Das Soziologenpaar Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey hat ein Buch über die Tendenzen zur lustvollen Zerstörung der Demokratie vorgelegt. Sie haben Interviews mit Personen aus dem rechtsextremen Feld durchgeführt, um dem Phänomen der Attraktivität von demokratiefeindlichen Bestrebungen auf die Spur zu kommen. Die Grundlage für die Auswahl der Interviewpartner bildete eine Umfrage zur „destruktiven Persönlichkeit“, die folgendes Bild ergab: „12,5 Prozent erwiesen sich als mittel- oder sogar hoch-destruktiv. Diese Personen sind eher jung, eher männlich und eher rechts. Bildung und Einkommen hatten keinen robusten Einfluss.“
So konnten drei destruktive Typen identifizieren: „die Erneuerer (sie wollen liberale Institutionen erschüttern, um traditionelle Hierarchien wiederaufzubauen), die Zerstörer (sie glauben nicht an Erneuerung und sehen die Zerstörung des Systems als Selbstzweck) und die Libertär-Autoritären (sie streben aus ideologischen Gründen nach einer Abschaffung des regulierenden Staates und wollen ihn durch autoritäre Alternativen ersetzen).“ (S. 23-24)
Ihr Befund ist, dass die liberale Ideologie bei vielen Bevölkerungsgruppen in Verruf geraten ist. Die Versprechen, dass sich Leistung lohnt, dass es jeder zu Wohlstand bringen kann und dass das wirtschaftliche Wachstum allen zugutekommt, haben sich als nicht einlösbar herausgestellt. Zunehmend wird es schwieriger für jüngere Leute, aus der Leistungsspirale auszusteigen, die ihnen vorgibt, immer mehr Leistung erbringen zu müssen, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Der Traum vom Eigenheim z.B. kann nur mehr für jene in Erfüllung gehen, die auf ein ererbtes Vermögen zurückgreifen können.
"Liberale Gesellschaften sorgen nicht länger für umfassenden Fortschritt (…). Wir leben in einer Polykrise aus Klimawandel, Kriegen, Pandemien, Inflation, weltwirtschaftlichen Verwerfungen und den von digitalen Technologien ausgehenden Veränderungen. Insbesondere die Klimakatastrophe steht für die metabolisch schwindende Zeit.“ (S. 17)
„Wer bereits Vermögenswerte besitzt, profitiert von einer selbstverstärkenden Wertsteigerung. Wer davon ausgeschlossen ist, wird umso abhängiger von denen, die Vermögenswerte und damit am Ende den Alltag von Milliarden Menschen kontrollieren.“ (S. 52)
Das blinde Vertrauen des Liberalismus auf das wirtschaftliche Wachstum, das früher für mehr Wohlstand gesorgt hat, ist nicht mehr gerechtfertigt. Jeder Schritt des Wachstums verschärft die ökologischen Krisen. Ausbleibendes Wachstum hingegen verschärft die sozialen Krisen, weil es immer weniger zum Verteilen gibt. Diesem Teufelskreis können wir nur entkommen, wenn die Klimapolitik sozialpolitisch vorgeht.
Der demokratische Faschismus
Der historische Faschismus ist mit dem Programm aufgetreten, die Demokratie durch eine Autokratie zu ersetzen. Die aktuellen Strömungen des Faschismus bekennen sich zumeist zur parlamentarischen Demokratie, die sie verbessern wollen, um dem „Volk“ mehr Gewicht einzuräumen. Allerdings geht es ihnen darum, die Demokratie so weit zu schwächen, dass sie den eigenen radikalen Vorstellung der Umgestaltung des Staatswesens nichts mehr entgegensetzen kann: Es werden die unabhängigen Medien zum Verstummen gebracht, die Gerichte werden mit Parteiideologen besetzt und die Wissenschaften an die Kandare genommen. Das Wahlrecht wird so umgestaltet, dass es leicht fällt, Mehrheiten zu bekommen, die dann ausgenutzt werden, um noch mehr Elemente der liberalen Demokratie abzustellen. Beispiele sind Orban-Ungarn, PIS-Polen und die Trump-USA.
"Der demokratische Faschismus ist im Gegensatz zum historischen Faschismus, der die Demokratie offen bekämpfte, in der Demokratie verankert und versteht sich als ihr Erneuerer. Gleichzeitig untergräbt er ihre Grundlagen. Treibende Kraft ist die Zerstörungslust. Mit seiner lustvollen Grausamkeit sowie dem frivolen Spiel mit der Gewalt geht der demokratische Faschismus über den Rechtspopulismus hinaus." (S. 15-16)
Ein Werkzeug der aktuellen Form des Faschismus besteht in der Zerstörung der Wahrheit. „Der erneuerte Faschismus zeichnet sich häufig durch ein lustvolles, ja frivoles Unterlaufen von Wahrheitsansprüchen aus. Man eignet sich progressiv Ideale – Freiheit, Gleichheit, Demokratie etc. – an und entleert sie in einem Akt der semantischen Anverwandlung ihrer Bedeutung.“ Meinungsfreiheit bedeutet dann beispielsweise, andere beschimpfen und mit Hass überschütten zu dürfen. Gleichheit wird beschränkt auf die „Volksgenossen“, also auf eine erfundene Herkunftsgemeinschaft. Die Demokratie wird als Steigbügel zur Machtergreifung und zur Kanalisierung des „Volkswillens“ mittels Meinungsmanipulation verstanden. Auf diese Weise kann die Gewalt gegen politische Gegner oder Minderheiten als demokratisch gerechtfertigt werden.
Indem Fakten alternative (als frei erfundene) Fakten und wissenschaftlichen Theorien Verschwörungstheorien entgegengestellt werden, soll im Raum der Wahrheitsfindung ein Chaos gebildet werden, in dem sich dann diejenige durchsetzen, die im medialen Raum die Macht haben.
Die Zerstörungslust
Die destruktive Persönlichkeit kann als eine Variante der autoritären Persönlichkeit angesehen werden, „die sich vom Staat hintergangen fühlt, der andere Gruppen bevorzuge und ihnen die Privilegien zugestehe, um die man glaubt kämpfen zu müssen. Destruktivität verspricht aber auch einen Lustgewinn. Man kann all die Hindernisse in einer symbolischen Geste wegräumen. Manifest wird die Destruktivität in ihrer Neigung zu Gewalt.“ (S. 20) „Bevor man sich anpasst, zerstört man lieber die Dämme gegen die Sintflut.“ (S. 14)
Die Autoren stellen sich die Frage, wie Menschen „autoritäre und destruktive Einstellungen entwickelt haben, obwohl sie keine autoritäre Grunddisposition haben, obwohl sie als Kinder viel weniger streng erzogen wurden.“ (S. 28) Die klassische Erklärung zur autoritären Persönlichkeit würde lauten, dass überstrenge und kontrollierende Eltern, die die Bedürfnisse der Kinder unterdrücken, dann Erwachsene hervorbringen, die sich durch autoritäres Verhalten oder durch die Unterordnung unter Autokraten mit der Bereitschaft zur Gewaltanwendung gegen Schwächere rächen. Aber viele der Interviewpartner der Autoren hatten keine besonders schwierige Kindheit, vielmehr reagierten sie mit ihrer Zerstörungslust auf Brüche in der Biographie, durch Jobverlust, Pandemie, Fehlen von Aufstiegsmöglichkeiten usw. Diese Haltung ist „einerseits eine rebellische Reaktion auf die Desillusionierungen der Moderne, andererseits spiegeln sich in destruktiven Individuen gesellschaftliche Verhältnisse wider, die selbst zerstörerisch geworden sind.“ (S. 29)
Im Ganzen entsteht ein düsteres Bild: „Heute herrschen die verklärte Vergangenheit, die zukunftslose Gegenwart und die fortschrittslose Zukunft.“ (S. 35) Rechtsgerichtete Politiker und Fanatiker gehen häufig von dem Bild einer makellosen Vergangenheit aus, die in einer verrotteten Gegenwart mündet und eine Zukunft geht, die nur dann besser werden kann, wenn die einfachen Lösungsideen von der völkischen Reinheit, der Rückkehr zu einer traditionellen Kultur, der Entmachtung von irgendwelchen Eliten oder Verschwörerzirkeln und der Herrschaft durch Erlöserfiguren umgesetzt werden.
Der Begriff der Zerstörungslust kommt ursprünglich aus der Psychologie. Die Autoren untersuchen das Phänomen als eine von der Gesellschaft hergestellte Verhaltens- und Affektstruktur. Ihre Interviewpartner haben zu erkennen gegeben, dass ihnen das Zerstören Freude bereitet. „Soll doch das ganze Dreckssystem zusammenbrechen, mir ist das völlig egal, Hauptsache, es krallt sich keiner mehr an seine Macht.“ (Ablinger, Nachtwey 2022, S. 321) „Lass die Hütte doch brennen. Mir ist vollkommen wurscht, was danach kommt, solange die da oben endlich mal spüren, wie es ist, wenn alles vor die Hunde geht.“ Es ist eine Mentalität, die lieber alles zusammenbrechen lässt, weil sie jeden Glauben an Reformen verloren haben. Die Befriedigung, die erhofft wird, besteht darin, dass es anderen ebenso schlecht oder noch schlechter als einem selbst geht. Das Gefühl der eigenen Ohnmacht, Kränkung und Zurücksetzung, verbunden mit gestauter Wut, führt zum Wunsch nach Zerstörung – der Eliten, der Wissenschaften, der Kultur, der Gesellschaft. Mit einer Mentalität des „Hinter mir die Sintflut“ bildet sich ein Nihilismus, der auflebt, sobald etwas zugrundgeht: „Sich lebendig fühlen, wenn man dem Tod nahekommt – diese Antinomie ist der Schlüssel der faschistischen Gefühlsstruktur.“ (S. 168)
Die Aggression und Gewaltbereitschaft rechtfertigt sich aus der Annahme, dass man selbst Opfer einer gewaltsamen Enteignung oder Zurücksetzung ist. „Die zerstörerische Lust ist in ihrer autoritären Spielart relational, da die destruktiven Impulse auf andere projiziert werden, die vermeintlich auf die eigenen Kosten leben.“ (S. 176) „Die Zerstörer beschreiben sich im Vergleich stärker als Opfer einer Tyrannei der Minderheit, gegen die sie sich nun erheben. Sie wollen die liberale Demokratie brennen sehen, weil sie aus ihrer Sicht nicht demokratisch ist. Es geht ihnen darum, dass sich die Gesellschaft – endlich – aus der Herrschaft der Minderheiten befreit und die Mehrheit ihre angestammten Rechte als eigentlich Etablierte zurückerhält.“ (S. 194)
Das Nullsummendenken
Dieses Denken besteht darin, sich die Ressourcen als absolut begrenzt vorzustellen und dann davon auszugehen, dass jeder andere, der sich mehr davon nimmt, einem selbst etwas wegnimmt. Wenn andere Gruppen mehr Rechte oder mehr Unterstützung bekommen (z.B. Minderheiten, Geflüchtete, Frauen, Pensionisten), verliert man selbst. Damit wird jeder Schritt zur Gleichberechtigung zu einer Bedrohung. Deshalb wird danach getrachtet, anderen zu schaden, die scheinbar mehr haben oder kriegen.
Der Hintergrund zu dieser Einstellung liegt darin, dass es immer weniger darum geht, einen wachsenden Wohlstand gerecht zu verteilen, sondern darum, „wie begrenzter oder gar schrumpfender Reichtum aufgeteilt werden soll. In der Zeit nach dem Fortschritt werden Gewinne und Verluste in einer Nullsummenlogik miteinander verknüpft: Was die eine gewinnt, muss zwangsläufig ein anderer verlieren.“ (S. 19-20)
"Das Nullsummendenken verändert kurzum die subjektive Wahrnehmung von Welt. Die Gesellschaft ist in der Nullsummenlogik kein inklusives Gemeinwesen, in dem jeder an öffentlichen Gütern partizipieren kann; sie erscheint vielmehr als ein Klub, in dem nur Mitglieder Zugang zu exklusiven Gütern haben.“ (S. 131) Das Gefühl, ausgeschlossen oder an den Rand gedrängt zu sein, erzeugt Aggressionen gegen jene, die möglicherweise den Platz eingenommen haben, der einem selber eigentlich zustünde.
Nach den Autoren hat das Nullsummendenken bei jenen explosive Gefühle erzeugt, die zuvor an die Versprechen der Moderne (Aufstieg und Leistung) geglaubt haben und enttäuscht wurden.
Aufstieg und Abstieg
Die Nachkriegszeit war geprägt von der Hoffnung auf Aufstieg. Die stetige Zunahme des Wohlstandes, der Bildungsmöglichkeiten und der Berufschancen erzeugte ein positives Bild der Zukunft. Die Vergangenheit mit Armut und Krieg konnte hinter sich zurückgelassen werden, während die Ärmel hochgekrempelt und gearbeitet wurde, mit der berechtigten Aussicht, dass es die eigene Kinder einmal leichter und besser haben würden.
Die Zeiten sind vorbei: Die deutsche Bundesregierung gab 2020 bekannt, „dass die Aufstiegsmobilität zwischen 1984 und 2017 massiv zurückgegangen ist, wobei Aufstiege aus unteren in mittlere Lagen seltener wurden, während Abstiege in die umgekehrte Richtung zunahmen. … Abstiege sind keine Ausnahme mehr, sondern gehören nun zur erwartbaren Normalität, unabhängig davon, wie stark man sich anstrengt. Gerade für die unteren Klassen ist der Traum vom Aufstieg ausgeträumt.“ (S. 56) Abzusteigen wird als Versagen, Niederlage, Kränkung und Demütigung erlebt. Als Kompensation des mit diesen Gefühlen verbundenen Schamgefühls dient die Aggression gegen jene, die einem die Chance nehmen, wieder an Status und Wohlstand zu gewinnen.
Im Zug dieses gesellschaftlichen Wandels ist viel vom Schwund der Mittelklasse die Rede. Die Auflösung der traditionellen Klassenstruktur (Ober-, Mittel- und Unterklasse) trägt dazu bei, dass die Demokratie geschwächt wird: „Die Mittelklasse trägt nur so lange zum Gelingen der Demokratie bei, wie sie sich im Aufschwung befindet. Gerät sie unter Druck, bildet sich unter Umständen ein ‚Extremismus der Mitte‘ heraus, der in der Zwischenkriegszeit faschistische Bewegungen stärkte.“
Die Schichten klaffen immer weiter auseinander: „In der Nachmoderne leben Arbeiterklasse und obere Mittelschicht somit praktisch in separaten Erfahrungswelten: Oben wachsen Lebenschancen und Entfaltungsmöglichkeiten weiter, soziale Freiheiten nehmen zu. Unten dominieren erneut große Ungleichheiten, Chancen schwinden, man ist zu einer bescheidenen Lebensführung gezwungen.“ (S. 60)
Der Befund ist ernüchternd: „Die extreme Rechte funktioniert derzeit so gut, weil die Nachmoderne immer schlechter funktioniert.“ (S. 246) Die Autoren halten sich mit Ratschlägen zurück, wie dem demokratischen Faschismus entgegengewirkt werden könnte, weil sie sich als Experten für Probleme und nicht für Lösungen sehen. Sie weisen aber auf „eine Art gemeinschaftsorientierten Postliberalismus“ (S. 287) nach dem französischen Philosophen Jean-Claude Michéa hin. Der politische wie der ökonomische Liberalismus glauben an das autonome Individuum. Die Gesellschaft beruht auf der Regulationskraft der Märkte, während die Politik die rechtlichen Rahmenbedingungen festsetzt. Allerdings müsse der abstrakte Universalismus, mit dem die Gleichstellung zum obersten Ziel wird, eingedämmt werden, weil er Strukturen schafft, die eigennützige Individualisten privilegiert. Gemeinsinn, Reziprozität und allgemeiner Anstand dürfen nicht verloren gehen. Der postliberale Antifaschismus sollte sich nach den Autoren für folgende Ziele einsetzen: „eine demokratisch eingebettete und zum Teil geplante Ökonomie und eine Gesellschaft, die sich ehrlich mit den Herausforderungen auseinandersetzt, vor denen wir heute stehen.“ (S. 289)
Amlinger, Carolin; Nachtwey, Oliver: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2026
Soweit nicht anders angegeben, stammen die Zitate aus diesem Buch.
Amlinger, Carolin; Nachtwey, Oliver: Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2022