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Dienstag, 23. Dezember 2025

Der Atem ist das Zentrum

Der Atem spielt eine zentrale Rolle in unserem Leben. Er ist unmittelbar dafür zuständig, dass wir leben. Unser Leben wäre ohne unsere Atmung sehr schnell zu Ende. Des Nachts könnten wir kein Auge zudrücken, wenn wir immer darauf achten müssten, dass wir noch atmen. Setzt die Atmung auch nur kurz aus, entstehen sofort Überlebensängste.

Sobald wir uns der lebenserhaltenden Funktion der Atmung bewusst werden, indem wir unser Atmen wahrnehmen, tritt unser Ego zurück, das sich sonst für unser Überleben zuständig fühlt. Wir erkennen, dass wir einer größeren Kraft all das schulden, was uns ausmacht, unsere Talente, unsere Stärken, unsere Potenziale. Im Bewusstsein dieser Erkenntnis wird unser Ego sofort unwichtiger, seine Ungeduld, Bedürftigkeit und Reaktivität tritt in den Hintergrund. An seine Stelle tritt fast ohne unser Zutun eine Einstellung der Dankbarkeit, Genügsamkeit und Hingabe.

In der unmittelbaren Atembewusstheit erscheint uns alles, was gerade ist, gut so, wie es ist. Denn es ist nichts zwischen uns und dem momentanen Geschehen. Wir sind in dem, was gerade geschieht, und das, was gerade geschieht, ist in uns. Es verschwindet also in diesen Erfahrungen der Unterschied zwischen Innen und Außen.

Das Gute, Wahre und Schöne

Im Bewusstsein der Akzeptanz und der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit sind wir mit den eminenten Qualitäten des Guten, Wahren und Schönen verbunden, nicht auf abstrakte Weise, sondern als implizite Erfahrung, als etwas, das der Atemerfahrung innewohnt. Denn wenn wir im Moment verweilen, ist alles da, was es braucht – Einatmen, Ausatmen. Es wird uns intuitiv klar, was gut, wahr und schön ist. In der Reflexion können wir erkennen, dass das Böse, Falsche und Hässliche nur Raum in unserem Bewusstsein einnehmen kann, wenn wir aus dieser Einheit mit dem Moment herausfallen.

Atembewusst wissen wir also, wie wir mit anderen Menschen umgehen können, damit wir uns wohl und sicher fühlen können und zugleich ihnen das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen geben. Wir wissen also, was notwendig ist und wie wir uns verhalten müssen, damit die Menschen in Respekt, Würde und Frieden miteinander leben können. Es leuchtet uns ein, was gut ist und was böse, was guttut und was Schaden anrichtet. Es wird uns klar, dass wir mit Bösem uns selbst am meisten Unheil bereiten. Wir erkennen, dass das Gute genau das ist, was wir tun wollen. Wir sehen ein, dass das gute Handeln am einfachsten ist und uns am meisten Freude bereitet.

In der Atembewusstheit sind wir mit der Wahrheit direkt verbunden. Denn der momentane Atemzug ist die wahre Wirklichkeit dieses Moments. Es gibt nichts Unwahres an einem Atemzug. Wir verstehen, dass es zu unseren Aufgaben gehört, immer wieder für die Wahrheit einzutreten. Die Wahrheit hält die Gemeinschaft zusammen, die sich in ihrem Licht über eine gemeinsame Interpretation der Wirklichkeit verständigen kann. Unwahrheiten zu verbreiten, um z.B. daraus eigene Vorteile zu ziehen, ist gemeinschaftsschädigend und damit auch selbstschädigend. 

In jedem Atemzug liegt etwas Schönes, wenn wir ihn bewusst wahrnehmen. Er bietet uns die Chance, genau diesen Moment des Lebens in seiner Schönheit zu entdecken, indem wir ihn so nehmen, wie er ist. Dann zeigt er sich in seiner Einzigartigkeit und Fülle. Indem wir einen Schritt weitergehen, werden wir uns der Schönheit in allen Menschen und Dingen bewusst. Die Kunst beginnt mit dem Einatmen. Unser erster Einatemzug war die erste Informationsaufnahme aus einer noch völlig fremden Welt, mit dem wir zu einem Teil von ihr wurden. Seit diesem Ereignis haben wir die Möglichkeit, in jedem Einatmen die Lust auf Neues und die Bereitschaft für Überraschungen zu finden, die Grundlage für Wissenschaften und Kunst. Wir sind also dank unseres Atems alle potenzielle Wissenschaftler und Künstler.

Lebensvertrauen

Der Atem gibt uns das Vertrauen ins Leben. Wenn wir uns ihm anheim geben, bemerken wir, dass er weiterfließt, was auch immer uns das Leben an äußeren und inneren Herausforderungen beschert. Manchmal stockt er vielleicht, wenn wir im Schock sind. Doch irgendwann löst sich die Blockierung wieder auf, und der Atem fließt weiter und führt uns aus der beängstigenden Situation heraus, und dann weiter, von einem Moment zu nächsten, kontinuierlich und unermüdlich. Er enthält die Botschaft, dass es immer weiter geht, auch wenn Situationen manchmal ausweglos erscheinen. Er flüstert uns zu, weiterzumachen statt aufzugeben, wenn es mühsam oder unbequem erscheint. Und er gibt uns ein Gefühl der Befreiung, wenn wir wieder in ruhigeres Fahrwasser geraten.

Verbindung von Innen und Außen

Der Atem verbindet uns mit der Wirklichkeit in uns und außerhalb von uns. Mit der Atembewusstheit sind wir automatisch in unserer Innenwahrnehmung und spüren uns selbst. Wir nehmen wahr, wie es uns gerade geht, welche Gefühle da sind und welche Stimmung vorherrscht. Der Atem informiert uns zudem über die Wirklichkeit um uns herum. Wir nehmen die Temperatur auf, die Gerüche geben uns einen Eindruck über die Verfasstheit und Gestimmtheit der äußeren Realität. Atembewusst sind wir immer in der aktuellen Wirklichkeit und nicht in den Gedanken, die entweder mit der Vergangenheit oder mit der Zukunft zu tun haben. 

Die Zeit des Atems

In Verbindung mit dem Fluss des Atems sind wir also in der momentanen Zeit. Der Atem zeigt uns folglich eine ganz andere Zeiterfahrung als das Denken, das zwischen Vergangenheit und Zukunft auf einer linearen Zeitachse mäandert und oszilliert. Die Atem-Zeiterfahrung ist eine, die mehr mit Ewigkeit und Zeitlosigkeit als mit Linearität zu tun hat. Denn sie ist die direkte Erfahrung der Veränderung selbst, ohne Inhalte, die sich verändern.

Wir wachsen mit in der Zeit. Jeder Atemzug macht uns reicher, reicher an Erfahrung und Einsicht. Wir erkennen, dass das Leben ein fortgesetzter Prozess des Lernens und Erweiterns ist, dass wir die Möglichkeit haben, immer mehr Aspekte der Wirklichkeit kennen- und verstehen zu lernen. Wir nähern uns also zunehmend der Wirklichkeit an, wenn wir diese Chancen ergreifen: Uns von der Wirklichkeit inspirieren zu lassen, indem wir sie neugierig einatmen. 

Der Weg zur Einfachheit

Der Atem führt uns zur Einfachheit. Es ist das Denken, das die Komplexität hervorbringt. Wenn sie uns zu viel wird, genügt die Besinnung auf den Atem, um erkennen zu können, was wichtig und was unwichtig ist, was zu tun und was zu lassen ist. Die Wahrheit des Atems ist immer einfach und zugleich einleuchtend. Wo das Denken Zweifel hervorbringt, zeigt uns der Atem die Klarheit. Wo das Denken in Verwirrung gerät, öffnet uns der Atem den Durchblick. Bewusst atmend, unterbrechen wir das wildgewordene Denken und finden zurück zu uns selbst.

Integration auf allen Ebenen

Der Atem integriert uns auf allen Ebenen unseres Seins. Er ist in alle lebenserhaltenden Funktionen unseres Körpers eingebunden. Er hält die Prozesse am Laufen, nicht nur, indem er permanent den dafür notwendigen Sauerstoff liefert, sondern auch dadurch, dass er den Körper in Bewegung hält, Tag und Nacht. Selbst wenn sich das Leben im Tiefschlaf auf sein absolutes Minimum zurückzieht, geht die Atmung weiter. Selbst wenn der Körper (mit Ausnahme der Augenbewegungen) in den REM-Phasen des Schlafes erstarrt, arbeiten die Atemmuskeln weiter. Die willentliche Beeinflussung der Atmung können wir nutzen, wenn wir unsere Gesundheit stärken wollen. Denn eine „richtige“ Atmung ist der Garant für den nachhaltig gesunden Organismus.

Der Atem begleitet und unterstützt unser Gefühlsleben. Jedes Gefühl hat sein eigenes Atemmuster, mit dem es seinen Ablauf gestalten kann. Gefühle nutzen also die Atmung, um sich zu entfalten und zu ihrem Ausdruck zu finden. Wir können zusätzlich über unsere Atmung unsere Gefühle regulieren. Einerseits hilft uns die Atmung, Gefühle, die uns wegen ihrer Heftigkeit plagen, zu beruhigen, andererseits hilft sie uns, den Zugang zu Gefühlen zu finden, die in uns verschlossen sind, aber uns dennoch belasten. Für manche ist es wichtig, den Zugang zu ihrer Wut zu finden, damit sie sich in ihrem Leben nicht mehr alles gefallen lassen müssen. Für andere ist der Zugang zu Gefühlen der Trauer und des emotionalen Schmerzes verschlossen und sie geraten in Gram und Depression; die Atmung kann sie dabei unterstützen, die Trauergefühle ins Fließen zu bringen, sich dadurch Erleichterung zu verschaffen und die Lebendigkeit zurückzugewinnen.

Das erste Tor zur geistigen Welt

Der Atem ist das erste Tor zur geistigen Welt. Jede Meditation ist bewusstes Atmen, und bewusstes Atmen ist Meditation. Die Besinnung auf den Atem ist die Besinnung auf das, was uns im Inneren ausmacht, auf das Geistige in uns. Wer wir sind, erfahren wir im Atem, immer wieder aufs Neue, sobald wir uns unseres Atems versichern. 

Der Atem selbst ist kein Ding und auch kein Prozess, sondern das, was sich im Atmen manifestiert. Wie sich der Geist in den Abläufen der Realität manifestiert, gibt sich der Atem in jedem Atemzug Gestalt. Ohne „den Atem“ ist das Atmen ein rein mechanischer Vorgang. Diese Sichtweise ist aber nur einer unbeteiligt beobachtenden Person möglich. Für die atmende Person ist es immer der Atem, der durch das Atmen aktiviert wird. Das gilt auch für den Atem einer beobachtenden Person. 

Wie es keine Materie ohne Immaterielles gibt, gibt es kein Atmen ohne den Atem. Genauer gesagt, erscheint das Materielle nur als ein Abstraktum, also als etwas Herausgezogenes, etwas, das einer Ganzheit für bestimmte Zwecke entrissen wird. Wenn wir das Atmen von einem äußerlichen Gesichtspunkt beobachten, trennen wir das Geistige daran von ihm ab, um damit Erkenntnisse zu gewinnen oder Eingriffe vornehmen zu können, die wir sonst nicht erreichen würden. Frei von jeder Zweckmäßigkeit ist es allein der Atem, der in jedem Atemzug fließt, der jeden Atemzug ausfüllt.

Der Atem spielt also eine führende Rolle auf allen Ebenen unseres Seins. Außerdem verbindet er diese Ebenen beständig, sodass sie nicht als unterscheidbare Aspekte unseres Seins auftreten, sondern als Ganzheit erlebt werden. Jeder Atemzug ist zugleich und untrennbar körperlich, seelisch und geistig. Die Atembewusstheit ist deshalb immer körperlich, seelisch und geistig. In ihr gibt es keine Unterscheidung dieser Aspekte, sie sind im Atem eins, und das heißt, wir sind im Atem eins mit uns selbst. In ihr gibt es auch keine Unterscheidung zwischen der Innenwelt und der Außenwelt, also sind wir insgesamt eins mit der Welt.

Zum Weiterlesen:
Respiratorische Philosophie im Überblick
Atemerfahrungen und Kunst
Atemresilienz angesichts der Krise
Innehalten


Dienstag, 8. Juli 2025

Die vielen Guten und die wenigen Bösen

Viele, viele Menschen sind grundsätzlich gegen Krieg, Unterdrückung, Hunger, Ungerechtigkeiten und Ausbeutung eingestellt. So verhalten sich Menschen im Normalfall. Sie wollen das Gute und lehnen das Böse ab. In Einzelfragen gibt es Unterschiede, und bei moralischen Fragen tauchen oft auch widerstreitende Meinungen auf. Doch geht es dabei um unterschiedliche Auffassungen von dem, was unter dem Guten verstanden wird.

Wir haben es nur mit einer kleinen Gruppe von Personen zu tun, die voller Überzeugung Hass und Gewalt in Wort und Tat propagieren und ausleben. Es sind Menschen voll innerer Verbitterung und Verzweiflung, die es geschafft haben, sich einen Habitus von Stärke und Durchsetzungskraft zu geben und damit andere zu beeindrucken. 

Damit erwecken sie bei vielen den Eindruck, dass es sinnvoll ist, dem Guten mit Hass und Gewalt zum Durchbruch verhelfen zu wollen. Es sind die Ängstlichen und Verschämten, die sich verblenden lassen und die Nöte der Hetzer und Unverschämten nicht durchschauen. Vielmehr erhoffen sie sich von den Hasspredigern Abhilfen für ihre eigenen Ängste und Nöte. 

Deshalb schaffen es immer wieder viele der von Bosheit getriebenen Menschen, in verantwortungsvolle Machtpositionen zu gelangen. Dort richten sie großes Unheil an, in der Überzeugung, damit letztendlich dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen. Ihre menschenverachtenden und Zerstörung bewirkenden Taten versuchen sie durch Manipulationen und Wahrheitsverdrehungen zu verschleiern. Sie rechtfertigen das Böse, das sie tun, mit der moralisch verbrämten Überzeugung, es wäre der einzige Weg zur Verbesserung der schlechten Zustände. 

Tue Böses, damit daraus Gutes erwachse

Die Formel: Tue Böses, damit daraus Gutes erwächst, spielt eine zentrale Rolle bei der Popularisierung von Hass und Gewalt. Sie hat ihre Wurzel in gewaltvoll agierenden Erziehungspraktiken, die davon ausgehen, dass Kinder von Natur aus böse sind und von Anfang an gemaßregelt werden müssen. Mehr dazu im nächsten Blogartikel.

Eine überwältigende Mehrheit will das Gute und nur wenige das Böse, aber allzu viele nehmen das Böse hin, ohne sich dagegen zu wehren oder folgen ihm sogar, weil sie dadurch Besseres erhoffen. Dennoch haben wir viel Grund für die Hoffnung, dass es Erscheinungen sind, die sich mit aller Macht in den Vordergrund drängen, aber dann wieder zurücktreten müssen, wenn sich die anderen Kräfte gesammelt haben. Denn die Rückschritte in der Moral und in den (Menschen)rechten auf ein mittelalterliches Niveau (vgl. die Propagierung des "Rechts des Stärkeren") können nicht von Dauer sein. 

Allerdings haben es allzu viele von diesen Menschen in verantwortungsvolle Positionen geschafft, mit Unterstützung der Ängstlichen und Verschämten, denen sie Abhilfen für ihre Nöte versprochen haben. Das Unheil, das von solchen Manipulatoren angerichtet wird, ist groß. Fällt die Politik auf eine archaische Ebene zurück, so entstehen unweigerlich massive Spannungen in der Gesellschaft. Das ganze Gefüge beginnt zu krachen, weil die ökonomischen, sozialen und kulturellen Kräfte nach vorne ziehen, während die Politik mit aller Macht versucht, in die andere Richtung zu zerren.

Rückwärtsgewandte Ideologien können keine Zukunft gestalten

Wir haben trotz zahlreicher gegenteiliger Vorkommnisse, Grund für die Hoffnung, dass die manifesten Erscheinungen von bösen Taten, die sich mit aller Macht in den Vordergrund drängen, wieder zurücktreten müssen, wenn sich die anderen fortgeschrittenen Kräfte gesammelt haben. Denn die Rückschritte in der Moral und in den (Menschen)rechten auf ein mittelalterliches Niveau (vgl. die Propagierung des "Rechts des Stärkeren") können nicht von Dauer sein, weil sie kein Lösungspotenzial enthalten, sondern die Probleme nur verschärfen. Z.B. kann mit dem Prinzip „Aug um Aug, Zahn um Zahn“ kein Handel und Güteraustausch betrieben werden. Mit Machtausübung können keine Konflikte nachhaltig gelöst werden. Mit Schuldzuschreibungen statt Verantwortungsübernahme für eigene Fehler wird das Lernen unterbunden. Mit dem Hass auf Minderheiten kann keine globale Verständigung aufgebaut werden. Die Ablehnung der Verantwortung in Bezug auf die Zukunft der Umwelt führt dazu, dass die Kosten für die entstandenen Schäden umso größer werden.

Ab einem gewissen Grad an Zerstörung, der durch solche Rückentwicklungen angerichtet wird, wird immer mehr Menschen bewusst, dass sie durch das Tun des Bösen zum Zweck des Guten stärker verlieren als gewinnen. Der Widerstand wird schließlich so mächtig, dass sich die Kräfte des Fortschritts durchsetzen.

Die menschlichen Bestrebungen, die Lebensbedingungen zu verbessern, sind langfristig übermächtig 

Viele maßgebliche Entwicklungen schreiten voran, in der Wirtschaft, Technologie, im Sozialleben und in den Künsten. Sie sind angetrieben vom Bestreben nach der Verbesserung des Lebens. Sie führen unweigerlich zu mehr globaler Zusammenarbeit und beruhen auf ethischen Maßstäben, die von gegenseitigem Respekt und von der Achtung für die individuellen Unterschiede geprägt sind. Die meisten Bereiche stehen in globalen Zusammenhängen, sodass eine Politik, die auf kleinräumige oder auf die Vergangenheit gerichtete Interessen bezogen ist, keine Lösungen und Weiterentwicklungen anbieten kann, sondern an den Realitäten scheitern muss. Das Nationale hat keine Zukunft, wenn die Wirtschaft und viele Bereiche der Kultur längst die Staatsgrenzen überschritten haben. Das Gestrige liefert kein Verständnis für das Morgige, geschweige denn das Vorgestrige für das Übermorgige. 

Zum Weiterlesen:
Fortschritt trotz Rückschritten
Moralischer Fortschritt
Das "Recht des Stärkeren"


Dienstag, 9. Oktober 2018

Gerechtigkeitsideen im Advaita

Manche Advaita-Lehrer finden, dass die Gerechtigkeit in der Welt durch ein von vornherein in diese Welt implantiertes Ausgleichsprinzip zwischen dem Guten und dem Bösen gewährleistet wird.

Der Advaita-Lehrer Werner Ablass schreibt z.B.: „Gottt ist absolut chancenlos sich selbst in seiner Manifestation zu helfen. So groß und gewaltig die Macht Gotttes ist, ist auch seine Ohnmacht! 50:50. Also im exakt gleichen Verhältnis wie Licht und Schatten, Hässlich und Schön, Gut und Böse zueinander.“ (Werner Ablass: Außergewöhnlich gewöhnlich. BoD Norderstedt 2018, S. 202) (Anm.: Werner Ablass schreibt Gottt mit drei t, um seinen Gottesbegriff von einem alltäglich verwendeten zu unterscheiden.)

Unser romantisches Gerechtigkeitsempfinden


Wir verfügen offensichtlich über ein biographisch und ästhetisch begründetes Gerechtigkeitsempfinden – jeder, der Geschwister hat, ist damit besonders imprägniert –  und wir fühlen uns wohl, wenn Güter paritätisch geteilt werden. Das ist das Prinzip des Erbrechts in vielen Kulturen: Kinder sollen von ihren Eltern gleichviel erben. Wenn alle gleich viel haben, wird alles gut, so die romantische Hoffnung.

Davon ausgehend erscheint es zwar plausibel, dass das Hässliche und das Schöne, das Gute und das Böse, dass also alle Dualitäten in gleichen Anteilen im Gesamtplan vertreten sind. Aber wir können nicht einmal wissen, ob irgendwer oder irgendwas außer uns Menschlein im Universum an dieser Form von distributiver Gerechtigkeit interessiert ist. Und zu klären bleibt, ob dieses Ideal, das wir uns im großen Ganzen wünschen, im Grund nur dazu dient, unsere unerfüllten kindlichen Sehnsüchte zu befriedigen: Es sollen am Ende alle Unebenheiten in Gerechtigkeit ausgeglichen werden, ein grandioses Happyend zur Feier des Endes der Geschichte. Vielleicht brauchen wir für die Tröstung dieser Bangigkeit nicht einmal eine spirituelle Lehre, sondern es genügt unser inneres Verständnis für unser vielfältiges biographisches Leiden an diversen Ungerechtigkeiten.

Gibt es eine ästhetische Waage?


Aus anderen Gründen fraglich ist die Vorstellung vom Ausgleich zwischen den gerne so genannten Dualitäten. Die Anwendung des Begriffs der Dualität habe ich schon an anderem Ort in Frage gestellt. Ob Schönes und Hässliches ausgeglichen im Universum vertreten ist oder nicht, scheint mir eine letztlich unbeantwortbare und ins Uferlose führende Frage, weil es gerade in diesem Bereich von unendlichen Subjektivitäten nur so wimmelt. Was für die eine Person der Inbegriff des Schönen ist, z.B. ein Klavierkonzert von Mozart oder ein Selbstportrait von Rembrandt, kann für die andere Person hässlich oder belanglos sein. Es geht der Prozess der kulturellen Evolution in einer kreativen Weise weiter und schafft beständig neue Kriterien für das Schöne, unbeschadet der Befunde über ein ultimatives Ergebnis der kosmischen ästhetischen Waage.

Unterwegs zu einer gerechteren Gesellschaft


Noch problematischer wird es im Bereich der ethischen Polarität zwischen dem Guten und dem Bösen. Wenn wir proklamieren, dass sich das Verhältnis zwischen dem Guten und dem Bösen immer im Gleichmaß auspendelt, bewegen wir uns von einem schlüpfrigen auf ein tendenziell asoziales Terrain. Denn wir brauchen für das Funktionieren und für die Verbesserung unserer Gesellschaften und unserer Menschheitsgemeinschaft die Ausrichtung auf die Reduktion des Bösen zugunsten des Guten. Wir können auch, wenn wir einen distanzierten Blick auf die Menschheitsgeschichte richten, erkennen, dass sich die ethischen Standards und deren Implementierung laufend weiterentwickelt haben. Ein Höhepunkt war die Formulierung der Menschenrechte ab dem 18. Jahrhundert und deren weltweite Proklamation im Jahr 1948. Wenn heute z.B. sexuelle Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche oder sexuelle Übergriffe in der MeToo-Bewegung angeprangert werden und häufig zu gerichtlichen Verfolgungen führen, zeigt sich der Fortschritt im ethischen Bewusstsein. Verletzungen der Menschenwürde, die vor Jahrzehnten noch vertuscht, verschwiegen und bagatellisiert wurden, kommen zunehmend in ihrer Bosheit in die Öffentlichkeit, wodurch eine Erweiterung und Vertiefung der ethischen Normen und Werte erfolgt.

Steven Pinker (Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit. Fischer TB 2013) hat in Hinblick auf den Begriff der Gewalt eine detaillierte Studie vorgelegt, in der er nachweisen konnte, dass es einen durchgängigen Trend in der Menschheitsgeschichte gibt, der die kontinuierliche Reduktion von Gewalttaten anzeigt. Der Trend hat sich zwar im letzten Jahrzehnt abgeflacht (als Folge der vielen bürgerkriegsartigen Konflikte auf der Welt), aber aufs Ganze der Geschichte bezogen, ist der Befund eindrucksvoll und überzeugend, wenn auch möglicherweise subjektiv kontraintuitiv.

Wenn wir nun – aus welcher Quelle oder übernatürlichen Einsicht heraus auch immer – darauf beharren, dass das Gute und das Böse immer in Balance bleiben und aus Prinzip bleiben müssen, kann uns das vielleicht helfen, mit dem Ausmaß an Bösem in der Welt, das uns manchmal überfordert und überwältigt, zurecht zu kommen. Es kann vielleicht als Trost dienen, wenn wir uns einreden, dass den Bösen irgendwann auch Böses widerfahren wird, wie in einem gängigen Hollywood-Film, und dass die armen Guten, die immer draufzahlen, schließlich und endlich doch ihren Lohn bekommen. Aber wir erlangen auf dieser Ebene keine spirituellen Meriten, sondern im günstigen Fall die Heilung von Wunden aus unserer eigenen Lebensgeschichte.

Vielmehr laufen wir Gefahr, mit dem Konzept von der Ausgleichung von Gut und Böse in eine ethische Nivellierung zu geraten. Wir missbrauchen dabei die Advaita-Lehre für einen sozialethischen Indifferentismus, der im gesellschaftlichen Kontext bestens dafür taugt, reaktionäre und asoziale Tendenzen zu unterstützen oder zu rechtfertigen. Jeder Extremist, der der Gesellschaft seine Moralvorstellungen mit Gewalt aufzwingen will, hätte sonst eine perfekte Rechtfertigung seiner menschenverachtenden Taten: Ich will ja nur die guten Taten mit etwas Bösem ausgleichen.

Wir alle sind, Advaita hin oder her, Teil der Gesellschaft, ob viertel-, halb- oder ganz erleuchtet, erwacht oder normal neurotisch. Und auf dieser Ebene tragen wir unsere individuelle Verantwortung, die uns niemand abnehmen kann, auch keine spirituelle Lehre, dafür, dass sich die Achtung unter den Menschen verstärkt und die Missachtung zurückgeht. Nehmen wir diese Verantwortung nicht wahr, so behindern wir aktiv die Weiterentwicklung des Guten zugunsten des Bösen. Nutzen wir dafür eine spirituelle Theorie, dann agieren wir einfach als blinde Heuchler.

Innenarbeit verringert das Böse


Nach meiner Ansicht und Einsicht kann die Advaita-Lehre nur funktionieren, wenn sie anerkennt, dass Menschen in ihrer inneren Entwicklung, in der sie sich mehr und mehr von Ängsten und Verletzungen lösen und in Frieden mit sich und der eigenen Geschichte gelangen, immer mehr ihre Impulse verlieren, böse zu handeln und statt dessen zur Selbstverständlichkeit des Guten gelangen.

Um es im Kontext von Advaita auszudrücken: Im Bewusstsein der Einheit mit dem Ganzen, in dem das, was geschieht, ohne Entscheidung, Handlung und Verantwortung geschieht, geschieht das, was im konventionellen sozialen Sinn als das Gute bezeichnet wird, „von selber“ und es wird ebenso das Böse weniger. Wer mit sich selbst im Frieden ist, verspürt keinen Impuls mehr, andere in Unfrieden zu stürzen. 

In diesem Sinn haben wir jeden Grund, darauf zu vertrauen, dass das Gute mehr und das Böse weniger wird, je mehr Menschen sich ihrer eigenen inneren Entwicklung und spirituellen Suche widmen. Die Welt darf ruhig eine bessere werden, d.h. das Leiden der Menschen soll weniger werden, und dafür tragen wir alle die Verantwortung. Denn jeder von uns kann dazu seinen Beitrag leisten, durch innere Heilungsschritte und dadurch, im Außen Gutes zu tun und Böses zu lassen. Kosmologische Theorien, die ein vorherbestimmtes Gleichgewicht zwischen diesen Polen proklamieren, können dieser Entwicklung nur im Weg stehen und sollten deshalb nicht weiter ernst genommen werden.

Die ethische und die spirituelle Vernunft


Zuständig für das Gute und das Böse sowie deren Unterscheidung ist die ethische Vernunft (die bei Immanuel Kant die „praktische Vernunft“ heißt). Sie hat die Aufgabe, das Zusammenleben der Menschen zu regeln und zu verbessern, um eine menschenwürdige und friedliche Gesellschaft zu bilden. Die spirituelle Vernunft hat eine andere Aufgabe – sie prüft und verfeinert die Wege zur inneren Befreiung und zum inneren Frieden. Aus der Ethik und auch aus der Politik sollte sie sich tunlichst heraushalten, sonst kommt es zu Überscheidungen und Verwerfungen, für die es in der Geschichte bis heute viele abschreckende Beispiele gibt. Wann immer spirituelle Autoritäten – Kirchen, religiöse Führer und spirituelle Meister – kraft ihrer Autorität in „weltlichen“ Dingen mitmischen wollen, stehen sie in der Gefahr, Radikalität, Fundamentalismen und Gewalt zu säen.
Denn sie wecken in den Menschen die Hoffnung, es bedürfe nur der Durchsetzung bestimmter Werte, Normen oder Gesellschaftsordnungen, um ein inneres oder ewiges Heil zu erlangen. Mit dieser vermeintlichen Hoffnung verbinden die verzweifelten Menschen schnell die Bereitschaft zur Gewalt. 

Die spirituelle Vernunft macht uns auf die Unterschiede aufmerksam: Die Bereiche der Ethik und der Politik haben ihre eigenen Erfordernisse und Eigentümlichkeiten, und wer diese missachtet, wird dort scheitern, auch mit den besten Absichten. „Schuster, bleib bei deinem Leisten“, ist man versucht zu sagen, wenn spirituelle Lehrer aus ihrer Weisheit heraus versuchen, ethische Grundfragen zu lösen oder politische Ansichten zu äußern. Ihre Kompetenz in diesen Themenbereichen bemisst sich nicht an der Kompetenz in der spirituellen Sphäre, sondern an ihrem Verständnis und Informationsstand für die ethischen und politischen Lebensbereiche und ist sonst in nichts anderen in diesem Feld überlegen.

Die spirituelle Weisheit ist viel zu weit entfernt von der Alltagspraxis und den damit verbundenen Problemen. Sie ist nicht tauglich für die feineren Differenzierungen zwischen Gut und Böse, die im zwischenmenschlichen Leben immer wieder neu gefunden werden müssen, und noch weniger für die komplexen Fragen der Machtverteilung und des Interessensausgleiches, die in der Politik ausverhandelt werden müssen. 

Jeder Mensch hat das Recht auf seine Meinungen und Stellungnahmen, und jeder sollte sich auch in die öffentlichen Diskurse einbringen. Aber eine wichtige Verantwortung spiritueller Führer und Lehrer liegt darin, die eigenen persönlichen Ansichten zu den lebenspraktischen Verhältnissen von den Weisheiten, die sie aus tieferen Quellen schöpfen, säuberlich und klar zu unterscheiden, um die Zuhörer und Schüler nicht zu verwirren oder zu manipulieren. Absolute und relative Wahrheiten müssen als solche gekennzeichnet werden, da es sonst zu einem Etikettenschwindel kommen kann. So sollten wir das Wort von Jesus anwenden: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Die Beschränkung auf das Wesentliche sollte ein Markenzeichen jeder spirituellen Lehre sein, denn das Absolute verträgt keine konstruierten subjektiven Beiwerke, sei die lehrende Person noch so berühmt und heilig.

Zum Weiterlesen:
Sind wir zwei oder eins?

Die Anhänglichkeit an die Dualität
Das Ego und die Dualität
Advaita und die Vorherbestimmung

Mittwoch, 12. November 2014

Über den Ursprung des Bösen und des Hasses

Gibt es einfach böse Menschen oder werden Menschen böse, obwohl sie gut sein wollen? Gibt es Menschen, die aus ihrem tiefsten Wesen heraus hasserfüllt sind, oder hassen Menschen, weil sie selber abgelehnt und unterdrückt wurden?

Lange Zeit war diese Frage strittig und abhängig von der anthropologischen Grundannahme: Das Böse ist im Menschen grundgelegt, z.B. als Folge seines Aggressionstriebs bzw. eines entsprechenden Gens, oder das Bösesein ist ein Verhalten, das anerzogen oder ankonditioniert wurde.

Ich denke, dass diese Frage mit dem Fortschritt an psychologischer Einsicht, auch unterstützt durch die moderne Hirnforschung eindeutig beantwortet werden kann. Dazu stelle ich zwei Argumente vor.

Das erste Argument wurzelt tiefer und geht auf die Geschichte der Menschheit ein, von den Anfängen bis jetzt. Aggression und Gewalttätigkeit waren zu jeder Zeit die Ausnahme in Vergleich zu prosozialen Handlungen. Sonst wäre das weitere Bestehen der Menschheit gescheitert. Ohne Fürsorge und liebevolle Unterstützung kann keine Generation heranwachsen. Auch wenn in frühen Kulturen das relative Ausmaß an Gewalttätigkeit größer war als in späteren Gesellschaftsformen, wie Steven Pinker (Gewalt. Die neue Geschichte der Menschheit. Fischer: Frankfurt 2013) nachweisen konnte, gilt auch hier schon die Regel, dass prosoziales Handeln die Regel und Aggression die Ausnahme war. Deshalb kann das erste Argument so formuliert werden: Menschliche Gemeinschaften brauchen, um langfristig existieren zu können, ein hohes Maß an freundschaftlicher Zwischenmenschlichkeit, und  böses Handeln findet deshalb nur in eingeschränktem Maß in besonderen Situationen statt, das auch im Rahmen der jeweiligen Gesellschaftsordnung sanktioniert wird.

Das zweite Argument stammt aus der psychologischen Perspektive. Menschen kommen nicht als „böse“ auf die Welt. Vielmehr sind sie für das Leben nach der Geburt mit einem hohen Maß an Liebesfähigkeit ausgestattet, das sie brauchen, um die erwachsenen Menschen für sich zu gewinnen. Schließlich müssen diese für sein Überleben sorgen. Alles, was das Baby dafür einsetzen kann, ist sein Charme, der die Herzen der Großen erweichen soll und im Normalfall das Fürsorgeverhalten auslöst.

Wenn die Erwachsenen um das Baby zu selten und immer wieder falsch auf diesen Appell reagieren, wenn sie also immer wieder die Bedürfnisse ignorieren oder nur mangelhaft erfüllen, dann schwindet der Charme des Babys, und die Liebesfähigkeit schrumpft in dem Maß, in dem sie nicht erwidert wird. Statt dessen wird das innere Gleichgewicht im Baby zerstört, es verliert zunehmend die Fähigkeit, sich nach dem Stress von drängenden Bedürfnissen wieder zurückregulieren zu können. Es baut sich eine grundlegende chronische Stressbelastung auf. Diese nimmt diejenigen Bereiche in der inneren Landschaft ein, die vorher von liebevollem Verhalten besetzt waren. Gleichsam in den verwahrlosten Arealen der Seelenlandschaft machen sich Aggression und Hass breit. Meist werden diese verödeten Landstriche des Inneren versteckt und abgeschirmt von der bewussten Einsicht, aber sie machen ihren Einfluss indirekt geltend.

Menschen mit chronifiziertem Stress haben im Grund nur zwei Möglichkeiten: Aggressiv oder depressiv zu werden. Manchmal ergeben sich auch Mischtypen. Und aus der therapeutischen Praxis wissen wir, dass Depressive zumeist und vor allem unter ihrer unterdrückten Wut leiden.

Also lautet das zweite Argument: Menschen werden böse, wenn ihnen Böses zugefügt wurde. Sie sind hasserfüllt, weil ihnen Hass entgegengebracht wurde. Sie können auch als Erwachsene nicht anders, weil ihnen insbesondere in Stresssituationen die Verhaltensalternativen fehlen. Sie können auf zu wenig Ressourcen im prosozialen Verhalten zurückgreifen, sodass sie aggressiv und hasserfüllt reagieren, wenn sie in eine Notlage kommen.

Sie neigen dann dazu, das, was ihnen selber in der frühen Zeit ihres Lebens angetan wurde, auf andere Menschen, die ihnen nichts getan haben, zu projizieren. Dazu eignen sich bekanntlich Menschengruppen, die als Außenseiter definiert werden. Diese kriegen dann den Hass ab, der eigentlich den Menschen gelten sollte, die die „Täter“ einer kindlichen Unterversorgung oder eines emotionalen oder sexuellen Missbrauchs waren, die also die erwachsene Verantwortung für Traumatisierungen hatten, die den Kindern widerfahren sind.

Die „Täter“ sind geschützt durch das mangelhafte Gedächtnis für solche schlimmen Erfahrungen. Denn wir haben einen Schutzmechanismus, der uns davor bewahrt, dass wir uns immer wieder an besonders schwierige und schmerzhafte Erfahrungen erinnern. Wir können mit Hilfe dieses Mechanismus zwar weiterleben, aber mit beschränkter Lebenskraft und Lebensfreude. Statt dessen tragen wir ein Potenzial an Aggressivität, Gewaltbereitschaft und Hass mit uns herum. Dieses Potenzial kann dann jederzeit hervorbrechen und auf Unschuldigen abgeladen werden. Besonders eigenen sich für diese undankbare Rolle die eigenen Kinder, da uns deren Heranwachsen besonders an unsere eigene Kindheit mitsamt ihren Mängeln und Widernissen erinnert.

Damit kommen wir gleich zu der Erklärung, warum ich „Täter“ unter Anführungszeichen gesetzt habe. Wenn nämlich dieses Argument stimmt, dann waren Täter immer zuerst Opfer. Menschen werden nur zu bösen Tätern, wenn sie selber Böses erlebt haben und erleiden mussten. Solche Erfahrungen, die nicht verarbeitet werden konnten, reduzieren die Möglichkeiten für das Tun des Guten. Denn das Tun der Guten kann nur heranwachsen, wenn es vorgelebt und konsistent erwidert wird.

Wir brauchen also den „bösen“ Menschen kein unabänderliches Schicksal infolge einer schlechten genetischen Ausstattung, eines angeborenen mangelhaften Charakters andichten, sondern können darauf setzen, dass böses Verhalten eine Schutzhandlung darstellt, die nicht freiwillig und mit voller Verantwortung übernommen wird. Vielmehr wird sie gewählt, weil keine Alternative zur Verfügung zu stehen scheint, wenn der Stress und die innere Anspannung zu groß sind.

An anderer Stelle wurde schon dargelegt, dass es zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen der Liebe und dem Hass, kein Kontinuum wie zwischen hell und dunkel gibt, sondern dass wir das eine (das Gute) als das Normale des Menschen ansehen können, das er mehr oder weniger gut erfüllen kann, und das andere (das Böse) als die Ausnahme, die in Zuständen innerer Not gewählt wird.

Zum Weiterlesen:  
Liebe und Hass - eine Polarität?
Der Bösewicht in uns

Freitag, 25. April 2014

Der Gutmensch und das Gute im Menschen

Gutmenschen haben einen schlechten Ruf. Wir trauen ihnen nicht wirklich über den Weg, denn der Verdacht hält sich hartnäckig, dass sie hinter der Maske ihrer Lammfrömmigkeit besondere Boshaftigkeit verstecken. Ein Hauptzweck der Schreibwut von Friedrich Nietzsche scheint in der Entlarvung des Bösen im scheinbar Guten, bzw. in der abgründigen Bosheit im plakativ Guten zu liegen.

Hier ein paar Zitate des Philosophen, der sich selbst als „bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat", bezeichnet hat:

"Vielleicht gab es bisher keine gefährlichere Ideologie, keinen größeren Unfug in psychologicis als diesen Willen zum Guten: man zog den widerlichsten Typus, den unfreien Menschen groß, den Mucker" (Friedrich Nietzsche, Aus dem Nachlaß. Werke in drei Bänden: III, S. 798)

"Unsre Gebildeten von heute, unsre »Guten« lügen nicht - das ist wahr; aber es gereicht ihnen nicht zur Ehre! Die eigentliche Lüge, die echte resolute »ehrliche« Lüge (über deren Wert man Plato hören möge) wäre für sie etwas bei weitem zu Strenges, zu Starkes; es würde verlangen, was man von ihnen nicht verlangen darf, dass sie die Augen gegen sich selbst aufmachten, dass sie zwischen »wahr« und »falsch« bei sich selber zu unterscheiden wüssten." (Zur Genealogie der Moral - Was bedeuten asketische Ideale? Nr. 19)

„Die Existenz-Bedingung der Guten ist die Lüge -: anders ausgedrückt, das Nicht-sehn-Wollen um jeden Preis, wie im Grunde die Realität beschaffen ist, nämlich nicht derart, um jederzeit wohlwollende Instinkte herauszufordern, noch weniger derart, um sich ein Eingreifen von kurzsichtigen gutmütigen Händen jederzeit gefallen zu lassen." (Ecce Homo - Warum ich Mensch bin. Nr. 4)

Das demonstrativ zur Schau getragene Gutsein dient einer moralischen Überheblichkeit, die häufig durch ein strenges Selbstregime gerechtfertigt und aufrechterhalten wird. Das Vorbild, das sich der Gutmensch selbst abringt, wird das anderen vor die Nase gehalten. So sollen die anderen auf ihre Mangelhaftigkeit und Schlechtigkeit aufmerksam gemacht und Schuldgefühle in ihnen wachgerufen werden. Das ist der Lohn für die Kasteiungen, die sich der Gutmensch auferlegt.

Hierher passt die Figur von Professor Lindner im „Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil. Von ihm heißt es: „Überhaupt verwandelte Lindner schlechthin alles, womit er in Berührung kam, in eine sittliche Forderung" (1051). Folglich bekommt er ironisch den Titel „der Tugut".

Zu all dem verkündet Bert Brecht spöttisch: "Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlecht/gut/schlau/anspruchsvoll genug." (In der Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens aus der Dreigroschenoper). In keiner Weise reicht der Mensch für das Leben, das immer mehr von ihm fordert, als er in seiner Beschränktheit zusammenbringt.


Kleine Ethik des Guten


Was ist denn nun das "wirkliche", "echte", "eigentliche" Gute am Menschen? Gibt es so etwas überhaupt? Sobald wir etwas Gutes tun, um unseren Mitmenschen zu signalisieren, dass wir gute Menschen sind, rutschen wir gleich in die Kategorie der Selbstsüchtigen. "Tue Gutes und sorge dafür, dass jeder davon erfährt," ist eben ein Slogan für den großzügigen Sponsor, der sich erwarten kann, dass seine Großzügigkeit seiner eigenen Brieftasche am meisten bringt. Folgerichtig wird er nur solange Gutes tun, solange der geschäftliche Gewinn gegeben ist.

Wenn ich also Gutes tue, um mit dieser Tat etwas (oder sogar mehr) Gutes für mich selber einzuheimsen, ist zwar meine Tat gut, aber nicht meine Motivation. Die Welt wird auf der einen Seite in Stück besser, weil z.B. ein Waisenhaus gebaut wird, und sie wird auf der anderen Seite ein Stück schlechter, weil jemand das Gute für das Aufpolieren des eigenen Egos missbraucht.

Das Gute, das geschieht, wenn es guttut, Gutes zu tun, ist die beste Verwirklichung unseres Selbst. Es gelingt uns, wenn wir uns ganz auf den Moment des Geschehens beziehen und weniger auf uns als Handelnde schauen, als vielmehr auf das, was durch uns hindurch abläuft. Wir sind es ja nicht selber, die uns gut machen, sondern etwas Tiefes in uns meldet sich, das sich durch uns hindurch vollzieht.

Es gibt Gutes, das wir tun, weil es für uns selber im Moment das Beste ist, was wir tun können. Wir tun es für uns genauso, wie wir es für die andere Person tun, aber wir tun es nicht für uns, weil wir nach einem zusätzlichen Gewinn trachten, sondern weil es sich für uns selber als stimmig anfühlt. Es ist also in sich selber lohnend, und wenn wir den Lohn gleich im Tun bekommen und anerkennen, brauchen wir keinen Zusatznutzen. Unser Handeln ist dann nicht von der Erwartung auf einen zukünftigen Ausgleich gesteuert (auch nicht nach einem solchen in einem Jenseits oder in einem weiteren Leben). Es ist in sich selbst und mit sich selbst zufrieden und erfüllt. Wenn wir merken, dass wir bis zum Rand voll sind, fordern wir nichts dazu, und wir sind frei von Erwartungen.

Nicht einmal ein erwartbarer Dank ist in irgendeiner Weise eine Voraussetzung für unser Handeln. Wenn wir etwas für das, was wir getan haben, zurückbekommen, ist das etwas Gutes, das uns der andere Mensch gibt, und nicht etwas, das unserer Handlung erst den Gewinn gibt. Der Dank der beschenkten Person schließt den sozialen Zirkel, weil damit die Person, die Gutes empfangen hat, in keiner Schuld bleibt, sodass wir uns frei und gleich, auf Augenhöhe, begegnen können.

Selbstlosigkeit ist dann keine Tugend, sondern ein Fließen aus unserem Sein, aus dem, was wir eigentlich, oder im tiefsten unserer Seele sind. Damit sind wir nicht in einem Zirkel von Geschäft und Gegengeschäft verstrickt, sondern bleiben ganz mit dem Tun und Geschehen im Moment verbunden, an dem wir uns erfreuen und das wir genießen, unabhängig von dem, was als nächstes und übernächstes darauf folgen wird oder nicht.

Wir nehmen dabei auch keine Haltung oder Rolle ein, wir spielen nicht den Gutmenschen, weil unser Handeln aus dem Moment entspringt und im nächsten Moment wieder in sich zusammenfällt. Es ist schon wieder verschwunden, denn etwas anderes hat seinen Platz eingenommen. Unser Handeln hinterlässt keine sichtbaren Spuren, keine Duftmarken in der Landschaft. Wir brauchen keinen Nachruhm und keine protzigen Grabmäler, keine Straßen und Plätze, die nach uns benannt werden, und keine Gedenkgottesdienste. Wir gehen in Freiheit und Leichtigkeit von einem Moment in den nächsten.

Diese Form des Guten hat nichts mit Leistung gemeinsam, es ist keine Tugend, die wir uns gegen die schier übermächtigen Befehle unserer Triebe abringen müssen, sondern Ausdruck dessen, was wir im Innersten wollen. Wir sind so gebaut, dass wir einander Gutes tun wollen, und deshalb tut uns das selber gut. Wir nutzen die Systeme in unserem Gehirn, die für Verständigung, Empathie und Mitgefühl zuständig sind, und deren Verwendung setzt zugleich Glückshormone und -botenstoffe frei. Damit belohnen wir uns unmittelbar selbst durch unser gutes Handeln. Wir brauchen uns nur diesen Zusammenhang, den uns unsere menschliche Natur zur Verfügung gestellt hat, bewusst zu machen, dann können wir uns leicht von den äußerlichen Belohnungserwartungen lösen, die den Sinn unseres Handelns an zukünftige Ereignisse knüpfen. Damit ist die Sinngebung unseres Tuns ganz unserer Kontrolle entzogen. Statt dessen können wir den Sinn der Handlung in ihr selbst erleben und aus ihr heraus annehmen, sobald wir anerkennen, dass wir uns selber Gutes tun, indem wir anderen Gutes tun.

Wir sind dann in Übereinstimmung mit uns selbst. Offenbar ist es so, dass wir nur ganz mit uns eins sein können, wenn wir gut mit anderen Menschen verbunden sind. Und gut sind wir mit ihnen verbunden, wenn wir ihnen Gutes tun und vermeiden, ihnen Schaden und Leid zuzufügen.


Anderen zu schaden, schadet uns selber


Haben wir dagegen jemandem Schaden zugefügt, kann es uns damit nicht gut gehen. Es verschafft höchstens uns eine kurzzeitige Befriedigung. Der Betrüger mag sich am Erfolg seiner Täuschung und dem Gewinn, den er daraus gezogen hat, erfreuen. Doch zugleich leidet er an dem Schaden, den er angerichtet hat, ob er das für sich selbst spüren mag oder nicht. Kein Mensch kann durch Leid, das er anderen zufügt, zu Entspannung und innerem Frieden finden. Gleich ob Strafen für ein verbrecherisches Handeln drohen oder die Aufdeckung äußerst unwahrscheinlich ist, bleibt ein Stress, eine innere Anspannung, weil das eigene Handeln aus einer Angst entsprungen ist und diese Angst nicht auflöst. Dazu kommt, dass der Täter, wie unbewusst auch immer, mit seinem Opfer verbunden ist und dieser Verbindung nicht entrinnen kann. Er wird nie wieder frei, außer das Opfer vergibt ihm und es kommt zu einer Wieder-Gutmachung.

Deshalb gehört es auch zum guten Leben, denen, die uns geschadet und verletzt haben, zu vergeben, damit befreien wir uns und auch den Täter von einer Last der Vergangenheit. Und auch hier ist es wieder so, dass wir eine Vergebung nicht deshalb zustande bringen, weil wir ein guter Mensch sein wollen, sondern weil sich unser Inneres von einer Last befreien will und aus dieser Kraft den Schritt tun kann. Wir können uns also nicht zu einer Vergebung zwingen, wenn wir noch grollen und unsere Wunden spüren. Erst wenn die innere Heilung erfolgt ist, ergibt sich natürlich der Weg zur Vergebung.

Hier kommen wir noch einmal zurück zum Gutmenschen. Er ist in ein Netz von selbstbezüglichen Erwartungshaltungen verstrickt, die aus einem inneren Mangel stammen. Unerfüllte Bedürfnisse aus der eigenen Kindheit werden umgemünzt in ein angepasstes Verhalten, das die Belohnung und Befriedigung aus einem angestrengten ausdauernden Gutsein-Wollen erzwingen will. Seine guten Handlungen dienen also der Füllung der eigenen Bedürftigkeit.


Das Gute und die innere Freiheit


Wir verstehen jetzt, dass es beim Tun des Guten nicht auf die Pose ankommt, auf die äußere Haltung. Das Gute kann nur aus innerer Freiheit entspringen. Eine gute Handlung liegt gar nicht in unserer Macht, sondern sie geschieht von selber, wenn wir uns im Zustand dieser inneren Freiheit befinden.

Was wir tun können, ist, immer wieder nach Wegen zu suchen, uns aus den Fängen der Selbstbezüglichkeit zu lösen. Dann sind wir weder gut noch schlecht genug für diese Welt, sondern sind ein Teil ihres Wirkungsnetzes, das aus seinen untergründigen Quellen immer wieder das Wachsen von Kreativität und innerer Freiheit speist.