Mittwoch, 8. November 2017

Das Absolute im Beschränkten

In meinem Blogbeitrag zur absoluten Wahrheit im Moment bin ich von einem Zitat aus einem Artikel von Carsten Rachow ausgegangen. Der Autor hat dann auf meinen Beitrag reagiert und ohne Quellen- und Namensangabe meinen Text kommentiert. Hier folgt dieser Kommentar, der auch im Zusammenhang hier nachgelesen werden kann und hier gelb unterlegt ist, unterbrochen von meinen Anmerkungen. Ich danke Carsten Rachow für seine interessanten Anmerkungen und wünsche allen Lesern und Leserinnen eine gewinnbringende und heitere Lektüre.


„Wenn ich sage, dass Wahrheit niemals ohne Kontext sein kann, und einen Absatz später hinzufüge, dass ein solcher Kontext vor allem das erzeugende Wesen selbst ist, dann darf man diesen Absatz nicht verschweigen, wenn man meinen Beitrag diskutieren möchte. Tut man dies dennoch, dann verändert man meinen Kontext und diskutiert - ohne genau dies zu bemerken - nicht meinen, sondern seinen eigenen Kontext, welcher dann natürlich ein selbsterzeugter Kontext ist."
 

In seinem Blog geht ein Psychotherapeut auf meinen Beitrag "Kommentare: zur Wahrheit" ein und diskutiert unter anderem die Frage, ob das Absolute sich uns nicht doch irgendwie zeigen kann. Ein gut geschriebener Blog in meinen Augen, für mich flüssig zu lesen und sofort verständlich. Doch leider (oder glücklicherweise, je nach Perspektive) macht der Autor unbewusst (d.h.: ohne es zu bemerken) exakt das, was ich mit meinem Beitrag sichtbarer machen wollte: Er selbst erzeugt seine Sicht, seine Wahrheit und, mehr noch, seine eigenen Kontexte, die er dann diskutiert. 
 
Natürlich ist mir klar, dass ich im Rahmen eines eigenen Kontextes argumentiere. Die „absolute“ und unüberprüfte Behauptung („macht der Autor unbewusst (d.h.: ohne es zu bemerken)“) trifft nicht auf mich zu. Meine Sichtweise, meine Ideen und Erkenntnisse – mit dem Hintergrund meiner Erfahrungen –, entstehen aus dem Fluss meines Denkens, im Rahmen der Kontexte meines Weltbildes, meiner Werte, meiner Kultur usw., zunächst gar nicht mit dem Anspruch, damit eine Wahrheit auszusagen oder eine Wahrheit gegen die andere zu stellen, sondern Annahmen darüber in die Diskussion bringen, wie es sein könnte. Der Leser oder die Leserin kann dann entscheiden, was davon für sie oder ihn als Wahrheit plausibel ist oder einleuchtet. D.h. ich habe nicht die Absicht und den Anspruch, Wahrheit zu „produzieren“, sondern sinnvolle Angebote an das Erlebens- und Denkvermögen potenzieller Rezipienten zu formulieren.


Deshalb lohnt es sich vielleicht an dieser Stelle, noch einmal anhand eines konkreten Beispiels nachzuvollziehen, was ich meine, wenn ich die erzeugende Natur unseres Wesens einen Kontext nenne. Wer hier noch keinen geschulten Blick hat, wird wohl erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennen können, wo der Hase im Pfeffer liegt (lacht). Beginnen wir mit meinem O-Ton. Dieser lautet:
 
"Wahrheit existiert stets kontextual.
Wahrheit kann deshalb mal dieses und mal jenes sein,
doch niemals kann sie ohne Kontext sein.
Ohne Kontext gäbe es nirgendwo Wahrheit."

 
Und hier der ergänzende Absatz:
 
"Nun ja, ich wage nun zu sagen, dass es viele geistige und materielle Kontexte gibt, die ein Mensch in sich und außerhalb von sich bemerken kann. Doch bemerkt er auch SICH SELBST als einen solchen Kontext?"

Aus meiner Sicht benötigen wir das Instrument der Selbstreflexion, um zu bemerken, dass wir mit jeder Bemerkung einen Kontext mitliefern, der beim Kommunikationspartner in der gleichen Weise nicht vorhanden sein kann. In vielen Situationen vergessen wir auf diese Ebene, woraus sich Widersprüche und Missverständnisse entwickeln können.

In Fettdruck und blau hervorgehoben frage ich klar und deutlich, ob der jeweils Sprechende sich selbst als einen möglichen Kontext erkannt haben könnte. Mit "Kontext" meine ich hier vor allem Begrenzung, Limitierung, Bedingung, wirkender Faktor. Ich will also sagen: "Ohne Bedingung gäbe es nirgendwo Wahrheit", und weiter: "Eine solche Bedingung ist das erzeugende Wesen selbst." Daraus folgt dann: Jede Wahrheit, die ein solches Wesen ausspricht, kann selbst nur eine bedingte, eine limitierte, eine begrenzte Wahrheit sein - niemals aber eine absolute Wahrheit. So weit, so klar ...

So weit, so klar. Die Frage stellt sich an diesem Punkt: Genügt es, die naiven Annahmen, aus sich heraus objektive oder gar absolute Wahrheiten zu produzieren, zu dekonstruieren, um die Möglichkeit von absoluten Wahrheiten prinzipiell auszuschließen oder ist damit die Sphäre des Absoluten noch nicht erledigt? Das erstere ist dem Anspruch der Aufklärung geschuldet: Es gibt keine Instanz auf dieser Erde, die von einem archimedischen Wahrheitspunkt aus absolute Wahrheiten verkünden könnte. Überall dort, wo solches versucht wird, verstecken sich partikulare Interessen hinter der Wahrheitsverkündung und machen diese zu Ideologien.

Ist damit aber vielleicht das Kind mit dem Bad ausgeschüttet? Wollen wir das Transrationale verbieten oder aus dem Diskurs ausschließen, weil es dem Prärationalen zum Verwechseln ähnlich schaut, und weil das Rationale die einzige Richtschnur der Orientierung darstellen soll? Begehen wir also mit dem theoretischen Verbot von absoluter Wahrheit einen Prä-Trans-Fehlschluss nach dem Modell von Ken Wilber?

Mir geht es darum, unter Aufrechterhaltung der rationalen Normen, die im Gefolge der Aufklärung und aller daraus abgeleiteten konstruktivistischen Denkmodelle zum Standard des modernen Vernunftgebrauchs geworden sind, die Möglichkeiten zu prüfen, mit denen der Unterschied von relativen und absoluten Wahrheiten einen Sinn macht und Menschen in ihrer inneren Entwicklung weiterhilft und vielleicht auch für die Menschheit insgesamt neue wichtige Perspektiven öffnet. Es geht, mit anderen Worten, darum, ob der Erkenntnisweise der spirituellen Vernunft und damit der Anspruch auf absolute Wahrheiten eine überindividuelle Verbindlichkeit und Gültigkeit erlangen kann.

Der Blogautor ergänzt nun meine Bemerkungen über bedingende Kontexte und zeigt unter anderem sehr schön formuliert auf, dass bereits die jeweils benutzte Sprache eine solche limitierende Bedingung darstellt, mithin einen Kontext. Ja, selbst die "Struktur der Kommunikation", der alle Menschen nicht entgehen können, wenn sie miteinander reden, erweist sich für ihn als ein solcher Kontext. Deshalb sagt der Autor mit meiner vollen Zustimmung: "Allein aus der einfachen Struktur von Kommunikation, nach der jede Mitteilung vom Sender codiert und vom Empfänger decodiert werden muss, geht hervor, dass es im Rahmen der Kommunikation keine kontextunabhängige, also keine absolute Wahrheit geben kann."  Doch dann fügt er ein kleines "Fenster" für das mögliche Erscheinen des Absoluten hinzu und sagt: "Allerdings wird durch diese Struktur die Möglichkeit einer absoluten Wahrheit nicht prinzipiell ausgeschlossen. Die Struktur der Kommunikation verhindert allerdings, dass absolute Wahrheiten im kommunikativen Raum als solche auftreten können."

Was den meisten Lesern hier wohl nicht auffallen wird (und vermutlich dem Autor auch unbewusst geblieben ist), ist nun Folgendes: Ich weise auf das erzeugende und sprechende WESEN hin und nenne es "bedingt", nenne es einen Kontext. Der Autor aber diskutiert die Frage, dass die "Struktur der Kommunikation" einen bedingenden Kontext darstellt - zwei völlig verschiedene Baustellen, nicht wahr? Die Struktur der Kommunikation ist in meinen Augen gar nicht das Problem - das Problem ist die "Struktur des sprechenden Wesens" (!). Es mag ja sein, wie der Autor meint, dass durch diese Kommunikationsstruktur die "Möglichkeit einer absoluten Wahrheit nicht ausgeschlossen wird" - doch durch die Wesensstruktur, so meine Argumentation, WIRD DAS ABSOLUTE AUSGESCHLOSSEN. Der Autor diskutiert nicht meine Kontexte, sondern seine eigenen. Diese habe nicht ich erzeugt, sondern er selbst. Die Bedingung für "Wahrheit" ist das erzeugende Wesen selbst - quod erat demonstrandum. 

Weil er also hier Kommunikation diskutiert, nicht aber das Wesen selbst, kann er nun den folgenden Satz notieren: "Insofern ist die Aussage, dass jede Wahrheit einen Kontext hat, trivial: Jedes Medium sperrt jede Äußerung in einen kontextuellen Kasten, und ohne vermittelndes Medium existiert keine Wahrheit." - Mir gefallen diese Sätze, doch haben sie mit meinem Beitrag herzlich wenig zu tun. Der Autor diskutiert sich selbst ...



Ich diskutiere das Thema „Aussage und Kontext im Zusammenhang mit Kommunikation“, aber nicht mich selbst. Nicht alles, was sich in meinem Text nicht auf den Artikel von Carsten Rachow bezieht, ist eo ipso selbstbezüglich. Es war auch gar nicht meine Absicht, alle Aspekte des Rachow’schen Artikels zu diskutieren, sondern das an den Anfang des entsprechenden Blogbeitrages gestellte Zitat als Ausgangspunkt für eigene Überlegungen zu nehmen.


Abgesehen davon, dass solche Erkenntnisse vielleicht nicht für jeden Menschen "trivial", sondern auch hilfreich sein können (der Autor hätte besser in erzeugender Ich-Sprache gesagt: "Für mich sind solche Aussagen trivial."), bemerkt der Autor auch hier nicht, wie er zunehmend seinen eigenen Kontext diskutiert und nicht meine Sichtweise. 


Auch hier zeigt sich die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Natürlich sollten wir, so meine Meinung, bei jedem Satz dazuschreiben und sagen, dass das unsere Ansicht ist, aber in der Praxis ersparen wir uns oft, so denke ich, diesen Zusatz, weil dann, wie es mir erscheint, der Text unleserlich und die Rede umständlich wird.

Der Autor zeigt, dass "jedes Medium jede Äußerung in einen kontextuellen Kasten sperrt" - doch ich wollte zeigen, dass jedes Medium bereits ein solcher "Kasten" ist. Ein himmelweiter Unterschied (und daher vielleicht auch nicht ganz so "trivial" ...)

Das Medium als solches wird zum Kasten, sobald es für den Austausch von Nachrichten genutzt wird und sorgt dafür, dass Aussagen übersetzt werden müssen und dass deshalb keine „objektiven“ Bedeutungen in der Kommunikation auftauchen können. Das Triviale zeigt sich, sobald dieser Zusammenhang bewusst wird. Wenn wir beginnen, die Komplexität von Kommunikation zu verstehen, wird die Grundeinsicht, dass die Bedeutung von Aussagen im Subjekt liegt, bald trivial. Im Alltag vergessen wir leicht darauf, und dann ist es wichtig und nicht trivial, uns und andere daran zu erinnern.

Statt also meine Sicht zu diskutieren, hat der Autor still und leise begonnen, seine eigenen Konstruktionen zu erörtern. Das Medium, so meine Ausführungen, muss Wahrheit gar nicht mehr in irgendeinen kommunikativen Kasten sperren und dadurch zwangsläufig verengen - es ist selbst bereits der verengte Kasten, das limitierende Gefäß, der bedingende Kontext. Weil auf dieser Ebene der Betrachtung des agierenden Wesens bereits die wirkende Ursache zu finden ist, braucht sie nicht mehr auf der Kommunikationsebene angesiedelt werden. Wahrheit wird, wie ich glaube, nicht durch Kommunikation verändert - Wahrheit wird bereits durch das agierende Wesen verändert. 



Wenn das „agierende Wesen“ Wahrheit verändern kann, muss es diese Wahrheit vor dem Agieren des Wesens geben. Da stellt sich die Frage, wo sich die Wahrheit vor dem erkennenden und kontextualisierenden Subjekt befindet.

Ich sehe es so, dass die Wahrheit im Subjekt entsteht, sobald eine innere oder äußere Wahr-Nehmung bewusst wird. Wenn wir in der Früh aufstehen und die Sonne sehen, nehmen wir die Existenz der Sonne und das aktuelle Wetter als Wahrheit. Wenn jemand käme und sagte, da gibt es keine Sonne, würden wir dennoch nicht an der Wahrheit zweifeln. Es macht in diesem Fall nicht viel Sinn, darüber zu reflektieren, ob diese Wahrheit im eigenen Inneren erzeugt wird. Es geht um die äußere Existenz der Sonne, und diese hängt nicht von den Bedingungen der Wahrheitsproduktion ab, und es geht nicht um das Zustandekommen der Wahrheit. Doch auch wenn ich mich um diese Frage kümmere, nehme ich die von mir unabhängige Existenz der Sonne als Voraussetzung. 


Ich verstehe die Wahrheit nicht als einen Kontext für Erfahrungen, da gibt es sowieso unzählige davon schon in der einfachsten Wahrnehmung, sondern meine, dass man Wahrheit als spezifischen Wert ansehen
kann, den wir einer Aussage anheften: Das, was ich sage (schreibe, denke …), bezieht sich auf ein Gegebenes in der Wirklichkeit (Philosophen würden sagen: Seiendes oder „Was der Fall ist“).

Zum Beispiel: Der Wiener Stephansdom hat eine Höhe von 136 Metern. Wir können den Wahrheitswert dieser Aussage in der Wirklichkeit nachprüfen und dann feststellen, ob er zutrifft oder ob die aussagende Person die Unwahrheit gesprochen hat. Von Wahrheit sprechen wir in diesem Fall, wenn die Aussage mit der Wirklichkeit übereinstimmt (korrespondiert). Wenn nicht, kann es sein, dass die Person gelogen hat (sie hat absichtlich eine Unwahrheit verbreitet) oder dass sie sich geirrt hat. In jedem Fall heißt es, dass die aussagende Person zwar einen Wahrheitsanspruch formulieren kann (Der Südturm des Stephansdoms hat die Höhe von 136 Metern, und das ist die Wahrheit), aber die „Wahrheit“ der Wahrheit entsteht erst in der Prüfung, also in einem sozialen Kontext, wo Menschen die Aussage einfach glauben, mit anderen Aussagen vergleichen, andere Quellen konsultieren oder mit einem Maßband auf den Turm klettern. Anders gesagt, der Wahrheitsanspruch, den wir oft erheben, wenn wir etwas mitteilen oder etwas in uns selber denken, muss sich bewähren, bis daraus eine allgemein konsensuell akzeptierte Wahrheit wird.

Es ist das limitierte Wesen selbst - also ich, du, wir alle -, welches Wahrheit zu einem relativen Phänomen werden lässt, und zwar in jedem Moment seines Seins ALS RELATIVES WESEN - also praktisch immer. Es spielt keine Rolle, was das Wesen tut, wie es spricht, ob es meditiert, selbstbewusst oder unbewusst für sich agiert - immer und stets kann es seine eigene fundamentale Begrenztheit nicht überwinden.

Alles, was ist, ist auch begrenzt, und das Absolute gilt als die Zusammenfassung alles Begrenzten. Die Frage, die sich zur Möglichkeit von absoluter Wahrheit stellt, lautet, ob wir einen Zugang zu diesem Ganzen haben oder nicht. Da scheiden sich tatsächlich die Geister.

Wir können allerdings – zumindest nach dem Zeugnis vieler Wahrheitssucher und Mystiker – unsere innere Wahrnehmung erweitern und in einen Zustand kommen, in dem uns absolute Wahrheiten erscheinen, die sich gerade darin bemerkbar machen, dass sie eine beschränkte Sicht erweitern und das Ganze, das wir das Absolute nennen können, erfahrbar machen. Oder, um es anders auszudrücken, ist es eine absolute Wahrheit, die uns aus dem beschränkenden Kontext der konditionierten Wahrheitszuschreibungen herausholt und uns einen neuen Blick auf die Wirklichkeit und unser eigenes Leben erlaubt.

Es braucht meiner Ansicht nach gar keines denktheoretischen Beweises, ob solches möglich ist. Es genügt zunächst einmal die innere Erfahrung, die aus den Beschreibungen vieler Autoren im Bereich der Mystik und Spiritualität zugänglich ist und vermutlich auch dazu geführt hat, warum der buddhistische Lehrer und Autor Shantideva schon vor 1400 Jahren die Unterscheidung von relativen und absoluten Wahrheiten diskutiert hat. Heutzutage gilt die Diskussion der Frage, ob die innere Erfahrung (die Erste-Person-Perspektive) erkenntnistheoretische Relevanz hat, ob wir also gültiges und brauchbares Wissen über die Innenerfahrung finden können. Für die Arbeit von Psychotherapeuten ist die innere Erfahrung des Klienten eine ganz wichtige Quelle von Erkenntnissen. Zum Beispiel gäbe es die umfangreiche Traumdeutung von Sigmund Freud ohne das Ernstnehmen von Innenerfahrung als Erkenntnisquelle nicht.

Das Aufblitzen oder Erkennen absoluter Wahrheiten könnte also nur dann denktheoretisch möglich sein, wenn die Natur des Wesens selbst (seine Wesensstruktur) genau dies ermöglichen könnte. Dies halte ich für ausgeschlossen. Sollte - wie auch immer gedacht - das Absolute wirklich einmal die Absicht haben, sich selbst DURCH ein bedingtes Wesen zu zeigen oder zu äußern, so müsste es sich dafür gewaltig "verengen" - oder eben nur gewisse verdauliche Teile von sich präsentieren, andernfalls würde das viel zu kleine Gefäß namens "Wesen" oder "ICH-Bewusstheit" explodieren angesichts der Fülle und unfassbaren Größe des Absoluten.

D.h. Carsten Rachow geht davon aus, dass es eine absolute Wahrheit gibt, die aber dem Menschen nicht zugänglich ist. Woher allerdings sollen wir dann von ihr wissen? Wie können wir ihre Dimensionen ermessen, wenn wir keine Innenerfahrungen haben können, die uns mit einer absoluten Wahrheit in Kontakt bringen?

Doch dieser Hinweis sei nur am Rande erwähnt. Viel wichtiger ist mir, auf die Bedeutung von "Wahrheit" aufmerksam zu machen, wenn das Wesen selbst als ein limitierender Kontext erkannt wurde. Denn das Wesen, so meine immer wiederholte Hauptbotschaft, ist ein ERZEUGENDES Wesen (!) - und diese Fähigkeit könnte nun aus "Wahrheit" etwas ganz anderes machen als das, was wir üblicherweise darunter verstehen: richtige Abbildung, korrekte Repräsentation, objektives Erkennen usw. "Erzeugung" könnte der erste spirituelle Hinweis darauf sein, dass wir nicht Wahrheiten "erkennen" oder "entdecken" oder "wahrnehmen", sondern aktivisch formen, konstruieren, aus UNS SELBST herausholen und DANN in kommunikative Symbole gießen, in Sprache, Gedanken, Sichtweisen. Deshalb lehre ich: "Wahrheit ist der Selbstausdruck des erzeugenden Wesens." Und dieser kann niemals "falsch" sein ...

Ich finde, dass „der Selbstausdruck des erzeugenden Wesens“ besser mit Authentizität als mit Wahrheit in Verbindung gebracht werden sollte. Unser Selbstausdruck umfasst so viele Dimensionen, vom Körperlichen (z.B. Schwitzen) zum Hochgeistigen (z.B. in aller Bescheidenheit, Diskurse wie diese hier). Nicht jede dieser vielfältigen Möglichkeiten benötigt einen Wahrheitswert. Wie sollen wir unwahr vor Kälte zittern?

Es ist das bedingte und erzeugende Wesen, welches sich zeigt, wenn es selbst glaubt, repräsentative Wahrheiten auszusprechen, also etwa so, wie der Autor SICH zeigte, als er begann, SEINE Kontexte zu diskutieren und damit SEINE Wahrheiten sichtbarer machte. Dies ist im Übrigen ein spiritueller Vorgang, den ich in keiner Weise kritisiere oder für wenig wertvoll erachte. Im Gegenteil: Die Offenlegung unseres erzeugenden Wesens halte ich für dringend geboten(!) - das Verschweigen der eigenen erzeugenden Natur ist das, was ich kritisiere.

Was tut ein Mensch, der sagt, er sähe dort hinten einen Baum? Vorausgesetzt, dass dort hinten tatsächlich ein Baum steht, sagt er dann etwas Korrektes? Bildet er in erkennender Weise Wirklichkeit ab? Ist seine Aussage objektiv wahr? - Die meisten von uns würden hier spontan nicken und zustimmen. Wenn ich selbst dann den Baum auch noch sehen kann, sind wir uns sicher, hier eine objektive Wahrheit erkannt zu haben.  Doch ich behaupte nun, dass diese Wahrheit "der Selbstausdruck des erzeugenden Wesens ist". Wie kann das sein? - Nun, tatsächlich sieht der Mensch nicht nur einen Baum, wie er meint, sondern ein großes Bild: links vom Baum steht ein Busch, dahinter ein Auto, oben drüber ruht der Himmel usw. Zu sagen: "Ich sehe dort einen Baum", ist vollkommen zutreffend - doch diese Beschreibung ist nichts anderes als der sprachliche Ausdruck der eigenen Brennweiteneinstellung, der eigenen Aufmerksamkeit, der eigenen Ausrichtung. Dieser Ausdruck ist nicht "objektiv", er ist ein subjektives Konstrukt, eine partielle Fokussierung auf einen frei gewählten Ausschnitt. Mit anderen Worten: Das, was das erzeugende Wesen blitzschnell und aktiv schon getan hat ("Aufmerksamkeitsfokus"), ist schon geschehen, bevor dieser Mensch zu sprechen begann. Und das, was innerlich bereits geschah, DAS sprechen wir dann aus, nennen es "Wahrheit" und glauben dann, diese Wahrheit wäre unabhängig vom eigenen Wesen eine "objektive" oder "wahre" Repräsentation von Wirklichkeit. Tatsächlich jedoch ist diese Wahrheit ein subjektives Erzeugnis, eine Aus-Formung der Innerlichkeit desjenigen geistigen Wesens, welches hier agiert.

Wahrnehmungen kommen zustande, indem äußere Reize innerlich verarbeitet werden. Das bedeutet, dass jede Wahrnehmung eine Koproduktion von Objektivem und Subjektivem ist, und je besser dieses Zusammenwirken gelingt, desto besser können wir uns in der Wirklichkeit orientieren. Es kann keine allgemeine, für alle gleichermaßen gültige „wahre Repräsentation von Wirklichkeit“ geben, weil bei der Erkenntnisgewinnung immer subjektive Einflüsse mitspielen. Die „Wahrheit“, von der oben die Rede ist, ist demnach allerdings weder rein objektiv (wie wir naiverweise oder lebenspraktisch vereinfacht oft annehmen) noch rein subjektiv (sonst hätten wir kein Unterscheidungskriterium zwischen Halluzinationen, Träumen, Fantasien und inneren und äußeren Wahrnehmungen).

Ich denke, dass wir, wenn wir im Alltag Sinneseindrücke verarbeiten (in jeder Zeiteinheit sind das ungeheure Datenmengen), uns zunächst weniger mit der Frage beschäftigen, ob das Wahrgenommene wahr ist, als vielmehr damit, ob das Wahrgenommene wirklich ist, wenn wir Grund für einen Zweifel haben (z.B. wenn unser Sehsinn getrübt ist). Abgesehen davon gehen wir einfach selbstverständlich davon aus, dass Wahrgenommenes wirklich ist. Die Wahrheitsfrage stellt sich erst, wenn irgendetwas die Wirklichkeit im praktischen oder im sozialen Zusammenhang in Frage stellt, wenn wir z.B. die Tragfähigkeit eines Astes überschätzen, der uns beim Bäumeklettern Halt geben soll oder wenn wir darüber streiten, ob wir den Termin für den Besuch bei der Tante schon fix oder erst provisorisch ausgemacht haben.

Psychotherapeutisch hätte diese Erkenntnis große Folgen: Was immer ein Patient auch sagt, kann niemals "falsch" sein, kann niemals verzerrte Realität sein, kann niemals "krank" sein - sondern informiert uns Außenstehende regelmäßig über seine inneren Akte von Erzeugung und Konstruktion. Der Therapeut sollte daher den Patienten ermutigen, alternative Bilder zu konstruieren und deren Wirkungen AUF SICH SELBST einmal zu überprüfen. Der Patient wird, wie wir alle, stets SEINEN EIGENEN Bildern folgen wollen, selten aber nur den von außen angebotenen Wahrheiten über die Wirklichkeit.

Das ist das tägliche Brot in der psychotherapeutischen Arbeit, die inneren Wirklichkeiten von Klienten zu verstehen, ohne sie in irgendeiner Weise zu bewerten. Einem Paranoiker zu sagen, dass es die Gestalten, die ihn verfolgen, nicht gibt, hat keinen Sinn – er würde uns selbst für Komplizen der Verfolger halten, Wir müssen gemeinsam einen Weg finden, wie er innere und äußere Wirklichkeiten so unterscheiden kann, damit er ein leichteres Leben führen kann. 

Wenn, wie ich hier sage, Wahrheit Selbstausdruck ist, dann hat Einstein die große Relativität NICHT "außerhalb" von sich entdeckt - er hat sie zunächst IN SICH gefunden und sie DANN im Außen überprüft (weshalb zukünftige Generationen auch andere "Gesetze" da draußen finden werden, was ja schon begonnen hat, weil sie innerlich fündig geworden sind). Wir erkennen nicht die äußere Welt - wir erschaffen sie, wir formen sie, und wir bemerken genau dies so selten. Wir erkennen im Außen, was wir ZUVOR innerlich konstruierten. Wir SIND DIE BEDINGUNG, sind der erzeugende Kontext ...

Ich bin vorsichtiger, was die Produktion der Außenwelt anbetrifft. Woran wir mitwirken, ist ihre innere Repräsentation, also die Weise, wie uns die Welt erscheint. Die Annahme, dass sie im Außen unabhängig von uns existent ist, bewahrt uns vor dem Dilemma eines Paranoikers.

Selbst der Raum um uns herum ist nicht das, wonach er aussieht (lacht). Ich will hier noch einen weiteren Hinweis aussprechen über eine Erfahrung, die ich selbst in einer außerkörperlichen Bewusstheit hatte: Der Raum, den wir alle sehen, ist NIEMALS identisch für zwei Personen, sondern stets ein individueller Raum-im-Raum, erschaffen und konstruiert und "lebendig" gehalten durch das Wesen selbst. Siehst du den Raum, siehst du nicht "den Raum", sondern deinen Raum, deine eigene Schöpfung. Gleiches gilt für die Zeit. Wir haben alle ein sehr ähnliches Raumempfinden, können uns mühelos über "den Raum" verständigen - doch dies ist bloß eine gewollte Schnittmenge, damit wir hier ähnlichen Bedingungen ausgesetzt sind und interagieren können. Die Raumkonstruktion wird lebendig gehalten von Myriaden kooperierender Bewusstseinseinheiten, mit uns mittendrin, ein wahrhaft göttliches Gemeinschaftswerk, wo energetische Prozesse die Illusion eines gemeinsamen Raumes schaffen und jedes Bewusstsein tatsächlich stets nur seinen subjektiven Raum wahrnimmt (und seine Eigenzeit) - und beide, Raum und Zeit, werden unbewusst von Moment zu Moment erzeugt und erschaffen. Wer aus dem Körper austritt, tritt auch sofort aus diesem Konstrukt heraus ...

… und in das nächste Konstrukt hinein.

Nun bin ich ein wenig vom Thema abgekommen. Zeigen wollte ich, wie schnell und von uns unbemerkt (daher: unbewusst) wir alle als erzeugende Wesen arbeiten, so schnell, dass wir oft nicht bemerken, welche Sicht wir gerade diskutieren und wie leicht wir die eigenen Erzeugnisse hineinschmuggeln in die erzeugte Welt eines anderen Menschen. Mir geht das auch so, und ich bemühe mich, dies immer seltener zu tun ... 


Wir sind großartige Wesen, schöpferisch und kreativ und kooperierend in einer erzeugenden Weise, die unter den irdischen Bedingungen zu ganz speziellen Selbsterfahrungen führen, die nur hier und nirgendwo anders gemacht werden können. Bedenke: Im Himmel gibt es keine Currywurst ... (lacht) 



Gott sei Dank, es steht zu hoffen, dass Er auch Vegetarier ist…


Zum Weiterlesen:
Die zwei Wahrheiten 
Die zwei Wahrheiten und die Konfliktkultur
Die zwei Wahrheiten und die Religionen
Die zwei Wahrheiten und der Alltag 
Die zwei Wahrheiten und das Ego 
Die zwei Wahrheiten und die Sprache
Die absolute Wahrheit existiert nur im Moment
Relatives als Absolutes verkleidet 

Dienstag, 31. Oktober 2017

Vom Ende der Wachstumsgesellschaft und von der Verfeinerung der Einfachheit

Wir gehen davon aus, dass unsere Wirtschaft wachsen muss, damit unser Wohlstand gesichert und gesteigert werden kann. Das entspricht unserer Lebenserfahrung, die von der Wohlstandsepoche seit dem 2. Weltkrieg geprägt ist. Was wir dabei weniger bedenken, ist die historische Tatsache, dass die wachstumsorientierte Ökonomie ein relativ kurzzeitiges und bisher einzigartiges Modell in der langen Menschheitsgeschichte darstellt. Mit dem Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert haben sich zunächst die westeuropäischen Gesellschaften aus der agrarischen Subsistenzwirtschaft, die über 10 000 Jahre Bestand hatte, herausbewegt. Manchmal wird dieses Ausbrechen aus einer über lange Zeiträume bewährten Wirtschaftsform mit dem Take-Off eines Flugzeuges verglichen, allerdings startet hier ein Flugzeug, das nie wieder zur Ausgangsbasis zurückkehren kann.

Frühere Wirtschaftsweisen haben sich beständig am Rand des Mangels bewegt, periodisch auftretender Hunger und kurze Lebenserwartung waren Teil dieses zyklischen Wirtschaftens. Das Überleben der Menschheit konnte in diesem Rahmen gesichert und einer dünnen Oberschicht ein Luxusleben gewährt werden. Kam es zu Krisen, wie z.B. durch Kriege, Schlechtwetter oder Epidemien, wurde es auch für die Oberschicht eng. Mit solchen Krisen regulierte sich das System wieder zurück auf ein niedriges Niveau, das sich langsam bis zur nächsten Krise steigerte.

Das Abheben der Wirtschaft aus den Zyklen der Subsistenz hat zu unvorstellbaren Veränderungen im Leben vieler, wenn nicht aller Menschen geführt. Aus weiten Bereichen der Welt sind Hunger und tödliche Epidemien verschwunden, und große Teile der Gesellschaft in den hochindustrialisierten Ländern führen einen Lebensstil, der in seinen Möglichkeiten bei weitem den des Hochadels in vormoderner Zeit übertrifft. Wir haben uns eine behagliche Lebensform erschaffen, die weitgehend frei von elementaren Risiken ist, ein gewisses Maß an sozialem Ausgleich zulässt und sich die Bildung für alle auf die Fahnen geschrieben hat. Wir haben es im Winter warm und im Sommer kühl. Wir können nahezu jeden Punkt auf der Erde besuchen, wenn wir darauf Lust haben. Wir verfügen über elektronische Geräte, die uns an allen Informationen teilhaben lassen, die uns interessieren. Wir erarbeiten uns diesen Wohlstand mit wesentlich weniger körperlicher Anstrengung als die vormodernen Bauern und Handwerker aufbringen mussten, um ihr Überleben zu sichern.

Deshalb haben wir Wachstum und Fortschritt als positive Qualitäten unserer Gesellschaft verinnerlicht. Es ist Teil unserer scheinbar unverzichtbaren Normalitätsvorstellungen: Wir fühlen uns sicher und vertrauen der Zukunft, wenn wir immer mehr und mehr Güter und Finanzen anhäufen können. Naiverweise halten wir es für normal, dass das materielle Wachstum weitergeht, ins Unendliche. 

Wenn wir uns jedoch ernsthaft mit der Nachhaltigkeitsdebatte auseinandersetzen, die uns seit dem Bewusstmachen der Grenzen des Wachstums beschäftigt und durch die Signale des Klimawandels drängend geworden ist, können wir die Vorstellung eines unendlichen Wachstums schwerlich aufrecht erhalten. Obwohl die meisten Politiker und auch nichtpolitischen Zeitgenossen trotz eines peripheren Problembewusstsein jegliche Auswirkung auf ihre Entscheidungen und Verhaltensweisen vermeiden, muss der Zeitpunkt kommen, an dem die Idee des Wachstums verabschiedet werden wird. Denn die stetig wachsende Wirtschaft hat die Probleme wegen des ständig wachsenden Ressourcenverbrauches erzeugt und sich damit sukzessive die eigene Grundlage abgegraben. 

Wir sind an dem Punkt angelangt, von dem aus das notwendige Ende des Wachstums unübersehbar am Horizont erscheint, ohne dass es uns schon an den Kragen geht. Wir verhalten uns so, dass wir zum Horizont schauen und sagen: „Ja schlimm, das schaut gar nicht gut aus.“ Und dann wenden wir uns wieder unseren Geschäften und Konsumgewohnheiten zu und verdrängen dabei, wie uns diese dem gefürchteten Horizont näher bringen. Wie nahe müssen wir kommen, dass wir zumindest eines aufgeben: Die Idee, dass materielles Wachstum selbstverständlich ist und uns zusteht, gewissermaßen einklagbar von den Politikern, denen wir unsere Stimmen geben?

Einstellungsänderungen ohne Verhaltensänderungen sind leer


Diese Einstellung gilt es dringend zu ändern. Wenn wir unsere Vernunft verwenden, können wir die Schädlichkeit dieser Normalitätsannahme in Bezug auf die globalen Lebensgrundlagen erkennen und uns eines Besseren besinnen. Eine solche Einstellungsänderung genügt aber nicht, solange wir nicht unser Verhalten anpassen. 

Denn Einstellungen, also Gedankenwelten, die die Endlichkeit der Ressourcen berücksichtigen, gibt es in den Köpfen vieler Menschen, die zugleich eine Lebensweise führen, die in die gegenteilige Richtung weist. Sie sitzen im Fernstreckenflug nach ihrer Urlaubsdestination in einem weit entfernten tropischen Land und alterieren sich über die Politiker, die es zulassen, dass Menschen neben dem Hotel verhungern, in welchem sie sich am Swimming Pool entspannen wollen. Sie erkennen die Hintergründe von Wetterkapriolen und Naturkatastrophen, suchen aber die Ursachen in chinesischen Hochöfen statt im eigenen so unbedeutenden Verhalten. Erst mit der konsequenten Änderung unserer Handlungen nehmen wir unsere Verantwortung wahr und setzen die Unterschiede, mit denen wir uns von der Zone der Zerstörung in die Zone der Bewahrung bewegen.

Konkret bedeutet das zu beginnen, zumindest einmal für uns selber unseren Wohlstand zurückzufahren, indem wir auf überflüssigen und neurotischen Konsum verzichten, indem wir unsere Bedürfnisse reflektieren und unsere Notwendigkeiten neu definieren.

Es heißt nicht, dass wir uns asketischen Zwängen unterwerfen müssen, indem wir auf alle Freuden, Schönheiten und Genüsse verzichten und uns mittels Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen einschränken und kasteien. Vielmehr geht es darum, unsere durch die Konsum- und Werbewirtschaft konditionierten Gewohnheiten in Relation zu unseren genuinen inneren Bedürfnissen und zu den Perspektiven einer Welt mit endlichen und schrumpfenden Ressourcen zu setzen. Wir halten also der blinden und profitgierigen Propaganda des ungehemmten Verbrauchens, die sich tief in unsere unbewussten Motivationsmechanismen eingefressen hat, unsere Vernunft und unsere achtsame Innensicht entgegen und 
wählen diese zu den Regenten unseres Tuns.

Damit bereiten uns darauf vor, uns in einer Welt einzurichten, in der jeder genug hat, um ein gutes Leben zu leben, ohne dass der Umwelt mehr entnommen wird als in sie zurückfließt. Den Maßstab für die Güte des Lebens müssen wir dafür von außen nach innen zurückverlegen, Fremdbestimmung in Selbstbestimmung verwandeln und dabei in unserer Wertewelt materiellen Besitz und gutes Leben entkoppeln. Bescheidenheit bekommt einen neuen Geschmack: Statt dem Verzicht auf die Überfülle geht es um die Verfeinerung des Einfachen.

Freitag, 27. Oktober 2017

Absolute Wahrheiten existieren im Moment

Carsten Rachow schreibt: "Wahrheit existiert stets kontextual. Wahrheit kann deshalb mal dieses und mal jenes sein, doch niemals kann sie ohne Kontext sein. Ohne Kontext gäbe es nirgendwo Wahrheit."

Sobald Erkenntnisse, Einsichten und Ideen in irgendeiner Situation geäußert werden, nehmen sie eine relative Position zu den anderen Gegebenheiten dieser Situation ein. Dazu zählt z.B. die Meinung anderer anwesender Personen, die Qualitäten der Beziehung zu diesen Personen usw. Sie sind auch relativ zu den eigenen inneren Gegebenheiten, z.B. Gemütslagen, Denkprozessen, Aktivierungsgrad usw. Verallgemeinernd bezeichnet Carsten Rachow diese Gegebenheiten als Kontexte. Das Gegenteil wären Wahrheiten, die im freien Raum schweben, bezugslos sowohl zum Sprecher wie zum Empfänger. Sie wären gar nicht existent, denn Existenz selber ist ein Kontext.

Ein weiterer allgemeiner Kontext ist die Sprache. Wahrheit kann nur in einer Sprache geäußert werden, und diese ermöglicht und schränkt zugleich ein, wie eine Wahrheit, die innen einleuchtet, nach außen, in die Kommunikation eingebracht werden kann. Wahrheiten klingen anders, wenn sie in einer anderen Sprache ausgedrückt werden. Allein aus der einfachen Struktur von Kommunikation, nach der jede Mitteilung vom Sender codiert und vom Empfänger decodiert werden muss, geht hervor, dass es im Rahmen der Kommunikation keine kontextunabhängige, also keine absolute Wahrheit geben kann. Allerdings wird durch diese Struktur die Möglichkeit einer absoluten Wahrheit nicht prinzipiell ausgeschlossen. Die Struktur der Kommunikation verhindert allerdings, dass absolute Wahrheiten im kommunikativen Raum als solche auftreten können.

Insofern ist die Aussage, dass jede Wahrheit einen Kontext hat, trivial: Jedes Medium sperrt jede Äußerung in einen kontextuellen Kasten, und ohne vermittelndes Medium existiert keine Wahrheit. Das haben wir auf der Ebene des systemischen Bewusstseins erkannt. Freilich ist diese Bewusstseinsstufe noch viel zu wenig in unser Alltagserleben vorgedrungen, und deshalb sind diese trivialen Einsichten wenig bekannt und können leicht übersehen werden. Unser Verhaftetsein in egozentrischen Sichtweisen macht es notwendig, die relativistische Welterfahrung immer wieder in den Vordergrund zu rücken. Denn sie enthält weitreichende Konsequenzen, die immer mitbedacht gehören: Jeder Kontext relativiert die Wahrheit, folglich gibt es keine absolute Wahrheit, zumindest im Rahmen der zwischenmenschlichen Kommunikation. Sobald eine Wahrheit als Wahrheit ausgesprochen wird, trägt sie den impliziten Zusatz: „aus meiner Perspektive“, „in diesem oder jenem Kontext“. Zu Aussagen, die der Sprecher für absolut hält, kommt es, wenn dieser Zusatz übersehen, verschwiegen oder unbekannt ist, wenn also der Sprecher die Stufe des systemischen Bewusstseins nicht mitbedenkt.


Meinung und Wahrheit


Nun gibt es auch den Kontext „Meinung“ gegen „Wahrheit“, also den Unterschied zwischen einer Einsicht, die wir als unsicher und vorläufig erachten, und einer anderen, die wir für sicher, klar und allgemeingültig erachten. Die erstere erscheint uns subjektiver, die zweitere objektiver. Meinungen entstehen aus der momentanen emotionalen und kognitiven Gestimmtheit und situativen Wahrnehmung einer Person. Wahrheit erfordert einen Prüfungsprozess, in dem neben dem Subjekt noch andere Instanzen eingebunden sind, z.B. eine Abgleichung mit der äußeren Realität und eine Rückblende auf die Entstehungsbedingungen der Aussage, die sozialen Standards einer Bezugsgruppe usw.

Jemand behauptet z.B., dass es keinen menschenverursachten Klimawandel gibt. Um zu unterscheiden, ob es sich bei der Aussage um eine bloße Meinungsäußerung oder um eine Aussage mit Wahrheitsanspruch handelt, ist es notwendig, die argumentative Abstützung der Aussage zu überprüfen: Welche Quellen dienen zur Erhärtung dieser Position, welche sprechen dagegen? Welche Methoden verwenden die einen Quellen, um der Wirklichkeit nahe zu kommen, welche die anderen? Welche Motive leiten die Person, die die Aussage tätigt?

Das Subjekt, das eine Wahrheit äußert, erhebt den Anspruch, dass die Aussage auf eine äußere Wirklichkeit zutrifft und/oder auch für andere Subjekte zutreffend und sinnvoll ist. Der Wahrheitsanspruch geht also substanziell über das Äußern von Meinungen hinaus und bezieht sich auf eine nicht-subjektive Form von Wirklichkeit (z.B. die Welt der Dinge oder die Welt der sozialen Ereignisse).

Dass Aussagen, die von sich aus den Gehalt von Wahrheit beanspruchen, immer einen Kontext haben, nimmt ihnen nichts von diesem Anspruch auf Wahrheit. Zur Prüfung dieses Anspruchs gehört die Identifizierung des Kontexts der Aussage, also die Umstände ihres Zustandekommens, und vor allem der Inhalt und die Form der Wirklichkeit, auf die er sich bezieht. Es geht also um die Untersuchung der Gültigkeit des Wahrheitsanspruches angesichts der evidenten Kontexte.

Soweit so gut, das Ende aller Streitigkeiten um die Wahrheit ist eingeläutet. Weil sinnlos, können wir uns solche Auseinandersetzungen in Hinkunft sparen und uns an der unendlichen Vielfalt der Wahrheiten freuen.


Die Angelegenheit der absoluten Wahrheit


Allerdings ist mit dieser Feststellung die Angelegenheit der absoluten Wahrheit noch nicht erledigt. Zwar können wir als vielfach kontextgebundene Subjekte den Anspruch, von einer absoluten Position, gewissermaßen ex cathedra zu sprechen, nie und nimmer einlösen. Wohl aber können wir den Anspruch, Absolutes in relativer Form, weil kontextabhängig, auszudrücken, aufrechterhalten. Wir verfügen freilich über keine zwingende Autorität dabei, sondern überlassen es ganz den Adressaten der Botschaft, ob sie das Absolute der Aussage übernehmen oder nicht. Sie sind also prinzipiell völlig frei, sich der Aussage anzuschließen, sie abzuändern oder sie abzulehnen. Das Absolute leuchtet ein oder eben nicht; das hängt sowohl von der Art der Mitteilung, also dem Kontext des Senders, als auch von der Bereitschaft und Offenheit des Empfängers, also dessen Kontext, ab. Das Absolute, um als solches erkannt zu werden und kommunikative Realität zu erlangen, benötigt also einen speziellen Kontext, einen besonderen, nicht alltäglichen „Geist“. Dieser Geist erst macht die absolute Wahrheit zu einer solchen, enthebt sie also den Bedingtheiten des Relativen.

Das Zitat aus dem Neuen Testament: „Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20) könnte für diesen Zusammenhang so verstanden werden: „Wenn zwei oder drei offen sind für das Absolute, erscheint es als kommunikative Wirklichkeit.“ Wie bei solchen Wirklichkeiten üblich, hat auch das Absolute keine Zeitdauer, es zerfällt unmittelbar, nachdem es aufgetreten ist. Aber es hinterlässt Wirkungen, sonst wäre es nicht absolut. Um diese Wirkungen geht es, nicht um das Rechthaben, Sich-Durchsetzen, Besser-Sein usw. Die Wirkungen betreffen also nicht das Ego, das jede Wahrheit in Frage stellen und anders sehen oder ausdrücken kann. Sie betreffen das tiefere Wesen, das Selbst.

Absolute Wahrheiten sind also solche, die unabhängig von den Kontexten, in denen sie existieren, prinzipiell in allen Empfängern ihre Wirkungen entfalten können. Der Adressatenkreis kann und soll nicht eingeschränkt werden. Sie gelten auch unabhängig vom Sender, sind also nicht durch seine Person, seinen Status, seine Bildung usw. bestimmt. Auf dieser Basis können absolute Wahrheiten absolute Wirkungen und damit auch absolute Gültigkeit erlangen. Zum Unterschied allerdings von Dogmen und anderen Lehrsätzen, die von Institutionen und Autoritäten aufgestellt werden, hat diese Gültigkeit keine räumliche und zeitliche Dauer, sie gilt also nur im Moment, in dem sie gilt. Menschen können an Wahrheiten, die sie zu einem bestimmten Zeitpunkt für absolut gültig erachten, zu anderen Zeitpunkten zweifeln, und sie können Aussagen, die sie einmal kritisiert haben, ein andermal voll annehmen.


Die Wirkung der absoluten Wahrheit


Eine absolute Wahrheit wird in ihrer Wirkung wirklich, und diese besteht in einer inneren Wandlung bei der Person, die die Wahrheit empfängt. Eine solche Wandlung kann als Weitung und als Hinausgehen über eine vorher geltende Weltsicht angesehen werden. Bisher wichtige Kontexte können ihre Bedeutung verlieren, Ängste können zurücktreten, Vorurteile verschwinden.

Jemand sagt z.B.: „Ich schaue mich um und sehe, das Glück ist immer genau da, wo ich gerade bin.“ Damit werden alle Konzepte vom Glück und vom Glücklichwerden überflüssig. Es braucht keinen Stress mehr, um etwas zu erreichen, was gerade nicht da ist. Es kann sich innerer Friede ausbreiten. Auf diese Weise wirkt eine absolute Wahrheit.

Sie kann jedoch nicht wie eine Pille eingenommen werden, die jeden Tag die gleiche Wirkung haben sollte. Die obige Aussage kann an einem anderen Tag leer und nichtssagend erscheinen. Es kann wirkungslos sein, wenn jemand anderer daran erinnert: „Neulich hast du doch gesagt… Was ist jetzt damit?“ Absolute Wahrheiten wirken aus einem absoluten Moment heraus, der sich nicht reproduzieren lässt. Es gibt keinen Knopf, auf den man drücken könnte, wenn man sich glücklich fühlen möchte oder voll von Liebe oder frei von allen Einschränkungen.

Alles, was wir aktiv tun können, ist, uns immer wieder für das Absolute in jeder relativen Situation zu öffnen. Denn das Absolute wartet nur darauf, gehört und empfangen zu werden. Wir brauchen uns nicht gewohnheitsmäßig auf eines unserer beschränkten Konzepte über die Welt und die Menschen festlegen und können uns statt dessen von der Fülle des Lebens überraschen lassen, was immer sie uns schenken will.


Zum Weiterlesen:
Das Absolute im Beschränkten 
Die zwei Wahrheiten 
Die zwei Wahrheiten und die Konfliktkultur
Die zwei Wahrheiten und die Religionen
Die zwei Wahrheiten und der Alltag 
Die zwei Wahrheiten und das Ego 
Die zwei Wahrheiten und die Sprache

Montag, 23. Oktober 2017

Krankhafter Konsum

Krankhafter Konsum ist so normal geworden, dass wir es kaum mehr bemerken, schrieb der englische Journalist George Monbiot vor einigen Jahren im Guardian. Der Trend hat sich seither sicher verschärft statt umgekehrt. Viele Menschen in unseren Kulturen haben alles, was sie brauchen. Deshalb schenkt man ihnen sonnenkraftbetriebene winkende Prinzessinen, Bürsten für den Bauchnabel, versilberte Eisbecherhalter, aufblasbare Rollatoren usw.

Solche Geschenke erfreuen am Heiligen Abend, sind am ersten Weihnachtstag öd und am zweiten peinlich, und bald darauf landet alles im Müll. Für ein paar Sekunden von zweifelhafter Unterhaltung tragen wir dazu bei, dass wertvolle Materialen auf Kosten künftiger Generationen verschwendet werden. Die US-Umweltaktivistin Annie Leonard hat für ihren Film „The Story of Stuff“ recherchiert, dass nur 1% der Materialien, die durch die Konsumwirtschaft fließen, nach sechs Monaten noch in Gebrauch sind. Selbst Dinge, die wir für langlebig halten, werden entweder durch geplante Obsolenz (eingebaute Schwächen, die ein Produkt nach einer bestimmten Nutzungsdauer ruinieren) oder wahrgenommene Obsolenz (etwas kommt aus der Mode oder gefällt uns nicht mehr).

Und daneben gibt es eine Menge von Dingen, die gar nicht obsoleszent werden können, weil sie nie nützlich waren. Sie sind dafür gemacht, ein wenig Dankbarkeit zu erzeugen und dann weggeworfen zu werden. Oft enthalten diese Dinge seltene Materialien, komplexe Elektronik und eine Menge an Umweltkosten in der Produktion und im Transport. In Afrika werden die Nashörner ausgerottet, weil Wilderer von Jahr zu Jahr mehr Tiere abschießen, damit Konsumenten in Ostasien mit dem zermahlenen Horn, das angeblich potenzsteigernd ist, angeben können. Im berühmten Pilanesberg-Resort in Südafrika gibt man den Rhinozerossen nur noch ein paar Jahre.

So absurd und zugleich fatal diese Form des Konsums erscheint, unterscheidet sie sich nicht in der Art und Weise, wie wir in unseren Breiten nutzlose Dinge einkaufen. Und dann freut sich die Politik über den steigenden Konsum, der die Wirtschaft ankurbelt. Unsere neue Regierung tritt an mit dem Versprechen, diese Wirtschaft, also die Unternehmen, steuerlich zu entlasten, damit sie billiger produzieren können. Das Geld dafür soll dem Vernehmen nach dem Sozialsystem und der Staatsverwaltung entzogen werden.

Produzieren um des Produzierens willen, Konsumieren um des Konsumierens willens, Wachstum um des Wachstums willen, so simpel ist der Teufelskreis unseres Wirtschaftssystems gestrickt. Wer draufzahlt, sind die am unteren Ende der sozialen Skala, bzw. die am unteren Ende der Weltökonomie, und dahinter der Planet mit seinen Ressourcen, die endlich sind, also mit weitergehendem Wachstum schlicht und einfach irgendwann, in nicht allzu ferner Zeit, erschöpft sind.

Wenn wir beim Wahnsinn des sinnlosen Konsums mitmachen wollen, hindert uns niemand daran. Die "Verantwortlichen" des Landes applaudieren. Es hindert uns aber auch niemand daran, zumindest aus diesem Teufelskreis auszusteigen und nicht mehr mitzuspielen. Geschenke lassen sich einfacher selbst herstellen, und vielleicht freut sich jemand mehr über ein gesungenes Lied oder ein beglückendes Lächeln als über irgendeinen halblustigen Schnickschnack, der globale Verwüstungsspuren in sich trägt, wenn sie auch scheinbar so winzig sind.

Dienstag, 17. Oktober 2017

Nachhaltigkeit in der Demokratie

Die Entsorgung der Nachhaltigkeit


Soeben wurde in Österreich die einzige Partei, die sich „nachhaltig“ für die Nachhaltigkeit einsetzt, auf demokratischem Weg aus dem Parlament entfernt. Viele Gründe mögen bei diesem Vorgang eine Rolle spielen. Interessant erscheint mir die Frage, warum mit dem Thema „Klimaschutz“ kein Erfolg bei Wahlen möglich ist – und was das für den Klimaschutz bedeutet.

Wie im vorangehenden Blogartikel beschrieben, orientiert sich die Wahlpropaganda stark an den Ängsten der Wähler. Sie sollen sich in ihrer Notlage verstanden und von den Politikern beschützt fühlen. Die meisten Stimmgewinne konnten die Politiker verbuchen, die entweder versprochen haben, alle Zuwanderungsrouten zu sperren oder die Absicht bekundet haben, die schon angekommenen Wirtschaftsflüchtlinge samt und sonders außer Landes zu weisen und den noch verbleibenden „Asylanten“ das Existenzminimum zu halbieren. Die Wähler erhoffen sich, auf solche Weise vor dem Fremden geschützt zu werden und sich hinkünftig sicherer fühlen zu können.

Ein Freund hat zu meinem letzten Blogbeitrag geschrieben: „Eigentlich ein kindliches Verhalten, dass sich wer Anderer um die eigenen Ängste kümmern soll ... So frage ich mich, warum gibt es so wenig Erwachsene?“ Wenn wir Angst haben, regredieren wir, und je irrealer die Angst ist, desto weiter rutschen wir zurück in die Infantilität.

Erwachsen sein heißt nicht nur, Verantwortung für die eigenen Ängste zu übernehmen, sondern auch, die Folgen des eigenen Verhaltens über den Horizont des unmittelbaren Nutzens oder Schadens hinaus abschätzen zu können. Wir alle tragen mit unseren alltäglichen Handlungen dazu bei, dass unserem Planeten in absehbarer Zeit „die Luft ausgeht“ – siehe hier. Die meisten Menschen wissen Bescheid über die vielfältigen Gefahren, die von einer Klimaveränderung ausgeht. Sie wissen auch, welche Handlungen klimaschädlich sind. Aber ähnlich wie ein Raucher, der weiß, dass er sich mit seiner Gewohnheit Krebs einhandeln kann, jedoch den unmittelbaren Genuss und die kurzfristige Entspannung dem Verzicht, der längerfristigen Gewinn verspricht, vorzieht, wollen wir unser Konsumniveau halten und weiter steigen, obwohl klar ist, dass jede Steigerung von Produktion und Konsum langfristig das Tempo der Zerstörung der Lebensgrundlagen steigert.

Unsere inneren Kinder schreien: Wir wollen es jetzt und wir wollen es gleich. Der Erwachsene in uns weiß zwar, dass wir unsere Konsumgewohnheiten ändern sollten, aber er ist auch im Rationalisieren geübt: Warum soll ich anfangen, mein Leben zu ändern? Was bewirkt das schon, wenn ich auf dies oder jenes verzichte? Die anderen sind ja viel schlimmer, ich esse ja schon viel weniger Fleisch als vor Jahren, ich lasse doch ab und zu auch das Auto stehen, ich fliege nicht mehr zweimal im Jahr nach Thailand, während die Chinesen mit ihren Kohlekraftwerken und die Amerikaner mit ihren Klimaanlagen und die Inder mit ihrem Motorisierungsboom…. Schließlich setzt sich in der inneren Landschaft durch, wer am lautesten und am bedürftigsten agiert. Und der Erwachsene beschwichtigt, heute kann ja durchgehen, was eigentlich nicht gut ist, morgen werde ich meine Gewohnheit ändern.


Die Kunst, sich mittels Rationalisierung von der Realität abzukoppeln


Jeder Appell zur Einschränkung und zum Verzicht ist schwer zu verkaufen. Unser Emotionalapparat signalisiert eine Bedrohung: Wir müssten unser Leben ändern, das Leben, in dem wir es uns schon so bequem eingerichtet haben – Haus, Garten, Auto, volle Kühlschränke und Tiefkühltruhen, überquellende Kleiderschränke („ach, ich weiß wirklich nicht, was ich heute anziehen soll…“), jeden Tag eine Überfülle an Wahlmöglichkeiten für den Konsum. Die Warenwelt suggeriert uns Unendlichkeiten: Die Waren fließen scheinbar aus unerschöpflichen Quellen („Warum gibt es heute keine Butterkipferl?“ „Sind schon aus, in einer halben Stunde gibt es neue.“ „Oh je, das dauert mir viel zu lange.“ „Dann nehmen’S doch Butterkroissants.“ „Nein, die sind mir zu bröselig.“). Laufend werden neue Produkte kreiert, die uns das Leben noch genuss- und abwechslungsreicher gestalten, und so soll es weiter gehen, so muss es weitergehen, ins Unendliche hinein, für die Dauer meines Lebens, und das meiner Kinder und Enkelkinder, bis in alle Ewigkeit.

Damit diese Perspektive aufrechterhalten werden kann, muss die Endlichkeit, die sich mehr und mehr in unser Bewusstsein drängen will, ausgesperrt bleiben. Die Routen, auf denen solche Gedanken einsickern wollen, müssen gesperrt werden wie der Balkan und das Mittelmeer für Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge. Wir wollen nicht „dauernd“ daran erinnert werden. Wir wissen ja eh, dass das auch ein Problem ist. Aber das Hemd ist allemal näher als der Rock.

Ein Politiker in dieser emotionalen Landschaft, der den Verzicht auf weiter steigenden Wohlstand, auf stetiges Wirtschaftswachstum zugunsten langfristiger Lebenschancen predigt, muss auf Abwehr stoßen und wird mit Ignoranz bestraft. Der Konkurrent, der mehr verspricht und nur die Steuern und das Sozialsystem bei den Schwächsten einschränken will, kriegt die Zustimmung. Nachhaltigkeit ist nicht demokratiefähig. Parteien, die uns bei der Nase nehmen und uns darauf hinweisen, dass wir Gewohnheiten ändern und Normalitätsvorstellungen adaptieren müssen, die die langfristige Sicherung unserer Existenzgrundlagen über Zuckerl-Genüsse, die uns für einen Moment narkotisieren, stellen, werden versenkt. Das kurzfristige Denken auf infantiler Emotionalgrundlage bekommt die satte Mehrheit. Deren Vertreter können sagen: Das ist der Wählerauftrag: Den steigenden Wohlstand und Konsum bis zur nächsten Wahl abzusichern und zu ignorieren, wie die Welt und ihr Klima in zwanzig oder fünfzig Jahren ausschauen könnte, wenn wir so weitermachen.


Wir können das Klima nur schützen, wenn wir unser Leben ändern


Wir reagieren emotional, wenn wir uns in unserem Eigentum, unserem leiblichen Wohl und unserer Integrität bedroht fühlen und wollen, dass uns der Staat absichert. Auch für den Schutz von manchen Tieren und Tierarten können wir uns emotional engagieren. Da jedoch das Klima keine Person und nicht einmal eine konkret vorstellbare Sache ist, tun wir uns schwer, Emotionen zu entwickeln, die dann unsere Entscheidungen prägen. Es ist leichter, sich von fremd aussehenden Menschen mit unverständlicher Sprache bedroht zu fühlen als vom Anstieg der Temperatur um ein oder zwei Grad. Allenfalls fühlen wir uns von großer Hitze bedroht und schützen uns mittels Klimaanlage und Freibad. Sobald es wieder kühler wird, ist das Bedrohungsgefühl verschwunden. Und nach einem verregneten Sommer wirkt ein neues Narrativ: Der Klimawandel ist ja ganz offensichtlich eine Erfindung von verrückten Wissenschaftlern.

Die Wirklichkeit verläuft nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten. Wenn wir einfach so weitermachen, fahren wir früher oder später gegen die Wand. Wir müssten unsere Lebensgewohnheiten ziemlich radikal ändern, um die drastische Verschlechterung der Lebensmöglichkeiten auf unserem Planeten für alle Menschen zu verhindern. Jetzt könnten (und müssten) wir beginnen, unser hohes Niveau an Komfort und Konsumfreiheit langsam zu reduzieren, indem wir unser Leben vereinfachen und unnötigen Verbrauch vermeiden.  Die Unterstützung, die die Politik durch lenkende Maßnahmen dazu beitragen könnte, ist offenbar im Rahmen dieser Demokratie, die stark für emotionale Manipulation anfällig ist, nicht zu bekommen.


Das Hochfahren von Teufelskreisen


Das Flüchtlingsthema, das den vergangenen Wahlkampf über weite Strecken beherrscht hat, ist, bezogen auf die Nachhaltigkeitsfrage, ein Beispiel für eine fehlgeleitete Symptomkur. Es soll bewirkt werden, dass Menschen, statt zu flüchten, dort bleiben, wo sie sind. Durch unsere wohlstandsfixierte Lebensweise sind wir in den reichen Ländern Hauptverursacher für den Klimawandel, den die ärmeren Länder in klimatisch exponierten Zonen besonders belastend abbekommen. Solide Berechnungen ergeben, dass ganze Gebiete in einigen Jahrzehnten nicht mehr bewohnbar sein werden, wo jetzt Millionen von Menschen leben.

Dazu kommt, dass die starre Koppelung von Wohlstand und fossilen Brennstoffen ein wichtiger Mitverursacher, wenn nicht das Wurzelübel all der desaströsen Kriegen im Nahen Osten, einschließlich des daraus entstandenen Terrorismus darstellt. Die Kriegsflüchtlinge, die nach Europa und Nordamerika drängen, flüchten vor den Folgen der Erdölgier der Länder, in die sie wollen. Und wo sonst noch auf der Welt Kriege geführt, Massaker stattfinden, ethnische Säuberungen aufgezwungen werden, die zu massiven Fluchtbewegungen führen, stammen mit großer Wahrscheinlichkeit die todbringenden Waffen aus den Zielländern der Flüchtlingswellen. Und diese stecken die Steuergelder, die aus der Waffenproduktion in die Steuersäckel fließen, in die Errichtung von Barrieren gegen alle, die in die Wohlstandoasen einwandern wollen, um ihr Überleben zu sichern. Sollen die doch bleiben, wo sie sind, solange wir unseren Wohlstand steigern können.

All diese im wahrsten Sinn des Wortes teuflischen Kreise nehmen wir wieder nur als Gelegenheit, kurz und traurig zu nicken und dann den überlasteten Kopf gleich wieder in den vertrauten Sand zu stecken. Jeder, der uns aus dieser Versunkenheit aufschreckt, ist uns zuwider.

Gibt es da noch irgendwo Hoffnung, einen Silberstreifen am düsteren Horizont?

Was die österreichische Politik anbetrifft, können wir wohl die nächsten fünf Jahre abschreiben. Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass unpopuläre staatliche Lenkungsmechanismen wie die Erhöhung der Diesel- oder Kerosinbesteuerung ergriffen werden. Fast absurd erscheint die Erwartung, dass eine künftige Regierung Maßnahmen zur Reduktion des Fleischkonsums als eines Hauptfaktors des Klimawandels setzen könnte. Vielmehr steht zu befürchten, dass Leugner des menschengemachten Klimawandels in hohe und höchste Ämter dieser Republik einziehen, um dort nachhaltig abzublocken, was an Nachhaltigkeit erinnert.

Wir sind auf uns selber als Staatsbürger/innen und als Bewohner dieser Erde angewiesen. Wenn wir unsere Gruppen- und Nationalegoismen auf die Menschheit mitsamt den künftigen Generationen und die Natur ausdehnen, können wir die notwendige Motivation für die Verhaltensänderungen, die es braucht, aufbringen. Der Ökonom und Nachhaltigkeitsforscher Felix Ekardt schreibt in seinem lesenswerten Buch „Wir können uns ändern“:

„Ferner kann in puncto Normalitätsvorstellungen jeder selbst das bisher Unhinterfragte im eigenen Lebensentwurf zumindest mit einer gewissen Mühe zu hinterfragen beginnen. Und was noch wichtiger ist: andere Lebenspraktiken ausprobieren, mit anderen darüber reden, sich Bündnispartner suchen und sich gegenseitig ein Vorbild sein, sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Hilfreich sein können Allianzen wie Umweltverbände oder Graswurzelinitiativen, die Druck aufbauen, geänderte Lebens- und Wirtschaftsweisen vorleben, positive Visionen … aufzeigen, gleichzeitig aber auch die möglichen katastrophalen Folgen eines Nichthandelns verdeutlichen. Ebenso wichtig ist es, die Verdrängung des schleichenden Wandels von Normalitäten etwa hin zu immer mehr Wohlstand aufzuheben. Ferner spielen konsequent handelnde Vorbilder für Normalitätsvorstellungen eine Rolle, seien es Politiker, Showstars, Unternehmer oder andere öffentlich sichtbare Personen.“ (Seite 114)


Zum Weiterlesen:
Ängste und Wahlverhalten
Erderwärmung lange nach zwölf

Freitag, 13. Oktober 2017

Ängste und das Wahlverhalten

Auch bei der ins Haus stehenden Wahl spielen Ängste eine zentrale Rolle. Die drei stärksten Parteien streiten darum, wer mehr auf die Ängste vieler Menschen vor den Fremden, Ausländern, Asylanten, Flüchtlingen usw. hört und wer besser dagegen Abhilfe schaffen kann. Die meisten Wähler werden sich offensichtlich nach diesen emotionalen Motiven entscheiden: Wer schützt mich mehr vor den vielen fremden Menschen, die mir Angst machen?

Und dann gibt es Wähler, die haben Angst, dass die Angstmacher an die Macht kommen, und wählen deshalb die Parteien, die gegen die Angstmacher sind. Also auch hier spielen Angstmotive eine zentrale Rolle im Wahlverhalten.

Populismus wird häufig so erklärt, dass der Populist Ängste schürt und die eigene Politik dann als Abhilfe vor diesen zuvor produzierten Ängsten verkauft, ähnlich einem Versicherungsmakler, der mögliche Katastrophen an die Wand malt, damit er einen möglichst hohen Versicherungsvertrag abschließen kann. Eine solche Masche ist relativ leicht zu durchschauen. Wieso aber bekommen die Populisten immer mehr Zulauf, wenn zugleich der Wohlstand steigt und steigt, die Sicherheitslage objektiv besser wird, der Bildungsgrad in allen Schichten angehoben wird und das Sozialsystem laufend weiter ausgebaut wird? Folgen die Menschen blind ihren Rattenfängern?

Vielleicht verhält es sich so: Menschen haben im Allgemeinen immer vor etwas Angst, da es so vieles gibt, was unsicher ist. Je komplexer die Welt wird, in der wir leben – und sie wird laufend komplexer, und wir alle arbeiten und konsumieren dafür –, desto mehr Risiken und Gefahrenquellen tun sich auf. Wer ein Smartphone sein Eigen nennt, hat das Risiko, dass es kaputt geht. Ich frage mich z.B. manchmal, was ein Fluggast macht, der seine Boarding-Karte auf dem Handy hat, wenn sein Gerät eingeht, bevor er ins Flugzeug kommt. Dieses Risiko hat es vor der Einführung von elektronischen Tickets nicht gegeben. Ein massiveres, recht unheimliches Thema ist die Frage, welche Auswirkungen die Einführung von komplexen Maschinen (Robotern) auf das Arbeitsleben haben wird – welche Jobs werden da übrig bleiben? Noch drastischer ist die Ungewissheit, wie sich der stetige Wandel des Klimas auf die elementaren Lebensverhältnisse der Menschheit auswirken wird.

All diese und noch viel mehr andere Unsicherheiten sind Quellen von Ängsten. Wir wissen vieles nicht, was unsere Zukunft anbetrifft, und all das ist Anlass für Besorgnis. Warum also sollten diese Ängste nicht in die Wahlentscheidung einfließen? Und da die Welt nicht überschaubarer oder kalkulierbarer wird, ist es wahrscheinlicher, dass Wahlen immer mehr von Ängsten dominiert werden, ob sie nun manipulativ erzeugt und verstärkt wurden oder nicht.

Wir wissen, dass Ängste nicht naturgesetzmäßig durch komplizierte äußere Bedingungen hervorgerufen werden. Wir „müssen“ also nicht Angst kriegen angesichts der Unübersichtlichkeit der gesellschaftlichen Entwicklung. Wir können auch den Moment wahrnehmen und darauf vertrauen, dass uns der nächste Schritt im Leben die Lösung für das Problem zeigt, das uns jetzt gerade plagt. Wir können die Wurzeln unserer Ängste erforschen und befrieden und auf diese Weise immer mehr Gelassenheit und Achtsamkeit kultivieren. Wir haben diese Optionen, sie erfordern aber auch unser Engagement und unseren Mut. Wir müssen den Hang zu Gewohnheiten und Bequemlichkeiten überwinden, denn selbst und gerade mit halbbewussten Ängsten lässt es sich ganz angenehm leben.

Alle hingegen, die diese Option nicht wählen, bleiben weniger Marionetten der Politiker, die ihre Ängste für die eigenen Machtzwecke ausnutzen, als viel mehr noch Marionetten ihrer inneren Grenzen, in denen die Ängste genährt, wenn nicht sogar gemästet werden.

Vielleicht liegt das „Gute“ (im Sinn der Bewusstseinsevolution) am Erfolg der Populisten darin, dass sie irrationale Ängste, Zorn, Hass in den Diskurs einbringen, Gefühle, die bislang keine Stimme hatten, obwohl sie in den Tiefenschichten vieler Menschen angelegt sind. Es macht keinen Sinn, mit Statistiken zu belegen, dass die Angst vor Ausländern unberechtigt ist; der Ängstliche will in seiner Angst gesehen und verstanden werden. So weit, so gut. Der nächste Schritt ist entscheidend: Erwächst aus dem Verständnis der Ängste eine Botschaft, die zur eigenen Kraft ermutigt oder eine, die zum Abtreten der Eigenmacht auffordert? Heißt es also im Diskurs: Ja, ich verstehe die Angst und ich vertraue, dass wir Lösungen finden, um die Ängste zu verringern – oder: Ja, ich verstehe die Angst, und du musst mir vertrauen, dass ich die Ursachen deiner Ängste beseitige.

Aus Ängsten kann Kraft und Autonomie erwachsen. Wir müssen dazu unsere Ängste ernstnehmen, in uns selbst und mit-einander, und sie in uns annehmen. Dann bestimmen sie nicht mehr unsere Entscheidungen und Handlungen. An die Stelle von Ängsten tritt die Freiheit, die uns erlaubt, unsere Menschlichkeit und Liebesfähigkeit zu erweitern und zu vertiefen.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Emotionale Erpressung und der Ausweg

Die US-Psychologin Susan Forward hat den Begriff der emotionalen Erpressung geprägt, um ein Muster dysfunktionaler Beziehungen zu beschreiben, in dem die eine Person versucht, das Verhalten der anderen durch das Ansprechen von Ängsten und durch die Erzeugung von Schuldgefühlen zu kontrollieren, um auf diese Weise den eigenen Willen durchzusetzen.

Emotionale Erpressung kommt in allen Formen von Beziehungen vor: in Liebesbeziehungen ebenso wie in Arbeitsverhältnissen, in Eltern-Kind-Beziehungen, Freundschaften usw. Auch wenn es zunächst so ausschaut, als wäre der Erpresser der Bösewicht, funktioniert emotionale Erpressung nur, wenn das Opfer mitspielt. Bei beiden Seiten sind es frühkindliche Erfahrungen, die die jeweiligen Verhaltensweisen prägen, also nur in den seltensten Fällen ist es einem Erpresser bewusst, was er macht, vielmehr nimmt er an, dass er gar keine andere Wahl hat, als Druck auszuüben. Ebenso meint das Opfer, dass es keine andere Möglichkeit hat, als dem Druck nachzugeben, um Schlimmeres zu verhindern.

Vier Typen von emotionalen Erpressern


Der Bestrafer
: Er lässt sein Opfer genau wissen, was er will und mit welchen Konsequenzen es zu rechnen hat, wenn es sich nicht fügt. Er kann seine Rolle aggressiv oder still und verschlossen vor sich hin brütend ausüben, doch ist die Wut, wenn die eigenen Forderungen nicht erfüllt werden, direkt auf das Opfer gerichtet.
Der Selbstbestrafer: Er richtet seine Drohungen gegen sich selbst und malt seinem Opfer aus, was er sich alles antun wird, wenn er nicht bekommt, was er will. 

Der Leidende: Er besitzt ein Talent für Schuldzuweisungen und für das Erzeugen von Schuldgefühlen. Er verlangt von seinem Opfer, dass es herausfindet, was er will. Er geht davon aus, dass immer der andere dafür sorgen muss, dass die eigenen Wünsche erfüllt werden.
Der Verführer: Er stellt seinen Beziehungspartner vor Tests und verspricht ihm etwas Wunderbares, wenn er die Aufgaben besteht.

Allen Typen gemeinsam ist die Vorgangsweise, bei der Durchsetzung eigener Bedürfnisse mit Konditionalsätzen zu arbeiten: Wenn du A nicht tust, wird B passieren. Oder: Nur wenn du A tust, wird C passieren. Mit Bedingungen wird der Handlungsspielraum der anderen Person eingeengt, sie hat nur die Möglichkeit, zuzustimmen oder abzulehnen.

Sechs typische Phasen der emotionalen Erpressung


1. Forderung
Ein Beziehungspartner äußert einen Wunsch, von dem er nicht abweicht und dessen Erfüllung er unbedingt erreichen will. Damit wird der Wunsch zu einer Forderung. Meistens wird der Wunsch so dargestellt, dass er auch dem Beziehungspartner entgegenkommt und für die Beziehung unabdingbar ist.

2. Widerstand
Der andere Beziehungspartner reagiert mit Widerstand, weil er sich überrumpelt, übergangen oder missachtet fühlt.

3. Druck
Der erpressende Beziehungspartner erhöht den Druck, indem er z.B. immer wieder mit dem Thema anfängt und darauf insistiert, dass der eigene Wunsch erfüllt werden muss. Es kann zu Abwertungen kommen wie: „Was bist du für ein egoistischer Partner“. Unbewusst wird gehofft, dass damit im Partner Schuldgefühle erweckt werden können, die diesen zur Erfüllung der eigenen Forderung motivieren. Eine weitere Strategie besteht darin, den Partner mit anderen Personen zu vergleichen, die so agieren, wie es der Erpresser von seinem Opfer verlangt, oder die die gleichen Werte und Ziele wie der Erpresser vertreten.

4. Drohungen
Wenn der Widerstand im Sinn des Nicht-Eingehens auf die Forderung weiter besteht, werden Konsequenzen angedroht. Drastisch wird ausgemalt, was passieren könnte, wenn der Wunsch, der zur Forderung geworden ist, nicht erfüllt wird.

5. Unterwerfung
Manche Partner reagieren dann mit Nachgeben, bleiben aber dann in einem häufig unbewussten Ressentiment. Sie nehmen ihre Willenskraft zurück, um Frieden in der Partnerschaft zu haben. Allerdings ist dieser brüchig.

6. Wiederholung
Nach dem Erfolg gibt der erpressende Beziehungspartner Ruhe, und der andere freut sich über die Harmonie, obwohl ein unterschwellig ungutes Gefühl bleibt. Der Erpresser hat gesehen, wie er seine Ziele durchsetzen kann. Sein Partner hat verstanden, wie das Muster aus Forderung, Druck und Drohung schnell beendet werden kann: Durch Unterwerfung und Aufgeben. Damit ist der Wiederholung Tür und Tor geöffnet.

Die emotionale Atmosphäre


Jeder Mensch kennt die emotionalen Zustände von Angst, Verpflichtung und Schuld. Wir haben die unterschiedlichsten Ängste, die aber im Kern mit Beziehungen zu tun haben, weil wir als kleine Kinder von Beziehungen abhängig waren und Ängste entwickelt haben, die uns davor warnen sollten, dass wir diese Beziehungen aufs Spiel setzen. Daraus entwickelt sich später das Pflichtbewusstsein, das seine konstruktiven Seiten hat, weil wir für die Menschen in unserer Umgebung Verantwortung übernehmen müssen. Schuldgefühle erinnern uns an Fehler, die uns unterlaufen sind, an Situationen, die wir gerne rückgängig machen würden.

Im Allgemeinen können wir mit diesen Gefühlen gut umgehen, doch im Fall der emotionalen Erpressung werden diese Gefühle in den Dienst des Beziehungsstreites gestellt. Forward schreibt: „Erpresser drehen die Lautstärke hoch, dröhnen ihr Opfer so zu, dass es wider besseren Wissens fast zu allem bereit ist, um diese Gefühle wieder auf ein normales Maß zurückzuschrauben, so unwohl fühlt es sich. Ihr Nebel aus Angst, Pflicht- und Schuldgefühlen löst Reaktionen aus, die fast so automatisch sind wie das Zuhalten der Ohren mit den Händen, sobald eine Sirene kreischt. Das Opfer hat wenig Gelegenheit nachzudenken und vermag nur zu reagieren – darin liegt der Schlüssel wirkungsvoller emotionaler Erpressung. Wenn Erpresser ihr Opfer unter Druck setzen, dann ist zwischen dem Auftreten des Gefühls von Unbehagen und dem Erleichterung schaffenden Handeln praktisch keine Pause.
Auch wenn es sich nur so anhört, als handle es sich um einen gut durchdachten Prozess, schaffen die meisten Erpresser den Nebel aus Angst, Pflicht- und Schuldgefühlen doch, ohne dass es ihnen selbst bewusst wird.“ (S. 58) 

Anmerkung: Im englischen Original ergeben die Anfangsbuchstaben von fear, obligation und guilt das Wort „fog“.

Wie Erpresser mit Ängsten arbeiten:
Tu die Dinge so, wie ich es will, und ich werde dich nicht verlassen, dich nicht abwerten, dich nicht anschreien, usw. (S. 59)

Sätze, die das Pflichtgefühl ansprechen:
•    Eine gute Tochter sollte Zeit mit ihrer Mutter verbringen.
•    Ich arbeite Tag und Nacht für diese Familie, und das Geringste, was ich von dir erwarten kann, ist, dass du da bist, wenn ich nach Hause komme.
•    Ehre deinen Vater (und gehorche!).
•    Der Chef hat immer Recht. (S. 66)

Ein Beispiel für die Schuldgefühl-Dynamik:
1.    Ich teile einer Freundin mit, dass ich heute Abend nicht mit ihr ins Kino gehen kann.
2.    Sie regt sich auf.
3.    Ich fühle mich schrecklich und bin davon überzeugt, dass es meine Schuld ist, dass sie sich aufregt. Ich fühle mich als schlechter Mensch.
4.    Ich sage meine anderen Verabredungen ab, damit wir zusammen ins Kino gehen können. Sie fühlt sich besser, und ich fühle mich besser, weil sie sich besser fühlt. (S. 72)

Emotionale Erpressung beenden


Das Erpressungsopfer muss in sich den Nebel aus Angst, Verpflichtung und Schuld auflösen. Im Lauf der Kindheit sind diese Gefühlsmuster als Überlebensstrategien entstanden; im Erwachsenenalter führen sie in die Erpressungsfalle. Wenn an die Stelle der Ängste die Kraft der Selbstbehauptung tritt, wenn Pflichtbewusstsein durch Verantwortung und Schuldgefühle durch Selbstannahme ersetzt werden, wenn also der erwachsene Realitätssinn die Oberhand über die Gefühlsmuster aus der Kindheit gewinnt, hat der Erpresser keine Chance mehr. Entweder gibt er seine Strategie auf oder das Opfer beendet die Beziehung.

Literatur: Susan Forward, Donna Frazier: Emotionale Erpressung. Wenn andere mit Gefühlen drohen. München: Goldmann Verlag 2000

Samstag, 7. Oktober 2017

Bewerten: Anmaßung und Beziehungsstörung

Bewertungen schlagen einen Keil in den Beziehungsraum, schreibt Annette Kaiser in ihrem Buch: Erwachende Seele. Die zwölf Phasen des Gebets (München: Kösel 2010). Immer wieder sind wir verletzt, wenn wir von nahestehenden Menschen abgewertet werden. Immer wieder verfallen wir selbst ins Bewerten, wenn wir uns über etwas oder jemanden ärgern, und richten damit in den Beziehungsräumen Schaden an.

Wenn ich eine andere Person oder ihr Verhalten bewerte, stelle ich mich über sie. Ich gebe vor, dass ich über einen Maßstab verfüge, an dem ich Menschen abmesse, und lege diesen Maßstab an, wie ein Schneider an den Anzugsstoff. Ich will über die Messung feststellen, ob die andere Person zu meinen Kriterien passt. Das ist grundsätzlich nicht falsch und etwas, das wir die ganze Zeit automatisiert machen: Was passt zu uns, was unterscheidet sich von uns, was gefällt uns, was nicht, wer ist uns sympathisch, vor wem müssen wir uns in Acht nehmen usw. Diese unbewusst fortwährend ablaufenden Bewertungen dienen ja dazu, dass wir uns in der unübersehbaren Vielgestaltigkeit der Welt zurechtfinden.

Wenn wir die Bewertungen auf die bewusste Ebene bringen und sie in die Kommunikation einbringen, gilt es, ethisch mit ihnen umzugehen. Wir müssen uns klarmachen, dass sowohl unsere Maßstab als auch die Kriterien, der er abbildet, aus unseren eigenen Normen von richtig und falsch abgeleitet sind. Wir nehmen an, dass unsere eigenen Maßstäbe und Kriterien richtig sind und dass sie andere notwendiger Weise und zu ihrem besten Nutzen übernehmen sollten und dass mit ihnen etwas falsch ist, wenn sie das nicht tun.

In der Bewertung gebe ich also vor, eine übergeordnete objektive Position einnehmen zu können, von der ich auf andere herunterschauen kann, die an einem objektiv auffälligen Mangel leiden, nämlich dass sie meine objektiv überlegenen Standards nicht teilen. Mit der Bewertung will ich erreichen, dass sie auf diesen Mangel aufmerksam werden und gebe ihnen die Chance, den „besseren“ Standard zu übernehmen. Dann kann ich von meiner Bewertung lassen; im anderen Fall muss ich sie aufrechterhalten, bis bei der anderen Person eine Besserung, eine Veränderung in meine Richtung eingetreten ist. 


Die Überheblichkeit im Bewerten


Als Bewerter bin ich von der Überzeugung getragen, dass ich der anderen Person etwas Gutes tue, wenn ich sie bewerte, weil ich meine, ich müsse sie auf ihrem Irrtum, der ihr ja schadet, aufmerksam machen. Wenn sie meine Standards übernähme, würde sie von diesem Irrtum genesen, ein besserer Mensch werden –  und mir mein Leben leichter machen.

Das Ego mischt sich beim Bewerter also mehrfach ein: Zum einen will es im ethischen und kognitiven Sinn besser sein als die bewertete Person. Zum zweiten will es vermeintlich Gutes für die Adressatin der Bewertung und zum dritten möchte es ein eigenes Problem aus der Welt schaffen, an dem es leidet, das es sich aber nicht anschauen möchte. Für das Ego ist es immer die Patentlösung, dass andere sich ändern, wenn es Probleme mit ihnen hat.


Die Seite des Empfangens


Aus der Sicht des Empfängers der Bewertung betrachtet, schaut das Bild naturgemäß anders aus. Nur wenn die emotionale Schwingung, mit der die Bewertung ausgesprochen wird, wertschätzend und annehmend ist, also wenn die Bewertung im Rahmen einer gleichrangigen Beziehung ohne Involvierung des Egos geäußert wird, wird sie der Empfänger als Hilfe und Unterstützung annehmen können. Sobald sich auf der emotionalen Ebene Überheblichkeit und Besserwisserei oder sogar aggressive Ablehnung dazumischt, wird die Bewertung als verletzend und beleidigend empfunden. Die Kommunikation erleidet eine Störung und Belastung, und der Beziehungsraum wird in Mitleidenschaft gezogen.

Bewertungen können also schnell zu kommunikativen Waffen werden, mit denen wir andere Menschen in Frage stellen und sie auf diese Weise in ihrem Existenzrecht bedrohen. Sie dienen uns dazu, uns anzumaßen, über andere Macht auszuüben, nämlich die Macht, Wert zu- oder abzusprechen. Eine ethische Einstellung zu anderen Menschen beginnt mit dem Anerkennen des individuellen Wertes jedes Menschen. Das ist die Grundlage für zwischenmenschlichen Respekt: Jeder Mensch ist gleich viel wert. Niemand kann mehr Wert für sich beanspruchen als jemand anderer. Nur wenn diese Ebene sicher und von Vertrauen getragen ist, macht es Sinn, andere Menschen auf ihre Schwächen und Fehler aufmerksam zu machen.


Das ökonomische Werten


Hier trennt sich die ethische von der ökonomischen Einstellung. In der letzteren hat alles einen unterschiedlichen Wert, Dinge sowieso, deren Wert in einem Preis berechnet wird, und Menschen ebenfalls, die mittels der unterschiedlichen Verfügung über Dinge (messbar an der Menge an Geld und Sachwerten, die die betreffende Person besitzt) auf einer unendlichen Skala voneinander unterschieden sind. Für US-Amerikaner ist ihr Jahreseinkommen Teil ihrer Identität. Der ökonomische Wert kann in Zahlen ausgedrückt werden und ist damit eindeutig fixiert. Er wird vom Markt bestimmt und ändert sich gemäß Angebot und Nachfrage.

Auf der ethischen Ebene hingegen lassen sich die Menschen nicht quantitativ (=messbar) voneinander unterscheiden, sondern qualitativ. Diese Unterschiede können nicht mit einer Messlatte verglichen werden, weil jeder Mensch einen eigenen Maßstab bräuchte. Qualitative Unterschiede können nicht eindeutig bewertet werden, wir können sie nur differenziert beschreiben, wie wir die Unterschiede zwischen den Blättern eines Baumes oder den Blüten einer Pflanze verbal oder zeichnerisch darstellen können, aber nicht in Zahlenverhältnissen. Menschen sind unausschöpflich und unausdeutbar, unbegrenzt und unendlich individuell im Sinn von einzigartig. Deshalb gibt es keine ethisch vertretbare Rangfolgen unter den Menschen, keine Rankings, sondern eine grundsätzliche Gleichbewertung der jeweiligen Individualität.

Auf der ethischen Ebene wissen wir, dass die menschliche Gemeinschaft nur auf dieser Grundlage existieren kann, dass sie somit auch die Basis für jede Form von Ökonomie darstellt. Menschliche Gesellschaften können nur einen begrenzten Rahmen von Ungleichheit und Ausgrenzung erlauben, sonst brechen sie zusammen. Und das Bestreben nach Wertgleichheit unter den Menschen wird immer ein mächtiger Impuls zur gesellschaftlichen Änderung sein. Denn im Grund leiden alle Mitglieder der Gesellschaft an bestehenden Ungleichheiten, die auf Abwertungen von Menschen gegründet sind. Die Kerben, die sich durch die Gesellschaft ziehen, betreffen alle, ob sie auf der einen oder auf der anderen Seite stehen. 


Zum Ursprung des Bewertens


Wir verstehen und erkennen leicht, dass das Bewerten ein Reflex ist, der aus unserer Kindheit stammt. Eltern sind oft der Meinung, dass sie ihre Kinder in eine bestimmte Richtung erziehen müssen, die sie für richtig und förderlich erachten, und versuchen das innere Wachstum ihrer Sprösslinge mit positiven wie negativen Bewertungen auf diesen Weg zu lenken. Kleine Kinder nehmen grundsätzlich an, dass die Eltern mit ihren Ansichten und Strategien Recht haben, obwohl sie spüren, dass sie in ihrem Sein und Werden beschnitten werden.

Üblicherweise tun wir unseren Mitmenschen das an, was uns als Kindern angetan wurde, zu einem Zeitpunkt, als wir uns nicht wehren konnten, sodass wir damals schon den unbewussten Glauben entwickelten, dass es normal und sinnvoll ist, andere Menschen abzuwerten. Sobald wir als Erwachsene irgendwie in die Enge kommen und uns etwas Angst bereitet, haben wir die Strategie des Abwertens bei der Hand, um uns zu schützen. Das ist der einfache psychologische Mechanismus hinter der Gewohnheit des Abwertens, den wir erst außer Kraft setzen können, wenn wir uns den Ängsten stellen, die wir als Kind erlebt haben, wenn uns die Erwachsenen abwertend und abschätzig behandelt haben, am besten in der Gegenwart von einer Person, die uns bewertungsfrei und akzeptierend begegnet.


Zum Weiterlesen: Bewerten im bewertungsfreien Raum

Samstag, 30. September 2017

Hat die Vernunft eine Zukunft?

Wir leben in einer ins Unermessliche wachsenden Informationswelt und sehen uns der Überfülle an Wissen und Meinungen ausgesetzt, sodass wir nichts mehr wie Orientierung und Ordnungsgesichtspunkte brauchen, um uns nicht zu verlieren. Verschiedene Deutungsmächte, die um die Vorherrschaft buhlen, bietet ihre Dienste an, zumeist nicht uneigennützig.

In gewisser Weise erinnert die Situation an das Szenario des europäischen Mittelalters, in dem es das Meinungsmonopol der Kirche gab, die alles, was sich an abweichenden Gedanken am Rande rührte, mit aller Macht unterdrückte. Die Aufklärung machte Schluss mit diesem Machtmonopol und propagierte die Glaubens- und Meinungsfreiheit. Die Wissenschaften etablierten sich statt der Religion als oberste Instanzen der Wirklichkeitsdeutung, auf der Grundlage von nachvollziehbaren und kommunizierbaren Wegen der Erkenntnisgewinnung. Der Anspruch der Wissenschaften, objektives Wissen über die Wirklichkeit anbieten zu können, bot Sicherheit angesichts der schwindenden Deutungsmacht der religiösen Instanzen. Unterstützt wurde dieser Erfolg der Wissenschaften durch die Technik, die ihre Einsichten in alle Arten von Maschinen umsetzte, die in vielen Belangen das Leben der Menschen erleichtern. Die Wissenschaften bieten gültiges Wissen an, weil sie die Erzeugung brauchbare Güter ermöglichen.

Das ist das Credo der Moderne: Wir brauchen uns nur auf die Wissenschaften zu verlassen, dann kann es nur besser und besser werden. So unterschiedliche Geister wie Karl Marx und Auguste Comte waren sich einig im Vertrauen auf die Wissenschaften.

Inzwischen haben allerdings auch die Wissenschaften an Vertrauen verloren, so wie die Moderne insgesamt. Die Ambivalenz der technologischen Entwicklung hat zur Entstehung neuer Ängste beigetragen. Dort, wo uns das Leben leichter gemacht wird, richten wir ungeahnte Schäden an. Wir freuen uns über die Bewegungsfreiheit durch Autos und Flugzeuge, merken aber mehr und mehr, wie der Einfluss auf das Klima, das wir durch die Nutzung dieser Fortbewegungsformen herbeiführen, unsere Lebensqualität bedrohen kann. Durch die Technisierung der Landwirtschaft haben wir mehr als genug zu essen und haben dennoch den Eindruck, dass wir mehr Gifte als gesunde Nährstoffe zu uns nehmen. Offenbar halten sich Gewinne und Verluste in Hinblick auf die technischen Errungenschaften die Waage, oder, je nach Betrachtungsweise, wird gar alles in Summe schlechter und schlechter, je mehr wir den Weg der Technisierung unseres Lebens gehen.

Die Ernüchterung über die furchterregenden Kehrseiten des technischen Fortschritts hat auch zur Relativierung der wissenschaftlichen Autorität geführt. Es ist längst nicht mehr peinlich, wenn Leute ohne wissenschaftliche Ausbildung und Forschungspraxis die Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien in Bausch und Bogen ablehnen und gegen andere Forschungen ausspielen, die der eigenen Ideologie entsprechen. Durch die Allverfügbarkeit von Information gelingt es leicht, Unseriöses als seriös darzustellen, sorgfältige und integre wissenschaftliche Arbeiten zu diskreditieren, indem gegenläufige Ansichten als wissenschaftlich ausgegeben werden, oft ohne, dass Quellen genannt werden, und wenn, dass sich diese Quellen als unwissenschaftlich herausstellen. Nur macht sich selten jemand die Mühe, den Hintergrund von Behauptungen auszuleuchten, und wir sind im postfaktischen „Zeitalter“ gelandet, in dem Fakt und Fiktion ununterscheidbar geworden sind.


Verlust der rationalen Öffentlichkeit


Unterstützt wurde diese Entwicklung durch den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, der seit dem Erscheinen des Buches von Jürgen Habermas im Jahr 1962 dramatische Wendungen vollzogen hat. Es scheint, dass sich im Gegenzug zur Allverbreitung von Information die Deutungsräume sukzessive verengt und fragmentiert haben. Während nahezu das gesamte Wissen der Menschheit allgemein zugänglich ist (vorausgesetzt es gibt einen Internet-Zugang), werden die Foren für die Auswahl und Interpretation der Informationsfülle immer kleinräumiger.

In einem lesenswerten Interview sagt der Philosoph Achill Mbembe: „An die Stelle der Öffentlichkeiten sind mittlerweile Binnengemeinden getreten, Empörungsgemeinschaften von Menschen, die genau dasselbe fühlen und denken; Argumente, rationales Für und Wider, Abwägen dergleichen, das alles verschwindet und wird preisgegeben zugunsten von Gefühlsräumen, wo wir alle nur das suchen, was wir alle ohnehin schon kennen.“

Wenn dieser Befund zutrifft, erfolgt die Verwaltung und Steuerung der öffentlichen Meinung dann konsequenterweise über die Erzeugung von Gefühlsfeldern, über die die überforderten Individuen und Kleingruppen unterhalb der kognitiven Schwelle erreicht werden. Auf dieser Ebene können die fingierten Fakten so eingestreut werden, dass sie bestehende Ängste und Vorurteile verstärken und stereotype Lösungen suggerieren. Die Gefühlsblasen von Gleichgesinnten, die sich auf der Ebene von unbewussten Ängsten zusammenfinden, bräuchten als Korrektiv rationale Diskurse, in denen das Abwägen und Vergleichen von Argumenten stattfindet und eine offene und tolerante Gesprächskultur herrscht. Solche Austauschprozesse können zeigen, dass unterschiedliche Einschätzungen und Meinungen nebeneinander stehen können, ohne dass Brücken abgebrochen werden müssen, dass es vielmehr Überschneidungen gibt, dass gemeinsame Interessen identifiziert und unterschiedliche Bewertungen stehen gelassen werden können.


Die Weiterführung der Aufklärung ist für die Menschheit überlebenswichtig


Gelänge es, die Gefühlslagen, die in den diversen emotionalisierten Meinungsräumen entstanden sind, in die Rationalität von diskursiven Öffentlichkeiten einzubringen, könnte die Demokratie zu neuer Blüte gelangen. Denn die Menschen, die sich offensichtlich in unterschiedlicher Weise emotional instrumentalisieren lassen, sind nicht dumm oder borniert; sie haben nur das Vertrauen verloren (oder nie gehabt), dass rationale Gespräche in einer wertschätzenden Atmosphäre dem gesellschaftlichen Fortschritt dienen, und zwar einem Fortschritt, der alle Teilhaber an der Gesellschaft mitberücksichtigt und deren Gefühlslage miteinschließt.

Ein solcher Fortschritt kann allerdings nicht aufgrund von Gefühlspolitik erreicht werden, wie des bisherige Scheitern der Trump-Administration in fast allen Belangen eindrucksvoll belegt. Nur auf rationaler Ebene wird einsichtig, dass aus unterschiedlichen Interessenslagen (die aus unterschiedlichen Gefühlsprioritäten entstehen), gemeinsame Lösungswege entwickelt werden können. Erst, wenn die Mühen des Dialogs und des Interessens- und Werteaustausches in einer konstruktiven Weise stattgefunden haben, zeigt sich dann die Rückwirkung auf die Gefühlswelten, in denen ein tieferes Vertrauen in das Ganze einer Gesellschaft wachsen kann, das mit jeder Isolation von voreinander abgeschotteten und sich permanent selbst bestätigenden Hassinseln unweigerlich ausgedünnt wird.

Nur die Weiterführung des Projekts der Aufklärung, die Menschheit durch gemeinsame Vernunftarbeit zu einer vertrauensstärkenden und gerechten Willensbildung zu motivieren, wirkt als Gegenmittel zur Entmachtung der Vernunft, die eine Selbstentmachtung der Menschheit darstellt. Haben wir den Mut, immer wieder zu argumentieren, wo nur Gefühle sind, und Gefühle anzusprechen, wo nur rational argumentiert wird, und dies in einer Atmosphäre der Offenheit und des Respekts.

Dort, wo rationale, mit emotionaler Kompetenz geführt Diskurse die Menschen zusammenführen, halten die Wissenschaften ihren gebührenden Rang als unbestechliche und uneigennützige Ergründer der Wirklichkeit. Die Selbstkontrolle und Selbstkritik, die innerhalb der Wissenschaften etabliert ist, bedient sich der gleichen Grundsätze wie sie im gesellschaftlichen Diskurs notwendig sind. Das Vertrauen in die Wissenschaften kann allerdings nur dadurch wieder hergestellt werden, dass die Anwendungen wissenschaftlicher Forschungen im Sinn ihrer technischen Umsetzungen vom gesellschaftlichen Diskurs überwacht und kontrolliert werden müssen.

Die theoretische Vernunft, auf die sich die Wissenschaften stützen, kann den Stellenwert ihrer Wirklichkeitserkenntnis nur von einem funktionierenden sozialen Diskurs erhalten; die soziale Willensbildung kann allerdings ihrerseits nur mit dem Rückhalt der von den Wissenschaften gewährleisteten Qualität an Wissen zukunftsträchtige und sozial gerechte Regelungen aufstellen.