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Dienstag, 17. März 2026

Verzerrungen der kollektiven Bewusstseinsfelder

Katastrophen erzeugen kollektive Emotionalfelder, die vor allem mit Angst, Scham und Schmerz aufgeladen sind. Wie im vorigen Artikel beschrieben, belasten diese Felder alle Mitglieder der Gesellschaft. Da es einfacher ist, diese Belastung durch Rechtfertigungen zu erleichtern als die unangenehmen Gefühle zu spüren, die sie übermitteln, gibt es einen ganzen Markt für solche Entlastungen. Diese bewirken Verzerrungen in den Bewusstseinsfeldern, die von ihren ursprünglichen Gefühlen entfremdet werden. Über diese Gefühle wird ein Schleier gelegt, der vor ihrer Macht schützen soll. Diese Unkenntlichmachung wird mit neuen Deutungen vorgenommen, die nicht aus der Realität, sondern aus der Fantasiewelt von Ideologien stammen. Die entsprechenden Angebote vertreten begrenzte Interessen und sind nicht am gesellschaftlichen Nutzen interessiert. Entweder geht es um wirtschaftlichen Gewinn oder um politische Macht. Für diese Ziele werden die arglosen Konsumenten der Propaganda benutzt und ausgebeutet.

Egoismus statt Empathie

Der Altruismus, der normalerweise durch das empathische Mitfühlen mit dem Leid anderer aktiviert wird, wird durch den Egoismus ersetzt, indem die Verzerrungsangebote Ängste schüren: Wenn du empathisch bist, kann es dir selber an den Kragen gehen.  Sobald wir in Angst geraten, werden unsere Überlebensprogramme angestachelt. Sie suggerieren uns, dass wir zuerst unsere eigene Haut retten müssen, bevor wir jemand anderem helfen können. Das ist die Grundregel für alle Ausreden zur Vermeidung von prosozialem und gemeinnützigem Verhalten. 

Klarerweise sind es alte Ängste, also solche, die in der Kindheit oder schon im Mutterleib entstanden sind, an die die Angstpropaganda andocken will. Viele Menschen in unseren Breiten leben mit einem Grad an Sicherheit, den es in der Geschichte vorher noch nie gegeben hat. Es gibt also wenig realen Anlass für Ängste, aber viele Stellen in unserem Unterbewusstsein, die angstsensibel sind. Denn dort sind Erinnerungen von früheren Verletzungen, Demütigungen und Bedrohungen gespeichert. Es ist wie bei Süchtigen, deren Empfänglichkeit für Reize von der Suchtsubstanz überschrieben wird, sodass bestimmte Empfindungen nur mehr durch die Droge zustande kommen. Diffuse Ängste bekommen eine Bedeutung, die aber nichts mit der Realität sowohl im Außen wie im Innen zu tun hat, sondern von den Interessen der Manipulatoren erfunden werden. Es wird also eine Pseudorealität suggeriert, die 

Die stetig steigende Unzufriedenheit von Wählern von Rechtsparteien

Eine deutsche Studie, die AfD-Wähler über mehrere Jahre begleitet hat, hat gezeigt, dass diese Personen im Lauf der Zeit immer unzufriedener wurden, ohne dass sich etwas Gravierendes in ihrem Leben verändert hätte. Sie haben aber die Negativpropaganda und Angstschürung in sich aufgesogen, die ihnen ihre Partei tagtäglich liefert. Ihre Lebensqualität verschlechtert sich durch diese Form der Gehirnwäsche, und zugleich festigt sich ihre Bindung an die Partei, die ihnen dieses stetig steigende Leid zufügt, denn sie verspricht zugleich die einzig zielführende Abhilfe. Bezogen auf den Glücksindex bedeutet dieser Befund, dass AfD-Anhänger 2400,- €/Monat mehr verdienen müssten, um wieder zufriedener zu werden. Die Studie hat auch ergeben, dass Personen, die sich von der AfD abwenden, schnell wieder zu einer durchschnittlichen Zufriedenheit zurückfinden. (Für Österreich hingegen liegt der Durchschnitt gar nicht mehr in einem Mittelwert an Zufriedenheit, weil 2024 fast 60 % der Befragten angaben, die Entwicklung der letzten fünf Jahre als negativ wahrzunehmen. Parallel dazu steigen die Stimmengewinne für die FPÖ, denn 40% jener „Systemunzufriedenen“ wählen diese Rechtspartei.)

Unzufriedenheit und Angst

Unzufriedene Menschen sind mehr von Ängsten gesteuert als Menschen, die vertrauensvoll in die Zukunft schauen. Ängstliche Menschen sind leichter manipulierbar und ungeschützt den Wirkungen der kollektiven Traumafelder ausgeliefert. Da Ängste immer die rationale Prüfung der Wirklichkeit einschränken, gelingt es schwerer, zu unterscheiden, wo die Quellen der Angst liegen. Kindheitstraumen werden durch kollektive Katastrophen aktiviert, doch versucht die politische Propaganda, diesen Zusammenhang zu verschleiern und umzudeuten. Die Taktik besteht darin, den Menschen ihre Ängste bewusst zu machen und einen Kontext zu liefern, der die eigenen Machtinteressen befördert. Du sollst Angst spüren, und ich sage dir, woher sie kommt und worin die Abhilfe besteht. Die diffuse Angst, die z.B. von kriegerischen Ereignissen auf der Welt ausgelöst wird, wird aufgegriffen und auf ein anderes Thema umgelenkt, z.B. auf die Migration. Du sollst Angst spüren und sie auf die Menschen richten, die in dein Land gekommen sind und die du als fremd und bedrohlich wahrnehmen solltest. Komm zu uns, denn wir sind diejenigen, die dafür sorgen werden, dass die Urheber der Angst, die Fremden, rausgeworfen werden. Dann kannst du wieder frei von Angst leben.

Dass dieses Versprechen nie eingelöst werden kann, weil die Ängste  von ganz wo anders herkommen, ist den Ängstlichen nicht bewusst; sie klammern sich an jeden Strohhalm, der ihnen Hilfe in der Not zu bieten scheint. Sie vertrauen nicht auf die eigene Vernunft, die ihnen den Weg zeigen könnte, die Ursprünge seiner Angst zu finden und dort aufzulösen. Sie vertrauen auf jene, die sie scheinbar in ihrer Not verstehen, weil sie ihnen ein einfaches Feindbild und eine einfache Abhilfe liefern.

In Angst zu leben macht es unmöglich, Empathie zu empfinden. Die Identifikation mit dem eigenen Leid ist zu groß, dass fremdes Leid im Bewusstsein einen Platz finden könnte. Vielmehr wird das Leid der anderen als Bedrohung erlebt, und die Verzerrungen, die die Propaganda liefert, dienen als Rechtfertigung und Entlastung von der Macht der kollektiven Emotionalfelder. Jeder Mangel an Empathie hat ein Schamgefühl zur Folge, denn das Mitgefühl ist ein wesentlicher Teil der Menschlichkeit. 

Zurück zur Menschlichkeit

Wir wollen weder Angst noch Scham spüren, weil es unangenehme Gefühle sind. Wenn wir aber tiefer verstehen wollen, woran wir leiden, müssen wir uns dieser Gefühle annehmen und sie in ihren Ursprüngen erkunden. Gefühle, die wir sowohl mit unserer Biografie als auch mit der Menschengemeinschaft und ihrer Geschichte in Verbindung bringen können, kommen in Frieden, indem wir sie zu Herzen nehmen und innerlich transformieren. Wo Angst und Scham war, entsteht ein Raum für Liebe und Mitgefühl.  

Zum Weiterlesen:
Kollektive Emotionen angesichts von Katastrophen
Kollektive Traumen und ihre Folgen
Kollektive Traumen und ihre missglückte Bewältigung



Mittwoch, 25. Februar 2026

Spiritualität und sexueller Missbrauch – Jeffrey Epstein und Deepak Chopra

Es gibt scheinbar nichts, was weiter auseinanderliegt: Spiritualität als der Zugang zur höchsten und reinsten Form des menschlichen Bewusstseins und sexueller Missbrauch als grausame Unmenschlichkeit. Aber auf dieser dunklen Erde gibt es nichts, was nicht miteinander in Beziehung gebracht werden kann, wovon der jahrelange Austausch zwischen Jeffrey Epstein, dem zweifach verurteilten Missbrauchstäter und Mädchenhändler, und Deepak Chopra, dem spirituellen Lehrer und Buchautor zeugt. In 3466 dokumentierten Nachrichten kommunizierten die beiden Männer in den Jahren 2016 bis 2019, also zu einer Zeit, als Epstein bereits als Sexualverbrecher verurteilt war. Der spirituelle Lehrer wusste also, mit wem er da auf äußerst freundschaftliche Weise über verschiedene Themen – und allzu häufig über die „girls“ plauderte.

Die Links zu den Quellen, bei denen auch die Zahlencodes für die Originaldokumente, wie sie vom US-Justizministerium veröffentlicht wurden, nachgeschaut werden können, stehen am Ende des Artikels. Wenn man die diversen Email-Nachrichten liest, kommt man aus dem Entsetzen nicht mehr heraus. Der  spirituelle Lehrer versorgt den Freund bei dessen schlüpfrigen Witzchen mit Gemeinplätzen aus der nondualen Erkenntnis. Es wirkt, als würde sich ein Schüler über die Macken seiner Freundin beschweren und der Meister erklärt, dass jedes menschliche Leid nur aus der Anhaftung an ein Konstrukt entsteht. Allerdings geht es hier um gewerbsmäßige Prostitution mit Minderjährigen. 

So schreibt Epstein: „... Ich ziehe es vor, dass meine Darsteller gute Körper haben.“ Darauf Chopra: „Bilder und Töne sind in der Bewusstheit, ebenso wie das cringe (das Peinliche, das zum Fremdschämen anregt)! Nichts ist außerhalb der Bewusstheit. Wann immer das Peinliche auftaucht, frage dich: ‚Wer oder was hat diese Erfahrung?‘ ... Die Person ist also nur ein Konstrukt.“

Chopras Antwort wäre ohne den Kontext eine unverfängliche spirituelle Beratung. Da aber beide wissen, dass es um Verbrechen geht, erhalten die eingestreuten spirituellen Weisheiten die missbräuchliche Rolle der Reinwaschung und der Rechtfertigung.

Spaß und Mädchen

Hier ein paar Beispiele des Austausches zwischen den beiden Freunden:

Chopra teilte mit Epstein ein Video der Schauspielerin und Autorin Kat Foster: „Sie ist gut.“ Epstein: „Ist sie in New York?“ Chopra sagte ihm, sie sei in Kalifornien. Sie habe  ihn für ein Wochenende besucht. Und er habe sie „in Zukunft wieder eingeladen“. Er beschrieb sie als „unschuldig und klug zugleich“. Epstein darauf: „Zweitrangig gegenüber Niedlichkeit.“

Der Missbrauch wird nicht direkt angesprochen, auch nicht vom „Lehrer“, der um diese Schattenseite seines „Schülers“ weiß, schwingt aber immer im Hintergrund mit, offensichtlich auf beiden Seiten. Es ist, als ob die beiden älteren Herren über ihre geheimen Leidenschaften (junge Mädchen) in scheinbar harmloser und verharmlosender Weise reden, in völliger Vermeidung und Ignoranz in Hinblick auf die verbrecherischen Dimension dieser Triebe.

Chopra lud Epstein nach Israel ein: „Komm mit uns nach Israel. Entspann dich und hab Spaß mit interessanten Leuten. Wenn du willst, kannst du einen falschen Namen benutzen. Bring deine Mädchen mit. Es wird Spaß machen, dich dabei zu haben. Liebe Grüße.“ Epstein lehnte ab. Chopra drängte: „Deine Mädchen würden es lieben, genauso wie du.“

Chopra lud Epstein zu seinem Workshop in Zürich ein: „Du solltest mit deinen Mädchen zu meinem zweitägigen Workshop in der Schweiz in Zürich kommen – einem kleinen Dorf in einem Vorort. Das wird Spaß machen.“

Fortwährend geht es um Spaß und um Mädchen, und niemand fragt, wie alt die Mädchen sind, wie sie heißen und ob sie freiwillig mitkommen. Sie sind die Vehikel, die den Spaß ermöglichen, Objekte für die eigene Lust. So ist das Innere von Sexualverbrechern beschaffen. Dazu kommt, dass diese jungen Frauen von Chopra als Objekte für seine pseudospirituellen Spielchen missbraucht wurden.

Dieses seltsame Duo war über vier Jahre in tiefster Freundschaft verbunden: „Ich bin zutiefst dankbar für unsere Freundschaft.“ (Chopra an Epstein, 11. Juli 2017) Allerdings war einer von beiden schon als Sexualtäter registriert, während der andere heute noch frei herum läuft, spirituelle Bücher schreibt und sich abputzt. Chopras Frau, mit der er 56 Jahre verheiratet ist, wurde in den Tausenden ausgetauschten Nachrichten ein einziges Mal erwähnt. Auf der Spielwiese, auf der die beiden real und virtuell ihre pubertären Fantasien austobten, war sie offensichtlich nicht erwünscht. 

Folgenschwere Prä-Trans-Verwechselungen

Dass es bei diesen Vorgängen um gegangen ist, ist noch das Mindeste, das man sagen muss. Transpersonale Einsichten werden verwendet, um präpersonal angetriebene Handlungen zu rechtfertigen und der personalen Verantwortung zu entziehen. Der Missbrauch von Minderjährigen ist dann kein Verbrechen mehr, sondern das Produkt von Illusionen. Personen haben nur einen fiktionalen Charakter, deshalb kann man mit ihnen machen, was man will, so lautet die Logik dieser folgenschweren Verwechslung der Ebenen.

Gerade spirituell (und damit meist auch finanziell) erfolgreiche Menschen geraten schnell in die Fänge ihres Egos, das sieht man an vielen der Nachrichten, die Chopra an Epstein geschickt hat. Es handelt sich um Missbrauch der Spiritualität für Ego-Zwecke, die leider weit verbreitet ist in der Szene. 

Diesen Machenschaften gehen Menschen auf den Leim, die den Unterschied zwischen prä- und transpersonaler Ebene aufgrund ihrer nicht aufgearbeiteten Traumatisierungen nicht verstehen können, während ihnen von den Lehrern versichert wird, dass sie sich nicht mehr darum kümmern müssen, weil ja alles „gut ist, wie es ist“, „vergangen ist, was vergangen ist, und nur die Gegenwart zählt“, „weil alles Illusion ist“, usw., und das alles vom hohen Stuhl mit der unbestreitbaren Macht der Erleuchtung. 

Die Falle besteht oft darin, dass Personen an diesen Positionen niemanden neben sich haben oder dulden, der sie auf ihre Schattenseiten aufmerksam macht. Und dann passieren alle möglichen Verwechslungen, weil ihr Ego meint, sie würden wegen ihrer Grandiosität verehrt und verdienten wegen ihrer spirituellen Errungenschaften eine erhabene Position oberhalb all der anderen, die spirituell nicht so weit gekommen sind.

Deepak kann den Zyniker Epstein mit seinen spirituellen Drehs beeindrucken und kriegt von ihm die Anerkennung (auch finanzieller Natur), offensichtlich  für die Entlastung vom moralischen Druck. Wo es nur Illusionen von Personen gibt, gibt es auch keine persönliche Verantwortung und keine Schuld – ein ideales Konzept für einen Verbrecher und die Erlaubnis, weiterhin den eigenen perversen Antrieben ohne Gewissensdruck folgen zu können.

Toxische Erleuchtung

Günter Enzi schreibt in seinem Kommentar zu dieser Thematik, der mit „Wenn ‚Erleuchtung' toxisch wird: Die Gefahr der entkörperten Nondualität“ übertitelt ist: „Eine reife, sonamatische Nondualität hätte zu Epstein sagen können: ‚Auch wenn auf absoluter Ebene alles Bewusstsein ist – auf relativer Ebene hast du gehandelt. Und dein Handeln hat reale Körper verletzt. Bevor wir über Illusion sprechen, musst du körperlich spüren, was du getan hast.'
Nondualität ist keine Flucht aus Verantwortung. Sie vertieft sie. Das wäre Zumutung gewesen. Keine Entwirklichung – sondern Konfrontation im Kontakt.“

Die Schuldverdrängung beim Sexualverbrecher Epstein und seinem Komplizen Chopra war möglich durch Flucht von der körperlichen Ebene auf eine mentale, von der aus der mit allen spirituellen Wassern gewaschene Chopra dem zynischen Genießer Epstein einen Persilschein für seine Untaten ausstellen konnte, statt ihn mit dem Leid zu konfrontieren, das er angerichtet hat. 

Der Körper ist der Ort der Schamgefühle, die sich bei jeder unmenschlichen Tat melden, und ihre Botschaften müssen unterdrückt werden, damit das böse Tun weiter bestehen kann. Eine der perfidesten Formen, solche Handlungen zu rechtfertigen, besteht darin, gerade das exquisite und in einem tiefen Sinn heilige Wissen, das aus der Erfahrung der Nondualität gewonnen wurde, für Zwecke der schamlosen Egobefriedigung zu missbrauchen.

Eine integre Ethik hat ihren Ort im ganzen Menschen, in seinem Körper, seiner Seele und seinem Geist. Wer aus der Übereinstimmung mit diesen Bereichen handelt, handelt gut. Das Böse entsteht, wenn sich einer dieser Bereiche gegen die anderen durchsetzt, mit dem Imperativ von Überlebensimpulsen. 

Ebenso wird eine integre und integrale Spiritualität vom ganzen Menschen getragen, nicht nur von seinem Geist. Unser Körper enthält die Sensoren für das Gute, das Wahre und das Schöne. Der Geist allein ist hilflos, wenn es um die Themen der relativen Wirklichkeit geht. Er ist in der Lage, in die Sphären des absoluten Erkennens vorzustoßen. Was er dort findet, ist aber in der Regel nicht brauchbar für die Themen des Alltags. Dafür verfügen wir über andere Bewältigungsinstanzen.

Die Grenze zwischen dem Absoluten und dem Relativen muss klar bleiben. Wenn es hier zu Grenzüberschreitungen kommt, die durch unbewusste Mechanismen ablaufen, kommt es leicht zum Auftreten von Missbrauch, sei es sexuell, physisch oder spirituell. 

Quellen und Links zu den E-Mails zwischen Chopra und Epstein:
https://www.dailymail.co.uk/.../deepak-chopra-epstein...
https://drscottwmills.substack.com/.../the-silence-inside...
https://lissarankinmd.substack.com/.../blowing-the...
https://spuren.ch/single-ansicht-buch-1?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5022&cHash=b44156a178891943517a1eac752988b3

Donnerstag, 18. September 2025

Die heimliche Freude bei politischer Gewalt

Es gibt Videos, auf denen man sieht, wie Araber feiern, wenn Juden getötet werden, und wie Juden feiern, wenn Araber getötet werden. (Die Videos können für Propagandazwecke gefälscht sein, aber solche Vorkommnisse gibt es immer wieder). Es gibt angeblich Menschen, die die Ermordung von Melissa Hartman, und andere, die das Attentat auf Charlie Kirk gefeiert haben. Selbst Barack Obama ließ es sich nicht nehmen, live die Festnahme und Ermordung von Osama bin Laden zu verfolgen und sich daran zu ergötzen. 

Was bringt Menschen dazu, Freude zu empfinden, wenn andere umkommen?

Die tribalen Wurzeln 

Die Menschen haben die längste Zeit ihrer Geschichte in Stämmen verbracht, überschaubaren Gruppen, die durch ein Wir-Gefühl zusammengehalten wurden, in Abgrenzung zu den anderen Gruppen, die oft als Feinde erlebt wurden, vor allem, wenn die Ressourcen knapp waren. Die Bedrohung von außen wird geringer, wenn ein Mitglied der Die-Gruppe umkommt, vor allem, wenn es ein mächtiges Mitglied dieser Gruppe war. Die Freude über den Tod stammt aus der Erleichterung, aus der Entlastung von der Bedrohung. Ähnliches kann im Inneren passieren, wenn sich Leute zuprosten können, weil sie gerade sehen, wie die Bomben im Feindesland niedergehen.

Wir leben längst in riesigen Großgruppen, in vielgestaltigen Gesellschaften, aber noch immer wirken diese archaischen Dynamiken aus dem Unterbewusstsein mit. Um die Komplexität der Gesellschaft übersichtlicher zu gestalten, basteln wir uns eine Vereinfachung nach dem Wir-Die-Schema, die Guten und die Bösen. Alles, was die Bösen schwächt, macht uns sicherer und erleichtert uns – scheinbar ein Grund zum Feiern.

Das Absprechen der Menschlichkeit

Zur Gewaltausübung ist ein weiterer Schritt notwendig. Er besteht darin, dass Gegnern und Feinden das Menschsein abgesprochen wird. In manchen Stammesgesellschaften war die Bezeichnung „Mensch“ auf die Angehörigen des Stammes beschränkt (z.B. die Allemannen – all die sind Menschen, die zu uns gehören). Die Scham hindert daran, den Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft Leid zuzufügen. Wer aber im Sinn der Eigendefinition kein Mensch ist, dem kann schamlos Gewalt angetan werden.

Die Propaganda im Nationalsozialismus hat zunächst den Juden das Menschsein abgesprochen, indem sie als Ungeziefer oder Schädlinge bezeichnet wurden. Mit dieser rhetorischen Entmenschlichung werden die Hemmschwellen gesenkt, solche Menschen umzubringen und darüber Genugtuung zu empfinden, weil ja scheinbar durch die Morde Schaden abgewendet werden konnte. 

Die Personifizierung des Bösen

Viele Ideologien nutzen diese Mechanismen, um Gewalt zu rechtfertigen. Das komplexe Böse (z.B. der Kapitalismus oder die Migration) wird personifiziert; dadurch kann es bekämpft werden. Bestimmte Menschen werden als symbolische Repräsentation eines „bösen Systems“, einer korrupten Elite oder eines verschworenen Zirkels angesehen. Wenn sie einem Attentat zum Opfer fallen, entsteht der Eindruck, dass die anonyme Macht des Bösen angreifbar ist und geschwächt wurde. Im aktuellen Fall ist ein Repräsentant der Trump-Bewegung MAGA erschossen worden, und das kann bei vielen, die die Machtzusammenballung und die Schamlosigkeit dieser Bewegung und der von ihr gestellten Regierung, eine Genugtuung ausgelöst haben, eine Art von Schadenfreude, die ihre Wurzel in der Schwächung der Gefahr und Bedrohung besteht. Die erlittene Frustration findet einen innerpsychischen Ausgleich im Sinn einer Rache oder einer wiederhergestellten Gerechtigkeit. Diese Gefühlsabläufe spiegeln sich darin wieder, dass in vielen Kommentaren darauf hingewiesen wurde, dass das Opfer des Attentats in seinen Reden immer wieder betont hat, wie wichtig ihm der Privatbesitz von Waffen ist und dass für dieses Recht eine große Zahl von Todesopfern in Kauf genommen werden muss. Zu erkennen, wie jemand zum Opfer der eigenen gewaltgetränkten Rhetorik wird, hat offensichtlich bei manchen eine „klammheimliche Freude“ ausgelöst. 

Die "klammheimliche Freude"

Dieser Ausdruck wurde übrigens im Zusammenhang mit den Terroraktionen der Roten Armee-Fraktion gebraucht. In einem zunächst anonymen Text „Buback – ein Nachruf“ schrieb der Autor:

„Meine unmittelbare Reaktion, meine ‚Betroffenheit‘ nach dem Abschuß von Buback ist schnell geschildert: Ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen. Ich habe diesen Typ oft hetzen hören. Ich weiß, daß er bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Folterung von Linken eine herausragende Rolle spielte.“ (1977)

Diese Stelle entfesselte eine hitzige Debatte in Deutschland; der Satz, der weiter unten im Text steht, wurde dagegen kaum diskutiert: 

„Wir alle müssen davon runterkommen, die Unterdrücker des Volkes stellvertretend für das Volk zu hassen.“

Das erste Zitat beschreibt recht treffend die Gefühlsabläufe bei dieser Form der Freude: Eine Person stellte eine Gefahr dar und hat dadurch Ängste und Frustrationen erzeugt. Deshalb fühlt es sich gut an, wenn sie tot ist. Im zweiten Zitat geht es um den Ausstieg aus dieser Dynamik, der durch die Hilfe der Vernunft zustande kommt: Wir müssen aus dem Hass aussteigen und aus der Personifizierung von unvollkommenen Zuständen. Die Zustände werden keinen Deut besser, wenn eine Person getötet wird. 

Von der Scham zum Mitgefühl, vom Mitgefühl zur Vernunft

Das Mitgefühl, das bei dieser Gefühlsdynamik auf der Strecke bleibt, meldet sich erst, wenn die Überwindung der Schamschranke, die vor jeder Gewaltanwendung und auch vor jeder Verherrlichung von Gewalt warnt, zurückgenommen wird. Die Scham über das Gutheißen von Gewalt oder über die Freude über Morde öffnet die Tür zum Mitgefühl mit den Opfern. Ein wertvolles Mitglied der Menschheitsfamilie ist zu Tode gekommen, das muss betrauert werden. Es gibt Angehörige, die ein schweres Schicksal erlitten haben.

Über das Zulassen der Scham und des Mitgefühls wird das Bewusstsein frei für den Gebrauch der Vernunft. Sie führt heraus aus den tribalen Bindungen, aus den Tendenzen zur Entmenschlichung und Personifizierung des Bösen. Sie macht uns deutlich, dass wir unsere Probleme als Menschheit nur gemeinsam und ohne Gewalt lösen können.

Zum Weiterlesen:
Intensitätssuche und Gewalt
Auf dem Weg zur Hassgesellschaft?
Obama und die Fratze der materialistischen Demokratie


Freitag, 13. Juni 2025

Die Unverschämten und ihr Kampf gegen die Aufklärung

Die Unverschämten, die auf dem Machttrip sind, spüren, dass reflektierte, selbstbewusste und ethisch reife Menschen an dem Ast sägen, auf dem sie sich sesshaft und breit gemacht haben. Um ihr „Stimmvieh“ zu erhalten, das sie an die Macht bringt und dort hält, muss alles verhindert werden, was die Menschen von ihrer Scham befreit, denn nur Schambefangene sind in der Lage, den Unverschämten bedingungslos zu folgen. Also versuchen die unverschämten Machtpolitiker, das Bildungssystem zu ideologisieren, den obrigkeitlichen Gehorsam zu verstärken und jede Form von kritischer Reflexion zu diskreditieren oder zu unterbinden. Sie bekämpfen zu diesem Zweck auch die moderne Kunst und Kultur, die die Menschen aus ihren gewohnten Erfahrungsschienen herausholen und zum Nachdenken und Verändern von Sichtweisen motivieren will. Alles, was die Menschen innerlich freier macht und ihren Horizont erweitert, ist den Unverschämten ein Dorn im Auge. Denn sie wissen, dass ihre Macht darauf beruht, dass es genug Menschen gibt, die auf einem Bewusstseinsniveau verbleiben, das unterhalb oder vor der Aufklärung liegt. Ein zentrales Anliegen der Aufklärung war es ja, jede weltliche und geistliche Autorität auf den Prüfstand der kritischen Vernunft zu stellen und mit diesem Blick viele Emanzipationsbewegungen möglich zu machen. Wer die Prinzipien der Aufklärung verstanden und in die eigene Werthaltung übernommen hat, kann keinem populistischen Demagogen auf den Leim gehen.

Wer die Grundgedanken der Aufklärung nicht verstanden hat oder von zu vielen Ängsten davon abgehalten wird, entspricht hingegen dem Beuteschema der Rechtsdemagogen. Sie versuchen, Leute zu ködern, deren Werthorizont primär in der Stammesvergangenheit der Menschheit wurzelt, wo die Grundregel gilt, den nahen Menschen zu vertrauen und die entfernten oder fremden Menschen als Gefahr oder Bedrohung anzusehen. Solche archaischen Motive führen allerdings in moderneren komplexen Gesellschaften nur mehr zu Gruppenegoismen, die in Demokratien eingedämmt werden müssen, weil sie die Mächtigen und die Reichen auf Kosten der großen Mehrheit begünstigen. 

Die Vorläufer der Aufklärung waren Weisheitslehrer und Religionsstifter wie Buddha, Lao Tzu, Jesus und Muhammad. Sie haben den Menschen Mut gemacht, sich aus den Begrenztheiten der tribalen Regeln zu befreien und die Liebe und das Mitgefühl auf eine universelle Ebene zu erweitern. Nicht nur die Nächsten sollen geliebt werden, sondern auch die Fernsten. Das menschliche Mitgefühl hat keine Schranke an der eigenen Haustür, sondern gilt allem, was leidet. Diese Lehrer haben die Wirkung der Scham, die im kleinen Kreis darauf aufmerksam macht, dass wir uns lieblos verhalten haben, auf die gesamte Menschheit und noch darüber hinaus ausgeweitet. 

Die Aufklärung hat diese Impulse aufgegriffen und auf eine rationale Ebene gebracht, entkleidet der religiösen Dimension. Damit werden diese ethischen Prinzipien auf die ganze Menschheit hin verallgemeinerbar. Der kategorische Imperativ, den Immanuel Kant ausgearbeitet hat, trug dazu bei, diesen Ansatz zu verbreiten und damit den Gedanken des Weltbürgertums zu verbreiten.

Soziale Scham

Wir schämen uns, wenn wir Bettler sehen oder erfahren, dass Menschen in grausamer Weise deportiert werden. Wir schämen uns, wenn irgendwo auf der Welt ein schrecklicher Krieg tobt und wir es nicht schaffen, Frieden zu stiften. Die Unverschämten haben solche Schamregungen unterdrückt, während die Verschämten an ihrer Scham leiden. Um dieses Leiden zu lindern, schauen sie zu den Unverschämten auf, die ihnen erzählen, dass Bettler organisierte Kriminelle und Immigranten Parasiten sind, gegen die vorgegangen werden muss, um das eigene Volk zu schützen. Über Kriege werden immer wieder verbogene Begründungen hervorgebracht, wie z.B. die nicht vorhandene Nazi-Herrschaft in der Ukraine oder über nicht vorhandene Chemiefabriken im Irak.

Die Unverschämten werden also von den Verschämten als Leitfiguren gesucht, damit sie sich von der Scham und der damit verbundenen Schuld entlasten können. Die Schamlosen geben ihren Anhängern durch ihre demonstrative Unmenschlichkeit die Erlaubnis, die eigene Menschlichkeit über Bord zu werfen und mit zynischer Miene soziale Grausamkeiten und Grauslichkeiten gut zu heißen. Sie erteilen den Verschämten die Absolution aus ihrem scham- und schuldbeladenen sündhaften Dasein, indem sie archaische Formen der Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit unter dem Begriff des „Volkes“ reaktivieren.

Tribale Wurzeln der Fremdenfeindlichkeit

Die Funktionsweise der Demokratie kann nur mit einem aufgeklärten Bewusstsein verstanden werden. Diese Regierungsform, die auch eine Gesellschaftsform darstellt, erfordert das Übersteigen und Überwinden von tribalen Prägungen, die Oxytocin-gesteuert sind, die also die Bindungen zu den face-to-face-Gruppenmitgliedern intensivieren und vertiefen und zugleich das Misstrauen und die Feindschaft gegen alle, die nicht zur Gruppe gehören, verstärkt. Die archaischen hormonellen Einflüsse bewirken, dass Nahestehende bevorzugt und Fernstehende als Bedrohung erlebt werden. Sie fördern das Ausschließen, die Exklusion von allem, was als fremd erlebt wird. Sie sind also antidemokratisch – deshalb waren auch in der ersten bekannten Demokratie im Athen des Altertums Frauen, Unfreie und Zugezogene vom Mitbestimmungsprozess ausgeschlossen.

Die Vernunft als Wegbereiterin des moralischen Fortschritts

Diese Prägungen können nur mit Hilfe der Rationalität, also der Vernunft überwunden werden. Es heißt zwar, die eigene Haut ist einem immer am nächsten, aber eine komplexe Gesellschaft kann nur im Gleichgewicht bleiben, wenn genügend Menschen in der Lage sind, neben den eigenen Vorteilen auch die vieler anderer mitzubedenken. Dazu ist Vernunft von Nöten. Diese menschliche Ressource entwickelt sich durch Bildungsprozesse und verwirklicht sich im Medium des Reflektierens der Lebensumstände mit der Fähigkeit, verschiedene Blickpunkte einnehmen zu können. Sie wurde über 2000 Jahre nach der attischen Demokratie durch die Aufklärung ins Zentrum gestellt und als Maxime für Politik und Ethik eingefordert. 

Wenn z.B. eine Gesellschaft die Altersversorgung ausverhandelt, kann das nur gelingen, indem die älteren Leute, die nicht mehr im Arbeitsprozess sind, Verständnis für die Einzahler ins Pensionssystem haben, und die anderen das System des Ausgleichs unterstützen, das ihnen selbst einmal Vorteile bringen wird, obwohl sie aktuell auf einen Teil ihres Einkommens verzichten müssen. Der Sozialstaat beruht also auf der Vernunft. Die Jüngeren zahlen für die Älteren, die Gesunden für die Kranken, die Unbehinderten für die Behinderten, die Besserbemittelten für die Wenigerbemittelten.

Die Scham als Sensorium für mehr Menschlichkeit

Es ist die Scham, die im Hintergrund die Fäden zieht, wenn es um soziale Anliegen geht, indem sie die Mitmenschlichkeit einfordert. Die Scham lässt nicht zu, dass Menschen ausgegrenzt oder schlechter behandelt werden. Sie sorgt für den gesellschaftlichen Ausgleich in Kleingruppen und in demokratischen Regierungssystemen. Mit Unterstützung der Vernunft wird das Schamempfinden von den nahen Bezugsgruppen auf das gesellschaftliche Ganze ausgeweitet: Jedes Mitglied der Gesellschaft verdient die gleichen Rechte und Rücksichtnahmen. Das Leid jedes einzelnen Mitglieds betrifft alle anderen. Aus diesem Blickpunkt der Vernunft sind die Grundsätze von Demokratie und Sozialstaat abgeleitet, die das Ziel verfolgen, möglichst vielen Menschen zu existenzieller Sicherheit und allen zu mehr Wohlstand zu verhelfen. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn der Unverschämtheit, die als Egoismus in jedem Gesellschaftsmitglied wirksam ist, effektive Grenzen gesetzt werden. Das Schambewusstsein liefert die emotionale Motivation des Einsatzes für eine menschenwürdige Gesellschaft, in der alle in Gleichheit und Freiheit ihren Platz haben.

Die versuchte Verbannung der Aufklärung ins linke Eck

Ein Propagandatrick der Rechten besteht darin, die Aufklärung als linkes Projekt zu definieren und nicht als einen Fortschritt im Bewusstsein, der allen zugutekommt und der eine konsistente Fortsetzung der Botschaft des Christentums und anderer Religionen darstellt. Mit dieser Zuordnung wird suggeriert, dass es die Alternative gibt, die Aufklärung zu unterstützen und sich damit links zu positionieren und dass man gegen die Aufklärung sein kann, weil man nicht links sein will. Die Aufklärung ist in dieser selbst ideologisch formulierten Zuordnung eine beliebige, von politischen Interessen gesteuerte Angelegenheit, also eine ideologische Festlegung, die von anderen Ideologien bekämpft werden kann oder muss.  Der Fortschritt in der Ethik im Sinn einer Universalisierung wird auf diese Weise eingeebnet und zur politischen Meinung degradiert; mehr Menschlichkeit wird als willkürliche Moralisierung abgetan. Damit wird dem Weiterbestehen von Unmenschlichkeiten die Legitimation verliehen.

Es geht dann nicht mehr um einen Zugewinn an Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit, der notwendig wäre für die Stabilisierung des gesellschaftlichen und globalen Friedens. Es geht nicht mehr um die Entwicklung einer Ethik, die komplexen modernen Gesellschaftsstrukturen entspricht. Vielmehr wird das Bekenntnis zur Aufklärung in eine Wahl zwischen politischen Alternativen umgemünzt, die mit ihren jeweiligen Ideologien um Anhänger werben. Es wird so getan, als ginge es um willkürliche, interessensgeleitete Veränderungen im Gegensatz zur Bewahrung des Bestehenden, das um jeden Preis verteidigt werden muss wie die Naturheilkunde gegen mRNA-Impfungen. In Wirklichkeit gibt es im Bereich der Ethik ein Besser und ein Schlechter in Hinblick auf die Fähigkeit eines ethischen Systems, kompliziertere Zusammenhänge so regeln zu können, dass möglichst viele Personen zufriedengestellt und soziale Spannungen reduziert werden. 

Das Vorgehen der Rechtspopulisten hingegen setzt auf vormoderne oder sogar tribale Modelle der Konfliktregelung, die unter den heutigen Umständen wie die sprichwörtliche Anwendung des Holzhammers wirken. Es gibt immer wieder Beispiele, wo bei sozialen Spannungen schnelle Lösungen durch den Einsatz von Gewalt gewählt werden statt mit den Betroffenen zu reden. Solche plumpe Maßnahmen verschärfen und vertiefen dann nur die Spannungen und bereiten den Boden für noch mehr gesellschaftlichen Unfrieden. Statt zu kalmieren, wird Öl ins Feuer gegossen und auf heftigere Proteste mit noch mehr Gewalt geantwortet – eine eskalierende zerstörerische Entwicklung, die immer mehr Opfer fordert und steigenden Hass hervorruft.

Hinter derartigen Manövern steckt die Ideologisierung des Fortschritts in der Ethik durch den Versuch, dem Einsatz für mehr Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechte ein Mäntelchen der Unmoral umzuhängen. Damit wird der ethische Fortschritt in der Gesellschaft behindert und Unheil gesät. Denn wir haben nur die Wahl, die Ethik entsprechend den ökonomischen und sozialen Veränderungen weiterzuentwickeln oder zuzulassen, dass die Lösungsmöglichkeiten für die entstehenden Konflikte unzureichend bleiben.

Zum Weiterlesen:
Die Verschämten, die Unverschämten und die Demokratie
Die Verschämten und die Unverschämten


Samstag, 29. März 2025

Der Propagandatrick der Umkehrung

Die Medien präsentieren Tag für Tag schauerliche Geschichten aus der ältesten Demokratie der Welt. Unverfroren wird der Propagandatrick der Umkehrung genutzt, um die eigenen Machtgelüste zu befriedigen. Z.B. wehren sich die Grönländer gegen einen Anschluss an die USA. Doch behaupten die republikanischen Politiker, dass den Grönländern nur Gutes aus einem Anschluss erwachsen könne.  Der Präsident will seine imperialistischen Gelüste als Sicherheitsgewinn für die Welt verkaufen, während er die Sicherheit seines Landes durch die Aufkündigung der Freundschaft zu Kanada und Europa massiv beeinträchtigt. Es wird behauptet, dass Millionen US-Amerikaner Pension bekämen, die gar nicht mehr am Leben sind, dabei liegt die Fehlerquote unter 1 %, es sind also höchstens ein paar Tausend.  Führende Politiker tauschen sich in einem Chatroom über eine Militäraktion aus, und ein Journalist war irrtümlich dazu eingeladen. Als das Ganze publik wird, wird der Journalist beschimpft, statt dass die Ursachen des peinlichen Fehlers gesucht werden usw.

Wissentlich das Falsche zu sagen, ist mit Scham belegt. Mit dem Trick der Schuldumkehr wird die Person diskreditiert, die einem auf die Schliche kommt, um sie als die eigentlich Böse vorzuführen. Wenn republikanische Politiker von demokratischen Vertretern oder Journalisten auf ihre Wahrheitsverdrehungen und Lügen hingewiesen werden, ist bei den Fernseh- oder Videoaufnahmen leicht zu merken, wie sie die Scham packt und wie sie beginnen, sich zu drehen und zu winden, um dem Netz dieses Gefühls zu entrinnen. Dann kommt die erlösende Umkehrungsfloskel und die Gesichter frieren wieder ein. Auch beim aktuellen US-Präsidenten ist ein kurzes Unbehagen erkennbar, wenn er etwas Unangenehmes gefragt wird, bis sein Gehirn die Verdrehung produziert, mit der er sich aus der Schlinge der Scham winden kann: Es war alles nicht so, sondern ganz anders, und wer behauptet, es wäre so gewesen, ist ein Lügner und Verdreher. 

In der Welt von verkehrten Wahrheiten und verdrehten Werten

Mit Verkehrung ins Gegenteil wird in der Psychoanalyse die Umkehrung eines Triebbedürfnisses in sein Gegenteil bezeichnet. Beispielsweise verhält sich jemand besonders nett zu der Person, die er nicht mag oder sogar hasst. Es handelt sich um einen inneren Abwehrmechanismus gegen Gefühlsäußerungen, die sozial nicht akzeptiert sind oder negative Konsequenzen nach sich ziehen würden. Wer diese Strategie in der Kindheit angenommen und im Unterbewusstsein abgespeichert hat, kann sie dann als Erwachsener in verschiedensten Situationen anwenden, um sich aus einer unangenehmen Lage herauszureden. Das Schamgefühl hindert daran, zu sich und zu eigenen Fehlern zu stehen, also wird der Fehler in der inneren Bewertung in eine gute Tat umgewandelt oder jemand anderer als fehlerhaft angeprangert.

Realitätsverlust als Preis

Der Preis von Abwehrmechanismen besteht immer im Realitätsverlust. Die Wirklichkeit wird so zurechtgedreht, dass sie zu den eigenen Bedürfnissen passt. Auf diese Weise wird der innere Konflikt beruhigt, der aus dem Schamgefühl erwachsen ist. Die Wirklichkeit wird nur mehr durch den Filter dieser Verdrehung wahrgenommen, und jeder, der diesen Filter nicht teilt, muss bekämpft und abgewertet werden, damit die eigene verzerrte Sichtweise bestehen bleiben kann. 

Mit Hilfe dieser Abwehrstrategie gelingt es, sich als gut darzustellen, wenn man eine schlechte Tat begangen hat. Das Sich-selbst-als-gut-Darstellen ist eine erlernte Zurechtbiegung, die immer dann angewendet wird, wenn dieses Gutsein von anderen in Frage gestellt wird. 

Da dem Versteller der Mechanismus der Umkehrung vertraut ist, nimmt er an, dass alles Gute in Wirklichkeit nur verstelltes Böses ist. Er selber hat gelernt, damit zu leben und unter Umständen sogar mit dieser Taktik Erfolg zu haben. Er weiß freilich, dass das ganze Gebäude seines Selbstwertes nur auf Sand gebaut ist. Um mit dieser Unsicherheit zurechtzukommen, hilft ihm der Zynismus, zu behaupten, dass all die anderen, die sich so gut vorkommen, als die eigentlich Bösen entlarvt werden müssen. Die Entfernung zur Realität wird dadurch noch viel größer.

Nietzsches Umwertung aller Werte

Der Vorreiter dieser Haltung war Friedrich Nietzsche. Er hat die Umwertung aller Werte gepredigt, ausgehend von der Heuchelei der scheinbar Guten und Gutmütigen, unter deren manipulativer Macht er in seiner Kindheit gelitten hat. Gutes zu tun wäre eigentlich nur der Ausdruck von Schwäche. Er hat diese Haltung als Sklavenmoral beschrieben, während die ursprünglich geltende Herrenmoral, die durch Stärke, Mut und Selbstbestimmung gekennzeichnet ist, vor allem durch das Christentum entmachtet worden wäre. Der Hauptduktus seines Denkens, das er mit virtuoser Sprachgewalt zu Papier gebracht hat, war die Ausformulierung der Abwehrform der Verkehrung ins Gegenteil. 

Die Ideologie der „dunklen Aufklärung“

Darin liegt der Grund für die Übernahme vieler seiner Theorien in das Ideologiegebäude des Nationalsozialismus. Wir erleben zurzeit eine Art Renaissance dieser Ideologie, im Gewand des 21. Jahrhunderts, d.h. weniger mit offensiv brutaler Gewalt, dafür umso gründlicher. Der Blogger Rainer Hofmann kennzeichnet diese Richtung, wie sie in den USA zur Dominanz gelangt ist: „Die Ideologie wirkt wie ein Gemisch aus Silicon-Valley-Zynismus, faschistischer Ästhetik und feudaler Machtfantasie. Sie will keinen Diskurs. Sie will Kontrolle. ... Was sie planen, ist keine Regierung. Es ist ein Konzern mit Exekutivgewalt. Eine Maschine. Und sie läuft bereits.“

Die Macht liegt nicht bei Schlägertruppen, sondern bei den Beherrschern der Algorithmen, mit denen die Meinungen gesteuert und die Ideologie in Wahrheit umgemünzt wird. Sie beruht auf dem Geld von Milliardären, die die Propagandisten und Politiker finanzieren, die dann einer elitären Regierungsform zum Durchbruch verhelfen sollen. Das „Volk“ wurde so gut zurechtgerichtet, dass es auf demokratische Weise den Totengräbern der Demokratie die Macht verliehen hat.

Nun wird das Terrain freigeräumt für eine systematische Verkehrung ins Gegenteil, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Dagegen ist der nationalsozialistische oder der SED-Propagandaapparat primitiver Schnee von gestern. Auch die russischen Wahrheitsverdrehungen wirken plump im Vergleich zu der Welle an Desinformation, Machtmissbrauch und Manipulation, die tagtäglich neue Bestätigungen für die Richtung liefert, in die die neuen Mächtigen im mächtigsten Land der Welt mit aller Konsequenz und voll von Zynismus fortschreiten.

Verdrehungen rückgängig machen

Wenn wir nicht in den Sog dieser Entwicklung geraten wollen, brauchen wir eine wache Unterscheidungskraft, die uns zeigt, wo die Wahrheit verzerrt und verdreht wird, wo das Gute als Böses und das Böse als Gutes angepriesen wird, wo Fantasien als Fakten verkauft werden und schließlich auch das Hässliche als das Schöne präsentiert wird. Wir erleben einen gigantischen Versuch der Umwertung aller Werte, finanziert von Techmilliarden, angestiftet von verbohrten Ideologen und verbreitet von verblendeten Meinungsmachern in den Zentren der sogenannten sozialen Medien. Die Moral wird umgeschrieben, sodass sie den Zielen der Macht und der oligarchischen Interessen untergeordnet werden kann. Die Wahrheitsfindung wird ebenfalls von den Mächtigen gesteuert, die darüber bestimmt, was wahr und was falsch ist. 

Es gibt den Fortschritt in der Moral und es gibt die Fortschritte trotz der Rückfälle in vormoderne Machtstrukturen. Doch war der Gegenwind gegen die Errungenschaften der Aufklärung mit der Durchsetzung fundamentaler Menschen- und Freiheitsrechten noch nie so stark und so mächtig wie in unseren Tagen. Die Herausforderung stellt sich für alle, die die Fackel des Fortschritts weitertragen wollen: Das Böse zu benennen, auch wenn es sich als Gutes verkleidet hat; das Falsche zu kritisieren, auch wenn es sich als das Wahre zeigt; die Macht in die Schranken zu weisen, wenn sie die Freiheiten einschränken und die Privilegien der Mächtigen ausbauen will; die Zuversicht aufrechtzuerhalten, die den langen Atem und die Kraft gibt, die Zeiten der „dunklen Aufklärung“, wie die Ideologie heißt, durchzustehen und der Wirkmacht des Lichts der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen. Jede Verdrehung soll zurechtgerichtet werden, jedes zweifelhafte Faktum soll seine Überprüfung finden, jede Flucht von Tätern in die Opferrolle soll ihre Aufdeckung erfahren. Es sind herkulesartige Herausforderungen, den „Saustall des Augias“, den Mist in den Kommunikationsräumen zu beseitigen. Wir können sie gemeinsam meistern.

Quelle: Blog von Rainer Hofmann

Literatur: Sylvia Sasse:Verkehrungen ins Gegenteil. Über Subversion als Machttechnik. Matthes und Seitz, Berlin 2023

Zum Weiterlesen:
Fortschritte trotz Rückschritten
Moralischer Fortschritt
Taktiken zur Machtergreifung
Muster der rechtsorientierten Propaganda


Donnerstag, 23. Januar 2025

Die Emotionalisierung der Politik

Der Kapitalismus und der Druck auf seine Akteure

Der Kapitalismus hat die Demokratie befördert, weil sie dazu beigetragen hat, die traditionellen Produktions- und Handelshemmnisse zu beseitigen. Zwar sind durch die Verallgemeinerung des Wahlrechts linke Parteien entstanden, die sich für die Rechte der Schwächeren und Benachteiligten eingesetzt haben. Der Kapitalismus hat seine Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt, sodass im Rahmen von stabilen Demokratien mehr Gewinne erwirtschaftet werden konnten als unter autoritären Systemen. Die sozialistischen Parteien haben sich an den Kapitalismus angepasst und Rahmenbedingungen geschaffen, innerhalb derer die hemmungslose Ausbeutung der Arbeitskraft eingeschränkt wurde, was sich langfristig auf die Produktivität ausgewirkt hat, weil resilientere und motiviertere Arbeitskräfte besser arbeiten. Die kommunistischen Bewegungen haben versucht, den Individualkapitalismus durch einen Staatskapitalismus zu ersetzen, ohne damit Verbesserungen für die Menschen zu erreichen. Die höhere soziale Sicherheit, also der Schutz vor Arbeitslosigkeit, wurde mit einer drastischen Verringerung der Freiheitsrechte erkauft, die zur Demotivation der Bevölkerung beigetragen hat. Deshalb sind die kommunistischen Regime in Osteuropa nach 1989 sang- und klanglos untergegangen. Andere kommunistische Staaten, vor allem China, haben den Kapitalismus stark aufgebaut, ohne die politischen Freiheiten zu lockern.

Unabhängig vom System des Kapitalismus lastet der Erwerbsdruck auf den Menschen mit der Zumutung, die eigene Existenz mit Leistungen für das Wirtschaftssystem zu sichern. In unseren Breiten haben wir uns daran gewöhnt, dass der Staat ausgleichend eingreift, wenn jemand die Forderungen der Existenzsicherung nicht schafft. Das Credo des Sozialstaates besagt, dass niemand völlig durch den Rost fallen darf, nach dem Prinzip der Solidarität. 

Depression und Aggression als Reaktion

Wenn es nicht oder nur schwer und unter Entbehrungen gelingt, die eigene Existenz und/oder die der eigenen Familie zu sichern, entsteht Verzweiflung und Scham. Es gibt zwei Hauptrichtungen, mit dieser Schambelastung umzugehen. Die eine besteht im depressiven Rückzug. Menschen verstecken oft ihre Armut vor anderen, um der Beschämung zu entgehen. Die andere äußert sich in Forderungen an das politische System, Abhilfe zu leisten, und im Zorn auf dieses System bzw. auf dessen Repräsentanten, wenn das nicht geschieht. Da kommen dann Politiker gerade recht, die versprechen, das System als Ganzes umzukrempeln, falls sie an die Macht kommen. Besonders wirksam scheint es, wenn dieser Angriff auf das System mit Aggressivität vorgebracht wird. So scheint es, dass diese Politiker nicht nur Verständnis für die prekäre Lage der Schlechtergestellten oder der von Schlechterstellung bedrohten Personen aufbringen, sondern auch die Wut auf die herrschenden „Eliten“ teilen. Oft wird dabei die politische Wut mit Tatkraft und rationaler politischer Kompetenz verwechselt. Jemandem, der auf den Tisch hauen kann, wird zugetraut, in der Politik zum eigenen Wort zu stehen und umzusetzen, was er verspricht.

Auch diejenigen, die mit Rückzug und Depression auf die Bedrohung der wirtschaftlichen Existenz reagieren, können in aggressiv auftretenden Politikern eine Hoffnung finden. Oft entsteht die Depression aus der Unterdrückung von Wutgefühlen. Die unterdrückten Emotionen werden in den Wutpolitikern wiedergefunden und bewundert. Sie bieten gleichsam einen Ausweg aus der eigenen Gefühlsmisere, der ja darin bestehen könnte, die eigene Wut zu spüren. Da diese jedoch von einer starken Scham bedeckt sein kann, findet gerade der unverschämt aggressive Politiker besondere Verehrung und Gefolgschaft.

Die Zerstörung der politischen Kultur

Solche Gefühlsdynamiken können wir hinter dem stetigen Zulauf zu rechten und rechtsextremen politischen Parteien und Personen erkennen. Da das Modell im Sinn des Erfolgs bei Wahlen erfolgreich ist, steht zu erwarten, dass der politische Diskurs noch mehr mit Aggressionen aufgeladen wird, was sukzessive zu seiner Zerstörung führt. Denn sinnvolle politische Auseinandersetzungen können nur in einer Atmosphäre des Respekts und der gegenseitigen Achtung gedeihen. Insofern bedroht die Verrohung der politischen Sprache und das Schwinden des Respekts direkt die Demokratie. Sie findet ihre Legitimation und ihre Lebendigkeit in einer vernunftgeleiteten  Kultur der politischen Auseinandersetzungen, die ohne Herabwürdigung und mit der Achtung für die jeweiligen Gegner und Andersdenkenden geführt werden. 

Es liegt an allen Teilnehmern des politischen Prozesses, also an allen Mitgliedern der Zivilgesellschaft, den Trend zur aggressiven Aufladung der Meinungs- und Interessenverschiedenheiten zu unterbinden und sachbezogene, am Gemeinwohl orientierte Debatten zu fördern. Wir kommen nicht weiter in der Bewältigung der großen Themen, vor denen die Menschheit steht, wenn wir auf primitivere Formen des Konflikts zurückfallen. Wir können nur dann eine menschenwürdige Zukunft für die Menschheit gestalten, wenn wir die Kräfte der erwachsenen Vernunft und der ethischen Redlichkeit frei von destruktiven und toxischen Emotionen einbringen. 

Wir müssen dabei der Versuchung widerstehen, Wut mit Wut und Unverschämtheit mit Unverschämtheit zu begegnen. In diesen Gefühlen sind Ängste und Nöte versteckt, die unser Mitgefühl verdienen.

Hier zur Videofassung

Zum Weiterlesen:
Links-Rechts - Versuch einer Unterscheidung
Hass im Internetzeitalter
Demokratie und Gefühle
Die Standpunkttheorie und ihre Schwächen


Mittwoch, 29. Mai 2024

Bedürftigkeit und Scham

Bedürftig kommen wir in die Welt, und in den meisten Fällen verlassen wir die Welt bedürftig, also angewiesen auf andere, die uns helfen und unterstützen. In der Zwischenzeit ist uns allerdings der Zustand der Bedürftigkeit äußerst unangenehm, viel unangenehmer als einzelne Bedürfnisse, die wir uns nicht gönnen wollen. Wir verbinden Bedürftigkeit mit dem unbedingten Angewiesensein auf Hilfe und Unterstützung. Wir könnten es alleine nicht schaffen, und das finden wir sehr beschämend. Wir denken dabei vielleicht an jemanden, der an den Rollstuhl gefesselt ist, und befürchten, dass es uns selbst auch einmal so gehen könnte.

Tatsächlich befinden wir uns viel häufiger in Zuständen der Bedürftigkeit als wir üblicherweise denken. Wenn wir in einer Sache nicht mehr weiter wissen, die uns wichtig ist, brauchen wir jemanden, der uns weiterhilft. Wir sind von diesen Personen abhängig, sonst können wir unser Problem nicht lösen.

Das ist der Fall, wenn wir einen Handwerker für die defekte Heizung brauchen, oder wenn wir wegen einer Krankheit eine Ärztin konsultieren müssen. Auch wenn wir uns emotional im Eck fühlen, sind wir auf Freunde oder Therapeuten angewiesen, damit sie uns wieder aufrichten.

Es sind also Situationen, die in jedem menschlichen Leben vorkommen und Teil des sozialen Austausches darstellen: Eine Person ist bedürftig und andere unterstützen sie, um sie aus dem Zustand der Bedürftigkeit herauszuholen. Einander helfen und einander helfen lassen, ist eine Grundkomponente des zwischenmenschlichen Austausches. Zu helfen (die aktive Seite dieses Austausches) bewirkt mehr Selbstkompetenz – mit jeder Hilfeleistung lernen wir etwas. Sich helfen zu lassen (die passive Seite dieses Austausches) bewirkt mehr Vertrauen in die helfende Person. Insgesamt werden die sozialen Bande gestärkt und die Menschen einander nähergebracht.

Aber viele Beobachtungen weisen darauf hin, dass diese Selbstverständlichkeit des Helfens und die Bereitschaft zum Sich-Helfen-Lassen schwinden, während die Autarkiebedürfnisse stärker werden. Jeder will seine eigenen Sachen selber schaffen können, ohne auf andere angewiesen zu sein. Vermutlich hängt diese Tendenz mit der Konditionierung zusammen, die der Kapitalismus in die Seelen der Menschen eingepflanzt hat: Jeder muss schauen, wie er sich alleine seinen Lebensunterhalt sichert. Die Idee des vereinzelten Menschenwesens, das sich abmüht und ab und zu dazwischen in Kontakt mit den Mitwesen tritt, ist eine Erfindung, die aus der Logik dieser Wirtschaftsweise entstanden ist. 

Zwischenmenschlicher Austausch, also auch das Hilfeleisten, ist in dieser Sichtweise ein Geschäft, bei dem Leistung und Gegenleistung bilanziert, also gegengerechnet werden. Er wird also in ökonomische Begriffe übersetzt und quantifiziert. Aus freiwilligen Hilfeleistungen im familialen und nachbarschaftlichen Umfeld sowie in Freundschaften werden Dienstleistungen, die nach bestimmten Tarifen abgerechnet werden. Die Beziehungen werden dadurch abstrakter, also unpersönlicher. Das kommt der Autarkiescham entgegen. Es fällt uns nicht auf, dass wir uns bei den verschiedenen Alltagsproblemen in Zuständen der Bedürftigkeit befinden. Also vermeiden wir die Schamgefühle, die mit der Bedürftigkeit verbunden sind. 

Denn in gewisser Weise rutschen wir ins kindliche Bewusstsein, wenn wir in praktischen Dingen oder auf der emotionalen Ebene anstehen und nicht weiter wissen. Und das mag unser Erwachsenen-Ich überhaupt nicht und schämt sich schnell dafür. Deshalb verdrängen wir unsere diversen kleinen Bedürftigkeitserfahrungen, die immer auch mit Abhängigkeiten verbunden sind. 

Die Bedürftigkeitskompetenz

Machen wir uns aber mehr bewusst, wie häufig wir und auch alle anderen bedürftig sind, dann brauchen wir uns auch nicht mehr darüber zu schämen. Es ist Teil des Menschseins und zugleich ein förderliches Mittel zur Verbesserung des sozialen Miteinanders. Wir sollten also unsere Bedürftigkeit mehr wahrnehmen und pflegen, statt nur unsere Autarkiebedürfnisse zu stärken. Das bedeutet nicht, dass wir nicht weiterlernen sollten, sondern umfasst auch die Bereitschaft, unsere Fähigkeiten zu entwickeln, mit denen wir uns selbst helfen können. Die „Bedürftigkeitskompetenz“, also die Fähigkeit und Bereitschaft, die eigene Bedürftigkeit zu erkennen und anzuerkennen und nach entsprechender Hilfe zu suchen, ist nicht mit erlernter Hilflosigkeit zu verwechseln, also mit einer Einstellung, sich selbst nichts zuzutrauen und andere mit den eigenen Problemen zu belasten. Wir brauchen ein gutes Gleichgewicht zwischen Selbstkompetenzen und der Bereitschaft, uns helfen zu lassen. 

Ein weiterer sozialer Gewinn von mehr Bewusstheit über das Bedürftigsein liegt darin, dass wir dann Menschen mit offensichtlicher Bedürftigkeit mit anderen Augen wahrnehmen. Wenn wir z.B. jemandem begegnen, der im Rollstuhl sitzt, dann sehen wir ihn in einer stärkeren Form von Bedürftigkeit als die, die wir von uns kennen, wenn wir das Glück haben, uns ohne Hilfsmittel fortbewegen zu können. Wir sind weniger bedürftig als dieser Mensch, aber nicht grundsätzlich verschieden. 

Die Scham-Stolz-Schaukel und die Bedürftigkeit

Das Bewusstmachen dieses feinen Unterschieds macht es uns möglich, aus einer Scham-Stolz-Schaukel herauszufinden, die sonst automatisch abläuft, wenn wir jemanden treffen, den wir als bedürftig einschätzen. Denn wenn es jemandem schlechter geht als uns selber gerade, befällt uns ein heimlicher Stolz, dass wir von dem Leid nicht betroffen sind. Auch wenn wir Mitgefühl mit dem Leid empfinden, gibt es noch einen inneren Anteil, der froh ist, nicht in dieser Lage sein zu müssen. Dieser egoistische Teil in uns trennt uns vom Leid der anderen, weil er um unsere Sicherheit bangt und uns auf ein Terrain bringen will, von dem aus wir die Not aus sicherer Distanz wahrnehmen. Wir schützen uns vor einer tieferen Betroffenheit, die auch das Mitgefühl verstärken würde, indem wir diese Position des Stolzes einnehmen. Aus dieser Perspektive meldet sich leicht auch ein Schuss von Verachtung, die sich darin äußern kann, dass wir manchmal denken, dass jeder für seine Not selbst verantwortlich ist, also selber schuld ist. Mit solchen Konzepten distanzieren wir uns noch mehr und richten es uns gemütlich auf unserer distanzierten Insel ein.

Es ist dieser Stolz, der die Betroffenen die Scham über ihre Lage spüren lässt. Ohne den überheblichen Stolz der Gesunden bräuchten sich die Kranken und Bedürftigen nicht zu schämen. Mit der Bewusstheit aber, dass wir all die Bedürftigkeit und das Angewiesensein auf andere kennen und oft schon erlebt haben, fällt der Stolz weg und wir können ein von jeder Überheblichkeit und Verachtung gereinigtes Mitgefühl empfinden.

Zum Weiterlesen:
Über Schwäche und Bedürftigkeit
Vom Geben und Nehmen


Donnerstag, 21. März 2024

Eine große Mehrheit für den Klimaschutz

Eine weltweite Studie  mit 130 000 Personen aus 125 Ländern hat ergeben, dass es eine überwältigende Mehrheit für den Klimaschutz gibt. 69 Prozent der Weltbevölkerung können sich vorstellen, auf 1 Prozent ihres Einkommens für Maßnahmen gegen den Klimawandel zu verzichten. 86 Prozent meinen, dass die anderen auch etwas gegen den Klimawandeln tun sollten, 89 Prozent finden, dass es eine stärkere Klimaschutzpolitik geben sollte.

Bei diesen Zahlen würde man sich denken, dass alle Parteien wetteifern, um die Wünsche ihrer Wähler und Wählerinnen nach einer effektiveren Klimapolitik zu erfüllen. Aber bei den meisten Parteien ist dieses Thema nachgereiht, wenn es überhaupt als sinnvoll angesehen wird. Es gibt ja nach wie vor genügend Anhänger der These, dass der Klimawandel nicht von den Menschen verursacht wird oder dass es ihn überhaupt nicht gibt, und damit auch Wählerstimmen, die vor allem rechte Parteien einheimsen wollen.

Diese Diskrepanz beruht auf sozialpsychologischen Phänomenen. Diese Zahlen sind so unbekannt, sodass die, die die Mehrheitsmeinung vertreten, glauben, dass sie in der Minderheit sind. Die Realität gibt ihnen ja Recht, es wird mäßig viel oder eher mäßig wenig gegen die Erderwärmung unternommen. Die meisten politischen Entscheidungsträger hängen sich gerne ein grünes Mascherl um, aber wenn es um die kurzfristigen Vorteile der eigenen Klientel geht, wird der Klimaschutz schnell in den Prioritäten weit nach hinten zurückgereiht. Es wissen also weder die Politiker noch ihre Wähler, dass sich die Mehrheit eine radikalere Klimapolitik wünscht. Die Meinung, zu einer Minderheit zu gehören, verleitet zur Resignation und hindert viele daran, für die Anliegen der Klimapolitik einzutreten. Dazu kommt, dass es neben den politischen auch handfeste wirtschaftliche Interessen gibt, die wirkungsvolle Klimamaßnahmen verhindern wollen und eine entsprechende Propagandamaschinerie zur Verfügung haben, die die sozialen Medien mit Falschmeldungen fluten. Man kann z.B. permanent lesen, wie leicht E-Autos brennen (was nicht stimmt) und wie schrecklich die Produktionsbedingungen sind (was auch nicht stimmt). Oder dass Windräder so viele Vögel umbringen (die meisten kommen durch Straßenverkehr um), usw.

Die Klimaproblematik können wir nur verbessern, wenn wir unseren Eigennutz einschränken. Diese Entscheidung wird uns erleichtert, wenn wir wissen, dass wir nicht alleine sind. Eine US-Studie hat ergeben, dass sich viele Menschen deshalb wenig für den Klimaschutz engagieren, weil sie annehmen, auch die anderen wollen nichts beitragen. Kaum jemand will der einsame Held sein, der auf seinen eigenen Vorteil zugunsten der Gemeinschaft verzichtet, während alle andere davon profitieren, aber selbst nichts beitragen. Da kommt man sich schnell blöd vor und reiht sich lieber in die Masse der selbstsüchtigen Ignoranten ein, als dass man als nützlicher Idiot dasteht. Wir verlassen uns auf einen gewissen Grad an Fairness, und wenn dieser nicht gegeben ist, sind wir auch bereit, unsere eigenen Werte zu verraten.

Dieser Rechtfertigungsmechanismus gilt übrigens auch für Kollektive. Ein in Österreich beliebtes Argument, um sich vor klimarelevanten Entscheidungen, z.B. Tempo 100, zu drücken, besteht darin, dass in dem kleinen Land – global gesehen – verschwindend wenige Treibhausgase reduziert würden, falls diese Maßnahme eingeführt würde. Wir tragen die „Kosten“ (weil sich damit für einige die Fahrzeiten verlängern) und der Nutzen könne vernachlässigt werden. Statt ein mutiger Vorreiter zu sein, warten wir ab und tragen unvermindert unser Scherflein zur Erderwärmung bei. Kommt eines Tages eine EU-Verordnung mit einem generellen Tempolimit, dann werden viele die Maßnahme als unzumutbaren Zwang auffassen uns sich dagegen aufregen. Aber nur  ist das böse Brüssel schuld, während die unschuldigen einheimischen Politiker auf ihre Wiederwahl hoffen dürfen, indem sie sich auf die EU ausreden können.

Dass es eine billige Verweigerung der Verantwortungsübernahme darstellt, das eigene klimaschädliche Verhalten durch Zahlenspiele zu rechtfertigen, habe ich schon an anderer Stelle argumentiert. Da diese Einsicht mit Scham verbunden wäre, wird sie entsprechend abgewehrt. Es ist also die Scham, die maßgeblich an klimaschädigender manipulativer Propaganda und Selbstrechtfertigung beteiligt ist.

Konflikt zwischen Gemeinwohl und Eigennutz

Nach dem Verhaltensökonomen Achim Falk, der auch die oben zitierte Studie geleitet hat, liegt das Problem des ethischen Handelns in einem fundamentalen Zielkonflikt zwischen positiven externen Effekten und dem Eigennutz, oder: zwischen Altruismus, also der Berücksichtigung der Bedürfnisse der anderen, und dem Egoismus, also der Verfolgung dessen, was uns selber den größten Gewinn bringt, unbesehen, ob es anderen schadet. Psychologisch betrachtet, schwanken wir zwischen der angstgesteuerter Sicherung des eigenen Überlebens und der schamgesteuerter Rücksicht auf die Gemeinschaft. Anders ausgedrückt, haben wir es mit einer Variante des Konfliktes zwischen Autonomie und Bindung zu tun, der sich quer durch alle wichtigen Themen des Lebens zieht.

Falk weist darauf hin, dass „das Gute“ meistens etwas kostet, etwa einen Vorteil, auf den wir verzichten müssen, wenn wir auf andere und auf das Gemeinwohl Rücksicht nehmen. Es gibt auch Studien, die feststellen, dass altruistisches Verhalten umso wahrscheinlicher ist, je größer die positiven Außenwirkungen einer Handlung sind, je mehr Leute also davon erfahren. Unsere Reputation steigt, und das ist ein Ausgleich für den Nachteil, den wir auf uns nehmen.

Das prosoziale Verhalten wird wahrscheinlicher, wenn andere davon wissen, nach dem Motto: Tu Gutes und sorge dafür, dass möglichst viele davon wissen. Es ist das Bedürfnis nach Stolz, das uns dazu beflügelt, von unseren guten Taten zu berichten oder uns für das Gute zu entscheiden, wenn wir von anderen beobachtet werden. Wir stehen besser da, für uns selber, insofern wir uns mit den Augen der anderen betrachten. Wir fühlen uns als guter Mensch, weil wir annehmen, dass wir von den anderen so wahrgenommen und beurteilt werden.

Egoistisch zu sein, fällt uns leichter, wenn wir uns unbeobachtet fühlen.  Wir tun uns schwerer, die Plastikflasche im Wald wegzuwerfen, wenn uns andere Wanderer begegnen oder geben mehr Trinkgeld, wenn wir in einer größeren Runde ausgehen. Noch raffinierter kann man es anlegen, wenn man anonym spendet, und die Welt erfährt es hintenherum über Dritte. Hier zeigt sich die mächtige Wirkung der Scham, die uns zu mitmenschlichem Verhalten anspornt und uns dazu motiviert, eben vor allem dann gut zu handeln, wenn es andere bemerken oder Kenntnis erlangen können. Wenn wir uns im Verborgenen unsolidarisch verhalten, schämen wir uns höchstens vor uns selbst, müssen aber keine Missbilligung durch andere befürchten.

Gutes zu tun tut gut

Soweit die wissenschaftlichen Forschungen. Wissenschaftliche Studien beziehen sich offensichtlich auf ein durchschnittliches Niveau des moralischen Urteils, weil sie ja repräsentativ sein sollen. Darum spielt dieser intrinsische Faktor keine Rolle. Ich möchte aber über diesen Tellerrand hinausschauen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung hat nämlich auch ihre Grenze. Denn wir können die Erfahrung machen, dass Gutes tun gut tut, weil es sich gut anfühlt, Gutes getan zu haben, gleich ob die Kosten dafür hoch oder niedrig waren. Wir sind also nicht nur berechnende Wesen, sondern auch mitfühlende Menschen, die das Gute wegen seiner selbst bzw. wegen dem Glück unserer Mitmenschen wollen. Nur im Zustand des egoistischen Eigennutzes, der von Ängsten angetrieben ist, sind sie uns egal. In diesem Zustand geht es uns nur um unser eigenes Überleben. Sind wir frei von Angst, so denken wir immer auch die anderen Personen bei unseren Entscheidungen mit und sind an ihrem Wohl interessiert. Durch das Erweitern des Horizontes für unsere Handlungsmotivation haben wir den Zugang zu einer Glücksdimension, indem uns das Tun des Guten selbst beglückt. Allerdings erfordert es ein gewisses Maß an innerer Einsicht und ethischer Reflexion, um diesen intrinsischen Wert des Tuns des Guten zu erkennen.

Schlechtes zu tun macht ein schlechtes Gefühl, wenn wir uns des Schlechten bewusst sind. Vieles von unserem Tun ist zwar objektiv schlecht, weil es anderen Schaden zufügt, z.B. jede Autofahrt mit einem Verbrenner oder jeder Kauf eines Billig-T-Shirts. Aber subjektiv versuchen wir, das Schlechte unseres Tuns wegzurationalisieren, weil uns solche Wertkonflikte Stress verursachen. Das Bewusstsein, dass wir alle, die wir in dieser Konsumkultur und auf diesem Wohlstandsniveau leben, permanent in solchen ethischen Konflikten stecken, ist schwer aushaltbar und erfordert ein hohes Maß an ethischer Integrität und Schamkompetenz.

Es macht allerdings einen Unterschied, ob wir das schlechte Gefühl, insbesondere in seiner Schamkomponente zulassen, statt es durch schwache Gegenargumente zu übertönen. Wir wachsen in unserer Würde und Mitmenschlichkeit. Wir werden zu solidarischeren Menschen. Wir sind nicht mehr von unseren Ängsten abhängig. Wir richten unser Handeln immer mehr nach dem größtmöglichen Nutzen für möglichst viele andere aus statt nach dem, was uns selber am meisten bringt. Wir erkennen, dass es uns nicht glücklich machen kann, wenn wir die einzigen sind, die glücklich sind, bloß weil wir Glück gehabt haben. Auf dieser höheren Ebene des Bewusstseins wird es uns auch leichter fallen, mit den Herausforderungen der Zeit fertig zu werden.

Literatur:

Achim Falk: Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein ... und wie wir das ändern können: Antworten eines Verhaltensökonomen. Siedler Verlag München 2022

Zum Weiterlesen:
Die Notwendigkeit der universalen Ethik
Vom Gruppenegoismus zur globalen Ethik
Ist der Mensch von Natur aus egoistisch oder sozial?

Donnerstag, 7. März 2024

Das Kämpfen nährt den Kampf

Wenn wir gegen jemanden kämpfen, wollen wir diesen Gegner schwächen, bis er besiegt ist und wir gewonnen haben. Das ist das Ziel jedes Kampfes. Sobald wir mit einem Kampf beginnen, wehrt sich aber der Gegner und sammelt seine Kräfte. Um zu bestehen, muss er über sich hinauswachsen und Energien mobilisieren, die ihm sonst nicht zur Verfügung stehen. Er wird durch unseren Angriff stärker. Es entsteht also ein Paradoxon: Wir wollen den Gegner schwächen und erreichen gerade dadurch, dass er stärker wird. Ähnliches geschieht in uns selber: Wir haben ein Feindbild in uns, mit dem wir unseren Angriff rechtfertigen. Sobald wir erkennen, dass sich der Gegner wehrt, wird dieses Feindbild in uns mächtiger. Das Feindbild wächst mit jedem Schlag, zu dem wir ausholen oder den wir einstecken, und damit ergreifen auch unsere Feindschaft und unser Hass mehr Besitz von uns selber. 

In einem Krieg z.B. wird der Gegner gezwungen, aufzurüsten, wenn er angegriffen wird. Je stärker der Angriff abläuft, desto stärker wird die Gegenwehr und desto zerstörerischer werden die Kämpfe. Gleichzeitig werden die Feindbilder auf beiden Seiten aggressiver und verzerrter. Wir können diese Dynamik bei allen großen und kleinen Konflikten beobachten. Ähnlich manchen Boxkämpfen enden viele Kriege erst, wenn die Kräfte emotional oder physisch erschöpft sind. Dann setzt sich entweder die Seite durch, die den längeren Atem hat, oder der Konflikt endet wie beim Schach mit einem Remis oder Patt.

Die Kampfdynamik wirkt weit, selbst wenn der Gegner besiegt wurde. Die unterlegene Partei muss dafür sorgen, ihre verlorene Würde wiederherzustellen. Sie will wieder zu Kräften kommen und die verlorene Macht neu errichten. In diesem Prozess wird der Drang nach Rache aufwachen und irgendwann in Aktion treten. Die Scham, die die Niederlage bereitet hat, soll durch einen Racheakt ausgeglichen werden, der andere beschämt, indem er sie in die Opferposition bringt. 

Kampf um des Kämpfens willen

Im Kampf geht es nur scheinbar um den Sieg und in Wirklichkeit um das Kämpfen selbst. Wir kennen diese Dynamik von Wettkämpfen oder Konkurrenzspielen. Wir wollen, dass unser Handballteam das gegnerische besiegt; aber die eigentliche Befriedigung liegt im Spielen. Auch wenn wir unterliegen, wollen wir weiterspielen. Das Spannende und Lohnende ist der Wettkampf selbst, nicht das Ergebnis. Hobbyfußballer, die sich auf dem Feld nichts schenken, gehen nachher gemeinsam Bier trinken. Im geselligen Beisammensein wird das Gefälle zwischen den stolzen Siegern und den beschämten Unterlegenen wieder ausgeglichen.

Sportliches Kräftemessen

Sportliches Kräftemessen unterscheidet sich allerdings prinzipiell von anderen Formen des Kampfes, die auf Feindschaft und Hass beruhen. Aktivitäten, die wir aus freien Stücken verfolgen, erleben wir ganz anders als solche, die wir als aufgezwungen erleben und aus denen wir nicht einfach aussteigen können, wenn wir wollen. Der Unterschied liegt also darin, ob die Kontrolle über das Geschehen bei uns liegt oder nicht. In einem Fall sprechen wir von einem guten Stress (Eustress), im anderen vom Distress. Bei Eustress gerät der Körper zwar in einen Anstrengungszustand mit der Aufbietung von Reserven und schüttet dazu das Stresshormon Adrenalin aus, aber mobilisiert zugleich Dopamin, das für Glücksgefühle zuständig ist. Beim Distress folgt auf die Adrenalinausschüttung das Cortisol, das langfristig wirksame Stresshormon, aber kein Dopamin. Hier stehen wir also unter einer Angstspannung ohne jeden Lustfaktor, denn es geht um Leben oder Tod. Die Spannung wirkt außerdem noch über die Kampfsituation hinaus und enthält die Tendenz zur Chronifizierung.

Die Corona-Debatten

In der Corona-Debatte konnten wir beobachten, dass die hitzigen Debatten über das Corona-Management oder das Impfen immer schärfer wurden, je länger sie dauerten. Viele Diskussionen führten nicht dazu, dass sich die Standpunkte nicht annäherten, sondern dass sie sich, aufgeladen durch die aufgeheizten Auseinandersetzungen, immer weiter voneinander entfernten, während der Hass in den unterschiedlichen Lagern wuchs. Je mehr Kampfenergie in die Debatten gepumpte wurde, desto ausdauernd wurde der Kampf. Erst als sich die Pandemie beruhigte und die Erkrankungen weniger und milder wurden, ebbten die Diskussionen ab. Aber auch Jahre danach wirken die Folgen weiter, manche aufgerissenen Gräben in Familien oder Freundesgruppen sind noch immer nicht zugeschüttet.

Das Festhalten am Kämpfen hat viel damit zu tun, die Schmach der Niederlage nicht tragen zu wollen und deshalb bis „zur letzten Kugel“ weiterzukämpfen. Es ist also die vorweggenommene Scham, im Fall des Unterliegens als Schwächling und Versager dazustehen. Diese Dynamik kennen wir von Debatten über scheinbar harmlose Themen ebenso wie von Bürgerkriegen und zwischenstaatlichen bewaffneten Konflikten, die über Jahre und Jahrzehnte brennen und schwelen. Eine verdeckte Form der Schamvermeidung stellt das Wettrüsten zwischen den Großmächten dar.

Die Erkenntnis, dass der Kampf das Kämpfen nährt, liefert keinen zureichenden Grund, gänzlich auf das Kämpfen zu verzichten. Wenn einer Aggression von außen keine Gegenaggression entgegengestellt wird, hat sie die natürliche Tendenz, sich weiter auszubreiten und sich noch mehr Raum einzuverleiben. Aber wir brauchen auch die Bewusstheit über diese Dynamik, weil sie uns darauf hinweist, wann es notwendig ist, auf das Kämpfen zu verzichten. Irgendwann wachsen die Schäden und damit die vielen Formen des Leidens ins Unermessliche, die durch das Zerstörerische am Kämpfen ausgelöst werden. Als Großmut gilt, wenn der Stärkere im Kampf dem unterlegenen Gegner die Hand reicht und ihm auf Augenhöhe begegnet. Der Kampf ist zu Ende, die Menschen können wieder wahrnehmen, dass sie keine Feinde, sondern Brüder und Schwestern sind. Der Zyklus der Rache ist durchbrochen. Nur mit der hohen Tugend des Machtverzichts kann es gelingen, dort einen dauerhaft haltbaren Frieden zu schaffen, wo Feindschaft geherrscht hat. 

Der Nahostkonflikt als Beispiel

Der Gaza-Krieg, der zurzeit wütet, dient aus israelischer Sichtweise dem Ziel, die Hamas zu vernichten. Es handelt sich um einen Racheakt gegen den blutigen und blutrünstigen Überfall der Hamas auf Israel, mit dem solche Überfälle in Zukunft verhindert werden sollten. Eine der modernsten und bestausgebildetsten Armeen der Welt kämpft gegen eine Terrororganisation oder gegen die gewählte Verwaltungsmacht im Gaza-Streifen, je nach Sichtweise. Dieser Krieg dauert nun schon 6 Monate und hat bisher ca. 30 000 Tote und 70 000 Verletzte verursacht, darunter ca. 1200 israelische Tote und 5000 Verletzte. Er spielt sich im Gaza-Streifen ab und hat dort zu massiven Zerstörungen der Wohnanlagen und der Infrastruktur  geführt. 70 Prozent der Gebäude liegen in Trümmern.

Ein neues Kapitel im nun schon über hundert Jahre alten Nahostkonflikt, ohne jede Aussicht auf eine Lösung, ohne Aussicht auf einen Frieden. Spätestens seit der Staatsgründung von Israel 1948 war der Landstrich am Ostufer des Mittelmeers der Schauplatz von vielen Kriegen und spannungsgeladenen Zwischenzeiten. Die Aussicht auf einen dauerhaften Frieden mit einer Zweistaatenlösung hat sich in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts zerschlagen. Jeder Krieg hinterließ auf beiden Seiten tiefe Spuren, jeder Krieg trug zur Vermehrung und Vertiefung des Hasses und damit zur Steigerung der Gewaltbereitschaft bei. Bei den Palästinensern, die in jedem Krieg die Verlierer waren und die durch vielfache Vertreibungen gedemütigt wurden, ist die Last der Scham über mehrere Generationen angewachsen. Bei den Israelis ist parallel dazu die Angst angewachsen. Denn bewusst oder unbewusst stellt es eine enorme Belastung dar, mit Nachbarn zu leben, die voll von Hass und Scham sind. Es ist nur die Frage, wann es zur nächsten aggressiven Explosion kommt. Auch wenn es auf beiden Seiten Menschen gibt, die über diese Gefühlsbelastungen hinausgewachsen sind und sich im offenen Dialog verständigen können, steckt die große Mehrheit in der Geschichte von Verletzungen und Gewalthandlungen fest. 

Es besteht in dieser Gegend seit vielen Jahrzehnten ein Dauerkampf, der manchmal offen ausbricht und ansonsten unterschwellig besteht; es gibt die offenen Aggressionen der Palästinenser und die strukturelle Gewalt der Israelis, die sich gegenseitig befeuern (es gibt dazu noch offene Aggressionen der Israelis mit der Ermordung von über 400 Palästinensern im Westjordanland seit dem 7.10.23). Als scheinbar unvermeidliche Folge der Dauerspannung wächst beständig die Gewaltbereitschaft auf beiden Seiten. Immer mehr Israels wählen rechte Parteien, die die ihre Feindschaft gegen die Palästinenser offen zur Schau stellen, während auf palästinensischer Seite die radikalen politischen Organisationen immer mehr Zulauf bekommen. Die Dauerspannung wächst also weiter und weiter.

Der israelische Staat kann sich auf eine moderne Wirtschaft und auf die Unterstützung der USA und anderer westlicher Staaten stützen, die seine Existenz garantieren. Die Palästinenser haben große Teile der arabischen Welt auf ihrer Seite, die ihr Überleben auch unter den prekärsten Bedingungen absichern, so gut es geht. Auf diese Weise sind mächtige Staaten und damit viele Volkswirtschaften und Gesellschaften in den Konflikt eingebunden. Wegen der nationalstaatlichen Souveränitäten haben die Außenstehenden aber nicht die Einflussmöglichkeiten, um den Krieg zu beenden und Friedensregeln einzuführen.

Da die Lebenschancen im Gazastreifen durch die Abriegelung nach außen minimal sind, gibt es für viele, vor allem junge Menschen keine Perspektiven für eine kreative Selbstverwirklichung. Deshalb wird es immer wieder Jugendliche geben, die zur Gewalt tendieren und zu den Waffen greifen wollen, um wenigsten ein kleines Machtgefühl zu erlangen. Jeder Tag, den der Krieg andauert, erzeugt neben all dem Leid neue Kampfbereitschaft, die sich irgendwann in der Zukunft ihre Bahn brechen wird.

Der Kampf nährt den Kampf und bringt immer wieder neuen Kampf hervor, solange versucht wird, die Spannungen mit Gewaltanwendung zu lösen. Der gewaltsam niedergerungene Gegner wird irgendwann wieder aufstehen und die angetane Gewalt heimzahlen.

Zum Weiterlesen:
Braucht es einen Krieg? Wer braucht einen Krieg?
Krieg und Scham


Sonntag, 7. Januar 2024

Die Frage nach dem Jenseits und die Scham

Viele Religionen beschäftigen sich mit der Frage über das Weiterleben nach dem Tod und bieten dazu ihre Glaubenswahrheiten an. Die gängigsten Antworten sind die Wiedergeburtslehre und die Lehre von Himmel und Hölle. Nach Religionszugehörigkeit betrachtet, könnte man sagen, dass ungefähr eine Hälfte der Menschheit mehr der einen und die andere mehr der anderen Richtung des Jenseitsglaubens anhängt.

Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, welche Rolle die Scham bei der Beantwortung dieser Frage spielt. Wir kennen den Zusammenhang von Frage und Antwort. Fragen kommen aus einem Spannungszustand, der durch die Antwort entspannt werden soll. Wir wissen etwas nicht, und das bereitet uns ein unangenehmes Gefühl. Wir suchen die Antwort, um das lästige Gefühl zu beseitigen. Jede Unwissenheit trägt ein kleines Element der Scham in sich, und das Wissen, das wir erlangen, löst die Scham auf. Wenn wir aber keine Antwort auf unsere Frage bekommen, bleibt die Schamspannung bestehen.

Dieser Zusammenhang zeigt sich bei den kleinen und kleinsten Unwissenheiten im Alltag in Form von kleinen und kleinsten Scham-Lösungszyklen. Bei den großen, letzten Fragen, die unser gesamtes Sein anbetreffen, sind diese Zyklen umso größer. Die Frage nach dem Jenseits unserer Lebenslaufbahn betrifft uns auf einer existenziellen Ebene. Unser Denken ist in der Lage, über unseren Tod hinaus zu fragen: Was ist mit der Seele, wenn der Körper stirbt? Die Vorstellung der radikalen Endlichkeit („Mit dem Tod ist alles aus“) hat etwas Schockierendes an sich. Alles, worauf wir in diesem Leben bauen, und alles, was wir in diesem Leben aufgebaut haben, soll mit einem Schlag beendet und verschwunden sein. Um uns vor dieser Radikalität der Endlichkeit zu schützen, glauben wir lieber an eine der Formen des Weiterlebens, entweder mit einer Chance, die dann eine Ewigkeit anhält, oder mit einer endlichen oder unendlichen Serie von Wiedergeburten. Diese Denkmöglichkeiten geben uns einen Trost und eine Beruhigung angesichts der drohenden Endlichkeit. Zugleich befrieden sie das Schamgefühl, das entsteht, wenn wir mit einer Frage ohne Antwort dastehen, so als wären wir wären keiner Antwort würdig.

Die Antworten auf Fragen geben uns ein Gefühl der Kontrolle. Wir sind nicht mehr einem ungewissen Schicksal ausgeliefert, auch dann nicht, wenn der Tod anklopft, sondern wir können darauf vertrauen, dass es irgendwie weitergeht und wir nicht völlig ausgelöscht werden. Wir verfügen über ein Stück Sicherheit, ein Stück Kontrolle in Hinblick auf den Tod.

Wir können uns dabei zwar nicht auf Wissen berufen, weil es aus der Jenseitswelt kein sicheres Wissen geben kann, aber wir können uns auf unsere Fähigkeit zum Glauben stützen. Durch das Glauben schützen wir uns vor der unheimlichen und existenziell bedrohlichen Vorstellung, im Moment des Todes in ein Nichts zu fallen. Wir müssen die Scham nicht mehr spüren, die uns bei dieser Vorstellung befällt.  

Der Umkehrschluss lautet allerdings, dass all die Scheinsicherheiten, die durch Erklärungsmodelle und Sinnangebote jenseits des Wissbaren vorgeschlagen werden, der Angst- und der Schamabwehr dienen. Sie vermitteln die Illusion von Kontrolle und befriedigen das Bedürfnis nach Sicherheit in einem Bereich, in dem es keine Sicherheit geben kann. Es wäre blamabel und bedrohlich zugleich, zugeben zu müssen, das eigene Leben über den Tod hinaus nicht kontrollieren zu können.

Wissen und Kontrolle

Verlässliches Wissen suchen wir deshalb, weil es uns Sicherheit gibt und uns erlaubt, die Wirklichkeit zu kontrollieren. Wenn wir herausgefunden haben, was Blitze sind, können wir Techniken entwickeln, die unsere Häuser vor Blitzschlägen schützen. Wir sind der Naturgewalt in dieser Hinsicht nicht mehr ausgesetzt, sondern halten sie unter Kontrolle. Wenn wir verstehen, dass Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt ausgesetzt waren, später als Erwachsene mit höherer Wahrscheinlichkeit selber gewalttätig werden, wissen wir, wie wir die Gewalttätigkeit unter Menschen verringern können.

Wo wir über kein Wissen verfügen, das uns Sicherheit geben könnte, strengen wir uns an, dieses Wissen zu erzeugen. Wir forschen nach den Ursachen und Zusammenhängen, bis wir wissen, wie die Dinge funktionieren und wie wir sie lenken und kontrollieren können, sodass sie uns nutzen oder zumindest nicht mehr schaden.

Mit jedem Wissen gewinnen wir also ein Gefühl der Macht über Vorgänge und Menschen und fühlen uns geschützt vor Risiken. Das Gefühl, die Kontrolle zu haben, erfüllt uns mit Stolz. Mit Mitleid betrachten wir frühere Zeiten, in denen z.B. die Risiken, an einer Bakterieninfektion zu sterben, viel höher waren als heute. Denn wir verfügen gegen diese Gefahr über wirksame Mittel, die wir durch Wissen gefunden haben. Wo dieses Wissen noch nicht vorhanden ist, z.B. bei noch immer unheilbaren Krankheiten, spüren wir einen Mangel, der uns Scham bereitet, und eine Bedrohung, die uns Angst macht. Und wir freuen uns und sind stolz, wenn den medizinischen Wissenschaften ein Erfolg in der Krankheitsbekämpfung gelungen ist.

Gerade deshalb sind uns Bereiche, in denen wir kein sicheres Wissen erlangen können, besonders suspekt. Sie bereiten uns ein mulmiges Gefühl. Wir wollen uns auch hier vor Gefahren schützen und schämen uns, wenn es uns nicht gelingt. Um diese Scham zu überwinden, hat die Menschheit Vorstellungen erfunden, die uns auch hier eine Sicherheit geben sollen. Wir sind zwar nie sicher, ob es sich nicht doch um Illusionen handelt. Dennoch wollen viele auf diese Einbildungen nicht verzichten.

Die Alternative wäre es, das Nichtwissen und Nichtwissenkönnen auszuhalten. Die absolute Grenze, die der Tod in jedes Menschenleben einführt, löst Widerstände und Unwillen aus, die aus unserem Ego kommen. Unsere Selbstsucht hält es nicht aus, wenn wir irgendwo über keine Kontrolle verfügen und in der Schwebe der Unsicherheit hängen bleiben. Insbesondere unser eigenes Ende ist mit der größten Angst behaftet, und eine der Hauptfunktionen des Egos besteht darin, uns vor der Vorstellung eines absoluten Endes zu schützen. Es will über den Tod hinaus die Kontrolle behalten.

Denn es ist für unser überzogenes Selbstbewusstsein ein Skandal, das eigene Ende und damit die zukünftige Nichtigkeit dessen, was wir jetzt sind, mitdenken zu müssen. Der Narzissmus, der in jede Ego-Selbstbestätigung enthalten ist, will diese Grenze um jeden Preis relativieren, indem er sich an die Hoffnung auf ein jenseitiges Leben anklammert. Mit einer Form des Jenseitsglaubens kann er und damit die gesamte Ego-Agenda bestehen bleiben, zumindest so lange der Körper die Denkvorgänge aufrechterhält.

Der Stolz der Nichtgläubigen

Aber auch die skeptische Haltung zu den Jenseitsfragen enthält emotionale Fixierungen, wenn sie mit Stolz vertreten wird. Die naiven Jenseitsgläubigen werden belächelt oder verachtet, während die eigene Überlegenheit im Nichtglauben genossen wird. Festgehaltener Stolz stellt eine Form der Schamabwehr dar. Die Scham, keine befriedigende Antwort auf die Frage nach der eigenen Endlichkeit finden zu können, wird in den Stolz umgemünzt, im eigenen Bewusstsein weiter entwickelt zu sein als jene, die am Glauben hängen. Das Ego findet seine Befriedigung in dieser Form der Überheblichkeit.

Das Aushalten der Endlichkeit

Was wäre, wenn wir uns nicht unserem Ego unterordnen und den Narzissmus der Selbstüberschätzung überwinden? Dazu müssen wir uns den Gefühlen der Scham und der Angst stellen, die mit der Akzeptanz einer absoluten Grenze unseres Kontrollstrebens auftauchen. Wenn wir uns diese Gefühle bewusst machen, können wir ihre Macht über uns und über unsere Jenseitsvorstellungen brechen. Es fällt uns dann leichter, uns einzugestehen, dass unsere Kontrolle an der Grenze des Diesseits endet. Das Jenseits entzieht sich unserem Einfluss und unserer Macht, also auch der , die wir durch das Wissen erlangen wollen.

Die Akzeptanz der absoluten Grenze für das Wissen und die Kontrolle führt uns zu einer Haltung der Bescheidenheit und Demut. Wir fügen uns in unsere Begrenztheit und Unvollkommenheit und erkennen darin besondere Qualitäten des Menschseins. Wir beschränken unsere Fähigkeit, die Wirklichkeit durch Wissen zu kontrollieren, auf das diesseitige Leben, auf das Meistern der aktuellen Probleme und Fragestellungen. Wir erkennen und nehmen die besondere Würde, die darin liegt, unsere Kräfte der Bewältigung unseres uns gegebenen Lebens zu widmen, gleich ob es nach dem Tod irgendwie weitergeht oder nicht. Wir gründen das Vertrauen in uns und in die Beziehungen zu den Menschen um uns herum, denen wir liebevoll begegnen.

Wir nutzen die Räume, die uns zur Verfügung stehen, um unser Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Als Menschen haben wir aufgrund unserer ins Jenseits und ins Unendliche reichenden Intelligenz eine Sonderstellung in der Natur inne. Wir können dieser Sonderstellung aber nur dann gerecht werden und aus ihr sinnvollen Nutzen ziehen, wenn wir uns selbst überall dort beschränken, wo die Kontrolle durch das Wissen nur illusionär ist. Jede Überdehnung der Grenzen führt uns in eine Versuchung, mehr Macht auszuüben als uns zusteht. Und das tut weder uns gut noch allem anderen, worauf sich diese Macht auswirkt.

Ähnlich wie wir als Menschheit unser Verhältnis zur Natur nur dadurch ausgleichen können, dass wir unsere überschießenden Kontrollimpulse kontrollieren und einschränken, kommen wir dem Sinn unseres Lebens nur näher, wenn wir die absolute Grenze, die uns der Tod nun einmal setzt, in ihrer Absolutheit respektieren und der Versuchung widerstehen, die uns die verschiedenen Glaubensmodelle anbieten.

Auf die Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod haben wir die Wahl, an eines der Angebote aus den Religionen zu glauben oder auf jeden Glauben zu verzichten. In jedem Fall ist es sinnvoll und hilft bei der inneren Klärung, wenn wir nachprüfen, welche Ängste und vor allem welche Schamgefühle bei unserer Wahl mitspielen.

 Zum Weiterlesen:
Das Ego und die Idee der Unsterblichkeit
Theologie und Mystik zur Frage des Weiterlebens
Die zwei Wahrheiten und die Religionen
Wissen, Phantasie und Glaube
Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele