Posts mit dem Label Wut werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wut werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 23. Januar 2025

Die Emotionalisierung der Politik

Der Kapitalismus und der Druck auf seine Akteure

Der Kapitalismus hat die Demokratie befördert, weil sie dazu beigetragen hat, die traditionellen Produktions- und Handelshemmnisse zu beseitigen. Zwar sind durch die Verallgemeinerung des Wahlrechts linke Parteien entstanden, die sich für die Rechte der Schwächeren und Benachteiligten eingesetzt haben. Der Kapitalismus hat seine Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt, sodass im Rahmen von stabilen Demokratien mehr Gewinne erwirtschaftet werden konnten als unter autoritären Systemen. Die sozialistischen Parteien haben sich an den Kapitalismus angepasst und Rahmenbedingungen geschaffen, innerhalb derer die hemmungslose Ausbeutung der Arbeitskraft eingeschränkt wurde, was sich langfristig auf die Produktivität ausgewirkt hat, weil resilientere und motiviertere Arbeitskräfte besser arbeiten. Die kommunistischen Bewegungen haben versucht, den Individualkapitalismus durch einen Staatskapitalismus zu ersetzen, ohne damit Verbesserungen für die Menschen zu erreichen. Die höhere soziale Sicherheit, also der Schutz vor Arbeitslosigkeit, wurde mit einer drastischen Verringerung der Freiheitsrechte erkauft, die zur Demotivation der Bevölkerung beigetragen hat. Deshalb sind die kommunistischen Regime in Osteuropa nach 1989 sang- und klanglos untergegangen. Andere kommunistische Staaten, vor allem China, haben den Kapitalismus stark aufgebaut, ohne die politischen Freiheiten zu lockern.

Unabhängig vom System des Kapitalismus lastet der Erwerbsdruck auf den Menschen mit der Zumutung, die eigene Existenz mit Leistungen für das Wirtschaftssystem zu sichern. In unseren Breiten haben wir uns daran gewöhnt, dass der Staat ausgleichend eingreift, wenn jemand die Forderungen der Existenzsicherung nicht schafft. Das Credo des Sozialstaates besagt, dass niemand völlig durch den Rost fallen darf, nach dem Prinzip der Solidarität. 

Depression und Aggression als Reaktion

Wenn es nicht oder nur schwer und unter Entbehrungen gelingt, die eigene Existenz und/oder die der eigenen Familie zu sichern, entsteht Verzweiflung und Scham. Es gibt zwei Hauptrichtungen, mit dieser Schambelastung umzugehen. Die eine besteht im depressiven Rückzug. Menschen verstecken oft ihre Armut vor anderen, um der Beschämung zu entgehen. Die andere äußert sich in Forderungen an das politische System, Abhilfe zu leisten, und im Zorn auf dieses System bzw. auf dessen Repräsentanten, wenn das nicht geschieht. Da kommen dann Politiker gerade recht, die versprechen, das System als Ganzes umzukrempeln, falls sie an die Macht kommen. Besonders wirksam scheint es, wenn dieser Angriff auf das System mit Aggressivität vorgebracht wird. So scheint es, dass diese Politiker nicht nur Verständnis für die prekäre Lage der Schlechtergestellten oder der von Schlechterstellung bedrohten Personen aufbringen, sondern auch die Wut auf die herrschenden „Eliten“ teilen. Oft wird dabei die politische Wut mit Tatkraft und rationaler politischer Kompetenz verwechselt. Jemandem, der auf den Tisch hauen kann, wird zugetraut, in der Politik zum eigenen Wort zu stehen und umzusetzen, was er verspricht.

Auch diejenigen, die mit Rückzug und Depression auf die Bedrohung der wirtschaftlichen Existenz reagieren, können in aggressiv auftretenden Politikern eine Hoffnung finden. Oft entsteht die Depression aus der Unterdrückung von Wutgefühlen. Die unterdrückten Emotionen werden in den Wutpolitikern wiedergefunden und bewundert. Sie bieten gleichsam einen Ausweg aus der eigenen Gefühlsmisere, der ja darin bestehen könnte, die eigene Wut zu spüren. Da diese jedoch von einer starken Scham bedeckt sein kann, findet gerade der unverschämt aggressive Politiker besondere Verehrung und Gefolgschaft.

Die Zerstörung der politischen Kultur

Solche Gefühlsdynamiken können wir hinter dem stetigen Zulauf zu rechten und rechtsextremen politischen Parteien und Personen erkennen. Da das Modell im Sinn des Erfolgs bei Wahlen erfolgreich ist, steht zu erwarten, dass der politische Diskurs noch mehr mit Aggressionen aufgeladen wird, was sukzessive zu seiner Zerstörung führt. Denn sinnvolle politische Auseinandersetzungen können nur in einer Atmosphäre des Respekts und der gegenseitigen Achtung gedeihen. Insofern bedroht die Verrohung der politischen Sprache und das Schwinden des Respekts direkt die Demokratie. Sie findet ihre Legitimation und ihre Lebendigkeit in einer vernunftgeleiteten  Kultur der politischen Auseinandersetzungen, die ohne Herabwürdigung und mit der Achtung für die jeweiligen Gegner und Andersdenkenden geführt werden. 

Es liegt an allen Teilnehmern des politischen Prozesses, also an allen Mitgliedern der Zivilgesellschaft, den Trend zur aggressiven Aufladung der Meinungs- und Interessenverschiedenheiten zu unterbinden und sachbezogene, am Gemeinwohl orientierte Debatten zu fördern. Wir kommen nicht weiter in der Bewältigung der großen Themen, vor denen die Menschheit steht, wenn wir auf primitivere Formen des Konflikts zurückfallen. Wir können nur dann eine menschenwürdige Zukunft für die Menschheit gestalten, wenn wir die Kräfte der erwachsenen Vernunft und der ethischen Redlichkeit frei von destruktiven und toxischen Emotionen einbringen. 

Wir müssen dabei der Versuchung widerstehen, Wut mit Wut und Unverschämtheit mit Unverschämtheit zu begegnen. In diesen Gefühlen sind Ängste und Nöte versteckt, die unser Mitgefühl verdienen.

Hier zur Videofassung

Zum Weiterlesen:
Links-Rechts - Versuch einer Unterscheidung
Hass im Internetzeitalter
Demokratie und Gefühle
Die Standpunkttheorie und ihre Schwächen


Mittwoch, 27. November 2024

Über den Umgang mit Störungen

Denn eine Störung seiner Freuden 
sucht jeder möglichst zu vermeiden. (Wilhelm Busch)

Schnell kann uns etwas stören in den Abläufen, in denen wir uns befinden. Etwas entspricht nicht unseren Erwartungen, und wir fühlen uns gestört. Wir wollen spazieren gehen, es regnet plötzlich, und der Regen stört uns. Wir sitzen im Zug und freuen uns, dass der Platz daneben frei ist. Dann setzt sich jemand neben uns, der uns unsympathisch ist. Wir führen am Telefon ein Privatgespräch, und der Chef schaut bei der Tür herein. Wir fühlen uns gestört.  

Die Reaktionsmöglichkeiten auf Störungen können in zwei Paradigmen beschrieben werden. Paradigma 1: Störungen geschehen in der Welt um uns herum und wir können nichts dagegen machen, wir haben den Eindruck, ihnen ausgeliefert zu sein. Äußere Einflüsse greifen in unser Leben ein und bringen es durcheinander. Wir können das Wetter nicht ändern, wir können nicht verhindern, dass sich im Zug jemand neben uns setzt, der uns unsympathisch ist. Wir können nicht verhindern, dass der Chef aufkreuzt. Mit diesem Paradigma treten wir die Verantwortung an die Außenwelt ab. Deshalb fühlen wir uns hilflos. 

Das Paradigma 2 geht von folgender Annahme aus: Störungen tauchen nur in uns selbst auf. In der Außenwelt gibt es Abläufe und Geschehnisse. Zu Störungen werden Ereignisse erst, wenn wir sie bewerten und als störend einstufen. Das passiert dann, wenn wir sie mit unseren Erwartungen vergleichen. Fällt der Vergleich negativ aus, werden also unsere Erwartungen nicht erfüllt, sprechen wir von einer Störung. Eine Störung ist nur eine frustrierte Erwartung und hat nichts mit der Außenwelt zu tun, außer dass sie den Auslöser dafür liefert. Denn die Erwartung haben wir selber erzeugt, unter der Annahme, dass sie auch eintreten wird, was wir aber nie mit Sicherheit wissen können. Mit dieser Sichtweise bleibt die Verantwortung bei uns selbst. Das bedeutet auch, dass wir die Auswirkungen der Störung nur in uns selbst verändern und beruhigen können. 

Gewohnheitsmäßig tendieren wir zum ersten Paradigma. Die Ursache für die Störung liegt außerhalb von uns. Selbst wenn es sich um eine körperliche Störung handelt, empfinden wir unseren Körper in solchen Momenten wie einen Außeneinfluss. Außerdem kommt diese Sichtweise, die allgemein vorherrscht, unseren Überlebensstrategien entgegen. Wir haben dieses Vorgehen früh erlernt, auch an den Vorbildern der Eltern und anderer Erziehungspersonen. Da es von den meisten Menschen benutzt wird, wird es auch kaum in Frage gestellt. Deshalb ist nicht verwunderlich, dass unsere erste und unmittelbare Reaktion auf eine Störung im Ablauf unseres Lebens die Suche nach einer Ursache im Außen ist. Die Ursache setzen wir mit Schuld und Verantwortung gleich. Sobald wir wissen, wer die Störung angezettelt hat, wer also ihr Urheber ist, wissen wir, wer aus unserer Sicht schuld ist. Wir wissen, an wem wir unsere Enttäuschung und unseren Zorn abladen können. Damit fühlen wir uns aus dem Schneider. Der Zorn führt uns aus der Hilflosigkeit heraus.  

Allerdings ist die Wut immer ein zweischneidiges Schwert. Durch sie entladen wir die angestaute Frustenergie, bleiben aber im Groll auf die Täterperson, die die Störung verursacht hat, in der Opferrolle. Die Wut führt uns nicht aus der Kränkung heraus, sondern bestärkt uns im Ressentiment gegenüber unseren Mitmenschen oder gegen andere Faktoren, die nicht unserer Kontrolle unterliegen. 

Das Paradigma der Außenverursachung folgt einem mechanistischen Modell: Ein Außenreiz drückt auf einen Knopf (Triggerpunkt) und sogleich entsteht das innere Gefühl der Frustration und des Ärgers. Es wird ein Automatismus ausgelöst. Diese Sichtweise stimmt insofern, als wir keinen willentlichen Einfluss auf unsere unmittelbaren Reaktionen auf Au0enereignisse haben. Die Stresshormone werden so schnell ausgeschüttet, dass wir mit unserer Bewusstheit nicht eingreifen können. Das Modell ist aber andererseits irreführend, weil wir unsere Reaktion verändern können, sobald sie uns bewusst wird und wir sie nicht für selbstverständlich nehmen, sondern für eine Eigenproduktion, deren Produktionsbedingungen wir auch ändern können. 

Unsere Erwartungen stecken hinter dem, was wir als Störung erleben

Damit sind wir beim zweiten Paradigma, das aus unserer Bewusstheit entwächst. Wir gelangen zu dem Verständnis, dass es nur unsere selbstgebastelten Erwartungen sind, die unsere Enttäuschungen bewirken und dazu führen, dass wir uns gestört fühlen. Mit dieser Einsicht legt sich schnell der Frust und wir entspannen uns wieder. Sobald wir diese Einstellung zur Gewohnheitsreaktion werden lassen, verschwindet der Begriff Störung aus unserem Repertoire: Es gibt nur Ereignisse, die uns dazu bewegen, unsere Erwartungen zu verändern.  Auf diese Weise gewinnen wir mehr Gelassenheit in unserem Leben.  

Übungen in der Innenversenkung und Gefühlsbeobachtung, die wir regelmäßig praktizieren, sind eine Hilfe zur Entmachtung der Reaktionen auf Störungen. Auch wenn wir eine Meditation machen, tauchen Störungen auf – Außengeräusche oder Gedankenschleifen. Da die Übung darin besteht, die Aufmerksamkeit von der Störung auf das Innere, z.B. auf das Fließen des Atems zurückzulenken, lernen wir, bei uns selbst zu bleiben und jede Störung zu verabschieden. 

Hier ein Zitat von Edgar Allan Poe: "Den Grad der Versunkenheit eines Meditierenden können wir ermessen an der Art, wie er auf eine Störung reagiert. Je tiefer sein Erschrecken, desto seichter sein Nachdenken und umgekehrt."

Noch ein Zitat, diesmal von Albert Einstein:
„Wer glaubt, dass andere schuld sind an der eigenen Unzufriedenheit, der glaubt auch, dass Bleistifte Rechtschreibfehler machen.“
 

Zum Weiterlesen:

Störungen zerstören Illusionen
Störungen in der Meditation
Erwartungen und Enttäuschungen

Samstag, 25. Februar 2023

Geduld ist die Tugend der Glücklichen

Wenn wir ungeduldig sind, sind wir nicht einverstanden, wie die Zeitstruktur der Wirklichkeit gerade beschaffen ist. Wir hätten gerne, dass irgendetwas schneller abläuft, als es gerade abläuft. Der Zug, auf den wir warten, soll schneller da sein, die Person, mit der wir weggehen wollen, soll schneller fertig werden, der Stau, in dem wir stecken, soll sich schneller auflösen usw. Wir geraten in Stress und machen die Umwelt dafür verantwortlich. Da sie sich nicht unseren Erwartungen gemäß verhält, erzeugt sie einen Druck in uns, der uns unangenehm ist und den wir so schnell wie möglich wieder loswerden möchten. Wir geraten in eine Opferrolle der äußeren Wirklichkeit gegenüber, denn sie alleine kann und muss dafür sorgen, dass es uns wieder besser geht und wir aus dem Stress herausfinden. 

Soziale Ängste 

Hinter der Ungeduld steckt die Angst, etwas zu versäumen, etwas nicht zu schaffen, etwas zu verlieren usw. Die Angst entsteht, weil unsere Erwartung zerstört wird, also die Fantasie, die wir über die Zukunft entwickelt haben, z.B. die Vorstellung, pünktlich zu dem Geburtstagsfest einzutreffen. Wir geraten in Stress, weil die ausbleibende Straßenbahn oder der Stau auf der Zufahrtsstraße unsere Pläne durchkreuzt und bewirkt, dass wir unpünktlich sein werden. Wir sind gerne zuverlässig und befürchten, dass wir wegen dem Zuspätkommen unsere Gastgeber enttäuschen und sie uns dann für unzuverlässig halten. Im Grund plagt uns die Angst, weniger gemocht zu werden und in der Achtung unserer Mitmenschen zu sinken, die den Stress auslöst.

Ungeduld und Wut

Hinter der Ungeduld steckt auch eine Aggression. Sie ist der Gegenpart zur Ohnmacht, die mit Situationen verbunden ist, über die wir keine Kontrolle haben, die wir also nicht in unserem Sinn gestalten können. Wir sind der Langsamkeit anderer Menschen oder der Säumigkeit von anderen Abläufen ausgeliefert. Der Zorn gibt uns das Gefühl, Einfluss ausüben zu können und zu müssen. Wir erlangen also ein Stück der Kontrolle zurück. Selbst wenn wir nur schimpfen und hadern, bekommen wir den Eindruck, dass wir etwas Macht ausüben können. Wir fühlen uns handlungsfähig. Wir stellen der widrigen Wirklichkeit eine Energie von uns gegenüber und fordern sie heraus. Wir wollen sie mit unserer Kraft zwingen, dass sie sich unseren Vorstellungen gemäß verhält. Wir beschweren uns über das, was uns da zugemutet und auferlegt wird und wir klagen an, dass uns ein Stress bereitet wird. Die Wut suggeriert uns, dass wir der Opferrolle nicht ausgeliefert sind, sondern dass wir uns wehren können. 

Allerdings wird es in den meisten Fällen so sein, dass unsere Wut nichts ausrichtet. Der Zug kommt nicht schneller, auch wenn wir uns noch so ärgern. Der Stau reagiert nicht auf unseren Gemütszustand. Und der Mitmensch, dem wir unseren Zorn über seine Saumseligkeit entgegenschleudern, wird möglicherweise selbst zornig reagieren und damit auch nicht schneller unsere Erwartungen erfüllen. Mit der Wut können wir zwar ein wenig von unserem Stress loswerden, steigern aber unter Umständen den Stress in unserer Umgebung.

Ungeduld und Scham

Hinter der Ungeduld stecken auch Schamgefühle. Denn die Ungeduld nährt sich aus Erwartungen und sozialen Zusammenhängen. In den meisten Fällen geht es darum, dass wir fürchten, die Erwartungen anderer Menschen zu enttäuschen, was uns Schamgefühle beschert. Manchmal geht es auch um Erwartungen, die wir an uns selber haben, wenn wir z.B. ungeduldig sind, weil wir eine Arbeit nicht in der Zeit schaffen, die wir dafür vorgesehen haben. In diesen Situationen schämen wir uns vor uns selbst und werten uns ab, weil wir nicht unserem Ideal entsprechen. 

Das Üben der Geduld

Zunächst sollten wir einsehen, dass jeder Stress in uns selber entsteht. Wir verfügen nicht über einen Knopf, auf den andere Menschen oder Reize aus der Umwelt drücken, und dann spüren wir uns gestresst. Wir deuten bestimmte Ereignisse in unserer Umgebung so, dass sie uns bedrohen, und das löst dann die Stressreaktion aus. Meist erfolgt diese Interpretation unbewusst, aber sie erfolgt in uns. Wir sind es also, die den Stress produzieren, und wir sind dafür verantwortlich. Wir haben also auch die Verantwortung, den Stress wieder zu beruhigen, z.B. indem wir unsere Ausatmung entspannen und langsamer atmen. Wir können die unangenehme Wartezeit in eine Meditationszeit umwandeln. Wir können uns mit etwas beschäftigen, das uns entspannt und interessiert. Wir haben viele Möglichkeiten, um vom Stress herunterzukommen, die wir erst ergreifen können, sobald wir erkennen, dass unser Stress hausgemacht ist. 

Dann geht es auch darum, zu erkennen, dass wir uns in der Ungeduld und dem Ärger, der in ihr steckt, mit der Wirklichkeit zerstreiten. Wir stellen uns über sie drüber und wollen sie beherrschen. Doch ist das ein sinnloser Anspruch. Bekanntlich wachsen die Grashalme nicht schneller, wenn wir sie antreiben. Die Wirklichkeit ist immer mächtiger als wir selbst. Alles, was sie von uns einfordert, ist Akzeptanz: Das Annehmen dessen, was jetzt gerade ist. Das, was wir wollen, kommt immer erst hinter dem, was ist. Beim Streit mit der Wirklichkeit unterliegen wir immer. Sobald wir aber akzeptieren, was ist, öffnen sich unsere Handlungsräume. Wir gewinnen einen Überblick über die Möglichkeiten, die wir haben, z.B. eine andere Route zu wählen, die entstandene Wartezeit mit anderen Inhalten zu füllen usw. Auf diese Weise versöhnen wir uns mit der Wirklichkeit, und der Stress löst sich. Wir können das genießen, was gerade ist. In diesem Sinn meint Spinoza: „Geduld ist die Tugend der Glücklichen.“

Das Leben bereitet uns immer wieder Überraschungen, und zu den unangenehmen Überraschungen zählt alles, was uns ungeduldig macht. Wir fallen aus dem Fluss des Lebens heraus und auf uns selber und unser starrsinniges Ego zurück. Es will uns einreden, gegen das Leben zu kämpfen, um unsere Interessen und Vorstellungen durchzubringen. Doch ist dieser Kampf aussichtslos. Wir werden ihn nie gewinnen, sondern nur noch mehr Stress aufbauen.

Die Geduld zu erwerben und zu vergrößern, ist ein Prozess in der Vertiefung unserer Bewusstheit. Jede Regung der Ungeduld in uns ist eine Chance, mehr in die Akzeptanz der Wirklichkeit zu gehen und unser Ego zurückzustufen. Mehr Geduld bedeutet mehr Lebensqualität. Rainer Maria Rilke schreibt: „Ich lerne es täglich, lerne es unter Schmerzen, denen ich dankbar bin: Geduld ist alles!“

Zum Weiterlesen:
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen
Der notorische Selbstzweifel
Akzeptiere was ist - einfach ist es nicht


Montag, 8. März 2021

Die passive Aggressivität

Vieles gibt es im Leben, das uns Ärger bereiten. Und wir haben viele Möglichkeiten, diesen Ärger von innen nach außen zu bringen. Eine davon ist die passive Aggression. Sie ist interessant, weil sie komplizierter ist als die einfache Wut.

Bei diesem Phänomen handelt es sich um eine Aggressivität, die nicht offen ausgelebt wird, sondern die sich auf versteckten Wegen äußert. Die Theorie dahinter lautet, dass wir alle Aggressionen in uns tragen, die wir entweder aktiv oder passiv zum Ausdruck bringen können. Wer sich nicht traut, offen wütend zu sein, muss den Zorn auf andere Weise ausleben. Für diesen Umweg bieten sich verschiedene Möglichkeiten an.

Diejenigen, die gerne bei jedem sich bietenden Anlass mit voller Wut explodieren, sind oft dankbar, wenn sie von der passiven Aggression hören, weil sie damit ihre eigene emotionale Instabilität entschuldigen können: Alle, die nicht so expressiv reagieren wie sie selber, sind eben insgeheim und versteckt wütend, was umso schlimmer ist. Denn die passiv wütenden Menschen sind neben dem, dass sie zornig sind wie alle anderen, zusätzlich noch unehrlich, hinterhältig und feig. Also verdienen sie es, mit offener Wut konfrontiert zu werden. 

Ein schwieriger Begriff

Wir sehen: Wir haben es mit einem diffizilen Begriff zu tun, weil er etwas beschreibt, das nur indirekt erschlossen und oft nur vermutet werden kann. Es ist den Betroffenen nicht bewusst, wenn sie passiv aggressiv sind und die Umgebung bekommt auch keine direkte Wahrnehmung von Aggression. Sie reagiert zwar verstört und irritiert, oft aber ohne zu wissen, was die Ursache ist. Die entsprechende Diagnose steht deshalb immer auf schwachen hypothetischen Beinen. Sobald sie als Waffe verwendet wird, braucht man sich nicht zu wundern, dass es zu einer Abwehr kommt und die Spannung eskaliert.

Dazu kommt, dass die von diesem Verhalten Betroffenen, eben weil es unbewusst gesteuert ist, nichts wissen und deshalb auch nicht zugeben können, wenn sie darauf angesprochen werden. Sie empfinden es als boshafte Unterstellung, gegen die sie sich zur Wehr setzen müssen – oft mit Mitteln, die eben wieder passiv-aggressive Züge tragen. Es entsteht dann leicht eine ausufernde Dynamik, indem die Diagnose abgewehrt wird, während sich beim Gegenüber durch die Form der Abwehr der Eindruck verstärkt, dass sie stimmt.

Erst wenn wir bei uns selber nachschauen, welche Impulse hinter manchen unserer Reaktionen stecken, können wir die Diagnose mit Leben erfüllen. Wir können also, wenn wir ehrlich nachschauen,  in uns selbst Züge wahrnehmen, die mit unterdrückten Wutimpulsen zusammenhängen. Ob unsere Mitmenschen gerade passiv aggressiv sind oder nicht, können wir nur mutmaßen und sie fragen, wenn wir über dieses Maß an Vertrautheit mit ihnen verfügen.

Beispiele

Woran könnte man die passive Aggression erkennen? Es gibt eine Reihe von Hinweisen, die hier beispielhaft ohne Anspruch auf Vollständigkeit vorgestellt werden:

Witze auf Kosten von anderen Personen: Wer sich über andere lustig macht, ist nur scheinbar fröhlich, sondern kanalisiert den eigenen Ärger gegen diese Personen auf diese Weise. Oft folgt dann, wenn die angesprochene Person beleidigt reagiert, die scheinbare Verwunderung: „Das war doch nicht ernst gemeint. Du verstehst auch überhaupt keinen Spaß.“ Damit sitzt gleich die nächste Abwertung.

Sich dumm oder naiv stellen: So zu tun, als hätte man nicht verstanden, was der andere wollte oder worum es ging, ist eine hilfreiche Taktik, um unangenehmen Situationen zu entgehen. Sie ist gleichwohl mit dem Verzicht auf die eigene Verantwortung und der Regression in eine kindliche Haltung verbunden. 

Die Schuld auf andere schieben: Statt die Verantwortung für einen eigenen Fehler zu übernehmen, wird jemand gesucht, der schuldig oder mitschuldig sein könnte. „Ich hätte auf den Termin nicht vergessen, wenn du mich rechtzeitig erinnert hättest. Der Fehler liegt also bei dir.“

Scheinzustimmung: Eigene Bedürfnisse und Wünsche werden übergangen und statt dessen wird etwas zugestimmt, ohne es wirklich zu wollen. In der Ausführung meldet sich dann die Sabotage in Form von Irrtümern,  Zögern und Verzögern oder Fehlern. Eine Person erklärt sich mit dem Vorschlag einer anderen Person für eine gemeinsame Aktivität einverstanden, obwohl sie eigentlich etwas anderes vorzieht, vergisst aber dann den Termin, plant etwas anderes zu der Zeit ein, verschiebt die Verabredung aus undurchsichtigen Gründen oder stellt sie sogar in Abrede.

Übertreibungen: Die Fehler der anderen Person zu vergrößern und zu verallgemeinern, ist eine häufig gebrauchte Form der passiven Aggression. Damit soll die angesprochene Person kleingemacht werden. „Du verwendest ununterbrochen Schimpfwörter.“ „Sie machen nur Fehler bei der Arbeit.“ 

Verkleidete Beleidigungen: Zuerst kommt eine Entschärfung, die das Gegenüber in Sicherheit wiegen soll, damit der folgende Angriff umso besser sitzt. „Ich meine es ja nicht böse, aber du bist einfach ein mieser Typ.“ 

Sarkasmus und Zynismus: Spott und Hohn dienen zur Selbstverteidigung eingesetzt. Verkleidet in eine scheinbar nette Form soll die andere Person entmachtet werden: „Echt toll, wie du dich aufspielst.“ „Beneidenswert, wie du andere heruntermachst.“

Aggressives Schweigen: Um die andere Person zu verunsichern und zu betrafen, wird die Kommunikation abgebrochen. Der andere soll im Regen stehen bleiben und wird mit Verachtung belegt. 

All diese Verhaltensformen sind mögliche Hinweise auf passive Aggressivität. Sie können auch andere Gründe haben. Deshalb sollten wir, wie schon gesagt, mit der Diagnose vorsichtig sein, denn Diagnosen wie diese können selbst zu Zwecken der passiven Aggression verwendet werden. Gemeinsam ist den verschiedenen Formen dieses Verhaltens, dass die eigenen Bedürfnisse und Verletzungen zurückgehalten werden, das Übernehmen von Verantwortung vermieden und die Last der eigenen Fehler auf andere abgewälzt wird. 

Die Entstehung der passiv-aggressiven Muster

Der Ursprung dieser Tendenzen zur passiv aggressiven Entwertung liegt natürlich in der Kindheit. Vor allem dort, wo heftigerer Gefühlsausdruck verpönt und verboten war, müssen sich aufgestaute Wutenergien andere Wege suchen. Häufig war das Ausdrücken von Wut mit Liebesverlust verbunden. Außerdem verfügen Eltern, die den Kindern ihren Zorn austreiben wollen, meist selber über verschiedene Strategien aus dem Repertoire der passiven Aggression. So wurde in der schwarzen Pädagogik das Ignorieren der Kinder, wenn sie etwas angestellt hatten, praktiziert, eine Form der aggressiven Kommunikationsverweigerung. Die Kinder kopieren dann in ihrem späteren Leben nur ihre Eltern.

Passiv aggressives Verhalten kann aber auch in anderem Rahmen erlernt werden. In vielen Institutionen ist es unklug und kontraproduktiv, dem eigenen Zorn freien Lauf zu lassen. Diese Zurücknahme der aggressiven Impulse kann schon im Kindergarten beginnen, sich durch die Schullaufbahn ziehen und in den Arbeitsverhältnissen notwendig sein. Solange diese Mechanismen nicht bewusst sind, bereiten sie den Nährboden für passiv-aggressives Trotzverhalten, das in vielen Betrieben einen schwer zu beseitigenden Sand im Getriebe erzeugt: Arbeiten bleiben unerledigt oder werden nur mangelhaft ausgeführt, Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit machen sich breit, das Betriebsklima ist gehemmt und belastet. 

Schamvermeidung

Die passiv-aggressiven Verhaltensweisen dienen auf einer tiefen Schicht der Abwehr der Scham. Das unangenehme Gefühl, das uns das Schämen bereitet, muss durch Gegenstrategien verhindert werden. Wenn wir gelernt haben, dass auf das Ausdrücken von Wut die beschämende Aufforderung gekommen ist, sich dafür zu schämen, dann ist die Abwehrform klar: Keine direkte Aggression darf nach außen dringen. Da aber jede Beschämung aggressive Gefühle auslöst, weil Persönlichkeitsgrenzen verletzt wurden, muss sich die Wut Umwege suchen. Ein probates Mittel besteht darin, statt beschämt zu werden, selber zu beschämen, wie es die verschiedenen Formen des passiv-aggressiven Verhaltens zur Folge haben.

Andere lächerlich oder durch zynische Bemerkungen mundtot zu machen, bewirkt eine Beschämung. Die klammheimliche Freude, die beim „Erfolg“ passiv-aggressiver Aktionen häufig auftritt, besteht darin, dass einen die Beschämung nicht selber trifft, sondern die andere Person darunter leiden muss. 

Alle Formen der Schamabwehr haben eins gemeinsam: Sie wirken nur partiell und nie nachhaltig. Das Ausüben dieser Praktiken hat immer Schamgefühle zur Folge. Denn andere zu beschämen ist selber wieder beschämend, und die Freude darüber verstärkt die Scham zusätzlich. Da es sich aber um Formen der Schamverhinderung handelt, wird die Folgescham wiederum unterdrückt und schwelt im Untergrund. Von dort aus setzt sie immer wieder die Abwehrform in Gang, sodass die unbewusst gesteuerten Abläufe wie ein perpetuum mobile in Endlosschleifen weiterwirken und sich zu Verhaltensmustern auswachsen.

Bewusstheit

Wie oben bemerkt, kann die Aggression in den geschilderten Verhaltensweisen nur in der Eigenreflexion bewusst gemacht werden. Oft ist sie sehr tief verborgen, besonders dann, wenn starke Tabugefühle um die Wut herum entstanden sind. Manchmal hilft ein bewusster Blick auf die Folgen. Es kann schon helfen, die irritierten oder beleidigten Reaktionen der anderen Menschen, die man ja lieben möchte, ernst zu nehmen und nicht mit naiver Selbstrechtfertigung abzutun (nach dem Motto: „Ich habe es ja nur gut gemeint“, das oftmals den Gipfelpunkt des Zynismus darstellt). Die Einsicht, selber an Spannungen und Konflikten mitzuwirken, wird dazu motivieren, die eigenen Reaktionsweisen auf den Prüfstand zu stellen. Die Schamschwelle, die mit dem Eingeständnis eigener Wutgefühle verbunden ist, muss dabei überwunden werden. Damit das gelingen kann, ist die verständnisvolle Unterstützung durch andere Menschen hilfreich. Einmal erkannt, verliert die Abwehrdynamik ihre Macht, während die Sensibilität für die Grenzen und Bedürfnisse der anderen Menschen stärker wird. 

Mit dem Verständnis für die eigene Scham ist ein wichtiger Schritt getan, mehr zu den eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu stehen und sie klar ausdrücken zu können. Auf dieser Basis wächst die Kraft zur Selbstverantwortung für die eigenen Handlungen und deren Folgen. Es wird einsichtig, dass trotziges Sabotieren in der Erwachsenenwelt nicht mehr notwendig ist, um den eigenen Gefühlshaushalt ins scheinbare Gleichgewicht zu bringen. Vielmehr wird spürbar, dass die Übernahme der Verantwortung für die eigenen Fehler und Schwächen aufrichtet und stärkt.

Zum Weiterlesen:
Wut - das herausforderndste Gefühl
Was tut gut an der Wut?


Sonntag, 13. Dezember 2020

Die Beschönigung von Gewalt in der Erziehung

 Aus der schicksalshaften Verknüpfung zwischen Eltern und Kindern stammt ein Satz, der häufig zu hören ist, wenn Erwachsene über schlimme Kindheitserfahrungen, z.B. körperliche Strafen, reden und sagen: „Es hat mir ja nicht geschadet.“ 

Im Alten Testament heißt es in dem berüchtigten Zitat: „Wer seiner Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald.“ Interessant dabei ist auch, dass es die Söhne sind, die die Liebe durch die Züchtigung spüren sollten – in die männlichen Nachkommen soll der Same der Gewalt eingepflanzt werden, indem sie der Wut der Älteren physisch ausgesetzt werden und später ihre Wut durch körperliche Gewalt zum Ausdruck bringen. Es geht also um einen Motor der patriarchalen Machtdynamik.

Die Wurzeln der Gewaltpädagogik liegen weit zurück in der Geschichte. Diese Mittel der Erziehung waren lange Zeit Standard und selbstverständliche Norm. Die körperliche Strafe („Wer nicht hören will, muss fühlen“, die „gesunde Watschn“) ist im Gefolge der Aufklärung in Verruf geraten und im Lauf der Zeit schrittweise aus den Strafrechtsbüchern in der westlichen Welt verbannt worden. Denn es wurde klar, dass die Grausamkeiten von Strafen die Täter nicht bessern und dazu nichts zur Verbrechensprävention beitragen, sondern das Ausmaß an Brutalität in einer Gesellschaft nur zusätzlich erhöhen. 

Auch in der Kindererziehung wurde vor allem in der Zeit nach dem Nationalsozialismus und dem 2. Weltkrieg die Körperstrafe zunehmend verpönt und schließlich unter Strafe gestellt. Der Begriff der Kindesmisshandlung wurde auf sexuelle und emotionale Gewalthandlungen ausgeweitet, sodass klar ist, dass der Gesetzgeber jede Form von körperlicher Bestrafung bei Kindern unterbinden will. Im deutschen Grundgesetz gibt es das Recht von Kindern auf gewaltfreie Erziehung. 

Jede zugefügte körperliche Verletzung ist eine seelische Verletzung

Dennoch sind viele Menschen Opfer elterlicher Gewaltanwendung geworden und die „Rute“ ist noch lange nicht aus der Erziehung verschwunden. Wir sprechen hier nur von körperlicher Gewalt, also von physischen Verletzungen, die Kindern mit dem vermeintlichen Ziel der Erziehung zugefügt wurden. 

Jede physische, mit aggressiver Einstellung begleitete Verletzung ist zugleich eine seelische Verletzung. Kinder, die sich der überlegenen Kraft und Macht ihrer Eltern beugen müssen, erleiden eine Demütigung: Wer groß ist, hat die Macht, wer klein ist, muss sich fügen. Die einzige Chance, die Eigenmacht zu erwerben, besteht darin, groß und stark zu werden, um sich dann nie wieder verletzen lassen zu müssen. Im Extremfall auch dadurch, andere zu demütigen.

Der zugefügte Schmerz ist ein doppelter: Körperlich und seelisch. Der körperliche Schmerz vergeht, der seelische Schmerz bleibt. Wenn es keine Entschuldigung und kein Verständnis für den emotionalen Schmerz gibt, muss die Erfahrung verdrängt werden. Zumindest der seelische Schaden, der angerichtet wurde, verschwindet im Unterbewusstsein. Das Kind muss dann mit der Erfahrung leben, dass es missachtet und missbraucht wurde, aber mit dem Schmerz alleine bleiben muss oder dass es sogar für den Ausdruck des Schmerzes und Leids beschämt wird.

Eltern sind unvollkommen und fehlerhaft. Manchmal „rutscht einem die Hand aus“, wie es oft nachträglich verharmlosend gerechtfertigt wird. Das geschieht vor allem, wenn es Gewaltübergriffe in der eigenen Kindheit gegeben hat, die in einer Stresssituation durchschlagen. 

Gewalterfahrungen können passieren und sie sollten möglichst unmittelbar danach besprochen und entschuldigt werden. Es handelt sich um Überreaktionen, für die die Eltern die Verantwortung tragen. Es hilft nichts, wenn dem Kind gesagt wird: „Ich habe dir eine Ohrfeige gegeben, weil du dich daneben benommen hast.“ Wenn also dem Kind die Verantwortung als Auslöser des Übergriffs angelastet wird, geschieht keine Versöhnung, sondern eine Vertiefung der Wunde. Die Eltern müssen ihre Schuld, die aus ihrer Unbewusstheit stammt, eingestehen und dafür die Verantwortung tragen. Wenn das Kind dabei spüren kann, dass es trotz dem, was es gemacht hat, und trotz der Strafe geliebt wird, kommt es in Frieden mit der Erfahrung.

Die Rolle der Scham

Eine wichtige Komponente der Verletzung ist die Scham. Jede Bestrafung beschämt, weil sie auf ein sozialwidriges Handeln hinweist. Dazu kommt die Scham durch das Bestraftwerden, das im schlimmen Fall mit einer Bloßstellung und Demütigung verbunden ist. Und schließlich ist es beschämend, mit dem eigenen Schmerz und der Verletztheit alleine gelassen und ignoriert zu werden. 

Eine Kaskade der Scham entspinnt sich um jede körperliche Bestrafung. So ist es dieses vielschichte Gefühl, das schließlich die Überzeugung produziert, dass die Strafe keinen Schaden angerichtet habe. Das Verhalten der Eltern wird gerechtfertigt, oft auch noch mit dem Hinweis, dass ja jetzt die Beziehung zu den Eltern gut sei. Die Scham muss im Verborgenen bleiben – die Scham für die Bestrafung, aber auch die Scham, Eltern zu haben, die sich nicht anders zu helfen wissen als zuzuschlagen oder an den Ohren zu ziehen, wenn das Kind „ungezogen“ ist. 

Das Bündnis des Verschweigens

Es ist ein Bündnis des Verschweigens, das das Kind und seine Eltern aneinander bindet, geschmiedet von der Scham. Das Kind vergisst den Schmerz, für den es kein Verständnis bekommen hat oder noch schlimmer, für den es zusätzlich beschämt wurde. Es muss diese Erfahrung überleben und weiterhin mit den Eltern gut auskommen. Also ist es besser, die emotionale Erinnerung, den Schmerz und die Scham zu tilgen. Die Erfahrung selbst, die als Schock irgendwo im Körper steckenbleibt, kann nicht vergessen werden. Aber der Kontext wird verändert, vom Bösen zum Guten, von der Scham zur Beschönigung. 

Die Reinwaschung der Eltern hat das Überleben nach dem Schock der Bestrafung ermöglicht. Das ist die Funktion des Satzes, „dass es nicht geschadet hat“: „Ich habe trotz der Erfahrung von Grausamkeit überlebt, ich habe es geschafft, die lebenswichtige Beziehung zu den Eltern wieder aufzurichten und weitergehen zu lassen, so, als ob nichts passiert wäre. Ich habe die Scham tief in mir begraben, sodass sie heute die Beziehung zu meinen Eltern nicht überschattet.“

Menschen mit solchen Erfahrungen und solchen Bewältigungsstrategien finden sich oft im Leben unerklärlich starken Wutimpulsen ausgesetzt. Sie können diese Impulse nicht steuern und schämen sich nachträglich dafür. Sie können nicht wissen, dass es die ohnmächtige Wut auf die bestrafenden und beschämenden Eltern ist, die sich da Bahn bricht. Diese Wut konnte als Kind nicht ausgelebt und ausgedrückt werden, weil die elterliche Übermacht zu groß war und die Angst vor weiterer Bestrafung dem Zorn einen Riegel vorschob. Jetzt, als Erwachsener, in der Position der Macht, erlaubt sich die Wut, für die seinerzeit erlittene Demütigung Rache zu nehmen.

Brüche in der Autonomie 

Die Entwicklung der Autonomie erleidet durch die gewaltsamen Unterbrechungen der Handlungsketten und des damit verbundenen emotionalen Schocks veritable Brüche. Sie muss gewissermaßen nachgeholt werden, indem die Wut aus der damaligen Situation ausgelebt werden muss. Doch weil es keine Erinnerung darüber gibt, was der Sinn und der ursprüngliche Ort der Wut ist, muss sie sich immer wieder austoben, in einem Wiederholungszwang, der sich erst beruhigen kann, wenn die ursprüngliche Erfahrung mit ihren Schmerzen und ihrer Scham anerkannt und durchlebt wird. Im Annehmen dieser Gefühle erst wird der unterbrochene Aufbau der Autonomie nachgeholt.

Der erwachsene autonome Mensch braucht keine gewalttätige Wut, um seinen Unmut auszudrücken oder seine Bedürfnisse und Interessen durchzusetzen. Die Mittel der gewaltfreien Kommunikation reichen dafür aus. Das heißt nicht, dass es keine Wutgefühle mehr geben sollte, sondern dass sie nicht destruktiv ausgelebt werden müssen. Sie werden gespürt, in angemessener Form ausgedrückt und überwunden. Der erwachsene autonome Mensch braucht auch keine Beschönigung von beschämenden Erfahrungen, sondern gibt ihnen den Platz in der eigenen Lebensgeschichte, der ihnen gebührt, mit allen schlimmen Aspekten und mit den dazugehörigen unbewussten und bewussten Lernerfahrungen.

Zum Weiterlesen:
Die Wurzeln der Gewalt
Kinder in der Täterrolle


Donnerstag, 19. November 2020

Krisenängste und ihr Jenseits

Krisen lösen Ängste aus. Das ist wohl klar, sonst würden wir Krisen nicht als Krisen erleben. Durch die ausgelösten Ängste werden äußere Problemsituationen zu Krisen im Kopf. 

Interessant scheint mir weiters, welche spezifischen Ängste bei verschiedenen Menschen durch die gleiche objektive Schwierigkeit getriggert werden. Man stößt ja angesichts der herrschenden Pandemie auf unterschiedliche Angstprofile. Es handelt sich dabei, nüchtern und profan betrachtet, um Varianten der Todesangst, die uns allen in den Knochen sitzt. In Hinblick auf die aktuelle Viruskrise entwickeln wir Menschen unterschiedliche Fantasien darüber, wie wir am ehesten umkommen könnten. Alle diese Ängste haben einen realen Bezugspunkt, sind aber oft aus tieferliegenden Quellen emotional zusätzlich aufgeladen.

Für die einen steht im Vordergrund, dass sie direkt von der Krankheit betroffen und dahingerafft werden könnten; für die anderen, dass sie angesteckt werden und dann andere anstecken könnten; für die nächsten, dass sie Zeuge einer Massenhysterie werden und die Menschen um sie herum verrückt werden; andere wiederum befürchten das Ende der Rechtsstaatlichkeit und/oder der demokratischen Freiheitsrechte; wieder andere fürchten, dass sie die Einschränkung ihrer Lebensmöglichkeiten nicht aushalten werden; noch andere haben die Angst, wegen dem Verlust an Sozialkontakten und körperlicher Nähe zu vereinsamen; viele befürchten den Verlust ihrer wirtschaftlichen Existenz oder mangelhafte Lebenschancen wegen Bildungsverlusten usw. Natürlich gibt es vielerlei Querverbindungen und Kombinationen dieser Angstprofile, wodurch sich die Angstbelastungen individuell potenzieren können.

Viele Ängste – ähnliche Strategien

Der Vielzahl an Angstszenarien, die durch die Krise ausgelöst werden, stehen recht ähnliche Umgangsformen oder Bewältigungsstrategien dieser Ängste gegenüber. Der erste Schritt besteht darin, dass die Krise und all die Phänomene, die mit ihr einhergehen, mit der spezifischen Angst verknüpft und assoziiert werden. Das führt dazu, dass jede Erwähnung der Krise oder jeder Gedanke darüber sofort die entsprechende Angst hochbringt. 

Als nächstes versucht jeder Geängstigte, Verbündete zu finden, die ihm in der Angstsituation beistehen, weil sie die Gefahrenquelle ähnlich sehen. Für diesen Zweck sind deshalb nur jene geeignet, die eine gleiche oder ähnliche Angstprägung haben. Gegenseitig kann man sich bestätigen, dass die eigene Angst berechtigt ist. Diese Übereinkunft gibt einerseits ein wenig Sicherheit: Ich bin nicht alleine mit meiner Angst. Andererseits hält sie die Angst aufrecht, die ja das Bindeglied in der Angstverbindung darstellt.

Dazu kommt das selektive Sammeln von Informationen, die den Bedrohungscharakter der eigenen Situation belegen und stützen. Die Medienlandschaft ist dafür ideal geeignet, weil sie für jede Angstprägung eine Menge von bestätigender und verstärkender Informationen bereitstellt. Welche Einstellung wir auch immer zur Pandemie und zu den Maßnahmen haben, die von den jeweiligen Behörden getroffen haben – wir können zu jeder Variante Konvolute an Berichten, Datenaufbereitungen, Stellungnahmen, Expertenmeinungen usw. sammeln. Wieder gewinnet jeder für sich und seine Meinungsgruppe ein Stück an Sicherheit dazu: So viele prominente oder szenebekannte Personen sind der gleichen Meinung und teilen das Angstprofil, also ist die Angst sinnvoll und sollte aufrechterhalten bleiben. 

Die Suche gilt auch Informationen, die die Situation noch schlimmer darstellen, als wir selber es glauben. Wir wollen uns keinen Illusionen hingeben und uns auf die ärgsten vorstellbaren Konsequenzen einstellen. Dadurch wird zwar die Angst stärker, aber das Gefühl der Zugehörigkeit in der Meinungsgruppe ebenso. In dem Erleben der Angst hilft uns das weiter. Wir glauben dann, über das ganze Ausmaß der Bedrohung informiert zu sein und brauchen uns nicht der Massivität unserer Angst zu schämen.

Die Informationssuche und Wissenssammlung, wenn sie den eigenen Ängsten zweckdienlich sein soll, muss selektiv sein. Es geht auch gar nicht anders, weil niemand die Gesamtheit der zur Verfügung stehenden Information überblicken kann. Allerdings heißt Selektivität hier, dass gesucht wird, was die eigene Einstellung bestätigt und verstärkt und ausgefiltert wird, was ihr widerspricht.

Es sind also wirksame Filter notwendig, die alles ausblenden oder niederargumentieren, was der eigenen Einschätzung und damit dem eigenen Angstprofil widerspricht. Gegenansichten werden relativiert, für obsolet oder als gekauft taxiert, die Personen, die sie vertreten, werden abgewertet und für korrupt oder ignorant erklärt usw. 

Die Angst kann nur ernstnehmen, was eindeutig, einfach und spezifisch zum Angstprofil passt und es bestätigt. Komplexitäten, Mehrdeutigkeiten und Vorläufigkeiten im Wissen verstärken die Unsicherheit und steigern offensichtlich die Bedrohtheitsgefühle. Sie müssen mit einem Meta-Filter ausgesondert werden. 

Auf diese Weise entstehen Meinungsblasen, die zugleich Angstblasen sind und in denen sich Menschen mit gleicher Angstprägung treffen und sich über die Bewertung und Einschätzung der Gefahrenlage austauschen. Die Blasen tragen dazu bei, dass das Sicherheitsgefühl im Inneren bestärkt und das Angstgefühl nach außen gesteigert wird. 

Das Außen ist dabei nicht nur die Krise, sondern wird auch durch die anderen Blasen gebildet, die mit ihren abweichenden Ansichten die Problematik verschärfen und deshalb bekämpft werden müssen. Deshalb haben sich regelrechte Propagandakriege in den diversen Medien entwickelt, nach dem Sandkistenmotto: Mein Experte ist besser als deiner. Mein Experte hat die Wahrheit, deiner ist von dunklen Mächten besessen und gelenkt oder einfach inkompetent.

Angst und Wut

Jede spezifische Angst steht in Verbindung mit einer spezifischen Wut. Der Angstbefallene fühlt sich ausgesetzt, ohnmächtig und hilflos. Die Aktivierung der Wut bringt die Überlebenskraft zurück und führt zum Eindruck, Einfluss auf die Situation nehmen zu können und etwas gegen die Bedrohung tun zu können. Angst lähmt, Zorn mobilisiert. Die Wut meldet sich mit dem Anspruch, die Quelle der Angst zu vernichten, um für immer die Angst zu bannen. Psychodynamisch betrachtet ist sie aber nur eine Kompensation der Ohnmacht, die mit der Angst verbunden ist. Denn nachdem die Wut Raum erhalten hat und sich ausdrücken konnte, sobald also die Wutenergie verpufft ist, tritt schnell wieder die Angst auf den Plan, verbunden mit dem Ohnmachtsempfinden. 

Die Wut wird oft eingesetzt, um andere aufzurütteln und auf die Gefahr aufmerksam zu machen, wie jemand, der als einziger einen Brand wahrnimmt und allen schleunigst mitteilen muss, um die Katastrophe abzuwenden. So fühlt sich die Energie um viele Meldungen, Diskussionen, Demonstrationen und individuelle Ausbrüche an, die im Rahmen der Corona-Krise auftreten: In der Umgebung sind lauter Idioten, die nicht erkennen, worum es wirklich geht und wo die eigentliche Gefahr schlummert.  Die Aufgerüttelten sollen dazu gebracht werden, sich der eigenen Angstgruppe, der eigenen Meinungsblase anzuschließen und sie zu stärken, bis sie so mächtig ist, dass sie das Ruder in die richtige Richtung umreißen kann.

In der Blase gibt es keine wirkliche Entspannung, denn solche Blasen leben davon, dass sich ihre Mitglieder in ihrer Angst bestätigen. Was es dort gibt, ist eine Klarheit über die Guten und die Bösen, also jene, die die Bedrohung verkörpern und Angst machen, und jene, denen vertraut werden kann, weil sie die Angstprägung teilen. Die Blasenmitglieder müssen freilich auch darauf wachsam sein, dass die Ängste im engeren Bereich geteilt werden, dass also alle gleich ticken. Ein gewisses Maß an Misstrauen gehört zum Grundbestand jeder Blase – Misstrauen nach innen und nach außen.

Jenseits der Blasen

Die Ängste, Schamgefühle und Wutemotionen, die im Zusammenhang mit der laufenden Krisensituation auftreten, haben ihre Wurzeln in der Lebensgeschichte der betroffenen Menschen. Voll erwachsene Menschen reagieren auf Krisen mit der Bereitschaft, dort zu handeln, wo es sinnvoll und notwendig ist, dort aufmerksam zu bleiben, wo nichts zu tun ist, aber der Überblick wichtig ist, um zu erkennen, wann etwas zu tun ist, und dort in Gleichmut geschehen zu lassen, was geschieht, wo die eigene Handlungsmöglichkeiten nicht wirken können.

In diesem Sinn wird es wohl wenige voll erwachsene Menschen geben, aber viele, die über ihre Ängste hinauswachsen und ihr Leben nicht von ihnen dominieren lassen wollen. Für sie gilt der Weg, die Ursprünge ihrer Ängste aufzuspüren, zu verstehen und zu integrieren. Jede Angst lähmt, jede verstandene und überwundene Angst gibt uns unsere Handlungsfähigkeit zurück. Wenn wir  die Selbstverantwortung für uns selbst zurückgewinnen, brauchen wir keine Ängste, die unseren Blick, unser Denken und unser Tun beeinträchtigen, und keine Blasen mehr, in denen von der Pflege von Ängsten und Filtern gelebt wird. 

Je weniger Ängste uns blockieren, desto mehr Teile der Wirklichkeit können wir in unser Weltbild einbauen und dadurch unsere Erkenntnis- und Handlungsfähigkeiten ausweiten. Umschließen wir unsere Ängste mit der liebevollen Energie unseres Herzens, so weiten wir den Raum unseres Mitgefühls für uns und für alle. Die Krise bleibt dann im Außen und wird mit unserer Kraft bewältigt, in der Zeit, die es braucht.


Mittwoch, 28. Februar 2018

Müssen Kränkungen krank machen?

Wer hat sich nicht schon einmal gekränkt gefühlt? Wenn uns etwas, oder eher jemand verletzt, reagieren wir mit Beleidigtsein: Du hast mir ein Leid zugefügt. Jetzt leide ich und habe eine Wunde, die du mir zugefügt hast. Ursprünglich verfügen wir über zwei Möglichkeiten, um dieses Beleidigtsein zum Ausdruck zu bringen: Mit Aggression oder mit Rückzug. In jedem Fall brechen wir den fließenden Kontakt ab und fangen statt dessen zu streiten an oder verziehen uns. 

Eine Kränkung bedeutet, dass wir das Gefühl haben, wir hätten an Wert verloren. Jemand anderer hat uns abgesprochen, ein wertvoller Mensch zu sein, indem er z.B. auf unseren Geburtstag vergessen oder uns bei einer Beförderung übersehen hat. Wir zeigen jemandem unsere kreative Produktion, z.B. ein Bild, das wir gemalt haben oder ein Lied, das wir erlernt haben, und stoßen auf höflich kaschiertes Desinteresse. Wir beziehen unseren Wert (für das, was wir tun und für das, was wir sind) aus der Wertschätzung durch andere, und wenn wir statt dessen Ignoranz oder Abwertung bekommen, sind wir enttäuscht und fühlen den Mangel als Beleidigtsein und Kränkung.

Lob und Wertschätzung lässt uns wachsen, Kritik und Abwertung engt uns ein. Was dabei wächst oder schrumpft, ist unser Selbstwertgefühl. Jede Form von Nicht-Annahme einschließlich der Nicht-Beachtung und subtiler Möglichkeiten wie Sarkasmus oder Zynismus kann eine solche Kränkung zur Folge haben. 

Wir verfügen über unterschiedliche Reaktionsmuster: Empörung, Kränkungswut, Ohnmacht, Traurigkeit, Verzweiflung, Scham. Ob wir die Kränkung nach außen zurückgeben oder nach innen wenden, hängt vom Persönlichkeitstyp, von den kindlichen Vorerfahrungen und von der Situation ab. Wenn die Kränkung nicht beigelegt werden kann, sondern immer wieder neu entfacht wird oder lange dahinschwelt, kommt es meist zum Beziehungsabbruch: „Mit so jemandem möchte ich nie wieder etwas zu tun haben.“ Doch ist damit die Kränkung noch nicht ruhiggestellt, vielmehr kann sie immer wieder aufs Neue aufflammen, wenn irgendwelche Gedanken den ursprünglichen Kränkungsanlass beschwören.

Jemand war gemein zu uns, hat uns abgewertet oder benachteiligt, war unfair, und wir haben uns abgewendet und die Beziehung beendet. Doch sobald jemand den Namen der Person erwähnt oder eine andere Assoziation auf die alte Geschichte aufmerksam macht, kann das wurmende Gefühl im Inneren aufsteigen und aggressive Gedanken auslösen: Hätte ich mir damals nicht so viel gefallen lassen, wäre ich doch schon früher ausgestiegen usw.

Gekränktsein ist ein Zeichen für einen Selbstwertmangel


Je vielfältiger die möglichen Auslöser für Beleidigungen sind und je häufiger sie auftreten, desto schwächer ist das Selbstwertgefühl ausgeprägt. Menschen, die sehr an sich selbst zweifeln, neigen dazu, sich sofort in Frage gestellt zu fühlen, wenn sie irgendwo eine Ablehnung vermuten. Oft stellt sich heraus, dass es von anderen Personen gar nicht so gemeint war, aber der Verdacht kommt leicht und schnell, dass andere einen selbst nicht mögen könnten. Solche Menschen haben ihre Sensoren auf Ablehnungsreize geschärft und scannen permanent die Umwelt ab nach möglichen Anzeichen für eine Zurückweisung. Kleinigkeiten können dann schon die Kränkungsreaktion auslösen und eine Wunde im Emotionalkörper erzeugen. Bzw. meint die betroffene Person überhaupt nicht, dass es eine Kleinigkeit ist, sondern ist überzeugt von der Gravität der Ungerechtigkeit oder Respektlosigkeit ebenso wie von der Angemessenheit der Intensität ihrer Reaktion darauf. 

Menschen, die ein fundierteres Selbstwertgefühl haben, sind weniger leicht kränkbar. Sie nehmen weniger von dem, was passiert, persönlich und beziehen weniger Vorgänge in der Umwelt auf sich. Im besten Fall fühlen sie sich nicht betroffen, wenn sie jemand anderer beschimpft, weil sie von sich überzeugt sind, dass sie keine Idioten oder Vollkoffer sein können, auch wenn ihnen das jemand ins Gesicht schreit. Sie können bei sich bleiben und steigen nicht in den Konflikt ein, der sich anbietet.

Das Selbstwertgefühl ist nicht genetisch bedingt oder einfach eine angeborene Charaktersache, von dem die einen mehr und die anderen weniger haben, sondern spiegelt den Grad an Angenommensein und Wertschätzung wieder, der in den frühen Lebensphasen vorherrschend war, begonnen mit der Form des Willkommens beim Eintritt in die Welt. Das Selbstgefühl entwickelt sich in dem Maß, in dem es von außen, von den wichtigen Personen der frühen Kindheit, bestätigt und bestärkt wird. Bei permanenter Infragestellung, Abwertung und Kritik kann sich kein stabiles Gefühl für den eigenen Wert bilden. Wenn dazu noch tiefwirkende Traumatisierungen kommen, wird die Haut noch dünner und die Empfindlichkeit noch größer. Das Misstrauen in die Welt, die es immer wieder böse mit einem selbst meinen könnte, ist ein Misstrauen sich selbst gegenüber, dieser Welt und ihren Unsicherheiten nicht standhalten zu können.

Menschen mit schwächerem Selbstwertgefühl tappen leicht in die Falle des Vergleichens. Sie sehen, dass jemand anderer besser, schöner, intelligenter usw. ist als sie selber, und schon sind sie gekränkt und fühlen sich benachteiligt. Beim Vergleichen schneidet die vergleichende Person immer schlechter ab, auch wenn sie meint, sie wäre besser als jemand anderer, denn dieses Bessersein hängt dann nur vom Schlechtersein der anderen Person ab. Wieder „entscheiden“ andere Menschen über den eigenen Selbstwert.

Wo hingegen eine positiv wertschätzende Atmosphäre in der Kindheit vorherrschte und schwerere Schicksalsschläge ausgeblieben sind, kann sich ein stabileres Selbstwertgefühl bilden, das auf einem festeren Vertrauen in die Welt und ihre Unwägbarkeiten beruht. Es fällt solchen Menschen leichter, die Vielfalt des Lebens im Blick zu haben und sich bei Erfahrungen von Ablehnung andere Erfahrungen zu vergegenwärtigen, die die Ablehnung relativieren. Ein Vorgesetzter kritisiert die eigenen Fremdsprachenkenntnisse, und man findet das Urteil ungerechtfertigt. Statt sich zu kränken, vergegenwärtigt man sich vieler positiver Rückmeldungen und Erfahrungen im Gebrauch der Fremdsprache. Menschen mit einem guten Selbstwertgefühl wissen auch, dass die Umwelt nicht primär dafür da ist, den eigenen Selbstwert zu steigern und dass sie genauso wenig dauernd darauf erpicht ist, diesen Selbstwert zu schmälern. Vielmehr gibt es im Leben immer wieder mal mehr von dem einen und dann wieder mehr von dem anderen.

Der Prozess der Kränkung


Kränkung ist ein Prozess, der in unserem Inneren abläuft und zur Minderung des Selbstwertes führt und uns in Unruhe und Unfrieden bringt. Wir haben das Gefühl, dass uns jemand mit Gewalt etwas weggenommen hat, was unsere Aggressionen mobilisiert. Sie kann sich gegen uns oder nach außen richten. Sobald wir die Kränkung in uns spüren, gehen wir auf uns selber los, indem wir die Kritik von außen mit uns selber wiederholen (Ich bin ja wirklich ein Idiot, wie kann ich nur …), oder greifen die andere Person an (Wie kannst du nur? Was erlaubst du dir?). Der andere ist schuld, dass ich mich gekränkt fühle. Sobald der Vorwurf draußen ist, meint man, das Problem los zu sein. Meistens jedoch reagiert die andere Person mit einem Gegenangriff, und es beginnt der Kampf um die Schuld, jeder will sie loswerden und keiner nimmt sie. Jede Konfliktpartei legt kleinweise ein Schäufchen mehr drauf, der Konflikt eskaliert und wird immer zerstörerischer. Dazu trägt insbesondere die Kränkungswut bei, denn sie will „das Böse“ in der anderen Person zerstören. „Ich will dir noch mehr antun, damit du spürst, wie weh du mir getan hast und damit du es ja nie mehr in der Zukunft wieder probierst.“ 

Im schlimmsten Fall entwickelt sich ein Flächenbrand, der kollektive Dimensionen erreichen kann und irgendwann zu Kriegen führt. Vermutlich könnte die Weltgeschichte als Geschichte von Kränkungen geschrieben werden.

Es geht im großen wie im kleinen, internen Kampf darum, für sich selber die Sicherheit vor Bedrohung herzustellen, indem der Gegner unterworfen und entwaffnet werden soll. Wenn die andere Person endlich fertiggemacht ist, kann ich mich sicher fühlen. Natürlich ist diese Hoffnung trügerisch; ein besiegter Gegner wird immer auf Rache sinnen. Und der Aufwand des Kampfes macht mich selber müde, während die Kränkung im Inneren weiter schwärt.

Das Bedürfnis nach Rache verspricht mir ja, dass es mir besser ginge, wenn die andere Person leidet. Dann würde sie ja verstehen, was ich durchmache. Doch die Rache befreit nicht, weil sie den Konflikt nicht löst, und ihre Folgen sind unabsehbar. Rache erzeugt Rache und so weiter, theoretisch bis ans Ende der Zeit, praktisch bis ans Ende der Ressourcen. Wir können die Lawine der Rache nicht mehr kontrollieren, sobald wir sie losgetreten haben. 

Verantwortung übernehmen


Der Schlüssel für die Heilung der Kränkung liegt im Übernehmen der Verantwortung. Die Kränkung ist mein Problem, ich bin es, der so reagiert, ich könnte auch anders, und primär muss ich selber damit zurecht kommen. Kränkungen setzen dort an, wo ich einen wunden Punkt habe, wo ich eine frühe verletzende Erfahrung nicht verarbeitet habe und wo Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurden. Diese alten Punkte sind der Grund dafür, dass ich aktuell empfindlich und verletzt reagiert habe und die Erfahrung nicht an mir vorbeiziehen lassen kann. Da gibt es wunde Punkte, die nicht vernarbt sind. Sobald ich erkenne, dass da etwas in mir offen ist, wenn ich gekränkt werde, kann ich mich in diesem Bereich schützen und an dem offenen Thema arbeiten. 

Erst wenn ich die Kränkung als meine Unfähigkeit, mit einer unliebsamen oder unerwarteten Erfahrung umzugehen, akzeptiert habe, kann ich einen konstruktiven Weg finden, der den Konflikt mit der anderen Person löst. Das Akzeptieren der eigenen Unfähigkeit erfordert, alle Gefühle anzunehmen, die damit verbunden sind, ohne sie nach außen loswerden zu wollen. Es bedeutet also, den Schmerz der Verletztheit zuzulassen, die Angst (z.B. vor dem Verlassenwerden) zu sich zu nehmen, die Wut zu verlangsamen und die Scham anzunehmen.

Noch ein Wort zur Verlangsamung der Wut. Wut ist ein heftiger Impuls, der häufig übers Ziel hinausschießt, wenn er sofort und ohne Kontrolle losgelassen wird. Er entfaltet dann eine zerstörerische Kraft, die schwere Schäden anrichten kann. Ein australischer Kabarettist hat deshalb den Amerikanern vorgeschlagen, statt automatischer Gewehre nur Musketen zuzulassen, denn das Stopfen und Laden dieser Waffen erfordert ein paar Minuten, und in dieser Zeit könnte der Zorn abkühlen, dass der Impuls, den anderen umzubringen, schon längst verraucht ist, bis die Waffe einsatzbereit ist.

Sobald ich mich selber in meiner Verantwortung angenommen und gestärkt habe, kann ich die andere Person an ihre Verantwortung erinnern. Vorher macht das keinen Sinn, weil es nur dazu führt, dass mit der Schuld Ping-Pong gespielt wird. Einsicht und die Bereitschaft, die eigene Position des Rechthabens zu verlassen, entsteht nur, wenn keine Bedrohung herrscht und keine Aggressionen im Spiel sind. Ich muss also in mir selber zu Ruhe und Klarheit gekommen sein, wenn ich eine konstruktive Verständigung mit der anderen Person schaffen will. Dann wird es wahrscheinlicher, dass die Person, durch die es zur Verletzung gekommen ist, bereit ist, sich mit mir auseinanderzusetzen und den eigenen Anteil an dem Konflikt zu reflektieren. So kann es zu dem Mitgefühl kommen, das uns hilft, die Kränkung zu verarbeiten, Missverständnisse klären sich auf und die Spannung kann versöhnlich beigelegt werden.

Literatur:
Bärbel Wardetzki: Ohrfeige für die Seele: Wie wir mit Kränkung und Zurückweisung besser umgehen können. Dtv, München 2004
Ein Vortrag von Bärbel Wardetzki kann hier gehört werden.

Donnerstag, 16. Februar 2017

Wut - das herausforderndste der Gefühle

Im Repertoire unserer Gefühle hat die Wut einen besonderen Stellenwert, wie schon im früheren Artikel zu diesem Thema beschrieben. Denn es ist offensichtlich, dass wir als Individuen wie als Gesellschaft nur schwer mit dem Zorn zurecht kommen. Wenn jemand weint, wissen wir, dass wir trösten sollen, wenn jemand Angst hat, versuchen wir zu beruhigen und Sicherheit zu geben. Wenn jemand in der Wut ist, tun wir uns schwerer. Denn dieses Gefühl bedroht und fordert dazu heraus, sich zu schützen. 

Allzu schnell kann es passieren, dass unsere Reaktion die Wut nur vermehrt: Beschwichtigung, Rechtfertigung, selber zornig werden, auf Distanz gehen, zur Vernunft mahnen, etc., all dies kann die zornige Person noch aggressiver machen. Eltern fühlen sich oft hilflos mit den Wutausbrüchen ihrer Kinder, Lehrer mit denen der Schüler, und die Ereignisse die der näheren und ferneren Umgebung, die mit Gewalt zu tun haben, füllen die Seiten der Zeitungen, Tag für Tag - Anzeichen der kollektiven Unfähigkeit der Menschheit, mit dem Gefühl der Wut umgehen zu können. 

Die Wut ist ein notwendiges Gefühl, nicht umsonst hat uns die Evolution damit ausgestattet. Wenn jemand in unseren Raum eindringt, ohne dass wir das wollen, müssen wir uns wehren können, weil sonst unsere Integrität oder sogar unsere Identität zerstört werden könnte. Die Wut ist das Gefühl, das die Energien mobilisiert, die für die Verteidigung gebraucht werden. Wenn wir keinen Zugang zu unserem Zorn haben, sind wir den Machteinflüssen, die von außen kommen, wehr- und hilflos ausgeliefert. Unsere Grenzen werden überrannt, ja es ist geradezu so, dass wir, ohne es zu wollen, andere, die ihren Machtraum ausdehnen wollen, einladen, diesen unseren Raum für sich in Besitz zu nehmen. 

(Das mit der Wut verbundene Phänomen der Macht können wir so verstehen, dass sich die Macht, ähnlich der Luft oder dem Wasser, immer dorthin ausbreitet, wo ein Mangel ist, ein Vakuum. Macht hat die Tendenz, sich so weit auszudehnen, bis sie auf eine Grenze stößt, wie ein Hochwasser, das allen Raum einnimmt, wo noch kein Wasser ist, bis eine wasserfeste Grenze Einhalt gebietet. Dazu kommt, dass die Macht, wie die Wut, im vorrationalen Bereich angesiedelt ist, dass also Argumente gegen ihren Expansion nichts ausrichten können.)

Wie kann die Regulation von Wut gelernt werden?


Die Wut als "reines" Gefühl zeigt sich im 2. Lebensjahr. Entwicklungsdynamisch geht es in dieser Phase darum, dass sich das Kleinkind aus der Abhängigkeit von den Elternpersonen lösen muss. Es sucht die Lösung aus der Bindung, um ein eigenes autonomes Individuum werden zu können. Nur kann die Lösung aus der Bindung in diesem Alter nur innerhalb der Bindung erfolgen, also innerhalb eines Rahmens von Sicherheit. Wird jedoch die Bindung von den Erwachsenen in Frage gestellt oder abgebrochen, sobald sich das Kind "daneben benimmt", gerät das zornige Kind in eine Falle: Bin ich zornig, verliere ich jede Sicherheit, bin ich nicht zornig, kann ich nicht zur Autonomie kommen. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten, und aufgrund verschiedener Umstände wählen die einen die "progressive" Alternative, indem sie immer wieder wütend werden, bis die Erziehungspersonen resignieren. Sie lernen, dass sie nur über Wut ihren Willen durchsetzen können. Die anderen versuchen, das Gefühl der Wut zu unterdrücken, oft bis zu dem Punkt, dass sie später gar nicht mehr wissen, dass sie so ein Gefühl jemals hatten, und sie wundern sich, wenn andere wütend werden. Sie passen sich an und werden brave, nach Alice Miller "begabte" Kinder, also Kinder, die darauf dressiert sind, alles zu vermeiden, was die Eltern unzufrieden machen könnte. Diese Kinder verhalten sich regressiv, weil sie auf die Entwicklung ihrer Autonomie verzichten, während die anderen ihre Autonomie nur mittels Gewalt behaupten können. Die einen gehen den Weg des geringsten und die anderen den des maximalsten Widerstandes. Beide Wege sind gleichermaßen ungesund für das innere Wachstum. 

Der Wütende ist in seiner Wut hilflos. Das ist die Erfahrung des Kleinkindes, und es signalisiert auch: Ich kann jetzt nicht anders, helft mir, dass ich wieder rauskomme. Die kindliche Wut enthält einen starken Appell, der oft mit einer enormen Wucht und Lautstärke zum Ausdruck kommt und den ganzen Passagierraum eines Flugzeugs oder Bahnwaggons ausfüllt. 

Es ist die Verantwortung der Großen, dem Kind einen Weg zu zeigen, wie es selber eine Wut regulieren kann. Dazu brauchen die Erwachsenen für sich eine Wutkompetenz, also die Fähigkeit, aus der Kenntnis dieser Emotion ihre Kraft und ihre Grenzen zu kennen und damit so umgehen zu können, dass das Gefühl weder unterdrückt noch explosiv ausgedrückt werden muss. Sie brauchen also selber genügend Erfahrungen im druckfreien und selbstverantwortlichen Umgang mit der Wut. 

Im günstigen Fall bleiben die Eltern in kommunikativem Kontakt mit dem Kind. Das kann nonverbal oder verbal sein. Sie lassen sich nicht in Stress bringen, auch wenn das Kind im Stress ist. Sie geben dem Kind die Rückmeldung, dass sie bei ihm bleiben, ohne aber dem Inhalt der Wut nachzugeben. Erst wenn sich das Kind beruhigt hat, kann auf den Anlass des Gefühlsausbruches eingegangen werden.

Wird das Kind beispielsweise wegen eines Verbots zornig, so macht es keinen Sinn, während des Wutprozesses zu erklären, warum das Verbot notwendig ist. Vielmehr kann das Kind erst verstehen, was gemeint ist, wenn es sich wieder beruhigt hat.

Hilflose Kinder und hilflose Eltern


In vielen Fällen allerdings geschieht das Gegenteil: Die hilflos wütenden Kinder machen die Eltern hilflos. Beide Seiten verzweifel, und die Eltern erscheinen gleich inkompetent wie die Kinder. Das ist natürlich nicht deren Schuld, weil sie selber als Kinder keine Wutregulation lernen konnten, und auch in den Schulen kein Unterrichtsgegenstand dafür vorgesehen ist. So retten sich die meisten mit der Wutstrategie, die sie im Überlebenskampf der frühen Kindheit erworben haben, durchs Leben, bis sie selber wieder Eltern werden - ein Staffellauf der missglückten Wutintegration. Die Einzelschicksale summieren sich in der gesellschaftlichen Manifestation der Unfähigkeit gegenüber dem Phänomen der Wut.


Wutregulation als gesellschaftliche Aufgabe


Das Problem der Wutregulation ist kein triviales und auch nicht nur ein privates, sondern, wie eingangs erwähnt, es formuliert eine zentrale Aufgabe für jede Gesellschaft. Denn die Energien, die in der Wut stecken, können Gesellschaften von ungerechten Strukturen befreien, aber auch ins Chaos stoßen, wie wir an vielen Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart sehen können. 

Aus der therapeutischen Arbeit wissen wir, dass viele Menschen, wenn sie tiefer in sich hineinspüren, auf eine immense Wut stoßen, eine, von der sie meinen, dass sie, wenn ausgedrückt, alles zerstören würde.

Es ist die Wut des Kleinkindes, das sich der Macht des Gefühls hilflos ausgeliefert fühlt und dem der Rahmen für ein Verstehen fehlt, wenn ihn die Eltern nicht bieten können. Bei erwachsenen Menschen kann sich diese hilflose und zugleich ungeheure Wut ausdrücken, wenn es dafür eine Rechtfertigung gibt, wenn also die gesellschaftliche Hemmung der Aggression durch eine andere gesellschaftliche Kraft aufgehoben wird. Denken wir an die angepassten Kleinbürger, die in der SS-Uniform zur Bestie wurden. 

Die Terroristen unserer Zeit ziehen die Rechtfertigung ihrer öffentlich inszenierten Wutausbrüchen aus der Identifikation mit einem Kollektiv und einer Ideologie: Meiner Gemeinschaft, meinem Volk, meiner Religion wurde so viel angetan, dass ich in meiner immensen Wut darüber nur einen Bruchteil davon ausgleichen kann, indem ich einige Dutzend Menschen umbringe. Das reicht lange nicht dafür, dass der Schaden, der mir und meiner Gemeinschaft zugefügt wurde, wieder gutgemacht werden könnte. So unschuldig, wie ich und mein Kollektiv zum Opfer wurde, so unschuldig können und sollen die Opfer meiner Wut sein. Die Schuld liegt bei den anderen und muss durch Opfer gesühnt werden. Auf diese Weise gelingt es auch, mit dem Widerspruch zurecht zu kommen, der entsteht, wenn die Opfer Angehörige der eigenen Gruppe, Religionsgemeinschaft oder Nation sind.

Der Terrorist sieht sich als legitimer Vertreter einer Gemeinschaft, für die er mit seiner Gewalttat etwas zum Ausgleich bringen will, was durch Gewalt verursacht wurde. Er darf, ja, er muss tun, was als einzige Möglichkeit zur Verfügung steht: Gewalt durch Gewaltausübung auszugleichen. So wie ihm kein Mitgefühl zuteil wurde, so braucht er kein Verständnis für die Opfer seiner Taten haben.

Alles an Grausamkeit, was ihm als Kleinkind widerfahren ist, wird der Welt angetan, denen, die nichts von diesem Leid wissen, aber durch das Leid, das ihnen zugefügt wurde, verstehen sollen, worin ihr Verschulden liegt.

Die kollektive Wutregulation 


Trivial ist die Frage der Bildung im Bereich der Wut auch deshalb nicht, weil die Flexibilität der Gesellschaft davon abhängt, wie weit die kollektive Wutregulation funktioniert. Wenn z.B. unserer Gesellschaft durch Zuwanderung neu aufgemischt wird, löst die Verunsicherung im bestehenden System Ängste und darauf aufbauend Wut aus. Die Zunahme von Hass in sozialen Netzwerken ist ein Symptom dafür, wie fragil das Wutmanagement in einer Gesellschaft ist, in der die Wutunterdrückung nur notdürftig geregelt ist. Kaum tritt ein neuer Faktor auf, der  destabilisierend wirken könnte, verschaffen sich die in den Tiefen der Seele schlummernden Wutgefühle ein Ventil. Hass schwabbert hoch, sobald Menschen ihre Grenzen bedroht fühlen, Ohnmacht und Hilflosigkeit erleben. Auch sie meinen, dass die Wut- und Hassgefühle angesichts objektiver Faktoren berechtigt sind, ohne zu merken, dass sich in ihnen die ohnmächtigen und hilflosen Kleinkinder melden und nach Verständnis, Schutz und Ausgleich verlangen.

Wut im kommunikativen Rahmen


Was wir lernen müssen, als Individuen, in Gruppen und in der Gesellschaft, ist die Einbeziehung der Wut in die Kommunikation. Hier ist der Raum, in dem wir sie zähmen können, ohne sie zu unterdrücken. Die Wut kann im Rahmen bleiben, wenn der Kontakt nach außen weiter besteht. Die isolierte Wut ist es, was nach innen und nach außen zerstörerisch wirkt. Wutmanagement besteht also darin, die Wut in den Austausch und in den Kontakt einzubinden. Damit wird dem wütenden inneren Kind signalisiert: Du darfst deine Wut haben, sie ist weder gut noch böse, sondern ein Ausdruck dessen, was in dir gerade vorgeht. Die Wut kommt und sie geht auch wieder, und ich bleibe die ganze Zeit, die es dafür braucht, bei dir und mit dir. Ich kenne diese Wut und ich weiß, was es braucht, damit sie da sein kann und gut wieder abfließen kann. Die Angelegenheit, um die es geht, kann besser im ruhigen Gespräch geklärt werden, so dass eine Lösung gefunden werden kann, mit der beide Seiten gut leben können.

Es ist auch wichtig, dass die Hassposter nicht in ihrer Blase bleiben, indem sich andere einmischen, die andere Meinungen vertreten, ohne die aggressive Sprache zu teilen. Dann kann deutlich werden, dass der Hass ein Randphänomen in einer Gesellschaft ist, die (noch) ihre Auseinandersetzungen kommunikativ, im Diskurs auflösen kann. Der Hassposter kann sich dann selber entscheiden, sich vom Rand weg zu bewegen in einen Bereich, wo seine Ansicht Gewicht bekommen kann, indem sie in einer respektvollen Sprache abgefasst ist, oder am Rand zu bleiben, wo er Außenseiter und Minderheit bleibt.

Alle also, die nicht wollen, dass die Ränder ins Zentrum drängen und statt dessen eine gesellschaftliche Mitte wünschen, in der die Vernunft im Sinn der gewaltfreien Kommunikation einen bestimmenden Rang behält, müssen auch das Ihre dazu beitragen, dass den Ausbrüchen unzivilisierter und respektloser Wut ziviler Widerstand entgegengesetzt wird. So kann die Gesellschaft offen bleiben und ihre seit Jahrhunderten erkämpften Freiheiten aufrecht erhalten.

Zum Weiterlesen:
Der Bösewicht in uns
Was tut gut an der Wut? 
Die passive Aggressivität

Sonntag, 30. Oktober 2016

Was tut gut an der Wut?

(In diesem Artikel werden die Begriffe Wut, Zorn und Aggression synonym verwendet.)

Wut ist eine schwierige Emotion, weil sie zerstörerisch wirken kann, wenn sie keine Grenzen kennt, und die Lebenskraft einschränkt, wenn sie beschnitten ist. Jedes heranwachsende Kind stellt um das zweite Lebensjahr herum seine Eltern vor die Aufgabe, mit seiner Wut zurechtzukommen. Es erlebt seinen Willen und die Einschränkungen, die ihm auferlegt werden. Daran entzündet sich der Zorn.

Zorn in der Kindererziehung


Die Eltern können mit diesem Zorn in dem Maß umgehen, wie sie mit ihrem eigenen Zorn zurechtkommen. Und diese Kompetenz hat sich maßgeblich in der eigenen Kindheit ausgeprägt. Haben sie in ihrer Kindheit gelernt, dass das eigene Wütendsein zu Liebesverlust und Abwertung führt, so besteht die Kompetenz nur darin, Angst vor der eigenen Wut zu erleben. Die Kraft der Wut ist dann in einer Angst eingekapselt. Oder sie haben gelernt, dass es für die Wut keine klaren Grenzen gibt, sodass sie, für sich selber uneinsichtig, in manchen Situationen übermäßig wütend werden und in anderen sich zuviel gefallen lassen. Die Wut schießt einmal massiv nach außen und zerstört unnötig viel und steht ein andermal nicht zur Verfügung, wo sie gebraucht würde.

Der wirklich kompetente Umgang mit der eigenen Aggressivität wird dann erworben, wenn die Eltern keine Angst vor der Wut ihrer Kinder haben. Dazu müssen sie die eigene Wut kennen und handhaben können. Sie können spüren, wenn sie zornig sind, müssen das aber nicht in jeder Situation ausleben. Sie haben ein wertschätzendes Verhältnis zu diesem Gefühl, ohne es zu verherrlichen. Sie wissen um die Wichtigkeit, einen guten Zugang zur eigenen Lebenskraft und Selbstbestimmtheit zu haben, und um die Notwendigkeit, die Äußerung von Zorn dosieren und situationsadäquat anpassen zu können. 

Mit dieser inneren Sicherheit und Stärke können sie die Kinder gut durch die Zeit der Entdeckung des Zorns führen. Sie werden ihre Kinder nicht für ihren Zorn abwerten, missachten oder sogar bestrafen, sondern verstehen, dass das Gefühl eine Bedeutung und einen Sinn hat, auch wenn dieser nicht immer verstanden werden kann. Zugleich werden sie dem Kind mit ihrer eigenen aggressiven Kraft Grenzen setzen. Diese Kraft kommt im besten Fall aus der Macht des Herzens, also aus einer Liebe, die Grenzen setzen kann, ohne zu verletzen und herabzusetzen. 

Mit solchen Erfahrungen lernt das Kind mit der Zeit, ein Verhältnis zur eigenen Emotionalität zu entwickeln, das beiden Seiten gerecht wird. Einerseits wird die Wut als Quelle der Kraft, der Durchsetzung eigener Interessen, des Ausdrucks von Bedürfnissen und der Wahrung von wichtigen Grenzen wertgeschätzt. Andererseits wird ihr zerstörerisches Überborden verhindert, indem die Wut nie die Alleinherrschaft im Bewusstsein erlangen kann, sondern ihr immer noch eine Instanz vorgelagert ist, die den emotionalen Ausbruch eindämmt und umfängt. Das ist der Riegel, der verhindert, dass sich die Wut in Gewalttätigkeit verwandelt, die keinen Respekt für die Würde anderer Menschen und für den Wert von Dingen kennt und sich in sinnloser Zerstörung selbst vernichtet.

Die Unterdrückung der Wut und die Folgen


Die unterdrückte Wut sucht sich andere Kanäle. Eine Vermutung besteht darin, dass die Menschheit immer wieder Kriege untereinander beginnt, weil damit dem Zorn ein legaler Weg eröffnet wird. Die aggressiven Strebungen werden für ein Ziel eingesetzt, das einem höheren Zweck dienen soll. Jeder Krieg stellt eine enorme Entfesselung der Wut und zugleich deren weitere Unterdrückung dar. Die ganze Aggression muss nach außen gerichtet werden, auf die Vernichtung des äußeren Bösen, das im Feind kristallisiert ist, während das Innere der Gesellschaft frei von Zorn bleiben muss. Jede falsche Orientierung der Wut wird strengstens bestraft.

Deshalb wirken Kriege nie als Therapeutikum, nicht einmal in Hinblick auf die Ökologie der Wut. Die Gewinner wie die Verlierer eines Krieges schleppen ein verunsichertes Missverhältnis zu diesem Gefühlskomplex weiter und übergeben es der nachfolgenden Generation, die wiederum kein ausgeglichenes Verhältnis dazu entwickeln kann.

Bedenkenswert ist auch der Raum für die Wut in der digitalen postmodernen Welt. Wir benötigen immer mehr Feinsteuerung im Umgang mit den komplexen digitalen Geräten, und das verträgt sich nicht mit der Grobheit dieses Gefühls. Wenn wir wütend sind, vertippen wir uns und finden nichts im Dschungel der Apparate. Ein Wutschwall kann die Arbeit eines halben Tages vernichten. 

Deshalb braucht diese Welt ein hohes Maß an Wutkontrolle und -unterdrückung. Sie fordert Personen, die wie Maschinen fehlerfrei und daueraktiv funktionieren. Die Wut, die eine solche Forderung naturgemäß in den Menschen hervorruft, muss auf besondere Weise unten gehalten werden, weil sie die Existenzberechtigung in der digitalen Gesellschaft untergräbt. Die Naturferne im digitalen Raum ist auch eine Gefühls- und insbesondere eine Wutferne.

Deshalb muss sich die Wut heutzutage kreative Nischen suchen, z.B. im Sport, der vielen dazu dient, die Spannungen, die sich im Körper unter den Anforderungen der funktionalen Berufswelt aufbauen, wieder loszuwerden. Wo kein kreativer Weg gegangen wird, gerät die Wut in ungesunde Kanäle, sei es als Aggression und Hass gegen Andersdenkende oder Randgruppen, sei es als Selbstaggression in Süchten und Abhängigkeiten bis zu Autoimmunerkrankungen.

Bevor es dazu kommt, ist es ratsam, sich von innen her mit die verschiedenen Facetten der Wut zu beschäftigen, um sie kennenzulernen und mit ihnen kreativ und konstruktiv umgehen zu können.

Zum Weiterlesen:
Der Bösewicht in uns
Die Wut - das herausforderndste Gefühl
Die passive Aggressivität