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Samstag, 18. Juli 2026

Depersonalisierung in der Meditation

Beim Meditieren geht der Blick nach innen und alles wird ruhiger. Gedanken ziehen vorbei, der Atem wird gleichmäßiger, der Körper tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Manchmal verschiebt sich dabei aber mehr als nur die Aufmerksamkeit: Das Gefühl für das eigene Ich oder die Umgebung kann sich auf ungewohnte Weise verändern.

In der Psychiatrie sind zwei Störungsbilder bekannt, die normalerweise als Folge von großem Stress, Depressionen, Angststörung oder in der Folge von Traumatisierungen auftreten: Depersonalisation und Derealisation. Bei der Depersonalisation fühlt sich das eigene Ich fremd an, bei der Derealisation wirkt die Außenwelt unwirklich oder entfernt. 

Weder pathologisieren noch verharmlosen

Forscher haben nun festgestellt, dass diese Phänomene auch während oder als Folge von Meditation vorkommen. In der Meditation werden diese Zustände allerdings meist positiv erlebt, können aber auch irritierend oder verstörend wirken, und das ist der eigentliche Befund dieser Studie: Meditationserfahrungen mit psychiatrischer Relevanz im Sinn der Depersonalisation und Derealisation nicht grundsätzlich zu pathologisieren, sie aber auch nicht zu verharmlosen. 

Für die Untersuchung wurden 121 Personen befragt. Eine Gruppe hatte solche Zustände im Zusammenhang mit Meditation erlebt. Die andere Gruppe nannte andere Auslöser, darunter Stress, Angst, Depressionen, traumatische Erfahrungen oder Cannabis. Auf einer Skala für Depersonalisation und Derealisation unterschieden sich die Erfahrungen beider Gruppen kaum. Anders war vor allem die Bewertung.

Menschen aus der Meditationsgruppe beschrieben ihre Erlebnisse häufiger als angenehm, sinnvoll oder erkenntnisreich. In der Vergleichsgruppe überwogen eher Verwirrung, Angst und Belastung. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht allein das Erlebnis selbst entscheidend ist, sondern auch der Kontext, in dem es entsteht und interpretiert wird.

Das macht den Befund heikel für einfache Erklärungen. Ein Zustand kann sich äußerlich ähnlich beschreiben lassen und trotzdem ganz anders anfühlen. Wer meditiert, ordnet das befremdliche Ich-Gefühl als Teil einer Übung ein und fühlt sich sicher, weil das Vertrauen auf die Methode gegeben ist. Wer es nach Stress oder Angst erlebt, kann denselben Abstand zum eigenen Körper als Kontrollverlust empfinden, der den Stress weiter steigert.

In verschiedenen spirituellen Traditionen gilt ein gelockertes Ich-Gefühl nicht sofort als Problem, sondern eher als Zweck der Übung. Der Kontrollverlust, der in vielen Fällen Angst auslöst, kann in der Meditation als Befreiung erlebt werden. Wenn sich das kontrollierende Denken zurückzieht, öffnet sich der Raum für tiefere Erfahrungen.

Bedrohliche Depersonalisation 

Die Depersonalisation bedeutet nicht einfach Nachdenklichkeit oder Tagträumen. Betroffene erleben den eigenen Körper, Gedanken oder Gefühle nicht mehr wie gewohnt als zu sich gehörig. Manche fühlen sich wie Beobachter ihres eigenen Lebens oder so, als würden ihre Handlungen von außen gelenkt. Es kann dazu kommen, dass die eigenen Bewegungen automatisch wirken oder Gedanken eine Art Eigenleben bekommen, das nicht gesteuert werden kann.

Die Derealisation betrifft dagegen die Außenwelt. Vertraute Räume, Menschen oder Geräusche erscheinen dann fremd, dumpf, traumartig oder unwirklich. Die Welt verliert vorübergehend ihre gewohnte und vertraute Nähe, es tritt eine Spaltung auf, die beängstigend erlebt wird.

In der Meditationsgruppe lagen 61,7 Prozent der Teilnehmer über einem klinisch relevanten Schwellenwert auf der Cambridge Depersonalisation Scale. In der Gruppe mit anderen Auslösern waren es 77 Prozent. Eine ärztliche Diagnose hatten allerdings nur vier Personen erhalten. Hohe Werte bedeuten daher nicht automatisch eine Erkrankung.

Für eine Diagnose zählt vor allem, ob die Zustände subjektiv stark belasten und den Alltag einschränken. Besonders hier gab es deutliche Unterschiede. Die Meditationsgruppe bewertete ihre Erfahrungen im Schnitt positiver. Viele beschrieben sie als spirituell bedeutsam oder als Moment besonderer Einsicht. Belastende Verläufe gab es dennoch auch dort. Das bedeutet, dass bei allen Formen von meditativen Retreats eine achtsame und geschulte Begleitung erforderlich ist, die sich um solche Störungen kümmern kann. Nur mit Meditations-Apps zu üben, ohne Ansprech- oder Austauschperson ist riskant. Meist wird in den Beschreibungen nicht auf diese Möglichkeit der inneren Verschiebung hingewiesen, die sich fremd und bedrohlich anfühlen können.

Menschen, die für sich selbst den Meditationsweg pflegen, sollten darauf achten, dass es Leute gibt, an die sie sich wenden können, wenn Phänomene in der Meditation auftauchen, die sie irritieren oder emotional belasten. Bei der Untersuchung waren es in der Mehrzahl Einzelmeditierende, die über solche Erlebnisse berichteten. 

Retraumatisierung

Denn bei solchen Erfahrungen kann es sich um Retraumatisierungen handeln. Im scheinbar sicheren Rahmen von Meditationsübungen, in denen es zur Vertiefung und Erweiterung des Bewusstseins kommt, können Elemente von unverarbeiteten Traumen auftauchen, eben Zustände der Depersonalisierung und Derealisierung, die Teil der Traumabewältigung dargestellt haben. Ihr Widerauftreten weist darauf hin, dass therapeutische Arbeit gefragt ist, um das dahinterliegende Trauma aufzulösen. Dieses Vorgehen ist auch dann ratsam, wenn die Erfahrung subjektiv als positiv gewertet wurde.

Die depersonalisierten Zustände tauchten bei unterschiedlichen Formen der Praxis auf, bei Atemmeditation, Vipassana, Bodyscan oder Metta-Meditationen. Unabhängig von der Methode der Meditation können solche Erfahrungen auftreten. Auch die Dauer dieser Erfahrungen war unterschiedlich und schwankte zwischen Minuten und Wochen. 

Hier zur Studie: Nature  Scientific Reports volume 16, Article number: 14673
Die Autoren: Erola Pons, Julieta Galante, Nicholas T. Van Dam & Axel Lindner

Zum Weiterlesen:
Störungen in der Meditation
Das Ego in der Meditation
Die Entdeckung der Langsamkeit in der Meditation
Trauma und Sinnsuche in der Dissoziation


Montag, 15. Juni 2026

Das Ich und das Ego

Gemeinsamkeiten und begriffliche Unterschiede

Das Ich und das Ego stammen aus einer gemeinsamen sprachlichen Wurzel. Dennoch macht es Sinn, die beiden Begriffe zu unterscheiden, weil sie für die Beschreibung von verschiedenen Mechanismen in unserem Seelenleben dienen.

Das Ego, von dem wir heute so häufig reden, stammt eigentlich aus den ersten Übersetzungen der Schriften von Sigmund Freud ins Englische. Im Strukturmodell von Freud spielt das Ich neben dem Es und dem Über-Ich eine wichtige Rolle: „Wir sehen dieses Ich, seine Beziehungen zu den drei Seiten hin, von denen es bedrängt wird, von denen ihm Angst droht: von der Außenwelt, von der Libido des Es und von der Härte des Über-Ichs. [...] Ein Sprichwort meint, man könne nicht zwei Herren gleichzeitig dienen. Das arme Ich hat es noch schwerer, es dient drei gestrengen Herren, ist bemüht, deren Ansprüche und Forderungen miteinander in Einklang zu bringen.“ (Freud: Das Ich und das Es. Studienausgabe, Band III, Frankfurt: Fischer Verlag, S. 319) In der englischen Sprache gibt es kein substantiviertes Ich wie im Deutschen, deshalb haben die Übersetzer das „Ego” eingeführt, das dann in seiner heutigen Bedeutung in den deutschen Sprachraum zurückgekehrt ist. 

Unter dem Ego wird jener Persönlichkeitsanteil verstanden, der nur in der Vergangenheit (Erinnerungen, Traumata) und der Zukunft (Sorgen, Wünsche) weilt. Es ist auf Bestätigung angewiesen und versucht ständig, sich durch materiellen Besitz, Status, Leistungen oder auch durch spirituelle Errungenschaften zu behaupten. Es ist so etwas wie ein Reservoir der im Leben angesammelten Traumaerfahrungen und deren Bewältigung durch Abwehrmechanismen und Überlebensstrategien. Das Ego ist von inneren Ängsten angetrieben und ist bestrebt, sie mit dem Denken, das in die Vergangenheit oder in die Zukunft führt, zu bändigen. Da es auf Traumaerfahrungen beruht, befindet es sich beständig im Überlebensmodus. Es ist von der Vorstellung getrieben, dass es für die Weiterexistenz des Menschen allein zuständig ist. Der von der Angst angetriebene Überlebensimpuls ist immer egoistisch, kennt also keine Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer Menschen.

Das Ego entwickelt sich also im Lauf der Lebensgeschichte und kann mit Hilfe von therapeutischen Methoden verkleinert und entmachtet werden. Spirituelle Übungen und Erfahrungen können Egomuster überschreiben und in den Hintergrund drängen. Doch ohne therapeutische Arbeit bleiben die Muster bestehen und wirken weiter. Egomuster lösen sich auf, wenn die Traumata, aus denen sie entstanden sind, bearbeitet und integriert sind. Menschen, die sich nie einer Psychotherapie oder ähnlichen Verfahren unterzogen haben, können auf dem spirituellen Weg sehr weit gelangen, während die bestehenden Charakter- und Persönlichkeitszüge weiterwirken. Aus diesem Grund treten Diskrepanzen zwischen persönlicher und spiritueller Reife auf, indem z.B. spirituelle Lehrer zu sexuellen oder emotionalen Missbrauchern werden. 

Das Ego findet sich in vielen spirituellen Lehren, z.B. als Nafs im Sufismus oder als Shi Xin im Taoismus. Der bewertende, durch die Erziehung konditionierte Seelenteil, der trennt und unterscheidet, verhindert das Eintauchen in das Göttliche oder in das Tao und muss deshalb auf dem spirituellen Weg überwunden werden. 

Das Ich: Die Realitätsinstanz

Das Ich ist eine Instanz, die als Teil der gesunden Entwicklung der Seele in der frühen Kindheit gebildet wird und zu einer Ich-Identität weiterentwickelt wird. Das Kind lernt sich selbst mit „ich“ zu bezeichnen und reichert dieses Ich mit Inhalten an, die es im sozialen Umgang aufnimmt: der Eigenname, die Zugehörigkeit zu einer Familie und einem Land, Charaktereigenschaften, Kompetenzen usw. Dieses Ich differenziert sich im Lauf des Lebens zu einer Persönlichkeit mit vielen Facetten. Das Ich regelt das Alltagsleben mit seinen verschiedenen Herausforderungen und steuert die Kreativität, indem es Visionen entwickelt und umsetzt. Ein stabiles Selbstgefühl als Ich ist die Grundlage für die erwachsene Lebenskompetenz. Das Ich enthält die Vernunft und die Rationalität. Nach Freud regelt es die Bedürfnisse und Triebimpulse entsprechend den aktuellen Möglichkeiten in der Außenwelt und passt die Ideale und Erwartungen des Über-Ichs an die Realität an.

Das nicht existente Ich

Aus neurowissenschaftlicher Perspektive gibt es allerdings dieses Ich oder Selbst im Sinn einer unabhängigen Instanz oder eines “Ich-Zentrums” im Gehirn gar nicht. Vielmehr wird das Ich in jedem Moment des bewussten Erlebens durch ein komplexes Zusammenwirken vieler Nervenzellen erzeugt. Das “Subjekt” des Erlebens und Handelns ist eine Fiktion, die das Gehirn permanent herstellt. Ein intensiver Austausch von spezialisierten neuronalen Netzen vermittelt uns den Eindruck, wir hätten eine Ich-Identität. Wir brauchen diese Überzeugung, über ein Ich zu verfügen, um in der Welt unser Überleben zu sichern und soziale Interaktionen gestalten zu können. Der Philosoph und Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger schreibt in Bezug auf den Stand der neurowissenschaftlichen Forschung: „Niemand war jemals ein Selbst, und niemand hatte jemals ein Leben. Alles, was wir in der Vergangenheit für ein Selbst gehalten haben, ist in Wirklichkeit das Resultat eines inneren evolutionären Prozesses. Es gibt kein Ich, es gibt nur ein Selbstmodell.“ (Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel München: Piper-Verlag 2009, S. 15)

Das Ich ist also keine Gegebenheit in der Welt, kein Ding, kein Zentrum, sondern etwas, das als Resultat von gehirninternen Abläufen erlebbar wird, das aber nur ein Modell vorstellbar ist. Das Gehirn suggeriert fortlaufend die äußere Realität und die innere Realität, miteingeschlossen das Ich oder das Selbst. Wir erleben uns als dieses Ich, aber im Ich selbst ist niemand, es ist eine Leerstelle. Daraus folgt, dass dieses Ich keine fixen Eigenschaften haben kann, sondern sich laufend verändert, je nachdem, welche Datenströme das Gehirn gerade produziert. Gedanken und Gefühle tauchen auf und verschwinden wieder. Das Modell, das laufend hergestellt und ins Bewusstsein eingespeist wird, ist flexibel, flüssig. Es zerfällt, wenn wir im Tiefschlaf sind.

Aus dieser Natur des Ich folgt auch, dass es nicht von einem Schicksal geprägt ist, sondern plastisch, formbar und variantenreich gestalterisch seine fließende Form ausübt. Es kann durch die Lebenspraxis in die eine oder andere Richtung verändert werden – z. B. durch gute Sozialkontakte, viel Bewegung und gesunde Ernährung in die Richtung der Erweiterung der Lebenschancen, durch das Gegenteil in die Richtung der Verringerung der Möglichkeiten. Mittels Therapie und Meditation wird die Flexibilität und damit die Plastizität verbessert, während sie starre und selbstschädigende Gewohnheiten verringern. 

Das Ich und das Ego

Das Ich steht in einem Spannungsverhältnis zum Ego, sobald es merkt, dass bestimmte Verhaltensweisen und Gewohnheiten der Rationalität und der Kreativität schaden. Aus dem Ego können Gedanken kommen, die entmutigen und die kreativen Impulse schwächen, z.B.: „Du schaffst das nie.“ „ Du bist zu dumm dafür.” „Du kannst nicht gut genug malen, Tischtennis spielen, studieren, schreiben usw.“. Um das eigene Leben gemäß den eigenen Wünschen zu gestalten, muss das Ich das Ego in die Schranken weisen. Solche inneren Konflikte motivieren Personen, sich therapeutische Hilfe zu suchen oder einen spirituellen Weg zu beschreiten.

Da das Ego aus Überlebensmustern besteht, die in höchsten Gefahrenmomenten entstanden sind, räumt es die innere Arena nicht kampflos, sondern wehrt sich mit Händen und Füßen, wenn es ihm an den Kragen gehen soll. Das Ich-Bewusstsein versteht irgendwann, dass die Reaktionsweisen des Egos in frühen Phasen der Kindheit entstanden sind und damals einen Sinn hatten, dass sie aber der erwachsenen Persönlichkeit nicht mehr helfen, sondern für den Pfad der Selbstverwirklichung hinderlich und schädlich sind. Die Überlebensgefahren, auf die sich das Ego beruft, sind in der Erwachsenenwelt nicht mehr realistisch. Das Ego hat allerdings die menschliche Gehirnarchitektur auf seiner Seite, die den alten Bedrohungsszenarien auf einer vorbewussten Ebene eine höhere Wichtigkeit einräumt als den realistischen Einschätzungen des Ich-Bewusstseins. Deshalb wirken bloße Vorsätze, schlechte Gewohnheiten zu beenden, meist nichts; vielmehr müssen die Mechanismen des Egos verstanden, die ursprünglichen Überlebensängste erkannt und alle damit verbundenen Gefühle gespürt werden, bis die Stimme des Ichs stärker wird als die Stimme des Egos.

Auf andere Weise kommt es bei der spirituellen Suche zur Auseinandersetzung mit dem Ego. Es erweist sich bald als Drahtzieher hinter allen Widerständen, die sich der spirituellen Übungspraxis und der Entwicklung zur inneren Befreiung in den Weg stellen. Das Meister-Schüler-Verhältnis, das es in vielen Schulen gibt, hilft beim Erkennen der Ränke, die das Ego schmiedet, um seine Existenz zu behaupten. Die Meisterin durchschaut die Machtspiele des Egos in der Person der Schülerin, weil sie in der eigenen Praxis gelernt hat, die Tricks des Egos zu verstehen und zu entmachten. Sie lenkt die Aufmerksamkeit der Schülerin auf die unbewussten Mechanismen, die ihr Verhalten und ihr Denken steuern, und empfiehlt spirituelle Übungen z.B. in der achtsamen Konzentration auf den Erlebensmoment und in der Verfeinerung des inneren Sinns, sodass das Bewusstsein im Moment ruhen kann, ohne dass es vom Ego gestört wird. Auf diese Weise wächst ein Gegengewicht zur Ego-Agenda in Form von positiven Erfahrungen in der Achtsamkeitspraxis oder Meditation wie Stille, innerer Friede und Glückseligkeit. 

Jenseits von Ich und Ego

Während das Ego mit viel Selbstdisziplin und Innenarbeit entmächtigt werden muss, tritt das Ich im Zug einer Meditationspraxis immer weiter zurück, weil es immer weniger wichtig wird. Es tritt hinter die Erfahrungen von Stille, Weite und Helligkeit zurück, die zunehmend auftreten. Man könnte sagen, dass es nach innen zerfällt, wenn sich der Innenraum auftut. Das Ich verliert am Licht des Absoluten seine Bedeutung. Es verflüchtigt sich, weil es nicht gebraucht wird. Die Leerstelle verschwindet. 

Mit dem Ich verabschiedet sich der individuelle Wille. Bestimmte Meditationserfahrungen führen in einen Zustand, in dem der eigene Körper als willenlos wahrgenommen wird. Ohne jede Angst oder Sorge besteht der Eindruck, dass der eigene Körper nicht mehr bewegt werden kann. Da kein Ich mehr vorhanden ist, gibt es auch kein Wollen und damit keine willkürlichen Bewegungen. 

Im Unterschied dazu verabschiedet sich das Ego nicht von selbst oder freiwillig. Vielmehr kämpft es bis zum „bitteren“ Ende, weil es ja meint, für das Überleben zuständig zu sein. Vor dem Schritt ins Jenseits der Überlebensprogramme treten deshalb meistens massive Ängste auf, die in der Meditation überwunden werden können.

Zum Weiterlesen:
Das Ego in der Meditation
Die Weitergabe des Egos
Das Ego und seine Wurzeln
Die zwei Wahrheiten: Das Ego als Pforte zur Wahrheit
Das Ego und die Dualität


Sonntag, 25. Februar 2024

Das Glück im Hirn

Was macht uns glücklich? Ich werfe hier einen Blick auf die Glücksentstehung im menschlichen Gehirn. Die Neurowissenschaften haben die grundlegenden Mechanismen entschlüsselt, unter welchen Umständen wir zu Glückserfahrungen gelangen.

Wir leben mit unserer reichhaltigen Innenwelt von Erwartungen bezüglich unserer Zukunft: Was wird als nächstes, übernächstes und überübernächstes passieren? Wir wollen den Überblick über unsere Zukunft haben, damit wir uns sicher im Jetzt fühlen können. Das Gefühl der Sicherheit reicht nicht aus, um uns glücklich zu fühlen. Es kommt zwar vor, dass wir Glücksgefühle spüren, wenn wir einer Gefahr entronnen sind und uns sicher fühlen. Aber daran gewöhnen wir uns schnell wieder, und die Sicherheit, die wir genießen, zählt zu den Selbstverständlichkeiten.

Die Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass wir Glücksgefühle erleben, wenn unser Gehirn Dopamin ausschüttet. Allerdings geht es dabei nicht um die Menge dieses Botenstoffes, sondern um die Änderung zum vorigen Niveau. Bei einem starken Dopaminanstieg meldet sich das Glücksgefühl. War die Menge vorher schon recht hoch, dann bringt ein weiterer Anstieg nicht sehr viel. Wenn wir „Glück haben“, wie wir sagen, dann hat uns gerade die Wirklichkeit positiv überrascht. Sofort wird Dopamin freigesetzt und wir fühlen uns besonders gut. Unsere pessimistische oder neutrale Zukunftserwartung trifft nicht zu, stattdessen widerfährt uns etwas Gutes.

Das sind die Erfahrungen, nach denen wir auf der Suche nach dem Glück streben. Erwartbare Erfolge wirken viel weniger erhebend als ein plötzlicher Glückstreffer. Das Glück ist also überhaupt nicht in unserer Hand, sondern „ein Vogerl“, wie es im Wienerlied heißt. Es speist sich aus der Ungewissheit und Unvorhersagbarkeit der Zukunft. Die meiste Zeit hadern wir mit dieser Unsicherheit, und das Nichtwissen bereitet uns Unbehagen. Gewissermaßen als Ausgleich hat uns die Natur mit einem Belohnungsmechanismus ausgestattet, der aktiviert wird, wenn etwas unvorhersehbar Tolles passiert. Glück findet also im Moment der Überraschung statt und verflüchtigt sich durch die Gewöhnung an das Neue. 

Die schnelle Abnutzung des Glücks hat auch seine Vorzüge – sie motiviert die Menschen zur Produktivität und Kreativität. Im Grund wissen wir, dass wir etwas tun müssen, um die Bedingungen fürs Glücklichsein zu schaffen; im Grund wollen wir auch tätig sein und etwas in der Welt weiterbringen. Es treibt uns dabei die Erwartung auf eine Belohnung an, die Hoffnung auf das Glück. So wechseln wir zwischen Phasen der Anstrengung und des Verzichts auf einen sofortigen Lohn mit Phasen, wo wir uns über das Geschaffene freuen; da sich Freude und Glück schnell abnutzen, verbringen wir wohl mehr Zeit mit der Glückssuche, und das ist auch gut so. 

Süchtige leiden darunter, dass ihnen diese Motivation abhandengekommen ist und sie nicht mehr zu ihr zurückfinden. Ihr Glücksstreben ist auf eine Substanz oder eine Verhaltensweise fixiert und von ihr abhängig. Genauer gesagt, kann ihr Gehirn nur mehr Dopamin freisetzen, wenn die entsprechende Reizzufuhr kommt, sei es von einer Droge oder von einem zwanghaften Verhalten. 

Die Suchtdynamik stellt eine extreme Form der kreisförmigen Abläufe im Dopaminhaushalt dar. Diese Abläufe sind ansonsten allgegenwärtig in unseren kulturellen Mustern eingeprägt. Wir passen uns schnell an ein neues Niveau an Wohlstand oder Wohlgefühl an und brauchen bald mehr an positiven Überraschungen, um wieder in ein High zu kommen. Wir wollen das Glücksgefühl, das wir schon kennen, zurückhaben, müssen aber immer mehr aufwenden, um zu ihm zu kommen. Das Anspruchsniveau steigt mit jeder Glückserfahrung, und wir brauchen eine gesteigerte Zufuhr von außen, um wieder in den bekannten Glückszustand zu kommen, und diese Zustände werden immer kürzer, während sie immer schwieriger erreicht werden können.

Das neue Auto, mit dem wir unsere Nachbarn beeindrucken können, das neue Smartphone, das unsere Freunde beeindruckt – ein Strohfeuer an Befriedigung und Glück, das schnell verbrennt. Also muss ein neuer Kick her, vielleicht ein neuer Film oder ein neuer Song. Unsere Kultur bietet jede Menge an Glücksversprechen, jeder Werbeclip verspricht einen Dopaminschub.

Diese Dynamik besteht auch auf der kollektiven Ebene, was den Zusammenhang zwischen Wohlstand und Lebenszufriedenheit anbetrifft. Nach statistischen Erhebungen braucht es ein bestimmtes Niveau des Lebensstandards, dass sich die Menschen glücklich fühlen können. Steigt der Wohlstand über dieses Niveau hinaus, stagniert die Lebenszufriedenheit. Superreiche sind also im Schnitt nicht glücklicher als Otto-Normalverdiener. 

Wie entkommen wir der Abhängigkeit von Außenreizen und Glückstriggern? Wir wollen ja diese Momente der Erfüllung nicht missen. Sie machen uns das Leben immer wieder lebenswert und geben uns ein Sinngefühl. Hier treffen wir auf die Bestrebungen der jahrtausendealten östlichen Weisheitslehren, die sich auch in manchen westlichen Philosophien wiederfinden. Es geht darum, die Illusionsmaschinerie der kurzfristig wirksamen Glücksversprechen zu überwinden und zu distanzieren. Jeder, der sich länger mit Meditation befasst hat, kennt die Erfahrung, dass es genügen kann, die Augen zu schließen, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten, die Atmung zu entspannen, und schon stellen sich Glückserlebnisse ein. Es ist nicht immer so, aber geschieht immer wieder und umso öfter, je mehr wir uns der Meditationspraxis widmen und ihr Zeit geben. 

Es ist ein Glück, das sich in solchen Zusammenhängen einstellt, das nicht mit Erwartungen verbunden ist. Es wird nicht durch eine positive Überraschung ausgelöst, sondern steigt aus einer tieferen inneren Quelle aufsteigt.  Wir wissen, dass das regelmäßige Meditieren den Dopaminspiegel erhöht (hier zur Quelle), aber das ist nur ein Nebeneffekt. Insbesondere geht es beim Meditieren um die Innenwendung und damit um die Befreiung von äußeren Glücksverlockungen. Wenn wir uns regelmäßig in der Meditation in uns selbst verankern, können wir aus den suchterzeugenden Mechanismen der Konsumwelt aussteigen. Wir erkennen, dass wir alles in uns haben, das wir brauchen, um glücklich zu sein.

Die Zusammenhänge zwischen Dopamin und Glückserfahrungen habe ich diesem Buch entnommen: 
Henning Beck: 12 Gesetze der Dummheit. Denkfehler, die vernünftige Entscheidungen in der Politik und bei uns allen verhindern. Ullstein 2023, S. 156 - 162

Zum Weiterlesen:
Das Geheimnis der Lebensfreude
Das individuelle Glück und die Ungeheuerlichkeit des Leids
Konsumscham und Schamkonsum
Der Mythos vom verlorenen Glück
Der trügerische Zauber der Illusion


Sonntag, 3. Dezember 2023

Das Ego in der Meditation

Das Ego mischt sich in alle Themen und Aktivitäten unseres Lebens ein, so natürlich auch ins Meditieren. Es äußert sich schon von Beginn an: Was soll das bringen? Wie mühsam ist es doch, nur dazusitzen und nichts zu tun, so viele Ideen hätte ich, aber jetzt soll ich nur still sitzen bleiben ...  

Aber auch, wenn die ersten Hürden überwunden sind und der Entschluss zum Meditieren zu einer Routine geführt hat, melden sich Widerstände, die unser Ego produziert: Ich komme nicht weiter, es ist nur langweilig, ich bin ja sowieso immer nur in Gedanken etc. Manche resignieren wegen dieser hartnäckigen Widerstände und hören irgendwann mit dem Meditieren auf. Oder sie schaffen es nur, dranzubleiben, wenn sie in einer Gruppe sind. Das Aussteigen aus der Meditationspraxis tut dem Ego einen Gefallen, das sich zufrieden zurücklehnen kann und nicht mehr fürchten muss, die Macht im Inneren zu verlieren. So kann alles beim Alten bleiben, die Muster ändern sich nicht und die Gewohnheiten bestimmen weiterhin das Leben mit seinen vielfältigen Ablenkungen. 

Das Ego und der spirituelle Fortschritt

Das Ego meldet sich aber auch dann, wenn eine Meditation eine herausragend positive Erfahrung war. Hurtig brüstet es sich mit dem Fortschritt einer „gelungenen” Meditation, wenn sie z.B. zu tiefer Entspannung geführt, spezielle innere Räume geöffnet und egofreie Zustände ermöglicht hat. Kaum öffnen wir die Augen, drängt sich das Ego in den Vordergrund und reklamiert den „Erfolg“ für sich: Wie weit bin ich doch schon auf meinem inneren Weg fortgeschritten, das Ziel kann nicht mehr weit sein. Vielleicht präsentiert das Ego auch Vergleiche wie: Früher habe ich noch mit so vielen Widerständen kämpfen müssen, gestern konnte ich mich gar nicht konzentrieren, aber heute habe ich einen tollen Schritt vorwärts geschafft. 

Selbstzufrieden schauen wir auf die Errungenschaft zurück, stolz erzählen wir Freunden davon, um ihre Bewunderung zu ernten. Heimlich reibt sich das Ego seine Hände und freut sich, dass ihm die Meditation nichts anhaben konnte. Denn es sonnt sich in dem Stolz. Plötzlich steht es voll hinter der Meditation, die es als seine Leistung präsentieren kann. Dieses Momentum, wo der Drang nach innerem Vertiefen und das stolzgeprägte Ego zusammenwirken, kann die Meditiererin für sich nutzen und die Konsequenz im Weitermachen stärken. 

Dem Ego geht es zwar nicht um die innere Entwicklung, die tendenziell von seiner Macht wegführt, sondern darum, im sozialen Feld für einen stabilen Stand zu sorgen, an dem die Anerkennung sichergestellt ist. Da es aber erkennt, dass es in seiner Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen, durch die Meditation unterstützt wird, verringert es seinen Widerstand dagegen.  

Im Überschwang der „ Fürsorglichkeit” hebt es uns gerne auf ein Podest: Ach, die anderen unbewussten Menschen, die auf den Straßen im Halbschlaf herumlaufen, während ich Bewusstseinsräume kenne und in Sphären unterwegs bin, die sie nicht einmal in den kühnsten Träumen kennenlernen konnten. Sie sind voll in ihren dunklen Prägungen verhaftet und kennen die Freiheit und Glückseligkeit nicht, all die erlesenen Qualitäten, von denen ich schon gekostet habe. 

Wenn allerdings die Meditation nicht „gelungen“ erscheint, wenn zu viele Gedanken oder unangenehme Gefühle den Ablauf bestimmt haben, ist das Ego erst recht in seinem Element. Es sorgt sofort für Kritik und Selbstvorwürfe.  Es vergleicht mit früheren besseren Erfahrungen oder mit anderen Zeitgenossen, die auf diesem Weg viel schneller viel weiter gekommen sind. Statt den Stolz zu füttern, führt es hier zur Scham. 

Stolz und Scham, die Polarität des Egos

Das Ego sucht also in jeder Erfahrung, also auch in jeder meditativen Erfahrung, Anlässe für Stolz, wenn es die Erfahrung positiv bewertet, oder für Scham, wenn es sie negativ eingestuft. Das Ego richtet beständig jede Erfahrung nach seinen gewohnten Maßstäben. Damit verführt es in seine Gefilde, weg von der lebendigen Erfahrung, die in ein lebloses Objekt der Bewertung und Einordnung verwandelt wird. Es überlagert die aktuelle Wirklichkeitswahrnehmung mit seinen konstruierten und rekonstruierten Inhalten aus der Vergangenheit.  

Das Lebenselixier des Egos ist die Angst. Es ist aus Ängsten entstanden und hütet sie im Wunsch, vor ihnen zu bewahren. Es versucht, alle Erfahrungen, die wir machen, mit Angst zu verbinden und aufzuladen. Selbst wenn es sagt: Du brauchst keine Angst zu haben, weil du z.B. so gut meditierst, zeigt es sich als Agent der Ängste: Ich sage dir, wann du Angst haben sollst und wann nicht. Ich mache dich stolz und selbstsicher, aber ich kann dir deine Sicherheit jederzeit wegnehmen. Du verdankst deine Angstfreiheit meiner Umsicht und Wachsamkeit. 

Im Sinn des angstgetriebenen Vermeidens von Ängsten verkauft das Ego jeden Erfolg als eigene Leistung und jeden Misserfolg als persönliches Versagen. Erfolg heißt, dass eine Schonfrist vor der nächsten Angst gewonnen wurde. Misserfolg heißt, dass die Angst vorherrscht. Das demütige Annehmen dessen, was das Leben schenkt, ob es nun angenehm ist oder nicht, ist sein größter Feind oder das, was es am wenigsten verstehen kann. 

Das Erlernen der Distanz von Ego und Wirklichkeit

Meditieren bedeutet, dem Ego und seinen Spielchen zu begegnen und mehr und mehr Erfahrungen darüber zu sammeln, was es alles anstellt. Manchmal wird es ganz ruhig und zieht sich zurück, manchmal taucht es unvermutet hinter jedem Winkel auf: Eine Klientin meinte: „Ich habe mein Ego schon so satt!“ Und gleich drauf: „Sagt mein Ego.“  

Bei jeder Diskrepanz zwischen dem Selbst und der Realität ist das Ego aktiv. Es kritisiert und bejammert das, was gerade ist und sich nicht den eigenen Vorstellungen fügt. Beim Meditieren versuchen wir, anzunehmen, was gerade ist, ohne etwas daran zu bekritteln. Das Ego sperrt sich gegen diese Versuche und will immer wieder seine Agenda durchbringen: Die Realität soll sich gefälligst danach richten, was wir für richtig halten. 

Mit einiger Meditationspraxis und mit fortgeschrittener Fähigkeit im Durchschauen des Egos wird klar, dass es keine guten oder schlechten Meditationen, keine gelungenen oder misslungenen gibt, sondern nur verschiedenartige Erfahrungen. Jede Meditation, auf die wir uns einlassen, ist anders. Manchmal fällt es uns leichter, uns auf den Moment zu konzentrieren, manchmal geht es schwerer. Beide Erfahrungen sind gleich wertvoll. Es geht ja in der Meditation nicht darum, bestimmte Bewusstseinszustände zu erreichen, sondern eine Zeit darauf zu verwenden, die Aufmerksamkeit nur nach innen zu richten und dort alle, was auftaucht, anzunehmen. Es ist also eine Übung im Akzeptieren dessen, was ist.  Sind viele Gedanken da, so ist es das, was zu akzeptieren ist. Sind viele Gefühle da, so werden diese angenommen. Gelingt es leichter, das, was auftaucht, anzunehmen, ist das zu akzeptieren, ebenso, wenn das schwerer fällt. Was immer ist, sollte angenommen werden. Das ist der Königsweg zur Entmachtung des Egos.  

Denn das Ego will nichts in seinem Sosein annehmen, sondern an allem, was auftaucht, seinen Stempel aufdrücken, der es in etwas anderes verändert. Es ist konsequent im Kritisieren dessen, was ist, und reißt deshalb permanent aus dem Fließen von Erfahrung zu Erfahrung: Es kommt eine Erfahrung und dann eine Unterbrechung, ein Riss, in dem sich das Ego breit macht. 

Die Haltung beim Meditieren ist die gelassene Beobachtung, das Seinlassen dessen, was ist. Es kann der Atem beobachtet werden, aber auch Körperempfindungen, Energiephänomene oder die Atmosphäre in der Umgebung. Dabei ist immer auch und vor allem das eigene Ego Gegenstand des Beobachtens, des Wahrnehmens und Erkennens. Denn es bewirkt, ob die Aufmerksamkeit auf dem aktuellen Moment sein kann, auf der Erfahrung, die ins Bewusstsein tritt, oder auf Phänomenen, die vom Ego präsentiert werden, wie Gedanken und Bilder. Je mehr es gelingt, das Treiben des Egos zu identifizieren und dann die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zurücklenken, desto mehr bleiben wir mit der aktuellen Wirklichkeit verbunden und nicht mit jener synthetischen, die das Ego aufdrängt. Denn was aus dem Ego kommt, ist immer ein Stück Wirklichkeit fast ununterscheidbar mit einem Stück Fantasie kombiniert. 

Meditation ist demnach die Übung, der Wirklichkeit, die im momentanen Erleben zu finden ist, immer näher zu kommen, und dazu ist das Erlernen der Unterscheidung des Erlebens und der Ego-Produktionen notwendig.  Fast immer dominiert das Ego die Erfahrung, vor allem in unserem Alltag; manchmal besteht eine Distanz zwischen ihm und der Instanz, die es beobachtet, und in der Meditation bemühen wir uns methodisch, diese Distanz zu stärken. 

Zum Weiterlesen:
Störungen in der Meditation
Selbst- und Außenbeziehung in Therapie und Meditation
Meditation und Langeweile

Dienstag, 21. März 2023

Langsamer ist schneller

Langsamer geht oft schneller.  Das ist ein paradoxer Satz. Und er mutet befremdlich an, weil wir an eine von Schnelligkeit geprägte Zeit gewöhnt sind. Doch sprechen viele Erfahrungen für diesen Satz:

Wenn wir hektisch werden, werden wir fehleranfälliger und brauchen dann mehr Zeit fürs Fehlerkorrigieren. In der Schnelligkeit übersehen wir leicht wichtige Details, unser Blick ist immer schon wo anders als bei dem, was gerade ist. Beim Sprechen verschlucken wir leicht sinngebende Partikel und wundern uns, wenn wir nicht verstanden werden. Beim Zuhören entgehen uns die Nuancen und Zwischentöne, manchmal auch ganze Sätze oder Satzteile, weil unser Kopf sich schon die Antwort nach den ersten gehörten Worten zurechtlegt. Unsere Fähigkeiten sind in der Hektik auf das Nötigste reduziert, weil der Schnelligkeitsmodus mit dem Notfallmodus gekoppelt ist.

Im langsamen Modus haben wir Zeit, uns zu überlegen, was wir wie sagen, statt gleich mit der Tür ins Haus zu fallen oder mit einem Schwall an Worten herauszuplatzen und den Gesprächspartner zu überschwemmen. Wir haben Zeit, uns auf die angesprochene Person einzustimmen und können uns besser in sie hineinversetzen. Wir hören nicht nur das Geredete, sondern auch das Gemeinte. Mit Langsamkeit sind wir bessere Kommunikatoren. Wir ersparen uns Missverständnisse und damit auch viele Konflikte, die aus unvollständigen Gesprächen entstehen. Wir nehmen uns Zeit, Probleme genauer zu betrachten, und entwickeln mit dieser Haltung oft nachhaltigere Lösungen.

Die Qualität der Langsamkeit

Die Langsamkeit verfügt über eine eigene Lebensqualität. Wir sind mehr mit uns selber verbunden und nehmen zugleich mehr im Außen wahr. Wir haben mehr Ideen und sehen mehr Möglichkeiten in der Wirklichkeit. Die Reichtümer und Schätze des Lebens fallen uns auf und erfreuen uns. Wir gehen durch Straßen, durch die wir sonst hasten, und bemerken Schönheiten und Besonderheiten, die uns völlig neu erscheinen. Wir spazieren durch einen Park, und winzige Blüten oder Blätter erquicken unsere Augen. In der Langsamkeit lernen wir den Augenblick und seine Fülle zu genießen. 

Auch die Meditation ist eine Schule der Langsamkeit. Wenn wir uns in uns versenken, verlangsamen die Sinne und die Gedanken. Vielleicht rasen zuerst die Gedanken, sobald wir die Augen schließen, aber bald wird es innerlich ruhiger und der Gedankenstrom bricht ab, alles wird einfacher und leichter. Die Komplexität, die unser Kopf produziert und die uns oft Stress bereitet, wird nebensächlich, die vielfältigen Probleme, die uns plagen, werden unwichtiger, statt dem Tun tritt das Sein in den Vordergrund, statt der Schnelligkeit die Langsamkeit.

Wie wir wissen, fördert das langsame Essen die Verdauung und das Sättigungsgefühl. Ein langer Kauprozess ist nicht nur gut für den Kiefer, sondern führt auch dazu, dass die Nahrung gut eingespeichelt und für den Magen und Darm vorbereitet wird. Wir essen weniger, aber haben mehr an Nährwert und Genuss davon, als wenn wir die Speisen hastig verschlingen. Alle unsere inneren Vorgänge im Bauch folgen im Normalfall einem langsamen Tempo und brauchen Ruhe, um gut abzulaufen.

Der Grundrhythmus der Langsamkeit

Und schließlich: Das langsame Atmen bildet die Grundlage der Langsamkeit überhaupt. Der Atemrhythmus ist der Grundtakt in unserem Inneren, der alle anderen Rhythmen mitbestimmen kann, wenn wir langsam atmen. Stress ist immer mit schnellem Atmen verbunden, und umgekehrt führt schnelles Atmen zum Stress. Mit der Verlangsamung der Atmung kommen wir herunter vom Stress. Langes Ausatmen aktiviert den Parasympathikus und verringert den Herzschlag. Der Puls wird ruhiger und die Herzratenvariabilität steigt.

In einem Experiment wurden Mäuse dazu gebracht, jeden Tag eine halbe Stunde langsam zu atmen. Nach vier Wochen wurde ein Stresstest gemacht, und die Gruppe der Mäuse, die langsam geatmet hatten, schnitten signifikant besser ab als die Vergleichsgruppe: Sie erholten sich wesentlich rascher vom Stress, ihre Stressresilienz war also bedeutend höher. 

Das Leben genießen

Es gibt auch den Genuss von Geschwindigkeit, er kann etwas Spielerisches und Abenteuerliches haben. Beispiele sind der Fahrtwind beim Radfahren oder das Sausen beim Ringelspiel. Der Geschwindigkeitsgenuss lebt davon, dass wir uns auf etwas Aufregendes einlassen, eine spannende Erfahrung machen und dann wieder in die Ruhe zurückfinden. Es ist ein Wechsel in den Rhythmen, der uns erfreut und den wir im Griff haben, indem wir festlegen, wie er abläuft. 

Das ist ein anderes Geschwindigkeitserleben als das des Getriebenseins, mit dem wir im modernen Alltag kämpfen. Da handelt es sich meistens um ein Hetzen und Gehetztsein. Wir stecken in einem Kampf- oder Fluchtmuster, nur gibt es keine äußeren Bedrohungen, vor denen wir uns fürchten müssen, sondern nur innere Fantasien, mit denen wir uns ausmalen, was passieren würde, wenn wir langsamer werden. 

Verfolgungsträume

Im Beschleunigungsmodus wirkt unser Leben wie in einem Alptraum: Eine Gefahr nähert sich in unserem Rücken, wir laufen schneller und schneller, und doch haben wir das Gefühl, dass uns die Bedrohung näher und näher kommt, bis wir schweißgebadet aufwachen. Der Alptraum ist oft nur eine drastischere Erfahrung wie in den Mustern, die schon Teil des Alltags geworden sind, ohne dass es uns noch auffällt.

Verlangsamung durch Krankheit

Manchmal tut unser Körper nicht mehr mit und verweigert seine Kooperation. Er wird krank, und mit einem Schlag wird alles langsamer. Plötzlich verschieben sich alle Werte und Perspektiven. Was uns unaufschiebbar erschienen ist, wird aufgeschoben, was sofort erledigt werden musste, kann nun warten, was unabwendbar für uns zu tun war, macht jetzt jemand anderer. Plötzlich sind die Erwartungen und Anforderungen, die von außen an uns gerichtet werden und denen wir in uns eine äußerste Dringlichkeit eingeräumt haben, nicht mehr die oberste Priorität, sondern wir selber, unser Wohlsein und unsere Bedürfnisse. Auch wenn wir mit unserem Schicksal hadern und die Krankheit schnell wieder loswerden wollen, sind wir gezwungen, uns zu fügen und unserem Organismus und seiner Zeitstruktur den Vortritt zu lassen. 

Die Lektion im Kranksein ist immer und immer wieder, dass wir nur mit einem gesunden Körper Leistung erbringen können und dass deshalb die Fürsorge für die körperlichen Bedürfnisse vor und über jeder Leistungsanforderung steht. Jede Krankheit zeigt uns, dass wir in irgendeiner Hinsicht gegen unseren Körper gelebt haben und dass wir diese Fehlentwicklung korrigieren müssen. 

Manchmal ist es die Seele, die nicht mehr will und den Widerstand gegen die Selbstausbeutung anführt. Wir merken vielleicht an einer Lustlosigkeit, an einer inneren Schwere, an beständiger Unruhe oder an Sinnzweifeln, dass unsere Seele im Ungleichgewicht ist. Oft suchen wir dann Rat bei Ärzten, weil wir meinen, irgendein körperlicher Mangel könnte die Quelle unserer Unlust sein. Erst wenn diese nichts finden können, schauen wir auf die seelische Ebene und beginnen wahrzunehmen, was da fehlt.

Die Lektion in jedem Seelenleiden, das durch die Beschleunigung entsteht, lautet, dass wir nur mit einer gesunden Seele ein gutes Leben führen können. Die Seele gedeiht in Entspanntheit und Muße, nicht unter Bedingungen, die von außen aufgedrängt werden und nicht der eigenen Gestaltungskraft unterliegen. Unter Druck wächst kein Seelenfrieden. Vielmehr hat die Seele ihre Eigenzeit und ihr Eigentempo, die wir in der Natur, aber nicht im Muster des mentalen Getriebenseins finden können. 

Die langsame Seele

Die Seele braucht im Vergleich zum Mentalen immer viel mehr Zeit. Die Beschleunigung ist in unserem Kopf zuhause, unsere Gedanken sind schon irgendwohin in die Zukunft abgedüst oder schweifen assoziativ in der Vergangenheit herum. Indem wir die Abläufe in unserem Körper verlangsamen, kommen wir unserer Seele näher und sie öffnet sich mit ihren Schätzen für uns. 

Zum Weiterlesen:

Alles zu seiner Zeit: Ungeduld in der Therapie
Geduld ist die Tugend der Glücklichen
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen
Ungeduld beim inneren Wachsen
Die Geschwindigkeitssucht

Dienstag, 27. Dezember 2022

Die Neugier und die Kreativität

Die Neugier ist ein von jeder Scham befreiter Zustand. Sie führt uns in einen Zustand der Unschuld, der uns an unsere Anfänge auf dieser Welt erinnert – diese faszinierende Welt, die wir einst mit staunenden Augen und Ohren erschlossen haben. Und wir erschließen noch immer, solange die Neugier in uns waltet. Es ist der Kontakt mit einer Welt voll von Wundern und Rätseln, voll von Mysterien und Schönheiten. 

Die Neugier ist der Schlüssel zur Kreativität, die sich ja nur entfalten kann, wenn die Scham überwunden ist. Sie bricht aus Gewohnheiten des Erlebens und Denkens aus und überwindet die Schranken, die mit jeder Gewohnheit errichtet werden.

Das Korsett der Gewohnheiten

Das erwachsene Leben besteht zu großen Teilen aus einer Aneinanderreihung von Gewohnheiten, die nur selten von angenehmen oder unangenehmen Überraschungen unterbrochen werden und auf die wir meist mit der Errichtung neuer Gewohnheiten reagieren. Sobald eine Lücke im Netz der Sicherheiten, die wir um uns errichtet haben, auftaucht, wollen wir es stopfen. Auf diese Weise streben wir nach der Absicherung unserer Sicherheit, sobald uns etwas verunsichert. 

Die Kehrseite der Ritualisierung des Lebens bildet die Langeweile, die uns befällt, wenn wir merken, dass wir in einem Korsett der Gewohnheiten gefangen sind und uns nicht mehr wohl fühlen. Wo bleibt die Abwechslung, wo bleibt das Neue? Wie kommen wir heraus aus der Eintönigkeit der Gewohnheiten? 

Viele Möglichkeiten bietet die Welt des Konsums, die realen und virtuellen Schaufenster in ihrer Pracht und Üppigkeit, die uns zum Einkaufen verlocken wollen. Sie versprechen uns das Neue, das wir noch nicht kennen und dessen Reize wir noch nicht ausgekostet haben. Wir kaufen uns die Kreativität anderer Menschen oder künstlicher Intelligenzen, um der Langeweile für kurze Zeit zu entfliehen. Schnell gewöhnen wir uns an die neuen Güter, sie werden eingereiht in das Inventar unserer Absicherungsgewohnheiten. 

Die nächsten Möglichkeiten gibt es in den weiten Feldern der Unterhaltungsindustrie, die uns wiederum mit Produkten fremder Kreativität zum Konsumieren verleiten möchte. Der nächste Blockbuster verspricht einige Zeit Spannung und Nervenkitzel, die nächste Serie will uns mit ihren Beziehungsdramen fesseln, das nächste Kurzvideo soll uns zu kurzzeitiger Heiterkeit bringen. Auch in diesen Bereichen wirkt die Macht der Gewohnheit und die Langeweile kommt verlässlich zurück. 

Schule der Neugier

Wie entrinnen wir der Pendelbewegung zwischen Gewohnheit und Reizsuche? Die Frage lautet auch: Wie finden wir unsere eigene Kreativität? Wie kommen wir in den Zustand schöpferischen Fließens, der uns in eine Welt jenseits der Gewohnheiten führt?

Ein verlässlicher Weg besteht darin, dass wir unsere Neugier aktiv halten, kultivieren und selbst zu einer Gewohnheit machen. Statt uns im Trott von Alltagsgedanken und Verhaltensgewohnheiten zu verlieren, können wir unsere achtsame Wahrnehmung nutzen, um in unserer Umwelt Neues zu entdecken. Selbst Wege, die wir täglich beschreiten, enthalten Elemente, die wir noch nie gesehen haben. Musikstücke, die wir immer wieder hören, können neue Stimmungen wecken, wenn wir aus darauf einstellen, sie auf eine neue Weise zu hören. Formen der Bewegung, die wir uns angewohnt haben, können wir erneuern, indem wir sie anders machen. Wir können z.B. anders gehen als wir es üblicherweise tun. Selbst jeden Atemzug können wir in seiner Neuheit entdecken. Wir können die Idee des Tanzes, also der freien Bewegung, in viele Abläufe unseres Lebens hineinbringen und dadurch in jedem Moment eine Abwechslung erschaffen. 

Die Neugier ist bei all diesen kreativen Impulsen beteiligt und wird durch sie gefördert. Wir steigern unsere Lebenslust, sobald wir das Fließen der Energie wahrnehmen, die mit dem beständigen Neuerfinden unseres Lebens verbunden ist.

Wir können davon ausgehen, dass solche achtsamen Flexibilitätsübungen unsere Neugier fördern und unser Gehirn motivieren, neue Ideen zu produzieren. In der Psychologie wird dieser Vorgang als divergierendes Denken bezeichnet, also ein Denken, das nicht irgendwelchen bekannten Bahnen folgt, sondern völlig neue Assoziationen und Kombinationen hervorbringt. Es kommt zustande, wenn wir gut gelaunt, entspannt und in einem dopaminreichen Zustand sind. Diesen Zustand können wir mit verschiedenen Pillen oder Drogen herbeiführen, die immer auch Nebenwirkungen haben. Natürlicher und risikofrei ist es, wenn wir uns immer wieder einer offenen Beobachtungsmeditation (open monitoring meditation, im Yoga auch als Yoga Nidra bekannt) widmen. 

Eine Studie konnte nachweisen, dass diese Meditationsform den Dopaminlevel um 65 % steigern kann. Damit wird ein optimaler Zustand hergestellt, in dem dann das divergierende Denken stattfinden kann. Die Meditationsübung besteht darin, im Liegen möglichst ohne Bewegung einfach kommen und gehen lassen, was aufsteigt. Die Übung kann man 10 – 60 Minuten lang machen. Da sich der Körper nicht bewegt, produziert das Gehirn vermehrt Bilder, die aus der visuellen Erinnerung kommen. Zugleich wird das autobiografische Gedächtnis, das Erinnerungen untereinander vergleicht, reduziert und es entsteht ein Bewusstseinszustand, der für das divergierende Denken optimal ist. 

Zum Weiterlesen:
Gier und Neugier
Dopamin und unsere Anfälligkeit für Verführung

 

Freitag, 2. Oktober 2020

Die bittersüße Sehnsucht

Goethe dichtete, von Schubert genial vertont: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!“ Was ist das für ein Leid, und aus welchen Gründen tun wir es uns an?

Die Sehnsucht ist ein vielschichtiges Phänomen. Sie ist ein Konglomerat aus verschiedenen Gefühlen und enthält viele kognitive Elemente. Sie zählt deshalb zu den kognitiven oder abgeleiteten Gefühlen. Sie ist eine Form der Unzufriedenheit, die aber auch eine eigentümliche Spannung mit lustvollen Seiten enthält.

In der Sehnsucht schwelgen

Wir können mit der  Sehnsucht auf zwei Weisen umgehen: Eine, die uns weg führen will aus Umständen, die uns nicht gefallen oder die uns schaden. Die andere, die uns zu etwas hinzieht, was noch nicht da ist. Es gibt also eine reaktive Sehnsucht, die in der Fantasie ungünstige Bedingungen überwinden will und von der Frustration über das, was ist, motiviert ist. In diesem Bereich kann die Sehnsucht in extremeren Fällen krankheitswertige Dimensionen annehmen. 

Wenn wir in die reaktive Falle der Sehnsucht geraten, können wir uns stundenlang oder immer wieder in illusionären Fantasien verlieren und im bittersüßen Geschmack der Sehnsucht schwelgen. Wir genießen die vorgestellte Erfüllung und leiden zugleich an der mangel- und fehlerhaften Realität. Die Sehnsucht ist also fruchtlos und selbstquälend, solange sie nicht in Handlungen mündet: Jemand sehnt sich nach einem liebevollen Partner, tut aber nichts dazu, einen zu finden. Sie Sehnsucht dient als Deckmantel für die Angst vor einer Beziehung. 

Tun statt Fantasie

Die andere Richtung der Sehnsucht wirkt proaktiv, indem sie uns zu Handlungen motiviert, die wir uns als Ziel setzen, um der Erfüllung der Sehnsucht näher zu kommen. In diesem Fall verwandeln wir die Sehnsucht in Motivation und schöpfen daraus die Kraft für die Verwirklichung von Visionen. Sobald wir etwas tun, verschwindet die Sehnsucht und macht der Praxis Platz, die sich an den Anforderungen der Wirklichkeit erprobt.

In jeder Sehnsucht gibt es einen kindlichen Anteil: Der Drang nach Geborgenheit, Nähe, Verstandenwerden, Liebe und Abwechslung, Stimulation durch neue Reize, nach dem Alten und Gewohnten und nach dem Aufregenden und Neuen.

Die rückwärts gewandte Sehnsucht nährt das konservative und nationalistische Weltbild mit dem Zentralthema Heimat, die uns von Fremden und Zuzüglern streitig gemacht wird. Sie treibt aber auch die Eroberer und Erforscher des Unbekannten und ist generell als Antrieb für die eigene Autonomie geeignet. Zum Beispiel kennen wir die pubertäre Erfahrung: Die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit, nach einem eigenen Leben mit mehr Selbstbestimmung motiviert zum Ausbrechen, über die Grenzen gehen und über die Stränge schlagen. Es geht um die Emanzipation von den Eltern, ihren Bevormundungen und Werten. Die Familie wird als Einengung erfahren, von der man weg will. 

Prominent, viel besungen und beschrieben ist ganz besonders das andere typisch pubertäre Sehnsuchtsthema: Die Sehnsucht nach der romantischen und aufregenden Liebesgeschichte, nach dem Liebespartner der Träume, nach den unvergesslichen Momenten der Verzauberung. In seinem Ursprung in der Adoleszenz kann es gleichwohl zu einem Lebensthema werden, insbesondere bei Menschen mit einem pränatalen Zwillingsthema.

Ein reiferes Thema ist die spirituelle Sehnsucht: Die Sehnsucht nach völliger Befreiung und unerschütterlichem inneren Frieden, welche die spirituelle Suche antreibt. Zugleich bildet sie eine der vielen Fallen auf diesem Weg: Die Sehnsucht führt zwangsläufig aus dem gegenwärtigen Moment heraus, in dem allein nach Ansicht der spirituellen Lehrer die Freiheit gefunden werden kann. Die Versenkung in die aktuelle Erfahrung und ihre Details löscht sofort die Verlockungen der Sehnsucht aus.

Sehnsuchtsforschung 

Am Max-Planck-Institut gibt es eine Forschungsstelle zur Sehnsucht. Dort wurde herausgefunden, dass fast alle Erwachsenen die Sehnsucht kennen. Bei Sehnsüchten geht es in der Regel nicht um etwas Konkretes wie Geld, ein schnelles Auto oder ein Designerkleid. Vielmehr dreht sich dieses Gefühl um grundlegendere Themen im Leben. Die Forscher meinen, dass die Sehnsucht in der Evolution des Menschen entstanden ist, um ihn immer wieder nach neuen Wegen zum Glück suchen zu lassen und damit die Kreativität zu entfesseln. 

Es werden sechs Merkmale der Sehnsucht unterschieden:

1. Die Unerreichbarkeit einer persönlichen Utopie: Viele Sehnsüchte enthalten die Vorstellung von einem „perfekten Leben“, sei es ein grenzenloser Reichtum oder die klassenlose Gesellschaft. Das Leiden besteht in der Diskrepanz zwischen der unvollkommenen Realität und den erträumten Möglichkeiten.

2. Die Unvollkommenheit und Unfertigkeit des eigenen Lebens: Die Fehlerhaftigkeiten und Schwachstellen des eigenen Lebens und der eigenen Persönlichkeit werden durch ein erträumtes Ideal im Außen kompensiert. Zum Beispiel: Wenn ich die große Liebe finde, nach der ich mich sehne, wird mein Leben vollkommen sein. 

3. Der Dreizeitigkeitsfokus: Sehnsucht ist häufig auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft ausgerichtet. So kann zum Beispiel ein Sohn, der sich nach seinem verstorbenen Vater sehnt, die guten Zeiten und Seiten des Vaters erinnern und vermissen, seinen Rat nicht mehr hören zu können. Die Sehnsucht malt zudem eine bessere Zukunft aus, wenn er noch am Leben wäre. 

4. Bittersüße Gefühle: Süß sind die Phantasien vom Ersehnten, von dem, was das Leben perfekt machen würde. Bitter ist die Erkenntnis, dass es nicht real ist. Manchmal ist es das Wissen, dass wir nach etwas Unerreichbarem streben, manchmal bilden wir uns auch nur ein, dass wir ein Ziel der Sehnsucht nicht verwirklichen können. 

5. Rückschau und Lebensbewertung: Sehnsüchte dienen auch zur Bewertung des eigenen Lebens. Bin ich auf dem richtigen Weg? Was fehlt in meinem Leben? Wohin soll es gehen? Werde ich meinen Idealen gerecht? Manchmal ist dieser Aspekt der Sehnsucht in die Frage gekleidet: Wie werde ich auf meinem Totenbett auf mein Leben zurückschauen? Wir erwarten mit dieser Frage, dass wir in unserem Todesprozess an den Punkt kommen werden, an dem wir über unser ganzes Leben sinnieren und dass wir dann eine rückwärts gewandte Sehnsucht entwickeln, wie es gewesen wäre, unser Leben anders zu leben, als wir es gelebt haben, z.B., wie es in einem bekannten Text heißt, wenn wir mehr Eis geschleckt hätten. 

6. Der Symbolcharakter: Häufig stehen Sehnsüchte für etwas anderes.  Man sehnt sich nach einem schnellen Sportauto und erwartet sich einen flotten Eindruck beim anderen Geschlecht oder die Erfahrung von Unabhängigkeit, Freiheit und Unbeschwertheit. Statt uns auf diese Qualitäten zu besinnen und zu trachten, sie mehr in unser Leben zu bringen, glauben wir, sie mit einem Konsumgut erreichen zu können. Diese Neigung ist Wasser auf die Mühlen der Werbewirtschaft.

Das Ende der Sehnsucht

Jede Sehnsucht endet im bewusst erlebten Moment. Sie hat sich darin gewissermaßen von selbst erledigt. Denn jeder dieser Momente enthält alles, was wir brauchen und was uns erfüllt. Das besagt der meditative Weg, der beste Ausweg aus allen Qualen der Sehnsucht und der mit ihr verbundenen Leiden.

Zum Weiterlesen:

Sonntag, 17. Dezember 2017

Trauma und Sinnsuche in der Dissoziation

Unter Dissoziation wird die Fähigkeit verstanden, Bewusstsein und Körper zu trennen und in eine von der momentanen Realität losgelöste Erlebenssphäre abzutauchen. Es werden bei diesem Vorgang entsprechende Schaltungen im Gehirn aktiviert bzw. deaktiviert, wodurch beispielsweise der visuelle Eindruck entstehen kann, sich selber von außen zu beobachten. Missbrauchte Kinder berichten, dass sie die schreckliche Szene am Fensterbrett sitzend beobachten konnten. Folteropfer erzählen, dass sie aus ihrem gequälten Körper herausschwebten und dabei ein Triumphgefühl erlebten.

Der Sinn der Reaktion liegt darin, dass sich das Bewusstsein vor massiven Schmerzen und Ängsten schützen kann. Es handelt sich um einen Überlastungsschutz, ähnlich einer Sicherung, die bei einer Überbeanspruchung von Leitungen den Strom abschaltet. Die Verbindung zum eigenen Körper wird gekappt. Um die Überflutung des Bewusstseins mit Schmerzen und Stress zu bewältigen, werden viele Nervenverbindungen abgeschaltet, während andere, für die Aufrechterhaltung des Bewusstseins zuständige Gehirnregionen aktiv bleiben, sodass der subjektive Eindruck entsteht, dass sich der Geist vom Körper trennt.

Diese Fähigkeit kann, wenn sie einmal bekannt und vertraut ist, später in ähnlich belastenden Situationen aktiviert werden. Manche Menschen mit einer ausgeprägten Traumageschichte entwickeln die spezifische Fähigkeit, sich dissoziierend aus Situationen auszuklinken, die belastend und überfordernd sind, wobei diese Fähigkeit in seltenen Fällen sogar bewusst eingesetzt werden kann, während sie meistens unbewusst auftritt. Schwer traumatisierte Patienten berichten, dass sie ihre Persönlichkeit aufteilen können: Ein Teil leidet, ein anderer tröstet, ein dritter erklärt, was los ist.

Merkmale einer Dissoziation


Die dissoziative Erfahrung fühlt sich unwirklich an, fremd in Bezug auf die gerade aktuelle Realität. Der Körper kann sich abgetrennt und unlebendig anspüren. Manche berichten von dem Gefühl, neben sich zu stehen. Im Extremfall meldet sich eine Angst verrückt zu werden oder schon zu sein. In milderer Form zeigen sich dissoziative Tendenzen im geistigen Weggehen aus einer Situation, in Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeiten und Gedankenschweifen. Wir alle kennen also Dissoziationen in mehr oder weniger ausgeprägten Gestalten.

Dissoziation und Spiritualität


Dissoziation ist nicht nur eine wirksame Methode zum Überleben während eines Traumas, sondern kann darüber hinaus sinnstiftend wirken und für tiefere spirituelle Einsichten öffnen. Es gibt viele Berichte über spirituelle Erfahrungen während einer traumatischen Erfahrung, ermöglicht durch den Dissoziationsmechanismus: Lichterfahrungen, Glückseligkeitsgefühle, Begegnungen mit Geistwesen usw.

Traumatisierte Personen suchen oft ein Leben lang nach Sinn, da im Trauma die Verbindung mit dem organischen Lebensprozess unterbrochen wurde. Der Sinn ist in der schrecklichen Situation der Traumatisierung abhanden gekommen, die Folge sind Verwirrung und Verzweiflung in einer bedrohlichen Umwelt. Dagegen kann es nur ein Gegenmittel geben, die Sinnsuche in einer Überrealität. Die Dissoziation bietet sich als Methode und als Weg an. Das Herausgehen aus einem Körper, der so viel Leiden erfahren hat und in sich trägt, dient zur Kompensation. Die lichtvolle Weite, die sich jenseits des Körpers zeigen kann, wird zum Fixstern der Sehnsucht und Ausflucht aus einer Welt der Dunkelheit.


Der finstere Körper und die strahlende Entkörperung – eine schillernde Dualität, die sich in vielen leibfeindlichen Traditionen und religiösen Strömungen findet. Sie ist aus der Psyche des Traumaopfers verständlich und nachvollziehbar. Aber in der Gestalt von spirituellen oder religiösen Lehren kann sie irreführend wirken. Denn der Zugang zur Spiritualität öffnet sich nicht in der Abspaltung vom Körper, sondern aus ihm heraus, unter Einschluss aller Erfahrungsbereiche des Menschen. Spiritualität gibt es also nur als ganzheitliche Erfahrung, nicht als Resultat von Abspaltungen.

Deshalb müssen die Traumatisierungen aufgearbeitet werden, um den vollen Zugang zur Welt der Spiritualität zu gewinnen. Die Heimat muss im Körper wiedergefunden werden. Er ist das Zentrum dieser Welt, die es nur im jeweiligen Hier und Jetzt gibt.

Menschen mit heftigerer Traumaerfahrung haben denen mit geringerer Belastung voraus, dass sie sich nicht so leicht mit der relativen Gestörtheit des Alltagslebens in der Gesellschaft zufriedengeben können. Sie suchen nach einem Sinn, der früh schon verloren gegangen ist und deshalb auch in der Welt von Leistung und Konsum nicht gefunden werden kann. Die Bekanntheit mit der Dissoziation kann den Zugang zu spirituellen Methoden erleichtern und die Phänomene, die dort auftreten, vertrauter finden. Häufig verfügen sie über eine erhöhte Sensibilität und feinere Wahrnehmungen, und sie können sich leichter für andere Wahrnehmungsdimensionen öffnen, da sie das Austreten aus der aktuellen Realität schon kennen.

Andere, die weniger massiv belastet wurden, sind besser im Lebensalltag verankert und stellen seine Eigentümlichkeiten schwerer in Frage. Sie haben weniger spektakuläre Erfahrungen mit Dissoziation (Abschweifen, Gedankenverloren-Sein, Unkonzentriert-Sein statt irritierende außerkörperliche Erfahrungen) und halten sie für normale Aspekte der Lebenspraxis. Das Relative und das Absolute erscheint ihnen weniger deutlich unterschieden, und sie vermeiden eher extreme Ausgestaltungen eines spirituellen Lebens. Wenn sie auf Sinnsuche gehen, bewegen sie sich eher graduell weiter, ohne spektakuläre Sprünge oder Durchbruchserlebnisse.

Die Verantwortung des Lehrers


Spirituelle Lehrer kann man danach unterscheiden, ob sie ihre Einsichten aus der Dissoziation gewonnen haben und deshalb Prozesse unterstützen, die mit Abspaltung verbunden sind, oder ob sie ganzheitliche und dissoziative Erfahrungen auseinanderhalten können und deshalb in der Lage sind, Menschen, die zur Dissoziation neigen, in den Körper zurückzubringen und zu körperlichen spirituellen Erfahrungen zu führen.

Manche Lehrer und Gruppenleiter arbeiten mit „bewusster Dissoziation“, sie leiten also Übungsprozesse an, in denen das Bewusstsein aus dem Körper heraus in einen jenseitigen Raum steigen soll. Dort könne sie dann an Ressourcen herankommen, die sonst unzugänglich sind. Das sind harmlose Übungen, solange die übende Person „in ihrem Körper“ „aus ihrem Körper“ herausgeht. Das Bewusstsein, im eigenen Körper verankert zu sein, sollte also nie verloren gehen, wohin auch immer die innere Fantasiereise geht. Denn solche Methoden beinhalten das Risiko, Prä-Trans-Verwechselungen zu fördern statt aufzulösen: In der dissoziativen „spirituellen“ Erfahrung wird die Traumasituation wiederholt und die Abspaltung verstärkt, wodurch auf die Aufstiegserfahrungen umso heftigere Abstürze folgen können. Statt in einem Zustand der Erlösung anzukommen, wird eine unverarbeitete Angstsituation wiederbelebt.

Es ist auch wahrscheinlich, dass Schülerinnen mit starken Dissoziationsneigungen Lehrerinnen suchen, die diese Tendenzen fördern. Sie werden fasziniert sein, wenn sie Lehren hören, die die Abspaltung und den Körper-Geist-Dualismus beinhalten, wie sie in vielen esoterischen Theorien vertreten sind. Auch kann es sein, dass auf die Lehrerin die Lichtgestalt projiziert wird, die in der ursprünglichen Dissoziationserfahrung aufgetreten ist. Von ihr wird jetzt Heilung und Befreiung erwartet, und die Schattenseiten und menschlichen Schwächen werden ausgeblendet. Umgekehrt gibt es unter solchen Lehrern viele, die gerade diese Idealisierung fördern und damit indirekt die Abtrennung ihrer Schüler von ihrer eigenen Kraft und Klarheit bestärken, obwohl sie vielleicht das Gegenteil predigen.

Dagegen helfen alle Meditationsformen, die mit dem Körper verbinden, zu einem klaren spirituellen Weg. Das konsequente Wahrnehmen von Körperempfindungen, wie sie in der Vipassana-Meditation geübt wird oder die Bewusstheit auf das Atmen, die Teil vieler Achtsamkeitsmeditationen ist, sind Beispiele dafür, wie die Tendenz zum „Ausbüchsen“, zum Abheben in außerkörperliche Sphären hintangehalten werden kann. Auch „aktive“ Meditationsformen, die mit Bewegung und intensivem Atmen verbunden sind, wirken dissoziativen Tendenzen entgegen. Hier braucht es auch keine übermächtigen und angebeteten Lehrer und Meister, sondern Menschen, die kompetent und verantwortungsvoll auf dem Weg der inneren Suche begleiten können.

Therapie und Meditation


Die Stärkung der Verankerung in der gegenwärtigen Wirklichkeit schafft Vertrauen und Sicherheit. Die Aufarbeitung der Traumatisierungen ist dennoch notwendig, aber die Erfahrungen in der körperzentrierten Meditation helfen in der Traumatherapie, die damit auf eine wichtige Ressource zurückgreifen kann. Umgekehrt erlauben die aufgearbeiteten Traumen weitere Fortschritte auf dem inneren Weg der Befreiung. In jedem Trauma sind besondere Kräfte gebunden, die das Überleben dieser Situationen ermöglicht haben. Sie stehen wieder zur Verfügung, wenn die Ängste und Schmerzen durchlebt sind. Die Arbeit lohnt sich, die dissoziativen Tendenzen im Alltag werden weniger, die Präsenz steigt und damit wird das Leben in seiner lebenswerten Seite offenbar, und die spirituellen Erfahrungen beschränken sich nicht mehr auf die Retreats und Seminare, sondern werden zur tragenden Schwingung des tagtäglichen Lebens.

Zum Weiterlesen:

Dissoziative Weltbilder
Prä- und transrationale Erfahrungen unterscheiden

Montag, 1. Mai 2017

Ist Achtsamkeit ein Tranquilizer?

In einem Interview in der Wiener Zeitung geht der britische Historiker Theodore Zeldin auf die Themen „Achtsamkeit und Meditation“ ein. Wer meint, dass ein Historiker nicht unbedingt ein Experte für Achtsamkeit sein muss, wird in diesem Artikel eines Besseren nicht belehrt. Denn Zeldin greift im Wesentlichen nur das uralte Nabelschau-Vorurteil gegen Meditierer auf: Wer sich hinsetzt und die Augen schließt, vergisst die Welt, kümmert sich nicht mehr um sie und wird zum selbstsüchtigen Solipsisten.

In den Worten von Zeldin: „Man hat die Alternative: Man kann hinausgehen, um die Welt zu verbessern. Oder man kann meditieren und sich vor der Welt und ihren unerwünschten Effekten verstecken.“ Dieses Zitat lässt sich auch umdrehen: Man kann versuchen, die Welt zu verbessern, um sich vor sich selbst und den unerwünschten Themen in sich zu verstecken. Oder aber man kann meditieren, um Klarheit und Kraft für die Verbesserung der Welt zu gewinnen. Wir können auch fragen: Wie soll jemand, der nicht meditiert, überhaupt sinnvoll die Welt verändern können und sich sicher sein, Weltverbesserung nicht mit dem Ausagieren des eigenen Unbewussten zu verwechseln? Hitler und Stalin wollten auch die Welt verbessern, Erdogan und Trump haben dasselbe im Sinn, und jedem, der sich heutzutage politisch engagiert, geht es genau um das. Die Unterschiede liegen allerdings darin, welche Züge die verbesserte Welt aufweisen soll: rechts- oder linksextreme, liberale, konservative usw. Wo, wenn nicht in uns selber, liegt der Schlüssel dafür, zu erkennen, was für uns eine wirkliche Verbesserung der Welt ausmacht und was bloß in versteckter Form der Sicherung von Eigeninteressen dient? Solange die selbsternannten Weltverbesserer von unbewussten Ängsten und egomanischen Impulsen angetrieben sind, kann die Welt nur schlechter werden.

Wir haben nicht die Alternative, die Welt zu verbessern oder zu meditieren. Beides lässt sich verbinden, und beides sollte verbunden werden, zum Nutzen beider und zum Wohl des Ganzen. Die Meditation kann enorm dabei helfen, nicht nur die Motivation zum Weltverbessern in sich zu klären, sondern auch die eigene Kompetenz darin. Gelassene Menschen können mehr zum Weltfrieden beitragen als gestresste.

Ich gebe Zeldin darin recht, dass Bildung einen wichtigen Beitrag für den gesellschaftlichen Fortschritt leistet. Doch warum sollten meditierende Menschen kein Interesse an Bildung haben? Meditation fördert die Konzentration, wie viele Studien belegen, fördert also auch den Erwerb von Wissen und Kompetenzen. Wenn wir entspannt sind, können wir besser Neues aufnehmen und lernen.

Wir werden auch kreativer durch das Meditieren. Zeldin meint zwar, dass die Meditation nichts zur Kreativität beiträgt: „Die Idee, dass Menschen in einem Sessel sitzen und kreativ werden können, ist falsch. Menschen werden schöpferisch durch Interaktionen mit anderen Menschen, wenn sie sich Wissen außerhalb ihres Bereiches aneignen.“ Er hat natürlich darin recht, dass die Meditation keinen unmittelbaren kreativen Output hat und keinen dialogischen Austausch enthält. Wir sitzen, um uns innerlich zu entspannen und den Moment in seiner Ganzheit wahrzunehmen. Doch wissen wir aus vielen Beispielen, beginnend mit Archimedes, und aus vielen Ergebnissen der Kreativitätsforschung, dass die besten kreativen Ideen in Phasen der Entspannung auftauchen. Außerdem tun wir uns leichter, kreative Ideen zu verwirklichen, wenn wir an sie mit der Haltung der Gelassenheit statt der Überlastetheit und Gehetztheit herangehen. Und wir sind offener und kompetenter im Austausch mit anderen Menschen, wenn wir aus der Meditation kommen.

Zeldin behauptet, dass die Beschäftigung mit Achtsamkeit narzisstisch sei. Als Begründung für diesen pathologisierenden Verdacht gibt er an: „Das Ziel von Achtsamkeit ist es, mehr über sich selbst zu erfahren, und nicht über andere.“ Es mag schon stimmen, dass wir in der Achtsamkeitsmeditation mehr über uns selbst erfahren wollen, aber das hat nichts mit Narzissmus zu tun. Vielmehr heißt achtsames Nach-Innen-Schauen, im Inneren alles anzunehmen, was da ist, und in seinem Kommen und Gehen wahrzunehmen, Angenehmes und Unangenehmes gleichermaßen akzeptierend. Körperempfindungen und Gefühle haben dabei den Vorrang vor Gedanken. Der Begriff des Narzissmus macht in diesem Zusammenhang keinen Sinn, weil sich dieses Muster nicht im Erfahren des Moments auf der Empfindungs- und Gefühlsebene zeigt, sondern in Größenfantasien und Selbstidealisierungen, Tendenzen, gegen welche die Achtsamkeitsmeditation ein effektives Gegenmittel darstellt. Die Achtsamkeitsmeditation schwächt also tendenziell narzisstische Charakterzüge. Sie bringt den Praktizierenden dazu, sich auf einer tieferen Ebene selbst anzunehmen, mit den eigenen Stärken und Schwächen, und fördert damit ein realistisches Selbstbild, an dem es gerade einem Narzissten mangelt.

Die Praxis der Achtsamkeit kann sich nicht auf Meditation beschränken. Viele Achtsamkeitslehrer schließen in die Achtsamkeitsübungen Themen wie „Achtsame Kommunikation“ oder „Achtsamer Umgang mit Ressourcen“ ein. Deshalb ist Achtsamkeit kein Gegensatz zum Interesse an anderen Menschen, im Gegenteil, Menschen mit Training in Achtsamkeit sollten bessere Kommunikatoren sein, weil sie gelernt haben, gut zuzuhören und die eigenen Worte sorgsam zu wählen. Außerdem lernen sie, wie sie sich in jeder Situation besser entspannen können, und sie sind deshalb insgesamt angenehmere Mitmenschen, da sie nicht so leicht aus der Fassung geraten.

Wie schaut es mit dem Glück aus? Finden wir es nur in der Innenschau oder gerade dort nicht? Zeldin meint dazu: „Wenn man sich nur um sich selbst kümmert, ist man ein Dummkopf. Wenn man sein eigenes Glück sucht und die Welt dabei vergisst, läuft etwas falsch.“ Die Crux dieser Aussage liegt im „nur“, und nur in dieser Ausschließlichkeit hat der Historiker wohl recht. Die Frage ist freilich, ob damit eine relevante Aussage gelungen ist: Gibt es überhaupt außer ein paar „Dummköpfen“ oder Spinnern Menschen, die sich nur um sich selber kümmern? Sicherlich gibt es Egoisten und Isolationisten, die kaum Kontakte zu anderen haben. Aber ich möchte in Zweifel ziehen, dass sich diese Menschengruppe mit derjenigen der Meditierer in nennenswerter Weise überschneidet. Wenn jemand, der den Kontakt zu anderen Menschen scheut oder aus anderen Gründen nur für sich selber lebt, auch dazu noch meditiert, dann dürfte es sich um eine Ausnahmeerscheinung handeln; jedenfalls bleibt Zeldin in dem Interview jeden Beleg für seine These schuldig.

In den ehrwürdigen Traditionen der Meditation z.B. in asiatischen Klöstern ebenso wie in westlichen Klöstern galt es als Teil der spirituellen Praxis, für andere Menschen zu sorgen, sei es durch Heilkunst oder Seelsorge. Der bekannte vietnamesische Achtsamkeitslehrer Thich Nhat Han verbindet in vielen seiner Bücher und in seiner Lehre die Achtsamkeit mit gesellschaftlichem Engagement.

Eine solipsistische Meditationspraxis ohne sozialen Bezug ist auch deshalb schwer vorstellbar, als Meditation immer in einem sozialen Kontext gelehrt und gelernt wird. Allein die Tatsache, dass meditierende Menschen meistens die Augen schließen, bedeutet nicht, dass sie sich damit aus dem zwischenmenschlichen Bereich ausklinken, es kann vielmehr auch sein, dass sie in der Meditation ihre Mitmenschen liebevoll bedenken, wie es bei manchen Methoden der Meditation nur darum geht, wie z.B. bei der tibetanischen Tonglen-Meditation, bei der das Leid anderer Menschen eingeatmet und Liebe für diese Menschen ausgeatmet wird.

Der Gegensatz von Meditation und sozialer Einbindung kann ein individuelles Problem sein, besteht aber nicht im Grundsätzlichen noch in der gängigen Praxis. Insofern scheint es, als hätte der Oxford-Professor ein Scheinthema konstruiert und eine Kritik formuliert, die ihren Gegenstand in der Wirklichkeit kolossal verfehlt.

Freitag, 17. Juni 2016

Langeweile, eine Form der Selbsttäuschung

Dieses Gefühl tritt auf, wenn die Verbindung mit dem Moment - mit unserem Inneren und der Realität außer uns - verloren geht und die Kostbarkeit, die sich in jeder Erfahrung verborgen hält, übersehen wird. Häufig liegt der Zusammenhang darin, dass wir bestimmte Erwartungen an die Realität haben, die dann enttäuscht werden. Z.B. warten wir auf einen Zug, der nicht und nicht kommt. Wir beginnen uns zu langweilen und werden zugleich ungeduldig. Beide Gefühle verschwinden, wenn wir uns mit etwas beschäftigen, das uns ablenkt und unser Interesse fesselt.

In der Meditation können wir ganz andere Erfahrungen machen. Die Augen sind geschlossen, das Hauptmaß der Aufmerksamkeit ist nach innen gerichtet, vor allem, wenn das Außen ruhig ist und keinen Anlass für Ablenkungen bietet. In diesen Fällen muss die meditierende Person erst lernen, der Versuchung, akustischen Außenreizen zu folgen und inneren Körperempfindungen Aufmerksamkeit zu geben, nicht nachzugeben. Für manche Anfänger ist es schon eine Hürde, über längere Zeit die Augen geschlossen zu halten. Vor allem Menschen, die in ihrer Geschichte häufig durch Außenreize irritiert und aus dem inneren Rhythmus geworfen wurden, unterliegen einem Kontrollzwang, sodass sie dauernd wachsam sein müssen und mit Ängsten reagieren, wenn sie die Augen geschlossen halten sollen.

Sind wir jedoch einmal geübt im Meditieren, gibt es genug im Inneren zu entdecken, sodass manchmal die Zeit wie im Flug vergeht. Allerdings kennt jeder Meditierer Phasen der Innenversenkung, die sich lange hinziehen, die nicht zu enden scheinen, bis sich irgendwann der Blick auf die Uhr stiehlt. Es ist in solchen Situationen ungemein mühsam, die Aufmerksamkeit im Innen zu halten. Der einzige Weg, dennoch bei sich zu bleiben, besteht darin, die Nervosität und innere Anspannung, die hinter der Schwierigkeit zur inneren Konzentration steckt, genauer zu erforschen, also zu spüren, wie sie sich anfühlt. Diese Übung kann wie Schwerarbeit erscheinen, weil wir gegen unseren Drang zur Ablenkung ankämpfen. Dieser Drang wird aus einem Hintergrundstress genährt.

Natürlich nützen sich wiederholende Reize ab, und im Aktivitätsmodus verlangt das Nervensystem beständig nach neuartigem Kitzel, wenn die immer gleichen Nervenverbindungen durch Übernutzung ausgeleiert werden. Besonders wenn wir uns in Anspannung befinden, wollen wir einen schnellen Wechsel im Reizangebot, das zwar den Stressmodus selber zusätzlich anheizt, aber uns das Gefühl gibt, die Kontrolle zu wahren. Im Entspannungsmodus verlangsamt sich das innere Tempo und die Versorgung mit neuen Reizen wird weniger wichtig. Da können wir die Wolkenformationen oder den Wellenschlag am Ufer, das Wiegen von Blättern im Wind und die Schönheit von Blumen auf einer Wiese betrachten, ohne dass uns fad wird.

Langeweile ist also immer ein Indikator von Anspannung, manchmal nur im Hintergrund bemerkbar. Der Ablenkungsdrang kommt aus einem Kontrollbedürfnis, das wiederum von einer unbewussten Angst genährt wird. Weil es unangenehm ist, die Angst zu spüren, drängt uns unser Bewusstsein, schnell einen Reiz zu finden, der unsere Aufmerksamkeit fesselt. Die Anspannung bleibt und meldet sich, sobald sich die Neuigkeit des Reizes abgenutzt hat.

Die Langeweile und der Verstand


Langeweile tritt auf, wenn der Verstand mit sich selbst beschäftigt ist. Irgendwann läuft sich er sich tot, weil er seine Energien verbraucht, ohne neue zu produzieren. Dann bemängelt er das Fehlen von äußerem Input. Er leidet also an einem selbsterzeugten Mangel. Da er von unbewussten Ängsten kontrolliert ist, kann er schwer die Konzentration auf den Moment halten. Er meint, dass immer irgendetwas an diesem Moment falsch oder gefährlich ist. Deshalb versucht er, dem Jetzt zu entkommen, indem er die Sinne fortwährend auf die Suche nach neuen Reizen schickt.

Die Langweile macht uns also auf die Natur unseres Verstandes aufmerksam: Mit großer Umsicht schafft er es, zu verhindern, was helfen könnte, und das Problem, an dem das Leiden besteht, durch die scheinbare Lösung zu verstärken. Denn er bräuchte sich nur zurückzuziehen, schon wird die Sicht auf die schöpferischen Aspekte des aktuellen Moments frei, und das Leiden am Reizmangel ist verschwunden. Aber er hält sich für die wichtigste Instanz, schließlich hat er all seine Ideen und Schlussfolgerungen aus gefährlichen Situationen gewonnen und tut so, als wären diese immer noch aktuell. Deshalb ist er immer anderswo, in Bereichen, die keine neuen Energien schaffen, sondern nur die noch vorhandenen verbrauchen. Die Lösung verstärkt also das Problem.

Dieser selbstbestätigenden Problemspirale brauchen wir uns nicht auszuliefern, außer wir wollen uns selbst einen Schildbürgerstreich spielen. Wenn wir Langeweile erleben, können wir das vielmehr als Gelegenheit ansehen, um uns von der Zwangsjacke unseres Verstandes zu befreien und unseren Sinnen ihre explorative Freiheit zurückzugeben.

Mangel an Präsenz


Langeweile ist ein Gefühl, das, sobald wir es erforschen, verschwindet. Es signalisiert nicht einen Mangel an Außenreizen, sondern einen Mangel an Präsenz, am Sein mit dem, was gerade ist. Es ist ein schnelles Opfer der Bewusstheit: Sobald wir die Achtsamkeit auf den Moment lenken, brauchen wir es nicht mehr. Dafür schleicht es sich leicht bei der Hintertür herein, und oft braucht es eine Kraftanstrengung des bewussten Teils, um gegen die Langeweile anzukommen. Aber mit etwas Übung geht es leichter, und das quälende Gefühl ist rasch vergessen. Statt dessen schwelgen wir in der Üppigkeit der Wirklichkeit.


Vgl. Meditation und Langeweile
Störungen in der Meditation

Sonntag, 31. Januar 2016

Quantenkohärenz und bewusste Erfahrung

Der Begriff der Quantenkohärenz geht auf Forschungen von Mae-Wan Ho zurück, die sich als Biologin an der Open University (und Umweltaktivistin) die Frage nach dem, was das Leben und die Ganzheit eines Lebewesens ausmacht, gestellt hat. Sie hat dafür den Begriff der Quantenkohärenz gefunden. Zu erklären sind Kommunikationsphänomene im menschlichen Körper, aus denen deutlich wird, dass das Globale und das Lokale wechselseitig verschränkt sind und jeder Teil Kontrolle ausübt und  zugleich empfänglich und reaktiv ist.

Beispiele dafür sind langsame Oszillationen in den Riechkolben bei einer Geruchserfahrung, die mit den Bewegungen der Lunge in Phase sind. Ebenso schwingen die motorischen Zentren des Gehirns mit den Bewegungen der Gliedmaßen. Sie können deshalb koordiniert bewegt werden, weil jedes Glied ein kohärentes Ganzes ist, sodass eine Phasenbeziehung zwischen ihnen aufrechterhalten werden kann. Die komplexe Augen-Finger-Koordination, die ein Pianist braucht, hängt von der gleichen inhärenten Kohärenz der Subsysteme ab, die es erlaubt, dass eine augenblickliche Interkommunikation wie bei verschränkten Quantenteilchen abläuft. Denn es geht sich zeitlich gar nicht aus, dass von einer musikalischen Phrase zur nächsten die Inputs ins Gehirn geschickt, dort integriert und dann als koordinierte Outputs zu den Händen zurückgeschickt werden.

Mae-Wan Ho sieht die Grundlage für diese Kommunikationsphänomene in Flüssigkristallstrukturen, die es Zellen erlauben, das passende Gleichgewicht zwischen Festigkeit und Flüssigkeit zu bilden, was wiederum eine Voraussetzung für Lebensfähigkeit ist. Solche Strukturen finden sich in der Membran aller Zellen (vgl. Peter J. Collings, Liquid Crystals: Nature's Delicate Phase of Matter. Princeton 2001, S. 187 ff). Mae-Wan Ho schreibt diesen Strukturen die Fähigkeit zu, Signale in großer Geschwindigkeit zu verbreiten, sodass auf dieser Basis ein internes Kommunikationsnetz funktionieren kann. Dieses Netz ist evolutionär früher entstanden als das Nervensystem und arbeitet mit ihm zusammen, ist aber auch von ihm unabhängig.

Das Flüssigkristall-Netzwerk bildet nach Mae-Wan Ho die Grundlage für ein „Körperbewusstsein“. Dieses Körperbewusstsein, das im Flüssigkristallkontinuum enthalten ist, ist es also, das die Koordination der Körperfunktionen vermittelt. Man kann sich nach diesem Modell den Organismus als vielgestaltiges kohärentes elektrodynamisches Quantenfeld vorstellen, mit einer Unschärferelation zwischen Energie und Phase: Wenn die Phase definiert ist, ist die Energie unbestimmt und umgekehrt. Diese Beziehung könnte von fundamentaler Wichtigkeit für die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit eines lebendigen Systems sein.

Messungen haben ergeben, dass Gleichstromfelder eine Halbleiterfähigkeit haben, die viel schneller ist als die Informationsweiterleitung über die Nervenbahnen. Während eines Wahrnehmungsereignisses können lokale Veränderungen im Gleichstromfeld eine halbe Sekunde vor der Ankunft des sensorischen Signals im Gehirn gemessen werden. Vermutlich werden die Gehirnaktivitäten von einem lokalen Gleichstromfeld auf den nachher eintreffenden sensorischen Reiz vorbereitet.

Bis zu 70% der Proteine in den Bindegeweben der Kollagene zeigen konstante Übereinstimmungsmuster auf, wie sie für Flüssigkristalle typisch sind. Kollagene sind sehr empfindlich für mechanischen Druck, Veränderungen im pH-Wert, anorganischen Ionen und elektromagnetischen Feldern. Deshalb können auch sehr schwache elektromagnetische Signale oder mechanische Störungen ausreichen, um einen Protonenstrom durch den ganzen Körper zu schicken, ideal für die Interkommunikation in der Art eines Protonen-Neuronen-Netzwerks.
Die Ganzheit des Organismus beruht auf einem hohen Grad an Quantenkohärenz. Sie tritt in ihrer reinen, ungestörten Form nur selten auf, „unter sehr außergewöhnlichen Umständen wie während einer ästhetischen oder religiösen Erfahrung, wenn die ‚reine Dauer‘ (…) des Hier und Jetzt völlig delokalisiert wird, in einem Bereich von Nicht-Zeit und Nicht-Raum.“ Deshalb gibt es die Quantenkohärenz in verschiedenen Graden oder Abstufungen.

Aus der Quantentheorie der Optik und Elektrodynamik ist bekannt, dass der kohärente Zustand annähernd stabil ist. Folglich ist dieser Zustand ein idealer Attraktor, zu dem sich das System zurückbewegt, wenn es gestört wurde und aus dem Gleichgewicht geraten ist. Das System sucht also von sich aus den kohärenten Zustand, weil es in diesem am besten seine Aufgaben erfüllen kann.

Das ist der starke Helfer bei allen Heilungsprozessen: Der Organismus will von sich aus zu seinem optimalen Fließgleichgewicht zurück. Alles, was wir dazu tun müssen, ist, ihm nicht im Weg zu stehen und die Hindernisse beiseite zu räumen. Dann bildet sich von selber ein kohärenter Zustand, in dem wir mit uns und mit unserer Umgebung im Einklang sind. In der Meditation und im Atmen in Kohärenz öffnen wir die Tore für die Kohärenz, für die wellenförmige Kommunikation der Flüssigkristalle, in der Theorie von Mae-Wan Ho.

Wie würde diese unsere Wellenfunktion ausschauen? „Vielleicht ist es ein verschlungenes supramolekulares Orbital von vieldimensionalen stehenden Wellen von komplexen Quantenamplituden. Das wäre eher wie eine schöne exotische Blume, in und aus vielen Dimensionen gleichzeitig flimmernd. Das würde unser holographisches Quantenselbst darstellen, erschaffen aus den Verstrickungen mit vergangenen Erfahrungen, der Erinnerung an alles, was wir gelitten und gefeiert haben, die Totalität unsere Ängste, Hoffnungen und Träume.“


Der Artikel "Quantum Coherence and Conscious Experience" von Mae-Wan Ho kann hier nachgelesen werden.

Freitag, 29. Januar 2016

Geistwandern und mentale Autonomie

Was können wir aus dem Gedankenwandern (mind wandering) lernen? Das ist doch etwas, was wir beim Meditieren loswerden wollen, weil es uns im Alltag auf die Nerven gehen kann und dafür prädestiniert ist, Missstimmungen zu erzeugen. Die Buddhisten sprechen vom Affengeist. Häufig leiden wir unter der Maschine in unserem Kopf, die dauernd neue oder immer gleiche Gedanken produziert, die uns in Unruhe versetzen.

Das Verständnis des inzwischen fleißig beforschten Phänomens kann uns helfen, uns selber besser zu verstehen und Wege zu unserer mentalen Autonomie zu finden, also zu der Fähigkeit, beeinflussen und bestimmen zu können, was in unserem Kopf abläuft. Damit beschäftigen sich Psychologen und Philosophen. Im Folgenden fasse ich einen informativen Artikel des Philosophen Thomas Metzinger zu dem Thema zusammen.

Was ist Autonomie? Metzinger definiert sie als rationale Selbstkontrolle, als Fähigkeit, das eigene Verhalten in Abstimmung mit Gründen und rationalen Argumenten zu kontrollieren. Zweitens ist Autonomie die Unabhängigkeit bei der Ausbildung des eigenen Willens, vor allem die Unabhängigkeit von der eigenen inneren Umgebung (z.B. Bedürfnisse, Vorurteile, Konditionierungen). Dazu kommt die Idee der "Selbstgesetzgebung", die Unabhängigkeit von einer äußeren Umgebung mit ihren Standards und Zwängen. Das dritte semantische Element der Autonomie ist die Selbstbestimmung: Die Fähigkeit, die eigenen Handlungen und die dazu führenden Entscheidungen kausal bestimmen zu können. Viertens geht es um Selbstbildung: Die Autonomie wird in einem fortlaufenden Prozess aufgebaut und ausgebaut, sie ist also nicht eine ein für alle Mal erworbene Eigenschaft. In diesem Prozess werden wir Personen, d.h. rationale Individuen mit einer kohärenten und bewussten Selbstrepräsentanz, d.h. wir wissen, wer und was wir sind.

Das mentale Handeln


Es gibt nicht nur körperliche, sondern auch mentale Handlungen, z.B. das absichtliche Fokussieren auf einen Gegenstand oder das bewusste Ziehen von logischen Schlussfolgerungen. Diese Handlungen sind mit Belohnungsbedingungen verbunden, weil sie auf einen Zielzustand ausgerichtet sind. Sie können absichtlich behindert oder beendet werden und verfügen über den subjektiven Charakter des Selbstvollzugs: Wir wissen, dass wir es selbst sind, die diese Handlungen vollziehen.

Metzinger unterscheidet zwei wichtige Typen der mentalen Handlung, die beide sukzessive im Lauf der Kindheit erworben werden und durch Gehirnverletzungen oder Alterungsprozesse eingeschränkt werden oder verloren gehen können:
•    Die Aufmerksamkeitsaktivität (AA) und
•    die Kognitionsaktivität (CA).

Die AA ist vermutlich die älteste und einfachste Form, sich selbst als wissendes Selbst zu erleben. Wir erleben uns in diesem Modus, wenn wir merken, dass wir unsere Aufmerksamkeit bewusst von einem Objekt auf ein anderes verschieben können.

Die CA ist ein Komplex von funktionalen Fähigkeiten, die mit der Erfahrung als kognitiv Handelnder verbunden sind, z.B. wenn jemand berichtet: "Ich denke gerade darüber nach" oder "Ich bin zu folgender Schlussfolgerung gelangt".

Beim Gedankenschweifen kollabieren diese Fähigkeiten. Es ist eine Form des unabsichtlichen Verhaltens, die allerdings nicht automatisch unintelligent oder behindernd sein muss. Kreativität, die Einprägung von Inhalten des Langzeitgedächtnisses und eine sorgfältige Zukunftsplanung können durch das mind wandering unterstützt werden.

Die Meta-Bewusstheit


Sie äußert sich bei der Beeinflussung von anderen mentalen Handlungen und bewirkt Mentalhandlungen der zweiten Ordnung. Diese Handlungen sind wesentliche Werkzeuge für das Erreichen höherer Stufen der M-Autonomie. Sie können andere mentale Aktivitäten beeinflussen. Beispiele dafür sind das Beenden von Gewaltfantasien oder das bewusste Aufrechterhalten eines spontan auftauchenden Tagtraumes.

Unter "Vetoautonomie" versteht Metzinger Fähigkeit der absichtlichen Hemmung von Handlungen, die wir nicht dem Gehirn, sondern der ganzen Person zuschreiben. Wir können nur rational sein, wenn wir über diese Fähigkeit verfügen. Es können jedoch hohe Grade der mentalen Autonomie ohne diese rationale Selbstkontrolle erreicht werden.

Die M-Autonomie


Unter mentaler Autonomie kann die Fähigkeit verstanden werden, den bewussten Inhalt des eigenen Bewusstseins zielgerichtet zu kontrollieren, mit Hilfe von AA oder CA. Entscheidend dafür ist die "Vetokomponente": Alle ablaufenden Prozesse können prinzipiell aufgeschoben oder beendet werden. Diese Fähigkeit ist sicher sehr unterschiedlich ausgeprägt, und Menschen verfügen über sie nur ungefähr ein Drittel ihrer bewussten Lebenszeit. Während dem Gedankenwandern fehlt die mentale Autonomie, weil wir nicht über die Veto-Komponente verfügen.

Das Gedankenwandern kann als Grundaktivität verstanden werden, die wir nutzen, um eine Minimalversion von Kontinuität als Plattform für längerfristige Motivation und Zukunftsplanung aufrechtzuerhalten. Da Metzinger der Meinung ist, dass wir über kein identisches Selbst verfügen, müssen wir dieses durch automatische Narrative virtuell erzeugen. Gewissermaßen erzählen wir uns immer wieder, dass wir sind, wer wir sind, und bringen uns damit dazu, das auch zu glauben.

Wenn wir Tagträumen nachhängen, Fantasien, Selbsterzählungen und depressiven Grübeleien, was wir bis zu zwei Drittel unserer bewussten Lebenszeit „tun“, denken wir nicht, sondern dann geschieht oder widerfährt uns das Denken. Allerdings vergewissern wir uns dabei, dass wir über die Zeit identische Wesen sind.

Folglich kann also das Gedankenwandern als Verlust von M-Autonomie verstanden werden, weil es mit einem unbemerkten Verlust von mentaler Selbstkontrolle und epistemischer Handlungsfähigkeit verbunden ist, entweder auf der Ebene der Aufmerksamkeit oder der Kognition. Unbeabsichtigt ablaufend, ist es nicht rational geleitet und kann nicht willentlich beendet werden. Auch wenn Aspekte dieser Tätigkeit funktional brauchbar sind, sind die insgesamten Kosten und allgemeinen negativen Effekte auf das subjektive Wohlbefinden offensichtlich und gut dokumentiert, z.B. in Hinblick auf  Leseauffassung, Gedächtnis und anhaltender Aufmerksamkeit. Zugleich konnte die Forschung nachweisen, dass das Phänomen allgegenwärtig ist.

Also sind Menschen ungefähr zwei Drittel ihrer Lebenszeit keine autonomen mentalen Subjekte, auch wenn sie von außen betrachtet bewusst präsent sind und üblicherweise auch von ihren Mitmenschen als solche behandelt werden. Denn die Zurechnung von Verantwortung gilt weiter, selbst für Zustände des inneren "Entrücktseins."

Das Gedankenschweifen kann allerdings auch ganz zum Stillstand kommen, entweder bei Übenden von Achtsamkeitsmeditation oder als Folge einer Verletzung im medialen frontalen Kortex.

Weiters folgt aus den Erkenntnissen, dass das bewusste Denken primär und vorherrschend ein automatischer subpersonaler Prozess ist, wie der Herzschlag oder die Immunregulation. Es ist empirisch plausibel anzunehmen, dass ein beträchtlicher Teil unserer eigenen kognitiven Phänomenologie einfach durch einen häufigen Fehler in der exekutiven Kontrolle bewirkt wird. Menschen sind dadurch charakterisiert, dass eine nahezu konstante subpersonale und automatisch erzeugte mentale Aktivität durch das Default-Mode-Netzwerk (im Deutschen etwas irreführend als Ruhezustandsnetzwerk übersetzt) abläuft, verbunden mit einer häufigen Unfähigkeit des ausführenden Kontrollsystems, zentrale Leistungsaufgaben vor einer Störung durch diese unterpersönlichen Denkprozesse zu schützen. Offenbar ist das Gedankenwandern eine Art „Standardeinstellung“ des Gehirns, zu dem es zurückkehrt, wenn nichts anderes von ihm verlangt wird (Harrer, Weiss 2016, S. 96). Und wir können uns schwer gegen seine überraschenden Überfälle auf unsere geordneten Denkvorgänge zur Wehr setzen.

Deshalb meint Metzinger, dass die autonome kognitive Selbstkontrolle die Ausnahme und nicht die Regel darstellt. Das Ideal des kognitiv geleiteten Menschen, der autonom und selbstkontrolliert rational denkt, ist dann nur ein Mythos, der von schwerdenkenden Philosophen über die Jahrhunderte verbreitet wurde, die sich und ihre Zunft dadurch selbst beweisen und rechtfertigen wollten.

Denken wie Atmen


Jede Metabewusstheit des ablaufenden Gedankenschweifens ist vergleichbar mit einer Metabewusstheit unseres Atems oder Herzschlags. Metabewusstheit ist das, was wir bei einer Achtsamkeitsübung oder einer Meditationsanleitung als „Beobachten“ beschreiben: Beobachte deine Atmung, beobachte deine Gedanken.

Diese drei Phänomene, Atmen, Herzschlag und spontanes aufgabenfreies Denken sind keine psychologischen Prozesse auf der Persönlichkeitsebene, sie sind vielmehr identisch mit unterschwelligen physiologischen Prozessen im biologischen Körper. Wenn die Gedanken zu schweifen beginnen, handelt es sich um einen physiologischen Ablauf mit einem spezifischen, weitgestreuten Muster der neuronalen Aktivität, der sich zu weiten Teilen mit dem Default-Mode-Netzwerk überlappt. Gedankenschweifen ist also einfach die erlebte Bewusstheit eines lokal ablaufenden körperlichen Prozesses.

Sind wir die Täter unserer Erkenntnisse?


Warum aber erleben wir subjektiv einige unserer kognitiven Prozesse als Eigenschaften der persönlichen Ebene aus der Erste-Person-Perspektive? Der Grund liegt darin, weil sie in ein EAM (epistemic agent model = Modell der epistemischen Täterschaft) eingebettet sind, das gerade in unserem Gehirn aktiv ist, und weil wir in einem Umfeld leben, in dem wir uns wechselseitig als rationale Individuen beschreiben und anerkennen, was dann wiederum das introspektive Erlebnis beeinflusst.

Metzinger ist der Auffassung, dass es das Gehirn selbst ist, das eine Komponente einrichtet, eine besondere Form der bewussten Selbstrepräsentation, die das System als erkennendes Subjekt darstellt, als Wesenheit, die ihr Wissen aktiv sucht und verbessert, z.B. durch CA und AA. Metzinger nennt diese Instanz EAM. Sie kann dazu dienen, laufende Prozesse in sie einzubauen, sodass die Erfahrung des Besitzens geschaffen wird (mein Gedanke, mein eigenes autobiografisches Gedächtnis, meine eigene Zukunftsplanung). Wenn diese Prozesse als Kontrollen auftreten, die kausale Einflüsse ausüben können, werden sie bewusst als Selbstkontrolle oder erfolgreiche mentale Selbstbestimmung erlebt. Dennoch ist ein Erkenntnismodell dieser Art kein kleiner Mann im Kopf, sondern ein gänzlich subpersonaler Prozess. Menschen werden Personen nur dadurch, dass sie sich erlebnismäßig mit dem Inhalt eines solchen Modells identifizieren können. Dazu helfen soziale Erfahrungen, z.B. jene durch den Sprachgebrauch, mit dem sich selbst und anderen ein Personenstatus zugeschrieben wird.

Die Abkürzung PSM (phenomenal self model = phänomenologisches Selbstmodell) bezeichnet eine bewusste Repräsentation des Systems als Ganzem, körperlich, psychologisch, sozial und persönlich. Unter Normalbedingungen ist ein großer Teil des menschlichen PSM „durchsichtig“, weil wir nicht in der Lage sind, es als Modell zu entlarven, sodass wir uns deshalb voll mit seinem Inhalt identifizieren.

Der Selbstrepräsentanz-Blink


Wir wissen nicht, warum eine Episode des Gedankenwanderns gerade begonnen hat, und typisch ist, dass das ganz erste inhaltliche Element als Überraschung kommt. Manchmal haben wir eine Metabewusstheit zum zweiten "Waggon" im Zug des Schweifens, aber das erste Element ist unvorhersehbar und trägt zum subjektiven Gefühl bei, die Kontrolle zu verlieren und uns in einem unbeabsichtigten mentalen Verhalten zu befinden. Das könnte man als systematische Blindheit der autobiografischen Selbstrepräsentation verstehen, denn das aktuelle Element des Übergangs in den Wanderzustand ist nichts, an das wir uns erinnern können, ist kein Teil unseres bewussten mentalen Lebens.

Metzinger nennt dieses Phänomen "Selbstrepräsentations-Blink" (SRB) - Blink heißt so viel wie Blinzeln, weil es so schnell geht wie ein Lidschlag. Der Vorgang kann auch als Versagen der Selbstkontrolle verstanden werden, die vielleicht durch eine Erschöpfung von neuronalen Ressourcen entsteht. Die Blindheit besteht vor allem gegenüber den selbstbezogenen Reizen, also den aktuellen Körperempfindungen. Es wechseln in diesem Moment zwei PSMs: Der vorige war noch mit der gegenwärtigen Umgebung verbunden, der neue ist nur mehr selbstbezogen.

Die Identifikationseinheit (UI) ist jene Eigenschaft, mit der wir uns gerade identifizieren und die zur Erfahrung von "Ich bin das!" führt. Wenn man das Geistwandern als Umschalten der Identifikationseinheit versteht, dann erkennt man, dass es in einen entkörperten Zustand führt, indem es von der aktuellen Körperwahrnehmung distanziert. Obwohl ein Zeitgefühl bleibt, geht dadurch das Raumgefühl verloren.

Wie endet eine Episode des Gedankenwanderns?


Weil Achtsamkeit und Gedankenwandern entgegengesetzte Phänomene sind (mindfulness ist das Gegenteil von mind wandering), kann der Prozess des Verlierens und Wiedergewinnens der Meta-Bewusstheit am eingehendsten in verschiedenen Stufen einer Achtsamkeitsmeditation erforscht werden. In frühen Phasen einer objektorientierten Meditation wird es zu zyklischen Verlusten der M-Autonomie kommen, und dazu der wiederkehrenden mentalen Handlung als Entscheidung, den Fokus der Aufmerksamkeit wieder zum Gegenstand der Meditation zurückzubringen, z.B. zum Atmen. Die Erfahrung wird als zielgerichtet und leicht angestrengt erlebt. In fortgeschrittenen Phasen der Meditation hat sich die Aufmerksamkeit geweitet, sodass die Bewusstheit im gegenwärtigen Moment als Ganzem ruhen kann. Solche stabilen Zustände der Meta-Bewusstheit können als Zustände ohne Identifikationseinheit verstanden werden. Während sich der beginnende Meditierer mit einem internen Modell eines mentalen Agenten identifiziert ("das meditative Selbst"), wird die Meta-Bewusstheit der zweiten Art als anstrengungslos und handlungsfrei beschrieben.

Achtsamkeit und Geistwandern


Das Geistwandern ist kein an sich schädlicher Vorgang. Aber es schränkt den Raum unserer Bewusstheit ein und kann uns emotionalen Zuständen ausliefern, die uns nicht guttun. Deshalb ist es ratsam zu lernen, den Anteil dieser Unbewusstheit zu reduzieren und dadurch Grade an innerer Freiheit und Autonomie dazuzugewinnen.

Worauf Metzinger nicht verweist, was aber durch Forschungen belegt ist: Jedes Unterbrechen des stream of consciousness, der schweifenden Gedankenaktivität, und jedes bewusste Zurücklenken der Aufmerksamkeit auf einen körperlich aktuellen Zustand stärkt die innere Autonomie, indem die präfrontalen und mesolimbischen Areale gestärkt und die limbischen Bereiche, vor allem die Amygdala geschwächt werden, also die Top-Down-Kontrolle verbessert wird. Wir können schneller erkennen, wann wir im unbewussten Gedankenschweifen unterwegs sind, und unsere Aufmerksamkeit schneller und leichter zurück in den Moment bringen. Das ist die Botschaft der Achtsamkeitsbewegung. Übung macht den Meister, und jede Meditation ist ein Schritt auf dem Weg, jeder Moment der Atembewusstheit und alle Zeit, die wir der Innenschau widmen.

Abkürzungsverzeichnis:

AA = attentional agency = Aufmerksamkeitstäterschaft (Selbsterleben mit Bezug zum eigenen Körper und einem hohen Niveau an Kontrolle der eigenen Aufmerksamkeit – wenn jemand sagt: „Ich bin ein Selbst, das gerade den Fokus meiner Aufmerksamkeit kontrolliert“)
CA = cognitive agency = kognitive Täterschaft (Selbsterleben mit Bezug zum eigenen Körper und einem hohen Niveau an kognitiver Kontrolle – wenn jemand sagt: „Ich bin ein denkendes Selbst“)
PSM = phenomenal self model = phänomenologisches Selbstmodell (die bewusste umfassende Repräsentation des eigenen Denkens als Ganzes – wenn jemand sagt: „Ich bin ein Selbst“)
EAM = epistemic agent mode l= Modell der epistemischen Täterschaft (die Annahme, dass wir Urheber unserer Erkenntnisse sind – wenn jemand sagt: „Ich bin ein wissendes Selbst“)
SRB = Selbstrepräsentanz-Blink (Augenblick, in dem die Aufmerksamkeit unwillkürlich von außen nach innen zum Gedankenwandern schwenkt)
UI = Unit of Identification = Identifikationseinheit (der Inhalt, mit dem sich das Ich gerade identifiziert)

Vgl. Thomas Metzinger: Kognitive Täterschaft. In: Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand? Hg. von John Brockman. Fischer Taschenbuch 2016
Literatur: Harrer, Michael E., Weiss, Halko: Wirkfaktoren der Achtsamkeit – wie sie die Psychotherapie verändern und bereichern. Stuttgart: Schattauer 2016