jammern und Einsammeln von Mitleid. Wir Menschen sind vermutlich die einzige Spezies, die überhaupt auf die Idee kommt, die Existenz und Sinnhaftigkeit von Schmerz und Leid in Frage zu stellen. Der Rest der Natur lebt einfach mit diesen Gegebenheiten. 

Wenn wir uns da anschließen, statt eine Sonderrolle in der Natur zu beanspruchen, können wir das Leid in seiner vollen Bedeutung und Sinnhaftigkeit achten. Auf diese Weise sind wir mit dem Ganzen der Natur und des Lebens verbunden. Wir schreiben dem Leben nicht vor, wie es zu sein hat, sondern nehmen es so, wie es ist. Statt einen sinnlosen Kampf zu kämpfen, fühlen wir uns von dem Wissen getragen, dass jedes Leid, so unangenehm es nun mal ist, irgendwann sein Ende hat, wie auch jedes freudvolle Ereignis.  

Schmerzen annehmen 


Schmerzhafte Erfahrungen sind besonders heraufordernde Gelegenheiten für das Annehmen und Akzeptieren. Das heißt auch, dass sie besonders zu unserem inneren Wachsen beitragen. Je schwieriger das Annehmen, desto wertvoller ist es, wenn es uns gelingt. Wir werden unabhängiger von den Wechselfällen des Lebens, vom stimmungsmäßigen Auf und Ab, von Niederlagen und Enttäuschungen, von Verwundungen und Beleidigungen, von Unpässlichkeiten und Krankheiten. Unsere innere Stärke wächst mit jeder gelungenen Akzeptanz schwieriger Lebensumstände. 

Im Einklang mit sich und dem Lebensprozess zu sein, ist die tiefste Form des Glücks, die dem Menschen möglich ist und die von niemandem genommen werden kann. Dazu gehört es, die angenehmen und unangenehmen Erfahrungen gleichermaßen zu umarmen, wie ein gerechter Elternteil die braven und schlimmen Kinder ohne Unterschied liebt. 

Einzelne Menschen haben es geschafft, in den schlimmsten vorstellbaren Situationen bei sich zu bleiben, im Gefängnis oder im KZ, im Krankenbett oder im Sterbeprozess, und sie können uns als Vorbilder dienen, wenn wir mit Leiden und Schmerzen in unserem Leben konfrontiert werden. Wir können unsere Würde aufrechterhalten, selbst unter den entwürdigendsten und unmenschlichsten Umständen, unter Schmerzen und Leiden. Denn die Würde kann uns niemand nehmen, höchstens wir selber, wenn wir uns von der Ganzheit unseres eigenen Lebens abtrennen und uns in herausfordernden Erfahrungen selbst verleugnen. 

Die Schatten des Todes 


Der Alterungsprozess beinhaltet viele schmerzhafte Momente, die mit zunehmender körperlicher und geistiger Gebrechlichkeit immer häufiger auftreten. Es zwackt hier und zwackt dort, das Gedächtnis wird löchrig und die Marotten werden noch wunderlicher. Dazu kommt, dass das Altern selber die Akzeptanz herausfordert, weil es mit der schmerzhaften Erkenntnis verbunden ist, dass es nicht rückgängig gemacht werden kann, sondern unausweichlich voranschreitet, relativ unabhängig davon, wie wir es gerne hätten. Das Altern ist der lange Schatten des Todes, der in seiner Strenge und Unausweichlichkeit fordert, dass wir das Sterben lernen, je früher desto besser.  

Als lebende Organismus haben wir ein Ablaufdatum. Ob unser Leben länger oder kürzer als der Durchschnitt dauert, ist nur zum Teil in unserer Hand. Viele, die ein in mehrfacher Hinsicht vorbildliches Leben geführt haben, sind früh gestorben; andere mit unmäßigem oder wenig tugendhaftem Lebenswandel haben ein hohes Alter erreicht. Der Tod ist ein undurchsichtiger Gesell, der sich nicht in die Karten blicken lässt, trotz aller Versuche, das Alterungsgenom zu entschlüsseln und zu manipulieren. Er klopft unerbittlich an unsere Tür, wenn er es für angemessen hält, und gibt seine Gründe nicht preis. Er fordert einzig und allein unsere Bereitschaft zur Hingabe, in der ultimativen Form. 

In jedem Schmerz, in jeder leidvollen Erfahrung kündigt sich der Tod an, als würde er das alles schicken, damit wir uns auf das Treffen mit ihm vorbereiten können. Doch ist der Tod nicht der Meister des Lebens, sondern selbst nur ein Diener im großen Prozess des Werdens und Vergehens, bei dem wir eine Weile mitsegeln, deren Dauer uns zugemessen ist. Jede Schmerzerfahrung können wir zum Einüben in die Hingabe, d.h. in die Endlichkeit und Sterblichkeit nutzen.  

Erwartungsfreiheit 


Erwartungsfrei durchs Leben zu gehen, absichtslos mit dem Leben zu fließen, erfordert viel Grundvertrauen und innere Stabilität. Der Lohn der Vertrauensstärkung ist der hohe Grad an Freiheit und der Zugang zu einer tiefen Form des Glücks, das aus dieser Freiheit kommt. Die Erwartungsfreiheit umfasst auch den geheimnisvollen Tod und lässt ihm seine Freiheit, zu kommen, wann immer es ihm beliebt und gleich welche Form des Endes er uns zubilligt. 

Wir haben dieses Leben als Ganzes, mit seinem Anfang und seinem Ende, mit seinen Schokoladenseiten und Magenkrämpfen. Es hat uns ganz, und wir haben es entweder ganz oder gar nicht. Alles, was uns widerfährt, gehört dazu, ob es uns in den Kram passt oder nicht, ob es uns erfreut oder entsetzt. Akzeptanz gibt es nur in dieser Ganzheit. Wenn wir nur die Rosinen aus dem Lebenskuchen herauspicken, verdirbt der kostbare Rest, indem wir ihn verschmähen. Wir sind dann nicht mit der Annahme, sondern mit dem Verweigern des weniger wohlschmeckenden Teils beschäftigt, der dadurch mehr Bedeutung und Macht bekommt als die verführerischen und vergänglichen Süßigkeiten. Nehmen wir dagegen auch die sauren Kirschen aus dem breiten Angebot des Lebens zu uns, so lernen wir ihren Geschmack kennen und schätzen. Wir erweitern unser Repertoire und unsere Kraft im Umarmen und Halten.  

Das gute Leben ist ein solches, das möglichst viele Schattierungen und Spielarten umfassen und umarmen kann und nichts ausschließen und missachten muss. Das gute Leben ist bereit zum Risiko der Totalität, zur Radikalität des Akzeptierens aller Freuden und Schmerzen. Das gute Leben kann auf alle Versprechen oder Heilsverkündungen von Schmerz- und Leidensfreiheit verzichten, weil es weiß, dass alles, was da ist, alles, was entsteht und vergeht, gut ist, wenn es mit Bewusstheit durchlebt wird. 

Zum Weiterlesen:
Ein kleines Modell des Schmerzes
Von der Hilflosigkeit zur Hingabe 
Die Dimensionen der Verzweiflung