Montag, 19. Februar 2018

Das soziale Gewissen und die Verachtung des Schwachen

Da wir Menschen soziale Wesen sind, verfügen wir auch über ein soziales Gewissen und die soziale Scham als dessen Agentin im Gefühlsbereich. Diese Instanzen sollen uns darauf aufmerksam machen, wenn wir die Grenzen der sozialen Fairness überschreiten. Jedes Sozialgefüge braucht einen Ausgleich und eine Balance zwischen den einzelnen Individuen. Da jedes Mitglied einer sozialen Gruppe mit verschiedenen Begabungen, Interessen, Gefühlsmischungen und Antrieben ausgestattet ist, muss dieses Gleichgewicht immer wieder hergestellt werden. Wenn es aus dem Lot gefallen ist, fühlen sich alle Mitglieder der sozialen Einheit mehr oder weniger belastet. Wenn es wieder in den Ausgleich zurückgefunden hat, können sich alle entspannen.

Aus der sozialen Scham entstehen die Schuldgefühle. Sie haben damit zu tun, dass der eigene Beitrag zu einer sozialen Störung auf einer bewussten oder unbewussten Ebene deutlich wird. Diese Gefühle sollen dazu motivieren, Handlungen zu setzen, die zur Behebung der Störung beitragen, z.B. eine Entschuldigung. Jemand hat auf den Geburtstag eines Freundes vergessen, er erinnert sich daran und empfindet ein Schuldgefühl, das ihn motiviert, aktiv zu werden, um das Versäumnis gutzumachen. 

Im vorhergehenden Blogartikel war von der Verachtung des Schwachen die Rede. Im Kontext des sozialen Gewissens hat sie die Funktion, vor Schuldgefühlen zu schützen. Wir tragen alle ein Gefühl für Fairness in uns und es sagt, dass es einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Menschen geben muss: zwischen den Besseren und den Schlechteren, den Schnelleren und den Langsameren, den Ärmeren und den Reicheren, den Stärkeren und den Schwächeren, die Mächtigeren und den Ohnmächtigeren. Das ist Teil des tribalen Bewusstseins, der Urverfasstheit menschlicher Gemeinschaftsbildung, unserer ursprünglichsten sozialen Prägung. Diese Prägung steckt in uns allen, wir haben nur die Wahl sie anzuerkennen oder zu verleugnen, sprich wir können uns die Schuldgefühle bewusst machen, oder sie wirken unbewusst. Die Prägung hatte zur Folge, dass alle weiter entwickelten gesellschaftlichen Organisationsformen Mechanismen des sozialen Ausgleichs eingerichtet haben, von den Almosen aus der Schatulle des Herrschers bis zu den komplexen Regelungen eines modernen Sozialstaates. Viele Superreiche geben einen Teil ihres Überflusses an Schwächere und Benachteiligte.


Der Vorrang des Eigennutzes und seine Folgen


Doch haben wir im Lauf der Zeit (menschheits- und lebensgeschichtlich gesehen) gelernt, vorrangig auf unseren Eigennutzen zu achten und die sozialen Motiven nachzureihen. In einer hochkomplexen Gesellschaft ist für ein einzelnes Individuum nicht mehr möglich, den sozialen Ausgleich zu schaffen. Wollten wir uns um all das Leid kümmern, das die Menschen belastet, kämen wir in einer Großstadt kaum bis zur nächsten Straßenkreuzung. Da bittet ein Bettler um eine Gabe, dort schleppt sich eine alte Frau ab, daneben kommt eine Mutter mit ihrem Kleinkind nicht zurecht, es begegnen uns leere Blicke, einsame und depressive, hektische und verlorene Menschen, so viel Anspannung, sowenig innere Balance. Aber wir können nicht für alle da sein, die etwas brauchen, obwohl uns das soziale Gewissen dazu mahnt. 

Deshalb müssen wir das Gewissen beruhigen, um nicht in Schuldgefühlen zu versinken, und nutzen dazu verschiedene Konstrukte, von denen eines die soziale Verachtung erzeugt. Es ist ein radikales Konzept, weil es die menschliche Gemeinschaft in zwei Kategorien teilt, die Starken und die Schwachen. Es ist deshalb erfolgreich, weil es ein weiteres Element des tribalen Bewusstseins aufgreift, die Unterscheidung von Innen und Außen: Das soziale Gewissen ist reduziert auf die Mitglieder der eigenen Gruppe, des eigenen Stammes, der eigenen Gemeinschaft. Alle, die nicht dazugehören, sind potenzielle Feinde und zählen deshalb nicht zu den Menschen, mit denen wir einen Ausgleich suchen müssen. Mit der Komplizierung der menschlichen Organisationsformen verlieren sich auch die eindeutigen Zuordnungen von Freund und Feind, und die Differenzierung wird im Inneren aufgebaut und emotional durch Verachtung abgesichert. Die Adeligen verachten die Nichtadeligen, das Bürgertum, zunächst selber noch vom Adel verachtet, verachtet die Bauern und Arbeiter, und so schichtet sich die Gesellschaft von oben nach unten. Die soziologischen Schichten heute werden vor allem durch Einkommen und Vermögen definiert, und damit sind wir bei der Verachtung jener, die es nicht so weit gebracht haben wie wir selber. 


Ideologien der Verdrängung


Individuen gehen mit ihren Schuldgefühlen unterschiedlich um. Ganze ideologische Gedankengebäude wurden errichtet, um bei der Verdrängung des sozialen Gewissens zu helfen. Ein zentrales Dogma unserer Gesellschaft ist darauf gegründet, dass die eigene Leistung ausschlaggebend für die gesellschaftliche Position sein soll (was ja auch in unserer Gesellschaft nur teilweise zutrifft, weil die große Zahl der Riesenvermögen in unserem Land nicht durch Leistung, sondern durch Erbe erlangt werden). Wer genügend geleistet hat, achtet diejenigen, die ähnlich viel leisten, und verachtet jene, die das nicht schaffen. Neoliberale wie konservative Parteien tragen dieses Dogma auf ihren Fahnen vor sich her. Nationale Parteien verachten weniger die Schwachen als eher die Fremden.


Verachtung muss durch Achtung ersetzt werden


Verachtung der Schwachen ist Menschenverachtung. Das bedeutet, dass die Menschheit nur dann in eine bessere Zukunft gelangen kann, wenn sie der Verachtung von Menschen keinen Raum mehr gibt. Verachtung muss überall, wo sie auftritt, durch Achtung und Wertschätzung ersetzt werden, und das gilt ganz besonders im Bereich der Politik, die über das Schicksal von so vielen Menschen bestimmen kann. Wir brauchen also dringend Politiker, die sich dem  Respekt und der Menschenwürde für die Starken und die Schwachen in ihrem Handeln (nicht nur in ihrem Reden) verpflichtet fühlen.

Zum Weiterlesen:
Über Schwäche und Bedürftigkeit
Leistung statt Freude

Donnerstag, 15. Februar 2018

Über Schwäche und Bedürftigkeit

Hilflos und abhängig von Zuwendung kommen wir in diese Welt, unser Überleben hängt davon ab, dass sich andere um uns und unsere Bedürfnisse kümmern. Alles, was wir mitbringen, um die Menschen um uns zu motivieren, dass sie für uns sorgen, ist unser unschuldiger Charme und unsere Verzweiflung im Schreien. In dieser grundlegenden Bedürftigkeit sind wir auch enorm verletzlich und fühlen uns im Vergleich zu den Erwachsenen um uns herum ohnmächtig und schwach.

Der Kontrast: Als Standard in unserer Gesellschaft gilt, stark sein zu müssen und keine Schwächen zu zeigen. Um eine Stellung in dieser Gesellschaft zu erlangen, sollen wir also die eigenen Schwächen verdrängen und die Stärken zur Schau stellen. Das ist das Ziel der Erziehung, darin sehen die Erwachsenen ihre Pflicht und Aufgabe, wenn ein hilfloses und bedürftiges Wesen in die Welt kommt: Wie kann es möglichst rasch zu einem unverwundbaren und fähigen Mitglied der Leistungsgesellschaft werden?

Die Diktate der Leistungsgesellschaft


Denn Leistung und Effizienz sind gefragt und gefordert, damit das erwachsene Überleben gesichert werden kann. Folglich arbeiten nicht wenige Menschen buchstäblich bis zum Umfallen und überspielen ihre Krankheiten, bis irgendwann der Körper nicht mehr kann. Den Starken gehört die Welt, die Schwachen müssen sich mit dem zufrieden geben, was übrigbleibt. Stärke heißt dabei, über die Grenzen der eigenen Belastbarkeit hinaus Leistungen erbringen zu können.

Dazu kommt, dass sich die Starken das Recht geben, die Schwachen zu verachten. Bedürftigkeit gilt als Makel, als moralischer Mangel. Wer so viel leistet, verdient nicht nur einen größeren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum, sondern es steht ihm auch eine moralische Überlegenheit zu, eine Position, von der aus er auf die, die es nicht geschafft haben, herunterschauen kann.

Rechtspopulistische Politiker bedienen mit Erfolg genau dieses Muster. Sie schüren den Neid auf die Schwachen und fördern die Überheblichkeit der Erfolgreichen. An der Macht, sobalsd sie es also selbst geschafft haben, verteilen sie von unten nach oben, von den ganz Armen und Wenigerbemittelten zu den oberen Mittelschichten, mit ausgewählten Zuckerl und Steuerverschonungen für die „besonders Tüchtigen“, die Reichen und Superreichen.

Wer den Standard der Leistungsfähigkeit nicht schafft, ist selber schuld und soll nicht mehr als eine möglichst geringe „Mindestsicherung“ kriegen, die gerade das Existenzminimum abdeckt. Damit wird die Angst vor dem Abstieg in die Schwäche permanent aktiviert und in den Strebsamen der Leistungsgesellschaft chronifiziert. Die Verachtung des Schwachen rechtfertigt scheinbar den inneren Stress.

Zur Entwicklung der Ideologie der Schwächeverachtung


Als Vordenker dieser Ideologie kann Friedrich Nietzsche gelten. Er schrieb: „Die Schwachen und Missratnen sollen zu Grunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“ (Der Antichrist, 1. Buch 2.). [Bekannt ist auch das allerdings oft missverstandene und für diesen Zusammenhang nicht brauchbare Zitat: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen!“ (Also sprach Zarathustra, Kap. 67, 20)] Nietzsche hat seine Polemik gegen die Mitleidsethik und gegen das Mitgefühl des Christentums gerichtet und damit ein Tabu gebrochen, denn bei Paulus steht: „Was schwach ist vor der Welt, hat Gott erwählt.“ (1 Kor 1,27). Der ungebrochene Wille zur Macht als Kennzeichen des Nietzsche’schen Übermenschen muss alle Hindernisse beseitigen, die eigenen im Inneren und die im Außen, die sein Machtstreben behindern könnten.

Die Nationalsozialisten haben diese Konstrukte aufgegriffen und in ihrem Sinn ideologisiert. Es wurden Bevölkerungsgruppen definiert, die aus ihrer genetisch veranlagten Schwäche und Bosheit die Stärkeren ausnutzen, indem sie als Parasiten, also als biologisches Ungeziefer agieren, und die deshalb unterdrückt oder vernichtet werden müssen. Den Übermenschen, die auch genetisch festgelegt sind, stehen die Untermenschen gegenüber, die ausgebeutet und beherrscht werden dürfen und müssen, da sie sonst das Überleben der Starken gefährden.

Die Aggression gegen die Schwachen


Der Kampf gegen die vermeintlichen Parasiten, die für die Schwächen der Starken verantwortlich gemacht wurden, hat bekanntlich Millionen an Menschenleben gefordert und eine Furche von Grausamkeit und Unmenschlichkeit durch das 20. Jahrhundert gezogen. Am Ende waren die arischen „Übermenschen“ besiegt und ihr Land in Trümmern, doch die Ideologie wurde weiter am Leben erhalten. Denn ihre Ursachen liegen nicht in den äußeren Umständen der Geschichte, sondern im Inneren, in der seit unseren Anfängen grundgelegten Angst, die mit unserer Bedürftigkeit verbunden ist.

Woher kommt also die Aggression gegen die Schwäche, woher kommt der Impuls, alles Schwäche zu schwächen und letztlich zu vernichten? Um ein aktuelles Beispiel zu nehmen: Warum wollen so viele, dass die Mindestsicherung für die Schwächsten der Gesellschaft gekürzt wird, obwohl dabei höchstens Millionenbeträge eingespart werden können, während für Prestigeprojekte und Bankensanierungen in Milliarden gerechnet wird? Warum fällt es so leicht, das eigene soziale Gewissen zum Stillschweigen zu bringen, wenn es um einkommens-, leistungs- und erfolgsschwache Menschen geht?

Die Verachtung erstreckt sich zusätzlich auf die Helfer der Schwächeren. Sie sind ebenfalls Schwächlinge, weil sie das Schwache erhalten, statt es zu bekämpfen und zu beseitigen. Sie handeln nur aus einer eigenen inneren Schwäche. Ihre Hilfe kompensiert nur ihre eigenen Minderwertigkeitskomplexe. Außerdem wollen sie die Gutmenschen sein, indem sie aber nur an die Schuldgefühle der anderen appellieren. Sie verachten also in ihrem blinden Agieren die Verächter der Schwachen, indem sie sich als die moralisch Besseren darstellen.

So wie wir Menschen sind, mischen sich in jedes Handeln, in jede Motivation und Wertsetzung unbewusste Anteile hinein. Wie wir alle, sind auch die „Gutmenschen“ gut darin beraten, ihre eigenen inneren Anteile zu erforschen und zu überprüfen, ob ihre Aktionen aus bedingungsloser Selbstlosigkeit entspringen oder ob sie auch andere innere Antriebe bedienen, die weniger altruistisch sind. Es wäre auch keine Schande, die Egoismen im Altruismus zu enthüllen – die Patina des makellosen Gutmenschen zieht naturgemäß das Misstrauen der weniger Perfekten auf sich.

Es könnte nämlich sein, dass die Helfer die Opfer in ihrem Opfersein unterstützen, statt dafür zu sorgen, dass sie stark werden. Viele Schwache nutzen ihre Schwäche, um Hilfe und Zuwendung zu bekommen, statt sich selbst zu helfen. Darauf zielt der Doppelsinn in dem obigen Zitat von Nietzsche, als Appell an die Schwachen, an die eigene Kraft zu glauben, und als Warnung an die Helfer, die Falle der schwächenden Hilfestellung zu erkennen und zu vermeiden.

Die Selbstverachtung


Die Verachtung für das Schwache stammt aus einer angstgeschürten Verachtung für die eigene Schwäche und Bedürftigkeit. Wir kommen alle als schwache Wesen auf diese Welt, unser Überleben hängt ab vom Wohlwollen unserer Umgebung. Wenn sie uns in unserer Bedürftigkeit annimmt, dann schaffen wir es, sonst ist es zu Ende mit uns. Wir brauchen die bedingungslose Liebe und das bedingungslose Dienen von Menschen, die uns in unserer Hilflosigkeit annehmen. Auf dieser Basis lernen wir, dass Schwäche keine Überlebensgefahr bedeutet, sondern dass uns andere in diesem Zustand helfen können.

Haben wir jedoch diese Hilfe nur in bedingter und begrenzter Form erhalten, wird jede Form von Bedürftigkeit mit Angst verbunden: Ich muss für mich selber sorgen können, alles andere ist nicht in meiner Kontrolle und verunsichert mich. Ich muss mich mit eigener Kraft nach allen Seiten hin absichern, indem ich beständig meine Leistung erbringe und Erfolge erziele. Doch es kann nie genug sein, es gibt keinen Punkt, von dem an ich mich endlich zurücklehnen könnte, um mich sicher zu fühlen. Die übermäßige Leistung kompensiert den Mangel an innerer Sicherheit, der aus der Bedingtheit kommt, in der die ursprüngliche Bedürftigkeit angenommen wurde.

Wer andere verachtet, verachtet sich selbst, in genau dem Aspekt, den er bei der anderen Person abwertet. Er schneidet sich ab von sich selbst, indem er seine eigene Schwäche nach außen projiziert und dort mittels Verächtlichmachung bekämpfen will.

Grenzen respektieren


Wir kennen alle die Schwäche, die Hilflosigkeit, die Bedürftigkeit. Sie steht am Anfang unserer Existenz, sie begleitet uns durch unser Leben, und sie wird uns am Ende auch wieder einholen. Es führt uns nur weg von uns selbst, wenn wir sie zwanghaft überspielen, übervorteilen, übertrumpfen wollen. Unser Körper hat Grenzen in seiner Leistungsfähigkeit, und wenn wir nicht lernen, diese zu erkennen und zu respektieren, bringen wir uns schneller an unser Ende als wir es hoffen.

Deshalb sollten wir uns darin üben, mit unseren Grenzen konstruktiv umzugehen und sie nur in Ausnahmefällen zu überdehnen, damit wir immer wieder in ein inneres Gleichgewicht kommen. Dazu müssen wir das Leistungsmotiv, das uns eingepflanzt wurde, zügeln, indem wir das Schwache und Fehlerhafte, das wir alle in uns haben, das Versagen, die Unvollkommenheit in uns selber annehmen, umarmen und halten.

In der sozialen Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, kann die Übung in der folgenden Erkenntnis bestehen: Im schwachen Anderen begegne ich mir in meiner eigenen Schwäche und anerkenne sie. Ich erlaube mir dabei, zugleich meine Stärke spüren und auch die Stärke in der anderen Person anzuerkennen.

Dann kann ich entspannen, wenn ich bedürftigen Menschen im Außen begegne, statt auf sie aggressiv zu reagieren. Dann kann ich es begrüßen, wenn es in einer Stadt Bettler gibt, statt zu fordern, dass sie von den Straßen verbannt werden, damit ich die inneren Konflikte verdrängen kann, die mit dem Thema verbunden sind. Dann setze ich mich dafür ein, dass alle in der Gesellschaft ein menschenwürdiges Leben führen können, die oben und die unten, und auch alle dazwischen.


Zum Weiterlesen:
Das soziale Gewissen und die Verachtung des Schwachen

Donnerstag, 8. Februar 2018

Ein Land von Krypto-Nazis?

Fast jeden Tag taucht irgendwo in Österreich ein Krypto-Nazi auf, fast immer im Funktionskader der FPÖ – kürzlich eine Dame in Tulln, die Menschen, die ohne Familie aus Kriegsgebieten geflohen sind, als „Untermenschen“ bezeichnet hatte. Sie ist im dortigen FPÖ-Vorstand. Die rechten Burschenschafter, die zum Großteil noch immer die großdeutsche Idee hochhalten oder von der deutschen Kulturnation schwärmen, wenn sie nicht nationalsozialistische Parolen oder Lieder pflegen. Aber wenn man nicht singen kann wie Herr Landbauer, ist man natürlich über jeden Verdacht erhaben und kann nicht nachvollziehen, warum da plötzlich das Opfer einer „medialen Hetze“ ist.

Es scheinen zwei Tendenzen in diesem Land zur Zeit zu konkurrieren: Die eine schwemmt nach der Regierungsbeteiligung der FPÖ all die Gestalten der rechten Szene, die neben viel Bier auch ein wenig akademische Bildung intus haben, in die höchsten Stellen des Staates, sie werden plötzlich Minister, Abgeordnete und Verwaltungsbeamte. Mit diesen Personen wird die rechtsextreme Ideologie salonfähig gemacht. 


Andererseits gibt es nach wie vor eine kritische Öffentlichkeit, die diesen Herrn und Damen umso genauer auf die weltanschaulichen Finger schaut, je mehr sie ins öffentliche Rampenlicht treten. Mancher muss nun zur Kenntnis nehmen, dass extremistische „Jugendsünden“ der Karriere schaden und dass man ein wenig aufpassen muss, was man so von sich gibt. Es genügt nicht mehr, scharf am Rand des NS-Verbotsgesetzes entlang zu polemisieren und Hass-zu-posten, man muss besser aufpassen, was einem über die Lippen oder die Tastatur kommt. Die FP-Politiker, vom Vize-Kanzler abwärts, können sich erst recht nicht mehr leisten, mit antisemitischen, antimoslemischen oder antidemokratischen Bosheiten Anhänger um sich zu scharen, sie müssen ihre aggressive menschenfeindliche Rhetorik zügeln. Offensichtlich hat die Partei diesen Leuten genügend Kreide zum Fressen ausgegeben.

Psychologische Mechanismen


Was aber ist es, dass so viele Menschen in unserem Land empfänglich für Parolen macht, die aus Ideen gespeist sind, die vor 80 Jahren Hochkonjunktur hatten und 7 Jahre später in Schutt und Asche, zerbröselt sind, in Blut und Tränen aufgelöst wurden? Was macht es attraktiv, „deutschnational“ zu denken, einer Ideologie, die in der k.u.k.-Monarchie, dem Vielvölkerstaat mit den Deutschsprechenden als größter Volksgruppe, erfunden wurde, wo es nach dem 2. Weltkrieg den meisten Österreichern deutlich wurde, dass sie lieber Österreicher als Deutsche sind? Wie kann jemand ein Gestern verherrlichen, das eine tiefe Furche von Massenverbrechen ohnegleichen durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts zieht?

Die psychologischen Mechanismen einer notorischen Rückwärts-Fixierung sind vielfältig. Unbewusste Loyalitäten zu Vorfahren, die ihr Herzblut dem Nationalsozialismus geschenkt haben, willfährige Anhänger oder anfangsbegeisterte Mitläufer waren, spielen oft eine Rolle. Nicht verarbeitete Desillusionierungen, Schuldgefühle und Machtfantasien erzeugen die Verführbarkeit zu totalitären Gedankengebilden. Jeder von uns hat irgendwann eine Beleidigung oder Demütigung erfahren; einfacher und feiger ist es, die daraus resultierenden Rachegefühle in die vorgefertigten Kanäle einer menschenverachtenden Ideologie fließen zu lassen. Infantile Trotzhaltungen gegenüber den Ideen der Aufklärung, die das Zentrum einer modernen Demokratie ausmachen, zeigen sich dort, wo Verbrecher verharmlost und Gewalt verherrlicht wird.

Häufig sind Modernisierungsverlierer prädestiniert, ihr Heil in einer Vergangenheit zu suchen, in der Kleinhandel und Handwerk blühten und keine bedrohlichen Fremdsprachen am Marktplatz zu hören waren. Die Angst vor einer ungewissen Zukunft, in der unheimliche Marktzwänge die Geldflüsse von unten nach oben dirigieren und Roboter Menschen ersetzen, macht anfällig für Ideologien, die so tun, als könnten sie die Geschichte rückwärts lenken.

Natürlich, jeder Täter ist ein Opfer, jeder Menschenverächter wurde verachtet, jeder Hasser wurde gehasst. Als Erwachsene, und als solche sollten wir uns verhalten, wenn wir in irgendeiner Weise staatsbürgerliche Verantwortung übernehmen (z.B. wenn wir wählen gehen oder wenn wir politische Ämter übernehmen), sollten wir in der Lage sein, uns von solchen kindlichen Impulsen und Emotionen zu distanzieren. Können wir das nicht, sollten wir zumindest die Verantwortung übernehmen, uns von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Für solche, die keine Haltung von elementarer Höflichkeit und Respekt aufbringen können, wären Auftrittsverbote in der politischen Öffentlichkeit sinnvoll. Der demokratische Diskurs funktioniert nur mit einem Minimum an Umgangsformen und gewaltfreier Sprache. Will sich die Demokratie nicht selber abschaffen, müssen solche Diskursregeln eingehalten und überwacht werden.

Erschreckende Dunkelziffer


Erschreckend bleibt, dass die Personen, die mit ihrer NS-Gesinnung auffliegen, ganz offensichtlich nur die Oberfläche an FPÖ-Funktionären darstellen, die einschlägig belastet sind. In vielen Foren und Social-Media-Plattformen kommen noch anonym Tausende dazu, die eine Befriedigung darin finden, ihren Hass auf wen oder was auch immer gegen Schwache, Randgruppen, Flüchtlinge, Juden und Moslems zu richten und sich dabei übelster NS-Symbolik und –Rhetorik zu bedienen. Vielleicht stimmt es in manchen Fällen sogar, nicht zu wissen, welche Bedeutung Worte wie „Untermensch“, „völkisch“, „arisch“ usw. tragen; nicht jeder hatte einen guten Geschichtsunterricht. Schlimmer noch als Unbildung und Gedankenlosigkeit ist der Mangel an ethischen Werten, an Menschlichkeit, der sich in der Verwendung von solchen ausgrenzenden und beleidigenden Worten zeigt. 


Was schnappt man nicht alles auf, in einer Umgebung, in der Vergangenheitsbewältigung in Form von Judenwitzen oder im blinden Nachbeten von Geschichtsfälschungen (Stichwort „Auschwitz-Lüge etc.) geschieht? Wie lange wird es noch dauern, bis Menschen keine sadistische Befriedigung im öffentlichen Äußern von Unmenschlichkeiten finden? Wie lange wird es noch dauern, bis genügend Menschen Abscheu und Empörung gegenüber jeder Form der Unmenschlichkeit entwickelt haben, sodass solche Haltungen keinerlei Widerhall und keinerlei Nachahmung finden, sondern ihr Dasein am äußersten Rand der Gesellschaft fristen müssen?

Werte-Kurse für Politiker


Jedenfalls: Wer in diesem Land politische Verantwortung übernimmt, sollte sich einem Werte-Kurs unterziehen, in dem die Werte der Toleranz und Menschenwürde sowie Grundkenntnisse über die österreichische NS-Vergangenheit vermittelt werden. Wie will man Flüchtlingen und Asylwerbern österreichische Werte beibringen, wenn öffentliche Repräsentanten dieser Gesellschaft selber über äußerst mangelhaftes demokratisches Wertbewusstsein verfügen?

Mittwoch, 31. Januar 2018

Am Anfang brauchen wir ein Willkommen

Wenn wir Menschen einladen und willkommen heißen, sehen wir es als unsere Aufgabe als Gastgeber, die Menschen, die da kommen, so anzunehmen, wie sie sind und uns daran zu erfreuen. Wenn Kinder auf die Welt kommen, fühlen wir uns (wenn wir ganz bei uns sind) hingerissen und begeistert von den neuen Erdenbürgern. Wir denken gar nicht daran, dass dieses winzige Wesen anders sein könnte als es ist, so vollkommen ist sein Charme.

Wann immer wir etwas Neues anfangen, braucht es dieses Willkommen. Wir brauchen das Gefühl, dass wir einen Platz bekommen, an dem wir uns sicher fühlen und von dem aus wir in das Neue hinein expandieren können. Wir brauchen die Ermutigung und Bestätigung, dass das Neue für uns gut und sinnvoll ist und dass wir am richtigen Platz angekommen sind.

Erst recht gilt dieses Bedürfnis für unseren ganz ersten Anfang, für den Moment der Empfängnis oder Befruchtung. Neues Leben entsteht, und wie die Forscher herausgefunden haben sollen, „feiert“ die befruchtete Eizelle, indem sie durch die Freisetzung von Milliarden Zinkatomen hell zu strahlen beginnt, gewissermaßen so als ob die Natur ein Feuerwerk veranstaltet, um der Welt diesen grandiosen Neuanfang kundzutun.

Doch sind nicht alle werdenden Eltern begeistert über das neue Leben, aus verschiedensten Gründen. Dadurch wird das Willkommenheißen gestört. Wie wir aus der Pränataltherapie wissen, bekommen die winzigen Lebewesen mit, wie ihre engste Umgebung auf ihre Entstehung reagiert – voll Freude und Begeisterung oder voll Sorgen oder gar Erschrecken. Die Ablehnung der Schwangerschaft, so sehr sie aus der aktuellen Lebenssituation der Eltern verständlich erscheinen mag, wirft einen Schatten auf das werdende Leben, das es in seiner Seele mitträgt und das weitere Leben belasten kann.

Das junge Leben ist auf eine sichere und zuverlässige Umgebung angewiesen, um überleben zu können. Doch ist das Überleben in Frage gestellt, wenn bei den Eltern Zweifel oder Ängste bezüglich eines Kindes bestehen, gleich ob bei Vater, Mutter oder bei beiden. Selbst die Ablehnung durch die Eltern der Eltern oder andere nahestehende Personen kann beim Kind Existenzängste auslösen. Denn es ist völlig von Wohlwollen und Gewolltsein durch seine Umgebung abhängig. Es hat keine Macht über sein Schicksal, keine Möglichkeit sich mitzuteilen und kann auch nichts gegen die eigenen Ängste vor dem Ausgelöschtwerden tun.

Nach den Forschungen der Pränatalpsychologie gibt es vor allem zwei Momente, in denen eine solche Traumatisierung erfolgen kann: Gleich bei der Empfängnis, wenn bei den Eltern die Angst vor einer Schwangerschaft in der Sexualität mitspielt, und ein paar Wochen später, wenn die Mutter die Schwangerschaft bemerkt. Natürlich wirken darauf folgende Abtreibungsversuche zusätzlich massiv belastend auf das werdende Leben.

Die für das Kind essentielle Bindung zu Mutter und Vater ist durch eine Infragestellung der Schwangerschaft, also seiner Existenz, von Anfang überschattet und verunsichert. Diese Bindungsunsicherheit kann alle weiteren Beziehungen im späteren Leben erschweren und verkomplizieren. Es kann ein grundlegendes Lebensgefühl grundgelegt werden, nicht auf diese Welt zu gehören, keinen Platz zu haben, verbunden mit der Sehnsucht, an irgendeinen wunderbaren Ort in der Fantasie weit weit weg das Glück zu finden. Die Ängste, Zweifel und Sehnsüchte werden auf Eltern, Beziehungspartner und Freunde projiziert, die für die Abdeckung der enormen Sicherheitsbedürfnisse für zuständig erklärt werden und von dieser Aufgabe meist überfordert sind. Jedes kurze Zuspätkommen bei einem Termin, jedes unerfüllte Bedürfnis kann dann schon Dramen auslösen.


Die vermeintlichen Wunschkinder


Manchmal erzählen Eltern ihren Kindern, wie sehr sie erwünscht und willkommen waren. Das kann den Kindern guttun und ihre Lebenssicherheit stärken. Doch was bedeutet es, wenn Kinder die Mitteilung am Grund ihrer Seele nicht annehmen können und sich trotzdem unsicher in der Welt zu fühlen? Die wohlmeinenden Eltern sind, wie jeder Mensch, vom eigenen Unbewussten beeinflusst, meist ohne es zu merken. Kinder haben für diese Ebene ein Sensorium, ohne allerdings verstehen zu können, was da abläuft. Es kann sein, dass die Ängste der Eltern vor den Pflichten der Elternschaft verdrängt sind. Es kann auch sein, dass die Kinder mit unbewussten Erwartungen überhäuft werden, ohne dass es den Eltern bewusst wäre. Das Unbewusste der Eltern hat starke Neigungen, das neue Leben den eigenen Zwecken unterzuordnen. Ungelöste innere Konflikte, ungelebte Bestrebungen, unerreichte Ziele und Ideale werden an das Kind delegiert. Das winzige Lebewesen ist ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, das sich als Projektionsfläche für das Unbewusste der Eltern anbietet. Es saugt auf, was ihm eingeflößt wird.

Vielleicht auch wollen die Eltern mit ihrem ostentativen Willkommenheißen des Babys die eigene vorgeburtliche Bindungsunsicherheit kompensieren, sodass dieses dann die Sicherheit geben soll, die ihnen selber in ihrem frühen Leben gefehlt hat. Vielleicht wollen sie dem Kind mitteilen, dass sie es voll und ganz akzeptieren, wie sie es sich selber von ihren Eltern gewünscht haben. Vielleicht wollen sie besonders gute Eltern sein, weil sie aus der eigenen Kindheit so wenig davon mitnehmen konnten. Unzählige Varianten gibt es, die Kinder in den eigenen unbewusst agierenden Lebensplan einzubauen und sie damit für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.


Bedingungsloses Dienen


Was Kinder am Anfang ihres Lebens brauchen, um gut gedeihen zu können und von einem gesunden Fundament aus wachsen zu können, ist die bedingungslose Liebe und Akzeptanz der Eltern: Wir heißen dich genau so, wie du bist, willkommen, und wir wünschen uns, dass du so wachsen und dich entwickeln kannst, wie es deinen Anlagen und deinem Wesen entspricht, und wir versprechen, dich dabei zu unterstützen, so gut wir vermögen. Das ist die Botschaft, die Vertrauen und Sicherheit gibt, die Basis für jede weitere gute Entwicklung.

Frei von eigenen Ambitionen, Erwartungen, Projektionen sollte das Willkommen für ein neues Menschenwesen sein – ein hoher Anspruch. Denn es bedeutet, dass die Eltern, so weit es nur geht, von ihrem eigenen Ego Abschied nehmen müssen, damit dieser Anfang gelingt. Sie sollten über ihre Ansprüche Bescheid wissen. Alles, was sie aus ihrem unbewussten Inneren dem Kind auflasten wollen, sollten sie sich bewusst machen und verabschieden. Denn im Tiefsten will jeder Elternteil, dass sich das eigene Kind frei von Lasten aus sich selbst heraus frei entfalten kann.

Diese Haltung beinhaltet das weitere Programm der Kindererziehung, oder besser: der Förderung und Unterstützung der Kinder bei ihrem Aufwachsen (denn das Wort „Erziehung“ beinhaltet eine vorgegebene Richtung, in die der „Zögling“ gezogen werden soll). Dieses Programm besteht im bedingungslosen Dienen, im Geben ohne Rückversicherung, im Dasein mit und für die Kleinen. Kinder erweisen sich für alles erkenntlich, was sie bekommen, aber oft nicht in der Form, wie es die Eltern erwarten. Im Ganzen gesehen, gleich sich immer alles aus, aber nur, wenn die Haltung, die die Eltern in sich erarbeiten müssen, stimmt.

Der eigentliche Lohn des Elternseins liegt darin, die unvergleichliche Freude, die das neue einzigartige Wesen durch sein Sein als Geschenk anbietet, voll nehmen zu können.

Das meint Khalil Gibran in seinem berühmten Gedicht:


Eure Kinder sind nicht eure Kinder. sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

(Khalil Gibran, arabischer Dichter, 1883-1931)


Lit.: Helga Levend, Ludwig Janus (Hg.): Bindung beginnt vor der Geburt. Mattes Verlag 2011

Montag, 29. Januar 2018

Leistung statt Freude?

Eine Komponente der „schwarzen“ Pädagogik, der dominanten Erziehungsform, der unsere Eltern-, Groß- und Urgroßelterngenerationen ausgesetzt waren und die deshalb bis heute in uns und unserer Kultur wirkt, stellt die Unterdrückung von positiven Gefühlen dar. Kinder, die sich zu viel freuen, werden den Ernst des Lebens nicht verstehen und nicht die Anstrengungen aufbringen, die notwendig sind, um später diese Herausforderungen zu bewältigen. Deshalb wäre es wichtig, die Freudenausbrüche der Kinder zu unterbrechen und sie konsequent auf den „Ernst des Lebens“ vorzubereiten.

Eltern, die aus dieser Erziehungstradition handeln, sind der (unbewussten) Auffassung, dass ihre Kinder auf eine feindliche Welt vorbereitet werden müssen, in der man sich jede Belohnung mühsam verdienen muss. Eine Position in dieser Welt kann man nur erwerben, wenn man die geforderten Leistungen erbringt. Die Gefühle von Freude und Leichtigkeit stehen dieser Haltung im Weg und müssen deshalb unterbunden werden. Nur so wären die Kinder für eine Welt gewappnet, in der einem nichts geschenkt wird.


Freudlose Religionen


Gespeist wurde dieser Aspekt der Pädagogik zusätzlich noch von der Tradition der Leibfeindlichkeit und Leidenspflege in der katholischen Kirche. Die Gläubigen sollten sich von übermäßiger Freude fernhalten, weil damit vergessen würde, dass sich Jesus durch sein Leiden bis zum Tod für die Erlösung der Menschen eingesetzt hat. Die Selbstaufgabe und der hingebungsvolle Einsatz für andere müsse deshalb im Vordergrund stehen, und alles, was unbeschwerten Genuss und einfache Freude bereitet, müsse mit Misstrauen betrachtet werden, weil die dahinterstehende Haltung der verderblichen Selbstsucht Vorschub leiste.  Außerdem sollten sich die Menschen immer bewusst halten, dass ihr eigenes Leben begrenzt ist und dass dieses dem guten Tun zu widmen sei, um sich damit ein ewiges Leben im Himmel zu verdienen, wo dann erst die Freude, allerdings in ewiger Dauer, zuteil wird. Die Erde als Jammertal und Ort von Mühen und Qualen hat das Weltbild vieler Menschen bis in die Pädagogik hinein geprägt und tiefe Spuren in den Motivationsgefügen der Menschen hinterlassen.

Denn es wird über die Jahrhunderte ein Muster etabliert und eingeprägt: Du bekommst erst ein Recht auf Freude, wenn du vorher Entbehrungen durchlitten hast. Die Freude ist kein natürliches spontanes Gefühl und sie ist auch kein Geburtsrecht der Menschen, sondern etwas, das durch das Durchleiden von Mühsal verdient werden muss.

Der Protestantismus hat dieser Verzerrung der Natur (die sich von sich aus einfach freuen will, wenn es einen Anlass gibt) noch eins draufgesetzt, indem einige der Reformatoren die Auffassung vertreten haben, dass nicht einmal genügt, sich durch Leistung den Zugang zur Freude zu verdienen, sondern dass diese ein unverdientes Geschenk darstelle, das der Gnade Gottes verdankt ist und von einem Menschen nicht eingefordert werden kann. Als Lebensaufgabe bleibt nur, sich permanent anzustrengen, um sich der Gnade für würdig zu erweisen.


Anpassung zum Überleben


Diese freudlosen Botschaften, die in den westlichen Religionen verankert sind, spiegeln die Lebensrealität über weite Strecken der Menschheitsgeschichte wieder. Über Jahrtausende konnten weitaus die meisten Menschen nur überleben, wenn sie sich den harten Außenbedingungen vorbehaltslos anpassten: Karge Ressourcen und starre Unterordnung unter hierarchische Zwänge. Die Kinder mussten von Anfang an dazu gebracht werden, dass sie in diese Korsette passen. Deshalb schien es konsequent, nicht mit der Rute zu sparen, denn es musste von früh an gelernt werden, Strafen durch Anpassung und Unterwerfung zu vermeiden. Auf diese Weise wurde die Selbstbestimmung und Selbstmotivation eingeschränkt, die in der Gesellschaft ohnehin keinen Platz hatte. Besser war es, das eigene Leben nach den Mechanismen von Belohnung und Bestrafung zu fristen.

Die Dynamik der Industrialisierung bis zur Digitalisierung hat dazu geführt, dass dieses Gesellschafts- und Kulturmodell mehr und mehr überflüssig wurde. Zunächst erforderte zwar die Fabriksarbeit Menschen, die zuverlässig und fehlerfrei einfache Vorgänge ausführen konnten, die also über ausgeprägte Selbsthemmungs- und Selbstkontrollmechanismen verfügen mussten. Aber die zunehmende Automatisierung führte zum Verschwinden gerade der einfachen und routinierten Arbeitsabläufe, die eben von Maschinen übernommen werden können.

Die komplexeren Aufgaben, die in der postindustrialisierten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft anfallen, erfordern dagegen keine gehemmten und dressierten Individuen, sondern Menschen, die über Eigenmotivation und Kreativität verfügen. Und diese inneren Kräfte werden nur frei, wenn wir in Übereinstimmung mit uns selbst sind, wenn wir die spontanen Gefühle und Impulse in uns selber spüren und zulassen können. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir dauernd neue Fertigkeiten erlernen müssen, und nach Meinung vieler Psychologen ist Lernen nur dann effektiv, wenn es von Begeisterung angetrieben ist.


Arbeit gegen Freizeit


Die Folge ist eine zweigespaltene Gesellschaft, in der auf der einen Seite freudlos Leistungen erbracht werden, und auf der anderen Seite die Freuden in der Freizeit maximiert werden müssen. Funktionieren und Enthemmen, Anpassen und im Genuss Versinken, wie ein englischer Snob, der vor seinem Bentley und seiner Villa steht und meint: „Hier sage ich nur ‚Morgen‘, ein guter Morgen ist es erst auf der Jacht vor St. Tropez.“ Oft besteht allerdings der vermeintliche Genuss nur mehr darin, die Last der Entbehrungen möglichst effektiv loszuwerden – oder, wie im Fall des Snobs, die allgegenwärtige Langeweile zu bekämpfen. Für ein entspanntes Genießen und für die stillen Freuden, für ein Verweilen im Zauber des Moments  ist in diesem Lebensmodell kein Platz.


Zur Psychologie der Freudlosigkeit


Was passiert, wenn Kinder entmutigt werden, Freude und andere positive Gefühle zu genießen, sei es durch das unbewusst wirksame Beispiel, durch Abwertungen oder Androhen von Strafen? Sie sollen gezwungen werden, ein bestimmtes, von außen festgelegtes Verhalten zu zeigen. Die Drohung löst Angst aus, und dadurch wird der Selbstbezug gehemmt. Die Kinder verlernen, sich selber, die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Motivationen zu spüren. Selbstbestimmtes Handeln wird gehemmt. Vorsätze, die den eigenen Wünschen entsprechend, können schwerer umgesetzt werden.

Wo es die Möglichkeit gibt, positive Gefühle selbst zum Ausdruck zu bringen und dadurch Selbstmotivation entsteht, kann der Selbstzugang wachsen: Die Selbstmotivation kommt aus dem Selbst, und dadurch wird selbstkongruentes Verhalten möglich. Das Freudeverbot verhindert diesen Weg in das selbstbestimmtes Handeln. Allerdings erleichtert es das Umsetzen von automatisierten und routinierten Verhaltensabläufen, ist also für das Funktionieren in einer einfachen Industriegesellschaft geeignet.

„Hemmt man positive Gefühle, so kann man sogar besonders gut über schwierige, ja sogar völlig unrealistische Ziele und Ideale nachdenken (weil das Intentionsgedächtnis und das Denken durch Hemmung der Freude intensiviert wird) und man kann Aufträge und Instruktionen ausführen, besonders wenn diese keine besondere Planung brauchen, also direkt ausführbare Handlungsroutinen ansprechen. ... Wenn Frustrationstoleranz und Opferbereitschaft mehr eingeübt werden als Freude und Genussfähigkeit, besteht die Gefahr, dass Menschen sich in ihren Idealen und guten Vorsätzen verfangen, bis sie kaum noch etwas von ihren anspruchsvollen Idealen umsetzen können und immer mehr auf Fremdsteuerung durch Routinen, Regeln und Geboten angewiesen sind, die auch ohne positive Gefühle umgesetzt werden können.“ (Aus: Julius Kuhl: Spirituelle Intelligenz, S. 119f)


Neid auf die Lebendigkeit


Warum kommen die Eltern mit der spontanen Begeisterung und Freude der Kinder nicht zurecht? Kinder drücken über ihre Gefühle ihre Lebendigkeit aus, von Anfang an, also sobald sie auf der Welt sind und schon davor. Das erinnert die Eltern an die eigene nicht gelebte Lebendigkeit, und diese Erinnerung löst Sehnsüchte und Ängste aus: Der Wunsch nach dieser Lebendigkeit und die Ängste, die mit den Versagungen und Bestrafungen verbunden waren, die in der eigenen Kindheit auf Gefühls- und Lebendigkeitsausdruck gefolgt sind. Da sie gelernt haben, ihre Wünsche zu verleugnen und mit Anpassung die Angst vor Bestrafung zu bewältigen, geben sie diese Botschaft ans Kind weiter: Lebendigkeit ist bedrohlich, für dich und für andere. Freude und Überschwang führen zu Leid. Zügle deine Lebendigkeit, dämme deine Begeisterung ein, dämpfe deine Freude. Dann kommst du besser zurecht mit einer Wirklichkeit, in der es um Anpassung, Verzicht und Selbstbeschränkung geht.


Leistungsentlastung und die Räume der Freude


Es könnte sein, dass sich unsere Gesellschaft in die Richtung entwickelt, dass nur noch eine Minderheit einer Erwerbsarbeit nachgehen kann, weil ansonsten ein Großteil der notwendigen Tätigkeiten von Maschinen erledigt wird. Wer keinen Platz in der Arbeitswelt findet, kann die Selbstdefinition über Leistung aus Anpassung und Verzicht hinter sich lassen. Sie wird nicht mehr benötigt. Der biblische Fluch, das Brot im Schweiß der Mühsal zu essen, verliert seine Macht, wie alle anderen Formeln und Rituale der schwarzen Pädagogik.

In jedem Fall sollten beginnen, die Relikte der freud- und lustfeindlichen Pädagogik abzuarbeiten, alle daraus stammenden Konditionierung zu überwinden und unsere natürlichen Anlagen zu allen positiven Gefühlen völlig freizulegen. So können alle Gefühle spontan fließen und unseren Selbstausdruck stärken. Wir pflegen und stärken die Fähigkeit, uns an den großen und kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen und aus diesen Freuden die Kreativität zu entwickeln, um unser Selbst zum Ausdruck zu bringen, zur Freude für die anderen Menschen.  In Übereinstimmung mit dem, was sich in uns zeigt, entfalten wir uns am leichtesten und halten mit unserer inneren Harmonie auch unsere Gesundheit aufrecht. Wir können die Räume, die frei werden, mit Freude und Lebensgenuss füllen, sie warten schon drauf.


Zum Weiterlesen: 
In der Mangel des Erfolgsstrebens
Das soziale Gewissen und die Verachtung des Schwachen

Samstag, 20. Januar 2018

Die Jagd nach der Erfahrung

Unser Leben ist die Summe unserer Erfahrungen, entlang der Zeitleiste, die uns zugemessen ist. Wir haben den Drang, diese Zeit bestmöglich zu füllen. Sonst könnte es passieren, dass dieses unser Leben seinen Sinn und seine Bedeutung verliert, was soviel heißt wie, dass wir selber unseren Sinn und unsere Bedeutung verlieren, und diese Vorstellung verursacht ungute bis grauenvolle Gefühle.

Wir müssen also herausfinden, wie wir diese Zeit optimal nutzen. Im Grund können wir unser Leben als die Suche nach diesem Optimum beschreiben, als eine Reise, die weniger ein fix definiertes Ziel hat, wie Schruns-Tschagguns oder Paris, als vielmehr einem Herumirren zwischen Versuchen und Irrtümern gleicht. Denn auch wenn wir in Paris als unserem Reiseziel angelangt sind, müssen wir erst die Zeit, die wir dort verbringen, auf eine optimale Weise mit Erfahrungen füllen. Es erschiene ja seltsam, in diese Stadt zu reisen und die Zeit dort nur mit Fernsehen oder Kreuzworträtsellösen im Hotel zu verbringen. Wer würde von einer solchen Erfahrung seinen Freunden erzählen? Vielmehr wollen wir uns möglichst vollsaugen mit dem Neuen, was sich uns zeigt: Die Sehenswürdigkeiten, die Schönheiten, die Besonderheiten. Davon können wir, so hoffen wir zumindest, in der Zukunft zehren, wenn es uns an Neuem in unserem Leben mangelt. Wir speichern die spezielle Erfahrungsqualität eines Pariser Frühstückcroissants oder des Lächelns der Mona Lisa herein, und unser zukünftiges Leben ist vor Leere und Langeweile gefeit, so hoffen wir. Jederzeit können wir uns die Erinnerung zurückholen, wenn wir nur die Erfahrung möglichst intensiv gemacht haben.

Spitzenerfahrungen als Versicherung gegen das Unglück


Wir wollen all diese besonderen, herausragenden Erfahrungen sicher und dauerhaft abspeichern, damit sie uns die Gefühle, die mit den Erfahrungen verbunden waren, möglichst zuverlässig und dauerhaft abrufbar machen. Dieser einzigartige Sonnenuntergang bekommt einen prominenten Platz in unserem Erinnerungsspeicher, wir haben viel darin investiert, ihn zu finden, nun soll er in aller Zukunft von Nutzen sein. Deshalb bilden wir ihn ab, und deshalb schicken wir die Abbildung an all die Menschen um uns herum. Indem sie wissen, was wir erlebt haben, können sie uns daran erinnern, sollten wir die Erinnerung und ihren Erfahrungsgehalt vergessen.

„Der Versuch, unser Leben nicht zu einer Vergeudung zu machen, indem wir ein paar besonders bemerkenswerte Ereignisse suchen, macht den Rest unseres Lebens zur Vergeudung.“ (Mark Greif: Against Everything. On Dishonest Times, Verso 2016, S. 94) Der Versuch also, unser Leben besonders optimal anzufüllen, kann darin münden, dass wenigen Spitzenerfahrungen eine beängstigend große Menge an belanglosen Zeiten gegenübersteht. Mehr noch, im Kontrast zur Grandiosität einzelner Erfahrungsmomente kann der Rest, der Großteil des Lebens, umso mehr in die Bedeutungslosigkeit absinken.

Um das zu verhindern, wollen wir an den hervor-ragenden Ereignissen festhalten, wir wollen die Zeit um sie herum in die Länge ziehen, damit wir nie wieder ins öde Umland zurückkehren müssen. „Das Konzept der Erfahrung macht uns zu Siedlern in einem Dorf am Plateau, die an einem Mythos von einer glücklicheren Menschenrasse festhalten, die auf den Gipfeln leben. Manchmal klettern wir hinauf, aber nur mit Vorbereitung, für kurze Expeditionen. Wir können dort nicht bleiben, und alle sind dann unruhig und unzufrieden zuhause.“ (ebd.)

Das Rezept zur Unzufriedenheit liegt in der Hochstilisierung des Herausragenden, wodurch eine starre Spannung zum Normalen, Alltäglichen, Unspektakulären erzeugt wird. Je intensiver wir die spezielle Erfahrung in uns verankern, desto weiter fallen die vielen anderen weniger extravaganten Ereignisse unseres Lebens dagegen ab. Und sie müssen auch abfallen, denn die Intensiverfahrung lebt aus dem Kontrast zum ausgebreiteten Flachland, das vor allem mit Bedeutungslosigkeiten angefüllt ist. Je mehr wir in den Zeiten des eingeebneten Lebens an der Leere und am Nichtvorhandensein von Sondererfahrungen leiden, desto erfüllter offenbart sich das Leben, wenn es uns Gipfelerfahrungen zuschanzt. In der westlichen Lebensweise ist diese Spannung abgebildet als das  Pendeln zwischen Arbeitszeit und Freizeit, zwischen Job und Urlaub. Die Hoffnung auf die Erlösung aus dem Müssen in der öden Ebene dient als Quelle zum Aushalten der langen Durststrecken zwischen den kurzen Phasen des Hochgefühls. Dazu hoffen wir auf einen Lottogewinn oder eine gut dotierte Frühpension, um endlich den Urlaubszustand zum Dauerzustand machen zu können.

Bewertungskriterien


Was ist optimal? Hier leben sich emotionale Muster aus, die sich aus erlittenen Frustrationen und deren Bewältigungsstrategien ableiten. Die ganz besondere Erfahrung, nach der wir jagen, soll uns alles vergessen lassen, was wir je an Widrigkeiten überstehen mussten. Es muss etwas ganz Neues, Überraschendes, Noch-nie-Dagewesenes sein, damit keine alte schlechte Erinnerung etwas davon anpatzen kann. Diese exquisite Speise liefert deshalb eine so besondere Erfahrung, weil sie mit nichts assoziiert ist, was in der Kindheit Essprobleme bereitet hat. Sie ist absolut unschuldig und lässt uns unser Leiden vergessen.

Erfahrungsabstinenz?


Wie können wir uns aus der Spannung befreien? Offensichtlich bringt es nichts, wenn wir den Erfahrungshunger und die Erfahrungsgier durch ihr Gegenteil, die Erfahrungsabstinenz ersetzen und die Spannung dadurch wegkürzen, dass wir das Besondere der Erfahrung verkleinern, indem wir z.B. die Unvollkommenheiten von intensiven Erfahrungen in den Vordergrund rücken: Den unangenehmen Geruch einer Abfallhalde in der Nähe des Punktes, von dem der Sonnenuntergang am schönsten beobachtet werden kann, der Autolärm beim Genuss eines Pariser Frühstücks oder die Touristenschwärme um den Eiffelturm. Es macht uns auch nicht glücklicher, wenn wir das Besondere zum Alltäglichen machen, indem wir z.B. den Urlaub dort verbringen, wo es dem Zuhause am ähnlichsten ist und wir all unseren Alltagsgewohnheiten weiter frönen können.

Wenn wir uns resignativ im Gewohnten verschanzen, weil alles andere mit Risiken und Unwägbarkeiten behaftet ist und uns mit Ängsten konfrontiert, richten wir uns bloß bequem in der Komfortzone ein und bauen einen Zaun mit Sichtschutz um sie herum auf. Wir ebnen das Unebene ein, damit nichts den seichten Strom des Immergleichen irritieren kann. Es regt nur mehr das auf, was außerhalb der eigenen Einflusszone steht, im Inneren wird die ewige Ruhe ausgerufen.

Die Radikalität der Erfahrung


Der wirkliche Ausweg ist radikaler. Er liegt darin, dass wir das Konzept von Ebene und Gipfel, von Alltag und Extravaganz, vom Belanglosen und Besonderen überwinden und hinter uns lassen. All diese Entgegenstellungen verzerren die Realität. Auf ihrer Grundlage basteln wir ein Lebensmodell, mit dem wir die Wirklichkeit polarisierend auseinanderreißen und uns dann wundern, wenn unsere Unzufriedenheit nicht weniger wird.

Wir müssen aufhören, die Möglichkeit einer optimalen Erfahrung irgendwo in die Zukunft oder an einen möglichst weit entfernten Ort zu verbannen, sodass wir sie immer wieder mühsam suchen müssen. Alles, was es braucht, ist,  sie im jetzigen Moment zu aufzufinden, denn nur dort gibt es sie. Wenn wir in diesen Moment eintauchen, ist diese Erfahrung weder eben oder öd noch herausragend, sondern sie ist da in ihrer Unvergleichlichkeit, weder toll noch fad, weder schön noch hässlich, weder pointiert noch flach. 

Wir müssen nur das Vergleichen rausnehmen, das die Gewohnheit hat, sich wie ein Zerrschleier über das Erleben breitet, indem es jedem Inhalt eine Bewertungsmarke von einem anderen Inhalt anhängt. Nichts darf so sein, wie es ist, vielmehr wird alles in Bezug zu etwas anderem gesetzt, und aus diesem Bezug wird der Wert abgeleitet. Die Erfahrung A ist gut, weil sie besser ist als B, aber nicht so gut wie C usw. Das Vergleichen nimmt der Erfahrung ihren Eigenwert, ihre eigene ganz besondere Bedeutung, die wir im Moment des Erlebens aufnehmen können, wenn wir eben nicht ins vergleichende Bewerten gehen.

Die Qualität des Optimalen, die wir in der Spitzenerfahrung suchen, die Intensität des Erlebens, hängt nicht vom Äußeren ab, sondern bildet sich durch unsere innere Einstellung. Wir können davon ausgehen, dass jede Erfahrung auf einer Skala soundso weit vom Optimalen entfernt ist, oder dass diese Erfahrung in diesem Moment das Optimale ist, das wir haben. Mit dieser Einstellung können wir überall und jederzeit den unvergleichlichen Sonnenuntergang, die traumhaft schöne Natur und das wunderschöne Kunstwerk erleben. Das Leben zeigt sich uns in jedem Moment in all diesen Qualitäten, und es liegt an uns, sie wahrzunehmen oder zu ignorieren. Wählen wir den vorurteilslosen Blick, die un-befangene Wahrnehmung, statt die Verschleierung durch Vergleichen und Bewerten! Das gibt uns auch in unangenehmen Situationen, also solchen, die nicht unseren Präferenzen und Erwartungen entsprechen, einen Anlass zum Staunen.

Die Erfahrung als Erfahrung akzeptieren


Der erste Schritt, damit wir uns mit dem Optimalen der jeweils aktuellen Erfahrung verbinden können, liegt im Akzeptieren der Erfahrung als Erfahrung. Die Erfahrung ist das, was uns der Moment gibt, nicht mehr und nicht weniger. Wir haben die Wahl, uns darauf einzulassen, d.h. dass wir keine Konzepte und Vergleiche, keine Interpretationen und Einordnungen über das Erlebte drüberstülpen, sondern es als das, was es ist, da sein lassen. Es mag angenehm oder unangenehm, schön oder hässlich, gut oder böse sein – es ist, was es ist, und im Akzeptieren nehmen wir es an.

Was ist, macht sowieso im nächsten Moment Platz für das nächste, was ist. Die Angst, die uns am Akzeptieren hindert, ist oft, dass wir glauben, was jetzt ist, bleibt und wird sich nie verändern (wenn es unangenehm ist), oder verschwindet und kommt nie wieder (wenn es angenehm ist). Sobald wir annehmen, was unsere Erfahrung ist, merken wir, dass es sich von Moment zu Moment ändert. Wir erkennen, dass es wieder nur unsere Vorstellungen und Denkkonzept sind, die uns suggerieren, wir müssten etwas an unseren Erfahrungen loswerden oder festhalten. Das ist die zentrale Botschaft des Buddha: Alles Leiden entspringt aus dem Loswerdenwollen oder Festhaltenwollen. Die Heilung liegt immer im Sein-Mit, im annehmenden Umfangen dessen, was sich gerade als unsere Erfahrung zeigt. Da gibt es nichts mehr zu suchen oder zu finden, da ist einfach, was ist. 


Zum Weiterlesen:
Halbwahrheiten - schlimmer als Unwahrheiten

Mittwoch, 3. Januar 2018

2017 - das beste Jahr der Menschheit?

Wird die Welt schlechter oder besser? Wie sollen wir das entscheiden? Aus den Medien erfahren wir vieles, was auf eine Verschlimmerung hinweist. Doch gibt es auch Fakten, die wir bei der Beurteilung der Richtung, in der sich die Menschheit entwickelt, zur Kenntnis nehmen sollten.

Der New-York-Times-Journalist Nicholas Kristof behauptet, dass 2016 das beste Jahr in der Menschheitsgeschichte war und 2017 noch besser werden könnte. Was spricht trotz all der Kriege, politischen Ereignisse und Umweltkatastrophen dafür?

Jeden Tag nimmt die Zahl an armen Menschen auf der Welt um 250 000 ab, d.h. alle vier Tage entkommt nach Berechnungen der Weltbank eine Million Menschen der ärgsten Armut. Umfragen in den USA haben übrigens ergeben, dass 90 % der Amerikaner glauben, dass die Armut auf der Welt steigt oder gleichbleibt, darunter offensichtlich auch der Präsident. So ist es nicht verwunderlich, dass die US-Regierung darüber nachdenkt, die Mithilfe bei der Armutsbekämpfung auf der Welt einzustellen, weil es ja ohnehin keinen Unterschied mache. Und wieder ein Beispiel, wo wir hinkommen, wenn wir unsere Meinungen mit Fakten verwechseln.

Die Einkommensunterschiede zwischen arm und reich sinken weltweit, das vor allem wegen des Rückgangs der Armut in Indien und China. Seit 1990 konnten durch Impfungen, Durchfallbehandlung, Stillpropagierung und andere Bemühungen 100 Millionen Kindern das Leben gerettet werden, auf jeden Tag umgerechnet sind das 18 000 Kinder. Bis in die 1960er Jahre waren mehr als die Hälfte der Menschen Analphabeten. Trotz der stetig wachsenden Weltbevölkerung sind heutzutage 85 % der Erwachsenen alphabetisiert, Tendenz weiter steigend. Jeden Tag steigt die Zahl der Menschen, die Zugang zu Elektrizität haben, um etwa 300 000 Menschen, und das bedeutet nicht nur, dass sich der Lebensstandard verbessern kann, sondern dass über die Internet-Nutzung auch die Bildungschancen steigen.

Zugang zur Elektrizität


Ein Schlüssel zur Messung des Wirtschaftswachstums, Lebensstandards und der Armutsbekämpfung liegt im Zugang zur Elektrizität. Die Preise von Strom aus der Windenergie gehen zurück, was Zahlen aus UK und USA belegen. Was vielleicht noch wichtiger ist, dass die Kosten für Solarelektrizität weiter sinken und in Indien nur mehr 0,65 $ pro Watt betragen. Dieser Preisverfall geht auf Kostenreduktionen in allen Bereichen der Solarstromerzeugung zurück. Ebenso sinkt die geographische Varianz, d.h. der Markt regelt zunehmend den Preis. Somit wird Solarstrom noch günstiger und der Zugang zu ihm demokratischer. Nachhaltige Energie wird zunehmend auf der ganzen Welt zugänglich und leistbar.

Wassergewinnung


Auf dem Gebiet der Wasseraufbereitung gibt es aufregende Neuigkeiten. Ein Wissenschaftlerteam des Massachusetts Institute of Technology hat kürzlich ein solar-betriebenes Gerät entwickelt, das mit Hilfe eines metall-organischen Gerüsts trockener Luft Feuchtigkeit entziehen kann. Wenn das Sonnenlicht auf das Gerät auftrifft, wird das Gerüst aufgeheizt, wodurch Wasserdampf zu einem Verflüssiger geleitet wird, in dem es zu fließendem Wasser wird. Bei einer Luftfeuchtigkeit von 20 – 30 % konnte der Prototyp der Luft in zwölf Stunden 2,8 Liter Wasser entziehen. Dafür wird nur ein Kilo des Gerüsts benötigt, und auf diese Weise kann Wasser viel effizienter bei geringer Luftfeuchtigkeit aus der Luft geerntet werden als mit bisher bekannten Technologien. Stellen wir uns nur vor, dass alle Familien, die  in wasserarmen Regionen leben, ein solches Gerät bekommen!

Eine andere Erfindung von Wissenschaftlern der University of Manchester erlaubt das Filtern des Salzes aus dem Meerwasser durch ein graphen-basiertes Sieb. Die Herstellung von Graphen, einem Kohlenstoff, dessen Atome künstlich angeordnet sind, galt bisher als sehr schwierig. Doch die Produktion konnte wesentlich vereinfacht werden, sodass hoffentlich bald eine weitere Hilfe für Menschen in wasserarmen Gebieten bereitgestellt werden kann. Graphene haben dazu noch weitere interessante Anwendungsmöglichkeiten in der Elektronik, die hier zu neuen Durchbrüchen führen können.

Die Zurückdrängung des Hungers


Es gibt auch steten Fortschritt in der Bekämpfung von Nahrungsmangel und Hunger. Es gibt sogar die Möglichkeit, Leder und Fleisch im Laboratorium herzustellen, ohne dass Tiere leiden müssen. Das Verfahren heißt Bioprinting. Nun ist es finnischen Forschern gelungen, ein Gerät zu entwickeln, das mit erneuerbarer Energie nahrhafte einzellige Proteine erzeugen kann. Das System kann unter verschiedenen Umweltbedingungen eingesetzt werden, die für die traditionelle Landwirtschaft nutzlos sind. So scheint es möglich zu werden, in Zukunft in Wüstengebieten Nahrung zu produzieren.

Im Nachbarland Schweden ist es gelungen, CO2-Abgase einer Wodka-Firma für die Produktion von Algen zu nutzen. Diese Algen können dann Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA herstellen, die typischerweise in Fischen gefunden werden.  Mehr und mehr Wege werden entdeckt, damit sich eine wachsende Zahl von Menschen ernähren können, ohne dass die knappen Ressourcen der Erde belastet werden.

Drohnen und die Umwelt


Früher wurden Tiere von den Forschern vom Hubschrauber aus oder mit feststehenden Kameras manuell gezählt. Jetzt machen Drohnen die Aufnahmen, das maschinelle Lernsystem zählt verschiedene Typen von Tieren und menschliche Freiwillige helfen beim Training des Algorithmus, indem sie die Entdeckungen verifizieren. Es geht schneller, billiger, einfacher und genauer.

In Bengaluru bekämpfen Forscher des indischen Wissenschaftsinstituts die Entwaldung mit Drohen, die Samen in Gebieten ausstreuen, die sonst nicht erkundet werden können. Das Ziel ist es, 4000 Hektar in der Gegend zu bepflanzen.

Hier zur Quelle, die noch viele andere Berichte bietet.

Die Menschheit entwickelt sich weiter. Auf der einen Seite stehen die kreativen und sozialen Initiativen, die versuchen, das Leben der Menschen zu erleichtern und zu demokratisieren. Dazu braucht es ein systemisches Denken, die Rücksichtnahme auf die Komplexität und das Absehen von kurzfristigen Eigeninteressen. Auf der anderen Seite stehen Angst und Gier, die ebendiese Interessen in den Vordergrund drängen wollen. Unser Beitrag, dass die Entwicklung der Menschheit zum Besseren gelingt, kann nur darin, mit unseren Mitteln ersteres zu stärken und zweiteres zu schwächen, damit 2018 2017 in möglichst vielen essentiellen Belangen übertrifft.

Zum Weiterlesen:
2016 - Anlass für Optimismus

Freitag, 29. Dezember 2017

Das Ja zum Selbst

Psychologen behaupten gerne: Was immer wir
an der Welt (den Gegebenheiten, den anderen Menschen) nicht akzeptieren können, hat mit etwas zu tun, was wir an uns selber nicht akzeptieren können. Anders ausgedrückt: Wenn wir die Welt, so wie sie ist, ablehnen, lehnen wir uns selbst ab. Diese Gleichung muss keine absolute Wahrheit sein, aber wir können sie als heuristische Hypothese verwenden, also als eine Annahme, die uns zu Erkenntnisgewinnen verhelfen kann. 

Die Welt an sich ist bekanntlich weder gut noch böse, es ist unsere Interpretation, die sie dazu macht. Wir färben die Welt nach unseren Vorlieben und Abneigungen und den daraus geformten Filtern und Mustern, die sich in sehr früh einsetzenden Lernprozessen gebildet haben und sich durch jede Erfahrung laufend weiterentwickeln. Diese erworbenen Voreingenommenheiten werden aktiviert, wenn wir ablehnen, was sich in unserem Leben gerade abspielt. Durch die Übung des kategorialen Akzeptierens, wie sie im vorigen Artikel beschrieben wurde, können wir auf solche Lernprozesse Einfluss nehmen und den Spielraum des Akzeptierens erweitern und mehr an innerer Freiheit gewinnen.


Nichts Menschliches ist uns fremd


Wir kennen alle Aspekte des Menschlichen, manche mehr, manche weniger. Wir tragen die Liebende in uns und die Hassende, den Mörder und das Opfer, den Friedfertigen und den Kämpfer, das Schnelle und das Langsame usw.

Erziehung besteht oft in einer Serie von Bewertungen mit Stärken/Schwächen-Analyse: Das hast du gut gemacht, das könnte noch besser sein, dass solltest du nie mehr wieder tun. Der emotionale Ton dieser Rückmeldungen, die ein Kind im Lauf seines Aufwachsens bekommt, bewirkt die Stärke der Einprägung. Je stärker die gefühlsmäßige Ladung in die Nähe zur Drohung eines Liebesentzugs oder Beziehungsabbruches neigt, desto mächtiger ist der Einfluss auf die Schwächung der Selbstakzeptanz. Dazu kommt, dass sich die Drohung nicht nur auf Verhaltensweisen, sondern auf die Person bezieht, zumindest nehmen es Kinder so wahr, wenn der Unterschied nicht deutlich gemacht wird. Auf diese Weise lernt das Kind, bestimmte Aspekte seines Selbst zu unterdrücken: Was die Bindungssicherheit mit den Bezugspersonen gefährdet, muss unterlassen werden und im Rahmen des Gefühls- und Verhaltensrepertoires auf die Negativseite verbucht werden.  Es erhält Etikette wie „schlecht“, „böse“, negativ“, „lieblos“ usw. Der Bereich der Selbstakzeptanz wird um all diese Inhalte verringert.

Von außen wird schnell klar, dass Eltern dort mit Drohungen arbeiten, wo sie sich selbst bedroht fühlen: Sie kommen mit Gefühlen ihrer Kinder nicht klar, weil sie diese an unverarbeitete eigene Kindheitstraumen erinnern oder haben die Angst, dass die Kinder die gesellschaftlichen Erwartungen nicht erfüllen können, wenn sie nicht einer bestimmten Form der Erziehung, die mit Drohungen arbeitet, unterzogen werden. Doch das Kind kann nicht durchschauen, dass Eltern in ihrem Selbstbezug gestört sind, sondern sucht die Ursache des Abgelehntwerdens in sich selbst. Der Liebesentzug als Erziehungsmittel beinhaltet eine kategoriale Ablehnung, und folglich muss sich das Kind in seiner Existenz in Frage gestellt fühlen. Sein Selbstsein wird nur unter bestimmten Bedingungen akzeptiert, und auf dieser schmalen und unsicheren Basis kann das Kind nicht lernen sich selbst zu akzeptieren. Was es erlernt, ist die bedingte Akzeptanz: Wenn ich so oder so bin (sprich: mich verhalte), bin ich akzeptiert und werde ich geliebt, sonst nicht. 

Diese bedingte Akzeptanz wird zugleich zur bedingten Selbstannahme. Das Kind teilt sein Inneres in gute und in böse oder schlechte Teile auf, die guten sucht es zu stärken und die schlechten durch Abwertung zu unterbinden. Auch die neutralen, von den Eltern nicht bewerteten Aspekte der eigenen Persönlichkeit können den Selbstwert nicht stärken; Menschen sind manchmal irritiert, dass sie von anderen für Eigenschaften oder Fähigkeiten geschätzt und bewundert werden, von denen sie annehmen, dass es sich nur um Selbstverständlichkeiten handelt. Manche Eltern vermitteln offenbar ihren Kindern die Einstellung, dass es nur zwei Kategorien kindlichen Verhaltens gibt: Solches, das schlecht ist und solches, das selbstverständlich ist und keiner besonderen positiven Erwähnung bedarf. 

Die Selbstakzeptanz entwickelt sich in dem Maß und in der Qualität, wie sie als Akzeptanz von außen vermittelt wurde. Positive Annahme durch die Eltern macht es Kindern leicht, sich selbst anzunehmen; vorherrschende kritische und ablehnende Eltern erziehen Kinder zu geringer Selbstakzeptanz. Der Grad an Selbstakzeptanz, den später dann die erwachsene Person aufweist, ist ein Spiegel des erlittenen Kindheitsschicksals. 

Im nächsten Schritt werden die erlittenen Mängel und Liebesbedrohungen auf die Umgebung projiziert und spiegeln sich von dort zurück in all den Aspekten, die an ihr nicht akzeptiert werden können. Die Welt ist schlecht, weil mir beigebracht wurde, dass meine Innenwelt schlecht ist. Im Außen wird bekämpft, was im Inneren verboten ist. Zum Beispiel werden bestimmte, der Norm nicht entsprechende sexuelle Verhaltensweisen aggressiv abgelehnt, die im eigenen Inneren nicht sein dürfen. Oder es werden auf schwache Randgruppen Bedrohungen projiziert, die ihre Wurzeln in der liebesarmen Kindheit haben.


Der Spiegel im Spiegel


Was wir am wenigsten an uns selbst akzeptieren können, zeigt die Lücken und Löcher auf, die die emotionalen Mangelerfahrungen unserer Kindheit in unserem Selbstbild hinterlassen haben. Deshalb machen wir die Welt dafür verantwortlich und trennen uns von ihr durch das Nicht-Akzeptieren. Diejenigen Elemente der Außenwelt, die uns aus unserer Mitte werfen und unsere Lebenszufriedenheit schmälern, sollen verschwinden. Sie sind schuld an unserer Misere.

Wir haben es also mit einer verdoppelten Spiegelung zu tun, einem Spiegel im Spiegel: die Wirklichkeit spiegelt uns unsere unbewussten Lücken der Selbstakzeptanz. Diese Schwächen spiegeln die Mängel wieder, die wir in der Kindheit erlitten haben. In dieser Doppelspiegelung verzerrt sich unser Bezug zur Wirklichkeit zweifach. Wir haben eine Illusion und eine Illusion der Illusion aufgebaut. 

Die doppelte Absicherung der Wirklichkeitsverzerrung macht es besonders schwierig, sie zu durchschauen und zu korrigieren. Die Abwehrstrategien unseres Verstands sind zu ihrer Verteidigung aufgestellt, bereit, sofort aktiv zu werden, sobald etwas um uns herum unser enges Konzept der Selbstakzeptanz bedroht.

Unschwer können wir erkennen, dass Demagogen, Populisten und Prediger diese Mechanismen ausnutzen. Sie nutzen die inneren Bedrohungsszenarien ihrer Anhänger für ihre eigenen Zwecke aus und können sich auf die Doppelsicherung der inneren Abwehr verlassen. Sobald jemand die Sprache der eigenen Ängste spricht, bekommt er das ungeprüfte Vertrauen.


Der Weg zur Selbstakzeptanz


Die Entwirrung ist nicht einfach und bedarf der inneren Arbeit. Sie geht den entgegengesetzten Weg: Was uns an der Wirklichkeit stört, sodass wir es nicht akzeptieren können, verweist auf eine Schwäche im Selbstbezug, und diese hat ihre Wurzel im Mangelerleben während der eigenen Kindheit. Übernehmen wir die Verantwortung für unser Schicksal und beginnen, uns mit unseren Mängeln zu akzeptieren, steigt auch unsere Bereitschaft und Fähigkeit, konstruktiv mit den Schwächen unseres Wirklichkeitsbezugs umzugehen, sodass wir schneller akzeptieren können, was ist, und zur aktiven Änderung schreiten können, wenn etwas geändert werden kann oder uns mit dem abzufinden, was zu verändern nicht in unserer Macht liegt, getreu dem berühmten Gelassenheitsgebet: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ (Reinhold Niebuhr)

Jeder von uns ist ein einzigartiges Ensemble an Stärken und Schwächen – aus Dingen, die uns leichtfallen und die wir gut zuwege bringen, und Dingen, mit denen wir uns schwer tun und mit denen wir kämpfen. Gerade diese Mischung macht uns zu dem, was wir sind. Es hilft nichts, wenn wir uns wegen unserer Schwächen selbst geißeln. Es hilft auch nicht, wenn wir uns mit unseren Stärken brüsten und unsere Schwächen verstecken. Wir kommen nur weiter, wenn wir bereit sind, uns selber mit unseren Schwächen zu akzeptieren, also uns in unserer Unvollkommenheit anzunehmen. Das ist der Hintergrund, vor dem wir an unserer Entwicklung arbeiten können: Schwächen zu verbessern und Stärken auszubauen. Zur Selbstakzeptanz gehört, dass wir uns in unseren eigenen Formen des Lernens und Entwickelns annehmen, statt uns blind mit anderen zu vergleichen oder deren Strategien zu übernehmen. Wir brauchen uns selbst nicht wegen unserer Schwächen abzuwerten, da wir wissen, dass wir lern- und entwicklungsfähig sind und nie so bleiben können, wie wir gerade sind und dass gerade unsere Schwächen einen starken Anreiz zum Verändern bieten.

Wir sind in unserer Einzigartigkeit wunderbare Projekte im Werden. Wir wissen nicht einmal, wohin uns unsere innere Evolution führen wird und vor welche Herausforderungen unsere Fähigkeit zur Selbstakzeptanz noch gestellt sein wird. Krankheiten, Unfälle, Alterungsprozesse, Todesfälle, Katastrophen aller Art: Können wir das Leben akzeptieren, wenn es sich nicht von seiner Schokoladenseite zeigt? Und können wir und uns selbst akzeptieren, wenn wir folgenschwere Fehler machen, an uns selbst scheitern, körperlich oder geistig nicht mehr mithalten können? Hier liegen die Wachstumschancen, die uns das Leben anbietet, um unsere Akzeptanz, unsere Selbstannahme zu vertiefen. Was auch immer das Leben mit uns vorhat, je stabiler wir die Selbstakzeptanz in uns verankern können, desto leichter werden wir trotz aller unvorhersehbarer Strömungen und Windverhältnissen auf unserem inneren Kurs bleiben können.

Es gibt dazu sogar eine noch weisere Stimme, die dir zuflüstert: Welchen Kurs du auch immer durch dein Leben segelst – es ist immer dein Weg, an dem alles seine Stimmigkeit hat: die Art und Weise, wie du dein Selbst akzeptierst oder verleugnest, die Art und Weise, wie du die Welt akzeptierst oder ablehnst, die Art und Weise deines Lernens und Wachsens sind genauso, wie sie sind, von der tiefsten Kraft des Lebens akzeptiert. Du brauchst dich ihr nur anzuschließen und hinzugeben: Im bedingungslosen Ja zu dir selbst.

Zum Weiterlesen: 
Sag Ja zum Moment
Unterschiede im inneren Wachstum

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Sag Ja zum Moment

„Sag Ja zum Moment, und alles weitere geschieht von selbst.“ Dieser Satz ist mir
einmal während des Anleitens einer Gruppenübung zugefallen.

Wir haben die Wahl, unserem Leben zuzustimmen, so wie es gerade ist, oder es abzulehnen, weil wir gerade daran leiden. Niemand kann uns zu dem einen oder anderen zwingen. Wir sind in unserer Entscheidung frei. (Ich lasse hier alle Überlegungen für oder gegen die Willensfreiheit weg und gehe ganz naiv davon aus, wie wir uns selbst erleben). Allerdings ist uns selten bewusst, dass wir die Wahl haben. Wir kennen Situationen, die unseren Wünschen und Vorlieben entsprechen und solche, die wir anders lieber hätten, die wir ändern oder verbessern oder abschaffen möchten: Nie mehr wieder soll dies oder jenes passieren. Wir wollen eine Welt, die sich völlig an unsere Vorstellungen anpasst.

Vom Anfang unseres Lebens an sind wir in die Diskrepanz zwischen unseren – von unseren Bedürfnissen gesteuerten – Erwartungen und der Realität eingespannt, und alle Formen des  psychologischen Leidens entspringen aus dieser Spannung: Unsere Einbildungen darüber, wie die Welt sein sollte, und die Welt, die sich nicht danach richtet, sondern ihr eigenes Ding macht und uns immer wieder einen Strich durch unsere vorgefertigte Rechnung macht. Wir leiden darunter, dass wir gerne die Beherrscher der Welt wären und vergeblich darauf warten, darin von der Welt anerkannt zu werden, indem sie sich gefälligst so verhält, wie wir es wünschen. In diesem Gehabe verhalten wir uns allerdings nicht wie ein Herrscher, vielmehr machen wir uns zu Gefangenen unserer eigenen Erwartungen, Vorstellungen und Illusionen. Wir maßen uns eine Stellung an, die es nicht geben kann; man stelle sich Milliarden an Menschen vor, die alle der Welt vorschreiben wollen, wie sie sein soll. Und man stelle sich die unvorstellbare Menge an Optionen vor, die sich jedem dieser Menschenwesen in jedem Moment anbieten – Das kann sich nie und nimmer ausgehen.


Das bedingungslose Ja


Die Alternative ist, dass wir das, was ist, akzeptieren, so, was und wie es ist. Akzeptieren heißt, bedingungslos zu bejahen, indem wir das, was ist, in seinem Existieren annehmen. In diesem Ja trennen wir uns nicht von der Realität ab, indem wir uns über sie stellen. Wir beziehen uns ohne Vorbehalte auf das, was wir gerade erleben und bleiben damit in Verbindung, auch wenn es an dieser Wirklichkeit Aspekte gibt, die uns widerstreben.

Bedingungslose Annahme bedeutet nicht kritiklose Zustimmung. Die Bejahung inkludiert keine durchgängige Gutheißung. Wir sagen damit nur, dass wir das, was ist, in seinem Dasein bejahen, weil wir nicht die Herrscher über die Realität sind. Im Rahmen dieser Bejahung können wir diesen oder jenen Aspekt eines Elements der Wirklichkeit ablehnen und uns eine Änderung oder Verbesserung wünschen. Wir können uns im Rahmen des Akzeptierens akzeptierend oder ablehnend auf etwas beziehen. 

Das klingt widersprüchlich: Entweder akzeptieren wir etwas, wie es ist, oder wir lehnen es ab. Allerdings sollten wir die unterschiedlichen Ebenen berücksichtigen. Es gibt die kategoriale und die relative Ablehnung, die kategoriale und die relative Akzeptanz. Die kategoriale Akzeptanz (der spirituelle Lehrer A.H. Almaas nennt sie „nicht-kontextuelle Positivität“) bezieht sich auf die Existenz eines Phänomens, die relative auf die einzelnen Aspekte dieses Phänomens. Auch wenn wir unsere Kinder bedingungslos in ihrem Dasein bejahen, müssen wir nicht alles, was sie tun, mit Applaus quittieren. Selbst wenn wir die sich gerade an der Macht befindlichen Politiker und ihre Politik als bestehende Wirklichkeiten akzeptieren, können wir gegen Machtstrukturen protestieren und agitieren, wenn wir nicht mit ihnen übereinstimmen. 

Wenn wir aus einem sozialen, ethischen, ökologischen oder ökonomischen Gesichtspunkt Kritik an Menschen und Organisationen, an Verhaltensweisen und Ideologien üben, setzen wir deren Existenz voraus und schaffen sie mit unserem Protest nicht sofort ab. Ohne die Verhältnisse, die uns aufregen, gäbe es unsere Aufregung nicht. Und vor unseren Einsprüchen gab es diese Verhältnisse auch deshalb in dieser Form, weil wir keine Einsprüche erhoben haben.

Es gibt Zusammenhänge, in denen wir wollen, dass ein Teil der Realität verschwindet, sofort, für immer: Lästige Körpersymptome wie Zahnschmerzen oder Kopfweh, menschenverachtende Verhaltensweisen von Zeitgenossen, ungerechte politische Systeme usw. Da akzeptieren wir nicht einmal die Existenz dieser Phänomene, sondern fühlen uns in jedem Recht, dafür zu sorgen, dass sie aus dem Bereich des Wirklichen gelöscht werden.

Allerdings ist das Nicht-Akzeptieren keine Hilfe. Bloß weil wir nicht wollen, dass wir Zahnweh haben, hört es nicht auf. Erst wenn wir akzeptieren, was ist, auch wenn es arg schmerzt oder unerträglich schlimm ist, können wir etwas dagegen tun. Aus dem Akzeptieren erwächst das Handeln, umgekehrt funktioniert es nicht.

In der Organisationsplanung ist das erste die Bestandsaufnahme: Wo liegen die Stärken und Schwächen? Dieser Schritt entspricht der Akzeptanz: Was besteht, muss nicht unseren Idealvorstellungen entsprechen, aber wir müssen es erst einmal in seinem Bestehen annehmen, sonst wissen wir gar nicht, was wir wie verändern sollten.

Fehlertoleranz


Bei allen Veränderung- und Gestaltungsprozessen, mit denen wir in die Wirklichkeit eingreifen, können Fehler auftauchen. Auch hier ist das Akzeptieren der erste Schritt zur konstruktiven Veränderung. Solange wir über den Fehler hadern, können wir nicht aktiv werden, sondern hängen an unseren enttäuschten Erwartungen fest und lähmen uns dadurch. Das ist der Grund, warum es uns manchmal schwer fällt, einen Fehler zuzugeben. Wir wollen vor uns selber und vor unseren Mitmenschen nicht als fehlerhafter Mensch dastehen, selbst wenn wir wissen, wie sehr das Fehlermachen zum Menschsein gehört und wie wichtig es für das Lernen und Weiterentwickeln ist. Wir wollen die Wertschätzung der anderen nicht verlieren, von der wir annehmen, dass sie von unserer Fehlerlosigkeit abhängt.

Im Akzeptieren des Moments verbinden wir uns mit seinen Möglichkeiten und Impulsen. Wir vertrauen darauf, dass das Beste, was zu tun ist, von selber kommt. Wenn wir den Moment ganz annehmen, kann aus ihm entspringen, was als nächstes kommen soll. So tauchen wir in das Fließen des Lebens ein, in dem ein Ja auf das nächste Ja folgt, ohne dass wir auf unsere Urteilskraft und Kritikfähigkeit verzichten müssen. Denn auch diese Impulse entwickeln ihre beste Form, wenn sie aus dem Akzeptieren kommen können.


Warum fällt uns das Akzeptieren so schwer?


Unser Organismus ist darauf programmiert, angenehme Erfahrungen zu suchen und unangenehme zu vermeiden.  Der bewusste Schritt des Akzeptierens ist eine höhere Fähigkeit, die dadurch möglich wird, dass wir Distanz zu unseren körperlichen Empfindungen, Bedürfnissen und Gefühlen aufbauen können. In Situationen, in denen wir uns bedroht fühlen, wird diese Fähigkeit geschwächt. Wir werden von der Macht der unbewussten Schutzmechanismen überrollt.  Unsere Innenwelt übernimmt die Vorherrschaft, die Außenwelt wird in Gut und Böse eingeteilt, eine Dualität, die der Vielfalt der Realität nicht gerecht werden kann. Wir stellen uns gegen die Wirklichkeit, als wüssten wir besser, wie sie sein sollte. 

Die Übung des Akzeptierens beginnt dort, wo wir unsere mental konstruierte Gefahrenzone verlassen haben und die Brücke zwischen der Innen- und der Außenwelt wieder begehbar machen. Wir verlassen die Arena des Kampfes (der Abtrennung) und ersetzen sie durch den Geist des Spiels (der Verbindung). Die Wirklichkeit darf so sein, wie sie ist, und wir ebenso, das ist die Regel des Spiels. Wir anerkennen uns und wir anerkennen all die anderen Elemente der Wirklichkeit in ihrem Sosein. In der wechselseitigen Akzeptanz entsteht in müheloser Weise die kreative Entfaltung, an der unsere Handlungen mitwirken. Auf dieser Ebene leben wir unser Leben gewissermaßen ohne unser Zutun. Und es lebt sich besonders gut mit unserer dankbaren Teilhabe.

In diesem Sinn danke ich allen Leserinnen und Lesern von Herzen für ihr Mitgehen mit dem, was mir immer wieder zu- und einfällt. Es verschafft mir ein besonderes Gefühl der Verbindung, in vielen Fällen gar nicht zu wissen, wer die rezipierenden MitgestalterInnen dieser Seiten sind.