Sonntag, 24. Juni 2018

Kreativitätshemmungen und ihre Lösung

Wie kommt es zu Hemmungen und Blockierungen in der kreativen Lebensorientierung? Und wie können wir zu unserer eigenen Aufgabe zurückfinden?

Das ist eine wichtige Frage, weil die besten Vorsätze und Idee wertlos sind, solange sie nicht in die Wirklichkeit umgesetzt sind. Wir haben tolle Ideen und Visionen, doch kommt es häufig vor, dass alles im Kopf oder im Reden bleibt, statt in Handlungen zu münden. Oft hapert es nicht an den Details, den Ressourcen oder anderen äußeren Bedingungen, sondern es sind emotionale und psychologische Hemmnisse, die sich in den Weg stellen und die Verwirklichung der besten Ideen verhindern. Dieser Blockierungen gibt es viele: z.B. kann man sich nichts zutrauen, auf eine besondere Eingebung oder Stimmung warten, die eigenen Schwächen überspielen, sich ablenken, sich mit unnötigen Aktivitäten stressen, andere für die eigene Bequemlichkeit verantwortlich machen usw. Schier unerschöpflich ist unser Repertoire an Möglichkeiten zur Selbstsabotage. Unser Unbewusstes verfügt über seine eigene Form der Kreativität – im Verhindern von Kreativität für unsere Ziele und Ideen.

Reaktive Muster überlagern in solchen Fällen die kreative Orientierung wie Unkraut die Kulturpflanze, bis von ihr nichts mehr übrigbleibt. Irgendwann vergessen wir unsere schönen Ideen und begraben unsere tieferen Anliegen in der Schublade: „Geht eh‘ nicht“. Wir lassen zu, dass die Ängste und Komplexe, die aus unseren Traumatisierungen stammen, an die Macht kommen anstelle von dem, was wir selber wollen und was unser Wesen ausdrückt. Deshalb ist es für das eigene Weiterkommen und für ein erfülltes Leben wichtig, die bei einem selber beliebten und eingeübten reaktiven Verhaltensmuster, die sich in die Manifestationsprozesse einmischen, ausfindig zu machen und zu neutralisieren. 

Die Übung mit der Trennwand


Dazu kann die folgende Übung dienen: Stelle dir eine Trennwand oder Trennlinie in dir selbst vor. Auf die eine Seite kommen alle Aspekte und Emotionen, die aus der eigenen Belastungsgeschichte stammen, also die Traumaanteile der eigenen Psyche, die sich in diversen Handlungshemmungen ausdrücken. Sie gehören in die Therapie, oder zumindest in einen geschützten Bereich, in dem sie Zuwendung und Fürsorge, oder auch Ermahnung und Orientierung kriegen, mit fixer Zeitzusage (zu welchem Zeitpunkt ich mich um mein verletztes inneres Kind und seine vernachlässigten Bedürfnisse kümmern werde). Auf die andere Seite kommt die Kraft der eigenen Vision, die Überzeugung und Inspiration, die aus ihr entspringt, die Macht, die sie daraus bezieht, Teil der eigenen Lebensaufgabe zu sein. Mit der Rückvergewisserung des ureigenen Wollens kommen die Kenntnisse und Fertigkeiten, um die Kraft zu fokussieren und zu bündeln.

Nun kommt es darauf an, diese innere Unterscheidung in den Alltag zu übertragen. Wir nutzen das Bild der Trennwand: Ich entscheide mich, mir jetzt Zeit für die kreative Seite zu nehmen, und spüre in dieser Entscheidung die Kraft meiner Vision. Wenn Hemmungen auftreten, nehme ich sie wahr und lege sie bewusst beiseite, mit der Absicht und Zusage, mich ihnen später zu widmen. Jetzt gebe ich meine Energie und Konzentration in die Aufgaben, die sich aus meiner Vision ergeben. Jetzt nutze ich den Schwung, der sich aus der Kraft der Inspiration ergibt und setze zügig um, was zu tun ist. 

Zu einem späteren Zeitpunkt beende ich ebenso bewusst diesen Prozess der kreativen Verwirklichung, anerkenne mich für die erreichten Resultate, notiere mir, was noch zu tun ist und wann ich das erledigen möchte, und gehe anderen Tätigkeiten nach oder forsche nach den Ängsten, die hinter den Widerständen stecken, um sie durchzuspüren und zu entkräften.

Keine Kreativität ohne Tun


Kreativität beginnt zwar als inspiratives Abenteuer im Kopf und im kommunikativen Austausch. Sie wird aber erst real, wenn sie in der Wirklichkeit Gestalt annimmt, wenn also aktive Handlungen das Irreale real werden lassen. In diesem Prozess erschaffen wir Wirklichkeiten, die es vorher nicht gegeben hat, und bereichern die Welt mit unseren Inspirationen. 

Größe ohne Wahn


Es kann diesen Schöpfungsprozess auch erleichtern und von neurotischen Hemmungen befreien, wenn wir uns klarmachen, dass wir eher wie ein Kanal als wie ein originärer Schöpfer in der Manifestation von Visionen wirken. Wir „empfangen“ unsere Ideen und öffnen uns für die Energien, die wir für ihre Umsetzung brauchen. Unsere Leistung ist also mehr ein Wirkenlassen von Fähigkeiten, wir verdanken sie Kraft- und Inspirationsquellen, die uns gegeben sind, mehr als unserer Genialität. Mit dieser Sichtweise können wir erkennen und anerkennen, dass wir unser kleines Scherflein zum Wachsen dieser Welt beitragen, wie alle anderen auch, auf ihre ganz besondere Weise und in ihrer jeweiligen großartigen Kleinheit.

Auf diese Weise verbinden wir uns mit der Haltung der Demut und Dankbarkeit, indem wir all den Faktoren, die für unsere Kreativität förderlich und nährend sind, die gleiche Aufmerksamkeit geben wie unserer Anstrengung. Dann kann leichter das Gefühl und die Vorstellung in uns Platz greifen, dass wir durch uns hindurch fließen lassen, was wir manifestieren, statt anzunehmen, dass all unsere Schöpfung allein aus uns selber, aus unserem kleinen Ego stamme. 

Wir formen und gestalten diesen Fluss aus dem heraus, was wir sind, sodass immer auch ein individuelles Moment von uns in ihm mitschwingt, gewissermaßen unsere persönliche Duftnote, die die Schöpfung auch zu unserer macht. Und selbst da kann es uns wieder entlasten und befreien, wenn wir uns darauf besinnen, dass sich sogar diese so eigene Note vielfältigen Faktoren unserer Umgebung und unserer Geschichte verdankt. Auf diese Weise reinigen wir unsere Größe von jedem Wahn.

Zum Weiterlesen:
Reaktive und kreative Lebensorientierung
Die Manifestation und das Ego

Samstag, 23. Juni 2018

Zurück zur organischen Selbststeuerung

Das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten ist nach vielen Berechnungen und Studien unter den Bedingungen des gegenwärtigen Erste-Welt-Konsumniveaus, das die anderen Welten mit Recht zunehmend für sich beanspruchen, nicht mehr lange möglich. Irgendwann ist eine Grenze überschritten. Wir wissen nur nicht, wann und auf welche Weise sich der Kollaps abspielen wird. Vermutlich aber werden wir das Desaster erst bemerken, wenn es schon passiert ist.

Es besteht die akute Notwendigkeit von gesetzlichen Regulierungen, die auf der politischen Willensbildung beruhen. Der politische Wille entsteht aus den Werten der Mitwirkenden am demokratischen Diskurs. Also liegt es hier an allen, Meinungsbildung und Bewusstmachung zu verbreiten. Das ist ein Bereich für die individuelle Verantwortung.

Die persönliche Verantwortung hat noch eine weitere wichtige Ebene. Hier ist klar, dass jeder von uns dafür zuständig ist, den ökologischen Fußabdruck in Balance zu halten und damit den notwendigen Beitrag zur Sicherung der Überlebensbedingungen zu leisten. Diese Balance kann nur mit Luxusverzicht und Konsumeinschränkung erreicht werden – etwas unter ein an sich schon hohes Niveau zu gehen (ein Niveau an Wohlstand, das es noch nie zuvor in der Menschheit gegeben hat). Um diese Verantwortung wahrnehmen zu können, braucht der Mensch eine Willensentscheidung, die von innen kommt und bewusst getroffen werden muss. Sie bezieht sich auf das Einschränken und Zurücknehmen von nicht nachhaltigen Verhaltensweisen und Lebensformen und auf die Änderung der entsprechenden Gewohnheiten.

Die Selbstzurücknahme in der rechten Form zu vollziehen, erfordert eine gute Kenntnis der Ego-Grenzen: wo sind es die vielfältigen Muster eines unersättlichen Egos, die das Mehr und das Weniger verlangen, die gierig nachfassen, – und wo ist die Sättigung schon erreicht, wo ist es also in Wirklichkeit schon genug, nämlich in der Wirklichkeit des freien inneren Fließens von organischen und geistigen Bedürfnissen und Befriedigungserlebnissen. So oft schon haben wir die Grenzen durch unsere unbewussten Steuerungen überschritten, dass wir nur mehr über eine vage Ahnung von ihnen verfügen, eine Idee, die sich oftmals nur dort klar äußert, wo die Missachtung schon passiert ist. Wir meinen, wir müssten extrem leiden, wenn wir da oder dort auf einen Luxus verzichten, der uns schon selbstverständlich geworden ist. Also probieren wir es besser gar nicht erst aus.

Konditionierungen statt organischer Selbststeuerung


Konditionierungen haben sich von früh an in unseren Gehirngängen verankert und geradezu unentwirrbar in die organische Selbststeuerung eingewoben. Babys brauchen eine konkordante Form der Bedürfnisbefriedigung, um die Integrität der körperlich-seelischen Bedürfnisstruktur aufrechterhalten zu können. Mit Konkordanz ist gemeint, dass die jeweiligen auftauchenden Mangelzustände von den Betreuungspersonen in stimmiger Weise beantwortet werden, sodass ein aus dem Organismus aufsteigendes Bedürfnis stimmig befriedigt wird, z.B. wenn Hunger auftritt, wird etwas Essbares angeboten, wenn Durst gemeldet wird, gibt es etwas zum Trinken, wenn Unterhaltung gewünscht ist, ist jemand zur Stelle, der gerade spielen will. 

Bei der Konkordanz sind buchstäblich die Herzen aufeinander abgestimmt, und die durch Mangelerlebnisse auftretenden offenen Gestalten werden zeitnahe durch die passenden Angebote wieder geschlossen. Zufriedenheit als bedürfnisgerechte Sattheit setzt ein. Durch dieses konkordante Pulsieren von Wunsch und Erfüllung entwickelt und stabilisiert sich die organische Weisheit als Grundlage für eine Persönlichkeit, die echte Bedürfnisse von konditionierten Reaktionen unterscheiden kann und ihre Kompetenz im Aushalten von Frustrationen und Mangelzuständen ausbaut und verstärkt.

Der Klassiker unter den früh geprägten Korruptionen der organischen Weisheit ist der Ersatz von Liebesbedürfnissen durch Essbares. Das Kind wünscht sich emotionale Aufmerksamkeit und Zuwendung und erhält stattdessen Nahrung. Die Betreuungsperson interpretiert das Bedürfnis des Kindes falsch und reagiert aufgrund dieser Interpretation mit der Überzeugung, genau das Richtige zu tun. Das Kind ist enttäuscht, weil es nicht bekommt, was es eigentlich braucht, aber auch erfreut, weil der Ersatz befriedigt: das Essen schmeckt ja und beruhigt (vor allem, wenn viel Zucker dabei ist). Die erwachsene Person freut sich, weil scheinbar das Bedürfnis befriedigt ist, und diese emotionale Bestätigung verstärkt die Konditionierung bei ihr wie beim Kind: Das Bedürfnis nach Liebe kann durch Essen gestillt werden.

Auf diese Weise wird nicht nur eine Grundlage für spätere Ess- und Suchtstörungen gelegt, sondern dazu noch das Vertrauen in die organische Selbstregulation und in die Bedürfnisstrukturen des eigenen Körpers geschwächt. Einfache organische Bedürfnisse werden in komplexe emotionale Regelwerke übersetzt, aus denen sich Erwartungskonglomerate und künstliche Identitäten ableiten: z.B.: Ich habe jetzt einen Hunger, der nur durch diese oder jene Form von Fleisch gestillt werden. Ohne Fleisch kann ich nicht sein.

Die Selbstentfremdung und innere Selbstverwirrung wird zum Normalzustand, in den sich die Ansprüche und Angebote der Konsumwirtschaft ohne Gegenwehr einnisten, um die Illusion immer wieder zu bestätigen, dass mit steigendem und diversifiziertem Konsum alles besser wird. Schon längst haben sich verschiedene Selbste gebildet, die die einzelnen Aufgaben der Anpassung der Körperempfindungen und Gefühle an die vielfältigen äußeren Erwartungen abdienen. 

Selbstaufopferung und Selbstidealisierung


In diesem Kontext kann eine bewusste Selbstzurücknahme nur als Selbstaufopferung oder als Selbstidealisierung verstanden werden. Die Konditionierungen sind zu fixen Bestandteilen der Ego-Struktur geworden, die sämtliche Abwehrmechanismen zu ihrer Verfügung hat. Das Gespür dafür, wo irrationale Ängste, die hinter jeder Form von Gier und Statussucht stecken, Bedürfnisse erzeugen – und wo das Leben in uns aufzeigt, was es zu seinem Wachsen und Gedeihen braucht und was es dabei behindert und schädigt, ist verloren gegangen. Denn der Kontakt zum Lebensprozess und seinen inneren Zusammenhängen ist durch Störgeräusche überlagert, sodass die Botschaften nur mehr verzerrt übermittelt werden können.

Jede Form von verordneter Selbstkasteiung, die die eigenen Grundbedürfnisse übergeht, führt zum inneren Kampf und Krampf, wodurch wiederum nur die Ego-Ängste gegen den Organismus und seine Bedürfnisse in Stellung gebracht werden. Die Beschränkung, die einem Ideal entspringt, das in der Gruppe oder in der Gesellschaft vorherrscht, wird bekämpft, bis dieses verkümmert. Es wird anderen Idealen untergeordnet, die weniger Ego-Distanzierung erfordern.

Statt sich sinnvoll und selbstbewusst zu beschränken, diktiert das Ego dem Individuum maßlosen manischen Konsum oder auch militante Konsumverweigerung (die manchmal zusätzlich noch mit der moralischen Keule auch von anderen Mitmenschen den gleichen Entbehrungsweg einfordert und selten nicht einmal vor Gewalttaten zurückschreckt).

Was brauchen wir wirklich?


Doch bringen wir den Ausweg nur zustande, wenn wir an einer der Grenzen eine klare Entscheidung fällen, die bereit ist, mit den Mustern zu brechen und die Konsequenzen zu tragen. Muster können nur durch Disziplin überwunden werden. Nachhaltig wirken solche Schritte allerdings nur, wenn die Disziplin von innen kommt, also in keiner Weise von außen aufgezwungen ist, wie z.B. durch die Erwartungen anderer Personen, durch gesellschaftliche Normen oder Idealvorstellungen. 

Es geht um das Durchbrechen der Konditionierungen zur Wiederherstellung der Kommunikation mit der organischen Weisheit, es geht um den Kontakt zu den Selbststeuerungs- und Selbstheilungskräften des Körper-Seele-Systems. Das ist die Grundlage für jene Formen der Selbstzurücknahme, die autonom entschieden werden, unter Berücksichtigung der genuinen körperlichen Bedürfnisse, und nach der Entmachtung der künstlichen Konditionierungen. Es geht also auch um die Wiederherstellung unserer körperlich-seelischen Einheit.

Wir können dabei mit der simplen Frage arbeiten: „Was brauchen wir wirklich?“ Wo befriedigen wir ein elementares und essentielles Bedürfnis und wo folgen wir bloß Gewohnheiten und starren Einstellungen? Wo können wir uns selbst zurücknehmen und dabei für uns selber noch mehr an Freiheit gewinnen? Denn Gewohnheiten schaffen Abhängigkeiten, die uns unfrei machen. Wird uns diese Alternative bewusst, so können wir wählen: Bewusst entschiedene Selbstzurücknahme oder Freiheitsbeschränkung durch unbewusst wirksame Bedürfnis- und Verhaltenskonditionierung –  Freiheit oder suggerierte Scheinfreiheit als Marionette der Güterproduktion.

Im letzteren Fall machen wir so lange weiter, bis wir unsere Zivilisation gegen die Wand gefahren haben, denn es gibt im Rahmen der Konsumlogik keinen triftigen Grund zur Umkehr. Das sollte uns klar sein, wenn wir unsere Wahl treffen – unabhängig davon, wie viele in unsere Richtung gehen oder nicht.

Zum Weiterlesen:

Montag, 18. Juni 2018

Achtsamkeit im Shopping-Center

Wie werden wir in Zukunft einkaufen? Was wird unsere heißgeliebte shopping experience im Jahr 2028 sein? Der Einzelhandel geht nach verschiedenen Prognosen auf eine Krise zu. Die Leute gehen ins Geschäft, schauen sich die Produkte an, lassen sich beraten und kaufen dann online woanders. Oder sie nutzen das Geschäft nur mehr, um eine online-Bestellung abzuholen.

Doch können auch die Großgeschäfte von den neuen technologischen Entwicklungen profitieren. Die australisch-amerikanisch-britische Kaufhauskette Westfield hat dazu Pläne vorgestellt. Darunter: die Gänge voll von artifizieller Intelligenz, ein Bauernhof, auf dem man selber Gemüse ernten kann, und kluge WCs, die gleich eine Gesundheitsdiagnose liefern: „Sie könnten noch etwas mehr Vitamin C vertragen, und schnell noch einen Drink erwerben, bevor Sie dehydrieren,“ so könnte es bald aus dem Spülkasten tönen.

Die Shoppingzentren der Zukunft werden „Mikrostädte mit Hyperanbindung“ sein. Hängende sensorische Gärten, Augenscanner, die den Kunden sagen, was sie neulich eingekauft haben, und smarte Umkleidekabinen, in denen die Kunden ihre virtuelle Gestalt im neuen Gewand begutachten können. 

All diese Angebote wundern mich nicht und werden mich vermutlich auch nicht dazu motivieren, meine kärglichen Shopping-Leidenschaften zu steigern. Erstaunt hat mich nur ein Punkt: Es soll im Shopping-Center der Zukunft Achtsamkeitskurse geben. 

Die Idee gefällt mir gut, allerdings könnte das Projekt nach hinten losgehen: Wenn Menschen achtsamer werden, schätzen sie vielleicht das äußere Shopping weniger als den inneren Reichtum. Der Reiz des Einkaufens, der aus selbstlaufenden Suchtmechanismen entsteht, die durch die Werbewirtschaft angestachelt werden, verliert an Wirkung. Die Menschen werden genügsamer und bescheidener, ihre Bedürfnisse vereinfachen sich wieder und der Konsum verlagert sich auf Langlebiges im Unterschied zu kurzfristigen Modetrends. Damit kann auch ein wesentlicher Beitrag zur Eindämmung der dynamisierten Ressourcenverschwendung geleistet werden.

Also: Mehr Achtsamkeit im Shopping-Center!

Hier zur Quelle!

Dienstag, 12. Juni 2018

Bescheidenheit als Überlebensnotwendigkeit

Die Haltung der Bescheidenheit hängt eng mit der Demut zusammen. Diese Einstellung muss jedoch, ähnlich der Demut, differenziert werden. 

Wir sprechen gerne von einer falschen Bescheidenheit, z.B. wenn jemand "sein Licht unter den Scheffel stellt", oder wenn sich jemand, um Lob heischend, bescheiden gibt, mit dem hintergründigen Wunsch, dafür besonders gelobt zu werden.
  
Wir sind immer um realistische Bilder unserer Mitmenschen bemüht und wollen uns mit ihnen auskennen, alles, was diese Einschätzungen durcheinanderbringen könnte, wollen wir zurechtbiegen. Es soll das Innere dem Äußeren entsprechen, nur so können wir gut mit den anderen. Diskrepanzen zwischen der Selbsteinschätzung und der Weise, wie wir sie von außen einschätzen, verunsichern uns und wir wollen korrigieren eingreifen. 

Das kann passieren, wenn sich jemand über Gebühr hervortut und wichtig macht oder mit seinen Erfolgen und Begabungen aufschneidet, oder wenn sich jemand übermäßig bescheiden gibt. Wenn solche Diskrepanzen auftauchen, neigen wir dazu, einen Hintersinn zu vermuten: Der Angeber will besonders viel Bewunderung, um sich über uns selbst stellen zu können. Der Untertreiber will ebenso bewundert werden, allerdings über einen Umweg. Also zeihen wir dem einen die Unmäßigkeit und dem anderen die Selbstverleugnung. Damit wollen wir die andere Person auf ihre Mitte hinweisen, in der es uns am leichtesten fällt, von gleich zu gleich zu begegnen.  


Die Bewunderungskollusion


Natürlich gibt es auch Abweichungen von dieser weit verbreiteten Prozedur, vor allem dann, wenn Übertreiber und Untertreiber zusammenkommen. Der eine braucht Bewunderung, der andere bewundert gerne. Der eine holt sich seinen Selbstwert vom anderen, der ihn bereitwillig hergibt. 

Wir befinden uns in der narzisstischen Kollusion nach Jürg Willi. Der Narzisst giert nach Bewunderung, der Co-Narzisst gefällt sich als Bewunderer. Die Konstellation ist selten stabil, weil der Co-Narzisst auf Dauer nicht auf Anerkennung verzichten will. Schließlich untertreibt er die eigenen Leistungen und Qualitäten, um von den anderen davon überzeugt zu werden. Doch dazu ist eben der Narzisst nicht in der Lage. Er sammelt selber die positiven Rückmeldungen ein und kommt nicht auf die Idee, sie wieder auszuteilen. Allerhöchstens gibt es eine Wertschätzung für die fälligen Bewunderungen, nicht aber für die Bewunderer und deren Vorzüge.  

Das Fischen nach Komplimenten wird nicht gerne gesehen, weil es die spontane Reaktion unterbinden will und eine Kanalisierung verlangt, damit eine Ablehnung vermieden wird. Die Devise ist: Bestätige mich positiv, weil ich mich selber negativ bewerte. Gib mir, was ich mir selber nicht zugestehe. In diesem Sinn kann das Zitat von Baruch Spinoza verstanden werden: "Die Bescheidenheit ist eine Art des Ehrgeizes." (Ethik) Man könnte auch sagen, es ist der Ehrgeiz nach Bestätigung, der sich das Mäntelchen der Selbstgenügsamkeit und Selbstverkleinerung umgehängt hat, um umso mehr Ruhm einzuheimsen.  


Die echte Bescheidenheit 


Davon sollten wir die echte Bescheidenheit unterscheiden. Sie besteht darin, sich selber und die eigene Bedeutung in der Welt weniger wichtig zu nehmen als es das eigene Ego fordert. Sie reduziert nicht den eigenen Wert, aber sieht gleichzeitig all die anderen Werte und Wertigkeit im Netz des Weltgeschehens. 

Sie beruht darauf, zu erkennen und anzuerkennen, dass die eigenen Errungenschaften vielem mehr als nur sich selber geschuldet sind. Alles aus der eigenen Kraft Erreichte und Geschaffene verdankt sich der Formung und Förderung dieser Kraft durch Nicht-Eigenes. Die Bescheidenheit geht Hand in Hand mit der Haltung der Demut, die sich selbst von allem eigenen Erschaffen und Erreichen unterscheidet und sich nichts zumisst, was anderem verdankt ist. In diesem Sinn hat Friedrich Nietzsche die wahre Bescheidenheit mit der Erkenntnis gleichgesetzt, "dass wir nicht unsere eigenen Werke sind." (Menschliches, allzu Menschliches 588) 

Das, was da ist, wertzuschätzen, in seinem inhärenten Reichtum, in seiner Schönheit, in seiner Qualität, statt auf das zu schielen, was die anderen haben oder was es sonst noch zu haben gäbe - das sind Merkmale einer wahren Bescheidenheit. Sie will nicht auftrumpfen mit dem Gehabe des Habens und auch nicht wehklagen über den Mangel des Nichthabens, sondern bescheidet sich mit dem, was da ist und was aus dem, was ist, von sich aus erwächst. Sie langt nicht gierig und maßlos über die Grenzen des Vorhandenen hinaus, um von dort die Heilung, Erlösung oder Befriedigung zu erwarten. Sie erweitert sich nach dem Maß des inneren Wachsens statt nach den Vorgaben der sozialen oder ökonomischen Standards. 

Bescheidenheit findet sich in jedem Akt der Dankbarkeit für alles, was das Leben geschenkt hat und schenkt. Sie schätzt das Größere, über die eigene Selbstmächtigkeit Hinausgehende, als Quelle und Rahmen für das eigene Vollbringen. Sie sieht sich in einer Reihe von Vorfahren und Ahnen, deren Erbe weitergeführt wird, im bestmöglichen Dienst für die kommenden Generationen und deren Wohl.  


Ein notwendiges Ideal für eine nachhaltig handelnde Menschheit


Bescheidenheit heißt auch, die eigene Bedürfnislage zu reflektieren und die überbordenden Ideale, Ansprüche und Angebote der Konsumgesellschaft zu distanzieren. Sie ist eine Tugend, die jeden Wahn, durch das Anhäufen von Gütern zur eigenen Glückseligkeit zu gelangen, durchschaut und seinen Verlockungen entgeht. Sie geht den Weg der Selbstgenügsamkeit, der Suche nach Zufriedenheit im Geist der Einfachheit. 

Echte Bescheidenheit, die nicht sich aus einer inneren Mangelerfahrung eine Maske der Rechtschaffenheit aufsetzt, sondern jedes Mangelbewusstsein überwunden hat und die Fülle jedes Moments genießen kann, ist die Tugend, die für eine nachhaltig wirtschaftende Welt notwendig ist. Der Wahn des schrankenlosen Produzierens und Konsumierens ist das, was die Welt in den Abgrund führt. Dieser Wahn gründet auf unbefriedigten Ego-Wünschen, die durch die Mechanismen der Werbewirtschaft gefüttert und erweitert werden und, weil ihre Wurzeln in emotionalen Mängeln liegen, die so viele als Kinder erlitten haben, durch die produzierten Güter niemals gestillt werden können. 

Die moderne Wachstumsideologie hat uns eingepflanzt, dass die Wirtschaft unendlich weiter wachsen muss, damit es uns besser und besser geht. Je mehr Güter produziert werden, desto mehr Wohlstand und desto mehr Lebensglück für die meisten, so das Programm. Es ist die Einladung zur Unbescheidenheit, zur Maßlosigkeit und Gier, wie sie die Grundlage des kapitalistischen Wirtschaftens kennzeichnet. Es wird keinerlei Rücksicht genommen auf den Eigenwert der Ressourcen, aus denen wir unsere Reichtümer schöpfen. Vielmehr werden diese ausgebeutet, auf Kosten aller künftigen Generationen. Hier und jetzt soll dem maximalen Lustgewinn nichts im Wege stehen, was danach kommt, ist egal. 

Die Verantwortung für ein gerechtes und ausgeglichenes Weiterleben der Menschheit auf diesem Planeten wird ohne die Kultivierung der Tugenden der Bescheidenheit, Demut und Dankbarkeit nicht zu bewerkstelligen sein. Wir können ihr nur gerecht werden, wenn wir unsere eigenen Ansprüche immer wieder am Gemeinwohl, an den Grundbedürfnissen aller und an den notwendigen Lebensbedingungen künftiger Generationen bemessen. 

Der Volksmund meint spöttisch: "Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr", doch sollten wir uns vielleicht mit einer Umformulierung anfreunden: "Bescheidenheit ist eine Zier, und nix wird's ohne ihr."

Zum Weiterlesen:
Passive und aktive Demut
Dankbarkeit - die hohe Schule der Lebenskunst
Demut als spirituelle Haltung
Zurück zur organischen Selbststeuerung

Montag, 4. Juni 2018

Passive und aktive Demut

adobe stock © beerphotographer
Wir gebrauchen das Wort „Demut“ wenig in unserer Umgangssprache. Wir wollen nicht gedemütigt werden, wir wollen keine Demutshaltung einnehmen. Demut wird schnell mit Unterwerfung und Unterordnung in Verbindung gebracht. Das Wort hat auch einen klerikalen Anstrich: Der Mensch soll sich in seiner Not demütig an Gott wenden. In einer säkularen Welt wollen alle ihre Probleme selbst lösen und vertrauen nicht darauf, dass ihnen eine jenseitige Autorität helfen könnte. 

Opfer der erzwungenen Demut


Was können wir also mit diesem Begriff auf dem Weg unserer Seelenerkenntnis anfangen? Wollen wir die Kraft der Haltung der Demut für uns erschließen, müssen wir sie aus dem Kontext der Macht lösen. Die passive Form der Demut entsteht als Reaktion auf eine Aggression, mit der eine andere Person ihren Raum erweitert und dabei unsere Grenzen überschreitet. Wenn wir den Angriff zulassen und einen Teil unseres Territoriums räumen, werden wir in die Position des Unterlegenen und Gedemütigten gezwungen. In Kriegen werden solche Verhaltensweisen häufig ritualisiert, indem sich die Verlierer unterwerfen müssen und dann dennoch misshandelt oder getötet werden. 

Kinder machen häufig die Erfahrung, dass sie sich der höheren Macht der Eltern unterwerfen müssen, die ihnen Grenzen setzen (was förderlich ist), aber auch Grenzen überschreiten (was demütigend wirken kann). Bleiben dabei Grundbedürfnisse auf der Strecke, kann das Kind zur Überzeugung gelangen, dass es nicht wert ist, zu bekommen, was es braucht. Es kann sich nur den Erwartungen der Großen unterordnen und an das, was möglich ist, anpassen. Es entsteht eine ungesunde Haltung der Ohnmacht, Hilflosigkeit und demütigen Abhängigkeit in der Zurücknahme der eigenen Bedürftigkeit. Im Aufwachsen wollen viele Menschen diese unterworfene Position überwinden und sich aus eigener Kraft darüber hinaus entwickeln. Sie haben erlebt, wie schmerzhaft es ist, gedemütigt zu werden und wollen das nie wieder zulassen. Deshalb fühlen sie sich schnell unwohl, wenn von Demut die Rede ist.  Die Angst vor passiver Demut ist verständlich, und sie schützt vor vielen Machtansprüchen und Grenzverletzungen, die rundherum auf ihre Chance warten. Aber sie verhindert die Herausentwicklung aus der Konterabhängigkeit, die in der Angst verborgen ist. „Nie wieder will ich gedemütigt werden, nie wieder will ich hilflos und machtlos da stehen.“ Das Bestreben, jede Form der Abhängigkeit zu vermeiden, weil sie sofort mit Unterdrückung oder Missachtung verbunden wird, hält in der Abhängigkeit fest, die durch die Abwehr erzeugt und aufrechterhalten wird.  


Wiedergewinnung der Integrität


Menschen, die häufige und wiederholte Grenzverletzungen durch ihre Bezugspersonen erlebt haben, können kein gutes Gefühl für Grenzen entwickeln. Sie neigen dann dazu, entweder schnell zurückzuweichen, wenn sie sich angegriffen fühlen und den Schutz im Innenraum zu suchen oder mit Machtstreben den Außenraum zu okkupieren und möglichst viel seelisches Territorium bei anderen Menschen zu besetzen, um auf diese Weise keine Angst mehr vor Grenzverletzungen haben zu müssen. 

Darum scheuen sie davor zurück, mit allem, was kleiner macht und den eigenen Raum schmälert, in Kontakt zu kommen, sei es auch nur auf der begrifflichen Ebene. Demut wird zu einem Unwort. Selbststabilisierung und Selbststärkung tun not und gut. Die Ich-Struktur muss gefestigt sein, ehe die Annäherung an die andere Seite der Demut möglich ist. Die vielen Demütigungen, die vielen Verletzung der Integrität, die im Lauf der Lebensgeschichte vorgekommen sind, müssen im Inneren durchleuchtet, angenommen und aufgelöst werden. Dann kann sich der Blick aus dem Tunnelblick des verletzten Egos zur größeren Perspektive weiten und der Schritt zur aktiven Demut wird möglich. 


Aktive Demut als Entscheidung


Denn die aktive Demut bedeutet etwas grundlegend anderes als die zugefügte und erlittene Demut. Sie hat nichts mit Macht und Ohnmacht zu tun, sie ist vielmehr ein wichtiger Schritt zur Selbstbefreiung. Sie besteht im Schritt sowohl aus der Abhängigkeit wie aus der Gegenabhängigkeit von allen Beziehungsformen, die mit passiver Demütigung zusammenhängen, und das sind primär fast immer die Beziehungen zu den eigenen Eltern und Erziehungspersonen. 

Aktive Demut setzt eine bewusste Absicht und Entscheidung voraus. Es geht um das Einnehmen einer Perspektive auf das Leben, die über die unmittelbaren Selbstinteressen hinausreicht. Es braucht die Bereitschaft zur tiefen Ehrfurcht vor dem Leben und seinen unergründlichen Zusammenhängen. Die Ehrfurcht gilt dem Leben in allen Erscheinungsformen, dem eigenen und dem, was es sonst noch gibt, und sie erstreckt sich über das direkt Lebendige hinaus. Denn auch das Organische schuldet sein Leben allem Nichtorganischen, das es mit am Leben erhält. Alles hängt mit allem zusammen. 

Es ist eine Entscheidung nötig, um zur Haltung der Demut zu gelangen. Bewusst getroffene Entscheidungen führen uns aus den Bedingungszusammenhängen der Überlebenszwänge heraus. Diese wollen uns einreden, dass wir nur die Wahl zwischen zwei Notwendigkeiten haben: Uns zu unterwerfen oder zu dominieren. Die aktive Demut lässt diese aufgezwungene Alternative hinter sich und wagt den Schritt zur Hingabe an die Weisheit, die eingesehen hat, dass das eigene Überleben nur zum geringsten Teil von den eigenen Handlungen abhängt. 

Auf diesem Weg gelingt die Befreiung von dem fortwährenden Müssen der Überlebenssicherung. Das eigene Leben ist in jedem Moment eine Resultante, eine Folgewirkung aus unzähligen Prozessen und Vorgängen, die vor und weitab unserer Kontrolle und unserem Einfluss liegen. Wie wenig können wir dafür Sorge tragen, dass die Luft, die wir atmen, genug und nicht zu viel Sauerstoff hat und dass die Sonne genug und nicht zu viel scheint und der Regen genug und nicht zu viel gießt, damit unsere Nahrung wachsen kann!  

Aus der Haltung der Demut erkennen und anerkennen wir all diese Zusammenhänge, die uns dauernd und fortwährend schenken, was uns leben und wachsen lässt. Sie verhilft uns zu einer Haltung dem Leben gegenüber, die nicht mehr vom Kämpfen und Krampfen geprägt ist, sondern den Charakter des Fließens annimmt: Aufmerkend auf die Gelegenheiten, die sich bieten, in Angriff nehmend, was zu tun ist und sich aus allem heraushaltend, was Schaden anrichtet.  


Demut gegenüber dem eigenen Leben


Was bedeutet die Demut vor dem eigenen Leben? Zuerst geht es um die Einsicht, dass das eigene Leben ein Geschenk ist, mit all seinen Tief- und Höhepunkten. Alles, was war, gehört zum ganzen, jede Erfahrung umfassenden Bogen. Es geht auch darum anzuerkennen, dass alle Leistungen und Fähigkeiten, alle Lernschritte und Erfolge auf diesen Geschenken beruhen. Jeder eigene Beitrag ist bedingt durch alles, was ihm vorausliegt und was ihn umgibt. Jede individuelle Errungenschaft gelingt, weil anderes den Weg dazu ebnet und geebnet hat. Die eigene Größe und Schönheit, die jeder Mensch und jedes andere Wesen aufweist, verdankt sich in unzählbaren und unübersehbaren Aspekten anderem. 

Diese Einsicht nimmt nichts weg von der eigenen Leistung und Anstrengung, vielmehr fügt sie etwas sehr Wesentliches hinzu: Das Vertrauen auf das Eingebettetsein des Eigenen in dem, was ihm vorausliegt, was es umgibt und dem es sich verdankt. Jeder kann stolz sein und sich an eigenen Fortschritten und Erfolgen erfreuen, aber dieser Stolz ist nur eine kleine Entlastung und Freude im Vergleich zur befreienden Wirkung, die durch das Bewusstsein des eigenen Bedingtseins geschenkt wird. Denn die Verantwortung beschränkt sich auf das eigene Tun, alles weitere obliegt nicht mehr der eigenen Macht.

Ich schreibe diesen Artikel, so gut ich es vermag, stecke hinein an Fleiß und Kreativität, was mir gegeben ist, und bringe es in die Öffentlichkeit, die daraus einen Erfolg oder einen Flop macht. Es wird Leser geben, die etwas aus ihm gewinnen, andere, die ihn enttäuscht überfliegen und viele andere, die ihn nie zu Gesicht bekommen. Ich habe einen Beitrag geleistet, alles Weitere unterliegt anderen Kräften und Mächten.  


Demut als Bekenntnis zum Menschsein


Die Perspektive der Demut ist unerlässlich, wenn wir ganz zu unserem Menschsein stehen wollen. In diesem Begriff vereinigen sich die Größe und die Begrenztheit des Menschen, die Fähigkeit, Grenzen des Erkennens und Wissens auszuweiten, neuen Erfahrungen zu vertrauen, noch nicht Dagewesenes zu erschaffen, aber auch verletzlich, gebrechlich, fehleranfällig, moralisch unzuverlässig und vergesslich zu sein. 

Das Leben mit den digitalen Maschinen, die sich immer mehr in unseren Alltag einmischen werden, zeigt uns augenfällig unsere Begrenztheiten: Unser Gedächtnis ist ein Nudelsieb mit riesigen Löchern, unsere intellektuellen Fähigkeiten langsam wie eine Schnecke im Vergleich mit Geschwindigkeiten, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen usw. Wir erkennen aber auch unsere Stärken, die nie von einer Maschine erreicht werden können: Unsere Liebesfähigkeit, unsere überraschende Kreativität, unser individuell unverwechselbarer Humor, einfach die Besonderheit, die uns ausmacht. Was immer findige Erfinder und Konstrukteure einer Maschine an künstlicher Intelligenz beibringen, ist ein Kunstwerk, aber kein Mensch. Die Begrenztheit und Beschränktheit unserer Lernfähigkeit ist nicht nur ein Nachteil, sondern zeigt uns, dass wir immer angewiesen sind auf andere Menschen und andere Informationsquellen. Der Vorteil liegt also darin, dass wir uns immer rückversichern können und müssen, und damit bleiben wir in Verbindung mit den anderen, im Grund mit der Gesamtheit der Menschen. Und damit sind wir wieder beim Begriff der Demut. Nietzsche hat dazu bemerkt, dass die Demut spricht: "Ich glaube, weil ich absurd bin." Einen Roboter zu bauen, der sich für absurd halten kann, wäre absurd, also typisch menschlich. 


Wir wissen um die letzten Grenzen unserer Existenz, stellen uns den Fragen nach dem letzten Sinn und der letzten Bestimmung und können nur in Demut anerkennen, dass wir darauf keine Antwort finden und nie finden werden.

Zum Weiterlesen:
Demut als spirituelle Haltung
Die Gleichberechtigung des Seins
Letzte Fragen ohne Antworten 
Zurück zur organischen Selbststeuerung

Sonntag, 27. Mai 2018

Aus der zuckersüßen Welt

Viele Ernährungsexperten und Gesundheitsmediziner gehen davon aus, dass Zuckerkonsum suchtbildend wirkt. Und zwar vor allem dann, wenn es um Industriezucker geht. Denn Zucker stimuliert das Belohnungszentrum im Gehirn, und beim normalen Zucker ist die Wirkung rasch verflogen, sodass schnell der Wunsch nach mehr entsteht. Wir haben eine angeborene Vorliebe für Süßen, weil solche Nahrungsmittel früher sehr selten und kostbar waren. 

Der Durchschnittsösterreicher nimmt pro Jahr ca. 33 Kilo Zucker zu sich, das entspricht 110 Gramm oder ca. 33 Zuckerwürfel/Tag. Die WHO empfiehlt, den Konsum von freiem Zucker auf 50 Gramm/Tag (das wären 18,5 kg im Jahr) zu beschränken, noch besser wäre nur die Hälfte. Österreicher nehmen also im Schnitt doppelt bis viermal so viel Zucker zu sich als es gesund wäre und liegen damit in etwas gleichauf mit den USA, die oft wegen ihrer ungesunden Ernährung gescholten werden. In Deutschland wird etwa 10 Prozent weniger Zucker konsumiert, auch noch viel zu viel. Die Schweizer nehmen mit 52 Kilo den vierten Rang im Zuckerranking ein. Die Chinesen und Japaner rangieren mit 3 -4 Kilo/Jahr am unteren Ende der Liste, was sich auch in einer niedrigen Adipositaszahl auswirkt.


Kleine Zuckerkunde


Beginnen wir mit einer kleinen Zuckerkunde: Unter freiem Zucker versteht man vor allem Traubenzucker (Glucose, Dextrose), Fruchtzucker (Fructose), Haushaltszucker (Saccharose) sowie Malzzucker (Maltose) oder auch Zucker, der in Honig, Sirupen (z.B. Maissirup), Fruchtsäften und Fruchtsaftkonzentraten vorkommt. 

Einfache Kohlehydrate werden in Monosaccharide und Disaccharide eingeteilt. Fruktose und Glukose sind Monosaccharide, und sie können sich zu Disacchariden zusammenschließen und werden dann Saccharose genannt. Glukose kann der Körper schnell aufnehmen, während Fruktose in der Leber abgebaut werden muss. Glukose hebt schnell den Blutzucker- und den Insulinspiegel, beides fällt schnell danach wieder ab. 


Fruktose


Fruktose ist nicht das Gesunde am Obstessen, vielmehr dient die Süße als Anreiz für den Konsum Obst enthält viele Mineralstoffe und Vitamine. Es wird auch anders verdaut als reiner Zucker, weil es viele Fasern und Ballaststoffe enthält. Da Fruktose in der Leber abgebaut wird, sollte ein Übermaß an Obstverzehr vermieden werden, doch liegt die Bedenklichkeitsgrenze laut Experten bei 20 Äpfeln am Tag, und das muss man erst mal schaffen, wobei ja Äpfel zu den Obstsorten mit der meisten Fruktose zählen. Gefährlich ist allerdings der Zusatz von Maissirup (High Fructose Corn Syrup – HFCS) in vielen Lebensmitteln, wodurch unsere Leber kontinuierlich belastet wird, ohne dass wir merken, was da vor sich geht.


Zuckerkrankheiten


Jeder weiß, dass Zucker und Zahnkaries zusammenhängen und dass wir von zu viel Zucker dick werden. Während des 2. Weltkriegs, als Japan kaum über Zucker verfügte, sind die kariösen Fälle deutlich zurückgegangen. Zucker raubt unserem Körper Mineralstoffe und Vitamine und bringt unseren Stoffwechsel durcheinander. Er übersäuert unseren Körper. Die Symptome, die in Folge von übermäßigem Zuckerkonsum auftreten können, sind sehr vielfältig und reichen von Immunschwäche bis Depressionen. 


Zuckerfrei leben


Wir wissen wohl, dass Zucker, obwohl er gut schmeckt, eigentlich nicht gesund ist. Und trotzdem hören wir nicht einfach auf, Naschwerk zu genießen: Bonbons bestehen durchschnittlich aus 97% Zucker, Gummibärchen aus 76% und Vollmilchschokolade enthält durchschnittlich 55 % Zucker (das sind etwa 13,5 Stück Würfelzucker). In einem Glas Coca-Cola befinden sich 11% Zucker, also ein paar Stück Würfelzucker; wenn nicht so viel Säure im Cola wäre, brächten wir das süße Zeug gar nicht runter.

Vor ein paar Monaten habe ich aufgehört, freien Zucker zu essen (Fruktose nehme ich nach wie vor zu mir, aber eben nur als Obst). Ich wollte herausfinden, wie tief die seit Kindheit eingeprägte Gewohnheit sitzt. Zumindest von mir kann ich jetzt sagen, dass das Zuckerfasten gar nicht schwer ist. Es geht vor allem darum, Gewohnheiten zu erkennen und zu verändern sowie die vielfältigen emotionalen Anker, an denen sich Zucker eingenistet hat, aufzulösen. Dazu gehört auch, die Wahrnehmung zu schärfen und Produktangaben zu studieren. Denn Industriezucker (freier Zucker) ist in sehr vielen „Lebensmitteln“ verborgen. Vor allem in Form von Maissirup wird unsere Zuckersucht mehr und mehr systematisch gefördert. 

Ich habe mir deshalb die köstlichen Produkte, die unsere Bäckereien anbieten, etwas näher angesehen – und siehe da, viele der unverdächtig wirkenden Gebäcksorten sind mit Zucker angereichert:

Anker:
Topfenkornweckerl:              1,4 g Zucker
Salzstangerl:                              1,9 g Zucker
BIO Dinkelvollkornweckerl: 2,75 g Zucker
Kornspitz:                               1,77 g Zucker
Kürbiskernweckerl:               1,6 g Zucker
Cashew-Vollkornweckerl:     4,4 g Zucker
Herzhaftes Roggenbrot mit 22% Walnüssen: 0,5 g Zucker

Ströck: 
Bio-Dinkelweckerl: 1,7 g Zucker
Bio-Handsemmel: 1,1 g Zucker
Dreisaatweckerl: 1 g Zucker
Laugencroissant: 4,1 g Zucker

Mann: 
Dinkelgebäck: 1,2 g Zucker
Roggen Dinkelweckerl:      0,6 g Zucker
Bio-Salzstangerl: 1,8 g Zucker
Korn-Croissant:                 0,8 g Zucker
Vollkornweckerl: 1,2 g Zucker

Zum Vergleich: 1 g Zucker enthält 4 Kalorien; ein Stück Würfelzucker wiegt 3 Gramm. Die Mengen sind nicht riesig, aber es handelt sich bei diesen Waren ja nicht um Süßigkeiten, und vermutlich nehmen die meisten Konsumenten an, dass sie zuckerfrei essen, wenn sie sich einen Kornspitz genehmigen. Ob es eine bewusst gewählte Strategie ist, die Konsumenten an immer mehr Zucker zu gewöhnen, oder ob mit Zucker nur der Geschmack optimiert werden soll, wissen wir nicht. Für das Resultat ist es auch egal – unser Körper wird auf übermäßige Zuckerzufuhr programmiert. 

Donnerstag, 24. Mai 2018

Dankbarkeit - die hohe Schule der Lebenskunst

Dankbarkeit ist der Himmel selber, und es könnte kein Himmel sein, gäbe es die Dankbarkeit nicht. (William Blake)
AdobeStock© patcharee11

Dank zu sagen hat eine innerlich beruhigende Wirkung. Wir kommen mit unserer Umgebung ins Gleichgewicht, wenn wir anerkennen, was sie für uns macht. Wir haben etwas bekommen und geben den Dank zurück. Wir drücken aus: Du hast mir etwas geschenkt, ich schätze dich dafür. Der Dank sieht nicht nur die Tat, sondern auch die Person und geht damit ein wesentliches Stück über das Geben oder bloße Zurückgeben hinaus.

Im Danken bringen wir ein soziales Gefälle zum Ausgleich, das durch jedes Geben entsteht. Wir stellen die Augenhöhe wieder her, und noch mehr, wir vertiefen die Verbindung. Im zwischenmenschlichen Geben und Nehmen läuft es nie auf eine ökonomisch exakte Tauschbeziehung hinaus: der Wert, den du mir gibst, entspricht genau dem Wert, den ich dir gebe. Vielmehr steigt der Wert der Beziehung durch den Ausdruck der Dankbarkeit, und dieser Wert befindet sich auf einer anderen Ebene als der der Güter und Dinge. Zwischenmenschliches Kleingeld hat einen volatilen Wert, der ganz heikel von der je aktuellen Situation abhängt. Die besondere Währung der Dankeshaltung dagegen ist die unermesslich wertvolle Kraft der Akzeptanz und Liebe.

Es geht beim Danken nicht um ein Wiederherstellen von etwas, das in Unordnung gekommen ist, sondern um ein bereicherndes Fortschreiben des Austausches. Dank kann man sich als gebende Person wünschen und beklagen, wenn er ausbleibt; zwingend kann ein Dank auf ein echtes Geben nicht folgen. Er „gilt“ nur, wenn er aus völliger Freiwilligkeit kommt. In diesem Sinn ist die Rede von einem „verdienten“ Dank irreführend. Wir können uns keinen Dank verdienen wie das Geld für eine Dienstleistung, das vorher vereinbart wurde. Menschliche Beziehungen können nicht auf einem Vertragsprinzip funktionieren, bei dem vorab geregelt ist, was die passende Gegenleistung auf eine bestimmte Handlung ist. Verträge sind einzuhalten, und es braucht kein Extra-Danke. Das ist das Prinzip wirtschaftlicher und politischer Beziehung. Auf der zwischenmenschlichen Ebene bewirkt die Einhaltung solcher Regeln Klarheit und Verlässlichkeit, aber keine emotionale Nähe. 

Näher kommen wir uns dort, wo ein Überschuss erschaffen wird. Liebe enthält diese Dynamik, aus weniger mehr zu erschaffen. Eine Leistung, die wir für jemanden erbringen, kann uns als Selbstverständlichkeit erscheinen. Jemand fällt auf der Straße, wir helfen ihm auf, was sonst? Die Person dankt uns, und wir fühlen uns selbst als Person, nicht bloß als Hilfeleister gesehen und gehen mit einem bereicherten Gefühl weiter. So wirkt die Kraft des Dankes. 

Es scheint einfacher, „danke“ zu sagen als jemandem tatkräftig zu helfen. Das ist ja bloß ein Wort, und Worte sind schnell gesprochen, das erfordert keine Anstrengung, könnte man meinen. Aber darum geht es nicht, vielmehr wirkt die Anerkennung, die persönliche Zusage und der persönliche Zuspruch. Wir meinen und sehen mit dem Dank und wir sind mit dem Dank gemeint und gesehen. 


Am Beginn: Dank als unbedingte Liebe


Als wir als Kleine zu Welt gekommen sind, haben wir alles, was wir zum Überleben brauchten, bekommen. Wir konnten nichts tun als unsere Bedürfnisse äußern, und es gab nichts, was wir anderen hätten geben können außer unserer Dankbarkeit. Natürlich haben wir das Wort „Danke“ erst später gelernt, aber die Haltung war unsere sofortige Reaktion, wenn uns ein Bedürfnis erfüllt wurde: Ein Strahlen, ein Lächeln, eine Entspannung – Liebe, deren Fluss wir einfach waren im Moment der Befriedigung und des Glücks. Wir konnten gar nicht anders als mit all unserem ganzen Wesen dankbar zu sein. 

Und das ist es, was die Eltern und anderen Versorger so reich beschenkt, dass alles Tun, so anstrengend und nervend es manchmal sein kann, unbedeutend dagegen erscheinen lässt. Es ist rein das Dasein der neuen Erdenbürgerin, das jede selbstbezogene Zurückhaltung dahinschmelzen lässt und die Tür zum bedingungslosen Geben öffnet. Liebe wiegt nicht nur alles Tun auf, sondern übertrifft es bei weitem, weil es uns in eine andere Dimension bringt. Da Babys ihre Liebesfähigkeit nicht einschränken können, geben sie den Erwachsenen, die ihre Liebesbegrenzungen bereits verinnerlicht haben, eine bezaubernde Erinnerung an das, was zwischen Menschen möglich ist. Auf diese Weise können sie ihre Hilflosigkeit in allen anderen Belangen mehr als ausgleichen. Und sie geben den Erwachsenen ein Vorbild, wie es auch zwischen ihnen sein könnte.


Das Tauschprinzip


Tauschgeschäfte haben ihre eigene Logik und Emotionalität. Sie beruhen auf dem Reziprozitätsprinzip – so wie du mir, so ich dir, und umgekehrt. Diese Geschäfte brauchen eindeutig definierte Werte als Recheneinheiten. Ein Apfel hat einen Preis, also einen zahlenmäßig ausdrückbaren Wert, der sie für Tauschaktionen tauglich macht. Der Wert wird über einen anonym wirksamen Markt bestimmt. Wir brauchen ein rational überprüfbares Grundvertrauen, um am Markt teilnehmen zu können, nämlich dass wir gerecht behandelt und nicht übervorteilt werden. 

Es geht also um Fairness, an die sich alle Marktteilnehmer halten. Schwarze Schafe können immer wieder auftauchen, werden aber über kurz oder lang ausgefiltert. Dankbarkeit ist in diesem Rahmen nicht erforderlich, weil das Geben und Nehmen vollkommen ausgeglichen organisiert ist. Man macht Geschäfte, schenkt sich aber dabei nichts und bleibt sich nichts schuldig. Und es ist nicht einmal eine persönliche Bekanntschaft notwendig, um Transaktionen abzuwickeln – in Zeiten des Internets eine stetig zunehmende Praxis. Anonymisierung und kompromisslose Geschäftstüchtigkeit sind Teil der Logik und Emotionalität des materialistischen Bewusstseins.

Das Danken ist natürlich auch in den ökonomischen Zusammenhängen geläufig, aber es bleibt im Rahmen der allgemeinen Höflichkeit und steht unter der Maxime der Gewinnorientierung. Unfreundlichkeit ist ein Marktnachteil, Unhöflichkeit vertreibt die Kunden. 


Liebe ist Mehren


Im Kontext der Liebe hingegen hat Dankbarkeit einen konstitutiven Platz und Rang. Da die Liebe im Mehren besteht, also im vermehrten Zurückgeben, in einem Beschenken der anderen Person, im Unverhältnismäßigen. Die Liebe hält sich an keine definierten Werte, weil sie sich nicht beschränken lässt. Sie fließt über alle Regulationen und Einschränkungen hinaus. Sie durchdringt alles auf subtile Weise und erfüllt es mit einem besonderen Licht. Sie bejaht jeden Moment und erkennt seinen tieferen Wert; Dankbarkeit ist nur ein anderes Wort dafür.


Dankbarkeit für Schlimmes?


Am schwersten fällt uns das Dankbarsein, wenn uns Schlechtes widerfährt. Da passiert etwas Missliches, ein Schicksalsschlag, ein eigenes Versagen, eine Gemeinheit, und jetzt sollen wir noch dankbar sein? Was schlimm ist, ist schlimm und verursacht uns alle möglichen unangenehmen Gefühle, Dankbarkeit ist nicht darunter. 

Schon aus Selbstschutz lehnen wir ab, was da geschehen ist und wollen in alle Zukunft hinein verhindern, dass sich ein derartiges Übel wiederholt. Wir sind überzeugt, dass wir Besseres verdient hätten und dass uns die Instanzen, die dafür zuständig wären, verraten haben. Wir hadern mit der Wirklichkeit und mit unserem Schicksal. 

Natürlich hilft uns das Hängenbleiben an solchen Erfahrungen nicht weiter. Wir stecken in unserer Trübsal fest und müssen aufpassen, dass wir uns nicht in unser Leiden verlieben. Erst wenn sich die Schleier des Unglücks heben, finden wir Zugang zu einem weiteren Horizont, der unser eigenes Schicksal relativiert und damit verkleinert. Dann können wir den Schritt zum Akzeptieren vollziehen – es war, wie es war, und was war, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Wir nehmen uns und unsere Wichtigkeit gegenüber dem Ganzen, das uns umgibt, in wenig zurück. Wir üben uns ein Stück in Demut. 


Dankbarkeit als Lebenskunst


Der nächste Schritt ist noch schwerer und kann erst geschehen, wenn die belastenden Gefühle gewichen sind. Damit sind wir nicht mehr so stark auf uns selber und unser unmittelbares Befinden fixiert und können erkennen, dass wir in größeren Spielen mitspielen, deren Regeln wir nur erahnen. An diesem Punkt kann dann behutsam die Dankbarkeit Platz nehmen. Sobald wir ihr diesen Platz einräumen, erleichtern und befreien wir uns. Wir haben zur Kraft der Liebe zurückgefunden und damit uns selbst wieder mit der Welt in Verbindung gebracht.

Dieser Schritt gehört zur höheren Lebenskunst. Er kann erst dort vollzogen werden, wo das Innere dafür den Raum öffnet, und macht keinen Sinn, wenn wir damit überspielen wollen, was noch nicht überwunden ist. Aber wie bei jede Kunstausübung verbessern wir unsere Kompetenz durch die Praxis, mit jedem Mal, wenn wir aus der Enge unserer Selbstverstricktheit in die Offenheit der Dankbarkeit treten können.


Befreiung aus der Opferrolle


Denn solange wir im Lamentieren und Hadern feststecken, befinden wir uns in der Rolle des Opfers. Andere Menschen, unser eigenes Unvermögen oder äußere Umstände haben uns etwas angetan und unsere Erwartungen für ein gutes Leben durchkreuzt. Sie haben uns ein Leiden zugefügt, das wir vermeinen ablehnen zu müssen. Doch ist das Leiden da, und wir verstärken und verlängern es nur, wenn wir nicht zu ihm stehen. Wir verharren in der Spaltung zur Wirklichkeit, die nun einmal so ist wie sie ist. Indem wir uneins mit dem sind, was ist, sind wir in der Opferposition, und die Beschwerde an die Realität kommt leider dort nicht an.

Erst wenn wir erkennen, dass wir in der Opferrolle stecken, indem wir am Leiden festhalten, kann sich ein Ausweg daraus öffnen. Dann erkennen wir, dass wir uns selber im Stacheldrahtverhau der Ablehnung und Verweigerung der Realität eingesperrt haben und dass wir den Schlüssel dazu bei uns tragen. Gelingt es uns, diesen auch zu nutzen und dem Gefängnis zu entrinnen, erleben wir eine neue Freiheit und eine neue Handlungsfähigkeit. Für diesen Verdienst stellt sich Dankbarkeit ein.

Dankbarkeit ist also der effektivste und eleganteste Sprung aus der Opferrolle. Wir anerkennen alles, was uns widerstrebt und gegen den Strich geht, als Regie des Lebens, uns auf unserem inneren Weg weiterzuführen, und ab diesem Moment kann uns das unliebsamste Erlebnis nichts mehr anhaben. Wir lächeln ihm einfach zu.

Francis Bacon schreibt dazu: „Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“

Zum Weiterlesen:
Demut als spirituelle Haltung
Die Gleichberechtigung des Seins
Beklagen - selbsterzeugte Gehirnwäsche
Illusion und Lebenspraxis
Der Hochmut in der Selbstverkleinerung

Samstag, 19. Mai 2018

Die Gleichberechtigung des Seins

In unserer Alltagswahrnehmung sind viele Filter eingebaut, sie dienen dazu, die Vielfalt der Eindrücke zu sichten und zu ordnen. Wir klassifizieren alles, was wir erleben, nach verschiedenen Kriterien, deren Herkunft zumeist in unseren unbewussten Motivationen verborgen ist. In den meisten Fällen wissen wir also nicht, warum wir das eine Erlebnis positiv und das andere negativ bewerten. Wir denken uns zwar, nachdem die Bewertung schon stattgefunden hat, Gründe aus, warum wir so oder so bewerten, aber es sind gefühlsmäßige Reaktionen, deren Herkunft im Dunkeln unseres Unterbewussten liegt, die bewirken, dass wir uns bestimmten Aspekten der Wirklichkeit zuwenden und andere vermeiden.

Die Wirklichkeit, auf die wir uns mit unseren Wahrnehmungen beziehen, geschieht unabhängig von unseren Filtern und Bewertungen. Eine Flutwelle, die uns Angst und Schrecken bereitet und enormes menschliches Leid verursachen kann, läuft als an sich emotionsloses Naturphänomen ab. Der Regen fällt auf das Land, dem einen, der gerade ein Sonnenbad nehmen will, zum Missfallen, dem anderen, der ein Feld bestellt, zur Freude, dem, dessen Besitz durch Hochwasser zerstört wurde, zum Entsetzen. Er findet die Natur grausam und feindlich, während irgendwo anders jemand anderer zur gleichen Zeit durch einen Wald spaziert und ebendiese Natur als wunderschön und friedlich empfindet.


Überlebensfilter


Unsere Bewertungsmaßstäbe haben ihre Wurzeln in den frühen Phasen der Menschheitsgeschichte, in denen es ums Überleben und um die Sicherung des sozialen Zusammenhalts gegangen ist.  Was uns Sicherheit und Zugehörigkeit verspricht, bewerten wir als gut, was uns bedroht, als schlecht oder böse. Das Überleben der Menschen hing davon ab, die richtigen Filter aufzubauen und anzuwenden. Daraus leiten sich die Grundfilter: Gut/Schlecht, bzw. Gut/Böse ab. Vom einen wollen wir mehr, das andere soll so wenig wie möglich auftreten.

Deshalb teilen wir die Welt in diese zwei Kategorien, sobald wir uns im Überlebensmodus befinden. In dieser Perspektive ordnen wir die Wirklichkeit unseren Zwecken unter und streben die maximale Kontrolle über sie an. Es soll nichts Unvorhergesehenes geschehen, weil es uns bedrohen könnte. Bekanntes ist bereits eingeordnet, Neues muss erst klassifiziert werden und erzeugt deshalb Unsicherheit und Misstrauen.


Schönheit gibt es nur ohne Bewertung


Wir müssen aus dem Überlebensmodus heraustreten, wenn wir der Wirklichkeit näher kommen wollen. Wir brauchen einen bewertungsfreien Blick, um die Schönheit der Welt aufnehmen zu können. Denn in dieser Welt ist alles gleichrangig, und das macht die Schönheit ihrer Gesamtheit aus. Kein Teil dieser Welt ist an sich schöner oder hässlicher als ein anderer, keiner besser oder schlechter als ein anderer. Alle diese Elemente, die großen und die kleinen, bewegen sich in einem dynamischen Strom, mal näher, mal weiter weg voneinander. Schönheit können wir nicht im starren Gut-Böse-Schema finden, sondern im Wundern über die Gleichwertigkeit aller Teilchen des Seins.

Wir Menschen haben da die Unterschiede hineingebracht, wie es im Alten Testament symbolisch ausgedrückt wird: Durch das Kosten von der verbotenen Frucht, die vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen stammt. Mit dem Geist der Unterscheidung infiziert, bewegen sich die Menschen fortan mit ihren komplexen Bewertungsprogrammen durch die Geschichte und erzeugen andauernd Gutes und Böses aus einer neutralen Wirklichkeit. Es ist, als ob sie mit Farbtöpfen herumlaufen würden, mit denen sie einen Teil grün und den anderen rot einfärben, während gleich die nächsten kommen und wieder alles in ihrem Sinn übermalen. 


Das Nachher relativiert


Übersehen wird bei dieser Rot-Grün- oder Schwarz-Weiß-Malerei die nuancierte Form der Wirklichkeit, die sich nicht an Entweder-Oder-Schemas hält. Das fällt uns manchmal bei Erlebnissen auf, die uns zunächst völlig gegen den Strich gehen, aufregen oder irritieren und sich nachträglich als Segen herausstellen oder zumindest auch gute Folgen zeitigen. 

Aus dem momentanen Gefühl kommt unsere bewertende Reaktion, die darüber entscheidet, ob uns ein Vorkommnis in den Kram passt, unseren Erwartungen entspricht und uns Vorteile bringt. Wenn nicht, wird das Ereignis schnell in die negative Kiste abgelegt. Wir wenden viel Energie und Denkkraft für die Rechtfertigung und Stabilisierung von solchen Einordnungen auf, indem wir unsere Gedanken um das Erlebte kreisen lassen und uns von anderen bemitleiden lassen. Oft bekommen wir gar nicht mit, wenn solche Ereignisse ihre guten Seiten zeigen, außer es fragt uns jemand nach dem „Guten im Schlechten“. 

Wir vergessen schnell, dass wir schon oft im Leben gelernt haben, wie die Zeit alle Wunden heilt. Unglücke, Unfälle, Verletzungen und Bosheiten, die uns so schwer zu schaffen gemacht haben, verblassen in der Rückschau und haben sich schon längst in Erfahrungen verwandelt, von denen wir erzählen, wieviel wir daraus lernen konnten und wie sie uns weitergebracht haben. Die Zeit macht aus den riesigen Ecken, scharfen Kanten und abgrundtiefen Brüchen unserer Geschichte kleine amüsante Anekdoten, aufgefädelt auf der langen Perlenkette unserer Lebenssaga. 


Auf dem Weg zur Weisheit


Weisheit besteht wohl darin, die Relativität all unseres Leidens zeitgerecht zu erkennen und die Festlegung durch spontan getroffene Bewertungsentscheidungen zu vermeiden. Wir sind nicht die Kontrolleure über unsere Zukunft und wissen nichts über die Konsequenzen aus dem, was uns widerfährt. Wir brauchen uns von Spekulationen nicht irritieren zu lassen, sondern können darauf vertrauen, dass das Leben weitergeht, dass es immer wieder angenehme und unangenehme, verletzende und wohltuende, bedrohliche und förderliche Erfahrungen geben wird, und dass sich viele dieser Erfahrungen im nachträglichen Licht betrachtet gar nicht so eindeutig gut oder böse, sondern in bunt schillernden Farben zeigen. Mit unserer Geschichte kommen wir in Frieden, wenn wir deren Schönheit in all ihren Facetten erkennen und anerkennen können.

Wir erlangen diese Sichtweise leichter, wenn wir uns immer wieder darin üben, bei verschiedenen Gelegenheiten die Gleichberechtigung alles Existierenden zu erkennen. Immer wenn wir die Schleier der Bewertungsmuster wegziehen, zeigt sich uns Vielfalt, Reichtum und Fülle, Überraschendes und Wunderbares, und wir finden damit die gleiche faszinierende Mannigfaltigkeit in uns selber. Mit jeder Bewertung, die wir loslassen und durch das Akzeptieren im Moment austauschen können, tauchen wir in unsere dynamische Natur ein, in das von Erfahrung zu Erfahrung weiterfließende wachsende, nie fertige Leben, das wir sind und das uns umgibt.

Dazu kommt, dass die Sichtweise auf die fundamentale Gleichwertigkeit aller Menschen, Dinge und Lebensformen nicht nur Voraussetzung für jede Demokratie in der menschlichen Gesellschaft ist, sondern auch die Grundlage für Artenschutz, nachhaltiges Handeln und Umwelterhaltung bildet. Sie hängt zusammen mit der Haltung der Demut und ist vermutlich die Perspektive, die sowohl ein menschenwürdiges Leben für möglichst viele und auch den Erhalt der natürlichen Lebensvoraussetzungen auf diesem Planeten sichert, als conditio sine qua non, also als unabdingbare Grundbedingung für eine Zukunft menschlicher Existenz.


Wer weiß, wozu es gut ist...


Zu dieser Thematik passt die bekannte „Wer-weiß-wozu-es-gut-ist“-Geschichte, die es in verschiedenen Varianten gibt:

Es war einmal ein kleines Indianerdorf. Am Rande dieses Dorfes lebte ein alter Indianer. Er besaß nicht viel, aber genug, um zufrieden zu leben. Jeden Morgen schaute er nach seinem einzigen Pferd, um eine Weile bei ihm zu sein. Eines Morgens, als er wieder nach seinem Pferd schauen wollte, war es verschwunden.
Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und sprach sogleich:
»Oh du Armer! Dein einziges Pferd ist dir weggelaufen. Du tust mir leid, jetzt ist dein einziger wertvoller Besitz dahin! Das ist wirklich schlimm für dich!«
Der alte Indianer lächelte und sprach:
»Was bedeutet das schon? Das Pferd ist weg, das stimmt, aber bedeutet das wirklich etwas Schlimmes? Warten wir es ab – wer weiß, wozu es gut ist!«
Der alte Indianer ging auch am nächsten Morgen an die Koppel, dort wo sein Pferd gewesen war. Und auch am übernächsten Morgen tat er es. Plötzlich hörte er herangaloppierende Pferde. Als er aufschaute, da erblickte er sein Pferd. Es war zurückgekommen und mit ihm zwölf der prächtigsten Wildpferde. Sein Pferd führte alle in die Koppel.
Der Nachbar des alten Indianers sah es als erster und rief sogleich: »Oh du Glücklicher. Das ist ja unglaublich, wie viel Glück du hast. Dein Pferd ist zurück gekommen und nun hast du dreizehn Pferde! Das ist toll! Nun bist du der reichste Mann im Dorf!«
Der alte Indianer lächelte und sprach: »Ja richtig, ich habe nun dreizehn Pferde. Aber warum bist du so aufgeregt? Wer weiß, wozu es gut ist!«
Der alte Indianer hatte nur einen Sohn, und dieser begann bald darauf, die zwölf Wildpferde zuzureiten, eines nach dem anderen. Es war eine anstrengende Arbeit, selbst für einen jungen, kräftigen Mann. Und an einem Nachmittag ereignete es sich, dass der junge Sohn, sehr erschöpft, von einem der temperamentvollen Pferde stürzte und sich das Becken brach.
Der Bruch war so kompliziert, dass er nur schlecht verheilte und alsbald war klar, dass der Sohn des alten Indianers für den Rest seines Lebens ein Krüppel sein würde. Nie wieder würde er seine Beine richtig gebrauchen können.
Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und sprach sogleich: »Oh du Armer! Dein einziger Sohn ist ein Krüppel und wird es immer bleiben. Du tust mir wirklich leid, jetzt hast du gar keine Freude mehr am Leben! Ich glaube, es lastet ein Fluch auf dir!«
Der alte Indianer schüttelte den Kopf und sprach: »Und wieder bist du so aufgeregt. Mein Sohn wird vielleicht nie wieder laufen können – das ist möglich! Aber warum sprichst du von einem Fluch? Warten wir doch einfach ab – wer weiß, wozu es gut ist!«
Es begab sich, dass das Volk des alten Indianers in immer größeren Spannungen mit dem Nachbardorf lebte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis eines der Dörfer das Kriegsbeil ausgraben würde.
Alsbald herrschte große Aufregung im Dorf des alten Indianers, denn man wollte gehört haben, dass das Nachbardorf einen Überfall plante. Der Ältestenrat entschied, dem Angriff zuvor zu kommen und das Nachbardorf unverzüglich zu überfallen. Alle jungen und gesunden Krieger hatten sich sofort für den Krieg zu rüsten.
Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und erzählte dem alten Indianer voller Verzweiflung davon: »Stell dir nur vor – mein Sohn muss in den Krieg ziehen. Was hast du für ein Glück, dein Sohn darf im Dorf bleiben, denn er ist ja ein Krüppel. Du hast wirklich großes Glück! Zwar ist dein Sohn nicht gesund, aber er wird leben. Wer weiß, ob ich meinen Sohn jemals wieder sehe. Wie musst du dich glücklich schätzen, dass dein einziger Sohn verschont bleibt!«
Der alte Indianer schüttelte den Kopf und sprach: »Und wieder bist du so aufgeregt. Hast du denn gar nichts aus der Vergangenheit gelernt? Schon wieder entscheidest du sofort, ob etwas gut oder schlecht ist. Was wissen wir denn schon? Warten wir doch einfach ab – wer weiß, wozu es gut ist!«
Die jungen Krieger überfielen das Nachbardorf und hatten leichtes Spiel, denn dort hatte man nicht mit ihrem Angriff gerechnet. Sie machten reiche Beute und kehrten siegreich und mit schwer beladenen Pferden zurück.
Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und erzählte dem alten Indianer voller Stolz davon: »Stell dir nur vor, wie viel unsere Krieger erbeutet haben. Wir sind jetzt alle reich, nur du nicht, du armer alter Mann, denn dein Sohn war ja nicht dabei! Du hast wirklich Pech! Das muss ja furchtbar für dich sein! Wir werden unsere Zelte reichlich mit der Kriegsbeute füllen!«
Der alte Indianer schaute ihn an, seufzte tief und ging wortlos in sein Zelt zurück.
Aber dann wandte er sich doch noch einmal um, sah seinen Nachbarn eine Weile an und sprach: »Und wieder lernst du nichts aus der Vergangenheit? Schon wieder entscheidest du sofort, ob etwas gut oder schlecht ist. Was wissen wir denn schon? Wir sehen doch immer nur einen kleinen Teil vom Ganzen. Warten wir doch einfach ab – wer weiß, wozu es gut ist!«
Die Stammeskrieger feierten den Sieg bis tief in die Nacht und stolze Väter und stolze Mütter sorgten für das beste Essen, viel Tanz und viele Getränke. Es war kurz vor dem Morgengrauen, als sich alle müde in ihre Zelte begaben.
Im Nachbardorf hatte man unterdessen einen Gegenangriff vorbereitet, und im Morgengrauen kam die Rache für die erlittene Demütigung. Die Krieger des Nachbardorfs drangen in jedes Zelt ein und wenn sie dort etwas von ihren Gegenständen fanden, wurden alle im Zelt grausam getötet. Niemand überlebte den Gegenangriff – nur der alte Indianer und sein Sohn wurden verschont!
Der alte Indianer dachte an seinen Nachbarn, lächelte und sprach zu sich: »Siehst du, wie wenig wir doch vom Ganzen sehen. Erst viel später erkennen wir, wozu etwas gut war!«

Zum Weiterlesen:
Demut als spirituelle Haltung
Polaritäten lähmen, Kontinuen befreien
Polaritäten - Ursprünge und Folgen