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Mittwoch, 22. November 2023

Scham und Krankheit

Scham spielt bei Krankheiten eine große Rolle. Krankheiten bringen uns in besorgniserregende Zustände und reißen uns aus der Alltagsroutine heraus. Neben den Beschwernissen, die mit den Symptomen verbunden sind, z.B. Fieber und Schmerzen, kommen auch Lebensumstellungen und psychische Belastungen. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf den eigenen Zustand, während die Mitmenschen als Helfer gebraucht werden. Es ist meist nicht möglich, mehr zu geben außer Dankbarkeit, und es ist notwendig, im Zustand der Hilflosigkeit die Unterstützung anzunehmen. Das ist für Menschen, die von der Bedürfnisscham geprägt sind, eine unangenehme Herausforderung. Sie fühlen sich schnell wertlos, wenn sie nicht für sich selber sorgen können und wollen möglichst alles verhindern, um in sie hineingezwungen zu werden. Oft leugnen und verharmlosen sie ihre Erkrankungen, bis es so schlimm ist, dass sie nicht mehr alleine damit zurechtkommen. Wenn sie einmal in die bedürftige Rolle geraten sind, wollen sie wieder herauskommen, so rasch es nur geht.

Im kranken Zustand ist die eigene Leistungsfähigkeit reduziert oder nicht mehr vorhanden. Menschen, die sich über Arbeit und Leistung definieren, reagieren mit Schamgefühlen, sobald sie aus dem Leistungsgefüge herausfallen. Sie leiden darunter, dass sie die Erwartungen der anderen nicht erfüllen und fühlen sich unwert und nutzlos. Der Anspruch an sich selbst, durch Leistung die Zugehörigkeit zur Gesellschaft zu verdienen, kann nicht eingelöst werden – eine Schande.

Die individuellen Schamreaktionen unterscheiden sich nach Krankheitsart und sind von den vorherrschenden gesellschaftlichen Bewertungen beeinflusst. Es gibt Krankheiten, die als “normal” gelten, weil sie fast alle zu bestimmten Zeiten bekommen, wie Erkältungserkrankungen und grippale Infekte. Bei ihnen ist die Schambelastung gering. Dauern Krankheiten länger als gemeinhin angenommen wird, dann steigen die Schamgefühle. Jemand, der eine Covid-Erkrankung mit geringen Symptomen hatte, wird sich weniger schämen als jemand, der an Long-Covid leidet.

Niemand will kränker oder krankheitsanfälliger als alle anderen sein; jeder mit solchen Dispositionen fühlt sich schnell im Eck der Scham gefangen. Manche brüsten sich mit ihrem scheinbar unüberwindlichen Immunsystem, leiden dann aber doppelt, wenn sie doch eine schlimme Infektion erwischt. Neben der Krankheit müssen sie unter Umständen mit der Häme ihrer Mitmenschen leben und auch schamvoll von ihrer Selbstüberschätzung Abschied nehmen.

Es gibt Krankheiten, die mit sehr viel Angst verbunden sind, z.B. Krebs. Krebsdiagnosen lösen meist starken Stress und Überlebensängste aus. Obwohl es bei vielen Krebsarten inzwischen gute Heilungsaussichten gibt, ist das Wort Krebs nach wie vor von vielen Ängsten besetzt. Wo die Angst herrscht, ist die Scham nicht weit. Es fällt nicht leicht, über diese Krankheit zu reden, denn es ist ein schambesetztes Tabuthema, gerade weil es um eine so gefürchtete Krankheit geht. Das Stigma der Todesdrohung ist schon im Wort enthalten. Krebsdiagnosen konfrontieren mit der Endlichkeit, ob wir es wollen oder nicht. 

Es gibt Krankheiten, die mit einem starken Verlust an Selbstkontrolle verbunden sind, z.B. Parkinson, Demenz oder Inkontinenz. Die Scham steht gewissermaßen im Zentrum dieser Störungen. Denn sie werden von einem selber und von den Mitmenschen erkannt, und die Betroffenen merken, dass den anderen die Störung unangenehm auffällt. Sie fühlen sich in ihrer Inkompetenz bloßgestellt. Sie sind unfähig, die Symptome willentlich abzustellen, die Hilflosigkeit und der Kontrollverlust sind auffällig und peinlich. Auf den Körper ist kein Verlass mehr, er verweigert den Gehorsam und tut, was er will. Die Muskeln und das Gehirn sind mächtiger als das Selbst, das beschämt und ohnmächtig daneben steht. Es ist eine Hilflosigkeit sich selbst gegenüber, die neben dem Angewiesensein auf Hilfe die Schambelastung bewirkt. Die aktuelle Unfähigkeit wird mit der früheren Fähigkeit verglichen, und der Vergleich endet immer in einer Beschämung. Was doch früher alles so selbstverständlich gut gelaufen ist und funktioniert hat, geht jetzt überhaupt nicht mehr.

Schwere und chronische Krankheiten erfordern eine Änderung der eigenen Identität, die in ihrer Fragilität, und manchmal sogar in ihrer Endlichkeit anerkannt werden muss. Die Identität als gesunde Person muss ersetzt werden durch die Identität einer kranken oder behinderten Person. Es sind wiederum Schamgefühle, die die Anpassung des eigenen Selbstempfindens an die Krankheitssituation erschweren. Wie soll ich weiterleben, wenn ich bisher ein funktionstüchtiges Mitglied der Gesellschaft war und mich über meine Leistungsfähigkeit und zuverlässige Pflichterfüllung definiert habe? Bin ich noch wer, wenn ich hauptsächlich ein kranker Mensch bin? 

Chronisch kranken Menschen bleibt nichts anderes übrig, als sich in ihr missliches Schicksal zu fügen. Häufig gehen sie durch verschiedene Gefühlsstadien. Von Frustration, Ärger und Angst über Verzweiflung und Resignation gelangen sie manchmal zu einer gleichmütigen Annahme der Lage und finden vielleicht sogar zurück zum Humor. Wenn dieser Schritt gelingt, steht ein wirksames Mittel gegen die Scham zur Verfügung, das das schwere Los erleichtert.

Ein anderes Beispiel für die Aktivierung von Scham bei Krankheiten bieten äußerlich sichtbare Krankheiten, wie Hautkrankheiten. Sie können bei den Betroffenen unangenehme Gefühle auslösen, von den anderen scheel oder abfällig betrachtet zu werden und sich wie ein Außenseiter zu fühlen. Mit solchen Krankheiten sind fast automatisch Ekelgefühle verbunden, die das Gefühl des Ausgegrenztseins verstärken. Zur Krankheitsscham kommt noch eine Körperscham, eine abwertende Reaktion auf den eigenen Körper. In früheren Zeiten wurden bekanntlich die Aussätzigen wegen der Ansteckungsgefahr streng abgesondert und auch sozial stigmatisiert. Deshalb melden sich auch heute noch uralte kollektive Ängste, an etwas zu leiden, das zu sozialer Ausgrenzung führt. 

Psychisches Leiden

Jede Krankheit verändert den Körper und das Selbsterleben. Es gehen Möglichkeiten der Lebensgestaltung verloren. Die reduzierte Leistungsfähigkeit ist häufig von Schamgefühlen begleitet. Besonders psychische Leiden sind schambesetzt. Sie gelten als ein persönlicher Makel, den die betroffene Person zu verantworten hat. Körperliche Leiden gelten bei vielen als Schicksal, während psychisches Leid häufig als selbstverursacht angesehen wird. Psychisch Kranke wären unfähig oder unwillig, „sich am Riemen zu reißen“. Sie seien nicht von einem unwägbaren Schicksal betroffen, sondern von einem Mangel an Willenskraft, für den sie selber verantwortlich sind, so eine noch immer wirksame Auffassung. Deshalb tun sich viele Menschen schwer, über ihre psychische Krankheit zu reden, weil sie sich dafür schämen und weil sie befürchten, dafür beschämt zu werden.

Die Scham, einem psychischen Leiden ausgesetzt zu sein, wird durch die Übernahme solcher Vorurteile zum Teil der Krankheit. Die Unfähigkeit, Verhaltensweisen oder Stimmungen in den Griff zu bekommen, was anderen scheinbar so leicht fällt, verstärkt die Scham und verschlimmert die Krankheit. Die Hilflosigkeit, trotz besseren Wissens und trotz Einsicht die eigene Innenwelt nicht zu beherrschen, sondern von ihr beherrscht zu werden, legt die nächste Schicht der Scham über das jeweilige Symptom und macht es noch mächtiger. 

Der Ausdruck „Geisteskrankheit“ trägt die Scham schon begrifflich in sich. Es ist nicht die Rede von Störungen des Gehirnstoffwechsels oder der hormonellen Abläufe, die die psychischen Störungen bewirken, sondern von einer Erkrankung des Geistes. Da gemeinhin unter dem Geist das Höchste und Wertvollste im Menschen verstanden wird, bedeutet eine Krankheit dieser Instanz die Gefährdung und Einschränkung dessen, was den Menschen zum Menschen macht. Die Bezeichnung „geisteskrank“ enthält einen Würdeverlust, und die Integrität der Person wird in Frage gestellt. Niemand würde annehmen, dass jemand, der an einer Blinddarmentzündung erkrankt, deshalb in seiner Würde geschmälert wäre; ist aber jemand in einem „geistig“ abnormen Zustand, so wird er von vielen nur mehr in einem eingeschränkten Sinn als Mensch geachtet. Das ist auch ein Grund, warum sich die Nationalsozialisten angemaßt haben, Menschen mit psychischen Störungen als „lebensunwertes Leben“ zu brandmarken und sie deshalb in den Tod zu schicken. 

Psychologisiertes Krankwerden

Ein moderner Zusammenhang zwischen Scham und Krankheit eröffnet sich durch die Psychologisierung von Krankheiten, also durch die Zuschreibungen von psychischen Ursachen und Charakterschwächen für jede Form von Leiden, körperlichen wie seelischen. Es gibt alle möglichen populären Ratgeber, die jede erdenkliche Krankheit mit bestimmten psychologischen Schwächen in Verbindung bringen. Sie wollen den Menschen helfen, die seelischen Hintergründe ihrer Krankheiten zu verstehen und verbreiten den Glauben, dass durch die Auflösung der psychischen Konflikte die Krankheit geheilt werden kann. Das Wissen um die Psychosomatik, also um die Zusammenhänge zwischen körperlichen und seelischen Störungen, ist in die Alltagspsychologie eingedrungen und hat dort nicht nur Gutes bewirkt, sondern auch in mancherlei Hinsicht zu mehr Schambelastung geführt. Denn die Auffassung von Krankheit als Los wurde ergänzt oder ersetzt durch die Eigenverantwortung für die Gesundheit und deren Versagen im Fall von Krankheit. Wer krank ist, hat versagt, so die Kurzformel. 

Im Zug dieser Entwicklung hat sich das Gewicht vom Schicksal auf die Verantwortung verschoben: Gesundheit ist keine Gnade und Krankheit kein Schicksal, gesund sind wir als Ergebnis von Bemühungen und Einsatz; wer krank ist, hat in dieser Hinsicht versagt und trägt dafür die Verantwortung. Er kann sich nicht mehr ausreden – auf einen ungnädigen Gott, auf die Gene oder die stressigen Lebensumstände. Eine Flut von Ratgebern füllt die Buchläden, die Zeitschriften bersten von unterschiedlichen Gesundheitstipps, der Markt an alternativen Heilmethoden boomt. So viele Möglichkeiten gibt es, für die Gesundheit vorzusorgen, und wer dennoch krank wird, muss etwas falsch gemacht haben und muss mit dem Vorwurf rechnen, sich nicht genügend um sich selbst gekümmert zu haben. Er entkommt der Scham nicht, die mit der mangelnden Verantwortungsübernahme verbunden ist.

Häufig versteckt sich hinter den scheinbar fürsorglichen psychologischen Erklärungen für die Krankheitsursachen die Angst vor der Ungewissheit des Schicksals, das jeden einmal treffen kann. Wenn eine Erklärung für das Unerklärliche gefunden wird, mindert das die Angst und holt ein Stück Macht über das Schicksal zurück. Zugleich erspart das Psychologisieren die Empathie mit dem Leiden und das Eingehen auf die leidende Person. Sie wird zum Fall für eine Diagnose.


Montag, 1. Mai 2023

Ausstieg aus dem Funktionsmodus

Unsere Gesellschaft ist geprägt vom Leistungsdenken und von dem daraus resultierenden Leistungsdruck, der sich mit der fortschreitenden Kapitalisierung der Wirtschaft konstant steigert. Im Zug dieser Entwicklung wird der Wert des menschlichen Lebens immer mehr an dem festgemacht, wie sehr sich jemand anstrengt und wie erfolgreich diese Anstrengung ist. Wer sich weder anstrengt noch mit seiner Anstrengung viel erreicht, verdient keinen Wert und seine Existenzberechtigung ist in Frage gestellt. 

Dieses Denken und die damit verbundenen Erwartungen erfassen die Kinder spätestens mit dem Schuleintritt, falls nicht schon im Kindergarten im Sinn einer Vorschule die Leistungsorientierung eingeführt wird. Dieser Druckmechanismus ist im weiteren Leben vor allem im beruflichen Feld bestimmend und schwappt von dort aus auch auf den Freizeitbereich über. Er wirkt daran mit, dass viele Menschen mit ihrer Pensionierung, beim Eintritt in den „Ruhestand“, in eine Krise geraten, weil sie das beschämende Gefühl bekommen, nichts mehr wert zu sein. 

Als Folge der Ausbreitung des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist der Wert eines Menschen also mit seiner Leistung und seiner Leistungsfähigkeit gekoppelt. Manche verweigern sich dieser Zuordnung und beschließen, nichts oder nur das Allernotwendigste zu leisten. Sie scheren aus dem allgemeinen Gerenne nach dem Sich-Beweisen und Erfolg-Haben aus und versuchen, sich auf alternativen Bahnen die eigene Existenz zu sichern. Sie befinden sich in einer Konterposition zur herrschenden Leistungsideologie, können sich aber dennoch nicht von deren Druck befreien. Denn diese Ideologie ist so mächtig, dass sie jeden schon ergriffen und durchdrungen hat, ehe man sich eines Besseren besinnt. 

Systematische Druckausübung

Ein zentraler Teil dieser Ideologie ist, dass ohne Druck nichts weitergehen würde: Freiwillig würde niemand mehr arbeiten, alle würden sogleich auf der faulen Haut liegen. Es würde niemand früh aufstehen oder Termine einhalten, und die Wirtschaft würde schließlich zusammenbrechen. Der beständige Druck von oben nach unten ist demnach als ein scheinbar unerlässlicher Bestandteil im Leistungssystem und seiner Ideologie eingebaut. Im neoliberalen Denkgebäude herrscht das Menschenbild vor, dass wir eine im Grund arbeitsscheue und faule Gattung sind, die nur durch Anreize, Manipulation oder nackte Gewalt zum Arbeiten gebracht werden kann. Dass das Aktiv- und Tätigsein aus einem inneren Antrieb stammen könnte, hat keinen Platz in dem System, ebensowenig wie die Erkenntnis ernst genommen wird, dass Menschen unter Druck weniger und schlechtere Leistung erbringen als wenn sie aus eigenem Wollen schaffen. 

Folglich sind selbstbestätigende Regelkreise entstanden, in denen immer mehr Druck immer mehr Druckvermeidung produziert, auf die wieder mit mehr Druck reagiert wird. Druck erzeugt Widerstand, der sich in den seltensten Fällen nach außen wendet (wie z.B. bei einer Maschinenstürmerei oder bei Demonstration gegen unerträgliche Arbeitsbedingung); über Generationen hat sich verinnerlicht, dass der Druck eben „dazugehört“ und dass jeder lernen muss, sich den Erwartungen anzupassen und unterzuordnen. Jeder Mitspieler in dem System hat die Verantwortung verinnerlicht, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute den Widerstand zu überwinden und sich zur Leistung zu motivieren, gleich ob es einem passt oder nicht. Und verinnerlicht ist auch die Maxime, dass das Handeln im Sinn des wirtschaftlichen Schaffens die eigene Existenz rechtfertigt und das Nichtstun die eigene Existenz in Frage stellt.

Es geht eine Unmenge Energie ins Druckmachen, in den Widerstand gegen den Druck und in seine Überwindung. Diese Kräfte fehlen auf der produktiven Seite, denn sie fließen nur in die Aufrechterhaltung des Systems. Die Folge ist, dass weniger geschaffen wird, einerseits, weil die, die oben sind, ihre Energie ins Druckerzeugen stecken, und die, die unten sind, unter Druck und wegen ihrer Widerstandsüberwindung weniger leistungsfähig sind. Automatisch steigt dadurch der Druck und ebenso wächst der Widerstand dagegen. Der riesige Koloss des Wirtschaftssystem hält sich am Leben wie ein Fahrzeug, das dauernd mit angezogenen Bremsen fährt und den doppelten Energieverbrauch benötigt, ohne mehr Leistung zu erbringen.

Die Angst regiert beide, die oben und die unten, und sie reduziert genau das, was produziert werden soll, nämlich Leistung. Menschen leisten mehr und besser, wenn sie frei von Druck, aus sich selbst heraus schaffen. Aber solange wir glauben, dass wir nur durch Angst getrieben aktiv werden, können wir uns keine angstbefreite Schaffenskraft vorstellen und füttern damit das System, das uns tendenziell ruiniert, als Einzelne, als Gesellschaft und als Menschengattung.

Individuelles Ausklinken

Hier geht es nicht darum, dass das widersinnige System der Ausbeutung und Selbstausbeutung überwunden und transformiert werden muss. Dieser Prozess ist langwierig, weil er verschiedene Trägheitsschwellen überwinden muss, z.B. die Macht, die bei den Nutznießern des Systems konzentriert ist oder die neoliberalen Ideologien, die für viele so selbstverständlich geworden sind, dass sie wie unumstößliche Wahrheiten wirken. Es wird – falls es nicht zu einem dramatischen Kollaps als Folge einer globalen Klimakatastrophe kommt – Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern, bis der Kapitalismus auf ein menschenverträgliches Maß zurückreguliert ist. 

Hier geht es darum, wie wir uns als Einzelne als dem Räderwerk von ökonomischen, soziologischen und psychologischen Prägungen ausklinken können. Es macht keinen Sinn, solange mitzuspielen und mitzuleiden, bis sich irgendwann einmal das System zugunsten der Menschlichkeit ändert. Wir sind für uns selber verantwortlich, für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden, das predigt uns der Neoliberalismus Tag für Tag. Wir müssen also selber dafür sorgen, dass wir angesichts eines systemisch wirksamen Wahnsinns heil bleiben. Dazu brauchen wir die Kraft unserer Bewusstheit, die wir immer wieder aktivieren müssen, wenn wir dem Zugriff der Selbstentfremdung entkommen wollen. Der Funktionsmodus ist tief in uns verankert und mit der eigenen Weltsicht und dem eigenen Selbstwert verflochten. Es sind massiv wirksame gesellschaftliche Prägungen, die sich mit Hilfe einer kollektiven Amnesie entwickelt haben, also mit einer kollektiven Verdrängung. Diese Entwicklung ist seit der neolithischen Revolution vor 12 000 Jahren in Gang, die durch den modernen Kapitalismus ab dem 18. Jahrhundert verschärft und globalisiert wurde. Sie weist die Merkmale einer kollektiven Traumatisierung auf. 

Wir sollten die Macht dieser Traumlast nicht unterschätzen und haben viel zu tun, wenn wir uns ihren Sog entziehen wollen. Doch je eher und je öfter wir uns ausklinken, desto weniger Schaden nehmen wir an Leib und Seele. Diese Distanzierung von der Druckausübung geht nur mit klaren und präsenter Bewusstheit, denn der Funktionsmodus ist tief verankert und mit dem eigenen Selbstwert verflochten. 

Die Macht der Bewusstheit

Theodor W. Adorno hat zwar einmal geschrieben, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, dass also ein unmenschliches System alle seine Mitglieder von sich selbst entfremdet und ein Entkommen davon nicht möglich ist. Aber dieser Fatalismus übersieht die Möglichkeiten unserer Bewusstheit, die nicht zur Gänze durch gesellschaftliche Prägungen und kollektive Traumatisierungen gelähmt werden kann. Sie erhält unsere Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit. Sie ermöglicht uns, uns auf uns selber zu besinnen und klar zu werden, was wir wollen und was nicht. 

Es erfordert eine bewusste Entscheidung, vom Funktionsmodus auszusteigen und damit in den Flussmodus zu wechseln. Sie passiert nicht von selber, denn die Prägungen und die daraus abgeleiteten Gewohnheiten sind das, was von selber geschieht. Mit der bewussten Entscheidung für den Flussmodus setzen wir diese Prägungen außer Kraft und lassen zu, was von sich selber geschehen will. Wir tun das, was zu tun ist, in entspannter Weise. Oder: Es geschieht, was geschehen soll. 

Diese Entscheidung ist kein einmaliger Akt, der dann für immer gilt. Denn wir kippen allzu leicht wieder in den Funktionsmodus, den uns alle anderen vorleben. Wir sind einer permanent wirksamen Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Wir entkommen ihr nur, wenn wir bewusst innehalten und uns klar machen, was wir wirklich wollen und wie wir gestalten wollen. Schon die Einsicht, dass Dinge geschehen, viele mit unserem Zutun und die meisten ohne unsere Mitwirkung, kann erleichtern. Das Müssen tritt hinter das Geschehenlassen zurück und führt aus dem Funktionieren, Müssen und Druckaushalten heraus. 

Chronischer Stress kann die Gehirnzellen süchtig nach Stresshormonen machen.  Darum machen sich viele Menschen Stress in Situationen, die andere gelassener nehmen würden. Sie merken nicht, dass es die Bewertung ist, die sie zu der Situation aufstellen, die den Stress auslöst, und nicht die Situation selbst. Zugleich haben sie den Eindruck, dass ihnen der Stress von außen aufgeladen wird. 

Die Erkenntnis, dass der Stress durch die innere Bewertung und nicht durch einen äußeren Einfluss entstanden ist, hilft beim bewussten Ausklinken aus den verbreiteten Stressmustern und trägt zur Stress-Entwöhnung bei. Eine wichtige und effektive Unterstützung bietet die Konzentration auf den Atem und vor allem die bewusste Entspannung beim Ausatmen. 

Die Weisen haben es leicht und sagen: Es geht nicht ums Erreichen, es geht ums Loswerden. Oder: Wichtig ist nicht, was wir im Leben schaffen, sondern was wir an Lasten ablegen können, um in die Freiheit zu gelangen. Der Dichter sagt: „Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt, und durch nichts gedrängt und beschleunigt werden kann; alles ist austragen – und dann gebären...“ (Aus: Rainer Maria Rilke: Brief an den jungen Dichter)

Zum Weiterlesen:
Funktions- und Flussmodus
Funktional und fließend wahrnehmen
Geschehenlassen und Funktionieren
Tun und Geschehenlassen
Das Geschehen und der Verstand

 

Dienstag, 21. März 2023

Langsamer ist schneller

Langsamer geht oft schneller.  Das ist ein paradoxer Satz. Und er mutet befremdlich an, weil wir an eine von Schnelligkeit geprägte Zeit gewöhnt sind. Doch sprechen viele Erfahrungen für diesen Satz:

Wenn wir hektisch werden, werden wir fehleranfälliger und brauchen dann mehr Zeit fürs Fehlerkorrigieren. In der Schnelligkeit übersehen wir leicht wichtige Details, unser Blick ist immer schon wo anders als bei dem, was gerade ist. Beim Sprechen verschlucken wir leicht sinngebende Partikel und wundern uns, wenn wir nicht verstanden werden. Beim Zuhören entgehen uns die Nuancen und Zwischentöne, manchmal auch ganze Sätze oder Satzteile, weil unser Kopf sich schon die Antwort nach den ersten gehörten Worten zurechtlegt. Unsere Fähigkeiten sind in der Hektik auf das Nötigste reduziert, weil der Schnelligkeitsmodus mit dem Notfallmodus gekoppelt ist.

Im langsamen Modus haben wir Zeit, uns zu überlegen, was wir wie sagen, statt gleich mit der Tür ins Haus zu fallen oder mit einem Schwall an Worten herauszuplatzen und den Gesprächspartner zu überschwemmen. Wir haben Zeit, uns auf die angesprochene Person einzustimmen und können uns besser in sie hineinversetzen. Wir hören nicht nur das Geredete, sondern auch das Gemeinte. Mit Langsamkeit sind wir bessere Kommunikatoren. Wir ersparen uns Missverständnisse und damit auch viele Konflikte, die aus unvollständigen Gesprächen entstehen. Wir nehmen uns Zeit, Probleme genauer zu betrachten, und entwickeln mit dieser Haltung oft nachhaltigere Lösungen.

Die Qualität der Langsamkeit

Die Langsamkeit verfügt über eine eigene Lebensqualität. Wir sind mehr mit uns selber verbunden und nehmen zugleich mehr im Außen wahr. Wir haben mehr Ideen und sehen mehr Möglichkeiten in der Wirklichkeit. Die Reichtümer und Schätze des Lebens fallen uns auf und erfreuen uns. Wir gehen durch Straßen, durch die wir sonst hasten, und bemerken Schönheiten und Besonderheiten, die uns völlig neu erscheinen. Wir spazieren durch einen Park, und winzige Blüten oder Blätter erquicken unsere Augen. In der Langsamkeit lernen wir den Augenblick und seine Fülle zu genießen. 

Auch die Meditation ist eine Schule der Langsamkeit. Wenn wir uns in uns versenken, verlangsamen die Sinne und die Gedanken. Vielleicht rasen zuerst die Gedanken, sobald wir die Augen schließen, aber bald wird es innerlich ruhiger und der Gedankenstrom bricht ab, alles wird einfacher und leichter. Die Komplexität, die unser Kopf produziert und die uns oft Stress bereitet, wird nebensächlich, die vielfältigen Probleme, die uns plagen, werden unwichtiger, statt dem Tun tritt das Sein in den Vordergrund, statt der Schnelligkeit die Langsamkeit.

Wie wir wissen, fördert das langsame Essen die Verdauung und das Sättigungsgefühl. Ein langer Kauprozess ist nicht nur gut für den Kiefer, sondern führt auch dazu, dass die Nahrung gut eingespeichelt und für den Magen und Darm vorbereitet wird. Wir essen weniger, aber haben mehr an Nährwert und Genuss davon, als wenn wir die Speisen hastig verschlingen. Alle unsere inneren Vorgänge im Bauch folgen im Normalfall einem langsamen Tempo und brauchen Ruhe, um gut abzulaufen.

Der Grundrhythmus der Langsamkeit

Und schließlich: Das langsame Atmen bildet die Grundlage der Langsamkeit überhaupt. Der Atemrhythmus ist der Grundtakt in unserem Inneren, der alle anderen Rhythmen mitbestimmen kann, wenn wir langsam atmen. Stress ist immer mit schnellem Atmen verbunden, und umgekehrt führt schnelles Atmen zum Stress. Mit der Verlangsamung der Atmung kommen wir herunter vom Stress. Langes Ausatmen aktiviert den Parasympathikus und verringert den Herzschlag. Der Puls wird ruhiger und die Herzratenvariabilität steigt.

In einem Experiment wurden Mäuse dazu gebracht, jeden Tag eine halbe Stunde langsam zu atmen. Nach vier Wochen wurde ein Stresstest gemacht, und die Gruppe der Mäuse, die langsam geatmet hatten, schnitten signifikant besser ab als die Vergleichsgruppe: Sie erholten sich wesentlich rascher vom Stress, ihre Stressresilienz war also bedeutend höher. 

Das Leben genießen

Es gibt auch den Genuss von Geschwindigkeit, er kann etwas Spielerisches und Abenteuerliches haben. Beispiele sind der Fahrtwind beim Radfahren oder das Sausen beim Ringelspiel. Der Geschwindigkeitsgenuss lebt davon, dass wir uns auf etwas Aufregendes einlassen, eine spannende Erfahrung machen und dann wieder in die Ruhe zurückfinden. Es ist ein Wechsel in den Rhythmen, der uns erfreut und den wir im Griff haben, indem wir festlegen, wie er abläuft. 

Das ist ein anderes Geschwindigkeitserleben als das des Getriebenseins, mit dem wir im modernen Alltag kämpfen. Da handelt es sich meistens um ein Hetzen und Gehetztsein. Wir stecken in einem Kampf- oder Fluchtmuster, nur gibt es keine äußeren Bedrohungen, vor denen wir uns fürchten müssen, sondern nur innere Fantasien, mit denen wir uns ausmalen, was passieren würde, wenn wir langsamer werden. 

Verfolgungsträume

Im Beschleunigungsmodus wirkt unser Leben wie in einem Alptraum: Eine Gefahr nähert sich in unserem Rücken, wir laufen schneller und schneller, und doch haben wir das Gefühl, dass uns die Bedrohung näher und näher kommt, bis wir schweißgebadet aufwachen. Der Alptraum ist oft nur eine drastischere Erfahrung wie in den Mustern, die schon Teil des Alltags geworden sind, ohne dass es uns noch auffällt.

Verlangsamung durch Krankheit

Manchmal tut unser Körper nicht mehr mit und verweigert seine Kooperation. Er wird krank, und mit einem Schlag wird alles langsamer. Plötzlich verschieben sich alle Werte und Perspektiven. Was uns unaufschiebbar erschienen ist, wird aufgeschoben, was sofort erledigt werden musste, kann nun warten, was unabwendbar für uns zu tun war, macht jetzt jemand anderer. Plötzlich sind die Erwartungen und Anforderungen, die von außen an uns gerichtet werden und denen wir in uns eine äußerste Dringlichkeit eingeräumt haben, nicht mehr die oberste Priorität, sondern wir selber, unser Wohlsein und unsere Bedürfnisse. Auch wenn wir mit unserem Schicksal hadern und die Krankheit schnell wieder loswerden wollen, sind wir gezwungen, uns zu fügen und unserem Organismus und seiner Zeitstruktur den Vortritt zu lassen. 

Die Lektion im Kranksein ist immer und immer wieder, dass wir nur mit einem gesunden Körper Leistung erbringen können und dass deshalb die Fürsorge für die körperlichen Bedürfnisse vor und über jeder Leistungsanforderung steht. Jede Krankheit zeigt uns, dass wir in irgendeiner Hinsicht gegen unseren Körper gelebt haben und dass wir diese Fehlentwicklung korrigieren müssen. 

Manchmal ist es die Seele, die nicht mehr will und den Widerstand gegen die Selbstausbeutung anführt. Wir merken vielleicht an einer Lustlosigkeit, an einer inneren Schwere, an beständiger Unruhe oder an Sinnzweifeln, dass unsere Seele im Ungleichgewicht ist. Oft suchen wir dann Rat bei Ärzten, weil wir meinen, irgendein körperlicher Mangel könnte die Quelle unserer Unlust sein. Erst wenn diese nichts finden können, schauen wir auf die seelische Ebene und beginnen wahrzunehmen, was da fehlt.

Die Lektion in jedem Seelenleiden, das durch die Beschleunigung entsteht, lautet, dass wir nur mit einer gesunden Seele ein gutes Leben führen können. Die Seele gedeiht in Entspanntheit und Muße, nicht unter Bedingungen, die von außen aufgedrängt werden und nicht der eigenen Gestaltungskraft unterliegen. Unter Druck wächst kein Seelenfrieden. Vielmehr hat die Seele ihre Eigenzeit und ihr Eigentempo, die wir in der Natur, aber nicht im Muster des mentalen Getriebenseins finden können. 

Die langsame Seele

Die Seele braucht im Vergleich zum Mentalen immer viel mehr Zeit. Die Beschleunigung ist in unserem Kopf zuhause, unsere Gedanken sind schon irgendwohin in die Zukunft abgedüst oder schweifen assoziativ in der Vergangenheit herum. Indem wir die Abläufe in unserem Körper verlangsamen, kommen wir unserer Seele näher und sie öffnet sich mit ihren Schätzen für uns. 

Zum Weiterlesen:

Alles zu seiner Zeit: Ungeduld in der Therapie
Geduld ist die Tugend der Glücklichen
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen
Ungeduld beim inneren Wachsen
Die Geschwindigkeitssucht

Dienstag, 14. März 2023

Die Geschwindigkeitssucht

Wir wissen: Stress schwächt den Körper und steckt als Ursache hinter den meisten Erkrankungen und Todesfällen. Er behindert die Kreativität und hemmt die Potenziale. Er reduziert die kommunikativen Fähigkeiten und fördert sozialschädliches Verhalten. 

Dennoch unterliegen wir dem Rausch der Beschleunigung. Wir brauchen nur an die Anfänge der Personal Computer denken und an die Zeit, die sie für ihr Hochfahren und ihre Operationen benötigten. Wir brauchen nur an die Anfänge des Internets denken, wie langsam damals die einfachsten Seiten geladen wurden. Heute würden wir ausflippen, wenn wir mit dieser „Langsamkeit“ konfrontiert würden. Wenn wir noch weiter zurückgehen, kommen wir in eine Zeit, in der die ersten Autos mit 20 km/h unterwegs waren, während wir es heute als Zumutung empfinden, auf einer Autobahn nicht mehr als das Fünffache fahren zu dürfen. Noch weiter zurück konnten es sich einige leisten, mit Pferden die damals mögliche Höchstgeschwindigkeit zu erreichen; die meisten Menschen haben sich zu Fuß weiterbewegt und hatten einen Lebensradius von 20 oder 30 Kilometern im Umkreis, alles darüber hinaus war die unbekannte Fremde. 

Langsamkeit als Stressfaktor

Ein Kennzeichen der Moderne ist es, dass die Langsamkeit zum Stressfaktor wird. Der Mensch der Moderne ist getrieben, so, als stünde er im Bann eines permanenten Schneller-Sein-Müssens, wie z.B. Menschen auf dem Gehsteig, die dahinschlendern, während wir es eilig haben oder meinen, es eilig zu haben. Wir erleben sie als Hindernisse für unser Weiterkommen. Die Beschleunigung hat einen Sperrklinkeneffekt – es bewegt sich nur in eine Richtung weiter: Mehr und mehr Geschwindigkeit. Eine Rückwärtsbewegung würden wir nicht aushalten, weil sie uns sofort Angst bereitet. Sobald wir uns an eine bestimmte Geschwindigkeit gewöhnt haben, gibt es scheinbar kein Langsamer mehr. Oder wir vermeiden es um jeden Preis, die Geschwindigkeit zu drosseln, weil uns ein innerer Druck antreibt. Denn wir meinen, etwas zu versäumen oder irgendwohin zu spät zu kommen, wenn wir langsamer werden. Wir befürchten, dass das Leben an uns vorbeifließt und wir abgekoppelt von allem anderen an irgendeinem Rand übrigbleiben. Wir haben uns daran gewöhnt, dass unser Erleben mit dauernd wechselnden Reizen überfüllt wird, und sind irritiert, wenn die Flut weniger wird, wenn sich also dieser Strom verlangsamt oder verdünnt. Es entsteht ein Mangelgefühl, und daraus folgt ein Suchprozess nach neuen Reizen, um das empfundene Defizit wieder aufzufüllen. Dieser Vorgang ist von jeder Sucht bekannt: Fehlt der Gegenstand der Sucht, so fokussiert sich die gesamte Aufmerksamkeit darauf, ihn zu finden und damit die unangenehme Erregung, die mit dem Mangel verbunden ist, zu beruhigen. Sucht ist immer eine Bewältigung von Stress, die allerdings nur kurzfristig wirkt und anschließend das Stressniveau erhöht. Der Suchtkreislauf entsteht, der durch zunehmende Beschleunigung gekennzeichnet ist: Immer mehr, immer schneller.  

Jeder der vielen Reize, die auf uns einströmen, hat das Potenzial, Stress auszulösen, je nach der Bewertung, die das Nervensystem erstellt. Der Reizhunger ist ein zugleich ein Stresshunger, denn die chronische Stressbelastung führt dazu, dass bestimmte Nervenzellen im Gehirn die Stresshormone wie eine Nahrung einfordern. Damit wird die allgemeine Beschleunigung der Gesellschaft in den Individuen als Stress- und Geschwindigkeitssucht implantiert.  

Zeit ist Geld

Ein Merkmal der kapitalistischen Wirtschafsweise besteht darin, dass die Zeit mit Geld gleichgesetzt wird. Wer schneller ist, kriegt zuerst das Geschäft und verdient mehr Geld. Wer mehr Geld hat, kann mehr investieren und verdient dadurch noch mehr Geld. Die Warenproduktion wird angekurbelt, und die Individuen werden zu Konsumenten und sollen mehr und schneller konsumieren. Deshalb ist der Hunger nach Beschleunigung in den Menschen ein zentrales Interesse der Wirtschaft und zugleich das, was sie dauernd hervorrufen. 

Der Geschwindigkeitsrausch

Eine Errungenschaft der Moderne besteht darin, die Grenzen der menschlichen Macht über Raum und Zeit auszudehnen: Mit Hilfe von Maschinen gelingt es, die Grenzen des menschlichen Körpers zu überwinden, die Natur und die Schwerkraft zu bezwingen und damit ein Herrschafts- und Machtgefühl genießen. Fast jeder Bewohner eines weiter entwickelten Landes hat die Möglichkeit, sich in eine Maschine zu setzen, auf ein Pedal zu treten und sich mit einer Geschwindigkeit zu bewegen, die sonst kein Lebewesen auf diesem Planeten schafft. Das Auto ist für die meisten nicht einfach nur ein Mittel, um von A nach B zu kommen oder schwere Sachen zu transportieren, sondern wird in der Fantasie der von Geschwindigkeitssucht Betroffenen ein Kultobjekt mit magischer Bedeutung. Es verspricht die Macht über Raum und Zeit, jenseits der Grenzen, die die Natur gesetzt hat. Es symbolisiert den Sieg der Menschen über die Natur, an der jeder Autonutzer teilhaben kann.  

Die Beschleunigung wirkt wie ein Wettlauf auf den Tod hin. Sie ist angetrieben von der permanenten Vorwegnahme des Todes, indem in die verbleibende Zeit hineingestopft werden muss, was nur irgendwie Platz hat. Je mehr Termine und Erledigungen bewältigt werden können, desto weiter scheint sich das drohende Ende zu entfernen. Aber unausweichlich ist das Ende, bei dem alles immer langsamer werden wird, bis es schließlich zum Stillstand kommt. 

Zum Weiterlesen:
Alles zu seiner Zeit: Ungeduld in der Therapie
Geduld ist die Tugend der Glücklichen
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen
Ungeduld beim inneren Wachsen


Samstag, 25. Februar 2023

Geduld ist die Tugend der Glücklichen

Wenn wir ungeduldig sind, sind wir nicht einverstanden, wie die Zeitstruktur der Wirklichkeit gerade beschaffen ist. Wir hätten gerne, dass irgendetwas schneller abläuft, als es gerade abläuft. Der Zug, auf den wir warten, soll schneller da sein, die Person, mit der wir weggehen wollen, soll schneller fertig werden, der Stau, in dem wir stecken, soll sich schneller auflösen usw. Wir geraten in Stress und machen die Umwelt dafür verantwortlich. Da sie sich nicht unseren Erwartungen gemäß verhält, erzeugt sie einen Druck in uns, der uns unangenehm ist und den wir so schnell wie möglich wieder loswerden möchten. Wir geraten in eine Opferrolle der äußeren Wirklichkeit gegenüber, denn sie alleine kann und muss dafür sorgen, dass es uns wieder besser geht und wir aus dem Stress herausfinden. 

Soziale Ängste 

Hinter der Ungeduld steckt die Angst, etwas zu versäumen, etwas nicht zu schaffen, etwas zu verlieren usw. Die Angst entsteht, weil unsere Erwartung zerstört wird, also die Fantasie, die wir über die Zukunft entwickelt haben, z.B. die Vorstellung, pünktlich zu dem Geburtstagsfest einzutreffen. Wir geraten in Stress, weil die ausbleibende Straßenbahn oder der Stau auf der Zufahrtsstraße unsere Pläne durchkreuzt und bewirkt, dass wir unpünktlich sein werden. Wir sind gerne zuverlässig und befürchten, dass wir wegen dem Zuspätkommen unsere Gastgeber enttäuschen und sie uns dann für unzuverlässig halten. Im Grund plagt uns die Angst, weniger gemocht zu werden und in der Achtung unserer Mitmenschen zu sinken, die den Stress auslöst.

Ungeduld und Wut

Hinter der Ungeduld steckt auch eine Aggression. Sie ist der Gegenpart zur Ohnmacht, die mit Situationen verbunden ist, über die wir keine Kontrolle haben, die wir also nicht in unserem Sinn gestalten können. Wir sind der Langsamkeit anderer Menschen oder der Säumigkeit von anderen Abläufen ausgeliefert. Der Zorn gibt uns das Gefühl, Einfluss ausüben zu können und zu müssen. Wir erlangen also ein Stück der Kontrolle zurück. Selbst wenn wir nur schimpfen und hadern, bekommen wir den Eindruck, dass wir etwas Macht ausüben können. Wir fühlen uns handlungsfähig. Wir stellen der widrigen Wirklichkeit eine Energie von uns gegenüber und fordern sie heraus. Wir wollen sie mit unserer Kraft zwingen, dass sie sich unseren Vorstellungen gemäß verhält. Wir beschweren uns über das, was uns da zugemutet und auferlegt wird und wir klagen an, dass uns ein Stress bereitet wird. Die Wut suggeriert uns, dass wir der Opferrolle nicht ausgeliefert sind, sondern dass wir uns wehren können. 

Allerdings wird es in den meisten Fällen so sein, dass unsere Wut nichts ausrichtet. Der Zug kommt nicht schneller, auch wenn wir uns noch so ärgern. Der Stau reagiert nicht auf unseren Gemütszustand. Und der Mitmensch, dem wir unseren Zorn über seine Saumseligkeit entgegenschleudern, wird möglicherweise selbst zornig reagieren und damit auch nicht schneller unsere Erwartungen erfüllen. Mit der Wut können wir zwar ein wenig von unserem Stress loswerden, steigern aber unter Umständen den Stress in unserer Umgebung.

Ungeduld und Scham

Hinter der Ungeduld stecken auch Schamgefühle. Denn die Ungeduld nährt sich aus Erwartungen und sozialen Zusammenhängen. In den meisten Fällen geht es darum, dass wir fürchten, die Erwartungen anderer Menschen zu enttäuschen, was uns Schamgefühle beschert. Manchmal geht es auch um Erwartungen, die wir an uns selber haben, wenn wir z.B. ungeduldig sind, weil wir eine Arbeit nicht in der Zeit schaffen, die wir dafür vorgesehen haben. In diesen Situationen schämen wir uns vor uns selbst und werten uns ab, weil wir nicht unserem Ideal entsprechen. 

Das Üben der Geduld

Zunächst sollten wir einsehen, dass jeder Stress in uns selber entsteht. Wir verfügen nicht über einen Knopf, auf den andere Menschen oder Reize aus der Umwelt drücken, und dann spüren wir uns gestresst. Wir deuten bestimmte Ereignisse in unserer Umgebung so, dass sie uns bedrohen, und das löst dann die Stressreaktion aus. Meist erfolgt diese Interpretation unbewusst, aber sie erfolgt in uns. Wir sind es also, die den Stress produzieren, und wir sind dafür verantwortlich. Wir haben also auch die Verantwortung, den Stress wieder zu beruhigen, z.B. indem wir unsere Ausatmung entspannen und langsamer atmen. Wir können die unangenehme Wartezeit in eine Meditationszeit umwandeln. Wir können uns mit etwas beschäftigen, das uns entspannt und interessiert. Wir haben viele Möglichkeiten, um vom Stress herunterzukommen, die wir erst ergreifen können, sobald wir erkennen, dass unser Stress hausgemacht ist. 

Dann geht es auch darum, zu erkennen, dass wir uns in der Ungeduld und dem Ärger, der in ihr steckt, mit der Wirklichkeit zerstreiten. Wir stellen uns über sie drüber und wollen sie beherrschen. Doch ist das ein sinnloser Anspruch. Bekanntlich wachsen die Grashalme nicht schneller, wenn wir sie antreiben. Die Wirklichkeit ist immer mächtiger als wir selbst. Alles, was sie von uns einfordert, ist Akzeptanz: Das Annehmen dessen, was jetzt gerade ist. Das, was wir wollen, kommt immer erst hinter dem, was ist. Beim Streit mit der Wirklichkeit unterliegen wir immer. Sobald wir aber akzeptieren, was ist, öffnen sich unsere Handlungsräume. Wir gewinnen einen Überblick über die Möglichkeiten, die wir haben, z.B. eine andere Route zu wählen, die entstandene Wartezeit mit anderen Inhalten zu füllen usw. Auf diese Weise versöhnen wir uns mit der Wirklichkeit, und der Stress löst sich. Wir können das genießen, was gerade ist. In diesem Sinn meint Spinoza: „Geduld ist die Tugend der Glücklichen.“

Das Leben bereitet uns immer wieder Überraschungen, und zu den unangenehmen Überraschungen zählt alles, was uns ungeduldig macht. Wir fallen aus dem Fluss des Lebens heraus und auf uns selber und unser starrsinniges Ego zurück. Es will uns einreden, gegen das Leben zu kämpfen, um unsere Interessen und Vorstellungen durchzubringen. Doch ist dieser Kampf aussichtslos. Wir werden ihn nie gewinnen, sondern nur noch mehr Stress aufbauen.

Die Geduld zu erwerben und zu vergrößern, ist ein Prozess in der Vertiefung unserer Bewusstheit. Jede Regung der Ungeduld in uns ist eine Chance, mehr in die Akzeptanz der Wirklichkeit zu gehen und unser Ego zurückzustufen. Mehr Geduld bedeutet mehr Lebensqualität. Rainer Maria Rilke schreibt: „Ich lerne es täglich, lerne es unter Schmerzen, denen ich dankbar bin: Geduld ist alles!“

Zum Weiterlesen:
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen
Der notorische Selbstzweifel
Akzeptiere was ist - einfach ist es nicht


Mittwoch, 15. Februar 2023

Die Kälte als Freundin gewinnen

Das kalte Wasser hat es in sich. Es jagt manchen schon einen Schauer durch den Körper, nur daran zu denken, in ein kaltes Wasser einzutauchen. Dennoch ist es ein Trend geworden, den vor allem der „Ice Man“ Wim Hof aus Holland initiiert hat. Wer vor etwa 35 Jahren Rebirthing kennengelernt hat, ist schnell auf das Kaltwasseratmen gestoßen, bei dem sich gezeigt hat, wie die Kraft des Atems helfen kann, um Schwellen zu überschreiten, die in unser Vorstellung als unüberwindlich erscheinen, und sich nachher zu wundern, wie gut es sich anfühlt. Bei dieser Methode lernen wir auch, langsam und behutsam in Kontakt mit der Kälte zu gehen und uns schrittweise tiefer hinein zu versenken.

In diesem Artikel geht es um die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die es zum Thema Kälteexposition gibt. Ich verdanke die Informationen Andrew Huberman und seinem interessanten Podcast. Hier finden sich auch zahlreiche Quellenhinweise.

Zunächst ist klar, dass die Temperatur ein wichtiger Stimulus für unser Nervensystem und für jedes Organ und System unseres Körpers ist. Denn der Körper braucht eine bestimmte Temperatur, um sich gut regulieren zu können. Die Temperatur bildet deshalb einen starken Reiz für den Körper und das Gehirn. 

In einer Studie tauchten die Versuchsteilnehmer in ein Wasser mit 15,5 Grad bis zum Hals  ein, also nicht sehr kalt, und dennoch kam es entsprechend der Dauer der freiwilligen Kälteaussetzung zu einem enormer Schub an Neurotransmittern, die mit einer Steigerung der Konzentration und der Stimmung verbunden sind. Die Studie wurde durch weitere Studien bestätigt. 

Der Temperaturrhythmus

Unsere Körpertemperatur unterliegt einem 24-Stundenrhythmus, über die sich jede bewusste Kälteerfahrung darübergelegt und diesen Rhythmus moderiert.

Ca. 2 Stunden vor dem Aufwachen befinden wir uns auf einem Temperaturminimum. Dann kommt es zu einem langsamen Anstieg. Nach dem Aufwachen erfolgt ein schnellerer Anstieg bis in den Nachmittag hinein. Am späteren Nachmittag und Abend sinkt die Temperatur wieder ab. Beim Einschlafen geht die Körpertemperatur noch um ein paar Grade runter, was wichtig ist, um in den Tiefschlaf zu kommen. Wenn wir uns in der Früh einer Kälteexposition unterziehen, dann geschieht die Erwärmung schneller und wir spüren mehr Wachheit und Aufmerksamkeit. Gehen wir später am Abend unter die kalte Dusche, so kann es das Einschlafen oder Durchschlafen behindern, denn durch die Kälteerfahrung steigt die Körpertemperatur, die aber beim Einschlafen niedrig sein sollte.

Effektive Abkühlung

Angenommen, wir leiden unter Hitze, z.B. nach einem Lauf im Sommer. Die Körpertemperatur ist unangenehm hoch. Vielleicht nehmen wir dann ein nasses Handtuch und legen es auf den Kopf oder Oberkörper. Damit erzielen wir allerdings den gegenteiligen Effekt: Die Körpertemperatur geht weiter nach oben! Denn unser Thermostat im Gehirn, das sich im medialen präoptischen Bereich des Hypothalamus befindet, erhält Informationen über die plötzliche Kälte von der Haut und schaltet sogleich auf Aufwärmung. Wenn es kalt wird, wird also verständlicherweise die Körpertemperatur erhöht. Kühlen sollte man die obere Gesichtshälfte, die Handflächen und die Fußsohlen, denn dort befindet sich eine glatte haarlose Haut, in der die Kühlung sofort übernommen wird und damit die Körpertemperatur reduziert.

Eu-Stress und Di-Stress

Die positiven Auswirkungen der Kälteerfahrung gibt es nur dann, wenn wir uns ihr freiwillig unterziehen. Wir entschließen uns, uns einer selbstgewählten Stressbelastung auszusetzen, und wissen auch, dass wir jederzeit aussteigen können, wann immer wir wollen. In jeder Stresssituation schüttet der Körper (Nebennierenrinde und Gehirn) Adrenalin und Noradrenalin aus. Diese Botenstoffe steigern den Grad an Agitation, Konzentration und Bewegungsfreude. Im Falle dass der Stress selbstbestimmt ist und der eigenen Kontrolle unterliegt, kommt Dopamin dazu, der Botenstoff für Belohnungserwartung, Motivation und Strebung. Dadurch verbessert sich unsere Stimmung und bleibt auch noch nach der Stresserfahrung erhalten. Hier sprechen wir nach dem Begründer der Stressforschung, Hans Selye, von Eu-Stress. 

Der Stress, den wir als unangenehm und belastend erleben, heißt Di-Stress. Auch er wird durch die Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin über die Stressachse (Hypophyse, Hypothalamus und Nebennierenrinden) in Gang gesetzt, es kommt aber kein Dopamin dazu, vielmehr wird nach einiger Zeit Cortisol freigesetzt, das dann den Stress chronifiziert. Es geht also um den „mindset“, um die innere Haltung, ob Stress für uns gut ist oder uns schadet:  Wenn wir etwas tun und glauben, dass es uns guttut, dann führt das zu unterschiedlichen physiologischen Effekten, als wenn etwas gegen unseren Willen oder ohne unsere Kontrolle geschieht.

Stoffwechsel und Kälteexposition

In zahlreichen Studien wurden die Auswirkungen von freiwilligen Kälteerfahrungen auf den Stoffwechsel untersucht. Es zeigte sich dabei, dass die weißen Fettzellen, in denen nur Energie gespeichert wird, zu beigem oder braunem Fett umgewandelt werden, das ist thermogenetisches Fett, das heißt, es kann die Kerntemperatur im Körper erhöhen und wirkt als Ofen, durch den wir unseren Kernstoffwechsel erhöhen können. Wenn wir abnehmen wollen, brauchen wir weniger weißes und mehr braunes Fett. Die beigen und braunen Fettzellen bauen ein Reservoir auf für Situationen, in denen man einer Kälteherausforderung ausgesetzt ist.

Eine weitere Studie untersuchte die Auswirkungen von 11 Minuten Kälteexposition/Woche. Es kam zu einer Steigerung in der Braunfett-Thermogenese, zur Zunahme der Körpertemperatur und des Kernstoffwechsels im Körper. Langfristige Änderungen wirken sich auf den Typ des Fettes aus, den wir im Körper speichern und beeinflussen die Weise, wie dieses Fett zu anderen Zeiten auf unseren Stoffwechsel wirkt. Die allgemeine Kälteempfindung wird herabgesetzt. Die weißen Fettzellen sind Zellen mit sehr niedrigem Stoffwechseloutput, sie sind vor allem Speicherplätze für Energie im Körper. Die beigen oder braunen Fettzellen (braun, weil sie viele Mitochondrien enthalten) sind stoffwechselmäßig und thermogenetisch aktiv. 

Weiße Zellen dienen als Speicher für Zeiten von Energiemangel. Beige und braune Zellen wirken dagegen wie Öfen, die die Körpertemperatur erhöhen können. Sie steigern den Stoffwechsel und helfen, das weiße Fett zu verbrennen. Noradrenalin, das bei Kälteerfahrung freigesetzt wird, bindet an Rezeptoren an der Oberfläche von weißen Fettzellen und aktiviert auf den nach unten gehenden Pfaden Proteine wie UCP1, die sich auf den mitochondrialen Stoffwechsel in den  Zellen auswirken und deren Leistung und Dichte steigern. Die Mitochondrien werden vergrößert. Es wird auch die Genexpression in den weißen Zellen verändert, sodass sie sich in beige und braune Fettzellen verwandeln.  

Die Fettzellen bekommen Signale von Neuronen. Es gibt Neuronen, die die Kälte spüren und die das Noradrenalin direkt in die Fettzellen einschleusen. Dadurch wird die Genexpression verändert, sodass sich die weißen Fettzellen in beige und braune Zellen verwandeln. 

Während Babys viel braunes Fett haben, das sie warm hält, verlieren Erwachsene immer mehr beige und braune Fettzellen. Aber es gibt den Mechanismus, durch den weiße in braune und beige Fettzellen verwandelt werden können. Es sind langanhaltende Veränderungen im Stoffwechsel, die durch Kälteexposition hervorgerufen werden.

Formen der Kälteexposition

Als effektivste Kühlungsmethode im Sinn der Auswirkungen auf Botenstoffe und Stoffwechsel gilt es,  bis zum Hals ins Wasser einzutauchen, dann folgt gleich die kalte Dusche. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, mit minimaler Kleidung nach außen zu gehen, bis zum Punkt, wo der Körper zu zittern beginnt. Die Hitzeübertragung ist im Wasser viermal so hoch wie in der Luft. 

Stressresilienz

Wenn wir uns der Kälte aussetzen, erleben wir einen unmittelbaren Anstieg von Noradrenalin und Adrenalin. Das ist der unvermeidliche unangenehme Effekt, der sofort auftritt, sobald wir mit Kälte in Kontakt kommen. Er wird durch die Kälterezeptoren an der Körperoberfläche erzeugt. Doch da wir mit einer bewussten Entscheidung in diese Situation hineingehen, bauen wir unsere Resilienz gegen Stress auf. Wir können die mentale Klarheit und Ruhe behalten, während unser Körper in Stress gerät. Und diese Fähigkeit kann immens nützlich sein, wenn wir Stress in anderen Situationen erleben. Wir stärken unsere Fähigkeit, Herausforderungen auszuhalten oder zu tolerieren. 

Der Stress kann schon vorher entstehen, wenn wir uns vorstellen, wie schlimm die Kälte sein wird. Das ist eine Mauer, über die wir drüber müssen. Wir setzen uns also auch einem Willenstraining aus. Obwohl wir wissen, dass der Kontakt mit der Kälte im ersten Moment schlimm ist, entscheiden wir uns für diese Erfahrung. 

Wir wissen, dass es durch die Schockerfahrung zu einer 30 – 80% Reduktion bei den kognitiven Funktionen kommt, insbesondere im frontalen Kortex. Um dem entgegenzuwirken, können wir die Kälteerfahrung mit mentalen Übungen verbinden, z.B. indem wir während der kalten Dusche mathematische Aufgaben lösen oder alle Gedanken zu Sätzen ausformen etc. Das Denkhirn arbeitet weiter, obwohl der Reflex darin besteht, es herunterzufahren. Wieder bauen wir eine Kompetenz auf, die uns dabei helfen kann, in plötzlichen Stresssituationen klar im Kopf zu bleiben.

Bewegung im kalten Wasser

Wenn wir uns in kaltem Wasser befinden, erzeugt der Körper Wärme, die als eine thermale Schicht den Körper umgibt. Deshalb fühlt man sich in der Kälte wärmer, wenn man still bleibt. Wenn man sich bewegt, wird die thermale Schicht aufgebrochen und es fühlt sich kälter an. Wir können also, wenn wir den Effekt der Kälteexposition erhöhen wollen, im kalten Wasser die Arme ausbreiten und unsere Körperposition verändern. Wir können auch nach einer kalten Dusche noch in der Kälteempfindung bleiben, statt dass wir uns gleich schnell abtrocknen.

Wie wir schon erwähnt haben, hat die willentliche Kälteerfahrung dramatische Auswirkungen auf die Freisetzung von Dopamin im Gehirn und Körper. Wir fühlen uns gut, auch nachdem wir aus dem Wasser herausgekommen sind. Solche Erfahrungen haben Menschen schon geholfen, aus der Drogensucht herauszukommen. 

Es gibt eine Studie, bei der die Teilnehmer eine Stunde im Wasser verbracht haben: eine Gruppe bei 32 Grad, eine Gruppe  bei 20 Grad, und eine Gruppe bei 14 Grad.  Die Ergebnisse:

  • Bei 32 Grad: Keine Änderung im Stoffwechsel oder bei Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin. 
  • Bei 20 Grad: 98% Zunahme im Stoffwechsel 
  • Bei 14 Grad: 350% Zunahme im Stoffwechsel, bei Noradrenalin 530% und bei Dopamin 250%, wobei diese Änderungen andauerten und auch zwei Stunden nachher noch nachweisbar waren. Die Teilnehmer berichteten von Wohlgefühl, gemessen werden konnte eine verbesserte Konzentrationsfähigkeit und mentale Schärfe. Es kam zu keiner Zunahme an Cortisol.

Kälte und Immunsystem 

Gut erforscht ist die Wirkung von Kälteexposition auf das Immunsystem. Es werden dabei entzündungsförderliche Zytokine wie IL-6 eliminiert, und entzündungshemmende Zytokine gefördert, wie z.B. IL-10.

Nichts wie Vorteile, die das Eintauchen ins kalte Wasser oder das kalte Duschen hat, und alles was es braucht, ist das Überwinden des inneren Widerstandes, der vor dem Erstkontakt mit der Kälte besteht. Ist dieser Moment einmal überwunden, geht es zunehmend leichter, bis es sich ganz normal oder sogar angenehm anfühlt. Erstaunlicherweise schwindet das Kältegefühl, je öfter wir uns der Erfahrung aussetzen und je länger wir in ihr verweilen. Die Kälte wird damit von etwas Feindlichem und Bedrohlichem zu einer vielleicht manchmal ruppigen Freundin.

Allerdings sollten gesundheitliche Risiken, etwa in Zusammenhang mit dem Herz-Kreislaufsystem vor der bewussten Kälteerfahrung abgeklärt werden. Zu rasches Eintauchen kann zu Problemen führen. Ratsam ist es deshalb, sich kälteerfahrenen TrainerInnen anzuvertrauen, wenn man Anfänger auf diesem Weg ist.


Donnerstag, 20. August 2020

Stress und Immunsystem

Warum Sport gut für das Immunsystem ist und anderer Stress schlecht


Psychosozialer Stress wirkt sich in Hinblick auf die Ausschüttung von Stresshormonen gleich aus wie körperlicher Stress z.B. durch Sport. Doch im Erleben ist der Unterschied deutlich: Es gibt einen angenehmen und einen unangenehmen Stress, einen Stress, der uns nur körperlich ermüdet und einen anderen, der uns in jeder Hinsicht fertig macht. Wir sprechen von Eustress, also subjektiv als gut empfundenen Stress, und Distress, den wir möglichst schnell loswerden möchten.

Interessant ist, dass die Auswirkungen auf das Immunsystem entgegengesetzt sind: Sportstress, eine selbstgewählte und eigenkontrollierte Stressbelastung, stärkt das Immunsystem, während psychosozialer Stress, der von außen auferlegt ist und dessen Bedingungen nicht der eigenen Kontrolle unterliegen, das Immunsystem schwächt.

Eine an der Universität von Bochum durchgeführte Studie hat nun physiologische Unterschiede zwischen den beiden Stresstypen ausfindig gemacht. Dazu wurden 20 Sportstudenten getestet. Sie mussten zunächst am Laufband bis zur Belastungsgrenze trainieren. Dann wurden sie dem sogenannten Trier Social Stress Test unterzogen, bei dem die Versuchspersonen vor einem nüchtern agierenden Gremium und vor laufender Kamera ein fiktives Jobinterview führen müssen. Das ist ein bekannter Test, der nachweislich Stress auslöst.

Zunächst zeigte sich, dass der psychologische Test einen wesentlich höheren Stresshormonlevel erzeugte: Unangenehme soziale Situationen sind wesentlich belastender als körperliche Anstrengungen. Obwohl die Teilnehmer wussten, dass es sich um ein fiktives Bewerbungsgespräch handelte, reagierten sie mit stärkerem Stress als beim Training.

Da bei beiden Stressformen die gleichen Hormone (Noradrenalin und Cortisol) ausgeschüttet wurden, suchten die Forschern nach anderen physiologischen Komponenten und stießen dabei auf die zellfreie DNA, das ist eine DNA, die unter bestimmten Bedingungen im Blutkreislauf zirkuliert. Diese DNA weist beim psychosozialen Stress andere Methylierungsmuster auf als bei der körperlichen Anstrengung. Methylierungsmuster entstehen durch chemische Gruppen, die Enzyme an die DNA anhängen, um den Ableseprozess zu regulieren. Das deutet darauf hin, dass die DNA aus unterschiedlichen Körperregionen stammt.

Offensichtlich gibt es ein Netzwerk zwischen Immunzellen, Muskeln und Gehirn. Unter Belastungen geben die Muskeln zellfreie DNA ab. Das Immunsystem reagiert darauf und wird aktiv. Also werden beim körperlichen Training möglicherweise auch die Immunzellen trainiert. Wenn hingegen die zellfreie DNA aus dem Gehirn stammt, wie es beim psychosozialen Stress der Fall ist, kann das gegensätzliche Wirkungen aufs Immunsystem ausüben, wodurch verständlich wird, warum psychosozialer Stress über kurz oder lang zu Krankheiten und Burn-Out führt.

Hier zur Originalstudie

Freitag, 14. August 2020

Der Mensch und die Großstadt

Die Urheimat und Lebensform der Menschen ist die Stammesgemeinschaft in weiten Räumen. Diese Form des Zusammenlebens hat Millionen von Jahren der frühen Menschheitsgeschichte bis weit in die Gegenwart bestimmt. Die Menschen lebten in nächstem Kontakt mit der Natur, in überschaubaren Gemeinschaften, in denen jeder jeden kannte. 

Erst mit dem Aufkommen von Hochkulturen vor etwa 5000 Jahren entstanden städtische Siedlungen, in denen mehr Menschen auf engem Raum zusammenlebten. Auch wenn die städtischen Kulturen inzwischen lange Traditionen aufweisen und eigene Regeln für die Gemeinschaft erfunden haben, die die Grundlage für die allgemeinen Bürgerrechte und –freiheiten darstellen, zeigen sie doch als menschliche Erfindungen ein deutliches Abrücken von der Natur und von einer naturnahen Lebensweise dar.

Mensch-Natur-Konflikte sind Mensch-Mensch-Konflikte

Mit dem Wachsen der Städte zu Groß- und Millionenstädten verstärkte sich dieser Trend, der zunehmend das Miteinander von Mensch und Natur durch einen Gegensatz ersetzt. Das Eingebundensein in die Abläufe der Natur, wie es für die frühen Stammeskulturen und noch länger für die Landbewohner prägend war, verblasst und macht einem Konflikt zwischen Mensch und Natur Platz – ein Gegensatz, der mehr und mehr zu einer Gegnerschaft hochstilisiert wurde und die Grundlage für die gedankenlose Naturzerstörung bildet, die im Zug der kapitalistischen Naturaneignung inzwischen bedrohliche Ausmaße angenommen hat. Natürlich kämpft nicht die Natur gegen die Menschen, sondern widerstreitende Interessen in den Menschen selber schaffen diesen Konflikt, der maßgeblich durch die Entwicklung der Stadtkultur angefacht wird.

Die andere Seite dieser Entwicklung besteht in den sozialen Veränderungen, die oft mit dem Stichwort Anonymisierung beschrieben wurden. In einer Großstadt kennt man kaum jemanden und ist von vielen Fremden umgeben, und das auf engstem Raum. Durch die Enge entsteht Stress, denn die Kontrolle, die wir über unsere Umgebung ausüben können, schwindet, wenn die anderen so nahe rücken wie in einem vollen U-Bahn-Abteil oder einem Gedränge im Supermarkt. Um diesen Stress zu bewältigen, müssen sich die Stadtbewohner abhärten und nach innen zurückziehen. Die Außenhaut muss undurchlässig bleiben und darf nichts hereinlassen, selbst wenn der Nachbar auf Tuchfühlung im Mittelgang der Straßenbahn direkt an einen selber angrenzt. Das Spüren muss sich ganz nach innen zurückziehen, die Außensinne halten ein wenig Kontrolle aufrecht. Es ist ein unangenehmer Zustand, der mit einer unterschwelligen Stressbelastung verbunden ist.

Diese Abschottung wird zur Gewohnheit und zum Teil der städtischen Lebensform. Der Stadtbewohner bewegt sich mit einer emotionalen Rüstung durch das Getriebe der Menschen und stößt da und dort auf die Rüstungen der anderen. Der Stress der Nähe und Enge ist eine Normalität und Konstante dieser Lebensform. Der Preis ist die latente Stressanhäufung, die chronifiziert wird. Das macht die Stadterfahrung zu einer Hektikerfahrung. Es ist nicht nur die höhere Schnelligkeit, mit der das Stadtleben im Vergleich zum Landleben pulsiert, sondern vor allem die höhere Gereiztheit, unter der jede Stadtbewohnerin leidet, ob sie will oder nicht. Die Abkapselung, die alle in der Stadt auf sich nehmen müssen, bewirkt eine gesteigerte Empfindlichkeit.

Dazu kommt, dass die städtische Lebensweise von sich aus auf Schnelligkeit angelegt ist. Uhren wurden in den Städten erfunden und verbessert, sodass sie immer kleinere Zeiteinheiten anzeigen können – Symbol für die Verkürzung und Verknappung der Zeit, die einen wichtigen Aspekt des Wirtschaftens darstellt, das ebenso in den Städten entwickelt wurde.

Landbewohner erleben Stadtbewohner häufig als weniger freundlich und herzlich. Das ist auch kein Wunder, weil die städtische Lebensweise ihren Preis in Stress und innerer Anspannung hat. Zusätzlich wirkt Stress ansteckend, sodass sich schwerlich jemand entziehen kann. 

Deshalb suchen viele Städter das Land und die Natur zum Ausgleich, sei es auch nur, indem sie sich eine Schlafstätte im grüneren Speckgürtel ihrer Großstadt suchen, zu der sie abends heimkehren und von der sie sich morgens zur Arbeit in der Stadt stauen. Die geringere Menschendichte und die stärkere Präsenz der Natur bewirken schnell eine Entlastung vom Stress. Die Natur übt keinen Druck aus, dadurch können sich die Gehirne entspannen und sicher fühlen.

Der Stau ist übrigens ein typisches Stadtsymptom: Fahrzeuge gehen auf Mindestabstand und können sich nicht mehr bewegen. Die Insassen leiden unter dem Zeitdruck, der mit jeder Sekunde der Fortdauer des Staus, steigt und unter der Hilflosigkeit und dem Kontrollverlust. und sorgt für eine Stresssteigerung. 

Ein Lob des Stadtlebens

Wenn nun das Stadtleben so ungesund für die Menschen ist, liegt es nahe zu sagen, dass alle aufs Land übersiedeln sollten. Klarerweise haben wir schon lange nicht mehr den Platz auf diesem Planeten, dass sich jeder der 7,8 Milliarden Menschen ein Haus mit Garten in unberührter Landschaft schaffen könnte. Wir brauchen die Städte und ihre Bewohner, und sie brauchen unser Mitgefühl und nicht unser Besserwissen oder naive Überheblichkeit, wenn wir vom Land kommen. Wenn wir in der Stadt leben, sollten wir uns dieser Herausforderungen bewusst sein und das Unsere dazu tun, was es braucht, um die Stressbelastung so klein wie möglich zu halten und damit zur allgemeinen Entstressung beizutragen. Denn Gelassenheit und Freundlichkeit wirken auch ansteckend.

Die Stadtbewohner haben die Idee von Toleranz und Respekt erfunden. Da sich viele unterschiedliche Menschen in den Städten treffen, Einheimische, Zugezogene und Fremde, braucht es besondere Tugenden, um mit diesen unterschiedlichen Zugehörigkeiten zurechtzukommen. Damit haben die Städte den Sprung von Partikulargesellschaften zu einer Weltgesellschaft vorbereitet und die dafür notwendigen Werte bereitgestellt.

Wir brauchen auch die städtische Lebensweise, weil sie in einer besonderen Form Kreativität und Vielfalt hervorbringt. Die Monotonie des Landlebens hat ihre Meriten, und der Abwechslungsreichtum der Stadt ebenso. Wo viele Menschen zusammenleben, entstehen viele Ideen und Konzepte aus den unterschiedlichen Köpfen, die sich in einer Stadt begegnen und austauschen. Man könnte auch sagen, Reibung befruchtet. Die Menschen würden ohne Städte nur dörflich denken, und das wäre doch zu dürftig und beschränkt. Die Enge der Lebensräume in der Stadt kontrastieren mit der geistigen Weite, die gerade dadurch möglich wird und für die Zukunft der Menschheit unverzichtbar ist.


Montag, 27. April 2020

Sieger ohne Besiegte

In diesen Tagen ist viel die Rede vom Kämpfen und Besiegen. Es geht bekanntlich gegen ein Virus. Die kriegerischen Parolen sind offenbar den Menschen so vertraut, dass sie mit entsprechendem Verhalten reagieren. Sind wir also programmiert auf das Muster von „Kampf bis zum glorreichen Sieg oder zur bitteren Niederlage?“

Hanzi Freinacht hat in einem Artikel über das Siegen, der mit der Nazi-Parole „Sieg Heil!“ beginnt, geschrieben: „Ja, es gibt wenig Dinge, die süßer sind als ein Sieg; tatsächlich braucht jeder von uns zumindest ein gewisses siegreiches Gefühl, um sich ganz und glücklich zu fühlen; um mental gesund zu sein. Gebrochen zu sein bedeutet oft, besiegt zu sein.“ 

Die Dynamik von Kampf und Sieg ist die Stressdynamik, die Angstdynamik. Sie ist von einer drohenden Gefahr angetrieben, die in fast allen Fällen in unseren Leben Einbildungen unseres Verstandes entspringt, also selbstproduziert ist. Es ist ja nicht das Virus, das die Angst erzeugt, sondern unsere Vorstellung, dass wir krank werden und elendiglich zugrunde gehen. 

Selbst wenn eine reale Gefahr besteht, ist das Kämpfen in den wenigsten Fällen die erfolgversprechende Strategie. Denn die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, sind äußerst komplex; im Stressmodus können wir nur simpel denken und simpel handeln. Wir sind von jeder Komplexität sofort überfordert und neigen dazu, einfach dreinzuhauen, ohne nachzudenken, mit der Hoffnung, dass mit Gewalt etwas besser wird. Ziemlich sicher machen wir auf diese Weise mehr kaputt und verschlimmern das Problem.

Das Kämpfen sollten wir also vermeiden und durch andere Strategien ersetzen, so gut es geht. Wie ist es dann mit dem Siegen? Wenn wir einen Kampf erfolgreich bestehen, bereitet der Sieg ein kurzes Hochgefühl. Wir haben ein Tennis- oder Schachmatch gewonnen und freuen uns. Im Spiel dient zweierlei als Motivator: Die Spannung im kontrollierten Rahmen und das Resultat. Das Spiel können wir nur genießen, wenn uns die Spannung während des Spieles wichtiger ist als der Sieg, im Sinn von „Mensch ärgere dich nicht“. Denn zum Spiel gehört auch die Fähigkeit zum Verlieren. Die Abhängigkeit vom Siegen vernichtet die Lust am Spielen.

Der Unterschied zwischen Spiel und „Ernst“ ist gravierend, denn im Spiel geht es um Vergnügen und im anderen Fall ums Überleben. Es wirken zwei sehr verschiedene Stressmechanismen mit unterschiedlichen Auswirkungen auf unser Innenleben. Der sogenannte Eu-Stress z.B. beim Spielen wirkt sich gesundheitsförderlich aus, während der Di-Stress, der mit Überlebensangst verbunden ist, gesundheitsschädlich und leistungsmindernd ist – das Immunsystem wird geschwächt, das Herz-Kreislaufsystem belastet und die Denkfähigkeit minimiert. 

Wenn es „ernst“ wird, brauchen wir die Fähigkeit, einen Schritt zurück zu machen, um die Gefahr voll in den Blick zu bekommen und zu entscheiden, was zu tun ist, statt die Zähne zusammenzubeißen und uns ins Getümmel zu werfen. Diese Taktik erinnert an die „schneidigen“ Husaren der K.u.k.-Armee zu Beginn des 1. Weltkriegs, die mit „tollkühnem“ Hurra gegen die russischen Linien galoppierten und auf halbem Weg von den Maschinengewehren auf der anderen Seite niedergemäht wurden. Tollkühn kann hier und auch in vielen anderen Zusammenhängen mit dumm und verantwortungslos übersetzt werden. 

Der Kampfstress macht uns also verbissen und beschränkt unsere Fähigkeiten, von Kreativität ganz zu schweigen. Aus dieser Reduktion stammt die Fixierung auf das Siegen. Die ganze Anstrengung hat nur einen Sinn: den Sieg. Damit sollte die Mühsal des Kampfes gerechtfertigt sein, damit sollten die Gefahren gebannt werden und die Probleme endgültig gelöst. 

Der Sieg hat dabei gar keinen Inhalt: „Aber Sieg zu welchem Ergebnis? Für eine bessere Welt? Für Fairness? Für Fortschritt? Für Wahrheit? An diesem Punkt zeigt sich die Leere des Faschisten: Nein, Sieg um des Siegens willen.“ (Hanzi Freinacht)

Es ist nicht nur die Leere des besessenen faschistischen Kampfes; es ist die Leere in jedem Kampf gegen ein imaginiertes Böses. Denn die eigene Fantasie kann nicht besiegt werden, sie wird nach jedem Erfolg die nächste Bedrohung und das nächste Angstszenario produzieren. Hinter jeder Windmühle, die besiegt wurde, taucht die nächste auf. Nichts kann den Wiederholungszwang aufhalten, der die weltweite Kriegsmaschinerie am Laufen hält, solange die innere Angstproduktion ungehindert arbeitet. Deshalb ist die Ideologisierung das wichtigste Schmiermittel in dieser Maschine: Sie infiziert und infiltriert die Menschen, sodass ihre Bedrohungsbilder gefüttert und laufend aktualisiert werden. Sie erzeugt fortwährend Bilder von drohenden Niederlagen und notwendigen Siegen, damit das Kämpfen weitergeht.

Menschen, die sich die Verletzungen und Demütigungen in ihrer Lebensgeschichte nicht bewusst gemacht haben, sind offen für solche Ideologien, die sie wie ein Schwamm aufsaugen, weil sie genau in das eigene angstdurchtränkte Bewusstsein passen. Sie verwechseln bereitwillig die innere mit der äußeren Realität und verlieren sich im endlosen Kämpfen immer mehr.

Der Sieg der Geburt


Aus der Sicht der perinatalen Psychologie handelt es sich beim Kampf-Sieg-Muster um eine Wiederholung des Geburtstraumas. Das Baby, das sich durch den Geburtskanal zwängen muss, erlebt diesen Vorgang als Kampf ums Überleben und den Ausgang ans Licht als Sieg über die bedrohlichen Kräfte der Wehen. Der Siegespreis ist das eigene selbständige Leben, das mit dem ersten Atemzug bekräftigt wird.

Ist dieses Trauma nicht aufgearbeitet, so wird es im Leben immer wieder mit der gleichen Dynamik aktiviert werden: Jeder Konflikt artet in einen Kampf aus, bei dem es ums Überleben geht und der deshalb mit einem Sieg enden muss. Das Schlimmste wäre es, zu unterliegen. Die Außenwelt wird als feindselige Bedrohung erlebt, die überwunden und bezwungen werden muss.

Die Spielregeln des Lebens ändern


Hanzi Freinacht propagiert als Alternative zur Kampf-Sieg-Dynamik ein Leben, in dem die Menschen grundsätzlich Sieger werden – in sinnvollen Spielen. „Also ist es ein Ziel der Gesellschaft, Bedingungen für uns alle zu schaffen, dass wir uns siegreich fühlen können – aus guten Gründen. Wenn wir damit scheitern, können wir wohl bald neue autoritäre Führer hören, die uns zum Sieg-Heil-Schreien drängen.“

Siegreich können wir uns dann fühlen, wenn wir einen inneren Widerstand überwunden haben. Der Begriff des „Heiligen Krieges“ im Islam (dschihad) meint in manchen Auslegungen die kompromisslose Auseinandersetzung mit den inneren Feinden, den schlechten Gewohnheiten (nafs), die der Entwicklung des Selbst im Weg stehen. Siegreich können wir uns auch fühlen, wenn wir etwas zur Verbesserung der Lebensbedingungen und der gesellschaftlichen Ordnung erreicht haben. Siegreich können wir uns fühlen, wenn wir einen Streit friedlich beilegen konnten und uns für Ärmere und Benachteiligte eingesetzt haben. 

Es gibt also viele Anlässe für Siege, die andere miteinschließen und die nicht auf der Schädigung anderer beruhen. Ich denke, dass in einer besseren Gesellschaft nur mehr solche Siege salonfähig sein sollten: Da hat jemand eine Erfindung gemacht, die ein Umweltproblem löst. Da hat jemand ein Musikstück komponiert, das Leidende aus der Depression führt. Da hat jemand einen liebevollen Blick auf das Kind geworfen, das ganz verschüchtert vorbeigeht. Da hat jemand Geld für einen guten Zweck gespendet, da hat jemand seine Zeit für jemanden aufgewendet, der Not leidet usw.

Siege hingegen, die als Triumph über die Unterlegenen gefeiert werden, sollten verpönt sein und mit Scham belegt werden. Wie kann sich jemand eines Erfolges brüsten, der anderen Menschen Demütigung und Leiden bereitet? Das wäre ein Ausdruck von Arroganz und Menschenverachtung. Wer kann jemand anderen bewundern und beneiden, der viel Geld mit der Erzeugung sinnloser oder schädlicher Produkten gemacht hat? Das wäre ein Ausdruck von Neid und versteckter Gier. Was hat gesiegt, wenn jemand durch Kinderarbeit, Waffenproduktion oder Umweltzerstörung reich wird? Dahinter steckt wohl der neoliberale Drang nach Geldvermögen, motiviert durch Gier.

Ein Sieger in dieser Zukunft ist einer ohne Besiegte, und einer, der möglichst viele andere Sieger durch seinen Sieg beflügelt. Eine Siegerin ist eine, die den Konkurrenzgedanken mitsamt den Gier- und Neidantrieben überwunden hat und mit ihren Erfolgen ihre Mitmenschen zu ihren eigenen Errungenschaften und Erfolgen anregen und anspornen will.

Eine menschenwürdige Gesellschaft – der Metamodernismus nach Hanzi Freinacht – kann nur auf der Grundlage von sozialer Gerechtigkeit wachsen und gedeihen. Dafür sind Werte notwendig, die jeden Erfolg nach den Maßstäben des Gemeinwohls und der Naturverträglichkeit messen. Wenn diese Maßstäbe in die Einstellungen vieler Menschen Eingang finden, können wir eine Gesellschaft mit einem neuen, friedlichen und sozial ausgerichtetem Verständnis von Kampf und Sieg bilden. Und wir sollten alles in unserer Macht Stehende in Gang setzen, damit das menschliche Maß zum Mainstream wird.

Zum Weiterlesen:
Metamodernismus - eine Übersicht
Tiefe - eine Dimension des Menschlichen
Komplexe Themen und komplexes Denken
Warum die Geburt im Krankenhaus gelandet ist

Samstag, 9. Februar 2019

Serotonin und Lebensfreude

Einer der zahlreichen Kandidaten für den Titel „Glückshormon“ ist das Serotonin. Doch auch in diesem Fall ist es nicht so einfach, wie der Titel verspricht. Denn Serotonin erfüllt eine Reihe von Funktionen in unserem Körper, die nur sehr indirekt mit unserer Glückseligkeit zu tun haben. Dieser Botenstoff wird vor allem (zu 90%) im Verdauungssystem gefunden, obwohl er auch in den Blutplättchen und im ganzen zentralen Nervensystem, und damit auch im Gehirn nachweisbar ist. Aus einigen Forschung kann geschlossen werden, dass das Serotonin im Darm den Vagusnerv stimuliert. Serotonin aus dem restlichen Körper kann nicht ins Gehirn gelangen, weil es die entsprechende Schranke nicht passieren kann. Für die Serotonin-Versorgung im Gehirn dienen die Raphae-Kerne, die mit allen Gehirnregionen verbunden sind.

Serotonin hat auf jeden Bereich des Körpers Einfluss, bis zu den Gefühlen und motorischen Fähigkeiten. Es gilt als Stimmungsstabilisator. Es hilft beim Schlafen (aus Serotonin wird das Schlafhormon Melatonin hergestellt), Essen (Appetitanregung) und Verdauen (Peristaltik).  Es verringert die Neigung zu Depressionen und Angstzuständen, heilt Wunden und hält die Gesundheit der Knochen aufrecht.

Zu den wichtigsten Funktionen des Serotonins im Gehirn zählen die Steuerung oder Beeinflussung der Wahrnehmung über den Augeninnendruck, des Schlafs, der Temperaturregulation, der Sensorik, der Schmerzempfindung und Schmerzverarbeitung, des Appetits, des Sexualverhaltens und der Hormonsekretion. Serotonin fungiert dabei einerseits als Neurotransmitter im synaptischen Spalt, andererseits wird es diffus über freie Nervenendungen ausgeschüttet und wirkt als Neuromodulator. 

Die bekanntesten Wirkungen des Serotonins auf das Zentralnervensystem liegen in seinen Auswirkungen auf die Stimmungslage. Es reguliert das Befinden auf natürliche Weise. Wenn der Serotoninspiegel normal, also weder zu hoch noch zu gering ist, fühlt man sich glücklicher, ruhiger, konzentrierter, weniger ängstlich und emotional stabiler. Gefühle der Gelassenheit, inneren Ruhe und Zufriedenheit überwiegen. Serotonin dämpft eine ganze Reihe unterschiedlicher Gefühlszustände, insbesondere Angstgefühle, Aggressivität, Kummer sowie das Hungergefühl. Impulsivität und aggressives Verhalten werden gedämpft.

Depressionen und Serotonin


Die Rolle des Neurotransmitters bei Depressionen ist nicht wirklich geklärt, weil zum Teil widersprechende Forschungsergebnisse vorliegen. Zwar konnte nachgewiesen werden, dass depressive Menschen einen niedrigen Serotonin-Level haben, doch weiß man nicht, ob dieser die Ursache oder die Wirkung der Depression ist. Der Serotoninspiegel in einem lebenden Gehirn kann nicht gemessen werden und die Forscher wissen deshalb nicht, ob der Spiegel im Blut dem Spiegel im Gehirn entspricht. 

Einige Antidepressiva wirken als Wiederaufnahmehemmer von Serotonin (SSRIs). Diese Medikamente sollen bewirken, dass mehr Serotonin im Gehirn im Umlauf bleibt. Eine neuere Theorie legt nahe, dass SSRIs bei der Produktion neuer Gehirnzellen mitwirken und deshalb einen positiven Einfluss auf Stimmungen haben können. Stress als häufiger Vorläufer der depressiven Erkrankung könnte die Neuproduktion von Gehirnzellen unterbinden, während die SSRIs die gegenläufige Entwicklung in Gang setzen, wodurch dann die Depressionen gemildert werden. 

SSRIs haben bei schwer depressiven Patienten eine stärkere Wirkung als Placebos, allerdings das auch nur bei ca. 20%. Die wirksamste Behandlung stellt eine Kombination von Medikamenten mit Psychotherapie dar, in der die Patienten lernen, besser mit Gedankenmustern umzugehen und Veränderungen in Alltagstätigkeiten vorzunehmen. Dabei könnte die Tatsache helfen, dass Serotonin das Lernen fördert. Ob SSRIs bei milden bis mittelgradigen Depressionen helfen, ist trotz zahlreicher Studien nicht eindeutig belegt.

Serotonin kann weiters noch eine Rolle bei folgenden Störungen oder Erkrankungen spielen: Zwangsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Phobien und Epilepsie. Ein zu hoher und zu niedriger Serotoninspiegel wurde mit Herzkrankheiten, Osteoporose und dem schmerzhaften Blasensyndrom in Verbindung gebracht. 

Machen Bananen und Schokolade glücklich?


Können wir über unsere Nahrung die Serotoninproduktion und -ausschüttung beeinflussen? Die essentielle Aminosäure Tryptophan, aus der Serotonin gebildet wird, kommt zwar in einigen Lebensmitteln (Käse, Geflügel, Eier, Sojaprodukte, Seetang, Kiwis, Bananen, Ananas, Tomaten, Walnüssen oder Kakao) vor, kann aber die Blut-Hirnschranke nicht überwinden. Deshalb enthält also kakaohaltige Schokolade ebenfalls Serotonin.  Die stimmungsaufhellende Wirkung von Schokolade ist aber nicht auf das darin enthaltene Serotonin, sondern auf den hohen Kohlenhydratgehalt zurückzuführen. Serotonin kann die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden. Es kann also über die Nahrung nicht ins Gehirn gelangen. Kohlenhydratreiche Nahrung stimuliert jedoch – über eine Reihe von Zwischenschritten – die Serotoninbildung im Gehirn. Das Gehirn hat also nichts von tryptophanreicher Nahrung, vielmehr kommt es auf den Kohlenhydratgehalt an, wenn wir unser Essen für eine Serotoninsteigerung nutzen wollen. Eiweißreiche Lebensmittel haben eine ganze Palette von Aminosäuren, die untereinander in Konkurrenz stehen, wenn es darum geht, ins Gehirn aufgenommen zu werden. 

Glücksbringer Sport


Einfacher und kalorienärmer ist der Zusammenhang zwischen Serotonin und Bewegung: Studien an Menschen und Tieren haben gezeigt, dass sportliches Ausdauertraining den Serotoninspiegel heben kann. Denn durch körperliche Betätigung wird die Verfügbarkeit der Aminosäure Tryptophan, der Serotonin-Vorstufe, im Gehirn erhöht. Das ist einer der Gründe, warum wir uns nach sportlicher Anstrengung besonders wohl fühlen. Regelmäßige sportliche Aktivität kann also dauerhaft den Serotoninspiegel erhöhen und damit ein vorbeugender Faktor gegen alle Störungen sein, die mit Serotoninmangel in Verbindung gebracht werden.

Gründe für den Serontoninmangel


Wieder begegnen wir dem Stress als Haupttäter für Mangel an dem Hormon. Längere Phasen von Stress können die Serotoninspiegel sinken lassen. Unsere schnelllebige Zeit mit der schnellen Nahrung (fast food) bringt viele Systeme unseres Körpers ins Ungleichgewicht, sodass es auch zu Unregelmäßigkeiten bei der Serotoninversorgung kommt. 

Störungen im Stoffwechsel und andere Verdauungsprobleme können den Abbau und die Absorption der Nahrung behindern, wodurch die Serotoninproduktion in Mitleidenschaft gezogen werden kann.  Alle Neurotransmitter werden aus Proteinen hergestellt, und dazu werden verschiedene Vitamine und Mineralstoffe als „Kofaktoren“ benötigt. Wenn es unserer Nahrung an diesen Stoffen mangelt, kommt es zu Ungleichgewichtigkeiten bei der Neurotransmitterproduktion. Außerdem können Schwermetalle, Pestizide, Drogen und auch bestimmte Medikamente die Nervenzellen dauerhaft beschädigen, die für die Serotoninherstellung zuständig sind. Koffein, Nikotin und Alkohol, NutraSweet, Antidepressiva und einige Medikamente, die Cholesterol verringern, stehen im Verdacht, den Serotoninspiegel zu verringern. 

Serotoninfreundlich leben


Der Umkehrschluss lautet: Mit einer ausgeglichenen Lebensweise, die dauerhaften Stress vermeidet, ausreichend Bewegung beinhaltet und mit gesunder Ernährung verbunden ist, tragen wir zu einer ausreichenden Versorgung unseres Körpers und Gehirns mit dem wichtigen Neurotransmitter bei. Dieser versorgt uns mit Wohlgefühl und Gelassenheit, wodurch wir mit den Herausforderungen des Lebens lockerer umgehen können. Wir sehen also, dass wir durch die Ausrichtung unserer Lebensweise auf die wichtigsten Parameter der Gesundheit einen Regelkreis in Gang setzen, der uns ruhiger und glücklicher macht und dazu motiviert, noch bestimmter und leichter in diese Richtung zu gehen. Leben wir serotoninfreundlich, so werden wir mit Serotonin zu Lebensfreunden.

Zum Weiterlesen:
Dopamin und unsere Anfälligkeit für Verführung

Freitag, 31. August 2018

Armut ist ein Ärgernis – dem kann abgeholfen werden

Armut ist ein Ärgernis. Die Betroffenen leiden und die Bessergestellten bekommen ein ungutes Gefühl, wenn sie mit Armut konfrontiert sind. Wir wissen, dass wir alle Menschen sind und deshalb eine annähernd gleiche Lebenssituation verdienen. Armut macht uns auf einen Missstand aufmerksam, für den wir in gewisser Weise alle zuständig sind.


Ideologien der Schuldzuweisung


Es gibt verschiedene Strategien, mit dieser Diskrepanz umzugehen. Eine besteht darin, Armut mit individueller Schuld zu verknüpfen. Sowohl Neoliberale wie auch Konservative sind sich in diesem Punkt einig: Wer arm ist, ist selber schuld. Konservative christlicher Prägung sehen es allerdings als Verpflichtung aus dem Gebot der Nächstenliebe und nach der Predigt von Jesus, für Arme zu sorgen; Neoliberale erwarten sich dagegen nur vom möglichst unbehinderten wirtschaftlichen Fortschritt die langfristige Beseitigung der Armut. Je mehr wirtschaftliche Freiheit, desto mehr Jobs, desto weniger Armut, so geht das neoliberale Kalkül. Und weiter: Wer wirklich arbeiten will, wird auch was finden; wer nichts findet, strengt sich zu wenig an und ist selber schuld, wenn er verarmt. Und wer sich nicht anstrengt, verdient auch kein Mitgefühl.

Der Geist des protestantischen Reformers Jean Calvin und zugleich das Credo rechtskonservativer Millionäre weht also noch immer durch solche Debatten: Reichtum ist Resultat von harter Arbeit, Armut der „Lohn“ für Faulheit. Wir wissen freilich längst, dass die These nicht stimmt. Reich wird man vor allem durch reiche Eltern. Es gibt Menschen, die reich sind und hart arbeiten, während andere ihren Reichtum verfaulenzen. Es gibt arme Menschen, die „es schaffen“ und sich einen beträchtlichen Reichtum erarbeiten. Es gibt viele, viele arme Menschen, die hart arbeiten und es nicht zu Reichtum bringen („working poor“). 

Das Leben erschafft alle möglichen unterschiedlichen Schicksale und Lebensbahnen, und die calvinistische Ideologie verkürzt sie auf zwei Beispiele, um daraus eine Ideologie zu zimmern. Deren Zweck ist klar: den eigenen Reichtum zu rechtfertigen und gegen („linkslinke“ – nach rechtspopulistischer Diktion) politische Umverteilungsideen abzusichern. Das Problem der Armut wird der alleinigen Verantwortung der Betroffenen überlassen, womit alle sozialen oder karitativen Programme obsolet und gefährlich, weil leistungsfeindlich, gebrandmarkt werden können. 

Was man genau unter Armut verstehen soll, ist unter Experten umstritten. Viele unterschiedliche Faktoren spielen zusammen. Die Wurzeln von Armut sind komplex, und mit Ideologien, die mit Schuldzuweisungen arbeiten, kommen wir nicht weiter, wenn es darum geht, die Armut zu verringern. Das sollte eigentlich das Anliegen aller Menschen sein, die an einer menschenwürdigen Gesellschaft interessiert sind. Denn Armut, die mit ständiger Überlebensangst verbunden ist, ist nicht menschenwürdig.

Manchmal scheint Armut selbstverschuldet sein: Jemand kriegt sein Leben nicht auf die Reihe, stürzt ab wegen Alkohol, Kriminalität oder Drogen usw. Wir sagen dann, ja, da ist jemand mit zu wenig Charakter gescheitert, die Person hätte mehr Willenskraft und Motivation aufbringen müssen. Aber wenn wir genauer hinschauen, merken wir, dass wir einer Vereinfachung aufsitzen. Weshalb ist jemand leichter motiviert als andere, hat mehr Ideen, Durchsetzungskraft oder Anpassungsfähigkeit? Denn die Gründe für Charaktermängel und Schwächen und damit die Adressaten für die Schuldfrage  liegen genauso und unentwirrbar in der Gesellschaft wie im Individuum, ebenso wie bei denen, die stromlinienförmig ins kapitalistische Anforderungsprofil passen und folglich die Reichtümer scheffeln, manchmal mit vergleichsweise geringer Anstrengung. Wer und was ist dann wirklich schuld an Charakterschwäche 1 (beim gescheiterten Sandler) und an Charakterschwäche 2 (beim skrupellosen Unternehmenssanierer)?

Die Schuldfrage in Bezug auf die Armut hängt also vom Standpunkt des Betrachters und von seinen Voreinstellungen und Interessen ab. Sie erweist sich als völlig nutzlos, außer zur Rechtfertigung asozialer Ignoranz und zur Verachtung der Betroffenen. Manche machen die Einzelpersonen für ihr Schicksal verantwortlich, andere die Gesellschaft; im Grund eine unsinnige Alternative, weil es keine Individuen ohne Gesellschaft und keine Gesellschaft ohne Individuen gibt. 


Armut verdummt


Wenn wir den Zusammenhang zwischen Armut und Intelligenz betrachten, sehen wir rasch, wie haltlos und inhaltsleer die Schuldfrage in Bezug auf die Armut ist. Die Sozialforschung hat dazu Interessantes herausgefunden: Es werden die Menschen nicht arm, weil sie weniger intelligent sind, sondern sie werden weniger intelligent, wenn sie arm sind. Ein Leben, das am Rand der Gesellschaft geführt werden muss und fortwährend vom Zusammenbruch bedroht ist, schränkt die Denkfähigkeiten ein und macht dumm. Wir wissen, dass wir unter Stress und infolge von Traumatisierungen weniger leistungsfähig sind: Kognitiv, emotional und kommunikativ. Menschen, die ihr Leben und Überleben von einem Tag auf den anderen fristen, stehen unter Dauerstress. Ihr Gehirn ist nur mehr beschränkt einsatzfähig, weil es sich auf das Vermeiden und Hinauszögern des Verhungerns konzentrieren muss.

Während Reichtum ein hohes Maß an Sicherheit bewirkt, ist Armut eng mit Angst verbunden. Reichtum erweitert die Möglichkeiten, Armut engt sie ein. Mit jeder beschränkten Einzelexistenz ist auch die ganze Gesellschaft ärmer. Alle ungenutzten konstruktiven und kreativen Potenziale reduzieren die gesamtgesellschaftlichen Möglichkeiten, flexibel auf Herausforderungen zu reagieren und neue Initiativen zu entwickeln. Wenn ein schriftstellerisches Talent unter einer Brücke endet, ohne ein Werk zu schaffen, fehlt ein sinnstiftender Beitrag, der andere Menschen und damit die Gesellschaft hätte verändern können. 


Soziale Absicherung dient allen


Was ist die Lösung? Sollen wir Menschen, die arm sind, eben dumm sterben lassen? Statistisch gesehen, ist klar: Armut verkürzt die Lebenserwartung. Oder sorgen wir dafür, dass sich der Stress reduzieren kann und dadurch mehr Menschen in den Genuss eines menschenwürdigen Lebens kommen können? Eine Untersuchung bei indischen Maisbauern, die von einer Ernte im Jahr leben, hat gezeigt, dass ihr IQ vor der Ernte um 14% niedriger ist als nachher. Klarer Befund: Die Angst, bevor die Ernte beginnt, es könnte nicht fürs Jahr reichen, macht so viel Stress, dass die Intelligenz schwächer wird als sie eigentlich ist.

Wenn wir also eine Gesellschaft mit Menschen wollen, die ihre Intelligenz nutzen können – für sich und für die Gesellschaft –, dann müssen wir dafür sorgen, dass der Grundstress sinkt. Das geht nur, wenn das Überleben und das Leben aller in einem guten, wenn auch bescheidenen Rahmen gesichert wird, unabhängig von einer Leistung, die von dauernd wechselnden Anforderungen des kapitalistischen Arbeitsmarkts definiert ist. Der Armut abzuhelfen, bringt allen Nutzen, ob sie zu den Ärmeren oder den Reicheren zählen. Wir müssen folglich für ein bedingungsloses Grundeinkommen eintreten. 

Das bedingungslose Grundeinkommen bedeutet nicht, dass der Staat Geschenke oder Almosen an Bedürftige gibt, wie es in früheren Zeiten der Herrscher nach seinem Gutdünken verteilte, sondern dass jedes Mitglied einer Gesellschaft einen verbindlichen Rechtsanspruch auf die Sicherung seiner Existenz hat. Es genügt also nicht, dass der Staat eine Mindestsicherung festsetzt, die dann nach Belieben der jeweiligen Regierung hinauf- oder hinabgesetzt wird, womit den Betroffenen signalisiert wird, dass ihre Absicherung von der Gnade der gerade Mächtigen abhängt. 

Auch wenn – hypothetisch – irgendwann alle notwendigen Güter von Maschinen produziert, vermarktet und verkauft werden, braucht es Menschen, die die Gesellschaft bilden, die miteinander reden, spazieren gehen, spielen, lachen usw. All die Menschen brauchen ein menschenwertes Leben, sonst können sie keine funktionierenden Gemeinschaften bilden, sondern müssen danach trachten, auf Kosten anderer das eigene Leben zu sichern – wie es zu einem nicht unbeträchtlichen Teil das Leben im Kapitalismus prägt. Menschen brauchen entspannte Zeiten miteinander, um sich in erster Linie als Menschen wahrzunehmen und um sich in zweiter Linie wohlzufühlen, und dazu müssen sie von den Existenzsorgen der Überlebenssicherung befreit sein.

Ein deftiges Zitat zum Thema: Wenn Scheiße etwas wert wäre, hätten die Armen keinen Arsch. (Brasilianisches Sprichwort)

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