Samstag, 19. Mai 2018

Die Gleichberechtigung des Seins

In unserer Alltagswahrnehmung sind viele Filter eingebaut, sie dienen dazu, die Vielfalt der Eindrücke zu sichten und zu ordnen. Wir klassifizieren alles, was wir erleben, nach verschiedenen Kriterien, deren Herkunft zumeist in unseren unbewussten Motivationen verborgen ist. In den meisten Fällen wissen wir also nicht, warum wir das eine Erlebnis positiv und das andere negativ bewerten. Wir denken uns zwar, nachdem die Bewertung schon stattgefunden hat, Gründe aus, warum wir so oder so bewerten, aber es sind gefühlsmäßige Reaktionen, deren Herkunft im Dunkeln unseres Unterbewussten liegt, die bewirken, dass wir uns bestimmten Aspekten der Wirklichkeit zuwenden und andere vermeiden.

Die Wirklichkeit, auf die wir uns mit unseren Wahrnehmungen beziehen, geschieht unabhängig von unseren Filtern und Bewertungen. Eine Flutwelle, die uns Angst und Schrecken bereitet und enormes menschliches Leid verursachen kann, läuft als an sich emotionsloses Naturphänomen ab. Der Regen fällt auf das Land, dem einen, der gerade ein Sonnenbad nehmen will, zum Missfallen, dem anderen, der ein Feld bestellt, zur Freude, dem, dessen Besitz durch Hochwasser zerstört wurde, zum Entsetzen. Er findet die Natur grausam und feindlich, während irgendwo anders jemand anderer zur gleichen Zeit durch einen Wald spaziert und ebendiese Natur als wunderschön und friedlich empfindet.


Überlebensfilter


Unsere Bewertungsmaßstäbe haben ihre Wurzeln in den frühen Phasen der Menschheitsgeschichte, in denen es ums Überleben und um die Sicherung des sozialen Zusammenhalts gegangen ist.  Was uns Sicherheit und Zugehörigkeit verspricht, bewerten wir als gut, was uns bedroht, als schlecht oder böse. Das Überleben der Menschen hing davon ab, die richtigen Filter aufzubauen und anzuwenden. Daraus leiten sich die Grundfilter: Gut/Schlecht, bzw. Gut/Böse ab. Vom einen wollen wir mehr, das andere soll so wenig wie möglich auftreten.

Deshalb teilen wir die Welt in diese zwei Kategorien, sobald wir uns im Überlebensmodus befinden. In dieser Perspektive ordnen wir die Wirklichkeit unseren Zwecken unter und streben die maximale Kontrolle über sie an. Es soll nichts Unvorhergesehenes geschehen, weil es uns bedrohen könnte. Bekanntes ist bereits eingeordnet, Neues muss erst klassifiziert werden und erzeugt deshalb Unsicherheit und Misstrauen.


Schönheit gibt es nur ohne Bewertung


Wir müssen aus dem Überlebensmodus heraustreten, wenn wir der Wirklichkeit näher kommen wollen. Wir brauchen einen bewertungsfreien Blick, um die Schönheit der Welt aufnehmen zu können. Denn in dieser Welt ist alles gleichrangig, und das macht die Schönheit ihrer Gesamtheit aus. Kein Teil dieser Welt ist an sich schöner oder hässlicher als ein anderer, keiner besser oder schlechter als ein anderer. Alle diese Elemente, die großen und die kleinen, bewegen sich in einem dynamischen Strom, mal näher, mal weiter weg voneinander. Schönheit können wir nicht im starren Gut-Böse-Schema finden, sondern im Wundern über die Gleichwertigkeit aller Teilchen des Seins.

Wir Menschen haben da die Unterschiede hineingebracht, wie es im Alten Testament symbolisch ausgedrückt wird: Durch das Kosten von der verbotenen Frucht, die vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen stammt. Mit dem Geist der Unterscheidung infiziert, bewegen sich die Menschen fortan mit ihren komplexen Bewertungsprogrammen durch die Geschichte und erzeugen andauernd Gutes und Böses aus einer neutralen Wirklichkeit. Es ist, als ob sie mit Farbtöpfen herumlaufen würden, mit denen sie einen Teil grün und den anderen rot einfärben, während gleich die nächsten kommen und wieder alles in ihrem Sinn übermalen. 


Das Nachher relativiert


Übersehen wird bei dieser Rot-Grün- oder Schwarz-Weiß-Malerei die nuancierte Form der Wirklichkeit, die sich nicht an Entweder-Oder-Schemas hält. Das fällt uns manchmal bei Erlebnissen auf, die uns zunächst völlig gegen den Strich gehen, aufregen oder irritieren und sich nachträglich als Segen herausstellen oder zumindest auch gute Folgen zeitigen. 

Aus dem momentanen Gefühl kommt unsere bewertende Reaktion, die darüber entscheidet, ob uns ein Vorkommnis in den Kram passt, unseren Erwartungen entspricht und uns Vorteile bringt. Wenn nicht, wird das Ereignis schnell in die negative Kiste abgelegt. Wir wenden viel Energie und Denkkraft für die Rechtfertigung und Stabilisierung von solchen Einordnungen auf, indem wir unsere Gedanken um das Erlebte kreisen lassen und uns von anderen bemitleiden lassen. Oft bekommen wir gar nicht mit, wenn solche Ereignisse ihre guten Seiten zeigen, außer es fragt uns jemand nach dem „Guten im Schlechten“. 

Wir vergessen schnell, dass wir schon oft im Leben gelernt haben, wie die Zeit alle Wunden heilt. Unglücke, Unfälle, Verletzungen und Bosheiten, die uns so schwer zu schaffen gemacht haben, verblassen in der Rückschau und haben sich schon längst in Erfahrungen verwandelt, von denen wir erzählen, wieviel wir daraus lernen konnten und wie sie uns weitergebracht haben. Die Zeit macht aus den riesigen Ecken, scharfen Kanten und abgrundtiefen Brüchen unserer Geschichte kleine amüsante Anekdoten, aufgefädelt auf der langen Perlenkette unserer Lebenssaga. 


Auf dem Weg zur Weisheit


Weisheit besteht wohl darin, die Relativität all unseres Leidens zeitgerecht zu erkennen und die Festlegung durch spontan getroffene Bewertungsentscheidungen zu vermeiden. Wir sind nicht die Kontrolleure über unsere Zukunft und wissen nichts über die Konsequenzen aus dem, was uns widerfährt. Wir brauchen uns von Spekulationen nicht irritieren zu lassen, sondern können darauf vertrauen, dass das Leben weitergeht, dass es immer wieder angenehme und unangenehme, verletzende und wohltuende, bedrohliche und förderliche Erfahrungen geben wird, und dass sich viele dieser Erfahrungen im nachträglichen Licht betrachtet gar nicht so eindeutig gut oder böse, sondern in bunt schillernden Farben zeigen. Mit unserer Geschichte kommen wir in Frieden, wenn wir deren Schönheit in all ihren Facetten erkennen und anerkennen können.

Wir erlangen diese Sichtweise leichter, wenn wir uns immer wieder darin üben, bei verschiedenen Gelegenheiten die Gleichberechtigung alles Existierenden zu erkennen. Immer wenn wir die Schleier der Bewertungsmuster wegziehen, zeigt sich uns Vielfalt, Reichtum und Fülle, Überraschendes und Wunderbares, und wir finden damit die gleiche faszinierende Mannigfaltigkeit in uns selber. Mit jeder Bewertung, die wir loslassen und durch das Akzeptieren im Moment austauschen können, tauchen wir in unsere dynamische Natur ein, in das von Erfahrung zu Erfahrung weiterfließende wachsende, nie fertige Leben, das wir sind und das uns umgibt.

Dazu kommt, dass die Sichtweise auf die fundamentale Gleichwertigkeit aller Menschen, Dinge und Lebensformen nicht nur Voraussetzung für jede Demokratie in der menschlichen Gesellschaft ist, sondern auch die Grundlage für Artenschutz, nachhaltiges Handeln und Umwelterhaltung bildet. Sie hängt zusammen mit der Haltung der Demut und ist vermutlich die Perspektive, die sowohl ein menschenwürdiges Leben für möglichst viele und auch den Erhalt der natürlichen Lebensvoraussetzungen auf diesem Planeten sichert, als conditio sine qua non, also als unabdingbare Grundbedingung für eine Zukunft menschlicher Existenz.


Wer weiß, wozu es gut ist...


Zu dieser Thematik passt die bekannte „Wer-weiß-wozu-es-gut-ist“-Geschichte, die es in verschiedenen Varianten gibt:

Es war einmal ein kleines Indianerdorf. Am Rande dieses Dorfes lebte ein alter Indianer. Er besaß nicht viel, aber genug, um zufrieden zu leben. Jeden Morgen schaute er nach seinem einzigen Pferd, um eine Weile bei ihm zu sein. Eines Morgens, als er wieder nach seinem Pferd schauen wollte, war es verschwunden.
Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und sprach sogleich:
»Oh du Armer! Dein einziges Pferd ist dir weggelaufen. Du tust mir leid, jetzt ist dein einziger wertvoller Besitz dahin! Das ist wirklich schlimm für dich!«
Der alte Indianer lächelte und sprach:
»Was bedeutet das schon? Das Pferd ist weg, das stimmt, aber bedeutet das wirklich etwas Schlimmes? Warten wir es ab – wer weiß, wozu es gut ist!«
Der alte Indianer ging auch am nächsten Morgen an die Koppel, dort wo sein Pferd gewesen war. Und auch am übernächsten Morgen tat er es. Plötzlich hörte er herangaloppierende Pferde. Als er aufschaute, da erblickte er sein Pferd. Es war zurückgekommen und mit ihm zwölf der prächtigsten Wildpferde. Sein Pferd führte alle in die Koppel.
Der Nachbar des alten Indianers sah es als erster und rief sogleich: »Oh du Glücklicher. Das ist ja unglaublich, wie viel Glück du hast. Dein Pferd ist zurück gekommen und nun hast du dreizehn Pferde! Das ist toll! Nun bist du der reichste Mann im Dorf!«
Der alte Indianer lächelte und sprach: »Ja richtig, ich habe nun dreizehn Pferde. Aber warum bist du so aufgeregt? Wer weiß, wozu es gut ist!«
Der alte Indianer hatte nur einen Sohn, und dieser begann bald darauf, die zwölf Wildpferde zuzureiten, eines nach dem anderen. Es war eine anstrengende Arbeit, selbst für einen jungen, kräftigen Mann. Und an einem Nachmittag ereignete es sich, dass der junge Sohn, sehr erschöpft, von einem der temperamentvollen Pferde stürzte und sich das Becken brach.
Der Bruch war so kompliziert, dass er nur schlecht verheilte und alsbald war klar, dass der Sohn des alten Indianers für den Rest seines Lebens ein Krüppel sein würde. Nie wieder würde er seine Beine richtig gebrauchen können.
Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und sprach sogleich: »Oh du Armer! Dein einziger Sohn ist ein Krüppel und wird es immer bleiben. Du tust mir wirklich leid, jetzt hast du gar keine Freude mehr am Leben! Ich glaube, es lastet ein Fluch auf dir!«
Der alte Indianer schüttelte den Kopf und sprach: »Und wieder bist du so aufgeregt. Mein Sohn wird vielleicht nie wieder laufen können – das ist möglich! Aber warum sprichst du von einem Fluch? Warten wir doch einfach ab – wer weiß, wozu es gut ist!«
Es begab sich, dass das Volk des alten Indianers in immer größeren Spannungen mit dem Nachbardorf lebte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis eines der Dörfer das Kriegsbeil ausgraben würde.
Alsbald herrschte große Aufregung im Dorf des alten Indianers, denn man wollte gehört haben, dass das Nachbardorf einen Überfall plante. Der Ältestenrat entschied, dem Angriff zuvor zu kommen und das Nachbardorf unverzüglich zu überfallen. Alle jungen und gesunden Krieger hatten sich sofort für den Krieg zu rüsten.
Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und erzählte dem alten Indianer voller Verzweiflung davon: »Stell dir nur vor – mein Sohn muss in den Krieg ziehen. Was hast du für ein Glück, dein Sohn darf im Dorf bleiben, denn er ist ja ein Krüppel. Du hast wirklich großes Glück! Zwar ist dein Sohn nicht gesund, aber er wird leben. Wer weiß, ob ich meinen Sohn jemals wieder sehe. Wie musst du dich glücklich schätzen, dass dein einziger Sohn verschont bleibt!«
Der alte Indianer schüttelte den Kopf und sprach: »Und wieder bist du so aufgeregt. Hast du denn gar nichts aus der Vergangenheit gelernt? Schon wieder entscheidest du sofort, ob etwas gut oder schlecht ist. Was wissen wir denn schon? Warten wir doch einfach ab – wer weiß, wozu es gut ist!«
Die jungen Krieger überfielen das Nachbardorf und hatten leichtes Spiel, denn dort hatte man nicht mit ihrem Angriff gerechnet. Sie machten reiche Beute und kehrten siegreich und mit schwer beladenen Pferden zurück.
Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und erzählte dem alten Indianer voller Stolz davon: »Stell dir nur vor, wie viel unsere Krieger erbeutet haben. Wir sind jetzt alle reich, nur du nicht, du armer alter Mann, denn dein Sohn war ja nicht dabei! Du hast wirklich Pech! Das muss ja furchtbar für dich sein! Wir werden unsere Zelte reichlich mit der Kriegsbeute füllen!«
Der alte Indianer schaute ihn an, seufzte tief und ging wortlos in sein Zelt zurück.
Aber dann wandte er sich doch noch einmal um, sah seinen Nachbarn eine Weile an und sprach: »Und wieder lernst du nichts aus der Vergangenheit? Schon wieder entscheidest du sofort, ob etwas gut oder schlecht ist. Was wissen wir denn schon? Wir sehen doch immer nur einen kleinen Teil vom Ganzen. Warten wir doch einfach ab – wer weiß, wozu es gut ist!«
Die Stammeskrieger feierten den Sieg bis tief in die Nacht und stolze Väter und stolze Mütter sorgten für das beste Essen, viel Tanz und viele Getränke. Es war kurz vor dem Morgengrauen, als sich alle müde in ihre Zelte begaben.
Im Nachbardorf hatte man unterdessen einen Gegenangriff vorbereitet, und im Morgengrauen kam die Rache für die erlittene Demütigung. Die Krieger des Nachbardorfs drangen in jedes Zelt ein und wenn sie dort etwas von ihren Gegenständen fanden, wurden alle im Zelt grausam getötet. Niemand überlebte den Gegenangriff – nur der alte Indianer und sein Sohn wurden verschont!
Der alte Indianer dachte an seinen Nachbarn, lächelte und sprach zu sich: »Siehst du, wie wenig wir doch vom Ganzen sehen. Erst viel später erkennen wir, wozu etwas gut war!«

Zum Weiterlesen:
Demut als spirituelle Haltung
Polaritäten lähmen, Kontinuen befreien
Polaritäten - Ursprünge und Folgen


Montag, 14. Mai 2018

Demut als spirituelle Haltung

Die Einsicht in die Begrenztheit unseres Begreifens und Verstehens ist die Grundlage für die Haltung der Demut. Mit ihr anerkennen wir, dass wir beschränkt sind und dass es immer etwas Größeres und Umfassenderes gibt, dem wir uns verdanken. Wir sind keine selbsterzeugende und selbsterhaltende Wesen, sondern wir wurden ohne unser Zutun gezeugt und brauchen so vieles, um weiter leben zu können. Wir werden laufend an diesem Leben erhalten, und dazu trägt so unendlich vieles bei, dass wir es kaum erahnen können. Wissen wir z.B., wer die Banane, die wir gerade essen, gepflückt, den Baum gepflanzt, gewässert, gepflegt hat? Wer dafür gesorgt hat, dass sie den Weg von ihrem Ursprungsort in meinen Obstkorb gefunden hat? Wer mir das Geld gegeben hat, sie zu kaufen? Was mir die Verdauung der gelben Frucht ermöglicht? Und so weiter. Jeder einzelne Akt unseres Lebens hat unermesslich viele Vorbedingungen und Voraussetzungen, damit er überhaupt stattfinden kann, und nur ein Bruchteil davon ist uns bewusst und bekannt.

Die Macher-Mentalität


Nur mit Demut finden wir zu dieser Einsicht. Sie widerspricht unserer Macher-Mentalität: Ich bin der Urheber all meiner Erfolge und Leistungen. Wegen meiner besonderen Qualitäten und Fähigkeiten habe ich das und jenes geschafft, und folglich steht es mir zu, dafür meine Belohnung zu bekommen.

Manche gehen dann so weit, diesen Glauben an die Selbstschöpfung auf die gesamte Wirklichkeit auszubreiten. Das eigene Denken erschafft die Realität, also macht jeder seine Wirklichkeit im Kopf. Die ganze Welt – die eigene Schöpfung. Ob und wieweit auch immer das stimmen mag; vorausgesetzt ist in jedem Fall ein Kopf, ein Gehirn, ein Denken, das so erstaunliche Gedanken hervorzubringen vermag.

Natürlich brauchen wir die Selbstbestätigung, mit der wir unser Tun mit uns selbst verbinden. Sie stärkt unser Selbstbewusstsein und unseren Selbstwert. Sie weist auch darauf hin, dass wir für unsere Handlungen die Verantwortung tragen. Doch wenn wir diese Perspektive absolut setzen, also ihre vielfältigen organischen und sozialen Voraussetzungen nicht miteinbeziehen, geraten wir schnell in die Krallen von Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Auf diese Weise trennen wir uns von all den anderen Personen und Faktoren ab, die dazu beitragen, dass wir überhaupt handlungsfähig sind. Und wir müssen auch die Kehrseite in Kauf nehmen,  die sich bemerkbar macht, sobald wir an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit stoßen. Wenn wir die einzigen Macher unserer Erfolge sind, sind wir auch voll und allein für unsere Misserfolge und unser Scheitern, unsere Schwächen und Krankheiten verantwortlich und müssen die ganze Last alleine tragen.

Demut, die nicht mit Unterordnung oder Unterwerfung verwechselt werden darf, ist die Haltung, in der die eigene Würde mit einer letztlichen Machtlosigkeit verknüpft ist. Sie entlastet von der Mühsal und vom Stress, alles alleine schaffen zu müssen. Mit Demut lassen wir uns von etwas Größerem tragen und halten, indem wir auf die Ansprüche und Anstrengungen der Selbsturheberschaft verzichten. Wir nehmen das größere Bild ins Blickfeld und ordnen uns dort ein, ohne uns selbst zu verkleinern oder zurecht zu schneiden.


Systemische Demut


Im Rahmen der systemischen Vernunft ergibt sich die Haltung der Demut von selbst. Systemisches Denken bedeutet, jeden Teil in Zusammenhang und im Zusammenwirken mit dem Ganzen zu sehen. Das Ganze ist nicht ohne die Teile, die Teile sind nicht ohne das Ganze. Jedes Ganze ist wiederum selbst Teil eines anderen Ganzen. Kein Teil kann das Ganze, dem er angehört, kontrollieren und kommandieren, vielmehr ist er vom Ganzen in einem stärkeren Maß abhängig als umgekehrt. In diesem Sinn enthält jeder Teil die Einstellung der Demut, der Anerkennung des größeren Ganzen.

Oft sehen wir uns nur selbst, in Verhältnis zu anderen und anderem. Ich habe dies oder jenes getan, eine andere Person hat so oder so darauf reagiert. Ich bin da und sie ist dort. Dass wir in dieser Interaktion ein Ganzes bilden, dem wir beide angehören, öffnet eine weitere Perspektive. Wir können dann erkennen, dass wir als Einzelperson die ganze Dynamik nicht in der Hand haben. Erst wenn wir einen Schritt heraus aus dem System treten, können wir mehr davon wahrnehmen, was im Dazwischen abläuft. Wir merken es daran: Solange wir in eine Auseinandersetzung involviert sind, sehen wir nur uns selbst, unsere Anliegen und Interessen sowie die Themen der anderen Person. Gelingt uns eine Distanzierung, können wir zu einer Lösung finden.

Wie beides ineinander wirkt, zeigt sich erst, wenn wir uns in eine neutrale Position begeben, also unsere Anliegen und Interessen zurückstellen. Wir kommen also nur auf die Ebene der systemischen Vernunft, wenn wir einen Akt der Demut setzen: Ohne meine Anliegen und Interessen zu verleugnen, setze ich sie zumindest für eine Zeit zurück und schränke damit auch mein Ego mit seiner dringlichen Tagesordnung ein. Ich anerkenne, dass ich in der Verständigung mit der anderen Person nur weiterkomme, wenn ich auf mein Beharren und Durchsetzen verzichte und ein Verständnis für die Dynamik, in der wir uns beide befinden, entwickle.

Anzuerkennen, dass wir Wirkzusammenhängen unterworfen sind, in die wir zwar Einsicht erlangen können, die wir aber nicht unserem Willen unterordnen können, ist eine Definition von Demut. Es gibt immer, in jeder Situation etwas Größeres, dem wir unsere Existenz und unser So-Sein in diesem Moment verdanken. Dieses Größere ist etwas, das uns so groß sein lässt, wie wir eben sind, das uns also unsere Würde belässt. Das bedeutet Demut.
Hier noch ein paar Beispiele zu diesem Thema.


Demut und Warten


Wir haben einen wichtigen Termin. Doch der Verkehr stockt, und wir kommen nicht weiter. Unsere Macher-Mentalität ist frustriert. Vielleicht ärgern wir uns über uns selber, weil wir zu spät aufgebrochen sind, oder über die anderen, die gerade jetzt unterwegs sein müssen, über die Verantwortlichen für den Verkehr usw. Wir regen uns auf, ohne damit etwas an der Situation ändern zu können. Wir lassen unsere Nerven rotieren und unseren Stresspegel steigen.

Im Grund maßen wir uns in solchen Fällen an, dass sich die Wirklichkeit nach unseren Absichten zu richten hätte. Wir kämpfen gegen Bedingungen, die wir nicht beeinflussen können. Gelingt es uns, Demut angesichts der widrigen Umstände walten zu lassen, können wir entspannen. Wir haben getan, was uns selber möglich ist und akzeptieren, wie es jetzt gerade ist. Wo nichts zu tun ist, erlauben wir uns, ins Nichtstun zu fallen statt zu hadern. Wir ordnen uns wieder ein in die Kette der Ereignisse, die von so vielen Seiten aus gesteuert wird, dass unser eigener Beitrag ohnehin nur minimal ausfällt.


Demut und unser Körper


Auch in Beziehung zu unserem Körper geziemt sich die Haltung der Demut. Wir stoßen auf dieses Thema, wenn wir krank werden oder eine andere Störung der physiologischen Abläufe unliebsam bemerken. Wir haben nur eine sehr geringe bewusste Kontrolle über die vielfältigen Prozesse in unserem Körper, was solange kein Problem ist, als alles klaglos abläuft. Beim Auftreten von Störungen hingegen merken wir schnell, dass wir Zusammenhängen ausgeliefert sind, die wir nur sehr eingeschränkt beeinflussen können. Bakterien oder Viren oder beide und noch mehr breiten sich gerade massiv in unserer Nase aus, die Immunkräfte kämpfen dagegen, und wir leiden unter dem Schnupfen. Wir können dies und jenes Mittelchen nehmen und uns Ruhe gönnen, aber die Eindämmung der Infektion muss unser Immunsystem zustande bringen, und das nimmt sich die Zeit, die es dafür braucht, unabhängig von den wichtigen Terminen, die wir wahrnehmen sollten, von den Aufgaben, die zu erledigen sind, für die wir die Energien bräuchten, die jetzt zur Heilung der Entzündungsvorgänge eingesetzt werden.

Hier geht es wieder darum, unseren eigenen Willen einem umfassenderen Vorgang unterzuordnen und demütig zu sein. Wir tun bei solchen Gelegenheiten am besten daran, wenn wir uns den Prioritäten, die unser Körper aus seiner eigenen Weisheit heraus setzt, anpassen. Auf diese Weise können wir wieder die Übereinstimmung in uns selbst, die wir Gesundheit nennen, herstellen.


Selbstdisziplin und Demut


Wir alle kennen schlechte Gewohnheiten, die sich zu Süchten auswachsen können, wenn sie zu viel Raum in unserem Leben einnehmen. Wir können solche Gewohnheiten durch Selbstdisziplin in Griff kriegen und eindämmen oder ganz zum Verschwinden bringen. Wir machen uns klar, was wir wirklich wollen (im Sinn der kreativen Lebensorientierung) und mobilisieren unsere Willenskraft. Noch besser versuchen wir den emotional geprägten Wurzeln dieser dysfunktionalen Verhaltensweisen auf den Grund zu kommen.

Doch selbst die Willenskraft, die wir aufwenden, wenn wir eine Versuchung an uns vorbeiziehen lassen, ist nicht unser Werk, sondern etwas, das uns geschenkt ist. Manchmal haben wir mehr davon, manchmal weniger, mal sind wir stärker, dann wieder schwächer. Auch diese Zyklen gilt es in Demut anzunehmen, ohne uns dazu verleiten zu lassen, allzu schnell die Anstrengungen zur Festigung unserer Selbstdisziplin fahren zu lassen. Wir können unsere Aufmerksamkeit für die Momente schärfen, in denen wir den passenden inneren Zustand haben, wie er für die Kultivierung von Selbstdisziplin notwendig ist, um diese Gunst am besten für uns zu nutzen.


Demut und persönliches Wachstum


Jeder Schritt in der inneren Entwicklung macht uns freier. Es braucht dabei immer die eigene Anstrengung, den eigenen Einsatz. Insofern können wir uns auch anerkennen, wenn es uns geglückt ist, im inneren Prozess weiter zu kommen, indem sich unsere Handlungs- und Liebesfähigkeit erweitert. Gleichzeitig ist es wichtig anzuerkennen, dass auch bei solchen Entwicklungsschritten Leistung und Gnade zusammenspielen. Oft geschehen die besten Lösungen dann, wenn wir aufgehört haben uns anzustrengen. Wir können auf diesem Weg nichts erzwingen, und das Resultat ist genauso unser Verdienst wie unser Erfolg. Die Perspektive der Demut lässt uns beides sehen und macht uns möglich, unser Ego mit jedem Schritt auf der spirituellen Leiter ein Stück zu verkleinern.


Demut und Metaphysik


Wie im vorigen Blogartikel ausgeführt, stößt unser neugieriges Interesse auf Grenzen des Wissbaren. Wir wollen gerade über das, was nach dem Tod geschieht, eine sichere Auskunft, und darüber, ob es einen Gott gibt und wie der/die ist, und was eigentlich der Sinn unseres Lebens ist. Das sind die wichtigsten „letzten Fragen“ der Metaphysik, auf die es bis heute keine eindeutigen Antworten gibt.

Stattdessen wächst die Gewissheit darüber, dass es gar keine Antworten auf die Fragen geben kann. Wenn wir diese Kränkung unseres hochfliegenden Wissensdurstes, der oft ein verkleideter Kontrollwahn ist, akzeptieren, sind wir in der Position der Demut: Vielen Errungenschaften des geistigen Potentials der Menschheit stehen viele Ungewissheiten gegenüber, und so wird es für immer bleiben. Die Selbstbescheidung der menschlichen Erkenntnis- und Erfahrungsmöglichkeiten erweitert die Wertschätzung für das, was innerhalb dieser Grenzen alles möglich ist. Statt über unser Leben hinausdenken zu wollen, beschäftigen wir uns damit, all die Schätze zu heben, die diese Welt im Inneren wie im Äußeren bereithält.


Spiritualität der Demut


Sobald wir uns auf die Qualität der Demut einlassen, begeben wir uns aus den Ego-geprägten  Lebensfeldern der Macher-Welt in den Bereich der Spiritualität, die es nicht mit der Oberfläche der Dinge zu tun hat, sondern mit deren geistigem Gehalt. Der Geist hat, weil weder räumlich noch zeitlich, keine Grenzen. Er weist immer über das hinaus, was gerade ist. In diesem Sinn können wir nur demütig spirituell sein. Wir haben bestenfalls eine Ahnung von dem, was Geist wirklich ist, und wir haben die Gewissheit, dass da immer mehr da ist als wir erfassen können.

Das bedeutet auch, dass wir selber immer mehr sind, als uns bewusst ist. Nicht nur, dass wir über ein riesiges Repertoire an unbewussten Mustern, Antrieben, Erinnerungen, Bilder usw. verfügen, darüber hinaus ist unsere Geistigkeit, unser Intellekt, unsere Gefühlsweisheit, unsere Intuitionskraft usw. prinzipiell unendlich und nie ausschöpfbar. Das, was unsere bewusste Selbst-Identität ausmacht, ist ein flüchtiger Entwurf, ein fließendes Gebilde in ständiger Veränderung, im Austausch mit all den Kräften unseres Körpers und Geistes, die von jenseits unserer Bewusstheit auf uns einwirken und uns gestalten. Nur aus der Sichtweise der Demut können wir uns ein angemessenes Bild von uns selbst machen.

Die demütige Haltung ist es, die uns den Zugang zur Achtung vor allen anderen Wesen öffnet. Alle sind sie gleichermaßen wertvoll und wunderbar. Wir brauchen uns über niemand anderen und nichts anderes darüber stellen oder uns irgendwo unterordnen. Wir begegnen allem und jedem auf Augenhöhe, im wechselseitigen Anerkennen der Größe und Endlichkeit, das alle gleichmacht, indem es alle Unterschiede schätzt.

Mit der Demut verwenden wir durchgängig das Kleiner-Zeichen: Wir sind immer kleiner im Vergleich zu dem, was uns ausmacht und was uns umgibt. Wir können es nie ganz umgreifen, wir können es nie ganz begreifen. Wir können uns aber ergreifen lassen, in Würde und Demut.



Zum Weiterlesen:
Die Gleichberechtigung des Seins

Sonntag, 13. Mai 2018

Letzte Fragen ohne Antworten

Wir Menschen stellen gerne Fragen, unser Wissensdurst ist unbegrenzt. Wir tauschen uns oft untereinander aus, um Antworten zu finden. Neugierig wie wir sind, wollen wir alles, was es zu wissen gibt, wissen. Es könnte uns ja irgendwann einmal von Nutzen sein.

Und wir wollen weiterfragen und keine Grenze für unser Fragen akzeptieren. Nach Immanuel Kant gibt es ein „unhintertreibliches Bedürfnis“ im Menschen, Antworten auf die Fragen nach dem Sinn des Ganzen zu bekommen. Allerdings wird dieses Unterfangen an den Grenzen des Wissbaren schwierig. Zwar gibt es jede Menge Antworten auf die sogenannten letzten Fragen, aber keine, die allgemein überzeugen können. Vielmehr tummeln sich gerade in diesem Bereich eine Menge miteinander konkurrierender Angebote, die ihre Spannungen in der Geschichte häufig mit Gewalt ausgestritten haben, so als könne die brutale Unterwerfung des Gegners die Wahrheit der eigenen Ansicht bestätigen.

Das Ende der verbindlichen Antworten


Der Ausweg aus den Serien dieser blutigen Konflikte war zumindest in der gebildeten Schicht Europas im 18. Jahrhundert die Erkenntnis der Aufklärung, dass die religiöse Überzeugung Privatsache sein soll. Das hat zu einem Deutungs- und Bedeutungsverlust der organisierten Religionsgemeinschaften geführt. Einen Teil dieser Deutungshoheit haben die Wissenschaften übernommen, doch können sie gerade in den letzten Fragen keine Antworten liefern, weil ihre Erkenntnisse immer aus dem Rahmen der raum-zeitlichen Erfahrbarkeit stammen, während diese Fragen darüber hinaus zielen. So kann uns die Wissenschaft alle möglichen Modelle über den Urknall anbieten; die „eigentlichen“ Fragen bleiben, was davor war und ob es jemanden gibt, der das Ganze in Gang gesetzt hat, und was der Sinn des Unterfangens sein soll.

Was hindert uns daran, uns damit zufrieden zu geben, dass es Fragen gibt, auf die es keine Antworten gibt, und dass dazu vor allem die metaphysischen letzten Fragen zählen? Kant, der führende Philosoph der Aufklärung, hat schon darauf hingewiesen, dass gesicherte Erkenntnisse über alles, was jenseits unseres Erfahrungsraumes angesiedelt ist, nicht gefunden werden können. Alles was bleibt, sind Spekulationen. Und Spekulationen sind durch ihre Beliebigkeit, Veränderbarkeit und Austauschbarkeit gekennzeichnet: Es könnte so sein oder auch anders. Gott existiert oder eben nicht. Oder: die eine Antwort gefällt mir besser als die andere, die ist nicht nach meinem Geschmack. Übermorgen ziehe ich vielleicht die andere Möglichkeit vor. Heute finde ich den Sternenhimmel so wunderbar, also gibt es einen Gott. Morgen wird mir das ganze Unheil in der Welt bewusst, also kann es keinen Gott geben.

Bei den Religionen gehört die Kompetenz für verbindliche Antworten auf die letzten Fragen gewissermaßen zum Kerngeschäft. Eine Religion, die dazu nichts im Angebot hat, ist da gleich im Nachteil gegenüber der Konkurrenz. Je verbindlicher die Antwort, desto mehr Sicherheit kann den Gläubigen geboten werden. Deshalb auch wurden die absoluten Wahrheiten zu den letzten Fragen auch mit Zähnen und Klauen verteidigt, obwohl sie, nüchtern betrachtet, aus der Luft gegriffen sind. Die Autoritäten, die hinter den Wahrheiten stehen, sind die Religionsstifter und deren Schriften, andere Dokumente übernatürlicher Herkunft oder durch auserwählte Gemeinschaften erlangte Einsichten wie die auf Konzilien formulierten Dogmen der katholischen Kirche.

All das mag einen Skeptiker nicht zu überzeugen, und der Skeptiker werden es immer mehr. Die Texte wurden der historischen Textkritik unterzogen, das Leben der Religionsstifter wurde durchleuchtet, die Religionen untereinander verglichen, und dann bleibt vielleicht ein Kern übrig, der bei den meisten Religionen in ähnlicher Form auftaucht und nur unterschiedlich formuliert wird. Dieser Kern betrifft aber vor allem Aussagen darüber, wie die Menschen mit sich und miteinander umgehen sollen, während sich in den Fragen um die letzte Bestimmung der Menschen unterschiedlichste Szenarien zeigen. Die einen haben einen und nur einen, die anderen einen Gott in drei Gestalten, die dritten viele und die vierten gar keine Götter. Bei den einen ist das höchste Ziel, nach dem Tod im Nirvana zu verschwinden, während die anderen den Himmel anstreben und die dritten schauen müssen, dass sie es bei der nächsten Wiedergeburt besser erwischen. Einigkeit gibt es also bei Fragen der Ethik, aber nicht bei denen zur Metaphysik.

Wissen nichts zu wissen


Deshalb ist es wohl müßig, nach definitiven, für alle überzeugenden Antwort auf diese Fragen zu suchen. Im Grunde wissen wir, dass wir nicht wissen können, dass wir uns mit einer Grenze bescheiden müssen, über die hinaus es eben nur ein Glauben gibt. Auf die Frage nach dem letzten Sinn kommt also nur eine Antwort, die mit: „Ich glaube …“ beginnt und eine subjektive Sichtweise ausdrückt. Die Aussage verfügt über kein Pendant in der Wirklichkeit. Es ändert sich allenfalls etwas an der inneren Befindlichkeit der glaubenden Person, welche die Aussage tätigt. Schließen sich mehr Menschen einer Glaubensaussage an, wird eine soziale Wirklichkeit erzeugt, eine Glaubensgemeinschaft. Solche Gemeinschaften sind dadurch geprägt, dass sich ihr Zusammenhalt bloß auf solche selbsterzeugte soziale Wirklichkeiten gründet.

Offensichtlich geht es bei den letzten Fragen gar nicht um „letzte Bedürfnisse“, sondern um recht frühe. Wir suchen nach Bestätigung für unsere Glaubensannahmen, um uns sozial verbunden zu fühlen. Wir bilden Glaubensgemeinschaften, weil uns die Zugehörigkeit Vertrauen gibt. Wir halten uns an vorgegebene Antworten auf die letzten Fragen und fühlen uns dadurch sicherer. Wir beruhigen innere Ungewissheiten, Ängste und Unsicherheiten.

Wenn wir ganz im Moment sind, verbunden mit dem Inneren und Äußeren, brauchen wir keine Fragen. Die letzten Fragen tauchen auf, wenn wir uns aus dieser innigen und erfüllenden Verbundenheit mit dem Leben entfernt haben, und die letzten Antworten sollen uns die Spannung nehmen, unter der wir dann leiden. Was uns aus der Erfahrungseinheit herausführt, sind alte, unerledigte Themen, verbunden mit früh geprägten Gefühlsmustern. Je mehr von diesen Mustern wir in unserer Innenarbeit auflösen können, je weniger Ängste wir haben, desto geringer wird das Bedürfnis nach Antworten auf Fragen, zu denen es kein passendes Wissen gibt. Und desto leichter fällt es uns, in Bescheidenheit die Grenzen des Erkennbaren und Wissbaren zu akzeptieren und uns innerhalb dieser Grenzen konstruktiv und kreativ auszuleben.

Zum Weiterlesen:
Gott und das Ego
Das Absolute im Beschränkten
Reinkarnation - Glaube oder Symptom?


Donnerstag, 10. Mai 2018

Gott und das Ego

Es gibt viele Theorien, warum Menschen auf die Idee gekommen sind, dass es einen Gott (oder mehrere Götter) geben kann und dass es wichtig ist, an die Existenz einer solchen Wesenheit zu glauben. Es fällt ja auf, dass die meisten Kulturen eine Form des personalisierten Jenseits kennen und dass die großen Religionen, die sich daraus entwickelt haben, Milliarden von Menschen als Anhänger haben. Andererseits gab es immer wieder Bestrebungen, den Glauben an Gottheiten in Frage zu stellen, so schon bei den griechischen Philosophen der Antike. Mit der Aufklärung gewann diese Richtung des Skeptizismus immer mehr an Breitenwirkung. Zusammen mit der Ausbildung des materialistischen Bewusstsein, das die Motivationen und Interessen der Menschen zunehmend auf die innerweltlichen Dinge fokussiert, beobachten wir seit Jahrzehnten den kontinuierlichen Schwund an Kirchenmitgliedern und an traditionellen religiösen Einstellungen überall dort, wo die Modernisierung greift. Offenbar benötigen immer weniger Menschen einen Gott, um mit ihrem Leben zurechtzukommen.

Was hat es also auf sich mit dem Glauben an Gott? Ich möchte diese komplexe Frage in Bezug auf einen Aspekt näher beleuchten: Gott als das Gegenüber unseres Egos. Mit dem Ego ist hier die Ansammlung aller Überlebensstrategien gemeint, die Menschen aus ihren Lebenserfahrungen im Unbewussten abgespeichert haben. Weiterführende Gedanken dazu finden sich auf anderen Seiten dieses Blogs. Überlebensstrategien beziehen sich darauf, wie Menschen mit der Unübersichtlichkeit und Unberechenbarkeit des Lebens umgehen. Solche Situationen lösen Ängste aus, und die Religionen bieten dazu verallgemeinerte Bewältigungskontexte an. Sie helfen also, Sinn und Halt zu finden, wenn die Lebensbedingungen riskant und bedrohlich sind.

Daraus können wir ableiten: die Menschen brauchen Gott, wenn sie sich in prekären Situationen befinden. Gott als jenseitige Instanz, die über den Widrigkeiten des Lebens steht, bietet eine bedingungslose und unbegrenzte Unterstützung an und gleicht die Schwäche des menschlichen Egos aus, das sich überfordert fühlt. Zugleich dient diese Instanz zur Eingrenzung der menschlichen Hybris, der Überheblichkeit, die aus einem überaktiven Ego stammt, das sich auf dem Weg der Gier und der Machtausübung aus seinen Ängsten befreien will. 

Wo immer das Ego an eine Grenze seiner Möglichkeiten stößt, reagiert es mit Hilflosigkeit oder selbstschädigender Maßlosigkeit, Haltungen, die im Extrem in existentielle Überlebensängste münden. In solchen Grenzsituationen erkennt das Ego ein Jenseits, etwas, das sich außerhalb der Grenze befindet und grenzenlos erscheint. Es stößt, im Scheitern seiner Strategien, auf ein Gegenüber, das nicht von der eigenen Ausweglosigkeit betroffen ist, und nennt es die unbegrenzte Macht des Göttlichen. Diese Instanz kann jetzt liebevoll Unterstützung bieten und streng Mäßigung einmahnen. Die unbedingte Kraft der Liebe und der Gerechtigkeit, wie sie im Bild Gottes verankert ist, dient zugleich als Stütze und als Mahnung. Die Leidenden werden getröstet, um wieder zu Kraft zu kommen, und die Täter werden zurechtgewiesen, damit sie umkehren. 

Das Ego braucht ein Gegenüber, sonst zerbricht es angesichts der unzähligen Möglichkeiten des Scheiterns und des Leidens einerseits und der Verlockungen zur Unmenschlichkeit auf der anderen Seite. Wenn die Überlebensstrategien versagen, wird die Not so groß, dass der Ruf nach Gott unausweichlich ist: De profundis clamavi ad te, Domine – Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr (Psalm 130). 

Eine Komponente dieser Reaktion wurde schon von Sigmund Freud analysiert – die Sehnsucht nach einer übermächtigen Vaterfigur angesichts der eigenen Beschränktheit und Fehlerhaftigkeit. Sie dient für eine unbewusste Identifikation, welche dann die schon von Kindheit an erlebte eigene Machtlosigkeit kompensiert. Damit kann sich das Ego beruhigen oder bescheiden, indem es sich in einem größeren Ganzen geborgen, geschützt und geschätzt fühlt. Es hat einen Rahmen, der ihm die Sicherheit vor Bedrohungen, auch denen des Ausuferns garantiert. 

Wechselseitige Abhängigkeit: Ohne Ego kein Gott


Die Konsequenz des Modells, dass Gott das Pendant des menschlichen Egos darstellt, liegt allerdings darin, dass die Existenz Gottes am Ego hängt, wie dieses an der Existenz Gottes. Tritt das Ego zurück, tritt Gott zurück. Konsequenterweise heißt das: Geht das Ego unter, geht Gott unter. In diesem Zusammenhang wird verständlich, warum der Buddhismus, dessen Ziel darin liegt, die Menschen zur Erleuchtung, also in den egolosen Zustand zu führen, ohne Gottesbegriff und Gottesvorstellung auskommt. Gott zeigt sich an dieser Schwelle als Hilfskonstruktion, als Selbstkorrekturinstanz.

Ein tröstender und die Schmerzen beruhigender Gott braucht einen leidenden Menschen. Braucht ein nicht leidender Mensch einen Gott? Offenbar braucht er das Gotteskonzept, das zur Kompensation des leidenden Egos konstruiert ist, nicht mehr. Er ist an die Grenze des Modells gelangt, an der sichtbar wird, dass Modell und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Werkzeuge, die keine Verwendung haben, legen wir zur Seite, solange, bis wir sie wieder brauchen. 

Das Ende des Gebrauchsgottes


Ein Gebrauchsgott jedoch widerspricht allem, was von den Menschen als das Göttliche verstanden werden kann. Das Jenseitige ist damit in den Niederungen menschlicher Zwecke und Neigungen gelandet und hat die Aura der Transzendenz unrettbar verloren. Sobald ein ausgeklügelten Wirtschaftssystem die Bedürfnisse der Menschen bis in alle Details unter seine Obhut nimmt, verkümmert das Göttliche zum Lückenbüßer für die Engpässe der Versorgungssysteme der Marktwirtschaft. Die Selbstperfektion, die im kapitalistischen Erfolgsstreben angelegt ist, hungert systematisch die Bedürfnisse nach transzendenten Wesenheiten aus. Der Glaube an Gott erodiert mit dem Fortschritt der materialistischen Bedürfnisbefriedigungsmaschinerie. Wer alles hat, was zum Überleben notwendig ist und dazu noch jede Menge an Geräten, mit denen jeder Langeweile durch einen Knopfdruck Einhalt geboten werden kann, braucht keinen jenseitigen Trostspender. Wo die Qualität des Lebens vom Gehalts- und Bankkonto abhängig ist, ist kein Platz mehr für einen allmächtigen Segensspender. Und wo Versicherungen gegen alle Eventualitäten des Lebens Vorsorge bieten, hat sich der Nothelfer in eine menschengemachte bürokratische Organisation verwandelt.

Klarerweise ist die Frage nach der Wirklichkeit Gottes mit diesen Überlegungen noch nicht beantwortet. Der Prozess der Aufklärung hat in vielfältigen Weisen traditionelle Gotteskonzepte dekonstruiert, und dieser Prozess geht weiter und muss auch weitergehen, weil die menschliche Vernunft alle Bereiche des Bewusstseinsfeld einnehmen und besiedeln muss, die es erreichen und erfassen kann. Noch wissen wir nicht, ob jenseits davon eine Sinninstanz angesiedelt bleibt oder nicht. Gewiss ist wohl, dass wir in Form eines sicheren Wissens niemals eine derartige Gewissheit erlangen werden, und die Anzeichen mehren sich, dass wir eine solche Gewissheit gar nicht brauchen, um ein gutes und erfülltes Leben führen zu können.

Mittwoch, 2. Mai 2018

Reaktive und kreative Lebensorientierung

Das Modell der beiden Lebensorientierungen stammt von Robert Fritz, der drei Bücher über das Manifestieren, also das Verwirklichen von inneren Zielen, geschrieben hat. Kurz gesagt, geht es bei der reaktiven Orientierung darum, dass wir aktiv werden, also zu einer Handlung schreiten, wenn der Druck oder der Ansporn von außen groß genug ist. Bei der kreativen Orientierung stammt das Motiv und der Impuls zum Handeln aus uns selbst. In Bezug auf die Motivation gleicht dieser Ansatz einem anderen bekannten Modell, nämlich dem von der extrinsischen und intrinsischen Motivation.

Vermutlich kennen wir aus unserem Leben beides. Es gibt Aufgaben, die wir erledigen müssen, weil jemand anderer das von uns will. Der Chef ordnet eine lästige Arbeit an, wir müssen sie ausführen. Andere Aufgaben müssen wir angehen, weil sich sonst unsere Lebensumstände verschlechtern. Wenn wir die Heizung nicht reparieren lassen, werden wir im Winter frieren. Also machen wir das, obwohl wir anderes gerade lieber tun würden. Der Wille kämpft mit dem Widerwillen, und dieser Kampf fordert Energie, die uns bei der effektiven Erledigung abgeht.

In der reaktiven Orientierung bestimmt die Außenwelt über uns, und unser Handeln dient der Anpassung an die Erwartungen und Forderungen, die von dort kommen. Wir kennen diese Einstellung gut, weil sie in vielen Situationen unseres Lebens im Vordergrund gestanden ist, sodass sie uns zur vertrauten Gewohnheit geworden ist. Sie ist der Grund dafür, dass wir oft Sachen unerledigt liegen lassen, Vorsätze vor allem dann nicht erinnern, wenn wir Zeit hätten, sie auszuführen, und schmerzliche Erfahrungen machen, wenn wir merken, dass wir uns oder anderen mit dem Liegenlassen von dringlichen Aufgaben Schaden zugefügt haben.

Reaktiv zu handeln bedeutet, passiv zu bleiben, solange der Druck von außen nicht zu groß ist. Das Muster spiegelt sich in Untugenden wie Faulheit, Bequemlichkeit und Zögerlichkeit. Wir verharren in unproduktiven Gewohnheiten und ausgedehnten Trotzphasen. Wir überantworten die Verantwortung für unser Leben nach außen.

Übrigens gibt es auch innere Mitspieler bei dem Muster. Auch innerer Druck kann uns in die Gänge bringen, zum Beispiel ein schlechtes Gewissen oder die Angst vor negativen Konsequenzen. Ein Kind räumt sein Zimmer auf, bevor die Mutter schimpft, weil es sonst sehr unangenehm werden könnte. Wir fangen eine Diät an, weil wir merken, dass wir uns immer schwerer tun, die Treppen hochzukommen. 

Die kreative Lebensorientierung geht von dem aus, was wir selber wollen. Wir haben Wünsche und Anliegen, die wir verwirklichen wollen. Niemand anders verlangt von uns, aktiv zu werden, und es sind auch nicht die äußeren Umstände, die uns zum Handeln zwingen. Vielmehr geht es darum, etwas in die Wirklichkeit zu bringen, das wir aus uns selber anstreben und dessen Realität uns mit Freude erfüllt.

Wir sind wie ein Kind, das einen freien Tag vor sich hat. Es spürt einen Impuls und fängt an, herumzutanzen. Es sieht ein Spielzeug und erfindet ein neues Spiel. Es entdeckt einen neuen Gegenstand auf dem Schreibtisch und erforscht ihn. Jeder Moment bringt eine neue Idee, und gleich wird sie umgesetzt. Es folgt dem, was seinem inneren Wollen gerade entspricht. So kommt es zu einer lebendigen und spontanen Interaktion zwischen Innen und Außen.

Die kreative Lebensorientierung ist mit dem Ausdruck unserer Freiheit verbunden. Sie beginnt ihre Wirksamkeit mit „Ich will“, also mit einer inneren Willensentscheidung, mit dem Festlegen auf eine Bestrebung, die zur Vision wird, um in der Wirklichkeit Gestalt anzunehmen. Es sind also die inneren Impulse, die mit der Willensinstanz in Verbindung treten und von dort die Kraft beziehen, um Handlungen setzen zu können, die die Realität in Richtung auf die Vision verändern. Unbewusste und bewusste Anteile spielen auf konstruktive Weise zusammen, sodass die ganze Persönlichkeit hinter dem Schaffensprozess stehen kann, der sich jetzt entfaltet. Auch stehen die unbewussten Energien als Hilfskräfte für diesen Prozess zur Verfügung, statt, wie im Fall der reaktiven Orientierung, die Widerstände und Hemmnisse zu verkörpern. Die kreative Lebensorientierung ist durch eine übereinstimmende Ausrichtung von bewusster Planung und Zielsetzung mit vom Unbewussten bereitgestellten Ressourcen gekennzeichnet. 

Mit der kreativen Lebensorientierung treten wir aus einer abhängigen Position, die die das eigene Tun von den Anforderungen der Umgebung bestimmen lässt, in diejenige des aktiven selbstgesteuerten Handels. Sie beinhaltet die Übernahme der Verantwortung für das eigene Handeln, ohne dem Druck von außen oder von inneren unbewussten Ängsten zu folgen. Die autonom handelnde Person tritt ins Zentrum des eigenen Lebens und agiert von hier aus mit ihren schöpferischen Entwürfen in die Zukunft.

Die kreative Lebensorientierung bildet dennoch keine Grundlage für eine isolierte und selbstbezogene Durchsetzung von Einzelinteressen. Die Quelle der Handlung liegt im Individuum, das sich in der Aktivität immer mit der Umgebung, mit anderen Menschen und mit den Außenbedingungen der bestehenden Realität abstimmen muss. Auch das autonom handelnde Individuum ist oft auf Hilfe und Unterstützung von anderen angewiesen. Es kann nicht willkürlich seine eigenen Zwecke zum Nachteil anderer verfolgen.

Bin ich kreativ?


Manche Menschen vergleichen sich mit anderen und denken, sie sind nicht kreativ. Sie glauben, dass kreative Menschen jeden Tag ein Gedicht schreiben oder ein Bild malen, dass sie, vom Schaffensrausch gepackt, in ihre künstlerische Arbeit vertieft sind, alles um sich herum vergessen, bis sie dann tief in der Nacht ihr Werk vollenden. Diese Klischees decken das Feld der Kreativität bei weitem nicht ab. Kreativität ist nichts anderes als spontaner Lebensausdruck, vom bezauberten Betrachten einer Frühlingsblume über das Genießen des Moments in einem bewussten Atemzug zum Gestalten eines Mittagstisches oder Arrangieren von Möbelstücken bis zu Ideen, Projekten und Visionen, die irgendwann im Tagesverlauf zu unterschiedlichen Lebensthemen auftauchen. Eine Erfahrung humorvoll zu kommentieren ist kreativ, ebenso wie eine Wendung, die einen Streit entschärft.

Kreativität gibt es überall dort, wo aus dem Inneren, meist angeregt durch Sinneseindrücke und Wahrnehmungen, Neues auftaucht. Wenn etwas in Bewegung kommt, was vorher starr oder monoton war, meldet sich Kreativität. Sie ist nur ein anderes Wort für Flexibilität und Spontaneität. Wir brauchen also nur unsere Gewohnheiten ändern – in unseren Wahrnehmungen, Bewegungen, Verhaltens- und Denkweisen –, und schon sind wir kreativ. 

Kreativität und Verwirklichung


Kreativität erschöpft sich nicht darin, Ideen und Visionen im Kopf zu erschaffen. Wenn wir etwas aus uns heraus wollen, soll es auch wirklich werden, also eine äußere Realität annehmen und damit einen Unterschied in der Welt erzeugen. Nicht alles, was wir uns im Kopf erträumen, wird irgendwann das Licht der Welt erblicken; vor allem, wenn wir über eine lebhafte Fantasie verfügen, dienen manche Ideen nur einem momentanen Enthusiasmus und werden rasch wieder vergessen. Wirkliches Wollen ist mehr als versonnenes Wunschdenken, denn im Wollen steckt die Bereitschaft, etwas zu tun, aktiv zu werden, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken. Wir machen uns auf zu den Mühen der Ebene, wo sich jede hochfliegende Idee erst bewähren muss. Umso größer sind dann Befriedigung und Freude, wenn sich das Vergießen des Schweißes gelohnt hat und ein Projekt unseres kreativen Wollens greifbar vor uns liegt. 

Im Wollen steckt Begeisterung: Von unserem Geist andere für ihren Geist anzustecken, sodass ein gemeinsamer Geist uns beide beflügelt. Inspiration, das Einhauchen des Geistes ist es, was in der manifesten Kreation geschieht. Der Wirklichkeit, dem ganzen Sein wurde ein neues Geistwesen geschenkt. Alles, was das Ganze reicher macht, erhöht den Reichtum jedes Teils.

Deshalb dient es uns selber und auch allen anderen, wenn wir uns möglichst viel aus der reaktiven in die kreative Orientierung bewegen. Wir fühlen uns in Übereinstimmung mit uns selbst und beschenken dazu noch andere.

Bücher von Robert Fritz: 
The Path of Least Resistance (1989)
Creating (1993)
Your Life as Art (2003)

Zum Weiterlesen:
Birgit Ehrmann-Ahlfeld: Mental fit - ein Leben lang. Liber libri 2001


Die Manifestation und das Ego
Ego-Bestätigung und Berufung


Montag, 30. April 2018

Erwachsensein und Angst

Wie wir noch klein waren, hat uns Vieles Angst gemacht. Wir hatten noch so wenige Fähigkeiten, die komplexen Abläufe der Wirklichkeit zu durchschauen und Harmloses und Gefährliches voneinander zu unterscheiden. Deshalb konnte uns schnell etwas ängstigen – die Dunkelheit, fremd wirkende Menschen, abweisende Blicke des Vaters, Spinnen, das Schicksal von Märchenfiguren, der Tod eines Haustiers usw. An wichtigen Punkten unserer Entwicklung konnten uns für unsere Sicherheit entscheidende Ressourcen fehlen (z.B. die Nähe zur Mutter nach der Geburt, die Ermutigung durch die Mutter bei den ersten aufrechten Schritten, das Verständnis der Eltern bei Wutanfällen und Furcht). Wir haben immer wieder Situationen der emotionalen und kognitiven Überforderung erlebt, in denen wir uns verletzt, schutzlos, hilflos und verwirrt fühlten. 

Viele dieser Ängste haben unsere Kindheit überlebt, versteckt in unserem Unterbewussten. Als Erwachsene gibt es wesentlich weniger Notwendigkeiten, uns hilflos und schutzlos zu fühlen. Wir haben eine große Menge an Fähigkeiten und Kompetenzen erworben, um die Herausforderungen, vor die uns die Wirklichkeit stellt, zu meistern und die Prüfungen des Lebens zu bestehen. Wir haben auch die Kraft, nach Misserfolgen und Versagen wieder aufzustehen und weiterzugehen. 


Dürfen Erwachsene ängstlich sein?


Heißt nun Erwachsensein frei von Ängsten zu sein? Oft haben wir als Kinder gehört: Du bist ja schon groß, da brauchst du dich nicht mehr zu fürchten. So hat sich in uns die Annahme verfestigt, dass Erwachsensein mit Angstfreiheit verknüpft ist. Und deshalb neigen wir als Erwachsene dazu, unsere Ängste zu übersehen, zu ignorieren oder uns für sie zu schämen: Wie kann ich nur so dumm sein und mich wegen einer solchen Kleinigkeit ängstigen? 

Müssen wir als Erwachsene immer stark sein und ohne Furcht durchs Leben schreiten? Die meisten Ängste, die wir als Erwachsene erleben, sind mit Erfahrungen aus unserer Kindheit verbunden und werden aus ihnen gespeist. Diese Ängste können so stark sein, dass sie uns hindern, wichtige Ziele in unserem Leben zu erreichen und konstruktive Veränderungen vorzunehmen. Sie dienen oft dazu, dass wir in Gewohnheiten verharren, die nicht mehr sinnvoll sind, sondern uns innerlich einschränken und im Äußeren irritierende Reaktionen hervorrufen. Sie halten uns davon ab, viele der Chancen, die uns das Leben bietet, zu erkennen oder zu ergreifen. 

Erwachsene unterscheiden sich von Kindern nicht darin, dass sie keine Ängste mehr haben, sondern darin, dass sie sich von den Ängsten, die auftreten, wenn sie eben auftreten, nicht lähmen lassen. Es gibt zwar Erwachsene, die von sich behaupten, keine Ängste zu kennen, doch sind das meist solche, die ihre Ängste verdrängt und tief ins eigene Innere verbannt haben. Oft wollen sie sich durch besonders riskante Unternehmungen beweisen, wie angstfrei sie sind, während sie in Wirklichkeit dafür sorgen, dass ihre innere Angstabwehr verstärkt wird.

Vor allem Erwachsene, die sich mit ihren aus der Kindheit stammenden Ängsten auseinandergesetzt haben, lassen sich weit weniger ängstigen und können besser mit angstvollen Erlebnissen umgehen. Sie können ihre Ängste spüren und sie als Kraftquelle nutzen. Wenn sie vor neuen Situationen stehen, lassen sie sich nicht durch Furcht aufhalten, weiterzugehen und sich überraschen zu lassen. Dennoch kann auch eine gründliche Innenarbeit nicht vollständig vor allen Ängsten bewahren. Es kann im Leben immer wieder unvorhersehbare Herausforderungen geben, die unser Sicherheitsgefühl bedrohen und Ängste auslösen. 

Erwachsensein ist also nicht durch die Abwesenheit von Ängsten definiert, sondern durch ein anderes Umgehen mit ihnen. Sie können auftauchen und werden dann ernstgenommen, sie müssen also nicht unterdrückt werden, vielmehr bekommen sie Aufmerksamkeit, ohne aber die Handlungsfähigkeit zu blockieren. Ein Erwachsener ist fähig, mit und trotz einer Angst in eine neue Erfahrung hineinzugehen. Er kann seiner Angst respektvoll einen Platz in sich zuweisen, von dem aus sie dazu dienen kann, dass der neuen Situation mit entsprechender Vorsicht und Achtsamkeit auf mögliche Gefahren, aber auch mit einer besonderen Entschlossenheit begegnet wird.

Jede Erfahrung, die Hand in Hand mit einer inneren Angst bewältigt werden konnte, macht stärker und kräftigt das Selbstvertrauen, das dann für künftige Herausforderungen zur Verfügung steht. Wir können uns im Vollzug der aktiven Handlung selbst davon überzeugen, dass wir Ängste für unsere Ziele nutzen können, wenn wir sie ernstnehmen, ohne ihnen die Macht über uns und unsere Handlungsfähigkeit einzuräumen. Mutig sind wir dann, wenn wir uns von unserer Angst nicht unterkriegen lassen, wenn wir also trotz „innerem Schweinehund“ tun, was zu tun ist. Wer seine Ängste kennt, ist sicherer als wer meint, von Ängsten frei zu sein.


Bewusstheit und Verantwortung


Erwachsenwerden geht einher mit Bewusstwerden. Es entsteht in uns eine Instanz, die die Vorgänge, die in uns ablaufen, erkennen und reflektieren kann. Wir lernen, uns von unseren Emotionen zu unterscheiden. Wir sind nicht mehr bloß die Angst, sondern sie ist ein Gefühl in uns, das begrenzt ist und vorübergehen wird. Auf diese Weise werden wir immer erfolgreicher darin, uns nicht von Ängsten beherrschen zu lassen, bis wir einen Weg finden, sie zu unseren Kumpanen zu machen, die wir auf unsere Reise durch die Welt mitnehmen.

Erwachsensein bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen. Wir sind es, die in uns Ängste produzieren, wir brauchen nicht gegen äußere Instanzen zu kämpfen, wenn es in Wirklichkeit darum geht, die Ängste in uns zu befrieden. Wir stehen zu Ängsten, wenn sie da sind, weil wir wissen, dass wir sie aushalten und schließlich für uns nutzen können.


Integrativ mit unseren Ängsten umgehen


Reifung bedeutet also, einen integrierenden Umgang mit unseren Ängsten und unseren Angstneigungen zu entwickeln. Wir brauchen Situationen, die uns Angst machen, nicht mehr zu meiden; wir können sie, wenn nötig, mit erhöhter Vorsicht und Achtsamkeit angehen. Wir brauchen aber auch nicht angstmachende Situationen suchen, um uns und anderen zu beweisen, dass wir keine Angsthasen sind. Das Leben hat genug an Situationen für uns im Angebot, die unsere selbstgesetzten Grenzen immer wieder bereitwillig herausfordern, wenn wir nur unsere Sinne offen halten.

Persönliche Reifung ist ein lebenslanger Prozess. Wie es auch im Wort steckt, ist das Erwachsenwerden ein Wachstumsvorgang, der niemals abgeschlossen ist, sondern besonders in solchen Situationen zum Weiterwachsen gefordert ist, in denen sich eine Angst meldet. Erst der Tod ist für uns alle der letzte Wachstumsschritt, in drastischer Weise der Endpunkt und die Vollendung des Wachsens und Erwachsenwerdens.

Gibt es eine Vollendung schon vor dem Tod? Im Diskurs um die Erleuchtung als Ziel des inneren Wachsens ist oft davon die Rede. Deshalb setzen manche Autoren die Erleuchtung mit dem erreichten Erwachsensein gleich: Nicht mehr von Ängsten eingeschränkt und geblendet zu sein und damit Teile der Wirklichkeit von sich abspalten zu müssen, sondern die Wirklichkeit in jedem Moment in ihrer Gänze annehmen zu können. Andere Autoren sehen in der Erleuchtung das Wiederfinden der kindlichen Unschuld. Vielleicht besteht zwischen diesen beiden Konzepten gar kein Gegensatz, ebenso wenig, wie das Erwachsensein dem Kindsein entgegensteht: Ein Erwachsensein, das das ganze Leben in seiner Geschichtlichkeit einschließt, das mit allen Sinnen und Geisteskräften in der Gegenwart steht und das für alles, was die Zukunft bringen mag, offen ist.

Sonntag, 15. April 2018

Der Raub des Selbst

Als Kinder haben wir unser Leben mit einem unbedingten Vertrauen und unbedingter Hingabe begonnen, mit der organisch in uns verankerten Bereitschaft und Erwartung, unser Selbst zu entwickeln, auf der körperlichen, seelischen und geistigen Ebene. Wir brauchen dafür eine liebevolle und unterstützende Haltung von den erwachsenen Menschen um uns herum, die anfangs die Verantwortung für die Erfüllung unserer Bedürfnisse übernehmen müssen.

Schrittweise lösen sich diese Abhängigkeiten, in dem Maß, in dem wir lernen, Verantwortung für uns selbst und für unsere Bedürfnisse zu übernehmen. Wir wachsen an Autonomie. Dabei entfaltet sich unser Selbst mehr und mehr, in Weite, Tiefe und Komplexität.

Doch kann diese Entwicklung durch einschränkende und schädigende Einflüsse von außen, vor allem von den Menschen, die die Verantwortung für uns tragen, behindert werden. Eine sehr verbreitete Spielart dieser Problematik besteht darin, dass die Erwachsenen ihre unerfüllten und ungelebten Bedürfnisse und Potenziale auf das Kind übertragen und sich von diesem dann die Befriedigung dieser Ansprüche erwarten. Damit kehrt sich die Dynamik der Verantwortung um: Kinder sollen von früh an die Verantwortung für die Bedürfnisse der Eltern übernehmen. Die Folge ist, wie auch schon in früheren Blogbeiträgen (s. „Zum Weiterlesen“ unten!) skizziert, emotionale Überforderung verbunden mit Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, den gestellten Erwartungen nicht zu entsprechen.

Die eigenständige Entwicklung des Selbst des Kindes ist unter solchen Umständen behindert und belastet. Die Erziehungspersonen nehmen in einem unbewussten Akt der Okkupation einen Teil des Selbst des Kindes ein, sodass sich dort nichts Eigenes entfalten kann.  Dieser Teil kann sich wie ein fremdes Implantat anfühlen, obwohl das den Kindern meist nicht bewusst wird, weil sie die Umstände, in denen sie aufwachsen, und die Menschen, die dabei die Schlüsselrolle spielen, als selbstverständlich so nehmen, wie sie sind.

Die aggressive Entwendung


Es wird wohl kaum Eltern auf dieser Welt geben, die niemals ihre Kinder abgewertet und aggressiv kritisiert haben. Wenn aber aus stressbedingten Ausrutschern, die dann entschuldigt und bedauert werden, regelmäßige Rituale des Heruntermachens und Entwürdigens werden, dann kann die innere Selbstachtung des Kindes nur zu bröckeln beginnen, bis sie irgendwann in quälenden Selbstzweifeln untergeht. Mit dem Gefühl, wenig oder nichts wert zu sein in den Augen der Menschen, die am meisten geliebt sind, kann sich kein Selbstwertgefühl entwickeln und stabilisieren. Die Unsicherheiten führen dann fast notwendigerweise dazu, dass die Erfolge und Bewährungen in der Außenwelt ausbleiben oder sogar dann noch, wenn sie doch gelingen, im eigenen Inneren abgewertet und relativiert werden.

Fortgesetzte Erniedrigungen und Entwürdigungen, die viele Kinder erleben müssen, können nicht zur Bildung eines konsistenten und kreativen Selbst führen. Jeder Teil, der nicht mit Wertschätzung gefüttert und genährt wird, verkümmert, sodass manchmal sogar die eigene Begabung zur Perfektionierung der Selbstabwertung verwendet wird, so stark kann die Einverleibung der elterlichen Angriffe wirken. Die von außen erlebte Aggression wird in Selbstgeißelungen im Sinn einer konsequenten Selbstverleugnung umgewandelt, aus unbewusster Loyalität zu den aggressiven Seiten der eigenen Eltern.

Freundschaftsbeziehungen und Partnerschaften werden zu Spielwiesen für die verunsicherten Gefühle und Erwartungen. Notgedrungen wird versucht, die entleerten Selbstanteile bei Partnern einzufordern, die sich dann oft unverstanden und missbraucht fühlen. Ohne gefestigtes Selbstgefühl können Beziehungen nur mit Schwierigkeiten aufrechterhalten werden und zerbrechen leicht an Kleinigkeiten.

Die unbewussten Programme sind meist so mächtig, dass sie weiter wirken, auch wenn die rationale Einsicht schon lange erkannt hat, wie selbstbeschädigend sie wirken. Deshalb braucht es Hilfe von außen, um zunächst die Kraft der verinnerlichten Aggression zur Sicherung der ramponierten Grenzen des Selbst verwenden zu können. Dann gilt es, sich in sorgfältiger Arbeit die entrissenen Teile des Selbst wieder anzueignen und mit konstruktiver wachstumsorientierter Energie auszustatten.

Die subtile Entwendung


Neben der aggressiven Selbst-Entwendung gibt es auch subtil-manipulative Formen des Selbst-Raubs in vielerlei Gestalten. Es kann etwa die Mutter zum Kind sagen (oder auch nur nonverbal kommunizieren): Du hast so schöne Augen, die hätte ich auch gerne. Sie meint vielleicht, dass sie das Kind damit in seiner besonderen Schönheit anerkennt und seinen Selbstwert unterstützt. Tatsächlich aber möchte sie das haben, was das Kind hat, weil sie mit dem, was sie selber hat, nicht zufrieden ist.  Sie neidet also dem Kind ein Stück Leben, das ihr selber fehlt.

Das Kind wird ab diesem Moment eine andere Beziehung zu seinen Augen haben. Sie werden ihm ein Stück entfremdet, denn die Mutter hat sie mit ihrem Neid ein Stück an sich gezogen.  Ein Teil des eigenen Selbst ist verloren gegangen, auf subtile Weise erobert und besetzt von der Person, die die meiste Liebe bekommt und gibt. Um diese Liebe nicht zu verlieren, im Geben wie im Bekommen, opfert das Kind den unbefangenen Bezug zu seinen schönen Augen, und ein Schleier zieht sich über die Seele, denn das Selbst kann in diesem Bereich nicht weiter wachsen.

Die Beziehung zu sich selbst ist im Kind unterbrochen. Es hat keine klare und eindeutige Verbindung mehr zu dem inneren Teil, der von der Elternperson in Beschlag genommen wurde. Wenn sich solche Botschaften wiederholen oder in Variationen immer wieder auftauchen, entstehen weitere Unterbrechungen, die das Selbstgefühl immer mehr verwirren. Es schwindet das Gefühl von spontaner Lebendigkeit und von Verbundenheit mit der Außenwelt. An die Stelle dessen tritt ein ängstliches Funktionieren und zauderndes Herumtasten in der Welt. Schließlich kann der Mensch keine überzeugende Antwort mehr auf die Frage finden: Wer bin ich denn eigentlich?

Die Rückgewinnung des Selbst


Erst wenn bewusst wird, was geschehen ist, wenn also der Schleier des Selbstverständlichen gelüftet und der aus der Liebe entstandene Schutz der Eltern vor Anklagen obsolet geworden ist, beginnt die Wieder-In-Besitznahme des eigenen Selbst, die eine gute therapeutische Begleitung bitter braucht. Sie beginnt beim Körper, in dem all die Entwendungen als leere Stellen oder Löcher spürbar sind. Durch liebevolles Hinspüren füllen sich langsam diese Bereiche im Körper, die immer auch Bereiche in der Seele sind, mit Eigenem. Sie werden wieder in Besitz genommen und spontanes Leben kann hinein fließen, indem die lebendige Aufmerksamkeit die Verbindung, die unterbrochen wurde,  wieder herstellt.

Es ist ein längerer und mühsamer Weg, aber er lohnt sich, weil nichts schlimmer ist, als nicht mehr spüren zu können, wer man selber ist. Selbstzweifel können in einer Weise quälen wie starke körperliche Beschwerden. Im Heilungsprozess ist es, als ob Schritt für Schritt inneres verödetes Land wieder urbar gemacht wird, damit dort neues Leben sprießen kann.

Eins mit sich


Mit sich selber eins zu sein, sich als sich selber spüren zu können, ist für viele betroffene Menschen keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, das sie bitter missen und das ihr Leben in vielerlei Hinsichten erschwert. Vielleicht ist es genau das, was viele andere Menschen, die gar nicht auf die Idee kommen, von sich selber getrennt zu sein, mit ihrem Leben und seinen Umständen hadern lässt. Vielleicht sind es gerade besonders sensible, aber auch wache Personen, die diese Ungereimtheit im eigenen Wesen schmerzhaft erleben; ein Schmerz, der sie nach Abhilfe suchen lässt, während andere, denen die Selbstentfremdung zur zweiten Natur geworden ist, den Rest der Welt für ihre Leiden und Probleme verantwortlich machen.

Mit sich selber körperlich und seelisch in Übereinstimmung zu kommen, also psychisch zur Kongruenz und physisch zur Kohärenz zu gelangen, ist ein lebenslanges Ziel jedes menschlichen Wesens und zugleich die Voraussetzung für kreatives Wachstum und schöpferische Lebensfreude. Je mehr Menschen sich diesem Ziel annähern, gleich über welche Ausgangsbedingungen sie verfügen, desto menschlicher wird diese Welt. Besondere Anerkennung verdienen jene, die sich trotz eines schwierigen Kindheitsschicksals auf den Weg machen.

Nachbemerkung:
Der Titel dieses Beitrags suggeriert, dass es um „Verbrechen“ geht, die absichtlich begangen werden. Der „Raub des Selbst“ kann aus subjektiver Sicht von Betroffenen als ein Verbrechen erlebt werden; das heißt aber nicht, dass Eltern mit bösem Willen ihre Kinder um ihr Selbst bringen. Eltern handeln dann lieblos, wenn sie selber nicht genug Liebe bekommen haben, wie schon in anderen Artikeln auf dieser Seite angemerkt wurde. Dennoch enthebt sie die unbewusste Dynamik, der sie unterliegen, nicht der Verantwortung, die sie allerdings erst tragen können, wenn sie zur Einsicht gelangt sind, was sie ihren Kindern angetan haben.

Zum Weiterlesen:
Die Täter-Opfer-Umkehr als Wurzel für Schuldgefühle

Die innere Geschichte der Täter-Opfer-Umkehr
Am Anfang brauchen wir ein Willkommen

Montag, 9. April 2018

Absichtslosigkeit in der Therapie

Wenn wir mit Menschen an emotionalen Themen arbeiten, wollen wir, dass es ihnen besser geht – natürlich. Auch sie wollen das, sonst würden sie sich nicht an uns wenden. Wir teilen also ein Ziel. Doch gibt es etwas, was der Erreichung dieses Ziels im Weg steht. Bei den Klienten sind es die Widerstände, und bei den Therapeuten die Erwartungen. In beiden Fällen mischt sich die Instanz ein, die wir das Ego nennen. Das Klienten-Ego will, dass der Status Quo erhalten bleibt, auch wenn er Leiden verursacht. Jede Änderung könnte bedrohlich sein und unabsehbare, jedenfalls verschlimmernde Folgen zeitigen. Das Therapeuten-Ego will Erfolge sehen, um den eigenen Status und Selbstwert abzusichern und auszubauen. Erfolgreiche Therapien sprechen sich herum und ziehen neue Klienten an.

Soweit so menschlich. Interessant wird es dort, wo die unbewussten Ego-Anteile von Therapeut und Klient aufeinander stoßen. Das Klienten-Ego sagt, dass es sich nicht ändern will und dass Änderungen überhaupt nicht geschehen können und dass die ganze Arbeit sowieso sinnlos ist. Folglich baut es ein System von Vermeidungen auf, das auch darin bestehen kann, kleine Häppchen von Erfolgen zuzulassen, damit die wirklich dicken Hunde, die im Unbewussten schlummern, geschont werden.

Das Therapeuten-Ego arbeitet sich an den Widerständen des Klienten-Egos ab und denkt, dass es umso mehr leisten muss, je weniger sich bewegt. Das eigene Wollen und die eigenen Absichten treten immer mehr in den Vordergrund, weil sich das Therapeuten-Ego im Bündnis mit den bewussten Absichten des Klienten weiß, aber die Widerstände aus dem Unbewussten nicht berücksichtigt werden.

Auf diese Weise verheddern sich die beiden Egos, und die Therapie tritt auf der Stelle. Fatal wird es, wenn der Therapeut diese Rückkoppelung nicht erkennt und auf seiner Selbstbestätigungsschiene weitermacht, die meistens dann die inneren Widerstände der Klientin verstärken.  Zwar möchte ein bewusster Aspekt der Klientin eine gute Klientin sein und versucht zu kooperieren, aber die unbewussten Vermeidungsstrategien sollen unangetastet bleiben. 


Absichtsloses Begleiten


Absichtslosigkeit bedeutet, dass der Therapeut sein Wollen und seine Erwartungen beiseite stellt. Sie sollen sich, soweit möglich, nicht in den Prozess einmischen. Statt sich mit den Widerständen aus dem Klienten-Ego zu duellieren, wird der Kontakt zum inneren Wachstumspotenzial der Klientin gesucht. Was sie hergeführt hat, ist eine Form des Leidens und die Hoffnung, dass es einen Ausweg daraus gibt. Es gibt also, trotz aller Widerstände, einen Teil in der Psyche, der sich befreien will und der daran glaubt, dass das auch möglich ist. Diese Instanz wird manchmal als „innerer Heiler“ bezeichnet.

Der Kontakt zu diesem Teil gelingt nicht über die Erwartungen und die Ego-Wünsche des Therapeuten, sondern erfordert Vertrauen. Die Pläne sollten Sicherheit geben, nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das Ego mag Kontrolle und meidet Unsicherheiten und Ungewissheiten. Das Vertrauen hingegen baut auf einen guten Ausgang, ohne einen rationalen Grund dafür angeben zu können. „Vertraue nur, es wird schon werden,“ so seine Botschaft, auf die das Ego routinemäßig mit einer Latte von Wenn und Aber reagiert. Übersteht das Vertrauen das Abspulen der Ängste, die sich in all den Einwänden verbergen, kann es seine Wirkung entfalten, und die besteht darin, dass das Vertrauen der Klientin geweckt wird, das plötzlich einen Ansprechpartner gefunden hat. Zunehmend traut es sich dann, am Heilungsprozess mitzuwirken.

Auf den Prozess zu vertrauen heißt, nicht wissen zu können, wie er verlaufen wird und ob er überhaupt zu etwas führt oder auf welchen Wegen er zum Erfolg führt. Jeder therapeutische Vorgang, sei es eine Sitzung oder eine längere Serie, ist individuell und in dieser Form noch nie dagewesen; insofern ist es auch sinnlos zu meinen, es gäbe eine vorher festgelegte erfolgversprechende Strategie, die, wenn richtig angewendet, unweigerlich positive Veränderungen herbeiführt. Ein derartiges Wissen kann es nicht geben, auch wenn der Therapeut über die besten Techniken Bescheid weiß und über jahrzehntelange Erfahrung mit hunderten Klienten verfügt. Selbst wenn die Rahmenbedingungen stimmen, sodass es von dort aus zu keinen Störungen kommt, ist noch lange nicht garantiert, dass am Ende die erwarteten oder erwünschten Resultate eintreten.


Eine Kunst und kein Handwerk


Therapeutisches Arbeiten ist eine Kunstgattung eher als ein Handwerk. Zwar bedarf es einer soliden und umfassenden Ausbildung, um überhaupt mit der Tätigkeit beginnen zu können. Aber die eigentliche Herausforderung beginnt erst in der Praxis – gelingt es, den Kontakt mit der Klientin so umfassend herzustellen, sodass sich auch die Kommunikationskanäle auf den unbewussten Ebenen öffnen? Ähnlich wie ein Künstler darauf vertrauen muss, dass ein innerer schöpferischer Prozess in Gang kommt, der sich nicht im Voraus sicherstellen und planen lässt, braucht das therapeutische Arbeiten ein Sich-Einlassen auf das, was von Moment zu Moment geschieht, und das Vertrauen, dass diese Haltung alle nötigen Impulse für das Gedeihen des Prozesses hervorbringt.

Es ist eine innere Einstellung gefordert, die sich auf die Gesetzmäßigkeiten des kreativen Schaffens verlassen kann. Wie der Künstler vor dem leeren Notenblatt oder der weißen Staffelei steht der Therapeut vor dem gerade aktuellen Zustand der Klientin – möglichst offen für die Eingebungen, die aus der Situation entspringen. Die kumulative Erfahrung, die ein Therapeut durch seine Praxis sammelt, ist nicht nutzlos, denn sie bringt die Vertiefung dieser Einstellung und damit des Vertrauens mit sich.


Interventionen oder Geschehenlassen


Die Frage, ob und wieviele, wann, wo und wie Interventionen gesetzt werden sollen, die in vielen Ausbildungen diskutiert und in zahlreichen Lehrbüchern abgehandelt wird, erweist sich vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wenn nicht als nutzlos und überflüssig so zumindest sekundär. Es ergibt sich das, was geschehen soll, aus dem jeweils aktuellen Moment, und die Intervention oder Nicht-Intervention gelingt genau dann, wenn der Therapeut mit diesem Moment in seiner Präsenz verbunden ist und sich aus dieser Verbundenheit heraus aktiv oder passiv verhält.

Ausbildungen können und sollen ein Repertoire an möglichen Interventionen vermitteln. Über je mehr an solchem Rüstzeug ein Therapeut verfügt, umso flexibler kann er in seiner Arbeit auf die unterschiedlichsten Situationen reagieren. Der Kern jeder Ausbildung sollte aber um eine Haltung zentriert sein, die den Methoden den Nachrang vor der bedingungslosen und absichtslosen Offenheit einräumt.

Aus dieser Einstellung heraus kann der Therapeut als Sprachrohr des inneren Heilers der Klientin agieren, zu dem diese gerade keinen Zugang hat. Über diesen Umweg, vermittelt über die Persönlichkeit des Therapeuten, kann dann die Botschaft angenommen werden, die eigentlich der eigenen inneren Wahrheit auf einer tieferen Ebene entspricht. Das nennt man manchmal das Spiegeln, obwohl es nicht genau passt. Zwar spricht der Therapeut in gewisser Weise mit der Stimme und mit den Worten oder Gefühlen der inneren Heilerin der Klientin, aber in Verbindung mit seiner eigenen Wesensart.


Aktivität und Passivität


Es sollte aus diesen Ausführungen klar hervorgehen, dass das Vertrauen auf den Prozess, das als wesentlicher Wirkfaktor von jeder Form des therapeutischen Arbeitens beschrieben wurde, nicht bedeutet, dass der Therapeut zur Passivität verurteilt ist. Das Geschehenlassen findet nicht nur auf der Seite des Klienten, sondern auch auf der des Therapeuten statt. Die Aktionen oder Nichtaktionen, die vom Therapeuten ausgehen, geschehen aus ihm heraus, aus seiner inneren Quelle und aus der Kommunikation mit der Klientin, auf allen verfügbaren Ebenen. Der Therapeut sagt und tut also nicht, was aufgrund irgendeines Lehrbuchs oder irgendeiner Ausbildung zu sagen und zu tun wäre, sondern das, was im Moment des Geschehens entsteht und stattfinden soll. Er schweigt nicht dann, wenn es eine Regel vorgibt, sondern wenn gerade nichts zu sagen ist. Er wechselt die Ebenen des Austauschs, z.B. vom Reden zum Fühlen nicht nach irgendeinem Plan, sondern dann, wenn es am besten passt, in Übereinstimmung mit der Klientin, die explizit oder implizit sein kann.

Diese Darstellung übersieht auch nicht die individuellen Eigenschaften, Charakterzüge und Persönlichkeitsmerkmale des Therapeuten, die im therapeutischen Prozess ebenso eine wesentliche Rolle spielen. Es handelt sich ja um einen vieldimensionalen Kommunikationsprozess, an dem zwei Individuen beteiligt sind, und da bringt sich der Therapeut mit allem ein, was ihn auf der Persönlichkeitsebene ausmacht. Ausgeklammert bleiben sollen die Details, die Lebensgeschichte und inneren Themen aus der psychischen Landschaft des Therapeuten. Soweit sie aber ihre Spuren in der lebendigen Gestalt hinterlassen haben, spielen sie ihre Rolle in der Kommunikation und können nicht eliminiert werden, denn sie bereichern den Austausch (was einen uneinholbaren Vorsprung von menschlichen Therapeuten gegenüber artifiziell intelligenten Robotern ausmacht, die über keine lebendige Geschichte verfügen). Die Innenarbeit, die für jede professionelle Arbeit vorausgesetzt werden muss, sollte es allerdings dem Therapeuten ermöglichen, alle Elemente aus dem eigenen Inneren, die den therapeutischen Prozess stören könnten, zu identifizieren und beiseite zu stellen.


Die Verantwortung für die Ergebnisse


Jede therapeutische Arbeit hat nur soweit Sinn, als sie Verbesserungen herbeiführt. Gemeinhin würde man sagen, dass die Verantwortung allein beim Therapeuten liegt, da ja die Klientin nicht in der Lage ist, abzuschätzen, ob und in welcher Weise ein Heilungsprozess in Gang kommen kann. Im Licht der obigen Überlegungen gewinnt die Frage nach der Verantwortung für den Fortschritt in der Therapie eine andere Gewichtung. Die Verantwortung auf der Seite des Therapeuten besteht vor allem in der Sicherstellung heilungsförderlicher Rahmenbedingungen, im Angebot an professioneller Hilfestellung im Sinn von bewährten Methoden und in dem Einbringen der beruflichen und persönlichen Erfahrungen. Dazu kommt noch die Haltung und Einstellung, die auf den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zur Instanz der inneren Heilung bei der Klientin abzielt. An diesem Punkt wird die Verantwortung an einen Prozess übergeben, der gerade nicht der Kontrolle durch den Therapeuten unterliegt, sondern erfordert, sich den Bedingungen eines prinzipiell unsteuerbaren kommunikativen Austausches anzupassen.

Wenn eine Klientin mit der Frage kommt: „Ich habe dieses oder jenes Problem – können Sie mir da helfen?“, wäre eine mögliche Antwort: „Ich kann alles beitragen, was ich an Können und Erfahrung mitbringe, und eine Verbesserung wird sich in dem Maß einstellen, in dem es uns beiden gelingt, uns aufeinander abzustimmen.“ Mit dieser Abstimmung ist der Aufbau einer Kommunikationsbasis mit den unbewussten Anteilen der Klientin gemeint, die allein die für die Heilung relevanten Informationen liefern können. Beide Seiten dieses Austausches, also Therapeut und Klientin, tragen dafür gleichermaßen die Verantwortung. Alles, was der Therapeut auf dieser Ebene beisteuern kann, ist seine von bedingungsloser Wertschätzung getragene Präsenz und sein Vertrauen auf die Wirkmächtigkeit des Heilungsprozesses.


Zum Weiterlesen:
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit