Sonntag, 14. April 2019

Das Kind in uns

Das innere Kind ist eine modellhaft angenommene Instanz in uns selber, die alle Erfahrungen mit den zugehörigen Gefühlen aus der frühen Zeit unseres Lebens gespeichert hat. Diese Instanz wird genutzt, um den Unterschied zwischen der erwachsenen Lebens- und Sichtweise der des Kindes zu erleben. Die Erfahrungen aus der Kindheit wirken vor allem auf der emotionalen Ebene ins Erwachsenenleben hinein, oft ohne dass das auffällt. Dann kommt es dazu, dass Erwachsene wie Zweijährige zornig werden oder wie Babys in Traurigkeit versinken. Für die meisten Menschen erscheint es selbstverständlich, dass sie reagieren, wie sie reagieren, weil sie annehmen, dass sie eben sind wie sie sind und nicht anders sein können.  

In der Regel handelt es sich aber um unverarbeitete und nicht integrierte Erfahrungen aus der Kindheit, die im Erwachsenen reinszeniert werden. Plötzlich werden die erwachsenen Kompetenzen außer Kraft gesetzt, Hilflosigkeit, Verzweiflung oder blinde Aggressionen können sich breit machen – so stark kann die Macht des inneren Kindes sein. 

Wenn die Machtübernahme durch das innere Kind wieder abgeebbt ist, entsteht häufig Scham, mit der scheinbar der Erwachsene die Aktion bewertet: Wie konnte ich mich nur so aufführen? Oder die Reaktion ist trotzig: Es geschieht den anderen recht, die mich in die Enge getrieben haben, wenn sie jetzt unter meinem Zorn leiden. Das sind typische pseudoerwachsene Rechtfertigungen bzw. Rückzugsgefechte des inneren Kindes, das sich auch hier wieder mit Wiederaufführung von kindlichen Erfahrungen der Angst und Verletzung meldet.  

Ersatzreaktionen 


Die sekundären Reaktionsweisen der Scham und des Trotzes zeigen die Opfer- und die Täterseite des inneren Kindes. Meist treten sie Hand in Hand auf die Bühne des inneren Erlebens und je nach der Charakterstruktur oder der Beziehungsdynamik im Elternhaus überwiegt das eine oder das andere, also die Neigung zum aggressiven Trotz (Täterseite) oder zur schamerfüllten Resignation (Opferseite).  

Wird der Unterschied zwischen der erwachsenen und der kindlichen Instanz bewusst, so braucht es keine sekundären Reaktionen mehr, um das Auftreten des inneren Kindes mit seinen impulsiven Gefühlen zu verarbeiten. Statt Ersatzgefühlen werden die ursprünglichen Emotionen zugänglich, z. B. wird hinter einer Eifersucht Angst oder Schmerz spürbar. Die erwachsene Instanz kann sich dann achtsam und liebevoll der kindlichen Gefühle annehmen und sie behutsam befrieden.  

Je deutlicher dieser Unterschied in der eigenen Psyche und ihren Äußerungen zur Kenntnis gelangt, desto weniger werden folglich Ersatzreaktionen auftreten, die im Erwachsenenleben in der Kommunikation Unklarheiten schaffen und Verwirrung stiften. Stattdessen können die kindlichen Gefühle gespürt werden, und wenn die Umstände passen, auch ins Fließen kommen und dann wieder abebben. Unsere Mitmenschen werden schneller verstehen, was los ist und können meistens besser mit den einfachen Gefühlen zurechtkommen als mit den komplexen Abwehr- und Rechtfertigungsstrategien, mit denen sich das verschreckte innere Kind hinter dem unbeholfenen Erwachsenen versteckt. 

Grundlegende Schutzgefühle 


Das innere Kind kennt vor allem diese beiden als unangenehm erlebten Gefühlsenergien, die grundlegenden Schutzgefühle: Traurigkeit und Angst. Daran schließen sich häufig Zorn und seltener Ekel an. Komplexer ist das Gefühl der Scham, weil es mit der sozialen Bewertung des eigenen Verhaltens verbunden ist. Andere Gefühle wie Neid, Eifersucht, Verzweiflung, Hilflosigkeit usw. gelten als Ersatzgefühle, denn hinter ihnen stecken Traurigkeit und Angst, und sie lösen sich auf, wenn die ursprünglicheren Gefühle gespürt und angenommen werden können. 

Zu den Ersatzreaktionen oder sekundären Gefühlen zählen auch übertriebene Freundlichkeit (statt Wut), unechtes Lachen (statt Traurigkeit), Verlegenheit (statt Angst). Es sind Reaktionen, die im Lauf der Kindheit angelernt werden, um mit schwierigen Situationen in der sozialen Interaktion zurecht zu kommen. Sie haben allerdings in der erwachsenen Welt keine Funktion mehr und wirken hemmend und störend auf das Weiterkommen und auf die kommunikativen Beziehungen. 

Der direkte Kontakt zwischen der Erwachsenenpersönlichkeit und dem inneren Kind überbrückt die sekundären reaktiven Gefühlsmuster und verbindet zur unmittelbaren Erfahrungsebene des Kindes. Es handelt sich dabei auch um einen Vorgang der Komplexitätsreduktion: Je früher die kindliche Erfahrung, desto einfacher sind die Gefühlsabläufe gestrickt und desto einfacher kann die Abhängigkeit von ihnen aufgelöst werden. Je näher die Gefühle der organischen Regulation sind, desto weniger gedankliche Muster sind beigemengt. Die Komplexität im Gefühlsleben entsteht durch die Ausbildung der Großhirnareale, die die unterschiedlichen sozialen Erfahrungen mit kognitiven Assoziationen abspeichern.  

Die Wirksamkeit der Arbeit mit dem inneren Kind beruht auf dieser Vereinfachung. Die Gefühle fühlen sich auf dieser Ebene real und stimmig an, sie brauchen kein rationales Verständnis, es genügt ganz einfach, sie zu spüren und zu akzeptieren. Denn häufig liegt die Quelle des Leidens des Kindes darin, dass die Gefühle, die es spürt, von den Menschen in der Umgebung nicht akzeptiert wurden. So blieb es allein mit seinem Befinden und fühlte sich verlassen und abgeschnitten von den wichtigen Personen in seiner Nähe.  

Um die Ängste zu bannen, die unweigerlich in solchen Situationen auftauchen, blieb nur der Ausweg, die ursprünglichen Gefühle mit Schutzmechanismen abzusichern, die darüber angelegt wurden und den Sinn haben, die soziale Anbindung wiederherzustellen und den Schaden zu reparieren. Die Verantwortung für den Schaden nimmt das Kind ganz auf sich, weil es meint, sein Fühlen wäre das, was zur Abweisung und Abneigung der Erwachsenen geführt hat. Also muss es sein Fühlen abstellen oder in eher akzeptierte Ersatzgefühle umwandeln, um wieder als liebenswertes Kind wahrgenommen zu werden.  

Wohlwollende Akzeptanz 


Deshalb ist es so wichtig, die Gefühle des inneren Kindes wohlwollend zu akzeptieren. Dass es in Ordnung ist, zu fühlen, was gefühlt wird, ist eine heilende Botschaft, die die Seele von der Notwendigkeit befreit, Gefühle gegen Ersatzgefühle auszutauschen und damit die eigene innere Wahrheit und Authentizität für die Anpassung an die Erwartungen der Umgebung zu opfern. Ich darf so fühlen, wie ich fühle, heißt so viel wie: Ich darf so sein, wie ich bin. Ich brauche mich nicht zu verbiegen, um geliebt zu werden.  

Hier beginnt die Selbstliebe, der intime annehmende und zuwendende Akt zu sich selbst. Der Weg der Selbstliebe ist immer auch eine Liebesbeziehung zum kleinen Kind in uns, dem viel von der Liebe gefehlt hat, die es gebraucht hätte. Liebe heißt, alles anerkennen, was ist, alles so sein lassen, wie es ist und alles umfassen, was ist. Für das verletzte und vernachlässigte innere Kind ist das eine neue Erfahrung, die wie Balsam auf die Wunden wirkt. 

Das spielerische Kind 


Was braucht das innere Kind noch? Es will spielen und fröhlich sein. Mit dem Kontakt zum inneren Kind begegnen wir nicht nur Schmerzen und Ängsten, sondern auch der Neugier und Spontaneität des Kindes und können sie mehr in unser Leben einladen. Begegnen wir als Erwachsene der Welt genug auf spielerische Weise oder gehen wir zu ernst mit dem Leben um? Folgen wir unserer Neugier, wenn es um Entscheidungen geht, oder mehr unseren Gewohnheiten? 

In all diesen Bereichen ist es hilfreich für die Erweiterung und Befeuerung der Lebensfreude, des Genießens und der Leidenschaft, die Energien des inneren Kindes wiederzubeleben. Damit erschließen wir die Urquellen unserer Lebendigkeit, den Fluss der Energien. Wir verbinden uns mit den Anfängen unserer Kreativität, mit der Fähigkeit des Wunderns und der Dankbarkeit für alles, was es gibt. Kinder staunen über die Buntheit und Vielgestaltigkeit der Welt, und diese Fähigkeit sollten wir nie verlieren. 
  

Das innere Kind in der Kommunikation 


Es ist auch hilfreich und förderlich für die zwischenmenschliche Kommunikation und das Zusammenleben, bei unseren Mitmenschen darauf zu achten, wenn sie in ihrem Verhalten in kindliche Reaktionen geraten. Dann fällt es uns leichter, die Gefühle dahinter zu verstehen, statt über deren ersatzweisen Ausdruck, der uns oft zur aktuellen Situation unpassend erscheint, verdutzt oder geschockt zu sein.  

Wir können besser damit umgehen, wenn jemand traurig ist oder Angst hat, als wenn jemand unkontrolliert wütend, gehässig oder unzugänglich gehemmt ist. Und wir tun uns leichter mit diesen Gefühlen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass sie nicht von unserem erwachsenen, sondern von unserem kindlichen Gegenüber kommen. In dem Maß, wie das Verständnis für das eigene innere Kind und seine Bedürfnisse wächst, wird unsere Fähigkeit zur Empathie für andere gestärkt. 

Vielleicht sollten wir uns ab und zu daran erinnern, dass wir selbst und auch die anderen Menschen ein verletztes und unverstandenes inneres Kind kennen und in sich tragen. Diese Vergewisserung kann uns helfen, verständnisvoller und gelassener im Umgang miteinander zu werden. 
  

Das innere Kind in der Therapie 


In der Therapie ist es häufig angebracht und sinnvoll, mit dem inneren Kind zu arbeiten. Das Konzept dahinter ist für die meisten Menschen intuitiv verständlich und leicht nachvollziehbar. Es ermöglicht der Klientin, sich von starken und belastenden Gefühlen zu distanzieren: Ich bin nicht dieses schlimme Gefühl, sondern ich habe es. Und das Gefühl hat mehr mit früher als mit jetzt zu tun. Seine Intensität, seine Heftigkeit stammt aus einer Erfahrung von Hilflosigkeit aus der Kindheit. Jetzt kann ich erwachsen sein und mein Leben meistern, auch wenn sich ab und zu das innere Kind mit seinen Schmerzen, seiner Verzweiflung, seiner Angst meldet. 

Gelingt es, die tiefen Gefühle dem inneren Kind zuzuordnen, wird eine innere Distanz zum Erleben möglich, ohne dass die Gefühle unterdrückt oder abgespalten werden müssen. Vielmehr wachsen in diesem Prozess das innere Verständnis und die Selbstannahme.  

Der Erwachsene kann geben, das Kind kann nehmen: Sicherheit, Vertrauen, Mut, Trost. Damit werden beide Seiten gestärkt: Das innere Kind fühlt sich in seinen Gefühlen angenommen und entlastet, während der erwachsene Teil an seiner Kompetenz, sich liebevoll um das innere Kind zu kümmern, an Fürsorge und Mitgefühl weiterlernt.  

Dabei ist darauf zu achten, dass eine gute Balance zwischen dem Erwachsenen und dem inneren Kind gebildet werden kann. Beide Seiten haben ihr Recht und ihren inneren Raum, nur gehören die Aufgaben in der Realität zum erwachsenen Ich, bei denen das innere Kind keine Führungsrolle übernehmen sollte. Es begleitet mit seinen Gefühlen und seinem Gespür all die Entscheidungen, die im täglichen Leben gefällt werden. Die Obsorge für alle Details und Schritte sowie die Verantwortung liegt aber ganz beim Erwachsenen.  

Die Therapeutin hat die Aufgabe, beide Seiten im Klienten zu stärken und dabei zu helfen, die Beziehung zwischen beiden tragfähig und offen zu gestalten. Ziel der Arbeit ist eine ausgeglichene Persönlichkeit, die offen für ihre Gefühle ist und das erwachsene Leben mit all seinen Herausforderungen meistern kann. Kreativität und Spielfreude haben ausreichend Platz neben allen anderen Aktivitäten, die zum Leben gehören. Es fällt leicht zu unterscheiden, wann sich das innere Kind meldet und wann der erwachsene Anteil aktiv ist. 

Manchmal braucht es Zeit, dass der Kontakt zwischen der Erwachsenenperson und dem inneren Kind zustande kommt. Das ist vor allem dann der Fall, wenn jemand eine schwere Kindheit mit viel Ablehnung und emotionaler oder physischer Gewalt hatte. Dann kann es sein, dass das innere Kind ganz weit ins Innere zurückgezogen ist, als wollte es sich verstecken. Es zeigt sich verzagt und scheu. Hier ist viel Geduld notwendig, um sich langsam und schrittweise anzunähern und eine Vertrauensbrücke zu diesem verschreckten Kind aufzubauen. Dann entsteht zunehmend ein Raum für fürsorgliche und warme Gefühle, die der Klient in der Folge auch in anderen Bereichen seines Lebens einbringen kann. 

Die innere Beziehung zwischen den kindlichen und den erwachsenen Anteilen stiftet eine Kontinuität in der Lebensgeschichte, die auch die oft schwierigen Übergänge zwischen den einzelnen Lebensphasen enthält. Alle Erfahrungen, die angenehmen und die unangenehmen, haben ihren Platz und finden ihre Würdigung. An die Stelle eines unvollständigen Mosaiks von isolierten Fragmenten tritt ein eindrucksvolles Gesamtkunstwerk, das die eigene Lebensgeschichte repräsentiert. 

Zum Weiterlesen:
Der Raub des Selbst
Das Ja zum Selbst
Die interne Kommunikation pflegen

Sonntag, 7. April 2019

Hass im Internetzeitalter

Wir erleben eine Zunahme von Hassäußerungen in der Öffentlichkeit, vor allem in den sozialen Medien. Sind das Anzeichen für, wie manche Kommentatoren vermuten, eine Verrohung der Gesellschaft, eine Verschlechterung der Umgangsformen und die Auflösung der Moral?  

Ich denke, dass bei diesem Thema neben vielen anderen zwei Aspekte wichtig sind: Die Möglichkeit der Anonymisierung und die Nutzung dieser Möglichkeit für die Schwächung der gesellschaftlichen Solidarität durch das Anfeuern von Rückkoppelungseffekten. 

Mit dem Internet sind Kommunikationsformen entstanden, die früher völlig ungeahnt waren. Es ist einfach geworden, anonym „die eigene Sau rauszulassen“, also tief schlummernde schlimme Gefühle, Schimpfworte und unausgegorene Ideen ohne soziales Risiko zu veröffentlichen. Die vielen aggressiven Hasspostings, die tagtäglich veröffentlicht werden, zeugen davon, dass es in unserer Gesellschaft eine große Anzahl von Menschen gibt, die aggressiven Hass in sich tragen und nur darauf warten, ihn nach außen zu geben.  

Ob das früher anders war, können wir gar nicht beurteilen, weil es die entsprechenden technischen Möglichkeiten nicht gegeben hat, solche Gefühle so einfach und geschützt in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Leserbriefseiten der Zeitungen wurden redaktionell betreut und extreme Äußerungen herausgefiltert. Erst das Internet hat diese Form der Zensur aufgehoben, und es kann faktisch jeder alles an die Öffentlichkeit bringen, anonym und scheinbar ohne dafür belangt werden zu können. Es ist die Sicherheit vor Konsequenzen, die es leicht macht, jedes Aufstoßen aus den dunklen Abgründen des eigenen Seelenlebens rücksichtslos nach außen gegen andere zu kehren. 

Aggression gegen Randgruppen


Was wir anhand zahlreicher historischer Beobachtungen feststellen können, ist die starke Tendenz bei vielen Menschen, gegen Schwächere, Minderheiten, Ausgegrenzte, Fremde aggressiv und gewaltsam vorzugehen, kaum erlaubt es die Gesellschaft oder die Obrigkeit. Ein Beispiel ist die Phase des Terrors während der Französischen Revolution, während der jeden Tag Hunderte unter dem Beifall der Massen geköpft wurden.  

In solchen Ereignissen zeigt sich meines Erachtens das Ausmaß des Hasses, das in den Menschen vorhanden ist. Wer sich mit dem eigenen Innenleben beschäftigt hat, weiß um die dunklen Seiten, die in einem selbst und in der Tiefe jedes Menschen schlummern, und von dort kommen alle destruktiven Gefühle und Impulse. Realistisch betrachtet, ist niemand frei davon. Das Unbewusste baut oft eine Mauer um diese Gefühle auf, die aber durch bestimmte Außenerfahrungen mit anderen Menschen überwunden werden und dann nach außen ausgelebt werden.  


Selbstverantwortung und Innenarbeit


Wer viel Innenarbeit gemacht hat, kann diese Gefühle in einem geschützten Rahmen durchleben und damit ihre Macht und Gewalt schwächen. Dadurch schwindet die unbewusste Neigung, anderen Menschen die zerstörerische Kraft solcher Gefühle zuzumuten. Im Gegenzug entsteht mehr Raum für offene Menschlichkeit und Liebe. Statt Hass gegen andere Menschen zu empfinden, die einem Angst machen, wird es möglich, Verständnis und Mitgefühl zu zeigen und damit zum zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Frieden beizutragen. 

Oberflächlich betrachtet, protestieren viele mit ihren Hassäußerungen gegen Frustrationen und Ungerechtigkeiten rund um ihre Lebensumstände, die sie durch neue Entwicklung bedroht sehen und vor denen sie sich von der Politik zu wenig geschützt und unterstützt fühlen.  Psychodynamisch betrachtet, wissen wir allerdings, dass nach außen gerichteter Hass z.B. gegen Minderheiten, Mächtige oder Schwache mit unverarbeiteten Kindheitserfahrungen zu tun hat. Was wir als ohnmächtige Kinder erlitten haben, als wir selber schwach waren, wollen wir im Hass andere spüren lassen. Sie sollen leiden, wie wir selber gelitten haben, oder noch schlimmer. 
  
Die Kränkungen aus der Kindheit gehören in eine Therapie, in der sie bewusst gemacht, betrauert und in andere Gefühle umgewandelt werden können. Die Sichtweise, dass jede Person für ihre Gefühle und für deren Ausdruck selbst verantwortlich ist, bietet den einzigen Ausweg aus den projektiven Hassgeschichten, an denen die Menschen, die projizieren, im Grund selber leiden. Sie suchen für dieses Leid ein Ventil suchen, das ihnen die Anonymität des Mediums bietet. Aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung hat verstanden, wie wichtig die Verantwortungsübernahme für das eigene Gefühlserleben ist. Und ein noch kleinerer Teil hat in sich der Mühe unterzogen, die entsprechenden Themen zu bearbeiten und die projektiven Hasstendenzen in sich aufzulösen. 

Deshalb ist es notwendig und sinnvoll, dass gegen das Hassposten Strafen verhängt werden. Der Rechtsstaat hat die Aufgabe, die Menschen für ihr gemeinschaftsschädigendes Verhalten zur Verantwortung zu ziehen. Durch das Verhängen von Strafen wird hoffentlich langsam dämmern, dass der Ausdruck von Hass auch in scheinbar anonymen Zusammenhängen unangenehme Konsequenzen haben kann. Alle gesellschaftlichen Gruppen und Einzelpersonen, auf die sich die Hasspostings beziehen, müssen mit allen Mitteln der Gesetzgebung und –vollziehung geschützt werden. Dazu gibt es jetzt auch Gesetze, die diesem schädlichen Verhalten Grenzen setzen und die Täter zur Verantwortung ziehen, soweit sie ausgeforscht werden können. 

Die Multiplikationseffekte 


Der zweite Aspekt bezieht sich darauf, dass es durch die Zunahme von Hassausbrüchen im Netz zu Rückkoppelungseffekten kommt, die uns Sorge bereiten sollten. Zunächst kann das Beispiel von Mitmenschen, die offensichtlich ohne Scheu andere mit ihrem Hass besudeln, andere ermutigen, es ihnen gleich zu machen. Die eigenen Kontrollmechanismen, die bisher durch die Scham den Ausdruck des inneren Hasses blockiert haben, werden löchrig, weil es offenbar in bestimmtem Rahmen gesellschaftsfähig geworden ist, böse, menschenfeindliche Gedanken und Ideen auszudrücken und sich damit zumindest kurzfristig mächtig, überlegen und stark zu fühlen.  Dazu ein Zitat: Sie müssen sich vorstellen, Herr Bürger, das, was ich heute sage, ist vor drei Jahren in der Europäischen Union von vielen als rechts oder rechtsradikal bezeichnet worden! (Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz in einem ORF-Interview mit Hans Bürger, 2018)

Ähnlich war beim Aufkommen des Nationalsozialismus vielfach zu beobachten, wie ansonsten „anständige" Bürger mit öffentlicher Erlaubnis und Billigung durch das Regime zu bösartigen, hasserfüllten Antisemiten wurden, die ihre Nachbarn, mit denen sie vorher friedlich zusammengelebt hatten, beschimpft, bespuckt und ausgeraubt haben. Wenn der Hass, der in uns allen steckt, durch eine Ideologie, die an die Macht gekommen ist, eine Richtung bekommt, dann bricht er sich viel leichter Bahn und verrichtet seine Arbeit an der Zerstörung der gesellschaftlichen Basis.  

Die Zerstörung des Zusammenlebens 


Denn das war neben den Millionen an Toten und den zertrümmerten Städten die noch tiefere und katastrophalere Auswirkung der NS-Diktatur: Die Korrumpierung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der durch ein Minimum an gegenseitiger Achtung gewährleistet werden muss. Die systematische Entmenschlichung eines Teils der Menschen in der Gesellschaft, die Hauptideologie der Nationalsozialisten, hat ihre Spuren hinterlassen, die nicht einfach durch den gewaltsamen Sturz des Regimes getilgt waren. Die Nachkriegsdevise war eigentlich nicht das propagierte Vergessen, sondern eher die Archivierung der Gefühle mittels einer Deckel-drauf-Strategie: Fokussierung auf den Wiederaufbau und so tun, als wäre nichts – oder fast nichts gewesen.  

Deshalb ist es kein Wunder, dass der Antisemitismus und die in ihm wirksamen Hassgefühle bis heute weiterschwelen, wie Entzündungsherde, die nie ausgeheilt wurden. In vielen Fällen werden sie an die Nachgeborenen weitergegeben, die die bösartigen Geschäfte für ihre Vorfahren erledigen. Die in bestimmten Kreisen nach wie vor immer wieder aufbrodelnde Thematisierung des Nationalsozialismus unter verharmlosenden und relativierenden Gesichtspunkten durch Menschen, die lange nach dem Ende des 2. Weltkriegs geboren sind, weist auf das Ausmaß der unaufgearbeiteten kollektiven Traumatisierungen aus dieser Zeit hin. Wir können an diesen hochploppenden Sumpfblasen erkennen, auf welchem Pulverfass wir noch immer sitzen, wie viele Blindgänger in den Seelen der Menschen schlummern, und auch, wie die Themen mitsamt der unbewussten Gefühlsenergien an die Nachkommen weitergegeben werden. 

Ein kleiner Ausflug in die Nachkriegsgeschichte 


Diese Geschichtsblindheit hängt mit der Vertuschungsstrategie zusammen, die in der Nachkriegszeit in vielen Kreisen betrieben wurde – im Schock infolge der massiven materiellen Zerstörungen und angesichts der Erkenntnis, welche verheerenden Auswirkungen die Ideologisierung auf die Moral hatte, der die meisten wehrlos ausgeliefert waren. Angesichts dieses massiven emotionalen Drucks und der enormen Schuld, die kollektiv zu tragen gewesen wäre, ist die ebenso massive  Abwehr verständlich, die darin bestanden hat, möglichst viel von den Gräueln totzuschweigen und statt dessen die Ärmel aufzukrempeln und die ganze Wut und Frustration in die Arbeit des Wiederaufbaus zu stecken.  

Dann kam mit den 60er Jahren eine neue Generation, die erste nach dem Krieg, die in Sicherheit und wachsendem Wohlstand aufgewachsen war, aber die unbewältigten Traumen der Eltern zu tragen hatte. Sie war misstrauisch auf das Verschweigen der Gräueltaten, auf dem der gesellschaftliche Konsens zu beruhen schien. Sie forderte eine neue Welle der Aufklärung und der Aufarbeitung der Vergangenheit, um die Spuren des Nationalsozialismus in der Gesellschaft beseitigen zu können. Der Hass dieser Generation richtete sich aufs “Establishment”, auf die Mächtigen und Reichen. Damit waren auch die autoritären Eltern gemeint, die in ihrer Erziehung im Sinn der schwarzen Pädagogik noch den NS-Prinzipien folgten.  

Es kam in der Folge in den westlichen Staaten zu wichtigen Schritten in der gesellschaftlichen Erneuerung, z. B. in der Stärkung der Frauenrechte, in der Einführung von Mitbestimmung in Schulen und Arbeitsstätten, in der Modernisierung des Strafrechts usw. Doch der Kapitalismus, dem in dieser Zeit bestimmte Schranken auferlegt wurden, hatte seinen Einfluss noch lange nicht verloren. In den 80er Jahren setzte mit der Digitalisierung und Globalisierung ein neuer Schub der Effizienzsteigerung der Güterproduktion ein, der die linken Bestrebungen zur Sozialreform in die Defensive drängte, in der sie heute noch stecken.  

Im Windschatten des Neoliberalismus, der seine Sachzwangs- und Leistungsideologie nicht nur in die wirtschaftlichen Abläufe, sondern auch in die Gehirne der Menschen implantiert hat, machten sich die Ressentiments breit, gespeist aus einer Hilflosigkeit gegenüber den wirtschaftlichen „Notwendigkeiten” und der Enttäuschung über die „unfähigen” Politiker bzw. das unmenschliche und korrupte „System”. Die Frustbürger begannen mehr und mehr, das demokratische System zu an den Wurzeln anzugreifen, indem sie Demagogen folgten, die die Ursachen der Misere nicht in den ökonomischen Verhältnissen und deren mentalen Folgen suchten, sondern in sozialen Randthemen wie dem Sozialschmarotzertum oder der Ausländerfrage. Dazu kommen noch homophobe und antisemitische Einstellungen, und verbreitet ist in dieser Szene neben einer Wissenschaftsfeindlichkeit die Klimawandelskepsis.


Entsolidarisierung


Die Entsolidarisierung der Gesellschaft ist ein gemeinsamer Nenner dieses Sammelsuriums der populistischen Themen: Das „Eigene” gegen das „Andere” auszuspielen, bedeutet immer, eine Spaltung in die Gesellschaft einzuziehen, mit dem Ziel, dass sich jedes Mitglied deklarieren muss, auf welcher Seite es steht. Zwischenpositionen darf es nicht geben. Die Gesellschaft als Ganzes, in der all die unterschiedlichen Schattierungen und Individualitäten ihren Platz haben und garantiert bekommen, gibt es in diesem Denken nicht, und der Hass ist der emotionale Sprengstoff, der die Trennlinien absichern soll. 

Paradoxerweise wirken alle, die den Schwarz-Weiß-Demagogen auf den Leim gehen und deren Sichtweisen übernehmen, an der Entsolidarisierung mit, an der sie leiden und deren Unsicherheiten sie belasten. Der Populismus kann als die Kunst definiert werden, den Menschen Perspektiven und emotionalisierte Einstellungen einzureden, die angeblich die Probleme in ihrem Leben verbessern, obwohl sie dadurch in Wirklichkeit schlechter werden und genau das Leiden vertiefen, vor dem die Abhilfe versprochen und propagiert wird. Zum Beispiel lebt vermutlich niemandem in Ungarn besser, weil ein Grenzzaun vor allen Asylsuchenden und Flüchtlingen schützt, aber die Angst davor, dass sie doch kommen könnten, wird vehement propagiert und damit vertieft sich die Verunsicherung und Angst. 

Die Verdrehung des Heimatbegriffs 


Die Untergrabung der gesellschaftlichen Solidarität kann an der Verwendung des Heimatbegriffs im demagogischen Kampf um die Macht illustriert werden. Heimat ist dann nicht mehr etwas, das subjektiv als vertraut und Geborgenheit gebend empfunden wird. Vielmehr wird die Heimat als eine abstrakte Einheit konstruiert, die als bedroht dargestellt wird. Der Begriff der Heimat soll mit der Angst assoziiert werden, sie und damit die eigene Existenzgrundlage zu verlieren. So kann der Begriff als Rechtfertigungsgrund für den Hass gegen die vermeintlichen Bedroher dienen. Heimat ist nicht mehr etwas, das Vertrauen und Geborgenheit gibt, sondern ein gefährdetes Gut. Die Propagandisten haben den Beheimateten ein Stück Sicherheit geraubt, damit sie sich als dessen Beschützer aufbauen können.

Wie schon mehrfach in meinen Beiträgen erläutert, mobilisiert das Schwarz-Weiß-Denken automatisch das Freund-Feind-Schema mit den zugehörigen Emotionen von Angst, Aggression und Hass. Diese explosive Mischung schwelt als Bodensatz in den Seelen der Menschen, die nichts von Projektion und Reflexion verstanden haben. 
  
Das Ausmaß an Hass, das öffentlich wird, ermutigt Multiplikatoren, Öl ins Feuer zu gießen und die Hasseskalation anzufachen. Hass wird salonfähig und für einige Menschen zur Normalität, während er viele andere entsetzt, möglicherweise so lange, bis sie sich auch daran gewöhnt haben. Das ist offensichtlich das Kalkül der Strategen der Entsolidarisierung. Übrigens ist deshalb die Ausländerfeindlichkeit in Gegenden mit den wenigsten Ausländern besonders hoch, ähnlich wie früher (?) der Antisemitismus dort besonders ausgeprägt war, wo keine Juden lebten. 


Instrumentalisierung des Hasses


Wir leben in einer Zeit der bewussten und unbewussten Instrumentalisierung des Hasses für die Machtzwecke eigensinniger und gemeinschaftsfeindlich orientierter Politiker, denen viele auf den Leim gehen. Bewusst ist das Machtkalkül mit dem Schüren von Ängsten und Vorurteilen, oft unter Verwendung falscher Tatsachen oder krass übertriebener Bewertungen. Unbewusst sind die tieferen Antriebe, die bewirken, dass die Folgen solcher politischen Handlungen nicht eingeschätzt und durchdacht werden. Vielmehr genügt es, kurzfristige Erfolge zu erzielen und dann die Macht zu festigen. Damit wird die schleichende Vergiftung der Demokratie und das Risiko für eine stabile, offene und tolerante Gesellschaft in Kauf genommen. 

Hass verblendet, darum ist er den demagogischen Politikern so willkommen, darum säen sie ihn so gerne. Die Verblendeten können gar nicht erkennen sie sie sich selbst schaden, z.B. wie sie ihre Heimat” durch ihren Hass verunstalten, wie sie die Nation, zu der sie gehören, spalten und jeder Moral und jedes Respekts entkleiden.  

Die Tragik und Gefährlichkeit dieser Entwicklung sollte uns zu denken geben. Alle, die an die Kraft der Aufklärung glauben, sollten das in ihrer Macht Stehende tun, um bewusst zu machen, was hier tagtäglich vor unseren Augen abläuft, wie Menschen mit Hass imprägniert werden und damit unser Zusammenleben in Frage gestellt wird. Die Verhetzer müssen angeprangt werden und, wo es von den Gesetzen her geht, vor Gericht gestellt werden. Wir brauchen ein geschärftes Bewusstsein von subtilen zersetzenden Macht der Hassgefühle, damit wir verstehen können, wie wichtig es ist, sie überall aufzuzeigen, wo sie an die Öffentlichkeit gelangen und dagegen Stellung zu beziehen. Wenn wir eine bessere Welt wollen, muss sie auf einem besseren Zusammenleben beruhen, das wir gemeinsam schaffen können, wenn wir uns in unseren Unterschieden annehmen und fördern statt gegen jedes Anderssein zu kämpfen. 

Zum Weiterlesen:
Der Bösewicht in uns

Ein Land von Krypto-Nazis? 
Demokratie und Gefühle 
Polaritäten lähmen, Kontinuitäten befreien

Donnerstag, 4. April 2019

Mitgefühl mit uns selbst

Im vorigen Blogartikel habe ich beschrieben, wie wichtig und hilfreich das Mitgefühl in zwischenmenschlichen Kontakten ist. Was kann es nun bedeuten, mit sich selbst Mitgefühl zu haben? Oder ist das die egoistische Variante dieser Haltung?

Oft sind wir uns selbst die ärgsten Feinde. Wir neigen zu Selbstkritik und Selbstabwertung. Oft können wir uns selber Fehler nicht verzeihen, während der Schaden schon längst wieder gut gemacht ist. Oft können wir uns Unachtsamkeiten nicht verzeihen, während die Betroffenen schon längst darüber hinweggekommen sind. Oft hadern wir über Entscheidungen, die lange vorbei sind und deren Folgen wir schon lange bewältigt haben. 

Eine andere Variante besteht in den Selbstzweifeln. Wir stellen unsere Fähigkeiten und Kenntnisse und letztlich unsere Person insgesamt in Frage. Wir tun so, als wären wir schlechter ausgestattet als die anderen, mit denen wir uns vergleichen, und schmälern unser Selbst, ja untergraben unsere Grundfesten. Der Zweifel kann uferlos werden und sich auf alle Aspekte unserer Person auswirken, bis hin zum Zweifel an unserem Geist, was zum Ärgsten gehört, das wir uns selbst antun können. Wenn wir uns selbst für verrückt erklären, brauchen wir uns nicht mehr zu wundern, dass uns andere seltsam finden.

Erleichterung durch Mitgefühl


In all diesen Fällen können wir den negativen Selbstbezug durch das Mitgefühl mit uns selbst ersetzen – und wir werden gleich bemerken, dass wir uns erleichtert und entspannter fühlen. Statt uns selber fertigzumachen, üben wir uns in Verständnis und Nachsichtigkeit. Wir gestatten uns, unvollkommen zu sein und ab und zu Fehler zu produzieren. Wenn wir auf diese Weise Toleranz und Akzeptanz mit uns selber üben, wird es uns leichter fallen, aus dem, was schief gelaufen ist, zu lernen. 

Die verschiedenen Formen der Selbstabwertung haben einen gemeinsamen Ablauf: Sie kreisen in unserem Denken wie ein Loop in einem Musikstück oder eine hängengebliebene Schallplatte. Ein mieses Gefühl steigt auf, und das Denken nimmt sich seiner an und produziert eine Schleife in die Vergangenheit hinein. Damals war dieses und jenes, da haben wir uns falsch verhalten, da haben wir versagt, da haben wir etwas Unverzeihliches gemacht. Die Szene wird reproduziert und mit Vorwürfen garniert und bis zur Erschöpfung zelebriert. 

„Ach, hätte ich bloß, ach, wäre ich doch nur …“, so kommt der Konjunktiv, die Möglichkeitsform zu Ehren, allerdings ohne jeden Nutzen. Denn die Vergangenheit steht fest, sie ist ein Sammelsurium von Fakten und enthält keine Möglichkeiten mehr. Was geschehen ist, ist geschehen und steht unverrückbar in  unserem persönlichen Geschichtsbuch. Möglichkeiten haben wir nur in Bezug auf die Zukunft.

Lernen aus der Vergangenheit?


Warum der ganze Zirkus? Unser Verstand will uns weismachen, dass wir auf diese Weise aus der Vergangenheit für unsere Zukunft lernen könnten. Wenn wir uns klarmachen, dass wir in der Vergangenheit auch anders hätten handeln können, wäre das für jetzt von Nutzen: Wir erwerben ein Wissen um unsere Möglichkeiten, und das können wir für die Gegenwart nutzen, indem wir zwischen Alternativen wählen und dann das Richtige tun. Der Haken bei der Sache ist, dass die Situation im Jetzt nur entfernt jener in der Vergangenheit ähnelt. Das Leben wiederholt seine Szenen nicht wie das Fernsehen mit seinen Reprisen, sondern stellt uns immer wieder vor neue, noch nicht dagewesene Herausforderungen. 

Wir lernen sowieso aus der Vergangenheit, das geht gar nicht anders. Jede Erfahrung, die wir gemacht haben, hinterlässt eine Spur im eigenen Seelenleben und Erinnerungsspeicher. Insbesondere negative und schwierige Erfahrungen werden samt den jeweiligen Umständen und begleitenden Gefühlen abgespeichert. 

Oft sind dabei die Gefühle so stark assoziiert, dass sie die kognitiven Aspekte überlagern. Insbesondere bei sehr frühen Erfahrungen aus Zeiten, in denen Denken und Realitätswahrnehmung noch wenig ausgebildet waren, ist das der Fall. Daraus entsteht die Gewohnheitsannahme, dass Gefühle wichtiger sind als die Realitätsprüfung. In der Folge übernehmen die Gefühlszentren die Vorherrschaft in allen Belastungssituationen und nehmen das Denken in Dienst. Es soll nicht darauf achten, was jetzt möglich ist, sondern darauf, was in der Vergangenheit möglicherweise möglich gewesen wäre. Damit verschwindet unser Bezug zu dem, was gerade ist, und wir verlieren uns im Selbstbemitleiden oder Selbstabwerten.

Der innere Kritiker


Im Zug unserer Erziehung haben wir eine Instanz in uns aufgebaut, die der innere Kritiker genannt wird. Sie ist eine Verinnerlichung der Kritik, die wir von den Menschen um uns herum erfahren haben. Sie agiert wie ein vorauseilender Gehorsam. Wir wollen nicht kritisiert werden, weil das peinlich und schmerzhaft ist. Also nehmen wir vorweg, wofür wir von anderen abgewertet oder bloßgestellt werden könnten, sagen das selber zu uns und verhalten uns dementsprechend. Dann kann uns nichts mehr passieren, so zumindest die Argumentation des inneren Kritikers.

Mit der Zeit verselbständigt sich der innere Kritiker und mischt sich in Dinge ein, die ihn eigentlich gar nichts angehen. Bei manchen Menschen geht das so weit, dass er ein durchgängiges Überwachungssystem aufbaut, mit dem alle beabsichtigten Handlungen vorab überprüft werden müssen und erst nach einem umständlichen Genehmigungsverfahren in Kraft gesetzt werden können. Der innere Kritiker wird zum Diktator.

Hier sollte schleunigst dem übermächtigen inneren Kritiker das Mitgefühl zur Seite gestellt werden, um ihn zu besänftigen. Das Mitgefühl agiert dabei nicht wie der Gute gegen den Bösen (good cop vs. bad cop), sondern wie ein Supervisor, der den ausufernden inneren Kritiker wieder in seine Schranken weist. Aus der Position des Mitgefühls wissen wir, dass wir bestimmte Handlungsabsichten prüfen sollten, bevor wir sie umsetzen. Wir wissen aber auch, dass uns ein überschießender innerer Kritiker einerseits mit seinen Zweifeln an nötigen Handlungen hindern kann und dass er uns nachträglich mit Vorhaltungen und Infragestellungen quälen kann. Mit der Haltung des Mitgefühls weisen wir den Kritiker in seine Schranken, da wir wissen, dass wir keine Garantie haben, nicht irgendwann Fehler zu machen und dass es nichts bringt, nachträglich mit uns selbst zu hadern, wenn die Handlungen schon geschehen sind.

Das Mitgefühl erstreckt sich dabei auch auf den inneren Kritiker, der in seinem Bemühen, uns vor unangenehmen Erfahrungen zu bewahren, gewürdigt wird. Er wird aber auch in seiner Rolle zurecht gestutzt, sodass er dort agieren kann, wo er nützliche Hinweise gibt, und dort ruhig bleibt, wo er stört und behindert, indem er unser neurotisches Denken mit überflüssigen Vorwürfen und Zweifeln füttert.

Bewusstheit im und durch das Mitgefühl


Wenn wir in die Haltung des Mitgefühls mit uns selbst kommen wollen, geht es darum, die Bewusstheit auf das zu lenken, was gerade abläuft, wenn der innere Kritiker am Werk ist. Wir merken dann, dass wir in unnützen Gedankenschleifen stecken, die uns nur schwächen und unsere Handlungsfähigkeit lähmen. Wenn wir stattdessen das Mitgefühl mit uns selbst praktizieren, drehen wir den Spieß um. Wir nutzen unsere Achtsamkeit, um unser Inneres zu befrieden, um anschließend wieder in den Realitätsmodus gehen zu können. Wir unterbrechen die Denkschleifen und verbinden uns mit den Gefühlen, die darunter liegen. Indem wir all die Gefühle, die sich da zeigen, liebevoll und behutsam annehmen, werden wir ruhiger und entspannter. Wir spüren die Verbindung mit uns selbst, sind bei uns und nicht mehr irgendwo in der Vergangenheit. 

Das Mitgefühl mit uns selbst ist nicht nur eine Selbsthilfetechnik, die uns aus der Selbstverstricktheit in Abwertungsmuster befreit. Es ist auch eine spirituelle Übung, denn wir nehmen uns in unserer Beschränktheit und Unvollkommenheit an. Wir erkennen, dass unsere Winzigkeit angesichts der unendlichen Erhabenheit des Ganzen Ausdruck unseres Menschseins ist. Zugleich weiten wir unseren Innenraum. Denn wir lassen zu, dass etwas Größeres als unsere Zweifel und Ängste in uns wirkt. Damit findet sich unsere Begrenztheit in einem unbegrenzten Raum, in dem alles, was ist, seinen genau richtigen und stimmigen Platz hat.

Im Mitgefühl begegnet das Kleine in uns dem Großen, das verletzte Kind dem weisen Erwachsenen, das suchende Ich dem, das schon gefunden hat, das Unvollkommene dem, das keine Vollkommenheit braucht.

Zum Weiterlesen:
Mitgefühl zwischen Helfersyndrom und Gleichgültigkeit

Brauchen wir einen Selbstwert?

Samstag, 30. März 2019

Das Mitgefühl zwischen Helfersyndrom und Gleichgültigkeit

Das Mitgefühl ist eine Haltung, die in einem tiefen Sinn zu unserer Menschlichkeit gehört. Nach Ansicht vieler Forscher ist sie angeboren und hängt mit der Verfasstheit des Menschen als soziales Wesen zusammen. Wir sind keine Einzelwesen, die erst mit Mühe das Zusammenleben erlernen müssen, sondern sind auf Gemeinschaft, Verstehen und Teilen hin angelegt. Und dafür brauchen wir das Mitgefühl. Doch tun wir uns oft schwer mit dieser Einstellung und vermischen oder verwechseln es mit anderen Formen der zwischenmenschlichen Interaktion.

Das Mitgefühl ist die Antwort auf die menschliche Leidensfähigkeit. Wir Menschen sind Wesen, die immer wieder leiden, natürlich nicht nur das und nicht immer das, sondern auch vieles anderes. Aber jeder Mensch hat einen Grundbezug zum Leiden, der auch das Motiv liefert, warum sich Menschen mit religiösen Systemen beschäftigen, die die Erlösung vom Leiden versprechen. Natürlich liegt auch die Ursache für das Entstehen Medizin und der Psychotherapie in der Vielfalt menschlichen Leidens.

Es gibt Leidenszustände, für die wir verantwortlich und zuständig sind und wo wir aufgerufen sind, etwas zu tun. Ein Baby leidet an Magenkrämpfen und die Eltern müssen sich bemühen, Abhilfe zu verschaffen. Wir haben einen Parkschaden verursacht und sorgen dafür, dass der Schaden wieder gutgemacht wird. Wir haben jemanden beleidigt und entschuldigen uns.

Es gibt andererseits menschliche Leidenszustände, für die wir keine persönliche Verantwortung tragen, mit denen wir aber dennoch in Kontakt kommen, wie z.B. die Krankheit oder Armut anderer Menschen. Jedes menschliche Leid verdient unser Mitgefühl, aber nicht jedes menschliche Leid können wir lindern. Es wäre eine anmaßende Überforderung, sich um alles Leid zu kümmern, das um uns herum sichtbar ist; wir kämen kaum bis zur nächsten Straßenecke.

Das neurotische Helfen


Doch manche Menschen neigen zu dieser Überforderung und ziehen wie magisch Menschen an, die ihnen ihre Probleme umhängen, für die sie sich dann zuständig fühlen. Das Helfen wird zwanghaft, und das hat nichts mit Mitgefühl zu tun. Die neurotische Helferin missachtet die eigenen Belastungsgrenzen und sieht sich, getrieben von inneren Zwängen, verpflichtet, jeder Not, die sich in der eigenen Umgebung zeigt, abzuhelfen. Sie beutet sich selbst aus, um vor den anderen und vor sich selbst als gute Person dazustehen. Sie sieht ihre Existenzberechtigung darin, jederzeit für andere da zu sein und scheinbar für sich selbst nichts zu brauchen.

Die Wurzeln dieser Haltung liegen wahrscheinlich in einer Rolle, die in der Kindheit angenommen wurde, um in einem mangelhaften Familiensystem überleben zu können. Die karge Liebe, die zur Verfügung stand, war an die Bedingung geknüpft, selbstlos für andere da zu sein. Solche Bedingungen werden oftmals gar nicht offiziell verkündet, sondern von den überforderten Eltern unbewusst als Auftrag an die Kinder weitergegeben, die sich dann entweder die Aufgabe teilen oder unterschiedliche Rollen einnehmen. Da kann es dann passieren, dass die Rolle des Helfers und Unterstützers an einer Person hängen bleibt. Die Grundlage für eine lebenslange Belastung durch eine giftige Kombination aus Selbstausbeutung und schlechtem Gewissen ist gelegt und ins Unbewusste der Seele eingepflanzt.

Der neurotische Helfer ist nicht durch Mitgefühl angetrieben, sondern durch den Wunsch, an anderen gutzumachen, was an ihm selber schlecht gelaufen ist. All das, das er nicht gekriegt hat, ist er anderen schuldig. Wenn ihr Leid gemildert ist, ist auch das eigene Leid weniger. Es liegt auf der Hand, dass sich die Rechnung nie ausgeht, es tritt immer wieder Leid auf, das nach Abhilfe verlangt. Zudem bleibt das eigene Leid auf der Strecke und meldet sich irgendwann in chronischem Stress und Burn-out-Symptomen.

Abgrenzung der Verantwortung


Wo das Mitgefühl statt dem Helferzwang Platz greifen soll, müssen die Verantwortungsbereiche klar abgegrenzt sein: Die Hauptzuständigkeit für das Leiden liegt bei der leidenden Person. Die mitfühlende Person trägt keine Verantwortung für das Leid, außer sie hat es zugefügt. Immer jedoch trägt sie die Verantwortung für die eigene Haltung und Einstellung, für das Zuwenden oder Abkapseln in Bezug auf das Leid.

Auch wenn es eine klare Abgrenzung der Verantwortungsbereich gibt, wird im Mitgefühl nicht zugleich die menschliche Verbindung gekappt. Wir können uns vom Leid anderer Menschen berühren lassen, ohne für die Umstände die Verantwortung zu übernehmen. Wir können dieses Berührtsein durch die Wahrnehmung eines belasteten Lebens stehen lassen, ohne etwas zu tun zu müssen. Vielleicht ergibt sich aus dem Kontakt mit dem Leid eine helfende Handlung, vielleicht auch nicht. Wir lassen das Elend an uns heran, so dass es an unseren Grenzen ankommt, ohne dass es in unser Inneres eindringt und uns überrollt. Wir haben keine Angst vor dem Leiden der anderen Menschen und sind frei von jeder Last durch irgendeine Pflicht oder Verantwortung.

Ein Mensch sitzt weinend auf einer Parkbank. Wir gehen vorbei und nehmen das Leid wahr und wünschen der Person in Gedanken, dass es besser wird, oder wir setzen uns dazu, um zu trösten oder einfach nur, um da zu sein. Was immer geschieht, ist nebensächlich; wichtig ist die Haltung und die Einstellung, ob es Gleichgültigkeit oder Betulichkeit oder eben Mitgefühl ist. Das macht den Unterschied zwischen der Selbstbezogenheit und der Menschlichkeit, die es nicht ohne Mitmenschlichkeit gibt.

Bei sich und verbunden bleiben


Diese Unterscheidung ist grundlegend für die Haltung des Mitgefühls: Dein Leid bleibt dein Leid, auch wenn ich es wahrnehme und erkenne. Wir tragen nicht das Leid gemeinsam, das kannst nur du, weil es deines ist. Aber wir teilen unser Menschsein und damit unsere Leidensfähigkeit. Wir wissen um die Zerbrechlichkeit unseres Seins, die wir alle in uns haben und die uns verbindet.

Im Mitgefühl sind wir offen und konfrontieren uns mit allem, was die Welt an uns an menschlichen Möglichkeiten heranbringt: Hässlichkeiten, Ekelhaftigkeiten, Erbärmliches, Verkommenes, Hoffungsloses. Wir wissen oder ahnen, dass wir all das auch in uns tragen. Es ist uns nicht fremd, sondern als Teil von uns bekannt und vertraut. Darum können wir uns nicht über diese Formen des Menschseins stellen oder besserwisserisch oder verachtend darüber urteilen. Vielmehr lässt uns das Mitgefühl bescheiden und demütig an die Leidensweisen der Menschen herangehen und mit ihnen in Kontakt kommen.

Obwohl wir all das, woran Menschen leiden können, von uns kennen oder kennen sollten, müssen wir nicht in das fremde Leid eintauchen. Wir bleiben nur im Mitgefühl, wenn wir uns selber in unserem Wesen zeigen, wenn wir dem Leid ein andersartiges Gegenüber bieten, das wir jetzt gerade sind. Denn der mitfühlende Kontakt besteht nicht im Anpassen oder Unterwerfen an den Zustand der anderen Person, sondern in einem kontrastierenden Angebot, das aus der eigenen Kraft und Klarheit stammt. Wir treten einander gegenüber, mit durchlässigen und fließenden Grenzen. Nur so kann sich ein interaktives Spiel entwickeln, das für das Mitgefühl kennzeichnend ist und das leicht und zugleich schwer sein wird. Auf diesem Weg entsteht die wirkungsvollste Hilfe für leidende Menschen.

Im Mitgefühl bleiben wir bei uns und sind zugleich offen für das Leiden der anderen Menschen. Wir lassen zu, dass wir berührt werden und sind zugleich präsent und in Verbindung mit uns selbst. Wir können uns klar von der leidenden Person unterscheiden und ihre Last und ihr Problem bei ihr lassen. Wir vertrauen darauf, dass sie die Herausforderung meistern kann, unter Einsatz eigener Kräfte, die sich auch darin äußern können, um Hilfe zu bitten. Wir schauen auf das Leid, erkennen es und verschließen uns nicht davor. Zugleich lassen wir die Verantwortung dort, wo sie hingehört, und sehen uns nicht in der Pflicht und alleinige Aufgabe, das Leid zu tilgen.

Mitgefühl und Passivität 


Wenn wir bloß aus sicherer Distanz das Leiden im Außen wahrnehmen und uns einreden, dass wir nichts tun können, sind wir nicht im Mitgefühl, sondern in der Abwehr des Leidens. Denn das Mitgefühl steht nicht im Gegensatz zur Aktivität noch zur Passivität. Wir werden aus Mitgefühl aktiv, wenn es das Mitgefühl erwirkt und nicht wenn es das schlechte Gewissen oder das Pflichtbewusstsein befiehlt. Wir bleiben passiv, wenn es die Situation erfordert. Mitfühlend können wir etwas tun, eine Hilfestellung oder einen Rat anbieten, Trost spenden, Verständnis zeigen. Es wirkt aber kein Müssen, kein Zwang, keine Notwendigkeit, sondern das Tun erfließt frei aus dem Mitgefühl.

Es ist ein Tun, das aus Selbstverständlichkeit, Natürlichkeit und menschlichem Teilen geschieht. Wenn es für die andere Person nicht passt, hören wir sofort auf und reagieren nicht mit Ärger, wenn die Hilfe nicht angenommen wird. Das Handeln aus dem Mitgefühl ist durch Leichtigkeit gekennzeichnet. Sobald sich etwas schwer und mühsam anfühlt, wissen wir, dass wir nicht im Mitgefühl sind.

Mitgefühl und Menschenwürde


Im Mitgefühl würdigen wir den anderen, leidenden Menschen, in seinem Leid und auch in seiner Fähigkeit, das Leid zu überwinden. Wenn es passt, reichen wir eine Hand, wenn nicht, bleiben wir in der mitfühlenden Präsenz. Auf diese Weise stärken wir die innere Kraft, die das Leiden überwinden will, und zehren uns selbst nicht aus, getrieben vom uneinlösbaren Wunsch, all die Leiden der Welt zu lindern. Im Mitgefühl bleiben wir in unserer Klarheit und in unserem Vertrauen und geben damit die wirksamste Unterstützung für das Leiden der anderen.

Wenn wir mit einem Bettler auf der Straße Mitleid haben, geben wir ihm Geld und gehen schnell weiter; wenn wir Mitgefühl haben, geben wir ihm seine menschliche Würde zurück. Im Mitgefühl sind wir Bettler wie er.

Mitgefühl und Empathie


Mitfühlen (Empathie) ist nicht das Gleiche wie Mitgefühl, das erstere ist aber eine wichtige Komponente des zweiteren. Wenn wir nur empathisch sind, kann es passieren, dass wir von den Leidenszuständen der anderen Menschen überlastet werden und uns ausgebrannt fühlen. Wir spüren unsere eigene Unfähigkeit, das vielfältige Leid zu lindern, und leiden selber daran. So wird das Mitfühlen schnell zum Mitleid(en).

Am Rand der Empathie gibt es zwei Möglichkeiten: Wir können unser Bewusstsein erweitern und kommen ins Mitgefühl, oder wir folgen einer Konditionierung und landen im schuldbeladenen Mitleid. Es ist wichtig, diesen Unterschied in sich selbst zu erkennen und diese Erkenntnis zu festigen, damit wir nicht in einem von alten Programmierungen gesteuerten vermeintlichen Mitgefühl hängen bleiben.

Der bekannte Spruch: "Geteiltes Leid ist halbes Leid" erscheint in diesem Licht als doppeldeutig. Wenn wir annehmen, dass wir einem anderen Menschen die Hälfte seines Leides abnehmen müssen, geraten wir in die Helferfalle. Wenn wir uns darauf einstellen, mit der leidenden Person zu sein und zu verweilen und in diesem Sinn das Leid zu teilen, bleiben wir im Mitgefühl.

Beim Mitgefühl nehmen wir Bezug auf die andere Person als Ganze, nicht nur auf ihr Leid. Dabei erkennen wir sofort, dass sie mehr ist als ihr Leid und auch mehr in ihrem Leben vermag. Wir sehen die verletzten Seiten und die gesunden. Mit diesem geweiteten Blick können wir genauer abstimmen, welche Handlungen unsererseits hilfreich und welche kontraproduktiv sind.

Im Mitgefühl spüren wir also das Leid der anderen Menschen, ohne selbst zu leiden – aber auch ohne uns selbst besser fühlen zu müssen. Deshalb stärkt uns das Mitgefühl, während die mit alten Programmen verknüpfte Empathie zur Erschöpfung führen kann.

Die Wirkung der Präsenz


Viele Leidenserfahrungen stammen aus Verletzungen auf der Beziehungsebene. Wie wir ganz klein waren, waren wir völlig von anderen Menschen abhängig, und viele der Irritationen in diesen Beziehungen waren für uns existentielle Bedrohungen, die sich im späteren Leben in wichtigen Beziehungen widerspiegeln können. Zum Beispiel können wir bei unvorhersehbaren Trennungen oder bei der Enttäuschung von Erwartungen überreagieren. Das alte Drama wiederholt sich, und die alten Gefühle überschwemmen uns.

Die mitfühlende Präsenz eines Menschen ist uns deshalb oft so wertvoll, weil sie solche Verletzungen und Mängel ausgleicht. Ist eine andere Person über die empathische Ebene mit uns verbunden und mit uns im Gefühl da, so fühlen wir uns nicht nur sicher in unserer Existenz, sondern auch in unserem Wesen, also in der Art und Weise, wie wir als Personen sind. Wir können so sein, wie wir sind.

Allmenschliches Mitgefühl


Die buddhistische Lehrerin Pema Chödrön schreibt: „Mitgefühl wird dann real, wenn wir uns unseres gemeinsamen Menschseins bewusstwerden.“ Im Mitgefühl heben sich alle Rangunterschiede und Statusdifferenzen unter den Menschen auf. Wir sind alle gleich – gleich reich und arm, gleich glücklich und unglücklich. Wir sind alle gleich wertvoll. Wir alle haben zu tragen, die einen ein wenig mehr und die anderen ein wenig weniger. Dementsprechend bezieht sich die buddhistische Symbolfigur des Bodhisattva auf einen Menschen, der mit der eigenen Befreiung die Befreiung aller anderen fühlenden Wesen verbindet, also jemand, der sich bewusst ist, dass ohne die Erlösung aller keine individuelle Erlösung möglich ist.

Das Mitgefühl bewahrt uns also vor jeder Form von Überheblichkeit, Arroganz und Stolz. Wir erkennen unsere Kleinheit, Beschränktheit und Hinfälligkeit. Mitfühlend sind wir auf der gleichen Stufe wie das leidende Wesen.

Die Praxis des Mitgefühls


Die Haltung des Mitgefühls erfordert Übung, damit sie uns in Fleisch und Blut übergeht. Hier folgt eine Form der buddhistischen Metta-Meditation, der Meditation des Mitgefühls: „Mögest du frei sein von Leid und von den Ursachen des Leidens. Mögest du glücklich sein und dich der Ursachen des Glücks erfreuen. Mögest du Heilung finden. Mögest du zu Gleichmut und Frieden gelangen. Möge es dir wohlergehen und mögest du zum Wohlergehen anderer beitragen.“

Donnerstag, 14. März 2019

Die Verharmlosung von Diktatoren und die Demokratie

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Antonio Tajani, wird aktuell gerade kritisiert, weil er über den faschistischen italienischen Diktator Mussolini, gesagt hat: „Wenn wir ehrlich sein wollen, hat er Straßen, Brücken, Gebäude, Sportanlagen gebaut. … Wenn man ein historisches Urteil fällt, muss man objektiv sein.“ (So das Zitat im Standard). 

Zunächst fällt auf, dass es sich um eine typische Verherrlichung von Machthabern handelt, wenn gesagt wird, „er“ hat alles mögliche gebaut. Damit wird die Person des Herrschers überhöht und in ein besonderes, übermenschliches Licht getaucht. In einer funktionierenden Demokratie braucht es keine solche heiligenmäßige Symbolisierungen, da ist klar, dass die Arbeit und das Geld für alle öffentlichen Investitionen von den Bürgern eines Landes kommen und der Beitrag der Politiker dazu ein relativ geringer ist. Es würde niemand auf die Idee kommen zu sagen, Präsident Van der Bellen – oder Kanzler Kurz oder Verkehrsminister Hofer – hat die Umfahrung Drasenhofen gebaut, und es würde einem seltsam anmuten, wenn in einem Nachruf zu diesen Personen gesagt würde, sie hätten diese oder jene Brücke gebaut. 


Heimliche Diktatorenverehrung


Bei Diktatoren hingegen kommt es immer wieder zu solchen Aussagen, die sie in ein besseres Licht rücken sollen, unter dem scheinbar toleranten Motto: Niemand ist nur schlecht. Damit werden allerdings die schlechten Taten relativiert, der Bösewicht ist dann nicht mehr ganz schlecht, und der Beschöniger fühlt sich auch noch im Recht, wenn er mit seiner „ausgewogenen“ Sicht menschlicher erscheint als die Schwarz-Weiß-Maler.

Die Dikatorenverehrer nutzen gerne solche rhetorischen Figuren, offensichtlich um unter dem Deckmantel einer scheinbar harmlosen Aussage die Botschaft verstecken, dass wir uns nicht allzu sehr vor Diktatoren oder vor den Bestrebungen, ein autoritäres Regime zu errichten, fürchten sollten, weil ja dort weiterhin schöne Gebäude oder vielleicht noch schönere als ohne Diktatur gebaut werden.

Es wird schon sein, dass Mussolini angeordnet hat, dass Sportanlagen oder Brücken gebaut werden – und das gehört auch zu den normalen Aufgaben von Herrschern, und es wäre eine Schande gewesen, wenn unter Mussolini in den 21 Jahren seiner Gewaltherrschaft keine Straßen oder Gebäude gebaut worden wären. Es ist also ein Nona, das da hinausposauniert wird, noch dazu dekoriert mit der personalisierten Note des Alles-Machers („Er, der Übermächtige, hat gebaut und gebaut und gebaut…“). 

Manchmal heißt es auch: „unter“ dem Diktator ist dies oder jenes geschehen. Es wird damit ausgedrückt, dass eine Person oben ist und alle anderen darunter. So wähnen sich Diktatoren, und diese Sichtweise unterstützen wir mit der Redewendung. „Unter Hitler hätte es dies oder jenes nicht gegeben“, „unter Hitler hat es eine ordentliche Beschäftigungspolitik gegeben“; solche Aussagen tauchen immer wieder auf, und neben der obskuren Sehnsucht nach der Führerfigur drücken sie auch die Ohnmacht der Untertanen aus. Unter Hitler geschah nur, was Hitler wollte. All die anderen Mitwirkenden haben dann keine Verantwortung und keine Schuld an den Gräueltaten, aber auch keinen Ruhm an den Errungenschaften und errichteten Bauwerken. Sie haben ja nur „unter“ dem Diktator, also mit minderer Verantwortung gehandelt – oder nicht einmal das: Sie haben Befehle ausgeführt. Oben wirkt ein starker Wille, und alles unterhalb führt aus, was der Wille befielt. 


Unterminierung der Demokratie


In einer Demokratie haben diese und ähnliche Meldungen keinen Platz. Es muss nicht jeder, der in einer Demokratie lebt, diese gutheißen, aber wenn jemand dem zentralen gesetzgebenden Gremium der EU vorsitzt, muss man davon ausgehen können, dass diese Person die Demokratie ganz grundsätzlich vertritt und zu ihr steht. Und das wird mit solchen Aussagen zweifelhaft.

Politiker verfolgen mit ihren Aussagen bestimmte Kalküle, sie reden, was bestimmte Wählergruppen von ihnen hören wollen. Rechtsgerichtete Politiker spekulieren, dass sie mit Aussagen, die vergangene Diktaturen verherrlichen oder zumindest relativieren, Wähler anziehen, die sich solche Regierungsformen wünschen. Dann muss aber öffentlich klar gestellt werden, dass sie sich damit gegen die Demokratie richten und dass sie deshalb in einer Demokratie kein Amt bekleiden dürfen, das sie mit der Macht ausstattet, an der Abschaffung der Demokratie selber zu arbeiten. Das wäre ein Selbstmord der Demokratie, und deshalb bedarf es des kritischen Diskurses, um solche Tendenzen aufzudecken und abzustellen. 


Die Geschichte und das moralische Urteil


Dies gesagt, möchte ich auf eine weitere Frage eingehen, die oft mit solchen Aussagen verquickt wird. Man muss ja Gerechtigkeit walten lassen, so heißt es, es war nicht alles schlecht, bloß weil einiges schlecht war. Tajani spricht von einem „objektiven“ historischen Urteil und meint damit offensichtlich eine Nebeneinanderstellung des „Guten“ und des „Bösen“ im historischen Rückblick auf das Wirken eines Menschen. Objektives Wissen dieser Art ist relativ belanglos, weil dann sofort die Frage auftaucht, in welchem Verhältnis beides zu gewichtigen wäre. Da hat jemand den Bau von Kindergärten angeordnet und Kinder von Juden ermorden lassen. Was wiegt schwerer? Kann das Gute das Böse aufwiegen? Offensichtlich nicht, jedes moralische Gefühl würde sich gegen diese Möglichkeit sperren. Es ist und bleibt abgrundtief böse, die Ermordung von Kindern anzuordnen und gutzuheißen, gleich wievielen anderen Kindern der Täter ein Lächeln oder ein Spielzeug geschenkt hat.

Wir kommen bei der Betrachtung der Vergangenheit nicht um ein moralisches Urteil herum, die „objektiven“ Fakten liefern dafür keinen Maßstab. Sie können keine Schuld ausgleichen oder sühnen. Es trägt nichts zur Objektivierung der Vergangenheit bei, Gutes gegen das Böse zu stellen. 

Keine Person ist in sich lückenlos böse, Menschen können Unmenschen werden, aber nie zur Gänze, sondern in weiten Bereichen ihres Handelns. Selbst im Bösesein können Menschen keine Vollkommenheit erlangen. Zu dem kommt, dass viele Bösewichter meinen, sie würden mit ihren Taten eigentlich dem Gutem zum Durchbruch verhelfen. Sie wähnen sich also subjektiv auf der guten Seite.

Bei der Erforschung der Geschichte brauchen wir moralische Urteile, weil die Geschichte unsere Gegenwart beeinflusst. Alles, was in der Geschichte nicht durch die Klärung der Faktenlage, der Beleuchtung der Zusammenhänge, der Zuordnung von Verantwortung und der moralischen Bewertung aufgearbeitet wurde und der Öffentlichkeit bewusst gemacht wurde, wirkt unterschwellig weiter und arbeitet auf dieser Weise, wie innerpsychisch das Verdrängte, auf seine Wiederholung hin. 

Das moralische Urteil, das in der historischen Reflexion unabdingbar ist und das wir der Weiterentwicklung der Freiheit und gesellschaftlichen Offenheit schuldig sind, hat eine Grenze, wenn es um die Person selbst geht. Das historische Urteil erstreckt sich auf alle Taten und Unterlassungen, die einer Person zugeordnet werden können. Sie müssen gemäß dem kategorischen Imperativ daraufhin untersucht werden, ob sie als Grundlage eines demokratischen Gemeinwesens dienen können oder nicht. Doch ist die Person noch einmal von ihren Handlungen zu unterscheiden. Eine Person als solche zu beurteilen oder zu verurteilen, so schlimm und abgründig deren Handlungen sein mögen, steht uns nicht zu. Wir haben dafür keinen Standpunkt, weil wir uns nicht über einen anderen Menschen stellen können, sondern weil wir fundamental alle gleich sind. Menschsein ist Menschsein, und es gibt kein Mehr- oder Besser-Menschsein. 

In diesem Sinn verdient der elendste Bösewicht einen grundlegenden Respekt, wie verwerflich seine Taten auch immer sein mögen und auch als solche geahndet werden müssen. Erst so werden wir einem Menschen „gerecht“, nicht, indem wir die guten gegen die bösen Taten stellen und irgendeiner Waage anvertrauen, sondern indem wir von seinem Tun absehen und verstehen, wie er in die Tragik des Lebens eingebunden ist, die ihn einmal zum Opfer und dann zum Täter gemacht hat. 

Es gibt eine Ebene, die wir für die Gestaltung und Absicherung unseres Zusammenlebens brauchen. Auf dieser Ebene muss es eine klare Zuordnung von Personen und Handlungen geben, und dieser Zusammenhang wird durch Verantwortung hergestellt. So werden Personen „zur Verantwortung gezogen“, wenn sie unverantwortlich handeln. 


Liebe ist größer als Urteilen


Auf einer anderen Ebene sind wir alle gleichermaßen schuldig oder unschuldig. Da spielt das moralische Urteil keine Rolle mehr. Jeder gibt das, wozu er in der Lage ist, vermag manches besser und anderes schlechter. Die Liebe, die wir einander schulden, darf dort nicht haltmachen, sondern wirkt eigentlich erst dann im vollen Sinn, wenn sie vom Guten und Bösen absehen kann und den Menschen meint, der hinter allem Tun steckt. 

Das ist die Ebene, die wir nur mit äußerster Vorsicht und Achtsamkeit betreten dürfen. Auch sie kann missbraucht werden, indem jemand in der Öffentlichkeit mit dem Pathos der „Gerechtigkeit“ auftritt und in Wirklichkeit eine politische Absicht damit verfolgt. Sobald wir anfangen, die zwei genannten Ebenen durcheinander zu bringen, stiften wir Verwirrung und Verunsicherung, die günstigsten Bedingungen für Manipulation und Machtspiele. Wir brauchen also ein klares Urteil und eine Liebe, die größer ist, und die Kraft der Unterscheidung, was wann notwendig ist.

In diesem Zusammenhang hier das noch immer lesenswerte Gedicht von Bert Brecht:

Fragen eines lesenden Arbeiters 

Wer baute das siebentorige Theben?  
In den Büchern stehen die Namen von Königen.  
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?  
Und das mehrmals zerstörte Babylon,  
Wer baute es so viele Male auf ? In welchen Häusern  
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?  
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war,  
Die Maurer? Das große Rom  
Ist voll von Triumphbögen. Über wen  
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz  
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis  
Brüllten doch in der Nacht, wo das Meer es verschlang,  
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.  
Der junge Alexander eroberte Indien.  
Er allein?  
Cäsar schlug die Gallier.  
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?  
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte  
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?  
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer  
Siegte außer ihm?  
Jede Seite ein Sieg.  
Wer kochte den Siegesschmaus?  
Alle zehn Jahre ein großer Mann.  
Wer bezahlte die Spesen? 
So viele Berichte,  
So viele Fragen.

Mittwoch, 13. März 2019

Das Enneagramm und die Entstehung des Lebens

Das Enneagramm, ein Modell zur Einteilung von Persönlichkeitstypen, findet immer mehr Verbreitung. Beim Enneagramm werden neun Typen unterschieden, die in einem anderen Artikel auf dieser Seite dargestellt wurden. Zu jedem Typ gibt es nach einer Weiterentwicklung des Modells jeweils drei Untertypen: sozial, selbsterhaltend und zweisam. 

Der letztere Untertyp wird auch als „sexuell“ bezeichnet, wobei diese Zuordnung für Erwachsene Sinn macht, aber nicht für Kinder, geschweige denn für Ungeborene. Doch besagt die Theorie des Enneagramms, dass jeder Mensch seine Persönlichkeitsprägung „von Anfang an“ trägt, dass sie also nicht durch bestimmte hochwirksame Einflüsse in der psychosozialen Entwicklung entstanden sind. Deshalb bevorzuge ich bei der Untertypen-Einteilung die Bezeichnung „zweisam“ oder „eins-eins“, weil es darum geht, dass sich dieser Untertyp mit einer zweiten Person am wohlsten fühlt, während der selbstversorgende Typ am besten mit sich selbst zurechtkommt und der soziale Untertyp viele Beziehungen braucht, um sich sicher zu fühlen.

Aus der folgenden Betrachtung kann auch besser verständlich werden, wie die Kräfte und Energien der einzelnen Untertypen zusammenwirken und aufeinander angewiesen sind, um die Entwicklung des Lebens und der Individuen zu fördern.

In diesem Artikel möchte ich die Zusammenhänge unserer Frühentwicklung, und hier insbesondere die Empfängnis, mit den Enneagramm-Untertypen beleuchten. In der Bewältigung der zentralen Entwicklungsereignissen spielen alle Unter-Orientierungen eine Rolle, und es kann sein, dass Schwierigkeiten mit einem der vielfältigen Aspekte, die bei diesen Geschehnissen wichtig sind, zur Festlegung des Untertyps führen; es kann aber auch umgekehrt sein, dass der schon vorliegende Untertyp bewirkt, dass diese Schwierigkeiten als besonders gravierend erlebt wurden. Es handelt sich also um eine Henne-Ei-Frage, auf die es keine überzeugende Antwort, sondern nur modellhafte, im Grund willkürliche Festlegungen auf die eine oder die andere Variante gibt.

Die soziale Orientierung


Welche Elemente des Empfängnisgeschehens enthalten einen sozialen Schwerpunkt? Damit es zur Befruchtung kommen kann, muss sich eine Eizelle aus dem Verband und der Gemeinschaft der anderen Eizellen lösen, in der sie sich schon lange Zeit befunden hat. Sie muss alleine den Eisprung wagen und sich auf den Weg in den Eileiter begeben. Es kann also der Verlust der Gemeinschaft und die Aufgabe, es alleine schaffen zu müssen, bedrohlich, schockierend oder belastend wirken. 

Auf der Seite der Samenzelle erfolgt die Abschiedsszene im dramatischen Geschehen vor der Ejakulation, indem die gewohnte Umgebung der Hoden hinter sich gelassen werden muss. Allerdings beginnt die Reise ins Unbekannte mit Millionen Gefährten. Erst am Ende der Reise, bei der Annäherung an die Eizelle muss die Entscheidung fallen, welche Samenzelle als einzige in die Eizelle eindringen kann, während alle anderen zurückbleiben und zugrunde gehen.

Das Empfängnisgeschehen symbolisiert die Wiedergewinnung einer Gemeinschaft. Sie setzt allerdings die völlige Selbstaufgabe der Samenzelle voraus, von der nur die Chromosomen übrigbleiben, während der Rest von der Eizelle verschluckt wird. 

An diesen Elementen zeigen sich die Ressourcen für die soziale Orientierung: Die Offenheit für das Gemeinsame, die Kraft aus der Verbindung mit anderen und mit einer Gruppe schöpfen, die Vielfalt der Beziehungen wertschätzen und fördern. 

Wurzeln für Traumatisierungen gerade für die so essentielle Ausrichtung auf die anderen und die Gemeinschaft können aus dem Verlust der Gemeinschaft und der sicheren Verbindung beim Abschied aus dem Eierstock oder aus dem Hoden stammen. Plötzlich geht es darum, das Überleben alleine schaffen zu müssen. Der Schritt zur Individualisierung ist herausfordernd und mit dem Verlust von sozialer Sicherheit verbunden. Unsicher ist, ob sich die Art von intimer und vertrauter Gemeinschaft, wie sie vorher bestanden hat, jemals wieder finden wird. Andererseits ist klar, dass sich jeder soziale Körper nur dann dauerhaft am Leben erhalten kann, wenn er ab und zu auseinanderfällt und sich dann neu formiert.

Die Selbsterhaltungsorientierung


Hier steht der Aspekt des Selber-Schaffen-Müssens im Vordergrund, aus dem Kraft und Entschlussfreude geschöpft wird. Die Eizelle macht sich auf dem Weg, um einer Samenzelle zu begegnen, die eine noch viel längere Reise auf sich genommen hat. Aus der Sicht der sozialen Orientierung wird gewissermaßen die Not in die Tugend umgewandelt: Die Sicherheit wird aufgegeben, um ein spannendes, aber auch sehr riskantes Abenteuer zu erleben. 

In diesen Akten tritt die Individualität der Gemeinschaft entgegen und eröffnet ein kreatives Spannungsfeld. Ohne die Aufbruchs- und Ausbruchsimpulse fehlt der Gemeinsamkeit das Wachstums- und Veränderungsmotiv. Die etablierte Ordnung gerät dadurch in ein Chaos, um sich zu einer neuen Ordnung transformieren zu können. 

Die besonderen Kräfte dieser Orientierung zeigen sich in der fokussierten Kraft des Vorwärtsstrebens hin zum Risiko und zum Aufbruch ins Unbekannte und Unsichere. Es geht um die Vorwärtsbewegung in eine Region, in der es nur zwei Möglichkeiten gibt, unterzugehen oder im äußerst unwahrscheinlichen Fall eine Ekstase der Schöpfung zu ermöglichen. Die Bereitschaft zu solchen Schritten und das Einlassen auf das damit verbundene Risiko des totalen Scheiterns ist ein Grundkennzeichen des Lebens und konstitutiv für dessen Weiterentwicklung.

Die Selbsterhaltungsorientierung kann bei einigen Ereignissen im Rahmen des Befruchtungsgeschehens traumatisch belastet werden, so bei der Abtrennung des Samenschwanzes kurz vor dem Eindringen in die Eizelle und bei der darauffolgenden Auflösung des Spermienkopfes  - die in der zur Befruchtung strebenden Samenzelle enthaltene Selbsterhaltungsorientierung hat im Dienst des Lebens alles daran gesetzt, damit sich die Samenzelle mit der Eizelle vereinen kann, und muss sich nun vollständig aufgeben. 

Die Zweisamkeitsorientierung


Dieser Untertyp versöhnt in gewisser Weise die Spannung zwischen der sozialen und der selbsterhaltenden Orientierung. Die gemeinschaftliche Ordnung bereitet die Weitergabe des Lebens vor, die nur durch ihr Aufbrechen geschehen kann, die die individualisierende Ordnung übernimmt. Das neue Leben entsteht als Vereinigung von Zweien.

Die vorwärtsdrängenden Kräfte der Eizelle und der Samenzelle sind durch die Hoffnung auf Zweisamkeit ausgerichtet und angetrieben. Die Samenzelle strebt zur Eizelle und wird von dieser eingeladen und erwartet. Die selbstorganisierte Bewegung führt von der Gemeinschaft weg hin zur Begegnung mit dem Anderen, das Männliche trifft auf das Weibliche. Die Anziehung geschieht durch die Verschiedenheit. 

Dieser Orientierungstyp ist mit traumatisierenden Herausforderungen beim Eindringen in die Eizelle und bei der Chromosomenpaarung konfrontiert. Die Zweisamkeit muss sich, kaum gelungen, schon wieder in der Verschmelzung, also in einer neuen Einheit verlieren, die die Erbanlagen beider Seiten zusammenfügt und ein Individuum schafft – das sich dann gleichwohl nach einiger Zeit wieder teilen muss. 

Der Zweisamkeitstyp repräsentiert die besondere Qualität, die in der Anbahnung und Herstellung einer Zweier-Beziehung liegt, die eine besonders intensive Form der Kommunikation und des Austauschs ermöglicht. Das Vertrauen, das in einer Zweierbeziehung aufgebaut werden kann, erlaubt besonders viel emotionale, geistige und materielle wechselseitige Unterstützung.

Grundzyklen des Lebens


Wir erkennen hier einen Grundzyklus des Lebens im Wechsel von Ordnung und Chaos, von größeren Verbänden zu kleineren zu Einzelwesen. Bei dem hier besprochenen Prozess steht die Gemeinschaft der Eizellen und der Samenzellen am Anfang, gefolgt vom Zerfall und dem Heraustreten des Einzelnen, um dann als Paar zusammenzukommen und eine neue Einheit zu formen, eine neue Ordnung, die dann sich wieder zum Chaos auseinanderfaltet. Jeder Zustand ist ein Übergang zum nächsten. Zum Gelingen des Ganzen ist jede der Orientierungen mit ihren eigenen Qualitäten gefragt und das organische Zusammenwirken all dieser Kräfte erst erlaubt Wachstum und Entfaltung. Dieser Prozess im Inneren des mütterlichen Organismus findet seine Entsprechung und Voraussetzung in der Umgebung, indem zwei Einzelwesen, Vater und Mutter, als Paar zusammenkommen, sich in der Sexualität vereinigen und daraus ein neues Einzelwesen entsteht, das die Paarbeziehung zu einer Dreierbeziehung, einer neuen sozialen Ordnung erweitert. 

Auch im täglichen Leben gehen wir immer wieder durch diesen Zyklus. Wir treffen uns mit einer zweiten Person, sind mit Gruppen zusammen und verbringen dann wieder Zeit alleine. Es scheint, dass wir Menschen jede dieser Sozialformen brauchen und darunter leiden, wenn eine auf Dauer fehlt oder unterbelichtet ist. Unterschiedlich ist dagegen das Ausmaß, das die Bedürfnisse steuert, die einen, die das Alleinesein besonders schätzen, die anderen, die viel Zeit in Gruppen verbringen wollen und die dritten, die zu zweit am meisten Gewinn erfahren.

Jeder der drei Enneagramm-Untertypen repräsentiert einen Aspekt, eine Koordinate, eine Triebkraft dieses Geschehens.  Nach der Enneagramm-Theorie zeigt sich in jedem Menschen eine der Aspekte besonders stark ausgeprägt, was den Sinn haben könnte, dass auf diese Weise die Gesellschaft optimal zusammenarbeiten kann. Denn alle diese Kräfte sind notwendig, und die beste Form der Kooperation ist gegeben, wenn alle Orientierungen in gleicher Weise zum Ausdruck kommen und ihre Wirkung entfalten. 

Für die Selbsterforschung und -entwicklung gilt, dass die besondere Stärke der eigenen Grundorientierung zu nutzen, um die Ressourcen der anderen Orientierungen nutzbar zu machen und damit deren Potenziale besser für das eigene Leben einsetzen zu können. Das Enneagramm mit seinen Typenbeschreibungen und -zuordnungen dient als Ausgangspunkt für die Entwicklung zur Ganzheit. Ein Blick auf die möglichen, durch Traumatisierungen im Rahmen des Empfängnisprozesses entstandenen Hemmungen und Blockaden kann dabei sehr hilfreich sein.

Zum Weiterlesen:
Das Enneagramm und frühe Prägungen
Die Typenwahl und das Enneagramm
Reaktionsweisen auf die Scham nach dem Enneagramm