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Freitag, 3. März 2023

Ungeduld beim inneren Wachsen

Für immer mehr Menschen wird das innere Wachsen ein wichtiges Thema. Sie merken, dass sie ihre Potenziale nur mangelhaft ausnutzen können, sich innerlich leer fühlen oder eine Sehnsucht verspüren, über die bisherige Erfahrungsform hinauszustreben. Es geht nicht nur darum, im Äußeren erfolgreich zu sein und dort Abenteuer zu erleben, materiellen Wohlstand anzuhäufen und Unterhaltung zu genießen; es gibt auch die innere Dimension, in der vieles gefunden werden kann, was die Außenwelt nie bieten kann. Und es zeigt sich dann immer mehr, dass die Freilegung der Potenziale des Inneren den Umgang mit den Herausforderungen des Äußeren erleichtert. 

Wenn wir an unserem inneren Wachsen arbeiten, durch Therapie oder Meditation, durch Selbstreflexion und achtsame Bewusstheit, erleben wir oft unerwartete und überraschende Verbesserungen und Fortschritte. Manchmal erscheinen sie wie richtige Durchbrüche auf eine neue Ebene des Bewusstseins. Wir sehen die Welt mit neuen Augen, erfreuen uns an der Schönheit der Natur und erkennen das Strahlen in jedem Menschen. Wir fühlen uns am Gipfel angekommen. 

Rückfälle oder Umwege 

Dann passiert es aber immer wieder auch, dass wir auf alte, schon längst überwundene Muster zurückfallen. Wir versinken in Filmserien, die uns nicht wirklich interessieren, spielen Computerspiele, die uns abstumpfen, finden alle möglichen Ausflüchte, wenn wir etwas für unsere Fitness machen sollten, rasten wegen Kleinigkeiten aus und fühlen uns andauernd angespannt oder verstimmt. Wir sind wieder im alten Fahrwasser, als hätte sich nie etwas geändert. Schon sind die Selbstvorwürfe aktiv, mit denen wir unsere Stimmung noch mehr vermiesen. Wir denken uns, die ganzen Bemühungen haben alle nichts gebracht, all das Geld, das wir für Sitzungen und Selbsterfahrungsgruppen, für Meditationsretreats und Indienreisen ausgegeben haben, war für die Katz‘. All die Zeit, die wir für tägliches Meditieren, Yogamachen, Achtsamkeitsgehen und QiGong-Übungen aufgewendet haben, war vergeudete Liebesmüh‘. Es kommt uns vor, als ob wir im gleichen bekannten Sumpf stecken, in dem wir uns schon vor Jahren missmutig gesuhlt haben.  

In solchen Situationen haben wir vergessen, dass das innere Wachsen kein linearer Prozess ist. Wir haben vergessen, wie trickreich unser Ego ist, weil wir dachten, wir hätten es schon längst durchschaut und überwunden. Aber es wartet immer wieder hinter einer Ecke und ist dann plötzlich wie selbstverständlich wieder da, meistens gerade dann, wenn uns das Leben neue Herausforderungen präsentiert. Dadurch geraten wir in Stress und fallen aus der inneren Balance. Und schon ist das Ego zur Stelle und macht sich wichtig. Schließlich war es jahrzehntelang der Krisenmanager. Es reproduziert alten Stress und verbindet ihn mit der neuen Situation, es mobilisiert alte Bewältigungsmechanismus, die aus unserem Überlebensmodus stammen.  Schnell kommt es wieder in seine ursprüngliche Macht. Es lässt uns ungeduldig werden und aktiviert unsere Selbstzweifel: Was hat das alles gebracht, was wir zu unserer Selbstverbesserung und zur spirituellen Öffnung unternommen haben, wo wir doch schon wieder in einem alten Loch stecken? 

Das Ego weiß um seinen natürlichen Feind, das innere Wachsen. Deshalb macht es alles schlecht, was ihm gefährlich werden könnte.  Es versetzt uns in Unruhe und Unzufriedenheit und will uns weismachen, dass wir, wenn unsere Bemühungen sinnvoll gewesen wären, wir schon längst dauerhaft in Shangri-La wohnhaft sein müssten. Da das noch immer nicht der Fall ist, kann es sich stolz als Retter in der Not auf die Brust klopfen und den weiteren Fortschritt auf zweierlei Weise behindern: Entweder indem es den Narzissmus der spirituellen Sucherin nährt und suggeriert, welch außergewöhnliche und ausgewählte Person sie ist oder indem es der Ungeduld Raum gibt, die immer nachfragt, wie lange es noch dauert, bis endlich das Ziel erreicht ist. 

Immer also, wenn sich die Ungeduld in unsere Innenarbeit einmischt, sollten wir wissen, dass es das Ego ist, das uns den Genuss der Früchte unseres spirituellen Strebens verderben möchte. Die Ungeduld führt uns weg aus dem gegenwärtigen Moment und verbindet uns mit einer illusionären und fantasierten Zukunft. Sie macht uns schmerzlich bewusst, dass wir noch immer nicht dort sind, wo wir meinen, dass wir eigentlich schon längst sein sollten.  

Das Handtuch werfen 

Manche geben die Reise nach innen auf, wenn sie merken, dass sie schon wieder einem Rückfall im Wachstumsprozess unterlegen sind. Sie kehren zum „normalen“ Leben zurück, tauchen in die „sublime Mittelmäßigkeit“ frei nach Hanzi Freinacht ein und genießen die kleinen oder größeren Vorzüge des Alltags. Sie gewöhnen sich an das Auf und Ab der Stimmungen und richten es sich in den altbekannten Gewohnheiten wohnlich ein. Mit ein wenig Wehmut und viel Sarkasmus blicken sie vielleicht zurück auf die Zeiten der “Nabelbeschau” zurück und pflegen ein Stück heimliche Bewunderung und Verachtung für jene, die sich weiter auf diesem Weg abmühen. 

Widerstände werden zu Ressourcen 

Andere nehmen den verlorengegangenen Faden wieder auf und wandern ihm entlang weiter. Sie erkennen, dass Rückschritte zum Weg gehören, weil sie auf tiefere Widerstände aufmerksam machen. Sie erfahren, dass die Hemmungen beim Weitergehen ganz wichtige Lernerfahrungen beinhalten, wenn sie bewusst erforscht werden. Sie nehmen sich dieser Kräfte an, die gesehen, gespürt und überwunden werden können, bis sie sich in Ressourcen verwandeln und dem Wachsen dienen. 

Bald werden sie bei diesen Erkundungen merken, dass sie auf einem Fundament aufbauen, das sich durch die früheren Erfahrungen gebildet hat. Nichts, was je erworben wurde, ist umsonst geschehen. Jedes Lernen und Wachsen hat eine Spur hinterlassen und Neues erschlossen.  

Sie kommen leichter in die innere Stille als in ihren Anfängen, sie merken, dass ihnen die Disziplin im Üben und Reflektieren leichter fällt als früher und dass sie schneller zur Gelassenheit zurückfinden, wenn sie sich mal aufregen. Sie erkennen, dass kein Schritt, der sie jemals näher zu sich selber geführt hat, umsonst war, sondern dass all diese Erfahrungen ihren Sinn haben und zum Weitergehen beitragen.  

Das Rätsel der Ungeduld lichtet sich, indem es als ein Trick des Egos verstanden wird. Ein spiritueller Weg ist nie geradlinig und eben, er kennt viel rauf und runter, unerwartete und unübersichtliche Kurven tauchen auf, und manchmal stecken wir in einem Labyrinth fest und suchen verzweifelt den Ausweg. Hindernisse aller Art stellen sich entgegen, und eine davon ist die Ungeduld. Je mehr wir diese Hindernisse verstehen, desto besser können wir mit ihnen umgehen. Was uns zuerst als lästiger Gegner erscheint, wird dann zum vertrauten Bekannten, der uns ein Stück begleitet. Die Ungeduld, die wir zur Freundin gewinnen, verwandelt sich bald in eine entspannte Genießerin des Augenblicks.  

Zum Weiterlesen:
Alles zu seiner Zeit: Ungeduld in der Therapie
Geduld ist die Tugend der Glücklichen
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen

Mittwoch, 8. Dezember 2021

Die Impf-Kommunikation

Die Pandemie-Krise hat im Zusammenhang mit der Impfthematik auch ein massives gesellschaftspolitisches Kommunikationsproblem aufgezeigt. Es gelingt der Staatsverwaltung nicht, die eigenen Intentionen und Pläne ausreichend an die Frau und den Mann zu bringen und verständlich zu machen, sodass genügend Menschen impfen gehen und die Virenverbreitung minimiert wird.  

Ebenso verhallen die einschlägigen Appelle der Wissenschaft bei vielen Adressaten erfolglos, vielmehr tragen sie offensichtlich zusätzlich zum Anstieg der Wissenschaftsskepsis bei. Die Überforderungs- und Verzweiflungssignale der überforderten Intensivmediziner und des überbelasteten Spitalspersonals stoßen bei denen, an die sie gerichtet sind, auf Abwehr, Verharmlosung oder durch Fake-News gespeiste Umdeutungen.  

Es geht hier nicht um die Adressaten, also die Impfunwilligen in der Bevölkerung, sondern um die andere Seite der Kommunikation: Die Unfähigkeit, die Botschaft so zu übermitteln, dass sie zur erwünschten Handlung führt. Dieses Kommunikationsproblem kann als Vermittlungsschwierigkeit von der sechsten zur fünften Bewusstseinsstufe verstanden werden.  

Die Logik der Bewusstseinsevolution verläuft so, dass die nächstfolgende Stufe die wichtigsten Elemente der vorigen beinhaltet, sie weiterentwickelt und in neue Zusammenhänge stellt. Klar ist, dass die Perspektiven und Denkweisen der nächstfolgenden Stufe von den Menschen auf der vorigen nicht automatisch verstanden werden und auf Widerstand stoßen. Sie stellen ja die Prinzipien des eigenen Bewusstseins in Frage und fordern eine Weiterentwicklung, die ins Unbekannte führt und deshalb riskant ist. Vor jedem Schritt auf ein neues Organisationsniveau meldet sich die Angst vor dem Neuen und Unbekannten und die Angst, Vertrautes und Gewohntes aufgeben zu müssen, auch wenn es nicht wirklich mehr nützlich ist und einengt. Es liegt an der höheren Stufe, die Vermittlungswege anzubieten, die es den Leuten, die auf der vorigen Stufe verankert sind, schmackhaft machen, den Schritt auf die nächste Stufe zu wagen.   

Die Impf-Kommunikation

Ich gehe in Bezug auf die gegenwärtigen Situation von der Annahme aus, dass die Gesundheitsverwaltung, die in enger in enger Zusammenarbeit mit der Wissenschaft ihre Verordnungen und Maßnahmen setzt, auf einer systemischen Ebene, also auf der sechsten Bewusstseinsstufe argumentiert: Sie will dafür sorgen, dass das Gesundheitssystem seine Leistungsfähigkeit behalten kann, und darüber hinaus, dass durch die dafür notwendigen Maßnahmen der beste Nutzen für möglichst viele in der Krisensituation erzielt werden kann, bzw. dass die Schäden möglichst gering bleiben. Dazu wird ein Prozedere gewählt, das nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen dazu am dienlichsten ist.  

Viele, die mit diesen Argumentationen nichts anfangen können, kommen hingegen von der personalistischen Ebene, das den eigenen Körper und die eigene Seele über alles andere stellt, und diese Personen fühlen sich von den Appellen der Politik, der Wissenschaft und des Gesundheitswesens weder verstanden noch unterstützt. Deshalb verstehen sie ihrerseits die Anliegen der Regierung nicht, setzen die empfohlenen Maßnahmen nicht um und protestieren und rebellieren dagegen.  Wir haben es mit einem Vermittlungsproblem zwischen diesen beiden Ebenen zu tun.    

Am Beispiel der Impf-Kommunikation zeigt sich in vielen Ländern, wie schwierig es offensichtlich ist, die Abwehr der vorigen Entwicklungsstufe gegen das Neue zu überwinden. Die mRNA-Impfstoffe z.B., bei denen eine relativ neue Biotechnologie angewendet wird, die vielen Laien unbekannt ist, haben große irrationale Ängste ausgelöst. Viele wollen sich nur mit Impfstoffen impfen lassen, die schon auf lange bekannten Grundlagen beruhen.

Die Impfpflicht und die politische Regression

Nun hat die Regierung in Österreich aus der misslungenen Kommunikation und Überzeugungsarbeit den Schluss gezogen, die Impfpflicht zu verhängen. Es müssen sich also auch die Unwilligen der Impfung unterziehen, wenn sie nicht bestraft werden wollen. Der Staat wechselt damit von der systemischen auf die hierarchische Ebene, von der sechsten auf die dritte Stufe, um mittels Staatsgewalt das Verhalten zu erzwingen, das durch Überzeugungsarbeit nicht zustande gebracht werden konnte. Da ist es dann nicht verwunderlich, dass Teile der solcherart in eine Zwangslage Geratenen noch eine Stufe darunter regredieren und zu Verweigerung und Widerstand aufrufen, indem sie der Regierung die demokratische Legitimation absprechen und sich in einer Diktatur fühlen. 

Andererseits ist es aus der Sicht der Staatsverwaltung und der Politik nachvollziehbar, dass die systemische Ebene verlassen wurde, weil durch die Engpässe im Gesundheitssystem ein Zeitdruck entstanden ist und keine langwierigen Überzeugungskampagnen mehr geführt werden können. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass das Andauern der Pandemie bei vielen die Ängste steigert und dass sich dadurch die einmal eingenommenen Positionen (für oder wider die Impfung) immer mehr verhärten, sodass Gespräche immer mühsamer und sinnloser werden. 

Dazu kommt, dass systemische Entscheidungsfindungen im Allgemeinen einen hohen Zeitbedarf haben. Sie gedeihen nur gut unter stressfreien Rahmenbedingungen und bringen nur dann Frucht, wenn alle Beteiligten und Betroffenen mit ihren Sichtweisen, Ängsten und Erwartungen ausreichend einbezogen werden. Deshalb ist es für Einzelpersonen wie für Verwaltungssysteme äußerst schwierig, unter äußerem Stress das systemische Bewusstsein aufrechtzuerhalten. 

Die Notwendigkeit der Stärkung der systemischen Vernunft

Was kann die systemische Ebene dazu beitragen, die Motivation zum Überstieg in diese Bewusstseinsform zu stärken? Obwohl in Österreich der Zug zur gütlichen Verständigung mit den Impfgegnern abgefahren ist, ist die Frage wichtig, wie die  systemische Ebene die personalistische erreichen könnte. Anders gefragt: Wie könnte das systemische Niveau das Vertrauen erwerben, das es braucht, um sich auf breiterer Basis zu etablieren? Es ist nämlich ziemlich klar, dass wir, abgesehen von der Pandemie, ohne die Erforschung der Komplexität, die eine systemische Spezialität ist, die Herausforderungen der Zeit und der Zukunft nicht meistern können, ob es sich nun um die Pandemie, die Klimakrise, die Schere zwischen arm und reich oder das Finanzsystem handelt. In all diesen Fragen hat das personalistische Bewusstsein ausgedient. Wenn es nicht gelingt, in der Gesellschaft eine breite Basis für systemisches Denken und systemische Vernunft aufzubauen, gerät der Weiterbestand der Menschheit in ernsthafte Bedrängnis. 

Widerstand in der systemischen Integration

Praktisch geht es darum, wie man systemisch mit Widerstand und Abwehr umgeht. Es gilt, alles, was zum System gehört, als Teil des Systems zu verstehen, also auch das, was sich dagegen wehrt, Teil des Systems zu sein. Die Frage an diesen Teil ist, was er braucht, damit er sich als zugehörig erfährt und wohlfühlen kann.  Dazu gehört, dass seine Funktion im System gesehen und anerkannt wird. 

Das systemische Umgehen mit Widerstand besteht darin, so lange kommunizieren, bis er sich in eine Ressource verwandelt. Es gilt zu verstehen, dass der Widerstand eine Schutzfunktion hatte, die allerdings jetzt nicht mehr benötigt wird – die Würdigung verhilft zur Transformation. Die Abwehr kann sich erst öffnen, wenn sie gesehen, in ihrem Wert verstanden und ernstgenommen wird.  

Abwehr und Adoleszenz

Jede Abwehr enthält eine Ähnlichkeit mit der Energie der Adoleszenz. Deshalb wählen wir hier die hypothetische Annahme, dass sich viele der Impfgegner mit ihrem Thema psychodynamisch betrachtet adoleszenter Motivationen und Gefühlsmuster bedienen. Damit ist nicht gemeint, dass jeder Widerstand gegen das Impfen pubertär wäre, was ja eine ungebührliche Abwertung der betreffenden Personen darstellen würde. Vielmehr geht es darum, die Trieb- und Abwehrkräfte zu verstehen, die in diesem Kommunikationspatt mitspielen, vor dem Verständnis, dass jeder erwachsene Mensch die adoleszenten Strebungen und Motivationen in sich trägt und zu bestimmten Gelegenheiten aktiviert, und das oft durchaus sinnvoll. Solche Motivations- und Reaktionsmuster können auch bei Impfbefürwortern eine Rolle spielen und sich in ihr Verhalten einmischen. Es ist weiters offensichtlich, dass bei der Ablehnung der Impfung unterschiedliche Motive mitspielen, von denen viele einer erwachsenen rationalen Prüfung Stand halten können.  

Doch scheint es, dass die adoleszenten Anteile in dieser Szenerie eine besondere Rolle im angesprochenen Vermittlungsproblem spielen. Denn das systemische Bewusstsein ist gleichzusetzen mit der reifen, bedachten, rational und emotional ausgeglichenen Erwachsenenhaltung. Und zwischen Erwachsenen und heranwachsenden Jugendlichen gibt es seit jeher Verständnis- und Kommunikationspotenzial sowie viel Konfliktstoff.  Evolutionär betrachtet, sind diese Konflikte ein notwendiger Bestandteil des gesellschaftlichen Fortschritts. 

Adoleszente wollen als erwachsener gesehen und behandelt werden, als sie es aktuell sind. Sie haben das Gefühl, dass sie vieles besser verstehen und durchblicken als die in ihren Meinungen festgefahrenen und verzopften „Alten“. Sie wissen alles besser, kennen sich überall besser aus, haben Informationsquellen, die sonst niemand hat usw. Diese Überzeugung brauchen sie auch, weil sie ja als die nächste Generation die Gesellschaft mit neuen und besseren Ideen gestalten werden. 

Jugendliche wollen keine Moralisierungen und lassen sich auch nicht durch Belohnungen kaufen. Zugleich brauchen sie die Bereitschaft zur Nachsicht und Fürsorge, sie wollen sich auf die Sicherheit verlassen können, dass wer da ist, wenn etwas schief geht. Sie sind gewissermaßen nur Erwachsene auf Probe und lernen erst, mit dieser Verantwortung umzugehen. Insgeheim setzen sie auf „Vater Staat“, der ihnen die Ausbildung und die soziale Absicherung zur Verfügung stellt, während sie ihn andererseits ablehnen und bekämpfen – wie sie es auch trotz aller Kritik schätzen, dass sie sich auf ihre Eltern verlassen können und nicht missen wollen, dass ihnen die Wäsche gewaschen wird. 

Über die Notwendigkeit eines erkenntnistheoretischen Basiskonsenses

Angewandt auf die Impfthematik bedeutet das, dass jedes Bedenken und jede Sorge der Impfskeptiker ernstgenommen werden muss. Schließlich haben sie durch ihr Misstrauen bewirkt, dass viele Problematiken um die Impfung genauer erforscht wurden, sodass es inzwischen viele Methoden gibt, um Impfschäden und Nebenwirkungen abzufangen oder zu heilen. Gefühle und rationale Argumente müssen entwirrt werden, sodass beide Aspekte gesondert betrachtet werden können. Es gilt, eine Basis zu finden, mit der der Unterschied zwischen Fakten und Fiktionen, wissenschaftlichen Ergebnisse und verzerrten Pseudoargumenten geklärt werden kann. Auf welche Metaerkenntnisse kann man sich einigen? Also welche Prüfungsmethode der Faktizität wird außer Zweifel gestellt und kann als Grundlage für eine gemeinsam akzeptierte relative Wahrheit gelten? Was sind vertrauenswürdige und seriöse Informationsquellen und wo ist die Grenze zwischen Faktenwissen und Spekulation? Wie können wir herausfinden, auf welche Weise Erkenntnisse zustande kommen, welche Standards der Wahrheitsfindung sind in Geltung? Welchen Quellen darf man Glauben schenken, und bei welchen muss man vorsichtig sein?

Verständigung braucht also einen erkenntnistheoretischen Basiskonsens: Wie können wir uns auf einen sicheren Zugang zu verlässlichen Informationen einigen, um damit eine gemeinsame Grundlage für das herzustellen, was als wirklich gelten kann? Wenn wir unterschiedliche Zugänge zur Gewinnung von relativer Wahrheit haben, wird jedes Gespräch im Sand verlaufen oder im unlösbaren Konflikt enden. 

Zum Weiterlesen:
Impfen, Wissen und Wissenschaft
Die Ethik des Impfens
Fixierungen in der Impfdebatte
Ethischer Perfektionismus und seine Überwindung



Sonntag, 1. November 2020

Anpassung als Überlebenszwang

Die Anpassung an äußere Lebensumstände ist ein Grundmechanismus des Lebens. Es gibt immer etwas Äußeres, mit dem sich das Innere auseinandersetzen muss. In dieser Begegnung, die in jedem Moment abläuft, findet Wachstum und Lernen statt. Das Äußere verändert das Innere und das Innere anschließend das Äußere.

Wenn wir uns die menschlichen Entwicklungsbedingungen anschauen, erkennen wir schnell, dass diese Austauschprozesse selten optimal verlaufen. Neue Wesen, die empfangen und geboren werden, stoßen auf die bestehenden Familienstrukturen, gesellschaftlichen Gegebenheiten und Naturbedingungen. Sie bringen ihre Individualität als Bereicherung ein. Schaffen es die äußeren Faktoren, vor allem die familialen Bezugspersonen, in Abstimmung und Resonanz mit den neuen Impulsen zu gehen, so entwickelt sich ein für beide Seiten fruchtbarer Verlauf, bei dem wechselseitiges Lernen stattfindet und emotionales und soziales Wachsen angeregt wird.

Sind hingegen die Außenbedingungen unflexibel und starr, wie z.B. festgefügte Rollenerwartungen, die dem Kind vorgesetzt werden, so bleibt die Wechselseitigkeit des Austausches auf der Strecke. Eltern, die genaue Vorstellungen darüber haben, wie ein Kind zu sein hat und wie es sich verhalten soll, welche Gefühle erwünscht sind und welche abgestellt werden müssen, bringen das Kind in eine Friss-oder-Stirb-Alternative: Entweder du fügst dich dem „Korsett der Erwartungen“ oder du musst schauen, wo du bleibst. Die letzte Möglichkeit ist keine, denn sie würde den sozialen Tod erwarten. Die Anpassung wird unweigerlich zur unumgänglichen Überlebensstrategie.

Das Äußere hat die Übermacht, weil es die Bedingungen fürs Überleben diktiert. Das Innere muss übernehmen, was ihm vorgesetzt wird. Es wird sich zunehmend mit den äußeren Inhalten anfüllen, um sich auf diese Weise ein- und unterzuordnen. Es muss das Eigene zurückstecken und beiseite stellen, oft bis es ganz verkümmert ist und scheinbar nichts mehr vom eigenen Selbst übriggeblieben ist. Gezwungenermaßen müssen die Eigenbestrebungen und -impulse geopfert werden. Der ängstliche Blick auf die Erwartungen, an die man sich möglichst lückenlos anpassen muss, gräbt sich in die Gesichtszüge ein und prägt die unterwürfige Haltung in der Begegnung mit der Welt.

Trotziger Widerstand

Da die Wachstumsimpulse nie ganz unterdrückt werden können, zeigt sich in bestimmten Entwicklungsphasen eine Gegenbewegung gegen die erlernte Überanpassung. Wenn neue Kompetenzen erworben werden, wie z.B. der Eigenwille, erprobt sich dieser an den äußeren Umständen und es kann zu Phänomenen der Rebellion kommen, mit denen gegen den Zwang zur Anpassung und Unterordnung protestiert wird. Gleich wie diese Prozesse dann ablaufen – ob sich der Aufstand gegen die Übermacht der Außenregulierung zumindest teilweise durchsetzen kann oder ob er an der Dominanz und Unerbittlichkeit der äußeren Instanzen zerbricht –, der Anpassungsdruck bleibt bestehen und bestimmt das weitere soziale und emotionale Schicksal. Denn auch die Trotzhaltung als Kompensation der erzwungenen Unterordnung beruht auf der Verleugnung und Weglegung des eigenen Selbst und will es krampfhaft als Imitierung des Zwanges wieder aufrichten. Im Protest wird das Selbst allerdings nicht gefunden, sondern nur die Rache an seiner Beschneidung geübt. Es sollen auch die anderen leiden, indem die Grausamkeit verdeutlicht wird, mit der das Eigene ignoriert wurde. Der Antrieb zum Aufstand stammt zwar aus den Quellen des Selbst, das sich aus den Korsettierungen befreien will. Aber ohne ein verständnisvolles und respektvolles Umfeld kann das Eigene nicht wiedergefunden werden. Eigenes wächst nur dort, wo es vom Anderen bestätigt wird.

Die Suche nach dem Selbst

Es ist nicht verwunderlich und gibt Hoffnung, dass immer mehr Menschen aufbrechen, um ihr Selbst wiederzufinden. Das Leiden an den inneren Konflikten, die eine unvermeidliche Folge der Überanpassungsprozesse sind, wird immer offensichtlicher und verlangt nach Heilung. All die Bestrebungen der Selbsterforschung und Selbstverwirklichung sind nichts anderes als Reisen zur Wiederentdeckung eines verlorenen Kontinents, auf dem das eigene innere Wesen, die Individualität und das Wunderbare der eigenen Lebendigkeit warten.

Zum Weiterlesen:

Das Korsett der Erwartungen

Katzenbuckeln - eine Traumareaktion

Donnerstag, 31. Januar 2019

Akzeptiere was ist, dann verändert es sich

Es gibt zwei Lebensanschauungen, zwei Erziehungsprinzipien, zwei Formen der Selbstdisziplin, die wie Antagonisten zueinander stehen. Sie ziehen sich durch die Sozial- und Kulturgeschichte ebenso wie durch die Biographien der Menschen unserer westlichen Gesellschaften. Sie lassen sich durch zwei Sätze formulieren:

1. Wenn du akzeptierst, was ist, wird sich nie etwas ändern.
2. Akzeptiere was ist, dann wird es sich von selber verändern. 

Wir sehen sofort den Unterschied. Im ersten Satz äußert sich eine rigide Erziehungshaltung und Einstellung zu sich selbst. Aber sie ist geprägt von einigen Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden an Erziehungs- und Disziplinierungsgeschichte. Es ist die Philosophie vom inneren Schweinhund, dem inneren Saboteur, der jede Anstrengung vermeiden will und sich nur unter Drohungen und Zwang von seinem Faulbett aufrafft. 

Es kommt ein Misstrauen gegen andere und gegen sich selbst zum Ausdruck. Wenn wir anderen ihre Fehler durchgehen lassen, machen sie die gleichen Fehler immer wieder. Wenn wir uns selber mit einem Fehler annehmen, werden wir ihn genauso wiederholen und nie was lernen. Andere sind unvollkommen und müssen zur Vollkommenheit oder zumindest zur Verbesserung gebracht werden, und wir selber sind noch immer unvollkommen und müssen uns fortwährend bessern. 

Außerdem steckt hinter dem ersten Satz die Furcht vor der Trägheit und Faulheit, bei sich selber und bei den anderen Menschen. Akzeptieren bedeutet so viel wie sich in der Wohlfühlcouch zurücksinken zu lassen und alles seinen Gang gehen zu lassen, das, was einem passt und das, was einem auf den Geist geht. Die Angst ist also, dass wir ohne den erhobenen Zeigefinger oder die drohende Peitsche sofort in eine resignative Haltung verfallen, die besagt: Was ist, ist, wie es ist, da kann man nichts ändern. Veränderungen erfordern Kraft und Einsatz, und wenn wir uns zu sehr der Bequemlichkeit hingeben, kommen wir nicht weiter. Zum Fortschritt kommt es nur, wenn wir etwas, was ist, eben NICHT akzeptieren. Wir brauchen unsere Gegnerschaft zu dem, was ist, denn aus dieser Spannung entsteht dann auch der Imperativ zur Tat, die dem Missstand abhelfen kann. 

Das Akzeptieren des Ist-Zustandes wird also mit der Bejahung gleichgesetzt: Was wir akzeptieren, heißen wir gut und unterstützen es damit. Das bedeutet, dass wir im Status Quo verharren wollen. Wenn wir einverstanden sind mit dem, was ist, sehen wir keinen Anlass und keinen Grund für Veränderungen und werden uns auch nicht dafür einsetzen.  

Eine solche Haltung wäre verheerend aus der Sicht von Pädagogen, die tagtäglich mit der Lernunlust von Schülern konfrontiert sind. Wenn ein junger Mensch akzeptiert, dass er schlecht Englisch spricht, bedeutet das in dieser Sichtweise, dass er keinerlei Anstrengungen unternehmen wird, Vokabeln zu lernen und die Aussprache zu üben. Es geht also darum, ihm klarzumachen, dass er seine Einstellung ändern muss und den Schaden mangelhafter Englischkenntnisse für sein weiteres Leben sieht. Schüler brauchen ein Bewusstsein über ihre Unvollkommenheit, speziell in den Bereichen, die in der Schule wichtig sind, und dieses Bewusstsein muss auch mit einem Leiden daran verbunden sein. Sie müssen unzufrieden mit sich selber sein, damit sie zu lernen beginnen. Selbstakzeptanz ist nur eine Ausrede für Faulheit und Bequemlichkeit. Es braucht Druckmittel, damit diese unproduktive Haltung überwunden wird und junge Leute dazu gebracht werden, dass sie sich für Leistungen anstrengen.

Hinter dieser Haltung steckt die Überzeugung, dass das Leben ein Kampf ist, in dem es nur zwei Optionen gibt: Gewinnen oder verlieren. Deshalb ist eine andauernde Anstrengung notwendig, jedes Nachlassen könnte Nachteile nach sich ziehen. Wir müssen nicht nur unseren eigenen inneren Schweinehund bekämpfen, sondern auch die Fehlerhaftigkeiten und Nachlässigkeiten unserer Mitmenschen, die uns damit am Gewinnen hindern.

Ist damit der zweite Satz erledigt? Er beruft sich auf ein Vertrauen, und die Frage ist, ob es berechtigt oder blind ist. Wenn wir akzeptieren, was ist, gehen wir aus der Spannung heraus, die mit dem Nichtakzeptieren verbunden ist. An allem, was wir nicht akzeptieren, leiden wir. Die lauten Nachbarn, die blöden Politiker, die sturen Vorgesetzten, das hässliche Wetter, unsere eigene Vergesslichkeit, Unachtsamkeit usw. Der erste Satz geht also davon aus, dass inneres Leiden zum Handeln führt und Nichtleiden zum Nichthandeln. Wir tun also nur dann etwas, wenn wir unter Druck sind oder an etwas leiden, das wir ändern wollen. Es sind die äußeren Umstände, die uns zum Handeln motivieren – oder zwingen. Die Angst vor den negativen Konsequenzen des Nichthandelns ist dann größer als die Beharrungskraft und die Angst vor der Veränderung und dem damit verbundenen Risiko. (In einem früheren Artikel auf dieser Seite wurde diese Haltung als reaktive Orientierung beschrieben und von der kreativen Orientierung unterschieden.)


Akzeptieren, was ist


Diese Einstellung hat eine simple Einsicht zur Grundlage. Was ist, ist, ob es angenehm oder unangenehm, gewünscht oder gehasst ist. Dadurch, dass wir etwas nicht akzeptieren, hört es nicht auf zu sein. Wenn wir es akzeptieren, bejahen wir dessen Sein, also die Tatsache des Existierens, nicht aber sein So-Sein, also die Art und Weise des Existierens. Aus dieser Unterscheidung gewinnt der zweite Satz seine Kraft. Und dieses Missverständnis muss vermieden werden, wenn wir diese Kraft verstehen und nutzen wollen. 

Wenn wir das, was ist, in seinem Sein akzeptieren, dann verzichten wir auf den Widerstand gegen diesen Teil der Realität, und dieser Widerstand ist eigentlich unsinnig wie bei jemandem, der sagt: Ich bin gegen die Existenz des Mondes oder der Schwerkraft. Widerstand verbraucht Energien, die wir für andere Zwecke sinnvoller einsetzen können. Widerstand bindet uns an das, was wir ablehnen – und an diesen Teil in unserem Verstand, der sich damit wichtig machen will. 

Im Akzeptieren entsteht eine Übereinstimmung zwischen der Wirklichkeit und unserer inneren Repräsentation, oder einfacher gesagt, zwischen Innen und Außen. Diese Resonanz ist die beste Voraussetzung für ein situationsangepasstes Handeln: Tun, was zu tun ist, und lassen, was zu lassen ist. Das Nicht-Akzeptieren hingegen bestärkt die Trennung zwischen Ich und Welt, die erst wieder mühsam überwunden werden muss, um handlungsfähig zu werden. 


Veränderungen geschehen


Weshalb aber soll es, wenn wir etwas in seinem Sein akzeptieren, dann zu Veränderungen kommen? Das Akzeptieren steht nicht im Gegensatz zum Handeln. Es hilft vielmehr, die Voraussetzungen für das eigene Handeln besser zu überschauen. Solange wir im Widerstand zur aktuellen Wirklichkeit sind, ist unsere Blickweise beschränkt und fokussiert auf die negativen oder störenden Aspekte dieser Wirklichkeit. Wenn wir anerkennen, dass ist, was ist, weitet sich unser Blick und unser Verständnis für die Wirklichkeit. Aus diesem Verständnis können wir stimmigere und sinnvollere Handlungen setzen als aus dem Druck und Zwang heraus, der aus dem Nichtakzeptieren kommt.

Es gibt Teile der Realität, auf die wir einen direkten Einfluss ausüben können, wie z.B. das Putzen unserer Zähne oder die Entscheidung für den Kauf gesunder Lebensmittel, und andere, die wir von uns aus nicht direkt ändern können, wie z.B. das Verhalten anderer Menschen oder die Veränderungen im Klima und in der Arbeitswelt. Bei den Problemen innerhalb unserer direkten Einflusssphäre kann uns die akzeptierende Einstellung helfen, auf Selbstverurteilungen und Selbstkritik zu verzichten. Wir haben unsere Vorsätze und wir halten sie immer wieder nicht ein. Mit der ersten Haltung werten wir uns als inkonsequent und unzuverlässig ab und machen uns Vorwürfe wegen unserer Charakterschwächen. Mit der zweiten Haltung akzeptieren wir, dass wir so sind, wie wir sind, manchmal konsequent, manchmal inkonsequent, und überlegen uns, was wir wollen und wofür wir uns entscheiden. Wir fühlen uns freier, wenn wir uns nicht mit Selbstkritik belasten. Wir erkennen, dass wir nicht aus Druck heraus, z.B. um unserem Selbstbild oder den Erwartungen anderer Menschen zu entsprechen, handeln müssen, sondern aus dem, was wir für richtig finden. 

Im Akzeptieren nehmen wir das Besserwissen und Kontrollierenmüssen aus der momentanen Erfahrung heraus. Wir geben der Wirklichkeit die Erlaubnis, so zu sein, wie sie ist. Diese Erlaubnis gibt uns, aber auch den anderen Teilen der Wirklichkeit die Freiheit, sich von sich aus zu verändern. Wir übergeben die Verantwortung dorthin, wo sie hingehört. Wo Druck herrscht, kann es zu Veränderungen kommen, die dem entsprechen, was der Druck will oder auch nicht. Lehrer, die auf ihre Schüler Druck ausüben, können bewirken, dass sie lernen, was vorgegeben ist oder auch nicht, denn Druck kann auch Gegendruck erzeugen und den inneren Widerstand verstärken. Wo der Druck herausgenommen wird und an seine Stelle die Verantwortung übernimmt, kommt es unter Umständen auch nicht zu dem von außen gewünschten Resultat, aber zu einer Handlung, die der handelnden Person entspricht. Alles, was wir tun „müssen“, stößt auf ein inneres „Nicht-Wollen“. Dieser Widerstand sabotiert das Tun, wir machen leichter Fehler oder vergessen wichtige Details usw. Sigmund Freud hat diese Mechanismen unserer Psyche in seinem Buch über die Fehlleistungen („Zur Psychopathologie des Alltagsleben“, 1901) anschaulich beschrieben. 

Schließlich kommt auch noch der Aspekt zum Tragen, dass sich die Wirklichkeit, in uns und um uns herum, permanent verändert, erneuert und verbessert. Es gibt keinen Stillstand und kein Anhalten in der Natur; die Stopptafeln haben die Menschen erfunden. Gleich ob wir etwas akzeptieren oder ob wir dagegen sind, es verändert sich. Manchmal entspricht es unseren Erwartungen oder Planungen, und manchmal nicht.


Die leidige Neigung zur Selbstkritik


Wie kommen wir überhaupt auf die Idee, uns selbst zu kritisieren? Den Vorgang nennt man Internalisieren. Wie wir von den Bezugspersonen unserer Kindheit behandelt wurden, so behandeln wir uns später selbst. Wenn sie uns kritisiert haben, haben wir die Meinung gebildet, dass etwas an uns nicht in Ordnung ist und kritisiert werden muss. Schließlich sind sie die Großen, die es wissen müssen, und wir die Kleinen, die es lernen müssen. Unter Erwachsenwerden verstehen wir, dass wir das selber machen, was vorher die Eltern für uns gemacht haben: Pullover anziehen, Frühstück machen, Einkaufen gehen, und: Kritisieren und Abwerten bei Fehlern. Wir entlasten unsere Eltern und werden zu noch strengeren Beurteilern unserer Handlungen.

Unsere Selbstbeziehung spiegelt die Beziehungen unserer Eltern zu uns. In dem Maß, wie sie uns wertschätzen konnten, können wir uns selbst wertschätzen, in dem Maß, wie sie uns kritisierten, kritisieren wir uns selbst. In dem Maß, wie sie uns akzeptieren konnten, können wir uns selbst und auch die anderen akzeptieren.

Die Einstellung zum Weiterkommen im Leben, die unsere Eltern hatten, übernehmen wir mit Überzeichnungen oder mit Abstrichen, aber in den Grundzügen. Die „Schweinehund-Philosophie“ ist deshalb so prägend in unserer Kultur, weil sie in vermutlich jede Erziehungsbeziehung einfließt und damit von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Eltern denken, mein Kind muss lernen ein Leistungsbewusstsein zu entwickeln, sonst wird es in der Gesellschaft keinen Platz finden. 

Nach dem Modell von der Bewusstseinsevolution markiert diese Auffassung schon den Übergang von der tribalen zur emanzipatorischen Stufe und verfügt deshalb über einen tief gelagerten und mächtigen Sitz im kollektiven Unbewussten. In dem, was wir heute die Leistungsgesellschaft nennen, ist sie fest verankert. Von jedem Mitglied dieser Gesellschaft wird Leistung erwartet, ob es das selber will oder nicht. Wenn jemand seine inneren Widerstände nicht überwinden kann, verdient er keine Rücksichtnahme und landet am unteren Ende der sozialen Leiter. Auch das Ausmaß und der Umfang der geforderten Leistung werden vordefiniert und steigen immer mehr an, wie viele heutige Arbeitnehmer und Manager bestätigen.


Leben im Fließen


So vieles in unserem Leben verläuft nach dem Prinzip „Akzeptanz->Handlung“, nämlich all das, was wir nicht mit unserem Denken problematisieren. Milz, Leber und alle anderen Organe, Gewebe, Nerven tun, was sie tun, ohne Druck oder Müssen. Die meisten Tätigkeiten im Leben laufen ab, ohne dass wir überlegen, ob wir das Richtige oder das Falsche tun. Wir erkennen, was zu tun ist, die Wirklichkeit, wie sie gerade ist, und tun, was sich daraus ergibt. 

Wir spazieren durch den Wald und plötzlich stolpern wir über eine Wurzel, der Körper merkt, was los ist, verhindert sofort, dass wir fallen und korrigiert die Haltung wieder, ohne dass wir denken müssen – und dann kommt aber das Denken und wirft uns vor, dass wir besser hätten aufpassen sollen. Was passiert ist, ist schon vorbei, aber unser Denken spielt sich auf, ohne irgendetwas zur Bewältigung der Störung beizutragen. Es kann nicht akzeptieren, was geschehen ist, weil es mit seiner Prägung glaubt, dass das Gleiche sofort wieder vorfallen wird, wenn es nicht klar und deutlich vermerkt, wie ungeschickt und unbedacht wir vorgegangen sind. Es hat wieder sein Prinzip des Nicht-Akzeptierens zur Anwendung gebracht.

Wir sehen: Ein kleines Hirnareal sieht seine Hauptaufgabe darin, mit dem Grundsatz des Nicht-Akzeptierens zu arbeiten, während unser restlicher Organismus nach dem Prinzip „Akzeptanz->Handlung“ funktioniert. Es ist vom Unbewussten der Menschen geprägt, die in unseren früheren Jahren das Sagen hatten. Selten hilft es uns, meistens macht es uns das Leben schwerer. Wenn wir hingegen nach dem Prinzip der Achtsamkeit die Aufmerksamkeit in den Moment bringen, wird es überflüssig, und wir pendeln von der Akzeptanz zum Tun, Zyklus für Zyklus. Und wir werden sehen, dass es uns das Leben leichter und einfacher macht.

Zum Weiterlesen:
Sag Ja zum Moment
Widerstand und Verwandlung
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit
Reaktive und kreative Lebensorientierung

Montag, 9. April 2018

Absichtslosigkeit in der Therapie

Wenn wir mit Menschen an emotionalen Themen arbeiten, wollen wir, dass es ihnen besser geht – natürlich. Auch sie wollen das, sonst würden sie sich nicht an uns wenden. Wir teilen also ein Ziel. Doch gibt es etwas, was der Erreichung dieses Ziels im Weg steht. Bei den Klienten sind es die Widerstände, und bei den Therapeuten die Erwartungen. In beiden Fällen mischt sich die Instanz ein, die wir das Ego nennen. Das Klienten-Ego will, dass der Status Quo erhalten bleibt, auch wenn er Leiden verursacht. Jede Änderung könnte bedrohlich sein und unabsehbare, jedenfalls verschlimmernde Folgen zeitigen. Das Therapeuten-Ego will Erfolge sehen, um den eigenen Status und Selbstwert abzusichern und auszubauen. Erfolgreiche Therapien sprechen sich herum und ziehen neue Klienten an.

Soweit so menschlich. Interessant wird es dort, wo die unbewussten Ego-Anteile von Therapeut und Klient aufeinander stoßen. Das Klienten-Ego sagt, dass es sich nicht ändern will und dass Änderungen überhaupt nicht geschehen können und dass die ganze Arbeit sowieso sinnlos ist. Folglich baut es ein System von Vermeidungen auf, das auch darin bestehen kann, kleine Häppchen von Erfolgen zuzulassen, damit die wirklich dicken Hunde, die im Unbewussten schlummern, geschont werden.

Das Therapeuten-Ego arbeitet sich an den Widerständen des Klienten-Egos ab und denkt, dass es umso mehr leisten muss, je weniger sich bewegt. Das eigene Wollen und die eigenen Absichten treten immer mehr in den Vordergrund, weil sich das Therapeuten-Ego im Bündnis mit den bewussten Absichten des Klienten weiß, aber die Widerstände aus dem Unbewussten nicht berücksichtigt werden.

Auf diese Weise verheddern sich die beiden Egos, und die Therapie tritt auf der Stelle. Fatal wird es, wenn der Therapeut diese Rückkoppelung nicht erkennt und auf seiner Selbstbestätigungsschiene weitermacht, die meistens dann die inneren Widerstände der Klientin verstärken.  Zwar möchte ein bewusster Aspekt der Klientin eine gute Klientin sein und versucht zu kooperieren, aber die unbewussten Vermeidungsstrategien sollen unangetastet bleiben. 


Absichtsloses Begleiten


Absichtslosigkeit bedeutet, dass der Therapeut sein Wollen und seine Erwartungen beiseite stellt. Sie sollen sich, soweit möglich, nicht in den Prozess einmischen. Statt sich mit den Widerständen aus dem Klienten-Ego zu duellieren, wird der Kontakt zum inneren Wachstumspotenzial der Klientin gesucht. Was sie hergeführt hat, ist eine Form des Leidens und die Hoffnung, dass es einen Ausweg daraus gibt. Es gibt also, trotz aller Widerstände, einen Teil in der Psyche, der sich befreien will und der daran glaubt, dass das auch möglich ist. Diese Instanz wird manchmal als „innerer Heiler“ bezeichnet.

Der Kontakt zu diesem Teil gelingt nicht über die Erwartungen und die Ego-Wünsche des Therapeuten, sondern erfordert Vertrauen. Die Pläne sollten Sicherheit geben, nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das Ego mag Kontrolle und meidet Unsicherheiten und Ungewissheiten. Das Vertrauen hingegen baut auf einen guten Ausgang, ohne einen rationalen Grund dafür angeben zu können. „Vertraue nur, es wird schon werden,“ so seine Botschaft, auf die das Ego routinemäßig mit einer Latte von Wenn und Aber reagiert. Übersteht das Vertrauen das Abspulen der Ängste, die sich in all den Einwänden verbergen, kann es seine Wirkung entfalten, und die besteht darin, dass das Vertrauen der Klientin geweckt wird, das plötzlich einen Ansprechpartner gefunden hat. Zunehmend traut es sich dann, am Heilungsprozess mitzuwirken.

Auf den Prozess zu vertrauen heißt, nicht wissen zu können, wie er verlaufen wird und ob er überhaupt zu etwas führt oder auf welchen Wegen er zum Erfolg führt. Jeder therapeutische Vorgang, sei es eine Sitzung oder eine längere Serie, ist individuell und in dieser Form noch nie dagewesen; insofern ist es auch sinnlos zu meinen, es gäbe eine vorher festgelegte erfolgversprechende Strategie, die, wenn richtig angewendet, unweigerlich positive Veränderungen herbeiführt. Ein derartiges Wissen kann es nicht geben, auch wenn der Therapeut über die besten Techniken Bescheid weiß und über jahrzehntelange Erfahrung mit hunderten Klienten verfügt. Selbst wenn die Rahmenbedingungen stimmen, sodass es von dort aus zu keinen Störungen kommt, ist noch lange nicht garantiert, dass am Ende die erwarteten oder erwünschten Resultate eintreten.


Eine Kunst und kein Handwerk


Therapeutisches Arbeiten ist eine Kunstgattung eher als ein Handwerk. Zwar bedarf es einer soliden und umfassenden Ausbildung, um überhaupt mit der Tätigkeit beginnen zu können. Aber die eigentliche Herausforderung beginnt erst in der Praxis – gelingt es, den Kontakt mit der Klientin so umfassend herzustellen, sodass sich auch die Kommunikationskanäle auf den unbewussten Ebenen öffnen? Ähnlich wie ein Künstler darauf vertrauen muss, dass ein innerer schöpferischer Prozess in Gang kommt, der sich nicht im Voraus sicherstellen und planen lässt, braucht das therapeutische Arbeiten ein Sich-Einlassen auf das, was von Moment zu Moment geschieht, und das Vertrauen, dass diese Haltung alle nötigen Impulse für das Gedeihen des Prozesses hervorbringt.

Es ist eine innere Einstellung gefordert, die sich auf die Gesetzmäßigkeiten des kreativen Schaffens verlassen kann. Wie der Künstler vor dem leeren Notenblatt oder der weißen Staffelei steht der Therapeut vor dem gerade aktuellen Zustand der Klientin – möglichst offen für die Eingebungen, die aus der Situation entspringen. Die kumulative Erfahrung, die ein Therapeut durch seine Praxis sammelt, ist nicht nutzlos, denn sie bringt die Vertiefung dieser Einstellung und damit des Vertrauens mit sich.


Interventionen oder Geschehenlassen


Die Frage, ob und wieviele, wann, wo und wie Interventionen gesetzt werden sollen, die in vielen Ausbildungen diskutiert und in zahlreichen Lehrbüchern abgehandelt wird, erweist sich vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wenn nicht als nutzlos und überflüssig so zumindest sekundär. Es ergibt sich das, was geschehen soll, aus dem jeweils aktuellen Moment, und die Intervention oder Nicht-Intervention gelingt genau dann, wenn der Therapeut mit diesem Moment in seiner Präsenz verbunden ist und sich aus dieser Verbundenheit heraus aktiv oder passiv verhält.

Ausbildungen können und sollen ein Repertoire an möglichen Interventionen vermitteln. Über je mehr an solchem Rüstzeug ein Therapeut verfügt, umso flexibler kann er in seiner Arbeit auf die unterschiedlichsten Situationen reagieren. Der Kern jeder Ausbildung sollte aber um eine Haltung zentriert sein, die den Methoden den Nachrang vor der bedingungslosen und absichtslosen Offenheit einräumt.

Aus dieser Einstellung heraus kann der Therapeut als Sprachrohr des inneren Heilers der Klientin agieren, zu dem diese gerade keinen Zugang hat. Über diesen Umweg, vermittelt über die Persönlichkeit des Therapeuten, kann dann die Botschaft angenommen werden, die eigentlich der eigenen inneren Wahrheit auf einer tieferen Ebene entspricht. Das nennt man manchmal das Spiegeln, obwohl es nicht genau passt. Zwar spricht der Therapeut in gewisser Weise mit der Stimme und mit den Worten oder Gefühlen der inneren Heilerin der Klientin, aber in Verbindung mit seiner eigenen Wesensart.


Aktivität und Passivität


Es sollte aus diesen Ausführungen klar hervorgehen, dass das Vertrauen auf den Prozess, das als wesentlicher Wirkfaktor von jeder Form des therapeutischen Arbeitens beschrieben wurde, nicht bedeutet, dass der Therapeut zur Passivität verurteilt ist. Das Geschehenlassen findet nicht nur auf der Seite des Klienten, sondern auch auf der des Therapeuten statt. Die Aktionen oder Nichtaktionen, die vom Therapeuten ausgehen, geschehen aus ihm heraus, aus seiner inneren Quelle und aus der Kommunikation mit der Klientin, auf allen verfügbaren Ebenen. Der Therapeut sagt und tut also nicht, was aufgrund irgendeines Lehrbuchs oder irgendeiner Ausbildung zu sagen und zu tun wäre, sondern das, was im Moment des Geschehens entsteht und stattfinden soll. Er schweigt nicht dann, wenn es eine Regel vorgibt, sondern wenn gerade nichts zu sagen ist. Er wechselt die Ebenen des Austauschs, z.B. vom Reden zum Fühlen nicht nach irgendeinem Plan, sondern dann, wenn es am besten passt, in Übereinstimmung mit der Klientin, die explizit oder implizit sein kann.

Diese Darstellung übersieht auch nicht die individuellen Eigenschaften, Charakterzüge und Persönlichkeitsmerkmale des Therapeuten, die im therapeutischen Prozess ebenso eine wesentliche Rolle spielen. Es handelt sich ja um einen vieldimensionalen Kommunikationsprozess, an dem zwei Individuen beteiligt sind, und da bringt sich der Therapeut mit allem ein, was ihn auf der Persönlichkeitsebene ausmacht. Ausgeklammert bleiben sollen die Details, die Lebensgeschichte und inneren Themen aus der psychischen Landschaft des Therapeuten. Soweit sie aber ihre Spuren in der lebendigen Gestalt hinterlassen haben, spielen sie ihre Rolle in der Kommunikation und können nicht eliminiert werden, denn sie bereichern den Austausch (was einen uneinholbaren Vorsprung von menschlichen Therapeuten gegenüber artifiziell intelligenten Robotern ausmacht, die über keine lebendige Geschichte verfügen). Die Innenarbeit, die für jede professionelle Arbeit vorausgesetzt werden muss, sollte es allerdings dem Therapeuten ermöglichen, alle Elemente aus dem eigenen Inneren, die den therapeutischen Prozess stören könnten, zu identifizieren und beiseite zu stellen.


Die Verantwortung für die Ergebnisse


Jede therapeutische Arbeit hat nur soweit Sinn, als sie Verbesserungen herbeiführt. Gemeinhin würde man sagen, dass die Verantwortung allein beim Therapeuten liegt, da ja die Klientin nicht in der Lage ist, abzuschätzen, ob und in welcher Weise ein Heilungsprozess in Gang kommen kann. Im Licht der obigen Überlegungen gewinnt die Frage nach der Verantwortung für den Fortschritt in der Therapie eine andere Gewichtung. Die Verantwortung auf der Seite des Therapeuten besteht vor allem in der Sicherstellung heilungsförderlicher Rahmenbedingungen, im Angebot an professioneller Hilfestellung im Sinn von bewährten Methoden und in dem Einbringen der beruflichen und persönlichen Erfahrungen. Dazu kommt noch die Haltung und Einstellung, die auf den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zur Instanz der inneren Heilung bei der Klientin abzielt. An diesem Punkt wird die Verantwortung an einen Prozess übergeben, der gerade nicht der Kontrolle durch den Therapeuten unterliegt, sondern erfordert, sich den Bedingungen eines prinzipiell unsteuerbaren kommunikativen Austausches anzupassen.

Wenn eine Klientin mit der Frage kommt: „Ich habe dieses oder jenes Problem – können Sie mir da helfen?“, wäre eine mögliche Antwort: „Ich kann alles beitragen, was ich an Können und Erfahrung mitbringe, und eine Verbesserung wird sich in dem Maß einstellen, in dem es uns beiden gelingt, uns aufeinander abzustimmen.“ Mit dieser Abstimmung ist der Aufbau einer Kommunikationsbasis mit den unbewussten Anteilen der Klientin gemeint, die allein die für die Heilung relevanten Informationen liefern können. Beide Seiten dieses Austausches, also Therapeut und Klientin, tragen dafür gleichermaßen die Verantwortung. Alles, was der Therapeut auf dieser Ebene beisteuern kann, ist seine von bedingungsloser Wertschätzung getragene Präsenz und sein Vertrauen auf die Wirkmächtigkeit des Heilungsprozesses.


Zum Weiterlesen:
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit

Samstag, 4. März 2017

Widerstand und Verwandlung

Wenn wir ein Phänomen der Wirklichkeit nicht akzeptieren können, sind wir im Widerstand. Etwas soll nicht so sein, wie es ist, sondern anders, wie es für uns angenehmer ist. Heute will ich einen Ausflug machen, also soll das Wetter entsprechend sein, wenn es nicht so ist, muss ich damit hadern; solange ich darin feststecke, solange bin ich im Widerstand und leide daran.

Der Widerstand kann sich auf Aspekte der äußeren wie auch der inneren Wirklichkeit beziehen. Ich kann auch Gefühle in mir ablehnen, weil sie nicht zu meinem Selbstbild passen, z.B. wenn ich mich für einen großzügigen Menschen halte und deshalb Neidgefühle in mir nicht akzeptieren will. Etwas, was da ist, soll nicht so da sein, wie es ist, sondern so, wie es in den Rahmen meiner Vorstellungen passt.

Damit bin ich im Widerspruch zur Wirklichkeit, in einer dualen Spaltung: Ich (meine Vorstellungen) gegen die Welt. Ich bin geleitet von der Überzeugung, dass sich daran nur etwas ändern kann, wenn sich die Welt ändert. In diesem Fall geht es uns wie bei einem Streit: wenn sich der andere in meinem Sinn ändert, wenn er mir rechtgibt, dann kommen wir wieder zusammen, sonst gibt es keine Möglichkeit. Wenn wir es mit anderen Menschen zu tun haben, kann es manchmal vorkommen, dass der andere nachgibt; wenn wir es jedoch mit der restlichen Wirklichkeit als ganzer zu tun haben, setzt sich unweigerlich diese durch; erstens ist sie unendlich mächtiger als unser kleines Ego und zweitens hat sie ja nicht einmal ein Problem damit, dass jemand ein Problem mit ihr hat. Das Problem ist nur intern, in unserem verworrenen Egogefüge.


Widerstände verstehen


Wo eine Spaltung besteht, kann sie nur durch Verständnis überwunden werden. Verständnis setzt die Fähigkeit voraus, aus der eigenen Selbstbezüglichkeit auszubrechen und eine überpersönliche Perspektive einzunehmen. Diese Fähigkeit ist mit der Instanz in uns verbunden, die erkennt, dass wir selber für den Widerstand verantwortlich sind. Es ist die Instanz, die an der Trennung leidet und zurück zur Einheit strebt. Dazu braucht es eine hohe Kompetenz, verbunden mit einer klaren inneren Kraft, die Macht der Akzeptanz. Sie wendet sich dem Widerstand mit der Haltung der  Bedingungslosigkeit zu.

Im Umgang mit Widerständen macht es keinen Sinn, Druck auszuüben, Forderungen zu stellen, Drohungen zu äußern (wie auch sonst im Leben selten). Jeder Druck verstärkt den Widerstand: Druck erzeugt Gegendruck, starker Druck starken Gegendruck. Dazu kommt, dass der Widerstand noch andere Strategien auf Lager hat: er kann ausweichen, sich scheinbar zurückziehen oder scheinbar aufgeben. All das verschlimmert nur das Problem und vertieft die Spaltung. Scheinlösungen führen zu einem faulen Frieden, der bei jedem Anlass sofort zerbricht.

Wenn wir uns mit jemandem anfreunden wollen, wollen wir die andere Person kennenlernen. Wir beginnen klugerweise nicht damit, dem anderen vorzuschreiben, wie er sich verhalten soll, was er denken und sagen soll und was nicht usw. Kommen wir so, zieht die andere Person schnell vor uns zurück oder tritt uns mit Abwehr entgegen. Statt Freundschaft zu stiften, haben wir einen neuen Feind gewonnen.

Freundschaft knüpfen wir, wenn wir unser Gegenüber so akzeptieren wie sie ist, statt sie verändern zu wollen. Wir wenden uns ihr zu, indem wir unsere eigenen Wünsche, Erwartungen und Intentionen beiseite stellen. Wir machen uns bereit, in die Welt des anderen einzutreten und sie mit Interesse zu erforschen, geradezu neugierig auf das Unbekannte, das sich dort verbirgt. Mit dieser Haltung gewinnen wir Freunde, und mit ihr kommen wir auch unseren Widerständen nahe, sodass sie von Feinden zu Freunden mutieren.


Widerstand=Schutz


Was zu verstehen ist, ist die ursprüngliche Sinnhaftigkeit jeder Widerstandsreaktion in uns. Sie diente irgendwann einmal als Schutz. Es gab in unserer Lebensgeschichte Ereignisse, sie so bedrohlich waren, dass ein Schutz davor errichtet werden musste, um das Überleben zu sichern.

Jeder Widerstand hat diese Wurzel: Irgendwann diente er als sinnvoller Schutz, als intelligente Überlebensstrategie. Er ist wie ein treuer Diener, der nur unser Bestes im Sinn hat. Diese Tatsache sollte gesehen und mit Dankbarkeit anerkannt werden.  Auch wenn der Widerstand in der Gegenwart offensichtlich zu nichts mehr gut ist, trägt er in sich noch immer die Wichtigkeit und Bedeutsamkeit der einstigen lebensrettenden Funktion wie eine Fahne vor sich her. Und diese Auszeichnung will erkannt und gewürdigt werden.


Zur Versöhnung


Auf einem solchen Weg kann der Prozess der inneren Versöhnung in Gang kommen. Er braucht zwei Komponenten, um zurück zur Einheit zu führen: Aktiv muss sich das Bewusstsein dem Widerstand in bedingungsloser Weise widmen, ihm Raum geben, in dem er anerkannt werden kann. Aktiv werden alle Störsignale ausgeblendet, alles, was Druck ausüben will, was also in Widerstand zum Widerstand gehen möchte. Erst in der Atmosphäre der bedingungslosen und erwartungslosen Annahme kann der Widerstand weich werden. „Kann“ heißt in diesem Zusammenhang nicht „muss“. Denn jedes Müssen nimmt die Freiheit, die bei diesem Prozess notwendig ist.

Dort ist die Grenze der zielgerichteten Aktivität und des eigenen Wollens: Ob der Widerstand nachgibt, liegt an ihm. Da geht es um etwas, das geschieht oder eben nicht. Die Geduld, die aufgebracht werden muss, heißt Erwartungslosigkeit, das Loslassen aller Konzepte darüber, wie die Wirklichkeit sein sollte: Erst wenn sich der eigene kleinere Wille zurückzieht, kann ein größerer Wille geschehen.

Deshalb gleicht die Verabschiedung eines Widerstandes einem Wunder: Obzwar der Einsatz notwendig ist, der die Hindernisse beiseite räumt, ist sie nicht durch Leistung oder Anstrengung herstellbar, nicht durch Machtausübung und Druck erzwingbar, sie tritt ins Offene, wenn es eine geheimnisvolle Quelle zulässt.


Die Verwandlung


Was sich dann zeigt, ist genauso wunderbar: Der Widerstand verabschiedet sich nicht eigentlich, genauso wenig löst er sich auf; vielmehr verwandelt er sich in eine Kraft, bzw. gibt er die Kraft frei, die in der Aufrechterhaltung der Abwehr investiert und gebunden war. Die gefesselte und eingefrorene Kraft wird zur freien, kreativ wirksamen Energie, die für die Bewältigung neuer Lebensaufgaben zur Verfügung steht.

Das ist die Alchemie des Lebens, das immer ein Weiterwachsen beinhaltet: Die Macht der Verwandlung des Behindernden ins Befördernde, der Blockade in vorwärtstreibende Kraft. Etwas Verhärtetes und Hartnäckiges wird ins Fließen gebracht. Im Fließen verschwindet die Dualität, es gibt nichts Abgespaltenes mehr, sondern nur die Einheit.

Es zeigt sich, dass die Verwandlung ein gutes Zusammenspiel braucht: Zwischen Tun und Gewährenlassen, zwischen Aktivität und Passivität, zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Wir müssen zunächst das Unsere tun, mit der Kompetenz der bedingungslosen Zuwendung und Akzeptanz, und treten dann zurück, damit geschehen kann, was geschehen soll. Wir atmen ein und geben Raum, damit das Ausatmen geschehe.


Vgl. Weiches besiegt das Harte 
Musterverändung - aber wie?
 

Donnerstag, 9. Februar 2017

Musterveränderung – aber wie?

Wie stellen wir es an, eine neue Gewohnheit zu etablieren, wenn wir merken, dass wir mit einem bestimmten Aspekt unseres Lebens unzufrieden sind? Z.B. fühlen wir uns gestresst und wissen, dass wir mehr Entspannung im Leben brauchen, merken aber, dass wir uns gerade dann besonders unruhig und gestresst fühlen, wenn wir uns entspannen wollen.

Um eine Veränderung unserer Gewohnheiten zu erreichen, ist ein bewusster Einfluss notwendig. Erfordert ist der Einsatz des Willens, also die Mobilisierung der inneren Bereitschaft, etwas zu ändern. Damit versuchen wir, eine bewusste Kontrolle der oberen Zentren unseres Gehirns über die unteren, unbewussten, auszuüben (top-down). Unser Wollen gibt die Richtung vor, in die es gehen soll.

Die Erfahrung zeigt uns allerdings häufig, dass sich das alte Muster zurückmeldet, sobald wir unsere Aufmerksamkeit abziehen, oder kurz danach – oder bei nächster Gelegenheit, bei der ein äußerer Anreiz das alte Muster aktiviert. Die neue Übungsform erscheint nun beschwerlich, anstrengend, unbequem, während uns das alte Muster Bequemlichkeit und Vertrautheit suggeriert.

Daran zeigt sich die verführerische Macht der Gewohnheit. Unser Unterbewusstsein hat die „Erfolgsmasche“, Strategien, die lange Zeit eingeübt sind, für sinnvoll zu halten, auch wenn sie uns selber, unserer Gesundheit oder unserem Sozialleben nicht gut tun. Es nimmt eine neue Form, die wir üben, zunächst als netten Ausflug in ein unbekanntes Terrain, von dem schnell der Weg zurück ins bequeme altbekannte Muster gesucht wird. Dort fühlen wir uns sicher, weil wir in vertrauter Umgebung sind, so sehr wir auch immer wieder daran leiden mögen. Meistens ziehen wir – sprich unser Unterbewusstsein – die Sicherheit der Stimmigkeit vor, denn die Unsicherheit grenzt schnell an die Überlebensfrage an, und so zieht uns unser innerer Wächter von der gefährlichen Klippe zurück in die bewährte Komfortzone, in der wir uns schon sicher eingerichtet haben – Sicherheit um jeden Preis. Das Gewohnte dem Neuen vorgezogen, auch wenn es uns oft mehr Belastung, Verunsicherung oder Stress beschert als die neue Strategie.

Deshalb gelingt es uns nur, neue Muster zu etablieren, wenn wir sie beständig einüben. Dazu brauchen wir den klaren inneren Entschluss, die klare Ausrichtung und die Bereitschaft, gegen alle Widerstände und Bequemlichkeiten dranzubleiben. Auch hilft uns die Meta-Bereitschaft, beim Einknicken der Übungspraxis als ganzer einfach wieder anzufangen, ohne uns selbst wegen unserer Inkonsequenz abzuwerten.

Auf diese Weise schwächen wir langsam und Schritt für Schritt die Macht der alten Gewohnheit. Wir können uns unser Gehirn vorstellen wie einen Wald. Tiere und Menschen nehmen dort einen bestimmten Weg, der langsam ausgetrampelt wird. Weil es einfacher ist, ihn entlang zu gehen als im Dickicht daneben, nehmen alle, die den Wald durchqueren wollen, diesen Weg. Die Pflanzen haben keine Chance, am Weg zu wachsen, und so entsteht die kleine Schneise durchs Unterholz.

Ähnlich läuft es in unserem Gehirn: Pfade, die wir immer wieder benutzen, werden stärker mit Neuronen besetzt, und diese werden leichter mit anderen vernetzt als jene, die wir kaum nutzen. Also kommen wir schnell aufs immer wieder gleiche Gleis, wenn eine Information von außen oder von innen dorthin steuert, und ab geht die Post.


Bahnung


Beim Üben machen wir es umgekehrt. Wir legen einen neuen Pfad an. Zunächst wird er zugewachsen sein, wenn wir ihn am nächsten Tag suchen. Aber wir kennen die Richtung und gehen einfach wieder aufs Neue los. Manchmal wird es passieren, dass wir den alten Weg wählen und erst mittendrin draufkommen, was wir eigentlich wollten. Dann wechseln wir auf den neuen Weg und gehen ihn mit Bewusstheit. Stetig wird der neue Weg gebahnt, wir haben eine Bahnung (Priming) geschafft, wie das in der Gehirnforschung bezeichnet wird, eine kleine Autobahn im Gehirn, der die Neuronenfeuerungen entlang rasen.

Wir erleben, dass es uns leichter fällt, die neue Verhaltensweise anzuwenden. Die Widerstände sind schwächer geworden oder ganz verschwunden, und wir haben Freude an der neuen Aktivität. Damit ist die positive Selbstverstärkungsschleife etabliert, die neue Tätigkeit wird zum Selbstläufer, wir vergessen kaum darauf, weil uns etwas dazu hinzieht, und wir missen es, wenn wir einmal keine Zeit haben.

Wann immer wir eine Musterveränderung in eine Richtung anstreben, die uns, unserer Gesundheit und unserem Wohlbefinden gut tut, wie z.B. das Üben einer entspannenden Atemmethode, wirken die Selbstheilungskräfte unseres Körpers mit. Es gibt ein organisches Wissen in uns, das die ideale und optimale Funktionsweise unseres Inneren kennt. Es weiß z.B. um das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus in unserem autonomen Nervensystem, das unsere Leistungsfähigkeit ebenso wie unsere Regenerationsfähigkeit stabilisiert. Es strebt von sich aus zu Ausgleich und Harmonie, wenn es zu einer einseitigen Überlastung kommt. Sobald wir bewusst gelenkte Schritte in diese Richtung initiieren, wird es seine unbewussten Energien mobilisieren, um die Änderung hin zur Optimierung zu unterstützen.

Damit haben wir einen wichtigen Partner für unseren Übungsweg gefunden, der uns hilft, dass wir immer leichter und schneller zum neuen Weg finden und dass wir immer eleganter und flexibler auf ihm weiterkommen.


Soziale Verstärkung


Eine weitere Unterstützung auf dem Änderungsweg kommt aus unserem sozialen Umfeld. Menschen können uns in vielfältiger Weise helfen, die neuen Gewohnheiten fester in uns verankern, vor allem, indem sie uns positive Rückmeldungen geben, auch indem sie uns ermuntern und helfen, Widerstände zu überwinden. Am besten gelingt das Gleichgesinnten, die den Übungsweg selber kennen oder kennenlernen wollen. Deshalb ist es immer empfehlenswert, Wanderkameraden für den neuen Pfad zu finden. Wir können uns über unsere Erfahrungen austauschen und neue Impulse aufnehmen, wenn unsere inneren Antriebe erlahmen. Wir nehmen uns ein Beispiel an anderen, denen eine bestimmte Aktivität leichter fällt, und dienen als Beispiel für jene, die sich schwerer tun als wir selber. 


Vom Nutzen des Wachsens


Jede neu eingeübte Fertigkeit erweitert unser inneres Repertoire und macht uns damit reicher. Wir können in irgendeiner Weise besser mit der Wirklichkeit umgehen und deren Vielfalt leichter für uns nutzbar machen. Je mehr Autobahnen wir in unserem Gehirn gebahnt haben, desto mehr Ziele können wir erreichen und desto schneller kommen wir von einem Ort zum nächsten. Der Spaß, der in dieser Beweglichkeit steckt, verlockt zu den nächsten Bahnungen, zum nächsten Abenteuer im inneren Wachsen.

Vgl. Der Vagus 
Das kohärente Atmen
Widerstand und Verwandlung 

Dienstag, 16. Juni 2015

Der Hochmut in der Selbstverkleinerung

Manchmal drücken wir uns vor der Realität mittels Selbstverkleinerung. Wir trauen uns etwas einfach nicht zu, wir können das nicht, und eigentlich wollen wir das gar nicht. Es handelt sich dabei nicht um Dinge, die andere von uns verlangen oder die wir tun sollten, weil es von uns erwartet wird. Es geht hier vielmehr um Handlungen, die aus unserer kreativen Lebensorientierung entspringen, bei der es um die Verwirklichung von eigenen Lebenszielen geht: Etwas, was wir ganz bestimmt selber wollen. Es hat uns die Idee gleich voll beflügelt und begeistert. Wir haben die ersten Schritte gesetzt, sie sind wie von selbst aus uns geflossen. Wir waren im ungebremsten Schaffensdrang. Dann verebbte dieser plötzlich oder unmerklich-allmählich.

Schließlich ist die Lust am Kreieren verflogen, die Ideen fehlen oder die Kraft ist erschöpft. Und da meldet sich gerne eine Stimme in uns, die sagt: Ich kann das nicht, ich schaffe es nie, ich bin nicht gut genug usw. Sie rechtfertigt die Schaffensblockade, die aufgetreten ist und bringt uns manchmal dazu, das ganze Projekt abzubrechen.

Blockierungen und Widerstände sind Teil von jedem Schaffensprozess. Am Anfang stehen meist enthusiastische Flow-Zustände, die den kreativen Prozess in Gang setzen. Diese Energie ist nicht für die "Mühen der Ebene" geeignet, die irgendwann dazu treten, wenn sich die umgebenden Realitäten in den Ablauf einmischen: Müdigkeit, andere Bedürfnisse, versiegende Ideen, umständliche und mühsame Arbeiten (z.B. Recherchen beim Schreiben eines Sachartikels). Das Nichtwissen um die Unumgänglichkeit dieser Phase im Schaffensprozess kann dazu führen, dass das Projekt an diesem Punkt abgebrochen wird und für immer in einer Schublade verschwindet, aus der es sich zwar immer wieder kleinlaut meldet, aber nie wieder herausgenommen und weiterverfolgt wird. Genausowenig wird es als gescheitert fallengelassen und mental entsorgt, sodass es im Hintergrund wirksam bleibt und am Schaffensgewissen nagt („Du hast doch dieses Projekt noch immer nicht weiterbetrieben…“).

Wissen wir um diesen Aspekt beim Kreieren, so können wir mit ihm kreativ umgehen, solange, bis sich der kreative Fluss wieder Bahn bricht und uns durch die Engstellen hindurch begleitet. Erfahrene Kreatoren haben dafür ihre eigenen Strategien entwickelt und auf ihre individuellen Widerstände angepasst. Manche Künstler z.B. arbeiten konsequent bestimmte Zeiten am Tag, andere legen längere Pausen mit Ablenkung dazwischen ein oder versprechen sich Belohnungen usw.

Das Ego im kreativen Prozess


Möglicherweise dient die Schaffensblockade der Einbeziehung des Egos in den kreativen Prozess: Solange das Flow-Erleben dominiert, ist das Ego abgemeldet, es hat keine Chance gegen die Übermacht des kreativen Stromes. Wenn dieser an Schwungkraft verliert, meldet sich das Ego wieder. Es ist der Hüter des Mittelmaßes, der Gewohnheitszone, und es ist mit Misstrauen gegen Gipfelzustände ausgestattet, die es aus seiner Lethargie reißen.

Deshalb versteckt sich in der scheinbaren Bescheidenheit eine besondere Variante des Hochmutes, der sich insgeheim besser wähnt als die kreative Lebenskraft. Kreativität verlangt die Hingabe an das, was zu tun ist, gleich, ob es leicht geht oder schwerfällt, gleich ob es angenehm ist oder eine Überwindung verlangt. Hingabe an etwas Größeres ist das, was das Ego nicht kann und wovor es die meiste Angst hat. Also sucht es die Selbstverkleinerung als Ausrede: Ich bin ja so klein und unbedeutend, ich kann deshalb nichts Besonderes vollbringen. Ich bleibe bei dem Wenigen, das ich jetzt habe, und dafür habe ich es sicher.

Es will sich wieder in der Komfortzone einrichten und zurücklehnen. Kein Risiko einzugehen ist seine Devise. Lieber eine relative Sicherheit und Bequemlichkeit als Gefahr zu laufen, mehr vom Leben zu bekommen, denn es könnte auch in weniger umschlagen.

Unser Ego durchschauen


Erkennen wir hinter der Blockade unser ängstliches Ego mit seinen gefinkelten Strategien, so fällt es uns leichter, weiterzumachen. Wir besinnen uns darauf, was wir selber wollen, was uns als Idee und Vision beflügelt und vergewissern uns unserer Kraft. Wir haben vieles schon geschafft in unserem Leben, und wir können deshalb auch neue Herausforderungen, wie sie jede Schaffensblockade darstellt, meistern. Das Match heißt Ego gegen kreativen Fluss, und wir sind es, die entscheiden, wer gewinnen soll.

Die Tücken im kreativen Zyklus zu verstehen ist so wichtig wie die kreative Arbeit selbst. Denn was nützen halbfertige Ideen und unvollendete Werke? Jede durchwanderte Schaffenswüste lehrt uns, den Hochmut der Bescheidenheit durch die Bescheidenheit der Hingabe zu ersetzen. Jeder überwundene Widerstand stärkt das Vertrauen in den kreativen Fluss, der immer wieder Überraschendes zutage fördert, wenn wir ihm den Raum und die Zeit lassen, die er dafür braucht.

So ging es mir auch beim Schreiben dieses Blogs, der aus einem Gespräch über das Blogschreiben entstanden ist, das die ersten Absätze schnell gefüttert hat. Bis zur letzten Zeile musste ich einige Durststrecken überwinden, die von Zweifeln benagt waren, ob das Thema genug für einen Blogbeitrag hergibt und ob mir noch ein sinnvoller Abschluss gelingen wird. Nun bin ich am Punkt der Zufriedenheit und Dankbarkeit, dass der Text gelungen ist. Dir als Leser(in) steht natürlich deine eigene Meinung dazu frei. Ich jedenfalls freue mich über alle, die zu diesem Text und durch ihn hindurch bis zu seinem Ende finden.