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Dienstag, 23. Dezember 2025

Der Atem ist das Zentrum

Der Atem spielt eine zentrale Rolle in unserem Leben. Er ist unmittelbar dafür zuständig, dass wir leben. Unser Leben wäre ohne unsere Atmung sehr schnell zu Ende. Des Nachts könnten wir kein Auge zudrücken, wenn wir immer darauf achten müssten, dass wir noch atmen. Setzt die Atmung auch nur kurz aus, entstehen sofort Überlebensängste.

Sobald wir uns der lebenserhaltenden Funktion der Atmung bewusst werden, indem wir unser Atmen wahrnehmen, tritt unser Ego zurück, das sich sonst für unser Überleben zuständig fühlt. Wir erkennen, dass wir einer größeren Kraft all das schulden, was uns ausmacht, unsere Talente, unsere Stärken, unsere Potenziale. Im Bewusstsein dieser Erkenntnis wird unser Ego sofort unwichtiger, seine Ungeduld, Bedürftigkeit und Reaktivität tritt in den Hintergrund. An seine Stelle tritt fast ohne unser Zutun eine Einstellung der Dankbarkeit, Genügsamkeit und Hingabe.

In der unmittelbaren Atembewusstheit erscheint uns alles, was gerade ist, gut so, wie es ist. Denn es ist nichts zwischen uns und dem momentanen Geschehen. Wir sind in dem, was gerade geschieht, und das, was gerade geschieht, ist in uns. Es verschwindet also in diesen Erfahrungen der Unterschied zwischen Innen und Außen.

Das Gute, Wahre und Schöne

Im Bewusstsein der Akzeptanz und der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit sind wir mit den eminenten Qualitäten des Guten, Wahren und Schönen verbunden, nicht auf abstrakte Weise, sondern als implizite Erfahrung, als etwas, das der Atemerfahrung innewohnt. Denn wenn wir im Moment verweilen, ist alles da, was es braucht – Einatmen, Ausatmen. Es wird uns intuitiv klar, was gut, wahr und schön ist. In der Reflexion können wir erkennen, dass das Böse, Falsche und Hässliche nur Raum in unserem Bewusstsein einnehmen kann, wenn wir aus dieser Einheit mit dem Moment herausfallen.

Atembewusst wissen wir also, wie wir mit anderen Menschen umgehen können, damit wir uns wohl und sicher fühlen können und zugleich ihnen das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen geben. Wir wissen also, was notwendig ist und wie wir uns verhalten müssen, damit die Menschen in Respekt, Würde und Frieden miteinander leben können. Es leuchtet uns ein, was gut ist und was böse, was guttut und was Schaden anrichtet. Es wird uns klar, dass wir mit Bösem uns selbst am meisten Unheil bereiten. Wir erkennen, dass das Gute genau das ist, was wir tun wollen. Wir sehen ein, dass das gute Handeln am einfachsten ist und uns am meisten Freude bereitet.

In der Atembewusstheit sind wir mit der Wahrheit direkt verbunden. Denn der momentane Atemzug ist die wahre Wirklichkeit dieses Moments. Es gibt nichts Unwahres an einem Atemzug. Wir verstehen, dass es zu unseren Aufgaben gehört, immer wieder für die Wahrheit einzutreten. Die Wahrheit hält die Gemeinschaft zusammen, die sich in ihrem Licht über eine gemeinsame Interpretation der Wirklichkeit verständigen kann. Unwahrheiten zu verbreiten, um z.B. daraus eigene Vorteile zu ziehen, ist gemeinschaftsschädigend und damit auch selbstschädigend. 

In jedem Atemzug liegt etwas Schönes, wenn wir ihn bewusst wahrnehmen. Er bietet uns die Chance, genau diesen Moment des Lebens in seiner Schönheit zu entdecken, indem wir ihn so nehmen, wie er ist. Dann zeigt er sich in seiner Einzigartigkeit und Fülle. Indem wir einen Schritt weitergehen, werden wir uns der Schönheit in allen Menschen und Dingen bewusst. Die Kunst beginnt mit dem Einatmen. Unser erster Einatemzug war die erste Informationsaufnahme aus einer noch völlig fremden Welt, mit dem wir zu einem Teil von ihr wurden. Seit diesem Ereignis haben wir die Möglichkeit, in jedem Einatmen die Lust auf Neues und die Bereitschaft für Überraschungen zu finden, die Grundlage für Wissenschaften und Kunst. Wir sind also dank unseres Atems alle potenzielle Wissenschaftler und Künstler.

Lebensvertrauen

Der Atem gibt uns das Vertrauen ins Leben. Wenn wir uns ihm anheim geben, bemerken wir, dass er weiterfließt, was auch immer uns das Leben an äußeren und inneren Herausforderungen beschert. Manchmal stockt er vielleicht, wenn wir im Schock sind. Doch irgendwann löst sich die Blockierung wieder auf, und der Atem fließt weiter und führt uns aus der beängstigenden Situation heraus, und dann weiter, von einem Moment zu nächsten, kontinuierlich und unermüdlich. Er enthält die Botschaft, dass es immer weiter geht, auch wenn Situationen manchmal ausweglos erscheinen. Er flüstert uns zu, weiterzumachen statt aufzugeben, wenn es mühsam oder unbequem erscheint. Und er gibt uns ein Gefühl der Befreiung, wenn wir wieder in ruhigeres Fahrwasser geraten.

Verbindung von Innen und Außen

Der Atem verbindet uns mit der Wirklichkeit in uns und außerhalb von uns. Mit der Atembewusstheit sind wir automatisch in unserer Innenwahrnehmung und spüren uns selbst. Wir nehmen wahr, wie es uns gerade geht, welche Gefühle da sind und welche Stimmung vorherrscht. Der Atem informiert uns zudem über die Wirklichkeit um uns herum. Wir nehmen die Temperatur auf, die Gerüche geben uns einen Eindruck über die Verfasstheit und Gestimmtheit der äußeren Realität. Atembewusst sind wir immer in der aktuellen Wirklichkeit und nicht in den Gedanken, die entweder mit der Vergangenheit oder mit der Zukunft zu tun haben. 

Die Zeit des Atems

In Verbindung mit dem Fluss des Atems sind wir also in der momentanen Zeit. Der Atem zeigt uns folglich eine ganz andere Zeiterfahrung als das Denken, das zwischen Vergangenheit und Zukunft auf einer linearen Zeitachse mäandert und oszilliert. Die Atem-Zeiterfahrung ist eine, die mehr mit Ewigkeit und Zeitlosigkeit als mit Linearität zu tun hat. Denn sie ist die direkte Erfahrung der Veränderung selbst, ohne Inhalte, die sich verändern.

Wir wachsen mit in der Zeit. Jeder Atemzug macht uns reicher, reicher an Erfahrung und Einsicht. Wir erkennen, dass das Leben ein fortgesetzter Prozess des Lernens und Erweiterns ist, dass wir die Möglichkeit haben, immer mehr Aspekte der Wirklichkeit kennen- und verstehen zu lernen. Wir nähern uns also zunehmend der Wirklichkeit an, wenn wir diese Chancen ergreifen: Uns von der Wirklichkeit inspirieren zu lassen, indem wir sie neugierig einatmen. 

Der Weg zur Einfachheit

Der Atem führt uns zur Einfachheit. Es ist das Denken, das die Komplexität hervorbringt. Wenn sie uns zu viel wird, genügt die Besinnung auf den Atem, um erkennen zu können, was wichtig und was unwichtig ist, was zu tun und was zu lassen ist. Die Wahrheit des Atems ist immer einfach und zugleich einleuchtend. Wo das Denken Zweifel hervorbringt, zeigt uns der Atem die Klarheit. Wo das Denken in Verwirrung gerät, öffnet uns der Atem den Durchblick. Bewusst atmend, unterbrechen wir das wildgewordene Denken und finden zurück zu uns selbst.

Integration auf allen Ebenen

Der Atem integriert uns auf allen Ebenen unseres Seins. Er ist in alle lebenserhaltenden Funktionen unseres Körpers eingebunden. Er hält die Prozesse am Laufen, nicht nur, indem er permanent den dafür notwendigen Sauerstoff liefert, sondern auch dadurch, dass er den Körper in Bewegung hält, Tag und Nacht. Selbst wenn sich das Leben im Tiefschlaf auf sein absolutes Minimum zurückzieht, geht die Atmung weiter. Selbst wenn der Körper (mit Ausnahme der Augenbewegungen) in den REM-Phasen des Schlafes erstarrt, arbeiten die Atemmuskeln weiter. Die willentliche Beeinflussung der Atmung können wir nutzen, wenn wir unsere Gesundheit stärken wollen. Denn eine „richtige“ Atmung ist der Garant für den nachhaltig gesunden Organismus.

Der Atem begleitet und unterstützt unser Gefühlsleben. Jedes Gefühl hat sein eigenes Atemmuster, mit dem es seinen Ablauf gestalten kann. Gefühle nutzen also die Atmung, um sich zu entfalten und zu ihrem Ausdruck zu finden. Wir können zusätzlich über unsere Atmung unsere Gefühle regulieren. Einerseits hilft uns die Atmung, Gefühle, die uns wegen ihrer Heftigkeit plagen, zu beruhigen, andererseits hilft sie uns, den Zugang zu Gefühlen zu finden, die in uns verschlossen sind, aber uns dennoch belasten. Für manche ist es wichtig, den Zugang zu ihrer Wut zu finden, damit sie sich in ihrem Leben nicht mehr alles gefallen lassen müssen. Für andere ist der Zugang zu Gefühlen der Trauer und des emotionalen Schmerzes verschlossen und sie geraten in Gram und Depression; die Atmung kann sie dabei unterstützen, die Trauergefühle ins Fließen zu bringen, sich dadurch Erleichterung zu verschaffen und die Lebendigkeit zurückzugewinnen.

Das erste Tor zur geistigen Welt

Der Atem ist das erste Tor zur geistigen Welt. Jede Meditation ist bewusstes Atmen, und bewusstes Atmen ist Meditation. Die Besinnung auf den Atem ist die Besinnung auf das, was uns im Inneren ausmacht, auf das Geistige in uns. Wer wir sind, erfahren wir im Atem, immer wieder aufs Neue, sobald wir uns unseres Atems versichern. 

Der Atem selbst ist kein Ding und auch kein Prozess, sondern das, was sich im Atmen manifestiert. Wie sich der Geist in den Abläufen der Realität manifestiert, gibt sich der Atem in jedem Atemzug Gestalt. Ohne „den Atem“ ist das Atmen ein rein mechanischer Vorgang. Diese Sichtweise ist aber nur einer unbeteiligt beobachtenden Person möglich. Für die atmende Person ist es immer der Atem, der durch das Atmen aktiviert wird. Das gilt auch für den Atem einer beobachtenden Person. 

Wie es keine Materie ohne Immaterielles gibt, gibt es kein Atmen ohne den Atem. Genauer gesagt, erscheint das Materielle nur als ein Abstraktum, also als etwas Herausgezogenes, etwas, das einer Ganzheit für bestimmte Zwecke entrissen wird. Wenn wir das Atmen von einem äußerlichen Gesichtspunkt beobachten, trennen wir das Geistige daran von ihm ab, um damit Erkenntnisse zu gewinnen oder Eingriffe vornehmen zu können, die wir sonst nicht erreichen würden. Frei von jeder Zweckmäßigkeit ist es allein der Atem, der in jedem Atemzug fließt, der jeden Atemzug ausfüllt.

Der Atem spielt also eine führende Rolle auf allen Ebenen unseres Seins. Außerdem verbindet er diese Ebenen beständig, sodass sie nicht als unterscheidbare Aspekte unseres Seins auftreten, sondern als Ganzheit erlebt werden. Jeder Atemzug ist zugleich und untrennbar körperlich, seelisch und geistig. Die Atembewusstheit ist deshalb immer körperlich, seelisch und geistig. In ihr gibt es keine Unterscheidung dieser Aspekte, sie sind im Atem eins, und das heißt, wir sind im Atem eins mit uns selbst. In ihr gibt es auch keine Unterscheidung zwischen der Innenwelt und der Außenwelt, also sind wir insgesamt eins mit der Welt.

Zum Weiterlesen:
Respiratorische Philosophie im Überblick
Atemerfahrungen und Kunst
Atemresilienz angesichts der Krise
Innehalten


Donnerstag, 27. März 2025

Respiratorische Philosophie im Überblick

Der Atem ist der Anfang und das Ende. Der Bogen jedes menschlichen Lebens wird durch den Atem eingeleitet und endet mit dem Atem. Von atmenden Menschen gezeugt und geboren, setzt nach der Geburt der erste Atemzug ein und markiert den Beginn des selbständigen Lebens. Die Atmung fließt weiter, bis zum letzten Ausatemzug. 

Diese Erkenntnis bildet den Ausgangspunkt für die respiratorische Philosophie. Ich beziehe mich im Folgenden auf Petri Berendtson, einen Hauptvertreter dieser philosophischen Richtung. Er nennt seinen Ansatz eine phänomenologische Ontologie des Atems. Er sieht das menschliche Leben nicht nur als „In-der-Welt-Sein“, wie es Martin Heidegger formuliert hat, sondern viel grundlegender als „In-der-Welt-Atmen“. Die Begegnung mit dem Sein ist immer eine Begegnung mit dem Atem, bzw. geschieht diese Begegnung im Atem. Damit ist der Atem das Sein, in dem die Seinserfahrung stattfindet.

Im Atem geschieht folglich vor jeder Wahrnehmung (die in der Phänomenologie von Maurice Merleau-Ponty im Zentrum steht) und vor jedem Denken (nach Descartes) der Vollzug des Seins. Wir atmen, auch wenn wir nichts wahrnehmen (z.B. im Tiefschlaf) oder wenn wir nichts denken. Dieses atmende „In-der-Welt-Sein“ geschieht vor jeder Bewusstheit und Reflexion, und jede Bewusstheit, jede Reflexion ist atmend. Also wird der „wahrnehmende Glaube“ (foi perceptive) von Merleau-Ponty in der respiratorischen Philosophie zum atmenden Glauben. Dieser Glaube hat nichts mit Religion zu tun. Er bezeichnet vielmehr eine vorbewusste Überzeugung, dass die Welt da ist, bestätigt mit jedem Atemzug. Die Erkenntnis, dass es eine Welt gibt, ist immer zugleich die Erkenntnis, dass es eine atmende Welt ist, in der wir atmend existieren. Der atmende Glaube ist kein bloß psychologisches Phänomen, sondern eine existentielle Struktur – wir existieren nur durch und mit der Luft, die durch das Atmen zu unserer Lebensquelle wird.

In der Atmung erfahren wir, dass das Innen und Außen nicht strikt getrennt sein können. Das atmende In-der-Welt-Sein ist durch ein beständiges Ineinander-Übergehen von innen und außen gekennzeichnet. Die ein- und ausströmende Luft ist zugleich Eigenes wie Fremdes, immer ineinander vermischt.  Mit jedem Atemzug werden das Innere zum Äußeren und das Äußere zum Inneren. Das Leben ist ein dynamischer Austauschprozess, bei dem die Atmung die grundlegende Gestaltung vornimmt und das Medium bildet, in dem alles stattfindet. Wir sind in jedem Moment in der Welt und die Welt ist in uns, durch die Luft, die in uns einströmt und aus uns entweicht. Die Luft, die wir aufnehmen, verändert uns, und wir verändern die Welt um uns mit der Luft, die wir ausatmen. 

Das atmende In-der-Welt-Sein ist ein verkörpertes Sein, denn die Atmung ist ein physiologischer Vorgang, der ohne einen Körper nicht stattfinden kann. Auf der anderen Seite erschöpft sich der atmende Lebensvollzug nicht in einem leiblichen Prozess, sondern enthält zugleich einen immateriellen Anteil. Denn jeder Atemzug ist ein Informationsaustausch. Jedes Luftmolekül, das in uns über die Atmung gelangt, enthält Informationen, die in uns empfangen und verarbeitet werden; jedes ausgeatmete Teilchen wiederum gerät in die äußere Welt und entfaltet dort seine Wirkung. Wir kennen diesen Informationsgehalt der Luft, wenn wir Gerüche wahrnehmen, doch enthält sie noch viel mehr andere Dimensionen, von denen uns die meisten nicht bewusst sind und die dennoch Wirkung in uns entfalten. 

In den östlichen Philosophien ist viel von diesen unsichtbaren Energien die Rede, sei es als  Qi im Taoismus oder als Prana im Hinduismus. Diese beiden Begriffe sind eng mit der Atmung verbunden. Die respiratorische Philosophie verbindet also auch westliche und östliche Denktraditionen.

Literatur:
Petri Berendtson: Phenomenological Ontology of Breathing: The Respiratory Primacy of Being. Rutledge 2023


Sonntag, 16. Juli 2023

Die eigene Geschichte und das Schicksal

Es gibt kein Schicksal in der äußeren Wirklichkeit, sondern nur Abläufe und Geschehnisse. Der Begriff Schicksal entsteht in unserem Denken, er ist ein Konzept des Bewusstseins. Es handelt sich um die Benennung und Bewertung unseres Erlebens in bestimmten Momenten, als Bezeichnung für eine Erfahrung, die etwas Unbegreifliches enthält. Das Schicksal stößt uns zu, gewissermaßen ruckartig und gewaltsam tritt es in unser Leben und nimmt uns voll in Beschlag. In der Rückschau ragen die schicksalhaften Erlebnisse wie mächtige und dunkle Marksteine aus der Umgebung heraus: Nach solchen Vorkommnissen war nichts mehr wie früher, das Leben wurde ein anderes.

Wenn wir an das Schicksal denken, fallen uns sofort äußere Ereignisse ein, die uns stark betroffen haben: Unerwartete Todesfälle, Unfälle, Krankheiten und andere emotional belastende Erfahrungen. Wir erleben sie als von außen kommend, die dann unser Inneres ergreifen und erschüttern. Was hat es nun mit unserem Innenleben auf sich, ist da auch die Macht des Schicksals aktiv?

Unverfügbare Abläufe in unserem Inneren

Wir haben den Eindruck, dass wir unsere innere Situation immer beeinflussen und regulieren können, zum Unterschied von der Außenwelt, auf die wir in nur sehr geringem Maß Einfluss haben. Allerdings ist auch dort vieles vorgegeben, also „Schicksal“. Denn unsere Impulse, Stimmungen und Gedanken werden von Vorgängen erzeugt, die im Organismus und seelisch im Unterbewussten, also ohne unsere bewusste Mitwirkung ablaufen. Wir haben keine Macht darüber, was als Gefühl oder als Gedanke auftaucht. Wir sind ihm ausgeliefert wie einem Schicksalsschlag, obwohl Gefühle und Gedanken in der Regel viel harmloser sind als das, was wir als schicksalhaft beschreiben.

Sobald allerdings etwas in unser Bewusstsein getreten ist, können wir darauf einwirken, indem wir die Kraft unserer Aufmerksamkeit einsetzen. Den Inhalten unseres Bewusstseins, denen wir Aufmerksamkeit geben, verleihen wir mehr Macht als jenen, die wir übergehen oder beiseite stellen. Wir verfügen also über die Fähigkeit, Bewusstseinsinhalten, die uns angenehm und förderlich erscheinen, mehr Bedeutung zu verleihen, als jenen, die uns runterziehen oder in ungewollte Gewohnheiten verstricken. Wir sind nicht Herr (Frau) unseres unmittelbaren Erlebens, sondern der Verarbeitung dieses Erlebens. Unsere Einflussnahme kommt also immer hinten nach, gleichwohl wirkt sie längerfristig darauf ein, was als erstes auftaucht. Denn Bewusstseinsinhalte, die wir durch unsere Aufmerksamkeit pflegen und stärken, melden sich öfter als solche, die wir vernachlässigen oder ignorieren. So können wir mit unseren Gedanken umgehen, und Ähnliches gilt für Gefühle. Wir sind in der Lage, belastenden Gefühlen weniger Bedeutung zuzumessen und befreienden Gefühlen mehr Raum zu geben. Auf diese Weise schwächen wir die einen und fördern die anderen.

Das ist der Weg, auf dem wir die Verantwortung für unser Erleben übernehmen, sprich für die Übersetzung dessen, was uns im Außen begegnet, in unser Inneres. Wir haben keine Zuständigkeit für das, was wir erleben, sind aber dann zuständig für das, was nach der Bewusstwerdung geschieht. Wir können nicht verhindern, dass die Erde zu beben beginnt und dass wir in Panik geraten. Aber wir können beeinflussen, wie wir mit dieser Erfahrung umgehen: Ob wir in der Panik bleiben oder ob wir schnell wieder zur Ruhe finden und das Vernünftige tun.

Verantwortung beruht auf Bewusstheitsschulung

Es gibt noch eine weitere Ebene dieser Zugangsweise. Sie liegt darin begründet: Das Bewusstmachen des Inneren wird erst möglich, wenn jemand beginnt, am eigenen Schicksal und an den Verstrickungen, die die Seele damit macht, zu arbeiten. Menschen mit wenig Bewusstheit ihrer selbst bringen die Aufmerksamkeit nicht auf, die es braucht, das Innenleben zu beeinflussen. Solche Menschen werden oft von Gefühlen überschwemmt und finden schwer wieder heraus. Andere sind von Gedanken dominiert, die auch aufs Gemüt drücken können. Die Annahme dabei ist, dass alles im Inneren geschieht und dass es keine Einflussmöglichkeiten darauf gibt.

Es ist wiederum das Schicksal, das manche auf den Weg der Selbsterforschung bringt und andere nicht. Es ist nicht eigentlich ein Verdienst, eine bewusste Verantwortungsübernahme, die zu diesem Schritt führt, sondern etwas, das sich ergeben hat, vielleicht aus drängender Not oder aus Neugier, vielleicht auf Anraten oder unter Druck, vielleicht durch traumatische Erfahrungen oder durch eine sensible Persönlichkeitsstruktur. Natürlich braucht es eine freiwillige Zustimmung, sich auf den Erforschungsweg zu begeben, aber die Bedingungen dafür, dass es dazu kommt, liegen nicht in der eigenen Entscheidungsbefugnis. Das Schicksal entscheidet darüber, ob sich jemand einer Therapie unterzieht, auf ein Meditationsretreat geht, einen anderen Selbsterfahrungsweg wählt oder in den unbewusst geprägten Gewohnheitsmustern verharrt.

Das geheimnisvolle Reich des Unverfügbaren

Wenn allerdings das Tor zur Innenerforschung einmal aufgetan wurde, wird klar, dass es in der eigenen Verantwortung liegt, immer wieder hindurchzugehen und mehr Bewusstheit ins eigene Leben und Erleben zu bringen. Es wird einsichtig, dass es einen Bereich der Verantwortung dem eigenen Erleben gegenüber gibt, der genutzt werden kann, um die Selbstregulation im Innenbereich zu verbessern. Ein einfaches Werkzeug bietet unsere Atmung, die wir bewusst steuern können. Mit der Regelung unserer Atmung können wir Einfluss nehmen auf unser Nervensystem und auf unsere Stimmung. Vor allem zur Stressreduktion ist sie prädestiniert.

Dennoch kann es geschehen und geschieht es immer wieder, dass der Pfad ins Neuland der Seele wieder verlassen wird und die alten Geleise die Regie übernehmen. Die Fähigkeit zur Verantwortungsausübung in diesem Bereich geht verloren. Wir vergessen, was wir schon gelernt haben und denken beispielsweise nicht daran, das Ausatmen zu entspannen, wenn wir uns gestresst fühlen.

Damit kommen wir zu einer weiteren Ebene, auf der wir auch zugeben müssen, dass das Übernehmen von Verantwortung selber wieder ins Reich des Unverfügbaren gehört. Es gelingt manchen leichter und anderen schwerer. Diese Fähigkeit hängt letztlich wiederum von Faktoren ab, die nicht in der eigenen Verantwortung liegen.

Also sind unsere Verantwortungsbereiche beständig von Bereichen des Vorgegebenen und des Geschehenden eingegrenzt und umgeben. Unsere Verantwortung nehmen wir wahr, weil es uns in bestimmten Momenten gegeben ist und wir vernachlässigen sie, weil uns in anderen Momenten kein Zugang dazu gewährt ist. Je näher wir hinschauen, desto deutlich wird, welch großen Raum all das einnimmt, was wir nicht kontrollieren können, was ohne unser Zutun in uns wirkt, was unserer Bewusstmachung immer voraus ist.

Die eigene Geschichte und das Schicksal

Mit dem Einsehen, dass der eigene Verantwortungsbereich schmal ist im Vergleich zu dem, was ohne unsere bewusste Mitwirkung geschieht, ändert sich der Blick auf die eigene Lebensgeschichte. Wir können sie auf neue Weise erzählen. Viele Ereignisse in unserer Vergangenheit, über die wir hadern und mit denen wir uns nicht abfinden können, erscheinen in einem anderen Licht, wenn wir die Grenze zwischen Verantwortung und Schicksal genauer erkennen. Die Möglichkeit, für unser Handeln Verantwortung zu übernehmen, war zu den kritischen Zeitpunkten, mit denen wir im Unfrieden sind, viel kleiner, als wir jetzt annehmen. Nachträglich ist uns manches bewusst geworden; damals verfügten wir nicht über diese Bewusstheit. Deshalb konnten wir nicht anders handeln als wir gehandelt haben. Deshalb ist etwas geschehen, was wir heute als Fehler erkennen und so nicht mehr machen würden. Wir sind in dieser Hinsicht bewusster geworden und haben aus der Erfahrung gelernt. Jetzt können wir damit aufhören, von uns selber eine Bewusstheit für die Vergangenheit zu verlangen, die uns erst nachträglich zuteil wurde. Jetzt können wir damit aufhören, uns selber mit dem heutigen Besserwissen zu quälen.

Die Lücken der Verantwortung

Wir müssen immer wieder anerkennen, dass wir die Verantwortung nur in Lücken, die sich im dichten Gewebe des Seins öffnen, ausüben können. Wenn wir aber diese Lücken ausnutzen, um unsere Bewusstheit zu vertiefen, dann werden diese Lücken umso häufiger auftreten, sodass uns ein Wachsen in der geistigen Reife geschenkt wird.

Wir gelangen zu unserer vollen Wirkmacht nur dann, wenn wir ein klares Gefühl für die Grenzen unserer Einflussnahme haben. Wo diese Grenzen unklar und verschwommen sind, vergeuden wir unsere Kräfte, weil sie in Scham- und Schuldgefühle fließen. Mit der Einsicht in die Grenzen verstehen wir, wie wir unsere Autorität und Verantwortung in den kleinen Bereichen leben können, die unserer Kontrolle unterliegen, und wie wir sie durch Übungen in der Bewusstheit vermehren. Dem Unverfügbaren gilt es in Respekt und Demut sowie mit Gelassenheit zu begegnen. Wir sind nicht die Meister:innen unseres Schicksals, aber die Gestalter:innen unseres bewussten Lebens.

Zum Weiterlesen:
Schicksal und Verantwortung
Schicksal und Scham

Sonntag, 7. Mai 2023

Atemresilienz angesichts der Krise

Die Klimakrise findet statt, wie wir täglich bemerken, wenn wir uns die Wetterphänomene bei uns und anderswo anschauen. Was Tausende von Wissenschaftlern erforscht und prognostiziert haben, tritt ein, fraglich ist nur die Geschwindigkeit, mit der Katastrophen eintreten, und deren volles Ausmaß ist noch nicht gewiss. Es ist also offen, wann der befürchtete Kipppunkt eintritt, der viele Systeme zum Zusammenbruch führen wird. Es ist, wie es so schön heißt, nur eine Frage der Zeit. Ungewiss ist auch, was die Folgen des Kipppunktes sein werden, d.h. wie die Menschen, die Gesellschaften und die Staaten darauf reagieren werden. 

Das Außergewöhnliche an dieser Krise ist, dass es in der Menschheitsgeschichte nichts Vergleichbares gegeben hat. Sie betrifft die gesamte Menschheit, die Tierwelt und die Natur, also alles Leben auf diesem Planeten. Sie entwickelt sich schleichend und fast unmerklich, sodass sie solange ignoriert oder verleugnet werden kann, bis irgendwo das Wasser zum Hals steht. Dazu kommt noch, dass wir seit Jahrzehnten wissen, was auf uns zukommt und dass die meisten, und vor allem die politischen Verantwortungsträger, trotz des Wissens so getan haben und bis heute so tun, als wäre alles nicht so schlimm und als würde irgendein technologisches Wunder in letzter Minute Abhilfe verschaffen. Diese verantwortungslose Naivität ist eine der Ursachen, warum es versäumt wurde, der in die Katastrophe führenden Entwicklung rechtzeitig gegenzusteuern. 

Doch das Zeitfenster, in dem effektive breitflächige Maßnahmen ohne allzu hohe Kosten die Emissionen reduzieren hätten können, hat sich schon geschlossen. Stattdessen haben die Politiker mit Zustimmung der Bevölkerungen den gegenteiligen, schon gewohnten Kurs gewählt: Die stetige Steigerung des Ausstoßes der Treibhausgase, die stetige Steigerung des Wohlstandes, der Industrieproduktion und des Konsums und damit die stetige Steigerung von Kohlendioxid in der Erdatmosphäre. 

Vertrauensverlust

Die Pandemie-Krise hatte eine Ähnlichkeit mit der alles umfassenden Klimakrise, dass sie global war und keine vergleichbaren Vorläufer hatte. Es gab also keine Erfahrungen für das Management einer solchen Krise in komplexen Gesellschaften, deshalb wurde in vielen Staaten aus einer Gesundheitskrise eine gesellschaftliche Krise mit viel Verunsicherung und Verwirrung. Die politischen Verantwortlichen verloren durch die Fehler im Pandemiemanagement bei vielen Bürgern an Vertrauen, und damit wurden auch die politischen Systeme, die sie repräsentierten, in Zweifel gezogen. Der Zuwachs an antidemokratischen Strömungen ist eine Folge der Infragestellung der Demokratie und stellt eine zusätzliche Belastung für das Management der Klimakrise und der daraus resultierenden Katastrophen dar. Denn ähnliche Kritikpunkte, mit denen populistisches Kleingeld gesammelt werden kann,  zeichnen sich schon jetzt ab. Wenn erst handfeste Probleme mit Überhitzung, Austrocknung, Meeresspiegelanstieg usw. in der engeren Umwelt auftauchen, scheint eine gesellschaftliche Radikalisierung unvermeidlich. Doch können keine politischen Proteste oder krude Verschwörungstheorien den Klimawandel aufhalten, vielmehr ist ihm eine zerstrittene Gesellschaft noch viel wehrloser ausgeliefert als eine homogene, die mit geeintem Willen und mit dem Augenmerk auf soziale Gerechtigkeit und ökologische Verträglichkeit mit den Krisenfolgen umgeht.

Die vergleichsweise harmlose Corona-Welle hat zu enorm vielen Ängsten und daraus stammenden Verschwörungstheorien geführt und für einen Zulauf zu rechten und rechtsextremen Gruppen und Parteien gesorgt. So ist damit zu rechnen, dass bei noch massiveren Krisenerscheinungen noch mehr gesellschaftliche Polarisierungen auftreten werden. Je stärker die Betroffenheit ist, desto mehr Ängste entstehen, und desto mehr irrationale Reaktionen werden auftreten. Die Frontlinien, die dann die Gesellschaft auseinanderreißen können, sind von cleveren Parteimanagern schon markiert, die Schützengräben werden fleißig ausgehoben.

Zwanghaftes Wachstum

Wir müssen aus der Zwangsfixierung auf materielles Wachstum heraus, je früher, desto besser. Sie führte uns direkt in die Klimakatastrophe und verschärft sie kontinuierlich. Sie hat keine Zukunft, denn der Planet verfügt nur über begrenzte Ressourcen, und wenn die Wirtschaft weiterläuft wie bisher, wird irgendwann das Wachstumssystem kollabieren. Es verspricht uns kurzfristig eine scheinbare Atempause, während es in Wirklichkeit die Entwicklung beschleunigt. Es sägt zunehmend und zuverlässig den Ast ab, auf dem wir sitzen und auf dem auch zukünftige Generationen einigermaßen bequem sitzen möchten. 

„Der Kapitalismus kann ebenso wenig überredet werden, das Wachstum zu begrenzen, wie ein Mensch überredet werden könnte, mit dem Atmen aufzuhören.“ (Murray Bookchin)

Der ideologische Treibsatz hinter dem kapitalistisch-neoliberalen Wirtschaftssystem hat eigentlich schon lange ausgedient, denn er hat inzwischen genug angerichtet.  Er ist dennoch fix in unseren Gehirnen in ihren Belohnungs- und Bestrafungszentren verankert. Er wird tagtäglich durch die Selbstbetätigungen verstärkt, die wie rundum laufende Mantren in der Leistungs- und Stressgesellschaft, im Bildungssystem und in den Medien bis hin zur Unterhaltungsindustrie eingepflanzt sind und uns als Ohrwürmer plagen: „Leiste mehr, besser, schneller, dann kriegst du deine Belohnung.“

Mit dem Mitspielen aufhören

Es liegt an uns, ob wir der Wachstumsideologie noch länger dienen und uns ihr und ihren Zwängen wider besseres Wissen unterwerfen. Wir haben die Wahl, uns immer wieder aus den diversen Hamsterrädern auszuklinken, indem wir uns auf das besinnen, was uns wirklich wichtig ist, und da werden wir kaum darauf stoßen, dass uns die Anhäufung von noch mehr Gütern ein Hauptanliegen ist. Wir brauchen also die Kraft unserer Bewusstheit, die uns darauf aufmerksam macht, wann wir uns im Bann des Wachstumswahns befinden. Sie ist es, die uns zu uns selber zurückführt. Der Atem ist eine wichtige Unterstützung für die Bewusstheit, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf ihn lenken. Er befreit uns vom Stress und bringt uns zum inneren Gleichmut. Er gibt uns die Gewissheit, dass wir unsere Selbstachtung behalten können, wie auch immer sich die Lebensumstände ändern werden.

Wir sollten darauf achten, unsere Energien nicht zur Bewältigung von Stress zu verbrauchen, den wir uns infolge der Anstiftung des wahnhaften Leistungssystems selber machen. Entledigen wir uns des Getriebenseins, der Ruhelosigkeit und suchen wir den Frieden in uns, mit der Hilfe einer entspannten Ausatmung und mit der Bewusstheit auf die Ressourcen, die uns das Leben geschenkt hat, im Inneren wie im Außen. Wir brauchen alle unsere Kräfte, um das zu tun, was notwendig und richtig ist. Hören wir auf, mitzuspielen in einer Stressmaschine, die uns ausbeutet und abhängig machen will. Hören wir auf, uns Gier und Menschenverachtung einprägen zu lassen durch eine Lebensweise, mit der wir weit über unsere globalen Möglichkeiten hinaus konsumieren und unsere Nachfahren mit den Folgen belasten. Weiten wir unseren Horizont, indem wir die Welt als Ganze im Blick behalten und in unserem Handeln nach dem streben, was das Beste für dieses Ganze ist und in unseren Möglichkeiten liegt. 

Dieser Artikel ist inspiriert von Thomas Metzinger: Bewusstseinskultur (Berlin-Verlag 2023)

Zum Weiterlesen:
Krisen und Krisenresilienz
Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?
Ausstieg aus dem Funktionsmodus
Funktions- und Flussmodus
Funktional und fließend wahrnehmen
Geschehenlassen und Funktionieren
Tun und Geschehenlassen