Samstag, 27. Juni 2020

Die Anmaßung im schlechten Gewissen

Schlechtes Gewissen entsteht, wenn wir etwas getan oder unterlassen haben, das jemand anderem oder uns selber geschadet hat, das Verletzungen nach sich gezogen hat oder Konflikte nach sich zog. Es zeigt uns an, dass wir eine Schuld auf uns geladen haben, die wir begleichen oder ausgleichen sollten. Wenn das gelingt, verschwindet das schlechte Gewissen.

Das schlechte Gewissen kann sich aber auch mit der Scham verbinden und dadurch zu einer wiederkehrenden inneren mahnenden Stimme werden. Wenn die Schuld beglichen wurde und die Scham bleibt, mischt sich eine alte Abwertungserfahrung in die aktuelle Geschichte ein und bewirkt, dass sie nicht unter „erledigt“ abgelegt und vergessen werden kann, sondern immer wieder aus den Hintergründen der Seele mit nagender Qual auftaucht. Denn die Scham hinter der Schuld sagt, dass uns nicht nur einen Blödsinn unterlaufen ist, sondern dass bei uns als Person grundlegend etwas faul ist.

Scheinbar will uns die Scham darauf aufmerksam machen, dass wir etwas schlecht gemacht haben und uns in Zukunft bessern müssen, dass also, wenn wieder Ähnliches geschieht, wir anders reagieren müssen. Doch setzt sie viel zu tief an und korrumpiert die Grundlagen unserer Persönlichkeit. Auf diese Weise kann ein schlechtes Gewissen zu einer hartnäckigen Gewohnheit der Selbstkritik werden. Wir hegen und pflegen es in uns, obwohl es uns äußerst unangenehm und lästig ist.

Die Anmaßung im schlechten Gewissen


Das schlechte Gewissen wird also unter dem Einfluss der Scham zur schlechten Gewohnheit der Selbstabwertung. Es speist sich im Grund aus einer Anmaßung, die wir uns selber zufügen. Wir tun nämlich so, als ob wir jetzt besser wüssten, was irgendwann in der Vergangenheit schiefgelaufen ist. Damals wussten wir, konnten wir, verstanden wir, was wir wissen, können und verstehen konnten, nicht mehr und nicht weniger. Durch die Erfahrung sind wir klüger geworden, wir haben gelernt. Wenn wir aus dem Jetzt in die Vergangenheit zurückschauen, ist es leicht, den Richter zu spielen, der den Fehler hervorstreicht und die Verurteilung ausspricht.

Als Richter über uns selbst nehmen wir jedoch eine angemaßte Position ein, mit der wir uns einerseits aufwerten (= arroganter Stolz), um uns andererseits abzuwerten (= Scham). Das Ergebnis aus diesem Additions-Subtraktionsspiel liegt im Minus, weil die Selbstverurteilung übrig bleibt und hartnäckig an unserem Selbstwert nagend weiterwirkt. Die Anmaßung entsteht daraus, dass die nachträgliche Sichtweise selbstverständlicherweise umfassender und passender ist als die ursprüngliche, und dass wir aus dieser Selbstverständlichkeit eine Überlegenheit basteln. Die Anmaßung besteht zweitens darin, dass wir über etwas urteilen, was wir nicht aus sich heraus, sondern aus der nachträglichen Perspektive verstehen („Nachher sind wir immer gescheiter“). Drittens ist es anmaßend, so zu tun, als könnte die Vergangenheit verändert werden. Was geschehen ist, ist geschehen, ob es uns jetzt passt und gefällt oder nicht. Die Geschichte kann nicht mehr umgeschrieben werden. Es gibt kein Playback, mit dem wir zurückspulen und ganz andere Worte oder Taten in die Erzählung einspeisen könnten. Von einem Standpunkt des Besserwissens etwas zu verurteilen, was für immer so und nicht anders in der Vergangenheit bestehen bleibt, ist naiv, überheblich und sinnlos, weil es keinen konstruktiven Beitrag zu irgendeiner Verbesserung liefert.

Ja, ich hätte besser das oder jenes nicht getan. Hätte ich doch an diesen Aspekt noch gedacht, dann wäre alles anders gelaufen. Hätte ich diese emotionale Reaktion rechtzeitig gezügelt, wäre die Eskalation unterblieben. Wäre ich rechtzeitig abgebogen, hätte ich das Ziel leicht gefunden. Hätte ich den Pullover angezogen, wäre ich jetzt nicht verkühlt… Endlos ist die Liste mit unseren Verfehlungen, und viel Energie verpufft darin, sie immer wieder aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu bringen, um uns dort abzuwerten.

Der rückwärts gewandte Konjunktiv


Der rückwärts gewandte Konjunktiv ist eine gefährliche Waffe, die wir manchmal gegeneinander richten, um eine vergangene Handlung eines Mitmenschen zu verurteilen und dessen Person dabei gleich mitbetreffen („Hättest du A statt B gemacht, wäre das nicht passiert, und du hättest mir C erspart.“). Sie ist auch gefährlich uns selbst gegenüber. Wir verfangen uns in Gedankenschleifen, die uns nur ermüden und schwächen, ohne ein konstruktives Resultat hervorzubringen.

Wir übersehen die einfache Wahrheit, dass wir in jedem Moment unseres Lebens immer das tun, was in dem Moment geschehen kann – aus den Fähigkeiten, dem Wissensstand und der emotionalen Stimmung heraus, die zu diesem Zeitpunkt vorhanden waren. Wäre der innere Ressourcenzustand anders beschaffen gewesen, hätten wir uns anders entschieden, anders gehandelt, anders reagiert. In diesem Sinn tun wir immer das Beste, das uns im Moment des Tuns möglich ist. 

Natürlicherweise ändert sich das, was das Beste für uns Mögliche ist, von Moment zu Moment, und oft erscheint in der Nachschau die Alternative völlig logisch und einsichtig. Natürlich wäre es besser gewesen, das Netzkabel mitzunehmen als es zu Hause liegenzulassen. Natürlich wäre es besser gewesen, freundlichere Worte im Streit zu wählen als beleidigende. Nur hatten wir im Moment des Geschehens eine andere Logik und Einsicht. Das können wir jetzt nicht mehr ändern und werden wir nie ändern können.

Die Anmaßung im aufgeblasenen schlechten Gewissen will sich über die Geschichte stellen und ihren Richtspruch andauernd wie ein Mantra wiederholen. Wir sollten die zwiespältige Ego-Agenda in dieser Form der destruktiven Selbstreflexion durchschauen und damit dem schlechten Gewissen seine Macht nehmen. Wir haben unsere Schuld getilgt und ausgeglichen, was wir aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Wir müssen uns selbst noch verzeihen, solange, bis uns das schlechte Gewissen endlich in Ruhe lässt.

Montag, 8. Juni 2020

Muße als Lebenskunst

Die Griechen und Lateiner haben die Arbeit als der Muße den begrifflichen Vorrang vor der Arbeit gegeben: scholé auf griechisch ist die Muße (Schulbesuch ist also eigentlich Müßiggang!), ascholé die Arbeit, lateinisch: otium und negotium. Die Arbeit ist also die Verneinung der Muße, folglich gebührt der Muße der Vorrang.

Das bedeutet nicht, dass die alten Griechen arbeitsscheu waren, denn sie haben in vielen Gebieten Meisterleistungen und Pioniertaten vollbracht. Auch die alten Römer sind nicht die ganze Zeit auf der faulen Haut gelegen, schließlich haben sie ein Großreich begründet und verwaltet. 

Ist Muße mit Nichtstun gleichzusetzen? Nicht nur, wenn wir dem klassischen Verständnis der Muße folgen. Denn es gibt eine Form von schöpferischer Tätigkeit, die aus dem eigenen inneren Antrieb kommt. Es geht also um eine selbstbestimmte Aktivität zum Unterschied von Arbeit, die getan werden muss, weil ein äußerer Zwang oder eine äußere Not besteht.

Muße als Daseinszweck


Aus dieser Sprachverwendung können wir die Einsicht schöpfen, dass es – zumindest nach Auffassung der antiken Menschen – einen wichtigen vorrangigen Daseinszweck gibt, den wir Muße nennen, und einen anderen nachgeordneten, der mit Leistung und Arbeit verbunden ist.  

Die Hochschätzung der Muße in der Antike ist im christlichen Mittelalter in Verruf geraten; die Trägheit galt als eines der sieben Hauptlaster. Der Protestantismus vor allem in seiner calvinistischen Ausprägung hat diese Sichtweise noch verstärkt, indem er sich gegen jede Form von arbeitsfreier Tätigkeit gewandt hat: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ gilt seither als geflügeltes Wort, das die moderne Leistungsgesellschaft antreibt. Wer sich fremdbestimmter Arbeit entzieht, verfehlt seinen Daseinszweck, und wer der Arbeit nicht die Priorität gibt, ebenso. 

Wenn man die Menschen dieser Leistungsgesellschaft fragt, wofür sie die Mühen der Arbeit auf sich nehmen, wird wohl die Antwort sein, dass man sich damit sein Leben fristen und zusätzlich die Freizeit besser genießen kann. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Freizeit inzwischen selber in den Sog der Leistungsgesellschaft geraten ist, indem wir sie mit Hilfe oder zum Erwerb von Konsumgütern nutzen. Unsere Freizeitaktivitäten sind zu einem großen Teil in wirtschaftliche Zusammenhänge eingewoben, äußerlich und innerlich. Was wir mit unserer Freizeit anfangen, ist durch die Werbung und andere äußere Einflüsse mitgeprägt, und in unserem Inneren tragen wir verschiedene Imperative, wie wir die Freizeit für die Verbesserung unserer Leistungsfähigkeit nutzen sollten. Freizeit und Muße sind also in vielen Fällen Gegensätze statt Synonyme. Deshalb gilt es, die richtige Muße wieder zu erlernen.

Das süße Nichtstun


Wollen wir der Muße zu ihrem Recht verhelfen und die besondere Lebensqualität, die sie repräsentiert, in unser Leben bringen, so sollte die Zeit, die frei von außenbestimmter (Erwerbs-)Arbeit ist, unter der Ägide von Muße stehen. Wir können diese Zeit mit Nichtstun verbringen (dolce far niente). Sie dient dann unserer Erholung und Regeneration. Der Genuss des Nichtstuns ist ein wichtiges Lebensrecht und eine wichtige Lebenskunst. Denn es ist nicht so einfach, nichts zu tun, wie es klingt – solange der Kopf aktiv ist und seine hektischen Gedanken einspeist, sind wir nicht in der Muße. Oft denken wir beim Nichtstun an das, was wir tun sollten und quälen uns mit einem schlechten Gewissen.

Die richtige Muße ist eine mit sich selbst erfüllte Zeit, zu der gehört, dass wir unseren Kopf frei von Plänen und Pflichten halten. Wir besinnen uns auf unseren zweckfreien Lebenszweck, auf unser Sein im unbeschwerten Moment. Wir schweben in der Leichtigkeit des Seins. Im Vollsinn geht es um die Hingabe, wie wir sie in der Meditation üben.

Muße ohne Müssen


Wir können die Mußezeit aber auch mit kreativen Aktivitäten füllen, mit der Verwirklichung von Ideen, die aus dem eigenen Inneren kommen. Ideen kommen in der Entspannung, man könnte deshalb kalauern: In der Muße küsst die Muse. Für die aktive Form der Muße stellen wir unsere Verpflichtungen auf die Seite und geben unserem eigenen Wollen den Raum. Für den Weg vom Wollen zum Resultat brauchen wir Konsequenz und die Kraft zum Durchhalten von Mühen und Anstrengungen, also die Transpiration, die zur Inspiration kommen muss, um aus Gedanken und Fantasien Werke zu bilden.

Die Muße ist folglich nicht immer ein disziplinfreier Raum, vielmehr geht sie gerne mit einer besonderen Form der Disziplin einher, die mit Selbstdisziplin zusammenhängt. Hier handelt es um die Disziplin, die nicht von einem äußeren Müssen angetrieben wird, sondern von innen kommt, als intrinsische Motivation. Anders ausgedrückt, ist es die Energie, die aus der Kommunikation erzeugt wird, die zwischen dem Gedanken und der Verwirklichung in Gang kommt. Das Gespräch zwischen dem Schöpfer und der Idee oder dem Werk liefert die Schritte, die notwendig sind, und den Antrieb, die Schritte auch umzusetzen. Es wirkt eine kreative Spannung, die sich durch die Verwirklichung des Projekts auflösen möchte, aber dafür den Einsatz von konzentrierter Kraft erfordert.

Die Kunst der aktiven Muße liegt darin, eine Form von Disziplin zu kultivieren, die frei ist von einem außengesteuerten Müssen, von externen Erwartungen und von Leistungsdruck. Sie besteht aus einem kreativen Selbsterleben und Selbstausdrücken aus der eigenen schöpferischen Mitte. Das disziplinierte Handeln muss nicht immer leicht von der Hand gehen, weil jeder schöpferische Prozess seine schwierigen Phasen hat, wie z.B. bei einer Schreibhemmung oder bei einem heikleren Vorgang beim Tortenbacken. Aber solche Aktivitäten laufen in einem Rahmen von Leichtigkeit ab, weil sie aus freien Stücken geschehen und weil sie niemandem verpflichtet sind außer dem eigenen Wollen.

Entstehungsbedingungen der Muße


Die Praxis der aktiven Muße ist nicht für alle einfach zugänglich. Viel liegt an den Konstellationen unserer Kindheit: Welches Verhältnis hatten unsere Eltern zur Muße, zum zweckfreien Genießen und aktiv sein? Wie haben sie unsere kindlichen Bestrebungen zur Muße unterstützt oder unterbunden? Haben sie unsere Kreativität gefördert oder ignoriert? Haben sie uns einen sicheren Rahmen geboten, in dem sich unsere Interessen und Talente entfalten konnten?

Die Selbstdisziplin der aktiven Muße braucht Förderung und Bildung. Im Schulsystem kommt sie kaum vor und ist auch nirgends als Bildungsziel formuliert. Wenn uns deren Basis aus der Kindheit fehlt, liegt es an uns, sie aufzubauen, und es lohnt sich in jedem Fall. Denn schöpferisch zu sein, ist eine hohe Form des Selbstvollzugs und des Persönlichkeitsausdrucks. Außerdem entstehen dadurch außergewöhnliche und wertvolle Beiträge für die Weiterentwicklung der Menschheit, die in jedem Menschen drinnen stecken.

Grenzbewusstsein


Um das gute Maß für die Muße zu finden, benötigen wir ein feines Gespür für deren Grenzen. Die passive Muße kann in Trägheit, diese in Faulheit, und diese irgendwann in Depression übergehen. Wenn wir die Grenze zwischen genussreicher Erholung und fader Bequemlichkeit übersehen, können wir in das Couch-Potatoe-Muster fallen. Die aktive Muße kann zur Besessenheit ausarten, die dann zur Selbstausbeutung führt und irgendwann im Burnout endet. Die aktive Muße braucht die passive Muße, um sich auszugleichen und frische Kräfte zu schöpfen.

Der achtsame Umgang mit diesen Grenzen ist eine wichtige Grundlage für ein ausgeglichenes und erfülltes Leben. Wir brauchen ein gutes Gleichgewicht zwischen Arbeit, aktiver und passiver Muße, um uns rundherum wohlzufühlen. Wo uns Ängste und Gewohnheiten in Muster der Selbstausbeutung oder der stumpfen Trägheit verführen wollen, brauchen wir einen Schuss an Selbstdisziplin. Sie erinnert uns an das, was uns selber wirklich wichtig ist und an das, was unser Körper braucht, wenn er überlastet ist.

Zum Weiterlesen:

Sonntag, 31. Mai 2020

Über die Einfalt

Naiv bedeutet soviel wie unwissend und leichtgläubig. Ein naiver Mensch gilt als kindliches Gemüt, vielleicht gesegnet mit der biblischen „Armut im Geiste.“ Einfältige Menschen sind meist leichter beeinflussbar und manipulierbar. 

Klar ist, dass wir alle über naive Seiten verfügen; nur wer alles wüsste, wäre über die Naivität erhaben. Wir tragen ein Sammelsurium an ungeprüften Theorien und Ideen mit uns herum und verbreiten aus diesem Fundus Meinungen, die wir für Wissen halten. 

Allerdings gibt es jenseits der durchschnittlichen Naivität Menschen, die die Naivität als Persönlichkeitsmerkmal angenommen haben, als eine Form der erlernten Verdummung. Sie verfügen über ausgeprägte Selektionsmechanismen, die die Wirklichkeitserfahrung filtern, um ein möglichst einfaches Weltbild zu erzeugen. Oft handelt es sich um eine erlernte Selbstunterschätzung mit dem Gewinn, sich vor Anforderungen und Leistungserwartungen zu schützen: man gibt vor, etwas nicht zu können, was man wohl könnte, weil man es nicht machen will oder weil es zu anstrengend ist oder weil man erwartet, sich zu blamieren. Man verfügt zwar über die entsprechende Kompetenz, eine vorweggenommene Scham hindert aber daran, sie auszuüben und für die eigenen Ziele einzusetzen. 

Es handelt sich bei der Naivität um eine Spielart der erlernten Hilflosigkeit. Durch das Zeigen von Inkompetenz bekommt man die Aufmerksamkeit, wenn auch auf negative Weise. Die Naivität fällt auf und wird bemerkt. Das scheint manchmal vorteilhafter zu sein als missachtet und ignoriert zu werden und kann sich deshalb in der Kindheit als Verhaltensmuster etablieren und als erwachsene Infantilität weiterwirken. Das Muster schützt vor Überforderung und Nichtbeachtung.

Der Preis liegt in der Einengung des Wirklichkeitskontaktes. An die Stelle von fließenden Weltmodellen, die sich laufend verändern und durch die Verarbeitung von neuen Informationen umgestalten, treten starr fixierte Konzepte mit einfachen Elementen und Kausalbeziehungen, in denen das Gute und das Böse eine zentrale Ordnungsfunktion ausüben. Solche Vereinfachungstendenzen können sich zu Wahnsystemen und damit zur Paranoia auswachsen, wenn eine fixe Idee zu einem übergreifenden Zusammenhang ausgebaut wird, der die gesamte Wirklichkeit nach einem einzigen Muster interpretiert. Ein Beispiel ist der Antisemitismus, der alles Schlimme auf der Welt durch eine einzige Menschengruppe verursacht sieht.

Die Prediger der heilen Welt


Der Glaube an das Gute im Menschen ist weder naiv noch abwegig. Wenn er sich jedoch mit Schönfärberei und rosaroten Brillen verbindet, wenn also das Schlechte in der Welt übersehen oder umgedeutet wird, bildet sich ein vereinfachtes Weltmodell, das aus inneren Gefühlen gespeist ist und durch das Ausblenden von Außeninformationen aufrechterhalten wird. Es sind kindliche Fantasien, überall nur das Gute zu sehen

Die „Gutmenschen“ und „Weltverbesserer“ werden häufig spöttisch karikiert. Sie würden aus einer beschränkten Weltsicht heraus vereinfachte und deshalb unbrauchbare Strategien propagieren, die nur scheitern können und die Probleme zusätzlich verschlimmern. Diese Kritik pauschaliert oft selber, indem sie alles, was nicht ins eigene Bild passt, mit dem Naivitätssiegel abstempelt, ohne sich näher damit auseinanderzusetzen. Die „Gutmenschen“ sind in der Migrationsdebatte eine Zielscheibe für Kritiker, die meinen, dass jede Wohltat, die einem Flüchtling gewährt wird, nur einen Effekt hat, nämlich noch mehr Flüchtlinge ins Land zu ziehen. In der Klimadebatte gelten die „Klimahysteriker“ als naive Weltverbesserer, die den Konsumenten ein schlechtes Gewissen aufgrund von unbewiesenen Theorien einreden wollen und meinen, dass mit einem Verzicht auf Plastiksackerl die Welt gerettet werden kann. In solchen Fällen wird also der Naivitätsvorwurf selber auf naive Weise vorgebracht.

Dummheit


In der Nähe der Naivität befindet sich die Dummheit. Sie beruht nicht auf einem Mangel an Wissen, sondern auf dem Unwillen, sich Wissen zu beschaffen. Dummheit ist eine Wahl, die im Fall der verfestigten Naivität früh getroffen wird und sie hat mit Trägheit und Angst zu tun. Dumme Menschen leiden unter der Einbildung, genug zu wissen, um über Gott und die Welt reden zu können, oder unter der irrigen Überzeugung, zum Wissenserwerb nicht fähig zu sein. Dummheit ist also eine Ausrede, genährt aus einer in der Kindheit erlernten Gewohnheit der Selbstabwertung.

Der im vorigen Artikel beschriebene Narr ist kein Dummkopf; er ist im besten Fall ein meisterhafter Spieler mit der Naivität. Narren vereinfachen und verzerren die Theorien, die sich die Menschen über die Wirklichkeit erschaffen. Sie kontern nicht mit Wissen, sondern hebeln die plumpen Vorannahmen mit Spott aus den Angeln. Sie entlarven die Naivität, indem sie ihre Begrenztheit augenscheinlich machen.

Die aggressive Naivität


Die naive Haltung kann sich mit Aggression paaren und verliert den unschuldigen Charakter der Einfalt. Es gesellt sich ein scheinbar moralischer Antrieb zum simplen Modell der Wirklichkeit und die Basis für eine explosive Mischung entsteht. Zum Unterschied von den Gläubigen der heilen Welt geht die aggressiv naive Person von einer elementaren Dichotomie des Guten und des Bösen aus.

In dieser Weltsicht gibt es z.B. einen Bösewicht, der bekämpft werden muss. Oder die Übel in der Welt haben eine Ursache: Eine Technologie (z.B. G5), eine medizinische Methode (z.B. die Impfung) oder eine ökonomische Strömung (z.B. die Globalisierung). Wenn das Böse enttarnt und namhaft gemacht wurde, muss dafür gesorgt werden, dass es keinen Schaden mehr anrichten kann. Nach der Devise, dass der Zweck die Mittel heiligt, darf man sich nicht wundern, wenn auch Gewalt eingesetzt wird. An der Grenze zwischen fixer Idee und Wahnsystem taucht stets das Argument auf, dass mit allen Mitteln gekämpft werden muss, weil das „System“ oder die „gleichgeschalteten Medien“ die Gefahr verschleiern oder sogar heimlich fördern.

Der aggressive Vertreter der naiven Weltrettung argumentiert nicht mehr, sondern missioniert und agitiert. Auf Kritik oder abweichende Meinungen reagiert er mit Verdächtigungen und Rechthaberei. Er fühlt sich verraten, wenn jemand anderer seine Ansichten nicht teilt und bedauert dessen Ferngesteuertsein und Manipulierbarkeit. Für ihn zerfällt die Menschheit in zwei Gruppen, diejenigen, die durchschauen, was gespielt wird, und diejenigen, die blind ihren Verführern ins Verderben nachrennen. Deshalb müssen Menschen, die die eigenen Sichtweisen nicht teilen, als Personen angegriffen und abgewertet werden. Denn sie spielen mit bei dem verderblichen Spiel, ohne seine Regeln zu kennen.

Der Weg aus der Naivität


Die komplexe Wirklichkeit stößt auf den menschlichen Verstand, der vereinfachen muss, um sich orientieren zu können. Sobald diese Grundverfasstheit, der wir alle unterliegen, erkannt ist, gilt es, den nächsten Schritt ins Auge zu verfassen. Der Weg aus der Naivität, aus der kindlichen Sicht auf die Wirklichkeit, ist Differenzierung und Erkenntniskritik. Diese Taktiken verfolgen uns, seit wir denken können. Auch wenn Kinder zunächst ein naives Weltbild aufbauen, entwickeln sie zugleich die Fähigkeit, sich selber zu reflektieren und in  Frage zu stellen. Was ist richtig, was ist falsch? Was ist gut, was ist böse? Diese Fragen begleiten uns seit unseren frühen Tagen auf dem Prozess des Erwachsenwerdens.

Erwachsensein bedeutet nicht, frei von Naivität zu sein, sondern dazu fähig und bereit zu sein, die eigene Naivität immer wieder zu überprüfen und mit der Realität zu konfrontieren, also die eigenen Wirklichkeitskonstruktionen, die Weltmodelle im Kopf mit der Erfahrungswelt abzustimmen und laufend weiterzuentwickeln. 

Die Bereitschaft zu Kritik und Selbstkritik führt uns aus der Naivität heraus. Wo diese Bereitschaft fehlt, bleibt die Weltsicht auf einem primitiven Niveau stecken und klafft unweigerlich drastisch mit der Wirklichkeit auseinander, ist also dann nicht mehr praxistauglich. Je undifferenzierter und blindgläubiger die Motive der eigenen Handlungen sind, desto schädlicher sind die Folgen dieser Handlungen für die Gesellschaft. Denn Handlungen, die auf einer mangelhaften Wirklichkeitserkenntnis beruhen, verfehlen naturgemäß das Ziel, das sie anstreben. Sie erzeugen ein Chaos, das mit naiven Mitteln erst recht nicht geordnet werden kann.

Wir kommen nicht darum herum, unser Wissen beständig zu erweitern und auf die Wirklichkeit anzuwenden. Die Schönheit, die in diesem Bestreben liegt, anerkennen zu können, führt uns von selbst aus der Naivität heraus. Wissenserwerb kann Genuss sein, und die Vermehrung des Wissens steht in keinem Gegensatz zur Einfachheit, die das Leben in sich birgt, wenn wir es einmal auch aus einer naiven Perspektive betrachten. 

Zum Weiterlesen:

Freitag, 22. Mai 2020

Der Narr

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Der Archetyp des Narren hat eine besondere Stellung unter den verschiedenen Gestalten des kollektiven Unterbewusstseins. Nicht zufällig rangiert er als die Karte Null im Tarot. Die Null steht für das Nichts, die Leere und das Unbestimmte. Die Null steht auch für den Anfang, und deshalb muss der Narr etwas mit unserem eigenen Anfang zu tun haben.

Der Narr ist jemand, der nicht ganz zurechnungsfähig ist, dem es also an der allgemeinmenschlichen Vernunft mangelt. Er weiß auch nicht über die gewohnten Regeln des Zusammenlebens Bescheid oder kümmert sich nicht darum. Deshalb genießt er die Narrenfreiheit und beansprucht damit eine Sonderstellung in der Gesellschaft.

Diese Sonderstellung gleicht der des ungeborenen Wesens und des Kleinkindes. Aufgrund der mangelnden Kompetenzen in fast allen Bereichen benötigen die kleinen Erdenbürger diese spezielle Position, sonst können sie nicht wachsen und gedeihen. Die Menschen werden ja im Vergleich zu anderen Säugern viel zu früh geboren und brauchen viel Zeit, um selbständig lebensfähig zu werden. Durch die Entwicklung der Zivilisation hat sich diese Zeit noch weiter verlängert, nachdem immer mehr schulische Bildungsvorgänge zur gesellschaftlichen Überlebensfähigkeit notwendig sind.

In der Schonposition, die Kinder und Jugendliche für ihre Anfänge brauchen, kann vieles ausprobiert und als Fehlern gelernt werden. Spielerisch wird die Welt Schritt für Schritt erschlossen. Der „Ernst des Lebens“ ist noch weit entfernt. Auch wenn die Kinderseele Dramen und Traumen überleben muss, ist es wichtig, zur Leichtigkeit und Spielfreude zurückkehren zu können. Das Närrische auszuleben, ohne starre Regeln und fixierte Gewohnheiten ist ein Privileg der Kindheit.

Pränatale Hilflosigkeit und Weisheit


Die pränatale Wurzel des Narren liegt in der Naivität des winzigen Wesens, das von nichts eine Ahnung hat, was für die Großen so wichtig ist. Und dennoch weiß es ganz genau, was stimmt und was nicht, was es braucht und was fehlt. Es weiß, wie die Ordnung beschaffen sein sollte, in die es hineingeboren werden wird. Es hat allerdings keine Möglichkeiten, das, was stimmt, zu fördern und das, was nicht stimmt, abzustellen. Es ist den Umständen machtlos ausgeliefert und trachtet danach, wie es sich in die vorgegebenen Bedingungen einpassen kann, so gut es eben geht.

Der Fetus verfügt über eine einfache und doch universell gültige Wahrheit über das zentrale Thema: Was Menschsein bedeutet und wie es gestaltet werden muss. Es geht dabei um die Kraft der Liebe, der Verbindung zwischen den Menschen, des Verstehens und des einander Dienens. Das ist seine Weisheit, die im Prozess des Erwachsenwerdens meistens verloren geht und in der komplexen Welt der Moderne zum Randphänomen verkümmert.


Das Abbild des Kindlichen


Der Narr ist das Abbild des Kindes im Erwachsenen. Er vertritt beides: Die naive Unvernunft und die Weisheit. Er lebt also die Ambivalenz aus und nutzt sie, um die Denkgewohnheiten und Erwartungen der Menschen zu verwirren. Selber durcheinander, irritiert er die erstarrten und betonierten Strukturen der Erwachsenenwelt, die sich so vernünftig und verantwortungsbewusst gibt. 

Das ist seine Gabe: Die Mitmenschen aus ihrer Lethargie und ihren Mustern herauszuholen und in ihrem Selbstverständnis zu erschüttern. Wenn er sich der frühen Wurzeln seiner Aufgabe bewusst ist, nutzt er seinen Narrenstab, um an die Grundweisheiten des Menschseins zu erinnern, aber nie mit dem besserwisserischen Lehrerstock und nie mit plakativen Phrasen. Vielmehr zeigt er in seiner Verrücktheit, was alles zurechtgerückt gehört, und zeigt mit dem Finger dorthin, wo die Menschen vergessen haben, dass sie selber oder die anderen Leute Menschen sind.

Der Narr steht für sprudelnde Kreativität, aber weniger im Sinn des produktiven Schaffens von Neuem, sondern mehr in der Zerstörung dessen, was nicht mehr tauglich ist. Er nimmt den Menschen die Selbstverständlichkeiten weg, auf denen sie ihr angepasstes Leben gegründet haben und die sie an ihrem Weiterkommen hindern. Er zeigt die Enge auf, in die sich viele Angstgeplagte hineinentwickelt haben, ohne es zu merken. Er nutzt den Spott, um die Lächerlichkeit des Getriebenseins, der Gier und des Geizes anzuprangern.


Die Verführbarkeit


Die Närrin kann nur am Rand sinnvoll existieren. Sobald sie ins Zentrum geholt wird, verliert sie ihren Nimbus. Sie ist nicht geeignet für die reinen Erwachsenenthemen wie Organisation, Machtverteilung, Ökonomie. Sie kann mit Ordnungsstrukturen nichts anfangen, außer auf ihnen herumzuhüpfen.
Die Narren haben auch ihre Anfälligkeiten für den Narzissmus. An den Schalthebeln der Macht sind sie äußerst gefährlich und destruktiv in einem fundamentaleren Sinn als oben angesprochen. Es ist nicht die Zerstörungskraft des Narren, die auf Gewohnheiten bezogen ist, sondern das hilflose und ziellose Agieren aus dem Bauch heraus, das nur mehr wild um sich schlagen kann. Narren an der Macht sind in der komplexen relativen Welt der Sachzwänge und Netzwerke verloren und führen sich dort auf wie Kinder, denen man Vernichtungswaffen in die Hand gegeben hat.

Die Mediengesellschaft hofiert den Narren und bittet sie auf die Bühne, damit sie das Publikum unterhalten. Die guten Narren kommen immer mit einem Spiegel auf die Bühne, den sie den Zuschauern vorhalten. Und sie treten wieder ab, sobald die Show vorbei ist. Die schlechten Narren lassen sich blenden und verführen und genießen den Ruhm, den sie erlangen. Sie ergreifen schnell das Zepter, das jemand liegengelassen hat oder das ihnen angeboten wird. Sie lassen sich verehren und in Machtämter wählen, in denen sie dann mit ihrer Verrücktheit maßlosen Schaden anrichten und Schiffbruch erleiden.


Der Hofnarr


Die Stellung des Hofnarren in der früheren Gesellschaft war prekär. Er war wohlgelitten und leistete seinen Dienst im Ausgleichen der inneren Widersprüche und Emotionen des Herrschers. Er dämmte die Machtallüren seines Herrn ein und erheiterte ihn in dunklen Stunden. Er konnte seine Privilegien genießen, doch wenn er den Bogen überspannte, war er der Willkür des Herrschers ausgeliefert. Seine Kunst bestand also auch im Austarieren des Raumes, den er ausreizen durfte. Maßte er sich zu viel Macht an, agierte er also zu erwachsen, dann konnte ihn das schnell den Kopf kosten.


Der Narr in uns


Der Narr, den wir in uns tragen, braucht auch dieses Augenmaß. Er kann es gewinnen, indem er sich immer wieder auf seine Wurzeln besinnt, auf die tiefe und einfache Weisheit des Menschseins, die wir als Grundkapital in dieses Leben mitbekommen haben, um es weise zu nutzen. Er verliert es, wenn er glaubt, etwas Besseres zu sein als all die anderen Narren. Und er verliert sich selbst, wenn er sich mit Verantwortung und Macht zusammentut.

Die Närrin in uns kann uns als Ort der Rekreation dienen. Die Ernsthaftigkeiten des Lebens mit ihren oft unmenschlichen Forderungen und Erwartungen kosten uns viele Kräfte, und das Närrische ist ein unverzichtbarer Ausgleich dazu. Die kindliche Freiheit und Weisheit, die Unbeschwertheit und Unbekümmertheit, das Losgelöstsein von Zwängen und Pflichten, das sind die wirksamen Gegenmittel zur Eindimensionalität der Erwachsenenwelt, die der Archetyp des Narren beisteuert. 

Hier noch ein Beitrag meines eigenen inneren Narrens - zum Corona-Thema.

Donnerstag, 30. April 2020

Die Archetypen und die pränatale Welt

Die Welt der Archetypen, die wir aus Märchen, Sagen, Träumen und aus der Psychologie von C.G. Jung und seinen Nachfolgern kennen, enthält ein weites Geflecht an Verbindungen mit unserer pränatalen Welt. Wir verstehen in diesem Zusammenhang üblicherweise die Archetypen als Gestalten eines kollektiven Unbewussten, das die Menschheit seit ihren Anfängen aufgebaut hat. Eine weitere Zugangsform bietet die pränatale Sichtweise, indem die archetypischen Figuren als Repräsentanten früher Beziehungserfahrung im Mutterleib untersucht werden. Denn unser individueller Anfang ist genauso mythisch wie der kollektive Anfang der Menschheit – gehüllt in die Schleier der Bilder- und Gefühlswelten, lange vor den Umwälzungen durch das Erwachen der kognitiven Gedankenwelten.

Archetypen sind keine Figuren nach den rationalen Maßstäben der nüchternen Erwachsenenwelt, sie haben kein Verhältnis zu Zahlen und technischen Ursache-Wirkung-Gesetzmäßigkeiten. Sie sind von einer mythischen Aura umgeben und verhalten sich unberechenbar und spontan. Sie finden deshalb in der linkshemisphärischen Welt der Zweckrationalität und Marktökonomie keinen Platz, aber begegnen uns immer wieder an den Rändern unseres Klarbewusstseins. Allerdings sind wir zum geringen Teil in diesem Bewusstsein, das als die Norm gilt, z.B. weil wir da vor dem Gesetz zurechnungsfähig sind oder beim Schulunterricht aufpassen können. 

Vermutlich widerspricht das auch unseren Selbstüberzeugungen, weil wir intuitiv annehmen, dass wir permanent präsent und direkt mit der äußeren Wirklichkeit verbunden sind. Die Wissenschaft hat dagegen herausgefunden, dass wir einen Großteil des Tages mit Gedankenschleifen, Fantasien und Tagträumen verbringen. Unsere Gedankenwelt liebt Konstruktionen und Projektionen, die sich aus Anleihen von der Außenwahrnehmung speisen und daraus eigene Süppchen kochen. Erst recht sind wir in der Nacht in Bereichen weit jenseits der Kontrolle unseres Verstandes. Wir sind also viel irrationaler aufgestellt und verhalten uns in weiten Bereichen nach den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt als wir von uns selber glauben. In all diesen Bereichen können die Archetypen eine ordnende und sinngebende Rolle einnehmen.

Das Erleben der Innen- und Außenwelt in der pränatalen Zeit bis weit in die Kindheit hinein ist von der mythisch-emotionalen Geisteshaltung bestimmt. In unseren Anfängen nutzen wir vor allem die rechte Gehirnhälfte und ihre Vorläufer zum Verständnis der Wirklichkeit und zum Erinnern und Lernen. Die linke wird nur langsam geformt und erreicht ihre volle Reife erst im frühen Erwachsenenleben. 

Es kann also durchaus sein, dass die mythische Welt der Archetypen zugleich die Erlebenswelt im Mutterleib repräsentiert und dass der eigentlicher Sinn und Nutzen der Beschäftigung mit ihnen darin besteht, dass wir uns in unseren Anfängen besser verstehen lernen. Sie dienen also als Hinweise auf dem Weg zur Ganzheit, in zweifacher Weise: zeitlich im Sinn einer durchgängigen Kontinuität unserer Lebensgeschichte von den märchenhaften Anfängen bis ins vernunftgeleitete Erwachsenenleben, und holistisch im Sinn der Integration aller Seelenanteile und Wirklichkeiten in uns selbst. Denn es gehört beides zu uns: die sagenumwobenen und gefühlsdurchdrungenen Welten und die wohlstrukturierten, rational gestalteten.

König und Königin


Nehmen wir das Beispiel von zwei Archetypen: König und Königin oder: Kaiser und Kaiserin. Diese Figuren haben heutzutage nur mehr wenig Bedeutung in der sozialen Wirklichkeit. Es gibt noch ein paar Monarchien auf der Welt, die ihre ehrwürdigen Traditionen pflegen und Stoff für Klatschgazetten liefern, aber sonst wie museale Erinnerungsstücke an eine längst überkommene Vergangenheit wirken, mit der entsprechenden diffusen Verklärung. Die Leute, die noch vor einiger Zeit noch in unseren Landen mit wehmütiger Verzückung sagen konnten: „Unterm Kaiser war alles ganz anders“, sind inzwischen verstorben. Demokratische Republiken sind seit dem 19. Jahrhundert das Erfolgsmodell, und selbstaufgestellte Diktatoren, die immer wieder mal auftauchen, bringen es nur zu plumpen Imitationen ohne die Aura des Erhabenen und Ehrwürdigen, mit kurzem Verfallsdatum und meist schändlichem Nachruf.

In der pränatalen Welt gibt es diese erhabenen Gestalten noch, die alle Macht in sich vereinigen und Strenge und Güte ausstrahlen. Es sind Vater und Mutter, die Inhaber und Verwalter von Leben und Tod. Alles hängt von ihnen ab, alles ist ihnen untergeordnet. Eine Fingerbewegung genügt, und die Welt wird gut oder schrecklich. Die Allmacht, die gottgleiche Überlegenheit, das Innehaben aller Rechte und Gesetze, die Zuständigkeit für alle Lebensgrundlagen, das sind die Befugnisse der Eltern, an denen ein Kind keinen Zweifel hat. Es besteht ein Gefälle zwischen dem, was ein winziges Kind als absolut und allmächtig wahrnimmt, weil es keine Grenzen der elterlichen Gewalt erkennen kann, und der eigenen Schwäche und Hilflosigkeit, Dieses Verhältnis ist durch ein einseitiges Ausgeliefertsein gekennzeichnet, der das Kind nur seine emotionale Kraft entgegensetzen kann.

All diese Elemente finden sich in den traditionellen Rollenbildern von Monarchen und Untertanen. Der Absolutismus als letzter Höhepunkt des regierenden Königtums spiegelt die schrankenlose Hoheit der Eltern über das Wesen, das im Leib der Mutter heranwächst. Die einfach geltende Unterordnung ist dem winzigen Kind so klar wie dem Bauern im Feudalismus: Wer größer ist, hat das Sagen, wer kleiner ist, muss folgen. Das Kind muss seine Regenten nehmen, wie sie sind: gütig und wohlwollend oder streng und abweisend, genauso wie der Untertan im russischen Zarenreich den Herrscher akzeptieren musste, ob er weise oder verrückt war. Das Thema des Protests oder der Revolution, der Infragestellung der Autoritäten und des Sturzes der Denkmäler gehört zu einem anderen nachgeordneten Kapitel, sowohl in der Individual- wie in der Menschheitsgeschichte.

Der Archetyp im Inneren


Der König repräsentiert den aktiven Aspekt, die Königin den passiven. Diese Aufteilung entspricht den männlichen und weiblichen Archetypen (Animus und Anima). Natürlich haben wir alle Anteil an beiden Aspekten, und jeder/jede von uns repräsentiert eine individuelle Mischung. Das „monarchische“ Element bringt das Thema der Autorität ein. Die Ausübung von Macht und das Umgehen mit der Macht anderer ist das zentrale Thema dieses Archetyps. Der Drang der Macht besteht im Ausweiten, und in diesem Drang steckt ein Stück Aggression. Der Archetyp des Herrschers ist deshalb auch verbunden mit Wut und Aggression. Die clemencia (Milde) gilt als Tugend des Königs, sie ist jedoch nicht sein selbstverständliches Attribut, sie kann von den Untertanen nur als Gnade erwartet werden. Sie ist ein Entwicklungspotenzial, das in diesem Archetypus angelegt ist. Denn das Weiche besiegt nach taoistischer Lehre das Harte. Die Wut braucht eine Kontrolle, um das Königreich in Balance zu halten.

Die weibliche Autorität unterscheidet sich im archetypischen Prinzip auch von der männlichen Autorität. Vom Archetyp her heißt es, die männliche Macht ist härter als die weibliche. Jene gilt als entscheidungsorientiert, konfliktbetont und dominanzgerichtet. Die weibliche Form der Machtausübung kann mit Konsenssuche, Interessenausgleich und Partizipation umschrieben werden. Es gibt natürlich Frauen in der Politik, die die männliche Härte verkörpern (Beispiele: Margaret Thatcher, Golda Meir), und Männer – weniger in der Politik, wo eben die Durchsetzungskraft gefragt ist –, die die weichere Seite der Machtausübung beherrschen. 

Ordnung und Struktur


Die Archetypen von König und Königin stehen auch für Ordnung und Struktur. Sie erlassen Regeln und achten auf deren Einhaltung. Damit geben sie dem Leben einen sicheren Rahmen, innerhalb dessen es sich entfalten kann. Jedes Kind braucht einen solchen Rahmen, für den schon vorgesorgt ist und fortlaufend gesorgt wird, sodass es sich auf sein eigenes Wachsen und Lernen konzentrieren kann. Es braucht auch eine vorgegebene Orientierung zu dem, was in dem Leben angemessen oder unangemessen ist, damit es seine inneren Werte aufbauen kann. Die Leitfiguren sind die Eltern, die vor allem mit der Konsistenz und Klarheit in ihrem Verhalten und weniger durch ihre verbalen Botschaften für die Ordnung sorgen und die entsprechenden Grenzen setzen und verstehbar machen.

Grenzen geben Sicherheit, und Sicherheit ermöglicht Kindern ein organisches Wachsen. Sie brauchen fraglos geltende Rahmenbedingungen. Es ist auch ein Raum für Grenzdiskussionen notwendig, damit den sich im Lauf der Entwicklung verändernden Sicherheitsbedürfnissen der Kinder Rechnung getragen werden kann. All das fällt in den Aufgabenbereich der Eltern, hinter deren Autorität die Archetypen von König und Königin stehen.

Jenseits der Typen


Ähnlich wie in dem Blogartikel zu Animus und Anima dargestellt, lassen sich auch in der westlichen Kultur die Archetypen von König/Königin nicht mehr für die Deutung des „typisch“ Männlichen oder Weiblichen gebrauchen, nach der Aufklärung und der Emanzipationsbewegung der Frauen. Vielmehr geht es um Grundprinzipien, die im Machtthema angelegt sind und die sich in der Geschichte aus bedingten historischen Gründen auf Männer und Frauen aufgeteilt haben, aber keinen übergeschichtlichen Stellenwert beanspruchen können. 

Mit anderen Worten: Wir brauchen beide Pole des Führungs- und Autoritätskontinuums, die durch die Archetypen des Königs und der Königin repräsentiert werden. Je mehr wir  von diesen Qualitäten in sich entwickelt haben, desto vielfältiger, offener und konstruktiver können Positionen im Rahmen der Machtausübung ausgeübt werden. In der Weite und Flexibilität, mit denen die „königlichen“ Aspekte umfangen und angewendet werden können, liegt das Potenzial für die Lösung des Machträtsels für eine nach- oder metamoderne Gesellschaft.

Aus psychodynamischer Sicht betrachtet, gelingt dieser Schritt nur, wenn die in pränataler und frühkindlicher Zeit geprägten Elternimagos, also die spezifischen Ausprägungen des König-Königin-Archetyps, aufgearbeitet sind, sodass die jedem Menschen eigene Form der Autorität in möglichst umfassendem Rahmen gebildet, entwickelt und ausgeübt werden kann. Die Nutznießer sind nicht nur die Kinder, die mit innerlich ausbalancierten Eltern aufwachsen; dazu noch alle, die von solchen integren Autoritätspersonen lernen können. 

Zum Weiterlesen:
Animus und Anima im 21. Jahhundert


Montag, 27. April 2020

Sieger ohne Besiegte

In diesen Tagen ist viel die Rede vom Kämpfen und Besiegen. Es geht bekanntlich gegen ein Virus. Die kriegerischen Parolen sind offenbar den Menschen so vertraut, dass sie mit entsprechendem Verhalten reagieren. Sind wir also programmiert auf das Muster von „Kampf bis zum glorreichen Sieg oder zur bitteren Niederlage?“

Hanzi Freinacht hat in einem Artikel über das Siegen, der mit der Nazi-Parole „Sieg Heil!“ beginnt, geschrieben: „Ja, es gibt wenig Dinge, die süßer sind als ein Sieg; tatsächlich braucht jeder von uns zumindest ein gewisses siegreiches Gefühl, um sich ganz und glücklich zu fühlen; um mental gesund zu sein. Gebrochen zu sein bedeutet oft, besiegt zu sein.“ 

Die Dynamik von Kampf und Sieg ist die Stressdynamik, die Angstdynamik. Sie ist von einer drohenden Gefahr angetrieben, die in fast allen Fällen in unseren Leben Einbildungen unseres Verstandes entspringt, also selbstproduziert ist. Es ist ja nicht das Virus, das die Angst erzeugt, sondern unsere Vorstellung, dass wir krank werden und elendiglich zugrunde gehen. 

Selbst wenn eine reale Gefahr besteht, ist das Kämpfen in den wenigsten Fällen die erfolgversprechende Strategie. Denn die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, sind äußerst komplex; im Stressmodus können wir nur simpel denken und simpel handeln. Wir sind von jeder Komplexität sofort überfordert und neigen dazu, einfach dreinzuhauen, ohne nachzudenken, mit der Hoffnung, dass mit Gewalt etwas besser wird. Ziemlich sicher machen wir auf diese Weise mehr kaputt und verschlimmern das Problem.

Das Kämpfen sollten wir also vermeiden und durch andere Strategien ersetzen, so gut es geht. Wie ist es dann mit dem Siegen? Wenn wir einen Kampf erfolgreich bestehen, bereitet der Sieg ein kurzes Hochgefühl. Wir haben ein Tennis- oder Schachmatch gewonnen und freuen uns. Im Spiel dient zweierlei als Motivator: Die Spannung im kontrollierten Rahmen und das Resultat. Das Spiel können wir nur genießen, wenn uns die Spannung während des Spieles wichtiger ist als der Sieg, im Sinn von „Mensch ärgere dich nicht“. Denn zum Spiel gehört auch die Fähigkeit zum Verlieren. Die Abhängigkeit vom Siegen vernichtet die Lust am Spielen.

Der Unterschied zwischen Spiel und „Ernst“ ist gravierend, denn im Spiel geht es um Vergnügen und im anderen Fall ums Überleben. Es wirken zwei sehr verschiedene Stressmechanismen mit unterschiedlichen Auswirkungen auf unser Innenleben. Der sogenannte Eu-Stress z.B. beim Spielen wirkt sich gesundheitsförderlich aus, während der Di-Stress, der mit Überlebensangst verbunden ist, gesundheitsschädlich und leistungsmindernd ist – das Immunsystem wird geschwächt, das Herz-Kreislaufsystem belastet und die Denkfähigkeit minimiert. 

Wenn es „ernst“ wird, brauchen wir die Fähigkeit, einen Schritt zurück zu machen, um die Gefahr voll in den Blick zu bekommen und zu entscheiden, was zu tun ist, statt die Zähne zusammenzubeißen und uns ins Getümmel zu werfen. Diese Taktik erinnert an die „schneidigen“ Husaren der K.u.k.-Armee zu Beginn des 1. Weltkriegs, die mit „tollkühnem“ Hurra gegen die russischen Linien galoppierten und auf halbem Weg von den Maschinengewehren auf der anderen Seite niedergemäht wurden. Tollkühn kann hier und auch in vielen anderen Zusammenhängen mit dumm und verantwortungslos übersetzt werden. 

Der Kampfstress macht uns also verbissen und beschränkt unsere Fähigkeiten, von Kreativität ganz zu schweigen. Aus dieser Reduktion stammt die Fixierung auf das Siegen. Die ganze Anstrengung hat nur einen Sinn: den Sieg. Damit sollte die Mühsal des Kampfes gerechtfertigt sein, damit sollten die Gefahren gebannt werden und die Probleme endgültig gelöst. 

Der Sieg hat dabei gar keinen Inhalt: „Aber Sieg zu welchem Ergebnis? Für eine bessere Welt? Für Fairness? Für Fortschritt? Für Wahrheit? An diesem Punkt zeigt sich die Leere des Faschisten: Nein, Sieg um des Siegens willen.“ (Hanzi Freinacht)

Es ist nicht nur die Leere des besessenen faschistischen Kampfes; es ist die Leere in jedem Kampf gegen ein imaginiertes Böses. Denn die eigene Fantasie kann nicht besiegt werden, sie wird nach jedem Erfolg die nächste Bedrohung und das nächste Angstszenario produzieren. Hinter jeder Windmühle, die besiegt wurde, taucht die nächste auf. Nichts kann den Wiederholungszwang aufhalten, der die weltweite Kriegsmaschinerie am Laufen hält, solange die innere Angstproduktion ungehindert arbeitet. Deshalb ist die Ideologisierung das wichtigste Schmiermittel in dieser Maschine: Sie infiziert und infiltriert die Menschen, sodass ihre Bedrohungsbilder gefüttert und laufend aktualisiert werden. Sie erzeugt fortwährend Bilder von drohenden Niederlagen und notwendigen Siegen, damit das Kämpfen weitergeht.

Menschen, die sich die Verletzungen und Demütigungen in ihrer Lebensgeschichte nicht bewusst gemacht haben, sind offen für solche Ideologien, die sie wie ein Schwamm aufsaugen, weil sie genau in das eigene angstdurchtränkte Bewusstsein passen. Sie verwechseln bereitwillig die innere mit der äußeren Realität und verlieren sich im endlosen Kämpfen immer mehr.

Der Sieg der Geburt


Aus der Sicht der perinatalen Psychologie handelt es sich beim Kampf-Sieg-Muster um eine Wiederholung des Geburtstraumas. Das Baby, das sich durch den Geburtskanal zwängen muss, erlebt diesen Vorgang als Kampf ums Überleben und den Ausgang ans Licht als Sieg über die bedrohlichen Kräfte der Wehen. Der Siegespreis ist das eigene selbständige Leben, das mit dem ersten Atemzug bekräftigt wird.

Ist dieses Trauma nicht aufgearbeitet, so wird es im Leben immer wieder mit der gleichen Dynamik aktiviert werden: Jeder Konflikt artet in einen Kampf aus, bei dem es ums Überleben geht und der deshalb mit einem Sieg enden muss. Das Schlimmste wäre es, zu unterliegen. Die Außenwelt wird als feindselige Bedrohung erlebt, die überwunden und bezwungen werden muss.

Die Spielregeln des Lebens ändern


Hanzi Freinacht propagiert als Alternative zur Kampf-Sieg-Dynamik ein Leben, in dem die Menschen grundsätzlich Sieger werden – in sinnvollen Spielen. „Also ist es ein Ziel der Gesellschaft, Bedingungen für uns alle zu schaffen, dass wir uns siegreich fühlen können – aus guten Gründen. Wenn wir damit scheitern, können wir wohl bald neue autoritäre Führer hören, die uns zum Sieg-Heil-Schreien drängen.“

Siegreich können wir uns dann fühlen, wenn wir einen inneren Widerstand überwunden haben. Der Begriff des „Heiligen Krieges“ im Islam (dschihad) meint in manchen Auslegungen die kompromisslose Auseinandersetzung mit den inneren Feinden, den schlechten Gewohnheiten (nafs), die der Entwicklung des Selbst im Weg stehen. Siegreich können wir uns auch fühlen, wenn wir etwas zur Verbesserung der Lebensbedingungen und der gesellschaftlichen Ordnung erreicht haben. Siegreich können wir uns fühlen, wenn wir einen Streit friedlich beilegen konnten und uns für Ärmere und Benachteiligte eingesetzt haben. 

Es gibt also viele Anlässe für Siege, die andere miteinschließen und die nicht auf der Schädigung anderer beruhen. Ich denke, dass in einer besseren Gesellschaft nur mehr solche Siege salonfähig sein sollten: Da hat jemand eine Erfindung gemacht, die ein Umweltproblem löst. Da hat jemand ein Musikstück komponiert, das Leidende aus der Depression führt. Da hat jemand einen liebevollen Blick auf das Kind geworfen, das ganz verschüchtert vorbeigeht. Da hat jemand Geld für einen guten Zweck gespendet, da hat jemand seine Zeit für jemanden aufgewendet, der Not leidet usw.

Siege hingegen, die als Triumph über die Unterlegenen gefeiert werden, sollten verpönt sein und mit Scham belegt werden. Wie kann sich jemand eines Erfolges brüsten, der anderen Menschen Demütigung und Leiden bereitet? Das wäre ein Ausdruck von Arroganz und Menschenverachtung. Wer kann jemand anderen bewundern und beneiden, der viel Geld mit der Erzeugung sinnloser oder schädlicher Produkten gemacht hat? Das wäre ein Ausdruck von Neid und versteckter Gier. Was hat gesiegt, wenn jemand durch Kinderarbeit, Waffenproduktion oder Umweltzerstörung reich wird? Dahinter steckt wohl der neoliberale Drang nach Geldvermögen, motiviert durch Gier.

Ein Sieger in dieser Zukunft ist einer ohne Besiegte, und einer, der möglichst viele andere Sieger durch seinen Sieg beflügelt. Eine Siegerin ist eine, die den Konkurrenzgedanken mitsamt den Gier- und Neidantrieben überwunden hat und mit ihren Erfolgen ihre Mitmenschen zu ihren eigenen Errungenschaften und Erfolgen anregen und anspornen will.

Eine menschenwürdige Gesellschaft – der Metamodernismus nach Hanzi Freinacht – kann nur auf der Grundlage von sozialer Gerechtigkeit wachsen und gedeihen. Dafür sind Werte notwendig, die jeden Erfolg nach den Maßstäben des Gemeinwohls und der Naturverträglichkeit messen. Wenn diese Maßstäbe in die Einstellungen vieler Menschen Eingang finden, können wir eine Gesellschaft mit einem neuen, friedlichen und sozial ausgerichtetem Verständnis von Kampf und Sieg bilden. Und wir sollten alles in unserer Macht Stehende in Gang setzen, damit das menschliche Maß zum Mainstream wird.

Zum Weiterlesen:
Metamodernismus - eine Übersicht
Tiefe - eine Dimension des Menschlichen
Komplexe Themen und komplexes Denken
Warum die Geburt im Krankenhaus gelandet ist

Donnerstag, 23. April 2020

Mit Unvorhersehbarkeiten leben

Was wir über die Zukunft lernen können


Die Zukunft ist nicht in unserer Hand. Wir können sie nicht kontrollieren. Das verstehen wir zwar kognitiv, weil uns klar ist, dass der Verlauf der Zukunft von so vielen Faktoren abhängt, die nur zum winzigsten Teil von uns selber beeinflusst werden. Emotional allerdings leiden wir darunter – bzw. leidet unser Kontrollbedürfnis, das uns vor den Ängsten bewahren will, die durch eine ungewisse Zukunft bewirkt werden. Es könnte ja alles Mögliche auf uns zukommen, Ereignisse, die unangenehm und belastend sind und von denen wir nicht wissen, ob wir sie bewältigen können. Deshalb hat die Zukunft immer auch eine bedrohliche Note. Um der möglichen Gefahren Herr zu werden, die auf uns lauern, hätten wir gerne die Macht, alle Unwägbarkeiten auszuschalten und gegen die Sicherheit einzutauschen, dass alles, was wir uns ausdenken und planen, genauso eintreten wird, wie es für uns zum Besten ist. 

Um diese Kontrolle zu erlangen, bemühen wir unser Wissen: Was in der Vergangenheit funktioniert hat, könnte uns auch für die Planung der Zukunft Sicherheit geben. Wissen ist natürlich notwendig und hilfreich, allerdings auch immer beschränkt in seiner Wirkmächtigkeit. Denn jedes Wissen kann seine Bedeutung und seinen Wert unter geänderten Umständen in der Zukunft verlieren. Was uns heute von Nutzen ist, kann morgen oder übermorgen schon überholt sein.


Die Intuition und der Narzissmus


Wir bemühen auch unsere Intuition für die interne Kontrolle der Zukunft. Wir haben Vorahnungen, und manchmal bewahrheiten sich diese, manchmal aber auch nicht. Unsere Vorahnungen sind mehr oder weniger unzuverlässig, wenn wir genauer hinschauen, vielleicht noch weniger als unser Wissen. Also ist auch die Intuition ein Wegweiser ins Ungewisse. 

Wir neigen allerdings dazu, sie zu idealisieren. Es unterläuft uns nämlich, dass wir Vorahnungen, die sich bestätigen, deutlicher zu erinnern als solche, die nicht eingetreten sind. Schließlich ahnen wir, dass es unwahrscheinlicher ist, dass Fantasien, die wir in uns haben, eintreten als dass sie nicht eintreten und nehmen deshalb eingetretene Fantasien als bedeutsamer wahr als solche, mit denen wir falsch lagen. Der realistische Teil in uns achtet auf die inneren Stimmen der Intuition und bleibt vorsichtig, was ihren prognostischen Wert anbetrifft. Wenn wir diesen Teil außer Acht lassen, wird die Intuition in unser narzisstisches Gefüge eingebaut, indem wir uns für jemand Besonderen halten, weil wir doch über eine Zukunftsschau verfügen. 

Die Intuition ist, was sie ist, ein Aspekt unserer Wirklichkeitswahrnehmung, eine Form der unbewussten Intelligenz. Sie wird auch mit dem Bauchhirn in Verbindung gebracht, weil wir sie als ein Gefühl im Bauch erleben. Die Wissenschaftler streiten, was wichtiger und hilfreicher für die Entscheidungsfindung ist: Die Intuition (das Bauchgefühl) oder der bewusste Verstand. Daraus folgt, dass wir über keinen zuverlässigen und fehlerfreien Ratgeber verfügen, der uns Sicherheit über die Zukunft geben könnte. Wir sind und bleiben fehlbar, ein Eingeständnis, das uns schwerfällt, weil damit ein Aspekt unserer Selbstverliebtheit aufgegeben werden muss.


Im Moment sein befreit von der Selbstüberschätzung


In Zeiten wie diesen, wo viele Sicherheiten durch ein Virus außer Kraft gesetzt wurden, wird deutlich, wie ausgeprägt unser Sicherheitsdenken ist und wie abhängig wir von ihm sind. Sofort tauchen diffuse Ängste auf, wenn die Umstände keine verlässlichen Planungen in die Zukunft erlauben: Können wir wieder zu unserem Arbeitsplatz zurückkehren, wenn ja, wann und unter welchen Umständen? Können wir diesen Sommer auf Urlaub fahren, wenn ja, wohin schon und wohin nicht? Gibt es jemals wieder eine „Normalität“ wie vor der Krise oder wird sie unser Leben völlig neu umgestalten?

Wir haben nur diesen Moment als Stütze für unser Sicherheitsbedürfnis zur Verfügung. Im Jetzt können wir uns sicher sein, dass wir da sind und leben. Die Vergangenheit ist vorbei, sie kann uns keine mehr Sicherheit geben, und die Zukunft ist noch nicht da, sie kann also auch in dieser Hinsicht nichts beisteuern. Der nächste Moment kann uns eine angenehme oder eine unangenehme Überraschung bereiten oder auch genau das bringen, was wir erwartet haben. Vorher wissen wir es nicht. Wenn ich diesen Text schreibe, weiß ich nie, ob und wann mir der nächste Satz einfällt. 

Die Lebenskunst besteht einfach nur darin, sich von Überraschungen überraschen zu lassen und das Erwartbare anzunehmen. Die Ungewissheit über die Zukunft enthält die große Chance, den Moment, das Jetzt, die Gegenwart mit Sinn zu erfüllen. Wir können die Krise als Lehrerin in der Weisheit betrachten, indem sie uns ein tieferes Stück der Erkenntnis über die Wirklichkeit ermöglicht und unsere Illusionen zerstreut. Wir dachten nur, wir hätten die Kontrolle in einem nahezu unbegrenzten Ausmaß, und unsere diesbezüglichen überheblichen Einbildungen werden nun auf ein realistisches Maß zurückgestutzt. Wir wissen ganz wenig und wir erahnen ganz wenig. Wir sind mit unseren Einflussmöglichkeiten auf unsere engen Kreise beschränkt und all den anderen Einflüssen ausgesetzt, die durch all die anderen engen Kreise auf uns einwirken. Wir sind ohnmächtiger als wir glaubten, kleiner, als wir uns einschätzten. Diese Erkenntnis macht uns wohl mehr zu schaffen als die schrumpfende Wirtschaft und die Verluste an Einkommen und Freizeitmöglichkeiten.

Es ist handelt sich auch um eine Krise des Narzissmus, eine Krise der Selbstüberschätzung – für uns selbst, für die Gesellschaft und für die Menschheit. Die glänzende Fassade der neoliberalen Ideologie mit ihrer selbstverliebten Verblendung  blättert ab. Es kann nur heilsam sein, wenn wir die aktuelle Situation als Krise unseres Hangs zur Überheblichkeit verstehen und in unser Inneres übersetzen. Jedes Stück Narzissmus, dessen wir uns entledigen können, macht uns mehr zu dem, was wir wirklich sind und hilft uns, unser Leben in diesem Moment mit all dem, was gerade ist, wertzuschätzen.

Zum Weiterlesen:
Leben mit dem Bauchhirn

Raus aus der Gehirnwäsche
Eine Krise des Neoliberalismus

Freitag, 3. April 2020

Eine Krise des Neoliberalismus


Warum ist die gegenwärtige Corona-Krise eine selbsterzeugte Krise des Neoliberalismus?

Der Neoliberalismus: Ein Ideologiegebäude


Die Ideologie des Neoliberalismus hat die letzten Jahrzehnte dominiert. Der Staat ist zu mächtig, wie ein Moloch beherrscht er alles und verschluckt viel zu viele Ressourcen. Er muss auf ein absolutes Minimum reduziert werden. Der Einzelne ist dem Staat unterworfen, der seine Freiheiten und sein Gewinnstreben einschränkt und muss seinem Einfluss entzogen werden. Der Markt ist der bessere, objektivere und gerechtere Regler der gesellschaftlichen Abläufe und der Verteilung der Gewinne. Soweit das Credo der Neoliberalisten, die die öffentliche Debatte beherrschten und die Politiker von links bis rechts vor sich hertrieben. 

Mit ein paar Rückschlägen hat sich die Wirtschaft der Industriestaaten stetig wachsend prächtig entwickelt und immer mehr Gewinne erwirtschaftet. Der Wohlstand ist auf breiter Basis angestiegen, obwohl sich die Schere zwischen arm und reich noch weiter geöffnet hat. Es haben also die Einzelnen im obersten Segment der Einkommenspyramide am meisten von dem Wachstumsschub profitiert. Aber immerhin: Global konnte die Armut zurückgedrängt werden. Ist also ein Lob des Kapitalismus in seiner neoliberalen Prägung fällig?

Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, das auf dem Marktprinzip beruht und seine Dynamik aus der Konkurrenz der Akteure bezieht. Alles, was diese Konkurrenz behindert, soll aus dem Weg geräumt werden. Der Staat soll seine Aktivitäten darauf beschränken, dass die Aktivitäten der Marktteilnehmer reibungslos ablaufen können. Außerdem soll er laufend neue fitte Teilnehmer auf den Markt werfen, die die Konkurrenz mit ihren aktuelleren Kompetenzen und ihrer leistungsfähigeren Vitalität frisch aufmischen sollen. Natürliche Ressourcen werden bedenkenlos ausgebeutet, einschließlich der Ressource der menschlichen Gesundheit.

Im kapitalistischen System liegt also die Macht bei einer abstrakten Instanz, beim Markt. Das hat den Vorteil, dass es keine Zentralperson gibt, einen Weltherrscher, sondern ein ungreifbares Netz von Austauschvorgängen, die kein Einzelner überblicken und beherrschen kann. Der Nachteil liegt darin, dass die Menschen dem System unterworfen sind, das sie in gewisser Weise wie Sklaven behandelt und ausbeutet. Der Kapitalismus ist seinem Wesen nach unmenschlich. 

Deshalb braucht es eine Ideologie, die den Menschen ein unmenschliches System als menschlich verkauft, ähnlich wie ein Kühlschrankhändler den Polarbewohnern einredet, dass sie Elektrogeräte zum Kühlen ihrer Robbenfänge benötigen. Es ist die Ideologie, die häufig mit: „Leisten muss sich lohnen“ daherkommt und unter den Tisch kehrt, dass die Marktmechanismen dazu führen, dass bei gleicher Leistung höchst unterschiedliche Belohnungen rauskommen und sich vor allem jene leichttun, die aufgrund von Erbschaften einen Vermögensstock schon mitbringen, bevor sie mit Leistungen im Sinn des Neoliberalismus erst einmal beginnen.

Solange die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit auf einem niedrigen Niveau bleibt und etwas vom erwirtschafteten Gewinn auch breiteren Bevölkerungsschichten zugutekommt, damit genug konsumiert werden kann, freuen sich die meisten über die Segnungen des Kapitalismus. Doch handelt es sich um ein Krisensystem, das nach Phasen des Aufschwungs Abbrüche und Niedergänge produziert, die dann hauptsächlich diejenigen am schwersten betrifft, die am wenigsten von den Höhenflügen der Aktienkurse und Unternehmensgewinne profitieren. Doch scheint es, dass solche Erfahrungen schnell vergessen werden und die neoliberale Ideologie sofort wieder Fuß fasst, kaum ist die Krise überstanden. Die beliebten Politiker, die die neoliberale Ideologie ins Volk bringen, bekommen sofort wieder Zulauf. Die eingesammelten Stimmen dienen dann der Zementierung der neoliberalen Wirtschaftspolitik, meist verbunden mit einer fremden- und ausländerfeindlichen Ausrichtung, die vielen Leuten Bedrohungsszenarien vermittelt, damit sie weniger Augenmerk darauf richten, wie die Hindernisse für die Reichtumsverschiebung von unten nach oben ausgeräumt werden. In diesen Zeiten wird mit der Devise der Verschlankung des Staates und der Kosteneinsparung im Gesundheitswesen eingespart, und die soziale Absicherung wird entweder reduziert oder zumindest nicht im Ausmaß des gesamten erwirtschafteten Vermögens weiterentwickelt.

Die Tiere und die Menschen


Was hat aber der Neoliberalismus damit zu tun, dass ein aggressiver Virus die Menschen befällt? Tiervirologen haben einen klaren Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsideologie und der Entstehung der bedrohlichen Viren erkannt. Wildtiere laufen mit einer Menge an Viren herum, die für sie harmlos, aber für Menschen gefährlich sein können. Geraten sie in Stress, weil die Menschen ihre Lebensräume beschneiden und ihr Überleben gefährden, so nehmen in ihnen diese Viren überhand und können dann leichter auf die Menschen übertragen werden. Die durch die kapitalistische Wirtschaftsweise immer weiter reduzierte Biodiversität sowie die sukzessive Einschnürung der Lebensräume führen, wie wir alle wissen, zum Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten und zu verstärktem Stress bei denen, die noch am Leben sind.

Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die nächste Pandemie nur eine Frage der Zeit. Wenn die Stressbelastung in der Natur immer weiter ansteigt, indem die Menschen, angetrieben von der neoliberalen Ideologie, der Natur rauben, was sie nur kriegen können, kippt dort das Gleichgewicht, mit unkontrollierbaren Konsequenzen für die Menschengesellschaft. Diese wichtige Botschaft, die mit den Viren mitkommt, sollten wir äußerst ernst nehmen. Die Aggressivität der Viren spiegelt die Aggressivität, mit der die Natur tagtäglich misshandelt wird.

Und es ist die Aggressivität, mit der wir uns selber behandeln. Denn auch wir sind Natur, und unsere Körper leiden z.B. unter Allergien, die von einer stressbelasteten Umwelt ausgehen: Bäume, die unter dem Klimawandel leiden, erzeugen mehr Pollen. Und wir leiden unter Viren, die von gestressten Tieren übertragen werden. Es ist unsere aggressive Lebensweise, mit der wir uns selber schaden.

Ideologieaustausch


Wir befinden uns wieder in einer Krise, die diesmal nicht unmittelbar durch den Kapitalismus herbeigeführt wurde wie jene von der Immobilienblase von 2008. Vielmehr hat es ein Virus geschafft, das Wirtschaftsleben nahezu stillzulegen. Und nun muss natürlich der Staat wieder einspringen, damit nicht noch größere Schäden für die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Menschen entstehen. 

Über Nacht wurde, nahezu unbemerkt, die offizielle Ideologie ausgetauscht. Plötzlich geht es nicht mehr um Wirtschaftswachstum und Nulldefizit, sondern um Menschenleben. In der neoliberalen Ideologie sind die Menschen austauschbare Subjekte, deren Wert von ihrer Leistung am Markt abhängt. Natürlich ist ein solches menschenverachtendes Konzept nicht für das Funktionieren einer Gesellschaft tauglich. Deshalb braucht es immer auch soziale Konzepte, die traditioneller Weise von den sozialdemokratischen Parteien und Organisationen vertreten werden und die ganz offensichtlich in den letzten Jahrzehnten massiv an Einfluss verloren haben. 

Jetzt werden sie aus dem Hintergrund hervorgeholt und dienen nun als Hauptmaßstab des politischen Handelns.  Plötzlich sind wir wieder eine menschliche Gesellschaft, die die Lebensrechte und die Würde jedes Einzelnen wichtig nimmt. Plötzlich kümmert sich der Staat um alle, die keine Arbeit haben, indem er Milliarden locker macht und sie versorgt. Plötzlich werden die Leute wertgeschätzt, die in der Krise die Infrastruktur aufrechterhalten, von der Müllabfuhr bis zum Supermarktpersonal, und es zeigt sich, dass die Wenigverdiener die Hauptleistenden sind – ein Widerspruch wird offensichtlich.

Es zeigt sich auch, dass die Krise dort am stärksten wirkt, wo das neoliberale Programm am radikalsten durchgezogen wurde. Das ist weiter nicht verwunderlich. Der Markt, bzw. das kapitalistische System ist nicht in der Lage, Krisen zu meistern, dazu braucht es das Gemeinwesen, also den Staat. Kaputtgesparten oder privatisierten staatlichen Strukturen in den geschrumpften und gerupften Staaten fehlen die Ressourcen, um der Probleme Herr zu werden. 

Noch jedes Mal ist der Kapitalismus aus seinen selbstgemachten Krisen mit neuer Glorie auferstanden. Diesmal hat das Pendel zwischen Wirtschaft und Staat sehr stark auf die Seite des Staates ausgeschlagen, und die Zukunft wird zeigen, ob der Pendelschlag nach dem Ende der Krise umso stärker in die Gegenrichtung gehen wird oder ob sich das Zentrum verschieben wird, von dem das Pendel ausgeht, d.h. ob die Dimension des Menschlichen, und das ist auch die Dimension der Nachhaltigkeit, das Gewicht bekommt, das es braucht, um die viel größeren Herausforderungen, die sich im desolaten Mensch-Natur-Verhältnis ergeben haben, zu bewältigen und künftigen Generationen einen bewohnbaren Planeten zu sichern.

Zum Weiterlesen:
Von der Angst zur Ethik
Scham, Schuld, Cororna
Raus aus der Gehirnwäsche
Die Corona-Krise als Chance?

Samstag, 28. März 2020

Von der Angst zur Ethik

Es ist zurzeit viel die Rede von der Krise und dem Lernen daraus. Wir befinden uns in einer Umstellung der Lebensverhältnisse, wie sie die westliche Zivilisation seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr betroffen hat. Während sich die Delfine in den Häfen freuen, in denen keine Kreuzfahrtkolosse ankern, während die Fische in den Kanälen von Venedig wieder Futter finden, stellt sich die Frage, ob die Erholung, die die Umwelt erfährt, nur eine kurzfristige Episode bleiben wird oder ob eine nachhaltige Trendumkehr bevorsteht. Es stellt sich die Frage, ob die neuen Erfahrungen mit Verzicht, Isolation, veränderten sozialen Kontakten, Verlangsamung der Lebensabläufe zur Veränderung von Einstellungen führen oder als unliebsame Phase übertaucht werden, um möglichst rasch zur alten verschwenderischen Lebensweise zurückzukehren.

Wir wissen nicht, in welche Richtung die Reise weitergehen wird. Wir wissen aber, dass sich eine Tür geöffnet hat, die wir weiter aufmachen können oder die wir einfach wieder zufallen lassen, sobald der Druck weg ist. Viele Menschen halten an ihren Gewohnheiten fest und wollen zu ihnen zurückkehren, sobald sich eine Notsituation entspannt hat. Wir in den westlichen Ländern leben zu einem großen Teil im Luxus, der die Eigendynamik der Unzufriedenheit enthält, die immer noch mehr will, oder zumindest das Gleiche wie irgendein Nachbar. 

Die Ethik setzt dort ein, wo die von Angst getriebenen Notwendigkeiten aufhören. Ethisch entscheidet jemand, der sich nicht vor einer Ansteckung fürchtet und Hilfeleistungen für Bedürftige erbringt. Ethisch entscheidet jemand, der ein knappes Gut nicht hortet, sondern denen überlässt, die es dringend brauchen, oder jemand, der zuhause bleibt, um niemanden anzustecken usw. Diese soziale Orientierung ist ein wichtiges Bindeglied in jeder menschlichen Gesellschaft. 

Der Neoliberalismus hat dieses Bindeglied geschwächt und den kollektiven Egoismus befeuert. Nun hat ein Virus dafür gesorgt, dass die politisch Verantwortlichen das Gemeinwohl über den wirtschaftlichen Gewinn stellen müssen. Es werden wieder ethische Haltungen empfohlen und anerkannt, statt dem Wirtschaftswachstum im Zweifelsfall die Priorität einzuräumen. 

Aber so stimmig und natürlich diese Einstellungsänderung erscheint, so stimmig und „natürlich“ war für viele vorher die neoliberale Zielsetzung des unbegrenzten Wachstums und der individualisierten Gewinnmaximierung. Geben wir uns nur jetzt, angesichts offensichtlicher Not, ein wenig mehr Menschlichkeit, um dann wieder in die Engstirnigkeit des Leistens und der Konkurrenz zurückzukehren, so als ob nichts gewesen wäre? Wird uns dann wieder das nationalistische Grenzsichern vor Fremdlingen zum Hauptanliegen?


Die Zukunftsintelligenz nutzen


Der Zukunftsforscher Matthias Horx geht von einer Trendwende aus. Er hat mit einer Re-gnose (einer Rückschau aus der Zukunft in die Gegenwart) ein optimistisches Szenario beschrieben, in dem die  Gegenwartsbewältigung durch einen Zukunftssprung vorangetrieben werden soll.

Natürlich ist es hilfreich und sinnvoll, ein Denken, das wir für die Zukunft brauchen oder in ihr erst entwickeln werden, vorwegzunehmen. Das geht aber nur, wenn wir der Zukunft angstfrei entgegentreten und uns auf den Sog der Imagination einlassen. Denn damit stärken wir in uns die Kräfte und Potenziale, die wir später brauchen werden. 

Der Schlüssel liegt in all den Dingen bei der Angst. Denn sie hindert uns am Visionieren und Imaginieren. Sie bindet uns an die Vergangenheit und all den Gefühls- und Denkmustern, die ihr entstammen. Sie scheut sich vor jedem Wagnis, das aus den gewohnten Einstellungen und Verhaltensschleifen führen würde. 

Dagegen meint Horx, dass uns die vorweggenommene Zukunftsintelligenz aus der Enge herausführt:  „Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.“ Nur lassen sich vor allem jene von dieser Zukunftsintelligenz leiten, die jetzt schon weniger von Angst getrieben sind.

Ob sich der Optimismus von Horx bewahrheitet, wissen wir nicht, weil nicht klar ist, wieweit sich die Menschen ihrer Ängste bewusst sind und sie nach dem Ende der Krise hinter sich lassen können. Dazu müssten sie auch die Scham überwinden, die mit der Angst verbündet ist und tieferen Einsichten im Weg steht. Weiters ist nicht klar, ob die Vorteile und neuen Erfahrungen zu dauerhaften Einstellungsveränderungen führen. Es steht zu befürchten, dass nach dem Ende der Pandemie-Bedrohung die alten Bedrohungsszenarien wieder in den Vordergrund treten und die Angststarre weiterhin füttern. Die alten Gewohnheiten rasten wieder ein und es geht so weiter wie vorher, mit vielen neuen Erzählungen und wenig neuen Einsichten.

So mancher wird vielleicht wegen einer Kreuzfahrt, die jetzt ins Wasser gefallen ist, im nächsten Jahr drei machen. Andere werden vielleicht die Zeiten des Zuhauseseins, über die sie jetzt jammern, vermissen, wenn sie wieder frühmorgens zur Arbeit gehen müssen. Andere werden vielleicht ein paar Elemente des vereinfachten Lebensstils beibehalten, weil sie erkannt haben, dass nachhaltiges Leben mit einem Gewinn an Lebensqualität verbunden sein kann. Ganz unverändert wird die westliche Welt nicht aus dieser Krise heraustreten, ob ein größerer Wachstumsschub im Sinn der Bewusstseinsevolution stattfindet, dürfen wir hoffen, trotz zweifelhafter Ausgangslage.


Finden wir zur gemeinschaftlichen Vernunft?


Der deutsche Philosoph Markus Gabriel steht vor der gleichen Ungewissheit, wenn er schreibt: „Warum löst eine medizinische, virologische Erkenntnis Solidarität aus, nicht aber die philosophische Einsicht, dass der einzige Ausweg aus der suizidalen Globalisierung eine Weltordnung jenseits einer Anhäufung von gegeneinander kämpfenden Nationalstaaten ist, die von einer stupiden, quantitativen Wirtschaftslogik angetrieben werden?“

Die suizidale Wirtschaftsordnung, die Gabriel anspricht, ist aus der gleichen Quelle von Angst und Scham genährt, die in der Viruskrise die Menschen umtreibt. Suizidal wird, wer den Kontakt mit dem Leben und seinen einfachen Schätzen verloren hat, wer also in der Angst feststeckt und auf den Tod zusteuert, weil er sich überall vom Tod bedroht fühlt. Und diese Form des Selbstmordes betrifft nicht eine einzelne lebensmüde Person, sondern das ganze Kollektiv. Wenn einige mit entsprechender Macht ausgerüstete Menschen einen suizidalen Kurs steuern, ist die gesamte Menschheit mitbetroffen. 

Das neue Programm, das wir uns in der gegenwärtigen Phase bewusst machen können und das eine menschenwürdige Zukunft verspricht, muss jenseits von Angst und Scham gesucht und gefunden werden. Es wird angetrieben von der unsterblichen Idee der gemeinschaftlichen Vernunft, die all die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse ausgleichen kann, sodass jedem Menschen ein seiner Würde entsprechender Platz in der Gesellschaft gegeben werden kann. Dazu sollten sich alle zusammentun, die die Menschheit als Ganze in ihrem Geist fassen können und die Umrisse für eine neue Weltordnung zu entwerfen und ihre Umsetzung anzupacken. 

Oder, im Pathos von Markus Gabriel: „Nach der virologischen Pandemie brauchen wir eine metaphysische Pan-Demie, eine Versammlung aller Völker unter dem uns alle umfassenden Dach des Himmels, dem wir niemals entrinnen werden. Wir sind und bleiben auf der Erde, wir sind und bleiben sterblich und fragil. Werden wir also Erdenbürger, Kosmopoliten einer metaphysischen Pandemie. Alles andere wird uns vernichten und kein Virologe wird uns retten.“

Vielleicht stehen wir nicht vor der Alternative zwischen Rettung oder Vernichtung, sondern zwischen einer Zukunft mit mehr oder weniger Menschlichkeit, zwischen mehr oder weniger Verbundenheit, zwischen mehr oder weniger gemeinsamer Vernunft. Wie auch immer: Jeder Moment zählt, und es zählt, ob er in die eine oder in die andere Richtung investiert wird, von mir, von dir, von uns allen. 

Das menschliche Maß, das die Ethik anstrebt, finden wir nur jenseits der Ängste, dort, wo sich der Blick über den Tellerrand hinauswagt und das große Ganze der Menschheit und des Universums in seiner Erhabenheit erkennt, um sich dort einzuordnen.

Zum Weiterlesen:
Eine Krise des Neoliberalismus