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Freitag, 28. August 2026

Die Kreativität und das Böse

Die Kreativität kann als Tor für das Absolute dienen, mit ihr wird aber auch häufig das Absolute für Ego-Zwecke missbraucht. Denn das menschliche Ego kann das Absolute mit allen Möglichkeiten, die das Relative bietet, für seine Absichten einzuspannen. Es verfügt über eine eigene Form der Kreativität, die es gerade für diesen Zweck nutzt.  Diese Form der Kreativität steht unter dem Diktat der Überlebenssicherung. Aus dem menschlichen Einfallsreichtum entspringt die Erfindung von Gehhilfen für Behinderte ebenso wie die Entwicklung von Waffen, die solche Behinderungen verursachen. 

Die schöpferische Kraft des Egos stammt aus seinen Überlebensstrategien. Es musste sich etwas einfallen lassen, um mit den Folgen einer Traumatisierung zurechtzukommen. Z.B. kann es dafür sorgen, dass die Person bei jeder weiteren Bedrohung in die Opferrolle geht, die sich für die Sicherung des Weiterlebens bewährt hat. Jede neue Gefahrensituation fordert die Kreativität des Egos, mit der die Opferrolle an die aktuelle Bedrohung angepasst werden kann. Solche Strategien werden, soweit sie nicht therapeutisch aufgelöst wurden, im weiteren Leben verfeinert und differenziert. Sie wirken aus dem Unbewussten heraus und mischen sich in alle möglichen Lebenssituationen ein, indem sie den freien Fluss der Lebensenergie blockieren.

Sie führen dann z.B. dazu, die Kreativität für das Entwerfen von Hasskampagnen zu verwenden. Sie dient den Ängsten und soll das schwache Selbstwertgefühl stabilisieren. Mit dem Hass sollen vermeintliche Gegner und Bedroher geschwächt und entmachtet werden. Das Produkt von destruktiver Kreativität trägt das Trennende und Verengte seiner Entstehungsbedingungen in sich und kann deshalb nie zu einem Kunstwerk werden. Die Kunst beginnt dort, wo die menschliche Schöpfungskraft dem Absoluten gewidmet ist, und nicht dort, wo sie einem verletzten Ego dient.

Kann das Absolute menschenfeindliche Kreativität erzeugen?

Die Verwendungszwecke der Kreativität werden immer vom Ego bestimmt. Es kann sich jedes Produkts der Kreativität bedienen, zum Guten wie zum Bösen. Es kann die KI verwenden, um Hautkrankheiten sicherer zu bestimmen oder um Drohnen zu entwickeln, die selbst entscheiden, welchen Menschen sie umbringen. C.G. Jung hat darauf verwiesen, dass der Schatten (die unbewussten Ego-Anteile) über eine starke Energie verfügt, die zum Ausdruck drängt. Kreativität, die aus dem Schatten kommt, ist destruktiv, weil sie den Schatten, an dem der Mensch leidet, in die Welt hinein verbreitet, um das Licht der Bewusstheit zu verdunkeln und andere Menschen zu verstören oder zu verwirren. 

Auch beim Erzeugen von Ideen, wie die Gesellschaft unmenschlicher gemacht werden könnte, wirkt das Absolute mit, weil es nicht zwischen Gut und Böse differenziert. Allerdings ist es auch irreführend abzunehmen, dass das Absolute das Böse hervorbringt. „Böse“ ist eine menschliche Kategorie, deshalb können nur Menschen Böses hervorbringen. Es ist ein Aspekt, ein Attribut der relativen Welt, ein wichtiges Regulativ für das menschliche Zusammenleben. 

Der Gebrauch des Absoluten für böse Zwecke ist nur möglich, solange der Einfluss des Absoluten nicht bewusst ist und damit ein verkürztes Verständnis der Kreativität besteht. Die kreativen Leistungen werden in diesem Fall zur Gänze dem Ego zugeschrieben, sodass es in diesem Kontext ganz selbstverständlich erscheint, die Ergebnisse der Kreativität für die eigenen Zwecke zu nutzen, gleich ob diese gut oder böse sind. 

Nur mit unserer Bewusstheit können wir darüber entscheiden, ob wir die Produkte unserer Kreativität für Ego-Zwecke oder für das Wohl der Menschheit nutzen wollen. Destruktive Kreativität entsteht, um innere Nöte zu kompensieren, und sie wirkt so, dass sie diese Nöte vermehrt. Der Ausweg aus der Destruktivität, die immer eine Selbstzerstörung enthält, liegt in der Bewusstmachung der Natur unserer Kreativität und dem Verständnis für das Zusammenspiel des Absoluten und des Menschlichen. 

Wenn wir in irgendeiner Weise merken, dass das Absolute beim kreativen Prozess seine Hand im Spiel hat, dann spüren wir, dass wir Dankbarkeit schulden. Und dann ist uns auch klar, dass wir unsere Kräfte für das Beste der Menschheit einsetzen wollen, weil es das Beste für uns selbst ist.

Zum Weiterlesen:

Mittwoch, 27. November 2024

Über den Umgang mit Störungen

Denn eine Störung seiner Freuden 
sucht jeder möglichst zu vermeiden. (Wilhelm Busch)

Schnell kann uns etwas stören in den Abläufen, in denen wir uns befinden. Etwas entspricht nicht unseren Erwartungen, und wir fühlen uns gestört. Wir wollen spazieren gehen, es regnet plötzlich, und der Regen stört uns. Wir sitzen im Zug und freuen uns, dass der Platz daneben frei ist. Dann setzt sich jemand neben uns, der uns unsympathisch ist. Wir führen am Telefon ein Privatgespräch, und der Chef schaut bei der Tür herein. Wir fühlen uns gestört.  

Die Reaktionsmöglichkeiten auf Störungen können in zwei Paradigmen beschrieben werden. Paradigma 1: Störungen geschehen in der Welt um uns herum und wir können nichts dagegen machen, wir haben den Eindruck, ihnen ausgeliefert zu sein. Äußere Einflüsse greifen in unser Leben ein und bringen es durcheinander. Wir können das Wetter nicht ändern, wir können nicht verhindern, dass sich im Zug jemand neben uns setzt, der uns unsympathisch ist. Wir können nicht verhindern, dass der Chef aufkreuzt. Mit diesem Paradigma treten wir die Verantwortung an die Außenwelt ab. Deshalb fühlen wir uns hilflos. 

Das Paradigma 2 geht von folgender Annahme aus: Störungen tauchen nur in uns selbst auf. In der Außenwelt gibt es Abläufe und Geschehnisse. Zu Störungen werden Ereignisse erst, wenn wir sie bewerten und als störend einstufen. Das passiert dann, wenn wir sie mit unseren Erwartungen vergleichen. Fällt der Vergleich negativ aus, werden also unsere Erwartungen nicht erfüllt, sprechen wir von einer Störung. Eine Störung ist nur eine frustrierte Erwartung und hat nichts mit der Außenwelt zu tun, außer dass sie den Auslöser dafür liefert. Denn die Erwartung haben wir selber erzeugt, unter der Annahme, dass sie auch eintreten wird, was wir aber nie mit Sicherheit wissen können. Mit dieser Sichtweise bleibt die Verantwortung bei uns selbst. Das bedeutet auch, dass wir die Auswirkungen der Störung nur in uns selbst verändern und beruhigen können. 

Gewohnheitsmäßig tendieren wir zum ersten Paradigma. Die Ursache für die Störung liegt außerhalb von uns. Selbst wenn es sich um eine körperliche Störung handelt, empfinden wir unseren Körper in solchen Momenten wie einen Außeneinfluss. Außerdem kommt diese Sichtweise, die allgemein vorherrscht, unseren Überlebensstrategien entgegen. Wir haben dieses Vorgehen früh erlernt, auch an den Vorbildern der Eltern und anderer Erziehungspersonen. Da es von den meisten Menschen benutzt wird, wird es auch kaum in Frage gestellt. Deshalb ist nicht verwunderlich, dass unsere erste und unmittelbare Reaktion auf eine Störung im Ablauf unseres Lebens die Suche nach einer Ursache im Außen ist. Die Ursache setzen wir mit Schuld und Verantwortung gleich. Sobald wir wissen, wer die Störung angezettelt hat, wer also ihr Urheber ist, wissen wir, wer aus unserer Sicht schuld ist. Wir wissen, an wem wir unsere Enttäuschung und unseren Zorn abladen können. Damit fühlen wir uns aus dem Schneider. Der Zorn führt uns aus der Hilflosigkeit heraus.  

Allerdings ist die Wut immer ein zweischneidiges Schwert. Durch sie entladen wir die angestaute Frustenergie, bleiben aber im Groll auf die Täterperson, die die Störung verursacht hat, in der Opferrolle. Die Wut führt uns nicht aus der Kränkung heraus, sondern bestärkt uns im Ressentiment gegenüber unseren Mitmenschen oder gegen andere Faktoren, die nicht unserer Kontrolle unterliegen. 

Das Paradigma der Außenverursachung folgt einem mechanistischen Modell: Ein Außenreiz drückt auf einen Knopf (Triggerpunkt) und sogleich entsteht das innere Gefühl der Frustration und des Ärgers. Es wird ein Automatismus ausgelöst. Diese Sichtweise stimmt insofern, als wir keinen willentlichen Einfluss auf unsere unmittelbaren Reaktionen auf Au0enereignisse haben. Die Stresshormone werden so schnell ausgeschüttet, dass wir mit unserer Bewusstheit nicht eingreifen können. Das Modell ist aber andererseits irreführend, weil wir unsere Reaktion verändern können, sobald sie uns bewusst wird und wir sie nicht für selbstverständlich nehmen, sondern für eine Eigenproduktion, deren Produktionsbedingungen wir auch ändern können. 

Unsere Erwartungen stecken hinter dem, was wir als Störung erleben

Damit sind wir beim zweiten Paradigma, das aus unserer Bewusstheit entwächst. Wir gelangen zu dem Verständnis, dass es nur unsere selbstgebastelten Erwartungen sind, die unsere Enttäuschungen bewirken und dazu führen, dass wir uns gestört fühlen. Mit dieser Einsicht legt sich schnell der Frust und wir entspannen uns wieder. Sobald wir diese Einstellung zur Gewohnheitsreaktion werden lassen, verschwindet der Begriff Störung aus unserem Repertoire: Es gibt nur Ereignisse, die uns dazu bewegen, unsere Erwartungen zu verändern.  Auf diese Weise gewinnen wir mehr Gelassenheit in unserem Leben.  

Übungen in der Innenversenkung und Gefühlsbeobachtung, die wir regelmäßig praktizieren, sind eine Hilfe zur Entmachtung der Reaktionen auf Störungen. Auch wenn wir eine Meditation machen, tauchen Störungen auf – Außengeräusche oder Gedankenschleifen. Da die Übung darin besteht, die Aufmerksamkeit von der Störung auf das Innere, z.B. auf das Fließen des Atems zurückzulenken, lernen wir, bei uns selbst zu bleiben und jede Störung zu verabschieden. 

Hier ein Zitat von Edgar Allan Poe: "Den Grad der Versunkenheit eines Meditierenden können wir ermessen an der Art, wie er auf eine Störung reagiert. Je tiefer sein Erschrecken, desto seichter sein Nachdenken und umgekehrt."

Noch ein Zitat, diesmal von Albert Einstein:
„Wer glaubt, dass andere schuld sind an der eigenen Unzufriedenheit, der glaubt auch, dass Bleistifte Rechtschreibfehler machen.“
 

Zum Weiterlesen:

Störungen zerstören Illusionen
Störungen in der Meditation
Erwartungen und Enttäuschungen

Sonntag, 16. Juli 2023

Die eigene Geschichte und das Schicksal

Es gibt kein Schicksal in der äußeren Wirklichkeit, sondern nur Abläufe und Geschehnisse. Der Begriff Schicksal entsteht in unserem Denken, er ist ein Konzept des Bewusstseins. Es handelt sich um die Benennung und Bewertung unseres Erlebens in bestimmten Momenten, als Bezeichnung für eine Erfahrung, die etwas Unbegreifliches enthält. Das Schicksal stößt uns zu, gewissermaßen ruckartig und gewaltsam tritt es in unser Leben und nimmt uns voll in Beschlag. In der Rückschau ragen die schicksalhaften Erlebnisse wie mächtige und dunkle Marksteine aus der Umgebung heraus: Nach solchen Vorkommnissen war nichts mehr wie früher, das Leben wurde ein anderes.

Wenn wir an das Schicksal denken, fallen uns sofort äußere Ereignisse ein, die uns stark betroffen haben: Unerwartete Todesfälle, Unfälle, Krankheiten und andere emotional belastende Erfahrungen. Wir erleben sie als von außen kommend, die dann unser Inneres ergreifen und erschüttern. Was hat es nun mit unserem Innenleben auf sich, ist da auch die Macht des Schicksals aktiv?

Unverfügbare Abläufe in unserem Inneren

Wir haben den Eindruck, dass wir unsere innere Situation immer beeinflussen und regulieren können, zum Unterschied von der Außenwelt, auf die wir in nur sehr geringem Maß Einfluss haben. Allerdings ist auch dort vieles vorgegeben, also „Schicksal“. Denn unsere Impulse, Stimmungen und Gedanken werden von Vorgängen erzeugt, die im Organismus und seelisch im Unterbewussten, also ohne unsere bewusste Mitwirkung ablaufen. Wir haben keine Macht darüber, was als Gefühl oder als Gedanke auftaucht. Wir sind ihm ausgeliefert wie einem Schicksalsschlag, obwohl Gefühle und Gedanken in der Regel viel harmloser sind als das, was wir als schicksalhaft beschreiben.

Sobald allerdings etwas in unser Bewusstsein getreten ist, können wir darauf einwirken, indem wir die Kraft unserer Aufmerksamkeit einsetzen. Den Inhalten unseres Bewusstseins, denen wir Aufmerksamkeit geben, verleihen wir mehr Macht als jenen, die wir übergehen oder beiseite stellen. Wir verfügen also über die Fähigkeit, Bewusstseinsinhalten, die uns angenehm und förderlich erscheinen, mehr Bedeutung zu verleihen, als jenen, die uns runterziehen oder in ungewollte Gewohnheiten verstricken. Wir sind nicht Herr (Frau) unseres unmittelbaren Erlebens, sondern der Verarbeitung dieses Erlebens. Unsere Einflussnahme kommt also immer hinten nach, gleichwohl wirkt sie längerfristig darauf ein, was als erstes auftaucht. Denn Bewusstseinsinhalte, die wir durch unsere Aufmerksamkeit pflegen und stärken, melden sich öfter als solche, die wir vernachlässigen oder ignorieren. So können wir mit unseren Gedanken umgehen, und Ähnliches gilt für Gefühle. Wir sind in der Lage, belastenden Gefühlen weniger Bedeutung zuzumessen und befreienden Gefühlen mehr Raum zu geben. Auf diese Weise schwächen wir die einen und fördern die anderen.

Das ist der Weg, auf dem wir die Verantwortung für unser Erleben übernehmen, sprich für die Übersetzung dessen, was uns im Außen begegnet, in unser Inneres. Wir haben keine Zuständigkeit für das, was wir erleben, sind aber dann zuständig für das, was nach der Bewusstwerdung geschieht. Wir können nicht verhindern, dass die Erde zu beben beginnt und dass wir in Panik geraten. Aber wir können beeinflussen, wie wir mit dieser Erfahrung umgehen: Ob wir in der Panik bleiben oder ob wir schnell wieder zur Ruhe finden und das Vernünftige tun.

Verantwortung beruht auf Bewusstheitsschulung

Es gibt noch eine weitere Ebene dieser Zugangsweise. Sie liegt darin begründet: Das Bewusstmachen des Inneren wird erst möglich, wenn jemand beginnt, am eigenen Schicksal und an den Verstrickungen, die die Seele damit macht, zu arbeiten. Menschen mit wenig Bewusstheit ihrer selbst bringen die Aufmerksamkeit nicht auf, die es braucht, das Innenleben zu beeinflussen. Solche Menschen werden oft von Gefühlen überschwemmt und finden schwer wieder heraus. Andere sind von Gedanken dominiert, die auch aufs Gemüt drücken können. Die Annahme dabei ist, dass alles im Inneren geschieht und dass es keine Einflussmöglichkeiten darauf gibt.

Es ist wiederum das Schicksal, das manche auf den Weg der Selbsterforschung bringt und andere nicht. Es ist nicht eigentlich ein Verdienst, eine bewusste Verantwortungsübernahme, die zu diesem Schritt führt, sondern etwas, das sich ergeben hat, vielleicht aus drängender Not oder aus Neugier, vielleicht auf Anraten oder unter Druck, vielleicht durch traumatische Erfahrungen oder durch eine sensible Persönlichkeitsstruktur. Natürlich braucht es eine freiwillige Zustimmung, sich auf den Erforschungsweg zu begeben, aber die Bedingungen dafür, dass es dazu kommt, liegen nicht in der eigenen Entscheidungsbefugnis. Das Schicksal entscheidet darüber, ob sich jemand einer Therapie unterzieht, auf ein Meditationsretreat geht, einen anderen Selbsterfahrungsweg wählt oder in den unbewusst geprägten Gewohnheitsmustern verharrt.

Das geheimnisvolle Reich des Unverfügbaren

Wenn allerdings das Tor zur Innenerforschung einmal aufgetan wurde, wird klar, dass es in der eigenen Verantwortung liegt, immer wieder hindurchzugehen und mehr Bewusstheit ins eigene Leben und Erleben zu bringen. Es wird einsichtig, dass es einen Bereich der Verantwortung dem eigenen Erleben gegenüber gibt, der genutzt werden kann, um die Selbstregulation im Innenbereich zu verbessern. Ein einfaches Werkzeug bietet unsere Atmung, die wir bewusst steuern können. Mit der Regelung unserer Atmung können wir Einfluss nehmen auf unser Nervensystem und auf unsere Stimmung. Vor allem zur Stressreduktion ist sie prädestiniert.

Dennoch kann es geschehen und geschieht es immer wieder, dass der Pfad ins Neuland der Seele wieder verlassen wird und die alten Geleise die Regie übernehmen. Die Fähigkeit zur Verantwortungsausübung in diesem Bereich geht verloren. Wir vergessen, was wir schon gelernt haben und denken beispielsweise nicht daran, das Ausatmen zu entspannen, wenn wir uns gestresst fühlen.

Damit kommen wir zu einer weiteren Ebene, auf der wir auch zugeben müssen, dass das Übernehmen von Verantwortung selber wieder ins Reich des Unverfügbaren gehört. Es gelingt manchen leichter und anderen schwerer. Diese Fähigkeit hängt letztlich wiederum von Faktoren ab, die nicht in der eigenen Verantwortung liegen.

Also sind unsere Verantwortungsbereiche beständig von Bereichen des Vorgegebenen und des Geschehenden eingegrenzt und umgeben. Unsere Verantwortung nehmen wir wahr, weil es uns in bestimmten Momenten gegeben ist und wir vernachlässigen sie, weil uns in anderen Momenten kein Zugang dazu gewährt ist. Je näher wir hinschauen, desto deutlich wird, welch großen Raum all das einnimmt, was wir nicht kontrollieren können, was ohne unser Zutun in uns wirkt, was unserer Bewusstmachung immer voraus ist.

Die eigene Geschichte und das Schicksal

Mit dem Einsehen, dass der eigene Verantwortungsbereich schmal ist im Vergleich zu dem, was ohne unsere bewusste Mitwirkung geschieht, ändert sich der Blick auf die eigene Lebensgeschichte. Wir können sie auf neue Weise erzählen. Viele Ereignisse in unserer Vergangenheit, über die wir hadern und mit denen wir uns nicht abfinden können, erscheinen in einem anderen Licht, wenn wir die Grenze zwischen Verantwortung und Schicksal genauer erkennen. Die Möglichkeit, für unser Handeln Verantwortung zu übernehmen, war zu den kritischen Zeitpunkten, mit denen wir im Unfrieden sind, viel kleiner, als wir jetzt annehmen. Nachträglich ist uns manches bewusst geworden; damals verfügten wir nicht über diese Bewusstheit. Deshalb konnten wir nicht anders handeln als wir gehandelt haben. Deshalb ist etwas geschehen, was wir heute als Fehler erkennen und so nicht mehr machen würden. Wir sind in dieser Hinsicht bewusster geworden und haben aus der Erfahrung gelernt. Jetzt können wir damit aufhören, von uns selber eine Bewusstheit für die Vergangenheit zu verlangen, die uns erst nachträglich zuteil wurde. Jetzt können wir damit aufhören, uns selber mit dem heutigen Besserwissen zu quälen.

Die Lücken der Verantwortung

Wir müssen immer wieder anerkennen, dass wir die Verantwortung nur in Lücken, die sich im dichten Gewebe des Seins öffnen, ausüben können. Wenn wir aber diese Lücken ausnutzen, um unsere Bewusstheit zu vertiefen, dann werden diese Lücken umso häufiger auftreten, sodass uns ein Wachsen in der geistigen Reife geschenkt wird.

Wir gelangen zu unserer vollen Wirkmacht nur dann, wenn wir ein klares Gefühl für die Grenzen unserer Einflussnahme haben. Wo diese Grenzen unklar und verschwommen sind, vergeuden wir unsere Kräfte, weil sie in Scham- und Schuldgefühle fließen. Mit der Einsicht in die Grenzen verstehen wir, wie wir unsere Autorität und Verantwortung in den kleinen Bereichen leben können, die unserer Kontrolle unterliegen, und wie wir sie durch Übungen in der Bewusstheit vermehren. Dem Unverfügbaren gilt es in Respekt und Demut sowie mit Gelassenheit zu begegnen. Wir sind nicht die Meister:innen unseres Schicksals, aber die Gestalter:innen unseres bewussten Lebens.

Zum Weiterlesen:
Schicksal und Verantwortung
Schicksal und Scham

Montag, 9. Mai 2022

Das Geschehen und der Verstand

Ein naheliegender Einwand gegen die Orientierung des Geschehenlassens, die im vorigen Blogartikel beschrieben wurde, liegt darin, dass es wohl allzu leicht zum Nichtstun oder zum Faulenzen kommt, wenn es kein Funktionieren gibt: Ich lasse geschehen, was geschieht, lasse also das „Müssen“ weg, und schon bleibe ich morgens drei Stunden im Bett liegen. All die Aufgaben, die zu erledigen wären, bleiben unerledigt, es meldet sich keine Lust zum Tun. Ich habe eine probate Ausrede gegen jede Herausforderung des Lebens: Es wollte nicht geschehen. Vielmehr wollte geschehen, dass ich im Bett knotzen bleibe. 

Wenn wir allerdings genauer hinschauen, können wir sehen, dass wir in solchen Situationen nicht im Fluss sind. Vielmehr erkennen wir hier Anzeichen einer schleichenden Depression, verursacht durch hormonelle Störungen auf einer Ebene und durch belastende Kindheitserfahrungen auf der anderen. Dazu kann auch noch eine genetisch oder epigenetisch vererbte Neigung zur Depression kommen. Irgendwo führen dabei Ängste die Regie, die suggerieren, dass das Aufstehen zu Mühsal führen wird und deshalb besser unterlassen werden sollte. An anderer Stelle beginnen vielleicht Schamgefühle zu nagen, die uns vorwerfen unser Leben zu vergeuden, und bewirken irgendwann, dass der Entschluss zum Aufstehen erwacht und schließlich in einer Handlung mündet.

Die Macht des reaktiven Verstandes

In solchen Situationen kommt der reaktive Verstand dem Fließen in die Quere und nimmt es als Rechtfertigung für das Ausspielen der eigenen Muster und erlernten Gewohnheiten. Wo der Verstand Regie führt, gibt es keinen Flussmodus. Denn der Verstand ist von Ängsten angetrieben, die dann in ein „Müssen“ münden. Wer überlang im Bett liegt, um das „Müssen“ der täglichen Pflichten aufschieben zu können, unterliegt dem Müssen des Vermeidens, diktiert vom Verstand und den dahinter aktivierten Ängsten. Es ist ein versteckter Funktionsmodus, der regiert, das Nicht-Funktionierenmüssen besteht nur zum Schein. 

Die einzige Disziplin, die wir brauchen, ist jene, die den Machenschaften des Verstandes Einhalt gebietet. Sobald wir merken, dass wir aus dem Flussmodus herausgefallen sind und einem Müssen unterliegen, braucht es den bewussten Entschluss, die Vorherrschaft des Verstandes zu beenden. Wenn es nicht gelingt und der Verstand hartnäckig sein Terrain behauptet, gilt es, sich die Ängste bewusst zu machen, die aus dem Off den Verstand aktivieren. Dann können wir die Ängste mit der Realität konfrontieren und werden in den meisten Fällen draufkommen, dass es in Wirklichkeit keine aktuellen Bedrohungen gibt. Dann sollte sich die Angst auflösen und wir können wieder in den fließenden Modus zurückkommen.

Es ist also immer der reaktive Verstand, der diesen Zustand unterbricht. Er ist aus all den Unterbrechungen entstanden, die wir im Lauf unserer frühen Geschichte erlebt haben, und hat daraus seine Strategien abgeleitet. Gelehrig wie er ist, hat er die Agenda der Eltern aufgegriffen und unserem Bewusstsein als die besseren Strategien schmackhaft gemacht: „Wenn mich die Eltern aus meinem wunderbaren Zustand des Versunkenseins im Moment herausholen, werden sie schon wissen, wofür das gut ist. Sie sind ja die Großen und wissen, wo es lang geht. Da ich auch mal groß werden will, muss ich mich auch immer unterbrechen, wenn ich allzu lang im Geschehenlassen bin.“ So ungefähr tickt unser Verstand, der stets davon überzeugt ist, es gut mit uns zu meinen.

Bewusstheit unterbricht den Verstand

Der Verstand unterbricht, und mit unserer Bewusstheit unterbrechen wir den Verstand. Er reagiert auf alte Geschichten und spult dann sein Programm ab, das uns in den Müssen-Modus des Funktionierens hineinzwängt. Selber bleibt er solange drin, bis wir bewusst die Stopp-Taste drücken. Dann können wir wieder zurück in den Flussmodus gleiten.

Und siehe da: Im Flussmodus sind wir eben im Fließen, es gibt keinen Stillstand und keinen Leerlauf. Ein Impuls folgt auf den anderen. Jeder Moment bereitet den nächsten vor, der organisch aus ihm folgt. Deshalb kommen wir nicht in Zustände, in denen wir uns unwohl fühlen, wie z.B. in der anfangs geschilderten Situation des Nicht-Aufstehen-Wollens oder der Vermeidung von Herausforderungen. Vielmehr packen wir an, was zu tun ist, ob es schwierig oder einfach, anstrengend oder mühelos ist. Solange sich der reaktive Verstand fernhält, erledigen wir unsere Erledigungen, ohne Stress und Druck. Was an einem Tag geht, geht, was nicht, hat am nächsten Tag Zeit.

Von außen nach innen

Es ist zugleich eine Wendung von der Außenorientierung zur Innenorientierung. Im Funktionszustand ist unsere Aufmerksamkeit total nach außen gerichtet. Beständig scannen wir die Umwelt ab nach Anforderungen, Erwartungen und Bedrohungen. Sie liefert die Reize und wir reagieren auf sie, manchmal adäquat, manchmal unpassend. Dazu kommen die Pläne des Verstandes, die sich auch wie von außen machtvoll melden. 

Auf diese Weise funktionieren wir im Alltag und nehmen dabei kaum wahr, was sich innerlich abspielt, wie es uns also mit all dem geht. Unsere Gefühle werden uns meistens nur bewusst, wenn wir uns über etwas ärgern oder wenn wir uns vor etwas schrecken. Vor allem der Grundstress, der das Leben im Funktionieren kennzeichnet, ist uns schon so selbstverständlich geworden, dass er uns gar nicht mehr auffällt. Gerade deshalb ist die Wendung nach innen so wichtig. Denn sie macht uns auf unseren inneren Zustand aufmerksam, und dort liegt die einzige Möglichkeit, eine Änderung zu vollziehen. Der Schlüssel heißt Bewusstheit, und mit ihm können wir den Funktionsmodus beenden und in das Erleben des Moments zurückkommen, in dem Innen und Außen harmonisch miteinander schwingen.

Mit der Natur in Einklang

Oft hilft der Kontakt zur Natur, um unseren Verstand zu beruhigen und in den Moment zu kommen. Die Natur ist getragen und durchdrungen vom Geist des Geschehenlassens. Ihre entspannende Wirkung berührt uns deshalb, weil sie uns an unser eigentliches Sein erinnert, an das Übereinstimmen mit uns selbst. Da gibt es kein Müssen, kein Erwarten und kein Bewerten. Alles darf so sein, wie es ist.

Wir sind selber Natur, und das wird uns bewusst, sobald wir in Resonanz mit der Natur um uns herum treten. Wir sind ein Teil des Geschehens, das alles um uns herum in Bewegung hält. Wir sind nichts Besonderes im Sinn eines abgegrenzten Elements oder einer für sich bestehenden Einheit, sondern ein weiteres Sandkorn am Meeresstrand, eine Welle im Ozean, die kommt und wieder geht, ein Grashalm, der wächst und vergeht. Und wir sind etwas ganz Besonderes, etwas Einzigartiges, etwas noch nie Dagewesenes. Im Bewusstsein dieser beiden Aspekte unseres Seins kommen wir ganz zu uns.

Zum Weiterlesen:
Geschehenlassen und Funktionieren
Tun und Geschehenlassen
Funktions- und Flussmodus
Funktional und fließend wahrnehmen


Freitag, 26. November 2021

Die Ethik beim Impfen

Vorbemerkung

Es geht mir bei diesen Zeilen nicht darum, einen vorwurfsvollen Zeigefinger vor irgendjemandem zu erheben, geschweige denn über jemanden einen Stab zu zerbrechen. Es geht mir vielmehr darum, einen ethischen Sachverhalt aufzuzeigen uns bewusst zu machen. Was soll ein ethischer Sachverhalt sein? Ich gebe ein Beispiel zur Verdeutlichung, das nichts mit der aktuellen Impfthematik zu tun hat. Wenn Kinder emotional oder sexuell missbraucht werden, entstehen massive subjektive Verletzungen und Leiden. Zusätzlich entsteht ein Riss im sozialen Gefüge durch die Missachtung der Menschenwürde. Dieser Riss wirkt so lange, bis gesehen und anerkannt ist, was passiert ist, und bis ein Ausgleich und eine Sühne geschieht. 

Ein ethischer Sachverhalt existiert und hat eine Wirklichkeit, ähnlich wie ein Riss in einer Hauswand. Er hat aber keine dingliche Realität, sondern eine soziale. Als solche hat er die Eigentümlichkeit, verdrängt, vergessen und ignoriert werden zu können. Dennoch existiert er weiter und hält Spannungen im Untergrund des sozialen Gefüges aufrecht. Diese Spannungen betreffen alle, nicht nur die Opfer, die an ihren Verletzungen leiden, und die Täter, die an ihren Schuld- und Schamgefühlen bzw. deren Abwehrformen leiden. Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe, die Ursachen der Spannungen aufzudecken und bewusst zu machen. Denn unaufgelöste und unbewusste ethische Sachverhalte erzeugen Dynamiken mit oft unglaublicher und zerstörerischer emotionaler Wucht.

Der ethische Sachverhalt in der Impfthematik

Das ethische Argument, das für die Impfung spricht, hat mit Solidarität zu tun. Geimpfte tragen nach den Erkenntnissen der Wissenschaft wesentlich mehr zur Eindämmung der Pandemie bei als Ungeimpfte. Viele ältere und aktuelle Studien beweisen die Wirkungen der Impfung (besonders trifft es auf die Dreifachgeimpften zu) auf die Reduktion von Ansteckungen und auf die Vermeidung von schweren Verläufen: Nach Schätzungen der WHO hat das Impfen bisher einer halben Million Menschen den Tod erspart. Die Ungeimpften hingegen geben bei Ansteckung die volle Virenbelastung weiter. Sich nicht impfen zu lassen, verringert die Ansteckungsrisiken und die Weiterverbreitung der Viren nicht im Geringsten, sondern fördert die weitere Verbreitung des Virus und verlängert die Krisensituation. Außerdem steigt durch das weiter bestehende Feld der Ausbreitung die Möglichkeit für die Entwicklung neuer Varianten, die die weitere Bekämpfung der Pandemie noch schwieriger gestalten. 

Da die Pandemie weiterhin viel Leid und viele Todesfälle bewirkt, besteht die ethische Pflicht darin, das zu tun, was einem möglich ist und zu Gebote steht, um die Not zu wenden. Dazu gibt es nach allen vorliegenden Daten vor allem die Möglichkeit der Impfung, die noch dazu in unseren Ländern kostenlos verabreicht wird. Ungeimpfte, die diesen Schritt nicht vollziehen, tragen mit dieser Haltung eine höhere ethische Mitverantwortung für die Opfer der Pandemie als die, die sich trotz des Risikos von Nebenwirkungen impfen lassen. Mit jedem Tag, an dem sich jemand nicht impfen lässt, steigt die Mitverantwortung für das Weiterwachsen der Ansteckungen und der damit verbundenen Auswirkungen. (Ausgenommen sind natürlich jene wenigen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen dürfen.) 

Es gibt auch andere Maßnahmen, die der Vorbeugung gegen Ansteckung dienen, indem sie z.B. das eigene Immunsystem stärken oder die zwischenmenschlichen Kontakte reduzieren. So anerkennenswert jeder dieser Maßnahmen ist, muss doch gesehen werden, dass die Impfung die zielgerichtetste und wirkungsvollste Handlung darstellt, die Pandemie abzuschwächen und irgendwann zu beenden.

Andererseits ist die Impfung wiederum nicht die einzige und ausreichende Maßnahme, um die Infektionen zurückzudrängen; wer meint, mit der Impfung wieder wie vor der Pandemie leben zu können, hat übersehen, dass auch Geimpfte das Virus weitergeben können. 

Motive der Impfablehner

Natürlich haben alle, die sich nicht impfen lassen, ihre Gründe und Motive. In diesem Artikel geht es nicht darum, umfassend auf all diese Möglichkeiten der Motivation einzugehen, sondern darum, ein paar Beispiele herauszugreifen. Ich möchte allerdings darauf hinweisen, dass das ethische Solidaritätsargument  nicht einfach weggewischt, weggekürzt oder wegerklärt werden kann, sondern dass es dazu einer gewissenhaften Abwägung bedarf. Da dieses Argument im Vorfeld der Argumentation für eine Impfpflicht steht, ist es besonders wichtig, sorgfältig damit umzugehen. Ausdrücklich betonen möchte ich, dass mit einer Anerkennung des Solidaritätsarguments noch keine Zustimmung zu einer Impfpflicht impliziert ist. Dazu wäre eine gesonderte Diskussion notwendig. 

Das Solidaritätsargument zusammengefasst lautet: Wer das in seiner Macht Stehende zur Verringerung der Ansteckungsrisiken und damit zur Weiterverbreitung der Pandemie und dem damit verbundenen Leid tut, handelt gut, wer es unterlässt, handelt unterhalb seiner ethischen Möglichkeiten. Für manche ist nicht einsichtig, dass die Impfung diesem praktischen Ziel und damit dem ethischen Zweck dient. Sie halten die wissenschaftliche Evidenz, die den Nutzen der Impfung belegt, für falsch oder für manipuliert und halten sich an andere, „alternative“ Quellen ohne wissenschaftliche Relevanz. Auf diese Problematik bin ich im vorigen Blogartikel eingegangen. 

Unethisches Verbreiten von Nachrichten

Es erhebt sich an diesem Punkt die ethische Thematik, die mit dem Übernehmen und Verbreiten von dubiosen Informationen, die nicht den wissenschaftlichen Standards entsprechen, verbunden ist. Wenn jemand ohne Überprüfung und Faktencheck Informationen in den sensiblen und hoch emotionalisierten Themenbereichen aufgreift und medial weitergibt, handelt er oder sie unterhalb ihrer ethischen Möglichkeiten. Wer Informationen im Internet finden und lesen kann, kann auch überprüfen, was andere zu diesen Informationen sagen. Es ist auch leicht, herauszufinden, ob die Informationen eine wissenschaftliche Abdeckung haben oder ob es sich um subjektive Erfahrungen oder Meinungen handelt, die als Wissenschaft ausgegeben werden, ob es also ein Schwindel ist. Wer ungeprüft Informationen verbreitet, weil er nur „glaubt“, dass das stimmt, täuscht andere, denen er die Information mit dem Sigel der Vertrauenswürdigkeit weitergibt. Solche Verhaltensweisen tragen auch dazu bei, dass die allgemeine öffentliche Diskussion weiter verwirrt wird und die Mitmenschen in ihrer Sichtweise und ethischen Haltung mit unlauteren Mitteln beeinflusst werden. Sie wirkt dabei mit, dass die ablehnenden und hasserfüllten Emotionen anwachsen und das gesellschaftliche Klima vergiftet wird. Dann noch zu sagen, man wolle ja keine Spaltung, bildet nach solchen Aktionen der Desinformation manchmal noch das Sahnehäubchen der Heuchelei.

Der subjektive Widerwille

Wer das Solidaritätsargument versteht und teilt, beruft sich manchmal auf den subjektiven Widerwillen gegen das Impfen und die fehlende innere Zustimmung zu diesem Akt. Warum soll man etwas tun, was einem innerlich widerstrebt? Das kann ja nichts Gutes bewirken. Jeder hat seine Empfindlichkeiten und will mit diesen Empfindlichkeiten respektiert werden. 

Dennoch ist das eigene Spüren nicht das Ende der ethischen Diskussion, sondern ihr Anfang. Das eigene Fürwahrhalten ist untrennbar mit dem eigenen Ego und seinen Schutzmechanismen verbunden. Um eine ethische Perspektive einzunehmen, müssen immer die anderen mit ihren Egos und Schutzmechanismen mitbedacht werden. Schließlich stellt sich noch die Frage, was für die Gesellschaft als Ganze das Beste ist. Manchmal ist es wichtig, für ein höheres Gut die eigenen Befindlichkeiten zurückzustellen, aber das geht nur, wenn der Blick über den eigenen Tellerrand geht und das Leid im größeren Zusammenhang wahrgenommen wird.

Der innere Konflikt kommt nicht zur Ruhe, wenn nur die eigenen Bedenken und Ängste als Richtschnur des Handelns genommen werden. Vielmehr schwingt dabei immer ein Schamgefühl mit. Deshalb beginnt oft die Suche nach Informationen, die die innere Diskrepanz ausgleichen sollen: Informationen, die die Impfung als Mittel zur Bekämpfung der Pandemie diskreditieren, sind dann hoch willkommen, denn sie lindern die emotionale Dissonanz. Eine Prüfung auf ihre Faktizität wird tunlichst vermieden, weil die Informationen ja sonst ihre Aufgabe der inneren Beschwichtigung nicht mehr erfüllen würden. 

Das Tor zu Verschwörungsfantasien steht damit schon offen, durch das dann manche schreiten und sich damit noch weiter von der ethischen Solidarität entfernen. Außerdem entstehen dann oft schmerzhafte Brüche mit den bisherigen Freundes- und Kommunikationskreisen. Das Verantwortungsgefühl, das durch das Solidaritätsargument aktiviert ist, muss verdrängt werden, und die Verdrängung führt dazu, dass Gegner oder Gegenargumentierer in Bezug auf die angeeigneten Theorien immer aggressiver bekämpft werden. 

Je mehr die Entfernung zur ethischen Verantwortung wächst, desto weiter geraten die Kreise der Diskreditierung: Nicht nur einzelne Wissenschaftler, die sich öffentlich für Impfungen und Corona-Maßnahmen aussprechen, werden angegriffen und verurteilt, sondern die gesamte Wissenschaft wird mit einem Misstrauensantrag belegt und mit Bauch und Bogen verurteilt. Da es schon korrupte und unehrliche Wissenschaftler gegeben hat, werden alle der Unredlichkeit bezichtigt, und die Ergebnisse ihrer Forschungen sind damit wertlos oder sogar gefährlich, weil sie die Interessen von heimlichen Geldgebern vertreten, deren Ziel ganz offensichtlich in der Versklavung und Unterdrückung möglichst vieler Menschen liegt.

Die Umdeutung des Solidaritätsarguments

Das Solidaritätsargument wird dann umgemünzt: Die eigentlichen Beschützer der Menschen sind die, die die geheimen Machenschaften der Fädenzieher hinter den Kulissen aufdecken und ihren Praktiken aktiven Widerstand leisten. Der Kreis schließt sich, das Böse bleibt draußen und das Gute ist im Inneren konzentriert. Allerdings bewegen sich die Dinge im Außen nicht weiter, die Ansteckungszahlen und Todesfälle werden nicht weniger. Die Erklärungen aus dem Innenraum sind vorgeprägt. Schuld ist nicht die eigene Impf- oder Maskenverweigerung, sondern die Behörden, Politiker und Wissenschaftler, die laufend die Zahlen fälschen und fortgesetzt die Bevölkerung täuschen. 

Im geschlossenen Kreis gibt es keinen Außenhalt, der eine Korrekturmöglichkeit bieten würde. Das unterscheidet die Wissenschaften von solchen illusionsgetriebenen Konstruktionen: Es gibt immer eine Korrekturmöglichkeit vom Äußeren, also von der Wirklichkeit. Passt eine Theorie nicht mit der Wirklichkeit zusammen, wird die Theorie verändert, bis sie passt. Bei den innegeleiteten Konstruktionen geht es umgekehrt: Wenn Theorie und Wirklichkeit nicht zusammenpassen, wird die Interpretation der Wirklichkeit verändert, sodass die Theorie immer Recht hat. Die Akteure im Szenario sind vorbestimmt, ihre Rollen sind fix definiert (gut oder böse, je nachdem sie die Wirklichkeitskonstruktion bestätigen oder nicht) und jedes mögliche Ereignis hat schon eine Vorinterpretation mit Hilfe der von der Theorie festgelegten Argumente gefunden.

Die Ethik hat nur mehr eine Innenbedeutung. Es gibt keine Möglichkeit, zu überprüfen, ob die eigenen Werte und die daraus folgenden Handlungen in der Wirklichkeit Gutes bewirken, in diesem Fall also die Gesundheitssituation verbessern, weil der Wirklichkeit, also den Fallzahlen und den damit verbundenen Schicksalen, keine Korrekturfunktion zugemessen wird.

Aufwachen aus den Illusionen

Manche erwachen aus dem Illusionsgebäude, wenn sie das Virus erwischt hat und sie sich auf der Intensivstation wiederfinden. Bescheidenheit und Dankbarkeit entsteht in der Nähe des Todes und in der Abhängigkeit des eigenen Lebens von den Menschen, die Übermenschliches für die Rettung jedes Lebens leisten, ob es durch Impfung zum eigenen Schutz beigetragen hat oder nicht. Der Kampf gegen das Impfen findet dann manchmal sein natürliches Ende, weil die Erfahrung gezeigt hat, dass ein Stich weniger schrecklich ist als ein tagelanges Hängen an Schläuchen und Maschinen, von Ärzten und Pflegepersonal umgeben, das am Rand der Überlastung steht.

Manche Impfgegner konnten nach dem Besuch einer Covid-Intensivstation von ihrem Glauben ablassen. Manche hat das Leiden von nahestehenden Menschen oder deren Tod zum Frieden mit dem Impfen geführt; manche haben solche Erfahrungen noch mehr radikalisiert. Wir Menschen sind so verschieden, was die Verarbeitung unserer Erfahrungen anbetrifft. Wir sind aber darin nicht verschieden, dass wir im Grund alle das Beste für uns selbst, aber auch für alle anderen suchen. 

Deshalb ist es so wichtig, unsere Motive und Gründe für unser Tun und Nichttun immer wieder zu reflektieren und gerade dort, wo sich Kontroversen auftun, genau zu schauen, welche unbewussten Antriebe sich in unser Spüren und unser subjektives Rechthaben einmischen. Wir sollten achtsam darauf sein, wenn wir wider allen Widerspruchs an Meinungen und Überzeugungen festhalten, mit dem Gefühl, sie mit Zähnen und Klauen verteidigen zu müssen. Es könnte sein, dass wir uns an eine Einbildung, eine Illusion anklammern oder dass wir Opfer von Manipulation geworden sind. Zum Aufwachen ist es nie zu spät.

Zum Weiterlesen:
Impfen, Wissen und Wissenschaft


Samstag, 10. Juli 2021

Akzeptiere was ist - einfach ist es nicht... (Teil 1)

Akzeptiere alles so, wie es ist. Das ist ein bekannter spiritueller Vorschlag, den viele Lehrer in diesem Bereich einbringen. Wir sparen uns Konflikte mit der Wirklichkeit, wenn wir ihm folgen. Wir nutzen diesen Zugang, um eins mit dem Ganzen zu werden. Denn jedes Nicht-Akzeptieren schafft eine Kluft zwischen mir und dem Ganzen, und für jede Auseinandersetzung zwischen meinem mickrigen Ich und all dem, was sonst noch ist, stehen meine Karten nicht wirklich günstig. Und jede Kluft belastet uns mit Gefühlen der Unzufriedenheit und des Mangels. Sie erzeugt Stressgefühle und schneidet uns auch von den Mitmenschen ab.

Es gibt allerdings eine Reihe von Missverständnissen um dieses spirituelle Lehrstück herum, die ich im Folgenden näher beleuchten möchte.

Viele nehmen an, dass Akzeptieren so viel bedeute, wie etwas gutzuheißen, zu bejahen, zu unterstützen. Das ist in diesem Zusammenhang nicht gemeint. Vielmehr heißt Akzeptanz hier, die Existenz von etwas oder jemanden in dessen Existenz, also in seinem Sein anzuerkennen, also einen Teil der Wirklichkeit als wirklich zu bestätigen. Es werden dabei keine Bewertungsmaßstäbe angewendet. Das Gegenteil wäre es, einen Aspekt oder einen Bereich der Wirklichkeit abzulehnen im Sinn von: Ich will nicht, dass dies oder jenes existiert. Der Politiker X soll weg, weil er nur Unheil anrichtet. Das Corona-Virus soll verschwinden, weil es uns so viele Probleme beschert. Die Menschen sollen aufhören Fleisch zu essen, Auto zu fahren, Flugreisen zu machen, gegen die Erderwärmung zu demonstrieren, rechtsgerichtete oder linksgerichtete, konservative oder liberale Parteien zu wählen. So berechtigt diese Anliegen sein mögen, so wenig ändert sich durch das Ablehnen. Der Politiker bleibt im Amt, das Virus befällt weiterhin Menschen, es wird weiter Fleisch gegessen, autogefahren, geflogen, demonstriert, die falsche Wahlentscheidung getroffen.

Im Fall des Akzeptierens tritt der eigene Wille zurück hinter das Zulassen dessen, was ist. In der Ablehnung möchte der Wille das, was einem nicht passt, zurechtrücken oder verschwinden lassen. Im ersten Fall lassen wir das Ganze in seinem So-Sein gelten, im zweiten Fall stellen wir uns mit unserem eigenen Bestreben und Wollen in Opposition zu ihm.

Es  geht bei dieser Form des Akzeptierens um ein An-Nehmen, ein Nehmen im Sinn von Wahr-Nehmen oder zur Kenntnis nehmen. Wir empfangen, was die Wirklichkeit uns bietet. Es geht um ein bloßes Feststellen und Konstatieren, ohne zu berücksichtigen, ob das, was ist, angenehm oder unangenehm, sympathisch oder unsympathisch für uns ist, ob wir es wollen oder nicht. Gemeint ist also, die Wirklichkeit ohne subjektive Bewertung und ohne eigene Intentionen und Interessen zu erleben.

Die Wut im Nichtakzeptieren

Hat das Nichtakzeptieren Nebenwirkungen?

Unter den vielen Nebenwirkungen (die alle unter dem Titel: "Wie machen wir uns unglücklich?" Platz finden könnten) gibt es einen selten beleuchteten Aspekt der Nichtakzeptanz: Er besteht darin, dass die Trennung einer Verbindung etwas Gewaltsames beinhaltet. Das Ablehnen enthält eine Beimischung von Aggression: Etwas, das da ist, das wir aber in seiner Existenz nicht wollen, soll verschwinden.

Es ist die Zielrichtung des Hasses, die die Ablehnung der Wirklichkeit hervorbringt. Was einem nicht passt, wird aus der Wirklichkeit getilgt, zumindest in der subjektiven Fantasie. Der Hass will sein Objekt vernichten. Er verkörpert die Energie der Nichtakzeptanz. Hass ist nur dort möglich, wo die Verbundenheit von Ich und Welt zerbrochen ist. Er will diesen Spalt gewalttätig durch das Zerstören des ungewollten Anderen aufheben – ein hoffnungsloses Unterfangen, weil die andere Seite die existente Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit ist. Hassgetriebenes Handeln kann zwar einzelne Teile der Wirklichkeit vernichten, aber es zerstört dabei gleichzeitig immer auch einzelne Teile der eigenen inneren Wirklichkeit. Das große Ganze der Wirklichkeit verändert sich dadurch in bestimmten Aspekten, ohne jemals unterzugehen. 

Hass ist immer auch Selbsthass. Die konsequenteste Handlung des Hasses ist deshalb der Selbstmord, ein Ausweg, den viele wählen, die mit dem Weg des Hasses zeitweilig erfolgreich waren, bis sie, in sich selber zerstört, an der Übermacht der Realität scheiterten.

Ein bekanntes Klavierrondo von Ludwig van Beethoven trägt den Untertitel: „Die Wut über den verlorenen Groschen“ (op. 129), und das Stück kann als künstlerische Verarbeitung eines Frustrationserlebnisses verstanden werden, als Beispiel für eine Frustrations-Aggressionsschleife. Der Groschen ist verloren, Ärger entsteht, die Selbstanklage über die eigene Unachtsamkeit folgt, und das Innere ist mit sich selbst beschäftigt – außer der kreative Impuls meldet sich, die missliche Erfahrung in ein virtuoses Klavierstück umzumünzen. Damit ist die Verbindung zum Ganzen wieder hergestellt.

Akzeptanz und Ego-Abstinenz

Die nicht einfache Aufgabe beim Akzeptieren liegt darin, das Eigene beiseite zu lassen. Die Anforderung ist, sich nicht einzumischen, den eigenen Senf in der Tube zu lassen. Liebe Wirklichkeit, du bist, wie du bist, ob es uns passt oder nicht. Wir nehmen dich in deinem So-Sein – genau so, wie du bist.  

Was ist, war immer schon vorher da, vor unseren Meinungen und Vorbehalten, Bewertungen und Einschätzungen. Unser Erleben zeigt uns, was ist, und dann erst meldet sich unsere Bewertungsmaschine, um es in Kategorien einzuschlichten. Sofort sind wir weg vom Erleben und bei unseren Gedanken über das Erlebte. Sofort nehmen wir die Interpretationen wichtiger, weil wir glauben, dass wir sie brauchen, um unsere Überlebenschancen einzuschätzen. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn es ums Überleben geht. Oft ist es aber nur unser besorgtes Denken, das uns eine Lebensgefahr suggeriert, ohne dass das wirklich der Fall ist. Fast immer, wenn wir mit der Wirklichkeit auseinanderfallen, haben wir es mit einer Überreaktion zu tun, die von unserem Angstdenken angestiftet ist und nichts mit dem zu tun hat, was gerade Sache ist.

Bewusstheit

Wie bringen wir es also zuwege, dass sich das Denken nicht zwischen uns und die Wirklichkeit drängt?

Es geht nicht anders als mit Bewusstheit. Unsere inneren Bewertungsmechanismen arbeiten blitzschnell und wir merken es gar nicht, dass wir schon in einer wirklichkeitsverneinenden Schleife hängen und unsere Einschätzung über das stellen, was wir erleben.

Sobald wir aber merken, auf welchem Kanal wir sind (innen oder außen), haben wir die Chance, unsere Aufmerksamkeit auf die Wirklichkeit zurückzulenken und zu klären, was zur aktuellen Situation gehört und was nicht. Dann können wir die reale Situation abschätzen und überprüfen, ob sie wirklich so bedrohlich ist, wie uns das Denken einreden will. Unsere Angst ist immer unsere Angst und wurde nur durch irgendeinen Aspekt der Wirklichkeit ausgelöst, den wir in bestimmter Weise interpretiert haben. Mit Bewusstheit klären wir, ob diese Interpretation zur aktuellen Situation passt oder aus früheren Erfahrungen, die in die Gegenwart projiziert wurden, stammt und dorthin zurückgegeben werden kann.

Im Erkennen dieser Zusammenhänge finden wir zurück zur Akzeptanz, zur Einstimmung mit dem Ganzen der Wirklichkeit, ohne das Zutun unserer Interpretationen und Bewertungen. Wir bemerken diese Übereinkunft daran, dass sich alles friedlich in uns anfühlt.

Zum Weiterlesen:

Sag Ja zum Moment
Das Ja zum Selbst

Die eigene Wahrheit und die Verbundenheit mit anderen
Akzeptieren, was ist (Teil 2)
Akzeptieren, was ist (Teil 3)
Akzeptieren, was ist (Teil 4)
Akzeptieren, was ist (Teil 5)
Akzeptieren, was ist (Teil 6)
Akzeptieren, was ist (Teil 7)
Akzeptieren, was ist (Teil 8)

Montag, 30. April 2018

Erwachsensein und Angst

Wie wir noch klein waren, hat uns Vieles Angst gemacht. Wir hatten noch so wenige Fähigkeiten, die komplexen Abläufe der Wirklichkeit zu durchschauen und Harmloses und Gefährliches voneinander zu unterscheiden. Deshalb konnte uns schnell etwas ängstigen – die Dunkelheit, fremd wirkende Menschen, abweisende Blicke des Vaters, Spinnen, das Schicksal von Märchenfiguren, der Tod eines Haustiers usw. An wichtigen Punkten unserer Entwicklung konnten uns für unsere Sicherheit entscheidende Ressourcen fehlen (z.B. die Nähe zur Mutter nach der Geburt, die Ermutigung durch die Mutter bei den ersten aufrechten Schritten, das Verständnis der Eltern bei Wutanfällen und Furcht). Wir haben immer wieder Situationen der emotionalen und kognitiven Überforderung erlebt, in denen wir uns verletzt, schutzlos, hilflos und verwirrt fühlten. 

Viele dieser Ängste haben unsere Kindheit überlebt, versteckt in unserem Unterbewussten. Als Erwachsene gibt es wesentlich weniger Notwendigkeiten, uns hilflos und schutzlos zu fühlen. Wir haben eine große Menge an Fähigkeiten und Kompetenzen erworben, um die Herausforderungen, vor die uns die Wirklichkeit stellt, zu meistern und die Prüfungen des Lebens zu bestehen. Wir haben auch die Kraft, nach Misserfolgen und Versagen wieder aufzustehen und weiterzugehen. 


Dürfen Erwachsene ängstlich sein?


Heißt nun Erwachsensein frei von Ängsten zu sein? Oft haben wir als Kinder gehört: Du bist ja schon groß, da brauchst du dich nicht mehr zu fürchten. So hat sich in uns die Annahme verfestigt, dass Erwachsensein mit Angstfreiheit verknüpft ist. Und deshalb neigen wir als Erwachsene dazu, unsere Ängste zu übersehen, zu ignorieren oder uns für sie zu schämen: Wie kann ich nur so dumm sein und mich wegen einer solchen Kleinigkeit ängstigen? 

Müssen wir als Erwachsene immer stark sein und ohne Furcht durchs Leben schreiten? Die meisten Ängste, die wir als Erwachsene erleben, sind mit Erfahrungen aus unserer Kindheit verbunden und werden aus ihnen gespeist. Diese Ängste können so stark sein, dass sie uns hindern, wichtige Ziele in unserem Leben zu erreichen und konstruktive Veränderungen vorzunehmen. Sie dienen oft dazu, dass wir in Gewohnheiten verharren, die nicht mehr sinnvoll sind, sondern uns innerlich einschränken und im Äußeren irritierende Reaktionen hervorrufen. Sie halten uns davon ab, viele der Chancen, die uns das Leben bietet, zu erkennen oder zu ergreifen. 

Erwachsene unterscheiden sich von Kindern nicht darin, dass sie keine Ängste mehr haben, sondern darin, dass sie sich von den Ängsten, die auftreten, wenn sie eben auftreten, nicht lähmen lassen. Es gibt zwar Erwachsene, die von sich behaupten, keine Ängste zu kennen, doch sind das meist solche, die ihre Ängste verdrängt und tief ins eigene Innere verbannt haben. Oft wollen sie sich durch besonders riskante Unternehmungen beweisen, wie angstfrei sie sind, während sie in Wirklichkeit dafür sorgen, dass ihre innere Angstabwehr verstärkt wird.

Vor allem Erwachsene, die sich mit ihren aus der Kindheit stammenden Ängsten auseinandergesetzt haben, lassen sich weit weniger ängstigen und können besser mit angstvollen Erlebnissen umgehen. Sie können ihre Ängste spüren und sie als Kraftquelle nutzen. Wenn sie vor neuen Situationen stehen, lassen sie sich nicht durch Furcht aufhalten, weiterzugehen und sich überraschen zu lassen. Dennoch kann auch eine gründliche Innenarbeit nicht vollständig vor allen Ängsten bewahren. Es kann im Leben immer wieder unvorhersehbare Herausforderungen geben, die unser Sicherheitsgefühl bedrohen und Ängste auslösen. 

Erwachsensein ist also nicht durch die Abwesenheit von Ängsten definiert, sondern durch ein anderes Umgehen mit ihnen. Sie können auftauchen und werden dann ernstgenommen, sie müssen also nicht unterdrückt werden, vielmehr bekommen sie Aufmerksamkeit, ohne aber die Handlungsfähigkeit zu blockieren. Ein Erwachsener ist fähig, mit und trotz einer Angst in eine neue Erfahrung hineinzugehen. Er kann seiner Angst respektvoll einen Platz in sich zuweisen, von dem aus sie dazu dienen kann, dass der neuen Situation mit entsprechender Vorsicht und Achtsamkeit auf mögliche Gefahren, aber auch mit einer besonderen Entschlossenheit begegnet wird.

Jede Erfahrung, die Hand in Hand mit einer inneren Angst bewältigt werden konnte, macht stärker und kräftigt das Selbstvertrauen, das dann für künftige Herausforderungen zur Verfügung steht. Wir können uns im Vollzug der aktiven Handlung selbst davon überzeugen, dass wir Ängste für unsere Ziele nutzen können, wenn wir sie ernstnehmen, ohne ihnen die Macht über uns und unsere Handlungsfähigkeit einzuräumen. Mutig sind wir dann, wenn wir uns von unserer Angst nicht unterkriegen lassen, wenn wir also trotz „innerem Schweinehund“ tun, was zu tun ist. Wer seine Ängste kennt, ist sicherer als wer meint, von Ängsten frei zu sein.


Bewusstheit und Verantwortung


Erwachsenwerden geht einher mit Bewusstwerden. Es entsteht in uns eine Instanz, die die Vorgänge, die in uns ablaufen, erkennen und reflektieren kann. Wir lernen, uns von unseren Emotionen zu unterscheiden. Wir sind nicht mehr bloß die Angst, sondern sie ist ein Gefühl in uns, das begrenzt ist und vorübergehen wird. Auf diese Weise werden wir immer erfolgreicher darin, uns nicht von Ängsten beherrschen zu lassen, bis wir einen Weg finden, sie zu unseren Kumpanen zu machen, die wir auf unsere Reise durch die Welt mitnehmen.

Erwachsensein bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen. Wir sind es, die in uns Ängste produzieren, wir brauchen nicht gegen äußere Instanzen zu kämpfen, wenn es in Wirklichkeit darum geht, die Ängste in uns zu befrieden. Wir stehen zu Ängsten, wenn sie da sind, weil wir wissen, dass wir sie aushalten und schließlich für uns nutzen können.


Integrativ mit unseren Ängsten umgehen


Reifung bedeutet also, einen integrierenden Umgang mit unseren Ängsten und unseren Angstneigungen zu entwickeln. Wir brauchen Situationen, die uns Angst machen, nicht mehr zu meiden; wir können sie, wenn nötig, mit erhöhter Vorsicht und Achtsamkeit angehen. Wir brauchen aber auch nicht angstmachende Situationen suchen, um uns und anderen zu beweisen, dass wir keine Angsthasen sind. Das Leben hat genug an Situationen für uns im Angebot, die unsere selbstgesetzten Grenzen immer wieder bereitwillig herausfordern, wenn wir nur unsere Sinne offen halten.

Persönliche Reifung ist ein lebenslanger Prozess. Wie es auch im Wort steckt, ist das Erwachsenwerden ein Wachstumsvorgang, der niemals abgeschlossen ist, sondern besonders in solchen Situationen zum Weiterwachsen gefordert ist, in denen sich eine Angst meldet. Erst der Tod ist für uns alle der letzte Wachstumsschritt, in drastischer Weise der Endpunkt und die Vollendung des Wachsens und Erwachsenwerdens.

Gibt es eine Vollendung schon vor dem Tod? Im Diskurs um die Erleuchtung als Ziel des inneren Wachsens ist oft davon die Rede. Deshalb setzen manche Autoren die Erleuchtung mit dem erreichten Erwachsensein gleich: Nicht mehr von Ängsten eingeschränkt und geblendet zu sein und damit Teile der Wirklichkeit von sich abspalten zu müssen, sondern die Wirklichkeit in jedem Moment in ihrer Gänze annehmen zu können. Andere Autoren sehen in der Erleuchtung das Wiederfinden der kindlichen Unschuld. Vielleicht besteht zwischen diesen beiden Konzepten gar kein Gegensatz, ebenso wenig, wie das Erwachsensein dem Kindsein entgegensteht: Ein Erwachsensein, das das ganze Leben in seiner Geschichtlichkeit einschließt, das mit allen Sinnen und Geisteskräften in der Gegenwart steht und das für alles, was die Zukunft bringen mag, offen ist.