Mit der Klimakrise hat die Menschheit eine Herausforderung heraufbeschworen, die es in dieser Dringlichkeit und Unausweichlichkeit noch nie in der Geschichte der Zivilisation gegeben hat. Wir wissen alles über die Schärfe der Krise, über die massiven Gefahren für das Überleben der Menschheit, und wir tun kaum etwas, um die Bedrohung abzuwenden. Dieser massive Konflikt zwischen Wissen und Tun betrifft alle – die einzelnen Erdenbürger, die durch ihr Verhalten unterschiedlich die Klimakrise anfeuern, die Politiker, die die Verantwortung für weiterreichende Entscheidungen tragen, die Armen, die am meisten unter den Folgen leiden, und die Reichen, die am meisten zur Erzeugung dieses Leidens beitragen.
Ein probates Mittel, um mit inneren Konflikten zurechtzukommen, besteht im Erzählen von Geschichten. Deshalb ist eine Reihe von Märchen im Umlauf, mit deren Hilfe der Gewissensdruck erleichtert und der individuelle und kollektive innere Konflikt erleichtert werden soll. Im Folgenden orientiere ich mich an Samira El Ouassil und Friedemann Karig und ihrem Buch: Erzählende Affen.
Übrigens ist der Begriff „Klimawandel“ eine Erfindung der Republikaner um Dick Cheney, dem Vizepräsidenten unter Trump I, die ein harmloses Wort statt der bedrohlichen Termini „Klimaerwärmung“ oder „Klimakrise“ finden wollten – ein Weg, um den Gewissenskonflikt scheinbar zu entschärfen.
Bei vielen unserer Geschichten handelt es sich um Heldenerzählungen, die einem Grundmuster entsprechen. Diese enthalten ein grundlegendes Erzähl- und Denkmodell, das unser Verständnis von Geschichten, Weltdeutung und Narrativen prägt und in vielen Varianten in der Welt der Fantasie auftauchen.
Die Elemente oder Stadien der klassischen Heldenreise:
- Der Ausgangspunkt: Die gewohnte Welt – Die Heldin lebt in der bisherigen, vertrauten Welt.
- Das Abenteuer ruft – Ein Ereignis oder Problem fordert den Helden heraus.
- Verweigerung des Rufes – Zögern oder Ablehnung, sich der Herausforderung zu stellen.
- Die Begegnung mit einem Mentor – Eine hilfreiche Figur gibt Rat oder Unterstützung.
- Das Überschreiten der Schwelle – Eintritt in eine neue, unbekannte Welt des Abenteuers.
- Bewährungsproben, Verbündete und Feinde – Erste Prüfungen und Begegnungen auf der Reise.
- Das Vordringen in die tiefste, dunkelste Höhle – Das größte Risiko oder das Zentrum der Gefahr rückt näher.
- „Die dunkle Nacht der Seele“, die Krise – Tiefpunkt, Verzweiflung, Ausweglosigkeit oder innere Konflikte.
- Das Ergreifen des Schwertes und der siegreiche Kampf– Wendepunkt, Erkenntnis, Niederringen des Gegners oder Erlangen einer Belohnung.
- Der Rückweg – Rückkehrvorbereitungen in die gewohnte Welt.
- Die Auferstehung – Letzte Prüfung vor der Rückkehr; Transformation der Heldin.
- Rückkehr nach Hause – Der Held kehrt zurück und bringt etwas mit, das der Gemeinschaft dient.
Die klassische Heldenreise ist so oft reproduziert worden, weil sie die individuelle Reifungsentwicklung nachzeichnet und viele innere Sehnsüchte befriedigt. Wir alle mussten einmal aus vertrauten Umgebungen aufbrechen, sind durch Krisen gegangen, haben Neues erlernt und sind gestärkt in die Gemeinschaft zurückgekehrt. Die Geschichte erzählt uns, dass wir Probleme und Herausforderungen bewältigen und aus ihnen Sinn gewinnen können. Wenn wir uns den Ängsten stellen und sie verarbeiten, integrieren wir Schattenbereiche unserer Seele. Wenn wir einmal scheitern, geht das Leben weiter und wir gewinnen Halt unter dem Boden und wir richten uns wieder auf, zu neuer Größe. Mutig zu sein und Verantwortung zu übernehmen, lohnt sich. Und schließlich kommt alles zu einem guten Ende.
Die Klimakrise als Erzählung?
Aus verschiedenen Gründen ist es schwierig, die Klimakrise in fiktionale Geschichten zu übersetzen, was notwendig wäre, damit die Notwendigkeit von Gegenmaßnahmen im Bewusstsein möglichst vieler Menschen Platz findet. Ein erster Grund liegt darin, dass es keinen ausgemachten Bösewicht gibt – oder zu viele von ihnen. Mehr oder weniger tragen alle zur Misere bei. Zwar haben Ölfirmen und ihre Propagandamaschinen oder Regierungsspitzen, die der Klimapolitik abschwören, eine höhere Verantwortung, aber sie werden entweder innerhalb des politischen Systems abgesichert oder von der Bevölkerung gewählt und damit legitimiert.
In einer traditionellen Geschichte ist der Held, der Protagonist, in dem Maß gut wie der Antagonist böse ist. Das kennen wir aus jedem James-Bond-Film und Harry-Potter-Roman. Die Körperkraft von Siegfried bemisst sich am Drachen, den er besiegt hat. Beim Klimakrimi fehlt dieser Gegensatz, weil es den mächtigen Gegenspieler nicht gibt. Folglich fehlt auch die rettende Heldenfigur, mit der man sich identifizieren könnte. Eine Zeitlang hatte Greta Thunberg diese Rolle inne, aber inzwischen ist dieser Stern verblasst und weit und breit keine Identifikationsfigur sichtbar. Welche Heldentat auch würde sich für eine spannende Erzählung eignen? Es gibt kein Ruder, das jemand am Höhepunkt der Dramatik herumreißt, und plötzlich stimmt die Richtung wieder und wir segeln heraus aus der Krise in den sicheren Hafen. Es bräuchte unzählige kleinere und größere Heldentaten, bei denen die Menschen ihre Lebensweisen ändern und politischen Druck erzeugen, um den Schwung zu erzeugen, mit dem das Schlimmste abgewendet werden könnte. Aus solchen Miniaktionen kann aber keine Vorlage für eine Heldensaga gewonnen werden, bei der das Böse endgültig und radikal besiegt werden müsste.
Was wir im besten Fall ausrichten können, ist die Abmilderung der Krise und eine soziale Abfederung ihrer Folgen. Wir könnten das noch Schlimmere zugunsten des ohnehin schon Schlimmen verhindern. Allerdings eignet sich niemand als Heros, als Wender des Schicksals, der mit seinem heldenhaften Einsatz bewirkt, dass es doch nicht so katastrophal kommt wie befürchtet. Die Bedrohung zu verringern ist zwar löblich, aber trägt nur wenig zur Minderung der verbreiteten Verunsicherung bei. Es ist kein Szenario vorstellbar, in dem ein erleichtertes Aufatmen angebracht wäre. Das Problem bleibt weiter bestehen, nur wären unter Umständen die Auswirkungen weniger schrecklich.
Außerdem ist es aufgrund der Komplexität der Krise ausgeschlossen, dass eine Einzelperson derart viel bewegen könnte, dass ein nachhaltiger Umschwung stattfindet. Wir werden das Überleben der Menschheit nicht anders sichern können als dass Menschen in großer Zahl zusammenwirken; es wird viele Millionen brauchen, um die notwendige kritische Masse zu erschaffen, die die Politiker weltweit zur Übernahme der Verantwortung zwingt. Eine solche Mobilisierung käme leichter zustande, wenn sie von einer Heldengeschichte angeleitet wäre, aber das Modell passt eben nicht zum Problem.
Dazu kommt, dass wir mit unserem Lebensstil im Wohlstandsgürtel der Welt fortlaufend daran mitwirken, dass wir alle auf der Seite der Bösewichter stehen. Fiktive Konflikte wie jene zwischen Luke Skywalker und Darth Vader im Krieg der Sterne erzeugen spannende Zeiten im Kino und die nachfolgende Erleichterung, dass das Gute letztlich siegt; bei Erzählungen über die Klimaproblematik bleibt am Ende, wie auch immer sie in der Fiktion ausgemalt wird, das Problem bestehen. Es gibt keinen tiefgreifenden Erleichterungseffekt, sondern höchstens eine Verkleinerung des Problemdrucks. Deshalb meiden viele Leser oder Videokonsumenten solche Geschichten und deshalb werden wenige solche Geschichten geschrieben und gedreht: In nur 2,8 % der amerikanischen Fernsehserien zwischen 2016 und 2020 wurde das Thema Klima auch nur erwähnt.
Da Menschen über den Mechanismus der selektiven Wahrnehmung verfügen, ordnen sie alle Informationen gemäß ihren Vorannahmen ein. Wenn jemand meint, dass es keine Klimakrise gibt, empfindet er abnorm hohe Temperaturen als weniger heiß im Vergleich zu jemandem, der von einer Klimakrise ausgeht. Die Temperaturempfindung hängt also ab von der Einschätzung der Ursache der Wärme. Die entsprechenden Vorannahmen werden durch die jeweiligen Gruppen und Blasen abgesichert und verstärkt. In diese Kreise können nur Informationen eindringen, die sich auf die jeweils geltende Erzählschablone Bezug nehmen und mit ihr kompatibel sind. Gerade weil alle diese geschlossenen Weltbilder aus Erzählungen entstanden und durch Erzählungen stabilisiert sind, wäre es wichtig, mit neuen Erzählungen die alten zu überschreiben. Da ist viel kommunikative Kreativität gefordert.
Literatur:
Samira El Ouassil und Friedemann Karig: Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise: Narrative prägen die Welt. Berlin: Ullstein 2022
Zum Weiterlesen:
Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Die individuelle Mobilität und die Klimakrise
Eine große Mehrheit für den Klimaschutz


