Die deutsche Politikerin Alice Weidel stellt ein interessantes Studienobjekt für die „dunkle Triade“ dar. Darunter versteht man das Zusammentreffen dreier psychischer Störungen: Narzissmus, Machiavellismus, subklinische Psychopathie, die vor allem öffentlich auftretende Positionen betreffen. Für den Narzissmus ist das übersteigerte Selbstwertgefühl und das Bedürfnis nach Bewunderung kennzeichnend, für den Machiavellismus die Manipulation für strategische Zwecke, Zynismus und Skrupellosigkeit („Der Zweck heiligt jedes Mittel“). Die Psychopathie ist gekennzeichnet durch emotionale Kälte und den Mangel an Empathie und Reue.
Die Journalistin Pamela S. Sowa hat in einem Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 30. Juli 2023 unter der Überschrift: „Merkmale der Dunklen Triade: Psychologin analysiert Auftreten von AfD-Politikerin Alice Weidel“ auf die Widersprüche hingewiesen, die diese Politikerin aufweist und die gerade ihren Erfolg erklären. Sie steht an der Spitze einer Partei mit erzkonservativen Familienwerten, mit Hass auf alles Woke und Queere, mit ausgeprägtem Rassismus und aggressiver Fremdenfeindlichkeit. Sie lebt allerdings in einer homosexuellen Beziehung mit einer Partnerin of Color und mit zwei Kindern, die mittels Samenspenden gezeugt wurden. Sie leitet als Frau eine Partei, die radikal gegen Frauenrechte auftritt. Sie gebärdet sich als überzeugte deutsche Nationalistin und zahlt ihre Steuern in der Schweiz.
Wo bleibt da die Glaubwürdigkeit, könnte man fragen. Aber offenbar spielt diese Qualität bei ihren Anhängern keine Rolle. Vielmehr sehen sie in ihr das Abbild der eigenen Widersprüchlichkeit. Schließlich muss sich ein Rassist und Rechtsradikaler über viele innere Widersprüche hinwegsetzen. Pamela Sowa schreibt über Weidel: „Sie ist das ideale politische Chamäleon: glaubwürdig genug für die Bühne, leer genug für jede Projektion. Ihre bloße Anwesenheit desinfiziert den Raum von innerparteilichem Schmutz – was soll schon an Homophobie dran sein, wenn eine Homosexuelle klatscht? Wo ist das Problem mit dem Rassismus, wenn ihre Partnerin im Publikum sitzt? Und was bedeutet Vaterlandsliebe noch, wenn sie aus dem Zürcher Steuerhafen proklamiert wird?“ Die Autorin meint, dass die AfD-Politikerin gerade deshalb so erfolgreich sein kann, weil sie in einer Zeit angetreten ist, in der Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit Zeichen von Schwäche darstellen. Es hat sich gezeigt, dass die Leute ein unheimliches Maß an kognitiver Dissonanz aushalten können, wenn sie das Gefühl haben, jemand vertritt skrupellos eine Politik, von der man sich Märchenhaftes erhofft. Weidel überzeugt, weil sie so empathielos auftritt. Indem sie mit einer sterilen und kontrollierten Sprache dauernd das „Volk“ und „unser Land“ (in dem sie nicht lebt) hervorhebt, erzeugt sie ohne jede Botschaft eine Wirkung, die auf ihrer Unverschämtheit beruht: „Der Triumph eines Menschen, der gelernt hat, dass es keine Rolle spielt, ob etwas stimmt – solange man sich traut, es zu sagen, als wäre es die einzige Wahrheit.“ Es ist also ein selbstbewusster Zynismus, von dem sich viele angesprochen fühlen. Unschwer sind die charakterlichen und taktischen Ähnlichkeiten zwischen Weidel, Kickl, Trump und anderen Rechtspolitikern zu erkennen.
Der Zynismus als politische Waffe
Zyniker erwecken den Eindruck, dass sie einen besonderen Durchblick haben und mehr wissen als die anderen. Sie lassen sich nicht „vom System“ oder von den „Mainstream- Medien“ täuschen, sondern wissen es besser. Sie wirken dominant und entschlossen. Spott, verbunden mit einer bissigen Rhetorik verleiht eine Position der Überlegenheit, aus der heraus mit Verachtung auf die Gegner heruntergeschaut werden kann. Da sich viele Menschen von der Komplexität der Verhältnisse überfordert fühlen, bieten zynische Politiker den Ausweg, der Wut auf die unvollkommene Gesellschaft eine Richtung zu geben. Dazu kommen die plakativen und bewusst gefälschten Vereinfachungen, mit denen die Schlechtigkeit der Verhältnisse angeprangert und Scheinlösungen präsentiert werden. Dazu kommt eine moralische Entlastung: Die Politiker, die an der Macht sind, werden als korrupte Egoisten dargestellt; wenn alle Egoisten sind, darf man auch so sein. Die rassistische Propaganda bewirkt, dass die Empathie für Außenseitergruppen zurückgefahren werden kann. Ein Mord, den ein Ausländer verübt hat, genügt dann schon, allen Nicht-Autochthonen das Vertrauen zu entziehen und sich von deren Rauswurf die Befreiung von allen Übeln zu erwarten. Gruppendynamisch erzeugt der geteilte Zynismus ein Zusammengehörigkeitsgefühl – wir gegen die anderen, die wir verspotten können. Wir wissen, wer die Bösen und wer die Guten sind, wir sind nicht so naiv wie die Verblendeten und Manipulierten.
Die dunkle Tetrade
Die Bezeichnung „Dark Triad“ wurde von den kanadischen Psychologen Delroy L. Paulhus und Kevin M. Williams 2002 in einem Fachartikel vorgestellt. Das Konzept wurde 2013 später auf die „dunkle Tetrade“ von Delroy L. Paulhus, Erin E. Buckels und Daniel N. Jones um den Begriff des Alltagssadismus erweitert. Der Alltagssadismus besteht darin, Freude am Zufügen von Schmerz (körperlich, seelisch, sozial) zu empfinden. Andere leiden zu sehen, verschafft Befriedigung. Es handelt sich dabei nicht nur um eine Geistesstörung oder eine kriminelle Einstellung, sondern auch um Phänomene wie Mobbing, Cyberbullying, Schadenfreude oder Lustgewinn bei gewalttätigen Videospielen. Es gibt Querverbindungen zur Zerstörungslust nach Amlinger und Nachtwey.
Die Dunkelheit und die Aufklärung
Die Aufklärung hat sich die Vertreibung der Dunkelheit durch Aberglaube, Verschwörungstheorien und Ideologien auf die Fahnen geheftet. In der Dunkelheit fehlen uns wichtige Sinne für die Orientierung. Politische Propaganda, die auf der dunklen Triade oder Tetrade beruht, versucht, die inneren Sinne der Menschen zu verdunkeln, zu verwirren und neu zu verdrahten. Die Absicht ist, dass nur das als Wahrheit angenommen wird, was von der zynischen Politikerin kommt, und nicht mehr, was die innere Stimme sagt.
Gegen solche finstere Einflüsse hilft nur die Aufklärung – politische Aussagen auf Fakten prüfen, Lügen aufdecken, Widersprüche aufzeigen, verkündete Motive in Zweifel ziehen – das ganze Repertoire der Arbeit des Geistes gegen seine Feinde.
Zum Weiterlesen:
Die Zerstörungslust und der demokratische Faschismus
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen