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Mittwoch, 29. Mai 2024

Bedürftigkeit und Scham

Bedürftig kommen wir in die Welt, und in den meisten Fällen verlassen wir die Welt bedürftig, also angewiesen auf andere, die uns helfen und unterstützen. In der Zwischenzeit ist uns allerdings der Zustand der Bedürftigkeit äußerst unangenehm, viel unangenehmer als einzelne Bedürfnisse, die wir uns nicht gönnen wollen. Wir verbinden Bedürftigkeit mit dem unbedingten Angewiesensein auf Hilfe und Unterstützung. Wir könnten es alleine nicht schaffen, und das finden wir sehr beschämend. Wir denken dabei vielleicht an jemanden, der an den Rollstuhl gefesselt ist, und befürchten, dass es uns selbst auch einmal so gehen könnte.

Tatsächlich befinden wir uns viel häufiger in Zuständen der Bedürftigkeit als wir üblicherweise denken. Wenn wir in einer Sache nicht mehr weiter wissen, die uns wichtig ist, brauchen wir jemanden, der uns weiterhilft. Wir sind von diesen Personen abhängig, sonst können wir unser Problem nicht lösen.

Das ist der Fall, wenn wir einen Handwerker für die defekte Heizung brauchen, oder wenn wir wegen einer Krankheit eine Ärztin konsultieren müssen. Auch wenn wir uns emotional im Eck fühlen, sind wir auf Freunde oder Therapeuten angewiesen, damit sie uns wieder aufrichten.

Es sind also Situationen, die in jedem menschlichen Leben vorkommen und Teil des sozialen Austausches darstellen: Eine Person ist bedürftig und andere unterstützen sie, um sie aus dem Zustand der Bedürftigkeit herauszuholen. Einander helfen und einander helfen lassen, ist eine Grundkomponente des zwischenmenschlichen Austausches. Zu helfen (die aktive Seite dieses Austausches) bewirkt mehr Selbstkompetenz – mit jeder Hilfeleistung lernen wir etwas. Sich helfen zu lassen (die passive Seite dieses Austausches) bewirkt mehr Vertrauen in die helfende Person. Insgesamt werden die sozialen Bande gestärkt und die Menschen einander nähergebracht.

Aber viele Beobachtungen weisen darauf hin, dass diese Selbstverständlichkeit des Helfens und die Bereitschaft zum Sich-Helfen-Lassen schwinden, während die Autarkiebedürfnisse stärker werden. Jeder will seine eigenen Sachen selber schaffen können, ohne auf andere angewiesen zu sein. Vermutlich hängt diese Tendenz mit der Konditionierung zusammen, die der Kapitalismus in die Seelen der Menschen eingepflanzt hat: Jeder muss schauen, wie er sich alleine seinen Lebensunterhalt sichert. Die Idee des vereinzelten Menschenwesens, das sich abmüht und ab und zu dazwischen in Kontakt mit den Mitwesen tritt, ist eine Erfindung, die aus der Logik dieser Wirtschaftsweise entstanden ist. 

Zwischenmenschlicher Austausch, also auch das Hilfeleisten, ist in dieser Sichtweise ein Geschäft, bei dem Leistung und Gegenleistung bilanziert, also gegengerechnet werden. Er wird also in ökonomische Begriffe übersetzt und quantifiziert. Aus freiwilligen Hilfeleistungen im familialen und nachbarschaftlichen Umfeld sowie in Freundschaften werden Dienstleistungen, die nach bestimmten Tarifen abgerechnet werden. Die Beziehungen werden dadurch abstrakter, also unpersönlicher. Das kommt der Autarkiescham entgegen. Es fällt uns nicht auf, dass wir uns bei den verschiedenen Alltagsproblemen in Zuständen der Bedürftigkeit befinden. Also vermeiden wir die Schamgefühle, die mit der Bedürftigkeit verbunden sind. 

Denn in gewisser Weise rutschen wir ins kindliche Bewusstsein, wenn wir in praktischen Dingen oder auf der emotionalen Ebene anstehen und nicht weiter wissen. Und das mag unser Erwachsenen-Ich überhaupt nicht und schämt sich schnell dafür. Deshalb verdrängen wir unsere diversen kleinen Bedürftigkeitserfahrungen, die immer auch mit Abhängigkeiten verbunden sind. 

Die Bedürftigkeitskompetenz

Machen wir uns aber mehr bewusst, wie häufig wir und auch alle anderen bedürftig sind, dann brauchen wir uns auch nicht mehr darüber zu schämen. Es ist Teil des Menschseins und zugleich ein förderliches Mittel zur Verbesserung des sozialen Miteinanders. Wir sollten also unsere Bedürftigkeit mehr wahrnehmen und pflegen, statt nur unsere Autarkiebedürfnisse zu stärken. Das bedeutet nicht, dass wir nicht weiterlernen sollten, sondern umfasst auch die Bereitschaft, unsere Fähigkeiten zu entwickeln, mit denen wir uns selbst helfen können. Die „Bedürftigkeitskompetenz“, also die Fähigkeit und Bereitschaft, die eigene Bedürftigkeit zu erkennen und anzuerkennen und nach entsprechender Hilfe zu suchen, ist nicht mit erlernter Hilflosigkeit zu verwechseln, also mit einer Einstellung, sich selbst nichts zuzutrauen und andere mit den eigenen Problemen zu belasten. Wir brauchen ein gutes Gleichgewicht zwischen Selbstkompetenzen und der Bereitschaft, uns helfen zu lassen. 

Ein weiterer sozialer Gewinn von mehr Bewusstheit über das Bedürftigsein liegt darin, dass wir dann Menschen mit offensichtlicher Bedürftigkeit mit anderen Augen wahrnehmen. Wenn wir z.B. jemandem begegnen, der im Rollstuhl sitzt, dann sehen wir ihn in einer stärkeren Form von Bedürftigkeit als die, die wir von uns kennen, wenn wir das Glück haben, uns ohne Hilfsmittel fortbewegen zu können. Wir sind weniger bedürftig als dieser Mensch, aber nicht grundsätzlich verschieden. 

Die Scham-Stolz-Schaukel und die Bedürftigkeit

Das Bewusstmachen dieses feinen Unterschieds macht es uns möglich, aus einer Scham-Stolz-Schaukel herauszufinden, die sonst automatisch abläuft, wenn wir jemanden treffen, den wir als bedürftig einschätzen. Denn wenn es jemandem schlechter geht als uns selber gerade, befällt uns ein heimlicher Stolz, dass wir von dem Leid nicht betroffen sind. Auch wenn wir Mitgefühl mit dem Leid empfinden, gibt es noch einen inneren Anteil, der froh ist, nicht in dieser Lage sein zu müssen. Dieser egoistische Teil in uns trennt uns vom Leid der anderen, weil er um unsere Sicherheit bangt und uns auf ein Terrain bringen will, von dem aus wir die Not aus sicherer Distanz wahrnehmen. Wir schützen uns vor einer tieferen Betroffenheit, die auch das Mitgefühl verstärken würde, indem wir diese Position des Stolzes einnehmen. Aus dieser Perspektive meldet sich leicht auch ein Schuss von Verachtung, die sich darin äußern kann, dass wir manchmal denken, dass jeder für seine Not selbst verantwortlich ist, also selber schuld ist. Mit solchen Konzepten distanzieren wir uns noch mehr und richten es uns gemütlich auf unserer distanzierten Insel ein.

Es ist dieser Stolz, der die Betroffenen die Scham über ihre Lage spüren lässt. Ohne den überheblichen Stolz der Gesunden bräuchten sich die Kranken und Bedürftigen nicht zu schämen. Mit der Bewusstheit aber, dass wir all die Bedürftigkeit und das Angewiesensein auf andere kennen und oft schon erlebt haben, fällt der Stolz weg und wir können ein von jeder Überheblichkeit und Verachtung gereinigtes Mitgefühl empfinden.

Zum Weiterlesen:
Über Schwäche und Bedürftigkeit
Vom Geben und Nehmen


Sonntag, 3. Dezember 2023

Das Ego in der Meditation

Das Ego mischt sich in alle Themen und Aktivitäten unseres Lebens ein, so natürlich auch ins Meditieren. Es äußert sich schon von Beginn an: Was soll das bringen? Wie mühsam ist es doch, nur dazusitzen und nichts zu tun, so viele Ideen hätte ich, aber jetzt soll ich nur still sitzen bleiben ...  

Aber auch, wenn die ersten Hürden überwunden sind und der Entschluss zum Meditieren zu einer Routine geführt hat, melden sich Widerstände, die unser Ego produziert: Ich komme nicht weiter, es ist nur langweilig, ich bin ja sowieso immer nur in Gedanken etc. Manche resignieren wegen dieser hartnäckigen Widerstände und hören irgendwann mit dem Meditieren auf. Oder sie schaffen es nur, dranzubleiben, wenn sie in einer Gruppe sind. Das Aussteigen aus der Meditationspraxis tut dem Ego einen Gefallen, das sich zufrieden zurücklehnen kann und nicht mehr fürchten muss, die Macht im Inneren zu verlieren. So kann alles beim Alten bleiben, die Muster ändern sich nicht und die Gewohnheiten bestimmen weiterhin das Leben mit seinen vielfältigen Ablenkungen. 

Das Ego und der spirituelle Fortschritt

Das Ego meldet sich aber auch dann, wenn eine Meditation eine herausragend positive Erfahrung war. Hurtig brüstet es sich mit dem Fortschritt einer „gelungenen” Meditation, wenn sie z.B. zu tiefer Entspannung geführt, spezielle innere Räume geöffnet und egofreie Zustände ermöglicht hat. Kaum öffnen wir die Augen, drängt sich das Ego in den Vordergrund und reklamiert den „Erfolg“ für sich: Wie weit bin ich doch schon auf meinem inneren Weg fortgeschritten, das Ziel kann nicht mehr weit sein. Vielleicht präsentiert das Ego auch Vergleiche wie: Früher habe ich noch mit so vielen Widerständen kämpfen müssen, gestern konnte ich mich gar nicht konzentrieren, aber heute habe ich einen tollen Schritt vorwärts geschafft. 

Selbstzufrieden schauen wir auf die Errungenschaft zurück, stolz erzählen wir Freunden davon, um ihre Bewunderung zu ernten. Heimlich reibt sich das Ego seine Hände und freut sich, dass ihm die Meditation nichts anhaben konnte. Denn es sonnt sich in dem Stolz. Plötzlich steht es voll hinter der Meditation, die es als seine Leistung präsentieren kann. Dieses Momentum, wo der Drang nach innerem Vertiefen und das stolzgeprägte Ego zusammenwirken, kann die Meditiererin für sich nutzen und die Konsequenz im Weitermachen stärken. 

Dem Ego geht es zwar nicht um die innere Entwicklung, die tendenziell von seiner Macht wegführt, sondern darum, im sozialen Feld für einen stabilen Stand zu sorgen, an dem die Anerkennung sichergestellt ist. Da es aber erkennt, dass es in seiner Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen, durch die Meditation unterstützt wird, verringert es seinen Widerstand dagegen.  

Im Überschwang der „ Fürsorglichkeit” hebt es uns gerne auf ein Podest: Ach, die anderen unbewussten Menschen, die auf den Straßen im Halbschlaf herumlaufen, während ich Bewusstseinsräume kenne und in Sphären unterwegs bin, die sie nicht einmal in den kühnsten Träumen kennenlernen konnten. Sie sind voll in ihren dunklen Prägungen verhaftet und kennen die Freiheit und Glückseligkeit nicht, all die erlesenen Qualitäten, von denen ich schon gekostet habe. 

Wenn allerdings die Meditation nicht „gelungen“ erscheint, wenn zu viele Gedanken oder unangenehme Gefühle den Ablauf bestimmt haben, ist das Ego erst recht in seinem Element. Es sorgt sofort für Kritik und Selbstvorwürfe.  Es vergleicht mit früheren besseren Erfahrungen oder mit anderen Zeitgenossen, die auf diesem Weg viel schneller viel weiter gekommen sind. Statt den Stolz zu füttern, führt es hier zur Scham. 

Stolz und Scham, die Polarität des Egos

Das Ego sucht also in jeder Erfahrung, also auch in jeder meditativen Erfahrung, Anlässe für Stolz, wenn es die Erfahrung positiv bewertet, oder für Scham, wenn es sie negativ eingestuft. Das Ego richtet beständig jede Erfahrung nach seinen gewohnten Maßstäben. Damit verführt es in seine Gefilde, weg von der lebendigen Erfahrung, die in ein lebloses Objekt der Bewertung und Einordnung verwandelt wird. Es überlagert die aktuelle Wirklichkeitswahrnehmung mit seinen konstruierten und rekonstruierten Inhalten aus der Vergangenheit.  

Das Lebenselixier des Egos ist die Angst. Es ist aus Ängsten entstanden und hütet sie im Wunsch, vor ihnen zu bewahren. Es versucht, alle Erfahrungen, die wir machen, mit Angst zu verbinden und aufzuladen. Selbst wenn es sagt: Du brauchst keine Angst zu haben, weil du z.B. so gut meditierst, zeigt es sich als Agent der Ängste: Ich sage dir, wann du Angst haben sollst und wann nicht. Ich mache dich stolz und selbstsicher, aber ich kann dir deine Sicherheit jederzeit wegnehmen. Du verdankst deine Angstfreiheit meiner Umsicht und Wachsamkeit. 

Im Sinn des angstgetriebenen Vermeidens von Ängsten verkauft das Ego jeden Erfolg als eigene Leistung und jeden Misserfolg als persönliches Versagen. Erfolg heißt, dass eine Schonfrist vor der nächsten Angst gewonnen wurde. Misserfolg heißt, dass die Angst vorherrscht. Das demütige Annehmen dessen, was das Leben schenkt, ob es nun angenehm ist oder nicht, ist sein größter Feind oder das, was es am wenigsten verstehen kann. 

Das Erlernen der Distanz von Ego und Wirklichkeit

Meditieren bedeutet, dem Ego und seinen Spielchen zu begegnen und mehr und mehr Erfahrungen darüber zu sammeln, was es alles anstellt. Manchmal wird es ganz ruhig und zieht sich zurück, manchmal taucht es unvermutet hinter jedem Winkel auf: Eine Klientin meinte: „Ich habe mein Ego schon so satt!“ Und gleich drauf: „Sagt mein Ego.“  

Bei jeder Diskrepanz zwischen dem Selbst und der Realität ist das Ego aktiv. Es kritisiert und bejammert das, was gerade ist und sich nicht den eigenen Vorstellungen fügt. Beim Meditieren versuchen wir, anzunehmen, was gerade ist, ohne etwas daran zu bekritteln. Das Ego sperrt sich gegen diese Versuche und will immer wieder seine Agenda durchbringen: Die Realität soll sich gefälligst danach richten, was wir für richtig halten. 

Mit einiger Meditationspraxis und mit fortgeschrittener Fähigkeit im Durchschauen des Egos wird klar, dass es keine guten oder schlechten Meditationen, keine gelungenen oder misslungenen gibt, sondern nur verschiedenartige Erfahrungen. Jede Meditation, auf die wir uns einlassen, ist anders. Manchmal fällt es uns leichter, uns auf den Moment zu konzentrieren, manchmal geht es schwerer. Beide Erfahrungen sind gleich wertvoll. Es geht ja in der Meditation nicht darum, bestimmte Bewusstseinszustände zu erreichen, sondern eine Zeit darauf zu verwenden, die Aufmerksamkeit nur nach innen zu richten und dort alle, was auftaucht, anzunehmen. Es ist also eine Übung im Akzeptieren dessen, was ist.  Sind viele Gedanken da, so ist es das, was zu akzeptieren ist. Sind viele Gefühle da, so werden diese angenommen. Gelingt es leichter, das, was auftaucht, anzunehmen, ist das zu akzeptieren, ebenso, wenn das schwerer fällt. Was immer ist, sollte angenommen werden. Das ist der Königsweg zur Entmachtung des Egos.  

Denn das Ego will nichts in seinem Sosein annehmen, sondern an allem, was auftaucht, seinen Stempel aufdrücken, der es in etwas anderes verändert. Es ist konsequent im Kritisieren dessen, was ist, und reißt deshalb permanent aus dem Fließen von Erfahrung zu Erfahrung: Es kommt eine Erfahrung und dann eine Unterbrechung, ein Riss, in dem sich das Ego breit macht. 

Die Haltung beim Meditieren ist die gelassene Beobachtung, das Seinlassen dessen, was ist. Es kann der Atem beobachtet werden, aber auch Körperempfindungen, Energiephänomene oder die Atmosphäre in der Umgebung. Dabei ist immer auch und vor allem das eigene Ego Gegenstand des Beobachtens, des Wahrnehmens und Erkennens. Denn es bewirkt, ob die Aufmerksamkeit auf dem aktuellen Moment sein kann, auf der Erfahrung, die ins Bewusstsein tritt, oder auf Phänomenen, die vom Ego präsentiert werden, wie Gedanken und Bilder. Je mehr es gelingt, das Treiben des Egos zu identifizieren und dann die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zurücklenken, desto mehr bleiben wir mit der aktuellen Wirklichkeit verbunden und nicht mit jener synthetischen, die das Ego aufdrängt. Denn was aus dem Ego kommt, ist immer ein Stück Wirklichkeit fast ununterscheidbar mit einem Stück Fantasie kombiniert. 

Meditation ist demnach die Übung, der Wirklichkeit, die im momentanen Erleben zu finden ist, immer näher zu kommen, und dazu ist das Erlernen der Unterscheidung des Erlebens und der Ego-Produktionen notwendig.  Fast immer dominiert das Ego die Erfahrung, vor allem in unserem Alltag; manchmal besteht eine Distanz zwischen ihm und der Instanz, die es beobachtet, und in der Meditation bemühen wir uns methodisch, diese Distanz zu stärken. 

Zum Weiterlesen:
Störungen in der Meditation
Selbst- und Außenbeziehung in Therapie und Meditation
Meditation und Langeweile

Samstag, 23. September 2023

Der Nationalismus und die Scham

„Beim Nationalismus handelt es sich um die schlechte Ausdünstung von Leuten, die nichts anderes als ihre Herden-Eigenschaften haben, um darauf stolz zu sein.“  (Friedrich Nietzsche)

Der Nationalismus ist ein Kind des Stolzes. Stolz hat die Aufgabe, schambetroffene Teile der Selbstbeziehung auszugleichen und zu kompensieren. Nationale Gefühle haben wir, wenn wir uns anderen Nationen überlegen fühlen, z.B. bei einem sportlichen Ereignis, bei dem Angehörige der eigenen Nation besser waren als die anderer.  Im umgekehrten Fall schämen wir uns für unsere eigene Nation.

Der Begriff der Nation ist eine historische Spätgeburt und fällt ins 18. Jahrhundert. In der französischen Revolution wurde bekanntlich das Königtum gestürzt und die Republik eingeführt. Der König hatte lange Zeit als die Identifikationsfigur für alle Mitglieder eines Staates gegolten. Nun gab es ihn nicht mehr, und es brauchte einen anderen Anker für das Gemeinschaftsgefühl, für den die Nation herhalten musste. Fortan war es die Zugehörigkeit zu einer Nation, die den Einzelnen definieren sollte. Bis heute gibt es keine klare Begriffsbestimmung zur Nation. Manchmal ist von der Gemeinsamkeit der Sprache die Rede, doch da gibt es gleich die Schwierigkeit mit Staaten, die mehrere Sprachgruppen aufweisen. Oder es wird die Kultur als Kitt der Nation festgelegt, ein Begriff, der noch schwammiger ist, weil es in vielen Staaten unterschiedliche Volkskulturen gibt und alles, was über die lokalen Kulturen hinausgeht, wiederum nur schwerlich einer Nationalkultur zugerechnet werden kann. Oder man beruft sich auf eine gemeinsame Geschichte, die nur dort beginnen darf, wo sie sich mit der Vorstellung der Nation deckt und alles ausblenden muss, was mit der Einmischung von anderen Nationen zu tun hat oder auf Wurzeln verweisen, die gar nichts mit der aktuellen Nationalität zu tun haben. Daraus wird klar, dass wir es bei einer „Nation“ nicht mit einem objektiv existierenden Tatbestand zu tun haben, sondern mit einem Konstrukt, das viele Menschen teilen, ohne genau zu wissen, was es beinhaltet. Es ist also ein Konstrukt mit einem hohen Anteil an Fantasie und Fiktionalität, das seine Wirklichkeit dadurch erhält, dass es immer wieder und wieder erzählt wird, so lange, bis alle daran glauben. 

Der Erfolg des Nationsbegriffs hat damit zu tun, dass er eine einheitsstiftende Funktion im Prozess der Modernisierung ausübte. In diesen vom Kapitalismus geprägten Entwicklungen kam es zu vielfältigen Umgestaltungen und Zerfallsvorgängen von sozialen Einheiten, die eine hohe soziale Unsicherheit hervorriefen. Für diese Leerstelle kam der Begriff der Nation wie gerufen. Wenn die Menschen schon der Anonymität und Unbarmherzigkeit der Wirtschaftsprozesse ausgeliefert waren, wurde ihnen zumindest als Mitglieder einer Nation eine bestimmte Sicherheit gewährt. In Kriegen versuchten sich die Staaten voneinander als Nationen abzugrenzen und die Bevölkerungen hinter sich zu scharen. Selbst der russische Angriff auf die Ukraine hat zu einem starken Schub der nationalen Geschlossenheit geführt, der selbst die russisch-sprachigen und vor dem Krieg russlandfreundlichen Bevölkerungsgruppen und Gegenden erreicht hat und einer der vielen Effekte dieses Krieges ist, der von den Angreifern nicht vorausbedacht wurde.

Es war und ist bis heute ein riskantes Unterfangen, den Nationsbegriff durch Kriege zu untermauern. Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts z.B. wurden genau mit dieser Absicht begonnen und endeten in beiden Fällen mit Katastrophen, auch für den Nationsbegriff. Im Ersten Weltkrieg zerfiel das österreichisch-ungarische Konstrukt, im Zweiten wurde der Nationsbegriff in Deutschland nachhaltig ramponiert. Eine wichtige Konsequenz aus dem Zweiten Weltkrieg war die Begründung der europäischen Zusammenarbeit, die zur EU geführt hat, einem übernationalen Zusammenschluss. Denn verantwortungsbewusste und weiterblickende Politiker hatten erkannt, dass das ewige, vom Nationengedanken angestachelte Kriegführen ein Ende haben müsse und dass die Verstärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit Kriege in Hinkunft erschweren wurde, womit sie Recht behielten. 

Nationalismus und Stolz

Die Angehörigen einer Nation sollen stolz sein, dass sie dazugehören. Sie sollen auch stolz sein, dass sie nicht zu den anderen gehören. Es ist ein Stolz, der auf der Verherrlichung des Eigenen und  der Abwertung und Verachtung des Anderen beruht. Nationalismus besteht nie nur in der Bekräftigung der eigenen Nation, sondern immer auch in der Abwertung anderer Nationalitäten. Es ist also ein Stolz, der sich nicht nur aus den eigenen Errungenschaften nährt, sondern zu seiner Vollständigkeit noch die Überlegenheit über andere benötigt. Die eigenen Leistungen sind so viel wert wie sie die der anderen übertreffen. Es läuft wie bei einer Konkurrenzsportart wie z.B. dem Schirennlauf. Es geht nicht darum, die Abfahrt in einer tollen Zeit hinzulegen, sondern schneller zu sein als alle anderen. Es genügt, dass die anderen schlechter sind, dann hat man schon gewonnen und kann stolz sein.

Der Nationalismus lebt von der Konkurrenz. Seine Vertreter behaupten gerne von ihm, dass es um den Erhalt der nationalen Eigentümer und Eigenheiten ginge, gewissermaßen, was die Österreicher anbetrifft, um das Schnitzel (das Wiener Schnitzel kommt bekanntlich aus Mailand) und das Schmähführen (der Wiener Humor bezieht seine wichtigsten Quellen aus dem Jüdischen und dem Böhmischen). Die Eigentümlichkeiten müssen überzeichnet werden, damit sie bei der emotionalen Nationenbildung helfen können, die der eigenen und die der fremden Gruppe. Mit dieser Kontrastierung werden die Unterschiede verstärkt und es entstehen Grenzen, wo vorher Übergangsfelder bestanden: Die dialektischen Färbungen einer Sprache verändern sich graduell von Landstrich zu Landstrich. Wird nun eine Grenze inmitten eines Sprachfeldes eingeführt, dann driften längerfristig die Dialekte auseinander. Zum Beispiel war das Innviertel bis 1779 bei Bayern und es wurde dort der bayrische Dialekt gesprochen. Dann kam das Gebiet zu Österreich und nahm nach und nach das Oberösterreichische an, mit einem bayrischen Einschlag. 

Aus Übergangsfeldern werden unter dem Einfluss des Nationalismus Spannungsfelder. Die Grenzen, die die Gebiete trennten, wurden mit der Zeit immer stärker kontrolliert und aufgerüstet. Die Hiesigen unterschieden sich damit zunehmend von den Diesigen. Solche Grenzen sind immer Stolz- und Schamgrenzen: Der Stolz soll im Hüben sein, die Scham im Drüben.

Jeder Stolz, der auf Überheblichkeit ruht, ist nicht mehr als eine kompensierte Scham. Der Drang nach der Überlegenheit kommt aus der Minderwertigkeit, die schambesetzt ist: Ich muss besser sein als die anderen, um von ihnen nicht unterdrückt zu werden. Ich muss sie abwerten, damit ich mich sicher fühle und mir besser vorkomme. Mein Sicherheits- und Wohlgefühl ist davon abhängig,  dass andere schlechter dastehen und weniger wert sind.

Aus diesem psychologischen Mechanismus können wir verstehen, dass der Nationalismus als Ausgleich für Schamgefühle entstanden ist. Er bezieht seine suggestive Macht aus dem Kompensieren von kollektiven Minderwertigkeitsgefühlen. Er schafft es immer wieder, die Menschen hinter sich zu scharen, weil er ihnen die Entlastung von der Scham der Minderwertigkeit verheißt. 

Die paradoxe Geschichte des Nationalismus, in ihrer Gänze erzählt, lautet also: Zunächst werden die Nationen eingeführt, um den Menschen eine Erleichterung der Scham und des Schmerzes der Vereinzelung als Folge der ökonomischen Modernisierung zu verschaffen. Einmal etabliert, wirkt der Nationalismus wie eine Ersatzdroge und führt eine neue Schambelastung ein. Sie ist mit dem Ringen verbunden, die nationale Schwäche auf Kosten anderer Nationen zu überwinden. Es ist das kapitalistische Konkurrenzmodell, das für das Verhältnis der Nationen Anwendungen gefunden hat und das dann für alle Kriege verantwortlich ist, die im Zeichen dieser Ideologie begonnen werden. Eine weitere Spielwiese für den Nationalismus bot der Kolonialismus, der in dem Streben besteht, Länder, die sich noch zu wenig als Nationen etablieren konnten, der eigenen nationalen Sphäre einzuverleiben, um diese zu bereichern.

Nationalismus im Zeitfenster

Der Nationalismus hat seinen Referenzpunkt in einem relativ schmalen Zeitfenster zwischen einer Vergangenheit, der der Begriff der Nation fremd war, weil er nicht benötigt wurde, und einer Zukunft, die ihn als Relikt aus einer barbarischen Zeit abtun wird. Wir stammen aus vielfältigen Ahnenlinien ab, die sich nicht an irgendwelche politisch definierte Grenzen halten, und wir gehen in eine globalisierte Zukunft, in der die Menschen über die Kontinente, Religions- und Rassengrenzen hinweg mobil sind und ihre Zugehörigkeiten und ihre Identität laufend neu definieren müssen.

Dieses Zeitfenster hat die Ideologie des Nationalismus weidlich genutzt – einerseits zum Schutz von Traditionen, Sprachgruppen und Kulturräumen, andererseits zur Aggression gegen andere Nationen. Vom 19. über das 20. Jahrhundert bis in unsere Tage können wir die Auswüchse und Verwirrungen des Nationalismus beobachten. Während sich die Wirtschaft längst über alle Grenzen hinwegsetzt, greift erst langsam das Bewusstsein, dass wir in erster Linie Weltbürger sind und irgendwann nachgeordnet Angehörige einer bestimmten Nation oder Volksgruppe.

Erkenntnis macht frei

Die Erkenntnis der historischen Relativität und Ideologiegebundenheit des Nationalismus entkoppelt uns von seiner suggestiven Macht, und diese Entkoppelung macht uns frei, auch von den Ängsten und Schambelastungen, die die Konzepte der Nationalität enthalten. Vorgeprägte und ungeprüfte Identitäten, an denen wir festhalten, schränken uns ein, weil wir deren Gefühlskonglomorat in uns tragen. Der Vorgang der Entidentifizierung erlaubt uns, eine Beziehung zu den Prägungen aufzubauen, die wir vorher als selbstverständlichen Teil von uns angesehen haben und gar nicht von uns  selbst unterscheiden konnten. Die Distanz erlaubt uns, die Beziehung zu gestalten. Wir sind nicht mehr von ihr beherrscht, sondern können ihre Bedeutung für uns selbst festlegen. Wir können also für uns festlegen, was wir unter der Zugehörigkeit zu einer Nation verstehen und wir tun uns dann leichter, das Gemeinsame im Fremden zu erkennen und über das Trennende zu stellen. Wo wir Gemeinsamkeiten erkennen, finden wir den Weg vom Misstrauen zum Vertrauen, von der Angst zur Entspannung, vom Hass zur Liebe.

Hereinnahme statt Ausgrenzung

Demokratische Reife besteht dagegen darin, die Andersheit der anderen anerkennen und gelten lassen zu können. Die Diversität der Ansichten, Meinungen, Lebensorientierungen, kulturellen Prägungen usw. hat in einer Demokratie einen Platz und eine wichtige Bedeutung, die dazu führt, dass schwache Positionen gefördert werden. Pluralität und gegenseitige Akzeptanz sind der Nährboden für die Kreativität und Resilienz von Gesellschaften; Ausgrenzungen und Aggressionen gegen Minderheiten oder Schwächere destabilisieren den gesellschaftlichen Zusammenhalt und steigern die allgemeine Unsicherheit und Angst. 

Zur Demokratie gehört die Inklusion, zum Nationalismus die Exklusion, das Ausschließen alles dessen, was bestimmten vordefinierten Kriterien nicht entspricht. Jede Ausschließung enthält eine Beschämung der Betroffenen. Der Nationalismus ist rückwärtsgewandt, weil die Identifikation mit einer Nation kein Lösungspotenzial für irgendeine der aktuellen Krisen liefern kann. Die Zukunft der Menschheit liegt in der Zusammenarbeit über die Grenzen von Nationalstaaten hinaus. Sie kann nur dann in eine gute Richtung führen, wenn diese Kooperation auf demokratischen Grundsätzen beruht, also inklusiv und nicht exklusiv ist. Es sollte uns langsam deutlich werden, dass wir die Zukunft mit ihren Herausforderungen nur meistern, wenn wir alle mit anpacken und uns gemeinsam anstrengen, über alle urtümlichen Grenzen hinweg und jenseits aller Hoffnungen auf irgendwelche starken Männer als Erlöser. Jede der Krisen, unter denen wir leiden, ist eine Menschheitskrise; lösen kann sie nur die Menschheit in Gemeinsamkeit, auf das Basis einer fundamentalen Gleichheit.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir alle Möglichkeiten des Zusammenwirkens stärken und all den Bestrebungen, die die Lösungen in veralteten Modellen und rückwärtsgewandten Ideologien suchen, entgegenzutreten und sie an der Machtübernahme zu hindern. Die Demokratie muss streitbar sein, wenn sie weiterbestehen will, und dazu gehört, dass sie ihre Gegner benennt und in die Schranken weist. Die Demokratie ist niemand anderer als wir selber, die Summe unserer politischen Einstellungen und Handlungen, soweit wir uns zu ihr bekennen und ihre Wichtigkeit für eine breite Basis der Menschlichkeit erkannt haben. Im Prinzip der Inklusion ist die Garantie enthalten, Menschen vor jeder strukturbedingten Beschämung zu bewahren.

Zum Weiterlesen:
Sportlicher Nationalismus und Globalisierung
Das kleine Fenster des Nationalismus
Nationalismus und Opferstolz


Samstag, 9. Juli 2022

Selbstdienliche Verzerrungen

Wir neigen dazu, uns in ein positives Licht zu setzen, vor allem dann, wenn andere Kritik an uns üben oder uns abwerten. Die Soziologie hat diese Neigung genauer untersucht und ist auf das eigenartige Phänomen der „selbstwertdienlichen Verzerrung (self-serving bias)“ gestoßen. Das Phänomen besteht darin, die eigenen Erfolge sich selber und die Misserfolge äußeren Ursachen zuzuschreiben. Für alles, was gut läuft, bin ich selber verantwortlich und kann mich dafür anerkennen. Für alles, was schiefläuft, mache ich die Umstände oder die anderen Menschen verantwortlich und bin damit aus dem Schneider.

Diese zweite Komponente des Verzerrungsmechanismus dient dem Schutz des Selbstwertes und der Vermeidung von Scham. Sie besteht darin, sich selbst von der Verantwortung für Fehler zu entlasten, indem sie anderen Instanzen zugeordnet wird. Damit geraten der Selbstwert und die Selbstachtung nicht in Gefahr. Wenn ich in einen Stau gerate und nicht weiterkomme, schimpfe ich auf den Verkehr und die anderen Autofahrer und komme nicht auf die Idee, mich selber zu fragen, ob ich vielleicht zu spät weggefahren bin und eventuelle Verkehrsbehinderungen nicht einberechnet habe. Wenn der Computer abstürzt, ist auf jeden Fall er schuld und nicht meine Aktionen, die zum Absturz geführt haben. Wenn ich auf einen Termin vergessen habe, ärgere ich mich über die anderen Leute, die dauernd etwas von mir wollten und mich abgelenkt haben.

Scham und Stolz


Die Verantwortung für Fehler zu übernehmen fällt uns schwer, weil das Eingeständnis von eigenen Unzulänglichkeiten mit Scham verbunden ist. Wenn wir äußere Ursachen finden, die unsere Fehlleistungen bewirken, brauchen wir uns selber nicht zu schämen und unser Selbstwertgefühl bleibt intakt. Stattdessen kehren wir die Orientierung um und beschämen andere, denen wir die Schuld geben für das, was schiefläuft.
Die andere Seite dieses psychologischen Phänomens, die selbstwertstärkende Komponente, bei der wir uns als einzige Verursacher unserer Erfolge wahrnehmen, hat mit Stolz zu tun. Der Stolz ist die psychische Kraft, die unseren Selbstwert stärkt, solange er in einem maßvollen Rahmen bleibt, also verschiedene Aspekte der Realität mit einschließt, z.B. all die Beiträge, die von außen zu den eigenen Erfolgen beitragen.
Es ist wiederum die Scham, die den überschießenden Stolz in die Schranken weist und darauf hinweist, dass alles, was wir tun, immer in einem sozialen Feld stattfindet. Es gibt immer andere Akteure, die mitwirken, dass wir erfolgreich sind und ohne die wir nicht zu den Resultaten kommen, die wir erschaffen. Die Scham erinnert uns daran, zum Feiern unserer Erfolge auch die Bescheidenheit und die Dankbarkeit einzuladen.
Auf diese Weise bleibt unser Selbstwert in Balance. Er findet die Mitte zwischen Selbstüberschätzung und Selbstabwertung und ermutigt uns zu einer angemessenen Verantwortungsübernahme und entlastet uns selbst von einer übermäßigen Verantwortung. Wir stellen uns der Realität in einem weiteren Rahmen als der, den uns unsere unbewussten Egomechanismen anbieten und der auf Ausblendungen und Verzerrungen beruht.

Die umgekehrte Dynamik


Es gibt auch Menschen, bei denen diese unbewusst ablaufende Dynamik umgekehrt verläuft. Sie sehen ihre Erfolge als vor allem von außen bewirkt und stellen ihr Licht gerne unter den Scheffel. Andererseits nehmen sie ihre Fehler ganz persönlich, ohne an äußere Verursachungen zu denken. Sie schämen sich dafür, wenn sie in einem Bereich nicht schaffen, was sie schaffen sollten, was auch zu einer depressiven Verstimmung führen kann. Ihre Erfolge nehmen sie weniger wichtig, sondern sind mehr auf Misserfolge fixiert. Damit schädigen sie ihren Selbstwert.
Andere Menschen schwanken situationsbedingt zwischen der selbstwertstärkenden und der selbstwertschwächenden Form der Realitätsverzerrung. In manchen Situationen sind sie stolz auf ihre Erfolge und schieben ihre Verantwortung für die eigenen Fehler auf andere ab. In anderen Situationen beschuldigen sie sich selbst für ihre Fehler, nachdem sie sich über die Verursachung durch andere beschwert haben.
Für diese Unterschiede sind neben Charakter und Temperament auch die Erziehungsstile in der Kindheit und die damit verbundenen Werthaltungen verantwortlich. Eltern leben durch ihre Art des Umgangs mit Erfolg und Misserfolg vor, wie solche Erfahrungen am besten verarbeitet werden. Die Kinder orientieren sich an ihren Vorbildern und übernehmen diese oder wandeln sie in ihr Gegenteil um. Wenn es um Erfolge geht, gibt es eine Bandbreite von Umgangsweisen zwischen scheinbescheidenem Kleinreden und großspuriger Protzerei. 

Ebenso breit ist die Palette bei Misserfolgen. Sie können übergangen und ignoriert, bagatellisiert oder dramatisiert werden. Häufig werden Ausreden mit Scheinursachen genutzt, um die psychischen Folgen eines Misserfolgs vor sich selbst und die sozialen Folgen bei den anderen abzuschwächen. Niemand will schlecht dastehen, weder vor sich selbst noch vor den Mitmenschen. 

Selbst die Variante, die eigenen Erfolge abzuwerten und die Misserfolge aufzubauschen, dient der Aufrechterhaltung der Selbstachtung und der sozialen Wertschätzung. Die Zügelung des Stolzes bei Erfolgen dient einem Selbstbild der Bescheidenheit, und die Selbstbeschuldigungen beim Versagen sollen Mitgefühl und Mitleid mobilisieren. Die Verzerrung der Wirklichkeit zielt also immer auf einen innerpsychischen und einen sozialen Nutzen. Unser Unterbewusstsein glaubt, dass es besser fährt, wenn es Wirklichkeitsfilter anwendet, die in anderen Zusammenhängen, also vor allem in der Kindheit ausgebildet wurden. Bessere hat es nicht zur Verfügung.

Da die Verzerrungen meist auf solchen ungeprüften Annahmen in Bezug auf die Selbstbeziehung und auf das soziale Umfeld gesteuert sind, führen sie zu selbstbestätigenden Zyklen. Die Vorannahmen erweisen sich als gültig, insofern sie sich selbst beweisen: Wenn ich mit meinen Ausreden durchkomme und Beschämungen vermeiden kann, dann ist das die einzig richtige Strategie, um mit Misserfolgen zurechtzukommen. Wenn ich mich selber für Misserfolge geißle, bekomme ich Sympathie und aufmunternde Zuwendung.

 

Wirklichkeitsverzerrung bedeutet Freiheitsverlust


Die gewohnte Strategie erzeugt Sicherheit, engt aber die Freiheit ein. Denn jeder Verlust an Wirklichkeitswahrnehmung reduziert die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Das innere Erleben unterliegt einer Selbstmanipulation und führt damit zur Selbstentfremdung.
Solche Strategien funktionieren nur, wenn sie unbewusst ablaufen und nicht reflektiert werden. Sie sind scheinbar alternativ- und konkurrenzlos in Geltung und haben ihren angestammten Platz im psychischen Notfallkoffer. Wird allerdings verständlich, dass sie eingeübte Formen der Wirklichkeitsverzerrung sind, die nicht automatisch ablaufen müssen, sondern auch geändert werden können, so ergibt sich der erste Schritt zu mehr Autonomie. Hilfreich ist zusätzlich die Erforschung der Hintergründe und Quellen solcher Reaktionsmuster, indem die dahinterstehenden Kindheitserfahrungen und übernommenen Werthaltungen durchleuchtet werden. Je mehr Bewusstheit gewonnen wird, desto mehr Freiheitsräume öffnen sich.

Mittwoch, 5. Mai 2021

Helden ohne Mythos

Der Archetyp des Helden zählt zu den zentralen Urbildern des kollektiven Unbewusstseins. Heldenmythen gibt es in vielen Traditionen und Kulturen. Sie begeistern vor allem junge Menschen, die gerade aus ihren Familien ausbrechen wollen. Dieser Archetyp ist sehr anfällig für Missbrauch und hat deshalb einen zwiespältigen Ruf. Im Folgenden soll der Begriff des Helden ein wenig de- und rekonstruiert werden, um die Ideologisierungen, die in diesem Zusammenhang gemacht wurden, zu entschärfen. Denn dieser Begriff eignet sich verhängnisvoll gut für die Instrumentalisierung durch Machtinhaber: Sie müssen nur den Menschen einreden, dass sie Helden sind, wenn sie sich für kollektive Zwecke aufopfern. Der Diktator erreicht seine Ziele und die Helden sind verblutet. Allenfalls werden sie mit einem Heldendenkmal gefeiert, mit dem sich vor allem der Diktator brüstet, und die Hinterbliebenen kriegen einen Zettel oder eine Blechmedaille. 

Wer ist aber ein Held? Ein Held, eine Heldin ist jemand, der/die trotz Angst eine Selbstüberwindung zustande bringt. Ein Held ist nicht jemand, der mit links möglichst viele Feinde zu Boden streckt oder in die Luft wirbelt und dann lässig vom Schlachtfeld geht. Das Markenzeichen des Helden ist nicht die unbekümmerte Angstfreiheit, sondern die Bereitschaft und Fähigkeit, angesichts der Angst nicht einzuknicken oder wegzulaufen, sondern handlungsfähig zu bleiben und das Notwendige zu tun. Heldentum heißt also, eine anstehende Herausforderung zu meistern, gleich ob es leicht oder schwer fällt, gleich ob das Herz in die Hose fällt oder nicht.  

Wenn wir von Helden sprechen, denken wir an Menschen, die Außergewöhnliches angesichts widriger Umstände geschafft haben. Was außergewöhnlich ist, kennt aber keine objektiven Maßstäbe, sondern ist das, was jenseits der eigenen Gewohnheiten und außerhalb der eigenen Bequemlichkeitsgrenzen liegt. Jeder Mensch hat da seine eigenen Begrenztheiten, die von Ängsten und Schamgefühlen bewacht werden. Und jeder hat deshalb auch vielfältige Gelegenheiten, den eigenen Heldenmut unter Beweis zu stellen. 

Die Gestalt der Heldin ist ein Archetyp des Mutfassens, der Ermutigung und der Bekräftigung. Wir können ihn zur Steigerung unserer Selbstmächtigkeit und zur Vergewisserung unserer Würde als Mensch nutzen. Er enthält die Ermunterung und den bestärkenden Zuspruch, den eigenen Möglichkeitsraum und damit die Spielwiese der Freiheit beständig zu erweitern, für uns selbst und für die anderen.  

Der Angst begegnen 

Jede überwundene Angst stärkt das Selbstvertrauen und immunisiert gegen unnötige Schambelastungen. Jede Angstsituation, die wir durchlebt haben, macht uns angstfreier. Jedem Ungeheuer, dem wir in die Augen geblickt haben, ohne zu weichen, haben wir die Macht über uns genommen. Wir fühlen uns in der Lage, Grenzverletzungen zu erkennen und zu verhindern. Wir schaffen es, den inneren Dämonen entgegenzutreten und uns vor ihren Einflüssen und Einflüsterungen zu wappnen. Wir lassen keine Beschämungen mehr zu oder nehmen sie nicht persönlich, wenn sie jemandem in unserer Umgebung unterlaufen. 

Der Helden-Archetyp macht Mut, über die eigene Komfortzone hinauszugehen und mit alten Gewohnheiten zu brechen, um Neuland zu erschließen. Und dazu gibt es in jedem Leben, ja sogar in jedem Lebensmoment eine Gelegenheit. Wir müssen also nicht gefährliche Länder bereisen, Tiefseetauchen oder riskante Klettertouren unternehmen, um unser Heldentum unter Beweis zu stellen. Wenn wir uns überwinden, für unser Immunsystem und unseren Kreislauf unter die kalte Dusche zu treten und ein paar Minuten auszuhalten, kann das eine Heldentat sein. Oder auch: Wenn wir, statt einen Streit fortzusetzen, einen Atemzug nehmen und etwas Liebevolles sagen. Oder auch: Wenn wir das Kleinkind, das einen Wutanfall hat, zu uns nehmen und so lange halten, bis es ruhig wird. Oder auch: Wir gehen den Berg Bügelwäsche an, obwohl die Gewohnheit zum Fernseher zieht. Oder auch: Trotz eines fast unerträglich schweren Gefühls und Widerwillens steigt die depressive Person aus dem Bett und trotzt ihrer miesen Stimmung.  

Heldenreisen beginnen genau dort, wo sich ein unüberwindlich scheinendes Hindernis vor einem auftürmt. Die Möglichkeiten, zum Helden zu werden, sind unendlich, und jedes Leben enthält lange Listen von vollbrachten Heldentaten, freilich auch von misslungenen oder vermiedenen Herausforderungen. Es gibt also auch keine Helden ohne Versagen. 

Es geht nicht nur darum, alte hinderliche Gewohnheiten zu verlassen, sondern auch darum, neue aufzubauen, die uns guttun, z.B. in Bezug auf die Ernährung oder die Bewegung. Auch das erfordert die Überwindung von inneren Widerständen und das Aufbringen von Konsequenz und Disziplin. Andererseits brauchen wir die Heldenkraft auch, um Gewohnheiten, die uns schwächen, zu brechen. Alles, was wir übertreiben und im Übermaß tun oder genießen, was uns also kurzfristig gefällt und langfristig belastet, all die Routinen der Selbstschädigung werden durch eingefräste Gewohnheiten am Laufen gehalten. Solche Vorgänge zu unterbrechen oder zu beenden, erfordert viel Selbstdisziplin und Willenskraft. 

Heldentum finden wir also nicht nur in einzelnen Großtaten, sondern auch in einer beständig fortgeführten Lebenspraxis, die den eigenen Idealen entspricht oder sich ihnen mehr und mehr annähert. Selbst Menschen, die ein unauffälliges Leben führen, in dem sie mit Fleiß und Konsequenz ihre Aufgaben zum Besten für sich selber und ihre Mitmenschen erfüllen, sind heldenhaft.  

Die Heldentaten im Miteinander 

Es geht beim Helden-Archetypen nicht nur um die Stärkung der eigenen Lebenstüchtigkeit, sondern auch um die Stärkung des Miteinanders, also um die Stärkung der Mitmenschen und des Zusammenlebens mit ihnen. Das klassische Ideal des Ritters aus dem Mittelalter umfasste immer auch die Hilfsbereitschaft: Den Einsatz für die Kranken, Schwachen, Witwen und Waisen. Held ist also nicht der Ego-Optimierer, der selbstbesessene Muskelprotz oder Karriere- und Reichtumsmaximierer. Held ist vielmehr jemand, der ein Herz für die anderen hat, die in Schwierigkeiten stecken, und der sich tätig für sie einsetzt, ohne die eigenen Interessen in den Vordergrund zu stellen. Er ist jemand, der das Gemeinwohl über den Eigennutzen stellt. 

Das beginnt mit Eltern, die Tag und Nacht für die Nöte ihrer Babys da sind und die eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Es gibt Ärzte und Krankenpfleger, die im Bedarfsfall bis an den Rand ihrer Erschöpfung Leben retten. Viele Männer und Frauen sorgen für ihre kranken, alten oder behinderten Angehörigen. Viele setzen sich für Flüchtlinge oder Migranten ein oder leisten Hilfsdienste in Katastrophengebieten. Viele gehen gegen Unrecht und Machtmissbrauch unter Lebensgefahr auf die Straße. 

Die Helden des Geistes 

Die Scham ist es, die uns an Gewohnheiten festhalten lässt. Neue Wege zu gehen ist immer mit dem Risiko verbunden, abgelehnt, abgewertet, verspottet oder ignoriert zu werden. Diesem Risiko stellen sich auch die Helden des Geistes, jene Menschen also, die neue Bereiche des Denkens, des Forschens und der Ideenbildung erschließen. Sie überschreiten die Gewohnheitsgrenzen und wagen neue Einblicke in die Tiefen und Weiten des Universums. Sie müssen die Wahrnehmungs- und Denktraditionen, auf die sich alle andere stützen, hinter sich lassen und Neuland erschließen, unabhängig von Anerkennung und Bewunderung. Einzusehen, dass die Erde um die Sonne kreist (Kopernikus), dass alle Erkenntnis subjektiv ist (Kant) oder dass Gott tot ist (Nietzsche), ist gefährlich für den eigenen Status in der Gesellschaft. Die Kompromisslosigkeit der Helden des Geistes ist ihre Gabe, den Beschämungen zu trotzen, die als Reaktionen der Gesellschaft auf die Infragestellung von Denkgewohnheiten kommen. 

Ebenso mutig ist es, Kunstwerke zu schaffen, die die Wahrnehmungsgewohnheiten der Umwelt herausfordern. Mutig war es, atonale Musik zu komponieren oder abstrakte Bilder auszustellen. Alle bahnbrechenden Leistungen in den verschiedenen Bereichen der Kunst haben etwas Heldenhaftes an sich. Sie haben das Tor zu neuen Bewusstseinsebenen und damit zu mehr Freiheit geöffnet. 

Die Heldenreise im Inneren 

Wir brauchen den Archetypen des Heldens auch für die Innenreise. Denn viele Weisheitslehrer behaupten, dass die eigentlichen und wirklichen Gefahren dort drinnen, in den Schutzschichten des Persönlichkeitskernes, lauern. Die Angst haftet nicht an Objekten, sondern entsteht in uns, sobald ein Außenreiz aufgenommen wird, den wir als Gefahr interpretieren. Das Erkennen, Konfrontieren und Durchschauen dessen, was uns Angst macht, erfordert Heldenmut. 

Der Hort der Ängste wird als das Ego bezeichnet. Deshalb, so die Ansicht vieler spiritueller Lehrer, liegt die größte Angst darin, dieses Ego zu verlieren. Gewissermaßen schützt sich das Ego durch die Mobilisierung aller Ängste davor, die Herrschaft im Innenleben abzugeben. Der Verlust der Kontrolle über unser Leben, die uns das Ego verspricht, droht und wird mit allen Mitteln verhindert. Die spirituelle Heldenreise ist jene, Schicht um Schicht dieses Ego zu entmachten und damit Schritt für Schritt die Idee, das eigene Leben unter Kontrolle zu haben, aufzugeben. Wo keine Angst und keine Kontrolle bestehen, hat auch die Scham keinen Platz mehr. 

Wir haben es also auch mit spirituellen Heldinnen zu tun, wenn jemand mit großem Einsatz und viel Ausdauer an der Bewältigung der inneren Widerstände und Blockaden arbeitet. Menschen, die diesen Weg sehr weit gegangen sind, werden oft als Heilige verehrt und finden ihre Schüler und Jünger, die sich von ihrem Beispiel anspornen lassen, selber auf die Suche zu gehen.  

Wir alle sind Helden 

Wie wir an diesen Beispielen sehen, gibt es praktisch in allen Lebensbereichen Heldentaten und noch mehr Gelegenheiten dazu. Und es gibt auch in jedem individuellen Leben Heldenhaftes. Es kann das Durchbrechen einer Gewohnheit sein, die jemand loswerden will – sei es ein unmäßiger Fernseh- oder Videokonsum, der abendliche Joint oder gar das Zigarettenrauchen oder Alkoholtrinken. Wer es schafft, von ungesundem Konsumverhalten weg zu kommen, ist stolz auf sich und kann sich als Held über die inneren Gewohnheitsdämonen fühlen. Oft braucht es natürlich Zeit, bis solche Muster endgültig besiegt sind, solange die inneren Mechanismen, die sich an die ungesunden Substanzen gewöhnt haben, abgebaut sind und auch die äußerlichen Anreize, die das Verhalten auslösen, ihre verführerische Macht verloren haben. Aber wenn die Veränderung nachhaltig stabilisiert ist, gibt es Gründe, den eigenen Heldenmut anzuerkennen. 

Scham und Stolz

Die Idealitätsscham hilft uns, Ängste zu überwinden. Unsere innere Stimme sagt uns: Das wäre doch gelacht, wenn ich das nicht schaffen würde. Ich kann mir selber etwas beweisen, wenn ich diese Herausforderung angehe, statt mich vor ihr zu drücken. Diese Schamform meldet sich, wenn wir gegen unser Gewissen handeln und das, was wir für das Beste halten, nicht verfolgen. Umgekehrt lernen wir von ihr, immer und immer wieder nach unseren Idealen zu streben und uns nicht entmutigen zu lassen, wenn es einmal eng wird oder aussichtslos erscheint. Sie wirkt in ihrer Umkehrung wie ein innerer Imperativ, als Motivationsschub, und sie verwandelt sich in einen förderlichen Stolz, sobald die Überwindung gelungen ist. Es ist ein Stolz, der als Kraft in die Motivation einfließt, die bei der nächsten Herausforderung gebraucht wird. 

Verkehrungen des Heldenideals 

Das Heldenideal wird häufig benutzt, um eigene Schwächen zu kompensieren. Dieses Verhalten kann auf jeder Ebene auftreten, z.B. charakterlich, körperlich, prestigemäßig oder finanziell. Alles, was mit Scham behaftet ist, ist für einen Missbrauch des Heldentums anfällig, und es gibt nichts in den menschlichen Belangen, das nicht Anlass für Scham bieten könnte. Um der Macht der Scham zu entrinnen, wird die Gegenposition in einem heldenmütigen Stolz gesucht, um den Mangel auszugleichen. Der Sohn, der vom Vater abgewertet wird, weil er die erwarteten Leistungen in der Schule nicht erbringt, will es dem Vater beweisen, indem er in einem besonders riskanten Bereich den wirtschaftlichen Erfolg sucht. Sein Ziel ist es, mehr Geld als der Vater zu verdienen, um endlich anerkannt zu werden, und für dieses Ziel ist ihm jedes Mittel recht. 

Wo die Scham als Antreiberin aktiv ist, kann keine echte Heldin werden. Von einer Hintergrundscham angeleitetes heldenhaftes Auftreten wirkt gekünstelt, übertrieben und angeberisch. Es will Eindruck schinden, um die Scham in Stolz zu verwandeln. Es kommt also eigentlich nicht von Innen, aus einem eigenen Wollen, sondern ist für ein Außen bestimmt, das applaudieren und bewundern soll. Es folgt keinem Selbstzweck, vielmehr liegt der Zweck bei den anderen und ist von ihnen abhängig. Das scheinbare Heldenideal verschwindet spurlos, sobald die Anerkennung ausbleibt. 

Nicht nur selbstwertschwache Individuen flüchten ins Heldenideal, sondern auch legitimationsschwache Regime. Die Heldenverehrung wird in allen Diktaturen hochgehalten, um möglichst viele Helden unter dem Apparat zu versammeln, die dann für die Ziele der Diktatur skrupellos eingesetzt werden könnten. Schlägertruppen, die sich selber heroisieren. 

Helden und Gewalt 

Kriegshelden sind ein äußerst problematischer Begriff, wenn nicht sogar ein Widerspruch in sich selbst. Denn sie werden in den meisten Fällen für die Tötung anderer Menschen verehrt und bejubelt, gleich ob sie in einem Krieg kämpfen, der für Gerechtigkeit eintritt oder für eine unmenschliche Eroberungs- und Zerstörungspolitik. Die Verehrung (z.B. am Wiener Heldenplatz und Heldentor) dient der Aufforderung zur Nachahmung: Selbstlos und mutig sollen sich die jungen Männer in den Kampf werfen und möglichst viele Feinde töten, um ihr Vaterland zu verteidigen. Damit erweisen sie zwar ihrer Heimat einen Dienst, vor allem, wenn diese von fremden Mächten angegriffen wird. Aber sie verursachen Leid bei jedem Menschen, den sie verletzen und töten, sowie bei dessen Angehörigen.  

Soldaten in einem Angriffskrieg tragen eine noch schwerere Gewissenslast: Sie müssen für eine ungerechte Sache töten. Sie sind zwar gezwungen, in den Krieg zu gehen und würden ihr Leben riskieren, wenn sie es nicht täten (wie der Oberösterreicher Franz Jägerstätter im 2. Weltkrieg), aber sie begehen ihre Gewaltakte zusätzlich noch für eine menschenfeindliche Politik. Die Verleugnung eigener Ideale, die Unterordnung unter ein Regime, Zerstörungshandlungen und Morde auf Befehl und gegen Frauen und Kinder sind mit schwerer Scham belastet, weil es für solche Taten keine moralische Rechtfertigung gibt. Je heftiger die Schambelastung, desto heftiger gestalten sich die Abwehr und die Verleugnung. Kriege ziehen in mehrfacher Hinsicht Blutspuren durch die Seelen der Täter: Jeder Blutstropfen, für dessen Vergießen sie verantwortlich sind, bewirkt eine Schamlast, die sich bei den Beteiligten als Charakterdeformation auswirkt, soweit sie sich der Scham nicht stellen. Da die Scham in den meisten Fällen in Ermangelung eines emotionalen Heldentums verdrängt und unterdrückt werden musste, wird sie an nächsten Generationen weitergegeben, die an den übertragenen Traumatisierungen und deren Folgen  leiden müssen.  

Wenn allerdings Widerstandskämpfer gegen ein diktatorisches System konspirieren, verwegene Taten setzen und damit ihr Leben aufs Spiel setzen, kommt ein weiterer Faktor zum Tragen: Der Widerstand gegen Unterdrückung dient nicht nur dem Helden selbst, sondern soll ein besseres Leben für die ganze Gesellschaft und die Nachkommen ermöglichen. Er ist also immer auch auf die Verbesserung eines größeren Ganzen, und nicht auf die Verteidigung einer abstrakten Heimat eingestellt. Drei Offiziere der deutschen Wehrmacht haben versucht, in den letzten Wochen des 2. Weltkriegs eine kampflose Übergabe Wiens an die russischen Streitkräfte auszuhandeln, um der Zivilbevölkerung Leid zu ersparen. Sie wurden verraten und hingerichtet. 

Ein bekanntes Beispiel in diesem Zusammenhang stellt die Diskussion um den Tyrannenmord dar. Ist es legitim, einen Menschen umzubringen, um Tausenden das Leben zu retten? Es gibt keine eindeutige Antwort auf diese diffizile ethische Frage, die mit jeder Form des gewaltsamen Widerstandes auftaucht. Ein Geheimnis des Helden-Archetyps besteht darin, dass es Situationen gibt, die nicht ohne Schuld bewältigt werden können, die aber bewältigt werden müssen. Es gibt viele Konfliktsituationen, in denen jede Handlung zu einer Schuldbelastung führt, indem, was immer man tut, um Gutes zu bewirken, jemand anderer jedoch Schaden erleidet. Es liegt allerdings auch ein Mut darin, zu tun, was das eigene Gewissen verlangt und sich der Schuld und Scham zu stellen, die angesichts der Umstände unvermeidlich erscheinen, und die Last in Verantwortung zu tragen. 

Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma ist der Weg des gewaltlosen Widerstandes, wie er z.B. von Mahatma Gandhi vorgelebt und verbreitet wurde. Dieser Weg hat viele zivile Helden hervorgebracht, die bis heute auf der ganzen Welt mit Methoden der Gewaltlosigkeit gegen Missstände, Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten protestieren. Diese bewundernswerten Menschen haben gezeigt, dass die Macht des Geistes und der Menschlichkeit auf längere Sicht stärker sind als die Macht der Gewehre und der Brutalität.  

Zum Weiterlesen:
Die Rebellen und die Freiheit

Montag, 26. Juni 2017

Friedrich Nietzsche und die Weisheit des Körpers

Friedrich Nietzsche, der einflussreiche und vieldeutige Denker und Schriftsteller, hat ein Kapitel seines bekannten Buches „Also sprach Zarathustra“ der Preisung des Körpers gewidmet. Konträr zu vielen spiritistischen und spiritualistischen Anschauungen seiner  und unserer Zeit hat er die Leiblichkeit des Menschen ins Zentrum seiner Lehre gestellt. „Leib bin ich ganz und gar, und nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort für etwas am Leibe.“

Nietzsche stellt damit eine selbständige Existenz der Seele in Abrede. Es gibt keine Seele ohne den Körper, eine Einsicht, die auch die zeitgenössische Biologie und Neurowissenschaft nahelegt. Es gibt nichts, was wir als seelisch erleben, das nicht mit einem körperlichen Vorgang verbunden ist und ohne diesen nicht möglich wäre. Ist das eine Kränkung für den stolzen menschlichen Geist, der sich so weit über die Materie erheben kann und ihr offenbar dennoch nicht entkommt?

Der Leib ist eine große Vernunft


 „Der Leib ist eine große Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne (…). Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du »Geist« nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner großen Vernunft.“ In dieser Rangordnung sind wir entstanden: Die organischen Vorgänge unserer Zeugung und Embryonalentwicklung, die von einer großartigen Intelligenz in der Steuerung und Abstimmung verraten, stehen am Anfang, und erst in deren Rahmen entfaltet sich langsam das, was wir als „Geist“ bezeichnen, die bewusste Wahrnehmung, Lenkung und Reflexion. Ohne die organischen Prozesse gibt es keine geistige Aktivitäten, zumindest insoweit wir davon Kenntnis und Erkenntnis haben; und auch die Geister, die von einer von den körperlichen Aktivitäten unabhängigen geistigen Tätigkeit oder Existenz reden, tun dies mit Hilfe ihrer intakten Körperfunktionen – sobald diese aussetzen, kommen auch solche Aussagen nicht mehr zustande.

Weiters ist zu bedenken, dass die hohen Funktionen des Geistes, also seine bewusste Verwendung für das Nachdenken, für mathematische Problemlösung und technische Erfindungen, die große Ausnahme darstellen, während wir uns in der Regel in unserem Alltagsleben mit einfacheren geistigen Abläufen zufriedengeben, wenn wir nicht überhaupt Tagträumen nachhängen. Alle diese kognitiven Prozesse werden direkt von Körpervorgängen gestaltet und gesteuert. Wir brauchen nur einmal darauf darauf achten, wie ein Gedanke entsteht, und merken dabei, dass dieser von irgendwo „aufsteigt“, nicht aber, dass wir ihn „erschaffen“, d.h. selbst das Nachdenken ist ein weitgehend passiver Vorgang, weit von Autonomie und bewusster Steuerung entfernt, und noch weiter sind die anderen, weniger strikten oder kontrollierten Denkformen der bewussten Einflussnahme entzogen. In dem „Aufsteigen“ von Gedanken in unserem Kopf zeigt sich die neuronale Aktivität im Gehirn, die bestimmten organischen Abläufen eine spezielle Qualität hinzufügt, die sie uns allmählich bewusst werden lässt.

„Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe als in deiner besten Weisheit,“ so schreibt Nietzsche weiter. So viele Stoffwechselprozesse müssen in unserem Organismus in Balance sein und optimal arbeiten, damit auch nur ein vernünftiger Gedanken zustande kommen kann. All diese Prozesse regeln sich selbsttätig, ohne bewusste Lenkung, allein durch die Vernunft des Leibes. Deshalb brauchen wir wesentlich mehr von dieser Intelligenz für unser Leben, und unsere gesamte Gelehrsamkeit nützt uns nur wenig, wenn diese Intelligenz ihren Dienst verweigert. In jedem Fall sind unsere besten Weisheiten ursprünglich nichts als Emanationen der leiblichen Vernunft, also von neuronalen Regelkreisen, die ihrer eigenen Logik und ihren eigenen Absichten folgen.

Das stolze Ich


„»Ich« sagst du und bist stolz auf dies Wort. Aber das Größere ist, woran du nicht glauben willst, – dein Leib und seine große Vernunft: die sagt nicht Ich, aber tut Ich.“ Viel bilden wir uns ein auf diese unsere Vernunft und auf das Ich-Bewusstsein, mit dem sie verknüpft ist. Aber auch hier verweist Nietzsche auf den Konstruktionsvorgang, in dem das Ich aus der Vernunft des Leibes erschaffen wird, ohne dass dafür irgendeine sprachliche Aktivität notwendig wäre. Unser Geist hat die Eigentümlichkeit, die Urheberschaft des eigenen Denkens im Dunkeln zu belassen und sich selbst zuzuschreiben. Aus dieser Verschleierung erwächst das stolze Ich, das sich so viel auf sich selbst einbildet, während die Körperprozesse fortwährend die ganze Grundlagenarbeit leisten.

Die Grenzen der leiblichen Vernunft


Es gilt allerdings, eine wichtige Ergänzung zu dieser Geistkritik Nietzsches anzuführen. Neben der Weisheit, über die unser Körper verfügt und mittels derer er jeden Moment unserer Existenz ermöglicht, ist er auch der Speicher unserer Traumatisierungen. Die belastenden Erfahrungen unserer Lebensgeschichte haben ihre Spuren in den Geweben und Organen hinterlassen, bis auf die Zellebene. Unsere emotionalen Leidenszustände sind auch unserem Körper und seinen Angstgedächtnissen zuzuordnen, sodass wir oft im Leben fern von Vernunft und Weisheit agieren, gesteuert von Impulsen aus unserer Physiologie, die aus Überlebensprogrammierungen stammen.

Insoferne wirkt jede Idealisierung des Körpers realitätsfern und naiv, allerdings bietet sie einen eindrucksvollen Kontrapunkt zu allen dualistischen Konzepten, die das Seelische und Geistige vom Körperlichen trennen, um es diesem überordnen zu können. Solche Anmaßungen und Selbstüberhöhung des Menschengeistes hat Nietzsche mit Vehemenz zu bekämpfen verstanden.

Dort allerdings, wo der „Philosoph mit dem Hammer“ eine Gegen-Idealisierung predigt, indem er Einschränkungen und Verzerrungen der Weisheit des Körpers übersieht (die ihn selber die letzten Jahre seines Lebens vollständig der Schaffenskraft beraubt haben), gilt es, von der Kritik von Einseitigkeiten zu einer integrierten Sicht des Menschlichen zu kommen. Das Zusammenspiel von Körperprozessen und geistigen Aktivitäten, die Entstehung des Bewusstseins aus dem Unterbewussten und die interaktiven Abläufe dazwischen führen uns näher zu dem Geheimnis dessen, was wir sind, wenn wir mit Achtsamkeit lauschen, was sich da in jedem Moment abspielt. Dann ist der Geist der Freund, Begleiter und dankbare Helfer des Körpers.


Zitate aus: Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Kapitel 15