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Montag, 15. Dezember 2025

The Avalanche (die Lawine) - ein Text von Leonard Cohen

Auf dem Album: “Songs of Love and Hate” hat Leonard Cohen 1971 das Lied “The Avalanche” gesungen, hier der Text:

I stepped into an avalanche
It covered up my soul
When I am not this hunchback that you see
I sleep beneath the golden hill
You who wish to conquer pain
You must learn, learn to serve me well
You strike my side by accident
As you go down for your gold
The cripple here that you clothe and feed
Is neither starved nor cold
He does not ask for your company
Not at the center, the center of the world
When I am on a pedestal
You did not raise me there
Your laws do not compel me
To kneel grotesque and bare
I myself am the pedestal
For this ugly hump at which you stare
You who wish to conquer pain
You must learn what makes me kind
The crumbs of love that you offer me
They're the crumbs I've left behind
Your pain is no credential here
It's just the shadow, shadow of my wound
I have begun to long for you
I who have no greed
I have begun to ask for you
I who have no need
You say you've gone away from me
But I can feel you when you breathe
Do not dress in those rags for me
I know you are not poor
And don't love me quite so fiercely now
When you know that you are not sure
It is your turn, beloved
It is your flesh that I wear

In deutscher Übersetzung:

Ich bin in eine Lawine geraten. 
Sie hat meine Seele bedeckt.
Wenn ich nicht dieser Bucklige bin, den du siehst, schlafe ich unter dem goldenen Hügel.
Du, die du den Schmerz besiegen willst, musst lernen, lernen, mir gut zu dienen.
Du triffst mich versehentlich an der Seite, während du nach deinem Gold suchst.
Der Krüppel hier, den du kleidest und fütterst, ist weder hungrig noch friert er;
Er bittet nicht um deine Gesellschaft.
Nicht im Zentrum, dem Zentrum der Welt, wenn ich auf einem Sockel stehe. 
Du hast mich nicht dorthin erhoben, deine Gesetze zwingen mich nicht, grotesk und nackt zu knien. Ich selbst bin das Podest.
Für diesen hässlichen Buckel, den du anstarrst, du, die du den Schmerz besiegen willst, musst du lernen, was mich gütig macht;
Die Krümel der Liebe, die du mir anbietest, sind die Krümel, die ich zurückgelassen habe.
Dein Schmerz kann hier nicht als Legitimation dienen. Er ist nur der Schatten, der Schatten meiner Wunde.
Ich habe begonnen, mich nach dir zu sehnen, ich, der ich keine Gier habe.
Ich habe begonnen, nach dir zu frage, ich, der ich kein Bedürfnis habe.
Du sagst, du hast dich von mir entfernt, aber ich kann dich spüren, wenn du atmest.
Zieh diese Lumpen nicht für mich an, ich weiß, dass du nicht arm bist.
Du liebst mich jetzt nicht mehr ganz so leidenschaftlich. Wenn du weißt, dass du dir nicht sicher bist, dass du an der Reihe bist, Geliebte, dann ist es dein Fleisch, das ich trage.

Hier einige Gedanken zu dem Text: 

Eine Lawine stellt einen überwältigenden Beweis für die Macht der Natur über den Menschen dar. Wenn sie auf uns zukommt, kann sie uns jeden Moment vernichten. Wir sind dieser Macht ausgesetzt, die sich völlig unserer Kontrolle entzieht und uns gnadenlos überrollt, wenn wir an der falschen Stelle sind. 

Ebenso sind wir der Macht unseres Unterbewusstseins ausgesetzt, das wie eine Lawine unsere Seele überfluten und völlig unterwerfen kann. Wenn eine derartige Katastrophe über uns hereinbricht, geschehen oft zwei Dinge: Es entsteht eine unmittelbare und massive Angst vor dem Tod und danach ein Gefühl der Geborgenheit – so zeigen sich die beiden Seiten des Todes, der in solchen Erfahrungen anklopft: Zerstörung und Trost. 

Auf einer spirituellen Ebene können wir die majestätische Welle einer Lawine mit der Metapher eines Abgrunds in Verbindung bringen, an dem die Seele mit der Forderung konfrontiert wird, das Ego vollständig loszulassen. Das Stehen an einer Grenze, an der die Entscheidung verlangt wird, ins Unbekannte zu springen oder sich fallenzulassen, ist verbunden mit immenser Angst – das Risiko, das Ego zu verlieren, das den Schutz des Überlebens darstellt, und nicht zu wissen, ob man ohne es überleben wird oder nicht. Es ist der Punkt auf der spirituellen Suche, an dem der Suchende mit der Kraft der absoluten Wahrheit konfrontiert wird. Dann hat er nur die Wahl, zurückzuweichen oder sich hinzugeben und sich von der Lawine überrollen zu lassen.

Der Bucklige symbolisiert die Lasten des Schmerzes und Leidens, die wir im Laufe unseres Lebens, insbesondere während der Kindheit, ansammeln. Oft präsentieren wir uns mit dieser Last, um einen Vorteil in Form von Mitleid von anderen zu erhalten. So begeben wir uns in eine Position der Schwäche und nehmen die Opferrolle ein. Wenn es uns gelingt, die Last zu überwinden und Zugang zu unserer erwachsenen Kraft zu finden, nehmen wir eine aufrechte Haltung ein, die Haltung der Würde. Mit diesem Schritt gelangen wir an die Pforten des Paradieses, denn wir erkennen, dass wir alles haben, was wir für unser Leben brauchen. So baden wir im Licht des goldenen Hügels. Dort können wir in völliger Unschuld einen erquickenden Schlaf finden.

Es ist unser Ego, das unseren Schmerz gewaltsam überwinden will. Es will ihn mit allen möglichen Anstrengungen auslöschen, aber das funktioniert nicht; stattdessen verstärkt jeder Einsatz von Gewalt das Leiden. Das Ego muss lernen, zu dienen und nicht zu dominieren, denn es ist ein schlechter Herr, aber ein guter Diener. Wenn das Ego beginnt, auf das Selbst zu hören, kann es seinen Weg zu einer dienenden Position finden.

Solange das Ego seinen illusorischen Schätzen, seinem falschen Gold, nachjagt, verletzt es die Seele, denn die Seele leidet unter der Verherrlichung vergeblicher Bemühungen, die nur auf Selbsttäuschung beruhen. Wenn wir uns erlauben, die Auswirkungen der Schläge des Egos zu spüren und den Schmerz, den sie verursachen, bewusst zu erleben, können wir beginnen, die Mechanismen der Selbstverletzung und Selbsthemmung zu verstehen, die wir uns unser ganzes Leben lang zugefügt haben. Dann wachsen wir über unser verkrüppeltes Selbst hinaus zu unserer erwachsenen Kraft und Selbstbestimmung.

Der Krüppel, den das Ego nährt, ist die Karikatur des reifen Selbst. Das Selbst wird vom Ego kleingehalten, ausgehungert und der Kälte ausgesetzt. Das Ego will in seiner Anmaßung das Selbst darauf hinweisen, dass es nur von ihm heil werden kann. Aber die Seele ist weder benachteiligt noch arm, daher braucht sie für ihr Wachstum weder die Gesellschaft noch die Unterstützung des Egos.

Es gibt ein Zentrum der Welt, in dem wir den Sockel, den höchsten Punkt, einnehmen. Dieses Podest ist die Metapher für den Gipfelpunkt der Individuation, für die vollständige Verwirklichung unseres Selbst. Es ist nicht das Ego, das diesen Prozess vorangetrieben oder kontrolliert hat, sondern die innewohnende schöpferische Kraft des Selbst, die nach Reife strebt. Ein solcher Prozess kann nur gegen die Wahnvorstellungen und Widerstände des Egos erfolgreich sein. Wenn wir jedoch auf groteske Weise niederknien, indem wir die Idole der Täuschung verehren, rennen wir Fantasien und Illusionen nach und verlieren die Verbindung zu uns selbst als Zentrum unserer inneren Welt. Stattdessen werden wir zu einem Podest für andere und deren Machtmissbrauch. Wir machen uns also zu willenlosen Mitteln für die Zwecke anderer.

Das Ego mit seiner oft überbordenden Selbst- und der Fremdkritik konzentriert sich auf die Fehler der Person, auf ihre Unvollkommenheiten (den hässlichen Buckel), und zeichnet sich durch das Grübeln mit herabwürdigenden Gedanken aus. Um den Schmerz zu überwinden, ist eine freundliche und zugewandte Art gefragt, eine selbstmitfühlende Haltung gegenüber allen Unzulänglichkeiten der eigenen Persönlichkeit. Das Ego schafft es gerade einmal, Krümel der Liebe zu erzeugen, die für den Prozess der Individuation nutzlos sind und hinter sich gelassen werden. Das Leiden, das das Ego präsentiert, leitet sich aus einer erfundenen Geschichte ab, einer selbstvergessenen Erzählung der eigenen Geschichte als Opfer gemeiner äußerer Kräfte, die für alles Leiden verantwortlich gemacht werden.

An dieser Stelle wechselt die Perspektive des Gedichts explizit von der Beziehung zwischen Ego und Selbst zu einer zwischenmenschlichen Beziehung. Zugleich wird hier deutlich, dass die beiden Sichtweisen immer ineinander verschränkt sind. Innere und äußere Beziehungen sind untrennbar verflochten. Denn Inneres wird nach außen projiziert, und Äußeres wird introjiziert. Wir begegnen also unserem Ego in den anderen Menschen, die uns unsere Schattenseiten spiegeln.

Die reine Liebe ist frei von Gier, Erwartungen und Bedürfnissen. Sie streckt sich nach der geliebten Person aus und umfasst sie, selbst wenn sie geht. Die Verbindung bleibt bestehen und hat anhaltende Auswirkungen, wenn die Liebe frei von Bedingungen ist. Das Atmen, der Lebensfluss in der geliebten Person bleibt spürbar und trägt weiter.

Die reine Liebe befasst sich nicht mit den Schattenseiten oder Schwächen des anderen (in die „Lumpen“, in die sie gekleidet ist), sondern verbindet sich mit dem Reichtum und der Schönheit der geliebten Person, selbst wenn sie sich für geringer einschätzt. Die bedingungslose Liebe bleibt unberührt, selbst wenn die Liebe des anderen schwächer und geringer wird. Aber die Beziehung kann nur dann wachsen und gedeihen, wenn beide Seiten den Zugang zur Tiefe der Liebe offenhalten können, in der das Fleisch, die Lebendigkeit des anderen zu einem Gewand für sich selbst wird. Dann kann auch die Liebe Lawinen lostreten, die alles unter sich begraben, was sie beschränkt.


Donnerstag, 25. November 2021

Impfen, Wissen und Wissenschaft

Aus einer systemischen Sicht, die sich auf die systemisch operierenden Wissenschaften und auf die integrale Ethik bezieht, gibt es zwei Argumente für die Corona-Impfung. Erstens: Sie stellt mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Schutz vor schweren Verläufen dar und schränkt die Gefahr, Viren weiterzugeben, stark ein. Außerdem wird dadurch das Risiko vermindert, dass sich Mutationen bilden. Sie hat also einen subjektiven und einen sozialen Nutzen. Die Nebenwirkungen, die auftreten können, sind statistisch gesehen gering, und damit überwiegen die Vorteile bei weitem die Nachteile. Das ist die Botschaft der Wissenschaft – wenn auch nicht aller Wissenschaftler und Leute, die in diesem Feld publizieren. Ich beziehe mich in dieser Argumentation auf das Modell der Bewusstseinsevolution aus meinem Buch „Vom Mut zu wachsen“. 

Zweitens: Geimpfte tragen mehr zur Eindämmung der Pandemie bei als Ungeimpfte; sich nicht impfen zu lassen, trägt nichts zur Eindämmung bei, sondern fördert die weitere Verbreitung des Virus und verlängert die Krisensituation. Da die Pandemie weiterhin viel Leid und viele Todesfälle bewirkt, besteht die ethische Pflicht darin, das zu tun, was die Not wendet, und dazu gibt es nach allen vorliegenden Daten vor allem die Möglichkeit der Impfung. Ungeimpfte, die diesen Schritt nicht vollziehen, tragen damit eine höhere ethische Mitverantwortung für die Opfer der Pandemie als die, die sich trotz des Risikos von Nebenwirkungen impfen lassen. Mit jedem Tag, an dem sich jemand nicht impfen lässt, steigt die Mitverantwortung für das Weiterwachsen der Ansteckungen und der damit verbundenen Auswirkungen. (Ausgenommen sind natürlich jene wenigen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen dürfen.) Auf dieses zweite Argument gehe ich in einem weiteren Artikel noch ein.

Wissenschaftliche Erkenntnis und Einzelbefunde

Auch wenn dieser Befund vielen nicht gefallen wird, müssen erst stichhaltige Gegenargumente gefunden werden. Das Wissenschaftsargument kann nicht mit Einzelerfahrungen ausgehebelt werden, nach dem Schema: “Ich kenne jemanden, der … hatte einen schweren Impfschaden oder der ist mit zwei Impfungen auf die Intensivstation gekommen.” Es gelten auch nicht Einzelmeinungen von selbsternannten Oberexperten, die sich als Wissenschaftler bezeichnen, während sie sich gegen “die” Wissenschaft stellen. Es sind Personen, die oft mit dem Habitus auftreten, “die” Wahrheit erkannt zu haben und damit die Blindheit der Masse – in den Wissenschaften, in den Medien und in der Gesellschaft – durchleuchten. Sie wollen alles besser gewusst haben und sind oft nicht einmal dialogfähig. 

Menschen, die solchen Propheten nachlaufen, haben offenbar den Charakter der Wissenschaft nicht verstanden. Sie besteht nicht aus einer Summe von Einzelmeinungen, hervorgebracht von fehlbaren Einzelpersonen, und erschafft ein Feld von widersprüchlichen Botschaften, aus dem sich jeder herauspicken kann, was gefällt oder die eigenen Vorurteile bestätigt. Vielmehr beruht die Wissenschaft auf Ergebnissen, die aus dem Zusammenwirken – je nach Themenbereichen – von dutzenden, hunderten und tausenden Forschern entstehen. Da die Corona-Frage zu den zentralen Themen der Gegenwart zählt, geht die in diesem Feld arbeitenden Forscher und Forscherinnen wohl in die Zehntausende. Die Ergebnisse dieser Arbeiten sind nicht beliebig wie das, was eine Einzelperson mit medialer Unterstützung als Wahrheit kundtut und als wissenschaftlich anpreist. Wissenschaftliche Ergebnisse werden laufend weiterevaluiert und nach dem Falsifizierungsprinzip weiterentwickelt. Wissenschaftler können nie von letztgültigen oder absoluten Wahrheiten reden; wenn sie das tun, reden sie nicht als Wissenschaftler. 

Die Selbstkritik in den Wissenschaften geht so weit, dass es schon lange die Disziplin der wissenschaftlichen Wissenschaftskritik gibt. Die Erkenntniskritik, die in der Philosophie beheimatet ist, sorgt für die Klärung der Grundlagen der Wissenschaften und ihrer Geltungsansprüche. Was die Erkenntnis der Wirklichkeit anbetrifft, haben wir keine bessere Vorgehensweise als die wissenschaftliche. Sie führt uns also am nächsten an die von den Subjekten unabhängige Wirklichkeit heran. Alle, die heute gegen die Wissenschaft wettern, tun das mit den Mitteln und auf Grundlagen, die die Wissenschaft entwickelt hat. Die aktuelle Wissenschaftsskepsis zumindest in den Medien beruht auf erfolgreichen wissenschaftlichen Forschungen. Und sie gründet auf den Errungenschaften der Aufklärung, die immer wieder zur Kritik und Überprüfung von herrschenden Meinungen auffordert.

Der Personalisierung der Wissenschaft 

Wir können die Wissenschaft und ihre Form der Wahrheitsfindung nur verstehen, wenn wir uns auf der systemischen Bewusstseinsstufe befinden. Solange wir wissenschaftliche Erkenntnisse personalisieren, also einzelnen Personen zurechnen, haben wir nicht voll verstanden, worum es in der Wissenschaft geht und wie sie funktioniert. Das Misstrauen in die Wissenschaft kommt aus dem Misstrauen gegenüber der Fehlerhaftigkeit von Personen. Wir wissen alle, dass Menschen fehleranfällig reagieren und manchmal von “niedrigen” Antrieben gesteuert und korrumpierbar sind. Das hat aber nichts mit der Wissenschaft zu tun, die ausgefeilte Mechanismen der Selbstreinigung enthält, durch die die individuelle Fehleranfälligkeit und Korrumpierbarkeit einzelner Forscher ausgeglichen wird. 

Aus systemischer Sicht haben Fehler eine andere Wertigkeit, sie gelten als Chance und Anlass für Verbesserungen. Aus personalistischer Sicht allerdings bedrohen die Fehler anderer Menschen die eigene Integrität und das eigene Weiterkommen. Fehler werden deshalb auf dieser Stufe moralisiert und Personen dafür angeklagt. Die Wissenschaftsskepsis, die oft mit der Impfverweigerung einhergeht, hat in der Fixierung auf die personalistische Sichtweise ihre Ursprünge, also auf der Weigerung oder Unfähigkeit, die eigene Sichtweise systemisch zu erweitern und zu differenzieren.  

Wird das personalistische Bewusstsein absolut gesetzt, also als der Weisheit letzter Schluss angesehen, so ist es möglich, die scientific community, also die weltweiten selbstkorrektiven Netzwerke der Forscher, in der eigenen Fantasie in eine Summe von Einzelpersonen aufzulösen. Dann fällt es leicht, die Wissenschaftler allesamt unter Generalverdacht zu stellen und sie als potenziell käuflich und den Mächtigen gegenüber willfährig darzustellen. Die eigene Korrumpierbarkeit wird auf den anonymen Bereich der Forschung projiziert, sodass die Ergebnisse, die aus diesem Bereich kommen, pauschal für wertlos oder sogar gefährlich erklärt werden können. 

Verschwörungstheorien und die Väter 

Geglaubt wird nur dort, wo positive Vaterprojektionen ihren Anker finden: Bei Figuren, die den trotzigen Widerstand gegen den Mainstream, gegen das Herdenbewusstsein, gegen die verbreitete Blindheit verkörpern: Menschen, die sich als Aufdecker der Machenschaften aller unredlichen und unanständigen Geister präsentieren, Helden, die scheinbar mutig gegen den Strom schwimmen und das Ruder dieser Welt, die auf Abgründe zusteuert, herumreißen. Das Strickmuster ist aus jedem James-Bond-Film und vielen anderen Blockbustern bekannt und vertraut. 

Oft paart sich die Wissenschaftsablehnung mit dem Glauben an verschwörerische dunkle Hintergrundgestalten, die die Geschicke der Menschheit in Händen halten und nach Belieben in die eine oder andere Richtung lenken. Auffällig dabei ist, dass es sich dabei immer um Männer handelt, aktuell z.B. George Soros oder Bill Gates. Auch bei den “Bilderbergern” sind m.W. nur Männer vertreten. Frauen sind mir in diesen Zusammenhängen nie aufgefallen.  

Wir haben es offensichtlich psychologisch mit der Dynamik zwischen dem guten Vater (dem Helden, der dem Guten gegen das Böse zum Durchbruch verhilft, zumindest kurzfristig, bis die nächste Folge der Serie kommt) und dem bösen Vater, der immer wieder für tödliche Bedrohungen sorgt. Der böse Vater muss umgebracht werden, nur so kann die Gefahr gebannt werden. Und dazu müssen wir den guten Vater stärken, also dem Helden folgen, der durch seine immensen Körperkräfte und seinen einzigartigen Durchblick die Erlösung aus jeder aussichtslosen Lage schaffen kann. 

In der Ausweglosigkeit, in der sich viele Menschen angesichts der Pandemie und der drohenden Impfpflicht sehen, bieten solche Projektionen eine willkommene Möglichkeit zur scheinbaren Klärung: Die Guten und die Bösen werden auseinandersortiert, die eigene Opferposition wird klar und die Retter müssen unterstützt werden. Es gibt wieder Handlungsoptionen, z.B. durch das Demonstrieren gegen die personalisierten oder die anonymen Täter, darunter der böse Vater-Staat.  

Möglicherweise sind also personalisierte Verschwörungstheorien eine Auswirkung der "vaterlosen Gesellschaft", eine Folge der Abwesenheit der Väter im eigenen Aufwachsen, woraus sich ein weites Spielfeld von positiven und negativen Projektionen öffnet. Dabei spielen die Angst vor dem Bösen und die Sehnsucht nach dem Gutem im Vater die treibende Rolle.  

Erst die Bewusstmachung dieser Dynamiken erlaubt es, die vermeintlichen Verschwörungen als Spiel der eigenen Fantasie aufzudecken und im eigenen Inneren zu entmachten. Der Blick auf die Realität wird wieder frei, Vorurteile können überprüft und Verschwörungsmythen entlarvt werden. 

Auch bei denen, die sich impfen lassen, können Projektionen eine Rolle spielen. Sie wollen z.B. dem guten Vater-Staat Folge leisten und brave Untertanen sein, indem sie vorbildlich die Vorschriften und Empfehlungen einhalten. Dann können sie den anderen, den “schlimmen Geschwistern”, den Spiegel vorhalten und sich über deren Ungehorsam empören. Solange solche Projektionen die tragende Rolle spielen, erinnern die entsprechenden Debatten an Sandkistenrivalitäten. Jeder zeigt mit dem mahnenden und besserwisserischen Zeigefinger auf den anderen, um ihn anzuschwärzen oder auszurichten. 

Von Projektionen befreien

Menschen sind immer von unterschiedlichen und oft widerstrebenden Motiven beherrscht. Viele von ihnen sind unbewusst. Viele von ihnen stammen aus der eigenen Lebensgeschichte und deren frühen Prägungen. Viele werden durch Einflüsse von anderen Menschen und über Medien erzeugt oder verstärkt. Das Thema der Corona-Impfung hat aus verschiedenen Gründen eine massive emotionale Rolle im Innenleben vieler Menschen bekommen, sodass sich ganze Parteien bilden, die sich nur diesem Anliegen widmen. Wir kommen als Einzelne und als Gesellschaft nur weiter, wenn wir möglichst viel Licht und Bewusstheit in diese Motive bringen und ihre Wurzeln und Quellen erforschen. Dann können wir besser unsere Wirklichkeitssicht weiten und unsere Verantwortung für uns und für die Gesellschaft wahrnehmen. Dann können wir umfassender zu unseren Entscheidungen stehen.

Zum Weiterlesen:
Aufklärung in Zeiten einer Pandemie
Von der Angst zur Ethik
Die Ursprünge der Opferrolle
Krisenängste und ihr Jenseits


Freitag, 16. Juli 2021

Akzeptieren, was ist: Teil 4: Die Liebesbeziehung

Es ist, was es ist, sagt die Liebe. (Erich Fried)

Liebe und Akzeptanz

In der Liebe geht es uns nicht ums Akzeptieren – das wäre ein viel zu schwaches Wort für das, was wir empfinden und wollen. Die Liebe nimmt den anderen nicht nur, wie er oder sie ist, sondern sie will auch das Beste für diese Person: Glück, Erfüllung, Wachstum, Reichtum usw. Die Liebe will mehren, was schon ist.

Doch sind es gerade die Liebesbeziehungen, die vor besondere Herausforderungen stellen, was die Akzeptanz anbetrifft. Denn nach den ersten Überschwängen des Verliebtseins stellen sich oft Zweifel und Unzufriedenheiten ein. Unmerklich verschiebt sich der Pol der Liebe von der anderen Person auf das eigene Selbst und dessen Bedürfnisse: Werden sie genügend gestillt, kriegen wir ausreichend von dem, was wir meinen, unbedingt zu brauchen? Unmerklich melden sich die inneren Mängel und die unbewusst gesteuerten Erwartungen und Forderungen, der Partner müsse sie erfüllen. Unmerklich mischt sich die eigene Kindheit mit ihren Mangelerfahrungen in die Erwachsenenbeziehung ein.

Langsam schleichen sich auf diese Weise Stränge des Nicht-Akzeptierens in die Liebe ein und führen zu Streitereien und Konflikten. Bei ihnen geht es hintergründig darum, die Partnerin dafür in Dienst zu nehmen, um für die Kompensationen der eigenen Kindheitsschäden zu sorgen und die Erfüllung der damals entstandenen Mangelhaftigkeit einzumahnen. Mit jedem Stück der Selbstbezogenheit verringert sich die Liebeskraft und die Verbundenheit. Mit jeder Ablehnung, die dem Verhalten des Partners entgegengebracht wird, wird das verbindende Band geschwächt.

Anklagen, Vorwürfe und Bewertungen fließen ein, und das Akzeptieren der anderen Person in ihrem So-Sein wird schwieriger. Sie sollte doch anders sein als sie ist, damit wir kriegen, was uns nach unserer eigenen, ins Unbewusste eingeschriebenen Agenda zusteht. Es entstehen Macht- und Manipulationsbestrebungen, die den Partner nach den eigenen Wunschfantasien zurechtbiegen wollen. Hinter diesen Fantasien rumort das verzweifelte innere Kind, das sich nach bedingungsloser Liebe sehnt und den erwachsenen Persönlichkeitsanteil drängt, endlich bereitzustellen, was den Mangel nachträglich auffüllt.

Illusionäre Wünsche und Erwartungen

Doch ist es eine Illusion, von einem Liebespartner die Nachnahrung für den kindlichen Gefühlshunger zu erwarten. Der Beziehungspartner ist weder Vater noch Mutter, und die Zeit der Kindheit ist lange vorbei. Erwachsensein besteht darin, die Verantwortung für die Stillung der eigenen Bedürfnisse selbst zu tragen und nicht an andere Personen auszulagern, schon gar nicht an den Beziehungspartner, obwohl dieses Muster in den intimen Beziehungen besonders häufig vorkommt.

Die zweite Illusion, die sich dazu gesellt, ist der Glaube an die vollkommene, die wahre Liebe, eine Beziehung, in der alle Bedürfnisse abgedeckt sind und alle Wünsche ihre Erfüllung finden. Wohl gibt es Momente und Zeiten der innigen Verbindung bis hin zu Erfahrungen des Einsseins unter den Fittichen der Liebe, aber diese Erfahrungen sind genau so flüchtig wie alles andere im Leben. Gerade der Verlust der Innigkeit wird häufig zur Quelle von Zerwürfnissen, weil auf  beiden Seiten der Beziehung Trennungstraumen aktiviert werden und der andere als Täter identifiziert wird. Jedenfalls bewirkt jedes Auseinanderdriften nach dem Verlust des Verbundenseins Gefühle der Unzufriedenheit.

Wenn solche Gefühle auftauchen, geht es üblicherweise nicht um den Ursprung des Gefühls in einem selbst, sondern um den Mangel in der Beziehung. Solange die Beziehung nicht vollkommen ist, muss die Partnerin zum Besserwerden gebracht werden. Denn wie soll die Beziehung vollkommen werden, wenn die Partnerin solche Schwachstellen hat? Allerdings: Der Glaube scheint vermessen, weil es nur unvollkommene Menschen gibt und weil deshalb in jeder Beziehung unvollkommene Personen aufeinander treffen. Wie sollten unvollkommene Menschen vollkommene Beziehungen erschaffen und die wahre Liebe leben?

Der Weg aus dem Land der Projektionen zurück in die Liebe erfordert das Durchschauen dieser Illusion. Ist sie einmal erkannt, so entsteht auch der Wunsch, sie zu verabschieden. Wir alle wollen im vollen Sinn erwachsen werden. Abschied geht allerdings nicht ohne Schmerz, und dieser Schmerz muss durchgespürt und durcherlebt werden. Es werden sich auch Schamgefühle melden wegen all den Irrwegen, die durch die illusionären Erwartungen an Partnerschaften viel Energie verschlungen und Leid erzeugt haben.

Das ist der Königsweg, der zurück zur eigenen Verantwortung für die unerfüllten Bereiche der Seelenlandschaft führt. Er führt wieder über das Akzeptieren: Es geht darum, das eigene Lebensschicksal und die eigene Lebensgeschichte anzunehmen, alles so, wie es war, mit dem Guten und dem Schlechten, mit dem Schönen und dem Schrecklichen. Alle Gefühle, die damit zusammenhängen und aus der Vergangenheit hängen geblieben sind, wollen ihren Platz bekommen und angenommen werden.

Mit jedem Stück Selbstannahme und Selbstakzeptanz wächst auch die Außenakzeptanz und die Toleranz für die Mängel anderer Menschen, vor allem der Beziehungspartner. Im Verständnis, aufgrund der eigenen Lebenserfahrungen und Traumatisierung selber kein vollkommener Mensch zu sein und Dellen und Löcher in der eigenen Liebesfähigkeit aufzuweisen, entsteht mehr Bereitschaft und Offenheit, mit unvollkommenen Mitmenschen zusammen zu sein und sich auszutauschen. Die eigene Leidensgeschichte kann draußen bleiben, und die Leidensgeschichte der Partnerin bekommt Mitgefühl und Verständnis, aber nicht die Projektionen und illusionären Erwartungen, die daraus abgeleitet sind und aus der Liebe aufs Glatteis sich verhakender Muster abgleiten.

Beziehungen als Lernfelder

Der Austausch und das Zusammensein mit anderen Menschen beinhalten immer das Lernen der Akzeptanz für die eigenen Unvollkommenheiten und jene der Partner. In Zweierbeziehungen ist diese Lernchance besonders hoch, weil die Kommunikation sehr dicht ist und viele Bereiche und Details des Lebens umfasst. Also werden gerade dort besonders viele Unvollkommenheiten sichtbar und wollen mit liebevollen Augen wahrgenommen werden und nicht mit abwertenden und kritischen.

Lernen in Beziehungen beinhaltet aber nicht nur die Bewusstheit über das Akzeptieren, sondern auch das gegenseitige Herausfordern zu noch mehr Bewusstheit. Diese Form des Lernens, die auch kritische Rückmeldungen, Änderungserwartungen und Veränderungswünsche enthält, trägt dann zum aneinander und miteinander Wachsen bei, wenn sie in einer akzeptierenden und Freiheit gewährenden Weise angewendet wird. Alle Machtthemen müssen mit der Illusion verabschiedet werden und der Akzeptanz Platz machen, mit der die Liebe wieder ins Blickfeld gerät.

Denn die Selbstmitteilungen, mit denen dem Beziehungspartner die eigenen Bedürfnisse und Verletzungen verständlich gemacht werden, fallen nur dann auf fruchtbaren Boden, wenn sie von Akzeptanz begleitet sind. Wo sich Machtaspekte und Elemente der Gewaltsprache in die Mitteilungen einmischen, gerät der Partner unter Druck und wird mit passivem Widerstand oder Gegendruck reagieren.

Es ist also für die gelingende Kommunikation in der Zweierbeziehung erforderlich, dass beide Partner einen verlässlichen Zugang zur Akzeptanz des So-Seins des anderen haben. Auf diese Weise kann der Weg zu diesem Tor leicht gefunden werden, wenn er einmal in der Hitze eines Gefechts verloren gegangen ist. Die Akzeptanz wiederum bildet die Brücke zur Liebe und Verbundenheit. Wie schon erwähnt, kommt es mit jeder Nichtakzeptanz zu einer Trennung von der Wirklichkeit, in dem Fall von der Beziehungsperson. Das Bewusstsein kreist im eigenen Bereich der unerfüllten Bedürfnisse und gräbt sich dort ein. Es sieht die andere Person als Belastung, Störung oder Bedrohung.

Mit der Erkenntnis, dass solche Sichtweisen aus sehr frühen Erfahrungen gespeist sind und dass es nichts bringt, den Partner nach den eigenen Vorstellungen zu ändern, also dem eigenen Modell anzugleichen, erwacht die Bereitschaft, besser zu erkennen und wahr-zunehmen, wer die andere Person ist. Wo es gelingt, die eigenen Bewertungen und Erwartungen wegzulassen, wird es möglich, einen realen Kontakt mit der Beziehungsperson herzustellen, frei von den eigenen Angst- und Wunschprojektionen. In diesem Kontakt wächst und entfaltet sich die Liebe aufs Neue.

Liebe jenseits von Narzissmus

Die reife Liebe (die den Narzissmus überwunden hat) unterscheidet sich von einem einfacheren Mögen dadurch, dass sie gerade das schätzt, was anders ist als das Eigene. Sie erkennt das Unterschiedene und Gegensätzliche als das eigentlich Bewunderswerte und Schätzenswerte, und nicht das Wiedererkennen des Eigenen im Anderen. Die Welt der Wunder, zu der die Liebe den Zugang eröffnet, enthält das Überraschende, das immer wieder aus der Andersheit des Liebespartners entspringt. Beziehungen bleiben nicht durch Angleichung und Anpassung an die jeweiligen Erwartungen lebendig, sondern durch die kreative Spannung, die sich aus der Verschiedenheit immer wieder auflädt.

Die Herzbeziehung

Das Geheimnis der Liebe liegt in der Beziehung zweier Herzen. Damit ist einerseits eine Metapher angesprochen, die darauf hinweist, dass die Liebe kein Verstandes- oder Denkphänomen ist, sondern auf einer anderen Ebene lokalisiert ist. Sie entzieht sich also der Kontrolle und dem Verständnisrahmen des Mentalen. Andererseits wissen wir, dass das Herz über eigene Nervenzellen und damit über eine eigene Intelligenzform verfügt. Drittens gibt es noch die Lehre von den Chakren, bei der das vierte Chakra (Anahata) dem Herzen zugeordnet ist und mit Liebe und Mitgefühl assoziiert wird. Und schließlich ist das Herz das „Zentralorgan“ der romantischen Liebe und als solches eine prominente Metapher für die verschiedenen künstlerischen Auseinandersetzungen mit dieser Spielart der Liebe.

Für unseren Zusammenhang bedeutet der Zugang zur Liebe über das Herz, dass sie das Akzeptieren voraussetzt, also das Anerkennen und neutrale Wahrnehmen der Andersheit des Beziehungspartners. Sie geht einen wichtigen Schritt weiter, indem sie gerade diese Andersheit wertschätzt, sich an ihr erfreut und sie genießt. Ohne die Lust auf die Andersheit gibt es keinen sexuellen Austausch.

Die Weisheit und die Liebeskraft des Herzens sind die Qualitäten, die eine Liebesbeziehung tragen, fördern und lebendig erhalten. Dort, wo diese Qualitäten verloren gehen, weil sich die Ängste der Egos in den Vordergrund drängen, führt der Weg über das Akzeptieren, das oft über das Gespräch, also über das Abgleichen der Unterschiedlichkeiten gefunden werden kann, zurück zur Herzebene.

Zum Weiterlesen:

Akzeptieren, was ist (Teil 1)
Akzeptieren, was ist (Teil 2)
Akzeptieren, was ist (Teil 3)
Akzeptieren, was ist (Teil 5)
Akzeptieren, was ist (Teil 6)
Akzeptieren, was ist (Teil 7)
Akzeptieren, was ist (Teil 8)

Mittwoch, 14. Juli 2021

Akzeptieren, was ist: Teil 3: Mitmenschlichkeit

Der zwischenmenschliche Bereich bietet ein breites Übungsfeld für das Akzeptieren. Wir brauchen nur unseren Weg durch eine Stadt nehmen und unsere Reaktionen auf die verschiedenen Menschen beobachten. Da gibt es welche, die uns gefallen, andere, die uns nicht gefallen, andere, die uns auf die Nerven gehen, andere, die etwas machen, was wir nicht gut finden, und wieder andere, die wir beneiden usw. Vieles gibt es, was uns an anderen Menschen aufregt und stört und was wir glauben, nicht akzeptieren zu können.

Der soziale Bereich, der zur äußeren Wirklichkeit gehört, stellt eine besondere Herausforderung für unser Streben nach Glück dar. Denn er ist ganz eng mit vielen Quellen für unser Unglück verantwortlich. Viel Unbill haben wir im Lauf unseres Lebens von unseren Mitmenschen erlitten, und unsere Psyche neigt stark dazu, diese Erfahrungen auch auf andere Menschen zu übertragen, die mit unserer Leidensgeschichte gar nichts zu tun haben. Es ist die Neigung zur Projektion, die so schnell in uns abläuft, dass wir meistens nicht mitkriegen, wenn wir ihr unterliegen. Schon kriegt jemand ein Etikett umgehängt, ein Bewertungsmaßstab wird ihm aufgenötigt, und ein Abgrund klafft zwischen uns und dieser Person. Gefühle der Abneigung sind immer mit Ängsten verbunden, die uns meist nicht bewusst sein. Unsere Abwertung will uns schützen vor möglichen Gefahren, die von der Person ausgehen könnten. Ängste verursachen innere Spannungen, und wir befinden uns in einem Alarmzustand, der vielleicht gar nicht notwendig ist.

Projektionen und Fantasien

Solche Prozesse laufen ständig in uns ab, und wir können sie nur mit Bewusstheit beenden: Stimmt es überhaupt, dass von dieser Person eine Gefahr ausgeht, ist es berechtigt und notwendig, dass wir uns bedroht fühlen? Sind die Urteile, die wir über eine Person fällen, berechtigt? Befinden wir uns auf dem Boden der Wirklichkeit oder sind wir in Fantasien, Projektionen oder Illusionen gefangen? Indem wir die Realität prüfen,  gewinnen wir die Kontrolle über jene Gefühle zurück, die hinter unserer Abneigung stecken. Wir gewinnen die Chance, die Anfangs- und Hintergründe dieser Gefühle zu erforschen, also zu erkennen, welche unerledigten und ungeheilten Wunden aus unserer Kindheit Regie bei unseren Vorlieben oder Abneigungen gegenüber unseren Mitmenschen führen.

Es handelt sich um ein Stück Reflexionsarbeit, wenn wir aus dem Dickicht unserer Projektionen herausfinden wollen. Der Lohn dafür liegt im Glück, das uns zuteil wird, sobald wir erkennen, dass unsere Mitmenschen nicht so gefährlich oder böse sind, wie wir vermeinten. Wir können uns entspannen und uns in der Gegenwart anderer sicherer fühlen. Unser Vertrauen in die Menschen wächst, und damit auch das Vertrauen in uns selbst.

Die Einsicht, dass jeder Mensch in jeder Situation das ihm in dieser Situation zur Verfügung stehende Beste macht und einbringt, versöhnt uns mit der Wirklichkeit und hilft uns, überhebliche Wertungen und überzogene Erwartungen zurückzunehmen. Die Mitmenschen als Menschen wie wir selber anzunehmen oder, wie es manchmal ausgedrückt wird, als Kinder Gottes, d.h. als gleichwertige Geschwister in der Menschheitsfamilie wahrzunehmen, verhilft uns zu innerem Frieden.

Mitfühlende Akzeptanz

Das Akzeptieren der Unterschiedlichkeit der Menschen einschließlich ihrer Motive und Unachtsamkeiten öffnet uns die Türen zum Mitgefühl. Die Übung besteht darin, alles, was uns an unseren Mitmenschen nicht gefällt und was wir deshalb ablehnen, als Quelle für Mitgefühl zu nutzen. Damit ist gemeint, dass Menschen unachtsam oder gemein sind, weil sie ein inneres Leiden in sich tragen, ein unaufgearbeitetes Thema oder Trauma, eine Krankheit im Körper, einen Schatten in der Seele. Statt zu urteilen, um sich selber überlegen zu fühlen, haben wir die Wahl, die Brille des Mitgefühls aufzusetzen, die uns die menschlichen Schwächen weichzeichnet. Sie bettet sie ein in den Kontext der Leidensgeschichte, die jedes Menschenleben enthält. Weichzeichnen bedeutet nicht verharmlosen oder bagatellisieren. Vielmehr geht es darum, die Härte des Abwertens und Verachtens abzulegen und statt dessen unsere eigene Begrenztheit in den Unvollkommenheiten der Mitmenschen zu erkennen.

Mit dem Mitgefühl stellen wir uns auf eine Stufe mit denen um uns herum, denen wir begegnen. Wir sind nichts Besseres und nichts Schlechteres. Wir sind alle Menschen, die versuchen, bestmöglich ein menschliches Leben zu führen, mit den unterschiedlichsten Mitteln. Manche davon finden wir toll, andere stoßen uns ab. Die Menschen sind nicht das, was sie tun oder nicht tun, sondern verletzte und fähige Seelen, die nach dem Glück streben. Dort, wo sie unzulänglich sind oder scheitern, stellen wir unser Mitgefühl zur Verfügung, ohne Bedingungen oder Erwartungen von Gegenleistungen.

Das Mitgefühl ist also keine überhebliche Geste, die von einer Position der Besserstellung oder des Besserwissens kommt. Es geht auf das Leiden und die Schwächen der Menschen ein, im Bewusstsein, selber zu leiden und Schwächen zu haben. Es kippt nicht ins Mitleid, das beide, den Adressaten und den Sender, schwächt. Es hat nicht vergessen, dass jedes Menschenleben reich an Möglichkeiten und Kräften zur Überwindung des Leidens ist. Es kann gut abschätzen, wann es hilfreich und stärkend ist, unterstützend einzugreifen, und wann es angebracht und ausreichend ist, mit bewertungsfreier, präsenter und liebevoller Zuwendung Mut und Selbstvertrauen zu vermitteln.

Das Staunen über die Verschiedenartigkeit

Erst die Akzeptanz unserer Mitmenschen in ihrem So-Sein führt uns zur Wahrnehmung und Wertschätzung der Vielfalt menschlicher Erscheinungsweisen. Obwohl wir mit manchen Exemplaren der Menschheit besser können als mit anderen, weil sie uns ähnlich sind oder weil wir leicht eine „gemeinsame Wellenlänge“ finden, hilft es uns für unsere innere Weitung, das Besondere in jedem Menschen zu erkennen und zu bewundern.

Ja, wir bewundern in unseren Mitmenschen die Vielfalt dessen, was das Leben hervorbringt, wir stehen da staunend vor einem Wunder, das jeder Mensch repräsentiert. Es gibt natürlich viele Eigenschaften, Verhaltensweisen und Ausdrucksformen, die uns wider den Strich gehen oder irritieren und die wir deshalb überhaupt nicht bewundern. Da sind wir in der Welt unserer ästhetischen und ethischen Maßstäbe, die ihre Wichtigkeit und Bedeutung haben. Wir müssen keine Menschen dafür bewundern, böse Taten zu begehen oder in ihrem Leben nichts weiterzubringen. Aber jenseits von diesen in sich auch wichtigen Bewertungsbereichen gibt es in jedem Menschen das Menschliche, das ihn zu einem Unikat macht, zur unvergleichlichen Individualität. Der Weg der Akzeptanz führt uns genau dorthin und zeigt uns, dass es jenseits der Deformationen und Verbiegungen, die wir alle erlitten haben, einen unversehrten und unschätzbar wertvollen Kern in jedem Menschen gibt, dem weisesten und dem dümmsten, dem integersten und dem korruptesten, dem schönsten und dem hässlichsten.

Es ist ein Reichtum, in dem wir unseren Geist baden, wenn sich diese Welt über das Akzeptieren des So-Seins unserer Mitmenschen öffnet. Wir lassen unseren Blick unbelastet von Wertungen und Projektionen über die vielen Gesichter und Gestalten der Mitmenschen schweifen wie über einen Haufen funkelnder und glitzernder Edelsteine.

Mit dieser Einstellung bewegen wir uns elegant und geschmeidig durch die Menschenwelt, uns des Reichtums bewusst, den wir einander genau dadurch schenken, dass wir so sind, wie wir sind. Unser Herz öffnet sich und unsere Sinne weiten sich im Licht eines liebevoll annehmenden Geistes.

Zum Weiterlesen:
Akzeptieren, was ist (Teil 1)
Akzeptieren, was ist (Teil 2)
Akzeptieren, was ist (Teil 4)
Akzeptieren, was ist (Teil 5)
Akzeptieren, was ist (Teil 6)
Akzeptieren, was ist (Teil 7)


Akzeptieren, was ist (Teil 8)

Dienstag, 13. Juli 2021

Akzeptieren, was ist: Teil 2

Akzeptieren und Aktivität

Wir sollen um des lieben inneren Friedens willen den Moment so akzeptieren, wie er ist. Aber heißt das jetzt, dass ich alles so lassen muss, wie es ist, und nichts gegen das machen soll, was mir nicht passt? Bin ich also durch das bedingungslose Akzeptieren zur Passivität verurteilt? Muss ich mir z.B. alles gefallen lassen, wenn andere gemein sind zu mir?

Die Bewusstheit ist die Brücke zur Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Sie macht uns darauf aufmerksam, wenn eine Trennung geschehen ist, und mit dieser Einsicht können wir die Verbindung wieder herstellen. Im nächsten Schritt können wir dann überlegen und entscheiden, was zu tun ist. Unser Tun wird umso sinnvoller und situationsadäquater sein, je mehr wir die Wirklichkeit in ihrem Sosein bestätigt haben.

Wir können also nach dieser Reflexion bewusst entscheiden, ob wir Handlungen setzen, um unguten Entwicklungen vorzubeugen, oder ob wir die Dinge sich weiter entwickeln lassen, im Vertrauen, dass es sich selber einregulieren wird.

Die Wirklichkeit ist in dauernder Veränderung, und wir sind Teil von ihr und von dem Veränderungsprozess. Wir wirken permanent dabei mit. Wenn wir etwas ändern können oder wollen, steht es uns frei, das zu tun. Doch können wir jeweils nur von der aktuellen Wirklichkeit ausgehen, vom Annehmen dessen, was ist, sonst tappen wir mit unseren Änderungsversuchen unweigerlich daneben und fallen schnell auf die Schnauze. Deshalb ist es unsere Aufgabe, immer wieder Bewusstheit in das zu bringen, was wir in die Wirklichkeit einbringen und an ihr verändern. Mit Bewusstheit tragen wir dazu bei, dass sich die Welt in eine Richtung verändert, die uns stimmig erscheint, manchmal mit unserem Zutun, manchmal von selbst.

Dazu gehört auch, dass wir aufzeigen, was schief läuft und was uns gegen den Strich geht. Auch wenn wir akzeptiert haben, dass uns jemand missverstanden oder abgewertet hat, hindert uns das nicht daran, anzusprechen, was uns gestört oder verletzt hat. Es geht auch darum, uns selbst in unserer Verletztheit zu akzeptieren, und aus dieser Erfahrung folgen Handlungen, die wir wieder akzeptieren können – auch hier wieder: unbeschadet, ob sie uns gefallen oder nicht.

Es geht beim Akzeptieren nicht darum, einen Leidensmasochismus zu pflegen oder sich als Weichei zu outen. Es hat nichts mit Feigheit oder Unterwürfigkeit zu tun. Es ist keine psychologische Schwäche oder charakterliche Untugend involviert, sondern es handelt sich um eine spirituelle Übung. Das Akzeptieren enthält keine Handlungsanweisungen. Ob wir den Gleichmut und die menschliche Größe aufbringen wie Jesus von Nazareth, der die andere Backe hinhält, wenn ihm auf eine geschlagen wird, oder nicht, ist für die Übung  des Akzeptierens egal. Es gehört auch akzeptiert, dass wir so auf Grenzüberschreitungen reagieren, wie wir reagieren.

Das Äußere und das Innere akzeptieren

Geht es beim Akzeptieren also nicht nur um die Wirklichkeit um uns herum, sondern auch um uns selbst?

Die Wirklichkeit umfasst alles, wir haben nur zwei prinzipiell unterschiedliche Zugänge zu ihr: Die äußere Wirklichkeit nehmen wir über unsere Außensinne wahr, während uns die inneren Sinne mit der inneren Wirklichkeit verbinden. Das Akzeptieren der Innenwelt, also die Selbstakzeptanz ist für unseren inneren Frieden genauso wichtig wie das Akzeptieren der Außenwelt. Wann immer wir uns durch das Nichtakzeptieren von der Außenwelt trennen, trennen wir uns genauso von uns selbst, als wenn wir uns selbst ablehnen. Das Äußere ist immer in unserem Inneren vertreten, und dadurch enthält das Äußere in unserer Erfahrung immer Anteile von uns selbst. Auch in dieser Weise besteht eine intensive und dichte Beziehung zwischen innen und außen, aus der die Erfahrung des Einsseins, wie wir sie in besonderen spirituellen Momenten erleben, herauswächst.

Diese enge Verflochtenheit ist aber auch der Grund, warum es zu Verwechslungen des Inneren mit dem Äußeren und des Äußeren mit dem Inneren kommen kann und warum Unklarheiten entstehen, was wohin gehört. In der Psychose versagt die Unterscheidungskraft zwischen den Zugängen zur Realität, und die interne Koordination bricht zusammen, weil nicht mehr eingeordnet werden kann, was zum Innen und was zum Außen gehört. Demgegenüber steht die Erfahrung der Erleuchtung, in der es diesen Unterschied nicht mehr braucht und dennoch die innere Stabilität erhalten bleibt. Im Alltagsbewusstsein sind es die angstgeleiteten Projektionen, die häufig dafür sorgen, beide Zugänge zur Erfahrungswelt miteinander zu verwechseln, was uns in Verwirrung bringt und Missverständnisse erzeugt.  Wir tendieren immer wieder dazu, Inneres für Äußeres und Äußeres für Inneres zu halten und uns damit in die Irre zu führen.

Projektionen zurücknehmen

Was können wir tun, um solche Verwechslungen zu vermeiden?

Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass es solche Vertauschungen gibt, die unser Unterbewusstsein vornimmt. Wir sind fehleranfällig, vor allem dort, wo es alte Wunden und Verstörungen in unserer Seelenlandschaft gibt. Dazu kommt, dass unsere Wahrnehmung immer zugleich eine interpretierte Wahrnehmung ist, dass wir also an jedes Erleben eine Theorie anhängen und dass wir dazu neigen, die Theorie für wichtiger zu nehmen als das, was wir erleben.

Dann geht es, wie gesagt, darum, die Bewusstheit dafür zu schärfen, wenn wir solche Projektionen produzieren. Wir fragen nach: Was nehme ich wahr, was also kann ich über die Sinne bestätigen, und was geben wir dazu durch unser Interpretieren? Ein Mensch begegnet mir auf der Straße, ich sehe seine schmutzigen Schuhe. Möglicherweise ordnet mein Bewerten diese Person sofort in eine Kategorie ein und denkt, dass der Mensch arm oder unordentlich oder zerstreut ist. Jede dieser Annahmen könnte zutreffen oder auch falsch sein. Das Einzige, was wir wahrgenommen haben, war der Schmutz auf den Schuhen.

Mit der Bewusstheit lenken wir also unsere Aufmerksamkeit von den Gedanken und Fantasien wieder zurück zur Wahrnehmungsrealität. Was ist, ist; was wir interpretieren, sind unsere Eigenproduktionen. Unsere Produkte dienen unserer Sicherheit und Orientierung in der Welt, also unserer inneren Homöostase, während die Wahrnehmung dazu da ist, uns mit der Wirklichkeit zu verbinden, so, wie sie ist.

Wir können zum Identifizieren von Projektionen auch die Frage nutzen: Wie erkenne ich, was in mir und was außer mir ist? Was macht für mich den Unterschied? Mit solchen Übungen schärfen wir unsere Unterscheidungskraft, durchschauen unsere Projektionstendenzen und finden leichter wieder zurück zum Akzeptieren des aktuellen Erlebens.

Das Schicksal und das Akzeptieren

Es gibt Schicksalsschläge, die kann man einfach nicht akzeptieren.

Wenn uns ein Ereignis massiv betrifft wie z.B. der Tod eines nahen Angehörigen, sind wir mit unterschiedlichen Gefühlen konfrontiert: Schmerz, Angst, Wut, manchmal auch Schuld und Scham. Diese Gefühle helfen uns dabei, den Verlust zu verarbeiten, und verarbeiten heißt, zur Akzeptanz zu kommen. Es ist etwas passiert, das uns an unseren Grundfesten erschüttert und aus den gewohnten Bahnen wirft. Wir hadern mit dem Schicksal und möchten es ungeschehen machen. Das sind unsere verständlichen menschlichen Reaktionen, die ihre Zeit brauchen – die Zeit der Trauerarbeit. Irgendwann kommen wir zu dem Punkt, an dem wir in den Frieden kommen mit dem, was geschehen ist. Wir akzeptieren, dass passiert ist, was passiert ist, und hören auf, uns in die Agenden des Schicksals einzumischen. Auch wenn wir nicht verstehen und gutheißen können, was geschehen ist, steht es nicht in unserer Macht, die Bahnen der Ereignisse nachträglich in eine uns genehme Richtung zu lenken.

Akzeptieren heißt auch hier, mit der Wirklichkeit in Verbindung zu sein und setzt voraus, dass der Gefühlssturm in uns zur Ruhe gefunden hat. Unser verletztes Ego, das sich groß aufgespielt hat, indem es sich mit der Wirklichkeit angelegt hat, tritt mit der Heilung seiner Wunden zurück und macht einer Bescheidenheit Platz, in der wir uns als lernende Juniorpartner in Beziehung zur majestätischen Größe und Souveränität des Lebens einreihen. Wir ordnen unsere Erwartungen, Wunschfantasien und Projektionen dem mächtigen Strom der Ereignisse unter, in denen sich das Ganze fortwährend ausdrückt.

Am Beispiel eines schweren Verlustes sehen wir, dass man nicht verlangen kann – von uns selbst oder von anderen –, etwas zu akzeptieren, was unmöglich erscheint zu akzeptieren. Wir erkennen auch, dass es das Zulassen und Durchleben von Gefühlsprozessen erfordert, um mit dem, was das Leben mit uns vorhat, auf Gleich zu kommen. Nach der Befriedung der Gefühle braucht es meistens noch länger, bis sich die Gedanken beruhigen und der inneren Stille Raum geben.

Schicksalsschläge führen uns in eine Krise, weil wir gewohnte Sicherheiten und Kontakte verlieren. Es ist, also ob die schön geordneten Teile unserer Innenwelt durcheinandergewirbelt werden und stattdessen ein Chaos entsteht, mit dem wir so schwer zurechtkommen und das uns viele Kräfte raubt.

Es liegt aber auch eine Chance in jeder Krise: Das Chaos bietet die Möglichkeit, eine neue Ordnung zu schaffen, die zugleich flexibler und stabiler ist als die vorherige. Dazu ist es notwendig, dass wir die Krise nutzen, um mit unseren Gefühlen und Gedanken ins Reine zu kommen. Das Sicherheitsgefühl verlagert sich mehr nach innen und wird weniger abhängig von äußeren Bedingungen. Sobald wir akzeptieren können, was passiert ist, ohne Wenn und Aber, sind wir ein Stück reifer geworden.

Denn menschliche Reife besteht nicht darin, im Leben Erfolg an Erfolg zu reihen, sondern darin, die Krisen des Lebens meistern zu können, indem sie als Lernchancen begriffen werden. Ein wichtiger Teil dieses Lernens besteht darin, mit dem, was geschehen ist, Frieden schließen zu können. Das Hadern, das Zerren am Schicksal und das Betteln, ob es es sich nicht doch anders überlegen könnte, damit wir uns die Krise ersparen können, nimmt ein Ende und zehrt nicht mehr an unseren Nerven. Wir versöhnen uns mit dem, was das Leben uns vorgesetzt hat, und gehen erhobenen Hauptes den Pfad unseres Lebens mit Vertrauen weiter.

Zum Weiterlesen:

Akzeptieren, was ist (Teil 1)
Akzeptieren, was ist (Teil 3)
Akzeptieren, was ist (Teil 4)

Sonntag, 25. Oktober 2020

Die Wurzeln der Gewalt

Frühe Erfahrungen als Opfer von Gewalt, die auch rein emotional sein kann, prägen einen Ablauf ein, der im späteren Leben mit hoher Wahrscheinlichkeit wiederholt wird. Als Beispiel nehmen wir die emotionale Gewalt, die in der Anklage eines Elternteils stecken kann: Du hast mein Leben verpfuscht, wegen dir konnte ich mein Leben nicht leben, wie ich es wollte, wärest du nicht gekommen, hätte ich etwas aus meinem Leben machen können usw. Dem Kind wird eine massive Schuld auferlegt und eine massive Beschämung bereitet. Es reagiert zunächst mit einer inneren Erstarrung und Lähmung auf diesen Angriff, einem Totstellreflex, der die eigene Existenz, die so fehl am Platz ist, auslöschen möchte. Wenn sich die Schockstarre löst und die Kräfte wieder kommen, ist es die Gelegenheit für die Wut, an die Oberfläche zu kommen. 

Diese Gelegenheit kann nur ergriffen werden, wenn die Ressourcen dafür ausgebildet sind und nicht schon derart ausgeleert wurden, dass die Energien zur Selbstverteidigung erschöpft sind. Die Wut nährt sich aus der Täter-Opfer-Dynamik: Die Elternperson, die die verdammende Anklage ausstößt, versetzt sich in die Opferrolle, obwohl sie dem Kind gegenüber zur Gewalttäterin wird. Das Kind bekommt die Rolle des Täters, ohne dass es mehr getan hätte als einfach nur zu existieren. Mit dieser Rolle erhält es eine Imprägnierung mit Macht, die nicht real ist, aber eine verhängnisvolle Symbolkraft enthält. Die Botschaft lautet: Du, kleines Wesen, bist durch dein Dasein so mächtig, dass du mein erwachsenes Leben des Sinns beraubst. 

Diese zugeschriebene (vom Elternteil projizierte und vom Kind introjizierte) Macht gibt der Wut eine zerstörerische Richtung und nimmt zugleich die Gestalt einer anmaßenden Selbstüberschätzung an, aus der sich der Hass nährt und seine Objekte sucht. Die Logik der Projektion-Introjektion-Projektion ist ganz linear: Elternteil: Du hast mir durch deine Existenz Gewalt angetan. Kind: Ich bin der Gewalttäter. Ich kann nicht anders, weil ich dadurch, dass ich existiere, gewaltsam bin. Ich habe nur die Wahl, die Gewalt gegen mich selbst zu richten oder gegen andere. Den Hass, den ich erfahren habe, gebe ich jetzt nach außen weiter, in eine Welt hinein, die voll von Hass auf mich ist.

Die Projektion des Elternteils trifft das Kind voll, da es die Gefühlsabwehr dahinter nicht erkennen kann, sondern für eine berechtigte Wahrheit hält. Es kann dann nicht anders, als selber wieder zu projizieren und im Extremfall die gesamte Außenwelt für bedrohlich zu erklären, der mit Gewaltbereitschaft begegnet werden muss.

Die Rechtfertigung von Gewalt

Die unbewusste Rechtfertigung für die eigenen Gewaltfantasien oder Gewalthandlungen liegen in der erlittenen Gewalterfahrung, die in der massiven Ablehnung der eigenen Existenz enthalten ist. Die Gewalt besteht ja ursprünglich darin, dass dem Kind Gewalttätigkeit unterstellt wird. Zugeschriebene Gewalttätigkeit kann sich unter entsprechenden Bedingungen in gewalttätige Impulse verwandeln, die sich auf der unbewussten Ebene dadurch begründen, dass sie gewissermaßen von außen eingeflößt wurden, also gar nicht zu einem selber gehören. Sie entziehen sich damit der korrigierenden Wirkung des Gewissens.

Bei Fanatikern, die Terroranschläge verüben, liegt die Rechtfertigung meist in einer Ideologie. Der Fanatiker unterwirft sich dem religiösen oder politischen Konstrukt, weil es Gewalt verherrlicht und damit auch ihre Weitergabe, in dem Fall von den Eltern zu oft beliebigen Opfern. So wie gemäß den eigenen Kindheitserfahrungen Konflikte nur mit Gewalt überwunden werden konnten, scheint es auf gesellschaftlicher oder globaler Ebene auch nicht anders zu gehen. Häufig gibt es in diesen Ideologien den Verweis darauf, dass von den Gegner der Ideologie Gewalt verübt wurde und wird und dass deshalb nur Gegengewalt zu einer Verbesserung führen kann. Die Gewaltspirale geht weiter, aber Individuen fallen nur dann auf diese primitiven Konzepte herein, wenn sie früher Gewalt imprägniert sind.

Die Urscham und die Gewalt

Die Urscham, an der Wurzel der eigenen Existenz in Zweifel gestellt zu werden, wird bei jeder Form der Bezweiflung der eigenen Existenz aktiviert. Sie kann nach innen gerichtet schwere Depressionen bis zum Suizid auslösen und sich nach außen gerichtet in Gewalthandlungen Ausdruck verschaffen. 

Das oft irritierende Bild des reuelosen Täters wird aus dem Verständnis dieser inneren Dynamik nachvollziehbar. Wie sollte jemand, in dessen Selbstbild die Gewalttätigkeit eingebaut wurde, anders sein als gewalttätig? Aus dem übertragenen Selbstbild wird ein Selbstverständnis. Es wäre, als würde das eigene Wesen verleugnet, wenn die Gewalttätigkeit ausbleibt. Natürlich geht es dabei nicht um das Wesen im tiefsten Sinn der Menschlichkeit, sondern um eine Abwehrschicht, die aufgebaut wurde, um vor der Scham und dem Schmerz der erlittenen gewaltsamen Ablehnung zu schützen. Auf der Ebene der Abwehr und der aus ihr abgeleiteten Überlebensstrategie ist die nach außen orientierte Zerstörung ein folgerichtiges Handeln, das keiner ethischen Bewertung unterliegt, weil es unter subjektiven Extrembedingungen stattfindet. Ethik gelte dann nur für Menschen, die sich den Luxus einer an der Basis abgesicherten Existenz erfreuen können. 

Die Dynamik verstehen

Das Verständnis dieser Dynamik ermöglicht einen geänderten Blick auf die Gewalttäter, denen wir gerne mit Verachtung und moralischer Verdammung begegnen. Es gibt keine ethische Rechtfertigung für Gewalttaten, sie müssen verurteilt und bestraft werden. Aber es gibt ein Verständnis für die Täter, das vor den selbst wieder gewaltgetränkten Bildern von Monstern und Tötungsmaschinen bewahrt.

Gelingt es einem Täter, zu diesem Verständnis vorzustoßen, kann das zu einer inneren Kehrwende führen. 

Für alle, die mit Kindern zu tun haben, ist es wichtig, diese Zusammenhänge zu bedenken und das eigene Verhalten danach auszurichten, um keine Gewaltspiralen mit unabsehbaren Folgen anzulegen.


Sonntag, 2. Juni 2019

Vergleichen macht uns abhängig

In diesem Artikel geht es um die Minus-Variante des Vergleichens: Wir suchen uns Vergleichsobjekte, denen gegenüber wir unterlegen sind. Die Über-Variante, wenn wir uns auf andere beziehen, denen wir überlegen sind, funktioniert allerdings mit verkehrten Vorzeichen nach dem gleichen Muster.

Das Vergleichen macht uns in jedem Fall abhängig – von dem Objekt, mit dem wir uns vergleichen. Wir nutzen es als Wertmaßstab: Wir geben diesem Objekt die Macht, über unseren Wert zu bestimmen. Denn durch das Vergleichen ist dieser relativ zum Wert des jeweiligen Vergleichsobjekts, bei dem es sich meist um eine Vergleichsperson handelt. Wir projizieren auf sie die Qualitäten und Eigenschaften, die wir im Grund auch in uns selber haben, von denen wir aber denken, dass sie uns nur mangelhaft zuteil wurden und kaum zur Verfügung stehen. Also suchen wir uns andere Personen, von denen wir annehmen, dass sie besser ausgestattet sind, vergleichen uns mit ihnen und fühlen uns ihnen unterlegen – eine typische Anleitung zum Sich-Unglücklichmachen.

Im Vergleichen beschneiden wir unsere Freiheit, so zu sein, wie wir sind. Wir orientieren uns nicht an unserem Inneren, wo wir so sind, wie wir sind, weil es gar nicht anders geht, sondern an einem Ausschnitt der Außenwelt, die wir als Maßstab definieren, dem wir möglichst entsprechen sollten. Als Erwachsene sind es immer wir, die den Maßstab des Vergleichs wählen. Wir sind es, die eine bestimmte Qualität für so wichtig halten, dass wir uns einbilden, an ihrem Mangel leiden zu müssen.

Es wird wohl sein, dass wir im Zug unseres Aufwachsens unliebsam mit Vergleichen konfrontiert wurden: „Dein Bruder kann das oder jenes viel besser.“ „Du solltest auch so fleißig sein wie deine Kusine.“ „Deine Schwester ist so brav, du müsstest auch so sein.“ Solche Aussagen können sich in unser Unterbewusstsein eingraben und die Vergleichsmechanismen in Gang setzen, die dann den Rest des Lebens automatisiert ablaufen und oft, ohne dass wir es merken, unsere Stimmung herunterziehen. 

Dazu kommt, dass wir meistens davon ausgehen, dass der Vergleich in der Objektivität begründet ist, dass er ein Teil der Wirklichkeit und nicht eine Eigenproduktion ist. Jemand anderer ist besser und wir sind eben schlechter. Natürlich ist es klar, dass die meisten von uns nicht so gut Tennis spielen könnten wie Dominik Thiem oder Magnus Carlsen im Schach nicht schlagen könnten. Aber ernsthaft können wir das nur behaupten, wenn wir uns mit diesen Größen in ihrem Fach direkt gemessen haben. Dann wäre es Teil der Erfahrungsrealität. So aber bleibt es ein reines Gedankenspiel, ohne jede Auswirkung auf die Wirklichkeit, außer auf die innere durch eine unnötige Selbstwertminderung, die wir in uns selber unangenehm wahrnehmen. Wir tun uns das Vergleichen samt den Folgen auf unser Empfinden also immer selber an; nichts und niemand zwingt uns dazu. 

So klagt eine Klientin: „Ich kenne Leute, die weise Sprüche von sich geben und auch sonst mit ihrem Leben im Reinen sind, die noch nie Gruppen besucht oder Therapie gemacht haben, die können das einfach. Ich hingegen stoße dauernd auf Probleme, kämpfe immer wieder mit dem einen oder anderen. Und dann treffe ich Menschen, die sich noch nie mit sich selbst beschäftigt haben und dennoch anscheinend zufrieden sind und ein gutes Leben führen. Ich muss soviel dafür tun, dass es mir besser geht, während andere einfach immer gut drauf sind.“

Objektiv betrachtet heißt das nur, dass es viele, viele Unterschiede unter den Menschen gibt. Die einen haben es möglicherweise in manchen Bereichen leichter als die anderen. Aber das ist nur eine Annahme von uns, weil noch dazu das, was leicht und was schwer ist, für jeden Menschen unterschiedlich ist. 

Wir denken uns vielleicht, dass es die kranke Person, die mit Schmerzen im Spitalsbett liegt, schwerer hat als die Pflegerin, die sie betreut. Es kann aber sein, dass die Patientin mit ihrem Schicksal im Frieden ist und die Pflegerin mit ihrer schweren Arbeit hadert und unglücklich ist. Es kann sein, dass Menschen, die wir um ihr zufriedenes Leben beneiden, einige Zeit später in eine Krise geraten, sodass wir um keinen Preis mit ihnen tauschen würden. 

Das Leben spielt seine Stücke nach einer geheimnisvollen Regie, nichts ist vorhersehbar, nichts folgt eindeutigen Regeln und Mustern, sodass es nicht einmal beständige Anker für unsere Lust am Vergleichen gibt. Selbst Idole in der Unterhaltungsbranche oder in der Politik, die von den Medien gehypt und von den Anhängern gefeiert werden, können vom einen Tag auf den anderen vom Thron stürzen, und plötzlich ist uns ein Vergleichsobjekt abhanden kommen und wir müssen uns ein neues suchen – oder wir halten ihm allen Umständen zum Trotz stur die unerschütterliche Treue. So gibt es manche, die bis heute dem Großverbrecher Adolf Hitler ein ehrenvolles Andenken widmen, und unter den Österreichern sind es Hundertausende, die einem Politiker, der durch ein Aufdeckungsvideo jeder Integrität entblättert wurde, nach wie vor ihre Stimme geben, indem sie ihn als Opfer sehen, mit dem sie sich gut identifizieren können.


Automatisches Verlieren


Bei der Minus-Variante des Vergleichens sind wir immer auf der Verliererseite und merken gar nicht, dass die Regeln des Spiels so aufgestellt sind, dass wir nie gewinnen können, und wir überlauern nicht einmal, dass wir selber es waren, die diese Regeln aufgestellt haben. Und zu allem Überdruss verlieren wir dabei beständig gegen uns selber, ohne uns je als Gewinner fühlen zu können. Deshalb schreibt Søren Kierkegaard: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“

In den meisten Fällen ist es den Vergleichsobjekten in der Außenwelt gleichgültig, dass wir sie oberhalb von uns platzieren und uns schlechter fühlen als sie es sind. Es betrifft sie auch nicht, dass wir uns von ihnen abhängig machen, außer wir gehen ihnen mit unserer Bewunderung, Verehrung und Idealisierung auf die Nerven. Denn die offen zur Schau getragene Idealisierung erzeugt Druck auf die idealisierte Person und ist deshalb im Grund eine respektlose Grenzüberschreitung, die freilich viele der Adressaten zur Fütterung ihres Narzissmus einladen, genießen und pflegen.


Wie wir der Idealisierung entkommen


Jeder Mensch hat Stärken, Schwächen, Mängel und Vorzüge. Wenn wir uns mit anderen vergleichen und sie zum Maßstab nehmen, geraten wir leicht in die Tendenz, an anderen das Positive zu über- und das Negative zu unterschätzen. Das nennt man dann Idealisierung. Wieder sitzen wir einer Abhängigkeit auf, wenn wir in diese Falle tappen: Das Ideal in der anderen Person brauchen wir, um mit einem eigenen Mangel zurande zu kommen. Wir nutzen es auch, um selber nichts an uns verändern zu müssen. Statt zu üben und zu lernen, um unsere Fähigkeiten zu erweitern, versenken wir uns in die Bewunderung, die den anderen mit einem Glorienschein umgibt und uns selber schlecht dastehen lässt. 

Dabei kann die einfache Einsicht helfen: Es gibt das Ideal, das wir so bewundern, nicht in der Wirklichkeit, vielmehr ist es eine Produktion unserer Innenwelt. Wir erzeugen den Schein und das strahlende Licht, in dem uns unser idealisiertes Wesen erscheint. Was kann aber der Sinn in einer Produktion sein, wenn wir uns selber damit abwerten und schlechtmachen? Wir machen uns mit dieser Erkenntnis schnell klar, dass wir das nur deshalb tun, weil wir selber immer wieder abgewertet und schlechtgemacht wurden. Es gab Erfahrungen, durch die etwas in uns zerbrochen ist, das unser Selbstvertrauen angeknackst hat. Es fehlt uns jetzt, damit wir uns zutrauen könnten, Dinge in unserem Leben, unserem Charakter und unserer Performance kreativ und konstruktiv zu verändern. Statt dessen fantasieren wir im Äußeren unsere Verbesserung so, als wäre sie schon in uns selber eingetreten, leider in einer anderen Person.


Zweifache Lernübung


Wir kommen aus unserer Sucht am Vergleichen durch zwei Schritte heraus. Wir verwenden jeden Vergleich, den unser Verstand anstellt und der uns auffällt, als Lernübung: Ist da etwas, was wir an anderen sehen und bei uns selber übersehen oder geringschätzen? Wenn wir die Weisheit anderer Menschen bewundern – wie steht es um unsere eigene? Wenn wir unsere rhetorischen Fähigkeiten und unsere Schlagfertigkeit mit anderen vergleichen und dabei nur unsere Mängel in diesem Bereich bemerken – worin könnte der Wert unserer Redekunst liegen? Es geht also darum, unsere Qualitäten als Ausdrucksweisen unserer Individualität mehr in den Mittelpunkt zu rücken und wertzuschätzen. 

Und von dort aus können wir die zweite Lektion in Angriff nehmen: Bedeutet das Vergleichen, das wir vorgenommen haben, dass wir unsere Fähigkeiten in dem entsprechenden Bereich verbessern wollen? Wenn wir andere darum beneiden, dass sie viele Freunde haben, können wir uns die Frage stellen, wie wir selber zu mehr Freunden kommen können. Wenn wir uns mit den musikalischen Fertigkeiten von jemand anderen vergleichen, können wir uns überlegen, ob wir Gesangs- oder Klavierunterricht nehmen wollen. Wir können also das Vergleichen dazu nutzen, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv zu werden. Wir sind nicht nur im Gehirn plastisch, also verbesserbar und erweiterbar, sondern auch in vielen anderen Fähigkeiten. Es liegt an uns, ob wir für die entsprechenden Weiterbildungen und Trainings die Energie und Motivation aufbringen. Wir können uns andere in dem Sinn als Vorbild nehmen, dass wir anerkennen und wertschätzen, was sie können und worin sie gut sind, und dass wir daraus den Anreiz ziehen, ihnen auf unsere Weise nachzueifern.

Wir müssen uns nicht in allen Aspekten und Dimensionen, die ein Menschenleben umfasst, weiterentwickeln, das ist auch gar nicht möglich. Vor allem sollten wir jeden Stress vermeiden, der mit einem derartigen Anspruch verbunden ist. Vielmehr können wir uns fragen, was wir wollen, und dann zur Handlung schreiten. Wenn wir uns klarmachen, dass wir unsere Energie nicht in diesen Bereich stecken wollen, sollten wir allerdings mit dem Vergleichen aufhören. Denn genau dann bringt es uns überhaupt nichts. Statt dessen können wir unsere neidvolle Bewunderung in eine staunende und bedingungslose Wertschätzung umwandeln: Die Schönheit unserer Mitmenschen in ihrer Einzigartigkeit anerkennen und genießen, ebenso wie unsere eigene.

Auf diesem Weg befreien wir uns von Abhängigkeiten, die uns an die Vergleichsobjekte binden, und lassen sie und uns selbst frei aus diesen selbstproduzierten Fesselungen. Jede Lösung einer Abhängigkeit ist ein Zugewinn an Verantwortung, und in diesem Fall auch an Mitmenschlichkeit. Was gibt es Erfüllenderes und Beglückenderes, als die Vielfalt menschlicher Individualitäten mit Ehrfurcht und Dankbarkeit zu würdigen?

Freitag, 27. Februar 2015

Stressansteckung und die Pflicht zum Entspannen

Stress, so scheint es, ist allgegenwärtig in unserer Gesellschaft. Chronischer Stress, das wurde schon öfters auf diesen Seiten erörtert, ist der Hintergrund vieler Erkrankungen und Leidenszustände. Die Voraussetzungen für die Chronifizierung von Stress liegen nicht nur in den Umständen unserer Gesellschaft, sondern auch in den frühen Lebenserfahrungen, die , wenn sie ungünstig waren, eine latente Stresserwartung aufgebaut haben, die dann von den vielfältigen Angeboten der modernen Gesellschaft aktiviert wird.

Ein Phänomen dabei ist die Ansteckung mit Stress. Was wir im Großen von Massenpaniken kennen, die glücklicherweise nicht allzu oft vorkommen, spielt sich im Kleinen in vielen täglichen Begegnungen ab. Die eine Person ist entspannt, die andere angespannt. Selbst wenn die Begegnung nur oberflächlich und kurz ist, wie auf einer Rolltreppe, kann sich schnell der Stress übertragen. Z.B. beginnt sich die entspannte Person über die hektische Person zu ärgern, die sie rempelt. Schon ist die Entspannung weg, und der Stress hat sich schon übertragen, wie ein Grippevirus durch das Husten.

Unsere Ansteckungsfähigkeit hängt ab vom Grundzustand unseres Stress-Immunsystems. Ähnlich wie beim Abwehrsystem des Körpers gegen Krankheitskeime, das andauernd aktiv ist, sodass wir nur dann krank werden, wenn es überfordert oder überlastet ist, hängt auch unsere Stressabwehr von aktuellen und „konstitutionellen“ Faktoren ab. Akute Anstrengungen und Leistungsanforderungen machen uns reizbarer und empfindlicher. Zu den „konstitutionellen“ Faktoren zählen die Stresserfahrungen aus den Früherfahrungen, ihre Intensität und ihre Dauerhaftigkeit, die die Robustheit oder Anfälligkeit unserer Stressabwehr beeinflussen.


Projektion und Stressübertragung


Was passiert, wenn sich Stress überträgt? Es läuft ähnlich wie bei Projektionen. Bei Projektionen wird ein Trauma innerlich aktiviert. Ein wichtiger gefühlsmäßiger Anteil daran wird nicht wahrgenommen und statt dessen abgespalten und bei anderen Menschen wahrgenommen. Wir reagieren emotional auf das Verhalten dieser Personen, mit Furcht, Verletztheit oder Ärger. Und wir bemühen uns, die anderen Personen dazu zu bringen, ihr Verhalten, das uns so aufregt, abzustellen und sich in unserem Sinn zu ändern. Jedoch haben wir meist nur einen beschränkten Erfolg. Auch wenn sich die andere Person bemüht, ihr Verhalten zu ändern, kommt es immer wieder zu Rückfällen. Es kann aber auch sein, dass sich im Maß unserer Bemühungen, die andere Person zu ändern, deren Verhalten sogar verstärkt.

Wir müssen erst einmal einsehen, dass es unser Unterbewusstsein ist, das andere Menschen zu dem Verhalten einlädt, damit wir das eigene Trauma nicht spüren müssen. Dann können wir in uns an der Aufarbeitung des Traumas arbeiten und werden erkennen, wie wir aufhören, auf das Verhalten der anderen Person, das uns früher so störte, emotional zu reagieren. Wir bleiben gelassen. Meistens führt es dazu, dass die andere Person ohne jede Aufforderung und ohne jeden Druck von unserer Seite mit ihrem Verhalten „von selber“ aufhört. Die unbewusste Einladung ist nicht mehr da, deshalb macht das Verhalten keinen Sinn mehr.

Mit Stress verläuft es ähnlich: Wenn sich eine Person im Stress fühlt, versucht sie unbewusst, andere Menschen anzustecken, damit sie sich in ihrem Stressmuster bestätigen kann. Stress wird durch Angst ausgelöst, und unbewusst suchen wir in der Angst Verbündete, die die Angst teilen. Wir erzählen deshalb anderen Menschen, wenn uns etwas Schreckliches passiert ist oder droht, und wollen, dass sich diese genauso aufregen wie wir selbst. Hilft das nicht, dann werden wir aggressiv auf die andere Person: Du verstehst mich nicht, du willst nur beschwichtigen, du ignorierst die Gefahr etc., bis wir die andere Person in einen Stresszustand versetzt haben. All das läuft natürlich nur in seltenen Fällen bewusst und geplant ab (z.B. bei politischer Propaganda), meist sind unbewusste Mechanismen am Werken. Je weiter wir in die Fänge dieser Abläufe geraten, desto schwerer ist der Weg wieder heraus zu finden.

Wenn also andere Personen auf die eigene Stress-Schwingung ansprechen und entsprechend reagieren, geraten sie, ohne es zu merken, in Stress. So bauen sich Stressfelder auf. Jede Person, die neu dazukommt, wird von immer mehr Menschen angedockt, sodass es immer schwerer wird, sich von der Ansteckung fern zu halten. So kann sich Stress wie eine Seuche ausbreiten, historische Beispiele gibt es genug, noch mehr zu denken geben sollten uns allerdings die Alltagsszenen, weil wir von diesen unmittelbar selber betroffen sind.

Paradox erscheint in diesem Zusammenhang, dass das rasante Ansteigen von nichtansteckbaren Krankheiten (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Asthma, usw.) möglicherweise gerade durch Ansteckung mit Stress hervorgerufen oder begünstigt wird. 


Stressresilient werden


Zu lernen, trotz Stressangebot entspannt zu bleiben, ist eine wichtige Voraussetzung nicht nur für Berufe, die mit Notsituationen zu tun haben, sondern für alle Menschen einer stressanfälligen Gesellschaft. Auf der Ebene des Nervensystems formuliert, geht es darum, die Leistungsfähigkeit des Parasympathikus zu steigern. Dazu dienen alle Formen des Entspannungstrainings und der Meditation. Dazu gilt es, die Quellen der chronifizierten Stresserwartungen aufzuspüren und mit Hilfe von Therapie zu heilen.

So bauen wir eine Stresskompetenz auf, die uns hilft,

  • Entspannung in uns zu kultivieren
  • Stressangebote zu erkennen
  • Auf Stressangebote nicht zu reagieren
  • Bei Reaktion auf das Angebot schneller wieder in die Entspannung zu kommen.

Mit verbesserter Stresskompetenz tun wir uns selber viel Gutes: Bekanntlich ist unser Immunsystem stressabhängig, ergo bleiben wir gesünder, wenn wir uns gut entspannen können. Wir leben ausgeglichener, kreativer und leistungsfähiger, zugleich sozial offener.

Wir tun aber auch anderen viel Gutes: Wir helfen ihnen, aus dem eigenen Stressmuster schneller auszusteigen, wenn wir entspannt auf Stressangebote reagieren. Wir reduzieren damit den allgemeinen Stress in unserem Umfeld und setzen Domino-Effekte in der anderen Richtung in Gang: Menschen, die sich in unserer Gegenwart entspannen, entspannen Menschen, mit denen sie in Kontakt kommen.

Wenn wir den Weg der Meditation und Therapie gehen, die aus meiner Sicht in Kombination die wichtigsten Hilfsmittel zum Aufbau von Stressresilienz sind, leisten wir einen nicht unbeträchtlichen Teil zur Ausbalancierung einer Stressgesellschaft. Dafür können wir uns auch anerkennen. Wir können aber auch, angesichts der Offensichtlichkeit der hier angesprochenen Zusammenhänge, einen ethischen Imperativ formulieren, der lauten könnte: Handle so, dass du die anderen Menschen so gut du es vermagst, in einen Entspannungszustand versetzst, indem du alles, was in deinen Möglichkeiten liegt, tust, um dich zu entspannen.

Beginne damit, deinen Ausatem zu entspannen…


Vgl. Ansteckender Stress

Mittwoch, 23. Juli 2014

Wachstum und Lernbeziehung



In der Entfaltung des inneren Wachsens verändert sich unsere Beziehungskultur - in uns und mit unseren Mitmenschen. Im gleichen Maß, wie wir lernen mit uns selber besser umzugehen, lernen wir, mit anderen Menschen besser umzugehen. Der Weg zu einer hohen Qualität mitmenschlicher Beziehungen, wie wir sie uns alle wünschen, ist allerdings lang, mit vielen Stolpersteinen gepflastert. Er hat damit zu tun, wie wir unsere Fähigkeit, die Toleranzspannung zwischen Gleichheit und Individualität auszuhalten und auszuweiten. Dieser Prozess der Weitung unserer Liebesfähigkeit führt uns "notwendigerweise" an Engpässe und zu Problemzonen, in denen wir unbewusst die Kraft der wertenden Unterscheidung mobilisieren, um uns vor den Risken der Veränderungen zu schützen. Das wertende Unterscheiden soll also eine innere Not wenden.

Eine der Quellen von solchen Themen liegt in der neuen Erfahrung einer Lernbeziehung, in die wir mit einem Therapeuten oder eine Lehrerin/Meisterin eintreten. Diese Personen bieten eine Qualität des Verstehens, der Präsenz, des Ernstnehmens und der liebevollen Zuwendung, die anfangs als etwas ganz außerordentlich Besonderes und Wertvolles begegnet. Denn es gibt in dieser Ausschließlichkeit dazu kein Vorbild, weder im Erwachsenenleben noch in der eigenen Kindheit. Da begegnet man nun auf einmal der idealen Mutter und dem idealen Vater, vereinigt in einer Person, und im Kontrast dazu verblassen alle anderen realen Beziehungen in der Gegenwart und in der Vergangenheit. 

Alle Mängel der aktuellen Kommunikationspartner werden vor dieser Folie überdeutlich negativ karikiert. Das führt zu unvermeidbaren Konflikten, weil bewusst oder unbewusst auch von den ungeübten und weniger bewussten Mitmenschen eine Güte an Klarheit und Herzenswärme eingefordert wird, zu der diese aufgrund ihrer eigenen frühen Beziehungsgeschichten nicht in der Lage sein können. Schließlich haben ja auch die vorbildhaften Meister der Kommunikation jahrelang an sich gearbeitet, um diese Qualitäten zu erwerben und zu entwickeln. Doch einmal in ihrer Wohltat erfahren, möchte man sie immer haben und versteht nicht, wenn sie einem von den Menschen, von denen man annimmt, dass sie einen liebhaben, "vorenthalten" wird. Diese Frustration schlägt schnell in Aggression um, die sich klarerweise aus den Wurzeln ähnlicher Erfahrungen aus den primären Beziehungen speist - kein gedeihlicher Boden für eine gelingende Kommunikation. 

In der Not geht die Fantasie zur Meisterin, die ganz anders und viel besser mit solchen Situationen umgehen würde. Wie liebevoll würde sie reagieren, wie offen und verständnisvoll. Die Fantasien verdoppeln die Frustration, weil die Meisterin, so wertvoll ihre Präsenz erfahren wird, nicht die ganze Zeit da ist und ihre außergewöhnliche Zuwendung nur in einer zeitlich begrenzten Form geben kann, während die Person, die die ganze Zeit da ist, ihr nicht nur nicht das Wasser reichen kann, sondern vielmehr noch ein negatives Abbild dazustellen scheint.

Vor allem in den Anfangszeiten einer therapeutischen und spirituellen Lernbeziehung entwickelt sich folglich eine imaginäre Dreiecksbeziehung. Der Therapeut oder die Meisterin ist fortwährend vorhanden, und die alltäglichen Beziehungserfahrungen werden andauernd bewusst und noch mehr unbewusst mit den Beziehungsqualitäten, die die bewunderte und verehrte Person aufweist, verglichen. Aufgrund der Herausgehobenheit der therapeutischen Kommunikation aus dem Alltag ist der Vergleich natürlich unfair. Mit einem spirituellen Lehrer muss keine Einigung über die Haushaltsverantwortlichkeiten oder andere Notwendigkeiten des Alltags getroffen werden. Er kann leicht der ideale Beziehungspartner für ein paar Minuten oder Stunden sein, wenn es um nichts anderes geht als darum, mit den eigenen Problemen und Schwierigkeiten verstanden zu werden.

Dennoch übertragen wir die Erfahrung, so besonders gut oder tief verstanden worden zu sein, auf die Menschen um uns herum. Der Wunsch nach Begegnung in einer solchen Atmosphäre ist ein stark in uns verwurzeltes Bedürfnis, das uns vom Anfang unseres Lebens an begleitet, dass klar ist, dass wir uns das wünschen müssen. Wir haben im Lauf unseres Aufwachsens gelernt, darauf zu verzichten, weil sie so spärlich vorhanden war. Irgendwann haben wir vergessen, wie bitter wir sie  notwendig haben, um uns geliebt zu fühlen. Bis zu dem Zeitpunkt, wo uns dieses Gesehenwerden wieder zuteil wurde, haben wir angenommen, dass es eine derartige Qualität der Begegnung für uns ohnehin nie geben wird.

Nun, da sich gezeigt hat, dass sie uns doch geschenkt wird, erwachen unsere Wünsche und Sehnsüchte wieder, und wir erkennen, dass es zu unserem Geburtsrecht gehört, in unserem Sein und Wesen vorbehaltlos und bedingungslos angenommen und wertgeschätzt zu sein. Dieses Recht fordern wir damit logischerweise von unseren Mitmenschen ein. Sonst ist ja niemand da, der diesen Rechtsanspruch einlösen könnte. Je näher uns jemand steht, desto mehr sollte er zur Stillung dieses Bedürfnisses beitragen und desto mehr verletzt der Mangel daran. So wird die Erfahrung des Mangels proportional mit dem Grad an Vertrautheit aktiviert, was häufig dazu führt, dass die Konfliktintensität ebenso mit dem Grad an Nähe ansteigt. 

Der Ausweg aus Idealisierung und Abwertung


Es braucht weitere Schritte in der inneren Entwicklung, um sowohl die Idealisierung, die der Lehrperson gegenüber aufgebaut wird, wie auch die Irrealität der Forderungen an unsere Mitmenschen, insbesondere der uns Nahestehenden, zu durchschauen und loszulassen. Nach dem Modell der Phasen des inneren Wachsens geschieht es bei der Einübung in die dritte, die systemische Phase, dass wir die Relativität unserer Erfahrungen annehmen lernen. Wir erkennen die Beschränktheit der therapeutischen Kommunikation und ihre Nichtvergleichbarkeit mit anderen Situationen des sozialen Austausches. Wir erkennen, dass die Menschen um uns herum die gleichen oder ähnliche Mangelerfahrungen und Sehnsüchte haben wie wir selber. So nehmen wir die Ansprüche zurück, die wir an sie richten und tun uns damit leichter, die Kirchen im Dorf zu lassen: Wir können aus der therapeutischen oder spirituellen Kommunikation lernen und aufnehmen, was sie uns bieten kann, und zugleich wertschätzen, was uns die anderen Kommunikations- und Begegnungserfahrungen unseres Lebens tagtäglich schenken oder auch zu lösen aufgeben. Wir müssen nicht mehr das eine mit dem anderen vergleichen, sondern lernen, mit den unterschiedlichen Herausforderungen unterschiedlich umzugehen. 

So können wir unsere Lebenspartner von den Forderungen entlasten, die eigentlich unseren Eltern und frühen Erziehungspersonen gelten. Wir richten den Blick darauf, was sie uns geben können und wie sie für uns dasein können, um dafür die gebührende Dankbarkeit zu entwickeln, statt die Beschränktheit und Bedingtheit dieses Gebens zu bemängeln. Wir erwarten nicht mehr von den Partnern unseres Alltagslebens, dass sie unsere frühkindlichen Defizite ausgleichen, noch dass sie zu Kopien von Meistern, Lehrern oder Therapeuten werden, die wir kennenlernen konnten. Vielmehr erkennen wir, dass wir ihnen für das, was sie sind und wie sie sind, - wie sie für sich sind, und auch, wie sie für uns sind -, Anerkennung und Wertschätzung entgegenbringen können.

Und so können wir anfangen, die Orientierung umzudrehen: Statt auf die Füllung unserer eigenen Mangelerfahrungen zu dringen, die emotionale und kommunikative Unterernährung unserer Mitlebenden als Aufgabe für unsere eigene Liebesfähigkeit zu sehen. Wir schauen mehr darauf, was wir geben können, auch aus dem heraus, was wir im Lauf unseres bewussten inneren Wachsens gelernt und entwickelt haben, und weniger darauf, wo wir am meisten für uns selber profitieren könnten. Schließlich erfahren wir, wie viel Erfüllung darin liegen kann, die Qualität des Ernstnehmens und Akzeptierens, die wir in speziellen Kommunikationssituationen erleben durften, anderen weiterzugeben. Auf diesem Weg wird diese Qualität mehr und mehr zum Standardrepertoire unseres Beziehungslebens.

Damit nähern wir uns der vierten Stufe der inneren Entwicklung an, die im Teilen der bedingungslosen Form der Liebe besteht. Wir sind dann nicht mehr von unserer Bedürftigkeit gelenkt, sondern fühlen uns mit der Fülle des Seins verbunden, das uns immer genau das gibt, was für uns gut ist und uns immer einen Weg zeigt, wie wir besser für die Menschen um uns herum dasein können.

Beziehungsfallen für die Lehrperson


Aus der Not von Missverständnissen und Konfliktsituationen in den Beziehungen des täglichen Lebens wird der idealisierten Lehrperson ein besonderes Beziehungsangebot unterbreitet. Wiederum ist es vermutlich zum größten Teil unbewusst. Es besteht darin, dieser Beziehung eine herausragende Wichtigkeit und Bedeutsamkeit vor allen anderen Beziehungen einzuräumen. 

Je nachdem, wie gründlich sich ein Therapeut oder eine spirituelle Lehrerin mit den entsprechenden Ego-Anteilen auseinandergesetzt hat, die auf solche Beziehungsangebote reagieren, bemisst sich der Grad an Verantwortung, wie damit umgegangen werden kann. Im Fall einer unbewussten Schwäche im Bereich des eigenen Narzissmus wird das Angebot missbräuchlich aufgenommen: Der Lehrer nutzt die Bewunderung, die ihm entgegengebracht wird, zur Füllung des eigenen Bedürfnisses nach Anerkennung aus. Entsprechend wird er die Beziehung zur Schülerin gestalten, sodass in ihr das Gefühl verstärkt wird, nur in dieser Beziehung ihr Heil finden zu können, statt ihre Fähigkeit zu stärken, alle ihre Beziehungen im Leben besser gestalten zu können und sich damit gut aus der Idealisierungsbeziehung zur Lehrperson lösen zu können.

Die Reife der Persönlichkeit zeigt sich daran, dass die Rahmenbedingungen der Lehrbeziehung klar unterschieden werden können von den Rahmenbedingungen der anderen Beziehungen, in denen sich die hilfe- und ratsuchende Person in ihrem Leben befindet. Ein weiterer Gradmesser dieser Reife liegt darin, die Stärkung der Autonomie und universellen Liebesfähigkeit in der Schülerin als oberste Richtschnur ihrer Förderung und Unterstützung zu nehmen. Es liegt an der Lehrperson, sich selber in dieser Rolle strittweise zurückzunehmen und überflüssig zu machen. Nur wenn sie die dafür notwendige Kraft und Bewusstheit hat, ist sie wirklich geeignet, das innere Wachstum von anderen Menschen zu begleiten und zur Entfaltung zu bringen. Wenn sie über diese Qualitäten verfügt, sorgt sie auch dafür, dass sich die zu Beginn des Beitrags geschilderten Projektionsphänomene nur im möglichst geringen Grad ausbilden. Je klarer also ein Therapeut oder spiritueller Lehrer die Besonderheit des individuellen Weges einer Schülerin erkennt auf und alles in seinen Kräften Stehende dafür einsetzt, damit dieser Weg zur Auflösung aller Abhängigkeiten von ihm selbst und damit zur Auflösung der Lehrbeziehung als solcher führt, desto leichter wird es der Schülerin fallen, sich in ihrem eigenen Beziehungsnetz harmonisch entwickeln zu können.