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Freitag, 26. Dezember 2025

Hafez und die Trunkenheit in der göttlichen Liebe

Hāfez von Schiras (ca. 1325 – 1389) war wie Rumi Dichter und Mystiker. Er verwendete gerne drastische Bilder. Er stellt z.B. die Liebe dem berechnenden Verstand gegenüber, ebenso die Trunkenheit der nüchternen Selbstkontrolle. Er lehnt die asketische Lebensform ab, sofern sie auf einen Zweck ausgerichtet ist: „Der scheinheilige Asket kennt unseren Zustand nicht; was immer er über uns sagt, verdient keine Beachtung.“ Mit der Trunkenheit (mastī) ist Loslösung von Kontrolle und zielgerichteter Selbststeuerung gemeint. Es geht dabei überhaupt nicht um eine Enthemmung bis zur Bewusstlosigkeit, wie sie der Alkoholiker sucht, sondern um die Überwindung der Begrenzungen des kontrollierenden Verstandes, der die Barriere zur Gotteserfahrung darstellt. „Die Vernünftigen sind der ruhende Punkt des Daseins, doch die Liebe weiß, dass ich in diesem Kreis trunken umherirre.“ Herumzuirren führt weiter als in den Grenzen der Vernunft zu verharren, wenn es um die Suche nach der großen Liebe geht.

Hāfez  versteht sich als Lump im Gegensatz zu den frommen Religionsgelehrten – als eine Art des erleuchteten Narrens, der sich nicht mehr um Konventionen und Reputationen zu kümmern braucht, weil er seine Freiheit schon gefunden hat. Er folgt selbst als Außenseiter, vielleicht sogar als von der Gesellschaft Verachteter offen dem Ruf des Absoluten: „Wir haben im Becher das Antlitz des Geliebten geschaut, o Ahnungsloser der Lust unseres dauernden Trinkens.“ 

Gott kann er gerade dort finden, wovon alle Rechtschaffenen mit Abscheu ihren Blick abwenden, im Becher des Trunkenbolds. Doch dieser Trinker ist berauscht vom Schauen des göttlichen Antlitzes, überwältigt von der unendlichen Liebe. Sein Getränk stammt aus einer unerschöpflichen Quelle, aus dem Zentrum des Seins. Die Gier hat er, wie viele andere Anhaftungen und Charakterfixierungen, schon längst hinter sich gelassen. Der Gewinn liegt in der Freiheit vom Weltlichen und vom Geistlichen: „Ich bin Knecht der Liebe und von beiden Welten frei; sieh, welche rohe Gier ich hinter mir ließ.“ Deshalb ist das Einzige, worum es in diesem Leben geht und was ihm Sinn gibt, die große Liebe:  „Werde Liebender – sonst endet eines Tages das Werk der Welt, und du hast den Sinn des Daseins aus der Werkstatt des Seins nicht gelesen.“ 

Es ist eine Liebe, die ohne jede Absicht wirkt und nicht auf den Gewinn achtet, den sie bringt, oder auf den Preis, den sie kostet: „Das Werk der Liebe ist ohne Rechnung und nicht vergleichbar.“

Einer Legende zufolge arbeitete Hāfez  zunächst als Brotträger in Schiras. Er verliebte sich in eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit, die in der Tradition meist als Šāḫ-e Nabāt („Zweig des Zuckers“) bezeichnet wird. Es war eine Gestalt zwischen realer weiblicher Schönheit, poetischem Symbol und spiritueller Erscheinung. Die Unerreichbarkeit dieser Liebe stürzte ihn in eine existentielle Unruhe.

Daraufhin entschloss er sich zu einer strengen vierzigtägigen Nachtwache am Grab eines Heiligen. In der vierzigsten Nacht ist ihm der mystische Führer Ḫezr (al-Ḫiḍr) erschienen, der Symbolträger unmittelbarer Gotteserkenntnis jenseits von Gesetz und Lehrtradition. Ḫezr reichte ihm einen Becher Wein und eröffnete ihm damit den Zugang zur direkten Erfahrung der göttlichen Liebe. Von diesem Moment an war Ḥāfeẓ „betrunken von der Wahrheit“; seine Dichtung entsprang seither nicht mehr dem Studium oder einer Technik, sondern der mystischen Innenschau. 

Goethe und der west-östliche Diwan

Einige Jahrhunderte später las Geheimrat Johann Wolfgang Goethe die erste deutsche Übersetzung der Gedichte von Hafiz und war beeindruckt von der Intensität dieser Texte. Er erkannte einen Geistesverwandten, der ihm zeigte, wie Dichtung ohne Rücksicht auf eine konventionelle Moral möglich ist, die Erotik, Ironie und Spiritualität verbinden konnte. 

„Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis, mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sei uns den Zwillingen gemein.“ (Goethe, West-östlicher Diwan, Buch des Hafis)

Außerdem hat Goethe die Radikalität der Absichtslosigkeit inspiriert: Im Gedicht „Selige Sehnsucht" steht:

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet;
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Die selige Sehnsucht nach dem Flammentod ist keine morbide Todessehnsucht, sondern die Leidenschaft für die innere Befreiung. Die „Menge“ wird das nicht verstehen, aber die Weisen wissen, dass die spirituelle Suche ihren Preis hat: Die Aufgabe der gewohnten Sicherheiten und angstbehüteten Erwartungen und Absichten erfordert Mut, Disziplin und Konsequenz.

Nach dem Vorbild von Hāfez dient die Erotik als Sprungbrett zur Transzendenz. In der Liebesnacht meldet sich im Kerzenschein ein fremdes Gefühl, das aus der Finsternis der Egozentrik herausführt und eine höhere Form der Liebesbegegnung ankündigt. Die Flamme der Kerze kündigt an, worum es geht: Alles zu verbrennen, was das Ich in sich selbst kreisen lässt.

Der Schmetterling steht als Symbol für die Absichtslosigkeit. Sein Flattern von Blüte zu Blüte folgt scheinbar keinem Kalkül und keinem vorgegebenen Zweck. Er ist zugleich ein Symbol des spirituellen Übersprungs vom Relativen zum Absoluten: Er begehrt einzig und allein das Licht der göttlichen Liebe und strebt zu ihm hin, um sich von ihm verbrennen zu lassen. Natürlich verbrennt „nur“ das selbstverliebte Ich, wenn der Sucher den Geliebten in der unbedingten Liebe und Schönheit erkennt. Es ist nicht ein Feuer der Zerstörung, wie es von der Begierde ausgeht, sondern das Feuer der Reinigung.

Die verbrennende Motte

Dazu schrieb Hāfez: „Der Liebende ist nicht der, der vom Feuer flieht – der Liebende ist der, der im Feuer verbrennt.“ „Was weiß der Nüchterne vom Zustand des Verbrannten? Frag den, der im Feuer war.“ Und: „Der Motte gleich geht der Liebende nur ins Feuer, weil er das Schauen begehrt.“

Und bei Rumi steht zu lesen: „Liebe ist das Feuer, und wenn sie entflammt, verbrennt sie alles außer dem Geliebten.“ „Was kümmert die Motte das Verbrennen? Sie lebt für das Licht.“ „Wenn die Motte nicht verbrennt, woher sollte Erkenntnis kommen?“

Das Feuer der Leidenschaft ist das ganz besondere Gewürz, das der Sufismus der Mystik beigegeben hat. Es symbolisiert die Radikalität, die jeder mystischen Lehre innewohnt, und die Macht der Abscheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen. Verbrannt wird, was selbstschädigend ist, übrig bleibt die Einfachheit der Hingabe und Liebe. Das Feuer verbindet im Menschen den Körper und den Geist. Die feurige Leidenschaft der „körperlichen“ Begierden geht über in die ebenso feurige Leidenschaft der höchsten Form der Liebe, und selbst diese Form der Liebe ist nach dem Sufismus immer auch körperlich. Hāfez genießt sie mit einem Becher Wein, Rumi im ekstatischen Kreistanz. Goethe sitzt währenddessen in seinem Lehnsessel und freut sich an Kaffee und Kuchen, während sein Geist die nächsten Gedichtzeilen entwirft.

Zum Weiterlesen:
Rumi und die Absichtslosigkeit
Die Absichtslosigkeit bei Meister Eckhart


Montag, 22. Dezember 2025

Rumi und die Absichtslosigkeit

Im Werk des persischen Dichters und Mystikers Dschalal ad-Din Rumi (1207–1273) hat die Absichtslosigkeit einen wichtigen Stellenwert. Ähnlich wie Meister Eckhart ist es Rumi um die Überwindung des „Warum“ zu tun: „Die Liebe hat kein Warum. Wer nach dem Warum fragt, hat die Liebe nicht verstanden.“ Die Liebe hat keinen Zweck und kein Ziel, sie ist einfach und wirkt, wenn alles aus dem Weg geräumt ist, was sie behindert. Absichten sind getragen von dem Wunsch, etwas zu bekommen und die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Sie sind Hindernisse für das Wirken der Liebe.

„Du suchst Gott mit Absicht und Plan. So entgeht er dir. Wenn du ihn lässt, findest du dich in ihm wieder.“ Auch Rumi geht es um die Gelassenheit im Sinn von Eckhart: Um das Weglassen der Gottessuche, die nicht mehr als eine in sich kreisende Selbstsuche ist. Alle Pläne sind Entwürfe des Ichs, das einem gegenwärtigen Mangel entrinnen und sich eine bessere Zukunft schaffen will. In der Gottesbegegnung geht es um keine Zukunft und um kein Besser oder Schlechter, sondern um die tiefste Erfahrung des Seins, frei von allen Wertungen und Vorlieben.

Die große Liebe 

Wenn Rumi von der Liebe spricht, so meint er im Grund nur die reine, bedingungslose oder auch die große Liebe. Sie stellt keine Leistung dar und kann auch nicht durch Anstrengungen oder Übungen gefunden werden. Sie wird nur in dem Maß erfahrbar, in dem die Abscheidung im Sinn von Eckhart gelungen ist. Alle Bestrebungen des Ichs (die nafs bei Rumi) zielen auf die Stärkung des Ichs. Sie drücken sich in den Absichten aus, die die Menschen in ihrem praktischen Leben verfolgen. Die Liebe finden wir auf einem gänzlich anderen Feld, in einer gänzlich anderen Landschaft: Sie ist frei von Selbstbezogenheit und Selbstsucht und offen für das Erfahren im Moment. Sie ist getragen von der Hingabe an die höhere Macht, die durch alles wirkt: 

„Ich liebe nicht. Ich werde geliebt. Und in diesem Geliebtwerden vergeht mein Ich.“ Im Überwinden der eigenen Täterschaft in der Liebe öffnet sich ein weiter Raum, in den die unermessliche Liebe einströmt. Die Erkenntnis, dass das eigene Lieben kein Verdienst und keine Leistung darstellt, sondern ein Geschenk darstellt, übersteigt die Beschränkungen des Ichs und seine kleinen Vorstellungen der Liebe. In der Erfahrung der großen Liebe hat das Ich seine Daseinsberechtigung aufgegeben.

„Als die Liebe kam, fiel mir der Verstand aus der Hand. Ich tanzte, und der Tanz wusste mehr als ich.“ Die Liebe kommt und entfaltet ihre Macht, weil sie dem Erfahrenden alles gibt, was er braucht. Der planende und absichtsvolle Verstand fällt einfach weg. Die gewaltige Welle der Liebe reißt alles mit und bringt alles in Bewegung, kein Stein bleibt auf dem anderen. Der Tanz ist größer als der Tänzer. Er reißt den tanzenden Menschen mit und führt ihn heraus aus dem Ego, wenn er sich der Bewegung voll hingibt. Die Liebe ist größer als die Liebenden. Sie trägt alles, was Menschen tun und lassen. Sie wartet darauf, entdeckt zu werden ohne sich aufzudrängen. Die Künstler, die Poeten und Musiker sind es, die ihren Ruf kennen und ihm in ihrem Schaffen folgen. Die Menschen werden selbst zu Künstlern, wenn sie von der Kraft der großen Liebe mitgetragen werden. Denn die Liebe bietet den Anreiz für jede Form von Kreativität. 

Der Atem und die Ekstase 

Für Rumi war die Begegnung mit der Liebe ekstatisch und leidenschaftlich. Sie wird in allen Schattierungen der Gefühle, in ihrer Vielfalt und Buntheit erlebt. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich von der Gelassenheit Eckharts. Wo bei Eckhart die Leere von Liebe durchflutet wird, zeigt sich bei Rumi die Fülle als göttliche Offenbarung. Wo Eckhart in die Stille eintaucht, tanzt Rumi mit aller Hingebung zu ekstatischer Musik. Der Unterschied liegt nicht in der Erkenntnis oder deren Tiefe, sondern in der Persönlichkeit und in der Tradition, den Filtern jeder spirituellen Erfahrung und ihrer Ausdrucksweise. Die Tradition des mittelöstlichen Sufismus ist feuriger und sinnlicher als die christliche Mystik des Mittelalters. Sie nimmt den Körper auf den spirituellen Weg als Kanal mit und vertraut ihn seiner Weisheit an. Tanzend und feiernd schwingen die menschlichen Körper im Rhythmus des Universums, während der Geist in Verzückung gerät: „Drehung, Atem, Hände und Füße sind eins, bis du dich selbst loslässt.“ (Dīwān-e Shams)

Die Geburt Gottes im Menschen geschieht im Überschreiten der Körpergrenzen vor allem durch rhythmisiertes, intensives Atmen und ungehemmte Bewegungen. „Mit jedem Atemzug komme ich zu deiner Seele, wie der Atem selbst in deinem Innern strömt.“ (Mathnawī, Buch I)

Das Absolute manifestiert sich in körperlicher Form, als Verkörperung des Geistes und zugleich als Vergeistigung des Körpers. Typisch für Rumi ist also die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist. Wenn sich das verkrampfte Ich auflöst, wird der Körper spielerisch, fließend und frei: „Der Körper ist wie ein Instrument, und du bist der Klang; ohne dich ist dieses Instrument nichts wert.“

„Tanze dort, wo du dich selbst zerbrichst, wo du die Watte aus deinen Ohren ziehst.“ Das zerbrochene Ich, in dem alle fixen Gewohnheiten und Neurosen zerschmettert sind, beginnt sich frei zu bewegen in einem Tanz, in dem der Tanz und nicht mehr das Ich die Bewegung führt. Dieser Zusammenbruch geschieht, wenn die Wirklichkeit unmittelbar in ihrer Pracht wahrgenommen und erlebt werden kann. Dann ist alles entfernt, was die Wahrnehmung mit den eigenen Erwartungen und Absichten vorinterpretiert und filtert. Indem sich die körperlichen Blockaden lösen, wird der Geist frei. 

Wilhelm Reich und die Körpertherapie

Einen ähnlichen Ansatz hat übrigens Wilhelm Reich (1897 – 1957) verfolgt und in die moderne Psychotherapie eingeführt: Der Körper ist der Speicher der Traumatisierungen, die sich in Verspannungen (Panzerungen) niederschlagen. Mit körpertherapeutischen Methoden können diese Blockierungen gelockert und aufgelöst werden, sodass dann die Lebensenergie, das Orgon, wieder frei fließen kann. Auch bei ihm spielt der Atem eine führende Rolle und dient zugleich als Symbol für die Befreiung: „Die Lösung emotionaler Blockaden erfolgt häufig über die Befreiung der Atmung. Wo der Atem fließt, fließt die Lebensenergie.“ (aus: Charakteranalyse, 1933) „Der Atem ist die Grundlage allen Lebens; er drückt den seelischen Zustand aus und kann ihn verändern.“ (aus: Die Funktion des Orgasmus). Bei Reich steht allerdings nicht die spirituelle Suche, sondern die Psychotherapie im Zentrum des Interesses.

Stirb bevor du stirbst

In Rumis Werk findet sich die Formel des Todes vor dem Tod (موت قبل الموت): „Stirb, bevor du stirbst, damit du vor dem Tod sicher wirst, o Wachender.“ Wenn das Ich gestorben ist, gibt es nichts mehr, was Angst machen könnte, nicht einmal der physische Tod. Jede „gestorbene“ Fixierung ist ein kleiner Tod, der einen Schritt zur Befreiung beiträgt und in das endgültige Sterben des Ichs einübt. Jeder kleine Tod konfrontiert mit Angst und ist mit ihrer Überwindung verbunden, die eine besondere Kraft freisetzt. Dadurch wächst die innere Sicherheit. Der Gedanke an die eigene Endlichkeit verliert jeden Schrecken. Gelassen leben wir unserem Ende entgegen.

Alle Zitate stammen von Rumi. 

Zum Weiterlesen: 

Samstag, 20. Dezember 2025

Die Absichtslosigkeit bei Meister Eckhart

In der mystischen Lehre von Meister Eckhart (ca. 1260–1328) nimmt die Absichtslosigkeit einen zentralen Platz ein. Sie steht in enger Verbindung mit Begriffen wie Gelassenheit, Abgeschiedenheit, Armut im Geiste und des Gottes in der Seele.

Eckhart verwendet den Terminus „Absichtslosigkeit“ nirgends. Es geht aber genau darum, wenn er fordert, dass der Mensch „ohne Warum“ handeln soll: „Der Mensch soll so ledig sein aller Dinge und aller Werke, dass er Gott wirke ohne Warum.“

Mit dem „ohne Warum (sunder warumbe)“ meint Eckhart, dass jedes Handeln, das auf Lohn, Sinn oder Heil ausgerichtet ist, nur dem Eigenwillen dient, selbst wenn es ein religiöses Mäntelchen trägt. Es hilft nicht dem spirituellen Wachsen oder dem Weg zu Gott. Weiters geht es bei der Absichtslosigkeit nicht bloß um eine Form des moralischen Altruismus, der nicht nur auf sich, sondern auch auf das Wohl der anderen schaut. Vielmehr fordert das „ohne Warum“ das Überwinden aller Zwecksetzungen und Absichtsorientierungen. Selbst die Konzentration darauf, dem Höchsten zu dienen oder ein gottgefälliges Leben zu führen, beruht auf Selbsttäuschungen. So sagt Eckhart: „Wer Gott um eines Warum willen liebt, der liebt nicht Gott, sondern das Warum.“ Wer also einen Zweck mit seiner Liebe verbindet, liebt sich im Grund nur selbst in seinem Lieben, kreist also in einer narzisstischen Schleife.

Im Moment der  Selbstbesinnung gibt es keine intentionale Ausrichtung auf etwas in der Zukunft im Sinn einer Erwartung oder einer Absicht. „Der gerechte Mensch sucht nichts, weder dies noch das, weder Gott noch Seligkeit; denn er steht frei in der reinen Gegenwärtigkeit.“ Da es über diese reine Gegenwärtigkeit hinaus nichts Wesentliches gibt, findet dort jedes Begehren,  Wollen und Suchen ein Ende.  „Der Mensch soll so beten, dass er nichts begehrt, nichts will und nichts sucht.“ Das Gebet soll also immer frei sein von Bestrebungen und Wünschen. Wenn es aus dieser Präsenz kommt, ist es kein Bitten, sondern ein Ausdruck der Dankbarkeit.

Die Gelassenheit

Die Gelassenheit besteht bei Eckhart nicht in einer emotionalen Entspanntheit wie im modernen Wortsinn. Vielmehr geht es um das radikale Loslassen und Überwinden des Eigenwillens, um durchlässig für das Absolute zu werden. Auf diese Weise gelangt man zur Absichtslosigkeit. Es geht Eckhart also nicht um die Überwindung des Egoismus und Eigennutz im moralischen Sinn wie bei seinem Nachfolger Johannes Tauler (ca. 1300–1361), sondern um die noch viel radikalere Erkenntnis, dass jede Absicht aus dem selbstsüchtigen Ich stammt und der inneren Freiheit im Weg steht. Weder Zukunftserwartungen wie z.B. die Hoffnung, noch Bindungen an die Vergangenheit wie z.B. die Reue dürfen wichtig genommen werden; einzig den Moment, das „Nun“ gibt es im Zustand der Gelassenheit. Es ist also alles, was zum Ich gehört, hinter sich zu lassen: „Der Mensch soll so ledig sein seiner selbst, dass Gott in ihm wirken kann.“ 

Die Absichtslosigkeit, wie sie Eckhart sieht, ist ein direkter Ausdruck der Absolutheit. Die Absichtslosigkeit, wie sie für praktisches ethisches Handeln als Richtschnur dienen kann, gehört zur Sphäre des Relativen und entfaltet dort ihren Nutzen. Im Absoluten haben Absichten nichts verloren, wie auch alles andere, das an das Relative gebunden ist. Selbst die eigene Persönlichkeit, der Charakter, die Ich-Identität spielt keine Rolle mehr, wenn das Absolute gegenwärtig ist.

Die Armut im Geiste

In diesem Sinn spricht Eckhart von der „Armut im Geiste“. Der Zustand der Armut ist der des Verlustes jeden Halts und jeder Form im Relativen. Reichtum und Armut gibt es nur im Relativen. Im Absoluten fällt das alles weg: Das Wollen, das Wissen, das Haben:  „Ein armer Mensch ist der, der nichts will, nichts weiß und nichts hat.“ Das Wollen dient der Selbstvergewisserung des Ichs; das Wissen der Kontrolle über die Welt und das Haben der Absicherung der eigenen Existenz. Bar all dieser Versicherungen öffnet sich der innere Raum, in den das Göttliche einfließen kann. „Je leerer der Mensch ist, desto voller ist Gott in ihm.“ 

Wenn diese Leere besteht, dann gebiert Gott seinen Sohn in der Seele, so Eckhart. Das ist der Kernpunkt seiner Mystik, der nur ungelenkt in Worten ausgedrückt werden kann. Nach der christlichen Tradition ist  klar, dass die Geburt des Sohnes Gottes auch die Geburt des Menschen ist: Gott ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt. Für den Mystiker geht es da nicht um ein historisches Ereignis vor 2000 Jahren, sondern um die Erfahrung, die geschieht, wenn der Zustand der Absichtslosigkeit, der Abgeschiedenheit und der Armut im Geist erreicht ist. Das Göttliche tritt in seiner Unmittelbarkeit auf, sodass auch die Wendung von der „Geburt Gottes in der Seele“ passt: Im tiefsten Inneren des Menschen, in dem das Relative seine Macht und seinen Einfluss verloren hat, kommt Gott zur Welt, und der Mensch steht in der Bewusstheit seiner Göttlichkeit.

Aus der Haltung der Absichtslosigkeit folgt übrigens auch, dass ein Gott nur absichtslos handeln kann. Denn  nach dem Verständnis von Eckhart ist auch Gott nicht von Zwecken geleitet, und der Mensch, der sich Gott annähert (oder: Gott in seiner Seele gebiert), muss oder wird deshalb auf seine Absichten verzichten. Im Bewusstsein des Göttlichen sind alle Absichten verschwunden, weil es nichts mehr braucht, was über den Augenblick hinausreicht.

Jenseits von Raum und Zeit

Eine weitere Bestimmung des Absoluten können wir bei Eckhart in Bezug auf Raum und Zeit finden: Es gibt keine Zeit und keinen Ort in ihm. Die Zeit bleibt stehen: „Die Ewigkeit ist ein stehendes Nun.“ Die Ewigkeit ist also nicht eine unendlich lange Zeit, sondern das Jenseits der relativen Zeit. 

Alles Zeitliche und Räumliche ist relativ; die relative Welt beginnt und endet in Raum und Zeit, bzw. mit der relativen Welt enden Zeit und Raum. Im Gewahrsein des Absoluten tritt der Mensch aus dem raum-zeitlichen Koordinatensystem heraus. „Solange der Mensch noch in Zeit und Ort steht, so lange erkennt er Gott nicht.“

Die Rückbeziehung auf die Natur

Einen weiteren Zugang zum Verständnis der Absichtslosigkeit können wir aus der Rückbezogenheit auf die Natur gewinnen. Bei Angelus Silesius steht: „Die Rose ist ohne Warum; sie blühet, weil sie blühet.“ Die Natur ist frei von Absichten, sie wächst, weil sie wächst und sie schrumpft, weil sie schrumpft. Sie entfaltet sich in einem beständigen Prozess des Werdens und Vergehens. 

Für den Menschen heißt das, dass sein Leben den Sinn in sich trägt, weil es lebt. Es braucht keinen Zweck, der ihm erst den Sinn gäbe. Vielmehr geht auf der Suche nach dem Zweck der Sinn verloren. Mit anderen Worten: Mit der Frage nach dem Zweck geraten wir von der Sphäre des Absoluten ins Relative, und im Relativen gibt es nur einen relativen Sinn. Das „Sunder warumbe“ Eckharts kennzeichnet eine Haltung, die auf jedes Beiwerk zur Ausschmückung und Rechtfertigung der eigenen Existenz verzichtet und sich auf die Einfachheit des Seins beschränkt, die frei ist vom Wollen von etwas, das nur in der Fantasie existiert.

 Jede Warum-Frage führt zu Begründungen und zu Rechtfertigungen, im Grund immer zu Erzählungen, die mit der Vergangenheit oder der Zukunft zu tun haben. Das Warum zeigt auf, dass das, was ist, bedingt ist, und die Frage zielt auf die Bedingungen. Es braucht etwas anderes, um zu sein. So sind die Zusammenhänge in der relativen Welt der Raum-Zeitlichkeit beschaffen. In der Welt des Absoluten fallen all diese Verbindungen und Abhängigkeiten zusammen in eins, in die Einfachheit des Seins.

Die Abgeschiedenheit

Werfen wir noch einen Blick auf ein Zitat von Meister Eckhart, das verwunderlich erscheint: „Abgeschiedenheit ist besser als Liebe.“ Auf den ersten Blick vermeint man eine Empfehlung für die eremitische Lebensweise mit dem asketischen Verzicht auf zwischenmenschliche Liebe zu hören. Doch geht es Eckhart mit dem Ausdruck der Abgeschiedenheit nicht um einen Lebensstil der Absonderung, sondern um einen inneren Weg, in dem es um das Abscheiden von allen Versuchungen des Egos geht. Abgeschieden (von den eigenwilligen Impulsen) ist jemand, der keine Absichten und Erwartungen hat und der seinen Eigenwillen einer höheren Lenkung überlassen hat. Die menschliche Liebe ist immer auf eine andere Person bezogen, sie beruht also auf einem Verhältnis von Subjekt und Objekt (Liebender und Geliebtes) und ist in dieser Weise Teil der Relativität. Sie kommt und geht als Phänomen persönlichen Erlebens. Sie ist emotional beladen und vergänglich.

Erst mit der vollzogenen Abgeschiedenheit kann die andere Form der Liebe auftreten, die der Impulsgeber und der Zielpunkt jeder menschlichen Liebesbemühung ist, die reine oder die göttliche Liebe. Sie ist nicht an Absichten, Erwartungen oder Bedingungen geknüpft, sondern für Eckhart nur im Zentrum der Seele, in der Gott geboren ist, erfahren werden kann. Sie ist frei von Beziehungen oder Verhältnissen, weil sie einfach ist und durch alles, was ist, hindurch wirkt.

Anmerkung: Alle Zitate stammen von Meister Eckhart, übersetzt aus dem Mittelhochdeutschen.

Zum Weiterlesen:
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit
Erwartungen und Enttäuschungen
Absichtslosigkeit in der Therapie


Samstag, 26. Oktober 2024

Erwartungen und Enttäuschungen

Wir sind enttäuscht, wenn ein Ereignis, das wir erwarten, entweder überhaupt nicht eintritt oder abweichend von unserer Erwartung abläuft. Das Bedürfnis, dessen Erfüllung die Erwartung versprochen hat, bleibt unbefriedigt. Darin besteht das Leiden der Enttäuschung. Auf der neurobiologischen Ebene spielt sich folgendes ab: Jede freudvolle Erwartung löst einen Dopaminschub aus, der als lustvolle Spannung erlebt wird, oft verbunden mit erhebenden Gefühlen und gesteigerter Aktivität. Sobald sichtbar wird, dass die Befriedigung des Bedürfnisses nicht eintritt, fällt der Dopaminspiegel jäh ab. Der erhoffte Belohnungsreiz bleibt aus, und der Entzug an Dopamin wird als sehr lästig und unangenehm erlebt. Die freudige Anspannung bricht ab. Stattdessen machen sich unangenehme Gefühle der Frustration breit. Im Hintergrund baut sich Stress auf. Der positiv erlebte Stress in der Erwartungsspannung verwandelt sich in eine negative, von Frustration und Ärger geprägte Stimmung der Enttäuschung.

Wer ist schuld?

In den Phasen der Enttäuschung entsteht meist die Frage nach der Ursache: Wer ist schuld am Ausbleiben der Belohnung? Denn wir meinen, wenn wir die Ursache kennen, k wir die Enttäuschung in der Zukunft verhindern. Bei der Ursachenfrage gibt es zwei Richtung: Nach außen oder nach innen. Es gibt Menschen, die eher dazu neigen, irgendetwas oder irgendjemand anderen verantwortlich zu machen. Sie entwickeln in sich Gefühle von Ärger und Wut gegen diese Instanz. Jene, die die Verantwortung eher bei sich selbst suchen, reagieren mit Traurigkeit und Scham bis hin zu Depressionen. Die ersteren entlasten sich von der Verantwortung und schieben sie ihren Mitmenschen zu, die zweiteren laden sie sich selbst auf und tragen schwer daran.

Es gibt Enttäuschungen, für die niemand eine Verantwortung trägt, wie z.B. solche, bei denen die Erwartungen an die Natur gerichtet sind: Wir unternehmen eine Reise an einen Badesee und die geplante Ferienwoche wird total verregnet. Wir pflanzen Gemüse an und die Schnecken fressen es. Andere Enttäuschungen befinden sich ganz im eigenen Rayon – solche, die mit Fehlern zu tun haben, die uns unterlaufen sind: Wir werfen die Wohnungstür hinter uns zu und merken erst dann, dass der Schlüssel drinnen geblieben ist.

Wenn die Erwartung auf eine Person gerichtet ist und sie sich nicht entsprechend verhält, erscheint es klar, dass sie uns damit Leid bereitet hat. Wir freuen uns auf den Besuch des Freundes, und er sagt kurzfristig ab, mit einer Begründung, die uns fadenscheinig vorkommt. Der Freund ist schuld, dass es uns jetzt schlecht geht. Wir haben irgendjemanden, der unseren misslichen Zustand verursacht hat. Er ist verantwortlich für das Leid geben können, das uns die Enttäuschung bereitet.

Wir übersehen dabei allerdings, dass wir uns selbst das Leid zufügen, weil wir an unserer Erwartung festhalten, statt dass wir uns mit der geänderten Realität arrangieren. Jede Störung, mit denen uns die Wirklichkeit in Form von eigenen Fehlleistungen, Verfehlungen anderer Menschen oder Unvorhersehbarkeiten äußerer Umstände herausfordert, ist eine Übung im Akzeptieren. Die Abläufe sind, wie sie sind; unsere inneren Bewertungen machen aus ihnen passende oder unpassende, willkommene oder störende Ereignisse. Wenn wir akzeptieren, was ist, kommen wir in Frieden damit, wenn wir dagegen ankämpfen, leiden wir.

Es ist wie beim Schachspielen: Das Spiel entwickelt sich zu unseren Gunsten und wir spüren schon das Hochgefühl des Sieges. Doch findet die Gegnerin einen pfiffigen Zug, den wir übersehen haben, und schon droht die Niederlage. Das Hochgefühl verschwindet ins Nichts und macht einer ängstlichen Frustration Platz. Spielsituationen lieben wir vermutlich deshalb, weil sie uns das Einüben des Umgangs mit Frustrationen möglich machen. Wir leiden kurz, bis uns klar wird, dass es ja nur ein Spiel ist.

Gegen das Leben kämpfen

Außerhalb der Spielkontexte ist das Leben unser „Gegner”, indem es unsere Erwartungen ignoriert und überraschende und unvorhergesehene Winkelzüge präsentiert. Sich beim Leben für die liebsamen und unliebsamen Überraschungen zu beschweren, ist eine Strategie, die aus den „Anleitungen zum Unglücklichsein“ (Paul Watzlawick) stammen könnte. Die Wirklichkeit kümmert sich in ihren Abläufen nicht um unsere Erwartungen, sondern orientiert sich an anderen Gesetzmäßigkeiten, deren Logik uns zumeist nichts als Rätsel aufgibt. Wir schaffen uns selber das Leid und stehlen uns nur aus der Verantwortung, wenn wir irgendwelche Faktoren in der Außenwelt für unsere inneren Zustände haftbar machen.

Das trifft auch auf unsere Mitmenschen zu, von denen wir erwarten, dass sie sich gemäß unseren Erwartungen verhalten, und die uns enttäuschen, wenn das nicht der Fall ist. Von der Kassierin im Supermarkt erwarten wir, dass sie freundlich und fröhlich ist; schließlich sind wir die Kunden und wünschen uns ein angenehmes Einkaufserlebnis. Begegnen wir einem missmutigen Menschen an der Kassa, sind wir enttäuscht und vielleicht sogar empört, ohne dabei an die Belastungen zu denken, denen die Kassierin ausgesetzt ist.

Das Recht auf die Erfüllung unserer Erwartungen

Wir haben eine Instanz in uns, die uns sagt, wir hätten ein Recht darauf, dass unsere Erwartungen erfüllt werden. Sie stammt aus unseren frühesten Erfahrungen, aus unseren Ursprüngen. Wir sind mit der Erwartung in dieses Leben getreten, dass wir geliebt, genährt und geschützt werden. Unser Urvertrauen sagt uns, dass wir das Recht darauf haben, dass die Existenz, die uns das Leben verliehen hat, alles zu ihrem Bestand und Weiterwachsen Notwendige bekommen wird. Auf einer unbewussten Ebene wissen wir, was wir brauchen, um gut überleben und uns angemessen entwickeln zu können. Doch auch gute Eltern sind nur Menschen, deshalb können sie diesen Erwartungen nur zu einem bestimmten Teil nachkommen. Das Enttäuschen der Erwartungen ist dann mit der Angst vor der Gefährdung des eigenen Überlebens verbunden. Solche Erfahrungen lösen manchmal massiven Stress aus, den Babys mit heftigem Geschrei ausdrücken.

Im Zuge des Aufwachsens haben wir gelernt, dass es immer wieder Enttäuschungen gibt und dass die Realität nicht so beschaffen ist, dass sie alle unsere Erwartungen erfüllt. Wir lernen, unsere Wünsche mit den aktuellen Möglichkeiten abzugleichen und notfalls auf die Befriedigung unserer Bedürfnisse zu verzichten. Doch bleibt häufig die Gefühlsdynamik so, wie wir sie in unseren Anfängen erlebt haben: Das unbefriedigte Bedürfnis wird übermächtig und löst eine unangenehme Enttäuschung aus, mit der wir fertig werden müssen.

Frustrationstoleranz

Erwachsenwerden heißt auch, Frustrationstoleranz zu erwerben, also die Fähigkeit, Enttäuschungen wegstecken zu können, ohne daran zu leiden. Hilfreich ist die Kompetenz, das frustrierte innere Kind zu beruhigen und zu vertrösten. Wie einfühlsame Eltern ihrem Kind begegnen, gehen wir auf die Ungeduld unseres inneren Kindes ein. Wir signalisieren ihm, dass wir sein Bedürfnis mit all der Dringlichkeit verstehen, während aber die Umstände gerade so beschaffen sind, dass eine Befriedigung nicht sofort möglich ist, sondern erst in einiger Zeit oder auf andere Weise erfolgen kann. Wir versprechen unserem inneren Kind, dass wir uns um das Bedürfnis kümmern. Der innere Konflikt und die Anspannung lösen sich dann auf und wir gelangen zu einem inneren Frieden.

Unser erwachsenes Ich weiß, dass unser Überleben nicht gefährdet ist, wenn wir nicht das, was unser Bedürfnis fordert, sofort und in der gewünschten Form bekommen. Als Erwachsene kennen wir verschiedene Reaktionsmöglichkeiten auf Bedürfnisspannungen, die je nach Situation angewendet werden können:

Wir können die Befriedigung aufschieben: Wir haben Hunger, aber gerade keine Zeit, um uns etwas zum Essen zu besorgen. Wir können abschätzen, wann wir unseren Hunger stillen können und uns bis dahin gedulden.

Wir können eine andere Form der Befriedigung finden: Wir wollen in ein bestimmtes Restaurant essen gehen, doch es hat geschlossen, also suchen wir ein anderes.

Wir haben auch die Möglichkeit, die Befriedigung zu verabschieden, indem wir die Erwartung zurücknehmen. Wir erwarten uns einen Gefallen von einem Freund, doch dieser hat keine Zeit. Wir suchen nach anderen Wegen, um an unser Ziel zu gelangen.

Erwartungsfreiheit

Können wir uns ganz von Erwartungen lösen, die uns immer wieder zu Enttäuschungen führen? Erwartungslos zu sein, erscheint als ein erstrebenswertes Ziel. Allerdings sind Erwartungen ein fixer Bestandteil unseres inneren Inventars. Sie tauchen gemeinsam mit unseren Bedürfnissen auf und sind an sie geknüpft. Bedürfnisse sind Signale des Organismus, die wir nicht abstellen können und auch nicht abstellen sollen, weil wir sonst nicht für die Mängelzustände im Inneren sorgen könnten.

Der Weg der Bewusstheit führt uns dazu, Erwartungen als Erwartungen zu erkennen, verbunden mit der Einsicht, dass die Zukunft immer ungewiss ist. Wir können sie nur in einem ganz geringen Ausmaß beeinflussen und in die Richtung unserer Erwartungen drängen. Weitaus die meisten Faktoren befinden sich nicht in unserer Kontrolle. Naturkatastrophen sind Beispiele für wuchtige Erfahrungen mit dieser Unwägbarkeit und Unverfügbarkeit der Wirklichkeit. Auch bei schweren Erkrankungen, die den Tod in den Erwartungshorizont rücken, durchkreuzt das Schicksal alle Pläne. Solche Ereignisse werfen die gesamten Erwartungen der Betroffenen über den Haufen. Sie müssen alle Vorstellungen über die Zukunft revidieren und ihre Lebensperspektiven völlig neu aufstellen.

Je schwerer und unerwarteter der Schlag ist, den das Schicksal versetzt, desto schwerer ist das Akzeptieren der entsprechenden Wirklichkeit. Allerdings ist der Schweregrad der Enttäuschung wiederum eine Sache unserer Bewertung. Wir müssen uns also eingestehen, dass wir unseres Glückes wie unseres Unglückes Schmied sind, in jedem Moment, bei jeder Erfahrung.

Mit dem Einüben dieser Perspektive werden die Erwartungen, die in uns entstehen, immer unwichtiger und die Enttäuschungen immer schwächer. Wir lernen, gelassener mit den Màandern und Hochschaubahnen des Lebens zurechtzukommen.

Die Absichtslosigkeit

Aus der Einsicht über die Bedingtheit und Vorläufigkeit aller Erwartungen kommen wir zur Einstellung der Absichtslosigkeit. Sie zählt auch zu den Tugenden, die wir im Zug der spirituellen Suche erwerben können. Allerdings ist sie kein absolutes Ziel, das wir erreichen müssen, um die innerliche Freiheit zu erlangen. Der Begriff macht uns vielmehr darauf aufmerksam, dass wir unsere Erwartungen über die Zukunft immer wieder loslassen können. Denn, wie ich in einem früheren Blogbeitrag geschrieben habe, sind „unsere Absichten nur Luftblasen, die wir zerplatzen lassen können, sobald sie ihr kreatives Schillern verloren haben. Jede verschwundene Luftblase kann einer neuen Platz machen, und so bleibt unser Leben ein kreativer, aus sich heraus wachsender Prozess. Dazu ist es wichtig, dass wir den leeren Raum zwischen den Blasen bewusst wahrnehmen als den Einstieg in die eigentliche Quelle von allem. Die Freiheit von Absichten gehört zum Luxus des meditativen Lebens; die Kunst, Absichten klar zu erkennen, zu bewerten, zu Entscheidungen zu führen, und sie dann zum besten Zeitpunkt zu vergessen, ist Teil der alltäglichen Lebenskompetenz, an der wir immer wieder feilen müssen.“

Zum Weiterlesen:
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit
Absichtslosigkeit in der Therapie
Akzeptiere, was ist, dann verändert es sich


Freitag, 9. April 2021

Feedback ohne Beschämung

Wie sag ich es, wenn mich etwas an anderen Personen stört?

Was wir gelernt haben: Die Absicht muss rüberkommen, die andere Person soll spüren, wie wichtig es ist, dass sie ihr Verhalten ändert.

Auf einen Fehler, eine Schwäche oder einen Makel aufmerksam gemacht zu werden, beschämt immer. Wir wollen ja von den anderen geliebt und akzeptiert werden, wie wir sind, und sobald etwas Unvollkommenes an uns sichtbar wird, fürchten wir um diese Liebe und Akzeptanz. Zugleich aktivieren wir unsere Schamabwehr. Denn das Schamgefühl ist äußerst unangenehm. Wir wollen nicht in unserer Blöße dastehen.

Wie also können wir ein kritisches Feedback geben, ohne die angesprochene Person zu beschämen? Schließlich ist es auch für uns nicht angenehm, wenn wir bei anderen Menschen Scham auslösen.

Bedürfnisse und Verletzungen ausdrücken

Zwei Elemente spielen bei dieser Kunst des Taktes eine Rolle. Erstens geht es darin, dass wir uns klarmachen, dass es zu unserer Aufgabe im Zusammenleben gehört, unsere Verletzungen und Bedürfnisse auszudrücken. Wenn uns etwas stört, stört es auch die Kommunikation und die Beziehung. Wir haben die Möglichkeit, die Rückmeldung zu unterlassen und uns zu entscheiden, mit der Störung weiterleben zu wollen. Dann übernehmen wir die Verantwortung für die Störung und haben keinen Grund mehr, der anderen Person böse zu sein oder sie abzuwerten. Die Störung gibt es ja in uns selber, sie besteht nicht objektiv, sondern kollidiert mit inneren Maßstäben, Wertsetzungen, Empfindlichkeiten. Wir machen etwas, das im Außen passiert oder nicht passiert, zu einem Problem, indem wir daran leiden. Dieses Leiden nicht zu kommunizieren hat zur Folge, dass wir uns selber darum kümmern müssen.

Wir können die Verantwortung für dieses Leiden aber auch so wahrnehmen, dass wir sie der anderen Person rückmelden. Es ist ein Bedürfnis von uns, das durch das Verhalten des anderen zu wenig berücksichtigt wurde. Es kann z.B. sein, dass uns schmutzige Fingernägel bei anderen stören. Wir nehmen sie wahr und empfinden Ekel. Wenn wir der anderen Person verschweigen, was uns stört, halten wir etwas zurück. Jede zurückgehaltene Botschaft wirkt als Hemmung in der Kommunikation und nimmt ihr an Offenheit. Die Einengung und Distanzierung im Kontakt, die dadurch geschieht, wird zwar von beiden Seiten wahrgenommen, kann aber nicht gedeutet werden und steht dann zwischen den beiden Personen, außer wir nehmen die Störung und das damit verbundene Problem, wie oben beschrieben, ganz zu uns selbst. 

Die Perspektive, aus der die Mitteilung des eigenen Bedürfnisses und seiner Störung kommen sollte, stammt aus der eigenen Subjektivität: „Ich teile dir etwas aus meiner Welt mit. Da tue ich mir schwer damit. Das stört oder irritiert mich und ich kann leider nicht darüber hinwegsehen. Ich teile es dir mit, damit du weißt, wie es mit deinem Verhalten geht.“

Absichtsloses Wünschen

Jetzt kommt der zweite und entscheidende Schritt. Es geht es darum, die Absicht wegzulassen, die natürlicherweise darin besteht, die andere Person zur Veränderung ihres Verhaltens zu bewegen, also z.B. die Fingernägel zu reinigen. Denn die Absicht bewirkt eine drängende Bitte oder eine Forderung, die besagt, dass die andere Person sich so verhalten soll, dass wir kein Problem mehr damit haben. Sie soll uns also unser Problem wegnehmen, indem wir es zu ihrem oder zu unserem Problem umwidmen.

Eine Rückmeldung ohne Veränderungsabsicht dagegen drückt sich als Wunsch nach einer Korrektur oder Veränderung aus. Der Wunsch unterscheidet sich von der Forderung, dass er der anderen Person jede Freiheit lässt, ihm nachzukommen oder nicht. Wir können einen Wunsch nur dann als Wunsch zum Ausdruck bringen, wenn wir uns innerlich im Klaren sind, dass wir auch gut damit leben können, falls der Wunsch abgelehnt wird. Und noch mehr: Dass wir die andere Person weiterhin wertschätzen können, auch wenn sie bei ihrem Verhalten bleibt, das uns stört.

Ein wichtiger Aspekt der Rückmeldung besteht darin, dass sie, wenn es um potenziell peinliche Themen geht, unter zwei Augen erfolgen soll. Das Ansprechen  von schambesetzten Themen braucht Privatheit. Die Anwesenheit von anderen Personen erhöht den Schamdruck.

Die Krux mit dem Fordern

Wir alle verfügen über Strategien der Schamabwehr. Wenn wir auf Schwächen, Fehler und Unzukömmlichkeiten angesprochen werden, hängt es von der Intention der Rückmeldung ab, ob wir mit Abwehr oder Offenheit darauf reagieren. Sobald unser Sensorium einen Druck vom Feedbackgeber wahrnimmt, wird unsere Verteidigungshaltung aktiviert. Wir reagieren dann je nach gewohnter Strategie mit einem Gegenangriff (wenn wir uns angegriffen fühlen), mit einem Ausweichmanöver, mit einer Rechtfertigung oder können der beschämten Position nicht entrinnen und sind voll von der Peinlichkeit der Situation belastet. Denn die Scham hat sich verdoppelt: Zum einen erkennen wir einen Makel an uns, zum anderen stehen wir mit diesem Makel vor der anderen Person, der wir mit diesem Makel ein Problem bereitet haben.

In jedem Fall ergibt sich eine Spannung in der kommunikativen Situation, und die Auflösung bleibt unbefriedigend. Zwar kann die Feedbackgeberin zufrieden sein, wenn sich die Empfängerin bereit erklärt, das eigene Verhalten zu verändern. Doch wird bei ihr ein Ressentiment bestehen bleiben, dass sie in eine beschämte Lage gebracht wurde, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass daraus irgendwann später ein Racheimpuls kommt.

Forderungen schaffen ein Machtgefälle: Die fordernde Person stellt sich über die geforderte. Sie will, dass ihr Wille umgesetzt wird, und besteht darauf mit der Drohung, dass sonst die Spannung aufrecht bleibt: Ich bin dir so lange böse, bis du tust, was ich will. Mit einer Forderung wollen wir signalisieren, dass es keinen anderen Weg zur Lösung für „unser“ Problem gibt, als dass die andere Person etwas ändert. 

Und das ist die Krux mit dieser Strategie: Wir treten die Verantwortung ab und das Machtgefälle dreht sich um. Wir sind in der hilflosen Rolle. Wir können niemanden zwingen, unseren Willen zu erfüllen. Wir können zwar mit Druck, Drohung, Erpressung, Manipulation usw. erzwingen, dass andere das tun, was wir wollen, aber sie tun das dann nur widerwillig und zahlen uns ihre Unterwerfung bei nächster Gelegenheit heim, direkt oder indirekt. Alles, was jemand gegen seinen eigenen Willen tut, hat keinen Bestand und keine Haltbarkeit und verbleibt als Knoten in der Beziehung.

Das Wünschen als Abhilfe

Ob das Wünschen hilft oder nicht, ist nicht die Frage. Es ist allerdings der Königsweg zu einer beschämungsfreien Kritik- und Feedbackkultur. Die Absichtslosigkeit ist der entscheidende Stolperstein auf diesem Weg. Denn wir verfolgen immer Absichten, wenn wir Kritik üben oder Feedback geben. Auf das Weglassen von Absichten müssen wir uns vorbereiten. Wir können nicht darauf hoffen, dass sie sich spontan einstellt. Sie erfordert das Üben von Achtsamkeit und das entspannte Eingehen auf den Partner, dem das Feedback gilt. Denn nur wenn wir entspannt sind und innerlich distanziert von der Angelegenheit, die uns stört, können wir uns von den aggressiven Aspekten des Vorwurfs und von der Dringlichkeit des Forderns verabschieden. Dann bietet sich der Weg des absichtslosen Wünschens an. Er hilft, die Kommunikation von den Fallen der Beschämung zu befreien.

Zum Weiterlesen:
Scham und Rache
Emotionale Erpressung und der Ausweg
Scham und Verletzlichkeit
Lernen ohne Belehrung
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit

Samstag, 8. Februar 2020

Über den Sinn von Leiden und Schmerzen

Die Frage, warum es Leid im menschlichen Leben gibt, ist mindestens so alt als Menschen nach dem Sinn des Lebens fragen. Seit es die Theologie gibt, steht sie vor der Frage, wie Gott es zulassen kann, dass es Menschen schlecht geht – das kann doch kein guter Gott sein, der den Menschen zuschaut, wie sie leiden, ohne aus seiner Allmacht heraus einzugreifen, und ein schlechter Gott ist ein Widerspruch in sich. 

Der Ausgangspunkt der Problematik liegt in der Gleichsetzung des Guten mit dem Schmerzfreien und Leidenslosigkeit. Ein gutes Leben muss schmerzlos und beschwerdefrei sein. Dabei verkennen wir – aus naheliegenden Gründen – die Natur des Lebens und damit des guten Lebens. Die naheliegenden Gründe liegen im Wunsch nach Schmerzfreiheit und Wohlgefühl ohne Ende. Wenn wir leiden, fühlen wir uns dagegen eben nicht gut, sondern miserabel, gepeinigt und manchmal sogar verzweifelt. Jeder will genießen und Freude empfinden und unangenehme Erfahrungen möglichst schnell überwinden. Das ist auch ein im Leben grundgelegter Antrieb, der die kreative Seite des Lebens ermöglicht. Denn nur im Zustand innerer Ausgeglichenheit und Entspanntheit können wir schöpferisch aktiv werden und anderen helfen.  

Was ist aber die Natur, die Eigenart des Lebens? Das Leben umfasst alle seine Aspekte und Dimensionen. Organismen sind fühlende Wesen, sie nehmen sich selbst und die Umgebung wahr. Jedes Fühlen ist von einem Kontinuum gekennzeichnet: Zwischen maximaler Bedrohung und maximaler Lebenssteigerung, zwischen maximalem Schmerz und maximalem Wohlgenuss. Wir verfügen über diese Empfindungsfähigkeit, um uns in der Wirklichkeit orientieren zu können, wenn wir unser Überleben sichern. Auf dieser Ebene sind wir genauso ausgestattet wie alle anderen Lebewesen. Ich nehme an, dass sie alle ihre jeweiligen Leidenszustände kennen und irgendeine Form von Schmerz erleben.  

Gäbe es kein Schmerzempfinden, wäre dieses Spektrum eingeschränkt – was auch bei Menschen, die eine spezielle Störungen im Gehirn haben, der Fall ist. Ohne körperliche Schmerzempfindung bekommen wir keine Signale über Probleme in unserem Organismus; ohne seelischen Schmerz erkennen wir nicht, wenn im Sozialsystem etwas schiefläuft. Eine völlige Schmerzbefreiung wäre lebensbedrohlich – für den Organismus und für das Sozialgefüge. 

Der Schmerz ist also ein integraler Teil unseres Welterlebens als lebendige Wesen. Selbst wenn wir ihn minimieren wollen, weil wir natürlicherweise vom Unangenehmen zum Angenehmen streben, gilt es dennoch, ihn zu achten und ihm Sinn zuzugestehen. Sonst schneiden wir vom ganzen Raum des Lebens einen wesentlichen Teil aus und nutzen ihn nur zum Jammern und Einsammeln von Mitleid. Wir Menschen sind vermutlich die einzige Spezies, die überhaupt auf die Idee kommt, die Existenz und Sinnhaftigkeit von Schmerz und Leid in Frage zu stellen. Der Rest der Natur lebt einfach mit diesen Gegebenheiten. 

Wenn wir uns da anschließen, statt eine Sonderrolle in der Natur zu beanspruchen, können wir das Leid in seiner vollen Bedeutung und Sinnhaftigkeit achten. Auf diese Weise sind wir mit dem Ganzen der Natur und des Lebens verbunden. Wir schreiben dem Leben nicht vor, wie es zu sein hat, sondern nehmen es so, wie es ist. Statt einen sinnlosen Kampf zu kämpfen, fühlen wir uns von dem Wissen getragen, dass jedes Leid, so unangenehm es nun mal ist, irgendwann sein Ende hat, wie auch jedes freudvolle Ereignis.  

Schmerzen annehmen 


Schmerzhafte Erfahrungen sind besonders heraufordernde Gelegenheiten für das Annehmen und Akzeptieren. Das heißt auch, dass sie besonders zu unserem inneren Wachsen beitragen. Je schwieriger das Annehmen, desto wertvoller ist es, wenn es uns gelingt. Wir werden unabhängiger von den Wechselfällen des Lebens, vom stimmungsmäßigen Auf und Ab, von Niederlagen und Enttäuschungen, von Verwundungen und Beleidigungen, von Unpässlichkeiten und Krankheiten. Unsere innere Stärke wächst mit jeder gelungenen Akzeptanz schwieriger Lebensumstände. 

Im Einklang mit sich und dem Lebensprozess zu sein, ist die tiefste Form des Glücks, die dem Menschen möglich ist und die von niemandem genommen werden kann. Dazu gehört es, die angenehmen und unangenehmen Erfahrungen gleichermaßen zu umarmen, wie ein gerechter Elternteil die braven und schlimmen Kinder ohne Unterschied liebt. 

Einzelne Menschen haben es geschafft, in den schlimmsten vorstellbaren Situationen bei sich zu bleiben, im Gefängnis oder im KZ, im Krankenbett oder im Sterbeprozess, und sie können uns als Vorbilder dienen, wenn wir mit Leiden und Schmerzen in unserem Leben konfrontiert werden. Wir können unsere Würde aufrechterhalten, selbst unter den entwürdigendsten und unmenschlichsten Umständen, unter Schmerzen und Leiden. Denn die Würde kann uns niemand nehmen, höchstens wir selber, wenn wir uns von der Ganzheit unseres eigenen Lebens abtrennen und uns in herausfordernden Erfahrungen selbst verleugnen. 

Die Schatten des Todes 


Der Alterungsprozess beinhaltet viele schmerzhafte Momente, die mit zunehmender körperlicher und geistiger Gebrechlichkeit immer häufiger auftreten. Es zwackt hier und zwackt dort, das Gedächtnis wird löchrig und die Marotten werden noch wunderlicher. Dazu kommt, dass das Altern selber die Akzeptanz herausfordert, weil es mit der schmerzhaften Erkenntnis verbunden ist, dass es nicht rückgängig gemacht werden kann, sondern unausweichlich voranschreitet, relativ unabhängig davon, wie wir es gerne hätten. Das Altern ist der lange Schatten des Todes, der in seiner Strenge und Unausweichlichkeit fordert, dass wir das Sterben lernen, je früher desto besser.  

Als lebende Organismus haben wir ein Ablaufdatum. Ob unser Leben länger oder kürzer als der Durchschnitt dauert, ist nur zum Teil in unserer Hand. Viele, die ein in mehrfacher Hinsicht vorbildliches Leben geführt haben, sind früh gestorben; andere mit unmäßigem oder wenig tugendhaftem Lebenswandel haben ein hohes Alter erreicht. Der Tod ist ein undurchsichtiger Gesell, der sich nicht in die Karten blicken lässt, trotz aller Versuche, das Alterungsgenom zu entschlüsseln und zu manipulieren. Er klopft unerbittlich an unsere Tür, wenn er es für angemessen hält, und gibt seine Gründe nicht preis. Er fordert einzig und allein unsere Bereitschaft zur Hingabe, in der ultimativen Form. 

In jedem Schmerz, in jeder leidvollen Erfahrung kündigt sich der Tod an, als würde er das alles schicken, damit wir uns auf das Treffen mit ihm vorbereiten können. Doch ist der Tod nicht der Meister des Lebens, sondern selbst nur ein Diener im großen Prozess des Werdens und Vergehens, bei dem wir eine Weile mitsegeln, deren Dauer uns zugemessen ist. Jede Schmerzerfahrung können wir zum Einüben in die Hingabe, d.h. in die Endlichkeit und Sterblichkeit nutzen.  

Erwartungsfreiheit 


Erwartungsfrei durchs Leben zu gehen, absichtslos mit dem Leben zu fließen, erfordert viel Grundvertrauen und innere Stabilität. Der Lohn der Vertrauensstärkung ist der hohe Grad an Freiheit und der Zugang zu einer tiefen Form des Glücks, das aus dieser Freiheit kommt. Die Erwartungsfreiheit umfasst auch den geheimnisvollen Tod und lässt ihm seine Freiheit, zu kommen, wann immer es ihm beliebt und gleich welche Form des Endes er uns zubilligt. 

Wir haben dieses Leben als Ganzes, mit seinem Anfang und seinem Ende, mit seinen Schokoladenseiten und Magenkrämpfen. Es hat uns ganz, und wir haben es entweder ganz oder gar nicht. Alles, was uns widerfährt, gehört dazu, ob es uns in den Kram passt oder nicht, ob es uns erfreut oder entsetzt. Akzeptanz gibt es nur in dieser Ganzheit. Wenn wir nur die Rosinen aus dem Lebenskuchen herauspicken, verdirbt der kostbare Rest, indem wir ihn verschmähen. Wir sind dann nicht mit der Annahme, sondern mit dem Verweigern des weniger wohlschmeckenden Teils beschäftigt, der dadurch mehr Bedeutung und Macht bekommt als die verführerischen und vergänglichen Süßigkeiten. Nehmen wir dagegen auch die sauren Kirschen aus dem breiten Angebot des Lebens zu uns, so lernen wir ihren Geschmack kennen und schätzen. Wir erweitern unser Repertoire und unsere Kraft im Umarmen und Halten.  

Das gute Leben ist ein solches, das möglichst viele Schattierungen und Spielarten umfassen und umarmen kann und nichts ausschließen und missachten muss. Das gute Leben ist bereit zum Risiko der Totalität, zur Radikalität des Akzeptierens aller Freuden und Schmerzen. Das gute Leben kann auf alle Versprechen oder Heilsverkündungen von Schmerz- und Leidensfreiheit verzichten, weil es weiß, dass alles, was da ist, alles, was entsteht und vergeht, gut ist, wenn es mit Bewusstheit durchlebt wird. 

Zum Weiterlesen:
Ein kleines Modell des Schmerzes
Von der Hilflosigkeit zur Hingabe 
Die Dimensionen der Verzweiflung

Montag, 9. April 2018

Absichtslosigkeit in der Therapie

Wenn wir mit Menschen an emotionalen Themen arbeiten, wollen wir, dass es ihnen besser geht – natürlich. Auch sie wollen das, sonst würden sie sich nicht an uns wenden. Wir teilen also ein Ziel. Doch gibt es etwas, was der Erreichung dieses Ziels im Weg steht. Bei den Klienten sind es die Widerstände, und bei den Therapeuten die Erwartungen. In beiden Fällen mischt sich die Instanz ein, die wir das Ego nennen. Das Klienten-Ego will, dass der Status Quo erhalten bleibt, auch wenn er Leiden verursacht. Jede Änderung könnte bedrohlich sein und unabsehbare, jedenfalls verschlimmernde Folgen zeitigen. Das Therapeuten-Ego will Erfolge sehen, um den eigenen Status und Selbstwert abzusichern und auszubauen. Erfolgreiche Therapien sprechen sich herum und ziehen neue Klienten an.

Soweit so menschlich. Interessant wird es dort, wo die unbewussten Ego-Anteile von Therapeut und Klient aufeinander stoßen. Das Klienten-Ego sagt, dass es sich nicht ändern will und dass Änderungen überhaupt nicht geschehen können und dass die ganze Arbeit sowieso sinnlos ist. Folglich baut es ein System von Vermeidungen auf, das auch darin bestehen kann, kleine Häppchen von Erfolgen zuzulassen, damit die wirklich dicken Hunde, die im Unbewussten schlummern, geschont werden.

Das Therapeuten-Ego arbeitet sich an den Widerständen des Klienten-Egos ab und denkt, dass es umso mehr leisten muss, je weniger sich bewegt. Das eigene Wollen und die eigenen Absichten treten immer mehr in den Vordergrund, weil sich das Therapeuten-Ego im Bündnis mit den bewussten Absichten des Klienten weiß, aber die Widerstände aus dem Unbewussten nicht berücksichtigt werden.

Auf diese Weise verheddern sich die beiden Egos, und die Therapie tritt auf der Stelle. Fatal wird es, wenn der Therapeut diese Rückkoppelung nicht erkennt und auf seiner Selbstbestätigungsschiene weitermacht, die meistens dann die inneren Widerstände der Klientin verstärken.  Zwar möchte ein bewusster Aspekt der Klientin eine gute Klientin sein und versucht zu kooperieren, aber die unbewussten Vermeidungsstrategien sollen unangetastet bleiben. 


Absichtsloses Begleiten


Absichtslosigkeit bedeutet, dass der Therapeut sein Wollen und seine Erwartungen beiseite stellt. Sie sollen sich, soweit möglich, nicht in den Prozess einmischen. Statt sich mit den Widerständen aus dem Klienten-Ego zu duellieren, wird der Kontakt zum inneren Wachstumspotenzial der Klientin gesucht. Was sie hergeführt hat, ist eine Form des Leidens und die Hoffnung, dass es einen Ausweg daraus gibt. Es gibt also, trotz aller Widerstände, einen Teil in der Psyche, der sich befreien will und der daran glaubt, dass das auch möglich ist. Diese Instanz wird manchmal als „innerer Heiler“ bezeichnet.

Der Kontakt zu diesem Teil gelingt nicht über die Erwartungen und die Ego-Wünsche des Therapeuten, sondern erfordert Vertrauen. Die Pläne sollten Sicherheit geben, nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das Ego mag Kontrolle und meidet Unsicherheiten und Ungewissheiten. Das Vertrauen hingegen baut auf einen guten Ausgang, ohne einen rationalen Grund dafür angeben zu können. „Vertraue nur, es wird schon werden,“ so seine Botschaft, auf die das Ego routinemäßig mit einer Latte von Wenn und Aber reagiert. Übersteht das Vertrauen das Abspulen der Ängste, die sich in all den Einwänden verbergen, kann es seine Wirkung entfalten, und die besteht darin, dass das Vertrauen der Klientin geweckt wird, das plötzlich einen Ansprechpartner gefunden hat. Zunehmend traut es sich dann, am Heilungsprozess mitzuwirken.

Auf den Prozess zu vertrauen heißt, nicht wissen zu können, wie er verlaufen wird und ob er überhaupt zu etwas führt oder auf welchen Wegen er zum Erfolg führt. Jeder therapeutische Vorgang, sei es eine Sitzung oder eine längere Serie, ist individuell und in dieser Form noch nie dagewesen; insofern ist es auch sinnlos zu meinen, es gäbe eine vorher festgelegte erfolgversprechende Strategie, die, wenn richtig angewendet, unweigerlich positive Veränderungen herbeiführt. Ein derartiges Wissen kann es nicht geben, auch wenn der Therapeut über die besten Techniken Bescheid weiß und über jahrzehntelange Erfahrung mit hunderten Klienten verfügt. Selbst wenn die Rahmenbedingungen stimmen, sodass es von dort aus zu keinen Störungen kommt, ist noch lange nicht garantiert, dass am Ende die erwarteten oder erwünschten Resultate eintreten.


Eine Kunst und kein Handwerk


Therapeutisches Arbeiten ist eine Kunstgattung eher als ein Handwerk. Zwar bedarf es einer soliden und umfassenden Ausbildung, um überhaupt mit der Tätigkeit beginnen zu können. Aber die eigentliche Herausforderung beginnt erst in der Praxis – gelingt es, den Kontakt mit der Klientin so umfassend herzustellen, sodass sich auch die Kommunikationskanäle auf den unbewussten Ebenen öffnen? Ähnlich wie ein Künstler darauf vertrauen muss, dass ein innerer schöpferischer Prozess in Gang kommt, der sich nicht im Voraus sicherstellen und planen lässt, braucht das therapeutische Arbeiten ein Sich-Einlassen auf das, was von Moment zu Moment geschieht, und das Vertrauen, dass diese Haltung alle nötigen Impulse für das Gedeihen des Prozesses hervorbringt.

Es ist eine innere Einstellung gefordert, die sich auf die Gesetzmäßigkeiten des kreativen Schaffens verlassen kann. Wie der Künstler vor dem leeren Notenblatt oder der weißen Staffelei steht der Therapeut vor dem gerade aktuellen Zustand der Klientin – möglichst offen für die Eingebungen, die aus der Situation entspringen. Die kumulative Erfahrung, die ein Therapeut durch seine Praxis sammelt, ist nicht nutzlos, denn sie bringt die Vertiefung dieser Einstellung und damit des Vertrauens mit sich.


Interventionen oder Geschehenlassen


Die Frage, ob und wieviele, wann, wo und wie Interventionen gesetzt werden sollen, die in vielen Ausbildungen diskutiert und in zahlreichen Lehrbüchern abgehandelt wird, erweist sich vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wenn nicht als nutzlos und überflüssig so zumindest sekundär. Es ergibt sich das, was geschehen soll, aus dem jeweils aktuellen Moment, und die Intervention oder Nicht-Intervention gelingt genau dann, wenn der Therapeut mit diesem Moment in seiner Präsenz verbunden ist und sich aus dieser Verbundenheit heraus aktiv oder passiv verhält.

Ausbildungen können und sollen ein Repertoire an möglichen Interventionen vermitteln. Über je mehr an solchem Rüstzeug ein Therapeut verfügt, umso flexibler kann er in seiner Arbeit auf die unterschiedlichsten Situationen reagieren. Der Kern jeder Ausbildung sollte aber um eine Haltung zentriert sein, die den Methoden den Nachrang vor der bedingungslosen und absichtslosen Offenheit einräumt.

Aus dieser Einstellung heraus kann der Therapeut als Sprachrohr des inneren Heilers der Klientin agieren, zu dem diese gerade keinen Zugang hat. Über diesen Umweg, vermittelt über die Persönlichkeit des Therapeuten, kann dann die Botschaft angenommen werden, die eigentlich der eigenen inneren Wahrheit auf einer tieferen Ebene entspricht. Das nennt man manchmal das Spiegeln, obwohl es nicht genau passt. Zwar spricht der Therapeut in gewisser Weise mit der Stimme und mit den Worten oder Gefühlen der inneren Heilerin der Klientin, aber in Verbindung mit seiner eigenen Wesensart.


Aktivität und Passivität


Es sollte aus diesen Ausführungen klar hervorgehen, dass das Vertrauen auf den Prozess, das als wesentlicher Wirkfaktor von jeder Form des therapeutischen Arbeitens beschrieben wurde, nicht bedeutet, dass der Therapeut zur Passivität verurteilt ist. Das Geschehenlassen findet nicht nur auf der Seite des Klienten, sondern auch auf der des Therapeuten statt. Die Aktionen oder Nichtaktionen, die vom Therapeuten ausgehen, geschehen aus ihm heraus, aus seiner inneren Quelle und aus der Kommunikation mit der Klientin, auf allen verfügbaren Ebenen. Der Therapeut sagt und tut also nicht, was aufgrund irgendeines Lehrbuchs oder irgendeiner Ausbildung zu sagen und zu tun wäre, sondern das, was im Moment des Geschehens entsteht und stattfinden soll. Er schweigt nicht dann, wenn es eine Regel vorgibt, sondern wenn gerade nichts zu sagen ist. Er wechselt die Ebenen des Austauschs, z.B. vom Reden zum Fühlen nicht nach irgendeinem Plan, sondern dann, wenn es am besten passt, in Übereinstimmung mit der Klientin, die explizit oder implizit sein kann.

Diese Darstellung übersieht auch nicht die individuellen Eigenschaften, Charakterzüge und Persönlichkeitsmerkmale des Therapeuten, die im therapeutischen Prozess ebenso eine wesentliche Rolle spielen. Es handelt sich ja um einen vieldimensionalen Kommunikationsprozess, an dem zwei Individuen beteiligt sind, und da bringt sich der Therapeut mit allem ein, was ihn auf der Persönlichkeitsebene ausmacht. Ausgeklammert bleiben sollen die Details, die Lebensgeschichte und inneren Themen aus der psychischen Landschaft des Therapeuten. Soweit sie aber ihre Spuren in der lebendigen Gestalt hinterlassen haben, spielen sie ihre Rolle in der Kommunikation und können nicht eliminiert werden, denn sie bereichern den Austausch (was einen uneinholbaren Vorsprung von menschlichen Therapeuten gegenüber artifiziell intelligenten Robotern ausmacht, die über keine lebendige Geschichte verfügen). Die Innenarbeit, die für jede professionelle Arbeit vorausgesetzt werden muss, sollte es allerdings dem Therapeuten ermöglichen, alle Elemente aus dem eigenen Inneren, die den therapeutischen Prozess stören könnten, zu identifizieren und beiseite zu stellen.


Die Verantwortung für die Ergebnisse


Jede therapeutische Arbeit hat nur soweit Sinn, als sie Verbesserungen herbeiführt. Gemeinhin würde man sagen, dass die Verantwortung allein beim Therapeuten liegt, da ja die Klientin nicht in der Lage ist, abzuschätzen, ob und in welcher Weise ein Heilungsprozess in Gang kommen kann. Im Licht der obigen Überlegungen gewinnt die Frage nach der Verantwortung für den Fortschritt in der Therapie eine andere Gewichtung. Die Verantwortung auf der Seite des Therapeuten besteht vor allem in der Sicherstellung heilungsförderlicher Rahmenbedingungen, im Angebot an professioneller Hilfestellung im Sinn von bewährten Methoden und in dem Einbringen der beruflichen und persönlichen Erfahrungen. Dazu kommt noch die Haltung und Einstellung, die auf den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zur Instanz der inneren Heilung bei der Klientin abzielt. An diesem Punkt wird die Verantwortung an einen Prozess übergeben, der gerade nicht der Kontrolle durch den Therapeuten unterliegt, sondern erfordert, sich den Bedingungen eines prinzipiell unsteuerbaren kommunikativen Austausches anzupassen.

Wenn eine Klientin mit der Frage kommt: „Ich habe dieses oder jenes Problem – können Sie mir da helfen?“, wäre eine mögliche Antwort: „Ich kann alles beitragen, was ich an Können und Erfahrung mitbringe, und eine Verbesserung wird sich in dem Maß einstellen, in dem es uns beiden gelingt, uns aufeinander abzustimmen.“ Mit dieser Abstimmung ist der Aufbau einer Kommunikationsbasis mit den unbewussten Anteilen der Klientin gemeint, die allein die für die Heilung relevanten Informationen liefern können. Beide Seiten dieses Austausches, also Therapeut und Klientin, tragen dafür gleichermaßen die Verantwortung. Alles, was der Therapeut auf dieser Ebene beisteuern kann, ist seine von bedingungsloser Wertschätzung getragene Präsenz und sein Vertrauen auf die Wirkmächtigkeit des Heilungsprozesses.


Zum Weiterlesen:
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit

Mittwoch, 15. Juli 2015

Von den Absichten zur Absichtslosigkeit

Absichten, die unsere Orientierung stärken


Wir kennen auch Absichten, die uns helfen, bei der Verwirklichung unserer Ziele weiterzukommen. Oft beginnen solche Ziele mit Absichten, allerdings braucht es eine innere Entscheidung, damit wir vom bloßen Wünschen zu den konkreten Schritten der Umsetzung kommen. Eine solche Entscheidung wirkt wie ein Weg in die Zukunft hinein, der mit diesem Schritt gebahnt wird. Die Orientierung geht "nach vorne", sie richtet uns aus, und aus der Spannung zwischen dem, was wir jetzt in die Zukunft hinein wollen, entsteht Kraft und innere Klarheit. Wenn wir uns z.B. vornehmen, zugunsten unserer Gesundheit auf ein Abendessen zu verzichten, kann uns das helfen, trotz Versuchungen bei unserer Entscheidung zu verbleiben.

Bei solche Absichten können wohl auch Ängste des Egos mitspielen. Aber wir brauchen bei jedem kreativen Prozess auch die proaktiven Aspekte unseres Egos, das uns helfen muss, damit wir die Ideen und Visionen, die uns zufallen, auch in die Wirklichkeit hinein übersetzen können.


Wie uns Absichten am Weiterkommen hindern


Absichten steuern also unser Leben. Wir richten uns mit ihnen in die Zukunft hinein aus. Wir spannen einen Bogen, der  vom Jetzt dorthin reicht, was nach unserer Absicht sein soll. Wir gehen an den Badestrand, um uns im angenehm warmen Wasser abkühlen zu können. Wir kommen an den Strand, und es bläst ein heftiger Wind, der die Absicht zum Abkühlen zum Verschwinden bringt.

Wir können jetzt enttäuscht sein und über den Wind jammern, der uns die Badefreude nimmt. Aber natürlich leiden wir nicht am Wind, sondern an unserer Erwartung, die uns ein anderes Bild der Zukunft vorgezaubert hat, bevor wir aufgebrochen sind. Die Diskrepanz zwischen unserer Absicht und der danach eintretenden Realität lässt uns leiden. Hätten wir uns darauf eingestimmt, einfach Zeit am Strand zu verbringen, wie auch immer das Wetter gerade ist, wäre uns die Enttäuschung erspart geblieben. Die Zukunft offen lassen, heißt, sich von Absichten befreien.

Christian Sator weist in seinem Artikel auf den Unterschied von dualer und nondualer Wirklichkeitssicht hin. Absichten trennen uns von der Wirklichkeit, genauer gesagt, das Festhalten an ihnen. Sobald wir merken, dass sich die Wirklichkeit mit der Absicht überkreuzt, können wir die Absicht loslassen und uns auf die Wirklichkeit einlassen, dann kommen wir in ein nonduales Erleben des Fließens. Bleiben wir an unserer ursprünglichen Absicht hängen, sind wir in unserem Bewusstsein gespalten, also dual: Ein Teil ist am windigen Strand, ein anderer in der Vorstellung des windstillen, angenehm warmen Strandes.

Christian schreibt: "Jede Absicht hat ein Ziel, das in der Zukunft liegt, oder hat die Wurzel in einer Angst, die in der Vergangenheit liegt. Dadurch geht die volle Achtsamkeit für das Jetzt verloren. Wenn ich absichtsvoll handle, kann mir nur mehr das, was ich mir wünsche, Freude schenken. Ich schränke also die Möglichkeiten der freudebringenden Zukunft für mich radikal ein. Ich schaue mit einem Tunnelblick in die Zukunft, und kann mich nur mehr freuen, wenn sich dieser winzig kleine Ausschnitt der Wirklichkeit, den ich ersehne, erfüllt hat. Bringt die Zukunft etwas ganz Anderes, bin ich meist frustriert. ... Bin ich präsent und voll in der Gegenwart, ist jeder Augenblick einmalig, einzigartig und kostbar, auch dann, wenn aus der Sicht des Verstandes nichts Besonderes geschieht."

Überwinde ich also meinen Widerstand gegen die Wirklichkeit, so gibt es nichts mehr, was mich frustrieren kann. Umgekehrt kann ich jede Frustration, die ich erlebe, darauf zurückführen, dass ich gerade im Widerstand gegenüber der Wirklichkeit bin. Diese reflexive Einsicht kann es mir erleichtern, wieder in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu kommen und damit den gegenwärtigen Augenblick in seiner Einzigartigkeit wertschätzen: Oh, jetzt habe ich gerade aus dem Fließen der Erfahrung ausgeklinkt, und es wird Zeit, wieder zurückzukehren.

Wir werden schwerlich unsere Gewohnheit, Absichten zu bilden, abstellen können. Wenn wir etwas planen, verbinden wir damit immer gewisse kognitiv und emotional gefärbte innere Bilder. Wenn wir ein Buch kaufen, erwarten wir interessante Einsichten und erfüllte Lesezeiten. Aber wir können unsere Neigung, an unseren Absichten festzuhalten, erkennen und abschwächen. Bewusstheit bringt uns immer in die Gegenwart, und Bewusstheit mit Frustrationserfahrungen macht uns auf die Spaltung aufmerksam, die uns unterlaufen ist.

Absichtslosigkeit ist deshalb nicht ein absolutes Ziel, das wir erreichen müssen, um innerlich frei zu sein. Der Begriff erinnert uns vielmehr daran, dass wir unsere Vorstellungen und Ideen über die Zukunft immer wieder loslassen können. Denn unsere Absichten sind nur Luftblasen, die wir zerplatzen lassen können, sobald sie ihr kreatives Schillern verloren haben. Jede verschwundene Luftblase kann einer neuen Platz machen, und so bleibt unser Leben ein kreativer, aus sich heraus wachsender Prozess. Dazu ist es wichtig, dass wir den leeren Raum zwischen den Blasen bewusst wahrnehmen als den Einstieg in die eigentliche Quelle von allem. Die Freiheit von Absichten gehört zum Luxus des meditativen Lebens; die Kunst, Absichten klar zu erkennen, zu bewerten, zu Entscheidungen zu führen, und sie dann zum besten Zeitpunkt zu vergessen, ist Teil der alltäglichen Lebenskompetenz, an der wir immer wieder feilen müssen.


Zum Weiterlesen:
Absichtslosigkeit in der Therapie