Montag, 22. Dezember 2025

Rumi und die Absichtslosigkeit

Im Werk des persischen Dichters und Mystikers Dschalal ad-Din Rumi (1207–1273) hat die Absichtslosigkeit einen wichtigen Stellenwert. Ähnlich wie Meister Eckhart ist es Rumi um die Überwindung des „Warum“ zu tun: „Die Liebe hat kein Warum. Wer nach dem Warum fragt, hat die Liebe nicht verstanden.“ Die Liebe hat keinen Zweck und kein Ziel, sie ist einfach und wirkt, wenn alles aus dem Weg geräumt ist, was sie behindert. Absichten sind getragen von dem Wunsch, etwas zu bekommen und die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Sie sind Hindernisse für das Wirken der Liebe.

„Du suchst Gott mit Absicht und Plan. So entgeht er dir. Wenn du ihn lässt, findest du dich in ihm wieder.“ Auch Rumi geht es um die Gelassenheit im Sinn von Eckhart: Um das Weglassen der Gottessuche, die nicht mehr als eine in sich kreisende Selbstsuche ist. Alle Pläne sind Entwürfe des Ichs, das einem gegenwärtigen Mangel entrinnen und sich eine bessere Zukunft schaffen will. In der Gottesbegegnung geht es um keine Zukunft und um kein Besser oder Schlechter, sondern um die tiefste Erfahrung des Seins, frei von allen Wertungen und Vorlieben.

Die große Liebe 

Wenn Rumi von der Liebe spricht, so meint er im Grund nur die reine, bedingungslose oder auch die große Liebe. Sie stellt keine Leistung dar und kann auch nicht durch Anstrengungen oder Übungen gefunden werden. Sie wird nur in dem Maß erfahrbar, in dem die Abscheidung im Sinn von Eckhart gelungen ist. Alle Bestrebungen des Ichs (die nafs bei Rumi) zielen auf die Stärkung des Ichs. Sie drücken sich in den Absichten aus, die die Menschen in ihrem praktischen Leben verfolgen. Die Liebe finden wir auf einem gänzlich anderen Feld, in einer gänzlich anderen Landschaft: Sie ist frei von Selbstbezogenheit und Selbstsucht und offen für das Erfahren im Moment. Sie ist getragen von der Hingabe an die höhere Macht, die durch alles wirkt: 

„Ich liebe nicht. Ich werde geliebt. Und in diesem Geliebtwerden vergeht mein Ich.“ Im Überwinden der eigenen Täterschaft in der Liebe öffnet sich ein weiter Raum, in den die unermessliche Liebe einströmt. Die Erkenntnis, dass das eigene Lieben kein Verdienst und keine Leistung darstellt, sondern ein Geschenk darstellt, übersteigt die Beschränkungen des Ichs und seine kleinen Vorstellungen der Liebe. In der Erfahrung der großen Liebe hat das Ich seine Daseinsberechtigung aufgegeben.

„Als die Liebe kam, fiel mir der Verstand aus der Hand. Ich tanzte, und der Tanz wusste mehr als ich.“ Die Liebe kommt und entfaltet ihre Macht, weil sie dem Erfahrenden alles gibt, was er braucht. Der planende und absichtsvolle Verstand fällt einfach weg. Die gewaltige Welle der Liebe reißt alles mit und bringt alles in Bewegung, kein Stein bleibt auf dem anderen. Der Tanz ist größer als der Tänzer. Er reißt den tanzenden Menschen mit und führt ihn heraus aus dem Ego, wenn er sich der Bewegung voll hingibt. Die Liebe ist größer als die Liebenden. Sie trägt alles, was Menschen tun und lassen. Sie wartet darauf, entdeckt zu werden ohne sich aufzudrängen. Die Künstler, die Poeten und Musiker sind es, die ihren Ruf kennen und ihm in ihrem Schaffen folgen. Die Menschen werden selbst zu Künstlern, wenn sie von der Kraft der großen Liebe mitgetragen werden. Denn die Liebe bietet den Anreiz für jede Form von Kreativität. 

Der Atem und die Ekstase 

Für Rumi war die Begegnung mit der Liebe ekstatisch und leidenschaftlich. Sie wird in allen Schattierungen der Gefühle, in ihrer Vielfalt und Buntheit erlebt. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich von der Gelassenheit Eckharts. Wo bei Eckhart die Leere von Liebe durchflutet wird, zeigt sich bei Rumi die Fülle als göttliche Offenbarung. Wo Eckhart in die Stille eintaucht, tanzt Rumi mit aller Hingebung zu ekstatischer Musik. Der Unterschied liegt nicht in der Erkenntnis oder deren Tiefe, sondern in der Persönlichkeit und in der Tradition, den Filtern jeder spirituellen Erfahrung und ihrer Ausdrucksweise. Die Tradition des mittelöstlichen Sufismus ist feuriger und sinnlicher als die christliche Mystik des Mittelalters. Sie nimmt den Körper auf den spirituellen Weg als Kanal mit und vertraut ihn seiner Weisheit an. Tanzend und feiernd schwingen die menschlichen Körper im Rhythmus des Universums, während der Geist in Verzückung gerät: „Drehung, Atem, Hände und Füße sind eins, bis du dich selbst loslässt.“ (Dīwān-e Shams)

Die Geburt Gottes im Menschen geschieht im Überschreiten der Körpergrenzen vor allem durch rhythmisiertes, intensives Atmen und ungehemmte Bewegungen. „Mit jedem Atemzug komme ich zu deiner Seele, wie der Atem selbst in deinem Innern strömt.“ (Mathnawī, Buch I)

Das Absolute manifestiert sich in körperlicher Form, als Verkörperung des Geistes und zugleich als Vergeistigung des Körpers. Typisch für Rumi ist also die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist. Wenn sich das verkrampfte Ich auflöst, wird der Körper spielerisch, fließend und frei: „Der Körper ist wie ein Instrument, und du bist der Klang; ohne dich ist dieses Instrument nichts wert.“

„Tanze dort, wo du dich selbst zerbrichst, wo du die Watte aus deinen Ohren ziehst.“ Das zerbrochene Ich, in dem alle fixen Gewohnheiten und Neurosen zerschmettert sind, beginnt sich frei zu bewegen in einem Tanz, in dem der Tanz und nicht mehr das Ich die Bewegung führt. Dieser Zusammenbruch geschieht, wenn die Wirklichkeit unmittelbar in ihrer Pracht wahrgenommen und erlebt werden kann. Dann ist alles entfernt, was die Wahrnehmung mit den eigenen Erwartungen und Absichten vorinterpretiert und filtert. Indem sich die körperlichen Blockaden lösen, wird der Geist frei. 

Wilhelm Reich und die Körpertherapie

Einen ähnlichen Ansatz hat übrigens Wilhelm Reich (1897 – 1957) verfolgt und in die moderne Psychotherapie eingeführt: Der Körper ist der Speicher der Traumatisierungen, die sich in Verspannungen (Panzerungen) niederschlagen. Mit körpertherapeutischen Methoden können diese Blockierungen gelockert und aufgelöst werden, sodass dann die Lebensenergie, das Orgon, wieder frei fließen kann. Auch bei ihm spielt der Atem eine führende Rolle und dient zugleich als Symbol für die Befreiung: „Die Lösung emotionaler Blockaden erfolgt häufig über die Befreiung der Atmung. Wo der Atem fließt, fließt die Lebensenergie.“ (aus: Charakteranalyse, 1933) „Der Atem ist die Grundlage allen Lebens; er drückt den seelischen Zustand aus und kann ihn verändern.“ (aus: Die Funktion des Orgasmus). Bei Reich steht allerdings nicht die spirituelle Suche, sondern die Psychotherapie im Zentrum des Interesses.

Stirb bevor du stirbst

In Rumis Werk findet sich die Formel des Todes vor dem Tod (موت قبل الموت): „Stirb, bevor du stirbst, damit du vor dem Tod sicher wirst, o Wachender.“ Wenn das Ich gestorben ist, gibt es nichts mehr, was Angst machen könnte, nicht einmal der physische Tod. Jede „gestorbene“ Fixierung ist ein kleiner Tod, der einen Schritt zur Befreiung beiträgt und in das endgültige Sterben des Ichs einübt. Jeder kleine Tod konfrontiert mit Angst und ist mit ihrer Überwindung verbunden, die eine besondere Kraft freisetzt. Dadurch wächst die innere Sicherheit. Der Gedanke an die eigene Endlichkeit verliert jeden Schrecken. Gelassen leben wir unserem Ende entgegen.

Alle Zitate stammen von Rumi. 

Zum Weiterlesen: 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen