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Montag, 15. Juni 2026

Das Ich und das Ego

Gemeinsamkeiten und begriffliche Unterschiede

Das Ich und das Ego stammen aus einer gemeinsamen sprachlichen Wurzel. Dennoch macht es Sinn, die beiden Begriffe zu unterscheiden, weil sie für die Beschreibung von verschiedenen Mechanismen in unserem Seelenleben dienen.

Das Ego, von dem wir heute so häufig reden, stammt eigentlich aus den ersten Übersetzungen der Schriften von Sigmund Freud ins Englische. Im Strukturmodell von Freud spielt das Ich neben dem Es und dem Über-Ich eine wichtige Rolle: „Wir sehen dieses Ich, seine Beziehungen zu den drei Seiten hin, von denen es bedrängt wird, von denen ihm Angst droht: von der Außenwelt, von der Libido des Es und von der Härte des Über-Ichs. [...] Ein Sprichwort meint, man könne nicht zwei Herren gleichzeitig dienen. Das arme Ich hat es noch schwerer, es dient drei gestrengen Herren, ist bemüht, deren Ansprüche und Forderungen miteinander in Einklang zu bringen.“ (Freud: Das Ich und das Es. Studienausgabe, Band III, Frankfurt: Fischer Verlag, S. 319) In der englischen Sprache gibt es kein substantiviertes Ich wie im Deutschen, deshalb haben die Übersetzer das „Ego” eingeführt, das dann in seiner heutigen Bedeutung in den deutschen Sprachraum zurückgekehrt ist. 

Unter dem Ego wird jener Persönlichkeitsanteil verstanden, der nur in der Vergangenheit (Erinnerungen, Traumata) und der Zukunft (Sorgen, Wünsche) weilt. Es ist auf Bestätigung angewiesen und versucht ständig, sich durch materiellen Besitz, Status, Leistungen oder auch durch spirituelle Errungenschaften zu behaupten. Es ist so etwas wie ein Reservoir der im Leben angesammelten Traumaerfahrungen und deren Bewältigung durch Abwehrmechanismen und Überlebensstrategien. Das Ego ist von inneren Ängsten angetrieben und ist bestrebt, sie mit dem Denken, das in die Vergangenheit oder in die Zukunft führt, zu bändigen. Da es auf Traumaerfahrungen beruht, befindet es sich beständig im Überlebensmodus. Es ist von der Vorstellung getrieben, dass es für die Weiterexistenz des Menschen allein zuständig ist. Der von der Angst angetriebene Überlebensimpuls ist immer egoistisch, kennt also keine Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer Menschen.

Das Ego entwickelt sich also im Lauf der Lebensgeschichte und kann mit Hilfe von therapeutischen Methoden verkleinert und entmachtet werden. Spirituelle Übungen und Erfahrungen können Egomuster überschreiben und in den Hintergrund drängen. Doch ohne therapeutische Arbeit bleiben die Muster bestehen und wirken weiter. Egomuster lösen sich auf, wenn die Traumata, aus denen sie entstanden sind, bearbeitet und integriert sind. Menschen, die sich nie einer Psychotherapie oder ähnlichen Verfahren unterzogen haben, können auf dem spirituellen Weg sehr weit gelangen, während die bestehenden Charakter- und Persönlichkeitszüge weiterwirken. Aus diesem Grund treten Diskrepanzen zwischen persönlicher und spiritueller Reife auf, indem z.B. spirituelle Lehrer zu sexuellen oder emotionalen Missbrauchern werden. 

Das Ego findet sich in vielen spirituellen Lehren, z.B. als Nafs im Sufismus oder als Shi Xin im Taoismus. Der bewertende, durch die Erziehung konditionierte Seelenteil, der trennt und unterscheidet, verhindert das Eintauchen in das Göttliche oder in das Tao und muss deshalb auf dem spirituellen Weg überwunden werden. 

Das Ich: Die Realitätsinstanz

Das Ich ist eine Instanz, die als Teil der gesunden Entwicklung der Seele in der frühen Kindheit gebildet wird und zu einer Ich-Identität weiterentwickelt wird. Das Kind lernt sich selbst mit „ich“ zu bezeichnen und reichert dieses Ich mit Inhalten an, die es im sozialen Umgang aufnimmt: der Eigenname, die Zugehörigkeit zu einer Familie und einem Land, Charaktereigenschaften, Kompetenzen usw. Dieses Ich differenziert sich im Lauf des Lebens zu einer Persönlichkeit mit vielen Facetten. Das Ich regelt das Alltagsleben mit seinen verschiedenen Herausforderungen und steuert die Kreativität, indem es Visionen entwickelt und umsetzt. Ein stabiles Selbstgefühl als Ich ist die Grundlage für die erwachsene Lebenskompetenz. Das Ich enthält die Vernunft und die Rationalität. Nach Freud regelt es die Bedürfnisse und Triebimpulse entsprechend den aktuellen Möglichkeiten in der Außenwelt und passt die Ideale und Erwartungen des Über-Ichs an die Realität an.

Das nicht existente Ich

Aus neurowissenschaftlicher Perspektive gibt es allerdings dieses Ich oder Selbst im Sinn einer unabhängigen Instanz oder eines “Ich-Zentrums” im Gehirn gar nicht. Vielmehr wird das Ich in jedem Moment des bewussten Erlebens durch ein komplexes Zusammenwirken vieler Nervenzellen erzeugt. Das “Subjekt” des Erlebens und Handelns ist eine Fiktion, die das Gehirn permanent herstellt. Ein intensiver Austausch von spezialisierten neuronalen Netzen vermittelt uns den Eindruck, wir hätten eine Ich-Identität. Wir brauchen diese Überzeugung, über ein Ich zu verfügen, um in der Welt unser Überleben zu sichern und soziale Interaktionen gestalten zu können. Der Philosoph und Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger schreibt in Bezug auf den Stand der neurowissenschaftlichen Forschung: „Niemand war jemals ein Selbst, und niemand hatte jemals ein Leben. Alles, was wir in der Vergangenheit für ein Selbst gehalten haben, ist in Wirklichkeit das Resultat eines inneren evolutionären Prozesses. Es gibt kein Ich, es gibt nur ein Selbstmodell.“ (Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel München: Piper-Verlag 2009, S. 15)

Das Ich ist also keine Gegebenheit in der Welt, kein Ding, kein Zentrum, sondern etwas, das als Resultat von gehirninternen Abläufen erlebbar wird, das aber nur ein Modell vorstellbar ist. Das Gehirn suggeriert fortlaufend die äußere Realität und die innere Realität, miteingeschlossen das Ich oder das Selbst. Wir erleben uns als dieses Ich, aber im Ich selbst ist niemand, es ist eine Leerstelle. Daraus folgt, dass dieses Ich keine fixen Eigenschaften haben kann, sondern sich laufend verändert, je nachdem, welche Datenströme das Gehirn gerade produziert. Gedanken und Gefühle tauchen auf und verschwinden wieder. Das Modell, das laufend hergestellt und ins Bewusstsein eingespeist wird, ist flexibel, flüssig. Es zerfällt, wenn wir im Tiefschlaf sind.

Aus dieser Natur des Ich folgt auch, dass es nicht von einem Schicksal geprägt ist, sondern plastisch, formbar und variantenreich gestalterisch seine fließende Form ausübt. Es kann durch die Lebenspraxis in die eine oder andere Richtung verändert werden – z. B. durch gute Sozialkontakte, viel Bewegung und gesunde Ernährung in die Richtung der Erweiterung der Lebenschancen, durch das Gegenteil in die Richtung der Verringerung der Möglichkeiten. Mittels Therapie und Meditation wird die Flexibilität und damit die Plastizität verbessert, während sie starre und selbstschädigende Gewohnheiten verringern. 

Das Ich und das Ego

Das Ich steht in einem Spannungsverhältnis zum Ego, sobald es merkt, dass bestimmte Verhaltensweisen und Gewohnheiten der Rationalität und der Kreativität schaden. Aus dem Ego können Gedanken kommen, die entmutigen und die kreativen Impulse schwächen, z.B.: „Du schaffst das nie.“ „ Du bist zu dumm dafür.” „Du kannst nicht gut genug malen, Tischtennis spielen, studieren, schreiben usw.“. Um das eigene Leben gemäß den eigenen Wünschen zu gestalten, muss das Ich das Ego in die Schranken weisen. Solche inneren Konflikte motivieren Personen, sich therapeutische Hilfe zu suchen oder einen spirituellen Weg zu beschreiten.

Da das Ego aus Überlebensmustern besteht, die in höchsten Gefahrenmomenten entstanden sind, räumt es die innere Arena nicht kampflos, sondern wehrt sich mit Händen und Füßen, wenn es ihm an den Kragen gehen soll. Das Ich-Bewusstsein versteht irgendwann, dass die Reaktionsweisen des Egos in frühen Phasen der Kindheit entstanden sind und damals einen Sinn hatten, dass sie aber der erwachsenen Persönlichkeit nicht mehr helfen, sondern für den Pfad der Selbstverwirklichung hinderlich und schädlich sind. Die Überlebensgefahren, auf die sich das Ego beruft, sind in der Erwachsenenwelt nicht mehr realistisch. Das Ego hat allerdings die menschliche Gehirnarchitektur auf seiner Seite, die den alten Bedrohungsszenarien auf einer vorbewussten Ebene eine höhere Wichtigkeit einräumt als den realistischen Einschätzungen des Ich-Bewusstseins. Deshalb wirken bloße Vorsätze, schlechte Gewohnheiten zu beenden, meist nichts; vielmehr müssen die Mechanismen des Egos verstanden, die ursprünglichen Überlebensängste erkannt und alle damit verbundenen Gefühle gespürt werden, bis die Stimme des Ichs stärker wird als die Stimme des Egos.

Auf andere Weise kommt es bei der spirituellen Suche zur Auseinandersetzung mit dem Ego. Es erweist sich bald als Drahtzieher hinter allen Widerständen, die sich der spirituellen Übungspraxis und der Entwicklung zur inneren Befreiung in den Weg stellen. Das Meister-Schüler-Verhältnis, das es in vielen Schulen gibt, hilft beim Erkennen der Ränke, die das Ego schmiedet, um seine Existenz zu behaupten. Die Meisterin durchschaut die Machtspiele des Egos in der Person der Schülerin, weil sie in der eigenen Praxis gelernt hat, die Tricks des Egos zu verstehen und zu entmachten. Sie lenkt die Aufmerksamkeit der Schülerin auf die unbewussten Mechanismen, die ihr Verhalten und ihr Denken steuern, und empfiehlt spirituelle Übungen z.B. in der achtsamen Konzentration auf den Erlebensmoment und in der Verfeinerung des inneren Sinns, sodass das Bewusstsein im Moment ruhen kann, ohne dass es vom Ego gestört wird. Auf diese Weise wächst ein Gegengewicht zur Ego-Agenda in Form von positiven Erfahrungen in der Achtsamkeitspraxis oder Meditation wie Stille, innerer Friede und Glückseligkeit. 

Jenseits von Ich und Ego

Während das Ego mit viel Selbstdisziplin und Innenarbeit entmächtigt werden muss, tritt das Ich im Zug einer Meditationspraxis immer weiter zurück, weil es immer weniger wichtig wird. Es tritt hinter die Erfahrungen von Stille, Weite und Helligkeit zurück, die zunehmend auftreten. Man könnte sagen, dass es nach innen zerfällt, wenn sich der Innenraum auftut. Das Ich verliert am Licht des Absoluten seine Bedeutung. Es verflüchtigt sich, weil es nicht gebraucht wird. Die Leerstelle verschwindet. 

Mit dem Ich verabschiedet sich der individuelle Wille. Bestimmte Meditationserfahrungen führen in einen Zustand, in dem der eigene Körper als willenlos wahrgenommen wird. Ohne jede Angst oder Sorge besteht der Eindruck, dass der eigene Körper nicht mehr bewegt werden kann. Da kein Ich mehr vorhanden ist, gibt es auch kein Wollen und damit keine willkürlichen Bewegungen. 

Im Unterschied dazu verabschiedet sich das Ego nicht von selbst oder freiwillig. Vielmehr kämpft es bis zum „bitteren“ Ende, weil es ja meint, für das Überleben zuständig zu sein. Vor dem Schritt ins Jenseits der Überlebensprogramme treten deshalb meistens massive Ängste auf, die in der Meditation überwunden werden können.

Zum Weiterlesen:
Das Ego in der Meditation
Die Weitergabe des Egos
Das Ego und seine Wurzeln
Die zwei Wahrheiten: Das Ego als Pforte zur Wahrheit
Das Ego und die Dualität


Montag, 14. November 2022

Die kapitalistische Trauma-Trance

„It's the economy, stupid.“

Warum ist das Wirtschaftswachstum ein derartig wirksames Totschlagargument, wenn es um Maßnahmen für den Klimaschutz geht? 

Eine einfache Erklärung würde besagen: Es gibt die Propaganda, mit der die Lobbyinginteressen von Unternehmen vertreten werden, die ihre Gewinne schwinden sehen, wenn sie ihre Produktion umstellen müssten. Davon müssten wir uns nicht beeindrucken lassen. Es gehört zum Wirtschaftsgeschehen, dass sich die Produktion laufend modernisieren muss, und wenn die Modernisierung jetzt darin besteht, klimafreundlich zu produzieren, dann ist das eben die Aufgabe, der sich das Unternehmen stellen muss.

Was aber häufig geschieht, ist, dass die ökologische Debatte dort aufhört und Klimamaßnahmen abgeschmettert werden, weil ja das Wirtschaftswachstum gefährdet würde, damit Arbeitsplätze wegfallen, die Wirtschaft schrumpft, allen geht es schlechter und schließlich und endlich bricht alles zusammen.

Der Clinton-Slogan: "it's the economy, stupid", könnte so übersetzt werden: Es dreht sich alles um die Wirtschaft, und wenn du das nicht begreifst, bist du ein Dummkopf. Oder: Die Wirtschaft ist der wichtigste Bereich, um den sich alles andere dreht und drehen muss. Oder: Die Wirtschaft betrifft die Menschen am unmittelbarsten und am wirkmächtigsten, alles andere ist dagegen sekundär.

Das Kapitalismus-Trauma

Dass wir solche Slogans verstehen und für plausibel und richtig halten, hängt mit der kollektiven Traumatisierung durch den Kapitalismus zusammen. Die Wirtschaft ist ein Teilbereich in jeder menschlichen Gesellschaft, aber seit der Einführung des kapitalistischen Wirtschaftssystems hat dieser Teilbereich die zentrale Stellung eingenommen. Diese Themenführerschaft hat sich tief in unser Bewusstsein eingegraben. Sie ist in alle Bildungs- und Ausbildungsvorgänge eingebunden und wird den Kindern und Jugendlichen von früh an eingetrichtert. Sie sollen in den Schulen „für das Leben“ fit gemacht werden, d.h. sie sollen in der Wirtschaft bestehen und sich eine „Existenz“ aufbauen können. Der Kapitalismus hat es also geschafft, die menschliche Existenz vom wirtschaftlichen Erfolg abhängig zu machen: Wenn wir es in der Wirtschaft nicht schaffen, verlieren wir unsere Existenz.

Was ist hier geschehen? Natürlich wussten Menschen immer, dass ihr Überleben davon abhängt, dass sie genug zum Essen und einen sicheren Aufenthaltsplatz haben. Aber sie wussten auch, dass sie das nie alleine schaffen können, sondern dass es nur gelingt, wenn alle zusammenhalten. 

In den Anfängen konnten und mussten unsere Vorfahren selber in ihren Gemeinschaften für alles sorgen, was zum Überleben notwendig war. Vor allem seit der jungsteinzeitlichen Revolution ist die Wirtschaft durch die fortschreitende Arbeitsteilung immer komplexer geworden. Es ist ein System von wechselseitigen Abhängigkeiten entstanden, das dann durch das kapitalistische System mit den Prinzipien von Gewinnmaximierung und Konkurrenz verschärft wurde. Während im Mittelalter geregelt war, wieviel ein Handwerker verdienen konnte, sollte im Kapitalismus jener, der am billigsten und effizientesten produziert, die anderen Mitbewerber ausstechen. Aus einem relativ ausgewogenen System von wechselseitigen Abhängigkeiten, in dem der soziale Ausgleich eine wichtige Rolle spielt, wird ein System des Konkurrenzkampfes nach dem Motto: Jeder gegen jeden. Wer zu wenig kämpft, geht unter. Stirb du, bevor ich sterbe. Die Existenzangst liefert den hintergründigen Antrieb für wirtschaftliches Handeln und wird jedem Teilnehmer an der Wirtschaft eingepflanzt. 

Wie ich schon an anderer Stelle ausgeführt habe, ist der Kapitalismus ein angstgetriebenes System, das allen eine chronische Stressbelastung auferlegt. Die versteckte Ideologie dieses Systems suggeriert, dass das Überleben permanent prekär ist. Man kann sich nie genug anstrengen, um endlich vor dem Untergehen sicher zu sein. Die Menschen werden gezwungen sich „freiwillig“ selber Gewalt anzutun, nicht mit vorgehaltener Pistole, sondern mit der implantierten Überlebensangst. 

Die Kapitalismus-Trance

Rein logisch betrachtet, hat das Umweltproblem, in das sich die Menschheit manövriert hat, den Vorrang vor den Wirtschaftsproblemen. Denn auf einem nicht mehr bewohnbaren Planeten kann auch keine Wirtschaft betrieben werden. Die Wirtschaft müsste also alles tun, was in ihren Kräften steht, um diese globale Bedrohung abzuwenden, und dazu bräuchte sie von der Politik die zwingenden Vorgaben. Aber weil im kapitalistischen Denken der kurzfristige Gewinn immer besser ist als eine langfristige Perspektive, trommeln die Vertreter der Wirtschaft ihre Parolen vom Vorrang der Wirtschaft und ihres Wachstums, gleich welche Kosten das sonst noch verursacht und welche Probleme daraus längerfristig erwachsen. Denn für Schäden aus den Wirtschaftsprozessen haftet die Allgemeinheit, bzw. der Staat, diese braucht die Wirtschaftsvertreter nicht zu bekümmern. 

Warum aber ist die Politik nicht in der Lage, der Wirtschaft die Rahmenbedingungen vorzuschreiben, die notwendig sind, damit die Umweltkatastrophe abgewendet werden kann? Offenbar steht sie, wie die meisten Menschen, genauso unter dem Druck, den die Überlebensangst, die Triebfeder des Kapitalismus, ausübt. Kollektive Traumen führen zu kollektiven Dissoziationen, und Dissoziationen führen zu Trancezuständen. Sobald von Gefahren für die Wirtschaft die Rede ist, geraten die meisten Politiker in einen Trancezustand, in dem sie alles andere vergessen, wofür sie sonst noch verantwortlich sind. 

Ein Aufwachen aus diesem entrückten Zustand gibt es für die meisten offensichtlich nur, wenn Erfahrungen auftreten, die so mächtig sind, dass sie nicht mehr ignoriert werden können. Verschwindende Gletscher oder abnorm heiße Sommer sind unangenehme Erfahrungen, aber wir können mit ihnen leben. Ein Sturm, der das eigene Haus niederreißt oder eine Flut, die alles wegschwemmt, was einem gehört, kann nicht mehr so leicht ignoriert werden. 

Die Gefahr besteht, dass wir uns langsam, so wie sich die Klimabedingungen und alle von ihnen abhängigen Phänomene verändern, an die veränderten Umstände anpassen und deshalb alles hinauszögern, was an neuen Gesetzen und an neuen Verhaltensgewohnheiten notwendig wäre. Wir verhalten uns wie die Frösche in dem Wasserglas, das langsam erhitzt wird, und wir merken die Misere erst, in der wir stecken, wenn wir schon verbrüht sind. (Die Geschichte mit den Fröschen ist übrigens ein Fake, Frösche sind nicht so blöd, sie springen aus dem Wasser, sobald es ihnen zu heiß wird.)

Wir haben die Wahl: Die Traumatrance, angetrieben vor der kapitalistischen Überlebensangst, oder das Aufwachen, angetrieben vom Überlebenswillen und von der Verantwortung für die Menschheit und den Planeten.

Zum Weiterlesen:
Kollektive Traumen und ihre Folgen
Kollektive Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine
Die kollektiven Traumatisierungen durch den Kapitalismus
Unverschämtheit, ein Merkmal des Kapitalismus
Kapitalismus und Sozialismus: Angstorientierung und Schamorientierung


Donnerstag, 11. August 2022

Die frühkindlichen Wurzeln der Ideologien

Ideologien sind Fantasiegebilde, die die Übersichtlichkeit in komplexen Situationen versprechen. Die Fantasie bewirkt, dass die Ideologie nur lose mit der Wirklichkeit in Verbindung steht, sie nimmt ein paar Elemente und filtert die meisten aus. Die von ihren Zusammenhängen isolierten Elemente werden verallgemeinert, deshalb All-Aussagen. Geben Sicherheit auf der Emotionalebene. Sicherheit auf der Emotionalebene brauchten wir als Embryos im Mutterleib. Deshalb ist jede Ideologie mitsamt ihren Symbolen geladen von embryonalen Themen. Ideologien dienen den frühkindlichen Sicherheitsbedürfnissen. Sie sind ungeeignet für das Verstehen der Realität und für das Entwickeln von konstruktiven Handlungen. Sie wirken retraumatisierend, d.h. sie verstärken die Traumalast, die vor allem in der pränatalen Phase entstanden ist und befestigen die Abwehr dagegen.

Ideologien wirken erwachsen und richten sich auch vorwiegend an Erwachsene. Denn sie werden in sprachlicher Form übermittelt und folgen einer Logik, die stringent wirkt, aber nur Sinn macht, wenn die jeweiligen Grundannahmen akzeptiert werden. Diese Grundlagen und Ausgangspunkte bleiben aber im Dunkeln und sollen außer Frage stehen. Jeder Versuch, die Vorannahmen herauszuarbeiten und mit der Realität zu konfrontieren, muss bekämpft werden, weil er das ganze Gebäude der Ideologie bedroht. Ideologien entstehen also nicht aus der Realität, sondern sie nutzen die Realität ausschnittsweise oder verzerrt, um das eigene Konzept und Narrativ plausibel zu machen und zu begründen.

Sie sind also kindlichen Ursprungs, vorrational, traumähnlich und emotional geladen. Sie tragen die Traumaenergie aller nicht geheilten frühen Verletzungen in sich. Sie kommen aus der rechten Gehirnhemisphäre und sprechen ihre Anhänger auf dieser Ebene an. Wie wir wissen, verfügen Embryos und Babys nur über die emotional geprägte rechte Gehirnhälfte. Die linke Hälfte entwickelt sich langsam während der Kindheit, verbunden mit dem Erwerb der Sprache. In diesem Prozess verändert sich die Wirklichkeitserfahrung: Ursprünglich gibt es keine klare Grenzen zwischen Realität und Fantasie; erst die linke Hemisphäre sorgt für die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion, zwischen innen und außen und zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Jede Traumaerfahrung bringt zurück in die vorrationale Sphäre des Erlebens und Wahrnehmens. Damit bieten sich kollektive Traumafelder als ideale Nährboden für Ideologien an. Die Pandemiezeit hat viele Beispiele für diesen Zusammenhang hervorgebracht. Menschen, die sich im Bann eines individuellen oder eines kollektiven Traumas befinden, sind gelähmt und verunsichert; sie klammern sich deshalb oft an die Strohhalme, die Ideologien oder Verschwörungstheorien anbieten. Selbst eine Idee ohne jeden Bezug zur Realität kann ein Stück Sicherheit und Orientierung bieten, das dringend benötigt wird. Auf diese Weise verbindet sich die Überlebenshoffnung mit der Theorie oder Ideologie bis hin zu einer Identifizierung. Wenn diese Fixierung erfolgt ist, muss die Ideologie um den scheinbaren Preis des Überlebens verteidigt werden. Das gedankliche Konstrukt ist voll mit Emotionen aufgeladen und wird mit unterstützenden Informationen abgesichert und vor widersprechenden Informationen abgeschottet. In Extremfällen wird das eigene Selbst über die Ideologie definiert.

Erwachsensein heißt, die eigenen Fantasien beständig an der Realität zu überprüfen, also das Innere mit dem Äußeren abzugleichen. Erwachsensein ist mit der Erfahrung der permanenten Veränderung, der Unbeständigkeit und des fortlaufenden Lernens vertraut. Erwachsenwerden bedeutet, sich von Identifikationen zu lösen und das eigene Selbst in jedem Moment neu zu definieren. Das erwachsene Selbst umfasst auch das kindliche Selbst, aber es ist dafür zuständig, dass es zwischen diesen beiden Instanzen eine klare Unterscheidung gibt, dass sich also das innere Kind nicht unerkannt in die erwachsenen Agenden einmischt.

Ideologien tragen nichts zum gesellschaftlichen Fortschritt bei, im Gegenteil, sie sind Hemmschuhe der sozialen und politischen Evolution. Die Aufklärung umfasst das Unterfangen, Ideologien mit der Realität zu konfrontieren und auf dieser Weise ihrer sinnstiftenden Macht zu entkleiden. Eine Welt ohne Ideologien ist eine Welt, in der die Erwachsenen das letzte Wort haben und die Verantwortung für die Entscheidungen tragen, die die Zukunft der Menschheit betreffen.

Zum Weiterlesen:
Kindsein und Erwachsensein
Das Kind in uns
Verschwörungstheorien und Normalitätsscham
Wirklichkeit und Fantasieprodukte

Mittwoch, 29. September 2021

Das volle Boot und die Angst vor der Überflutung

Die Horrorerzählung vom vollen Boot

Wir alle kennen die Bilder vom Untergang der Titanic dank des filmischen Monumentaldramas. Wenn das Boot übervoll ist, gehen alle unter, die drauf sind. Leicht verständlich ist die Metapher und leicht übertragbar auf abstraktere Zusammenhänge. Ein Staatsgebiet ist das Boot, mitten in einem stürmischen Ozean und randvoll mit den Leuten, die auf dem Boot heimisch sind. Und da wollen jetzt noch andere an Bord, die im Ozean herumschwimmen, knapp vor dem Ertrinken. Wie jede Metapher, hinkt auch diese: Ein Staat ist natürlich kein Boot, sondern ein umgrenztes Landgebiet. Dieses Land ist von Millionen Menschen bevölkert, aber es noch genug Platz für weitere Millionen da, zumindest räumlich. Es gibt keinen Ozean, auf dem es schwimmt und dem es auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. In der Umgebung sind in der Regel andere Staaten, manchmal auch Küsten. 

Der Sinn der Metapher vom vollen Boot liegt darin, Angst zu erzeugen. Es soll ein Gefühl einer Einengung erzeugt werden, die das eigene Leben bedroht. Andere, Fremde, nehmen weg, was man selber zum Überleben braucht. Also muss man sie mit allen Mitteln abwehren. 

Die Metapher ist deshalb so eindringlich, weil wir solche Gefühlszustände kennen. Es wird eng, die Luft wird knapp, die Angst schnürt alles ein. In jedem natürlichen Geburtsverlauf gibt es Situationen, in denen die Versorgung durch die Nabelschnur knapp wird und der Wehendruck alles eng macht. Wir haben die Erfahrung überstanden, aber wir wollen sie nicht nochmals erleben. Sie ist in unserem Unterbewusstsein gespeichert, ebenso wie die Impulse, ähnliche Situationen in Zukunft zu vermeiden.

Diese Impulse werden geweckt, wenn wir mit der Metapher vom vollen Boot erschreckt werden. Die Gefühle können sich gleich massiv melden und die gedanklichen Kontrollen ausschalten. Wir fühlen uns unter Druck und werden aggressiv, weil es scheinbar um unser Überleben geht. Wir müssen uns unter allen Umständen wehren, und denken nicht weiter darüber nach, was wirklich Sache ist. Das Böse ist im Außen und muss dort bekämpft werden.

Die Metapher mit dem vollen Boot wird verwendet, wenn es um Flüchtlinge und Asylsuchende geht, die ihre Heimat verlassen haben, weil dort Krieg, Hungersnot oder andere schwierige Lebensumstände herrschen. Sie wollen anderswo auf der Welt ihr Leben sichern und ihr Glück suchen.  Mit der Metapher suggerieren Politiker, dass wir um unser Überleben fürchten müssen, wenn Leute von außen hereinkommen, weil sie uns unsere Lebensgrundlagen wegnehmen. Und sie präsentieren sich als die Retter vor dieser Not und Gefahr.

Wie wir wissen, hat es immer wieder in der Geschichte Menschengruppen gegeben, die unfreiwillig unterwegs waren; der ganze amerikanische Kontinent wurde großteils von politischen, religiösen und wirtschaftlichen Flüchtlingen aus Europa besiedelt. Jede der europäischen Nationen ist ein Sammelsurium von verschiedenen Ethnien, die sich im Lauf der Jahrhunderte überlagert und vermischt haben. Die Einwohner eines Landes unterscheiden sich nur in der Dauer der Sesshaftigkeit ihrer Herkunftsfamilien. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass sich vor allem jene, die noch nicht so lang im Land sind, deutlicher und vehementer gegen neuen Zuzug wehren als jene, die über viele Generationen angesiedelt sind. 

Klar ist, dass es kein objektives Kriterium dafür gibt, ab wann das Boot Staat voll ist, sprich von so vielen Menschen bewohnt wird, dass niemand Weiterer mehr Platz hat. Selbst die dichtest bevölkerten Staaten haben immer noch ausreichend Platz für Zuzügler. Klar ist auch, dass es Eingliederungs- und Anpassungsprobleme gibt, wenn in ein Land mit 8 Millionen Einwohnern innerhalb weniger Monate 100 000 Zuwanderer kommen. Aber zu sagen, dass ab nun das Boot voll ist, kann auf keinen nachvollziehbaren Grund verweisen, sondern ist eine subjektive Einschätzung. Die Integration von Zuzüglern wirft immer Probleme auf, und je mehr kommen, desto mehr Probleme gibt es. Wo aber ist die Grenze, ab der diese Probleme nicht mehr bewältigt werden können? Es gibt sie nur in Einschätzungen und Willenskundgebungen: Ich will nicht, dass noch mehr Leute reinkommen – weil sonst mein Sicherheitsgefühl ramponiert würde. 

Die subjektiven Einschätzungen, auf deren Grundlage vom „vollen Boot“ geredet wird,  sind aus der eigenen Emotional- und Traumabiografie unterfüttert und spiegeln das Ausmaß an Grundsicherheit und Grundvertrauen wieder, das in der Kindheit grundgelegt wurde. Sie treten zwar mit dem Anspruch auf objektive Gewissheit auf, können aber auf nichts zurückgreifen, was den Anspruch objektiv untermauern könnte.

Die Metapher von der Überflutung

Das Bild von der Überflutung von außen ist eine weitere Metapher, die Angst und Schrecken erzeugen soll. Sie hat auch mit dem Wasser zu tun wie die Metapher vom vollen Boot. Diesmal ist es das Wasser selbst, das in seiner Übermacht die Angst auslösen soll. Interessant ist die traumapsychologische Querverbindung. Ein Kennzeichen für ein Trauma besteht in der Überflutung mit feindlichen und bedrohlichen Reizen. Es strömen zu viele angstauslösende Informationen von außen auf den Organismus ein, der sie nicht mehr verarbeiten kann. Die inneren Systeme brechen zusammen, und Notfallsmechanismen übernehmen das Kommando, die ihrerseits dafür sorgen, dass flutartig Hormone ausgeschüttet werden. 

Solche Erfahrungen kennen wir alle in mehr oder weniger schlimmer Ausprägung. Die ersten Traumaerfahrungen sammeln wir im Mutterleib, etwa wenn die Mutter unter starken Stress gerät und ihre Stresshormone über die Nabelschnur ungefiltert einströmen. Wir werden von außen überflutet mit schädlichen Stoffen, und im winzigen Körper kommt es zur massiven Ausschüttung von eigenen Stresshormonen.

Wenn nun Szenarien des Überflutens von Politikern oder Medien heraufbeschworen werden, meldet sich im Inneren die Alarmreaktion von frühen Überflutungserfahrungen; das Denken wird ausgeschaltet, die Wirklichkeitswahrnehmung verzerrt, und die ganze emotionale Energie wendet sich gegen die Bedrohung, ob sie nun real ist oder fantasiert. Auf diese Weise gelingt es schnell, die verängstigten Menschen hinter einer politischen Parole zu versammeln. 

Die pränatalen Wurzeln der Ideologien

Ideologien nutzen gerne pränatal geprägte Metaphern, um die Emotionalzentren der Menschen anzusprechen und ihre Rationalität zu unterlaufen. In den hier genannten Fällen liefern sie damit Vorwände, die die Schamgefühle mindern sollen, die unterschwellig aktiviert werden, sobald es um die Fragen der Aufnahme von Notleidenden, Flüchtlingen und Vertriebenen geht, also um die Menschen, die unter dem Schutz der UN-Flüchtlingskonvention stehen. Diese Konvention, die die meisten Staaten unterzeichnet haben, wird zu einem leeren Stück Papier, sobald die emotional angetriebenen Ideologien die Oberhand gewinnen, mit Hilfe aller Ortsansässigen, die auf ihre Propaganda hereingefallen sind.

Montag, 31. August 2020

Katzenbuckeln - eine Traumareaktion


Unter „fawning“ (engl.), übersetzt Katzenbuckeln (oder auch „Speichellecken“) versteht ein Zweig der Traumatherapie das Muster des „Es-allen- Rechtmachens”. Nach dem US-Therapeuten Patrick Walden, der diesen Ausdruck als vierte Form der Traumareaktion (neben Kämpfen, Flüchten und Erstarren) beschrieben hat, neigen Menschen mit diesem Muster dazu, sich an die Bedürfnisse anderer anzupassen, sodass sie sich oft in kodependenten Beziehungen wiederfinden und dort ihre Traumgeschichte wiederholen. 

Walden schreibt: „Katzenbuckel-Typen suchen Sicherheit, indem sie mit den Wünschen, Bedürfnissen und Forderungen der anderen verschmelzen. Sie handeln so, als ob sie unbewusst glaubten, dass der Eintrittspreis in jede Beziehung darin bestünde, all ihre Bedürfnisse, Rechte, Vorlieben und Grenzen aufzugeben.“

Hier eine Liste der klassischen Anzeichen des Katzenbuckelns. Diese Verhaltensweisen herrschen besonders dann vor, wenn ein Traumaüberlebender Angst verspürt oder getriggert wird:

• Rechtmachen

• Die Unfähigkeit zu sagen, was man wirklich fühlt oder denkt

• Sich um andere zum eigenen Nachteil kümmern

• Auf alle Bitten „Ja“ sagen

• Anderen schmeicheln

• Mit geringem Selbstwert kämpfen

• Konflikte vermeiden

• Das Gefühl, ausgenutzt zu werden

• Großes Bemühen, mit anderen übereinzustimmen

Weil die Katzenbuckler-Typen Schwierigkeiten haben, sich Raum zu nehmen und ihre Bedürfnisse auszudrücken, sind sie verletzbarer durch emotionalen Missbrauch und durch Ausbeutung. In missbräuchlichen Umständen (z.B. beim Kindesmissbrauch oder bei Gewalt in Intimbeziehungen) können die Missbraucher die Flucht- oder Kampfreaktion des Opfers unterdrücken, indem sie Strafen androhen, sodass dem Opfer nur die Anpassungs- oder Erstarrungsreaktion zur Verfügung steht.

„Wenn uns die Macht oder Fähigkeit zum Kämpfen oder Flüchten fehlt, was sehr häufig bei komplexen Traumatisierungen vorkommt, werden wir erstarren, werden wir beschwichtigen oder dissoziieren,“ sagt Dr. Kathy Kezelman, Direktorin eines Traumazentrums. „Die Beschwichtigungsreaktion, die auch als Gefallenwollen oder Katzenbuckeln bekannt ist, ist eine weitere Überlebensreaktion, die auftritt, wenn das Opfer Gefahrensignale erkennt und sich fügen muss und die Konfrontation minimiert im Versuch, sich zu schützen.“

Wie ist das Erleben beim Katzenbuckler?

Alle Menschen suchen wir nach Beziehungen, die sich bequem und bekannt anfühlen. Für Traumaüberlebende des Anpassungstyps, die sich sehr bemühen, um in Beziehungen zu gefallen, kann das leider bedeuten, dass sie missbräuchliche Beziehungen anziehen, die sich bekannt anfühlen oder als etwas, das man „sich verdient“ hat. 

Ein Betroffener schreibt: „Je mehr ich mich in einer emotionalen Verbindung engagiert habe, desto unwahrscheinlicher war es, dass ich diese Person kritisiert habe oder dass ich angesprochen habe, wenn meine Grenzen überschritten wurden. Ich konnte mein Unglück über ihr Verhalten nicht ausdrücken und konnte auch nichts mitteilen, von dem ich dachte, es könnte die Beziehung zerstören. Es war notwendig, aus einer Freundschaftsbeziehung herauszutreten, die mich so tiefgründig erschüttert und zerstört hatte – während ich in die tiefsten Tiefen der Magersucht abrutschte –, bevor ich erkannte, dass das Verhalten, Personen nachzujagen, die kontrollierten, emotional unerreichbar und sogar missbräuchlich waren, meine Geist zerstörte. Ich suchte nach den emotional verschlossensten Menschen, und ich warf mich in diese Verfolgungsjagd, irgendwo im Glauben, dass ich meine Werthaftigkeit nur unter Beweis stellen könnte, wenn ich die Liebe und Zuwendung der am wenigsten erreichbaren Person sicherstellen könnte.“

Das bedingungslose Anpassen ist ein selbstbeschützender Panzer, wie die anderen Stressreaktionen. Es hat vielen Traumaüberlebenden ermöglicht, missbräuchliche und gefährliche Umstände zu überleben.

Es gibt keine „besseren“ oder „schlechteren“ Stressreaktionen, aber schädlich ist es, wenn man in einer von ihnen feststeckt. Obwohl das Katzenbuckeln die Angst besänftigen kann und dazu beitragen kann, sich im Moment sicherer zu fühlen, kann es tatsächlich die eigene Stimme zum Verstummen bringen und verhindern, sich zu heilen oder mit Menschen zu umgeben, die dem eigenen Wohlbefinden zuträglich sind.

Zur Diskussion

So einleuchtend die Anpassungsreaktion zum Schicksal einer durch emotionalen Missbrauch traumatisierten Person passt, so wenig passt sie allerdings in den „klassischen“ Kanon der Traumareaktionen: Kämpfen, Flüchten, Erstarren. Denn diese drei Reaktionsformen sind elementare und evolutionär tief verankerte Überlebensstrategien, die das vegetative Nervensystem zur Verfügung stellt und je nach den Umständen ohne bewusstes Zutun in einer Belastungssituation aktiviert. 

Die Reaktion des „Katzenbuckelns“ ist eine Form, über das bewusst gesteuerte Verhalten weitere Traumatisierungen zu verhindern und entsteht in der Folge einer komplexen Risikoabwägung, die allerdings auch im Unterbewussten vorgenommen wird. Oft ist sie die Folge von Drohungen, z.B. beim sexuellen Missbrauch: „Wenn du etwas über das sagst, was wir gerade gemacht haben, wirst du bestraft, also schweig!“ Scheinbar bietet diese Reaktion den Ausweg aus Situationen, die mit Kämpfen oder Flüchten nicht bewältigt werden können, weil die Abhängigkeit vom Täter so groß ist. Sie kann aber erst auftreten, wenn das Nervensystem wieder in einem sozial aktiven Zustand ist, also wieder eigene intentionale Handlungen erlaubt. Der parasympathische Lähmungszustand muss überwunden sein, und die sympathische Hocherregung im Kampf-Flucht-Modus muss abgemildert sein, damit sich das Anpassungsverhalten etablieren kann.

Gleichwohl ist dieser Verhaltenstyp weit verbreitet und oft tief in der Persönlichkeitsstruktur verankert, und seine Auswirkungen können viel Leid anrichten. Manche Menschen verstehen nicht, warum sie immer wieder in Beziehungen landen, die ihnen nicht guttun. Wenn sie erkennen, dass es die eigene Traumageschichte ist, die sie in solche Abhängigkeitsmuster führt, haben sie die Chance, den unterwürfigen Kater in eine selbstbewusste Raubkatze zu transformieren, wozu in jedem Fall eine therapeutische Begleitung angeraten ist.

Hier zur Quelle dieses Artikels.