In der mystischen Lehre von Meister Eckhart (ca. 1260–1328) nimmt die Absichtslosigkeit einen zentralen Platz ein. Sie steht in enger Verbindung mit Begriffen wie Gelassenheit, Abgeschiedenheit, Armut im Geiste und des Gottes in der Seele.
Eckhart verwendet den Terminus „Absichtslosigkeit“ nirgends. Es geht aber genau darum, wenn er fordert, dass der Mensch „ohne Warum“ handeln soll: „Der Mensch soll so ledig sein aller Dinge und aller Werke, dass er Gott wirke ohne Warum.“
Mit dem „ohne Warum (sunder warumbe)“ meint Eckhart, dass jedes Handeln, das auf Lohn, Sinn oder Heil ausgerichtet ist, nur dem Eigenwillen dient, selbst wenn es ein religiöses Mäntelchen trägt. Es hilft nicht dem spirituellen Wachsen oder dem Weg zu Gott. Weiters geht es bei der Absichtslosigkeit nicht bloß um eine Form des moralischen Altruismus, der nicht nur auf sich, sondern auch auf das Wohl der anderen schaut. Vielmehr fordert das „ohne Warum“ das Überwinden aller Zwecksetzungen und Absichtsorientierungen. Selbst die Konzentration darauf, dem Höchsten zu dienen oder ein gottgefälliges Leben zu führen, beruht auf Selbsttäuschungen. So sagt Eckhart: „Wer Gott um eines Warum willen liebt, der liebt nicht Gott, sondern das Warum.“ Wer also einen Zweck mit seiner Liebe verbindet, liebt sich im Grund nur selbst in seinem Lieben, kreist also in einer narzisstischen Schleife.
Im Moment der Selbstbesinnung gibt es keine intentionale Ausrichtung auf etwas in der Zukunft im Sinn einer Erwartung oder einer Absicht. „Der gerechte Mensch sucht nichts, weder dies noch das, weder Gott noch Seligkeit; denn er steht frei in der reinen Gegenwärtigkeit.“ Da es über diese reine Gegenwärtigkeit hinaus nichts Wesentliches gibt, findet dort jedes Begehren, Wollen und Suchen ein Ende. „Der Mensch soll so beten, dass er nichts begehrt, nichts will und nichts sucht.“ Das Gebet soll also immer frei sein von Bestrebungen und Wünschen. Wenn es aus dieser Präsenz kommt, ist es kein Bitten, sondern ein Ausdruck der Dankbarkeit.
Die Gelassenheit
Die Gelassenheit besteht bei Eckhart nicht in einer emotionalen Entspanntheit wie im modernen Wortsinn. Vielmehr geht es um das radikale Loslassen und Überwinden des Eigenwillens, um durchlässig für das Absolute zu werden. Auf diese Weise gelangt man zur Absichtslosigkeit. Es geht Eckhart also nicht um die Überwindung des Egoismus und Eigennutz im moralischen Sinn wie bei seinem Nachfolger Johannes Tauler (ca. 1300–1361), sondern um die noch viel radikalere Erkenntnis, dass jede Absicht aus dem selbstsüchtigen Ich stammt und der inneren Freiheit im Weg steht. Weder Zukunftserwartungen wie z.B. die Hoffnung, noch Bindungen an die Vergangenheit wie z.B. die Reue dürfen wichtig genommen werden; einzig den Moment, das „Nun“ gibt es im Zustand der Gelassenheit. Es ist also alles, was zum Ich gehört, hinter sich zu lassen: „Der Mensch soll so ledig sein seiner selbst, dass Gott in ihm wirken kann.“
Die Absichtslosigkeit, wie sie Eckhart sieht, ist ein direkter Ausdruck der Absolutheit. Die Absichtslosigkeit, wie sie für praktisches ethisches Handeln als Richtschnur dienen kann, gehört zur Sphäre des Relativen und entfaltet dort ihren Nutzen. Im Absoluten haben Absichten nichts verloren, wie auch alles andere, das an das Relative gebunden ist. Selbst die eigene Persönlichkeit, der Charakter, die Ich-Identität spielt keine Rolle mehr, wenn das Absolute gegenwärtig ist.
Die Armut im Geiste
In diesem Sinn spricht Eckhart von der „Armut im Geiste“. Der Zustand der Armut ist der des Verlustes jeden Halts und jeder Form im Relativen. Reichtum und Armut gibt es nur im Relativen. Im Absoluten fällt das alles weg: Das Wollen, das Wissen, das Haben: „Ein armer Mensch ist der, der nichts will, nichts weiß und nichts hat.“ Das Wollen dient der Selbstvergewisserung des Ichs; das Wissen der Kontrolle über die Welt und das Haben der Absicherung der eigenen Existenz. Bar all dieser Versicherungen öffnet sich der innere Raum, in den das Göttliche einfließen kann. „Je leerer der Mensch ist, desto voller ist Gott in ihm.“
Wenn diese Leere besteht, dann gebiert Gott seinen Sohn in der Seele, so Eckhart. Das ist der Kernpunkt seiner Mystik, der nur ungelenkt in Worten ausgedrückt werden kann. Nach der christlichen Tradition ist klar, dass die Geburt des Sohnes Gottes auch die Geburt des Menschen ist: Gott ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt. Für den Mystiker geht es da nicht um ein historisches Ereignis vor 2000 Jahren, sondern um die Erfahrung, die geschieht, wenn der Zustand der Absichtslosigkeit, der Abgeschiedenheit und der Armut im Geist erreicht ist. Das Göttliche tritt in seiner Unmittelbarkeit auf, sodass auch die Wendung von der „Geburt Gottes in der Seele“ passt: Im tiefsten Inneren des Menschen, in dem das Relative seine Macht und seinen Einfluss verloren hat, kommt Gott zur Welt, und der Mensch steht in der Bewusstheit seiner Göttlichkeit.
Aus der Haltung der Absichtslosigkeit folgt übrigens auch, dass ein Gott nur absichtslos handeln kann. Denn nach dem Verständnis von Eckhart ist auch Gott nicht von Zwecken geleitet, und der Mensch, der sich Gott annähert (oder: Gott in seiner Seele gebiert), muss oder wird deshalb auf seine Absichten verzichten. Im Bewusstsein des Göttlichen sind alle Absichten verschwunden, weil es nichts mehr braucht, was über den Augenblick hinausreicht.
Jenseits von Raum und Zeit
Eine weitere Bestimmung des Absoluten können wir bei Eckhart in Bezug auf Raum und Zeit finden: Es gibt keine Zeit und keinen Ort in ihm. Die Zeit bleibt stehen: „Die Ewigkeit ist ein stehendes Nun.“ Die Ewigkeit ist also nicht eine unendlich lange Zeit, sondern das Jenseits der relativen Zeit.
Alles Zeitliche und Räumliche ist relativ; die relative Welt beginnt und endet in Raum und Zeit, bzw. mit der relativen Welt enden Zeit und Raum. Im Gewahrsein des Absoluten tritt der Mensch aus dem raum-zeitlichen Koordinatensystem heraus. „Solange der Mensch noch in Zeit und Ort steht, so lange erkennt er Gott nicht.“
Die Rückbeziehung auf die Natur
Einen weiteren Zugang zum Verständnis der Absichtslosigkeit können wir aus der Rückbezogenheit auf die Natur gewinnen. Bei Angelus Silesius steht: „Die Rose ist ohne Warum; sie blühet, weil sie blühet.“ Die Natur ist frei von Absichten, sie wächst, weil sie wächst und sie schrumpft, weil sie schrumpft. Sie entfaltet sich in einem beständigen Prozess des Werdens und Vergehens.
Für den Menschen heißt das, dass sein Leben den Sinn in sich trägt, weil es lebt. Es braucht keinen Zweck, der ihm erst den Sinn gäbe. Vielmehr geht auf der Suche nach dem Zweck der Sinn verloren. Mit anderen Worten: Mit der Frage nach dem Zweck geraten wir von der Sphäre des Absoluten ins Relative, und im Relativen gibt es nur einen relativen Sinn. Das „Sunder warumbe“ Eckharts kennzeichnet eine Haltung, die auf jedes Beiwerk zur Ausschmückung und Rechtfertigung der eigenen Existenz verzichtet und sich auf die Einfachheit des Seins beschränkt, die frei ist vom Wollen von etwas, das nur in der Fantasie existiert.
Jede Warum-Frage führt zu Begründungen und zu Rechtfertigungen, im Grund immer zu Erzählungen, die mit der Vergangenheit oder der Zukunft zu tun haben. Das Warum zeigt auf, dass das, was ist, bedingt ist, und die Frage zielt auf die Bedingungen. Es braucht etwas anderes, um zu sein. So sind die Zusammenhänge in der relativen Welt der Raum-Zeitlichkeit beschaffen. In der Welt des Absoluten fallen all diese Verbindungen und Abhängigkeiten zusammen in eins, in die Einfachheit des Seins.
Die Abgeschiedenheit
Werfen wir noch einen Blick auf ein Zitat von Meister Eckhart, das verwunderlich erscheint: „Abgeschiedenheit ist besser als Liebe.“ Auf den ersten Blick vermeint man eine Empfehlung für die eremitische Lebensweise mit dem asketischen Verzicht auf zwischenmenschliche Liebe zu hören. Doch geht es Eckhart mit dem Ausdruck der Abgeschiedenheit nicht um einen Lebensstil der Absonderung, sondern um einen inneren Weg, in dem es um das Abscheiden von allen Versuchungen des Egos geht. Abgeschieden (von den eigenwilligen Impulsen) ist jemand, der keine Absichten und Erwartungen hat und der seinen Eigenwillen einer höheren Lenkung überlassen hat. Die menschliche Liebe ist immer auf eine andere Person bezogen, sie beruht also auf einem Verhältnis von Subjekt und Objekt (Liebender und Geliebtes) und ist in dieser Weise Teil der Relativität. Sie kommt und geht als Phänomen persönlichen Erlebens. Sie ist emotional beladen und vergänglich.
Erst mit der vollzogenen Abgeschiedenheit kann die andere Form der Liebe auftreten, die der Impulsgeber und der Zielpunkt jeder menschlichen Liebesbemühung ist, die reine oder die göttliche Liebe. Sie ist nicht an Absichten, Erwartungen oder Bedingungen geknüpft, sondern für Eckhart nur im Zentrum der Seele, in der Gott geboren ist, erfahren werden kann. Sie ist frei von Beziehungen oder Verhältnissen, weil sie einfach ist und durch alles, was ist, hindurch wirkt.
Anmerkung: Alle Zitate stammen von Meister Eckhart, übersetzt aus dem Mittelhochdeutschen.
Zum Weiterlesen:
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit
Erwartungen und Enttäuschungen
Absichtslosigkeit in der Therapie

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