Gemeinsamkeiten und begriffliche Unterschiede
Das Ich und das Ego stammen aus einer gemeinsamen sprachlichen Wurzel. Dennoch macht es Sinn, die beiden Begriffe zu unterscheiden, weil sie für die Beschreibung von verschiedenen Mechanismen in unserem Seelenleben dienen.
Das Ego, von dem wir heute so häufig reden, stammt eigentlich aus den ersten Übersetzungen der Schriften von Sigmund Freud ins Englische. Im Strukturmodell von Freud spielt das Ich neben dem Es und dem Über-Ich eine wichtige Rolle: „Wir sehen dieses Ich, seine Beziehungen zu den drei Seiten hin, von denen es bedrängt wird, von denen ihm Angst droht: von der Außenwelt, von der Libido des Es und von der Härte des Über-Ichs. [...] Ein Sprichwort meint, man könne nicht zwei Herren gleichzeitig dienen. Das arme Ich hat es noch schwerer, es dient drei gestrengen Herren, ist bemüht, deren Ansprüche und Forderungen miteinander in Einklang zu bringen.“ (Freud: Das Ich und das Es. Studienausgabe, Band III, Frankfurt: Fischer Verlag, S. 319) In der englischen Sprache gibt es kein substantiviertes Ich wie im Deutschen, deshalb haben die Übersetzer das „Ego” eingeführt, das dann in seiner heutigen Bedeutung in den deutschen Sprachraum zurückgekehrt ist.
Unter dem Ego wird jener Persönlichkeitsanteil verstanden, der nur in der Vergangenheit (Erinnerungen, Traumata) und der Zukunft (Sorgen, Wünsche) weilt. Es ist auf Bestätigung angewiesen und versucht ständig, sich durch materiellen Besitz, Status, Leistungen oder auch durch spirituelle Errungenschaften zu behaupten. Es ist so etwas wie ein Reservoir der im Leben angesammelten Traumaerfahrungen und deren Bewältigung durch Abwehrmechanismen und Überlebensstrategien. Das Ego ist von inneren Ängsten angetrieben und ist bestrebt, sie mit dem Denken, das in die Vergangenheit oder in die Zukunft führt, zu bändigen. Da es auf Traumaerfahrungen beruht, befindet es sich beständig im Überlebensmodus. Es ist von der Vorstellung getrieben, dass es für die Weiterexistenz des Menschen allein zuständig ist. Der von der Angst angetriebene Überlebensimpuls ist immer egoistisch, kennt also keine Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer Menschen.
Das Ego entwickelt sich also im Lauf der Lebensgeschichte und kann mit Hilfe von therapeutischen Methoden verkleinert und entmachtet werden. Spirituelle Übungen und Erfahrungen können Egomuster überschreiben und in den Hintergrund drängen. Doch ohne therapeutische Arbeit bleiben die Muster bestehen und wirken weiter. Egomuster lösen sich auf, wenn die Traumata, aus denen sie entstanden sind, bearbeitet und integriert sind. Menschen, die sich nie einer Psychotherapie oder ähnlichen Verfahren unterzogen haben, können auf dem spirituellen Weg sehr weit gelangen, während die bestehenden Charakter- und Persönlichkeitszüge weiterwirken. Aus diesem Grund treten Diskrepanzen zwischen persönlicher und spiritueller Reife auf, indem z.B. spirituelle Lehrer zu sexuellen oder emotionalen Missbrauchern werden.
Das Ego findet sich in vielen spirituellen Lehren, z.B. als Nafs im Sufismus oder als Shi Xin im Taoismus. Der bewertende, durch die Erziehung konditionierte Seelenteil, der trennt und unterscheidet, verhindert das Eintauchen in das Göttliche oder in das Tao und muss deshalb auf dem spirituellen Weg überwunden werden.
Das Ich: Die Realitätsinstanz
Das Ich ist eine Instanz, die als Teil der gesunden Entwicklung der Seele in der frühen Kindheit gebildet wird und zu einer Ich-Identität weiterentwickelt wird. Das Kind lernt sich selbst mit „ich“ zu bezeichnen und reichert dieses Ich mit Inhalten an, die es im sozialen Umgang aufnimmt: der Eigenname, die Zugehörigkeit zu einer Familie und einem Land, Charaktereigenschaften, Kompetenzen usw. Dieses Ich differenziert sich im Lauf des Lebens zu einer Persönlichkeit mit vielen Facetten. Das Ich regelt das Alltagsleben mit seinen verschiedenen Herausforderungen und steuert die Kreativität, indem es Visionen entwickelt und umsetzt. Ein stabiles Selbstgefühl als Ich ist die Grundlage für die erwachsene Lebenskompetenz. Das Ich enthält die Vernunft und die Rationalität. Nach Freud regelt es die Bedürfnisse und Triebimpulse entsprechend den aktuellen Möglichkeiten in der Außenwelt und passt die Ideale und Erwartungen des Über-Ichs an die Realität an.
Das nicht existente Ich
Aus neurowissenschaftlicher Perspektive gibt es allerdings dieses Ich oder Selbst im Sinn einer unabhängigen Instanz oder eines “Ich-Zentrums” im Gehirn gar nicht. Vielmehr wird das Ich in jedem Moment des bewussten Erlebens durch ein komplexes Zusammenwirken vieler Nervenzellen erzeugt. Das “Subjekt” des Erlebens und Handelns ist eine Fiktion, die das Gehirn permanent herstellt. Ein intensiver Austausch von spezialisierten neuronalen Netzen vermittelt uns den Eindruck, wir hätten eine Ich-Identität. Wir brauchen diese Überzeugung, über ein Ich zu verfügen, um in der Welt unser Überleben zu sichern und soziale Interaktionen gestalten zu können. Der Philosoph und Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger schreibt in Bezug auf den Stand der neurowissenschaftlichen Forschung: „Niemand war jemals ein Selbst, und niemand hatte jemals ein Leben. Alles, was wir in der Vergangenheit für ein Selbst gehalten haben, ist in Wirklichkeit das Resultat eines inneren evolutionären Prozesses. Es gibt kein Ich, es gibt nur ein Selbstmodell.“ (Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel München: Piper-Verlag 2009, S. 15)
Das Ich ist also keine Gegebenheit in der Welt, kein Ding, kein Zentrum, sondern etwas, das als Resultat von gehirninternen Abläufen erlebbar wird, das aber nur ein Modell vorstellbar ist. Das Gehirn suggeriert fortlaufend die äußere Realität und die innere Realität, miteingeschlossen das Ich oder das Selbst. Wir erleben uns als dieses Ich, aber im Ich selbst ist niemand, es ist eine Leerstelle. Daraus folgt, dass dieses Ich keine fixen Eigenschaften haben kann, sondern sich laufend verändert, je nachdem, welche Datenströme das Gehirn gerade produziert. Gedanken und Gefühle tauchen auf und verschwinden wieder. Das Modell, das laufend hergestellt und ins Bewusstsein eingespeist wird, ist flexibel, flüssig. Es zerfällt, wenn wir im Tiefschlaf sind.
Aus dieser Natur des Ich folgt auch, dass es nicht von einem Schicksal geprägt ist, sondern plastisch, formbar und variantenreich gestalterisch seine fließende Form ausübt. Es kann durch die Lebenspraxis in die eine oder andere Richtung verändert werden – z. B. durch gute Sozialkontakte, viel Bewegung und gesunde Ernährung in die Richtung der Erweiterung der Lebenschancen, durch das Gegenteil in die Richtung der Verringerung der Möglichkeiten. Mittels Therapie und Meditation wird die Flexibilität und damit die Plastizität verbessert, während sie starre und selbstschädigende Gewohnheiten verringern.
Das Ich und das Ego
Das Ich steht in einem Spannungsverhältnis zum Ego, sobald es merkt, dass bestimmte Verhaltensweisen und Gewohnheiten der Rationalität und der Kreativität schaden. Aus dem Ego können Gedanken kommen, die entmutigen und die kreativen Impulse schwächen, z.B.: „Du schaffst das nie.“ „ Du bist zu dumm dafür.” „Du kannst nicht gut genug malen, Tischtennis spielen, studieren, schreiben usw.“. Um das eigene Leben gemäß den eigenen Wünschen zu gestalten, muss das Ich das Ego in die Schranken weisen. Solche inneren Konflikte motivieren Personen, sich therapeutische Hilfe zu suchen oder einen spirituellen Weg zu beschreiten.
Da das Ego aus Überlebensmustern besteht, die in höchsten Gefahrenmomenten entstanden sind, räumt es die innere Arena nicht kampflos, sondern wehrt sich mit Händen und Füßen, wenn es ihm an den Kragen gehen soll. Das Ich-Bewusstsein versteht irgendwann, dass die Reaktionsweisen des Egos in frühen Phasen der Kindheit entstanden sind und damals einen Sinn hatten, dass sie aber der erwachsenen Persönlichkeit nicht mehr helfen, sondern für den Pfad der Selbstverwirklichung hinderlich und schädlich sind. Die Überlebensgefahren, auf die sich das Ego beruft, sind in der Erwachsenenwelt nicht mehr realistisch. Das Ego hat allerdings die menschliche Gehirnarchitektur auf seiner Seite, die den alten Bedrohungsszenarien auf einer vorbewussten Ebene eine höhere Wichtigkeit einräumt als den realistischen Einschätzungen des Ich-Bewusstseins. Deshalb wirken bloße Vorsätze, schlechte Gewohnheiten zu beenden, meist nichts; vielmehr müssen die Mechanismen des Egos verstanden, die ursprünglichen Überlebensängste erkannt und alle damit verbundenen Gefühle gespürt werden, bis die Stimme des Ichs stärker wird als die Stimme des Egos.
Auf andere Weise kommt es bei der spirituellen Suche zur Auseinandersetzung mit dem Ego. Es erweist sich bald als Drahtzieher hinter allen Widerständen, die sich der spirituellen Übungspraxis und der Entwicklung zur inneren Befreiung in den Weg stellen. Das Meister-Schüler-Verhältnis, das es in vielen Schulen gibt, hilft beim Erkennen der Ränke, die das Ego schmiedet, um seine Existenz zu behaupten. Die Meisterin durchschaut die Machtspiele des Egos in der Person der Schülerin, weil sie in der eigenen Praxis gelernt hat, die Tricks des Egos zu verstehen und zu entmachten. Sie lenkt die Aufmerksamkeit der Schülerin auf die unbewussten Mechanismen, die ihr Verhalten und ihr Denken steuern, und empfiehlt spirituelle Übungen z.B. in der achtsamen Konzentration auf den Erlebensmoment und in der Verfeinerung des inneren Sinns, sodass das Bewusstsein im Moment ruhen kann, ohne dass es vom Ego gestört wird. Auf diese Weise wächst ein Gegengewicht zur Ego-Agenda in Form von positiven Erfahrungen in der Achtsamkeitspraxis oder Meditation wie Stille, innerer Friede und Glückseligkeit.
Jenseits von Ich und Ego
Während das Ego mit viel Selbstdisziplin und Innenarbeit entmächtigt werden muss, tritt das Ich im Zug einer Meditationspraxis immer weiter zurück, weil es immer weniger wichtig wird. Es tritt hinter die Erfahrungen von Stille, Weite und Helligkeit zurück, die zunehmend auftreten. Man könnte sagen, dass es nach innen zerfällt, wenn sich der Innenraum auftut. Das Ich verliert am Licht des Absoluten seine Bedeutung. Es verflüchtigt sich, weil es nicht gebraucht wird. Die Leerstelle verschwindet.
Mit dem Ich verabschiedet sich der individuelle Wille. Bestimmte Meditationserfahrungen führen in einen Zustand, in dem der eigene Körper als willenlos wahrgenommen wird. Ohne jede Angst oder Sorge besteht der Eindruck, dass der eigene Körper nicht mehr bewegt werden kann. Da kein Ich mehr vorhanden ist, gibt es auch kein Wollen und damit keine willkürlichen Bewegungen.
Im Unterschied dazu verabschiedet sich das Ego nicht von selbst oder freiwillig. Vielmehr kämpft es bis zum „bitteren“ Ende, weil es ja meint, für das Überleben zuständig zu sein. Vor dem Schritt ins Jenseits der Überlebensprogramme treten deshalb meistens massive Ängste auf, die in der Meditation überwunden werden können.
Zum Weiterlesen:
Das Ego in der Meditation
Die Weitergabe des Egos
Das Ego und seine Wurzeln
Die zwei Wahrheiten: Das Ego als Pforte zur Wahrheit
Das Ego und die Dualität