Montag, 26. Juni 2017

Friedrich Nietzsche und die Weisheit des Körpers

Friedrich Nietzsche, der einflussreiche und vieldeutige Denker und Schriftsteller, hat ein Kapitel seines bekannten Buches „Also sprach Zarathustra“ der Preisung des Körpers gewidmet. Konträr zu vielen spiritistischen und spiritualistischen Anschauungen seiner  und unserer Zeit hat er die Leiblichkeit des Menschen ins Zentrum seiner Lehre gestellt. „Leib bin ich ganz und gar, und nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort für etwas am Leibe.“

Nietzsche stellt damit eine selbständige Existenz der Seele in Abrede. Es gibt keine Seele ohne den Körper, eine Einsicht, die auch die zeitgenössische Biologie und Neurowissenschaft nahelegt. Es gibt nichts, was wir als seelisch erleben, das nicht mit einem körperlichen Vorgang verbunden ist und ohne diesen nicht möglich wäre. Ist das eine Kränkung für den stolzen menschlichen Geist, der sich so weit über die Materie erheben kann und ihr offenbar dennoch nicht entkommt?

Der Leib ist eine große Vernunft


 „Der Leib ist eine große Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne (…). Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du »Geist« nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner großen Vernunft.“ In dieser Rangordnung sind wir entstanden: Die organischen Vorgänge unserer Zeugung und Embryonalentwicklung, die von einer großartigen Intelligenz in der Steuerung und Abstimmung verraten, stehen am Anfang, und erst in deren Rahmen entfaltet sich langsam das, was wir als „Geist“ bezeichnen, die bewusste Wahrnehmung, Lenkung und Reflexion. Ohne die organischen Prozesse gibt es keine geistige Aktivitäten, zumindest insoweit wir davon Kenntnis und Erkenntnis haben; und auch die Geister, die von einer von den körperlichen Aktivitäten unabhängigen geistigen Tätigkeit oder Existenz reden, tun dies mit Hilfe ihrer intakten Körperfunktionen – sobald diese aussetzen, kommen auch solche Aussagen nicht mehr zustande.

Weiters ist zu bedenken, dass die hohen Funktionen des Geistes, also seine bewusste Verwendung für das Nachdenken, für mathematische Problemlösung und technische Erfindungen, die große Ausnahme darstellen, während wir uns in der Regel in unserem Alltagsleben mit einfacheren geistigen Abläufen zufriedengeben, wenn wir nicht überhaupt Tagträumen nachhängen. Alle diese kognitiven Prozesse werden direkt von Körpervorgängen gestaltet und gesteuert. Wir brauchen nur einmal darauf darauf achten, wie ein Gedanke entsteht, und merken dabei, dass dieser von irgendwo „aufsteigt“, nicht aber, dass wir ihn „erschaffen“, d.h. selbst das Nachdenken ist ein weitgehend passiver Vorgang, weit von Autonomie und bewusster Steuerung entfernt, und noch weiter sind die anderen, weniger strikten oder kontrollierten Denkformen der bewussten Einflussnahme entzogen. In dem „Aufsteigen“ von Gedanken in unserem Kopf zeigt sich die neuronale Aktivität im Gehirn, die bestimmten organischen Abläufen eine spezielle Qualität hinzufügt, die sie uns allmählich bewusst werden lässt.

„Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe als in deiner besten Weisheit,“ so schreibt Nietzsche weiter. So viele Stoffwechselprozesse müssen in unserem Organismus in Balance sein und optimal arbeiten, damit auch nur ein vernünftiger Gedanken zustande kommen kann. All diese Prozesse regeln sich selbsttätig, ohne bewusste Lenkung, allein durch die Vernunft des Leibes. Deshalb brauchen wir wesentlich mehr von dieser Intelligenz für unser Leben, und unsere gesamte Gelehrsamkeit nützt uns nur wenig, wenn diese Intelligenz ihren Dienst verweigert. In jedem Fall sind unsere besten Weisheiten ursprünglich nichts als Emanationen der leiblichen Vernunft, also von neuronalen Regelkreisen, die ihrer eigenen Logik und ihren eigenen Absichten folgen.

Das stolze Ich


„»Ich« sagst du und bist stolz auf dies Wort. Aber das Größere ist, woran du nicht glauben willst, – dein Leib und seine große Vernunft: die sagt nicht Ich, aber tut Ich.“ Viel bilden wir uns ein auf diese unsere Vernunft und auf das Ich-Bewusstsein, mit dem sie verknüpft ist. Aber auch hier verweist Nietzsche auf den Konstruktionsvorgang, in dem das Ich aus der Vernunft des Leibes erschaffen wird, ohne dass dafür irgendeine sprachliche Aktivität notwendig wäre. Unser Geist hat die Eigentümlichkeit, die Urheberschaft des eigenen Denkens im Dunkeln zu belassen und sich selbst zuzuschreiben. Aus dieser Verschleierung erwächst das stolze Ich, das sich so viel auf sich selbst einbildet, während die Körperprozesse fortwährend die ganze Grundlagenarbeit leisten.

Die Grenzen der leiblichen Vernunft


Es gilt allerdings, eine wichtige Ergänzung zu dieser Geistkritik Nietzsches anzuführen. Neben der Weisheit, über die unser Körper verfügt und mittels derer er jeden Moment unserer Existenz ermöglicht, ist er auch der Speicher unserer Traumatisierungen. Die belastenden Erfahrungen unserer Lebensgeschichte haben ihre Spuren in den Geweben und Organen hinterlassen, bis auf die Zellebene. Unsere emotionalen Leidenszustände sind auch unserem Körper und seinen Angstgedächtnissen zuzuordnen, sodass wir oft im Leben fern von Vernunft und Weisheit agieren, gesteuert von Impulsen aus unserer Physiologie, die aus Überlebensprogrammierungen stammen.

Insoferne wirkt jede Idealisierung des Körpers realitätsfern und naiv, allerdings bietet sie einen eindrucksvollen Kontrapunkt zu allen dualistischen Konzepten, die das Seelische und Geistige vom Körperlichen trennen, um es diesem überordnen zu können. Solche Anmaßungen und Selbstüberhöhung des Menschengeistes hat Nietzsche mit Vehemenz zu bekämpfen verstanden.

Dort allerdings, wo der „Philosoph mit dem Hammer“ eine Gegen-Idealisierung predigt, indem er Einschränkungen und Verzerrungen der Weisheit des Körpers übersieht (die ihn selber die letzten Jahre seines Lebens vollständig der Schaffenskraft beraubt haben), gilt es, von der Kritik von Einseitigkeiten zu einer integrierten Sicht des Menschlichen zu kommen. Das Zusammenspiel von Körperprozessen und geistigen Aktivitäten, die Entstehung des Bewusstseins aus dem Unterbewussten und die interaktiven Abläufe dazwischen führen uns näher zu dem Geheimnis dessen, was wir sind, wenn wir mit Achtsamkeit lauschen, was sich da in jedem Moment abspielt. Dann ist der Geist der Freund, Begleiter und dankbare Helfer des Körpers.


Zitate aus: Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Kapitel 15

Dienstag, 20. Juni 2017

Beklagen – selbsterzeugte Gehirnwäsche

Ein Zitat aus unbekannter Quelle sagt: “Das Heute dafür zu verwenden, um das Gestern zu beklagen, macht das Morgen um nichts besser."

Die Wissenschaftler unterscheiden Typen beim Klagen und Jammern. Da gibt es den Dampfablasser, eine unzufriedene Person, die dauernd ihre Klagen auf die Umwelt verteilt, aber keine Lösungen hören will, wie toll auch immer diese wären. Dann gibt es die Sympathiesucher, die das Motto verbreiten, dass es einem selbst immer schlechter geht als den anderen, wofür man sich ausreichend Trost erwarten kann. Die chronischen Jammerer, die also in einem Zustand des Klagens leben, sind grübelnde Wiederkäuer – sie fixieren sich auf ein Problem und beklagen sich immer wieder darüber. Sie pflegen ihre Sorgen und verschlimmern durch das ständige Klagen ihren Zustand noch weiter.

Beklagen erzeugt Beklagen


Die Hirnforschung spricht von erfahrungsabhängiger Neuroplastizität und meint damit, dass das, was wir dauernd denken, unser Gehirn so verformt, dass wir das Gleiche umso öfter wie von selber denken. Die berühmte Phrase dazu lautet: „neurons that fire together, wire together“ (Neuronen, die gemeinsam feuern, schließen sich zusammen). Beim repetitiven Denken lernt das Gehirn, die gleichen Neuronen immer gleichzeitig zu aktivieren. Ein zu beklagendes Objekt in der äußeren Wirklichkeit wird angeklagt, und durch das Wiederholen der Klage wird das Objekt untrennbar mit der Klage verbandelt, sodass wir gar nicht mehr an das Objekt (den Menschen) denken können, ohne dass die Klagen aufsteigen, bis schließlich auch alle ähnlichen Objekte die Klagereaktion auslösen können.

Übrigens haben die sozialen Medien, z.B. facebook dieses Prinzip übernommen und in ihre Algorithmen übersetzt, und deshalb werden wir auch dort mit ähnlichen Nachrichten gefüttert, sobald wir etwas geliked haben. Unser Nervensystem ebenso wie unser virtuelles Sozialsystem erzeugt zwecks Vereinfachung und Ökonomisierung stereotype Strukturen, die unser Denken und unsere Wirklichkeitsauffassung prägen. Die Realität wird in vorgefärbte Bilder verwandelt, und wir befinden uns in einer Blase, die wir für die Wirklichkeit halten. Wir sehen alles grau oder rosa, was wir schon mal grau oder rosa beleuchtet haben, und es wird grauer und stärker rosa, je öfter wir das wiederholen.

Über das Beschweren


Manchmal beschweren wir uns, wenn uns Übles widerfährt. Das ist ja auch wichtig, damit andere Menschen ihr Verhalten verbessern können. Aber das Wort ist verräterisch: Das Beschweren beschwert uns, vor allem dann, wenn wir es mit nachträglichem Klagen verbinden: Ach, wie gemein, ach, wie schlimm, ach, wie unmöglich sind die anderen Menschen, ach, wie ungerecht meint es das Schicksal mit mir, ach, wie boshaft straft mich das Karma usw. Auf diese Weise machen wir unser Leben schwerer und denken dabei, dass es das Leben ist, das so auf uns lastet. Aber, auch wenn es uns weniger passt, wir beschweren uns selber.

Die Klagereaktion


Jedes Beklagen zeugt neue Klagen. Denn wir binden uns an Negatives, an das, was uns nicht passt. Schon sind wir Verbündete dessen, was wir am liebsten loswerden würden. Unser Gehirn  verstärkt die Einprägung, die Spuren des Negativen verdichten sich. Selbst die scheinbare Entlastung durch das Dampfablassen, das wir nach ausgiebigem Jammern erleben mögen, hinterlässt Nachwirkungen in unserem Wahrnehmungsapparat, der nach einstellungskonformen Objekten sucht und sie in jedem Objekt findet, dem sich die Maske überziehen lässt, die zum Jammern motivieren.

Wir ersetzen die konstruktive Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit durch automatisierte Reaktionen, wenn wir den reflexiven Hiatus, die achtsame Unterbrechung zwischen der Wahrnehmung und ihrer Bewertung vergessen. Wir beginnen, die Wahrnehmung mit ihrer Bewertung zu verwechseln und meinen konsequenterweise, dass die Realität, z.B. die anderen Menschen, die Ursache für unsere beklagenswerten Zustände sind und nicht unsere Bewertungen. Wir bauen uns ein standardisiertes Weltbild auf, das sich mit jeder Klage selbst bestätigt. Mehr und mehr werden wir zur Robotern, die zwar lernfähig sind, aber immer wieder nur für das Verfestigen des Gleichen.

Das Üben der Achtsamkeit


Wie kommen wir heraus aus dieser Form der Selbstverkapselung, der Selbstdestruktion, die sogar Suchtcharakter annehmen kann? Bei der Anwendung der Achtsamkeit auf die Gewohnheiten des Klagens verlangsamt sich der Reaktionsmechanismus, indem er bewusst verfolgt wird. Was läuft gerade ab im eigenen Denken und Reden? Diene ich mir und der Welt damit oder nicht?

Damit können wir zwischen dem Außenreiz und seiner inneren Verarbeitung eine Unterbrechung einbringen, die uns klar macht: wir sind es jetzt gerade, die einen Aspekt der Außenwelt nicht so akzeptieren können, wie er eben ist. Stattdessen hängen wir ihm ein hässliches oder schädliches Mäntelchen um und beschweren uns gleich über seine Unansehnlichkeit und Widrigkeit. Wir haben wieder etwas zum Beklagen.

Mit der Achtsamkeit ertappen wir uns selbst: Wir haben den Blödsinn selber angestellt, über den wir uns so lautstark beklagen. Wir sind es, die damit aufhören können, sofort, jetzt, in diesem Moment. Und wir sind es ganz allein, die den Schlüssel in der Hand haben, wenn es darum geht, ob wir in einer schrecklichen oder in einer annehmlichen Welt leben.

Das Üben der Dankbarkeit


Wir können nicht zugleich klagen und dankbar sein. Das Klagen bezieht sich auf etwas, das wir aus unserem Leben entfernen wollen, während das Danken etwas meint, was bleiben und sich vermehren soll. Also ist das Üben der Dankbarkeit ein Gegenmittel gegen das Klagen und Jammern. Wofür kann ich jetzt gerade dankbar sein? Was gibt mir jetzt gerade Grund für Freude an meinem Leben? Sobald ich mich in diese Richtung orientiere, hört meine klagende Einstellung zum Leben auf. Unser Gehirn lernt neue Regelkreise und freut sich daran. Von allem, woran es sich freut, will es mehr. Es spielt dabei keine Rolle, ob wir uns über einen Lottogewinn, einen Sonnenstrahl zwischen den Wolken oder über eine besondere Wolkenformation freuen und diese Freude mit Dankbarkeit verbinden. Wir brauchen nichts Exorbitantes, nicht einmal Überraschendes, um Dankbarkeit zu üben. Es genügt, das Augenscheinliche in seiner Besonderheit zu sehen und damit besonders zu würdigen.

Mit der Einstellung der Dankbarkeit unterbrechen wir unsere Reaktionsmuster, die uns zum Klagen und Jammern verleiten. Wir verbinden uns aktiv mit der Wirklichkeit, indem wir sie bewusst anschauen, ihr also unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Gleich zeigt sich diese Außenwelt in anderer Gestalt, präsentiert sich für uns mit anderen Facetten, und plötzlich erkennen wir, dass sie uns mag. Wenn wir gemocht werden – worüber sollen wir dann noch klagen?

Dieser Text ist durch einen Artikel von Annie Wood motiviert, der hier nachgelesen werden kann.

Hier zu Information und Anmeldung für den nächsten Achtsamkeitskurs im Herbst 2017.

Montag, 19. Juni 2017

Die Befreiung vom Sorgenmachen

Wir machen uns Sorgen. Bedanken wir uns bei der deutschen Sprache, die uns darauf aufmerksam macht, was es mit dem Sorgenmachen auf sich hat. Wir sind es, die Sorgen machen; niemand sonst in der Welt kann Sorgen erzeugen und erleben, nur wir selber. Es gibt keine Sorgen in der äußeren Welt, das sind Phänomene, die wir allein aus unserem Inneren kennen. Wenn uns andere von ihren Sorgen erzählen, können wir aus unserer inneren Bekanntschaft mit dem Sorgenmachen nachvollziehen, was die anderen damit meinen und wie es ihnen im Zustand des Besorgtseins geht.

Die Sprache hat die Sorge in dieser Phrase mit Reflexivität versehen:  Sorgen sind immer rückbezüglich und selbstreferentiell. Im Sorgenmachen sind wir Subjekt und Objekt in einem. Ich kann niemand anderen in Sorgen versetzen, nur mich selbst.

Wir reden gerne über unsere Sorgen. Wenn wir sie teilen, erwarten wir die Entlastung von unseren Gesprächspartnern. Sie sollen uns zumindest verstehen und bestätigen, wie sehr wir unter der Last der Sorgen leiden. Sie sollen uns trösten und uns überzeugen, dass alles nicht so schlimm ist und kein Grund zur Sorge besteht. Sie sollen uns für andere Perspektiven öffnen, die zeigen, dass die Welt nicht in dem Maß gefährlich und bedrohlich ist, wie wir in unserer Sorge glauben.

Jedoch können wir uns im Grund nur selbst entsorgen, von der Sorge entlasten. Wir haben die Sorge gemacht, wir müssen sie wieder entfernen. Wir haben ihr Macht über uns und unser Innenleben gegeben, wir müssen diese Macht wieder zu uns zurückholen, wenn wir einen dauerhaften Schaden durch die Last der Sorgen vermeiden wollen.

Die Sprache, die uns darauf aufmerksam macht, dass wir die Macher unserer Sorgen sind, führt uns zurück zur Selbstverantwortung. Mit jeder Sorge fühlen wir uns als Opfer übermächtiger Umstände. Wir wissen nicht, wie wir mit etwas, das gerade unser Leben beeinflusst oder in Zukunft beeinflussen könnte, umgehen sollen, ob wir damit zurecht kommen oder ob es mächtiger ist als unsere eigenen Kräfte.

Indirekt erkennen wir jedoch: Was wir machen, dem geben wir unsere Macht, und diese fehlt uns dann, sodass wir uns ohnmächtig fühlen. Dieser Selbstentmächtigung können wir entkommen, indem die Verantwortung zu uns zurückholen und sie in ihrer Radikalität annehmen: Es gibt nichts an unserem Erleben der Welt, das wir nicht selber, in uns, erzeugt haben, bewusst oder unbewusst. Die Wirklichkeit ist immer, wie sie ist, ob uns das passt oder nicht. Wir sind dafür zuständig, wie sie in uns ankommt, wie sie von uns weiterverarbeitet wird, und welche Stimmungen und Gefühle dabei entstehen. Wir brauchen nicht darauf zu warten, dass sich die Wirklichkeit ändert, bis wir wieder entspannen können, wir brauchen nur die Verantwortung zu uns nehmen und die Kraft spüren, die mit diesem Akt verbunden ist. Sie hilft uns, die Ressourcen in uns zu mobilisieren, mit deren Hilfe wir die Herausforderungen des Lebens bewältigen können.

Die Sorgen helfen uns dabei nur insofern, als sie uns vor die Entscheidung stellen, in der Opferrolle zu verbleiben oder aktiv handelnd die Verantwortung zu übernehmen. Wir können sie nutzen, uns bewusst zu machen, dass es nur darum geht, die Urheberschaft und die Macht zu uns selber zurückzuholen. Das ist der beste Weg zum sorgenfreien Leben.

Freitag, 16. Juni 2017

Postmoderne Spiritualität

Ich beziehe mich auf einen Artikel von Susanne Jacobowitz, um das Thema der postmodernen Spiritualität näher zu erörtern.  Der Begriff der Spiritualität hat bis zu seiner aktuellen Verwendung eine Geschichte hinter sich. Zunächst entsteht er zur Bezeichnung einer verinnerlichten Religiosität im traditionellen Rahmen der Kirchen. Er heißt dabei so viel wie Frömmigkeit, später  versteht man darunter eine „existentiell vollzogene Lebenshaltung“ (Johannes Gründel), bis der Begriff dann schließlich der alleinigen Deutungsmacht der Theologie entzogen wird. Spiritualität und Religion werden zu unterschiedenen Sphären, die sich zwar nicht notwendigerweise gegenseitig ausschließen, aber nur mehr teilweise decken, wobei der Trend in die Richtung zu gehen scheint, dass der Überschneidungsbereich zunehmend kleiner wird.

Wenn man sich ein Kontinuum im Verhältnis von Religion und Spiritualität vorstellt, so reicht das von Positionen, die jeden Einfluss von Religion auf die Spiritualität als irreführend und schädlich verstehen, bis zu Positionen auf der anderen Seite, die alle Formen von Spiritualität ohne Religion als fehlgeleitet und illusionär einschätzen, mit Tendenzen, dass die letztere gegenüber der ersteren Position schwächer wird. Immer mehr Menschen definieren sich selbst als spirituell, aber nicht als religiös im Sinn der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft bzw. im Sinn der Anerkennung von deren Lebensregeln und Glaubensartikeln.

Diese Tendenz wäre auch deshalb nicht verwunderlich, weil sie dem übergeordneten Trend zur Säkularisierung entspricht, zum Bedeutungs- und Deutungsverlust der Religionen im Zug der Modernisierung und erst recht der Postmoderne. Die Wende zum Subjekt und zur subjektzentrierten Vernunft läuft den vorgefassten, traditionsbasierenden Strukturen entgegen, sodass vorgegebene, von der religiösen Autorität verkündete Glaubensinhalte ohne entsprechende subjektive Erfahrungen keine Deutungsmacht mehr beanspruchen können. Religiöse Autoritäten können sich nicht länger allein kraft ihres Amtes legitimieren, sondern werden vor allem aufgrund subjektiver Authentizität, also aufgrund ihrer persönlichen Spiritualität anerkannt. Der Dalai Lama hat sich weltweiten Respekt durch seine offene und authentische Art verschafft, auch und gerade bei Menschen, die wenig mit Religionen am Hut haben. Vielen gilt er weniger als Vertreter der buddhistischen Lehre, sie fühlen sich mehr durch die Religionen übergreifende Spiritualität und spirituelle Lebenspraxis angesprochen, die der Dalai Lama verbreitet.

Der Trend zur subjektivierten Spiritualität hat also längst auch schon die etablierten Religionen erreicht. Eine aktuelle österreichische Studie weist nach, dass diese Entwicklung die moselmische Glaubensgemeinschaft erreicht hat. Und es wundert auch nicht, dass in der katholischen Kirche ein Papst gewählt wurde, der besonders durch seine glaubhafte Weise, einen spirituellen Alltag zu leben, viele über die Grenzen der Religionsgemeinschaft hinaus erreichen kann.

Auf der Strecke bleiben die Dogmen und die autoritären Strukturen. Der moderne Mensch, dessen Selbstbewusstsein auf den Errungenschaften der Befreiungsbewegungen und Emanzipationsbestrebungen beruht, vermeidet starr vorgegebene Regelwerke und Systeme, die die Unterwerfung des Individuums verlangen, wie der Teufel das Weihwasser, um diese religiöse Metapher in diesem Zusammenhang ironisch zu gebrauchen. Und der postmoderne Mensch hat nicht einmal mehr ein Problem damit, dass es Kirchen für ihre Anhänger gibt. Sie sollen allerdings sich tunlichst aus den Belangen des Staates heraushalten und können im öffentlichen Diskurs keine privilegierte Rolle mehr beanspruchen. Jeder soll seinen eigenen Weg zum Geist- und Seelenheil suchen und gehen.

Die integrale Lebensweise und Praxis, die ein Produkt der Postmoderne ist, legt wert auf das Einschließen aller Dimensionen des Menschlichen, die alle von Begrenzungen und Behinderungen befreit werden sollen. Dabei nimmt auch die Spiritualität einen ganz wichtigen Stellenwert ein, allerdings eben nicht in Form einer durch Traditionen und Lehrsätzen eingeengten Religiosität, sondern in der möglichst weiten Freiheit für die eigene Sinnsuche und Sinngebung.

Die Konjunktur dieser postmodernen Spiritualität ist insofern von Vorteil, dass sämtliche Lebensbereiche spirituell durchdrungen werden können. Damit scheint sich so etwas wie eine Renaissance der mittelalterlichen Religiosität mit ihrer alle Lebensbereiche durchdringenden Wirkung zu entwickeln, allerdings unter religionsfreien, d.h. kirchenunabhängigen neuen Vorzeichen. Das spirituelle Leben ist nicht auf explizit religiöse Räume wie heilige Stätten, Gebetshäuser oder Klöster eingeengt, sondern bewährt sich vor allem „auf dem Marktplatz“, in den verschiedenen Bereichen des profanen Lebens. Es gibt demnach spirituelle Leadership, Pädagogik, Politik und Ökologie, und die spirituelle Dimension nimmt einen wichtigen Platz im Bereich von Therapie und Selbstentfaltung ein. Spiritualität kann in die Kindererziehung ebenso einfließen wie in die Zubereitung von Mahlzeiten oder die Pflege des Gartens und die Reinhaltung einer Wohnung. Das Prinzip der Achtsamkeit kann in jede Form der Tätigkeit eingeflochten werden, sodass es keinen Unterschied mehr zwischen dem sakralen und dem profanen Bereich des Lebens gibt: Alles Tun mit Bewusstheit zu verbinden und jede Kommunikation mit Empathie zu führen.


Besonderheiten postmoderner Spiritualität


Jacobowitz benennt vier Eigenschaften der postmodernen Spiritualität:

  • Privat (Meditationspolster und Gebetsteppiche statt Kirche und Moschee)
  • Erfahrungsbetont (Suche nach persönlicher Erfahrung statt nach dem Halt in einem Glaubenssystem)
  • Individualistisch und selbstbestimmt (individuelle Auswahl aus einem breiten Angebot statt das Bekenntnis zu einer Tradition)
  • Eigendienlich (ausgerichtet auf die eigene Bedürfnisbefriedigung und Lebensverbesserung)

Dazu ein paar Anmerkungen: Die Privatheit postmoderner Spiritualität heißt nicht, dass sie nur im eigenen Kämmerlein praktiziert wird. In vielfältiger Form wird sie in Seminaren und Retreats vermittelt und geübt. Es entstehen Gemeinschaften von Menschen, die einen ähnlichen meditativen Weg gehen, allerdings zumeist in freier und wenig institutionalisierter Form. Deshalb trifft es auch nicht überall zu, dass die Praxis nur eigendienlich ist. Vielmehr beinhaltet der spirituelle Weg für viele die Verstärkung der empathischen und liebevollen Hinwendung zu anderen Menschen. Auch wenn die Suche der inneren Erfahrung dient, wird vielen Menschen deutlich, dass solche Erfahrungen stark mit den Menschen verbunden sind, mit denen sie geteilt werden oder die durch ihre Anwesenheit zur Vertiefung beitragen. In diesem Zusammenhang kann auch die individualistische Auswahlhaltung relativiert werden: Zwar ist die postmoderne Spiritualität ohne persönliche Autonomie nicht möglich, ja setzt diese sogar voraus. Aber das muss nicht zwangsläufig zur Folge haben, dass der spirituelle Weg alleine von Vorlieben oder Abneigungen, frei von allen Traditionen gesteuert ist. Traditionen spielen auch hier eine Rolle, aber nicht mehr im Sinn einer unhinterfragbaren Autorität, sondern im Sinn von Leitlinien, die an die Lebenswelt und die eigenen Erfahrungen angepasst werden.

Der postmoderne spirituelle Weg ist ein Lernweg, und jeder, der ihn geht, weiß oder erfährt, dass er mit Herausforderungen verbunden ist, die vor allem nicht darin bestehen, bestimmte Lehrinhalte oder praktische Übungen anzueignen, sondern darin, innere Widerstände und Blockierungen zu überwinden, die mit den Erfahrungen der eigenen Lebensgeschichte zu tun haben. Es ist also immer auch ein therapeutischer Weg, der sich nicht in der Pflege von angenehmen Zuständen erschöpfen kann.


Engstellen und Fallen


In dem Artikel werden auch einige Gefahren der Entwicklung zur postmodernen Spiritualität benannt:

  • Selbstbedienungsmentalität: ich nehme mir, was mir in den Kram passt und vermeide jeder Herausforderung, wie sie sich stellt, wenn nur ein Weg offen steht
  • Spiritueller Materialismus: Verfolgung persönlicher Ziele (schöne Erfahrungen, geistige Fähigkeiten, beruflicher Erfolg) – Ich-relativierung statt Ich-Bereicherung
  • Spiritueller Autismus: Weltvergessenheit, Weltverlust
  • Spirituelle Hyperreflexion: Verlust an Spontaneität, Faszination für ego-fixierte Inszenierungen

Solange die spirituelle Orientierung in Konkurrenz zu anderen Lebenszielen steht, statt ihr integraler Teil zu sein, besteht die Gefahr, dass Elemente des materialistischen Bewusstseins die Vorherrschaft einnehmen und spirituelle Praktiken in ihren Dienst stellen. Doch, wie Jacobowitz anmerkt: „Der spirituelle Weg (ist) letztlich nichts Kontrollierbares und Verfügbares“. (30) Wenn wir uns auf einen spirituellen Weg einlassen, gibt es keine sicheren Ergebnisse, sondern Risiken, die wir entweder meistern oder an denen wir scheitern, Überraschungen, die uns näher zu uns oder weiter von uns weg führen. Lernen heißt, alles anzunehmen, wie es kommt, oder, wie Nan-tjüan zitiert wird: „Sei weit und offen wie der Himmel, und du bist auf dem Weg.“


Quelle:

Susanne Jacobowitz: Überlegungen zur postmodernen Spiritualität. Besonderheiten, Chancen, Risiken. In: Bewusstseinswissenschaften 1/2017, S. 21 – 31

Donnerstag, 8. Juni 2017

Demokratisches und autoritäres Wissen

Carl Sagan (1934 – 1996), bekannter Wissenschaftler, Wissenschaftspublizist und Schriftsteller, hat neun Grundsätze für das Feststellen von Wissen formuliert:

1. Wo immer möglich, muss eine unabhängige Bestätigung der „Fakten“ stattfinden.
2. Rege eine substantielle Debatte über die Beweise durch bekannte Proponenten aller Gesichtspunkte an.
3. Argumente von Autoritäten haben wenig Gewicht – „Autoritäten“ haben sich in der Vergangenheit geirrt. Sie werden sich auch in Zukunft irren. Vielleicht kann man es besser so ausdrücken, dass es in der Wissenschaft keine Autoritäten gibt; bestenfalls gibt es Experten.
4. Denk dir mehr als eine Hypothese aus. Wenn es etwas zu erklären gibt, denke an alle möglichen Weisen, in denen es erklärt werden könnte. Dann denke dir Tests aus, mit denen du jede der Alternativen systematisch widerlegen könntest. Die Hypothese, die überlebt, diejenige, die in dieser Darwinistischen Auslese inmitten von „multiplen funktionierenden Hypothesen“ der Widerlegung widersteht, hat eine viel höhere Chance, die richtige Antwort zu sein, als wenn du einfach auf die erste Idee, die deine Vorstellungskraft hervorgebracht hätte, abgefahren wärst.
5. Versuche nicht, einer Hypothese übermäßig anzuhängen, bloß weil sie die deinige ist. Es ist nur eine Wegmarke bei der Wissenssuche. Frage dich, warum du die Idee magst. Vergleiche sie fair mit den Alternativen. Schau, ob du Gründe für einen Widerspruch finden kannst. Wenn du es nicht machst, werden es andere tun.
6. Quantifiziere. Wenn was auch immer, das du erklärst, etwas messbares hat, eine numerische Quantität, die dranhängt, wird es dir viel leichter fallen, zwischen konkurrierenden Hypothesen zu unterscheiden. Was vage und qualitativ ist, ist offen für viele Erklärungen. Natürlich müssen wir Wahrheit in den vielen qualitativen Themen suchen, mit denen wir uns konfrontieren müssen, aber diese zu finden ist herausfordernder.
7. Wenn es eine Kette von Argumenten gibt, muss jedes Glied der Kette funktionieren (die Prämisse miteingeschlossen) – nicht bloß die meistern davon.
8. Ockhams Messer. Diese geläufige Faustformel drängt uns dazu, die einfachere von zwei Hypothesen zu wählen, die die Daten gleichermaßen gut erklären.
9. Frage dich immer, ob die Hypothese zumindest im Prinzip falsifiziert werden kann. Annahmen, die nicht überprüft und falsifiziert werden können, haben nicht viel Wert. Bedenke die großartige Idee, dass unser Universum und alles in ihm nichts als ein Elementarteilchen ist – vielleicht ein Elektron – in einem viel größeren Kosmos. Aber wenn wir niemals Informationen von außerhalb des Universums erlangen können, ist dann die Idee nicht ungeeignet zur Widerlegung? Du musst in der Lage sein, Behauptungen zu überprüfen. Hartnäckige Skeptiker müssen die Chance haben, deinen Überlegungen nachzugehen, deine Experimente zu duplizieren und zu schauen, ob sie zum gleichen Resultat kommen.
(Link zur Quelle)

Der verantwortliche Umgang mit Erkenntnissen erfordert einen sorgfältigen Prozess der Wahrheitsfindung, der offen ist für die beständige Überprüfung. In „Zeiten wie diesen“, in denen die  Beliebigkeit des Faktischen zynisch zelebriert wird, wo die Mächtigen ihre Macht zur Durchsetzung ihrer Interessen und Ansichten nutzen und sich dabei auf Fakten berufen, mutet es fast anachronistisch an, wie die Wissenschaften zu ihren Erkenntnissen kommen. Und dennoch ist das die einzig demokratische Form der Absicherung der Wahrheit und des Schutzes vor Manipulation.

Das Finden von Wahrheit ist kein einfacher Vorgang, es genügt nicht, kurz in den eigenen Kopf zu schauen, was der gerade von sich gibt, sondern wir müssen beständig die Hervorbringungen unseres Inneren mit der äußeren Realität abgleichen, mit der materiellen wie mit der sozialen Außenwelt. Und wir müssen uns beständig vor Augen halten, dass unser Wissen vorläufig ist, dass es solange gilt als es noch kein besseres Wissen gibt. Wir lernen weiter, von Erkenntnis zu Erkenntnis, und verbessern unsere Weltkenntnis, ohne auf diesem Weg je bei einer absoluten Wahrheit zu landen. Diese ist für Einsichten anderer Art reserviert.

Jeder, der in der relativen Welt mit dem Anspruch auftritt, die Wahrheit absolut zu setzen, braucht den engagierten Widerspruch und die unerbittliche Diskussion, bis die Relativität der Aussagen klargestellt ist.

Diktaturen beginnen mit der Definition der Wahrheit, also mit ihrer Zementierung und mit dem Unterbinden des Widerspruchs. Darin liegt der Grund, dass Diktaturen über kurz oder lang untergehen, weil sie die Wirklichkeit mit der eigenen Weltsicht verwechseln. Jedes Handeln, das sich von dieser Verwechslung leiten lässt, muss scheitern, weil die Wirklichkeit immer mächtiger ist als unsere Sichtweise von ihr.

Ein aktuelles Beispiel: Wir können die Meinung vertreten, dass es keinen Klimawandel gibt und dass dieser eine Erfindung von Interessensgegnern ist. Wenn wir unsere Handlungen danach ausrichten und konsequenterweise alle Aktivitäten zum Klimaschutz einstellen, werden wir irgendwann erkennen, dass die Wirklichkeit mehr und mehr Katastrophen produziert, gleich ob wir glauben, ob es einen Klimawandel gibt oder nicht.

Die redliche Wahrheitssuche ist mühsam und langwierig. Aber der Ertrag ist dauerhaft, haltbar und verlässlich. Da solches Wissen so nahe an der Realität ist, wie es zu einem bestimmten Zeitpunkt möglich ist, lassen sich darauf Handlungen gründen, mit denen die Wirklichkeit in eine gewünschte Richtung weiterentwickelt werden kann. Da das Wissen eine demokratische Struktur hat, also nicht ein Einzelbesitz ist oder auf Privatlegitimation gründet, unterliegt auch seine Verwendung für praktische Zwecke grundsätzlich einer demokratischen Willensbildung.

Solches Wissen entsteht aus einer Kommunikation zwischen dem erforschenden menschlichen Geist und der Wirklichkeit, und nicht in einer Projektion menschlicher Wünsche und Begierden auf sie. Die Wirklichkeit wird als Partner wahrgenommen, nicht als Objekt der Machtausübung.

Diese Art von Wissen erlangen wir nur, wenn wir uns der Herrschaft durch Emotionen entziehen. Viele Emotionen dienen unserem Egoismus, entstehen also aus dem Überlebensmodus. Sie sind nicht dafür geeignet, verlässliches Wissen zu finden, sondern stehen diesem Prozess im Weg. Emotionales Wissen ist nicht allgemeingültig und sozial wertvoll, es ist auch nicht dauerhaft, sondern gilt nur für den Moment seiner Entstehung.

Demokratisches Wissen, dessen Ursprung transparent ist und von jeder Person nachvollzogen werden kann, ist das einzige wirksame Gegenmittel gegen die grassierende Produktion von Schein- und Meinungswissen, die von Emotionen gesteuert wird, und bei der Fakten nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben, sondern bloße subjektive Behauptungen sind. Faktum im demokratischen Sinn ist das, was in einem offenen Prozess der Wissensproduktion aus der Wirklichkeit gefiltert wurde, damit es als sichere Basis für unsere Sichtweise der Welt, unser Handeln und unsere Wertsetzung dienen kann. Nur demokratisches Wissen ist dafür geeignet, unsere Möglichkeiten zur Verbesserung des Gemeinwohls zu erweitern.

Dienstag, 6. Juni 2017

Empathie

Die Fähigkeit des Mitfühlens ist zentral für die Vertiefung menschlicher Beziehungen und für das soziale Vertrauen. Mitgefühl bedeutet, Gefühle spüren zu können, die andere Menschen fühlen und mit diesen Gefühlen mitschwingen zu können. Wenn ich zu dieser Fähigkeit, über die Menschen grundsätzlich verfügen, Zugang habe, trete ich in Resonanz mit der anderen Person und bewege mich in ihre Innenwelt hinein. Dann bin ich empathisch: Im Gefühl eins mit der anderen Person.

Die Erfahrung einer empathischen Beziehung gibt uns Sicherheit und Vertrauen: Ich kann spüren, dass die andere Person im Grund das gleiche fühlt wie ich, damit bin ich mit ihr verbunden und fühle mich in der Beziehung sicher.

Wenn wir viele empathische Erfahrungen in unserer frühen Kindheit machen konnten, verfügen wir über ein solides Fundament für diese Fähigkeit und können sie leicht in den Situationen aktivieren, in denen es um gefühlsmäßige Resonanz geht.

Auch wenn die Geschichten unterschiedlich sind, die das Gefühl auslösen, und damit die Details des Gefühls unterschiedlich sind, ist die Verbindung auf einer tiefen Ebene hergestellt.

Empathie heißt nicht: zwei Personen verschmelzen völlig, sondern eine gemeinsame Schwingung wird hergestellt, die mit dem jeweiligen geteilten Gefühl verbunden ist, sodass das Gefühlserleben als solches zwischen den beiden Personen identisch ist: eine Person fühlt Schmerz, die andere ebenfalls. Der Schmerz kann sich in der Intensität unterscheiden; die empathische Person braucht den Schmerz nicht in der Tiefe zu spüren, um die einfühlende Beziehung herzustellen. Die gefühlsmäßige Resonanz ist nicht von der Stärke abhängig, ähnlich wie Töne unterschiedlicher Lautstärke in Harmonie sein können.

Es handelt sich also nicht um Empathie, wenn eine Person in der anderen Person oder in ihrem Gefühl aufgeht. Das wäre nur ein konfluentes Sich-im-anderen-Verlieren. Empathie erfordert zwei voneinander prinzipiell unabhängige Personen, die sich auf der Ebene eines Gefühls treffen und auf dieser Ebene alle Unterschiede aufgeben, sodass nur mehr eines vorhanden ist, das gemeinsam geteilte Gefühl.

Deshalb kann ich mit Personen empathisch sein, obwohl ich deren Lebensgeschichte nicht teile, ja, ich muss diese nicht einmal kennen. Ihr Gefühl mag einen anderen Hintergrund und Auslöser haben, aber ich kenne es als Gefühl aus meiner Geschichte, mit meinem Hintergrund und Auslöser.

Das Fließen der Empathie


Diese Form der Empathie ist nur möglich, wenn die Hindernisse und Blockierungen zu den eigenen Gefühlen abgebaut oder aufgelöst sind. Erst wenn diese Heilungsschritte vollzogen sind, öffnet sich der Zugang zu der Ebene, auf der alle Menschen miteinander verbunden sind: Die Ebene der primären Gefühle, in diesem Fall vor allem der Schutzgefühle von Schmerz und Angst. Auf dieser Ebene spielt es keine Rolle mehr, woher der Schmerz oder die Angst stammen; ausschlaggebend ist das Teilen der emotionalen Erfahrung. Dadurch entsteht auf einer tiefen Ebene Vertrauen und Sicherheit. Denn wir brauchen keine Angst zu haben, wenn wir der gleichen Verletzlichkeit und Ängstlichkeit begegnen, die wir von uns selber kennen. Angst macht uns das Fremde, das Unverständliche und nicht Deutbare. Wenn wir nicht wissen, woran wir mit der anderen Person sind, sind wir misstrauisch, es könnte uns drohen, dass wir wieder verletzt werden. Steigt jedoch die andere Person auf die Gefühlsebene ein, auf der wir uns gerade befinden, fühlen wir uns mit ihr verbunden und können Vertrauen aufbauen.

Auf diese Weise wird in einer gut verlaufenden Psychotherapie der Heilungsprozess in Gang kommen. Vertrauen, das in frühen Phasen des Lebens enttäuscht wird, wird in der aktuellen Situation der Gefühlsresonanz zwischen Therapeut und Klient aufgebaut, sodass die alte Enttäuschung, die zu Misstrauen geführt hat, überschrieben werden kann. Das Vertrauen zu der anderen Person, die sich mit mir auf der Gefühlsebene verbinden kann, stärkt das Vertrauen zu mir selbst, und auf diese Weise löst sich das Misstrauen auf und die innere Freiheit kann wachsen.

Physiologie der Empathie


Aus der Polyvagaltheorie wissen wir, dass sich unser Nervensystem in einem bestimmten Funktionszusammenhang befinden muss, um soziale Kompetenzen anwenden zu können. Sobald Stress entsteht, werden die sozialen Fähigkeiten reduziert und die empathischen Fertigkeiten werden zurückgefahren. Unsere inneren Systeme nehmen an, dass Gefahr im Verzug ist und stellen sich darauf ein, unser unmittelbares Überleben zu sichern. Für diesen Zweck ist die Empathie ein hinderlicher Luxus. Wir sollten nur in der Lage sein zu unterscheiden, von welchen Personen wir Bedrohung erwarten sollten und bei welchen wir uns sicher fühlen können. Dies wird vor allem aufgrund von früheren Erfahrungen und Ähnlichkeitsassoziationen entschieden.

Wenn wir hingegen entspannt sind, sodass der Stressgenerator Sympathikus abgeschwächt ist, kann das neue Vagussystem, das die sozialen Interaktionsprozesse enerviert, zum Tragen kommen. Wir sind also vom generellen Entspannungsniveau unseres Nervensystems abhängig, wenn wir Empathie entwickeln wollen, sodass die Fähigkeit zur Entspannung jeder sozialen Kompetenz vorgeordnet ist.

Die erlernte Empathieblockierung


Sozial ausgerichtete Lebewesen "können" Empathie aufgrund ihrer Veranlagung. Allerdings kann diese Fähigkeit reduziert oder verkümmert sein, wenn sie von Anfang an zu wenig gefördert und genährt wurde. Nehmen wir aus unserer Kindheit unzureichende Erfahrungen mit dem empathischen Einschwingen mit, so mussten wir Überlebensstrategien entwickeln, um mit diesem Mangel zurechtgekommen. Sie beruhen auf Ängsten und dienen dazu, die erlittenen Verletzungen durch das Nicht-Verstandenwerden zu kompensieren.

Wir können zwei Typen der Blockierung der Empathie unterscheiden.

Zum einen gibt es die Verschmelzer: sie haben als Kind gelernt, die Erwartungen anderer zu erfüllen, andere zu verstehen, um Zuwendung zu bekommen. Sie halten sich für empathisch, weil sie die Bedürfnisse und Stimmungslagen anderer gut lesen können und stets auf sie achten. Tatsächlich aber können sie nicht in Resonanz gehen, weil sie ihre eigenen Gefühle gar nicht spüren können. Was ihnen selber fehlt, war nie gefragt und ist ihnen deshalb nicht mehr zugänglich. Sie sind vermeintlich zufrieden, wenn sie andere zufriedenstellen können, bleiben innerlich aber immer hungrig nach wirklichem Verstandenwerden. In der Bindungstheorie findet sich dieser Typ als unsicher-ambivalenter Bindungsstil.

Verschmelzer müssen lernen sich abzugrenzen, indem sie die Empathie auf sich selber anwenden: Sie lernen sich selbst zu lieben, zu achten und sich um sich zu kümmern. Auf diesem Weg begegnen sie den eigenen Schmerzen und Ängsten, und indem sie diese Gefühle bei sich kennenlernen, kommen sie in die Lage, sie auch bei anderen Menschen empathisch mitzuempfinden und dabei die fremden von den eigenen Gefühlen zu unterscheiden. Indem sie sich selber kennen- und lieben lernen, können sie sich dort gut abgrenzen, wo andere ihre Gefühle ausbeuten wollen.

Die zweite Gruppe sind die Vermeider: sie können sich gut abgrenzen, aber können mit Empathie nicht viel anfangen. Sie haben den Rückzug und die innere Abschottung als Überlebensstrategie entwickelt. Die Not wird zur Tugend: Der Mangel an empathischer Verständigung wird resignativ in den Verzicht auf tieferes Verstehen umgewandelt. Besser lebt es sich, wenn die zwischenmenschliche Kommunikation an der Oberfläche bleibt und Gefühle dabei möglichst vermieden werden. Dieser Typ hat übrigens Ähnlichkeiten mit dem ängstlich-vermeidenden Bindungsstil nach der Bindungstheorie.

Der Lernprozess von Vermeidern besteht darin, die Angst vor den eigenen Gefühlen zu verlieren und zu erleben, wie Gefühle das eigene Innenleben und die Kommunikation bereichern können. In dem Maß, in dem sie ihre Innerlichkeit entdecken, können sie sich empathisch für die Gefühle anderer öffnen.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Zurück zum Konkreten

Warum sollen wir uns mit dem Gegensatz von konkret und abstrakt befassen? Ist das bloß eine theoretisch-philosophische Fragestellung? Das Konkrete verbindet uns mit dem Moment, mit dem, was gerade ist. Das Abstrakte entsteht im Denken und überträgt sich durch die technischen Dinge, mit denen wir viel zu tun haben, auf die Realität. Auch die virtuelle Realität ist eine durch das Abstrakte vermittelte Erfahrung. Dadurch ist unser Leben immer mehr von Abstraktionen durchdrungen, und das kann unserer inneren Balance und damit letztendlich auch unserer Gesundheit schaden. Deshalb kann es nur von Vorteil sein, diesen Unterschied und seine Auswirkungen näher zu betrachten.

Das Abstrakte, wie es im Denken repräsentiert wird, ist immer eine karge, abgespeckte Version des Konkreten. Das Konkrete ist das sinnlich An- und Auffassbare, das wir über unsere Sinne wahrnehmen, sowie das, was sich im Tun vollzieht, und das Abstrakte leitet sich davon ab, damit es mehr ins Allgemeine und Übergreifende übersetzt werden kann.

Wir brauchen das Abstrakte, um vom Einzelnen oder Besonderen zum Allgemeinen zu gelangen, gewissermaßen von der Detailansicht zum größeren Zusammenhang. Das Abstrakte bleibt dabei immer dem Konkreten verpflichtet, es ist ja nur die kognitive Verarbeitung der Erfahrung, die sich immer von einer konkreten äußeren oder inneren Realität ableitet.

Das Abstrakte hat also keine eigene, sondern nur eine geborgte Realität. Es ist aus dem Konkreten abgezogen, ein verallgemeinerter Auszug (lat. abstrahere – herausziehen, trennen, entfernen) aus dem detailreichen Konkreten.

Die Abstraktion ist vorzüglich eine Fähigkeit des menschlichen Gehirns, das als Meister dieser Kunst gelten kann. Wohl ist anzunehmen, dass auch einfachere Lebensformen und auch andere Systeme des menschlichen Körpers über Abstraktionsmechanismen verfügen, insofern sie auch lernfähig sind. Allerdings spielt das Gehirn mit seiner faktisch ins Unendliche gehenden und allen akuten lebenspraktischen Erfordernissen entzogenen Abstraktionsfähigkeit in einer völlig anderen Liga. Kein anderes Lebewesen auf dem Planeten hat die Integralrechnung oder eine Programmiersprache hervorgebracht, geschweige denn die Begrifflichkeit von abstrakt und konkret.

Das Abstrakte zieht sich – indem es sich aus dem Konkreten zieht – aus der Natur zurück, entfernt sich von ihr. Sein Zweck liegt genau darin: in Distanz zur Natur zu gehen, um sie beherrschen zu können. Herrschaft braucht einen Abstand zum Beherrschten, einen Überblick. So hievt sich das Abstrakte in eine erhöhte Position und blickt von dieser auf die Natur, als Objekt, dessen Funktionsweise studiert und kontrolliert werden kann.

Freilich ist es die Natur selbst, die die Instanz ihrer Beherrschung hervorbringt. Abstraktion erfordert ein menschliches Gehirn, das die Natur im Lauf einer langen Evolutionsgeschichte zu hoher Komplexität entwickelt hat. Die Natur bringt also dieses ambivalente Steuerungsmodul hervor, das als ihr eigenes Zerstörungspotenzial wie auch als Überlebenspotenzial für eine wachsende Menschheit auf diesem Planeten dienen kann.

Denn ohne die fortschreitende Entwicklung von abstrahierenden Systemen kann dieses Überleben schon lange nicht mehr sichergestellt werden. Die Abstraktion vereinfacht nicht nur das Leben, sondern verkompliziert es zugleich, indem die verschiedenen Wege und Stufen des verallgemeinernden Denkens abstrakte Beziehungen zueinander aufbauen, z.B. die Mathematik und die Technik. Daraus können neue komplexe Apparate geschaffen werden wie z.B. die Maschine, auf der dieser Artikel geschrieben wird.

Die Zwischenwelt der Kunst


Gerade weil die Welten des Abstrakten einen immanenten Drang zum Ausufern enthalten, gilt es, die Beziehung zum Konkreten bewusst zu pflegen, und dafür liefert das Naturprodukt menschliches Gehirn eine faszinierende Brücke, indem es die Zwischenwelt der Kunst entwickelt, in der die Kunstobjekte als Kopfgeburten der abstrahierenden Fantasie das Konkrete in einer neuen und überraschenden Form zur Darstellung bringen und damit bei den betrachtenden Menschen konkrete Freude am Konkreten, vermittelt über ein abstrahiertes Objekt, auslösen.

Unser Tun ist immer konkret


Der andere Bereich, der das Abstrakte begrenzt, ist die Praxis, das Tun. Was immer wir tun, ist konkret. Auch wenn die Finger, die auf die Tasten klopfen,  mit einem abstrakt erzeugten Gerät ein abstraktes Produkt hervorbringen, ist der Vollzug der Bewegungen im Kontakt zwischen Körper und toter Materie unmittelbar und sinnlich, also konkret. Jedes Handeln erfordert die konkrete Sinneserfahrung, und jede Sinneserfahrung ist konkretes Handeln. Wenn wir etwas tun, liefern uns die Sinne die Orientierung. Wenn wir etwas wahrnehmen, erleben wir zugleich dessen implizite Handlungsmöglichkeiten, sprich das, was wir mit ihm anfangen können.

Der Konstruktivismus: Verlust des Konkreten


Das Abstrakte ist nicht das Gegenteil des Konkreten, sondern dessen Entfremdung oder Weiterentwicklung, je nach Blickpunkt. Es besteht ein Kontinuum zwischen beiden Polen, wobei es allerdings Konkretes ohne Abstraktes, jedoch kein Abstraktes ohne Konkretes gibt. Zwar würde ein radikaler Konstruktivist behaupten, dass es überhaupt nichts Konkretes gibt, also keine unmittelbare direkte, unabgeleitete Erfahrung, sondern dass wir es nur mit vermittelten Konstruktionen zu tun haben, weil uns beispielsweise keine „Sinnesdaten“ bewusst werden, sondern nur Nervenimpulse, die über unzählige Schaltstellen weitervermittelt wurden und wir keine Ahnung haben, ob diese dann noch in irgendeiner Weise den Ausgangsreizen entsprechen, ja dass selbst die Frage nach dem Unmittelbaren sinnlos ist, weil es für sie im Rahmen einer durchkonstruierten Welt keine Antwort geben kann. Als Erwiderung kann eingebracht werden, dass die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung, also ihre Konkretheit, vor jeder Abstraktion kommt, also auch vor jeder, die dann feststellt, dass es konkrete Erfahrungen gar nicht „gibt“. Der Konstruktivist tut so, als würde er den ganzen Tag als Konstruktivist herumlaufen; tatsächlich nutzt ihm seine Philosophie beim Herumlaufen überhaupt nicht; da braucht er die Gewissheit der konkreten Erfahrung. Er würde zwar sagen, er tut in seinem Alltagsleben nur so, als wäre alles, was er wahrnimmt, „wirklich“, als „gäbe“ es die Bordkante, über die er stolpert, während die „wirkliche Wirklichkeit“ nur  eine im eigenen Kopf sein kann. Wir können jedoch die Argumentation des Konstruktivisten nur verstehen, wenn wir uns in einen außersinnlichen und außerpraktischen Zusammenhang begeben, wenn wir also das Konkrete, so weit es geht, beiseite stellen. Wir müssen also einen abstrakten Standpunkt einnehmen, um das Konkrete in seiner Existenz in Frage stellen zu können. Wie wir den Schritt zu diesem Blickpunkt tun, kann der Konstruktivist mit seinem Modell nicht nachvollziehen.

Der Konstruktivist begibt sich also auf einen abstrakten Standpunkt, der ihm fortlaufend bestätigt, dass es das Konkrete nicht geben kann. Da der Konstruktivismus nicht mehr sein kann als ein Metamodell zur Beschreibung der menschlichen Welterkenntnis, und da Modelle immer abstrakt sind, hat der Begriff des Konkreten in diesem Rahmen keinen Sinn. Das ist auch die Schwäche des Konstruktivismus, dass er die primäre, vorreflexive Erfahrungswelt, also die Welt des Konkreten, nicht verstehen kann.

Wollen wir hingegen auf die unmittelbare Frische des Konkreten nicht verzichten, wollen wir der Unmittelbarkeit des Erfahrens seinen Rang belassen, dann begnügen wir uns mit dem Platz außerhalb der Konstrukte des Konstruktivismus. Wir brauchen ein umfassenderes Weltmodell, in dem die Ursprünglichkeit der Erfahrung einen gleichrangigen Platz neben der abstrakt verarbeiteten Erkenntnis einnehmen kann. Der Siegeszug der Abstraktion, zusammen mit der von ihr ermöglichten Technik, darf seine Quelle im Konkreten nicht vergessen, sonst landen wir in der Entfremdung, in der kognitiven Dissoziation.

Die Wiedergewinnung des Konkreten


Die Folgen der Rehabilitierung des Konkreten sind weitreichend. Für unsere Lebenspraxis bedeutet das die Übernahme der Prinzipien der Achtsamkeit: Auf den Moment achten und aus ihm heraus handeln.

Auch für unsere Weltsicht als ganzer ergeben sich veränderte Perspektiven. Die europäische Neuzeit mit ihrem Aufschwung der objektiven Wissenschaften und der technischen und ökonomischen Entwicklungen haben zur invasiven Ausbreitung des Abstrakten geführt. Die subjektiven Folgen sind von verschiedenen Autoren als Entfremdung beschrieben worden: Das Konkrete ist uns fremd geworden, weil wir von so viel Abstraktheit umgeben sind, aber im Abstrakten sind wir nie heimisch geworden und werden wir uns nie wirklich wohlfühlen.

Deshalb ist es wichtig, dass wir den Rückweg zum Abstrakten immer wieder bewusst gehen. Es zieht uns ja „hinaus“ in die Natur, hin zu natürlichem Essen, zwischenmenschlichen Begegnungen und Erfahrungen mit unserem Körper. Wenn wir uns bewusst machen, dass wir uns dabei der Wirklichkeit in ihrer unmittelbaren, konkreten Form zuwenden, können wir mehr schätzen, was wir uns mit dieser Hinwendung schenken und wie sehr sie uns nottut.

Wir können den Schritt aus der Entfremdung zurück zur Wirklichkeit ganz einfach vollziehen, indem wir einen bewussten Atemzug nehmen. Wir haben weiters die Möglichkeit, die Entfremdung im größeren Rahmen zu entmachten, indem wir die Wissenschaft des Konkreten mehr Bedeutung geben. Das bedeutet dann, dass die Erste-Person-Perspektive einen gleichwichtigen Rang in der Wirklichkeitserkenntnis neben den verschiedenen Stufen der abstrahierten Forschungsergebnisse erhält. Wir hören damit auf, die Wirklichkeit nur mit dem abstrahierenden Maßstab der Wissenschaft zu bewerten und nehmen die besonderen Qualitäten der Individualitäten in ihren vielfältigen Erscheinungsformen dazu.

Zum Weiterlesen:

Die Erste-Person-Perspektive als Wissenschaft
Das innere Wissen und eine neue Methodologie

Dienstag, 30. Mai 2017

Der Terror und das Ende des Islams

Jede Bombe gegen Andersgläubige ist eine Bombe gegen die Wurzeln der eigenen Religion, jeder Anschlag gegen Andersgläubige ist ein Anschlag auf die Wurzeln der eigenen Religion. Religionen, die Gewalt gutheißen, verherrlichen oder in ihren Reihen und ihrem Namen nicht bekämpfen, werden über kurz oder lang unglaubwürdig und verkommen zu politischen Ideologien oder bloßen Verbrecherorganisationen. Insofern rückt mit jedem Attentat das Ende der Religion, in deren Namen sie begangen wird, näher. Oder, anders gesagt: Die Attentäter zerstören das, wofür sie dem Anschein nach kämpfen: Die Ausbreitung der eigenen Religion auf Kosten anderer Religionen.

Nur meine Wahrheit heilt


Die meisten monotheistischen Offenbarungsreligionen beruhen auf der die Annahme, dass ihre eigene Heilsbotschaft die einzig richtige sei: Es gibt nur einen Gott, und dieser Gott hat uns seine Wahrheit exklusiv übermittelt, bei den Juden über viele Quellen, bei den Christen über den Sohn Gottes, und im Islam durch einen einzigen auserwählten Propheten. Die Wahrheit und Gewissheit der Glaubensbotschaft, an der die gesamte Sinnstiftung und Deutungsmacht der Religion hängt, ist durch die Exklusivität begründet: Wir, nur wir haben aus erster Quelle erfahren, worum es geht und wie es geht.

Da die Botschaft so eindeutig ist und so direkt übertragen wurde, muss sie allen Menschen zugänglich gemacht werden. Schließlich will ja diese Botschaft dafür sorgen, dass alle Probleme und Sorgen, an denen die Menschen leiden, geheilt werden. Die gute Nachricht (das Evangelium) muss allen zugänglich gemacht werden und alle sollen davon überzeugt werden: Dein alter Glaube ist falsch, nur der neue Glaube gilt, und er gilt, weil das nicht nur irgend eine menschliche, sondern die höchste Instanz selber sagt.

Die Exklusivität und die Gewalt


Wenn du allerdings nicht glaubst, obwohl du weißt, dass du auf Grund der erdrückenden Beweislast und Evidenz glauben müsstest, bist du selber schuld, und bist zugleich eine potenzielle Gefahr, mit deinem vorsätzlichen Unglauben die Glaubenden von ihrem Weg abzubringen. Gefahren müssen bekämpft werden, und schon hat sich die Heilsbotschaft in eine Zerstörungsbotschaft verwandelt. Die Geschichte beginnt sich mit Ketzer- und Atheistenverfolgungen zu füllen, und der Offenbarungsglaube hüllt sich in einen blutdurchtränkten Mantel, bis von der Heilsgeschichte nichts mehr sichtbar ist.

Das Judentum ist dieser Falle entgangen, weil es auf einer zweifachen Exklusivität beruht: die exklusive Offenbarung ergeht an einen exklusiven Empfängerkreis, an die Angehörigen des jüdischen Volkes. Deshalb können die Juden nicht missionarisch werden, sie geben ihren Glauben nur intern, im Rahmen der jüdischen Abstammungsgemeinschaft, weiter.

Im Christentum hat der Apostel Paulus (der ja Jesus selber persönlich nicht kennengelernt hat) den entscheidenden Schritt vollzogen, den Adressatenkreis für die Botschaft des Juden Jesu auf Nichtjuden auszuweiten. Damit wurde jedes Menschenwesen Teil der Zielgruppe für die Botschaft, und mit Hilfe dieser Dynamik konnte das Christentum und in ähnlicher Weise der Islam zu einer Weltreligion werden. Jeder sollte an der exklusiven Erkenntnis teilhaben können.

Der historische Preis war hoch: Einerseits säumen Leichenberge den Expansionskurs der Offenbarungsreligionen, andererseits gehen sie langfristig an ihren eigenen Widersprüchen zugrunde. Eine Frohbotschaft, die sich dermaßen mit der grausamen Vernichtung von Menschenleben besudelt hat, hat alles Fröhliche und Befreiende eingebüßt und ihre Glaubwürdigkeit verloren. Mühsam versucht sie sich zu retten, indem sie darauf hinweist, dass das Böse, das in ihrem Namen geschehen ist, durch böse Menschen verursacht wurde und nicht durch die gute Botschaft, aber wer soll solchen Ausreden noch Glauben schenken angesichts der Blutspur, die jeder, der Augen hat, sehen kann? Wer Augen hat, der sehe, wir Ohren hat, der höre, heißt es im Evangelium, und gemeint ist die Offenbarung durch Jesus von Nazareth, doch die liegt schon 2000 Jahre zurück, und was seither augen- und ohrenfällig geworden ist, ist die brutale und massive Gewaltausübung, die durch die Ausbreitung der Religion verursacht wurde.

Die Aufklärung des Unreligiösen in der Religion


Zum allgemeinen Bewusstsein gelangten diese Widersprüche mit der Aufklärung, die aufgrund der Ausbreitung von Bildung den Zugang zu den verschiedenen Quellen der Information, über die heiligen Texte hinaus,  öffnete. Die im Namen der Religion begangenen Unmenschlichkeiten wurden allgemein bekannt und brachten viele Menschen zum Nachdenken über ihren Glauben. In Europa ging zu dieser Zeit eine ganze Epochen mit innerchristlichen Kriegen zu Ende, weil mehr und mehr Leute verstanden, dass es keinen Sinn macht, wegen dieser oder jener Spielart des Glaubens sein Leben zu geben oder andere Leben zu vernichten. Nach all dem Gemetzel war die Religion als solche in Misskredit geraten, und damit die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern wurde zu einer verzichtbaren Vorliebe oder beliebigen Privatangelegenheit.

Dazu kam noch das 20. Jahrhundert, in dem überdeutlich wurde, dass der europäische Kontinent nach zwei Weltkriegen mit Millionen an Toten, die ihren Ausgang in Europa genommen hatten, die Eigenschaft „christlich“ nachhaltig verspielt hatte. Wer heute noch Europa als christlichen Kontinent bezeichnet, hat all das Unchristliche, was hier im Namen des Christentums begangen wurde, großzügig übersehen oder geflissentlich ignoriert.

Auf diese Weise hat sich in Europa die Trennung von Religion und Staat vollzogen, oder musste sich vollziehen. Das Gemeinwesen, der Rahmen der Zugehörigkeit für alle Staatsbürger, kann nicht mehr mit einer bestimmten Religion identifiziert werden, die allzu viele Personen zwar dem Staat eingegliedert sind, aber nicht einer Religion verbunden sind. Ebenso hat sich die Ethik, die Regeln des guten und sozialverträglichen Handelns, aus der Religion emanzipiert. Damit war die Religion auch im Bereich der Regelsetzung verzichtbar und verlor das Monopol auf das Begründen und Setzen und Kontrollieren von Normen.

Andere Staaten und Kulturkreise haben diese Entwicklung noch nicht oder nicht auf diese Weise durchlaufen. Sie haben noch kein Problem mit der Ineinssetzung von Staat und Religion, weil das schwache Bildungsniveau die Erkenntnis der Ungereimtheiten der Religion hintan hält. So bleiben vielen die Widersprüche zwischen Anspruch und Realität der Religion, die ihren Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsanspruch in Frage stellen, unbekannt und undurchleuchtet. In solchen Räumen kann die Religion noch ihre Deutungs- und Sinnmächtigkeit aufrechterhalten und zugleich an der Vertiefung der Widersprüche mitwirken, indem weiterhin im religiösen Dunstbereich Gewalttaten angestiftet, durchgeführt und gerechtfertigt werden.

Die Macht der Widersprüche


Damit sägt allerdings langfristig die Religion an ihrem eigenen Ast, bis er bricht. Widersprüche entfalten eine Macht, die unwiderstehlich ist, über kurz oder über lang. Denn Menschen können nicht gegen sich selbst leben, sie können sich nicht aufspalten in einen ethischen und in einen religiösen Teil, wenn sich beide widersprechen. Entweder werden sie kränker oder sie müssen eine Seite wegkürzen: Die ethische, die sagt, dass die Rechte der Menschen geachtet werden müssen, dann entsteht der religiöse Fanatiker; oder die religiöse, dann entsteht ein religiöser Skeptiker. Lieber sollte uns der letztere sein.

Solange diese Widersprüche in den islamischen Kulturkreisen unter der Decke gehalten werden können, solange also Gewalttaten im Namen der Religion verübt werden können, ohne dass die Angehörigen der Religion in ihrer Gesamtheit aufspringen und dagegen protestieren, solange müssen wir mit der Unsicherheit leben, Opfer solcher unsinniger Gewalttaten zu werden.  Aber Anlass zur Hoffnung auf den längeren Atem der Menschlichkeit gibt es immer wieder, z.B. wegen der öffentlichen Demonstration britischer Imame gegen den Terroranschlag in Manchester und gegen jede Rechtfertigung des Terrorismus durch die Religion.

Sonntag, 21. Mai 2017

Zur Kritik am kritischen Journalismus

In einer Radiodiskussion hat der Kommunikationstheoretiker und ORF-Publikumsrat Peter Vitouch dem ORF-Journalisten Armin Wolf vorgeworfen, er wäre eine brutale Mimose, ein Zitat, das seither durch die Medien geistert. In dieser Diskussion hat Armin Wolf, meines Erachtens zu Recht, darauf verwiesen, dass in einer Demokratie Politiker der Öffentlichkeit Rede und Antwort stehen müssen, weil sie deren Mandatare sind, und, was ich noch hinzufügen möchte, weil sie von dieser Gesellschaft bezahlt werden und deren Vermögen verwalten, also, weil sie von uns bezahlt sind und unser Vermögen verwalten. Deshalb haben wir doch das Recht zu erfahren, was diese Personen mit diesem Vermögen anstellen und wie sie mit der Macht, die wir ihnen verleihen, umgehen.

Ein Stein des Anstoßes war ein Interview vom 27.3.2017, das Armin Wolf mit dem scheidenden NÖ-Landeshauptmann Erwin Pröll geführt hat, wo es darum gegangen ist, was mit einer großen Summe an öffentlichen Geldern, die in eine Stiftung unter seinem Namen geflossen ist, geschieht, also die einfache Frage, wofür öffentliches Vermögen in diesem Fall verwendet wird, bzw. wie dessen Verwendung gerechtfertigt wird. Der Landeshauptmann konnte trotz mehrmaligen Nachfragens dazu keine Antwort abgeben. Die Öffentlichkeit tappt also nach wie vor im Dunkeln darüber, wie dieses (Steuer)Geld in die Stiftung geraten ist und was es dort macht.

Daraufhin wurden Wolf von mehreren Seiten Verhörmethoden vorgeworfen und es entstand eine Debatte darüber, was Journalisten dürfen und was nicht, wenn sie mit den Mächtigen dieses Landes Interviews führen. Als Staatsbürger einer Republik fragt man sich dann, wer hier geschützt werden soll: die Mächtigen oder jene, die diese Macht kontrollieren wollen? Soll die Republik dem Macherhalt der politischen Eliten oder dem Gemeinwesen dienen?


Täter-Opfer-Umkehr


Wer das Interview gesehen hat, kann ohne besondere Anstrengung zu dem Eindruck kommen, dass die Mimose nicht der Interviewer, sondern der Politiker war. Ebenso entsteht der deutliche Eindruck, dass die Brutalität auf Seiten des Politikers sichtbar wurde, als er dem Journalisten offen mit einem Kronen-Zeitungsbericht gedroht hat, in dem sein Gehalt offengelegt werden sollte, nach dem Motto: Wenn du mich aufs Glatteis führen willst, zeige ich dir schneller, wer mehr Macht hat und wer den Kürzeren ziehen wird. Aus meiner Sicht hat es der Journalist in diesem Interview gut verstanden, die „brutale Mimose“ im Machtpolitiker aufzudecken, und das war der eigentliche Gewinn dieses Interviews: die Tiefenschichten des Politischen am Exempel eines Vertreters an die Oberfläche zu bringen.


Die Politikverdrossenheit


Peter Vitouch wendet in der Radiodiskussion sein Argument gegen insistenten Journalismus in die Richtung, dass das ohnehin schon schlechte Image der Politiker in der Öffentlichkeit noch weiter leidet, wenn sie in Interviews auf Ungereimtheiten oder Verschleierungen aufmerksam gemacht werden und dabei deutlich wird, dass sie vor allem eines gelernt haben, sich aalglatt herauszuwinden und die vermeintlichen Angriffe auf den Angreifer zurückzuwenden. Man solle also Politiker schonen, um die grassierende Politikverdrossenheit nicht weiter zu verschlimmern.

Allerdings könnte man auch die Meinung vertreten, dass sich viele Leute deshalb mit Ekel von der Politik abwenden, weil dort so viel verschleiert, gemogelt und gelogen wird – was ja überall im Leben vorkommen mag, aber dort, wo es um die öffentlichen Angelegenheiten geht, von besonderer Brisanz ist, weil es eigentlich jeden persönlich mitbetrifft. Die Gründe für die Abwendung vieler von der Politik liegen m.E. dort, wo Transparenz und persönliche Integrität fehlen und dieser Mangel systemimmanent  kaschiert wird. Wir wenden uns im sozialen Leben auch von Menschen ab, denen wir zuerst vertrauen und die dann dieses Vertrauen für die eigenen Zwecke missbrauchen.

Ähnlich geht es uns mit Politikern, denen wir unsere Stimme geben, die sie gerne nehmen und dann für sich selber, d.h. für den eigenen Machterhalt als für die anderen verwenden. Sicher müssen wir Verallgemeinerungen vermeiden: Es gibt viele Politiker, die persönlich integer sind und die ihr engagiertes Bestreben in den Dienst der Verbesserung des Gemeinwohls stellen. Es gibt aber noch immer Selektionsmechanismen, die es erschweren, dass gerade solche Personen in die Führungspositionen gelangen. Dafür wiederum ist die eklatante Schwäche des systemischen Bewusstseins verantwortlich, das sich immer noch auf Randbereiche unserer politischen Kultur beschränkt, und, wie an diesen Beispielen sichtbar wird, schnell von hierarchischen Elementen überrollt wird.


Die absolutistische Prägung


An diesem Punkt schließt sich der Kreis. Die Debatte um das Pröll-Wolf-Interview zeigt die Züge einer noch immer nicht überwundenen absolutistischen, also vor-republikanischen Prägung, gemäß der Bemerkung von Kaiser Ferdinand, der angesichts der zu Beginn der Revolution von 1848 barrikadenbauenden Studenten und Bürger gemeint hat: „Ja dürfen’s denn des?“ Dürfen wir den mächtigen Obrigkeiten unangenehme Fragen über ihr politisches Geschäftsgebaren stellen, ist das nicht ungebührlich und anmaßend? Majestäten dürfen nicht beleidigt werden, so stand es im Gesetz, und noch immer wabert die Angst in uns, was denn passieren könnte, wenn das Imperium zurückschlägt, weil wir einmal zu frech waren.

In einer Demokratie sollte die kritische Kontrolle eine Selbstverständlichkeit sein – die öffentlichen Amtsträger, die vom „Volke“ mit ihrer Aufgabe betraut wurden, sind diesem Volk Rechenschaft schuldig, im Grund bis zum letzten Cent. Und dort, wo Intransparenz herrscht, muss diese benannt und veröffentlicht werden. Solange das keine Selbstverständlichkeit ist, solange sich kritische Journalisten rechtfertigen müssen und um ihre Position fürchten müssen, leben wir nicht in einer Demokratie, sondern in einem Obrigkeitsstaat. Und solange wir das gutheißen oder auch nur stillschweigend hinnehmen, beteiligen wir uns an der Aufrechterhaltung dieser obrigkeitsstaatlichen Strukturen, die sich durch unsere politische Kultur ziehen wie madiges Fett.

Ich weiß und bin auch dankbar dafür: Wir debattieren in Österreich auf einem anderen Niveau als etwa in Brasilien, wo es um riesige Summen an Korruptionsgeldern und verbreitete Netzwerke geht, oder als in der Türkei, wo der regimekritische Journalismus verfolgt und ausgerottet werden soll. Aber die Debatte ist auch bei uns dringend notwendig: Die Demokratie ist ein wertvolles System, und die Kräfte, die an ihren Wurzeln sägen, müssen ins Visier genommen und entmachtet werden. 


Hier der Link zu dem Interview.

Samstag, 20. Mai 2017

Das Ego in der Medien-Demokratie

Es scheint, als würde es unsere Demokratie und damit unser öffentlich verfasstes Bewusstsein nicht auf die systemische Stufe der Bewusstseinsentwicklung schaffen. Gerade in diesen Tagen erleben wir in Österreich einen fast unheimlichen Rückfall in die personalistische Idolisierung und Instrumentalisierung der Demokratie. Die Person, und das heißt in diesem Zusammenhang in der griechischen Bedeutung für „Maske“, des politischen Mandatars zieht die Öffentlichkeit in ihren Bann. Ein Jungstar hat sich aus der zweiten Reihe nach vorne manövriert, nach allen Regeln der Machtkunst, wie ihm viele Beobachter bescheinigen. Er ist dynamisch, modern, fesch und gestylt, und hat sich eine ganze Partei unter den Nagel gerissen. Wenn man im Internet die Homepage der Partei aufruft, trifft man seit dem Coup auf nichts anderes mehr als den Star und die Möglichkeit, ihm die Gefolgschaft anzudienen oder nicht. Der einzige Link führt auf die private Homepage des Stars. Alles andere, was diese ehrwürdige Partei sonst ausmacht, ist ins Abseits verbannt worden. Es wird damit der Eindruck erweckt, dass etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes, die Bühne betreten hat, und damit die Geschicke des Landes und seiner Bewohner einer hoffnungsfrohen Zukunft zuführen wird. Alles Alte, das mit dem Parteinamen verbunden ist, gibt es nicht mehr und hat keine Wirkung mehr.

Geschichtslos tritt der Star auf, so als gäbe es keine Traditionen, die prägen, als wäre die konservative und wirtschaftsliberale Partei, aus der er stammt, nur mehr eine Gruppe von belanglosen Statisten und Handlangern. Er selber braucht keine Werte und keine Inhalte zu vertreten, es genügt zu sagen, dass er die Macht in der Partei in seiner Hand konzentriert hat, und schon fliegen ihm die Herzen zu. Er braucht nur in die Kameras zu strahlen, und die Partei, die jetzt nur mehr unter seinem Namen und unter seinen Direktiven läuft (und zu laufen hat), bekommt in den Umfragen plötzlich um 50% mehr Stimmen und schnellt damit von der dritt- zur erststärksten Partei hinauf.

Offenbar ist es nicht nur der Neuigkeitseffekt, der die Menschen fasziniert. Es ist auch die perfekte Inszenierung: Die Parteigremien tagen, die Journalisten sind gespannt, ob sich die „Granden“ der Partei den Bedingungen des neuen Helden fügen werden, und es wird scheinbar debattiert, und die Debatte endet genau zu dem Zeitpunkt, zu dem die Österreicher ihre Fernsehgeräte einschalten: Genau zu Beginn der Hauptnachrichtensendung erscheint der neue starke Mann den Millionen Zusehern vor den Fahnen des Staates und der EU. Er hat damit den maximalen Aufmerksamkeitseffekt erzielt und ein unvergessliches Event erschaffen, das mit seiner Person verknüpft und von ihr erfüllt ist: Der Tag, an dem der Star zum Helden wurde.

Warum sollen Politiker nicht alle Strategien der Werbung und der medialen Beeinflussung nutzen? Schließlich müssen sie ja ihre Botschaften „unter die Leute“ bringen, und dazu müssen sie und ihre Aussagen wahrgenommen werden. Was allerdings bedenklich stimmt, ist die Rangordnung: Die Person kommt vor allen Inhalten, das Gesicht vor der Botschaft, das Auftreten vor den politischen Werten und Zielen. Der politische Diskurs wird auf das Betrachten und Liken von Personen reduziert. Die Politikshowkonsumenten werden auf ein Gesicht, eine Stimme, einen Habitus konditioniert, damit sie in der zweiten Phase, wenn dann Politik gemacht wird, nicht auf die Inhalte schauen, sondern wieder nur blind die Maske verehren.

Natürlich ist der Aufmerksamkeits- und Begeisterungseffekt nicht von Dauer. So schnell sich das Feuer in der medialen Landschaft entzündet, so schnell verlischt es wieder. Doch die Demokratie in den Zeiten sozialer Medien steht in Gefahr, auf eine Abfolge von medial vermarktbaren Effekten reduziert zu werden. Kurze einprägsame Wortfolgen, mit Überzeugung vorgetragen und NLP-mäßig abgefeilt, den Seitenblick auf die Umfragewerte, das ist die Rezeptur für die Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit der Meinungsmache. Wer die flotten Sprüche und den frechen Schmäh drauf hat, wirkt sympathisch, und wer Argumente bringt und reflektiert abwägt, ist langweilig.

So wie der amerikanische Präsident keinen Text mehr auffassen kann, der länger als eine Seite ist, so beschränkt in der Auffassungsgabe ist offenbar der durchschnittliche Medienkonsument von heute, der nicht mehr als die Schnellschüsse aus den diversen Bildschirmen braucht, die ihm den angenehmen Adrenalinstoß bewirken, auf den er schon längst süchtig ist. Deshalb wird dieses System der Aufregungsproduktion immer wieder ihre Protagonisten produzieren und wieder verschleißen.

Schade ist nur, dass dabei die Zeit vergeht, in der politische Gestaltung stattfinden könnte, also die Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens zu mehr Gleichheit, Freiheit und Solidarität. Doch die Reformen und Innovationen, die dafür notwendig sind, bedürfen der systemischen Abwägung, der Berücksichtigung von vielfältigen Voraussetzungen und Bedürfnislagen, um einen möglichst breiten Nutzen für die Allgemeinheit zu bewirken und nicht die lautstärksten oder finanzkräftigsten Partikularinteressen zu fördern. Für die Prozesse der ausgleichenden Vernunft braucht es keine im Scheinwerferlicht glänzenden, aber innerlich hohle Stars, sondern Menschen, die ihr Ego so weit im Zaum halten können, dass sie für andere denken können.

Erst mit dieser Kompetenz kann ein Staatswesen, das den Namen Demokratie verdient, verwirklicht werden. Personen, die sich selber mit ihrer medialen Ego-Performance in den Mittelpunkt stellen, um für ihre Eitelkeit bewundert zu werden, stehen der Demokratie, in der also das Volk und für das Volk Politik gestaltet wird, diametral gegenüber. Solche Personen nutzen die Demokratie für ihre eigenen Zwecke. Sie nutzen auch die Ego-Schwächen der Staatsbürger und Volksmitglieder, die sich aufgewertet fühlen, wenn sie das große Ego, das sich vor ihnen aufplustert, bewundern und verehren können. 


Und, wie schon oft bemerkt wurde, jedes Land hat die Regierung, die seinem Bewusstseinsstand entsprechen. In diesem Sinn sind Wahlen immer von Interesse. Auch dafür, einen Beitrag zur Weiterentwicklung und nicht zur Verringerung dieses Bewusstseinsstandes zu leisten.


Zum Weiterlesen:
Wird die Demokratie gekidnappt?