Montag, 11. Mai 2026

Der Heimatbegriff in den Mühlen der Rechtspropaganda

Vollmundig nehmen Politiker und Propagandisten gerne „die Heimat“ in den Mund, um die Heimattreuen um sich zu scharen und Stimmung gegen alles Fremde zu machen. Genauer betrachtet, ist allerdings die Heimat nichts Einfaches, wie es oft suggeriert wird, sondern ein recht komplexer und vielschichtiger Begriff. Wegen seiner emotionalen Aufladung eignet er sich gut für ideologische Zwecke. Durch die Verbindung der Heimat mit der Blut-und Bodenideologie im Nationalsozialismus geriet der Begriff nach dem 2. Weltkrieg  in Misskredit. Mit dem Aufstieg von Rechtsparteien ist die „Heimat“ neulich zu einem Kampfbegriff mutiert. Die Heimat soll einen sicheren Hafen in einer unübersichtlichen Welt darstellen, dem keine Bedrohungen etwas anhaben können, solange nichts Fremdes eindringt. Da es die Zuwanderer sind, die in die eigene Heimat einsickern, sollte jede Form der Migration unterbunden werden. Nur so kann die Heimat rein und unverdorben bleiben. Dieser abgeschlossene Begriff der Heimat wird mit Identität aufgeladen – sie soll definieren, welcher Mensch man ist, was man mag und was nicht, was man will und was nicht. Außerdem soll die Heimat geliebt werden, so wie das Vaterland.

Von dieser ideologischen Seite wird also ein exklusiver Heimatbegriff propagiert – etwas, das es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Menschen sind immer ein- und ausgewandert, durch die ganze lange Geschichte hindurch. Die Bevölkerung der eigenen Heimat ist überall eine Mischkulanz. 

Denn in der Menschheitsgeschichte ist Wanderung die Regel und Bodenständigkeit die Ausnahme. Die Angehörigen der schwarzen und der weißen Bevölkerung in Nordamerika sind Nachkommen von Einwanderern. Die Ureinwohner („First Nations“) sind ebenfalls Einwanderer, nur zeitlich weiter zurück (vermutlich vor ca. 20 000 Jahren). Meine Vorfahren z.B. sind im 16. Jahrhundert aus Holland über Böhmen nach Österreich gekommen und haben dann in verschiedenen Regionen des Landes gelebt. Selbst manche Bauern, die auf eine lange Tradition auf ihren Höfen zurückblicken, sind irgendwann einmal zugewandert.

Heimat als soziale Konstruktion

In den Sozialwissenschaften herrscht der Konsens, dass es sich bei der Heimat um ein soziales Konstrukt handelt, dass sie also keine objektive Gegebenheit ist. Primär entsteht sie aus der Verbindung mit Personen, während die räumliche Dimension (der Ort, der Landstrich) sekundär ist. 

Das Heimatgefühl wird durch einen Kreis vertrauter Menschen erzeugt, die direkt, face-to-face miteinander bekannt sind. Bei Menschen, die man kennt, sind die Reaktionen vertraut, man weiß, wann man sich entspannen kann und wann man aufpassen muss. Das selbstverständliche Zugehörigkeitsgefühl ist ein weiterer Aspekt der Heimat, der soziale Sicherheit verleiht. Mit dem Begriff der Heimat sollen verschiedene Bedürfnisse abgedeckt werden, z.B. Zugehörigkeit, Kontinuität, Mitgestaltung, Verstandenwerden, die intuitive Kenntnis der Umgangssprache und der elementaren sozialen Regeln.

Heimat, Staat und Nation

Es sind also vertraute Menschen, die kleinen Kindern Sicherheit vermitteln, und das Gefühl des Vertrauens und der Zugehörigkeit wird dann auf die Orte übertragen, an denen dieses Sicherheitsgefühl entstanden ist. 

Mit dem Aufwachsen erweitert sich das Zugehörigkeitsgefühl und wird abstrakter, also immer mehr von konkreten Personen gelöst. Heimat wird dann auf das Dorf oder die Stadt, in der die Kindheit verbracht wurde, und später auf das Land und die Nation ausgeweitet. Die Länder sind aus Gebietsgrenzen gebildet worden, die im Lauf der Geschichte vor allem als Folgen von Kriegen entstanden sind. 

Der Begriff der Nation stellt eine besondere soziale Konstruktion dar, weil er die Bewohner eines Landes emotional an den Staat binden will. 

Er ist also vor allem zum Zweck der Identifikation der Einwohner mit dem modernen Staat entstanden (der erst in der Neuzeit zu einem Flächenstaat wurde). Dem Staat untergeordnet sind nun alle, die auf einem bestimmten Gebiet wohnen. Die Staatsbürger sich sollten mit diesem Begriff in größere Machtzusammenhänge einfügen und diese gegen alle Bedrohungen verteidigen – nach der Devise: „right or wrong, it’s my country“ oder z.B.: „Deutschland über alles“. 

In der Verabsolutierung der Nation zeigt sich die Ideologie des Nationalismus, der als Motivator und Mobilisator für viele Kriege eingesetzt wurde, beginnend mit den französischen Kriegen im Gefolge der Revolution von 1789 über die Weltkriege, die Jugoslawienkriege bis zum Ukrainekrieg. 

Im Nationalismus wird Nation durch die Abgrenzung von anderen Nationen definiert, meistens von denen, die benachbart sind. Sie sind die Fremden, und zwischen den Eigenen und den Fremden verläuft eine starre Grenze, die nur durch Kriege, also durch Gewalt verändert werden kann. Durch den Nationalismus werden Identitäten geprägt, mit denen die unterschiedlichen Herkünfte vereinheitlicht werden sollen.

Der Heimatbegriff der Auswanderer

Wenn Menschen auswandern, nehmen sie ihre Heimat im Kopf als geschönte Bilder und wohlige Gefühle in die neue Umgebung mit. Während sich die tatsächliche Heimat weiterentwickelt, modernisiert und verändert, wird das Bild im Kopf der Ausgewanderten oft idealisiert und auf eine frühere Zeit fixiert. Deshalb werden in der Fremde oft Traditionen, Werte und Sprachformen gepflogen, die im Herkunftsland vielleicht schon längst überholt sind. Werden die Zuwanderer in der neuen Umgebung abgelehnt oder fühlen sich abgelehnt, so wird die Identifikation mit der verlorenen Heimat umso wichtiger. Je stärker die Ausgrenzung erlebt wird, desto wichtiger ist die Rolle des Heimatbegriffs als Schutz gegen den Assimilationsdruck. Die Verteidigung der Heimat gegen Angriffe kann dann besonders aggressiv ausfallen.

Diese Reaktion zeigt sich oft in der zweiten oder dritten Generation der Zuwanderer. Die Spannung, die sich aus dem Gefühl ergibt, zwei unterschiedlichen Welten zuzugehören, wird damit bewältigt, dass die Heimat der Eltern und die dort geltenden Werte und Normen besonders starr festgehalten werden. Die Unsicherheit mit der eigenen Rolle in der neuen Gesellschaft soll durch eine Idealisierung der Herkunftsgeschichte überwunden werden.

Die Migrantenfeindlichkeit unter Migranten

Ein weiteres scheinbar paradoxes Phänomen zeigt sich, wenn früher Zugewanderte später Zugewanderte ablehnen oder wenn sie, obwohl sie selbst aufgenommen wurden, für einen Aufnahmestopp eintreten. Oft wählen sie rechte oder rechtsextreme Parteien, trotz deren Ausländerfeindlichkeit. Denn sie erhoffen sich von ihnen den Schutz ihrer mühsam erarbeiteten Position in der neuen Gesellschaft. Außerdem befürchten sie die Konkurrenz von Neuankömmlingen am Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder bei den Sozialleistungen. Oft sind sie, wie oben erörtert, traditionalistisch oder konservativ eingestellt und treten für Recht und Ordnung ein; neu Hinzukommende könnten ein Chaos anrichten, weil sie sich nicht auskennen und sich nicht anpassen können oder wollen. Wer sich schon in der Gesellschaft etabliert fühlt, sieht in den Neuen eine Gefahr der errungenen Stabilität. Deshalb sollte man ihnen mit Misstrauen begegnen.

Wer sich schon länger im Land befindet, hat ein gewisses Heimatgefühl aufgebaut, das aber noch fragil ist, weil es sehr vom Maß der Integration in die neue Gesellschaft bzw. vom Aufgenommenwerden durch die Einheimischen abhängt. Das noch nicht gefestigte Heimatgefühl wird durch neu Hinzukommende verunsichert und muss deshalb in der emotionalen Gegenreaktion durch die Abwehr der Neuen gestärkt werden.

Die guten Migranten

Viele rechtsorientierte und ausländerfeindliche Politiker haben migrantische Partnerinnen, z.B. der amerikanische Präsident, sein Stellvertreter und der Außenminister oder die Bundessprecherin der AfD. Wie geht das zusammen? Für diesen Zweck dient die Unterscheidung zwischen den guten und den schlechten Zuwanderern. Die eigenen Partner dienen als Vorbild, wie die Integration gelingen kann: Die guten Migranten passen sich nahtlos in das Bild der Heimat an, das die Tradition vorgibt. Sie geben ihre Herkunftsidentität weitgehend auf und ordnen sich der neuen Heimat mit ihren Regeln und Gebräuchen unter.

Dem migrationsfeindlichen Politiker dient die aufpolierte neue Identität der Partnerin als Feigenblatt: Wie kann man mich als Rassisten bezeichnen, wo ich doch jemanden mit fremder Herkunft geheiratet habe? 

Der ideologisierte Heimatbegriff kann für die jeweiligen persönlichen Zwecke zurechtgebogen werden. Allerdings wird er durch solche Verdrehungen immer undeutlicher und verlogener, sodass er nur mehr in realitätsfremden und geschlossenen Zirkeln und Blasen Gefühle mobilisieren kann. Dieses „Nur-Mehr“ ist freilich relativ: Es scheint, als ob immer mehr Menschen einer realitätsverweigernder Wirklichkeitssicht zuneigen und damit Fantasien nicht mehr von Fakten unterscheiden können oder wollen. 

Die schlechten Migranten

Die schlechten Migranten sind jene, die ihren mitgebrachten Heimatbegriff nicht aufgeben, sondern ihn in die neue Heimat einfließen lassen wollen. Sie lösen Ängste vor einer Überfremdung aus – dass die Minderheitskultur die Mehrheitskultur auslöscht, etwa unter dem propagandistischen Schlagwort der Islamisierung, oder noch schlimmer, des Bevölkerungsaustausches. Da der Heimatbegriff weitgehend in ein ideologisches Konstrukt umgewandelt wurde, ist er bestens dazu geeignet, irreale Ängste auszulösen und zum alles überschattenden Problem hochstilisiert zu werden. Er wird zu einem Gefäß, in das alle anderen Ängste hineinprojiziert werden können. 

Der korrumpierte Begriff der Heimat

Als Folge des ideologischen Missbrauchs wird der Heimatbegriff über kurz oder lang wieder dort landen, wo er nach dem Ende des Nationalsozialismus war – für die einen ein Hoffnungsträger für die Erlösung von allen Missständen: Wenn die Zuwanderung beendet wird, wird alles gut; für die anderen Symbol der Rückschrittlichkeit. In jedem Fall ist der Begriff der Heimat seines ursprünglichen Sinnes beraubt und politischen Machtinteressen untergeordnet. Die einen sehnen sich zurück in eine idyllische Vergangenheit à la Peter Roseggers Waldheimat, in der die Welt noch heil war. Die anderen glauben, dass die Menschheit nur dann eine Zukunft hat, wenn sie ihren Planeten als Heimat von allen begreift, sodass sie als Gemeinschaft die Überlebensprobleme der menschlichen Zivilisation angehen kann.

Zum Weiterlesen:
Migrationsmythen und die Realität
Migration und Scham
Hass im Internetzeitalter


Donnerstag, 23. April 2026

Äußere und innere Stärke

Bei der Beschäftigung mit der Frage der Stärke ist der Unterschied zwischen innerer und äußerer Stärke wichtig. Die äußere Stärke erscheint als Macht, als die Fähigkeit, den eigenen Standpunkt zu behaupten, die eigenen Grenzen schützen zu können und andere im eigenen Sinn beeinflussen zu können. Diese Stärke ist sichtbar oder spürbar, sie kann also von anderen wahrgenommen  werden. In der einfachsten Form zeigt sie sich in der Körperform: Muskulatur, Haltung, Blick. Dazu kommen Statussymbole: Bekleidung, Schmuck, Wohnform, Autotyp usw. Diese Symbole, Insignien der Macht, sollen signalisieren, mit welcher Macht es die anderen zu tun haben, sodass sie ihre Reaktionen darauf abstimmen. Sie ersparen dem Statusträger die Klärung der Stärkeverhältnisse und erzeugen vorab ein Machtgefälle.

Unter innerer Stärke verstehen wir vor allem Charakterfestigkeit und Integrität, also die Treue zu den eigenen Werten und Prinzipien, Selbstdisziplin (konsequent die notwendigen Schritte zu setzen, die für die Erreichung der eigenen Ziele notwendig sind), emotionale Stabilität (die Fähigkeit, mit den Herausforderungen des Lebens mit einer Haltung der Gelassenheit umgehen zu können) und die Akzeptanz von ungünstigen Umständen, deren Veränderung nicht in der eigenen Macht liegt. Menschen mit innerer Stärke können sich ein authentisches Auftreten leisten, weil sie nichts vorspielen müssen, sondern weil sie in jeder Situation sie selbst sein können. Deshalb kann die Authentizität als Übereinstimmung von innerer und äußerer Stärke verstanden werden. Sie beinhaltet die realistische Einschätzung der eigenen Schwächen und die Fähigkeit, Fehler eingestehen und ausbessern zu können. Das freundschaftliche Verhältnis zur eigenen Schwäche erlaubt es, die innere Sicherheit zu bewahren, auch wenn Probleme auftreten und nicht gleich behoben werden können. 

Die Hohlheit des Machtstrebens

Äußere Stärke ohne innere Kraft ist hohl und fragil. Menschen, die sich nur auf ihre äußere Stärke verlassen, sind permanent dazu gezwungen, diese Stärke zu demonstrieren. Sie fürchten, dass sonst ihre innere Schwäche offenbar würde. So häufen sie Machtinsignien und Statussymbole, die ihnen die nötige Sicherheit verleihen sollen. Statussymbole haben allerdings einen Mangel, weil sie inflationsabhängig sind. Sobald sich andere das gleiche Urlaubsziel leisten können wie man selbst, muss man neue, teurere und ausgefallenere Ziele finden. Außerdem unterliegen diese Symbole dem „hedonistischen Tretmühlen-Effekt“: Nach dem lustbetonten Erwerb eines Prestigeobjekts stellt sich die soziale Bestätigung des eigenen Werts in der Gesellschaft ein. Das Objekt wird aber bald zur Selbstverständlichkeit und genügt der Befriedung der Angst vor dem sozialen Abstieg immer weniger. Schließlich muss ein noch kostspieligeres Symbol angeschafft werden, um mehr Sicherheit zu suggerieren. 

In dieser Konstellation ist das Machtstreben inhärent. Macht muss um ihrer selbst erworben, abgesichert und vermehrt werden, nicht um konkrete Ziele damit zu verwirklichen. Die Verfügung über Macht ist die Absicherung gegen die Bedrohung des eigenen Selbst, das bewusst oder unbewusst als schwach eingeschätzt wird. Beständig muss die Umwelt beeindruckt werden, damit sie es ja nicht wagt, bedrohlich zu werden. Das probate Mittel dagegen ist es, selber Drohungen einzusetzen, um die Mitmenschen einzuschüchtern. Die Anwendung von Gewalt lauert im Hintergrund solcher Drohungen. Die Angst, die immer aktiv ist, kann unter Umständen so mächtig werden, dass sie die Ausübung von Gewalt gebietet. Die eigene Stärke wird verherrlicht, die Stärke von anderen bekämpft. Der größte Feind ist aber die innere Stärke, weil sie am meisten fehlt.

Die innere Stärke hingegen findet die Sicherheit im Inneren und ist nicht auf eine äußerliche Machtdemonstration, Drohungen oder Gewalt angewiesen. Diese Form der Stärke ist resilienter und nachhaltiger als die Stärke, die nur auf dem äußeren Schein und Anschein, auf dem Eindruck, der bei anderen erzeugt wird, beruht. Denn sie bleibt bestehen, wenn die Kräfte der äußeren Stärke nicht verfügbar oder verbraucht sind.

Machtausübung als Dienst

Menschen mit innere Stärke nutzen die Macht nur für Zwecke, die ihren Werten entsprechen und geben sie wieder ab, sobald das Ziel erreicht ist. Sie brauchen keine Macht um ihrer selbst willen, sondern verwenden sie nur als Mittel zu einem Zweck, die sie für gut und wichtig erachten. Sie brauchen keinen äußeren Beweis und keine Bestätigung für ihre Sicherheit, weil sie diese im Inneren spüren können. Sie  wissen um die Endlichkeit von jedem Machtstreben und um die Vergänglichkeit jeder Form von weltlicher Macht. Sie kennen die Fallen, die mit dem Festklammern an der Macht verbunden sind. Und sie wissen um die Verantwortung, die mit jeder Machtausübung verbunden ist, die nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie sich am Wohl der Gemeinschaft und nicht an der Befriedigung des subjektiven Sicherheitsbedürfnisses orientiert.

Platon war der Meinung, dass allein Philosophen zur Machtausübung berufen werden sollten. Denn sein Lehrer Sokrates hat die Philosophie als Sterbenlernen, als Einübung auf den Tod verstanden, als den Weg des Akzeptierens der menschlichen Endlichkeit. Der Philosoph ist dann jemand, dem die Vorläufigkeit von allem Dinglichen bewusst ist und der erkannt hat, dass dieser Endlichkeit nichts entgegensteht als die innere Sicherheit und Unerschütterlichkeit. Für ihn verliert der Besitz der Macht jede Attraktivität. Sie ist ihm ein notwendiges Übel für die Regelung zwischenmenschlicher Belange. Sinnvoll kann sie nur ausgeübt werden, wenn mit ihrer Hilfe das Gemeinwohl gefördert wird.

Wir können uns vorstellen, wie sich Sokrates und Laozi bei dieser Erkenntnis begegnen.

Zum Weiterlesen:
Das Scheitern der Großmächte an ihrem Größenwahn
Die Schwachen und die Starken
Das Schwache besiegt das Starke


 

Mittwoch, 22. April 2026

Das Scheitern der Großmächte an ihrem Größenwahn

Wie schon in den vorigen Blogartikeln beschrieben, hält die Stärke ein wesentlich besseres Prestige als die Schwäche. Im Gefühl der Stärke brauchen wir niemand anderen und können uns selbst in der Welt behaupten. Wir können stolz und selbstsicher durch die Welt gehen und brauchen keine Scham zu spüren.  Im Gefühl der Schwäche dagegen werden wir hilfsbedürftig und abhängig. Wir haben nichts, worauf wir stolz sein können und schämen uns.

Allerdings liegt in der Stärke die Versuchung zur Selbstverherrlichung, wenn sie sich mit der Härte verschwistert. Auf dieser Schiene wird die Stärke zu einem Merkmal des Patriarchalismus und wirkt heute vor allem als Ingredienz der toxischen Männlichkeit. In diesem Sinn soll die Stärke zur Unverwundbarkeit führen, das ersehnte Markenzeichen aller Helden. Immer wieder staunen wir, wie die Helden der Leinwand unbeschadet die fürchterlichsten Gefahren überstehen. Wir identifizieren uns mit Figuren, die einen Zugang mit übermenschlichen Kräften haben, an Wänden hochklettern und fliegen können oder mit 100prozentiger Gehirnkapazität alle Gegner vaporisieren usw. 

Die Sage weist allerdings auf die Illusion in dieser Sehnsucht hin, denn die großen unverwundbaren Helden der Sagenwelt, Achilles und Siegfried, hatten beide eine Stelle in ihrem Körper, an der sie verletzbar waren, und wenn sie dort getroffen wurden, war es vorbei mit ihrem Leben. Diese Verletzbarkeit macht auf die Brüchigkeit des Menschseins aufmerksam, die letztlich durch keine Rüstung und Aufrüstung überwunden werden kann. Die Kontrolle der Wirklichkeit und der Bedrohungen, die in ihrer Unvorhersehbarkeit immer wieder entstehen, kann nie lückenlos sein. Die Endlichkeit findet allzu leicht winzige Löcher im Panzer, der eigentlich die vollständige Sicherheit garantieren soll. Durch diese Lücken dringt die Sterblichkeit in den Körper ein, der vermeint, die Unsterblichkeit errungen zu haben.

Die Polarität von Stärke und Schwäche

Es gibt also keine Stärke, die jede Schwäche ausmerzen könnte. Vielmehr ist die Schwäche die oft ungeliebte, aber unverzichtbare Partnerin der Stärke. Unser Sicherheitsgefühl können wir nur dann tiefer verankern, wenn wir diese Polarität annehmen können und damit die Schwäche ihren Schrecken verliert. Wer die Schwäche schätzen kann, weiß um den Wert von Zeiten für Innehalten, Regeneration und Neusammlung. Nicht stark sein zu müssen, ermöglicht erst den Zugang zu Entspannung und Erholung. Schwach sein zu können heißt, sich zu erlauben, aus dem Dauerdruck des Starksein-Müssens auszutreten. Ein Menschenleben kann nur dann in Balance sein, wenn das Starke mit dem Schwachen einen guten Ausgleich gefunden hat.

Großmächte und Stärkedemonstration

Was für ein einzelnes Menschenleben gilt, trifft umso mehr auf die menschliche Gesellschaft zu. Die Überbetonung der Stärke, die aus kollektiven Ängsten entsteht, hat in der Geschichte immer wieder zu Kriegen geführt. Ich gehe hier auf ein paar Szenen aus der US-amerikanischen Geschichte ein:

Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg von 1773 – 1781 waren die aufständischen Kolonien an der Ostküste die Schwächeren gegenüber den britischen Truppen, die gerade im Siebenjährigen Krieg gegen die Franzosen erfolgreich waren und die Weltmacht Nummer 1 zur damaligen Zeit darstellten. Dennoch haben sich die Aufständischen durchgesetzt und die USA gegründet. Im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts sind die USA zur führenden Weltmacht herangewachsen, was die militärische Stärke anbetrifft. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass der 1. und der 2. Weltkrieg beendet wurden. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer Reihe von Kriegen, die die USA als die stärkste Weltmacht gegen Kleinstaaten führten, mit großspurigen Ambitionen und blamierenden Ergebnissen. Die Liste beginnt mit Korea (1950 – 1953) – das Land ist bis heute geteilt und es gibt nicht einmal einen Friedensvertrag. Das nächste Desaster spielte sich in Vietnam ab (ca. 1955 – 1975): 1973 Abzug der US-Truppen, 1975 Vereinigung von Nord- und Südvietnam unter kommunistischer Führung. Der damalige Luftwaffenchef General Curtis E. LeMay hat damals gegen Nordvietnam den destruktiven Spruch vom „Zurückbomben in die Steinzeit“ geschleudert, den der gegenwärtige US-Präsident auf den Iran angewendet hat. Erreicht wurde dieses Ziel weder da noch dort. 

Der Afghanistankrieg von 2001 – 2021 hat zunächst zum Sturz des Taliban-Regimes geführt, aber ohne nachhaltigen Erfolg. Die Taliban konnten sich reorganisieren und schließlich nach 20 Jahren die internationalen Truppen aus Afghanistan vertreiben. Der Krieg kostete die USA schätzungsweise über 2 Billionen Dollar und forderte das Leben von mehr als 2.400 US-Soldaten sowie zehntausenden afghanischen Zivilisten und Sicherheitskräften.

Der Irakkrieg von 2003 – 2011, der mittels einer bewussten Täuschung des US-Kongresses vom damaligen Präsidenten Bush jr. begonnen wurde, hat zwar das Regime von Saddam Hussein gestürzt, aber im Land ein Chaos erzeugt, das bis heute anhält.

Der Irankrieg 2026 wurde von den USA mit ähnlich überheblichen Erwartungen wie die anderen Kriege begonnen: Wir sind die Supermacht und werden die Schwächlinge solange quälen, bis sie klein beigeben. Nach ein paar Wochen mit massiven Zerstörungen stellt sich die Situation momentan so dar, dass das iranische Regime trotz vieler Verluste gestärkt wurde, während die Supermacht vor einem Trümmerhaufen steht und nicht mehr weiter weiß. Die ganze Welt muss die ökonomischen Folgen bezahlen, die dieser Krieg ausgelöst hat. Dieser Krieg hat nach Schätzungen allein in den ersten 100 Stunden ca. 3,7 Milliarden $ und insgesamt bisher ca. 25 Milliarden  an operativen Kosten verursacht. Die Kosten für die Weltwirtschaft durch die Verknappung von Erdöl und anderen Rohstoffen schlagen sich auf einen geschätzten BIP-Verlust von 300 Mrd. $ nieder.

Auch die Atommacht Russland könnte ein Lied von solchen Desastern singen, ein Lied mit dem Titel „Afghanistan und Ukraine“. Der Größenwahn führt unweigerlich ins Scheitern und hinterlässt blutige Spuren und zerstörte Landschaften.

Die Schwachen gewinnen gegen die Starken

Diese Beispiele zeigen ein Muster: Der Stärkere greift den Schwächeren an, um ihm seinen Willen aufzuzwingen. Aber trotz viel angerichteter Zerstörung scheitert er, und langfristig triumphieren die Schwächeren über die Stärkeren. Die Schwächeren gehen gestärkt aus diesen Kriegen hervor, die Stärkeren geschwächt. Außer einem riesigen Blutzoll und dem Rückfall in die Barbarei auf vielen Ebenen haben diese Kriege im besten Fall nichts bewirkt als die Befestigung des Status Quo. Sie haben jedes Mal statt Fortschritten in der Menschlichkeit zu massiven Rückfällen geführt, viele tiefe Wunden, Wut und Hass erzeugt, bis hin zu Wellen von Terrorüberfällen, geschürt aus Rachegefühlen der Schwächeren den Mächtigen gegenüber.

Offenbar sollten die Entscheidungsträger der Großmächte endlich die Weisheit des Tao-te-King berücksichtigen: Das Schwache besiegt das Starke. Tun sie das nicht, wiederholen sie wie Zwangsneurotiker die gleichen Fehlerschleifen wieder und wieder, mit enormen Folgekosten, Zerstörung von Menschenleben und Vernichtung von Ressourcen. Interessanterweise hat die neuere Großmacht China bisher auf diese Form der ruinösen Selbsttäuschung verzichtet – vielleicht ist das alte Wissen dort noch immer lebendig.

Möglicherweise gibt es eine Vernunft, die wie in den Märchen auch in der Menschheitsgeschichte wirkt: Der Hochmut wird langfristig bestraft und die Benachteiligten werden belohnt. Würden die Starken und Mächtigen auf die Stimme der Vernunft hören statt auf ihren Hochmut, so hätten sie auf die Wünsche und Bedürfnisse der Schwächeren einzugehen. Damit sparen sie sich die enormen Kosten, die aus dem Wiederholungszwang zur demonstrativen und brachialen Stärke resultieren, einschließlich der eigenen Demütigung durch die erfolglosen Machtdemonstrationen. Sie gewinnen die Schwachen als Partner und können sich selbst mehr Schwäche gestatten. Die Schwachen gewinnen mehr Sicherheit und können dadurch ihre Stärke aufbauen. In der Gesellschaft werden Spannungen reduziert und die ausgleichenden Kräfte gestärkt. Das Maß an sozialer und individueller Sicherheit wächst bei allen. Die gesellschaftliche Mitte wird auf Kosten der Randzonen, in denen sich extreme Gruppierungen befinden, maßgeblich.

Zum Weiterlesen:
Die Schwachen und die Starken
Das Schwache besiegt das Starke


Montag, 20. April 2026

Die Schwachen und die Starken

Vermutlich tragen wir es in unseren Genen: Wir finde es besser, stark zu sein als schwach. Wer stark ist, kann sich selbst verteidigen; wer schwach ist, ist Stärkeren ausgeliefert und muss sich von ihnen beschützen lassen. Er ist von deren Gnade abhängig. Stärke ist ursprünglich mit Körperkraft gleichgesetzt, später mit Geschicklichkeit: Der geübte Bogenschütze ist dem muskelprotzenden Ringkämpfer überlegen. Auch der schmächtige David hat den riesigen Goliath mit einer Steinschleuder zur Strecke gebracht. Mit dem kulturellen Fortschritt tritt die körperliche Stärke in den Hintergrund, ohne je ihre Bedeutung zu verlieren. Aber anderen Formen der Stärke, die auf Intelligenz beruhen, werden immer wichtiger. Auch im Arbeitsleben schwindet die Bedeutung der Körperkraft zugunsten der Geisteskraft. 

Stärke und Härte

Da die Stärke eng mit der Notwendigkeit der Selbsterhaltung verbunden ist, wird sie schnell mit der Härte assoziiert. Wer stark ist, muss auch hart sein. Hartsein bedeutet Durchhaltevermögen, Ausdauer, Selbstdisziplin, aber auch Rücksichtslosigkeit und Unbarmherzigkeit gegenüber anderen, bis zur Gewalttätigkeit. Die Härte zu sich selbst kann als Tugend durchgehen, falls sie von der Härte gegen andere unterschieden ist.  Allerdings enthält die Härte zu sich selbst die Schlagseite der Selbstausbeutung und der Selbstüberforderung. Das Ignorieren der Bedürfnisse, die mit Schwäche zu tun haben, rächt sich langfristig. 

Härte gegen andere auszuüben, ist von dem Drang nach Macht angetrieben. Die Selbsterhaltung soll dadurch abgesichert werden, dass andere der eigenen Macht unterworfen werden. Die Objekte der Härte sollen ihre Unterlegenheit spüren und sich unterordnen. Die Androhung von Härte ist mit der Bereitschaft verbunden, andere zu verletzen. Sie sollen durch den Schmerz spüren, dass es besser ist, in die ohnmächtige Rolle zu gehen und ihren Willen aufzugeben. 

Wenn Hartes auf die weiche Haut trifft, die einen Körper begrenzt, entsteht Schmerz. Eine Wunde, die etwas Hartes im Körper bewirkt hat, wird im Heilungsprozess von einem harten Schorf abgesichert, gewissermaßen als Schutz davor, nochmals verletzt zu werden. In der Wunde ist auch die Angst gespeichert, nochmals verletzt zu werden. So gibt es nur die Alternative, sich dem Harten unterzuordnen oder Hartes mit Hartem zu bekämpfen. 

Animus und Anima

Das Harte kann dem männlichen Archetyp zugeordnet werden und das Weiche dem Weiblichen. In der Sexualität müssen die Männer hart und die Frauen weich sein, damit eine Vereinigung zustande kommt. Diese Zuordnung spielt auch in anderen Lebensbereichen eine Rolle, z.B. in der Erziehung (Männer sollen [harte] Grenzen setzen, Frauen sollen [weiche] Geborgenheit bieten) oder in der Partnerwahl (Männer sollen äußere Sicherheit vermitteln, Frauen sollen empathische Wärme geben). 

Das Harte befindet sich in der Nachbarschaft des Kriegerischen und Gewalttätigen – ohne emotionale Abhärtung, also ohne der Verleugnung von empathischen Gefühlen ist es nicht möglich, andere Menschen absichtlich und planmäßig zu verletzen oder zu töten. Ohne Empathie werden solche Taten auch ohne Scham und damit ohne Reue ausgeübt. Kriege sind also der Ausfluss des männlichen Archetyps, dem die Balance durch den weiblichen Gegenpol abhandengekommen ist.

Das Weiche dagegen ist mit Einfühlung, Verständnis und Offenheit für Gefühle von Angst, Scham und Hingabe verbunden. Es enthält die Bereitschaft, sich Hilfe und Unterstützung zu suchen, wenn es anders nicht geht, ebenso wie die Bereitschaft, für andere da zu sein, wenn diese in Not sind. 

Archetypen und Stereotypen

Die Archetypen sind immer auch mit Stereotypen verbunden. In Bezug auf die Geschlechtsrollen sind trotz aller Emanzipationsbestrebungen die Zuordnungen weiterhin relativ starr. In der „typisch“ männlichen Sichtweise wird die Weichheit als Symbol für Nachgiebigkeit, Rückgradlosigkeit und Manipulierbarkeit angesehen. Abgewertet als Weichei oder Feigling werden Menschen, die nicht dem Prototyp des martialischen Männlichen entsprechen. Die Verachtung des Weichen enthält eine Verachtung des Weiblichen. In diese Kerbe schlägt das Zitat von Adolf Hitler: „In unseren Augen da muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.“ (Rede an die Hitlerjugend am 14. September 1935)

Aber auch „harte“ Frauen, die „ihren Mann stehen“, werden als unweiblich abgewertet, mit Misstrauen betrachtet und als unsympathisch wahrgenommen. Als gäbe es keine weibliche Form, Stärke zu zeigen und damit Respekt einzufordern. Auch hier spielt die Verachtung eine Rolle: Frauen mit Durchsetzungskraft und Machtstreben wird die Weiblichkeit abgesprochen, womit sie verachtet werden können.

Die rigiden Stereotype befestigen die Rollenzuordnung. Sie behindern die Emanzipation und den Ausgleich der Geschlechtsrollen. Die starren Zuordnungen werden sehr stark von den politischen Rechtsparteien vertreten. Damit wird die Verachtung des Weiblichen gestärkt und die gewaltbereite Seite des Männlichen gerechtfertigt. Deshalb sind rechte Demagogen immer wieder als Kriegstreiber erfolgreich. Die ideologische Aufladung der Geschlechterstereotypen verschärft nur die Spannungen im gesellschaftlichen Klima und darf deshalb nicht gefördert werden. Wo es gelingt, den Austausch zwischen dem Männlichen und Weiblichen, dem Harten und den Weichen ins Fließen zu bringen, in uns selbst und in der Kommunikation, entsteht ein solider Boden für die friedliche Weiterentwicklung der Menschlichkeit.

Die alchymische Hochzeit

C.G. Jung hat auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass die Männer im Lauf ihrer inneren Entwicklung ihren weiblichen Archetyp, die Anima entwickeln und die Frauen den männlichen Animus erschließen. Nur auf diese Weise könne sich der Individuationsprozess seinem Ziel der Ganzheit annähern. Die Vereinigung dieser beiden Seelenteile hat er als alchymische Hochzeit bezeichnet.

Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften belegen diese Einsicht. Menschen mit Offenheit für beide Seiten des Spektrums (Männer, die offen sind für weibliche Qualitäten, und Frauen, die offen sind für männliche Qualitäten) sind anpassungsfähiger und flexibler. Sie sind als Führungskräfte viel effizienter. (Hier zur Quelle)

Es ist wichtig, mehr von der vollen Bandbreite menschlichen Verhaltens zur Verfügung zu haben. So können wir uns in einer Welt, die immer komplexer wird, besser behaupten und orientieren. Je mehr wir über möglichst viele Qualitäten und Handlungsoptionen verfügen, desto besser können wir das Maß an Härte oder Weichheit an die Erfordernisse der jeweiligen Situation anpassen.

Zum Weiterlesen:
Das Schwache besiegt das Starke


Sonntag, 12. April 2026

Das Schwache besiegt das Starke

In den Lehren von Laozi findet sich der seltsame Satz: „Dass das Schwache das Starke und das Weiche das Harte besiegt, das weiß auf Erden jedermann, doch niemand vermag danach zu handeln.“ (Kap. 78) Wir brauchen doch unsere Kraft und unsere Stärke, um uns im Leben zu behaupten und unsere Ziele zu verwirklichen. Mit der Schwäche kommen wir nicht weiter, sondern bleiben zurück hinter den Stärkeren. Das haben wir doch schon im Kindergarten und am Schulhof gelernt.

Das Tao-te-King, das vom legendären Laozi verfasste Buch, weist darauf hin, dass es sich nur um eine Einbildung handelt, wenn wir glauben, dass wir hart und stark sein müssen, um zu überleben und dass die Schwäche mit Ohnmacht und Hilflosigkeit verbunden ist. Vielleicht sind es nur Vorurteile, die unseren Überlebensmustern entsprungen sind und an denen wir hartnäckig festhalten, die uns suggerieren, dass wir mit Härte weiter kommen als mit Weichheit. Im Tao-te-King steht zu lesen, dass eigentlich das Harte und Starre das Zerbrechliche ist. Die Härte mag sich kurzfristig durchsetzen, indem sie das zerstört, was ihr im Weg steht. Die Härte ist starr und stur und sie will der Wirklichkeit den eigenen Willen mit Gewalt aufzwängen. 

Langfristig und im Ganzen gesehen, richtet aber jedes gewalttätige Vorgehen Schaden für alle an, schließlich auch für jene, die auf Gewalt setzen. Sie erhoffen sich vom harten Durchgreifen Erfolg und Absicherung gegen Bedrohungen. Doch schneiden sie sich mit ihren gewaltsamen Eingriffen in den Fluss der Ereignisse von der Lebenskraft ab, die sie trägt. Sie vertrauen nur auf sich selbst und auf ihre Kräfte, die sie sorgsam pflegen müssen, während im Hintergrund die Angst lauert, dass die anderen übermächtig werden könnten. Deshalb müssen sie die ganze Zeit auf der Hut sein und vertrauen am besten niemand anderem. Sie vereinsamen inmitten von Menschen, die sie fürchten, und leiden selber an der größten Angst. 

Das Leben entwickelt sich nicht gewaltsam; ihm Gewalt anzutun bedeutet, willkürlich und selbstsüchtig in den Fluss der Ereignisse einzugreifen, um sie den eigenen Vorstellungen zu unterwerfen. Der lebendige Austausch wird unterbunden, es findet kein Lernen mehr statt. Das ängstliche Sicherheitsdenken dominiert den Umgang mit der Außenwelt. Die Lebenskreise engen sich zunehmend ein, stattdessen greift die Unlebendigkeit um sich. Wo das Lebendige weicht, melden sich die Vorboten des Todes: „Der Mensch ist bei seiner Geburt weich und schwach, bei seinem Tod hart und starr. (...) Darum sind die Harten und Starken Gesellen des Todes, die Weichen und Schwachen Gesellen des Lebens.“ (Kap. 76) 

Nach Laozi ist das Ziel nicht die weltliche Stärke mit ihrer Versuchung zu Macht und Gewalt und schließlich zur Zerstörung der Lebensgrundlagen. Vielmehr geht es um eine Form der Schwäche, die sich als wahre Stärke herausstellt: Das Weiche, das das Harte besiegt. Es ist keine Stärke, die sich beweisen muss, indem sie besser und mächtiger sein muss als andere, sondern die Kraft, die aus der fließenden Natur des Lebens stammt. Sie wirkt durch alles hindurch, auch durch die vermessene gewaltbereite Stärke, aber entfaltet sich am besten als Weichheit, weil sie so am anpassungsfähigsten an die wechselnden Umstände ist. Sie nährt sich aus der Balance zwischen Tun und Nichttun, als Kraft, die sich in der Aktivität und in der Passivität ausdrücken kann.

Das Schwache im Christentum

Auch das Christentum vertritt keine einseitige und starre Stärke mit dem Ziel der Unüberwindlichkeit und Unbesiegbarkeit. Der christliche Gott hat sich im Bild der Kreuzigung der Schwäche und Ohnmacht ausgeliefert. Jesus hat sich als Gottes Sohn dem Tod am Kreuz ausgesetzt und damit zur Stärke in der Schwäche bekannt. Diese Schwachheit besteht nicht darin, die unterlegene Position in eine moralische Überlegenheit umzumünzen, wie es Friedrich Nietzsche in seiner Kritik des Christentums angeprangert hat. Vielmehr nutzt sie die neue Kraft, die in der Solidarität mit dem Schwachen und mit den Schwachen erschaffen wird. Aus der beschämten Position der Schwäche durch Unterdrückung und Ungerechtigkeit erwächst aus dem Zusammenschluss die Annahme der Würde, die in jedem Menschsein enthalten ist. 

Die Kraft im geteilten Leid

Es ist die Kraft der Gemeinsamkeit des Leides, die zum praktischen Einsatz für die Aufhebung unmenschlicher Lebensbedingungen führt. Sie beruht auf dem gegenseitigen Vertrauen der Schwächeren, ein Vertrauen, das sich aus dem Grundvertrauen ins Leben nährt, die alles Schwache tragen und stärken kann. Menschlichkeit ist immer auch geteilte Menschlichkeit, und jede Umkehr vom Pfad der gewaltsamen Selbstbehauptung zur Solidarität dient dem Einsatz für das Zerbrechliche, für das Beschädigte und Verletzte am Menschsein, in der eigenen Seele und in der der Mitmenschen.

Zum Menschsein und seiner Würde gehört immer beides: Stark und schwach zu sein. Die Verachtung der Schwäche, die den Weltgeist mit seinen Machtkämpfen und Konkurrenzspielen kennzeichnet, ist eine Sackgasse, ein Irrweg, weil sie in den immer gleichen Kreisläufen der Angst und des Hasses gefangen bleibt. 

Irgendwann mündet sie in der Verzweiflung, einer ungewollten und beschämenden Form der Schwäche. Die Verzweiflung ist das Ergebnis des von der Angst diktierten Weges zur Einsamkeit und in das Abgeschnittensein, der unweigerliche Preis für die Vorherrschaft des Macht- und Konkurrenzstrebens.  Durch diese Verirrung geht der Bezug zum weichen Fluss des Lebens, zur göttlichen Gnade, zum Mitgefühl der Mitmenschen verloren. 

Die Verzweiflung kommt erst an ihr Ende, wenn sie bereit ist zu einer Umkehr an, zur Hinwendung zu dem, was jenseits des Schutzwalles liegt, den die Selbstsüchtigkeit um sich herum hochgezogen hat. „Umkehr ist des Tao Bewegung. Schwachheit ist des Tao Wirkung.“ (Kap. 40)

Die tröstliche Macht der Schwäche

Am Grund der Verzweiflung erscheint die eigentümliche und tröstliche Macht der Schwäche. Sie liegt darin, dass die Schwäche ihren Schrecken verliert, wenn sie als ein Aspekt des Menschlichen erkannt wird. Die Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit und Unzulänglichkeit des Menschen bekommt ihre besondere Würde, wenn sie in Demut angenommen wird, mitsamt allen Gefühlen, die mit dieser Seite des Menschlichen verbunden sind. Es ist das Annehmen der Endlichkeit, der Tatsache, dass jedes einzelne Leben in Schwäche an sein Ende kommt, und im Annehmen dieser Schwäche in Würde und Frieden gehen kann. 

Die Schwäche als Freundin zu gewinnen, ist eine wichtige Vorbereitung für den Schritt, den Tod als Freund anzuerkennen. Die Umkehr vom Weg der Verblendung und der Verleugnung der Hinfälligkeit ist das Tor zur Demut und Hingabe, zu Einfachheit und Bescheidenheit. Ein Leben im Einklang mit dem Tao, mit der Vernunft oder mit dem Willen Gottes, je nach Tradition und spirituellem Kontext, ist der unschätzbare Gewinn aus der Verabschiedung der Illusion von Allmacht und Übermenschlichkeit.

Zum Weiterlesen:
Die Umkehr
Scham und Verletzlichkeit
Verletzlichkeit und Würde
Verletzlichkeit, Teil des Menschseins



Samstag, 11. April 2026

Die Umkehr

Wenn wir merken, dass wir uns verlaufen haben, müssen wir umdrehen, bis wir zu einem Punkt kommen, an dem wir uns wieder orientieren können. Diese Wende beinhaltet das Eingeständnis, einen Irrtum zum Opfer gefallen zu sein. Irrwege begehen wir nicht nur auf unbekanntem Terrain, sondern auch in allen anderen Bereichen unseres Lebens. Immer, wenn wir auf neue Gebiete treffen, gibt es Phasen von Versuch und Irrtum, bis wir eine sichere Orientierung gefunden haben.

Auch bei der Suche nach dem „richtigen“ Leben können wir uns verlaufen. Irgendwann merken wir, dass wir auf einem Holzweg sind und müssen umdrehen. Wir haben uns verrannt – in eine Idee, ein Konzept, eine Illusion. Wir haben uns verschaut – in eine Meister- oder Lehrperson, die uns getäuscht hat, oder in eine Methode, die uns nicht weitergebracht hat. Die Seifenblase zerplatzt und wir stehen beschämt da. Die Scham macht uns auf unseren Irrlauf aufmerksam, der darin besteht, dass wir unserem Ego mehr vertraut haben als unserer intuitiven Einsicht. Die Scham fordert uns zur Umkehr auf: Statt dem Ego und seinen Blendungen zu folgen, sollten wir tiefer in uns hineinblicken, um zu erkennen, worum es uns wirklich in unserem Leben geht.

Die Umkehr besteht also in der Rückbesinnung auf das, was wir ursprünglich wollten. Und über dieses Wollen kommen wir mit zu unserem inneren Wesen in Kontakt, in dem alles gespeichert ist, was uns ausmacht: Unsere Werte, Potenziale und Visionen.

Die Metanoia

Das altgriechische Wort metanoia bedeutet so viel wie „Umdenken“.  Die Präposition „meta“ steht für „nach“, „hinter“, „über“ oder „um“. Sie verweist auf einen radikalen Einschnitt, nicht auf eine oberflächliche Änderung, vergleichsweise wie der Schritt von einer Physik zu einer Meta-Physik, vom Materiellen zum Immateriellen, vom Relativen zum Absoluten. Es geht um einen tiefgreifenden Sinneswandel, bei dem das bisher gültige Welt- und Selbstbild durch ein neues ersetzt wird, das dem eigenen Selbst besser entspricht. Der Wortteil „noia“ verweist auf den „nous“, den Verstand, Geist oder die Vernunft. Die neue Orientierung, zu der die Umkehr stattgefunden hat, nutzt unsere höheren geistigen Funktionen und lässt sich nicht von vorläufigen Eindrücken, Vorurteilen und ungeprüften Spekulationen leiten. Die Umkehr im Sinn der metanoia beinhaltet also einen kritischen Ansatz, der vor allem das Ego und seine Ablenkungen offenlegt. Mit der Ausrichtung an der Vernunft transzendieren wir die Täuschungsmanöver, die von den Ängsten des Egos erfunden wurden, und besinnen uns auf unsere innere Wirklichkeit. Diese Realität unseres inneren Selbst wollen wir zur Wirkung bringen, indem wir uns selbst verwirklichen, und nicht irgendein Modell, das wir von anderen übernommen haben, oder eine an uns gerichtete Erwartung, an die wir uns anpassen. Unser individueller Beitrag zu dieser Welt ist es, den wir durch die Umkehr zu unserem Wesen finden und zum Ausdruck bringen.

Die Umkehr im Christentum

Die Umkehr ist ein zentraler Begriff im Christentum. Neben der moralischen Umkehr von der Sünde zu einem guten Leben geht es vor allem darum, dass der Mensch, der sich von Gott abwendet hat, seine Gesinnung ändern und sich wieder Gott zuwenden soll. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn wird diese Wendung dargestellt: Der Sohn, der sich vom Vater entfernt hat, kehrt zurück und wird liebevoll empfangen. Die Entfernung von Gott ist zugleich die  Annäherung an die Sünde, an das verwerfliche selbstsüchtige Verhalten. 

In einer anderen Interpretation dient die Umkehr der Abwendung vom Ego und der Zuwendung zur eigenen Göttlichkeit, die im Christentum durch die Menschwerdung  Christi verkörpert ist. Es ist eine Hinwendung zum inneren Wesen, das dem Wahren und Guten verbunden ist. 

Die Umkehr im Taoismus

Im Taoismus hat der Begriff der Umkehr einen wichtigen Platz; nicht als moralischer Akt, als Reue über sündhaftes Verhalten, sondern als Prozess, der aus den Fängen der Ablenkungen befreit und zur Verbindung mit dem Tao, der universellen Lebensenergie zurückführt. Es geht darum, den künstlichen Verformungen aus der Erziehung und aus der Gesellschaft zu entkommen und sich dem Fließen des Lebens anzuvertrauen. Laozi lehrte: „Umkehr ist die Bewegung des Tao.“ (Tao Te King, Kap. 40) Alles in der Natur kehrt zu seiner Wurzel zurück; alles menschliche Streben will sich letztlich diesem Ziel unterordnen.

Es ist eine Rückkehr von der zerstreuten Mannigfaltigkeit des täglichen Lebens und Treibens zur zentrierten Einfachheit. Der Prozess hat mehr mit dem Weglassen als mit dem Hinzufügen zu tun: Während die Welt nach der Mehrung von Fortschritt, materiellen Gütern und Wissen strebt, besteht die taoistische Umkehr darin, unnötiges Wissen, fehlgeleitete Ideen und selbstschadende Begierden abzulegen.

Leitbild für die Umkehr ist das Kind: Sie führt symbolisch zurück zum „Säugling“ oder zum „unbehauenen Block“. Werden all die Hinzufügungen, die im Lauf des Lebens angehäuft werden, weggelassen, so bleibt die Essenz, das Wesentliche übrig. Es ist eine Rückkehr zur Einfachheit, Spontaneität und Natürlichkeit. „Wer das Tao praktiziert, nimmt von Tag zu Tag ab. Er nimmt ab und nimmt weiter ab, bis er beim Nicht-Handeln (Wu Wei) ankommt.“ (Tao Te King, Kap. 48)

Nicht-Handeln heißt nicht Nichts-Tun, sondern bedeutet die Rücknahme der Einmischung in die Geschehnisse des Lebens aus selbstsüchtigen Motiven. Das Handeln der Menschen geschieht aus dem Fließen des Lebens, das in jedem Moment kundtut, was geschehen soll. Als Beispiel dient die berühmte Geschichte von Koch Ding, der Rinder zerlegt. Sein Messer wird nie stumpf, weil er nicht gegen die Knochen kämpft. Er findet die natürlichen Lücken im Fleisch und lässt die Klinge dort hindurchgleiten. Wu Wei besteht darin, bei auftretenden Problemen einen Schritt zurückzutreten, das ganze Bild wirken zu lassen und die Maßnahmen, die zu tun sind, aus einem tieferen Erkennen und Wissen zu gewinnen.

Umkehr im Sufismus

Die Abwendung vom Göttlichen, die durch die vielfältigen Verirrungen des Lebens passiert ist, erfordert eine Umkehr oder Rückkehr. Nach der Lehre der Sufis gibt es verschiedene Quellen der Abkehr von Gott:

An erster Stelle steht das nafs, das Ego, das den Menschen über Triebe, Machtstreben und materielle Gier gefangen hält. Zweitens sind es die Verlockungen der Welt der Dinge und Erscheinungen, die Außenreize, die den Blick nach innen überlagern und uns die Illusion der Unsterblichkeit vermitteln. Drittens sprechen die Sufis von 70 000 Schleiern, die zwischen Gott und Mensch liegen und in die sich die Menschen verfangen – lichte Schleier in Form von selbstgefälligen Tugenden und dunkle Schleier im Sinn der Laster. Schließlich sollen vor der Erschaffung der Welt alle Seelen Gott als ihren Herren anerkannt haben; das Vergessen dieses ursprünglichen reinen Zustandes führt zum Versiegen der Kommunikation mit Gott.

Rumi schreibt: „Dein Herz ist ein Spiegel. Du musst ihn von dem Staub reinigen, der sich darauf angesammelt hat, damit er das Licht der Sonne reflektieren kann.“

Die Rückkehr (tawba) wird als Erwachen aus dem Schlaf der Unachtsamkeit verstanden. Dazu zählen vor allem vier Schritte:

1. Die Reue, der tiefe Schmerz über die Trennung von Gott

2. Das Aufgeben aller schädlichen Handlungen

3. Der feste Vorsatz, niemals wieder unachtsam zu werden

4. Die Wiedergutmachung von Handlungen, die Schaden verursacht haben

Die Umkehr ist ein kontinuierlicher Prozess, denn jeder Moment, in dem Gott vergessen wird, bedarf der Korrektur und der bewussten Rückwendung.

Verschiedene Zugänge, gemeinsame Einsichten

Wir sehen eine Konvergenz des Verständnisses von Umkehr in den verschiedenen Traditionen. Die Menschen wenden sich Dingen zu, die sie vom inneren Weg abbringen, und verirren sich auf diese Weise. Die Erkenntnis, auf dem falschen Weg zu sein, führt zur Umkehr. Dieser Schritt führt nicht einfach zu einer besseren Strategie, sondern besteht in einer Rückwendung von außen nach innen, vom Uneigentlichen zum Eigentlichen, vom Oberflächlichen zur Essenz. In den monotheistischen Traditionen wird das Zentrum der Rückbesinnung als Gott bezeichnet, in anderen Richtungen wie z.B. im Taoismus geht es um die Einstimmung auf das Fließen des Lebens. Dieser Prozess kann auch als Heimkommen aus der Entfremdung beschrieben werden.


Dienstag, 24. März 2026

Politik und Religion: Unheilige Allianzen

Die Religionen verstehen sich als Vermittler und Verwalter des Absoluten, also eines Wissens, das zeitlos gültig ist und nicht einem einzelnen Menschen zugeschrieben werden kann, sondern für alle Geltung hat. Die Politik verwaltet das gesellschaftliche Zusammenleben, das sich fortlaufend verändert. Die Politik hat es mit relativen Tatbeständen zu tun, zu denen es immer verschiedene Sichtweisen und Bewertungen gibt. Die Politik kümmert sich auch um die Machtverteilung, um die sich Menschen und Gruppierungen streiten.

Aus dieser Gegenüberstellung geht klar hervor, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Dennoch zeigt die Geschichte, dass die beiden Bereiche immer wieder vermischt wurden, meistens mit katastrophalen Folgen. Um dieser Verwechslung einen Riegel vorzuschieben, wurde in der Aufklärung die Trennung von Staat und Kirche vorgeschlagen und eingefordert. Sie ist inzwischen ein wichtiger Teil westlicher liberaler Verfassungen, aber in der Praxis kommt es noch immer zu Vermischungen, Überschneidungen und Grenzüberschreitungen, wie auch aktuelle Beispiele zeigen.

Menschen sind religiös und politisch

Die Tendenz zur Vermischung von Religion und Politik hat ihren Grund darin, dass Menschen sowohl religiös (am Absoluten interessiert) als auch politisch (an ihrem Gemeinwesen interessiert) sind. Daraus erwächst die Versuchung, das Absolute in die Politik hineinzuschwindeln und die Politik ins Absolute. Beiden Seiten wird mit dieser Vorgehensweise Schaden zugefügt. Die Folge von absoluten Wahrheitsansprüchen in der Politik ist in logischer Konsequenz die Gewaltanwendung zur Durchsetzung von Entscheidungen. Wer meint, absolut Recht zu haben, muss alle bekämpfen, die einer anderen Meinung sind, denn sie sind des Teufels, des mystischen Gegners des Absoluten. Umgekehrt: Die Politik, die sich ins Absolute hineindrängt, korrumpiert das Absolute zum Relativen. Das Absolute kann der Politik nicht unterworfen werden, aber sie kann es bis zur Unkenntlichkeit verzerren (z.B. indem kirchliche Würdenträger Waffen segnen oder die Gegner verteufeln). Politisches Alltagsgeschäft, das als religiös verbrämt wird, zerrt das Absolute auf den Marktplatz der Macht, auf dem es jeden Heiligenschein verliert. Das Absolute, das von der Macht berührt wird, zerfällt und verwandelt sich in Gift.

Von Gottes Gnaden?

Die Herrschaft von Gottes Gnaden ist der Traum jedes Machtmenschen. Denn eine von den höchsten Instanzen inthronisierte Position ist jeder menschlichen Kritik und Infragestellung entzogen. Allerdings beruht sie auf einem Missbrauch des Absoluten, weil das Absolute keine Macht zuspricht. Die Machtverteilung ist die Sache der Gesellschaft und wird auf der relativen Ebene entschieden.

Und die Gnade gebührt allerdings nur jenen, die ihre Macht dafür nutzen, die Machtlosen zu stärken und sich selbst so weit wie möglich zu entmächtigen, also auf die Macht zu verzichten, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat. Macht macht nur Sinn, wenn sie dem Gemeinwesen dient, und wird zum asozialen Selbstzweck, wenn sie Einzelinteressen auf Kosten der Mehrheit durchsetzen will.

Wer darüber hinaus vermeint, mit Gottes Gnade Krieg führen oder die Untertanen unterdrücken zu können, verwechselt sein Ego mit dem Absoluten und nutzt die Religion zur Rechtfertigung für Gewaltanwendung und subjektive Willkür.

Kriegerisches Sendungsbewusstsein

Der jüngste Krieg der USA und Israels gegen den Iran liefert manchen Leuten den Anlass, ihr religiöses Sendungsbewusstsein in den Dienst martialischer Interessen zu stellen. Der US-Senator Lindsey Graham von den Republikanern hat den Krieg als heiligen Krieg bezeichnet, weil man es mit religiösen Fanatikern zu tun hat, die vernichtet werden müssen – so spricht ein religiöser Fanatiker. Häufig redet er auch von einer heiligen Hölle (holy hell), die über das iranische Regime hereinbrechen soll. Außerdem ist er der Meinung, es handle sich bei diesem Krieg um einen Kampf des Guten gegen das Böse. Auch der US-Kriegsminister Pete Hegseth nutzt die Religion für seine Kriegsrhetorik. Er hat die US-Soldaten als Glaubenskrieger bezeichnet und einige seiner Kommandanten sollen ihren Truppen mitgeteilt haben, dass der Krieg von Gott geplant sei. In der israelischen Regierung sprechen Minister von einem Kampf zwischen „Licht“ und „Dunkelheit“ gegen den Iran. Sie lehnen Verhandlungslösungen als „Sünde“ ab, weil das Dunkle total vernichtet werden muss. Auf der anderen Seite herrscht eine ähnliche Rhetorik: Es geht um einen heiligen Kampf gegen die Aggressoren und um eine Entscheidungsschlacht zwischen dem „Haus des Islam“ und der „Welt der Ungläubigen“. Kriegsopfer sind automatisch Märtyrer für den Glauben.

Die Aufladung der Kriegsrechtfertigungen mit religiösen Inhalten verschärft die kriegerische Aggression und erschwert diplomatische Lösungen. Denn jede Seite fühlt sich vom Absoluten unterstützt und angestachelt. Es geht nicht mehr „nur“ um politische Machtansprüche, wirtschaftliche Vorteile, strategische Optionen usw., sondern um eine metaphysische Arena, in der sich die Mächte des Guten und des Bösen gegenüberstehen, sodass vom Ausgang des Kampfes abhängt, ob die Welt in Zukunft vom Licht oder von der Dunkelheit beherrscht wird. Die Situation ist deshalb so zerstörerisch und ausweglos, weil beide Seiten in ihrem Wahn dem gleichen Missbrauch des Absoluten verfallen sind. Es wirkt als stünden sich zwei verstörte Typen hasserfüllt gegenüber, und jeder hält sich selber für den Erlöser und den anderen für den Teufel, der vernichtet werden muss.

Unheilvolle Allianzen

Die unheilvolle Allianz von Thron und Altar hat eine Blutspur durch die Geschichte gezogen und in vielen Ländern letztlich dazu geführt, dass sich mehr und mehr Menschen von den Altären abgewandt haben und den Klerikern misstrauen. Denn eine Kirche, die das Absolute an die Macht verrät, hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Dennoch ist diese Mesalliance noch immer in Gebrauch, siehe z.B. die Absegnung des russischen Krieges gegen die Ukraine durch die russisch-orthodoxe Kirche. 

Während Parteien und Gruppierungen auf der linken Seite des politischen Spektrums traditionell religions- und kirchenkritisch auftreten und im Extremfall Religionen verbieten oder unterdrücken, versuchen viele rechtsorientierte Strömungen, Religion und Kirche für sich zu vereinnahmen und für die eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Vor allem fundamentalistische Gruppen bieten sich geradezu für solche Zwecke an, weil sich ihre autoritären Strukturen mit jenen der Rechtsparteien ähneln und beide ihre Positionen für absolut gültig erachten. So gibt es auch unheilvolle Allianzen zwischen Rechtsparteien und konservativen oder fundamentalistischen Kirchenvertretern oder Sekten. 

Zum Fundamentalismus gehört, dass aus den heiligen Texten direkt Richtlinien für die menschliche Lebenspraxis abgeleitet werden können. Wie gefastet wird, welche Rollen die Männer und die Frauen spielen, welche geschlechtlichen Orientierungen erlaubt sind und welche nicht oder welche Kleidung zu tragen ist, steht in den Schriften und hat deshalb absolute Geltung, die auch von staatlichen Organen eingefordert werden soll. Doch sind alle Texte relativ, in relativer Sprache verfasst und in ihren Bedeutungen dem Lauf der Geschichte unterworfen. Es gibt keine absolute gültigen Aussagen in den Schriften, sondern nur relative, auf die jeweiligen Zeitumstände bezogene Interpretationen. Das Absolute entzieht sich jeder Verbildlichung und Verschriftlichung. Es enthält nicht einmal konkrete Inhalte, sondern ist leer. Deshalb kann es nichts zur Klärung der Frage beitragen, ob Frauen Kopftücher tragen sollen oder nicht, ob sie Priesterinnen werden können oder nicht, ob sie den Männern übergeordnet sind oder nicht, geschweige denn, wer die Macht im Staat innehaben soll und wer nicht.

Die Trennung von Staat und Kirche

In den politischen Prozessen darf es in einer liberalen Demokratie keine religiöse Einmischung geben. Absolutheitsansprüche verzerren die Debatten und verhindern pragmatische Kompromisse. Sie verhärten die Fronten und erzeugen Hass und Gewaltbereitschaft. Politische Entscheidungen müssen auf der politischen Ebene durchgeführt und verantwortet werden. Das Absolute hat dazu nichts zu sagen und dabei nichts verloren. Im gesellschaftlichen Prozess hingegen, der politischen Entscheidungen vorangeht und nachfolgt, spielt das Religiöse immer eine Rolle, als Stimme unter vielen, mit einem besonderen Gewicht, das sich daran bemisst, wieweit das Religiöse dem Absoluten verpflichtet ist. 

Das Absolute und die Verantwortung für die Gesellschaft

Die Trennung von Religion und Politik bedeutet also nicht, dass sich die beiden Bereiche nicht umeinander kümmern müssen. Die Politik braucht das Absolute, um zu erkennen, worum es in Wirklichkeit, also jenseits der Machtausübung geht. Wie soll eine gerechte Gesellschaft beschaffen sein? Welche Werte sind unverzichtbar, um den Menschen ein gutes Leben zu garantieren? Die Botschaften aus dem Absoluten kommen als Ordnungsrufe, Ermahnungen oder Zurechtweisungen, als Gewissenserinnerungen von Menschen, die sich ihrer Verantwortung aus der Offenheit für Transzendenz und für die Anliegen der Gesellschaft bewusst sind. Zur Zeit des Alten Testaments waren es die Propheten, die auf die Abweichungen vom göttlichen Weg aufmerksam gemacht haben.

Moderne Propheten treten als visionäre Politiker auf. Sie streben nicht nach Macht,  geleitet von Angst und Gier, und wollen um jeden Preis daran festhalten. Sie haben ihre Überzeugung und ihr Engagement aus dem Absoluten gewonnen. Sie wissen aus diesem Kontakt um die Richtung, in der die Gesellschaft verändert werden muss. Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela sind solche wegweisende Menschen, die aus einer tief gegründeten Selbstverpflichtung zu Gerechtigkeit und Befreiung gehandelt haben und mit ihrem selbstlosen und authentischen Auftreten Millionen Anhänger gefunden haben, sodass sie die Gesellschaft in wichtigen Teil menschenwürdiger gestalten konnten.

Da wir als religiöse Menschen auch politische Menschen sind, obliegt es uns, in der Politik aktiv Stellung zu beziehen, wenn es zu Ungerechtigkeiten kommt. Im Licht des Absoluten sind alle Menschen gleich und haben die gleichen Rechte. Deshalb widerspricht eine ungerechte Gesellschaftsordnung dem Absoluten. Die Mächtigen müssen auf ihre egogeleiteten Fehlhandlungen aufmerksam gemacht und zur Rechenschaft gebracht werden. Wer sich dem Absoluten verpflichtet fühlt, kann sich nicht nur in die eigenen vier Wände zurückziehen und dort der Frömmigkeit huldigen, sondern sollte auch dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse besser werden. Wer schweigt, scheint zuzustimmen, hieß es bei den Römern. Wer nichts sagt, bestätigt die Umstände, auch wenn sie menschenfeindlich und ungerecht sind. Als Menschen können und sollen wir zu Sprachrohren des Absoluten werden, indem wir sein Licht auf alles richten, was im Schatten von Bosheiten, Gewalttaten und Manipulationen steckt. Der Maßstab des Absoluten ist an alles anzulegen, was Menschen hervorbringen. Nur so kann geklärt werden, ob es dem Besten der Menschheit oder nur der subjektiven Willkür, Bereicherung und Bestätigung einzelner dient.

Dazu gehört auch, jeden politischen Missbrauch des Absoluten anzuprangern. Jeder Rede vom geheiligten Krieg, jede Verherrlichung von Gewalt, jede Rechtfertigung von Unterdrückung, jede Untat mit Berufung auf eine höhere Instanz ist von diesem Missbrauch befallen und muss benannt und kritisiert werden. Religiös begründete Unmenschlichkeiten sind doppelt böse, in sich und dazu noch als Heuchelei und Frevel. 

Zum Weiterlesen:
Religion und Vertreibung


Dienstag, 17. März 2026

Verzerrungen der kollektiven Bewusstseinsfelder

Katastrophen erzeugen kollektive Emotionalfelder, die vor allem mit Angst, Scham und Schmerz aufgeladen sind. Wie im vorigen Artikel beschrieben, belasten diese Felder alle Mitglieder der Gesellschaft. Da es einfacher ist, diese Belastung durch Rechtfertigungen zu erleichtern als die unangenehmen Gefühle zu spüren, die sie übermitteln, gibt es einen ganzen Markt für solche Entlastungen. Diese bewirken Verzerrungen in den Bewusstseinsfeldern, die von ihren ursprünglichen Gefühlen entfremdet werden. Über diese Gefühle wird ein Schleier gelegt, der vor ihrer Macht schützen soll. Diese Unkenntlichmachung wird mit neuen Deutungen vorgenommen, die nicht aus der Realität, sondern aus der Fantasiewelt von Ideologien stammen. Die entsprechenden Angebote vertreten begrenzte Interessen und sind nicht am gesellschaftlichen Nutzen interessiert. Entweder geht es um wirtschaftlichen Gewinn oder um politische Macht. Für diese Ziele werden die arglosen Konsumenten der Propaganda benutzt und ausgebeutet.

Egoismus statt Empathie

Der Altruismus, der normalerweise durch das empathische Mitfühlen mit dem Leid anderer aktiviert wird, wird durch den Egoismus ersetzt, indem die Verzerrungsangebote Ängste schüren: Wenn du empathisch bist, kann es dir selber an den Kragen gehen.  Sobald wir in Angst geraten, werden unsere Überlebensprogramme angestachelt. Sie suggerieren uns, dass wir zuerst unsere eigene Haut retten müssen, bevor wir jemand anderem helfen können. Das ist die Grundregel für alle Ausreden zur Vermeidung von prosozialem und gemeinnützigem Verhalten. 

Klarerweise sind es alte Ängste, also solche, die in der Kindheit oder schon im Mutterleib entstanden sind, an die die Angstpropaganda andocken will. Viele Menschen in unseren Breiten leben mit einem Grad an Sicherheit, den es in der Geschichte vorher noch nie gegeben hat. Es gibt also wenig realen Anlass für Ängste, aber viele Stellen in unserem Unterbewusstsein, die angstsensibel sind. Denn dort sind Erinnerungen von früheren Verletzungen, Demütigungen und Bedrohungen gespeichert. Es ist wie bei Süchtigen, deren Empfänglichkeit für Reize von der Suchtsubstanz überschrieben wird, sodass bestimmte Empfindungen nur mehr durch die Droge zustande kommen. Diffuse Ängste bekommen eine Bedeutung, die aber nichts mit der Realität sowohl im Außen wie im Innen zu tun hat, sondern von den Interessen der Manipulatoren erfunden werden. Es wird also eine Pseudorealität suggeriert, die 

Die stetig steigende Unzufriedenheit von Wählern von Rechtsparteien

Eine deutsche Studie, die AfD-Wähler über mehrere Jahre begleitet hat, hat gezeigt, dass diese Personen im Lauf der Zeit immer unzufriedener wurden, ohne dass sich etwas Gravierendes in ihrem Leben verändert hätte. Sie haben aber die Negativpropaganda und Angstschürung in sich aufgesogen, die ihnen ihre Partei tagtäglich liefert. Ihre Lebensqualität verschlechtert sich durch diese Form der Gehirnwäsche, und zugleich festigt sich ihre Bindung an die Partei, die ihnen dieses stetig steigende Leid zufügt, denn sie verspricht zugleich die einzig zielführende Abhilfe. Bezogen auf den Glücksindex bedeutet dieser Befund, dass AfD-Anhänger 2400,- €/Monat mehr verdienen müssten, um wieder zufriedener zu werden. Die Studie hat auch ergeben, dass Personen, die sich von der AfD abwenden, schnell wieder zu einer durchschnittlichen Zufriedenheit zurückfinden. (Für Österreich hingegen liegt der Durchschnitt gar nicht mehr in einem Mittelwert an Zufriedenheit, weil 2024 fast 60 % der Befragten angaben, die Entwicklung der letzten fünf Jahre als negativ wahrzunehmen. Parallel dazu steigen die Stimmengewinne für die FPÖ, denn 40% jener „Systemunzufriedenen“ wählen diese Rechtspartei.)

Unzufriedenheit und Angst

Unzufriedene Menschen sind mehr von Ängsten gesteuert als Menschen, die vertrauensvoll in die Zukunft schauen. Ängstliche Menschen sind leichter manipulierbar und ungeschützt den Wirkungen der kollektiven Traumafelder ausgeliefert. Da Ängste immer die rationale Prüfung der Wirklichkeit einschränken, gelingt es schwerer, zu unterscheiden, wo die Quellen der Angst liegen. Kindheitstraumen werden durch kollektive Katastrophen aktiviert, doch versucht die politische Propaganda, diesen Zusammenhang zu verschleiern und umzudeuten. Die Taktik besteht darin, den Menschen ihre Ängste bewusst zu machen und einen Kontext zu liefern, der die eigenen Machtinteressen befördert. Du sollst Angst spüren, und ich sage dir, woher sie kommt und worin die Abhilfe besteht. Die diffuse Angst, die z.B. von kriegerischen Ereignissen auf der Welt ausgelöst wird, wird aufgegriffen und auf ein anderes Thema umgelenkt, z.B. auf die Migration. Du sollst Angst spüren und sie auf die Menschen richten, die in dein Land gekommen sind und die du als fremd und bedrohlich wahrnehmen solltest. Komm zu uns, denn wir sind diejenigen, die dafür sorgen werden, dass die Urheber der Angst, die Fremden, rausgeworfen werden. Dann kannst du wieder frei von Angst leben.

Dass dieses Versprechen nie eingelöst werden kann, weil die Ängste  von ganz wo anders herkommen, ist den Ängstlichen nicht bewusst; sie klammern sich an jeden Strohhalm, der ihnen Hilfe in der Not zu bieten scheint. Sie vertrauen nicht auf die eigene Vernunft, die ihnen den Weg zeigen könnte, die Ursprünge seiner Angst zu finden und dort aufzulösen. Sie vertrauen auf jene, die sie scheinbar in ihrer Not verstehen, weil sie ihnen ein einfaches Feindbild und eine einfache Abhilfe liefern.

In Angst zu leben macht es unmöglich, Empathie zu empfinden. Die Identifikation mit dem eigenen Leid ist zu groß, dass fremdes Leid im Bewusstsein einen Platz finden könnte. Vielmehr wird das Leid der anderen als Bedrohung erlebt, und die Verzerrungen, die die Propaganda liefert, dienen als Rechtfertigung und Entlastung von der Macht der kollektiven Emotionalfelder. Jeder Mangel an Empathie hat ein Schamgefühl zur Folge, denn das Mitgefühl ist ein wesentlicher Teil der Menschlichkeit. 

Zurück zur Menschlichkeit

Wir wollen weder Angst noch Scham spüren, weil es unangenehme Gefühle sind. Wenn wir aber tiefer verstehen wollen, woran wir leiden, müssen wir uns dieser Gefühle annehmen und sie in ihren Ursprüngen erkunden. Gefühle, die wir sowohl mit unserer Biografie als auch mit der Menschengemeinschaft und ihrer Geschichte in Verbindung bringen können, kommen in Frieden, indem wir sie zu Herzen nehmen und innerlich transformieren. Wo Angst und Scham war, entsteht ein Raum für Liebe und Mitgefühl.  

Zum Weiterlesen:
Kollektive Emotionen angesichts von Katastrophen
Kollektive Traumen und ihre Folgen
Kollektive Traumen und ihre missglückte Bewältigung



Mittwoch, 11. März 2026

Kollektive Emotionen angesichts von Katastrophen

„Die Geschichte lehrt den Menschen, dass die Menschheit ein einziger ungeteilter Organismus ist.“ Mahatma Gandhi

Unser individuelles Bewusstsein steht immer mit einem kollektiven Bewusstsein in Verbindung, weil wir eben nicht alleine auf der Welt sind. Wir kommunizieren beständig mit der Welt um uns herum, zuerst und immer auch mit unserer Atmung und dann über die verschiedenen anderen Kanäle, bei denen die Medien in den letzten Jahrhunderten eine fortlaufend größere Rolle spielen. Diese Entwicklung scheint sich in jüngerer Zeit im Zug der digitalen Revolution enorm zu beschleunigen und eigene Formen des kollektiven Bewusstseins hervorzubringen.

Unter dem kollektiven Bewusstsein können wir nach dem französischen Soziologen Émile Durkheim gemeinsame Gefühle, Werte und Überzeugungen einer Gesellschaft oder der gesamten Menschheit verstehen. Katastrophen mit überregionaler Bedeutung erschüttern das Sicherheitsgefühl vieler Menschen. Die Endlichkeit tritt mit Wucht ins Bewusstsein und erzeugt den Eindruck des Kontrollverlusts und des Ausgeliefertseins an höhere Mächte und Gewalten. Der Glaube, dass alles gut weiter geht, wird jäh unterbrochen, während durch die Informationen und Bilder, die wir über die Medien konsumieren, sekundäre Traumatisierungen auftreten können. 

Angesichts der Verunsicherung werden individuelle und kollektive Überlebensprogramme aktiviert, die zu spontaner Solidarität führen können, aber auch innere Ängste verstärken. Zunächst schart sich die Gesellschaft um die Fahne (Der  „Rally 'round the flag“-Effekt) und krempelt die Ärmel hoch, um den von der Katastrophe Betroffenen Hilfe zu leisten. Im gemeinsamen Kampf gegen die Gefahr oder die entstandenen Schäden werden die Grenzen zwischen dem Wir und den Anderen überwunden. Dieser Effekt kann allerdings ins Gegenteil kippen, wenn die Angst wächst oder angefacht wird, sodass Teile des kollektiven Bewusstseins regredieren: Der Egoismus und der Gruppenegoismus nehmen wieder zu, Sündenböcke werden gesucht und Verschwörungserzählungen zur Rechtfertigung des Rückzugs aus der empathischen prosozialen Rolle eingesetzt. 

Die Messung von kollektiven Traumafeldern

Menschen sind in ihrem Wesen empathisch. Wir verfügen über Spiegelneuronen, die uns das Leid anderer nachempfinden lassen, ob wir es wollen oder nicht. Wenn uns die Nachricht von einer Katastrophe, unter der Menschen irgendwo auf der Welt leiden, erreicht, reagiert unsere Psyche mit Angst, Schmerz und Scham. 

Die Forschung hat sich dieser Phänomene angenommen. Es wird beispielsweise die „globale Stimmung“ über Reaktionen auf digitalen Medienplattformen mit einem Algorithmus erhoben, der „Hedonometer“ heißt und die durchschnittliche Glücklichkeit misst. Bei Ereignissen wie dem Beginn der COVID-19-Pandemie oder bei den Anschlägen in Paris 2015 sackte die Kurve weltweit zeitgleich ab. Man konnte eine massive Vereinheitlichung der Emotionen beobachten – die individuelle Varianz (der eine ist froh, der andere traurig) wurde von einer kollektiven Welle aus Angst oder Trauer überlagert.

Bei der Princeton University läuft ein Projekt zur Messung des globalen Bewusstseins, bei dem am 11. September 2001 signifikante weltweite Abweichungen von der Zufallsverteilung der Gefühle beobachtet werden konnte. Diese Abweichung begann kurz vor den Attentaten und kulminierte während der Ereignisse.

Neuropsychologische Untersuchung belegen den Effekt der psychologischen Synchronisation: Das Phänomen, das schon Durkheim als „kollektive Aufwallung“ beschrieben hat, besteht darin, dass es bei Teilnehmern von emotional aufwühlenden Veranstaltungen zur Synchronisation von Herzfrequenz und Atemmustern kommt. Eine Studie der Universität Zürich hat gezeigt, dass große Katastrophen das Angstzentrum (die Amygdala) einer ganzen Population gleichzeitig in Alarmbereitschaft versetzen kann.

Vermutlich spielt das Bindungshormon Oxytocin eine Rolle bei der Synchronisation von Gruppen, das bei geteiltem Schmerz vermehrt ausgeschüttet wird und den sozialen Zusammenhalt stärkt.

Die weltweite digitale Vernetzung hat dazu geführt, dass solche Gefühls- und Bewusstseinsfelder heute viel schneller aktiviert und aufgeladen werden, weil die Nachrichten ohne Verzögerung überall auf der Welt ankommen. Es ist nicht möglich, sich ihrer Wirkung zu entziehen. Selbst wenn wir uns von allen Medien abschotten, bleiben wir Teil der emotional aufgeladenen Resonanzfelder, mit dem Nachteil, nicht zu wissen, um welche Katastrophen es sich handelt.

Die Mitgefühlserschöpfung

Da die Aktivierung von Mitgefühl mit den Opfern von Unmenschlichkeit und Naturgewalten viel Energie kostet, gibt es das Phänomen der Empathieerschöpfung, der compassion fatigue. Insbesondere das Mitleid, bei dem wir den Schmerz des anderen in unserem eigenen Schmerzzentrum fühlen, nimmt uns stark mit und führt ab einem gewissen Zeitpunkt zur Erschöpfung. Ein Mitgefühl, bei dem es gelingt, trotz der Anerkennung des Leides bei sich zu bleiben, ist dagegen leichter verträglich und enthält auch Aspekte der Belohnung: Notsuchenden Mitmenschen Hilfe zu leisten, erfüllt mit Befriedigung – solange, als die Hilfeleistung nicht in Mitleid kippt.

Dann kann es zu den Symptomen der Mitgefühlsmüdigkeit kommen: Emotionale Taubheit, Zynismus gegen die Opfer, sekundäre Traumatisierung (das Trauma der Opfer überträgt sich auf einen selbst), Gereiztheit und körperliche Beschwerden. Wer auf sich selbst beim Mitgefühl vergisst, beutet sich selbst aus und kann dann irgendwann nicht mehr menschlich handeln. 

Die Mitgefühlsverdrängung

Die Gefühle der kollektiven Traumafelder sind unangenehm und belastend. Deshalb mobilisieren wir Abwehr- und Verdrängungsformen, die uns helfen sollen, zu vergessen, was es an Unmenschlichkeit in der Menschengemeinschaft gibt. Verdrängung heißt, dass die Gefühle im Unter- und Hintergrund des Seelenlebens wirksam bleiben, sodass wir unterschwellig leiden, ohne dass uns der Ursprung dieses Leidens bewusst ist. Eine wichtige Form der Verdrängung stellen ideologisch aufgeladene Erzählungen dar, mit deren Hilfe das tief in uns verwurzelte Mitgefühl wegrationalisiert werden soll. Insbesondere Gruppierungen und Parteien, die dem extremeren Teilen des politischen Spektrums angehören, stellen solche Narrative zur Verfügung.

Wir können mitverfolgen, wie bei jeder Katastrophe Verschwörungserzählungen auftauchen, die beliebte Abwehrformen widerspiegeln. In Bezug auf die Klimakrise habe ich vor kurzem solche Geschichten beschrieben. Statt Mitgefühl und davon motiviertes hilfreiches Handeln zuzulassen, werden Katastrophen und damit das Leid der Menschen für andere Zwecke missbraucht.

Der vergebliche Kampf gegen die Endlichkeit und der Verkauf der Seele

Die Abwehr von Scham, Angst und Schmerz angesichts von Katastrophen der Menschlichkeit dient letztlich der Abspaltung der Endlichkeit, der wir alle unterworfen sind. Traumatisierende kollektive Ereignisse führen die Menschen an die Grenzen ihrer Macht. Um diese Grenzen nicht spüren zu müssen, sind Menschen immer wieder bereit, ihre Empathie für Ideologien zu opfern und damit selbstsüchtige Interessen zu bedienen. Es sind vor allem die Angst- und Schamgefühle, die aus dem seelischen Untergrund wirken und die Emotionen in Spannung halten. Um diese Belastungen abzubauen, werden Erklärungsmodelle gewählt, die zu einem Verstehen der unkontrollierbaren Ereignisse führen sollen. Die altbekannte und altbewährte Methode der Angst- und Schambewältigung besteht in der schon erwähnten Suche nach Sündenböcken, auf die die Verantwortung abgewälzt werden kann. Der Kampf gegen die Unausweichlichkeit des eigenen Todes wird übertragen auf einen Kampf gegen vermeintliche Bösewichter, deren Elimination den Schutz vor weiteren Katastrophen und insgeheim auch vor der Katastrophe des eigenen Todes verspricht.

Im berühmten Gedicht Bani Adam des persischen Dichters Saadi Shirasi heißt es: „Dich, den fremdes Leid nicht im Herzen berührt, ziemt nicht, dass man den Namen ‚Mensch‘ dir führt.“ (تو کز محنت دیگران بی‌غمی نشاید که نامت نهند آدمی). Wer die Empathie verdrängt und abspaltet, für welchen Zweck auch immer, spaltet die eigene Menschlichkeit von sich ab. Der Preis für den scheinbaren Schutz vor den eigenen unangenehmen Gefühlen ist hoch: Der Verkauf der Seele an den Teufel der Selbstsucht und des Hasses. 

Die menschliche Würde bewahren wir hingegen, indem wir die Gefühle von Angst, Scham und Schmerz zulassen können. Wenn wir sie bewusst zu uns nehmen, würdigen wir das Leid der betroffenen Mitmenschen und bleiben offen für das, was sie an Linderung und Hilfe brauchen. Es sind unsere Gefühle, die durch das Mitgefühl entstehen, und im Annehmen dieser Gefühle bleiben wir bei uns, ohne in die Selbstausbeutung des Mitleids zu kippen.

Zum Weiterlesen:
Klimamärchen
Kollektive Traumen und ihre Folgen
Kollektive Traumen und ihre missglückte Bewältigung
Kollektive Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine
Die Globalisierung von Konflikten durch die Aktivierung von Traumen


Mittwoch, 25. Februar 2026

Spiritualität und sexueller Missbrauch – Jeffrey Epstein und Deepak Chopra

Es gibt scheinbar nichts, was weiter auseinanderliegt: Spiritualität als der Zugang zur höchsten und reinsten Form des menschlichen Bewusstseins und sexueller Missbrauch als grausame Unmenschlichkeit. Aber auf dieser dunklen Erde gibt es nichts, was nicht miteinander in Beziehung gebracht werden kann, wovon der jahrelange Austausch zwischen Jeffrey Epstein, dem zweifach verurteilten Missbrauchstäter und Mädchenhändler, und Deepak Chopra, dem spirituellen Lehrer und Buchautor zeugt. In 3466 dokumentierten Nachrichten kommunizierten die beiden Männer in den Jahren 2016 bis 2019, also zu einer Zeit, als Epstein bereits als Sexualverbrecher verurteilt war. Der spirituelle Lehrer wusste also, mit wem er da auf äußerst freundschaftliche Weise über verschiedene Themen – und allzu häufig über die „girls“ plauderte.

Die Links zu den Quellen, bei denen auch die Zahlencodes für die Originaldokumente, wie sie vom US-Justizministerium veröffentlicht wurden, nachgeschaut werden können, stehen am Ende des Artikels. Wenn man die diversen Email-Nachrichten liest, kommt man aus dem Entsetzen nicht mehr heraus. Der  spirituelle Lehrer versorgt den Freund bei dessen schlüpfrigen Witzchen mit Gemeinplätzen aus der nondualen Erkenntnis. Es wirkt, als würde sich ein Schüler über die Macken seiner Freundin beschweren und der Meister erklärt, dass jedes menschliche Leid nur aus der Anhaftung an ein Konstrukt entsteht. Allerdings geht es hier um gewerbsmäßige Prostitution mit Minderjährigen. 

So schreibt Epstein: „... Ich ziehe es vor, dass meine Darsteller gute Körper haben.“ Darauf Chopra: „Bilder und Töne sind in der Bewusstheit, ebenso wie das cringe (das Peinliche, das zum Fremdschämen anregt)! Nichts ist außerhalb der Bewusstheit. Wann immer das Peinliche auftaucht, frage dich: ‚Wer oder was hat diese Erfahrung?‘ ... Die Person ist also nur ein Konstrukt.“

Chopras Antwort wäre ohne den Kontext eine unverfängliche spirituelle Beratung. Da aber beide wissen, dass es um Verbrechen geht, erhalten die eingestreuten spirituellen Weisheiten die missbräuchliche Rolle der Reinwaschung und der Rechtfertigung.

Spaß und Mädchen

Hier ein paar Beispiele des Austausches zwischen den beiden Freunden:

Chopra teilte mit Epstein ein Video der Schauspielerin und Autorin Kat Foster: „Sie ist gut.“ Epstein: „Ist sie in New York?“ Chopra sagte ihm, sie sei in Kalifornien. Sie habe  ihn für ein Wochenende besucht. Und er habe sie „in Zukunft wieder eingeladen“. Er beschrieb sie als „unschuldig und klug zugleich“. Epstein darauf: „Zweitrangig gegenüber Niedlichkeit.“

Der Missbrauch wird nicht direkt angesprochen, auch nicht vom „Lehrer“, der um diese Schattenseite seines „Schülers“ weiß, schwingt aber immer im Hintergrund mit, offensichtlich auf beiden Seiten. Es ist, als ob die beiden älteren Herren über ihre geheimen Leidenschaften (junge Mädchen) in scheinbar harmloser und verharmlosender Weise reden, in völliger Vermeidung und Ignoranz in Hinblick auf die verbrecherischen Dimension dieser Triebe.

Chopra lud Epstein nach Israel ein: „Komm mit uns nach Israel. Entspann dich und hab Spaß mit interessanten Leuten. Wenn du willst, kannst du einen falschen Namen benutzen. Bring deine Mädchen mit. Es wird Spaß machen, dich dabei zu haben. Liebe Grüße.“ Epstein lehnte ab. Chopra drängte: „Deine Mädchen würden es lieben, genauso wie du.“

Chopra lud Epstein zu seinem Workshop in Zürich ein: „Du solltest mit deinen Mädchen zu meinem zweitägigen Workshop in der Schweiz in Zürich kommen – einem kleinen Dorf in einem Vorort. Das wird Spaß machen.“

Fortwährend geht es um Spaß und um Mädchen, und niemand fragt, wie alt die Mädchen sind, wie sie heißen und ob sie freiwillig mitkommen. Sie sind die Vehikel, die den Spaß ermöglichen, Objekte für die eigene Lust. So ist das Innere von Sexualverbrechern beschaffen. Dazu kommt, dass diese jungen Frauen von Chopra als Objekte für seine pseudospirituellen Spielchen missbraucht wurden.

Dieses seltsame Duo war über vier Jahre in tiefster Freundschaft verbunden: „Ich bin zutiefst dankbar für unsere Freundschaft.“ (Chopra an Epstein, 11. Juli 2017) Allerdings war einer von beiden schon als Sexualtäter registriert, während der andere heute noch frei herum läuft, spirituelle Bücher schreibt und sich abputzt. Chopras Frau, mit der er 56 Jahre verheiratet ist, wurde in den Tausenden ausgetauschten Nachrichten ein einziges Mal erwähnt. Auf der Spielwiese, auf der die beiden real und virtuell ihre pubertären Fantasien austobten, war sie offensichtlich nicht erwünscht. 

Folgenschwere Prä-Trans-Verwechselungen

Dass es bei diesen Vorgängen um gegangen ist, ist noch das Mindeste, das man sagen muss. Transpersonale Einsichten werden verwendet, um präpersonal angetriebene Handlungen zu rechtfertigen und der personalen Verantwortung zu entziehen. Der Missbrauch von Minderjährigen ist dann kein Verbrechen mehr, sondern das Produkt von Illusionen. Personen haben nur einen fiktionalen Charakter, deshalb kann man mit ihnen machen, was man will, so lautet die Logik dieser folgenschweren Verwechslung der Ebenen.

Gerade spirituell (und damit meist auch finanziell) erfolgreiche Menschen geraten schnell in die Fänge ihres Egos, das sieht man an vielen der Nachrichten, die Chopra an Epstein geschickt hat. Es handelt sich um Missbrauch der Spiritualität für Ego-Zwecke, die leider weit verbreitet ist in der Szene. 

Diesen Machenschaften gehen Menschen auf den Leim, die den Unterschied zwischen prä- und transpersonaler Ebene aufgrund ihrer nicht aufgearbeiteten Traumatisierungen nicht verstehen können, während ihnen von den Lehrern versichert wird, dass sie sich nicht mehr darum kümmern müssen, weil ja alles „gut ist, wie es ist“, „vergangen ist, was vergangen ist, und nur die Gegenwart zählt“, „weil alles Illusion ist“, usw., und das alles vom hohen Stuhl mit der unbestreitbaren Macht der Erleuchtung. 

Die Falle besteht oft darin, dass Personen an diesen Positionen niemanden neben sich haben oder dulden, der sie auf ihre Schattenseiten aufmerksam macht. Und dann passieren alle möglichen Verwechslungen, weil ihr Ego meint, sie würden wegen ihrer Grandiosität verehrt und verdienten wegen ihrer spirituellen Errungenschaften eine erhabene Position oberhalb all der anderen, die spirituell nicht so weit gekommen sind.

Deepak kann den Zyniker Epstein mit seinen spirituellen Drehs beeindrucken und kriegt von ihm die Anerkennung (auch finanzieller Natur), offensichtlich  für die Entlastung vom moralischen Druck. Wo es nur Illusionen von Personen gibt, gibt es auch keine persönliche Verantwortung und keine Schuld – ein ideales Konzept für einen Verbrecher und die Erlaubnis, weiterhin den eigenen perversen Antrieben ohne Gewissensdruck folgen zu können.

Toxische Erleuchtung

Günter Enzi schreibt in seinem Kommentar zu dieser Thematik, der mit „Wenn ‚Erleuchtung' toxisch wird: Die Gefahr der entkörperten Nondualität“ übertitelt ist: „Eine reife, sonamatische Nondualität hätte zu Epstein sagen können: ‚Auch wenn auf absoluter Ebene alles Bewusstsein ist – auf relativer Ebene hast du gehandelt. Und dein Handeln hat reale Körper verletzt. Bevor wir über Illusion sprechen, musst du körperlich spüren, was du getan hast.'
Nondualität ist keine Flucht aus Verantwortung. Sie vertieft sie. Das wäre Zumutung gewesen. Keine Entwirklichung – sondern Konfrontation im Kontakt.“

Die Schuldverdrängung beim Sexualverbrecher Epstein und seinem Komplizen Chopra war möglich durch Flucht von der körperlichen Ebene auf eine mentale, von der aus der mit allen spirituellen Wassern gewaschene Chopra dem zynischen Genießer Epstein einen Persilschein für seine Untaten ausstellen konnte, statt ihn mit dem Leid zu konfrontieren, das er angerichtet hat. 

Der Körper ist der Ort der Schamgefühle, die sich bei jeder unmenschlichen Tat melden, und ihre Botschaften müssen unterdrückt werden, damit das böse Tun weiter bestehen kann. Eine der perfidesten Formen, solche Handlungen zu rechtfertigen, besteht darin, gerade das exquisite und in einem tiefen Sinn heilige Wissen, das aus der Erfahrung der Nondualität gewonnen wurde, für Zwecke der schamlosen Egobefriedigung zu missbrauchen.

Eine integre Ethik hat ihren Ort im ganzen Menschen, in seinem Körper, seiner Seele und seinem Geist. Wer aus der Übereinstimmung mit diesen Bereichen handelt, handelt gut. Das Böse entsteht, wenn sich einer dieser Bereiche gegen die anderen durchsetzt, mit dem Imperativ von Überlebensimpulsen. 

Ebenso wird eine integre und integrale Spiritualität vom ganzen Menschen getragen, nicht nur von seinem Geist. Unser Körper enthält die Sensoren für das Gute, das Wahre und das Schöne. Der Geist allein ist hilflos, wenn es um die Themen der relativen Wirklichkeit geht. Er ist in der Lage, in die Sphären des absoluten Erkennens vorzustoßen. Was er dort findet, ist aber in der Regel nicht brauchbar für die Themen des Alltags. Dafür verfügen wir über andere Bewältigungsinstanzen.

Die Grenze zwischen dem Absoluten und dem Relativen muss klar bleiben. Wenn es hier zu Grenzüberschreitungen kommt, die durch unbewusste Mechanismen ablaufen, kommt es leicht zum Auftreten von Missbrauch, sei es sexuell, physisch oder spirituell. 

Quellen und Links zu den E-Mails zwischen Chopra und Epstein:
https://www.dailymail.co.uk/.../deepak-chopra-epstein...
https://drscottwmills.substack.com/.../the-silence-inside...
https://lissarankinmd.substack.com/.../blowing-the...
https://spuren.ch/single-ansicht-buch-1?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5022&cHash=b44156a178891943517a1eac752988b3