Freitag, 28. August 2026

Die Kreativität und das Böse

Die Kreativität kann als Tor für das Absolute dienen, mit ihr wird aber auch häufig das Absolute für Ego-Zwecke missbraucht. Denn das menschliche Ego kann das Absolute mit allen Möglichkeiten, die das Relative bietet, für seine Absichten einzuspannen. Es verfügt über eine eigene Form der Kreativität, die es gerade für diesen Zweck nutzt.  Diese Form der Kreativität steht unter dem Diktat der Überlebenssicherung. Aus dem menschlichen Einfallsreichtum entspringt die Erfindung von Gehhilfen für Behinderte ebenso wie die Entwicklung von Waffen, die solche Behinderungen verursachen. 

Die schöpferische Kraft des Egos stammt aus seinen Überlebensstrategien. Es musste sich etwas einfallen lassen, um mit den Folgen einer Traumatisierung zurechtzukommen. Z.B. kann es dafür sorgen, dass die Person bei jeder weiteren Bedrohung in die Opferrolle geht, die sich für die Sicherung des Weiterlebens bewährt hat. Jede neue Gefahrensituation fordert die Kreativität des Egos, mit der die Opferrolle an die aktuelle Bedrohung angepasst werden kann. Solche Strategien werden, soweit sie nicht therapeutisch aufgelöst wurden, im weiteren Leben verfeinert und differenziert. Sie wirken aus dem Unbewussten heraus und mischen sich in alle möglichen Lebenssituationen ein, indem sie den freien Fluss der Lebensenergie blockieren.

Sie führen dann z.B. dazu, die Kreativität für das Entwerfen von Hasskampagnen zu verwenden. Sie dient den Ängsten und soll das schwache Selbstwertgefühl stabilisieren. Mit dem Hass sollen vermeintliche Gegner und Bedroher geschwächt und entmachtet werden. Das Produkt von destruktiver Kreativität trägt das Trennende und Verengte seiner Entstehungsbedingungen in sich und kann deshalb nie zu einem Kunstwerk werden. Die Kunst beginnt dort, wo die menschliche Schöpfungskraft dem Absoluten gewidmet ist, und nicht dort, wo sie einem verletzten Ego dient.

Kann das Absolute menschenfeindliche Kreativität erzeugen?

Die Verwendungszwecke der Kreativität werden immer vom Ego bestimmt. Es kann sich jedes Produkts der Kreativität bedienen, zum Guten wie zum Bösen. Es kann die KI verwenden, um Hautkrankheiten sicherer zu bestimmen oder um Drohnen zu entwickeln, die selbst entscheiden, welchen Menschen sie umbringen. C.G. Jung hat darauf verwiesen, dass der Schatten (die unbewussten Ego-Anteile) über eine starke Energie verfügt, die zum Ausdruck drängt. Kreativität, die aus dem Schatten kommt, ist destruktiv, weil sie den Schatten, an dem der Mensch leidet, in die Welt hinein verbreitet, um das Licht der Bewusstheit zu verdunkeln und andere Menschen zu verstören oder zu verwirren. 

Auch beim Erzeugen von Ideen, wie die Gesellschaft unmenschlicher gemacht werden könnte, wirkt das Absolute mit, weil es nicht zwischen Gut und Böse differenziert. Allerdings ist es auch irreführend abzunehmen, dass das Absolute das Böse hervorbringt. „Böse“ ist eine menschliche Kategorie, deshalb können nur Menschen Böses hervorbringen. Es ist ein Aspekt, ein Attribut der relativen Welt, ein wichtiges Regulativ für das menschliche Zusammenleben. 

Der Gebrauch des Absoluten für böse Zwecke ist nur möglich, solange der Einfluss des Absoluten nicht bewusst ist und damit ein verkürztes Verständnis der Kreativität besteht. Die kreativen Leistungen werden in diesem Fall zur Gänze dem Ego zugeschrieben, sodass es in diesem Kontext ganz selbstverständlich erscheint, die Ergebnisse der Kreativität für die eigenen Zwecke zu nutzen, gleich ob diese gut oder böse sind. 

Nur mit unserer Bewusstheit können wir darüber entscheiden, ob wir die Produkte unserer Kreativität für Ego-Zwecke oder für das Wohl der Menschheit nutzen wollen. Destruktive Kreativität entsteht, um innere Nöte zu kompensieren, und sie wirkt so, dass sie diese Nöte vermehrt. Der Ausweg aus der Destruktivität, die immer eine Selbstzerstörung enthält, liegt in der Bewusstmachung der Natur unserer Kreativität und dem Verständnis für das Zusammenspiel des Absoluten und des Menschlichen. 

Wenn wir in irgendeiner Weise merken, dass das Absolute beim kreativen Prozess seine Hand im Spiel hat, dann spüren wir, dass wir Dankbarkeit schulden. Und dann ist uns auch klar, dass wir unsere Kräfte für das Beste der Menschheit einsetzen wollen, weil es das Beste für uns selbst ist.

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