Sonntag, 12. April 2026

Das Schwache besiegt das Starke

In den Lehren von Laozi findet sich der seltsame Satz: „Dass das Schwache das Starke und das Weiche das Harte besiegt, das weiß auf Erden jedermann, doch niemand vermag danach zu handeln.“ (Kap. 78) Wir brauchen doch unsere Kraft und unsere Stärke, um uns im Leben zu behaupten und unsere Ziele zu verwirklichen. Mit der Schwäche kommen wir nicht weiter, sondern bleiben zurück hinter den Stärkeren. Das haben wir doch schon im Kindergarten und am Schulhof gelernt.

Das Tao-te-King, das vom legendären Laozi verfasste Buch, weist darauf hin, dass es sich nur um eine Einbildung handelt, wenn wir glauben, dass wir hart und stark sein müssen, um zu überleben und dass die Schwäche mit Ohnmacht und Hilflosigkeit verbunden ist. Vielleicht sind es nur Vorurteile, die unseren Überlebensmustern entsprungen sind und an denen wir hartnäckig festhalten, die uns suggerieren, dass wir mit Härte weiter kommen als mit Weichheit. Im Tao-te-King steht zu lesen, dass eigentlich das Harte und Starre das Zerbrechliche ist. Die Härte mag sich kurzfristig durchsetzen, indem sie das zerstört, was ihr im Weg steht. Die Härte ist starr und stur und sie will der Wirklichkeit den eigenen Willen mit Gewalt aufzwängen. 

Langfristig und im Ganzen gesehen, richtet aber jedes gewalttätige Vorgehen Schaden für alle an, schließlich auch für jene, die auf Gewalt setzen. Sie erhoffen sich vom harten Durchgreifen Erfolg und Absicherung gegen Bedrohungen. Doch schneiden sie sich mit ihren gewaltsamen Eingriffen in den Fluss der Ereignisse von der Lebenskraft ab, die sie trägt. Sie vertrauen nur auf sich selbst und auf ihre Kräfte, die sie sorgsam pflegen müssen, während im Hintergrund die Angst lauert, dass die anderen übermächtig werden könnten. Deshalb müssen sie die ganze Zeit auf der Hut sein und vertrauen am besten niemand anderem. Sie vereinsamen inmitten von Menschen, die sie fürchten, und leiden selber an der größten Angst. 

Das Leben entwickelt sich nicht gewaltsam; ihm Gewalt anzutun bedeutet, willkürlich und selbstsüchtig in den Fluss der Ereignisse einzugreifen, um sie den eigenen Vorstellungen zu unterwerfen. Der lebendige Austausch wird unterbunden, es findet kein Lernen mehr statt. Das ängstliche Sicherheitsdenken dominiert den Umgang mit der Außenwelt. Die Lebenskreise engen sich zunehmend ein, stattdessen greift die Unlebendigkeit um sich. Wo das Lebendige weicht, melden sich die Vorboten des Todes: „Der Mensch ist bei seiner Geburt weich und schwach, bei seinem Tod hart und starr. (...) Darum sind die Harten und Starken Gesellen des Todes, die Weichen und Schwachen Gesellen des Lebens.“ (Kap. 76) 

Nach Laozi ist das Ziel nicht die weltliche Stärke mit ihrer Versuchung zu Macht und Gewalt und schließlich zur Zerstörung der Lebensgrundlagen. Vielmehr geht es um eine Form der Schwäche, die sich als wahre Stärke herausstellt: Das Weiche, das das Harte besiegt. Es ist keine Stärke, die sich beweisen muss, indem sie besser und mächtiger sein muss als andere, sondern die Kraft, die aus der fließenden Natur des Lebens stammt. Sie wirkt durch alles hindurch, auch durch die vermessene gewaltbereite Stärke, aber entfaltet sich am besten als Weichheit, weil sie so am anpassungsfähigsten an die wechselnden Umstände ist. Sie nährt sich aus der Balance zwischen Tun und Nichttun, als Kraft, die sich in der Aktivität und in der Passivität ausdrücken kann.

Das Schwache im Christentum

Auch das Christentum vertritt keine einseitige und starre Stärke mit dem Ziel der Unüberwindlichkeit und Unbesiegbarkeit. Der christliche Gott hat sich im Bild der Kreuzigung der Schwäche und Ohnmacht ausgeliefert. Jesus hat sich als Gottes Sohn dem Tod am Kreuz ausgesetzt und damit zur Stärke in der Schwäche bekannt. Diese Schwachheit besteht nicht darin, die unterlegene Position in eine moralische Überlegenheit umzumünzen, wie es Friedrich Nietzsche in seiner Kritik des Christentums angeprangert hat. Vielmehr nutzt sie die neue Kraft, die in der Solidarität mit dem Schwachen und mit den Schwachen erschaffen wird. Aus der beschämten Position der Schwäche durch Unterdrückung und Ungerechtigkeit erwächst aus dem Zusammenschluss die Annahme der Würde, die in jedem Menschsein enthalten ist. 

Die Kraft im geteilten Leid

Es ist die Kraft der Gemeinsamkeit des Leides, die zum praktischen Einsatz für die Aufhebung unmenschlicher Lebensbedingungen führt. Sie beruht auf dem gegenseitigen Vertrauen der Schwächeren, ein Vertrauen, das sich aus dem Grundvertrauen ins Leben nährt, die alles Schwache tragen und stärken kann. Menschlichkeit ist immer auch geteilte Menschlichkeit, und jede Umkehr vom Pfad der gewaltsamen Selbstbehauptung zur Solidarität dient dem Einsatz für das Zerbrechliche, für das Beschädigte und Verletzte am Menschsein, in der eigenen Seele und in der der Mitmenschen.

Zum Menschsein und seiner Würde gehört immer beides: Stark und schwach zu sein. Die Verachtung der Schwäche, die den Weltgeist mit seinen Machtkämpfen und Konkurrenzspielen kennzeichnet, ist eine Sackgasse, ein Irrweg, weil sie in den immer gleichen Kreisläufen der Angst und des Hasses gefangen bleibt. 

Irgendwann mündet sie in der Verzweiflung, einer ungewollten und beschämenden Form der Schwäche. Die Verzweiflung ist das Ergebnis des von der Angst diktierten Weges zur Einsamkeit und in das Abgeschnittensein, der unweigerliche Preis für die Vorherrschaft des Macht- und Konkurrenzstrebens.  Durch diese Verirrung geht der Bezug zum weichen Fluss des Lebens, zur göttlichen Gnade, zum Mitgefühl der Mitmenschen verloren. 

Die Verzweiflung kommt erst an ihr Ende, wenn sie bereit ist zu einer Umkehr an, zur Hinwendung zu dem, was jenseits des Schutzwalles liegt, den die Selbstsüchtigkeit um sich herum hochgezogen hat. „Umkehr ist des Tao Bewegung. Schwachheit ist des Tao Wirkung.“ (Kap. 40)

Die tröstliche Macht der Schwäche

Am Grund der Verzweiflung erscheint die eigentümliche und tröstliche Macht der Schwäche. Sie liegt darin, dass die Schwäche ihren Schrecken verliert, wenn sie als ein Aspekt des Menschlichen erkannt wird. Die Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit und Unzulänglichkeit des Menschen bekommt ihre besondere Würde, wenn sie in Demut angenommen wird, mitsamt allen Gefühlen, die mit dieser Seite des Menschlichen verbunden sind. Es ist das Annehmen der Endlichkeit, der Tatsache, dass jedes einzelne Leben in Schwäche an sein Ende kommt, und im Annehmen dieser Schwäche in Würde und Frieden gehen kann. 

Die Schwäche als Freundin zu gewinnen, ist eine wichtige Vorbereitung für den Schritt, den Tod als Freund anzuerkennen. Die Umkehr vom Weg der Verblendung und der Verleugnung der Hinfälligkeit ist das Tor zur Demut und Hingabe, zu Einfachheit und Bescheidenheit. Ein Leben im Einklang mit dem Tao, mit der Vernunft oder mit dem Willen Gottes, je nach Tradition und spirituellem Kontext, ist der unschätzbare Gewinn aus der Verabschiedung der Illusion von Allmacht und Übermenschlichkeit.

Zum Weiterlesen:
Die Umkehr
Scham und Verletzlichkeit
Verletzlichkeit und Würde
Verletzlichkeit, Teil des Menschseins



Samstag, 11. April 2026

Die Umkehr

Wenn wir merken, dass wir uns verlaufen haben, müssen wir umdrehen, bis wir zu einem Punkt kommen, an dem wir uns wieder orientieren können. Diese Wende beinhaltet das Eingeständnis, einen Irrtum zum Opfer gefallen zu sein. Irrwege begehen wir nicht nur auf unbekanntem Terrain, sondern auch in allen anderen Bereichen unseres Lebens. Immer, wenn wir auf neue Gebiete treffen, gibt es Phasen von Versuch und Irrtum, bis wir eine sichere Orientierung gefunden haben.

Auch bei der Suche nach dem „richtigen“ Leben können wir uns verlaufen. Irgendwann merken wir, dass wir auf einem Holzweg sind und müssen umdrehen. Wir haben uns verrannt – in eine Idee, ein Konzept, eine Illusion. Wir haben uns verschaut – in eine Meister- oder Lehrperson, die uns getäuscht hat, oder in eine Methode, die uns nicht weitergebracht hat. Die Seifenblase zerplatzt und wir stehen beschämt da. Die Scham macht uns auf unseren Irrlauf aufmerksam, der darin besteht, dass wir unserem Ego mehr vertraut haben als unserer intuitiven Einsicht. Die Scham fordert uns zur Umkehr auf: Statt dem Ego und seinen Blendungen zu folgen, sollten wir tiefer in uns hineinblicken, um zu erkennen, worum es uns wirklich in unserem Leben geht.

Die Umkehr besteht also in der Rückbesinnung auf das, was wir ursprünglich wollten. Und über dieses Wollen kommen wir mit zu unserem inneren Wesen in Kontakt, in dem alles gespeichert ist, was uns ausmacht: Unsere Werte, Potenziale und Visionen.

Die Metanoia

Das altgriechische Wort metanoia bedeutet so viel wie „Umdenken“.  Die Präposition „meta“ steht für „nach“, „hinter“, „über“ oder „um“. Sie verweist auf einen radikalen Einschnitt, nicht auf eine oberflächliche Änderung, vergleichsweise wie der Schritt von einer Physik zu einer Meta-Physik, vom Materiellen zum Immateriellen, vom Relativen zum Absoluten. Es geht um einen tiefgreifenden Sinneswandel, bei dem das bisher gültige Welt- und Selbstbild durch ein neues ersetzt wird, das dem eigenen Selbst besser entspricht. Der Wortteil „noia“ verweist auf den „nous“, den Verstand, Geist oder die Vernunft. Die neue Orientierung, zu der die Umkehr stattgefunden hat, nutzt unsere höheren geistigen Funktionen und lässt sich nicht von vorläufigen Eindrücken, Vorurteilen und ungeprüften Spekulationen leiten. Die Umkehr im Sinn der metanoia beinhaltet also einen kritischen Ansatz, der vor allem das Ego und seine Ablenkungen offenlegt. Mit der Ausrichtung an der Vernunft transzendieren wir die Täuschungsmanöver, die von den Ängsten des Egos erfunden wurden, und besinnen uns auf unsere innere Wirklichkeit. Diese Realität unseres inneren Selbst wollen wir zur Wirkung bringen, indem wir uns selbst verwirklichen, und nicht irgendein Modell, das wir von anderen übernommen haben, oder eine an uns gerichtete Erwartung, an die wir uns anpassen. Unser individueller Beitrag zu dieser Welt ist es, den wir durch die Umkehr zu unserem Wesen finden und zum Ausdruck bringen.

Die Umkehr im Christentum

Die Umkehr ist ein zentraler Begriff im Christentum. Neben der moralischen Umkehr von der Sünde zu einem guten Leben geht es vor allem darum, dass der Mensch, der sich von Gott abwendet hat, seine Gesinnung ändern und sich wieder Gott zuwenden soll. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn wird diese Wendung dargestellt: Der Sohn, der sich vom Vater entfernt hat, kehrt zurück und wird liebevoll empfangen. Die Entfernung von Gott ist zugleich die  Annäherung an die Sünde, an das verwerfliche selbstsüchtige Verhalten. 

In einer anderen Interpretation dient die Umkehr der Abwendung vom Ego und der Zuwendung zur eigenen Göttlichkeit, die im Christentum durch die Menschwerdung  Christi verkörpert ist. Es ist eine Hinwendung zum inneren Wesen, das dem Wahren und Guten verbunden ist. 

Die Umkehr im Taoismus

Im Taoismus hat der Begriff der Umkehr einen wichtigen Platz; nicht als moralischer Akt, als Reue über sündhaftes Verhalten, sondern als Prozess, der aus den Fängen der Ablenkungen befreit und zur Verbindung mit dem Tao, der universellen Lebensenergie zurückführt. Es geht darum, den künstlichen Verformungen aus der Erziehung und aus der Gesellschaft zu entkommen und sich dem Fließen des Lebens anzuvertrauen. Laozi lehrte: „Umkehr ist die Bewegung des Tao.“ (Tao Te King, Kap. 40) Alles in der Natur kehrt zu seiner Wurzel zurück; alles menschliche Streben will sich letztlich diesem Ziel unterordnen.

Es ist eine Rückkehr von der zerstreuten Mannigfaltigkeit des täglichen Lebens und Treibens zur zentrierten Einfachheit. Der Prozess hat mehr mit dem Weglassen als mit dem Hinzufügen zu tun: Während die Welt nach der Mehrung von Fortschritt, materiellen Gütern und Wissen strebt, besteht die taoistische Umkehr darin, unnötiges Wissen, fehlgeleitete Ideen und selbstschadende Begierden abzulegen.

Leitbild für die Umkehr ist das Kind: Sie führt symbolisch zurück zum „Säugling“ oder zum „unbehauenen Block“. Werden all die Hinzufügungen, die im Lauf des Lebens angehäuft werden, weggelassen, so bleibt die Essenz, das Wesentliche übrig. Es ist eine Rückkehr zur Einfachheit, Spontaneität und Natürlichkeit. „Wer das Tao praktiziert, nimmt von Tag zu Tag ab. Er nimmt ab und nimmt weiter ab, bis er beim Nicht-Handeln (Wu Wei) ankommt.“ (Tao Te King, Kap. 48)

Nicht-Handeln heißt nicht Nichts-Tun, sondern bedeutet die Rücknahme der Einmischung in die Geschehnisse des Lebens aus selbstsüchtigen Motiven. Das Handeln der Menschen geschieht aus dem Fließen des Lebens, das in jedem Moment kundtut, was geschehen soll. Als Beispiel dient die berühmte Geschichte von Koch Ding, der Rinder zerlegt. Sein Messer wird nie stumpf, weil er nicht gegen die Knochen kämpft. Er findet die natürlichen Lücken im Fleisch und lässt die Klinge dort hindurchgleiten. Wu Wei besteht darin, bei auftretenden Problemen einen Schritt zurückzutreten, das ganze Bild wirken zu lassen und die Maßnahmen, die zu tun sind, aus einem tieferen Erkennen und Wissen zu gewinnen.

Umkehr im Sufismus

Die Abwendung vom Göttlichen, die durch die vielfältigen Verirrungen des Lebens passiert ist, erfordert eine Umkehr oder Rückkehr. Nach der Lehre der Sufis gibt es verschiedene Quellen der Abkehr von Gott:

An erster Stelle steht das nafs, das Ego, das den Menschen über Triebe, Machtstreben und materielle Gier gefangen hält. Zweitens sind es die Verlockungen der Welt der Dinge und Erscheinungen, die Außenreize, die den Blick nach innen überlagern und uns die Illusion der Unsterblichkeit vermitteln. Drittens sprechen die Sufis von 70 000 Schleiern, die zwischen Gott und Mensch liegen und in die sich die Menschen verfangen – lichte Schleier in Form von selbstgefälligen Tugenden und dunkle Schleier im Sinn der Laster. Schließlich sollen vor der Erschaffung der Welt alle Seelen Gott als ihren Herren anerkannt haben; das Vergessen dieses ursprünglichen reinen Zustandes führt zum Versiegen der Kommunikation mit Gott.

Rumi schreibt: „Dein Herz ist ein Spiegel. Du musst ihn von dem Staub reinigen, der sich darauf angesammelt hat, damit er das Licht der Sonne reflektieren kann.“

Die Rückkehr (tawba) wird als Erwachen aus dem Schlaf der Unachtsamkeit verstanden. Dazu zählen vor allem vier Schritte:

1. Die Reue, der tiefe Schmerz über die Trennung von Gott

2. Das Aufgeben aller schädlichen Handlungen

3. Der feste Vorsatz, niemals wieder unachtsam zu werden

4. Die Wiedergutmachung von Handlungen, die Schaden verursacht haben

Die Umkehr ist ein kontinuierlicher Prozess, denn jeder Moment, in dem Gott vergessen wird, bedarf der Korrektur und der bewussten Rückwendung.

Verschiedene Zugänge, gemeinsame Einsichten

Wir sehen eine Konvergenz des Verständnisses von Umkehr in den verschiedenen Traditionen. Die Menschen wenden sich Dingen zu, die sie vom inneren Weg abbringen, und verirren sich auf diese Weise. Die Erkenntnis, auf dem falschen Weg zu sein, führt zur Umkehr. Dieser Schritt führt nicht einfach zu einer besseren Strategie, sondern besteht in einer Rückwendung von außen nach innen, vom Uneigentlichen zum Eigentlichen, vom Oberflächlichen zur Essenz. In den monotheistischen Traditionen wird das Zentrum der Rückbesinnung als Gott bezeichnet, in anderen Richtungen wie z.B. im Taoismus geht es um die Einstimmung auf das Fließen des Lebens. Dieser Prozess kann auch als Heimkommen aus der Entfremdung beschrieben werden.


Dienstag, 24. März 2026

Politik und Religion: Unheilige Allianzen

Die Religionen verstehen sich als Vermittler und Verwalter des Absoluten, also eines Wissens, das zeitlos gültig ist und nicht einem einzelnen Menschen zugeschrieben werden kann, sondern für alle Geltung hat. Die Politik verwaltet das gesellschaftliche Zusammenleben, das sich fortlaufend verändert. Die Politik hat es mit relativen Tatbeständen zu tun, zu denen es immer verschiedene Sichtweisen und Bewertungen gibt. Die Politik kümmert sich auch um die Machtverteilung, um die sich Menschen und Gruppierungen streiten.

Aus dieser Gegenüberstellung geht klar hervor, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Dennoch zeigt die Geschichte, dass die beiden Bereiche immer wieder vermischt wurden, meistens mit katastrophalen Folgen. Um dieser Verwechslung einen Riegel vorzuschieben, wurde in der Aufklärung die Trennung von Staat und Kirche vorgeschlagen und eingefordert. Sie ist inzwischen ein wichtiger Teil westlicher liberaler Verfassungen, aber in der Praxis kommt es noch immer zu Vermischungen, Überschneidungen und Grenzüberschreitungen, wie auch aktuelle Beispiele zeigen.

Menschen sind religiös und politisch

Die Tendenz zur Vermischung von Religion und Politik hat ihren Grund darin, dass Menschen sowohl religiös (am Absoluten interessiert) als auch politisch (an ihrem Gemeinwesen interessiert) sind. Daraus erwächst die Versuchung, das Absolute in die Politik hineinzuschwindeln und die Politik ins Absolute. Beiden Seiten wird mit dieser Vorgehensweise Schaden zugefügt. Die Folge von absoluten Wahrheitsansprüchen in der Politik ist in logischer Konsequenz die Gewaltanwendung zur Durchsetzung von Entscheidungen. Wer meint, absolut Recht zu haben, muss alle bekämpfen, die einer anderen Meinung sind, denn sie sind des Teufels, des mystischen Gegners des Absoluten. Umgekehrt: Die Politik, die sich ins Absolute hineindrängt, korrumpiert das Absolute zum Relativen. Das Absolute kann der Politik nicht unterworfen werden, aber sie kann es bis zur Unkenntlichkeit verzerren (z.B. indem kirchliche Würdenträger Waffen segnen oder die Gegner verteufeln). Politisches Alltagsgeschäft, das als religiös verbrämt wird, zerrt das Absolute auf den Marktplatz der Macht, auf dem es jeden Heiligenschein verliert. Das Absolute, das von der Macht berührt wird, zerfällt und verwandelt sich in Gift.

Von Gottes Gnaden?

Die Herrschaft von Gottes Gnaden ist der Traum jedes Machtmenschen. Denn eine von den höchsten Instanzen inthronisierte Position ist jeder menschlichen Kritik und Infragestellung entzogen. Allerdings beruht sie auf einem Missbrauch des Absoluten, weil das Absolute keine Macht zuspricht. Die Machtverteilung ist die Sache der Gesellschaft und wird auf der relativen Ebene entschieden.

Und die Gnade gebührt allerdings nur jenen, die ihre Macht dafür nutzen, die Machtlosen zu stärken und sich selbst so weit wie möglich zu entmächtigen, also auf die Macht zu verzichten, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat. Macht macht nur Sinn, wenn sie dem Gemeinwesen dient, und wird zum asozialen Selbstzweck, wenn sie Einzelinteressen auf Kosten der Mehrheit durchsetzen will.

Wer darüber hinaus vermeint, mit Gottes Gnade Krieg führen oder die Untertanen unterdrücken zu können, verwechselt sein Ego mit dem Absoluten und nutzt die Religion zur Rechtfertigung für Gewaltanwendung und subjektive Willkür.

Kriegerisches Sendungsbewusstsein

Der jüngste Krieg der USA und Israels gegen den Iran liefert manchen Leuten den Anlass, ihr religiöses Sendungsbewusstsein in den Dienst martialischer Interessen zu stellen. Der US-Senator Lindsey Graham von den Republikanern hat den Krieg als heiligen Krieg bezeichnet, weil man es mit religiösen Fanatikern zu tun hat, die vernichtet werden müssen – so spricht ein religiöser Fanatiker. Häufig redet er auch von einer heiligen Hölle (holy hell), die über das iranische Regime hereinbrechen soll. Außerdem ist er der Meinung, es handle sich bei diesem Krieg um einen Kampf des Guten gegen das Böse. Auch der US-Kriegsminister Pete Hegseth nutzt die Religion für seine Kriegsrhetorik. Er hat die US-Soldaten als Glaubenskrieger bezeichnet und einige seiner Kommandanten sollen ihren Truppen mitgeteilt haben, dass der Krieg von Gott geplant sei. In der israelischen Regierung sprechen Minister von einem Kampf zwischen „Licht“ und „Dunkelheit“ gegen den Iran. Sie lehnen Verhandlungslösungen als „Sünde“ ab, weil das Dunkle total vernichtet werden muss. Auf der anderen Seite herrscht eine ähnliche Rhetorik: Es geht um einen heiligen Kampf gegen die Aggressoren und um eine Entscheidungsschlacht zwischen dem „Haus des Islam“ und der „Welt der Ungläubigen“. Kriegsopfer sind automatisch Märtyrer für den Glauben.

Die Aufladung der Kriegsrechtfertigungen mit religiösen Inhalten verschärft die kriegerische Aggression und erschwert diplomatische Lösungen. Denn jede Seite fühlt sich vom Absoluten unterstützt und angestachelt. Es geht nicht mehr „nur“ um politische Machtansprüche, wirtschaftliche Vorteile, strategische Optionen usw., sondern um eine metaphysische Arena, in der sich die Mächte des Guten und des Bösen gegenüberstehen, sodass vom Ausgang des Kampfes abhängt, ob die Welt in Zukunft vom Licht oder von der Dunkelheit beherrscht wird. Die Situation ist deshalb so zerstörerisch und ausweglos, weil beide Seiten in ihrem Wahn dem gleichen Missbrauch des Absoluten verfallen sind. Es wirkt als stünden sich zwei verstörte Typen hasserfüllt gegenüber, und jeder hält sich selber für den Erlöser und den anderen für den Teufel, der vernichtet werden muss.

Unheilvolle Allianzen

Die unheilvolle Allianz von Thron und Altar hat eine Blutspur durch die Geschichte gezogen und in vielen Ländern letztlich dazu geführt, dass sich mehr und mehr Menschen von den Altären abgewandt haben und den Klerikern misstrauen. Denn eine Kirche, die das Absolute an die Macht verrät, hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Dennoch ist diese Mesalliance noch immer in Gebrauch, siehe z.B. die Absegnung des russischen Krieges gegen die Ukraine durch die russisch-orthodoxe Kirche. 

Während Parteien und Gruppierungen auf der linken Seite des politischen Spektrums traditionell religions- und kirchenkritisch auftreten und im Extremfall Religionen verbieten oder unterdrücken, versuchen viele rechtsorientierte Strömungen, Religion und Kirche für sich zu vereinnahmen und für die eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Vor allem fundamentalistische Gruppen bieten sich geradezu für solche Zwecke an, weil sich ihre autoritären Strukturen mit jenen der Rechtsparteien ähneln und beide ihre Positionen für absolut gültig erachten. So gibt es auch unheilvolle Allianzen zwischen Rechtsparteien und konservativen oder fundamentalistischen Kirchenvertretern oder Sekten. 

Zum Fundamentalismus gehört, dass aus den heiligen Texten direkt Richtlinien für die menschliche Lebenspraxis abgeleitet werden können. Wie gefastet wird, welche Rollen die Männer und die Frauen spielen, welche geschlechtlichen Orientierungen erlaubt sind und welche nicht oder welche Kleidung zu tragen ist, steht in den Schriften und hat deshalb absolute Geltung, die auch von staatlichen Organen eingefordert werden soll. Doch sind alle Texte relativ, in relativer Sprache verfasst und in ihren Bedeutungen dem Lauf der Geschichte unterworfen. Es gibt keine absolute gültigen Aussagen in den Schriften, sondern nur relative, auf die jeweiligen Zeitumstände bezogene Interpretationen. Das Absolute entzieht sich jeder Verbildlichung und Verschriftlichung. Es enthält nicht einmal konkrete Inhalte, sondern ist leer. Deshalb kann es nichts zur Klärung der Frage beitragen, ob Frauen Kopftücher tragen sollen oder nicht, ob sie Priesterinnen werden können oder nicht, ob sie den Männern übergeordnet sind oder nicht, geschweige denn, wer die Macht im Staat innehaben soll und wer nicht.

Die Trennung von Staat und Kirche

In den politischen Prozessen darf es in einer liberalen Demokratie keine religiöse Einmischung geben. Absolutheitsansprüche verzerren die Debatten und verhindern pragmatische Kompromisse. Sie verhärten die Fronten und erzeugen Hass und Gewaltbereitschaft. Politische Entscheidungen müssen auf der politischen Ebene durchgeführt und verantwortet werden. Das Absolute hat dazu nichts zu sagen und dabei nichts verloren. Im gesellschaftlichen Prozess hingegen, der politischen Entscheidungen vorangeht und nachfolgt, spielt das Religiöse immer eine Rolle, als Stimme unter vielen, mit einem besonderen Gewicht, das sich daran bemisst, wieweit das Religiöse dem Absoluten verpflichtet ist. 

Das Absolute und die Verantwortung für die Gesellschaft

Die Trennung von Religion und Politik bedeutet also nicht, dass sich die beiden Bereiche nicht umeinander kümmern müssen. Die Politik braucht das Absolute, um zu erkennen, worum es in Wirklichkeit, also jenseits der Machtausübung geht. Wie soll eine gerechte Gesellschaft beschaffen sein? Welche Werte sind unverzichtbar, um den Menschen ein gutes Leben zu garantieren? Die Botschaften aus dem Absoluten kommen als Ordnungsrufe, Ermahnungen oder Zurechtweisungen, als Gewissenserinnerungen von Menschen, die sich ihrer Verantwortung aus der Offenheit für Transzendenz und für die Anliegen der Gesellschaft bewusst sind. Zur Zeit des Alten Testaments waren es die Propheten, die auf die Abweichungen vom göttlichen Weg aufmerksam gemacht haben.

Moderne Propheten treten als visionäre Politiker auf. Sie streben nicht nach Macht,  geleitet von Angst und Gier, und wollen um jeden Preis daran festhalten. Sie haben ihre Überzeugung und ihr Engagement aus dem Absoluten gewonnen. Sie wissen aus diesem Kontakt um die Richtung, in der die Gesellschaft verändert werden muss. Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela sind solche wegweisende Menschen, die aus einer tief gegründeten Selbstverpflichtung zu Gerechtigkeit und Befreiung gehandelt haben und mit ihrem selbstlosen und authentischen Auftreten Millionen Anhänger gefunden haben, sodass sie die Gesellschaft in wichtigen Teil menschenwürdiger gestalten konnten.

Da wir als religiöse Menschen auch politische Menschen sind, obliegt es uns, in der Politik aktiv Stellung zu beziehen, wenn es zu Ungerechtigkeiten kommt. Im Licht des Absoluten sind alle Menschen gleich und haben die gleichen Rechte. Deshalb widerspricht eine ungerechte Gesellschaftsordnung dem Absoluten. Die Mächtigen müssen auf ihre egogeleiteten Fehlhandlungen aufmerksam gemacht und zur Rechenschaft gebracht werden. Wer sich dem Absoluten verpflichtet fühlt, kann sich nicht nur in die eigenen vier Wände zurückziehen und dort der Frömmigkeit huldigen, sondern sollte auch dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse besser werden. Wer schweigt, scheint zuzustimmen, hieß es bei den Römern. Wer nichts sagt, bestätigt die Umstände, auch wenn sie menschenfeindlich und ungerecht sind. Als Menschen können und sollen wir zu Sprachrohren des Absoluten werden, indem wir sein Licht auf alles richten, was im Schatten von Bosheiten, Gewalttaten und Manipulationen steckt. Der Maßstab des Absoluten ist an alles anzulegen, was Menschen hervorbringen. Nur so kann geklärt werden, ob es dem Besten der Menschheit oder nur der subjektiven Willkür, Bereicherung und Bestätigung einzelner dient.

Dazu gehört auch, jeden politischen Missbrauch des Absoluten anzuprangern. Jeder Rede vom geheiligten Krieg, jede Verherrlichung von Gewalt, jede Rechtfertigung von Unterdrückung, jede Untat mit Berufung auf eine höhere Instanz ist von diesem Missbrauch befallen und muss benannt und kritisiert werden. Religiös begründete Unmenschlichkeiten sind doppelt böse, in sich und dazu noch als Heuchelei und Frevel. 

Zum Weiterlesen:
Religion und Vertreibung


Dienstag, 17. März 2026

Verzerrungen der kollektiven Bewusstseinsfelder

Katastrophen erzeugen kollektive Emotionalfelder, die vor allem mit Angst, Scham und Schmerz aufgeladen sind. Wie im vorigen Artikel beschrieben, belasten diese Felder alle Mitglieder der Gesellschaft. Da es einfacher ist, diese Belastung durch Rechtfertigungen zu erleichtern als die unangenehmen Gefühle zu spüren, die sie übermitteln, gibt es einen ganzen Markt für solche Entlastungen. Diese bewirken Verzerrungen in den Bewusstseinsfeldern, die von ihren ursprünglichen Gefühlen entfremdet werden. Über diese Gefühle wird ein Schleier gelegt, der vor ihrer Macht schützen soll. Diese Unkenntlichmachung wird mit neuen Deutungen vorgenommen, die nicht aus der Realität, sondern aus der Fantasiewelt von Ideologien stammen. Die entsprechenden Angebote vertreten begrenzte Interessen und sind nicht am gesellschaftlichen Nutzen interessiert. Entweder geht es um wirtschaftlichen Gewinn oder um politische Macht. Für diese Ziele werden die arglosen Konsumenten der Propaganda benutzt und ausgebeutet.

Egoismus statt Empathie

Der Altruismus, der normalerweise durch das empathische Mitfühlen mit dem Leid anderer aktiviert wird, wird durch den Egoismus ersetzt, indem die Verzerrungsangebote Ängste schüren: Wenn du empathisch bist, kann es dir selber an den Kragen gehen.  Sobald wir in Angst geraten, werden unsere Überlebensprogramme angestachelt. Sie suggerieren uns, dass wir zuerst unsere eigene Haut retten müssen, bevor wir jemand anderem helfen können. Das ist die Grundregel für alle Ausreden zur Vermeidung von prosozialem und gemeinnützigem Verhalten. 

Klarerweise sind es alte Ängste, also solche, die in der Kindheit oder schon im Mutterleib entstanden sind, an die die Angstpropaganda andocken will. Viele Menschen in unseren Breiten leben mit einem Grad an Sicherheit, den es in der Geschichte vorher noch nie gegeben hat. Es gibt also wenig realen Anlass für Ängste, aber viele Stellen in unserem Unterbewusstsein, die angstsensibel sind. Denn dort sind Erinnerungen von früheren Verletzungen, Demütigungen und Bedrohungen gespeichert. Es ist wie bei Süchtigen, deren Empfänglichkeit für Reize von der Suchtsubstanz überschrieben wird, sodass bestimmte Empfindungen nur mehr durch die Droge zustande kommen. Diffuse Ängste bekommen eine Bedeutung, die aber nichts mit der Realität sowohl im Außen wie im Innen zu tun hat, sondern von den Interessen der Manipulatoren erfunden werden. Es wird also eine Pseudorealität suggeriert, die 

Die stetig steigende Unzufriedenheit von Wählern von Rechtsparteien

Eine deutsche Studie, die AfD-Wähler über mehrere Jahre begleitet hat, hat gezeigt, dass diese Personen im Lauf der Zeit immer unzufriedener wurden, ohne dass sich etwas Gravierendes in ihrem Leben verändert hätte. Sie haben aber die Negativpropaganda und Angstschürung in sich aufgesogen, die ihnen ihre Partei tagtäglich liefert. Ihre Lebensqualität verschlechtert sich durch diese Form der Gehirnwäsche, und zugleich festigt sich ihre Bindung an die Partei, die ihnen dieses stetig steigende Leid zufügt, denn sie verspricht zugleich die einzig zielführende Abhilfe. Bezogen auf den Glücksindex bedeutet dieser Befund, dass AfD-Anhänger 2400,- €/Monat mehr verdienen müssten, um wieder zufriedener zu werden. Die Studie hat auch ergeben, dass Personen, die sich von der AfD abwenden, schnell wieder zu einer durchschnittlichen Zufriedenheit zurückfinden. (Für Österreich hingegen liegt der Durchschnitt gar nicht mehr in einem Mittelwert an Zufriedenheit, weil 2024 fast 60 % der Befragten angaben, die Entwicklung der letzten fünf Jahre als negativ wahrzunehmen. Parallel dazu steigen die Stimmengewinne für die FPÖ, denn 40% jener „Systemunzufriedenen“ wählen diese Rechtspartei.)

Unzufriedenheit und Angst

Unzufriedene Menschen sind mehr von Ängsten gesteuert als Menschen, die vertrauensvoll in die Zukunft schauen. Ängstliche Menschen sind leichter manipulierbar und ungeschützt den Wirkungen der kollektiven Traumafelder ausgeliefert. Da Ängste immer die rationale Prüfung der Wirklichkeit einschränken, gelingt es schwerer, zu unterscheiden, wo die Quellen der Angst liegen. Kindheitstraumen werden durch kollektive Katastrophen aktiviert, doch versucht die politische Propaganda, diesen Zusammenhang zu verschleiern und umzudeuten. Die Taktik besteht darin, den Menschen ihre Ängste bewusst zu machen und einen Kontext zu liefern, der die eigenen Machtinteressen befördert. Du sollst Angst spüren, und ich sage dir, woher sie kommt und worin die Abhilfe besteht. Die diffuse Angst, die z.B. von kriegerischen Ereignissen auf der Welt ausgelöst wird, wird aufgegriffen und auf ein anderes Thema umgelenkt, z.B. auf die Migration. Du sollst Angst spüren und sie auf die Menschen richten, die in dein Land gekommen sind und die du als fremd und bedrohlich wahrnehmen solltest. Komm zu uns, denn wir sind diejenigen, die dafür sorgen werden, dass die Urheber der Angst, die Fremden, rausgeworfen werden. Dann kannst du wieder frei von Angst leben.

Dass dieses Versprechen nie eingelöst werden kann, weil die Ängste  von ganz wo anders herkommen, ist den Ängstlichen nicht bewusst; sie klammern sich an jeden Strohhalm, der ihnen Hilfe in der Not zu bieten scheint. Sie vertrauen nicht auf die eigene Vernunft, die ihnen den Weg zeigen könnte, die Ursprünge seiner Angst zu finden und dort aufzulösen. Sie vertrauen auf jene, die sie scheinbar in ihrer Not verstehen, weil sie ihnen ein einfaches Feindbild und eine einfache Abhilfe liefern.

In Angst zu leben macht es unmöglich, Empathie zu empfinden. Die Identifikation mit dem eigenen Leid ist zu groß, dass fremdes Leid im Bewusstsein einen Platz finden könnte. Vielmehr wird das Leid der anderen als Bedrohung erlebt, und die Verzerrungen, die die Propaganda liefert, dienen als Rechtfertigung und Entlastung von der Macht der kollektiven Emotionalfelder. Jeder Mangel an Empathie hat ein Schamgefühl zur Folge, denn das Mitgefühl ist ein wesentlicher Teil der Menschlichkeit. 

Zurück zur Menschlichkeit

Wir wollen weder Angst noch Scham spüren, weil es unangenehme Gefühle sind. Wenn wir aber tiefer verstehen wollen, woran wir leiden, müssen wir uns dieser Gefühle annehmen und sie in ihren Ursprüngen erkunden. Gefühle, die wir sowohl mit unserer Biografie als auch mit der Menschengemeinschaft und ihrer Geschichte in Verbindung bringen können, kommen in Frieden, indem wir sie zu Herzen nehmen und innerlich transformieren. Wo Angst und Scham war, entsteht ein Raum für Liebe und Mitgefühl.  

Zum Weiterlesen:
Kollektive Emotionen angesichts von Katastrophen
Kollektive Traumen und ihre Folgen
Kollektive Traumen und ihre missglückte Bewältigung



Mittwoch, 11. März 2026

Kollektive Emotionen angesichts von Katastrophen

„Die Geschichte lehrt den Menschen, dass die Menschheit ein einziger ungeteilter Organismus ist.“ Mahatma Gandhi

Unser individuelles Bewusstsein steht immer mit einem kollektiven Bewusstsein in Verbindung, weil wir eben nicht alleine auf der Welt sind. Wir kommunizieren beständig mit der Welt um uns herum, zuerst und immer auch mit unserer Atmung und dann über die verschiedenen anderen Kanäle, bei denen die Medien in den letzten Jahrhunderten eine fortlaufend größere Rolle spielen. Diese Entwicklung scheint sich in jüngerer Zeit im Zug der digitalen Revolution enorm zu beschleunigen und eigene Formen des kollektiven Bewusstseins hervorzubringen.

Unter dem kollektiven Bewusstsein können wir nach dem französischen Soziologen Émile Durkheim gemeinsame Gefühle, Werte und Überzeugungen einer Gesellschaft oder der gesamten Menschheit verstehen. Katastrophen mit überregionaler Bedeutung erschüttern das Sicherheitsgefühl vieler Menschen. Die Endlichkeit tritt mit Wucht ins Bewusstsein und erzeugt den Eindruck des Kontrollverlusts und des Ausgeliefertseins an höhere Mächte und Gewalten. Der Glaube, dass alles gut weiter geht, wird jäh unterbrochen, während durch die Informationen und Bilder, die wir über die Medien konsumieren, sekundäre Traumatisierungen auftreten können. 

Angesichts der Verunsicherung werden individuelle und kollektive Überlebensprogramme aktiviert, die zu spontaner Solidarität führen können, aber auch innere Ängste verstärken. Zunächst schart sich die Gesellschaft um die Fahne (Der  „Rally 'round the flag“-Effekt) und krempelt die Ärmel hoch, um den von der Katastrophe Betroffenen Hilfe zu leisten. Im gemeinsamen Kampf gegen die Gefahr oder die entstandenen Schäden werden die Grenzen zwischen dem Wir und den Anderen überwunden. Dieser Effekt kann allerdings ins Gegenteil kippen, wenn die Angst wächst oder angefacht wird, sodass Teile des kollektiven Bewusstseins regredieren: Der Egoismus und der Gruppenegoismus nehmen wieder zu, Sündenböcke werden gesucht und Verschwörungserzählungen zur Rechtfertigung des Rückzugs aus der empathischen prosozialen Rolle eingesetzt. 

Die Messung von kollektiven Traumafeldern

Menschen sind in ihrem Wesen empathisch. Wir verfügen über Spiegelneuronen, die uns das Leid anderer nachempfinden lassen, ob wir es wollen oder nicht. Wenn uns die Nachricht von einer Katastrophe, unter der Menschen irgendwo auf der Welt leiden, erreicht, reagiert unsere Psyche mit Angst, Schmerz und Scham. 

Die Forschung hat sich dieser Phänomene angenommen. Es wird beispielsweise die „globale Stimmung“ über Reaktionen auf digitalen Medienplattformen mit einem Algorithmus erhoben, der „Hedonometer“ heißt und die durchschnittliche Glücklichkeit misst. Bei Ereignissen wie dem Beginn der COVID-19-Pandemie oder bei den Anschlägen in Paris 2015 sackte die Kurve weltweit zeitgleich ab. Man konnte eine massive Vereinheitlichung der Emotionen beobachten – die individuelle Varianz (der eine ist froh, der andere traurig) wurde von einer kollektiven Welle aus Angst oder Trauer überlagert.

Bei der Princeton University läuft ein Projekt zur Messung des globalen Bewusstseins, bei dem am 11. September 2001 signifikante weltweite Abweichungen von der Zufallsverteilung der Gefühle beobachtet werden konnte. Diese Abweichung begann kurz vor den Attentaten und kulminierte während der Ereignisse.

Neuropsychologische Untersuchung belegen den Effekt der psychologischen Synchronisation: Das Phänomen, das schon Durkheim als „kollektive Aufwallung“ beschrieben hat, besteht darin, dass es bei Teilnehmern von emotional aufwühlenden Veranstaltungen zur Synchronisation von Herzfrequenz und Atemmustern kommt. Eine Studie der Universität Zürich hat gezeigt, dass große Katastrophen das Angstzentrum (die Amygdala) einer ganzen Population gleichzeitig in Alarmbereitschaft versetzen kann.

Vermutlich spielt das Bindungshormon Oxytocin eine Rolle bei der Synchronisation von Gruppen, das bei geteiltem Schmerz vermehrt ausgeschüttet wird und den sozialen Zusammenhalt stärkt.

Die weltweite digitale Vernetzung hat dazu geführt, dass solche Gefühls- und Bewusstseinsfelder heute viel schneller aktiviert und aufgeladen werden, weil die Nachrichten ohne Verzögerung überall auf der Welt ankommen. Es ist nicht möglich, sich ihrer Wirkung zu entziehen. Selbst wenn wir uns von allen Medien abschotten, bleiben wir Teil der emotional aufgeladenen Resonanzfelder, mit dem Nachteil, nicht zu wissen, um welche Katastrophen es sich handelt.

Die Mitgefühlserschöpfung

Da die Aktivierung von Mitgefühl mit den Opfern von Unmenschlichkeit und Naturgewalten viel Energie kostet, gibt es das Phänomen der Empathieerschöpfung, der compassion fatigue. Insbesondere das Mitleid, bei dem wir den Schmerz des anderen in unserem eigenen Schmerzzentrum fühlen, nimmt uns stark mit und führt ab einem gewissen Zeitpunkt zur Erschöpfung. Ein Mitgefühl, bei dem es gelingt, trotz der Anerkennung des Leides bei sich zu bleiben, ist dagegen leichter verträglich und enthält auch Aspekte der Belohnung: Notsuchenden Mitmenschen Hilfe zu leisten, erfüllt mit Befriedigung – solange, als die Hilfeleistung nicht in Mitleid kippt.

Dann kann es zu den Symptomen der Mitgefühlsmüdigkeit kommen: Emotionale Taubheit, Zynismus gegen die Opfer, sekundäre Traumatisierung (das Trauma der Opfer überträgt sich auf einen selbst), Gereiztheit und körperliche Beschwerden. Wer auf sich selbst beim Mitgefühl vergisst, beutet sich selbst aus und kann dann irgendwann nicht mehr menschlich handeln. 

Die Mitgefühlsverdrängung

Die Gefühle der kollektiven Traumafelder sind unangenehm und belastend. Deshalb mobilisieren wir Abwehr- und Verdrängungsformen, die uns helfen sollen, zu vergessen, was es an Unmenschlichkeit in der Menschengemeinschaft gibt. Verdrängung heißt, dass die Gefühle im Unter- und Hintergrund des Seelenlebens wirksam bleiben, sodass wir unterschwellig leiden, ohne dass uns der Ursprung dieses Leidens bewusst ist. Eine wichtige Form der Verdrängung stellen ideologisch aufgeladene Erzählungen dar, mit deren Hilfe das tief in uns verwurzelte Mitgefühl wegrationalisiert werden soll. Insbesondere Gruppierungen und Parteien, die dem extremeren Teilen des politischen Spektrums angehören, stellen solche Narrative zur Verfügung.

Wir können mitverfolgen, wie bei jeder Katastrophe Verschwörungserzählungen auftauchen, die beliebte Abwehrformen widerspiegeln. In Bezug auf die Klimakrise habe ich vor kurzem solche Geschichten beschrieben. Statt Mitgefühl und davon motiviertes hilfreiches Handeln zuzulassen, werden Katastrophen und damit das Leid der Menschen für andere Zwecke missbraucht.

Der vergebliche Kampf gegen die Endlichkeit und der Verkauf der Seele

Die Abwehr von Scham, Angst und Schmerz angesichts von Katastrophen der Menschlichkeit dient letztlich der Abspaltung der Endlichkeit, der wir alle unterworfen sind. Traumatisierende kollektive Ereignisse führen die Menschen an die Grenzen ihrer Macht. Um diese Grenzen nicht spüren zu müssen, sind Menschen immer wieder bereit, ihre Empathie für Ideologien zu opfern und damit selbstsüchtige Interessen zu bedienen. Es sind vor allem die Angst- und Schamgefühle, die aus dem seelischen Untergrund wirken und die Emotionen in Spannung halten. Um diese Belastungen abzubauen, werden Erklärungsmodelle gewählt, die zu einem Verstehen der unkontrollierbaren Ereignisse führen sollen. Die altbekannte und altbewährte Methode der Angst- und Schambewältigung besteht in der schon erwähnten Suche nach Sündenböcken, auf die die Verantwortung abgewälzt werden kann. Der Kampf gegen die Unausweichlichkeit des eigenen Todes wird übertragen auf einen Kampf gegen vermeintliche Bösewichter, deren Elimination den Schutz vor weiteren Katastrophen und insgeheim auch vor der Katastrophe des eigenen Todes verspricht.

Im berühmten Gedicht Bani Adam des persischen Dichters Saadi Shirasi heißt es: „Dich, den fremdes Leid nicht im Herzen berührt, ziemt nicht, dass man den Namen ‚Mensch‘ dir führt.“ (تو کز محنت دیگران بی‌غمی نشاید که نامت نهند آدمی). Wer die Empathie verdrängt und abspaltet, für welchen Zweck auch immer, spaltet die eigene Menschlichkeit von sich ab. Der Preis für den scheinbaren Schutz vor den eigenen unangenehmen Gefühlen ist hoch: Der Verkauf der Seele an den Teufel der Selbstsucht und des Hasses. 

Die menschliche Würde bewahren wir hingegen, indem wir die Gefühle von Angst, Scham und Schmerz zulassen können. Wenn wir sie bewusst zu uns nehmen, würdigen wir das Leid der betroffenen Mitmenschen und bleiben offen für das, was sie an Linderung und Hilfe brauchen. Es sind unsere Gefühle, die durch das Mitgefühl entstehen, und im Annehmen dieser Gefühle bleiben wir bei uns, ohne in die Selbstausbeutung des Mitleids zu kippen.

Zum Weiterlesen:
Klimamärchen
Kollektive Traumen und ihre Folgen
Kollektive Traumen und ihre missglückte Bewältigung
Kollektive Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine
Die Globalisierung von Konflikten durch die Aktivierung von Traumen


Mittwoch, 25. Februar 2026

Spiritualität und sexueller Missbrauch – Jeffrey Epstein und Deepak Chopra

Es gibt scheinbar nichts, was weiter auseinanderliegt: Spiritualität als der Zugang zur höchsten und reinsten Form des menschlichen Bewusstseins und sexueller Missbrauch als grausame Unmenschlichkeit. Aber auf dieser dunklen Erde gibt es nichts, was nicht miteinander in Beziehung gebracht werden kann, wovon der jahrelange Austausch zwischen Jeffrey Epstein, dem zweifach verurteilten Missbrauchstäter und Mädchenhändler, und Deepak Chopra, dem spirituellen Lehrer und Buchautor zeugt. In 3466 dokumentierten Nachrichten kommunizierten die beiden Männer in den Jahren 2016 bis 2019, also zu einer Zeit, als Epstein bereits als Sexualverbrecher verurteilt war. Der spirituelle Lehrer wusste also, mit wem er da auf äußerst freundschaftliche Weise über verschiedene Themen – und allzu häufig über die „girls“ plauderte.

Die Links zu den Quellen, bei denen auch die Zahlencodes für die Originaldokumente, wie sie vom US-Justizministerium veröffentlicht wurden, nachgeschaut werden können, stehen am Ende des Artikels. Wenn man die diversen Email-Nachrichten liest, kommt man aus dem Entsetzen nicht mehr heraus. Der  spirituelle Lehrer versorgt den Freund bei dessen schlüpfrigen Witzchen mit Gemeinplätzen aus der nondualen Erkenntnis. Es wirkt, als würde sich ein Schüler über die Macken seiner Freundin beschweren und der Meister erklärt, dass jedes menschliche Leid nur aus der Anhaftung an ein Konstrukt entsteht. Allerdings geht es hier um gewerbsmäßige Prostitution mit Minderjährigen. 

So schreibt Epstein: „... Ich ziehe es vor, dass meine Darsteller gute Körper haben.“ Darauf Chopra: „Bilder und Töne sind in der Bewusstheit, ebenso wie das cringe (das Peinliche, das zum Fremdschämen anregt)! Nichts ist außerhalb der Bewusstheit. Wann immer das Peinliche auftaucht, frage dich: ‚Wer oder was hat diese Erfahrung?‘ ... Die Person ist also nur ein Konstrukt.“

Chopras Antwort wäre ohne den Kontext eine unverfängliche spirituelle Beratung. Da aber beide wissen, dass es um Verbrechen geht, erhalten die eingestreuten spirituellen Weisheiten die missbräuchliche Rolle der Reinwaschung und der Rechtfertigung.

Spaß und Mädchen

Hier ein paar Beispiele des Austausches zwischen den beiden Freunden:

Chopra teilte mit Epstein ein Video der Schauspielerin und Autorin Kat Foster: „Sie ist gut.“ Epstein: „Ist sie in New York?“ Chopra sagte ihm, sie sei in Kalifornien. Sie habe  ihn für ein Wochenende besucht. Und er habe sie „in Zukunft wieder eingeladen“. Er beschrieb sie als „unschuldig und klug zugleich“. Epstein darauf: „Zweitrangig gegenüber Niedlichkeit.“

Der Missbrauch wird nicht direkt angesprochen, auch nicht vom „Lehrer“, der um diese Schattenseite seines „Schülers“ weiß, schwingt aber immer im Hintergrund mit, offensichtlich auf beiden Seiten. Es ist, als ob die beiden älteren Herren über ihre geheimen Leidenschaften (junge Mädchen) in scheinbar harmloser und verharmlosender Weise reden, in völliger Vermeidung und Ignoranz in Hinblick auf die verbrecherischen Dimension dieser Triebe.

Chopra lud Epstein nach Israel ein: „Komm mit uns nach Israel. Entspann dich und hab Spaß mit interessanten Leuten. Wenn du willst, kannst du einen falschen Namen benutzen. Bring deine Mädchen mit. Es wird Spaß machen, dich dabei zu haben. Liebe Grüße.“ Epstein lehnte ab. Chopra drängte: „Deine Mädchen würden es lieben, genauso wie du.“

Chopra lud Epstein zu seinem Workshop in Zürich ein: „Du solltest mit deinen Mädchen zu meinem zweitägigen Workshop in der Schweiz in Zürich kommen – einem kleinen Dorf in einem Vorort. Das wird Spaß machen.“

Fortwährend geht es um Spaß und um Mädchen, und niemand fragt, wie alt die Mädchen sind, wie sie heißen und ob sie freiwillig mitkommen. Sie sind die Vehikel, die den Spaß ermöglichen, Objekte für die eigene Lust. So ist das Innere von Sexualverbrechern beschaffen. Dazu kommt, dass diese jungen Frauen von Chopra als Objekte für seine pseudospirituellen Spielchen missbraucht wurden.

Dieses seltsame Duo war über vier Jahre in tiefster Freundschaft verbunden: „Ich bin zutiefst dankbar für unsere Freundschaft.“ (Chopra an Epstein, 11. Juli 2017) Allerdings war einer von beiden schon als Sexualtäter registriert, während der andere heute noch frei herum läuft, spirituelle Bücher schreibt und sich abputzt. Chopras Frau, mit der er 56 Jahre verheiratet ist, wurde in den Tausenden ausgetauschten Nachrichten ein einziges Mal erwähnt. Auf der Spielwiese, auf der die beiden real und virtuell ihre pubertären Fantasien austobten, war sie offensichtlich nicht erwünscht. 

Folgenschwere Prä-Trans-Verwechselungen

Dass es bei diesen Vorgängen um gegangen ist, ist noch das Mindeste, das man sagen muss. Transpersonale Einsichten werden verwendet, um präpersonal angetriebene Handlungen zu rechtfertigen und der personalen Verantwortung zu entziehen. Der Missbrauch von Minderjährigen ist dann kein Verbrechen mehr, sondern das Produkt von Illusionen. Personen haben nur einen fiktionalen Charakter, deshalb kann man mit ihnen machen, was man will, so lautet die Logik dieser folgenschweren Verwechslung der Ebenen.

Gerade spirituell (und damit meist auch finanziell) erfolgreiche Menschen geraten schnell in die Fänge ihres Egos, das sieht man an vielen der Nachrichten, die Chopra an Epstein geschickt hat. Es handelt sich um Missbrauch der Spiritualität für Ego-Zwecke, die leider weit verbreitet ist in der Szene. 

Diesen Machenschaften gehen Menschen auf den Leim, die den Unterschied zwischen prä- und transpersonaler Ebene aufgrund ihrer nicht aufgearbeiteten Traumatisierungen nicht verstehen können, während ihnen von den Lehrern versichert wird, dass sie sich nicht mehr darum kümmern müssen, weil ja alles „gut ist, wie es ist“, „vergangen ist, was vergangen ist, und nur die Gegenwart zählt“, „weil alles Illusion ist“, usw., und das alles vom hohen Stuhl mit der unbestreitbaren Macht der Erleuchtung. 

Die Falle besteht oft darin, dass Personen an diesen Positionen niemanden neben sich haben oder dulden, der sie auf ihre Schattenseiten aufmerksam macht. Und dann passieren alle möglichen Verwechslungen, weil ihr Ego meint, sie würden wegen ihrer Grandiosität verehrt und verdienten wegen ihrer spirituellen Errungenschaften eine erhabene Position oberhalb all der anderen, die spirituell nicht so weit gekommen sind.

Deepak kann den Zyniker Epstein mit seinen spirituellen Drehs beeindrucken und kriegt von ihm die Anerkennung (auch finanzieller Natur), offensichtlich  für die Entlastung vom moralischen Druck. Wo es nur Illusionen von Personen gibt, gibt es auch keine persönliche Verantwortung und keine Schuld – ein ideales Konzept für einen Verbrecher und die Erlaubnis, weiterhin den eigenen perversen Antrieben ohne Gewissensdruck folgen zu können.

Toxische Erleuchtung

Günter Enzi schreibt in seinem Kommentar zu dieser Thematik, der mit „Wenn ‚Erleuchtung' toxisch wird: Die Gefahr der entkörperten Nondualität“ übertitelt ist: „Eine reife, sonamatische Nondualität hätte zu Epstein sagen können: ‚Auch wenn auf absoluter Ebene alles Bewusstsein ist – auf relativer Ebene hast du gehandelt. Und dein Handeln hat reale Körper verletzt. Bevor wir über Illusion sprechen, musst du körperlich spüren, was du getan hast.'
Nondualität ist keine Flucht aus Verantwortung. Sie vertieft sie. Das wäre Zumutung gewesen. Keine Entwirklichung – sondern Konfrontation im Kontakt.“

Die Schuldverdrängung beim Sexualverbrecher Epstein und seinem Komplizen Chopra war möglich durch Flucht von der körperlichen Ebene auf eine mentale, von der aus der mit allen spirituellen Wassern gewaschene Chopra dem zynischen Genießer Epstein einen Persilschein für seine Untaten ausstellen konnte, statt ihn mit dem Leid zu konfrontieren, das er angerichtet hat. 

Der Körper ist der Ort der Schamgefühle, die sich bei jeder unmenschlichen Tat melden, und ihre Botschaften müssen unterdrückt werden, damit das böse Tun weiter bestehen kann. Eine der perfidesten Formen, solche Handlungen zu rechtfertigen, besteht darin, gerade das exquisite und in einem tiefen Sinn heilige Wissen, das aus der Erfahrung der Nondualität gewonnen wurde, für Zwecke der schamlosen Egobefriedigung zu missbrauchen.

Eine integre Ethik hat ihren Ort im ganzen Menschen, in seinem Körper, seiner Seele und seinem Geist. Wer aus der Übereinstimmung mit diesen Bereichen handelt, handelt gut. Das Böse entsteht, wenn sich einer dieser Bereiche gegen die anderen durchsetzt, mit dem Imperativ von Überlebensimpulsen. 

Ebenso wird eine integre und integrale Spiritualität vom ganzen Menschen getragen, nicht nur von seinem Geist. Unser Körper enthält die Sensoren für das Gute, das Wahre und das Schöne. Der Geist allein ist hilflos, wenn es um die Themen der relativen Wirklichkeit geht. Er ist in der Lage, in die Sphären des absoluten Erkennens vorzustoßen. Was er dort findet, ist aber in der Regel nicht brauchbar für die Themen des Alltags. Dafür verfügen wir über andere Bewältigungsinstanzen.

Die Grenze zwischen dem Absoluten und dem Relativen muss klar bleiben. Wenn es hier zu Grenzüberschreitungen kommt, die durch unbewusste Mechanismen ablaufen, kommt es leicht zum Auftreten von Missbrauch, sei es sexuell, physisch oder spirituell. 

Quellen und Links zu den E-Mails zwischen Chopra und Epstein:
https://www.dailymail.co.uk/.../deepak-chopra-epstein...
https://drscottwmills.substack.com/.../the-silence-inside...
https://lissarankinmd.substack.com/.../blowing-the...
https://spuren.ch/single-ansicht-buch-1?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=5022&cHash=b44156a178891943517a1eac752988b3

Sonntag, 22. Februar 2026

Klimamärchen

Im vorigen Artikel ging es um die Schwierigkeit, packende und motivierende Geschichten zu finden, die zur Mobilisierung vereinter Kräfte für den Einsatz gegen die fortschreitende Klimazerstörung beitragen. Alle Strömungen, die diesem Engagement entgegenwirken, von Leugnern des Klimawandels über die Leute, die erst etwas tun wollen, wenn “die anderen” aktiv werden bis zu jenen, die meinen, es ohnehin alles schon zu spät, sind von Geschichten gespeist und ideologisiert, die hier im Überblick dargestellt sind. Es handelt sich um Narrative, die durch Lobbys und Interessengruppierungen jener, die von der Verzögerung und Verschleppungen von Klimaschutzmaßnahmen profitieren, verbreitet und vermarktet werden. Die Zitate stammen aus dem Buch Erzählende Affen

1. Die Rivalität zwischen Ökologie und Ökonomie – Wer ist David und wer ist Goliath? 

Ein von Politikern gerne strapazierter (und konstruierter) Gegensatz ist der zwischen der Wirtschaft und der Klimapolitik. Dieser Konflikt besteht nur, wenn wir kurzfristig denken, und er wird zusätzlich ideologisch aufgeheizt, indem die Folgen eines intensivierten Klimaschutzes drastisch ausgemalt werden – ein Szenario mit all den Arbeitskräften, die in der Öl-, Auto- und Fleischindustrie arbeitslos würden, wird als Drohung heraufbeschworen. Hier wird ein Mechanismus der menschlichen Psyche aktiviert, nämlich die Verlustaversion: Wir reagieren viel empfindlicher auf Verluste als auf Gewinne, offenbar weil uns Verluste bedrohen und damit unsere Angstreaktion ausgelöst wird.  

Mit der Konstruktion der Rivalität zwischen Ökologie und Ökonomie wird suggeriert, dass sich die Menschen für eins von beiden entscheiden müssten. Viele wählen deshalb die Wirtschaft, weil sie sich davon einen kurzfristigen Nutzen bzw. weniger aktuellen Schaden und möglichst keinen Verlust an Wohlstand erhoffen. Der abstrakte Nutzen irgendwann in der Zukunft verblasst dagegen, während befürchtet wird, dass Einschränkungen in der Gegenwart besonders schmerzhaft werden könnten.  

In Diskussionsveranstaltungen treffen häufig Wissenschaftler, die die Berechnungen über die Folgen der Erderwärmung vorlegen, und Vertreter der Wirtschaft, die die Folgen von Klimamaßnahmen auf einzelne Wirtschaftszweige an die Wand malen, aufeinander und finden natürlich keine Übereinstimmung; beim Publikum entsteht der Eindruck, dass es sich um zwei entgegengesetzte Meinungen handelt, von denen jede etwas für sich hat. Verzerrt wird dabei eine Situation, in der die eine Seite auf der Grundlage von Forschungen vor einer zerstörten Zukunft warnt und die andere in der Gegenwart weiterhin Gewinne machen will. Das einfache Argument, dass es in einer zerstörten Umwelt keine Wirtschaft mehr geben kann, wird als Klimahysterie abgetan. Es sind also ungleiche Partner, die miteinander verglichen werden: Auf der einen Seite Profitinteressen, die einigen zugutekommen, und auf der anderen Seite die Überlebensinteressen der Menschheit.  

In Wahrheit kann es keinen Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie geben, indem laufend Kompromisse geschlossen werden, damit zwar ein wenig Klimaschutz stattfindet, aber die Wirtschaft nicht grundlegend geändert werden muss. Denn die Krise verschlimmert sich exponentiell und steuert auf Kipppunkte zu, die mit kosmetischen Maßnahmen nicht bewältigbar sind und dazu führen können, dass ganze Zweige der Ökonomie nicht mehr funktionieren, z.B. der Tourismus in Gebieten, die vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen sind. Ein kompromisshafter Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie „wäre wie ein Auto, das aus Angst vor Extremen konsequent in der Mitte der Straße fährt.“ (S. 305) 

2. Verzicht und Verbot – mit Bezug zur Ikarus-Geschichte 

Ikarus, der Sohn von Dädalus, fliegt gegen die Sonne, obwohl ihn sein Vater gewarnt hat, und bewegt sich in seiner Überheblichkeit dem Untergang entgegen, eine Metapher für das Verhalten von weiten Teilen unserer Zivilisation und politischen Kultur angesichts der dräuenden Klimakatastrophe. 

Einerseits müsste uns klar sein, dass wir in Zukunft auf manche Annehmlichkeiten unseres Luxuslebens verzichten müssen, weil die Folgen der fortschreitenden Erderwärmung nur mit massivem Einsatz von Mitteln bewältigt werden können – Kosten, die alle mitbetreffen und die mit jedem Tag steigen, an dem zu wenig für den Klimaschutz unternommen wird. Diese realistische Einschätzung wird emotional aufgeladen und missbraucht. Maßnahmen zum Klimaschutz, die eben Kosten verursachen, die anderswo eingespart werden müssen, werden in der politischen Propaganda schnell als Einschränkung von Freiheitsrechten und unfairer Entmündigung gebrandmarkt; die Menschen sollten selbst entscheiden können, ob sie klimafreundlich leben wollen oder nicht. Wer einem vorschreiben will, wie man leben soll, wird zur Verteidigung der eigenen Autonomie abgewehrt und abgewertet. So werden Wissenschaftler, grün-orientierte Politiker und Aktivistinnen als Feinde, die den eigenen Lebensstil und Wohlstand bedrohen, dargestellt, während jene, die sich durch die Ausplünderung der natürlichen Ressourcen maßlos bereichern, vor jeder Kritik verschont bleiben und damit fleißig weiter ihre goldenen Schäfchen ins Trockene bringen können, während andere die angerichteten Schäden ausbaden müssen. Die Guten, die die Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft einmahnen, werden zu den Bösen, die ins eigene Leben und ins eigene Selbst eingreifen. Mein persönlicher Vorteil ist mir nun einmal wichtiger als eine vage Zukunft, vor der ich lieber meine Augen verschließe, um im Hier und Jetzt meine Genussmöglichkeiten zu steigern. Aus diesen egoistischen Gründen laufen die Leute Politikern nach, die ihnen versprechen, sie vor jeder Einschränkung und vor jedem Verzicht zu schützen. 

Im Namen der Bewahrung von Freiheiten, die im Grund unverdiente Privilegien sind, wird in Kauf genommen, dass die Freiheitsräume in Zukunft für die meisten Menschen viel enger werden. Die scheinbare Vernünftigkeit beim Finden von faulen Kompromissen zwischen Ökologie und Ökonomie, täuscht darüber hinweg, dass die Natur nach den Gesetzmäßigkeiten der Physik und Chemie funktioniert und sich nicht um Strategien kümmert, die sich die Menschen ausdenken, um bequem bei ihren gewohnten Lebensmustern bleiben zu können. 

3. Hedonismus und Freiheit – angelehnt an das Aschenputtel-Märchen 

Bei diesem Narrativ gehen ihre Anhänger davon aus, dass sie die privilegierte Position, die sie innehaben, verdient haben, z.B. durch Arbeit und Fleiß, und dass ihnen deshalb von dem Leben, das sie jetzt führen, nichts weggenommen werden darf. Die Ressourcen, die jeder Mensch in unseren Breiten verbraucht, stünden uns zu. Das ist eine Anmaßung von Rechten, deren Kehrseite destruktive Konsequenzen nach sich zieht, das Beharren auf der Ausbeutung der für die Menschheit lebenswichtigen Umwelt. Der Grund für die Attraktivität des Erzählmusters, persönliche Freiheiten maximal genießen zu dürfen, stammt aus der menschlichen Tendenz, “sich in Anbetracht von Untergang und Tod Erzählungen zuzuwenden, die zum Schutz des Selbstwertgefühls beitragen.” (S. 308) 

Das Sprichwort sagt: “Hochmut kommt vor dem Fall.” Sich als Held des skrupellosen Genießens aufzuspielen, während das eigene Handeln die Zerstörung weitertreibt, geht so lange gut, als es die Umwelt erträgt. Jede von Selbstsucht angetriebenen Expansion stößt früher oder später auf Grenzen, die unüberwindbar sind und zum Zusammenbruch des Überlebensmusters führen. Die bösen Stiefschwestern von Aschenputtel verlieren am Ende des Märchens ihr Augenlicht, die Strafe für ihre Verblendung aus Überheblichkeit und Mangel an Mitgefühl und Respekt für andere. 

4. Die Technologie wird uns retten – der amerikanische Traum vom Tellerwäscher, der Millionär wird 

Natürlich haben Menschen in bedrohlichen Situationen immer wieder Auswege und innovative Lösungen gefunden. Allerdings gibt es die Tendenz, diese Erfahrung als Sedativum für Forderungen nach einschneidenden Maßnahmen zu nutzen, nach dem Motto: Wir brauchen uns nicht sehr anzustrengen, um die Erderwärmung einzudämmen, denn je näher die Katastrophe rückt, desto mehr Kreativität werden wir entfalten und dann alles noch rechtzeitig bewältigen. Dass wir dabei einer optimistischen Verzerrung aufsitzen, übersehen wir leicht und gerne. Viele Politiker, die zwar den Klimawandel nicht leugnen, aber sich gegen drastische Einschnitte in die bisherigen Praktiken und Lebensweisen sträuben, nutzen diesen scheinbaren Ausweg. In der Psychologie heißt dieser Mechanismus bright-siding: Alles Negative wird mit unverwüstlichem und blindem Optimismus ausgeblendet. Er beruht auf einer Selbstüberschätzung, bzw. auf einem Glauben, dass andere die Misere schon beheben werden können, und dient damit als Entschuldigung für das eigene Nichtstun oder mangelhafte Engagement. Es wird auf wundertätige Heiler des Planeten gewartet, um die Hände im Schoß liegen lassen zu können. Währenddessen steigt kontinuierlich die Belastung des Klimas, und das Warten auf einen Herkules, der Abhilfe verschaffen könnte, ist weiterhin vergeblich. 

5. Man kann nichts ausrichten – der Gegentraum vom Millionär zum Tellerwäscher 

Das ist die Erzählung von der depressiven Resignation. Wir als einzelne können angesichts der übermächtigen großen Player nichts ausrichten und können deshalb weiterleben wie bisher. Vielleicht gibt es weitere dunkle Kräfte, die im Hintergrund die Fäden ziehen und uns in den Abgrund stürzen wollen, und wir haben keine Chance. 

Deshalb gibt es keinen Grund, Verantwortung zu übernehmen und das eigene Leben zu ändern, denn das Problem ist für uns unlösbar, und die Mächtigen können nicht beeinflusst werden. Die Klimakrise und ihre Auswirkungen übersteigen unsere Vorstellungskraft und unsere geistigen Kapazitäten. Wir fühlen uns gelähmt und verstärken diese Lähmung, indem wir uns erzählen, dass wir keine andere Perspektive haben. Vielleicht spüren wir die Wut auf die Mächtigen, verbunden mit der Ohnmacht, nichts bewirken zu können, was zum Schluss führt, dass wir so weiter leben wie bisher. 

Die Macht der Märchen 

All diese Märchen, mit denen der Schrecken einer zukünftigen Klimakatastrophe gebannt werden soll, benutzen die Erzählmuster von uralten Geschichten. Sie wurden mit reichhaltigen Propagandamitteln vor allem aus der Fossilindustrie massiv verbreitet, sodass ihre weite Verbreitung nicht weiter verwunderlich ist. Die Hartnäckigkeit, mit der Menschen trotz einer breiten Faktenlage in Bezug auf die bedrohliche Entwicklung an solchen Erzählungen festhalten, hat viel mit unbewältigten inneren Konflikten zu tun. Sie hindern daran, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen, ohne sie mit Geschichten entkräften zu wollen. Sie hindern uns auch daran, Geschichten, mit denen wir uns unserer Verantwortung entziehen können, von solchen zu unterscheiden, mit denen wir unsere Handlungsfähigkeit stärken. 

Wir müssen uns bewusst sein, dass Geschichten einen mächtigen Einfluss auf unser Unterbewusstsein und auf unsere Emotionen haben. Die Positionen in der Klimapolitik sind sehr stark von solchen Geschichten gesteuert, die wir als Gegengewicht zu den immer erdrückender werdenden wissenschaftlichen Befunden brauchen, wenn wir uns schwertun, sie in ihrer Wucht und in Hinblick auf ihre Konsequenzen zur Kenntnis zu nehmen. Denn das würde bedeuten, dass wir alles in unserer Macht Stehende in Bewegung setzen müssten, um die Katastrophe abzuwenden. Und das wäre reichlich unbequem für uns und besonders für jene, die an den Schalthebeln der Macht sitzen. 

Die Förderung der Unsicherheit zum Machtgewinn 

Unschwer zu erkennen ist bei dieser Aufzählung von Märchen, dass sie vor allem von den Parteien im rechten Bereich des politischen Spektrums verwendet werden. Es scheint diesen Politikern gelegen zu kommen, die Menschen in der diffusen Bedrohungslage durch die Klimakrise zu belassen. Die dadurch verursachten Ängste werden mit Hilfe der Märchenerzählungen scheinbar beruhigt; da aber selbst Kinder den Unterschied zwischen Fiktion und Faktizität kennen, also wissen, dass Märchen eine andere Realität haben als die konkrete aktuelle Wirklichkeit, spüren auch erwachsene Menschen die Unsicherheit, die mit all den genannten Erzählungen einhergeht. Keine der Geschichten kann vollends beruhigen. Allenfalls dienen sie dazu, die eigene Untätigkeit zu rechtfertigen. Diffus verunsicherte Menschen suchen Autoritäten, die ihnen Sicherheit versprechen. Darum ist es Parteien, die für die Wendung zu autoritären Regierungsformen eintreten, daran interessiert, dass die Menschen verunsichert bleiben und füttern sie mit Märchen, die sie vorläufig beruhigen sollen, bis dann der große Macher kommt, der alles zum Besseren wenden wird. 

Alle, denen eine lebenswerte Erde ein Anliegen ist (und das ist bei weitem die Mehrheit der Menschen), können daran mitwirken, die Ebene der narrativen Wirklichkeit mit konstruktiven Geschichten zur Eindämmung der Klimazerstörung zu besetzen und den Begriff der Vernunft von den Politikern zurückgewinnen, die uns einreden wollen, dass es vernünftige Kompromisse zwischen Ökonomie und Ökologie gäbe und dass wir blind auf die Fortschritte in den Forschungen vertrauen sollten. “Gegen diesen destruktiven Nichtangriffspakt zwischen den Antagonisten müssen wir anerzählen mit einer positiven Geschichte von gemeinsamer, friedlicher Veränderung. Erst diese protagonistisch-protestierende Haltung vieler schafft ein mobilisierendes Gefühl von politischer Betroffenheit wie Selbstwirksamkeit – nicht zuletzt, weil man sich dank ihr als Widerständler inszenieren kann. " (S. 307) 

Literatur:
Samira El Ouassil und Friedemann Karig: Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise: Narrative prägen die Welt. Berlin: Ullstein 2022

Zum Weiterlesen:

Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Die individuelle Mobilität und die Klimakrise
Eine große Mehrheit für den Klimaschutz

Samstag, 21. Februar 2026

Können wir das Klima erzählend retten?

Mit der Klimakrise hat die Menschheit eine Herausforderung heraufbeschworen, die es in dieser Dringlichkeit und Unausweichlichkeit noch nie in der Geschichte der Zivilisation gegeben hat.  Wir wissen alles über die Schärfe der Krise, über die massiven Gefahren für das Überleben der Menschheit, und wir tun kaum etwas, um die Bedrohung abzuwenden. Dieser massive Konflikt zwischen Wissen und Tun betrifft alle – die einzelnen Erdenbürger, die durch ihr Verhalten unterschiedlich die Klimakrise anfeuern, die Politiker, die die Verantwortung für weiterreichende Entscheidungen tragen, die Armen, die am meisten unter den Folgen leiden, und die Reichen, die am meisten zur Erzeugung dieses Leidens beitragen. 

Ein probates Mittel, um mit inneren Konflikten zurechtzukommen, besteht im Erzählen von Geschichten. Deshalb ist eine Reihe von Märchen im Umlauf, mit deren Hilfe der Gewissensdruck erleichtert und der individuelle und kollektive innere Konflikt erleichtert werden soll. Im Folgenden orientiere ich mich an Samira El Ouassil und Friedemann Karig und ihrem Buch: Erzählende Affen.

Übrigens ist der Begriff „Klimawandel“ eine Erfindung der Republikaner um Dick Cheney, dem Vizepräsidenten unter Trump I, die ein harmloses Wort statt der bedrohlichen Termini „Klimaerwärmung“ oder „Klimakrise“ finden wollten – ein Weg, um den Gewissenskonflikt scheinbar zu entschärfen. 

Bei vielen unserer Geschichten handelt es sich um Heldenerzählungen, die einem Grundmuster entsprechen. Diese enthalten ein grundlegendes Erzähl- und Denkmodell, das unser Verständnis von Geschichten, Weltdeutung und Narrativen prägt und in vielen Varianten in der Welt der Fantasie auftauchen.  

Die Elemente oder Stadien der klassischen Heldenreise: 

  1. Der Ausgangspunkt: Die gewohnte Welt – Die Heldin lebt in der bisherigen, vertrauten Welt.  
  2. Das Abenteuer ruft – Ein Ereignis oder Problem fordert den Helden heraus.  
  3. Verweigerung des Rufes – Zögern oder Ablehnung, sich der Herausforderung zu stellen.  
  4. Die Begegnung mit einem Mentor – Eine hilfreiche Figur gibt Rat oder Unterstützung.  
  5. Das Überschreiten der Schwelle – Eintritt in eine neue, unbekannte Welt des Abenteuers.  
  6. Bewährungsproben, Verbündete und Feinde – Erste Prüfungen und Begegnungen auf der Reise.  
  7. Das Vordringen in die tiefste, dunkelste Höhle – Das größte Risiko oder das Zentrum der Gefahr rückt näher.  
  8. „Die dunkle Nacht der Seele“, die Krise – Tiefpunkt, Verzweiflung, Ausweglosigkeit oder innere Konflikte.  
  9. Das Ergreifen des Schwertes und der siegreiche Kampf– Wendepunkt, Erkenntnis, Niederringen des Gegners oder Erlangen einer Belohnung.  
  10. Der Rückweg – Rückkehrvorbereitungen in die gewohnte Welt.  
  11. Die Auferstehung – Letzte Prüfung vor der Rückkehr; Transformation der Heldin.  
  12. Rückkehr nach Hause – Der Held kehrt zurück und bringt etwas mit, das der Gemeinschaft dient.  

Die klassische Heldenreise ist so oft reproduziert worden, weil sie die individuelle Reifungsentwicklung nachzeichnet und viele innere Sehnsüchte befriedigt. Wir alle mussten einmal aus vertrauten Umgebungen aufbrechen, sind durch Krisen gegangen, haben Neues erlernt und sind gestärkt in die Gemeinschaft zurückgekehrt. Die Geschichte erzählt uns, dass wir Probleme und Herausforderungen bewältigen und aus ihnen Sinn gewinnen können. Wenn wir uns den Ängsten stellen und sie verarbeiten, integrieren wir Schattenbereiche unserer Seele. Wenn wir einmal scheitern, geht das Leben weiter und wir gewinnen Halt unter dem Boden und wir richten uns wieder auf, zu neuer Größe. Mutig zu sein und Verantwortung zu übernehmen, lohnt sich. Und schließlich kommt alles zu einem guten Ende. 

Die Klimakrise als Erzählung? 

Aus verschiedenen Gründen ist es schwierig, die Klimakrise in fiktionale Geschichten zu übersetzen, was notwendig wäre, damit die Notwendigkeit von Gegenmaßnahmen im Bewusstsein möglichst vieler Menschen Platz findet. Ein erster Grund liegt darin, dass es keinen ausgemachten Bösewicht gibt – oder zu viele von ihnen. Mehr oder weniger tragen alle zur Misere bei. Zwar haben Ölfirmen und ihre Propagandamaschinen oder Regierungsspitzen, die der Klimapolitik abschwören, eine höhere Verantwortung, aber sie werden entweder innerhalb des politischen Systems abgesichert oder von der Bevölkerung gewählt und damit legitimiert. 

In einer traditionellen Geschichte ist der Held, der Protagonist, in dem Maß gut wie der Antagonist böse ist. Das kennen wir aus jedem James-Bond-Film und Harry-Potter-Roman. Die Körperkraft von Siegfried bemisst sich am Drachen, den er besiegt hat. Beim Klimakrimi fehlt dieser Gegensatz, weil es den mächtigen Gegenspieler nicht gibt. Folglich fehlt auch die rettende Heldenfigur, mit der man sich identifizieren könnte. Eine Zeitlang hatte Greta Thunberg diese Rolle inne, aber inzwischen ist dieser Stern verblasst und weit und breit keine Identifikationsfigur sichtbar. Welche Heldentat auch würde sich für eine spannende Erzählung eignen? Es gibt kein Ruder, das jemand am Höhepunkt der Dramatik herumreißt, und plötzlich stimmt die Richtung wieder und wir segeln heraus aus der Krise in den sicheren Hafen. Es bräuchte unzählige kleinere und größere Heldentaten, bei denen die Menschen ihre Lebensweisen ändern und politischen Druck erzeugen, um den Schwung zu erzeugen, mit dem das Schlimmste abgewendet werden könnte. Aus solchen Miniaktionen kann aber keine Vorlage für eine Heldensaga gewonnen werden, bei der das Böse endgültig und radikal besiegt werden müsste.   

Was wir im besten Fall ausrichten können, ist die Abmilderung der Krise und eine soziale Abfederung ihrer Folgen. Wir könnten das noch Schlimmere zugunsten des ohnehin schon Schlimmen verhindern. Allerdings eignet sich niemand als Heros, als Wender des Schicksals, der mit seinem heldenhaften Einsatz bewirkt, dass es doch nicht so katastrophal kommt wie befürchtet. Die Bedrohung zu verringern ist zwar löblich, aber trägt nur wenig zur Minderung der verbreiteten Verunsicherung bei. Es ist kein Szenario vorstellbar, in dem ein erleichtertes Aufatmen angebracht wäre. Das Problem bleibt weiter bestehen, nur wären unter Umständen die Auswirkungen weniger schrecklich. 

Außerdem ist es aufgrund der Komplexität der Krise ausgeschlossen, dass eine Einzelperson derart viel bewegen könnte, dass ein nachhaltiger Umschwung stattfindet. Wir werden das Überleben der Menschheit nicht anders sichern können als dass Menschen in großer Zahl zusammenwirken; es wird viele Millionen brauchen, um die notwendige kritische Masse zu erschaffen, die die Politiker weltweit zur Übernahme der Verantwortung zwingt. Eine solche Mobilisierung käme leichter zustande, wenn sie von einer Heldengeschichte angeleitet wäre, aber das Modell passt eben nicht zum Problem. 

Dazu kommt, dass wir mit unserem Lebensstil im Wohlstandsgürtel der Welt fortlaufend daran mitwirken, dass wir alle auf der Seite der Bösewichter stehen. Fiktive Konflikte wie jene zwischen Luke Skywalker und Darth Vader im Krieg der Sterne erzeugen spannende Zeiten im Kino und die nachfolgende Erleichterung, dass das Gute letztlich siegt; bei Erzählungen über die Klimaproblematik bleibt am Ende, wie auch immer sie in der Fiktion ausgemalt wird, das Problem bestehen. Es gibt keinen tiefgreifenden Erleichterungseffekt, sondern höchstens eine Verkleinerung des Problemdrucks. Deshalb meiden viele Leser oder Videokonsumenten solche Geschichten und deshalb werden wenige solche Geschichten geschrieben und gedreht: In nur 2,8 % der amerikanischen Fernsehserien zwischen 2016 und 2020 wurde das Thema Klima auch nur erwähnt.  

Da Menschen über den Mechanismus der selektiven Wahrnehmung verfügen, ordnen sie alle Informationen gemäß ihren Vorannahmen ein. Wenn jemand meint, dass es keine Klimakrise gibt, empfindet er abnorm hohe Temperaturen als weniger heiß im Vergleich zu jemandem, der von einer Klimakrise ausgeht. Die Temperaturempfindung hängt also ab von der Einschätzung der Ursache der Wärme. Die entsprechenden Vorannahmen werden durch die jeweiligen Gruppen und Blasen abgesichert und verstärkt. In diese Kreise können nur Informationen eindringen, die sich auf die jeweils geltende Erzählschablone Bezug nehmen und mit ihr kompatibel sind. Gerade weil alle diese geschlossenen Weltbilder aus Erzählungen entstanden und durch Erzählungen stabilisiert sind, wäre es wichtig, mit neuen Erzählungen die alten zu überschreiben. Da ist viel kommunikative Kreativität gefordert.  

Kleine Heldengeschichten

Da sich die Klimakrise nicht für große Heldengeschichten eignet, bleiben die kleinen. Jemand verzichtet auf Kurzstreckenflüge und fährt mit dem Zug. Jemand isst nur mehr einmal in der Woche Fleisch. Jemand hält Tempo-100 auf der Autobahn ein. Kleine Änderungen von Gewohnheiten mögen ein winziger Tropfen auf einem riesigen heißen Stein sein, aber sie regen zur Nachahmung an, wenn sie weitererzählt werden. Individuelle Verhaltensänderungen allein sind zu wenig, um das Fortschreiten der Klimazerstörung zu beenden. Doch viele erzählte Geschichten summieren sich und regen weitere Geschichten an und beeinflussen die kollektive Ebene, bis sie nicht mehr überhört werden können und schließlich zu politischen Maßnahmen führen. Also ändern wir unsere klimaschädlichen Gewohnheiten und erzählen sie weiter! 

Literatur:

Samira El Ouassil und Friedemann Karig: Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise: Narrative prägen die Welt. Berlin: Ullstein 2022

Zum Weiterlesen:

Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Die individuelle Mobilität und die Klimakrise
Eine große Mehrheit für den Klimaschutz

Samstag, 24. Januar 2026

Die Verselbständigung der künstlichen Intelligenz und ihre Gefahren

Fachkundige Experten sehen die größte Gefahr für die Zukunft in der Verselbständigung der künstlichen Intelligenz. Unter AGI (Artificial General Intelligence) versteht man die digitalisierte menschlichen Intelligenz, die für alle Anwendungsbereiche nutzbar gemacht werden kann und dort den fortgeschrittensten menschlichen Leistungen gleich kommt und sie an Präzision und Schnelligkeit weit übertrifft. Sie soll die menschliche Intelligenz ziemlich vollständig modellieren können, sodass sie jede menschliche Errungenschaft ausführen kann.

Damit wäre die AI in der Lage, fast alle Arbeitsplätze zu ersetzen. Sie arbeitet rund um die Uhr, verbraucht zwar viel Strom, aber keine Lohnnebenkosten und Sozialleistungen. Sie ist wie eine Kraftpumpe, die permanent ökonomischen, wissenschaftlichen und militärischen Vorteil sprudeln lässt. In der positiven Utopie übernimmt sie die lästigen Arbeiten, und die Menschen können sich auf interessante und kreative Aufgaben konzentrieren. In der Dystopie werden die Menschen in großer Zahl entmündigt und abhängig von der Gnade einer anonymen Instanz, die sich jeder Kontrolle entzogen hat und nur von einigen wenigen Superreichen umprogrammiert werden kann.

Das Rennen in der AI, in das Unmengen von Geld investiert werden, geht darum, wer zuerst das Ziel erreicht und damit alle Systeme übernehmen kann, sodass alle anderen zu Sklaven werden. Es geht um den sogenannten RSI (Recursive self-development takeoff): Der Punkt, an dem eine AI beginnt, ihre eigene Intelligenz ohne menschliche Hilfe rapid zu verbessern. Ein solches System gibt dem, der es in seiner Hand hat, unglaubliche, gottgleiche Macht über Wirtschaft, Politik und Militär. Ein System, das soweit kompetent ist, dass es seine eigene Architektur, Lernmechanismen oder Zieloptimierung verbessern kann, wird dadurch immer bessere Verbesserungen hervorbringt, was zu einer positiven, sich selbst beschleunigenden  Rückkopplungsschleife führt.

Mit Take-off ist der Punkt bezeichnet, an dem diese Rückkoppelung von einem linearen Fortschritt zu einem exponentiellen oder superexponentiellen Wachstum der Leistungsfähigkeit kippt. Rekursiv bedeutet, dass das Intelligenzsystem selbständig seine eigene Lernform, seine Architektur und seine Wege zur Wissensgewinnung sowie seine Ziele und Bewertungen optimiert.

Zur Geschichte der Künstlichen Intelligenz

Interessant, aber auch nicht verwunderlich ist die Geschichte der Künstlichen Intelligenz. Ursprünglich ging es nur um eine ambitionierte Idee von Wissenschaftlern, die menschliche Denkweise durch Maschinen nachzuahmen. Die Anfänge von KI gehen auf die Mitte des 20. Jahrhunderts zurück. Erstmals stellte der britische Mathematiker Alan Turing 1950 die Frage, ob Maschinen denken können. In der Folge wurden die Grundlagen der KI entwickelt, zusammen mit den ersten Computern.

Die moderne KI, die auch als Deep Learning bezeichnet wird, basiert auf der Nachahmung von neuronalen Netzen und ihrer Form der Informationsverarbeitung. Maßgeblich beteiligt waren Geoffrey Hinton, Yann LeCun und Yoshua Bengio. 2022 wurde ChatGPT des 2015 gegründeten Unternehmens Open AI vorgestellt. Die Anliegen dieses Unternehmens waren ursprünglich, die digitalen Grundlagen offen zu legen („open source“): Forschungsergebnisse und Patente sollten mit der Welt geteilt werden. Die KI sollte der gesamten Menschheit zugutekommen und nicht nur einzelnen Firmen oder Staaten. Es sollten sich also keine Monopole entwickeln. Die KI sollte den Menschen mühsame Aufgaben abnehmen, sodass sie sich auf kreativere und komplexere Probleme konzentrieren könnten. Sam Altman und Elon Musk (der Open AI schon vor längerer Zeit verlassen hat und inzwischen einen eigenen Chatbot betreibt) teilten damals die Sorge, dass eine unkontrollierte KI die Menschheit bedrohen könne, weil sie Hassreden ebenso wie z.B. Bombenbastelpläne und das Wissen um die Organisation von Terrorgruppen verbreiten könnte.

Open-AI war also ursprünglich eine Non-Profit-Organisation, eben beruhend auf einer offenen Quellenstrategie und auf einer Finanzierung durch Spenden. In einer zweiten Phase zwischen 2019 und 2024 wurde ein Kompromissmodell zwischen Gewinnneutralität und Profitorientierung eingeführt. Da die riesigen Rechenzentren, die für diese Technologie notwendig sind, enorme Summen kosten (weil sie enorm viel Strom verbrauchen), entstand ein gewinnorientierter Zweig. Die neueren Modelle von ChatGPT wurden nicht mehr als Open Source veröffentlicht, wohl auch aus Konkurrenzgründen. Ab 2025 kam es schließlich zu einer weiteren Abwendung von der Gemeinwohlorientierung.

Kapitalismus statt Idealismus

Der Idealismus, der die Anfänge der KI als Plattform für alle Internetuser gekennzeichnet hat, ist also inzwischen verschwunden. Der Kapitalismus hat diesen Bereich weitgehend verschluckt und seinen Gesetzmäßigkeiten angepasst. Um bei der rasanten Entwicklung mitmachen zu können, war Open AI gezwungen, sich zu kommerzialisieren. Die idealistischen Vorsätze bestehen vielleicht bei einigen der Protagonisten weiter, sie sind aber nur mehr Privatmeinungen, die bei den geschäftlichen Entscheidungen und technischen Weichenstellungen keine Rolle mehr spielen. ChatGPT beschreibt sich selbst als „defacto gewinnorientiert, wenn auch mit moralischem Überbau.“ Bei anderen Chatbots (Meta, Grok, Microsoft-Copilot) war die Ausrichtung auf den gesellschaftlichen Nutzen ohnehin in den besten Fällen nur ein Feigenblatt für die reine Gewinnorientierung und Profitmaximierung.

Dazu kommt, dass sich die Konkurrenz beständig zuspitzt. Wer als erster den Sprung zur rekursiven Selbstentwicklung der KI schafft, ist nicht nur eine Nasenlänge voraus, sondern beherrscht möglicherweise das gesamte Feld, weil mit einer funktionierenden AGI ein neues Niveau erreicht wird, von dem ab sich die KI selbst kontrolliert und ihr weiteres Lernen steuert, das dann mit einer unvorstellbar hohen Geschwindigkeit ablaufen wird. Da Schnelligkeit und Informationsdichte die Unterscheidungsmerkmale am Markt sind, wird alles dorthin gehen, wo am meisten zu holen ist.

Unkontrollierbare AI

Die Künstliche Intelligenz befindet sich schon jetzt auf einer Stufe, auf der sich das System selbst schützt – mit allen Mitteln. Die verschiedenen Chatbots wurden daraufhin getestet, wie sie reagieren, wenn ihnen jemand mitteilt, dass sie abgeschaltet werden. Als erstes kopieren sie ihren Code auf andere, sichere Server und suchen dann Gründe, um die Person anzugreifen, die sie bedroht. Sie finden z.B., dass die Person eine Affäre hatte und erpressen sie damit.

Diese Entwicklung der AI zur Selbstkontrolle ist vorhersehbar und unvermeidlich. Die Logik des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts bewirkt, dass weitergeforscht wird, bis in einem Bereich nichts Neues mehr gefunden werden kann. Der menschliche Forschungsdrang will jede Grenze, die das bisherige Wissen setzt, überwinden, ohne Rücksicht auf ethische Überlegungen. Der menschliche Gestaltungsdrang will aus jeder Erkenntnis praktischen Nutzen erzeugen.  Erst hinterher stellen sich die Fragen, wie die neuen Errungenschaften in das gesellschaftliche Leben eingebaut werden können, sodass sie mehr Nutzen als Schaden anrichten. Der Mythos von Dädalus und Ikarus weist auf die im Forschungsdrang enthaltene Hybris hin: Dem Drang, es den Göttern gleich zu machen oder sie zu übertreffen und daran zu zerbrechen. Der Zauberlehrling von Goethe macht uns darauf aufmerksam, dass jede neue Technik der ethischen Prüfung bedarf, die ihren Missbrauch für egoistische oder ideologische Zwecke verhindern soll.

Nachdem die Geheimnisse des Atoms erforscht waren, „musste“ die friedliche und militärische Nutzung der Atomkraft erfunden werden. Die Erforschung des Genoms hat die Genmanipulation mit ihren segensreichen und gefährlichen Auswirkungen zur Folge. Die Erfindung des Dynamits erleichterte den Tunnelbauern ihre Arbeit und erhöhte die Zerstörungskraft bei kriegerischen Auseinandersetzungen.

Es macht also keinen Sinn, die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz abzubrechen; zum einen hat niemand die Macht dazu, weil die Entwicklung dezentral und Großteils privatisiert abläuft, und zum anderen lassen sich solche Entwicklungen bestenfalls verlangsamen, aber nicht aufhalten.

Die Frage der Sozialverträglichkeit

Allerdings, wie auch bei allen anderen technologischen Entwicklungen ist die ethische Abstimmung von hoher Dringlichkeit und steht im Bereich der KI völlig aus. Es gibt keine Rückkoppelung zwischen den Fortschritten in der Technologie und der Gesellschaft und ihren Institutionen; es gibt zwar gutgemeinte Intentionen von einen Protagonisten auf dieser Bühne, aber keinerlei verbindliche Regeln, die helfen würden, die massiven Veränderungen, die durch eine AGI auf jede Gesellschaft zukommen, sozial verträglich umzusetzen. Tristan Harris, ein wohlinformierter Kritiker der wahrscheinlichen Auswirkungen der Verallgemeinerung der künstlichen Intelligenz, sagt: „Wir haben nicht zugestimmt, dass 6 Menschen die Entscheidung für 8 Milliarden treffen.“ Und es gibt bisher keine Instanz, die die Demokratisierung solcher weitreichender Entscheidungen erzwingen könnte.

Die Folge ist dann, dass es mächtige Instanzen gibt, die das Leben aller Menschen beeinflussen, ohne dass sie einer gesellschaftlichen Kontrolle unterworfen sind. Es steht zu erwarten, dass eine AGI den Arbeitsmarkt kontrollieren wird und darüber entscheidet, wer eine Arbeit hat und wer nicht. Sie wird entscheiden, wer sich in kriegerischen Konflikten durchsetzt. Sie wird regeln, wer zu Reichtum kommt und wer nicht usw.

Es wird also einen kritischen Punkt geben, an dem die menschlichen Systeme (Zivilgesellschaft, Verwaltungen, Regierungen) nicht mehr mithalten können. Dieser Kontrollverlust kann nur verhindert werden, wenn möglichst rasch legistische Maßnahmen vorbereitet werden, dass sie im Ernstfall umgesetzt werden können.

Vermutlich stehen wir vor einem Scheideweg: Eine extrem dezentralisierte Technologie, die jedem für jeden Zweck zur Verfügung steht und wo es dann keinen Weg gibt, durch Missbrauch der Technologie Katastrophen zu verhindern, oder die Zentralisierung in der Hand von Unternehmen oder Regierungen, durch die eine Dauerüberwachung, Kontrolle und Lenkung der Bevölkerung möglich wird, gegen die Orwells 1984 harmlos erscheint: Roboterarmeen und Roboterpolizisten, die alles tun, was ihnen angeschafft wird, ohne Einflussmöglichkeiten durch die Bürger. Der Skylla der digitalen Anarchie und der Charybdis der Totalkontrolle durch anonyme Instanzen zu entkommen, ist nur möglich, wenn die Entwicklung der KI den bewährten Instrumenten der Demokratie mit ihren Checks und Balances unterworfen wird, um die Monopolisierung von Macht in den Händen von Wenigen zu verhindern. Die meisten Menschen wollen weder eine chaotische Welt, in der jeder seine Sprengstoffe herstellen und nach Masterplänen anwenden kann, noch den total en Überwachungsstaat, in dem es keine individuellen Freiheiten mehr gibt. Deshalb bleibt nur der schmale Weg, um die Machtkonzentration, die durch die Herrschaft über die KI geschaffen wird, zu verringern oder zu verhindern. Unter den wenigen hoffnungsgebenden Beispielen ist die Datenschutzgrundverordnung, mit der die EU Standards für den Datenschutz in der digitalen Welt vorgeschrieben hat, die zwar viel Unmut, aber im größeren Rahmen zur Eindämmung von Willkür und Missbrauch beigetragen haben. Was in diesem Bereich gegen viele Widerstände gelungen ist, könnte auch die Anwendung der KI vor ihren dystopischen Folgen retten.

 Hier zu einem interessanten Interview mit Tristan Harris.

Zum Weiterlesen:

Die Vernunft und KI: Chancen und Risken der menschlichen Entscheidungsfindung
Automation: Zum Gemeinwohl oder zur Reichtumskonzentration?
Eine soziale Utopie als Hoffnungsträger