Im vorigen Artikel ging es um die Schwierigkeit, packende und motivierende Geschichten zu finden, die zur Mobilisierung vereinter Kräfte für den Einsatz gegen die fortschreitende Klimazerstörung beitragen. Alle Strömungen, die diesem Engagement entgegenwirken, von Leugnern des Klimawandels über die Leute, die erst etwas tun wollen, wenn “die anderen” aktiv werden bis zu jenen, die meinen, es ohnehin alles schon zu spät, sind von Geschichten gespeist und ideologisiert, die hier im Überblick dargestellt sind. Es handelt sich um Narrative, die durch Lobbys und Interessengruppierungen jener, die von der Verzögerung und Verschleppungen von Klimaschutzmaßnahmen profitieren, verbreitet und vermarktet werden. Die Zitate stammen aus dem Buch Erzählende Affen.
1. Die Rivalität zwischen Ökologie und Ökonomie – Wer ist David und wer ist Goliath?
Ein von Politikern gerne strapazierter (und konstruierter) Gegensatz ist der zwischen der Wirtschaft und der Klimapolitik. Dieser Konflikt besteht nur, wenn wir kurzfristig denken, und er wird zusätzlich ideologisch aufgeheizt, indem die Folgen eines intensivierten Klimaschutzes drastisch ausgemalt werden – ein Szenario mit all den Arbeitskräften, die in der Öl-, Auto- und Fleischindustrie arbeitslos würden, wird als Drohung heraufbeschworen. Hier wird ein Mechanismus der menschlichen Psyche aktiviert, nämlich die Verlustaversion: Wir reagieren viel empfindlicher auf Verluste als auf Gewinne, offenbar weil uns Verluste bedrohen und damit unsere Angstreaktion ausgelöst wird.
Mit der Konstruktion der Rivalität zwischen Ökologie und Ökonomie wird suggeriert, dass sich die Menschen für eins von beiden entscheiden müssten. Viele wählen deshalb die Wirtschaft, weil sie sich davon einen kurzfristigen Nutzen bzw. weniger aktuellen Schaden und möglichst keinen Verlust an Wohlstand erhoffen. Der abstrakte Nutzen irgendwann in der Zukunft verblasst dagegen, während befürchtet wird, dass Einschränkungen in der Gegenwart besonders schmerzhaft werden könnten.
In Diskussionsveranstaltungen treffen häufig Wissenschaftler, die die Berechnungen über die Folgen der Erderwärmung vorlegen, und Vertreter der Wirtschaft, die die Folgen von Klimamaßnahmen auf einzelne Wirtschaftszweige an die Wand malen, aufeinander und finden natürlich keine Übereinstimmung; beim Publikum entsteht der Eindruck, dass es sich um zwei entgegengesetzte Meinungen handelt, von denen jede etwas für sich hat. Verzerrt wird dabei eine Situation, in der die eine Seite auf der Grundlage von Forschungen vor einer zerstörten Zukunft warnt und die andere in der Gegenwart weiterhin Gewinne machen will. Das einfache Argument, dass es in einer zerstörten Umwelt keine Wirtschaft mehr geben kann, wird als Klimahysterie abgetan. Es sind also ungleiche Partner, die miteinander verglichen werden: Auf der einen Seite Profitinteressen, die einigen zugutekommen, und auf der anderen Seite die Überlebensinteressen der Menschheit.
In Wahrheit kann es keinen Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie geben, indem laufend Kompromisse geschlossen werden, damit zwar ein wenig Klimaschutz stattfindet, aber die Wirtschaft nicht grundlegend geändert werden muss. Denn die Krise verschlimmert sich exponentiell und steuert auf Kipppunkte zu, die mit kosmetischen Maßnahmen nicht bewältigbar sind und dazu führen können, dass ganze Zweige der Ökonomie nicht mehr funktionieren, z.B. der Tourismus in Gebieten, die vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen sind. Ein kompromisshafter Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie „wäre wie ein Auto, das aus Angst vor Extremen konsequent in der Mitte der Straße fährt.“ (S. 305)
2. Verzicht und Verbot – mit Bezug zur Ikarus-Geschichte
Ikarus, der Sohn von Dädalus, fliegt gegen die Sonne, obwohl ihn sein Vater gewarnt hat, und bewegt sich in seiner Überheblichkeit dem Untergang entgegen, eine Metapher für das Verhalten von weiten Teilen unserer Zivilisation und politischen Kultur angesichts der dräuenden Klimakatastrophe.
Einerseits müsste uns klar sein, dass wir in Zukunft auf manche Annehmlichkeiten unseres Luxuslebens verzichten müssen, weil die Folgen der fortschreitenden Erderwärmung nur mit massivem Einsatz von Mitteln bewältigt werden können – Kosten, die alle mitbetreffen und die mit jedem Tag steigen, an dem zu wenig für den Klimaschutz unternommen wird. Diese realistische Einschätzung wird emotional aufgeladen und missbraucht. Maßnahmen zum Klimaschutz, die eben Kosten verursachen, die anderswo eingespart werden müssen, werden in der politischen Propaganda schnell als Einschränkung von Freiheitsrechten und unfairer Entmündigung gebrandmarkt; die Menschen sollten selbst entscheiden können, ob sie klimafreundlich leben wollen oder nicht. Wer einem vorschreiben will, wie man leben soll, wird zur Verteidigung der eigenen Autonomie abgewehrt und abgewertet. So werden Wissenschaftler, grün-orientierte Politiker und Aktivistinnen als Feinde, die den eigenen Lebensstil und Wohlstand bedrohen, dargestellt, während jene, die sich durch die Ausplünderung der natürlichen Ressourcen maßlos bereichern, vor jeder Kritik verschont bleiben und damit fleißig weiter ihre goldenen Schäfchen ins Trockene bringen können, während andere die angerichteten Schäden ausbaden müssen. Die Guten, die die Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft einmahnen, werden zu den Bösen, die ins eigene Leben und ins eigene Selbst eingreifen. Mein persönlicher Vorteil ist mir nun einmal wichtiger als eine vage Zukunft, vor der ich lieber meine Augen verschließe, um im Hier und Jetzt meine Genussmöglichkeiten zu steigern. Aus diesen egoistischen Gründen laufen die Leute Politikern nach, die ihnen versprechen, sie vor jeder Einschränkung und vor jedem Verzicht zu schützen.
Im Namen der Bewahrung von Freiheiten, die im Grund unverdiente Privilegien sind, wird in Kauf genommen, dass die Freiheitsräume in Zukunft für die meisten Menschen viel enger werden. Die scheinbare Vernünftigkeit beim Finden von faulen Kompromissen zwischen Ökologie und Ökonomie, täuscht darüber hinweg, dass die Natur nach den Gesetzmäßigkeiten der Physik und Chemie funktioniert und sich nicht um Strategien kümmert, die sich die Menschen ausdenken, um bequem bei ihren gewohnten Lebensmustern bleiben zu können.
3. Hedonismus und Freiheit – angelehnt an das Aschenputtel-Märchen
Bei diesem Narrativ gehen ihre Anhänger davon aus, dass sie die privilegierte Position, die sie innehaben, verdient haben, z.B. durch Arbeit und Fleiß, und dass ihnen deshalb von dem Leben, das sie jetzt führen, nichts weggenommen werden darf. Die Ressourcen, die jeder Mensch in unseren Breiten verbraucht, stünden uns zu. Das ist eine Anmaßung von Rechten, deren Kehrseite destruktive Konsequenzen nach sich zieht, das Beharren auf der Ausbeutung der für die Menschheit lebenswichtigen Umwelt. Der Grund für die Attraktivität des Erzählmusters, persönliche Freiheiten maximal genießen zu dürfen, stammt aus der menschlichen Tendenz, “sich in Anbetracht von Untergang und Tod Erzählungen zuzuwenden, die zum Schutz des Selbstwertgefühls beitragen.” (S. 308)
Das Sprichwort sagt: “Hochmut kommt vor dem Fall.” Sich als Held des skrupellosen Genießens aufzuspielen, während das eigene Handeln die Zerstörung weitertreibt, geht so lange gut, als es die Umwelt erträgt. Jede von Selbstsucht angetriebenen Expansion stößt früher oder später auf Grenzen, die unüberwindbar sind und zum Zusammenbruch des Überlebensmusters führen. Die bösen Stiefschwestern von Aschenputtel verlieren am Ende des Märchens ihr Augenlicht, die Strafe für ihre Verblendung aus Überheblichkeit und Mangel an Mitgefühl und Respekt für andere.
4. Die Technologie wird uns retten – der amerikanische Traum vom Tellerwäscher, der Millionär wird
Natürlich haben Menschen in bedrohlichen Situationen immer wieder Auswege und innovative Lösungen gefunden. Allerdings gibt es die Tendenz, diese Erfahrung als Sedativum für Forderungen nach einschneidenden Maßnahmen zu nutzen, nach dem Motto: Wir brauchen uns nicht sehr anzustrengen, um die Erderwärmung einzudämmen, denn je näher die Katastrophe rückt, desto mehr Kreativität werden wir entfalten und dann alles noch rechtzeitig bewältigen. Dass wir dabei einer optimistischen Verzerrung aufsitzen, übersehen wir leicht und gerne. Viele Politiker, die zwar den Klimawandel nicht leugnen, aber sich gegen drastische Einschnitte in die bisherigen Praktiken und Lebensweisen sträuben, nutzen diesen scheinbaren Ausweg. In der Psychologie heißt dieser Mechanismus bright-siding: Alles Negative wird mit unverwüstlichem und blindem Optimismus ausgeblendet. Er beruht auf einer Selbstüberschätzung, bzw. auf einem Glauben, dass andere die Misere schon beheben werden können, und dient damit als Entschuldigung für das eigene Nichtstun oder mangelhafte Engagement. Es wird auf wundertätige Heiler des Planeten gewartet, um die Hände im Schoß liegen lassen zu können. Währenddessen steigt kontinuierlich die Belastung des Klimas, und das Warten auf einen Herkules, der Abhilfe verschaffen könnte, ist weiterhin vergeblich.
5. Man kann nichts ausrichten – der Gegentraum vom Millionär zum Tellerwäscher
Das ist die Erzählung von der depressiven Resignation. Wir als einzelne können angesichts der übermächtigen großen Player nichts ausrichten und können deshalb weiterleben wie bisher. Vielleicht gibt es weitere dunkle Kräfte, die im Hintergrund die Fäden ziehen und uns in den Abgrund stürzen wollen, und wir haben keine Chance.
Deshalb gibt es keinen Grund, Verantwortung zu übernehmen und das eigene Leben zu ändern, denn das Problem ist für uns unlösbar, und die Mächtigen können nicht beeinflusst werden. Die Klimakrise und ihre Auswirkungen übersteigen unsere Vorstellungskraft und unsere geistigen Kapazitäten. Wir fühlen uns gelähmt und verstärken diese Lähmung, indem wir uns erzählen, dass wir keine andere Perspektive haben. Vielleicht spüren wir die Wut auf die Mächtigen, verbunden mit der Ohnmacht, nichts bewirken zu können, was zum Schluss führt, dass wir so weiter leben wie bisher.
Die Macht der Märchen
All diese Märchen, mit denen der Schrecken einer zukünftigen Klimakatastrophe gebannt werden soll, benutzen die Erzählmuster von uralten Geschichten. Sie wurden mit reichhaltigen Propagandamitteln vor allem aus der Fossilindustrie massiv verbreitet, sodass ihre weite Verbreitung nicht weiter verwunderlich ist. Die Hartnäckigkeit, mit der Menschen trotz einer breiten Faktenlage in Bezug auf die bedrohliche Entwicklung an solchen Erzählungen festhalten, hat viel mit unbewältigten inneren Konflikten zu tun. Sie hindern daran, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen, ohne sie mit Geschichten entkräften zu wollen. Sie hindern uns auch daran, Geschichten, mit denen wir uns unserer Verantwortung entziehen können, von solchen zu unterscheiden, mit denen wir unsere Handlungsfähigkeit stärken.
Wir müssen uns bewusst sein, dass Geschichten einen mächtigen Einfluss auf unser Unterbewusstsein und auf unsere Emotionen haben. Die Positionen in der Klimapolitik sind sehr stark von solchen Geschichten gesteuert, die wir als Gegengewicht zu den immer erdrückender werdenden wissenschaftlichen Befunden brauchen, wenn wir uns schwertun, sie in ihrer Wucht und in Hinblick auf ihre Konsequenzen zur Kenntnis zu nehmen. Denn das würde bedeuten, dass wir alles in unserer Macht Stehende in Bewegung setzen müssten, um die Katastrophe abzuwenden. Und das wäre reichlich unbequem für uns und besonders für jene, die an den Schalthebeln der Macht sitzen.
Die Förderung der Unsicherheit zum Machtgewinn
Unschwer zu erkennen ist bei dieser Aufzählung von Märchen, dass sie vor allem von den Parteien im rechten Bereich des politischen Spektrums verwendet werden. Es scheint diesen Politikern gelegen zu kommen, die Menschen in der diffusen Bedrohungslage durch die Klimakrise zu belassen. Die dadurch verursachten Ängste werden mit Hilfe der Märchenerzählungen scheinbar beruhigt; da aber selbst Kinder den Unterschied zwischen Fiktion und Faktizität kennen, also wissen, dass Märchen eine andere Realität haben als die konkrete aktuelle Wirklichkeit, spüren auch erwachsene Menschen die Unsicherheit, die mit all den genannten Erzählungen einhergeht. Keine der Geschichten kann vollends beruhigen. Allenfalls dienen sie dazu, die eigene Untätigkeit zu rechtfertigen. Diffus verunsicherte Menschen suchen Autoritäten, die ihnen Sicherheit versprechen. Darum ist es Parteien, die für die Wendung zu autoritären Regierungsformen eintreten, daran interessiert, dass die Menschen verunsichert bleiben und füttern sie mit Märchen, die sie vorläufig beruhigen sollen, bis dann der große Macher kommt, der alles zum Besseren wenden wird.
Alle, denen eine lebenswerte Erde ein Anliegen ist (und das ist bei weitem die Mehrheit der Menschen), können daran mitwirken, die Ebene der narrativen Wirklichkeit mit konstruktiven Geschichten zur Eindämmung der Klimazerstörung zu besetzen und den Begriff der Vernunft von den Politikern zurückgewinnen, die uns einreden wollen, dass es vernünftige Kompromisse zwischen Ökonomie und Ökologie gäbe und dass wir blind auf die Fortschritte in den Forschungen vertrauen sollten. “Gegen diesen destruktiven Nichtangriffspakt zwischen den Antagonisten müssen wir anerzählen mit einer positiven Geschichte von gemeinsamer, friedlicher Veränderung. Erst diese protagonistisch-protestierende Haltung vieler schafft ein mobilisierendes Gefühl von politischer Betroffenheit wie Selbstwirksamkeit – nicht zuletzt, weil man sich dank ihr als Widerständler inszenieren kann. " (S. 307)
Literatur:
Samira El Ouassil und Friedemann Karig: Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise: Narrative prägen die Welt. Berlin: Ullstein 2022
Zum Weiterlesen:
Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Die individuelle Mobilität und die Klimakrise
Eine große Mehrheit für den Klimaschutz
