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Montag, 14. September 2026

Das Verfügbare und das Unverfügbare und die Resonanz

Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa hat den Begriff der Unverfügbarkeit in die Diagnose der spätmodernen Gesellschaft eingeführt. Das Hauptziel der Zivilisationsentwicklung der Menschheit besteht darin, die Welt verfügbar zu machen, also den menschlichen Zugriff auf möglichst alles Natürliche zu erlauben. Die Dinge werden berechnet, um sie zu beherrschen, für die eigenen Zwecke zu nutzen und um diese Verwertbarkeit zu optimieren. Die Dinge und Vorgänge sollen unter Kontrolle gebracht werden: Die Zeit, der Körper, die Umwelt und die Gefühle. Wir verwandeln mit dieser Einstellung die Phänomene der Welt in „Aggressionspunkte“: in Objekte, die wir unterwerfen und beherrschen wollen. Was aber oft geschieht, ist, dass sich die Objekte der Beherrschung entziehen, also unverfügbar werden, was dann wiederum zu Frustration und Aggression führt. Das spürbarste und drastischste Beispiel ist wohl die Klimakatastrophe, die im Gang ist: Die Anstrengungen, um die Natur gefügig zu machen, führen dazu, dass sich die Menschen ihre eigenen Lebensgrundlagen entziehen. 

Rosa sieht das Gegenprinzip zur Verfügbarkeit in der „Resonanz“. Sie hat vier Kennzeichen:

  • Die Berührbarkeit: Etwas Äußeres tritt an das Innere heran und erzeugt dort eine Reaktion.
  • Die Selbstwirksamkeit/Emotion: Die Antwort besteht in einem körperlich-seelischen Ausdruck.
  • Die Anverwandlung/Transformation: Die Begegnung verändert die beteiligten Seiten, die Person und das Objekt.
  • Die Unverfügbarkeit: Resonanz kann nicht erzwungen oder planmäßig herbeigeführt werden; sie kann auch nicht gezielt verhindert werden. Sie unterliegt keiner Macht oder Kontrolle. Auch das Ergebnis des Resonanzprozesses kann nicht vorhergesehen werden. In welcher Weise die Transformation erfolgt, zeigt sich immer erst nachträglich.

Resonanz besteht nicht nur, wenn wir Schönes oder Harmonisches erleben. „Der Gleichklang kann sehr wohl als Resonanz erfahren werden, aber nur vor dem Hintergrund ebenfalls erfahrener Differenz. Wenn zwei eigenständige und differente Stimmen sich vorübergehend treffen und zusammenfinden, kann das in der Tat eine überwältigende Form der Resonanzerfahrung hervorrufen, aber nur dann, wenn das Andere zugleich als (unverfügbares) Anderes bewusst bleibt. Das bedeutet nicht, dass dieses Andere, dem wir begegnen, einen genuinen eigenen Willen haben muss, und doch impliziert die Resonanzerfahrung so etwas wie die Erfahrung einer eigenständigen (Gegen-)Kraft, die sich jeder ‚mechanischen‘ Verfügbarkeit widersetzt.“ (S. 49) Wir finden uns nur dann in einer lebendigen und förderlichen Begegnung, wenn wir der anderen Seite Achtung und Respekt entgegenbringen und ihr jede Freiheit lassen, auch wenn sie uns Widerstand bietet.

Das Verfügbare braucht das Unverfügbare

Das Spannungsverhältnis zwischen Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit ist ein Merkmal der Moderne, die nach Rosa im Lauf der letzten Jahrhunderte entstanden ist. Modern heißt eine Gesellschaft für ihn, „wenn sie zur Aufrechterhaltung ihres institutionellen Status Quo des stetigen (ökonomischen) Wachstums, der (technischen) Beschleunigung und der (kulturellen) Innovierung bedarf.“ (S. 19) Es handelt sich um Gesellschaften, die ihre Stabilität nur wahren können, wenn sie permanent in verschiedenen Dimensionen wachsen. Dieses Wachstum besteht vor allem darin, Unverfügbarkeiten zu beseitigen. Daraus entsteht ein Grundkonflikt, weil jede Gesellschaft überall Unverfügbares braucht. (S. 81) 

Trotz aller Versuche, die Welt zu kontrollieren, bleibt immer „ein Riss, ein Spalt zur Welt bzw. zu dem anderen, das man zu erfassen versucht, bestehen.“ Wirkliche Erfahrung und Lebendigkeit kann gerade und nur dort aufscheinen, wo sich das Unverfügbare zeigt, das, was sich der Kontrolle und Beherrschung entzieht. (S. 92)

Die Steigerungsperspektive der Moderne  bestand ursprünglich in einer Verheißung von Fortschritt und Verbesserung. Sie wird aber nach und nach zu einer Bedrohung, die Druck erzeugt, nach der Devise: Wir müssen effektiver und schneller werden, sonst gehen wir unter. Das Steigerungsspiel wird nicht mehr von der Gier nach mehr, sondern von der Angst vor dem Immer-weniger aufrechterhalten. Zu dieser stressigen Dynamik kommt die „Verheißung der Weltreichweitenvergrößerung“: Wer genug Geld hat, kann jeden Punkt der Welt aufsuchen und sich jeden Punkt der Welt zu sich hereinholen – in virtueller Vertretung. Mit dieser Verheißung wird der innere Antrieb zur aggressiven Weltbeherrschung mobilisiert. Dabei ist das „Weltverstummen“ die Grundangst der Moderne, das geradezu manisch vom Verfügbarmachen erzeugt wird: „Die Moderne steht in Gefahr, die Welt nicht mehr zu hören und sich eben darum auch selbst nicht mehr zu spüren.“ (S. 43) Mit dem Verlust eines innigen kommunikativen Weltbezugs verkümmert der Selbstbezug. Wir verlieren uns selbst in dem Maß, in dem wir die Welt als gleichwertiges Gegenüber verlieren.

Resonanz: Begegnung mit Unverfügbarem

Zur Resonanzfähigkeit gelangen wir nur, wenn wir die Fähigkeit erwerben, die Welt zu distanzieren. Der Grundmodus lebendigen menschlichen Daseins ist „nicht das Verfügen über Dinge, sondern das in Resonanz Treten mit ihnen, sie durch eigenes Vermögen – Selbstwirksamkeit – zu einer Antwort zu bringen und auf diese Antwort wiederum einzugehen.“ (S. 48) Wir gehen auf die Welt in einer offenen Haltung zu und stellen unsere Frage und warten auf die Antwort, die uns verändert und bereichert. (S. 49)

Resonanzbeziehungen entstehen also nur, wenn es Unverfügbares gibt, das drei Dimensionen beinhaltet: Ein Subjekt, ein Objekt und einen Prozess zwischen beiden. Das Objekt braucht die Eigenschaft des Eigensinns, der sich der Beherrschung widersetzt. (S. 52) Es muss ein Moment konstitutiver Unverfügbarkeit „nicht nur in der Erfahrung bzw. der Beziehung zwischen Subjekt und Welt, sondern sogar in den Dingen selbst liegen..., wenn eine Resonanzbeziehung zu ihnen möglich sein soll.“ (S. 63)

Das Verfügbare verliert schnell seinen Reiz, weil es nicht antworten, sondern nur für unsere Zwecke funktionieren kann. Das Unverfügbare dagegen ist der Quell für jede Inspiration, aber auch für alle Unliebsamkeiten. Es sollten uns allerdings die Störfaktoren lieber sein als das, worüber wir die Kontrolle haben, denn das Lernen und Wachsen geschieht nur dort, wo uns die Wirklichkeit Wiederstand entgegenbringt. Das Unverfügbare schenkt uns Freude und Schmerz; das Verfügbare Langeweile und Depression.

Wir können diese Dynamik gut am Beispiel der Werbung verstehen. Sie zielt darauf, unser Beziehungsbegehren in ein Objektbegehren zu übersetzen, indem z.B. eine Reise angepriesen wird, die uns irgendwo auf der Welt der Natur näher bringen soll. Wir können zwar die Reise erwerben, dass wir aber zu einer Resonanzerfahrung mit der Natur oder mit Menschen kommen, lässt sich nicht mit noch so viel Geld erkaufen. (S. 56) Dinge, über die wir vollständig verfügen, die also ganz in unserer Macht sind, werden reizlos, weil sie von sich aus keine Resonanzfähigkeit mehr haben. Sie werden gewissermaßen stumpf, stumm und leblos. Das Leiden an einer Welt, die mehr und mehr verstummt, kurbelt aber umso mehr den Konsum an: „So erfüllt die kapitalistische Warenwirtschaft auch hier ihre wundersame Funktion, die Konsumenten unablässig dazu zu bringen, neue Produkte (in diesem Fall: Reisen) zu kaufen, von ihnen notwendig enttäuscht zu werden, aber nicht so, dass sie vom Kauf der (im Prinzip immer gleichen) Waren Abstand nehmen, sondern so, dass sie nach jeder Enttäuschung neue und  ‚größere‘ erwerben.“ (S. 73) Wegen dieser grundlegenden Diskrepanz des modernen Lebens wird die Unsicherheit größer und es entstehen frustrierte Wutbürger am laufenden Band. 

„Unverfügbarkeit, die aus Prozessen der Verfügbarmachung hervorgegangen ist, erzeugt radikale Entfremdung. Das moderne Programm der Weltreichweitenvergrößerung, das die Welt in eine Ansammlung von Aggressionspunkten verwandelt hat, erzeugt daher auf gleich doppelte Weise die Furcht vor dem Weltverstummen und dem Weltverlust: Dort, wo ‚alles verfügbar‘ ist, hat uns die Welt nichts mehr zu sagen, dort, wo sie auf neue Weise unverfügbar geworden ist, können wir sie nicht mehr hören, weil sie nicht mehr erreichbar ist.“ (S. 107) Was wir gewaltsam zum Eigenen machen, wird uns zum Fremden und wir werden uns selbst fremd.

Das Unverfügbare und das Absolute

Nach Rosa entsteht eine Schreibhemmung aus der Angst, den „Eigensinn“ des zu schreibenden Textes zu verfehlen, weil wir z.B. in der falschen Stimmung sind. Wir fühlen uns also im Moment nicht in der Lage zu hören, was uns der Text sagen will. Die Rolle dieser Dynamik führt uns einen Schritt weiter von der Soziologie zur Spiritualität. Über die soziologische Betrachtungsweise hinaus kann die Dynamik zwischen dem Verfügbaren und dem Unverfügbaren als Spiel des Absoluten verstanden werden, das hier eine ähnliche Rolle spielt wie im Rahmen der Kreativität.

Der Begriff des Unverfügbaren stammt ursprünglich aus der Theologie und diente dazu, das Verhältnis zwischen Mensch und Gott zu beschreiben. Das Verfügbare braucht das Unverfügbare so, wie das Relative das Absolute braucht. Alles, was frei von menschlicher Kontrolle ist, ist auch frei für das Absolute. In der Austauschbeziehung, die aus der offenen Begegnung entsteht, mischt das Absolute mit.

Das Absolute ist das Unverfügbare schlechthin. Es ist jedem menschlichen Zugriff entzogen. Die unverfügbaren Phänomene, denen wir im Leben begegnen, haben ihr Vorbild im Absoluten, das in ihnen zum Vorschein kommt. Genauer gesagt, zeigt sich das Absolute in der Resonanzerfahrung, die durch die Begegnung mit dem Unverfügbaren entsteht. Es handelt sich also um eine Begegnungserfahrung, in der eine intime Beziehung zwischen dem Phänomen und mir entsteht. Diese Beziehung hat die Qualität der Liebe in ihrer absoluten Form. Denn das Absolute stiftet Verbindung zwischen allem, das existiert, und diese Verbindungen sind Ausdruck dessen, was wir Liebe nennen.

Sobald wir versuchen, ein Phänomen vollständig zu beherrschen, zu sichern oder zu konsumieren, wird es „stumm“ und die Resonanzbeziehung bricht zusammen. Wir landen in einem Raum der Lieblosigkeit. Indem wir die Welt unserem Ego unterordnen wollen, geht uns das Lebendige und Liebenswerte an der Welt verloren. Wenn wir der Welt hingegen achtungsvoll und offen begegnen, treten wir in einen gleichwertigen Austausch ein, der uns bereichert und verwandelt.

Literatur:
Rosa, Hartmut (2018): Unverfügbarkeit. Wien-Salzburg: Residenz Verlag (Alle Zitate stammen aus dieser Quelle.)

Zum Weiterlesen:
Der kreative Prozess und das Absolute
Funktions- und Flussmodus
Was die Welt zusammenhält: Die Universalität der Kommunikation


Freitag, 28. August 2026

Die Kreativität und das Böse

Die Kreativität kann als Tor für das Absolute dienen, mit ihr wird aber auch häufig das Absolute für Ego-Zwecke missbraucht. Denn das menschliche Ego kann das Absolute mit allen Möglichkeiten, die das Relative bietet, für seine Absichten einzuspannen. Es verfügt über eine eigene Form der Kreativität, die es gerade für diesen Zweck nutzt.  Diese Form der Kreativität steht unter dem Diktat der Überlebenssicherung. Aus dem menschlichen Einfallsreichtum entspringt die Erfindung von Gehhilfen für Behinderte ebenso wie die Entwicklung von Waffen, die solche Behinderungen verursachen. 

Die schöpferische Kraft des Egos stammt aus seinen Überlebensstrategien. Es musste sich etwas einfallen lassen, um mit den Folgen einer Traumatisierung zurechtzukommen. Z.B. kann es dafür sorgen, dass die Person bei jeder weiteren Bedrohung in die Opferrolle geht, die sich für die Sicherung des Weiterlebens bewährt hat. Jede neue Gefahrensituation fordert die Kreativität des Egos, mit der die Opferrolle an die aktuelle Bedrohung angepasst werden kann. Solche Strategien werden, soweit sie nicht therapeutisch aufgelöst wurden, im weiteren Leben verfeinert und differenziert. Sie wirken aus dem Unbewussten heraus und mischen sich in alle möglichen Lebenssituationen ein, indem sie den freien Fluss der Lebensenergie blockieren.

Sie führen dann z.B. dazu, die Kreativität für das Entwerfen von Hasskampagnen zu verwenden. Sie dient den Ängsten und soll das schwache Selbstwertgefühl stabilisieren. Mit dem Hass sollen vermeintliche Gegner und Bedroher geschwächt und entmachtet werden. Das Produkt von destruktiver Kreativität trägt das Trennende und Verengte seiner Entstehungsbedingungen in sich und kann deshalb nie zu einem Kunstwerk werden. Die Kunst beginnt dort, wo die menschliche Schöpfungskraft dem Absoluten gewidmet ist, und nicht dort, wo sie einem verletzten Ego dient.

Kann das Absolute menschenfeindliche Kreativität erzeugen?

Die Verwendungszwecke der Kreativität werden immer vom Ego bestimmt. Es kann sich jedes Produkts der Kreativität bedienen, zum Guten wie zum Bösen. Es kann die KI verwenden, um Hautkrankheiten sicherer zu bestimmen oder um Drohnen zu entwickeln, die selbst entscheiden, welchen Menschen sie umbringen. C.G. Jung hat darauf verwiesen, dass der Schatten (die unbewussten Ego-Anteile) über eine starke Energie verfügt, die zum Ausdruck drängt. Kreativität, die aus dem Schatten kommt, ist destruktiv, weil sie den Schatten, an dem der Mensch leidet, in die Welt hinein verbreitet, um das Licht der Bewusstheit zu verdunkeln und andere Menschen zu verstören oder zu verwirren. 

Auch beim Erzeugen von Ideen, wie die Gesellschaft unmenschlicher gemacht werden könnte, wirkt das Absolute mit, weil es nicht zwischen Gut und Böse differenziert. Allerdings ist es auch irreführend abzunehmen, dass das Absolute das Böse hervorbringt. „Böse“ ist eine menschliche Kategorie, deshalb können nur Menschen Böses hervorbringen. Es ist ein Aspekt, ein Attribut der relativen Welt, ein wichtiges Regulativ für das menschliche Zusammenleben. 

Der Gebrauch des Absoluten für böse Zwecke ist nur möglich, solange der Einfluss des Absoluten nicht bewusst ist und damit ein verkürztes Verständnis der Kreativität besteht. Die kreativen Leistungen werden in diesem Fall zur Gänze dem Ego zugeschrieben, sodass es in diesem Kontext ganz selbstverständlich erscheint, die Ergebnisse der Kreativität für die eigenen Zwecke zu nutzen, gleich ob diese gut oder böse sind. 

Nur mit unserer Bewusstheit können wir darüber entscheiden, ob wir die Produkte unserer Kreativität für Ego-Zwecke oder für das Wohl der Menschheit nutzen wollen. Destruktive Kreativität entsteht, um innere Nöte zu kompensieren, und sie wirkt so, dass sie diese Nöte vermehrt. Der Ausweg aus der Destruktivität, die immer eine Selbstzerstörung enthält, liegt in der Bewusstmachung der Natur unserer Kreativität und dem Verständnis für das Zusammenspiel des Absoluten und des Menschlichen. 

Wenn wir in irgendeiner Weise merken, dass das Absolute beim kreativen Prozess seine Hand im Spiel hat, dann spüren wir, dass wir Dankbarkeit schulden. Und dann ist uns auch klar, dass wir unsere Kräfte für das Beste der Menschheit einsetzen wollen, weil es das Beste für uns selbst ist.

Zum Weiterlesen:

Mittwoch, 26. August 2026

Der kreative Prozess und das Absolute

Kreativität ist ein schöpferischer Vorgang, in dem etwas Neues erschaffen wird, etwas, das es vorher noch nicht gegeben hat. Kreativität ist ein Ausdruck der Individualität der kreativen Person. Nur sie ist in der Lage, dieses Werk zu schaffen, das ganz ihren persönlichen Stempel trägt. Doch das Werk, das sie schafft, ist nur scheinbar ihres; denn der kreative Akt besteht darin, dass aus einer anderen Quelle genau das kommt, was das Werk braucht, um wirklich werden zu können. Das eigentlich Kreative an der Kreativität ist dem Absoluten geschuldet, das sein Füllhorn geöffnet hat, sodass die Schöpferin ihr Werk vollenden kann.

Was tragen wir zur Kreativität bei?

Wenn jemand einen Roman schreibt, so braucht er Engagement und Disziplin, den Willen, den Roman zu schreiben und dafür genügend Zeit einzusetzen. Er benötigt verschiedene praktische Kenntnisse, vom Schreiben bis zu stilistischem Feingefühl und gestalterischem Geschick, Gefühl für die Personen und Überblick über die ganze Konstruktion. In den Schreibprozess fließen Vorerfahrungen ein, was das Schreiben anbetrifft, und dazu noch im Grund alle persönlichen Erlebnisse, die die Erinnerung aufbewahrt hat. Für das Schreiben brauchen Schriftsteller oft die passende und störungsfreie Umgebung, manchmal sogar die Abschottung von der Außenwelt. Schließlich ist die Fähigkeit und Bereitschaft erforderlich, das eigene Schreiben einer kritischen Revision zu unterziehen: Wortwiederholungen, Grammatik- oder Tippfehler, Sinnwidrigkeiten, fehlende Zusammenhänge oder Informationen und logische Unstimmigkeiten usw.

Das Gespräch und die Kreativität

Oft sind es andere Menschen, die für uns zu Quellen der Inspiration werden, indem ihre Erzählungen oder Fragen unseren eigenen kreativen Prozess in Gang setzen und zu neuen Erkenntnissen und Einsichten führen. Es kann z.B. sein, dass durch ein Gespräch über ganz andere Dinge mit einer anderen Person eine Blockade gelöst wird, die sich dem kreativen Prozess in den Weg gestellt hat. Dieser Artikel ist durch ein Gespräch initiiert worden, verdankt also seine Entstehung diesem dialogischen Austausch. Wenn ein solcher Dialog in einen guten Fluss kommt, dann scheint es so zu sein, dass dieses Geschehen von etwas anderem befruchtet wird als nur von den zwei Personen, die miteinander reden. Die Rede der einen Person inspiriert die Rede der anderen und so weiter. Offenbar wirkt etwas Drittes mit, das beide in seinen Bann zieht, indem es Einsichten und Perspektiven liefert. Dann können Fragen zu ihren Antworten, Zweifel zu ihrer Auflösung, Unklarheiten zur Aufklärung führen.

Das Fließen der Schaffenskraft

Die Metapher des Flusses spielt eine wichtige Rolle beim Verstehen der Kreativität. Viele Schaffende kennen den besonderen Zustand der Schaffenskraft, in dem das Innere nach außen drängt und zu einer Verwirklichung finden will. Manchmal ist dieser Drang so stark, dass auf andere Dinge wie Essen oder Schlafen vergessen wird. Jedenfalls hat das Erleben in solchen Phasen den Charakter eines Schwimmens mit dem Strom, der einen mitnimmt auf seine Reise. Die Schaffenskraft ist nur zum geringen Teil die eigene; das eigentlich Schöpferische und Vorwärtsdrängende ist etwas Größeres und Mächtigeres, wie der Strom gewaltiger ist als die Schwimmerin. Wir können uns in solchen Situationen wie ein Werkzeug erleben, das eine höhere Macht in die Hand nimmt, weil sie durch uns hindurch und mit unseren Fertigkeiten und Fähigkeiten ein Werk erschaffen will. 

Wenn wir aus dem Fluss heraussteigen, sobald er an sein Ziel gelangt ist, können wir das Ergebnis, das vollendete Werk bestaunen und der Welt weiterschenken. Es wurde uns geschenkt, damit wir es der Welt zur Verfügung stellen, die damit reicher und vielfältiger wird. Alles, was uns gegeben wurde, haben wir bekommen, um es weiterzugeben. So bleiben wir mit dem Fluss des Lebens in Verbindung: Die Gaben des Absoluten in die relative Welt zu bringen.

Die Sprache der Schöpfung

Es gibt eine Reihe von Begriffen, die das  Eingreifen des Absoluten in den kreativen Prozess nahelegen: Eingebung, Inspiration, Einfallen, Zufallen.

Die „Eingebung“ besteht darin, dass etwas von außen ins Innere gegeben wird. Etwas, das vorher nicht da war, wurde geschenkt und kann nun verwendet werden. Da wir nicht mit Bestimmtheit sagen können, woher die Eingebung kommt, haben wir Grund zur Annahme, dass sie einen unverfügbaren Ursprung hat, einen, der nicht unserer Kontrolle und Willkür unterliegt. Wir können nicht mehr zur Eingebung beitragen, als dass wir uns für sie öffnen; ob sie dann kommt oder nicht, können wir nicht beeinflussen.

Die „Inspiration“ sagt noch mehr aus als die Eingebung, weil sie auf die Quelle hinweist: Es ist etwas Geistiges, das in uns hineinfließt, um unserem kreativen Prozess zu dienen. Unter dem Geistigen verstehen wir etwas, das im Unterschied zum Materiellen unbegrenzt ist – und wir können nur besitzen und unser Eigentum nennen, was begrenzt ist. Das Geistige gehört uns deshalb nicht. Es ist frei und jeder individuellen Macht entzogen. 

Wenn wir vom „Einfallen“ reden, beziehen wir uns auf etwas, das in uns hinein fällt. Woher es fällt, wissen wir nicht, und es ist auch nicht wesentlich für den kreativen Prozess, den Ursprung herauszufinden. Es fällt uns ein, damit wir es in eine Form und Gestalt bringen und der Außenwelt weitergeben.

Ähnlich ist es mit dem „Zufallen“. Auch hier fällt etwas zu dem dazu, was schon da ist. Dieser Überschuss aus dem Zufallen stammt aus einem nicht erkennbaren und erklärbaren Grund. Deshalb verwenden wir den Begriff des Zufalls für Ereignisse, die in unser Leben fallen, ohne dass wir dafür eine Begründung hätten. Wir können zwar vieles, was geschieht, mit Erklärungen begründen, aber jede davon ist relativ, sodass es prinzipiell eine unendliche Zahl von Erklärungen gibt, von denen jede ihre Berechtigung hat, aber keine geeignet ist, die Frage nach dem Grund endgültig zu beantworten. 

In einem schöpferischen Prozess werden fortlaufend Informationen aus ungeklärtem Ursprung zur Verfügung gestellt. Da sie den Prozess weitertreiben und befüllen, müssen wir nicht wissen, woher sie stammen, solange sie in den kreativen Zusammenhang hineinpassen. Im besten Fall nehmen wir, was kommt und wandeln es in eine Form um, die dann die Übersetzung in die relative Welt ermöglicht.

Zum Beispiel: Das Schreiben dieses Textes 

Ich schreibe diesen Text, und währenddessen kommt z.B. ein neuer Satzanfang (kommt – woher denn?); dann brauche ich ein paar Momente, bis mir die Fortsetzung ein- oder zufällt. Manchmal ist die Pause, die erforderlich ist, bis die Eingebung gegeben wird, länger, manchmal ist sie ganz kurz. Aber es gibt immer wieder eine Unterbrechung im Schreibprozess, eine Lücke, in die dann die Inspiration hineinfließt. Es kann sein, dass ich in der Pause im Text zurückgehe und Korrekturen einfüge, etwas völlig anderes mache oder dass die Unterbrechung über Tage oder Wochen geht, aber nach meiner Erfahrung hat sich noch immer irgendwann eine Fortsetzung gefunden, sodass der kreative Fluss dann weiterfließen konnte und der Text einen guten Abschluss finden konnte.

Ich erlebe diesen Vorgang als beständige und innige Zusammenarbeit zwischen dem, was ich beisteuere – das Schreiben als mechanische Tätigkeit und das Warten auf die Eingebung –, und dem, was mir gegeben wird – der Inhalt dessen, was ich schreibe. Nach meinem Eindruck bin ich voll abhängig von dieser Quelle, die mich aber recht zuverlässig mit dem Material versorgt, das ich zur Fertigstellung eines Textes brauche. Nicht einmal den Abschluss eines Textes kann ich nur aus mir heraus schaffen. Vielmehr erlebe ich ein Gefühl, das mir sagt, so passt der Text, so stimmt er in sich zusammen und so hat er eine gute Form gefunden. Ich muss gewissermaßen warten und so lange schreiben, bis sich dieses Gefühl einstellt. Es ist, als ob mir eine Stimme sagen würde: Gut so, jetzt kannst du das Werk abschließen und veröffentlichen.

Ich ordne diese Stimme und auch alle anderen Einflüsterungen während des kreativen Prozesses dem Absoluten zu. Meine Leistung sehe ich darin, das Absolute ins Relative zu übersetzen, indem ich die Inputs in eine schriftliche Form bringe. Aber kein einziger Gedanke, der Eingang in den Text findet, ist im vollen Sinn meiner, obwohl ich ihn ja denke, bevor ich ihn notiere. Vielmehr nehme ich es so wahr, dass der Gedanke zu mir gekommen ist, als eine Spende aus einer Quelle, vor der ich mich nur dankbar verneigen kann, weil sie mich so großzügig beschenkt, ohne eine Gegenleistung zu verlangen.

Das Absolute als kreative Kraft 

Das Absolute kann als die treibende Kraft hinter allen Prozessen in dieser Welt angesehen werden. Der Schöpfergott in den monotheistischen Religionen symbolisiert diese Kraft. Das Absolute zeigt sich allerdings nur in subjektiven Erfahrungen, und kreative Prozesse sind Erfahrungsräume, in denen wir dem Wirken des Absoluten unmittelbar begegnen.

Zum Weiterlesen:
Fluss und Trauma
Das Schwache besiegt das Starke
Funktions- und Flussmodus
Geschehenlassen und Funktionieren


Donnerstag, 6. März 2025

Fortschritt trotz Rückschritten

Wenn Rechtsparteien an die Macht kommen, sorgen sie dafür, dass es in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft zu Rückschritten kommt. Weiterentwicklungen in den Menschenrechten, in den Frauenrechten, in der Anerkennung von Minderheiten, Experimente in der Kultur und Kunst werden abgedreht, zusammengestutzt oder vom Geldhahn abgeschnitten. Unter der Losung „Zurück zur Tradition“ werden liberale Errungenschaften beseitigt, wie nach der Märzrevolution 1848, nach deren gewaltsamer Niederschlagung alle neuen Freiheitsrechte abgeschafft wurden. Es dauerte damals in Österreich 20 Jahre, bis die liberalen Rechte dann als Grundrechte in die Verfassung aufgenommen wurden. In der Slowakei können wir aktuell beobachten, wie die offizielle Kulturlandschaft umgekrempelt wird, indem alle staatlichen Posten mit fachfremden Parteigängern der Kulturministerin besetzt werden, die das Kulturleben auf traditionelle und national geprägte Ausdrucksformen beschränken will.

Was auch immer Politiker veranstalten, ändert nichts daran, dass der Fortschritt weitergeht: In den Wissenschaften, in der Technik und in der Ökonomie. Auch die sozialen Beziehungsformen entwickeln sich weiter. Manche dieser Prozesse können durch politische Maßnahmen verlangsamt werden, manche andere zeitweilig und regional unterbunden und unterdrückt werden; gänzlich aufgehalten können sie nicht werden. Denn die Menschen verfügen über ein unbegrenztes Potenzial an Neugier und Kreativität, das sich ausdrücken und verwirklichen will, gleich unter welchen politischen Verhältnissen sie leben. 

In der gesamten Menschheitsgeschichte gibt es Phasen der stürmischen Weiterentwicklung in manchen Gebieten, wie z.B. im antiken Griechenland oder im Wien der Zwischenkriegszeit.  Es gibt auch Phasen des scheinbaren Stillstandes oder der Rückentwicklung, wie z.B. im Biedermeier, als die Reformen der französischen Revolution rückgängig gemacht wurden. Aber selbst in diesen Zeiten haben sich andere Entwicklungsstränge beschleunigt, z.B. die Industrialisierung oder die Weiterführung der Klassik in die Romantik in der Literatur und Musik. 

Der Fortschrittsmotor Kapitalismus

Der Kapitalismus kennt keine Rückschritte. Sein Wachstumsprinzip ist das Mehr und Noch Mehr. Die politischen Rahmenbedingungen wirken bestenfalls modulierend auf diese Dynamik ein. Sie können das Tempo, die Richtung und die inhaltliche Gestaltung beeinflussen, nicht aber den Wachstumsdrang selbst. Nach dem Zweite Weltkrieg lag die Wirtschaft in den zerstörten Gebieten darnieder, doch bahnte sich dann ein Wirtschaftsaufschwung samt noch nie dagewesener Wohlstandsmehrung an. 

Das kommunistische Sowjetexperiment hatte ja das Ziel, die Macht der kapitalistischen „Naturgewalt“ zu brechen und eine Wirtschaftsform unter durchgängiger politischer Kontrolle zu etablieren. In China gab es unter Mao Zedong ähnliche Bestrebungen. Das Gesamtergebnis dieser Experimente (neben dem hohen Blutzoll, den sie angerichtet haben) liegt darin, dass die ökonomische und technische Entwicklung dennoch weiterging, nur wesentlich langsamer, sodass die Länder des „real existierenden Sozialismus“ bei dessen Ende in fast allen Bereichen der Wirtschaft weit hinter dem Niveau der westlichen Länder hinterherhinkten. China hat in den 1980er Jahren die politische Kontrolle der Wirtschaft aufgegeben und dadurch konnte dort der Kapitalismus schnell aufholen. 

Der Preis, den Kapitalismus durch politische Eingriffe aufzuhalten, ist also hoch. Darin bestand der Lernprozess, und viele Theoretiker und Politiker wechselten vom Kommunismus zum Sozialismus oder zur Sozialdemokratie, weil sie erkannten, dass der Kapitalismus nicht einfach abgeschafft werden kann, sondern eingehegt werden muss. Denn ein Kapitalismus, der überhaupt nicht durch politische Einflüsse reguliert wird, richtet sich gegen die Menschen, indem sie ungeschützt ausgebeutet werden. Er braucht also Rahmenbedingungen und Regulierungen, wie ein Fluss, der nicht am Fließen gehindert werden soll, sondern dessen Verlauf so gestaltet wird, dass Hochwässer am wenigsten Schaden anrichten. Allerdings sollte diese Metapher mit Vorsicht genossen werden, weil der Kapitalismus ein menschengemachtes Phänomen ist und keine Naturgewalt. Wir machen also durch unsere ökonomischen Handlungen den Kapitalismus, und wir können ihn durch das, was wir tun oder unterlassen, beeinflussen und gestalten.

Die Verlangsamung des Lernens durch Machteinflüsse

Das Problem bei politischen Bremsversuchen des Fortschritts besteht darin, dass die in der Politik involvierten Machtstrukturen zur Verlangsamung nicht nur der sozialen und ökonomischen Prozesse, sondern auch der Lernvorgänge insgesamt führen. Das Sowjetimperium hat siebzig Jahre gebraucht, bis es möglich war, die Lehren aus dem, was schiefgelaufen ist, zu ziehen, und bis heute leidet Russland an seiner Zurückgebliebenheit und versucht, diese Schmach durch kriegerische Zerstörungen wettzumachen.

Die Pathologie der Macht besteht darin, dass die Mächtigen sie nicht loslassen können. Damit verhindern sie Weiterentwicklung und Lernen. Macht, die zum Selbstzweck geworden ist, versucht verzweifelt, das Rad der Geschichte aufzuhalten, die ganze Kraft fließt in diese mühsame und letztlich fruchtlose Anstrengung. Aus der Sicht der Mächtigen muss alles so bleiben, wie es ist, denn nur so kann die Macht erhalten werden. Wer zu viel lernt, wird gefährlich für die Mächtigen.

Die Bremsung der gesellschaftlichen Lernvorgänge durch autoritäre Staatsformen und Diktaturen wird durch das Vorantreiben von Spaltungen verstärkt. Einzelne Bevölkerungsgruppen werden gegeneinander ausgespielt; damit wird Misstrauen und Konkurrenz in der Gesellschaft gesät. Die angstgetriebenen Energien fließen weniger in Erneuerungsprozesse als in die Aufrechterhaltung des eigenen Status. Je mehr Unsicherheit in der Gesellschaft herrscht, desto schwerer hat es die Kreativität. Je mehr Traumen das kollektive Bewusstsein durchziehen, desto weniger Kräfte stehen für das Lernen und Weiterentwickeln zur Verfügung.

Die Demokratie als Nährboden für Lernprozesse und Kreativität

Die Demokratie wurde unter anderem zu dem Zweck erfunden, die Macht von Einzelpersonen zu begrenzen und zu kontrollieren. Dadurch soll das Festklammern an der Macht (Putin regiert seit 25 Jahren, Lukaschenko seit 31) und das Einzementieren von Ideologien unterbunden werden. Andererseits werden Räume garantiert, in denen sich die Lern- und Weiterentwicklungsprozesse entfalten können. Diese Räume sollen weitgehend frei von Herrschaft sein, sodass eine vernunftgeleitete Diskurs-, Forschungs- und Kreativkultur gedeihen kann.

Die Demokratie wird von rechten Ideologen und Politikern bekämpft und von vielen Menschen weniger geschätzt, weil sie sich mit ihren Problemen und Interessen nicht ausreichend repräsentiert fühlen. Sie stellt – mit all ihren Schwächen – die reifste Form der Machtausübung dar. Sie ist ein Produkt des Fortschritts sozialer Kompetenzen und ethischer Reflexionen und sie enthält in sich die Motive zu ihrer beständigen Verbesserung.

Momentan erkennen wir in vielen Bereichen Rückschritte – vergessen wir aber nicht den größeren Bogen und den langen Atem der Geschichte. Fortschritte verzögern sich manchmal, und in solchen Zeiten reifen die Kräfte für das Weitergehen im Verborgenen. Wir wissen noch nicht, was die gegenwärtigen Entwicklungen zum Fortschritt beitragen, weil es so ausschaut, als würde die halbe Menschheit um Stufen auf der zivilisatorischen Leiter zurückfallen (überall wird aufgerüstet, was nur geht, Demokratien verwandeln sich mir nichts dir nichts in Autokratien). Aber jedes Chaos evolviert irgendwann zu einer neuen Ordnung mit mehr Spielräumen und Möglichkeiten. Die Errungenschaften der Menschlichkeit, die da und dort mit Füßen getreten werden, gehen nicht verloren. Wir können ihre Banner tragen und möglichst viele ermutigen, es uns gleich zu tun. Vertrauen wir auf die Macht des Fortschritts, die die Kraft der Bewusstseinsevolution in sich trägt.

Zum Weiterlesen:

Demokratie in der Krise?
Das Erlernen der Demokratie in der Kindheit

Hier zur Videofassung


Mittwoch, 28. Dezember 2022

Die pädagogische Neugier

Die Neugier ist der beste Antrieb für das Lernen und für das Lehren. Eine besondere Begabung im Lehren liegt darin, die Neugier in den Herzen der Schüler entfachen zu können. Die „Gier“ nach dem Neuen ist ein Bewusstseinszustand, in dem wir in Aufregung geraten und Begeisterung spüren. Es ist der Drang, aus Gewohnheiten auszubrechen und Abenteuer zu erleben – Abenteuer im Außen durch neue Umgebungen oder neue Tätigkeiten oder Abenteuer im Inneren durch neue Erkenntnisse und Wissensinhalte. Wir suchen diese angenehme Spannung und genießen die Erwartung und Vorfreude, die schon vorher auftritt. Auch das Gehirn gerät in Aufregung und schüttet dabei viel Dopamin aus. Es handelt sich um die Impulse zum Wachsen, zum Eindringen in die Realität, zum Durchbrechen von Widerständen, zum Erobern von Neuland, die die leuchtenden Augen der Neugier hervorrufen. 

Neugierige Schüler sind ein Vergnügen und eine Freude für jede Pädagogin, sie sind dankbar für alles, was sie aus ihrem Überschuss an Kenntnissen anbietet und greifen es bereitwillig auf, um etwas Eigenes daraus zu machen. Es ist die Freude am Lernen, die die größte Freude im Lehren darstellt.

Lehren mit Neugier

Die Neugier ist deshalb nicht nur das optimale Milieu für Lernen, sondern auch für das Lehren. Was die Lehre lohnend macht, ist die Freude am Neuen, das im Inneren der Schüler eingepflanzt wird und zu sprießen beginnt. Gewissermaßen erschafft das erfolgreiche Lehren eine neue Schülerperson. Die größte Freude sollte es sein, wenn der Endzweck der Lehre erreicht ist, wenn also der Schüler aufhört, Schüler zu sein, weil er alles weiß, was es in dieser Lehre zu wissen gibt. Der Endzweck der Lehrer-Schüler-Beziehung ist ihre Auflösung, aus der Komplementarität der Rollen wird eine symmetrische Begegnung auf Augenhöhe.

Jede Lehrsituation ist neu und beinhaltet eine neue Lektion für die Lehrperson. Jeder Mensch ist anders, und deshalb ist auch jedes Lernen anders. Den pädagogischen Eros in jeder neuen Schülerin zu entfachen, stellt eine beständige Herausforderung dar, die das Lehren zu einem kreativen Prozess macht. Es muss also für jede Schülerin oder für jede Schülergruppe eine neue Lehre, eine neue Form des Unterrichts erfunden werden, die auf die Voraussetzungen und Bedürfnisse der Schülerinnen möglichst genau eingeht, sie also dort abholt, wo sie gerade sind.

Kommunikation auf der unbewussten Ebene

Das Geheimnis des Lehrens liegt demnach darin, einen Resonanzraum zu erschaffen, in dem die Lehrerin auf einer unbewussten Ebene mitbekommt, was die Schülerin braucht, damit sie in ihrem Lernprozess weiterkommt. Ein guter Tanzlehrer sieht, auf welche Weise sich die Schülerin blockiert und was sie braucht, damit sie diese Hemmung überwinden kann. Eine gute Klavierlehrerin erkennt, welches Musikstück den Schüler begeistert und zum Üben motiviert. 

In dieser Hinsicht gleicht die Pädagogik der Psychotherapie. Der Therapeut spricht gewissermaßen das aus, was ihm das Unterbewusste des Klienten mitteilt. Die Erfahrungen und Gefühle, die verdrängt sind, weil sie irgendwann nicht verarbeitet werden konnten, werden in dem vertrauensvollen Raum, der in der Therapie entsteht, auf den Therapeuten übertragen, der sie dann spüren und ausdrücken kann. Dadurch fühlt sich der Klient tiefer verstanden und kann einen Schritt in der inneren Entwicklung weitergehen. Auch in der Pädagogik geht es darum, sich auf die Schüler einzuschwingen und die für das Fortschreiten des Lernprozesses wichtigen Informationen aus dem pädagogischen Feld, aus dem Resonanzraum zu gewinnen. Der unterschwellige Kommunikationsprozess, der auf dieser Ebene wirkt, macht den Zauber jeder gelungenen Therapie und jedes Lehr- und Unterrichtsvorgangs aus.

Wichtig zu betonen in diesem Zusammenhang ist, dass dieser geheimnisvolle Kanal nur offen ist, wenn die Atmosphäre zwischen Lehrerin und Schülerin entspannt und vertrauensvoll ist. Die gegenseitige Wertschätzung ist die Voraussetzung, dass sich das Unterbewusste der Schülerin zu Wort meldet und die Informationen preisgibt, die es erlauben, den Lernprozess fortzusetzen und zu vertiefen. Sobald sich Ängste oder Schamgefühle einmischen, versiegt dieser Informationsfluss.

Im Fluidum einer zugewandten und wertschätzenden pädagogischen Beziehung vollzieht sich das Lernen mit großer Leichtigkeit. Die Neugier wandelt sich nach ihrer Befriedigung in die Freude über das Gelernte um und meldet sich wieder für den nächsten Lernschritt. 

Jedes gelungene Lehren ist ein Erneuern, ein Neuerschaffen. Die Neugier setzt den Anfang, die Begeisterung liefert den Treibstoff und die Disziplin trägt durch den Prozess der Aneignung durch.

Man könnte auch sagen, dass die Lehrerin mit jedem Lehren, das auf fruchtbaren Boden gefallen ist, jünger wird, weil sie sich mit dem Neuen, Jungen, Aufbruchsbereiten und Abenteuerlustigen in den Schülern verbindet und daran teilhat. In dieser Verbindung entzündet sich das Feuer des pädagogischen Eros, das im günstigen Fall beide gleichermaßen erhellt und begeistert, die Lehrerin und die Schülerin. 

Zum Weiterlesen:
Die Neugier und die Kreativität
Gier und Neugier


Dienstag, 27. Dezember 2022

Die Neugier und die Kreativität

Die Neugier ist ein von jeder Scham befreiter Zustand. Sie führt uns in einen Zustand der Unschuld, der uns an unsere Anfänge auf dieser Welt erinnert – diese faszinierende Welt, die wir einst mit staunenden Augen und Ohren erschlossen haben. Und wir erschließen noch immer, solange die Neugier in uns waltet. Es ist der Kontakt mit einer Welt voll von Wundern und Rätseln, voll von Mysterien und Schönheiten. 

Die Neugier ist der Schlüssel zur Kreativität, die sich ja nur entfalten kann, wenn die Scham überwunden ist. Sie bricht aus Gewohnheiten des Erlebens und Denkens aus und überwindet die Schranken, die mit jeder Gewohnheit errichtet werden.

Das Korsett der Gewohnheiten

Das erwachsene Leben besteht zu großen Teilen aus einer Aneinanderreihung von Gewohnheiten, die nur selten von angenehmen oder unangenehmen Überraschungen unterbrochen werden und auf die wir meist mit der Errichtung neuer Gewohnheiten reagieren. Sobald eine Lücke im Netz der Sicherheiten, die wir um uns errichtet haben, auftaucht, wollen wir es stopfen. Auf diese Weise streben wir nach der Absicherung unserer Sicherheit, sobald uns etwas verunsichert. 

Die Kehrseite der Ritualisierung des Lebens bildet die Langeweile, die uns befällt, wenn wir merken, dass wir in einem Korsett der Gewohnheiten gefangen sind und uns nicht mehr wohl fühlen. Wo bleibt die Abwechslung, wo bleibt das Neue? Wie kommen wir heraus aus der Eintönigkeit der Gewohnheiten? 

Viele Möglichkeiten bietet die Welt des Konsums, die realen und virtuellen Schaufenster in ihrer Pracht und Üppigkeit, die uns zum Einkaufen verlocken wollen. Sie versprechen uns das Neue, das wir noch nicht kennen und dessen Reize wir noch nicht ausgekostet haben. Wir kaufen uns die Kreativität anderer Menschen oder künstlicher Intelligenzen, um der Langeweile für kurze Zeit zu entfliehen. Schnell gewöhnen wir uns an die neuen Güter, sie werden eingereiht in das Inventar unserer Absicherungsgewohnheiten. 

Die nächsten Möglichkeiten gibt es in den weiten Feldern der Unterhaltungsindustrie, die uns wiederum mit Produkten fremder Kreativität zum Konsumieren verleiten möchte. Der nächste Blockbuster verspricht einige Zeit Spannung und Nervenkitzel, die nächste Serie will uns mit ihren Beziehungsdramen fesseln, das nächste Kurzvideo soll uns zu kurzzeitiger Heiterkeit bringen. Auch in diesen Bereichen wirkt die Macht der Gewohnheit und die Langeweile kommt verlässlich zurück. 

Schule der Neugier

Wie entrinnen wir der Pendelbewegung zwischen Gewohnheit und Reizsuche? Die Frage lautet auch: Wie finden wir unsere eigene Kreativität? Wie kommen wir in den Zustand schöpferischen Fließens, der uns in eine Welt jenseits der Gewohnheiten führt?

Ein verlässlicher Weg besteht darin, dass wir unsere Neugier aktiv halten, kultivieren und selbst zu einer Gewohnheit machen. Statt uns im Trott von Alltagsgedanken und Verhaltensgewohnheiten zu verlieren, können wir unsere achtsame Wahrnehmung nutzen, um in unserer Umwelt Neues zu entdecken. Selbst Wege, die wir täglich beschreiten, enthalten Elemente, die wir noch nie gesehen haben. Musikstücke, die wir immer wieder hören, können neue Stimmungen wecken, wenn wir aus darauf einstellen, sie auf eine neue Weise zu hören. Formen der Bewegung, die wir uns angewohnt haben, können wir erneuern, indem wir sie anders machen. Wir können z.B. anders gehen als wir es üblicherweise tun. Selbst jeden Atemzug können wir in seiner Neuheit entdecken. Wir können die Idee des Tanzes, also der freien Bewegung, in viele Abläufe unseres Lebens hineinbringen und dadurch in jedem Moment eine Abwechslung erschaffen. 

Die Neugier ist bei all diesen kreativen Impulsen beteiligt und wird durch sie gefördert. Wir steigern unsere Lebenslust, sobald wir das Fließen der Energie wahrnehmen, die mit dem beständigen Neuerfinden unseres Lebens verbunden ist.

Wir können davon ausgehen, dass solche achtsamen Flexibilitätsübungen unsere Neugier fördern und unser Gehirn motivieren, neue Ideen zu produzieren. In der Psychologie wird dieser Vorgang als divergierendes Denken bezeichnet, also ein Denken, das nicht irgendwelchen bekannten Bahnen folgt, sondern völlig neue Assoziationen und Kombinationen hervorbringt. Es kommt zustande, wenn wir gut gelaunt, entspannt und in einem dopaminreichen Zustand sind. Diesen Zustand können wir mit verschiedenen Pillen oder Drogen herbeiführen, die immer auch Nebenwirkungen haben. Natürlicher und risikofrei ist es, wenn wir uns immer wieder einer offenen Beobachtungsmeditation (open monitoring meditation, im Yoga auch als Yoga Nidra bekannt) widmen. 

Eine Studie konnte nachweisen, dass diese Meditationsform den Dopaminlevel um 65 % steigern kann. Damit wird ein optimaler Zustand hergestellt, in dem dann das divergierende Denken stattfinden kann. Die Meditationsübung besteht darin, im Liegen möglichst ohne Bewegung einfach kommen und gehen lassen, was aufsteigt. Die Übung kann man 10 – 60 Minuten lang machen. Da sich der Körper nicht bewegt, produziert das Gehirn vermehrt Bilder, die aus der visuellen Erinnerung kommen. Zugleich wird das autobiografische Gedächtnis, das Erinnerungen untereinander vergleicht, reduziert und es entsteht ein Bewusstseinszustand, der für das divergierende Denken optimal ist. 

Zum Weiterlesen:
Gier und Neugier
Dopamin und unsere Anfälligkeit für Verführung

 

Montag, 7. Februar 2022

Die Kreativitätsscham und ihre Auflösung

Kreativität ist ein Grundwesenszug des Menschen, also etwas, was uns Menschen erst zu Menschen macht. Wir wollen Neues kennenlernen, erkunden, erforschen und erzeugen. Hinter der Kreativität stecken die Neugier, das Streben nach Veränderung und die Lust am Experimentieren. Wir fühlen uns ganz in unserem Element, wenn wir kreativ sind. Wir sind im Fluss, vergessen oft Raum und Zeit und sind ganz mit dem verbunden, was wir gerade tun.

Wie kann diese wunderbare Gabe mit Scham in Verbindung kommen? Die Wurzel liegt, wie so oft, in der Kindheit. Die Eltern oder Erziehungspersonen sind nicht immer glücklich mit der Kreativität ihrer Kinder. Es ist nur mäßig lustig, wenn plötzlich die weiße Wohnzimmerwand bemalt und bekritzelt ist oder das Küchengeschirr im Badezimmer aufeinander gestapelt vorgefunden wird. Der kreative Ausdruck braucht auch Grenzen, und das Respektieren der Bedürfnisse der Mitmenschen gehört zum normalen Lernen der Kinder.

Wenn aber die kreativen Experimente der Kinder auf keine oder auf eine vorwiegend ablehnende Resonanz bei den Eltern stoßen und das immer wieder passiert, dann entwickelt sich bei den Kleinen die Kreativitätsscham: „Ich bin nicht in Ordnung, wenn ich kreativ bin.“ „Ich enttäusche oder langweile meine Eltern mit dem, was mir so viel Freude gemacht hat.“ „Die Freude an meinen eigenen Schöpfungen und Entdeckungen ist nicht angebracht.“ 

Kreativität und Schamkonflikt

Die Kreativitätsscham erzeugt einen inneren Zwiespalt: Zwei mächtige Kräfte, der Drang nach Kreativität und Selbstentfaltung sowie der Wunsch, akzeptiert und geliebt zu werden, stehen im Widerstreit. Es handelt sich also um eine Form des Grundkonflikts zwischen Autonomie und Bindung. Er ist in diesem Zusammenhang auch ein Konflikt zwischen Abenteuer und Anpassung oder zwischen Neugier und Einschränkung. 

Obsiegt die Anpassung an die Wünsche und Bedürfnisse der Eltern, so muss das Streben nach kreativem Ausdruck blockiert werden. Die Scham hilft dabei. Sie macht darauf aufmerksam, dass das Ausleben der eigenen schöpferischen Impulse riskant ist und mit Liebesentzug, Schelte oder Ablehnung bestraft werden könnte. Im Inneren wird Kreativität mit Gefahr und Ablehnung assoziiert und geht in der Folge mit einem schlechten Gewissen einher.

Oft legt sich eine Rationalisierung über die Scham, die besagt: „Verschwende deine Zeit nicht mit kindischen Spielereien, sondern mach deine Arbeit, die du machen musst, auch wenn sie dir keine Freude macht.“ Viele Menschen, die in ungeliebten Jobs festhängen und sich keine Alternative dazu vorstellen können, leiden an dieser Scham vor ihrer eigenen Kreativität. Sie glauben, dass sie zu ihrem Unglück verurteilt sind und fühlen sich unfähig, Möglichkeiten zu erproben, wie sie aus diesem Gefängnis herausfinden könnten. Sie halten sich für weniger originell, weniger ideenreich und kreativ als ihre Mitmenschen, die sie dafür beneiden. Sie orientieren sich an anderen in dem, was sie denken, reden und fühlen. Sie misstrauen ihren eigenen Fähigkeiten und unterschätzen sie und stellen gerne das eigene Licht unter den Scheffel. 

Diese Menschen wurden in ihrer Kindheit in der Entdeckerfreude beschnitten und sie haben dann diese Beschränktheit zu ihrer zweiten Natur gemacht. Sie haben das Selbstvertrauen in die eigenen schöpferischen Kräfte verloren und zweifeln ihre Begabungen an oder lassen sie verkümmern. Sie denken, dass Kreativität nur besonderen, begnadeten Menschen gegeben ist und dass sie in ihrer Durchschnittlichkeit und Unbegabtheit nichts Neues zustande bringen könnten. Sie messen sich oft an unerreichbaren Vorbildern, nur um sich zu bestätigen, dass sie zu nichts geeignet sind und deshalb auch die Finger vor eigenen kreativen Versuchen lassen sollten, um sich nicht zu blamieren. „Ich kann ja nicht singen.“ „Ich kann ja nicht malen.“ „Ich kann ja nicht schreiben.“ So versuchen sie ihre Umgebung und sich selbst von den eigenen mangelnden Fähigkeiten zu überzeugen.

Das Menschenrecht auf Kreativität

Erst das Wiederfinden des Zugangs zum inneren Kind, das in seinem Expansionsdrang verletzt und eingegrenzt wurde, ermöglicht das Wiederbeleben der Freude am Neuen, das Wundern an der Vielfalt, das Genießen des schöpferischen Flusses. Jeder Mensch ist in seiner Weise kreativ, und das Erschließen und Entfalten der eigenen Kreativität ist ein Grundrecht, das wir uns zurückholen können und sollen, wenn es uns abhandengekommen ist. Denn das Erschaffen eigener Einsichten, eigener  Ideen und eigener Werke ist ein Beitrag zur Bereicherung der Welt und zur Erweiterung der Möglichkeiten, die die Menschheit hat. Jeder neue Ansatz verändert die Wirklichkeit und bietet den Anlass für weitere Veränderungen, die von einem selbst kommen oder von anderen aufgegriffen werden. Jeder kreative Schaffensakt enthält die Inspiration für weitere Schöpfungen. 

Kreative Menschen sind glücklich, weil sie im kreativen Handeln ganz mit sich und mit der schöpferischen Energie verbunden sind, die durch sie hindurch wirksam wird. Dieses Glück steht allen Menschen zu. Deshalb ist es so wichtig, den Bann der Kreativitätsscham zu durchbrechen und an die eigenen kreativen Fähigkeiten zu glauben.

Zum Weiterlesen:
Reaktive und kreative Lebensorientierung
Kreativitätshemmungen und ihre Lösung
Über die Einzigartigkeit


Sonntag, 21. Februar 2021

Kreative und reaktive Fantasien

Die Fantasie, zu der uns unser Gehirn befähigt, öffnet ein vielfältiges Feld von Möglichkeiten. Es reicht von Angstfantasien bis zu schöpferischen Inspirationen. Wir wollen keine fantasielosen Wesen sein, sollten uns aber auch nicht in unseren Fantasien verlieren. Hier geht es darum, ein paar Wegmarken im weiten Land der Fantasie anzulegen.

Fantasien sind Realitäten, die in unserem Kopf produziert werden. Sie unterscheiden sich von den äußeren Realitäten dadurch, dass sie mit keinen äußeren Wahrnehmungen korrespondieren. Sie haben also keine Fundierung und keine Referenzpunkte in der Außenwelt. Wohl stammen die Inhalte unserer Fantasien in irgendeiner Weise aus der Realität, die außerhalb von uns selbst vorhanden ist, aber unsere fantastische Kraft kombiniert sie zu neuen Gebilden und darin liegt das kreative Potenzial unserer Fantasie.

Bei der Entstehung von Kunstwerken ist es häufig so, dass innere Vorstellungen von dem Resultat, das erschaffen werden soll, den Prozess einleiten. Mit den ersten Schritten zur Verwirklichung kann sich das Fantasiebild ändern, aber oft ist die Fantasie der Produktion immer ein Stück voraus. Die Fantasie nimmt also das Resultat vorweg, indem sie es so wahrnimmt, als wäre es schon wirklich. 

Hier wirken Fantasien als treibende Kräfte zur Kreativität. Ohne die Fähigkeit zur Imagination gäbe es wohl keine Kultur, keine Kunst, Technik oder Wissenschaft. Die Neugier bedient sich der Fantasie, und beide zusammen haben großartige Schöpfungen der Menschheit verwirklicht.

Doch auch zur Erreichung anderer Ziele können wir die Kräfte unserer Imagination nutzen, um unsere Energien auf den Manifestationsprozess zu fokussieren. Kreative Bilder stärken die Motivation und Tatkraft und helfen dabei, Widerstände und Hindernisse zu überwinden. (vgl. den Artikel zur kreativen Lebensorientierung). 

Reaktive Fantasien

Auf der anderen Seite des Fantasiespektrums finden sich Formen der Innenwelt, die aus Reaktionen auf bedrohliche und verunsichernde Erfahrungen in der Außenwelt gebildet werden. Es handelt sich dabei um Bilder, die als Gefühlsersatz dienen. Typischerweise entstehen sie aus Dissoziationen, also aus Brüchen zwischen Innen- und Außenerfahrungen, die im Rahmen von Traumen entstehen. Die Innenwelt dient als Fluchtraum, die mit Fantasien eingerichtet werden wie mit Möbeln und Bildern. Hier ist die heile Welt, draußen ist es gefährlich. 

Dazu zählen auch sexuelle Fantasien, die das gesamte Pornogeschäft in Gang halten: Sichere Formen der sexuellen Lust, die nicht von den Risiken einer zwischenmenschlichen Begegnung belastet sind. Denn die Verletzungen, die hinter der Begierde nach solchen Bildern und Videos stecken, sind durch Personen verursacht worden. Deshalb enthält der Konsum von Pornografie immer auch ein Element der Rache an den Verursachern der eigenen Verletzungen.

Diese Verletzungen hängen mit unerfüllten frühkindlichen Bedürfnissen und Sehnsüchten zusammen, die eigentlich nur wenig oder gar nichts mit Sexualität zu tun haben. Nur bietet sich dieses Erlebnisfeld als Ersatz an, sobald die erwachsenen Sexualinteressen erwachen. Die entsprechenden Triebe sind stark geladen, und die diversen Angebote gehen darauf erfolgreich ein indem sie starke Anreize verkaufen, die risikolos konsumiert werden können.

Kindliche Fluchtrouten

Kinder erwerben früh die Fähigkeit, Bedürfnisse, die keine Befriedigung erfahren, in der Innenwelt zu stillen. Dieser Trick, den das Gehirn zur Verfügung stellt, hilft, mit der Frustrationserfahrung zurechtzukommen. Es bleibt zwar eine Diskrepanz bestehen zwischen dem real unerfüllten Bedürfnis und der Scheinbefriedigung in der Fantasie, aber zumindest wird eine teilweise Erfüllung erfahrbar. Diese hilft auch, die ursprünglichen Gefühle (den Schmerz, die Angst und die Scham) zu begraben, die mit der Frustrationserfahrung verbunden sind.

Es kann sich die Tendenz verfestigen, sich mit der fantasierten teilweisen und ersatzweisen Wunscherfüllung zufrieden zu geben. Die Ersatzbefriedigung hilft im weiteren Leben immer wieder, sich den aktuellen Herausforderungen der Wirklichkeit zu entziehen und die Freuden von erfüllten Sehnsüchten und errungenen Erfolgen in der Scheinwirklichkeit zu genießen, als ob sie wirklich wären. Damit steht ein Mechanismus zur Verfügung, unangenehmen Gefühlen oder praktischen Herausforderungen im Leben auszuweichen. Der Fantasieraum bietet sich immer als Fluchtpunkt mit seinen angenehmen oder erregenden Bildern an, wenn es brenzlig oder langweilig wird.

Süchte und reaktive Fantasien

Viele Süchte und selbstschädigende Verhaltensweisen haben ihren Ursprung in dieser Dynamik. Die illusionäre Befriedigung, die sie gewähren, entfesselt immer wieder die Gier nach noch mehr davon. Das Illusionäre verhindert das vollständige und endgültige Stillen der Bedürfnisse, sondern hält sie im Irrealen fest. In der Folge werden die Bedürfnisse selbst bald zu Fantasieprodukten. Zunehmend überlagert ein Scheinleben das wirkliche. Die an die Suchtobjekte gebundene und von ihnen okkupierte Fantasie verkümmert und in ihrer kreativen Seite verstummt. 

Reaktive Fantasien und Scham

Die Scham mischt auf mehreren Ebenen bei reaktiven Fantasien mit. Sie liefert zunächst einen Anlass dafür, dass überhaupt der Ausweg aus der Realität in die Fantasie gesucht wird. Die Scham ist ein sehr unangenehmes Gefühl, das umgangen werden kann, wenn sich eine dissoziative Welt öffnet, in der alles in Ordnung ist. Sobald jedoch bewusst wird, dass es sich um eine Traumwelt handelt, kommt erst recht wieder Scham. Manchmal hören Kinder: „Was bist du für ein Traummännlein?“, wenn sie gerade mit ihren Fantasien beschäftigt sind, und schämen sich dafür. Ist das Fantasieren dann im Aufwachsen zur Gewohnheit geworden, die allenthalben auftritt und den Alltag durchzieht, kann es zu peinlichen Fehlern und Pannen kommen. „Ich war so in Gedanken und habe übersehen, dass die Ampel schon auf Rot geschaltet war.“ Als Folge tritt wieder die Scham auf den Plan. 

Alle Suchtformen sind mit Scham verbunden, obwohl sie zu einem wichtigen Teil gerade der Schamentlastung dienen sollen. Die ritualisierten Abläufe, die mit jeder Sucht verbunden sind, sollen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln und Schutz vor Beschämungen bieten. Andererseits unterliegt die Ausübung des Suchtverhaltens in zweierlei Hinsicht einer Schambelastung: Die Sucht ist nicht konform mit den eigenen Werten und steht im Widerspruch zur Integrität. Sie ist auch nicht sozialverträglich, sondern wird von der Gesellschaft im allgemeinen abgelehnt. Es bilden sich zwar manchmal Subgruppen von Suchtabhängigen, die sich gegenseitig bestätigen, die sich aber zugleich nach außen abgrenzen müssen, weil sie wissen, dass sie mit massiver Ablehnung und Abwertung rechnen müssen. Es ist dann wieder die Scham, die auf der emotionalen Ebene das Suchtverhalten aufrechterhält und dafür sorgt, dass es in vielen Fällen geheim gehalten wird und im Verborgenen ausgeübt wird, womit sich ein weiterer Schamkreis schließt.

Der Ausweg

Reaktive Fantasien haben einen mächtigen Einfluss, wenn sie sich einmal etabliert haben. Sie versprechen eine sofortige Belohnung und Erleichterung. Deshalb ist es auch schwer, sie wieder loszuwerden, wenn die Erkenntnis über ihre Schädlichkeit eingesickert ist.

Der Weg zurück aus den Verwicklungen der Fantasiebedürfnisse ist deshalb oftmals mühsam. Er beginnt mit der Überwindung der Scham, die das Verhalten verstecken will. Er führt dann über das Freilegen der frühen Wurzeln mit ihren Verletzungen und über das Durchleben des hinter den Frustrationen steckenden Schmerzes bis zur Befreiung. Jetzt können die kreativen Potenziale der Fantasie wieder zum Fließen kommen und schöpferische Resultate hervorbringen.

Zum Weiterlesen:

Freitag, 2. Oktober 2020

Die bittersüße Sehnsucht

Goethe dichtete, von Schubert genial vertont: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!“ Was ist das für ein Leid, und aus welchen Gründen tun wir es uns an?

Die Sehnsucht ist ein vielschichtiges Phänomen. Sie ist ein Konglomerat aus verschiedenen Gefühlen und enthält viele kognitive Elemente. Sie zählt deshalb zu den kognitiven oder abgeleiteten Gefühlen. Sie ist eine Form der Unzufriedenheit, die aber auch eine eigentümliche Spannung mit lustvollen Seiten enthält.

In der Sehnsucht schwelgen

Wir können mit der  Sehnsucht auf zwei Weisen umgehen: Eine, die uns weg führen will aus Umständen, die uns nicht gefallen oder die uns schaden. Die andere, die uns zu etwas hinzieht, was noch nicht da ist. Es gibt also eine reaktive Sehnsucht, die in der Fantasie ungünstige Bedingungen überwinden will und von der Frustration über das, was ist, motiviert ist. In diesem Bereich kann die Sehnsucht in extremeren Fällen krankheitswertige Dimensionen annehmen. 

Wenn wir in die reaktive Falle der Sehnsucht geraten, können wir uns stundenlang oder immer wieder in illusionären Fantasien verlieren und im bittersüßen Geschmack der Sehnsucht schwelgen. Wir genießen die vorgestellte Erfüllung und leiden zugleich an der mangel- und fehlerhaften Realität. Die Sehnsucht ist also fruchtlos und selbstquälend, solange sie nicht in Handlungen mündet: Jemand sehnt sich nach einem liebevollen Partner, tut aber nichts dazu, einen zu finden. Sie Sehnsucht dient als Deckmantel für die Angst vor einer Beziehung. 

Tun statt Fantasie

Die andere Richtung der Sehnsucht wirkt proaktiv, indem sie uns zu Handlungen motiviert, die wir uns als Ziel setzen, um der Erfüllung der Sehnsucht näher zu kommen. In diesem Fall verwandeln wir die Sehnsucht in Motivation und schöpfen daraus die Kraft für die Verwirklichung von Visionen. Sobald wir etwas tun, verschwindet die Sehnsucht und macht der Praxis Platz, die sich an den Anforderungen der Wirklichkeit erprobt.

In jeder Sehnsucht gibt es einen kindlichen Anteil: Der Drang nach Geborgenheit, Nähe, Verstandenwerden, Liebe und Abwechslung, Stimulation durch neue Reize, nach dem Alten und Gewohnten und nach dem Aufregenden und Neuen.

Die rückwärts gewandte Sehnsucht nährt das konservative und nationalistische Weltbild mit dem Zentralthema Heimat, die uns von Fremden und Zuzüglern streitig gemacht wird. Sie treibt aber auch die Eroberer und Erforscher des Unbekannten und ist generell als Antrieb für die eigene Autonomie geeignet. Zum Beispiel kennen wir die pubertäre Erfahrung: Die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit, nach einem eigenen Leben mit mehr Selbstbestimmung motiviert zum Ausbrechen, über die Grenzen gehen und über die Stränge schlagen. Es geht um die Emanzipation von den Eltern, ihren Bevormundungen und Werten. Die Familie wird als Einengung erfahren, von der man weg will. 

Prominent, viel besungen und beschrieben ist ganz besonders das andere typisch pubertäre Sehnsuchtsthema: Die Sehnsucht nach der romantischen und aufregenden Liebesgeschichte, nach dem Liebespartner der Träume, nach den unvergesslichen Momenten der Verzauberung. In seinem Ursprung in der Adoleszenz kann es gleichwohl zu einem Lebensthema werden, insbesondere bei Menschen mit einem pränatalen Zwillingsthema.

Ein reiferes Thema ist die spirituelle Sehnsucht: Die Sehnsucht nach völliger Befreiung und unerschütterlichem inneren Frieden, welche die spirituelle Suche antreibt. Zugleich bildet sie eine der vielen Fallen auf diesem Weg: Die Sehnsucht führt zwangsläufig aus dem gegenwärtigen Moment heraus, in dem allein nach Ansicht der spirituellen Lehrer die Freiheit gefunden werden kann. Die Versenkung in die aktuelle Erfahrung und ihre Details löscht sofort die Verlockungen der Sehnsucht aus.

Sehnsuchtsforschung 

Am Max-Planck-Institut gibt es eine Forschungsstelle zur Sehnsucht. Dort wurde herausgefunden, dass fast alle Erwachsenen die Sehnsucht kennen. Bei Sehnsüchten geht es in der Regel nicht um etwas Konkretes wie Geld, ein schnelles Auto oder ein Designerkleid. Vielmehr dreht sich dieses Gefühl um grundlegendere Themen im Leben. Die Forscher meinen, dass die Sehnsucht in der Evolution des Menschen entstanden ist, um ihn immer wieder nach neuen Wegen zum Glück suchen zu lassen und damit die Kreativität zu entfesseln. 

Es werden sechs Merkmale der Sehnsucht unterschieden:

1. Die Unerreichbarkeit einer persönlichen Utopie: Viele Sehnsüchte enthalten die Vorstellung von einem „perfekten Leben“, sei es ein grenzenloser Reichtum oder die klassenlose Gesellschaft. Das Leiden besteht in der Diskrepanz zwischen der unvollkommenen Realität und den erträumten Möglichkeiten.

2. Die Unvollkommenheit und Unfertigkeit des eigenen Lebens: Die Fehlerhaftigkeiten und Schwachstellen des eigenen Lebens und der eigenen Persönlichkeit werden durch ein erträumtes Ideal im Außen kompensiert. Zum Beispiel: Wenn ich die große Liebe finde, nach der ich mich sehne, wird mein Leben vollkommen sein. 

3. Der Dreizeitigkeitsfokus: Sehnsucht ist häufig auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft ausgerichtet. So kann zum Beispiel ein Sohn, der sich nach seinem verstorbenen Vater sehnt, die guten Zeiten und Seiten des Vaters erinnern und vermissen, seinen Rat nicht mehr hören zu können. Die Sehnsucht malt zudem eine bessere Zukunft aus, wenn er noch am Leben wäre. 

4. Bittersüße Gefühle: Süß sind die Phantasien vom Ersehnten, von dem, was das Leben perfekt machen würde. Bitter ist die Erkenntnis, dass es nicht real ist. Manchmal ist es das Wissen, dass wir nach etwas Unerreichbarem streben, manchmal bilden wir uns auch nur ein, dass wir ein Ziel der Sehnsucht nicht verwirklichen können. 

5. Rückschau und Lebensbewertung: Sehnsüchte dienen auch zur Bewertung des eigenen Lebens. Bin ich auf dem richtigen Weg? Was fehlt in meinem Leben? Wohin soll es gehen? Werde ich meinen Idealen gerecht? Manchmal ist dieser Aspekt der Sehnsucht in die Frage gekleidet: Wie werde ich auf meinem Totenbett auf mein Leben zurückschauen? Wir erwarten mit dieser Frage, dass wir in unserem Todesprozess an den Punkt kommen werden, an dem wir über unser ganzes Leben sinnieren und dass wir dann eine rückwärts gewandte Sehnsucht entwickeln, wie es gewesen wäre, unser Leben anders zu leben, als wir es gelebt haben, z.B., wie es in einem bekannten Text heißt, wenn wir mehr Eis geschleckt hätten. 

6. Der Symbolcharakter: Häufig stehen Sehnsüchte für etwas anderes.  Man sehnt sich nach einem schnellen Sportauto und erwartet sich einen flotten Eindruck beim anderen Geschlecht oder die Erfahrung von Unabhängigkeit, Freiheit und Unbeschwertheit. Statt uns auf diese Qualitäten zu besinnen und zu trachten, sie mehr in unser Leben zu bringen, glauben wir, sie mit einem Konsumgut erreichen zu können. Diese Neigung ist Wasser auf die Mühlen der Werbewirtschaft.

Das Ende der Sehnsucht

Jede Sehnsucht endet im bewusst erlebten Moment. Sie hat sich darin gewissermaßen von selbst erledigt. Denn jeder dieser Momente enthält alles, was wir brauchen und was uns erfüllt. Das besagt der meditative Weg, der beste Ausweg aus allen Qualen der Sehnsucht und der mit ihr verbundenen Leiden.

Zum Weiterlesen:

Montag, 8. Juni 2020

Muße als Lebenskunst

Die Griechen und Lateiner haben die Arbeit als der Muße den begrifflichen Vorrang vor der Arbeit gegeben: scholé auf griechisch ist die Muße (Schulbesuch ist also eigentlich Müßiggang!), ascholé die Arbeit, lateinisch: otium und negotium. Die Arbeit ist also die Verneinung der Muße, folglich gebührt der Muße der Vorrang.

Das bedeutet nicht, dass die alten Griechen arbeitsscheu waren, denn sie haben in vielen Gebieten Meisterleistungen und Pioniertaten vollbracht. Auch die alten Römer sind nicht die ganze Zeit auf der faulen Haut gelegen, schließlich haben sie ein Großreich begründet und verwaltet. 

Ist Muße mit Nichtstun gleichzusetzen? Nicht nur, wenn wir dem klassischen Verständnis der Muße folgen. Denn es gibt eine Form von schöpferischer Tätigkeit, die aus dem eigenen inneren Antrieb kommt. Es geht also um eine selbstbestimmte Aktivität zum Unterschied von Arbeit, die getan werden muss, weil ein äußerer Zwang oder eine äußere Not besteht.

Muße als Daseinszweck


Aus dieser Sprachverwendung können wir die Einsicht schöpfen, dass es – zumindest nach Auffassung der antiken Menschen – einen wichtigen vorrangigen Daseinszweck gibt, den wir Muße nennen, und einen anderen nachgeordneten, der mit Leistung und Arbeit verbunden ist.  

Die Hochschätzung der Muße in der Antike ist im christlichen Mittelalter in Verruf geraten; die Trägheit galt als eines der sieben Hauptlaster. Der Protestantismus vor allem in seiner calvinistischen Ausprägung hat diese Sichtweise noch verstärkt, indem er sich gegen jede Form von arbeitsfreier Tätigkeit gewandt hat: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ gilt seither als geflügeltes Wort, das die moderne Leistungsgesellschaft antreibt. Wer sich fremdbestimmter Arbeit entzieht, verfehlt seinen Daseinszweck, und wer der Arbeit nicht die Priorität gibt, ebenso. 

Wenn man die Menschen dieser Leistungsgesellschaft fragt, wofür sie die Mühen der Arbeit auf sich nehmen, wird wohl die Antwort sein, dass man sich damit sein Leben fristen und zusätzlich die Freizeit besser genießen kann. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Freizeit inzwischen selber in den Sog der Leistungsgesellschaft geraten ist, indem wir sie mit Hilfe oder zum Erwerb von Konsumgütern nutzen. Unsere Freizeitaktivitäten sind zu einem großen Teil in wirtschaftliche Zusammenhänge eingewoben, äußerlich und innerlich. Was wir mit unserer Freizeit anfangen, ist durch die Werbung und andere äußere Einflüsse mitgeprägt, und in unserem Inneren tragen wir verschiedene Imperative, wie wir die Freizeit für die Verbesserung unserer Leistungsfähigkeit nutzen sollten. Freizeit und Muße sind also in vielen Fällen Gegensätze statt Synonyme. Deshalb gilt es, die richtige Muße wieder zu erlernen.

Das süße Nichtstun


Wollen wir der Muße zu ihrem Recht verhelfen und die besondere Lebensqualität, die sie repräsentiert, in unser Leben bringen, so sollte die Zeit, die frei von außenbestimmter (Erwerbs-)Arbeit ist, unter der Ägide von Muße stehen. Wir können diese Zeit mit Nichtstun verbringen (dolce far niente). Sie dient dann unserer Erholung und Regeneration. Der Genuss des Nichtstuns ist ein wichtiges Lebensrecht und eine wichtige Lebenskunst. Denn es ist nicht so einfach, nichts zu tun, wie es klingt – solange der Kopf aktiv ist und seine hektischen Gedanken einspeist, sind wir nicht in der Muße. Oft denken wir beim Nichtstun an das, was wir tun sollten und quälen uns mit einem schlechten Gewissen.

Die richtige Muße ist eine mit sich selbst erfüllte Zeit, zu der gehört, dass wir unseren Kopf frei von Plänen und Pflichten halten. Wir besinnen uns auf unseren zweckfreien Lebenszweck, auf unser Sein im unbeschwerten Moment. Wir schweben in der Leichtigkeit des Seins. Im Vollsinn geht es um die Hingabe, wie wir sie in der Meditation üben.

Muße ohne Müssen


Wir können die Mußezeit aber auch mit kreativen Aktivitäten füllen, mit der Verwirklichung von Ideen, die aus dem eigenen Inneren kommen. Ideen kommen in der Entspannung, man könnte deshalb kalauern: In der Muße küsst die Muse. Für die aktive Form der Muße stellen wir unsere Verpflichtungen auf die Seite und geben unserem eigenen Wollen den Raum. Für den Weg vom Wollen zum Resultat brauchen wir Konsequenz und die Kraft zum Durchhalten von Mühen und Anstrengungen, also die Transpiration, die zur Inspiration kommen muss, um aus Gedanken und Fantasien Werke zu bilden.

Die Muße ist folglich nicht immer ein disziplinfreier Raum, vielmehr geht sie gerne mit einer besonderen Form der Disziplin einher, die mit Selbstdisziplin zusammenhängt. Hier handelt es um die Disziplin, die nicht von einem äußeren Müssen angetrieben wird, sondern von innen kommt, als intrinsische Motivation. Anders ausgedrückt, ist es die Energie, die aus der Kommunikation erzeugt wird, die zwischen dem Gedanken und der Verwirklichung in Gang kommt. Das Gespräch zwischen dem Schöpfer und der Idee oder dem Werk liefert die Schritte, die notwendig sind, und den Antrieb, die Schritte auch umzusetzen. Es wirkt eine kreative Spannung, die sich durch die Verwirklichung des Projekts auflösen möchte, aber dafür den Einsatz von konzentrierter Kraft erfordert.

Die Kunst der aktiven Muße liegt darin, eine Form von Disziplin zu kultivieren, die frei ist von einem außengesteuerten Müssen, von externen Erwartungen und von Leistungsdruck. Sie besteht aus einem kreativen Selbsterleben und Selbstausdrücken aus der eigenen schöpferischen Mitte. Das disziplinierte Handeln muss nicht immer leicht von der Hand gehen, weil jeder schöpferische Prozess seine schwierigen Phasen hat, wie z.B. bei einer Schreibhemmung oder bei einem heikleren Vorgang beim Tortenbacken. Aber solche Aktivitäten laufen in einem Rahmen von Leichtigkeit ab, weil sie aus freien Stücken geschehen und weil sie niemandem verpflichtet sind außer dem eigenen Wollen.

Entstehungsbedingungen der Muße


Die Praxis der aktiven Muße ist nicht für alle einfach zugänglich. Viel liegt an den Konstellationen unserer Kindheit: Welches Verhältnis hatten unsere Eltern zur Muße, zum zweckfreien Genießen und aktiv sein? Wie haben sie unsere kindlichen Bestrebungen zur Muße unterstützt oder unterbunden? Haben sie unsere Kreativität gefördert oder ignoriert? Haben sie uns einen sicheren Rahmen geboten, in dem sich unsere Interessen und Talente entfalten konnten?

Die Selbstdisziplin der aktiven Muße braucht Förderung und Bildung. Im Schulsystem kommt sie kaum vor und ist auch nirgends als Bildungsziel formuliert. Wenn uns deren Basis aus der Kindheit fehlt, liegt es an uns, sie aufzubauen, und es lohnt sich in jedem Fall. Denn schöpferisch zu sein, ist eine hohe Form des Selbstvollzugs und des Persönlichkeitsausdrucks. Außerdem entstehen dadurch außergewöhnliche und wertvolle Beiträge für die Weiterentwicklung der Menschheit, die in jedem Menschen drinnen stecken.

Grenzbewusstsein


Um das gute Maß für die Muße zu finden, benötigen wir ein feines Gespür für deren Grenzen. Die passive Muße kann in Trägheit, diese in Faulheit, und diese irgendwann in Depression übergehen. Wenn wir die Grenze zwischen genussreicher Erholung und fader Bequemlichkeit übersehen, können wir in das Couch-Potatoe-Muster fallen. Die aktive Muße kann zur Besessenheit ausarten, die dann zur Selbstausbeutung führt und irgendwann im Burnout endet. Die aktive Muße braucht die passive Muße, um sich auszugleichen und frische Kräfte zu schöpfen.

Der achtsame Umgang mit diesen Grenzen ist eine wichtige Grundlage für ein ausgeglichenes und erfülltes Leben. Wir brauchen ein gutes Gleichgewicht zwischen Arbeit, aktiver und passiver Muße, um uns rundherum wohlzufühlen. Wo uns Ängste und Gewohnheiten in Muster der Selbstausbeutung oder der stumpfen Trägheit verführen wollen, brauchen wir einen Schuss an Selbstdisziplin. Sie erinnert uns an das, was uns selber wirklich wichtig ist und an das, was unser Körper braucht, wenn er überlastet ist.

Zum Weiterlesen:

Freitag, 23. August 2019

Durch Ambivalenzen wachsen

Wir sind widersprüchliche, keine aus- und durchharmonisierte Wesen. In unserem Fühlen, Wollen und Denken melden sich unterschiedliche und oft gegensätzliche Strebungen. Stellen wir uns ein voll harmonisches Musikstück vor, ohne Gegensätze und Spannungen – wie lange braucht es, bis es uns fad wird? Die Musik wird lebendig, wenn der jeweils nächste Ton als Überraschung kommt, einen unvorhersehbaren Akzent trägt und möglicherweise dem entgegensteht, was vorher war. Auch ein Bild ohne Kontraste vermag uns nicht zu fesseln. Und Romane brauchen alle paar Seiten unvorhersehbare Wendungen, damit wir sie nicht weglegen. Kreativität entsteht, wenn ein gewohnter Verlauf unterbrochen wird, nicht wenn er gleichmäßig und vorhersagbar weiterfließt. 

Wir brauchen also einige Toleranz für Ambivalenzen, falls wir kreativ sein wollen. Wir müssen es aushalten können, dass wir uns in ein unbekanntes Terrain begeben, in dem uns Überraschungen begegnen, die angenehm oder unangenehm sein können. Mit dieser Bereitschaft können wir die Widersprüchlichkeiten in unserer inneren Erfahrungswelt nutzen und in interessante Beiträge zur schöpferischen Wirklichkeit übersetzen. 


Blockierende Ambivalenzen


Es gibt aber auch Gegensätze, die uns zu schaffen machen, soweit, dass sie uns lähmen können. Denn Unterbrechungen können abrupt und intensiv auftreten, wie es Schocks tun. Sie reißen uns aus dem, was gerade ist, und katapultieren uns von einem Zustand in den anderen, meist von einem angenehmen in einen unangenehmen. Ein Schock führt nicht zu Kreativität, sondern zu Angst und Panik. Wir geraten schnell in starke Anspannung, manchmal sogar in einen Erstarrungszustand. Dann können wir unmöglich kreativ sein, sondern können uns nur darum kümmern, wieder in einen Normalzustand zurückzufinden.

Wenn die Spannungen zwischen zwei oder mehreren Polen zu stark werden, wirkt sich die Ambivalenz störend auf die innere Lage aus. Und besteht ein intensiver Spannungszustand zu lange, müssen Notfallmaßnahmen ergriffen werden. Diese reichen von Verdrängung über Dissoziationen bis zu körperlichen Erkrankungen. Denn das Immunsystem wird durch chronifizierte innere Spannungen in Mitleidenschaft gezogen und dadurch Viren und Bakterien leichteres Spiel gewähren.

Blockierende Ambivalenzen weisen auf einen tieferen Grund in uns selber hin. Sie machen uns auf sehr frühe Traumatisierungen aufmerksam, die uns widerfahren sind. Wenn z.B. die Mutter oder eine andere wichtige Bezugsperson unsere Kontaktangebote, unser Bedürfnis, unsere Liebe zu teilen, ignoriert oder ablehnt, sind wir gefangen in dem Konflikt, uns anzupassen oder unseren Weg zu Autonomie und Liebesfähigkeit zu finden (vgl. den vorigen Blogbeitrag).


Ambivalenzen in Beziehungen


In Beziehungen und Partnerschaften suchen wir die Übereinstimmungen und leiden an Disharmonien, vor allem wenn sie in Streitereien münden. Wir sehnen uns danach, dass die andere Person unsere Meinungen, Ansichten und Überzeugungen teilt, dass unsere Gefühle eins zu eins verstanden werden und unsere Absichten und Ziele übereinstimmen. Unter diesen Voraussetzungen stellen wir uns das Leben einfach und glücklich vor. 

Noch besser wäre es vielleicht, – so geht die romantische Fantasie weiter –, gleich direkt mit der anderen Person zu verschmelzen und wirklich ein ununterscheidbares Eins zu werden, wie das manchmal von der sexuellen Begegnung erwartet wird. Miteinander verschmolzen gibt es keine Gegensätze, keinen Konflikt und keinen Streit. Das Ei, das sich laut Platon zerteilt werden musste, wird wieder eins*. Oder, wie es bei Immanuel Kant heißt: „Oh wundervolle Harmonie, was er will, will auch sie.“ Es kann doch keine Liebe sein, wenn die Lebensziele, Konsumgewohnheiten, Geschmäcker und Gedankengebäude unterschiedlich sind? Liebe heißt Einssein, möglichst ununterscheidbar und widerspruchsfrei, so die romantische Theorie von der Liebe.

Das Leiden entsteht aber schnell am Widerspruch zwischen Theorie und Praxis. Auch wenn es Momente gibt, in denen das Eine und das Andere eins werden, die Personen sich tief verbunden fühlen und das gemeinsam Geteilte über dem Trennenden steht, sind weite Bereiche der Realität und ganz besonders im Beziehungsbereich durch Unterschiedlichkeiten geprägt. Das Leben präsentiert sich in jedem Moment anders, mit stetig neuen Herausforderungen. Was als Einssein erfahren wurde, zerfällt in Dualität, was sich als verschmolzen angefühlt hat, teilt sich. Wenn wir in dem Zustand der Getrenntheit die Einheit vermissen, leiden wir, statt die Unterschiedlichkeit wertzuschätzen und Gewinn aus ihr zu ziehen. 

Die romantische Liebeskonstruktion strebt einen ambivalenzfreien Raum an. Das macht ihre Realitätsferne aus, denn Widersprüche und Unterschiedlichkeiten gehören zum Leben wie das Salz in die Suppe. Die Liebe jenseits der Romantik besteht im Annehmen und Umarmen der Gegensätzlichkeiten statt in ihrer Aufhebung oder Übertünchung. Diese Liebe ist flexibel und kann mit den Drehungen und Wendungen des Lebens besser umgehen und an Herausforderungen wachsen.


Von der Ambivalenztoleranz zur Ambivalenzkompetenz 


Wenn wir das Geschehenlassen über das Tun stellen, kommen wir leichter mit Ambivalenzen zurecht. Wir begeben uns mit dem Anvertrauen ans Leben in das Fließen, das zwischen Polen navigiert. Wir üben uns in der Flexibilität, indem wir Ambivalenzen begrüßen, um sie zu erforschen und auszukosten. 

Denn nüchtern betrachtet, macht uns der Drang nach Vereinheitlichung mehr Probleme als er löst. Wir denken uns, das Leben wäre einfacher, wenn alles in uns aus einem Guss wäre, alles logisch oder psychologisch ineinander überginge, wenn alle Unterschiede in uns und um uns herum eingeebnet wären. Wir wollen nicht zerrissen sein zwischen zwei oder mehreren Herzen, die in unserer Brust um die Wette schlagen. Und wir wollen nicht mühsam Übereinkünfte mit anderen erkämpfen, die nicht von vornherein das Gleiche wollen wie wir. 

Wo es nicht um starke innere Konflikte geht, die ihre Wurzel in frühen Traumatisierungen haben, steckt hinter dem tagtäglichen Leiden an der Verschiedenheit  und Gegensätzlichkeit nicht viel mehr als der in uns allen inhärente Hang zu Bequemlichkeit und Konfliktscheu. Wir können uns natürlich mit Menschen und Umständen umgeben, in denen laufend bestätigt wird, was wir sowieso glauben und in dem das, was wir selber wollen, von den anderen bereitwillig geteilt wird. Wir können uns „Blasen“ schaffen, in denen wir mit all unseren Ecken und Kanten gemocht werden, in denen uns nichts konfrontiert oder herausfordert. Wir wollen auf unserem Kurs bleiben und damit nicht abgelenkt werden. Aber das ist auch Zeichen einer mangelnden Lernfähigkeit, denn aus jeder Erfahrung, die sich mit unserem bisherigen Erfahrungshorizont kreuzt, neue Einsichten gewinnen und unseren Horizont erweitern. Oft müssen wir hinter die vordergründige Erscheinung blicken, um tiefere Wahrheiten zu gewinnen, vor allem dann, wenn die neuen Erfahrungen schockierend und irritierend sind, wie z.B. die Konfrontation mit lebensfeindlichen Aktivitäten und gewaltfördernden Meinungen.

Letztlich freilich geht es darum, mit allem, was in uns und um uns herum passiert, in Einklang zu kommen, d.h. mit dem, wo sich ruhig etwas aus dem anderen entwickelt, und mit dem, wo Brüche und abrupte Wendungen geschehen. Wenn uns diese Vereinheitlichung gelingt, kommt aus jedem Moment das, was als nächstes geschehen soll, ob es jetzt zu irgendetwas anderem in uns in Widerspruch steht oder nicht. Die Übung der Ambivalenztoleranz und Ambivalenzkompetenz hilft uns auf diesem Weg.

* Platon im Symposion: „Nachdem nun die Gestalt entzweigeschnitten war, sehnte sich jedes nach seiner andern Hälfte und so kamen sie zusammen, umfassten sich mit den Armen und schlangen sich in einander, und über dem Begehren zusammen zu wachsen starben sie aus Hunger und sonstiger Fahrlässigkeit, weil sie nichts getrennt von einander tun wollten. [...] Von so langem her also ist die Liebe zu einander den Menschen angeboren, um die ursprüngliche Natur wiederherzustellen, und versucht aus zweien eins zu machen und die menschliche Natur zu heilen. Jeder von uns ist also ein Stück von einem Menschen, da wir ja zerschnitten, wie die Schollen, aus einem zwei geworden sind. Also sucht nun immer jedes sein anderes Stück.“

Zum Weiterlesen:
Mit Ambivalenzen leben

Sonntag, 24. Juni 2018

Kreativitätshemmungen und ihre Lösung

Wie kommt es zu Hemmungen und Blockierungen in der kreativen Lebensorientierung? Und wie können wir zu unserer eigenen Aufgabe zurückfinden?

Das ist eine wichtige Frage, weil die besten Vorsätze und Idee wertlos sind, solange sie nicht in die Wirklichkeit umgesetzt sind. Wir haben tolle Ideen und Visionen, doch kommt es häufig vor, dass alles im Kopf oder im Reden bleibt, statt in Handlungen zu münden. Oft hapert es nicht an den Details, den Ressourcen oder anderen äußeren Bedingungen, sondern es sind emotionale und psychologische Hemmnisse, die sich in den Weg stellen und die Verwirklichung der besten Ideen verhindern. Dieser Blockierungen gibt es viele: z.B. kann man sich nichts zutrauen, auf eine besondere Eingebung oder Stimmung warten, die eigenen Schwächen überspielen, sich ablenken, sich mit unnötigen Aktivitäten stressen, andere für die eigene Bequemlichkeit verantwortlich machen usw. Schier unerschöpflich ist unser Repertoire an Möglichkeiten zur Selbstsabotage. Unser Unbewusstes verfügt über seine eigene Form der Kreativität – im Verhindern von Kreativität für unsere Ziele und Ideen.

Reaktive Muster überlagern in solchen Fällen die kreative Orientierung wie Unkraut die Kulturpflanze, bis von ihr nichts mehr übrigbleibt. Irgendwann vergessen wir unsere schönen Ideen und begraben unsere tieferen Anliegen in der Schublade: „Geht eh‘ nicht“. Wir lassen zu, dass die Ängste und Komplexe, die aus unseren Traumatisierungen stammen, an die Macht kommen anstelle von dem, was wir selber wollen und was unser Wesen ausdrückt. Deshalb ist es für das eigene Weiterkommen und für ein erfülltes Leben wichtig, die bei einem selber beliebten und eingeübten reaktiven Verhaltensmuster, die sich in die Manifestationsprozesse einmischen, ausfindig zu machen und zu neutralisieren. 

Die Übung mit der Trennwand


Dazu kann die folgende Übung dienen: Stelle dir eine Trennwand oder Trennlinie in dir selbst vor. Auf die eine Seite kommen alle Aspekte und Emotionen, die aus der eigenen Belastungsgeschichte stammen, also die Traumaanteile der eigenen Psyche, die sich in diversen Handlungshemmungen ausdrücken. Sie gehören in die Therapie, oder zumindest in einen geschützten Bereich, in dem sie Zuwendung und Fürsorge, oder auch Ermahnung und Orientierung kriegen, mit fixer Zeitzusage (zu welchem Zeitpunkt ich mich um mein verletztes inneres Kind und seine vernachlässigten Bedürfnisse kümmern werde). Auf die andere Seite kommt die Kraft der eigenen Vision, die Überzeugung und Inspiration, die aus ihr entspringt, die Macht, die sie daraus bezieht, Teil der eigenen Lebensaufgabe zu sein. Mit der Rückvergewisserung des ureigenen Wollens kommen die Kenntnisse und Fertigkeiten, um die Kraft zu fokussieren und zu bündeln.

Nun kommt es darauf an, diese innere Unterscheidung in den Alltag zu übertragen. Wir nutzen das Bild der Trennwand: Ich entscheide mich, mir jetzt Zeit für die kreative Seite zu nehmen, und spüre in dieser Entscheidung die Kraft meiner Vision. Wenn Hemmungen auftreten, nehme ich sie wahr und lege sie bewusst beiseite, mit der Absicht und Zusage, mich ihnen später zu widmen. Jetzt gebe ich meine Energie und Konzentration in die Aufgaben, die sich aus meiner Vision ergeben. Jetzt nutze ich den Schwung, der sich aus der Kraft der Inspiration ergibt und setze zügig um, was zu tun ist. 

Zu einem späteren Zeitpunkt beende ich ebenso bewusst diesen Prozess der kreativen Verwirklichung, anerkenne mich für die erreichten Resultate, notiere mir, was noch zu tun ist und wann ich das erledigen möchte, und gehe anderen Tätigkeiten nach oder forsche nach den Ängsten, die hinter den Widerständen stecken, um sie durchzuspüren und zu entkräften.

Keine Kreativität ohne Tun


Kreativität beginnt zwar als inspiratives Abenteuer im Kopf und im kommunikativen Austausch. Sie wird aber erst real, wenn sie in der Wirklichkeit Gestalt annimmt, wenn also aktive Handlungen das Irreale real werden lassen. In diesem Prozess erschaffen wir Wirklichkeiten, die es vorher nicht gegeben hat, und bereichern die Welt mit unseren Inspirationen. 

Größe ohne Wahn


Es kann diesen Schöpfungsprozess auch erleichtern und von neurotischen Hemmungen befreien, wenn wir uns klarmachen, dass wir eher wie ein Kanal als wie ein originärer Schöpfer in der Manifestation von Visionen wirken. Wir „empfangen“ unsere Ideen und öffnen uns für die Energien, die wir für ihre Umsetzung brauchen. Unsere Leistung ist also mehr ein Wirkenlassen von Fähigkeiten, wir verdanken sie Kraft- und Inspirationsquellen, die uns gegeben sind, mehr als unserer Genialität. Mit dieser Sichtweise können wir erkennen und anerkennen, dass wir unser kleines Scherflein zum Wachsen dieser Welt beitragen, wie alle anderen auch, auf ihre ganz besondere Weise und in ihrer jeweiligen großartigen Kleinheit.

Auf diese Weise verbinden wir uns mit der Haltung der Demut und Dankbarkeit, indem wir all den Faktoren, die für unsere Kreativität förderlich und nährend sind, die gleiche Aufmerksamkeit geben wie unserer Anstrengung. Dann kann leichter das Gefühl und die Vorstellung in uns Platz greifen, dass wir durch uns hindurch fließen lassen, was wir manifestieren, statt anzunehmen, dass all unsere Schöpfung allein aus uns selber, aus unserem kleinen Ego stamme. 

Wir formen und gestalten diesen Fluss aus dem heraus, was wir sind, sodass immer auch ein individuelles Moment von uns in ihm mitschwingt, gewissermaßen unsere persönliche Duftnote, die die Schöpfung auch zu unserer macht. Und selbst da kann es uns wieder entlasten und befreien, wenn wir uns darauf besinnen, dass sich sogar diese so eigene Note vielfältigen Faktoren unserer Umgebung und unserer Geschichte verdankt. Auf diese Weise reinigen wir unsere Größe von jedem Wahn.

Zum Weiterlesen:
Reaktive und kreative Lebensorientierung
Die Manifestation und das Ego
Kreative und reaktive Fantasien