Sonntag, 15. April 2018

Der Raub des Selbst

Als Kinder haben wir unser Leben mit einem unbedingten Vertrauen und unbedingter Hingabe begonnen, mit der organisch in uns verankerten Bereitschaft und Erwartung, unser Selbst zu entwickeln, auf der körperlichen, seelischen und geistigen Ebene. Wir brauchen dafür eine liebevolle und unterstützende Haltung von den erwachsenen Menschen um uns herum, die anfangs die Verantwortung für die Erfüllung unserer Bedürfnisse übernehmen müssen.

Schrittweise lösen sich diese Abhängigkeiten, in dem Maß, in dem wir lernen, Verantwortung für uns selbst und für unsere Bedürfnisse zu übernehmen. Wir wachsen an Autonomie. Dabei entfaltet sich unser Selbst mehr und mehr, in Weite, Tiefe und Komplexität.

Doch kann diese Entwicklung durch einschränkende und schädigende Einflüsse von außen, vor allem von den Menschen, die die Verantwortung für uns tragen, behindert werden. Eine sehr verbreitete Spielart dieser Problematik besteht darin, dass die Erwachsenen ihre unerfüllten und ungelebten Bedürfnisse und Potenziale auf das Kind übertragen und sich von diesem dann die Befriedigung dieser Ansprüche erwarten. Damit kehrt sich die Dynamik der Verantwortung um: Kinder sollen von früh an die Verantwortung für die Bedürfnisse der Eltern übernehmen. Die Folge ist, wie auch schon in früheren Blogbeiträgen (s. „Zum Weiterlesen“ unten!) skizziert, emotionale Überforderung verbunden mit Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, den gestellten Erwartungen nicht zu entsprechen.

Die eigenständige Entwicklung des Selbst des Kindes ist unter solchen Umständen behindert und belastet. Die Erziehungspersonen nehmen in einem unbewussten Akt der Okkupation einen Teil des Selbst des Kindes ein, sodass sich dort nichts Eigenes entfalten kann.  Dieser Teil kann sich wie ein fremdes Implantat anfühlen, obwohl das den Kindern meist nicht bewusst wird, weil sie die Umstände, in denen sie aufwachsen, und die Menschen, die dabei die Schlüsselrolle spielen, als selbstverständlich so nehmen, wie sie sind.

Die aggressive Entwendung


Es wird wohl kaum Eltern auf dieser Welt geben, die niemals ihre Kinder abgewertet und aggressiv kritisiert haben. Wenn aber aus stressbedingten Ausrutschern, die dann entschuldigt und bedauert werden, regelmäßige Rituale des Heruntermachens und Entwürdigens werden, dann kann die innere Selbstachtung des Kindes nur zu bröckeln beginnen, bis sie irgendwann in quälenden Selbstzweifeln untergeht. Mit dem Gefühl, wenig oder nichts wert zu sein in den Augen der Menschen, die am meisten geliebt sind, kann sich kein Selbstwertgefühl entwickeln und stabilisieren. Die Unsicherheiten führen dann fast notwendigerweise dazu, dass die Erfolge und Bewährungen in der Außenwelt ausbleiben oder sogar dann noch, wenn sie doch gelingen, im eigenen Inneren abgewertet und relativiert werden.

Fortgesetzte Erniedrigungen und Entwürdigungen, die viele Kinder erleben müssen, können nicht zur Bildung eines konsistenten und kreativen Selbst führen. Jeder Teil, der nicht mit Wertschätzung gefüttert und genährt wird, verkümmert, sodass manchmal sogar die eigene Begabung zur Perfektionierung der Selbstabwertung verwendet wird, so stark kann die Einverleibung der elterlichen Angriffe wirken. Die von außen erlebte Aggression wird in Selbstgeißelungen im Sinn einer konsequenten Selbstverleugnung umgewandelt, aus unbewusster Loyalität zu den aggressiven Seiten der eigenen Eltern.

Freundschaftsbeziehungen und Partnerschaften werden zu Spielwiesen für die verunsicherten Gefühle und Erwartungen. Notgedrungen wird versucht, die entleerten Selbstanteile bei Partnern einzufordern, die sich dann oft unverstanden und missbraucht fühlen. Ohne gefestigtes Selbstgefühl können Beziehungen nur mit Schwierigkeiten aufrechterhalten werden und zerbrechen leicht an Kleinigkeiten.

Die unbewussten Programme sind meist so mächtig, dass sie weiter wirken, auch wenn die rationale Einsicht schon lange erkannt hat, wie selbstbeschädigend sie wirken. Deshalb braucht es Hilfe von außen, um zunächst die Kraft der verinnerlichten Aggression zur Sicherung der ramponierten Grenzen des Selbst verwenden zu können. Dann gilt es, sich in sorgfältiger Arbeit die entrissenen Teile des Selbst wieder anzueignen und mit konstruktiver wachstumsorientierter Energie auszustatten.

Die subtile Entwendung


Neben der aggressiven Selbst-Entwendung gibt es auch subtil-manipulative Formen des Selbst-Raubs in vielerlei Gestalten. Es kann etwa die Mutter zum Kind sagen (oder auch nur nonverbal kommunizieren): Du hast so schöne Augen, die hätte ich auch gerne. Sie meint vielleicht, dass sie das Kind damit in seiner besonderen Schönheit anerkennt und seinen Selbstwert unterstützt. Tatsächlich aber möchte sie das haben, was das Kind hat, weil sie mit dem, was sie selber hat, nicht zufrieden ist.  Sie neidet also dem Kind ein Stück Leben, das ihr selber fehlt.

Das Kind wird ab diesem Moment eine andere Beziehung zu seinen Augen haben. Sie werden ihm ein Stück entfremdet, denn die Mutter hat sie mit ihrem Neid ein Stück an sich gezogen.  Ein Teil des eigenen Selbst ist verloren gegangen, auf subtile Weise erobert und besetzt von der Person, die die meiste Liebe bekommt und gibt. Um diese Liebe nicht zu verlieren, im Geben wie im Bekommen, opfert das Kind den unbefangenen Bezug zu seinen schönen Augen, und ein Schleier zieht sich über die Seele, denn das Selbst kann in diesem Bereich nicht weiter wachsen.

Die Beziehung zu sich selbst ist im Kind unterbrochen. Es hat keine klare und eindeutige Verbindung mehr zu dem inneren Teil, der von der Elternperson in Beschlag genommen wurde. Wenn sich solche Botschaften wiederholen oder in Variationen immer wieder auftauchen, entstehen weitere Unterbrechungen, die das Selbstgefühl immer mehr verwirren. Es schwindet das Gefühl von spontaner Lebendigkeit und von Verbundenheit mit der Außenwelt. An die Stelle dessen tritt ein ängstliches Funktionieren und zauderndes Herumtasten in der Welt. Schließlich kann der Mensch keine überzeugende Antwort mehr auf die Frage finden: Wer bin ich denn eigentlich?

Die Rückgewinnung des Selbst


Erst wenn bewusst wird, was geschehen ist, wenn also der Schleier des Selbstverständlichen gelüftet und der aus der Liebe entstandene Schutz der Eltern vor Anklagen obsolet geworden ist, beginnt die Wieder-In-Besitznahme des eigenen Selbst, die eine gute therapeutische Begleitung bitter braucht. Sie beginnt beim Körper, in dem all die Entwendungen als leere Stellen oder Löcher spürbar sind. Durch liebevolles Hinspüren füllen sich langsam diese Bereiche im Körper, die immer auch Bereiche in der Seele sind, mit Eigenem. Sie werden wieder in Besitz genommen und spontanes Leben kann hinein fließen, indem die lebendige Aufmerksamkeit die Verbindung, die unterbrochen wurde,  wieder herstellt.

Es ist ein längerer und mühsamer Weg, aber er lohnt sich, weil nichts schlimmer ist, als nicht mehr spüren zu können, wer man selber ist. Selbstzweifel können in einer Weise quälen wie starke körperliche Beschwerden. Im Heilungsprozess ist es, als ob Schritt für Schritt inneres verödetes Land wieder urbar gemacht wird, damit dort neues Leben sprießen kann.

Eins mit sich


Mit sich selber eins zu sein, sich als sich selber spüren zu können, ist für viele betroffene Menschen keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, das sie bitter missen und das ihr Leben in vielerlei Hinsichten erschwert. Vielleicht ist es genau das, was viele andere Menschen, die gar nicht auf die Idee kommen, von sich selber getrennt zu sein, mit ihrem Leben und seinen Umständen hadern lässt. Vielleicht sind es gerade besonders sensible, aber auch wache Personen, die diese Ungereimtheit im eigenen Wesen schmerzhaft erleben; ein Schmerz, der sie nach Abhilfe suchen lässt, während andere, denen die Selbstentfremdung zur zweiten Natur geworden ist, den Rest der Welt für ihre Leiden und Probleme verantwortlich machen.

Mit sich selber körperlich und seelisch in Übereinstimmung zu kommen, also psychisch zur Kongruenz und physisch zur Kohärenz zu gelangen, ist ein lebenslanges Ziel jedes menschlichen Wesens und zugleich die Voraussetzung für kreatives Wachstum und schöpferische Lebensfreude. Je mehr Menschen sich diesem Ziel annähern, gleich über welche Ausgangsbedingungen sie verfügen, desto menschlicher wird diese Welt. Besondere Anerkennung verdienen jene, die sich trotz eines schwierigen Kindheitsschicksals auf den Weg machen.

Nachbemerkung:
Der Titel dieses Beitrags suggeriert, dass es um „Verbrechen“ geht, die absichtlich begangen werden. Der „Raub des Selbst“ kann aus subjektiver Sicht von Betroffenen als ein Verbrechen erlebt werden; das heißt aber nicht, dass Eltern mit bösem Willen ihre Kinder um ihr Selbst bringen. Eltern handeln dann lieblos, wenn sie selber nicht genug Liebe bekommen haben, wie schon in anderen Artikeln auf dieser Seite angemerkt wurde. Dennoch enthebt sie die unbewusste Dynamik, der sie unterliegen, nicht der Verantwortung, die sie allerdings erst tragen können, wenn sie zur Einsicht gelangt sind, was sie ihren Kindern angetan haben.

Zum Weiterlesen:
Die Täter-Opfer-Umkehr als Wurzel für Schuldgefühle

Die innere Geschichte der Täter-Opfer-Umkehr
Am Anfang brauchen wir ein Willkommen

Montag, 9. April 2018

Absichtslosigkeit in der Therapie

Wenn wir mit Menschen an emotionalen Themen arbeiten, wollen wir, dass es ihnen besser geht – natürlich. Auch sie wollen das, sonst würden sie sich nicht an uns wenden. Wir teilen also ein Ziel. Doch gibt es etwas, was der Erreichung dieses Ziels im Weg steht. Bei den Klienten sind es die Widerstände, und bei den Therapeuten die Erwartungen. In beiden Fällen mischt sich die Instanz ein, die wir das Ego nennen. Das Klienten-Ego will, dass der Status Quo erhalten bleibt, auch wenn er Leiden verursacht. Jede Änderung könnte bedrohlich sein und unabsehbare, jedenfalls verschlimmernde Folgen zeitigen. Das Therapeuten-Ego will Erfolge sehen, um den eigenen Status und Selbstwert abzusichern und auszubauen. Erfolgreiche Therapien sprechen sich herum und ziehen neue Klienten an.

Soweit so menschlich. Interessant wird es dort, wo die unbewussten Ego-Anteile von Therapeut und Klient aufeinander stoßen. Das Klienten-Ego sagt, dass es sich nicht ändern will und dass Änderungen überhaupt nicht geschehen können und dass die ganze Arbeit sowieso sinnlos ist. Folglich baut es ein System von Vermeidungen auf, das auch darin bestehen kann, kleine Häppchen von Erfolgen zuzulassen, damit die wirklich dicken Hunde, die im Unbewussten schlummern, geschont werden.

Das Therapeuten-Ego arbeitet sich an den Widerständen des Klienten-Egos ab und denkt, dass es umso mehr leisten muss, je weniger sich bewegt. Das eigene Wollen und die eigenen Absichten treten immer mehr in den Vordergrund, weil sich das Therapeuten-Ego im Bündnis mit den bewussten Absichten des Klienten weiß, aber die Widerstände aus dem Unbewussten nicht berücksichtigt werden.

Auf diese Weise verheddern sich die beiden Egos, und die Therapie tritt auf der Stelle. Fatal wird es, wenn der Therapeut diese Rückkoppelung nicht erkennt und auf seiner Selbstbestätigungsschiene weitermacht, die meistens dann die inneren Widerstände der Klientin verstärken.  Zwar möchte ein bewusster Aspekt der Klientin eine gute Klientin sein und versucht zu kooperieren, aber die unbewussten Vermeidungsstrategien sollen unangetastet bleiben. 


Absichtsloses Begleiten


Absichtslosigkeit bedeutet, dass der Therapeut sein Wollen und seine Erwartungen beiseite stellt. Sie sollen sich, soweit möglich, nicht in den Prozess einmischen. Statt sich mit den Widerständen aus dem Klienten-Ego zu duellieren, wird der Kontakt zum inneren Wachstumspotenzial der Klientin gesucht. Was sie hergeführt hat, ist eine Form des Leidens und die Hoffnung, dass es einen Ausweg daraus gibt. Es gibt also, trotz aller Widerstände, einen Teil in der Psyche, der sich befreien will und der daran glaubt, dass das auch möglich ist. Diese Instanz wird manchmal als „innerer Heiler“ bezeichnet.

Der Kontakt zu diesem Teil gelingt nicht über die Erwartungen und die Ego-Wünsche des Therapeuten, sondern erfordert Vertrauen. Die Pläne sollten Sicherheit geben, nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das Ego mag Kontrolle und meidet Unsicherheiten und Ungewissheiten. Das Vertrauen hingegen baut auf einen guten Ausgang, ohne einen rationalen Grund dafür angeben zu können. „Vertraue nur, es wird schon werden,“ so seine Botschaft, auf die das Ego routinemäßig mit einer Latte von Wenn und Aber reagiert. Übersteht das Vertrauen das Abspulen der Ängste, die sich in all den Einwänden verbergen, kann es seine Wirkung entfalten, und die besteht darin, dass das Vertrauen der Klientin geweckt wird, das plötzlich einen Ansprechpartner gefunden hat. Zunehmend traut es sich dann, am Heilungsprozess mitzuwirken.

Auf den Prozess zu vertrauen heißt, nicht wissen zu können, wie er verlaufen wird und ob er überhaupt zu etwas führt oder auf welchen Wegen er zum Erfolg führt. Jeder therapeutische Vorgang, sei es eine Sitzung oder eine längere Serie, ist individuell und in dieser Form noch nie dagewesen; insofern ist es auch sinnlos zu meinen, es gäbe eine vorher festgelegte erfolgversprechende Strategie, die, wenn richtig angewendet, unweigerlich positive Veränderungen herbeiführt. Ein derartiges Wissen kann es nicht geben, auch wenn der Therapeut über die besten Techniken Bescheid weiß und über jahrzehntelange Erfahrung mit hunderten Klienten verfügt. Selbst wenn die Rahmenbedingungen stimmen, sodass es von dort aus zu keinen Störungen kommt, ist noch lange nicht garantiert, dass am Ende die erwarteten oder erwünschten Resultate eintreten.


Eine Kunst und kein Handwerk


Therapeutisches Arbeiten ist eine Kunstgattung eher als ein Handwerk. Zwar bedarf es einer soliden und umfassenden Ausbildung, um überhaupt mit der Tätigkeit beginnen zu können. Aber die eigentliche Herausforderung beginnt erst in der Praxis – gelingt es, den Kontakt mit der Klientin so umfassend herzustellen, sodass sich auch die Kommunikationskanäle auf den unbewussten Ebenen öffnen? Ähnlich wie ein Künstler darauf vertrauen muss, dass ein innerer schöpferischer Prozess in Gang kommt, der sich nicht im Voraus sicherstellen und planen lässt, braucht das therapeutische Arbeiten ein Sich-Einlassen auf das, was von Moment zu Moment geschieht, und das Vertrauen, dass diese Haltung alle nötigen Impulse für das Gedeihen des Prozesses hervorbringt.

Es ist eine innere Einstellung gefordert, die sich auf die Gesetzmäßigkeiten des kreativen Schaffens verlassen kann. Wie der Künstler vor dem leeren Notenblatt oder der weißen Staffelei steht der Therapeut vor dem gerade aktuellen Zustand der Klientin – möglichst offen für die Eingebungen, die aus der Situation entspringen. Die kumulative Erfahrung, die ein Therapeut durch seine Praxis sammelt, ist nicht nutzlos, denn sie bringt die Vertiefung dieser Einstellung und damit des Vertrauens mit sich.


Interventionen oder Geschehenlassen


Die Frage, ob und wieviele, wann, wo und wie Interventionen gesetzt werden sollen, die in vielen Ausbildungen diskutiert und in zahlreichen Lehrbüchern abgehandelt wird, erweist sich vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wenn nicht als nutzlos und überflüssig so zumindest sekundär. Es ergibt sich das, was geschehen soll, aus dem jeweils aktuellen Moment, und die Intervention oder Nicht-Intervention gelingt genau dann, wenn der Therapeut mit diesem Moment in seiner Präsenz verbunden ist und sich aus dieser Verbundenheit heraus aktiv oder passiv verhält.

Ausbildungen können und sollen ein Repertoire an möglichen Interventionen vermitteln. Über je mehr an solchem Rüstzeug ein Therapeut verfügt, umso flexibler kann er in seiner Arbeit auf die unterschiedlichsten Situationen reagieren. Der Kern jeder Ausbildung sollte aber um eine Haltung zentriert sein, die den Methoden den Nachrang vor der bedingungslosen und absichtslosen Offenheit einräumt.

Aus dieser Einstellung heraus kann der Therapeut als Sprachrohr des inneren Heilers der Klientin agieren, zu dem diese gerade keinen Zugang hat. Über diesen Umweg, vermittelt über die Persönlichkeit des Therapeuten, kann dann die Botschaft angenommen werden, die eigentlich der eigenen inneren Wahrheit auf einer tieferen Ebene entspricht. Das nennt man manchmal das Spiegeln, obwohl es nicht genau passt. Zwar spricht der Therapeut in gewisser Weise mit der Stimme und mit den Worten oder Gefühlen der inneren Heilerin der Klientin, aber in Verbindung mit seiner eigenen Wesensart.


Aktivität und Passivität


Es sollte aus diesen Ausführungen klar hervorgehen, dass das Vertrauen auf den Prozess, das als wesentlicher Wirkfaktor von jeder Form des therapeutischen Arbeitens beschrieben wurde, nicht bedeutet, dass der Therapeut zur Passivität verurteilt ist. Das Geschehenlassen findet nicht nur auf der Seite des Klienten, sondern auch auf der des Therapeuten statt. Die Aktionen oder Nichtaktionen, die vom Therapeuten ausgehen, geschehen aus ihm heraus, aus seiner inneren Quelle und aus der Kommunikation mit der Klientin, auf allen verfügbaren Ebenen. Der Therapeut sagt und tut also nicht, was aufgrund irgendeines Lehrbuchs oder irgendeiner Ausbildung zu sagen und zu tun wäre, sondern das, was im Moment des Geschehens entsteht und stattfinden soll. Er schweigt nicht dann, wenn es eine Regel vorgibt, sondern wenn gerade nichts zu sagen ist. Er wechselt die Ebenen des Austauschs, z.B. vom Reden zum Fühlen nicht nach irgendeinem Plan, sondern dann, wenn es am besten passt, in Übereinstimmung mit der Klientin, die explizit oder implizit sein kann.

Diese Darstellung übersieht auch nicht die individuellen Eigenschaften, Charakterzüge und Persönlichkeitsmerkmale des Therapeuten, die im therapeutischen Prozess ebenso eine wesentliche Rolle spielen. Es handelt sich ja um einen vieldimensionalen Kommunikationsprozess, an dem zwei Individuen beteiligt sind, und da bringt sich der Therapeut mit allem ein, was ihn auf der Persönlichkeitsebene ausmacht. Ausgeklammert bleiben sollen die Details, die Lebensgeschichte und inneren Themen aus der psychischen Landschaft des Therapeuten. Soweit sie aber ihre Spuren in der lebendigen Gestalt hinterlassen haben, spielen sie ihre Rolle in der Kommunikation und können nicht eliminiert werden, denn sie bereichern den Austausch (was einen uneinholbaren Vorsprung von menschlichen Therapeuten gegenüber artifiziell intelligenten Robotern ausmacht, die über keine lebendige Geschichte verfügen). Die Innenarbeit, die für jede professionelle Arbeit vorausgesetzt werden muss, sollte es allerdings dem Therapeuten ermöglichen, alle Elemente aus dem eigenen Inneren, die den therapeutischen Prozess stören könnten, zu identifizieren und beiseite zu stellen.


Die Verantwortung für die Ergebnisse


Jede therapeutische Arbeit hat nur soweit Sinn, als sie Verbesserungen herbeiführt. Gemeinhin würde man sagen, dass die Verantwortung allein beim Therapeuten liegt, da ja die Klientin nicht in der Lage ist, abzuschätzen, ob und in welcher Weise ein Heilungsprozess in Gang kommen kann. Im Licht der obigen Überlegungen gewinnt die Frage nach der Verantwortung für den Fortschritt in der Therapie eine andere Gewichtung. Die Verantwortung auf der Seite des Therapeuten besteht vor allem in der Sicherstellung heilungsförderlicher Rahmenbedingungen, im Angebot an professioneller Hilfestellung im Sinn von bewährten Methoden und in dem Einbringen der beruflichen und persönlichen Erfahrungen. Dazu kommt noch die Haltung und Einstellung, die auf den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zur Instanz der inneren Heilung bei der Klientin abzielt. An diesem Punkt wird die Verantwortung an einen Prozess übergeben, der gerade nicht der Kontrolle durch den Therapeuten unterliegt, sondern erfordert, sich den Bedingungen eines prinzipiell unsteuerbaren kommunikativen Austausches anzupassen.

Wenn eine Klientin mit der Frage kommt: „Ich habe dieses oder jenes Problem – können Sie mir da helfen?“, wäre eine mögliche Antwort: „Ich kann alles beitragen, was ich an Können und Erfahrung mitbringe, und eine Verbesserung wird sich in dem Maß einstellen, in dem es uns beiden gelingt, uns aufeinander abzustimmen.“ Mit dieser Abstimmung ist der Aufbau einer Kommunikationsbasis mit den unbewussten Anteilen der Klientin gemeint, die allein die für die Heilung relevanten Informationen liefern können. Beide Seiten dieses Austausches, also Therapeut und Klientin, tragen dafür gleichermaßen die Verantwortung. Alles, was der Therapeut auf dieser Ebene beisteuern kann, ist seine von bedingungsloser Wertschätzung getragene Präsenz und sein Vertrauen auf die Wirkmächtigkeit des Heilungsprozesses.


Zum Weiterlesen:
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit

Montag, 2. April 2018

Faszinierende Faszien

„Wir  sind tatsächlich ein Netz von Fasern, und das zieht sich von der Oberfläche der Haut bis in die Tiefen des losen Bindegewebes und der Zellen. Alles ist durch eine Struktur von extrem flexiblen Fasern miteinander verbunden. Es gibt keine freien Räume, alles hängt zusammen.“ (Jean-Claude Guimberteau, französischer Handchirurg)

Wenn es um Bewegung und Muskeln geht, kommt schnell die Rede auf die Faszien. Was früher als Bindegewebe bezeichnet wurde, nennt man jetzt immer mehr Faszie. Wie wichtig die Faszien sind, zeigt schon die Tatsache, dass sie 20% unserer Körpermasse ausmachen. Sie befinden sich in der Zwischenzellflüssigkeit, die alle Zellen umgibt. Von dieser Flüssigkeit haben wir übrigens fast doppelt so viel wie an Blut. Zusammenlaufende Faszien bilden die Sehnen, mit denen Muskeln an den Knochen befestigt sind. Faszienzüge, die Zusammenballungen von einzelnen Faszienfäden, stehen untereinander in Verbindung. So könnte man sagen, dass es nur eine einzige Faszie gibt, die mit ihren Verzweigungen den gesamten Körper durchzieht. Die Bedeutung der Faszie(n) für die Stabilität des Körpers zeigt sich daran, dass der menschliche Körper aufrecht stehen bleiben würde, wenn man die Muskeln entfernte und die Faszien behielte, nicht jedoch, wenn die Faszien selbst fehlen.

Damit entstehen neue Vorstellungen vom menschlichen Körper: Abgesehen von den Muskeln, die zumeist nur in ihrer Funktion betrachtet werden, gibt es fasziale Linien, die z.B. vom Kopf zum Fuß und von der linken zur rechten Hand führen. Es ist also nicht so, dass die Muskeln die Knochen bewegen. Ohne Faszien, die die neuronalen Bewegungsimpulse koordinieren, gäbe es keine Bewegungen.

Drei Faszienschichten


Es werden drei Schichten der Faszien unterschieden: Die oberflächlichen (sie befinden sich v.a. im Unterhautgewebe), die tiefen (sie durchdringen und umschließen Muskeln, Organe, Nervenbahnen und Blutgefäße) und die viszeralen (sie dienen der Aufhängung der Organe, z.B. die Pleura bei der Lunge). Auch das Gehirn ist von den Faszien geschützt; die Gehirnhäute weisen die gleichen Charakteristika auf wie andere Teile des Bindegewebes. Da ein beträchtlicher Teil der Bindegewebszellen der oberflächlichen Schicht miteinander Kontakt hat, vermutet man auch, dass diese Schicht als ein körperweites nicht-nervliches Kommunikationsnetzwerk dienen könnte.

Bewegungen als Architekten der Faszien


„Wenn wir Muskeln anspannen, um eine Bewegung einzuleiten, dann bewegen wir immer sowohl die direkt mit der Kraftübertragung beschäftigte Faszie als auch die nur indirekt beteiligten Faszienteile automatisch mit.“ (Bracht&Liebscher-Bracht, 31) Dies gilt auch für Bewegungen, die passiv durch äußere Kräfte ausgelöst werden. Bewegungen werden über das Informationsnetz der Faszien weiträumig im Körper  übertragen.

Faszien bilden die Gewohnheiten der Muskeln ab: „So wie die Muskeln die Faszien in Bewegung versetzen, so bilden sie sich aus“ (Bracht&Liebscher-Bracht, 49). Die Baumeister der Faszie sind die Fibroblasten: Das sind Zellen, die Fäden spinnen, dreidimensionale Netze bilden und verdichten und die Struktur des Netzes verändern. Der Architekt, der vorgibt, wie sich die Fibroblasten verhalten, ist die Bewegung selbst. Bereiche im Körper, in denen wenig oder gar keine Bewegungen stattfinden, verfügen über schlecht ausgebildete und eingeschränkte Faszien. Sie sind verkürzt und „verfilzt“, können also ihre optimale Struktur nicht ausbilden, weil die entsprechenden Bewegungsanreize fehlen. Damit wird das Fasziennetz in diesem Bereich unflexibel und reißanfällig.

Die Faszien setzen sich zusammen aus den Fibroblasten, den Faszienzellen und der sie umgebenden Matrix. Die Fibroblasten stellen die Kollagenfasern her, aus denen die  Matrix besteht. Dieses Kollagen bewirkt z.B., dass sich die Wunde nach einer Schnittverletzung schließt. Bei Bewegungsmangel wuchern diese Strukturen und verlieren ihre Funktion. Bewegung ist also notwendig, um die Faszien funktionsfähig zu halten. Sie brauchen regelmäßige Stimulation. Versteifen und verkleben sie, so können sie Muskeln und Nerven einklemmen, was dann zu Schmerzen führt.

Rückenschmerzen und die Lendenfaszie


Die Lendenfaszie ist eine große Struktur, die das Becken und die Schultern verbindet. Sie besteht aus zwei Schichten, die im Normalfall in der Gegenrichtung gleiten können. Diese Flexibilität ist bei Menschen mit chronischen Rückenschmerzen reduziert. Sie wird durch eine Überproduktion von Kollagen verursacht. Wieder sind es Bewegungen, die gegensteuern können. Bei Dehnungen  strecken sich auch die Fibroblasten und können dabei ihre Größe verdoppeln. Währenddessen senden sie Signale in die Umgebung, die dann eine Schmerzlösung bewirken können. Die Versteifungen des Bindegewebes werden also permanent durch die Fibroblasten reguliert.

Interessant ist auch, dass die Fibroblasten auf Akupunktur reagieren. Eine ähnliche Wirkung erreichen wir mit Dehnungsübungen: Das Gewebe und die Muskeln entspannen sich.

Faszien reagieren unabhängig von Muskeln und Nerven auf Botenstoffe. Dabei spielen diejenigen Botenstoffe eine besondere Rolle, die bei Entzündungen und auch bei Stress ausgeschüttet werden. Auf die Stressbotenstoffe reagieren die Faszien sehr langsam, aber auch sehr nachhaltig. Wir wissen, dass emotionaler Stress Verspannungen und Schmerzen erzeugt, und dafür ist der Botenstoff TGF verantwortlich.

Zugspannung


Tensegrität ist der Fachbegriff für Zugspannung. Wir alle haben von den Skelettmodellen im Biologieunterricht gelernt, dass das Skelett unsere Stützstruktur ausmacht, mit der Wirbelsäule als zentralem Stab. Doch das stimmt so überhaupt nicht. Das neue Modell, das aus der Faszienforschung kommt, besagt, dass die Knochen gar nicht direkt aufeinander Druck ausüben, sondern über die Elastizität des Bindegewebes erst in die richtige Struktur kommen, bzw. in dieser gehalten werden. Das richtige Maß an Zugspannung in den Faszien ist ausschlaggebend für eine ausgeglichene Körperhaltung. Deshalb muss die Abnützung eines Knochenteils noch nicht zum Verlust von Bewegungsmöglichkeiten führen, denn dieser Mangel kann durch das Bindegewebe ausgeglichen werden.

Faszien und Wasser


Das Bindegewebe ist ein großer Wasserspeicher. Je nach Alter besteht das Bindegewebe bis zu 70% aus Wasser. Fibroblasten haben unterschiedliche Aufgaben. Die einen produzieren Kollagen, andere stellen Hyaloron her, das Schmiermittel des Bindegewebes. Dieses Molekül bildet schwammartige Gebilde, die große Mengen von Wasser binden können. Je mehr Wasser gebunden werden kann, desto besser die Beweglichkeit. Bei Hyaloronmangel ist zu wenig Wasser im Gewebe, das dann rau und spröde wird. Die Gleitfähigkeit schwindet.

Die manuelle Behandlung durch entsprechende Massagegriffe kann dazu führen, dass der betreffende Bereich zunächst von altem, „abgestandenem“ Wasser gereinigt wird, indem das schwammartige Gebilde ausgequetscht wird, und sich anschließend noch mehr mit frischem Wasser füllt, wodurch die Beweglichkeit steigt. Das Gleiche geschieht bei gezielten Bewegungsübungen. Bei der Eigenbewegung kommen noch weitere Komponenten hinzu, z.B. die Wärme, die dabei entsteht, regt den Stoffwechsel zusätzlich an (pro Grad an Temperaturanstieg steigt die Enzymtätigkeit um 10%).

Schmerzempfindungen


Sind Faszien selbst schmerzempfindlich? Befinden sich die Schmerzrezeptoren in der Faszie oder im Muskel? Faszien sind empfindliche Wahrnehmungsorgane. Der Sympathikus hat Kontakt zu fast allen Organen, wir können ihn nicht kontrollieren, und bei Stress beeinflusst er auch das fasziale Gewebe. Wenn der Sympathikus Stress-Botenstoffe freisetzt, werden die Blutgefäße angespannt, was den Blutdruck erhöht.

Das Schmerzempfinden ist unterschiedlich bei Menschen mit hoher Stressbelastung oder Traumatisierung im Vergleich zu anderen, die nicht unter diesen Bedingungen leiden. Es gibt Unterschiede im Tiefenschmerzempfinden, im Empfinden von myofazsialen Reizen. Repetetiver, immer wieder auftretender Schmerz wird von stressbelasteten Menschen besonders schnell eingeprägt und führt leicht zur Chronifizierung. Vorbelastete Menschen verfügen über ein besonders ausgeprägtes Schmerzgedächtnis.

Die Bewegungsgewohnheiten des modernen Menschen sind durch Spezialisierung gekennzeichnet. Bestimmte Bewegungen werden dauernd ausgeführt, z.B. die Muskelaktivitäten, die zur Bedienung einer Computertastatur gebraucht werden. Andere dagegen werden dauerhaft vernachlässigt. Ähnliches gilt für den einseitigen Leistungssport. In den vernachlässigten Körperarealen kommt es zur Zunahme der muskulär-faszialen Widerstände und Beschwerden. Die Muskeln bleiben in Dauerspannung, bis es zu schmerzhaften Dauerkontraktionen kommt, die sich dann auf die Leitungssysteme auswirken: Blutgefäße, Nerven und Lymphgefäße werden eingeengt oder sogar abgedrückt.

Faszientraining


Um unserer faszienfeindlichen Lebensweise entgegenzuwirken, müssen wir unsere Gewebe in guter Verfassung halten und immer wieder gezielt trainieren. Im Lauf des Lebens verliert das Fasernetz an Elastizität, und es bilden sich Verklebungen und Verfilzungen. Im Vergleich zu jüngeren Menschen weisen Ältere einen niedrigeren Anteil an Flüssigkeit im Körper auf, worunter auch das gesamte Fasziengewebe leidet und sich das vormals noch ausgeglichene Verhältnis zwischen wässrigen und faserigen Anteilen verschiebt.

Durch passende Übungen und variierende körperliche Aktivitäten kann unser Fasziensystem jung erhalten werden, wodurch sich die Zugfestigkeit verbessert und mehr Wasser gespeichert werden kann. Die Fibroblasten werden angeregt, den Körper elastisch zu halten. Wir fühlen uns beweglich und können leichter ins Fließen kommen, wenn sich Sturheit und Starre einschleichen.



Quellen: 
Bracht, Petra und Liebscher-Bracht, Roland: FaYo. Das Faszien-Yoga. Die enorme Heilkraft des Bindegewebes nutzen. München: Arkana 2016 (3. Aufl.)
Doku auf Arte

Donnerstag, 22. März 2018

Die Täter-Opfer-Umkehr als Wurzel für Schuldkomplexe

Kinder sorgen sich um das Wohl ihrer Eltern, von ganz früh an. Wir wissen, dass Föten ihrer Mutter Stammzellen zur Verfügung stellen, damit sie Mängel und Schäden im eigenen Organismus beheben kann. Dieser Zusammenhang, der in der Pränatalpsychologie als „umgekehrter Nabelschnuraffekt“ bekannt ist, äußert sich nach der Geburt darin, dass Kinder grundsätzlich dazu neigen, die Schuld bei sich zu suchen, wenn es auf der emotionalen Ebene zu Störungen zwischen ihnen und den Eltern kommt. Sie gehen davon aus, dass die Eltern immer im Recht sind, weil sie so groß, erwachsen und kompetent sind. Sie rechnen nicht damit, dass Eltern regredieren können, dass Erwachsene zu hilflosen Kindern werden können, die von anderen die Rettung aus ihrem Leid erhoffen.

Besonders, wenn die Eltern durch ihr aktuelles Leben, zu dem auch die Kinder gehören, überfordert sind, reagieren die Kinder mit dem Wunsch, es ihnen leichter zu machen. Sie schränken sich in ihren Bedürfnissen und Ansprüchen ein und schrauben ihre Spontaneität und Lebendigkeit zurück, um nicht zur Last zu fallen. Statt sich aus den eigenen inneren Antrieben heraus zu entwickeln und die eigenen Anlagen zu entfalten, passen sie sich an die Erwartungen der Eltern an. Die Persönlichkeit, die gerade beginnt an Konturen und Profil zu gewinnen, verbiegt sich, um in die Bedürfnisstrukturen der Eltern hineinzupassen.

Geburtsrechte und Grundbedürfnisse


Ursprünglich sind es die Eltern, die aus ihrer eigenen Unfähigkeit und aus der Beschränktheit ihrer Möglichkeiten den Kindern schuldig bleiben, was zu ihrem Geburtsrecht gehört: Dass ihre Grundbedürfnisse bedingungslos und möglichst konsistent erfüllt werden. Es geht nicht um eine lückenlose und bis ins letzte feinfühlige Versorgung und Zuwendung, sondern um eine verantwortungsvolle Einstellung, aus der heraus die Eltern wissen, dass es ihre Pflicht ist, für ihre Kinder und deren Bedürfnisse da zu sein und zu sorgen, so gut sie vermögen. So gut wie es eben möglich ist Eltern zu sein, kann immer wieder an Grenzen der Belastbarkeit heranführen, die auch respektiert werden müssen. Wenn dabei das Band der Liebe, das auch Belastungsgrenzen und kurzfristiges Scheitern überdauert, erhalten bleibt, lernen Kinder, dass Liebe wichtiger ist als Perfektion, und dass Schwächen zum Menschsein dazugehören.

Das Erleben der Grenzen der eigenen Möglichkeiten sollte getragen sein vom Verständnis, dass Kinder Kinder sind, also für ihre Gefühle und deren Regulation keine Verantwortung übernehmen können, bzw. die Übernahme dieser Verantwortung erst schrittweise im eigenen Tempo erlernen. Die Zuständigkeit für den Versorgungsmangel bleibt damit bei den Eltern, sie stehen grundsätzlich immer in der Schuld, und nie das Kind.

Wo dieses Gefühl für die eigene Verantwortung bei den Eltern aus welchen Gründen auch immer abhanden gekommen ist (meist spiegeln sich in solchen Schwächen die Mängel aus der eigenen Kindheit der Eltern), ohne dass die Eltern es merken, kann es leicht zu einer Rollenumkehr kommen, indem die Kinder die Verantwortung für ihre Eltern übernehmen und sich selber damit überlasten und überanstrengen. Sie, die eigentlich das Opfer elterlicher Vernachlässigung sind, sehen ihre Eltern als Opfer ihrer übermäßigen kindlichen Bedürftigkeit, werden also in der eigenen Fantasie zu Tätern, die nun in der Pflicht stehen, ihre Schuld den Rest des Lebens abzuarbeiten. Oft entwickeln sich aus solchen verdrehten Abhängigkeitsbeziehungen lebenslange, von Schuldgefühlen geprägte Programme, den Eltern zu wenig zu geben, zu wenig für sie da zu sein und zu sorgen. Die Opfer sind zu schuldigen Tätern geworden, die die eigenen Eltern nur mehr als Opfer sehen können, denen jede Hilfe und Unterstützung gebührt und die dennoch nie genug ist.

Manche Eltern fügten sich völlig in die Rolle, die sie selber – nicht aus Bosheit, sondern aus selbst letztlich unverschuldeter Unfähigkeit – aufgebaut haben, indem sie ihren Kindern die Elternrolle über sie eingeräumt haben und zugelassen haben, dass die Kleinen sich mit den Aufgaben der Großen überlasteten. Sie gaben den Kindern die Botschaft – ausdrücklich oder indirekt –, dass sie das eigene Leben schwer oder unerträglich machten, sodass diese infolgedessen nicht anders konnten, als möglichst schnell Elternkompetenzen für ihre kindlichen Eltern zu entwickeln. Nicht selten führt das dazu, dass die Eltern in ihrer Opferrolle aufgehen und ihre erlernte Hilflosigkeit in körperliche Symptome übersetzen. Dann erst recht fühlen sich die Kinder gefordert, die Verantwortung für die Alten zu übernehmen. Das wird sie daran hindern, die Verantwortung fürs eigene Leben und für eine eigene Familie zu übernehmen.

Kinder in der Elternrolle entwickeln dazu noch eine ambivalente narzisstische Selbstüberschätzung. Sie schlüpfen gewissermaßen in übergroße Kleider und müssen ihr Inneres der Rolle anpassen. Sie können auch nicht anders, als sich als etwas Besonderes zu fühlen, weil sie Kompetenzen übernehmen, die nicht ihrem Alter entsprechen. Auf der Strecke bleiben viele kindliche Bedürfnisse. Statt dessen entwickelt sich ein ambivalentes Selbstbild: auf der einen Seite die Erfahrung als kleiner Erwachsener, der die Eltern stützen kann, auf der anderen Seite das Gefühl, es nie gut genug zu schaffen, weil der Anspruch nur zu einer riesengroßen Überforderung führen kann. Schuldgefühle werden zu einer lebenslangen Begleitmusik für ein belastetes Leben und erinnern daran, der angemaßten, aber aus der Not übernommenen Rolle nie voll gerecht werden zu können. Es bleibt immer etwas offen, es bleibt immer eine ungetilgte Schuld.

Verantwortung statt Schuld


Wie schon in den vorigen Blogartikeln zum Thema Täter-Opfer-Umkehr erläutert, liegt der Schlüssel, um aus der Falle der Anmaßung und Schuld zu entrinnen, in der Übernahme der Verantwortung in der rechten Weise, nämlich für sich selbst und für die Aufgaben im eigenen Leben. Dort, wo die Verantwortung am richtigen Platz ist, gibt es keine Täter und keine Opfer und keine fliegenden Rollenwechsel.

Die Verantwortungsübernahme sollte natürlich dort beginnen, wo die ursprüngliche Täterschaft geschieht: Bei den Eltern, die ihre Aufgaben auf die Kinder überwälzen. Wie erwähnt, kommt es dazu aus Unbewusstheit, und die Verantwortung kann erst dann übernommen werden, wenn die bewusste Einsicht möglich ist. Sich einzugestehen, selber als Kind zu wenig bekommen zu haben, sodass die eigene Elternrolle nur mangelhaft eingenommen werden konnte, ist der erste Schritt. Diese Opferposition kann dann nur durch die Übernahme von Verantwortung aufgelöst werden, und mit dieser Einsicht wird deutlich, wie in der eigenen Elternschaft die Täter-Opfer-Dynamik auf Kosten der Kinder wirksam wurde.

Sobald den Eltern dieser Schritt gelingt, werden die Kinder entlastet, und sie können in ihre Position zurückfinden. Sie können nach vorne blicken, mit einer Stütze im Rücken, statt sich dauernd zu ihren unmittelbaren Vorfahren umdrehen zu müssen, ob da nicht was zu tun ist. Sie erkennen ihre wirklichen Aufgaben im Leben und spüren die Kraft, die entsteht, wenn sie sich diesen Herausforderungen mit Verantwortung widmen.

Das Übernehmen von Verantwortung ist der Schritt aus jeder Opferrolle und aus jeder angemaßten Täterposition. Er fühlt sich deshalb so unmöglich oder schwer an, weil die Täter-Opfer-Dynamik, die oft über lange Zeit wirksam war, zur Gewohnheit wurde und für Sicherheit sorgte. Tatsächlich aber kostet das Täter-Opfer-Schwanken in jeder Rolle viel Kraft und Energie. Die bewusste Übernahme der eigenen Verantwortung, die mit dem Eingeständnis der Fehler und Schwächen einhergeht, stärkt hingegen immens, sobald sie gelingt und voll inkorporiert werden kann.

Rollen in der Täter-Opfer-Dynamik werden nur übernommen, wenn es keine andere Wahl gibt. Sie verfestigen sich dann leicht zu starren emotionalen Gewohnheiten. Zum Erwachsenwerden gehört es, die Wahlmöglichkeit zurückzugewinnen. An die Stelle des Schicksals tritt die Freiheit, an die Stelle der Schuld die Verantwortung, an die Stelle der Ohnmacht die frei fließende Lebenkraft.


Zum Weiterlesen:
Die innere Geschichte der Täter-Opfer-Umkehr
Rechtsextremismus und Täter-Opfer-Umkehr

Freitag, 16. März 2018

Unsicherheiten in sicheren Bindungen

Die Bindungstheorie gehört seit dreißig Jahren zum Grundbestandteil der Beziehungspsychologie und bildet ein wichtiges Hintergrundkonzept für die Psychotherapie. In diesem Modell werden drei unsichere Bindungstypen von einem sicheren unterschieden, dem nach verschiedenen Forschungen ca. die Hälfte der Mutter-Kind-Bindungen zugeordnet werden. In diesem Artikel geht es darum, das Bild eines einheitlichen Typs von sicherer Bindung zu differenzieren.

Eine sichere Bindung ist gekennzeichnet durch die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse nach Nähe und nach Distanz in einem fließenden Gleichgewicht halten zu können. Weder das Alleinesein noch das Zusammensein lösen Ängste oder Bedürfnisspannungen aus. Trennungen werden nicht als existenziell bedrohliches Verlassenwerden erlebt, und das Zusammensein steht nicht im Zwang, eine unlösbare Verschmelzung herzustellen.

Elemente von Unsicherheit


Allerdings gibt es auch sichere Bindungen, die Elemente von Unsicherheit beinhalten. Vermutlich ist es bei allen sicheren Bindungen so, dass solche Elemente bei einem oder bei beiden Partnern vorhanden sind, denn es wird auch kaum Eltern geben, die ihren Kindern eine vollständig sichere Bindung auf allen Ebenen anbieten können. 

Eine interessante Variante zeigt sich in folgendem Rahmen: Die Sicherheit der Bindung wird von den Eltern als mentales und emotionales Konstrukt genutzt, um die eigene Bindungsunsicherheit verdrängen zu können. Demonstrativ wird die Sicherheit einer Bindung oder eines gesamten familialen Systems hochgehalten. Oft ist dies der Fall bei Beziehungen, die unter großen äußeren Unsicherheiten zustande kommen und deshalb einen Hort von Sicherheit bilden sollen, z.B. während oder nach kriegerischen Auseinandersetzungen oder wirtschaftlichen Krisen in einem Land. Die Menschen flüchten aus der Unerträglichkeit der Wirklichkeit und bauen sich geschützte Nester, in denen sich das Leben regenerieren kann. 

Der Preis dafür liegt allerdings in der Aufgabe von individueller Freiheit zugunsten der stabilen Sicherheit. Freiheit wird als Bedrohung dieser Stabilität erlebt; die Menschen wollen, dass die anderen berechenbar sind und verhalten sich deshalb auch selber berechenbar. Um dieses an sich labile Geflecht an verlässlichen Erwartungen aufrecht zu erhalten, bedarf es viel subtilen Drucks und verdeckter Manipulation. 

Die Mitglieder dieser Systeme werden nicht in ihrer gesamten Individualität anerkannt und vor Liebesverlust abgesichert, sondern nur insoweit sie sich an die vorgegebenen Erwartungen anpassen. Die Eltern fordern von den Kindern, ihnen die Sicherheit zu geben, die sie selber nicht hatten, selbstverständlich auf einer unbewussten Ebene, und die Kinder fügen sich in diese Rolle, weil sie keine Alternative haben und verzichten auf eigensinnige Strebungen.

Tribale Wurzeln


Diese Struktur des Verzichts auf die Individualität zugunsten des Gesamtsystems ist aus der tribalen Gesellschaftsorganisation bekannt. Die Stammesgemeinschaften in der frühen Geschichte der Menschheit konnten nur ein kleines Maß an Individualität zulassen, weil der Rahmen eng gestrickt war und tradiertes Wissen heilig gehalten werden musste. Im Lauf der Geschichte haben sich neue Entwicklungen ergeben, die diesen engen Rahmen gesprengt und dem Individuum mehr Raum zur Entfaltung zugestanden haben. Dennoch ist die Erinnerung an die Geborgenheit dieser frühen Phase nie verloren gegangen und kann deshalb leicht durch verschiedenartige Ideologien instrumentalisiert werden.

Ideologische Scheinsicherheiten


Für unsere Geschichte in Mitteleuropa interessant ist der Zusammenhang mit der Scheinsicherheit, die der Nationalsozialismus und andere faschistische Bewegungen vor 90 Jahren versprochen haben, die in einer berechenbaren völkischen Gemeinschaft bestehen sollte. Voraussetzung dafür war die ethnische „Reinheit“, die Unvermischtheit mit anderem „Blut“, wodurch sichergestellt sein sollte, dass es keine Abweichungen von einem unbewusst formulierten völkischen Konsens gäbe. Von daher ist auch die brutale Rabiatheit zu verstehen, mit der man alles „rassisch“ Fremde ausrotten zu müssen vermeinte. Bedroht war in Wirklichkeit nicht die „Reinheit der Rasse“, sondern die Sicherheit eines Netzes von Vorannahmen und Vorurteilen, das die innere Sicherheit garantieren sollte. Alles Fremde wurde erfolgreich mit Unberechenbarkeit und damit mit Bedrohlichkeit gleichgesetzt. Die Wirksamkeit dieser Ideologie ist ja bis heute ungebrochen und zieht viele Menschen in ihren Bann (vgl. den Betrag zum Rechtsextremismus auf dieser Seite).

Subtile Abhängigkeiten


Ebensowenig wie heute (außerhalb der Köpfe von nationalistischen Populisten) ein funktionierendes tribales Gemeinwesen errichtet werden kann, gibt es absolute Sicherheiten in den familialen Bindungen. Unter dem Deckmantel von Liebe und Gemeinschaft werden häufig subtile Abhängigkeiten aufgebaut, vom Unbewussten der Eltern aus unbefriedigten Bindungsbedürfnissen der Kindheit gespeist. Die Seele will sich von den eigenen Kindern zurückholen, was in ihr unerfüllt geblieben ist. Die sichere Bindung, die die Eltern anbieten, dient dem Zweck, die Liebe zu bekommen, die anfangs gefehlt hat. Die Kinder decken dieses Defizit ab und leiden selber an einem nur unterschwellig wahrnehmbaren Liebesmangel.

Die Ablösungskonflikte in der Pubertät können allerdings dann besonders heftig ausfallen. Für die Eltern stehen die Sicherheiten auf dem Spiel, die sie sich über die Kinder aufgebaut haben und erschweren das Loslassen, für die Kinder geht es um ihr eigenes Leben, ihre Seele will sich das Geburtsrecht auf Anerkennung des eigenen Selbst zurückholen.

Jede Seele will frei werden. Jugendliche, die aus zu engen Vorgaben ihrer Familie ausbrechen, erweisen sich und ihren Eltern den Dienst, die Konzepte von Liebe zu überprüfen und neu zu definieren. Solange Liebe mit Abhängigkeiten vermischt ist, gibt es innere Kräfte, die in Konflikten zum Ausdruck kommen. Gelingt es, diese Spannungen konstruktiv aufzulösen, können abhängige Bindungen in frei fließende Beziehungen umgewandelt werden. Dann zeigt sich als tiefere Weisheit, dass Sicherheit nur in der inneren Freiheit gefunden werden kann.

Zum Weiterlesen:
Übersicht über die Bindungstypen
Rechtsextremismus und die Täter-Opfer-Umkehr
Am Anfang brauchen wir ein Willkommen
Empathie
Ist der Mensch von Natur aus egoistisch oder sozial

Sonntag, 11. März 2018

Die innere Geschichte der Täter-Opfer-Dynamik

Die Dynamik der Täter-Opfer-Umkehr ist deshalb so gebräuchlich in der Arena der politischen Konkurrenz, weil wir sie alle aus vielen verschiedenen innerpsychischen Abläufen kennen, die sich für diesen Mechanismus anbieten. Es hängt immer von äußeren Umständen und inneren Vorgeschichten ab, ob sich die Dynamik entwickelt oder ob nur einfach das geschieht, was von der Natur aus geschehen soll. Die Dynamik entwickelt sich nur, wenn sie in den äußeren Bedingungen verankert ist. Sie wird gleichsam von außen aufgesogen, als eine Möglichkeit, unter ungünstigen Umständen das Bestmögliche zu schaffen. Sie bewirkt, dass Abläufe, die an sich gar nicht dramatisch sein müssten, mit emotionaler Ladung versehen bis auf Weiteres verstörende und verstörte Einflüsse ausüben können.


Pränatale Prägungen


Bestimmte Entwicklungsereignisse während den frühen Phasen unseres Lebens bieten sich als solche Prägungspunkte an, bei denen die Figur der Umkehr als Bewältigungsmuster von schwierigen Situationen eingeübt werden kann. Hier ein Beispiel aus der ganz frühen pränatalen Zeit: Die Eizelle kann die Samenzelle als Aggressor erleben, als Eindringling, während der „Täter“, die Samenzelle, zum Opfer wird, indem sie ihren Schwanz mit allen Mitochondrien beim Eindringen verliert und sich ihr Kopf im Inneren der Eizelle auflöst und dort alles außer den Chromosomen absorbiert wird. Zwar handelt es sich bei diesem Geschehen um einen natürlichen Ablauf, der für die Fortpflanzung in vielen Bereichen der Natur notwendig ist und der an und für sich frei von jeder Dramatik ist. Diese entsteht nur, wenn die Ei- und die Samenzelle traumatische Prägungen aus der eigenen Vorgeschichte mitbringen oder wenn die Umstände der Zeugung mit Dramatik einhergeht, die eine Täter-Opfer-Struktur beinhaltet, z.B. bei erzwungenem Sex.

Das nächste Beispiel bezieht sich auf den Vorgang der Einnistung. Das werdende Leben, das einen Platz an der Gebärmutterwand sucht, kann diese als feindlich erleben, weil sich das mütterliche Gewebe mit einer Immunreaktion gegen die fremde Erbsubstanz zur Wehr setzen kann. Diese Reaktion kann dadurch verstärkt werden, dass die Mutter die Schwangerschaft ablehnt oder starke Ängste entwickelt. In weiterer Folge kann sich das Baby auch als Opfer fühlen, wenn über die Nabelschnur schädliche Stoffe kommen, vor denen es sich nicht schützen kann, z.B. Alkohol oder Nikotin. Auch emotionale Dramen im Leben der Mutter, die das Baby mitbekommt, können die Haltung prägen, äußeren Einflüssen hilflos ausgeliefert zu sein.

Bei der Geburt initiiert der Fötus den Geburtsvorgang, der dann gegen den Widerstand des Muttermundes und des Gebärkanals führt und die Mutter in Bedrängnis bringen kann. Das Baby braucht aggressive Kräfte, um die Engstellen beim Geborenwerden zu überwinden, es braucht also die Bereitschaft zur Täterschaft. Aber auch die Mutter kann Aggressionen spüren, z.B. wenn die Geburt sehr schmerzhaft verläuft und sehr lange dauert. Wiederum kann sich das Baby als Opfer fühlen, wenn der Druck durch die Wehen stark ist und dennoch keine Weiterentwicklung stattfindet, insbesondere aber auch, wenn ein Kaiserschnitt vorgenommen oder mit der Saugglocke gearbeitet wird. Die Mutter, aber auch das Baby kann sich als Opfer der Geburtshelfer fühlen, wenn diese unachtsam oder gewaltsam vorgehen.


Kinder als Opfer und Täter?


Das Schreien eines Kleinkindes kann die Eltern zur Verzweiflung treiben oder zornig machen; je nachdem kann sich eine Täter- oder eine Opferfixierung beim Kind ausbilden. Wird die emotionale Innenwelt des Kindes durch die Eltern nicht adäquat gespiegelt und beantwortet, kann das Kind kein ausgeglichenes Selbstgefühl entwickeln und wird im späteren Leben die soziale Welt durch die Täter-Opfer-Brille erleben.

Im Lauf der Kindheit gibt es viele andere Gelegenheiten, in denen sich eine Opfer-Täter-Dynamik ausbilden kann. Ein Beispiel sind Geschwisterrivalitäten, die allein daraus entstehen können, dass ein jüngeres Geschwister den älteren Zuwendung und Aufmerksamkeit wegnimmt oder die emotionale Nahrung seitens der Eltern ungleich verteilt wird. 

Wenn Grundbedürfnisse missachtet oder geringgeschätzt werden und jeder Protest nichts hilft, kann es zur Ausprägung einer Opferrolle kommen, die dann später im Leben in eine Täterrolle umgemünzt werden kann. Eine Mutter, die sich als Opfer ihrer Kinder fühlt (indem sie sich für sie aufopfert), macht die Kinder zu Tätern, die diese aufgezwungene Rolle nur mit einem Schuldgefühl ausgleichen können.

Auch bei der Willensentwicklung, die im 2. Lebensjahr verstärkt einsetzt, öffnet sich schnell die Scheide zwischen Opfer- und Täterrolle, wenn die Erziehungspersonen nicht altersgerecht auf diese Herausforderungen eingehen können. So geraten manche Kinder in die aktive Täterrolle, indem sie  - aus Verzweiflung – den Eltern ihren Willen aufdrängen und über die Maßen dominieren wollen, weil sich diese willfährig unterwerfen. Andererseits sehen viele Eltern nur die Möglichkeit, das Expansionsbestreben ihres Kindes mit rigider Grenzsetzung zu beantworten, wodurch dieses in eine Opferrolle gedrängt wird.

All dies kann sich im Lauf einer „durchschnittlichen“ Kindheit mit „normalen“ Eltern abspielen. Erst recht wenn Kinder zu Opfern von Missbrauch und Gewalt werden, prägt sich die Opferrolle tief in die Psyche ein und fordert später die Umkehr in die Rolle des Täters. Viele, wenn nicht alle erwachsene Gewalttäter waren in ihrer Kindheit Opfer, sodass die erwachsene Aggression als innerpsychischer Ausgleich für erlittenes Leid, als Rache für Demütigung verstanden werden kann. (Verstehen heißt bekanntlich nicht, asoziales Verhalten zu entschuldigen.)

Kinder nehmen nie freiwillig eine der Rollen an, sondern prägen sie ein, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, um das eigene Überleben zu sichern und zu genügend emotionalen Ressourcen zu kommen. Kindsein heißt, noch nicht in der Lage zu sein, Verantwortung für die eigenen Gefühlsabläufe übernehmen zu können. Wenn Kinder eine Täter- oder Opferrolle einnehmen, tun sie dies unbewusst, um so ihr emotionales Überleben zu sichern, und aus Mangel an einer Alternative. 


Verantwortung für eine demokratische Gesellschaft 


Erwachsene hingegen verfügen immer über Alternativen und können prinzipiell Verantwortung übernehmen. Sie sind also der Täter-Opfer-Dynamik nicht hilflos ausgeliefert. Wenn sie ihr unterliegen, regredieren sie in die Muster und Gefühlsabläufe ihrer Kindheit. Sie wollen die Wirklichkeit mit den emotionalen Reaktionsmustern von Kleinkindern verstehen.

Oder, wie ich am Beispiel des Rechtsextremismus zu zeigen versucht habe: Es wird diese Dynamik im politischen Marketing bewusst für eigene ideologische Ziele eingesetzt. Dieser Einsatz von frühkindlich geprägten Mechanismen für manipulative Zwecke muss mit besonderer Wachsamkeit verfolgt werden. Denn wir können als demokratische Gesellschaft nicht wollen, dass manipulativ die Schwächen ihrer auf vielen Ebenen traumatisierten Mitglieder für partikulare Zwecke von politischen Parteien – welcher Couleur auch immer – missbraucht werden. Dazu bedarf es einer geschärften Sensibilität und Achtsamkeit im öffentlichen Diskurs. 

Wir können nur als Erwachsene mit einer ausgeprägten und ausgebildeten Kompetenz im Gefühlsmanagement und im Gebrauch der Vernunft eine funktionierende demokratische Gesellschaft bilden. Regressive Bedürfnisse und Zwänge zum aggressiven Ausagieren, manipulative Machtausübung und narzisstische Kränkungen gehör(t)en eigentlich in die Therapie.

Zum Weiterlesen:
Rechtsextremismus und die Täter-Opfer-Umkehr
Die Täter als Opfer

Freitag, 9. März 2018

Rechtsextremismus und die Täter-Opfer-Umkehr

Geschichtsverzerrung von rechts


Warum nutzen gerade rechtsextrem eingestellte Menschen die Figur der Täter-Opfer-Umkehr so gerne und so häufig? Hat das etwas mit der kritischen historischen Phase zu tun, die von solchen Kreisen immer wieder heraufbeschworen und uminterpretiert wird? 

Selten sind sich Geschichtsforscher so einig über ein Thema als bei der Frage, wer die Verantwortung am Zweiten Weltkrieg trägt. Es ist Nazi-Deutschland und seine Führung. Dennoch gibt es gerade um diese Zeit und ihre Themen Unmengen von Geschichtsverzerrungen und Tatsachenverleugnungen. Die Emotionen, mit denen die dazugehörigen Themen von manchen Kreisen und Personen ins Spiel gebracht und von anderen mit Entsetzen und Kritik abgewehrt werden, hängt damit zusammen, dass viele Menschen die Traumatisierungen durch die schrecklichen Ereignisse nicht verarbeitet haben. Damit sind nicht nur die Personen gemeint, die den Krieg aktiv miterlebt haben, sondern auch die Nachgeborenen, die die unverarbeiteten Traumen übernommen haben. So ist es auch verständlich, warum Menschen, die fünfzig Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur geboren sind, heute noch deren Gräuel verharmlosen und das brutale Regime verherrlichen. Das Unbewusste wirkt weiter und führt dann bei manchen zu aggressiven und bizarren Äußerungen, ohne dass unmittelbar nachvollziehbar ist, wo der Ursprung zu finden ist. Die Beharrlichkeit, mit der die Themen immer wieder auftauchen, hängt mit einem Wiederholungszwang zusammen. 

Die Großmachtideen der Nationalsozialisten, die viele in ihren Bann gezogen haben, fütterten von Anfang an die narzisstischen Neigungen, die eigene Kleinheit durch nationale Größe auszugleichen. Als Folge erlebten viele den verlorenen Krieg als persönliche Niederlage, als Kränkung der narzisstischen Identifikation mit einer äußeren Größe, und diese Kränkung wirkt weiter, auch und gerade bei denen, die nicht dabei waren. Für die mit solchen Vorstellungen infizierten Österreicher handelt es sich dabei um eine doppelte Kränkung: Nicht nur der Krieg geht verloren, sondern auch die Staatskonstruktion, die ihn geführt hat und mit der sich viele identifiziert hatten: Großdeutschland – ein Volk – ein Reich – ein Führer. Übrig bleibt das kleine und machtlose Restösterreich, die Wiederholung einer traumatischen kollektiven Erfahrung von 1918 nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie, also eine Retraumatisierung für alle, die in den 20 Jahren zwischen den Weltkriegen nicht mit einem eigenständigen österreichischen Staatswesen zurecht kommen konnten – auch hier wieder eine narzisstische Verwundung, die das eigene Schicksal an die Größe oder Kleinheit eines Staatsgebildes heftet.


Historische Täter-Opfer-Umkehr


Was nun die Täter-Opfer-Umkehr anbetrifft, kann zunächst festgehalten werden: Der 2. Weltkrieg wurde schon aus einem populistisch ausgeschlachteten Opferbewusstsein heraus begonnen: Die vom Vertrag von Versailles geknechtete und gedemütigte deutsche Nation muss ihre natürliche Größe und Würde wiederherstellen, die von der jüdischen „Rasse“ bedrohte deutsche Nation muss sich schützen, die von den Westmächten, den slawischen Ostländern sowie von den russischen Bolschewiken bedrohte deutsche Nation muss sich wehren usw. Also wurde ein Krieg entfesselt, und die Täterschaft wurde propagandistisch verschleiert durch die Rede von einer erfundenen Notwehr: ein vielfach verletztes Opfer setzt sich endlich zur Wehr und lässt sich nicht mehr alles gefallen, sondern schießt jetzt zurück.

Der Kriegsausbruch 1939 selber wird eingeleitet von einem gruselig inszenierten Täter-Opfer-Drama: Für die Zuschauer soll es so ausschauen, dass polnische Soldaten einen deutschen Grenzposten angreifen und deutsche Soldaten töten. Tatsächlich waren die Angreifer deutsche SS-Männer in polnischen Uniformen und die ermordeten Opfer KZ-Insassen. Diese Inszenierung wurde dann als Anlass für den Angriff auf Polen verwendet. Die Täter verschleierten ihre Täterschaft, indem sie sich als Opfer darstellten, was ihre darauf folgende Aggression rechtfertigen sollte, und die eigentlichen Opfer verschwanden in der Verdrängung.

Der Krieg wird nach unermesslichen Zerstörungen verloren, das Opferbewusstsein wird inmitten von Trümmern und Hungersnöten wieder hergestellt, die narzisstische Verwundung stößt schmerzlich wieder hoch. Folglich ist bei Kriegsende bei vielen nicht von einer Befreiung von einer Diktatur die Rede, sondern von einem „Umbruch“. Die Alliierten kommen und besetzen das Land. Die Täter sind wieder die Opfer und hoffen auf Mitleid, um zu Kräften zu kommen und sich in irgendeiner Weise für die Schmach zu rächen. 

Zugleich entstehen eine Reihe von Mythen (=narzisstische Wiederaufrichtung der fantasierten Größe im Widerspruch zur Realität), um die nächste Täter-Opfer-Umkehrung vorzubereiten. Um ein paar Mythen zu zitieren: „Hitler hat den Krieg überlebt.“ „Hitler hat von allen Verbrechen nichts gewusst.“ „Ausschwitz hat es nicht gegeben.“ „Kriegsverbrechen haben die Alliierten verübt, nicht die Deutschen.“ „Der Krieg wurde durch Verrat verloren.“ „Wenn es schon Verbrechen gegeben hat, dann war das die SS und nicht die Wehrmacht.“ … 

Offensichtlich folgt auf jede Täterschaft die nächste Opferposition. So verläuft die Geschichte, wenn der unbewusst agierende Narzissmus jede Übernahme von Verantwortung unterminiert. Die Identifikation mit der Nation verleitet zur Täter-Opfer-Umkehr wie zu einer unausweichlichen Falle. Eine Kränkung der Nation darf nicht vorkommen, weil sie den eigenen Selbstwert erschüttert. Jede Kränkung muss mit einer präventiven oder rächenden Täterschaft ausgeglichen werden. Die anonymen Medien bieten sich als Foren für diese Kämpfe an, dort können Hassbotschaften verbreitet werden. Sobald die Hetzer angeklagt werden, schlüpft der Täter in die Opferrolle, und die gleichen Medien, die vorher zur Tat genutzt wurden, werden jetzt als Täter verteufelt. 

Die Eskalation entsteht schnell: Das Böse wird zunächst bekämpft, und wenn es sich wehrt, zeigt es die nächste Stufe der Bosheit. Deshalb muss es neuerlich bekämpft werden, und so eskaliert die Gewalt, angefeuert vom Mechanismus der Täter-Opfer-Umkehr. Die Täter bleiben immer mit ihren Opfern verbunden, die Opfer mit den Tätern. Solange die narzisstische Kränkung nicht verarbeitet ist, geht dieser Prozess wie eine ewige Schaukel hinauf und hinunter, in immer wieder neuen Variationen des immer gleichen Themas.  


Das Ende der Opferrolle 


Was alleine aus dem ewigen Kreislauf heraushilft, ist die Übernahme der Verantwortung für jede Täterschaft und auch für jede Opferrolle. Täter verursachen Schaden und Leiden. Dafür die Verantwortung zu übernehmen, bedeutet, ein Verständnis für die angerichtete Zerstörung und die davon betroffenen Menschen zu entwickeln und auf dieser Einsicht die Absicht aufzubauen, Bedauern zuzulassen und das eigene Verhalten zu verändern, also aus der Täterrolle auszusteigen. Verantwortung für die Opferrolle übernehmen heißt zu erkennen, dass es Alternativen zur Ohnmacht und Abhängigkeit gibt. Wenn tatsächliche Abhängigkeiten bestehen, wie bei Kindern gegenüber den Eltern, gibt es diese Verantwortung nicht, wohl aber, wenn die Opferrolle über die Kindheit hinaus getragen wird. 


Kollektive Verantwortungsübernahme


Kollektive Verantwortungsübernahme bedeutet, dass der Staat, die Nation, die Gesellschaft in Gestalt von wichtigen Repräsentanten eingesteht, was an Verbrechen begangen wurde und worin der eigene Beitrag für Kriege, Völkermorde und Ausbeutungssysteme liegt. Mythen, die die eigene Schuld verharmlosen, müssen aufgeklärt werden, und alle Versuche der Beschönigung oder Uminterpretation im Sinn der Täter-Opfer-Umkehr müssen angeprangert werden. Gesellschaften brauchen konsistente Narrative in Bezug auf die eigene Geschichte. Es darf keine Lücken, keine Aussparungen und keine Übermalungen für jene Zeiten geben, in denen Schlimmes passiert ist. Vielmehr müssen die individuellen Täter und die kollektiven Mechanismen namhaft gemacht werden, die für die Untaten verantwortlich sind. Solange in einer Gesellschaft konkurrierende Narrative bestehen, muss daran gearbeitet werden, bis es eine einheitliche Erzählweise und Kategorisierung der Ereignisse und Abläufe in der Vergangenheit gibt. Nur so kann die Gesellschaft eine solide Wertestruktur aufbauen, die notwendig ist, um wachsen zu können. 

Weiters muss aktiv dafür Sorge getragen werden, dass in Zukunft solche Unmenschlichkeiten nicht mehr passieren können, indem z.B. entsprechende Mahnmale errichtet und Verbotsgesetze erlassen werden.

Es gibt zwar keine Kollektivschuld in dem Sinn, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft individuell für deren kollektive Verbrechen verantwortlich sind, aber es gibt eine Schuld des Kollektivs, zu der sich alle Mitglieder bekennen sollten. Die bewusste Übernahme der Schuld schwächt nicht, führt nicht in die Opferrolle, sondern stärkt zum Einsatz für ein energisches „Nie-wieder“.


Die Täter-Opfer-Umkehr in der aktuellen Diskussion


Der Begriff der Täter-Opfer-Umkehr hat selber inzwischen eine politische Geschichte in Österreich. Zunächst wurde er von kritischen Publizisten und Forschern anhand rhetorischer Strategien der FPÖ diagnostiziert und mit einem typisches Schema analysiert: Ein FPÖ-Politiker macht eine Aussage, die als hetzerisch qualifiziert werden kann. Sobald jemand (vor allem gemeint sind die Medien, aber auch Einzelpersonen) den Sachverhalt so benennt und bewertet, wird das Medium oder die Person attackiert, indem vorgeworfen wird, gegen die Partei oder gegen eine ihrer Vertreter „zu hetzen“. Zuerst wird eine Tat gesetzt, und damit werden potenzielle Wähler am rechten Rand des gesellschaftlichen Spektrums angesprochen, dann erregen sich Teile der Öffentlichkeit über die entsprechende Aussage und über den Sprecher, und schon ist aus dem Täter ein Opfer geworden, das Mitleid verdient, nach dem Motto: Alle sind so böse zu mir, dabei habe ich gar nichts gemacht.

Inzwischen haben die „Opfer“ der Täter-Opfer-Umkehr-Analyse den Begriff gekapert und wenden ihn selber gerne an, womit die gesamte Dynamik einen weiteren Dreh bekommt. Hintergrund dieser Begriffsverwendung ist vermutlich einerseits der Wunsch, an das intellektuelle Niveau von linken soziologischen Diskursen heranzureichen, denen die rechte Meinungs- und Begriffsbildung traditionell hoffnungslos hinterher hinkt, und andererseits die Taktik, einen schlagkräftigen Begriff solange sinnentleert zu verwenden, bis er seine erklärende und erkenntnisleitende Funktion verloren hat.

Lehrreich finde ich dazu das folgende Beispiel. Es kam in Oberösterreich im März 2017 zu folgendem Vorfall: An einer höheren Schule in Wels hält ein Grün-Politiker einen Vortrag über „Extremismus“. In diesem Vortrag wird auch die FPÖ in Zusammenhang mit den Burschenschaften genannt. Unter den Zuhörern sitzt der Sohn eines FPÖ-Abgeordneten und ruft seinen Vater an. Dieser erwirkt über die Schulaufsicht und den Direktor der Schule, dass die Veranstaltung abgebrochen wird. Neben vielem anderen Porzellan, das rund um diesen Vorfall zerbrochen wird, kommt es sofort zur Verwendung der Täter-Opfer-Umkehr-Figur. 

Der oberösterreichische FPÖ-Vorsitzende behauptet in einer Aussendung: „Grüne und SPÖ zeigen wieder einmal, wie man es macht, wenn einem die Argumente ausgehen. Ein klassischer Fall von Täter-Opfer-Umkehr durch Kriminalisierung des Gegenübers und ein Paradebeispiel, wie auch an Schulen politisch Andersdenkende eingeschüchtert und mundtot gemacht werden.“ (Quelle). 

Nach Ansicht dieses Politikers hat also der Grüne die Tat begangen (nämlich schlecht über die FPÖ geredet) und damit eine „verbotene, parteipolitische Einflussnahme“ vorgenommen, gegen die unbedingt vorgegangen werden müsse, und hat damit die Partei zum Opfer gemacht, die aber ihrerseits eine Tat begangen hat, indem nämlich besagter Schülervater den Abbruch der Veranstaltung erzwungen hat, was aus Sicht der (der Täter-Opfer-Umkehr beschuldigten) Grünen und Sozialdemokraten einen Eingriff in die Schulautonomie und eine unzulässige politische Einflussnahme und Bevormundung darstellt. Witziger Weise wurde die Veranstaltung gerade zu dem Zeitpunkt abgebrochen, als die Diskussion über den Vortrag beginnen sollte, witzig deshalb, weil der FPÖ-Vorsitzende sich gerade darüber erregt, dass „an Schulen politisch Andersdenkende eingeschüchtert und mundtot gemacht werden“, obwohl sein Parteifreund verhindert hat, dass sich Schüler und Schülerinnen kritisch mit dem Vortrag auseinandersetzen. Der Sohn des Politikers hätte ja in dieser Diskussion seine Meinung als Andersdenkender kundtun können; stattdessen hat er den Papi angerufen, damit dieser als höhere Macht eingreife, um für (je nach Sichtweise) Gerechtigkeit oder Einseitigkeit zu sorgen.

Die Grünen halten jedenfalls gegen die FPÖ-Version der Täter-Opfer-Umkehr: „Dass die FPÖ immer wieder behauptet, es würde gegen sie gehetzt und undemokratisch vorgegangen, passt schon länger gut ins Bild ihres Verwirrspiels der Täter-Opfer-Umkehr.“ (Quelle)

Es kommt noch ein interessanter, fast notorischer und doch kaum je bemerkter Aspekt zum Tragen. Die rechte Partei, die sich als Opfer sieht, weil sie mit Extremismus in Zusammenhang gebracht wird, belegt durch ihre Aktion genau das, was ihr vorgeworfen wird. Extreme Regimes reagieren auf Kritik immer so, dass die Kritiker attackiert, bekämpft, ermordet werden. Kritik wird nicht mit Gegenargumenten begegnet, sondern tendenziell mit Zerstörung des Kritikers, in diesem Fall mit der Sprengung der Veranstaltung und einer medialen Offensive. Damit wird die Diskussion auf die nächste Ebene verlagert, und der ursprüngliche Vorwurf verschwindet aus dem Blick der Öffentlichkeit.

Extremisten handeln extremistisch, insbesondere dann, wenn jemand den eigenen Extremismus anprangert. Üblicherweise enthalten diese Handlungen Gewalt in der einen wie in der anderen Form und beschleunigen damit die Eskalation der Auseinandersetzung.

Inszenierte Verwirrung


Der Leser, die Leserin mag selber entscheiden, wer hier Täter, wer hier Opfer ist. Offensichtlich ist, dass mit diesem Konzept hin und her jongliert werden kann, je nach Interessenslage. Wer sich kritisiert fühlt, kann sich, statt sachlich auf die Kritik zu antworten, als Opfer hochstilisieren und dem Kritiker dafür die Schuld geben, also ihn als Täter dämonisieren. Dann besteht Hoffnung auf das Mitleid der eigenen Anhänger sowie auf deren angeschürten Hass gegen diesen Kritiker, shitstorm inklusive. So wird aus Kritik, wie sie in einer demokratischen Gesellschaft Platz haben muss, ein medialer Krieg, in dem es vor Märtyrern nur so wimmelt, weil sich jeder willkürlich zum Opfer erklären kann, irgendeinen Täter wird es schon geben.


Abschieben der Verantwortung – ein schlechtes Beispiel


Wo immer ein Täter-Opfer-Spiel stattfindet, mangelt es am richtigen Verantwortungsgebrauch. Die Schulaufsicht übernimmt keine Verantwortung für den eigenen Verwaltungsbereich, sondern ordnet sich dem Begehren einer außenstehenden Person unter. Der Schulleitung wird die Verantwortung abgesprochen, mit der Veranstaltung verantwortungsvoll umzugehen und sie fordert diese auch nicht ein, dem Referenten wird die Verantwortung abgesprochen, für das, was er sagt, Rede und Antwort zu stehen, während sich Politiker die Verantwortung anmaßen, an einer autonomen Schule für Recht und Ordnung in ihrem Sinn zu sorgen und glauben, die Schüler durch machtvolle Einflussnahme vor anderweitiger Beeinflussung schützen zu müssen.

Die Vertreter der FPÖ vermeinten mit ihrem gewaltsamen Eingreifen einen Schaden an den politischen Seelen der Schüler und Schülerinnen abzuwenden; möglicherweise größer ist aber der Schaden am Auftrag zur Heranbildung und Ermutigung mündiger, demokratiereifer junger Menschen, entstanden durch einen machtpolitischen Einfluss von oben und von außen. Die Lektion für die jungen Menschen sollte nicht sein, dass es äußere oder obere Mächte gibt, die sich alles erlauben und in ihrem Sinn richten können. Es steht zu hoffen, dass sich niemand durch diesen groben Eingriff oder durch ähnliche entmutigen lässt, die eigene Meinung zu vertreten, ob sie nun einer Obrigkeit genehm oder gefährlich erscheint. Und es sollten sich alle Betroffenen überlegen, wie junge Menschen zur Übernahme von Verantwortung motiviert werden können, damit sie weder auf Täter-Opfer-Spiele einsteigen noch deren Gebrauch in der öffentlichen Meinungsbildung übersehen.

Zum Weiterlesen:
Die innere Geschichte der Täter-Opfer-Dynamik
Österreich - ein Land voll Krypto-Nazis?

Donnerstag, 8. März 2018

Öffentliches Urteilen

Die frühere Parteivorsitzende der österreichischen Grünen, Eva Glawischnig, hat für viel Aufsehen gesorgt und heftige Kritik geerntet, als sie vor kurzem erklärte, beim Glücksspielkonzern Novomatic anzuheuern. Die Grünen sind erklärte Gegner und Kritiker des Glücksspiels, und auch ihre ehemalige Vorsitzende hat sich früher in diesem Sinn geäußert.

Politiker unterliegen einem moralischen Maßstab, der sich am Grad der Integrität bemisst. Dieser Maßstab muss von der Öffentlichkeit immer wieder kritisch angelegt werden, denn jeder Politiker trägt sein Amt als „Leihgabe“ von den Mitgliedern dieser Gesellschaft, so zumindest gemäß der traditionellen Legitimation demokratischer Macht nach J.J. Rousseau. Das einzelne Mitglied der Gesellschaft tritt einen Teil seiner Macht an einen politischen Amtsträger ab, der diese möglichst im Sinn der Gesellschaft verwaltet. Der Politiker kann das nur, indem er möglichst weit von Eigeninteressen absieht und das Wohl des Ganzem im Fokus hat. Das versteht man unter Integrität, und jede Abweichung davon muss aufgezeigt und kritisiert werden, sonst erodiert die Rechtfertigung politischer Macht in einer Demokratie und schließlich diese selbst.

Solange Frau Glawischnig ein politisches Amt ausgeführt hat, war sie an ihrer persönlichen Integrität zu bemessen. Seit sie dieses Amt niederlegte, gelten diese Maßstäbe nicht mehr. Wer mit der Dame befreundet ist und ihr nahesteht, kann ihr seine Meinung über den überraschenden Jobantritt mitteilen, doch steht es der politischen Öffentlichkeit nicht zu, diesen Schritt nach den Maßstäben politischer Integrität zu bewerten. Jeder Mensch hat das Recht, seine Ideale und Überzeugungen zu ändern; wenn er das als Politiker macht, verliert er seine Glaubwürdigkeit; als Privatperson können nahestehende Personen irritiert sein. Doch was geht es Personen an, die mit der Dame keinerlei persönlichen Kontakt haben, moralische Urteile abzugeben und die Integrität in Frage zu stellen? Wer maßt sich das Recht an, über fremde Menschen und ihr Verhalten zu urteilen?

Jedem steht es frei, Ansichten über das Glücksspiel und die Organisationen, die es befördern und damit Geschäft machen, zu haben und diese zu äußern. Es ist auch wichtig, zu solchen Themen, die die Gesellschaft und ihre Mitglieder betreffen, Stellung zu beziehen. Lukas Resetarits hat das Glücksspiel einmal als „Deppensteuer“ bezeichnet, weil die Chancen etwas zu gewinnen so gering sind, dass nur ein „Depp“ an das große Glück glauben kann. Glücksspiel heißt Abzocke, Versprechen geben und Erwartungen aufbauen, um sie dann zu enttäuschen. 

Beim Glücksspiel werden menschliche Schwächen zum eigenen Vorteil (für eine Person oder eine Firma) ausgenutzt. Es wird in Kauf genommen und sogar unterstützt, dass Menschen abhängig und süchtig werden. Oft verlieren Menschen und ihre Angehörigen ihre Existenz durch diese Schwächen, für die sie natürlich auf einer Ebene selbst verantwortlich sind. Andererseits kann es auch als Aufgabe der Gesellschaft gesehen werden, solche Ausbeutungsstrukturen einzudämmen und zu unterbinden. Wer in solchen Strukturen arbeitet und von der Abzocke verdient, sollte sich bewusst sein, dass der Schaden, der Menschen mit diesen Geschäften zugefügt wird, immer größer ist als der Nutzen.

All diese Argumente und noch viele mehr sollen im öffentlichen Diskurs benannt werden; sie könnten dazu beitragen, ein kritisches Bewusstsein über dieses Segment der Gesellschaft und des Wirtschaftslebens zu schaffen. Ein Urteil über eine Person hingegen, gleich aus welcher politischen Ecke sie kommt, steht niemandem zu. Wir wissen nichts über die inneren Beweggründe und Antriebe von anderen Menschen, außer sie stehen uns nahe, und sollten uns deshalb tunlichst des Urteilens enthalten. Wir sind keine Richter und keine Moralinstanzen, sondern Menschen mit eigenen Schwächen und Schattenseiten, und wir haben es auch nicht besonders gern, wenn andere über uns urteilen, vor allem dann nicht, wenn sie uns gar nicht kennen.

Mittwoch, 28. Februar 2018

Müssen Kränkungen krank machen?

Wer hat sich nicht schon einmal gekränkt gefühlt? Wenn uns etwas, oder eher jemand verletzt, reagieren wir mit Beleidigtsein: Du hast mir ein Leid zugefügt. Jetzt leide ich und habe eine Wunde, die du mir zugefügt hast. Ursprünglich verfügen wir über zwei Möglichkeiten, um dieses Beleidigtsein zum Ausdruck zu bringen: Mit Aggression oder mit Rückzug. In jedem Fall brechen wir den fließenden Kontakt ab und fangen statt dessen zu streiten an oder verziehen uns. 

Eine Kränkung bedeutet, dass wir das Gefühl haben, wir hätten an Wert verloren. Jemand anderer hat uns abgesprochen, ein wertvoller Mensch zu sein, indem er z.B. auf unseren Geburtstag vergessen oder uns bei einer Beförderung übersehen hat. Wir zeigen jemandem unsere kreative Produktion, z.B. ein Bild, das wir gemalt haben oder ein Lied, das wir erlernt haben, und stoßen auf höflich kaschiertes Desinteresse. Wir beziehen unseren Wert (für das, was wir tun und für das, was wir sind) aus der Wertschätzung durch andere, und wenn wir statt dessen Ignoranz oder Abwertung bekommen, sind wir enttäuscht und fühlen den Mangel als Beleidigtsein und Kränkung.

Lob und Wertschätzung lässt uns wachsen, Kritik und Abwertung engt uns ein. Was dabei wächst oder schrumpft, ist unser Selbstwertgefühl. Jede Form von Nicht-Annahme einschließlich der Nicht-Beachtung und subtiler Möglichkeiten wie Sarkasmus oder Zynismus kann eine solche Kränkung zur Folge haben. 

Wir verfügen über unterschiedliche Reaktionsmuster: Empörung, Kränkungswut, Ohnmacht, Traurigkeit, Verzweiflung, Scham. Ob wir die Kränkung nach außen zurückgeben oder nach innen wenden, hängt vom Persönlichkeitstyp, von den kindlichen Vorerfahrungen und von der Situation ab. Wenn die Kränkung nicht beigelegt werden kann, sondern immer wieder neu entfacht wird oder lange dahinschwelt, kommt es meist zum Beziehungsabbruch: „Mit so jemandem möchte ich nie wieder etwas zu tun haben.“ Doch ist damit die Kränkung noch nicht ruhiggestellt, vielmehr kann sie immer wieder aufs Neue aufflammen, wenn irgendwelche Gedanken den ursprünglichen Kränkungsanlass beschwören.

Jemand war gemein zu uns, hat uns abgewertet oder benachteiligt, war unfair, und wir haben uns abgewendet und die Beziehung beendet. Doch sobald jemand den Namen der Person erwähnt oder eine andere Assoziation auf die alte Geschichte aufmerksam macht, kann das wurmende Gefühl im Inneren aufsteigen und aggressive Gedanken auslösen: Hätte ich mir damals nicht so viel gefallen lassen, wäre ich doch schon früher ausgestiegen usw.

Gekränktsein ist ein Zeichen für einen Selbstwertmangel


Je vielfältiger die möglichen Auslöser für Beleidigungen sind und je häufiger sie auftreten, desto schwächer ist das Selbstwertgefühl ausgeprägt. Menschen, die sehr an sich selbst zweifeln, neigen dazu, sich sofort in Frage gestellt zu fühlen, wenn sie irgendwo eine Ablehnung vermuten. Oft stellt sich heraus, dass es von anderen Personen gar nicht so gemeint war, aber der Verdacht kommt leicht und schnell, dass andere einen selbst nicht mögen könnten. Solche Menschen haben ihre Sensoren auf Ablehnungsreize geschärft und scannen permanent die Umwelt ab nach möglichen Anzeichen für eine Zurückweisung. Kleinigkeiten können dann schon die Kränkungsreaktion auslösen und eine Wunde im Emotionalkörper erzeugen. Bzw. meint die betroffene Person überhaupt nicht, dass es eine Kleinigkeit ist, sondern ist überzeugt von der Gravität der Ungerechtigkeit oder Respektlosigkeit ebenso wie von der Angemessenheit der Intensität ihrer Reaktion darauf. 

Menschen, die ein fundierteres Selbstwertgefühl haben, sind weniger leicht kränkbar. Sie nehmen weniger von dem, was passiert, persönlich und beziehen weniger Vorgänge in der Umwelt auf sich. Im besten Fall fühlen sie sich nicht betroffen, wenn sie jemand anderer beschimpft, weil sie von sich überzeugt sind, dass sie keine Idioten oder Vollkoffer sein können, auch wenn ihnen das jemand ins Gesicht schreit. Sie können bei sich bleiben und steigen nicht in den Konflikt ein, der sich anbietet.

Das Selbstwertgefühl ist nicht genetisch bedingt oder einfach eine angeborene Charaktersache, von dem die einen mehr und die anderen weniger haben, sondern spiegelt den Grad an Angenommensein und Wertschätzung wieder, der in den frühen Lebensphasen vorherrschend war, begonnen mit der Form des Willkommens beim Eintritt in die Welt. Das Selbstgefühl entwickelt sich in dem Maß, in dem es von außen, von den wichtigen Personen der frühen Kindheit, bestätigt und bestärkt wird. Bei permanenter Infragestellung, Abwertung und Kritik kann sich kein stabiles Gefühl für den eigenen Wert bilden. Wenn dazu noch tiefwirkende Traumatisierungen kommen, wird die Haut noch dünner und die Empfindlichkeit noch größer. Das Misstrauen in die Welt, die es immer wieder böse mit einem selbst meinen könnte, ist ein Misstrauen sich selbst gegenüber, dieser Welt und ihren Unsicherheiten nicht standhalten zu können.

Menschen mit schwächerem Selbstwertgefühl tappen leicht in die Falle des Vergleichens. Sie sehen, dass jemand anderer besser, schöner, intelligenter usw. ist als sie selber, und schon sind sie gekränkt und fühlen sich benachteiligt. Beim Vergleichen schneidet die vergleichende Person immer schlechter ab, auch wenn sie meint, sie wäre besser als jemand anderer, denn dieses Bessersein hängt dann nur vom Schlechtersein der anderen Person ab. Wieder „entscheiden“ andere Menschen über den eigenen Selbstwert.

Wo hingegen eine positiv wertschätzende Atmosphäre in der Kindheit vorherrschte und schwerere Schicksalsschläge ausgeblieben sind, kann sich ein stabileres Selbstwertgefühl bilden, das auf einem festeren Vertrauen in die Welt und ihre Unwägbarkeiten beruht. Es fällt solchen Menschen leichter, die Vielfalt des Lebens im Blick zu haben und sich bei Erfahrungen von Ablehnung andere Erfahrungen zu vergegenwärtigen, die die Ablehnung relativieren. Ein Vorgesetzter kritisiert die eigenen Fremdsprachenkenntnisse, und man findet das Urteil ungerechtfertigt. Statt sich zu kränken, vergegenwärtigt man sich vieler positiver Rückmeldungen und Erfahrungen im Gebrauch der Fremdsprache. Menschen mit einem guten Selbstwertgefühl wissen auch, dass die Umwelt nicht primär dafür da ist, den eigenen Selbstwert zu steigern und dass sie genauso wenig dauernd darauf erpicht ist, diesen Selbstwert zu schmälern. Vielmehr gibt es im Leben immer wieder mal mehr von dem einen und dann wieder mehr von dem anderen.

Der Prozess der Kränkung


Kränkung ist ein Prozess, der in unserem Inneren abläuft und zur Minderung des Selbstwertes führt und uns in Unruhe und Unfrieden bringt. Wir haben das Gefühl, dass uns jemand mit Gewalt etwas weggenommen hat, was unsere Aggressionen mobilisiert. Sie kann sich gegen uns oder nach außen richten. Sobald wir die Kränkung in uns spüren, gehen wir auf uns selber los, indem wir die Kritik von außen mit uns selber wiederholen (Ich bin ja wirklich ein Idiot, wie kann ich nur …), oder greifen die andere Person an (Wie kannst du nur? Was erlaubst du dir?). Der andere ist schuld, dass ich mich gekränkt fühle. Sobald der Vorwurf draußen ist, meint man, das Problem los zu sein. Meistens jedoch reagiert die andere Person mit einem Gegenangriff, und es beginnt der Kampf um die Schuld, jeder will sie loswerden und keiner nimmt sie. Jede Konfliktpartei legt kleinweise ein Schäufchen mehr drauf, der Konflikt eskaliert und wird immer zerstörerischer. Dazu trägt insbesondere die Kränkungswut bei, denn sie will „das Böse“ in der anderen Person zerstören. „Ich will dir noch mehr antun, damit du spürst, wie weh du mir getan hast und damit du es ja nie mehr in der Zukunft wieder probierst.“ 

Im schlimmsten Fall entwickelt sich ein Flächenbrand, der kollektive Dimensionen erreichen kann und irgendwann zu Kriegen führt. Vermutlich könnte die Weltgeschichte als Geschichte von Kränkungen geschrieben werden.

Es geht im großen wie im kleinen, internen Kampf darum, für sich selber die Sicherheit vor Bedrohung herzustellen, indem der Gegner unterworfen und entwaffnet werden soll. Wenn die andere Person endlich fertiggemacht ist, kann ich mich sicher fühlen. Natürlich ist diese Hoffnung trügerisch; ein besiegter Gegner wird immer auf Rache sinnen. Und der Aufwand des Kampfes macht mich selber müde, während die Kränkung im Inneren weiter schwärt.

Das Bedürfnis nach Rache verspricht mir ja, dass es mir besser ginge, wenn die andere Person leidet. Dann würde sie ja verstehen, was ich durchmache. Doch die Rache befreit nicht, weil sie den Konflikt nicht löst, und ihre Folgen sind unabsehbar. Rache erzeugt Rache und so weiter, theoretisch bis ans Ende der Zeit, praktisch bis ans Ende der Ressourcen. Wir können die Lawine der Rache nicht mehr kontrollieren, sobald wir sie losgetreten haben. 

Verantwortung übernehmen


Der Schlüssel für die Heilung der Kränkung liegt im Übernehmen der Verantwortung. Die Kränkung ist mein Problem, ich bin es, der so reagiert, ich könnte auch anders, und primär muss ich selber damit zurecht kommen. Kränkungen setzen dort an, wo ich einen wunden Punkt habe, wo ich eine frühe verletzende Erfahrung nicht verarbeitet habe und wo Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurden. Diese alten Punkte sind der Grund dafür, dass ich aktuell empfindlich und verletzt reagiert habe und die Erfahrung nicht an mir vorbeiziehen lassen kann. Da gibt es wunde Punkte, die nicht vernarbt sind. Sobald ich erkenne, dass da etwas in mir offen ist, wenn ich gekränkt werde, kann ich mich in diesem Bereich schützen und an dem offenen Thema arbeiten. 

Erst wenn ich die Kränkung als meine Unfähigkeit, mit einer unliebsamen oder unerwarteten Erfahrung umzugehen, akzeptiert habe, kann ich einen konstruktiven Weg finden, der den Konflikt mit der anderen Person löst. Das Akzeptieren der eigenen Unfähigkeit erfordert, alle Gefühle anzunehmen, die damit verbunden sind, ohne sie nach außen loswerden zu wollen. Es bedeutet also, den Schmerz der Verletztheit zuzulassen, die Angst (z.B. vor dem Verlassenwerden) zu sich zu nehmen, die Wut zu verlangsamen und die Scham anzunehmen.

Noch ein Wort zur Verlangsamung der Wut. Wut ist ein heftiger Impuls, der häufig übers Ziel hinausschießt, wenn er sofort und ohne Kontrolle losgelassen wird. Er entfaltet dann eine zerstörerische Kraft, die schwere Schäden anrichten kann. Ein australischer Kabarettist hat deshalb den Amerikanern vorgeschlagen, statt automatischer Gewehre nur Musketen zuzulassen, denn das Stopfen und Laden dieser Waffen erfordert ein paar Minuten, und in dieser Zeit könnte der Zorn abkühlen, dass der Impuls, den anderen umzubringen, schon längst verraucht ist, bis die Waffe einsatzbereit ist.

Sobald ich mich selber in meiner Verantwortung angenommen und gestärkt habe, kann ich die andere Person an ihre Verantwortung erinnern. Vorher macht das keinen Sinn, weil es nur dazu führt, dass mit der Schuld Ping-Pong gespielt wird. Einsicht und die Bereitschaft, die eigene Position des Rechthabens zu verlassen, entsteht nur, wenn keine Bedrohung herrscht und keine Aggressionen im Spiel sind. Ich muss also in mir selber zu Ruhe und Klarheit gekommen sein, wenn ich eine konstruktive Verständigung mit der anderen Person schaffen will. Dann wird es wahrscheinlicher, dass die Person, durch die es zur Verletzung gekommen ist, bereit ist, sich mit mir auseinanderzusetzen und den eigenen Anteil an dem Konflikt zu reflektieren. So kann es zu dem Mitgefühl kommen, das uns hilft, die Kränkung zu verarbeiten, Missverständnisse klären sich auf und die Spannung kann versöhnlich beigelegt werden.

Literatur:
Bärbel Wardetzki: Ohrfeige für die Seele: Wie wir mit Kränkung und Zurückweisung besser umgehen können. Dtv, München 2004
Ein Vortrag von Bärbel Wardetzki kann hier gehört werden.