Sonntag, 13. Januar 2019

Die Erderwärmung und die innere Wärme

Thomas Hübl stellt im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung die Frage nach der Lösung des Problems innerhalb des Mensch-Natur-Systems: „Unsere Lebensweise ist nicht ganz gesund, und die überhitzte Atmosphäre repräsentiert einen überhitzten Teil unserer menschlichen Erfahrung. Sie ist ein Hinweisschild, um unsere Lebensweise zu verändern oder die Form, wie wir auf das Hauptorganisationsprinzip des menschlichen Systems bezogen sind. Der Klimawandel ist ein Symptom von etwas, und wir müssen den Ursprung finden – wo ist das Feuer?“ (Übersetzung WE)

Ganz offensichtlich ist zwischen Mensch und Natur etwas gravierend ins Ungleichgewicht geraten, was sich unter anderem an der Überwärmung zeigt. Ich möchte hier den Trend zur Verbesserung des Lebens näher beleuchten, der sehr eng mit dem Menschsein und mit der Auseinanderentwicklung der Menschen von der Natur verbunden ist. Möglicherweise gibt es von dort eine direkte Verbindung zum Thema „Der Mensch und die Wärme“.


Die Verengung der Komfortzone


Der Zivilisationsprozess, der uns von der Steinzeit in die postmoderne Konsumwelt geführt hat, wird von der Idee der Optimierung des menschlichen Daseins angetrieben. Diese Idee verspricht ein Mehr an Bequemlichkeit und ein Weniger an Belastungen innerhalb unserer Komfortzone, die sich im Lauf dieses Prozesses zunehmend verengt. Angenehme Erfahrungen sollen maximiert und unangenehme minimiert werden. Das ist etwas, was wohl jeder Mensch will, um das zu belegen braucht es keine Meinungsumfragen. In der zeitlichen Dynamik entsteht dadurch eine steile, progressiv nach oben weisende Entwicklung. Das besonders Angenehme und Erstrebenswerte von vorhin wird mit der Zeit zum Selbstverständlichen und bald nachher zum Langweiligen, Unangenehmen oder zu Vermeidenden. 

Der Urlaub bei einem Badesee in der Nähe, eine Besonderheit in der Kindheit, wird zum weniger Interessanten beim Erwachsenwerden, das mehr in die Weite drängt und dort neue, weiter entfernte Orte spannend findet, während die früheren Plätze der Erholung als langweilig und uncool bewertet werden. Das Radio war für unsere Groß- oder Urgroßeltern eine Sensation. Heute ist es eine selbstverständliche und etwas antiquiert wirkende Randerscheinung in der Medienszene, die wir nur nutzen, wenn unsere visuellen Kanäle anderweitig bedient werden. Schwarz-weiß-Kino oder -Fernsehen wirkt skurril und unwirklich. Ohne HD-Farbpalette auf wandfüllendem Bildschirm fühlen wir uns visuell unterfordert und ärmlich. 

Der Zivilisationsprozess führt nicht zu einer Erweiterung und Vergrößerung der Komfortzone, sondern verschiebt sie nur nach weiter oben und verkleinert sie dabei. Wir erwerben keine höhere Toleranz für Mangelzustände, Extreme oder Notfälle, im Gegenteil, wir werden immer empfindlicher für kleine und kleinste Störungen. Wenn ein Zug oder ein Flug Verspätung hat, bekommen wir die Krise, wenn es zu stark oder zu wenig regnet, müssen Notfallpläne entwickelt werden, wenn der Sex nicht mehr unseren Bedürfnissen entspricht, müssen wir die zugehörige Beziehung beenden, wenn das Lieblingsjoghurt nicht im Regal steht, beschweren wir uns, und wenn uns die Kellnerin im Lokal unfreundlich bedient, erst recht. 

Unsere Bedürfnisse und Erwartungen verästeln und erweitern sich, in dem Maß wie die Verkaufsflächen der Shopping-Centers und Supermärkte samt Riesenparkplätzen wachsen. Wir gehen nicht in eine Bäckerei, um Brot zu kaufen, sondern um unter 20 Gebäcksorten wählen zu können. Wir fahren nicht auf Urlaub, weil wir uns an einem anderen Ort entspannen können, sondern wollen eine ganze Menge von Bedürfnissen auf einmal befriedigt bekommen: nach Abwechslung, interessanter Landschaft, Sonne, Wärme, Baden, gutem Essen, freundlicher Bedienung, Faulsein, Zeithaben ohne Langeweile, usw. Wenn einer der Faktoren zu schwach vertreten ist, werden wir unzufrieden und fühlen den gleichen Mangel wie jene, die sich nicht einmal einen Urlaub leisten können.

Die Festlegung auf diesen Trend bedeutet auch, dass mit steigender Bequemlichkeit nicht notwendigerweise unsere Zufriedenheit steigt, sondern dass mit jedem Schritt zu mehr Komfort die Ansprüche nach noch mehr Komfort mitwachsen. Es ist also kein Ende des Wachstums absehbar, außer wenn sich ein Mensch mehr dem Inneren zuwendet und dort die Quelle für Zufriedenheit und Bescheidenheit sucht. Alle Ansprüche, die sich an die äußere Umwelt richten, bewirken hingegen mehr Verbrauch von Ressourcen und sind damit potenzielle Bedrohungen für das Gleichgewicht auf dem Planeten und folglich für uns selbst als Menschheit.  

Außerdem werden wir zunehmend abhängiger von äußeren Instanzen, wenn wir an die Grenzen der Komfortzone geraten. Schuld ist immer das Reisebüro, wie es in dem berühmten Sketch von Bronner und Qualtinger heißt. Verantwortlich sind jeweiligen Dienstleister, die uns mehr oder weniger gut bedienen und dafür mit null bis fünf Sternen bewertet werden. Aber dazu, dass sie besser werden, sprich unsere komplexen Bedürfnisse noch genauer befriedigen, können wir wenig beitragen. 

Zusammenfassend: Wir können uns immer weniger selbst helfen, während die Probleme, an denen wir leiden, mehr werden. So ist lautet das pessimistische Fazit dieser Beobachtungen.

Dazu kommt: Der zivilisatorische Trend zur Bequemlichkeit ist mit einem Sperrklinkeneffekt versehen: Wir wollen, dass er nur in eine Richtung geht, weil wir große Angst vor jeder Verschlechterung haben, denn sie könnte der Anfang für einen völligen Wohlstandsverlust und Bequemlichkeitsabstieg sein. Deshalb haben wir diese Richtung eindeutig definiert, nämlich als Vermehrung der Bequemlichkeit durch mehr Güter. Diese Richtung ist klarerweise mit einem verstärkten Verbrauch von Ressourcen verbunden und stresst das Mensch-Umwelt-System.


Das innere Klima


Wenn wir einen Zusammenhang zwischen der Bedürfnis- und Ansprücheevolution und der Klimaerwärmung herstellen, geht es um die Temperatur in unseren Komfortzonen. Unsere Vorfahren hatten ein anderes und direkteres Verhältnis zu Wärme und Kälte, weil die Temperatur in viel stärkerem Maß von der Natur vorgegeben war und unter die Haut gegangen sind. Das „Dach über dem Kopf“ sorgte zwar für eine gewisse Isolation, aber die damaligen Heizungssysteme, soweit sie überhaupt leistbar waren, konnten nur bei gemäßigten Außentemperaturen für eine gleichmäßige innere Raumtemperatur sorgen. Im Zug des Fortschritts in der Zivilisation sind verschiedene Schichten entstanden, die das Innen vor dem Außen abschirmen und schützen. 

Heute gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass uns eine konstante Wohlfühltemperatur mit minimalen Abweichungen nach oben und unten zusteht und gebührt. Deshalb gibt es Zentralheizungen, die bei Außenkälte jeden Raum einer Wohnung oder eines Hauses mit dem gleichen und gleichbleibenden Wärmegrad versorgen, und Klimaanlagen, die bei Außenhitze für die gleichmäßige Innenwärme sorgen.

Die Erfindung und Verbreitung der Zentralheizungen und Klimaanlagen haben allerdings automatisch zu einer Einengung der Komfort- und Toleranzzone geführt, was die Temperaturempfindlichkeit anbetrifft. Wir werden unweigerlich weniger kälte- und hitzeresistent und damit klimasensitiver, weil wir unserem Körper kaum mehr Möglichkeiten bieten, sich auf extremere Temperaturen einzustellen. Viele Menschen kommen mit der wirklichen Außentemperatur nur mehr in den Zwischenräumen in Kontakt, wenn sie von einem klimatisierten Bereich in einen anderen wechseln, und viele Menschen versuchen zusätzlich bewusst, diese Zwischenbereiche zu verringern. Autos brauchen beheizbare Sitze, damit der Kälteschock zwischen dem Verlassen des Wohn- oder Bürobereichs und dem Einsteigen ins Auto möglichst winzig bleibt. Beheizte Kleidungsstücke erlauben die ununterbrochene Behaglichkeit. Öffentliche Räume müssen beheizt werden, damit ja niemand frieren muss, der sich von A nach B bewegt. Einkaufszentren werden klimatisiert, damit es niemandem beim Shoppen zu heiß wird. Wir erweitern nicht unsere Komfortzone, sondern verbrauchen Energie, um sie im eingeengten Rahmen erhalten zu können, so, wie sie ist.


Die Kälte und der Mensch


Den meisten von uns geht es so gut, dass sie nicht erfrieren müssen. Viele leben aber am oberen Ende der Behaglichkeitszone, eine Lebensweise, die mit hohem Energieverbrauch verbunden ist. Ein Grad weniger Raumtemperatur spart 6 % bei den Energiekosten. Wir können auch unter tieferen Temperaturen ressourcenschonender leben, wenn wir dafür die Verantwortung übernehmen und uns darum bemühen. Wir können lernen, statt uns vor der Kälte zu schützen, sie als Freund zu gewinnen, indem wir uns viel mehr und viel öfter der wirklichen Außenluft aussetzen und uns bewusst damit auseinandersetzen. Wie mit allen anderen Phänomenen unserer Erfahrung, können wir auch mit der Kälte kommunizieren. Anstatt innerlich einzufrieren, wenn es außen kalt ist, können wir kreativ mit der Herausforderung umgehen. Wenn wir gelernt haben, Kälte achtsam und bewusst zu erleben, fällt es uns leichter, die Kälte im Außen zu belassen und die Wärme im Inneren zu behalten. 

Der Kältemeister Wim Hof hat in einem wissenschaftlich begleiteten Experiment bewiesen, dass das geht: Er saß 80 Minuten in Wasser mit 1 Grad Celsius, ohne dass sich seine innere Temperatur veränderte. Unser Stoffwechsel ist in der Lage, unsere innere Wärme stabil zu halten, unabhängig von der Außentemperatur. Was wir dafür brauchen, ist Übung und Konzentrationsfähigkeit. Wenn wir achtsam und bewusst mit Kälte umgehen, wird sie von der Feindin, vor der wir uns schützen müssen, zur Freundin, mit der wir spielen können. Auf diese Weise erweitern wir unsere Komfortzonen aktiv und werden damit handlungsfähiger und flexibler. Zugleich wird die Abhängigkeit von äußerer Versorgung mit Wärme reduziert.


Überhitzung und Überatmung


Der irische Buteyko-Lehrer Patrick McKeown schreibt in seinem Buch: The Oxygen Advantage: The Simple, Scientifically Proven Breathing Techniques for a Healthier, Slimmer, and Fitter You:
„Wir nehmen an, dass der Körper reflexiv weiß, wieviel Luft er zu jeder Zeit braucht, aber leider ist das nicht der Fall. Über die Jahrhunderte haben wir unsere Umwelt so dramatisch verändert, dass viele ihre angeborene Atemform vergessen haben. Der Prozess des Atmens wurde verzogen durch chronischen Stress, sitzender Lebensstil, ungesundes Essen, überhitztes Wohnen und Mangel an Fitness. Alle diese Faktoren tragen zu schlechten Atemgewohnheiten bei. Diese wiederum bewirken Lethargie, Gewichtszunahme, Schlafprobleme, Atembeschwerden und Herzkrankheiten.“ (Übersetzung WE)

Die Vertreter der Buteyko-Atemschule nehmen an, dass wir als Abwehr gegen eine bewusst gar nicht mehr wahrgenommene Überhitzung anfangen, schneller als notwendig zu atmen. Dadurch atmen wir zu viel Kohlendioxid aus, was unser Blut in den alkalischen Bereich bringt. Als Folge dieser physiologischen Veränderungen treten verschiedene Probleme auf, ohne dass wir merken, wo die Ursachen liegen. Eine davon sind überhitzte Wohn- und Arbeitsräume, die nicht unseren körperlichen Möglichkeiten, sondern unseren angewohnten Komfortzonen entsprechen. 

Ebenso wie andere Atemschulen, empfiehlt die Buteyko-Schule tägliches kaltes Duschen, um den Körper wieder an seine Möglichkeiten zu erinnern, Kälte ohne Abwehr zu erleben und die entsprechende Komfortzone zu erweitern. Das bewusste Atmen hilft uns, über den reflexiven Widerstand gegen die Kälte hinauszugehen. Mit dieser Kompetenz können wir, abgesehen von vielen gesundheitlichen Vorteilen, mehr Handlungsfreiheit Im Temperaturbereich gewinnen und werden unabhängiger von äußerlich vorgegebenen Bedingungen. Zusätzlich steigen wir aus dieser Schiene der Überhitzungsdynamik aus.


Die Hitze und der Mensch 



Was die Hitze anbetrifft, kommen wir im Zug der Erderwärmung mehr und mehr an den Rand einer Grenze, die uns unser Körper setzt. Kein Mensch kann auf längere Zeit unter Hitze bei hoher Luftfeuchtigkeit überleben: Bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und 40 Grad Lufttemperatur würde ein menschlicher Körper innerhalb von Stunden zu Tode gekocht, von innen wie von außen. Vor allem in Großstädten wird sich die Situation zuspitzen. Aber auch ganze Regionen, die jetzt dicht besiedelt sind, werden als Folge der prognostizierten Temperaturanstiege in Zukunft unbewohnbar, außer es werden dort die Innenräume mit enormem Energieaufwand gekühlt, was natürlich wiederum die Erderwärmung insgesamt anheizt. 

Die Hitze macht uns darauf aufmerksam, dass wir auf der Temperaturskala nach oben hin begrenzt sind. Symbolisch bedeutet das Oben ein Mehr, eine Steigerung, einen Fortschritt. Wir erkennen jetzt, dass diese Richtung zur Überhitzung führt, die in absehbaren Zeiträumen menschliches Leben unmöglich macht. Wir sägen also an dem Ast, auf dem wir sitzen, und wir sägen fleißig und kommen uns dabei auch noch produktiv vor, wenn wir vor Anstrengung schwitzen. Wollen wir im gemäßigten Bereich bleiben, müssen wir die suggestive Kraft der Idee des unbegrenzten Wachstums und Fortschritts in Bezug auf die Güteranhäufung verabschieden. 

Güter machen uns nicht glücklich, sie heizen uns nur auf, und diese Hitze wollen wir dann mit weiteren Gütern eindämmen. So kann es nicht gehen. Das Gegenmittel ist einfach: Glück und Lebenszufriedenheit sind nur im Inneren zu finden. Dort ist es immer warm genug.

Freitag, 4. Januar 2019

Mehr Konflikte durch gelingende Integration - und das soll gut sein?

Aladin El-Malaalani: Das Integrations-Paradoxon. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. Köln: Kiepenheuer&Witsch 2018

„Die zentrale Folge gelungener Integration ist ein erhöhtes Konfliktpotenzial.“ (S. 59)

So lautet die überraschende Kernthese dieses empfehlenswerten Buches über den vieldiskutierten Themenkomplex Migration und Integration. Denn die meisten erwarten sich von gelingender Integration ein Abnehmen der Konflikte und damit mehr Frieden. Die eingewanderten Ausländer sollen sich anpassen, sodass sie nicht auffallen, und dann sollte es keine Wickel mehr geben.

Doch der Autor muss es wohl besser wissen. Er arbeitet an einer deutschen Fachhochschule als Forscher, ist also ein deutscher Wissenschaftler – oder doch nicht? Seine Eltern sind vor 40 Jahren aus Syrien emigriert, er trägt einen arabischen Namen, schaut nicht wie ein "typischer Deutscher" aus und hat also einen „Migrationshintergrund“; ein Begriff, der im Buch kontroversiell diskutiert wird, ebenso wie die Frage, was denn „deutsch“ eigentlich ist.

Warum nun muss eine gelungene Integration mehr Konflikte hervorrufen? Menschen, die neu in ein Land kommen, ordnen sich zunächst unter. Sie sind froh, dass sie es geschafft haben, ihrem Fluchtgrund entkommen zu sein und lassen sich langsam auf die neue Situation ein. Sie stellen wenig Ansprüche und nehmen vieles hin. Menschen, die sich dann nach einiger Zeit in die  Gastkultur integriert haben, fühlen sich mehr zugehörig und sehen mehr Gemeinsamkeiten mit anderen Mitgliedern dieser Kultur. Auf dieser Grundlage wollen sie sich aber auch mehr einmischen und mehr teilhaben. Dadurch kann mehr Streit entstehen.



Diskriminierung ist eine Folge von Bewertungen und Erwartungen


Je mehr Vertrautheit sich im neuen Land und in der neuen Gesellschaft entwickelt, desto schneller wachsen die Ansprüche und die Empfindlichkeiten. Mit dem stärker werdenden Gefühl für Zugehörigkeit wird auch deutlicher spürbar, wo es Diskriminierungen und Unduldsamkeiten gibt, die nicht länger akzeptiert, sondern kritisch thematisiert werden. „Wahrgenommene Diskriminierung entsteht erst durch die Bewertung. Nur dann, wenn eine Ungleichbehandlung als illegitim bewertet wird, fühlen sich Menschen diskriminiert. Als illegitim bewerten sie Handlungen und Situationen dann, wenn die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität zu groß wird, wenn also die Realität zu weit von den Erwartungen abweicht.“ (85)

Als Beispiel kann man vergleichsweise darauf hinweisen, dass die Frauen in den 1960er Jahren mit ihrer viel schlechteren Rolle zufriedener waren, als sie es heute mit ihrer viel besseren sind. Mit einer erfolgreichen Integration steigen die Erwartungen, und daraus erwachsen wiederum mehr Sensibilitäten, was Diskriminierungen anbetrifft. Solche Schlechterstellungen anzuprangern, zeugt von einem verstärkten Sicherheitsgefühl in der neuen Umgebung, erzeugt aber auch mehr Konflikte. „Integration steigert das Konfliktpotenzial in einer Gesellschaft. Es gibt aufgrund gelungener Integration Konflikte, die es ohne Integration nicht gegeben hätte.“ (123)

Der Autor sieht Streit (in einer konstruktiven Form) als Kitt der Gemeinschaft – unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven steigern das kreative Potenzial. Deshalb sind klassische Einwanderungsländer besonders produktiv und innovativ. Das gegenseitige Lernen, das beim respektvollen Streiten passieren kann, erweitert die Horizonte und schafft neue Möglichkeiten. „Näherkommen und Zusammenwachsen können dazu provozieren, die Differenzen zu betonen, weil sie kleiner werden.“ (S.15) 



Integration ist mit Ängsten und Schmerzen verbunden - für beide Seiten


„Zusammenwachsen dauert und tut weh“ (S. 37), weil eigene Vorstellungen relativiert und liebgewonnene Gewohnheiten in Frage gestellt werden müssen und Fremdes und Unvertrautes näher rückt, was Unsicherheiten und Ängste auslöst. Viele hätten es lieber behaglich in der eigenen bekannten Umgebung mit den althergebrachten Traditionen, statt sich auf Neues und Fremdes einstellen zu müssen. So lautet das Kalkül der Bewahrer und der Gegner der Öffnung. Nur bewirkt das Zumachen der Grenzen den Verzicht auf Entwicklung und Wachstum. Das sei allen Enthusiasten von Mauern und Zäunen ins Stammbuch geschrieben.

Meist sind das auch die Leute, die fordern, dass sich die Menschen assimilieren, wenn sie schon ins eigene Land gelassen wird. Doch dieser Erwartung erteilt der Autor eine entschiedene Absage: Das Ansinnen, die eigene Identität, die durch das Aufwachsen in der Heimatkultur entstanden ist, aufzugeben, ist unsinnig. Die eigene Identität kann nur aufgeben, wer mit sich selber uneins ist, und wer mit sich uneins ist, braucht eine Therapie. Menschen migrieren aber nicht, weil sie mit sich selber im Zerwürfnis sind, sondern weil es die äußeren Umstände erzwingen. Sie kommen meist mit einer Bejahung ihres Glaubens, ihrer Werte, ihrer Sprache in die neue Umgebung. Sie haben keinen Grund, sich selber deshalb zu verleugnen. Wer das verlangt, denkt unmenschlich: Wir brauchen uns nur auf das Gedankenexperiment einlassen, selber auswandern zu müssen, und da würde ein Gastland z.B. Japan fordern, man müsse dort Japaner werden und alles, was zur eigenen kulturellen Identität gehört, aufgeben. Das will wohl niemand.



Loyalität und Erfolg


Allerdings wird das Problem dort komplexer, wo die Kinder ins Spiel kommen. Sie sollen es in der neuen Kultur besonders gut schaffen und ihr Bestes geben, um erfolgreich zu sein. Dazu müssen sie sich sehr an die im Gastland herrschenden Anforderungen und Werte anpassen und entfremden sich damit ein Stück von der Welt der Eltern, die sich als Migranten in der fremden Umgebung umso mehr an die eigenen Traditionen und kulturellen Elemente klammern. Sie müssen ihre eigene Identität aus einer Mischung der familialen und der neuen Kultur entwickeln. Es entsteht ein Konfliktfeld zwischen Loyalität und Erfolg, das sich durch viele Familien „mit Migrationshintergrund“ zieht und das konstruktiv bewältigt werden muss.


Die beste aller bisherigen Welten


Während wir in den Medien immer wieder über Katastrophen, Kriege und Konflikte informiert werden, geht unter, dass sich der Lebensstandard der Menschen in der ganzen Welt seit Jahrzehnten schrittweise bessert – es gibt weniger Armut und Hunger, höhere Lebenserwartung und Durchschnittseinkommen, eine enorm gestiegene Alphabetisierungsrate und eine erhebliche Steigerung des Zugangs zur Elektrizität und auch zu Bildung. Also leben wir in einer Welt, in der es so vielen Menschen noch nie so gut gegangen ist, was die Basisbedingungen und Entwicklungschancen angeht. Aus dieser Perspektive betrachtet, leben wir in der besten aller bisherigen Welten – und deshalb auch in der Welt mit dem höchsten Verbesserungsbedarf.


Nun könnten wir meinen, dass diese schon über Jahrzehnte wirkenden Trends zu einem Rückgang der Migration führen müssen. Doch sollten wir nicht außer Acht lassen, dass die Migranten nicht aus den ärmsten Ländern kommen, sondern aus Schwellenländern. Migration erfordert „ein vergleichsweise hohes Maß an Fitness, viel Geld und gute Netzwerke. ...Es kommen nicht die Ärmsten und Schwächsten.“ (149)

Deshalb ist es auch naiv anzunehmen (wie das viele Politiker tun und ihren Anhängern vorgaukeln), dass die Zuwanderung nach Europa dadurch reduziert werden könnte, wenn die Entwicklungshilfe und Wirtschaftsförderung ausgeweitet wird („Die Migrationsursachen vor Ort bekämpfen“). Die Forschung geht von gegenteiligen Entwicklungen aus, denn mit dem steigenden Wohlstand in einem Land steigen auch die Ressourcen für eine Auswanderung bei denen, die noch mehr Anteil am globalen Kuchen wollen.

Statt dessen sollte der Blick darauf gerichtet werden, was die europäische Politik direkt zur Ankurbelung der Migration beiträgt: „Unfaire Handelsabkommen, interessengeleitete Subventionspolitik und natürlich nicht zuletzt … Waffenlieferungen“ (152). Migration hingegen leistet umgekehrt einen recht effektiven Beitrag zur Entwicklungsförderung, denn die Migranten, die es im neuen Land geschafft haben, überweisen Gelder zurück in ihre Heimatländer, die dort direkt den Menschen zugute kommen und an der Basis in die Wirtschaft einfließen, und nicht, wie es bei Finanzmitteln aus der Entwicklungshilfe häufig der Fall ist, in korrupten Kanälen versickern.

Ob es uns passt oder nicht – wir müssen uns darauf einstellen, dass die Migration weitergeht. Sie war und ist Teil unserer Geschichte (in der Zwischenkriegszeit war Deutschland das Auswanderungsland Nummer 1 und auch in Randgebieten Österreichs haben sich ganze Gegenden durch die Migration nach Amerika entvölkert) und sie wird auch Teil unserer Zukunft sein. Wir sollten nicht vergessen, dass es die europäischen Eroberer und Auswanderer waren, die die Globalisierung erfunden haben und dass Europa über Jahrhunderte enorm davon profitiert hat – und auch in Zukunft daraus Gewinn schöpfen kann, wenn es gelingt, die mit der Integration migrierter Menschen verbundenen Konfliktfelder konstruktiv und kooperativ zu nutzen. Wir verfügen über ein reichhaltigen Wissen über Konfliktlösungen; wenn wir darauf vertrauen, brauchen wir keine Angst vor Zuwanderung oder Überfremdung haben, sondern können sie als Chance sehen.

Sonntag, 30. Dezember 2018

Nachhaltiger Konsum - aber echt

Nachhaltiger Konsum – was bringt er – und wo hält er nicht, was er verspricht? Diese Fragen stellt sich der Ökojournalist Peter Carstens in einem Geo-Artikel und erläutert dabei 14 Thesen zu „Scheitern des nachhaltigen Konsums“:

1. Das Potenzial nachhaltigen Konsums wird überschätzt.
Wärme, Strom und Mobilität sind die Schwergewichte bei den privaten Emissionen. Jeder könnte da weniger verbrauchen, kaum jemand macht das freiwillig. „Der Klassiker: Einkauf im Bio-Hofladen mit dem SUV.“

2. Wer energiesparende Geräte kauft, verbraucht mehr Strom.
Einsparungen führen zu Verschwendung: „Wer seinen Haushalt mit sparsamen LED-Lampen ausstattet, erliegt leicht der Versuchung, das Licht länger brennen zu lassen. Verbraucht ja nichts. Selbst wer disziplinierter ist, kann das bei der Stromrechnung eingesparte Geld in ein neues Auto, einen Urlaubsflug oder fossile Aktien investieren.“

3. Steigende Ansprüche machen Effizienzgewinne zunichte.
Unsere Ansprüche an ein gutes Leben steigen unaufhörlich. Wir wollen mehr Wohnraum, elektronische Geräte und Reisen – und vielleicht ab und zu, aber nicht prinzipiell auf das Fleischessen verzichten. 

4. Umweltbewusstsein hin oder her: Wer viel verdient, schädigt die Umwelt mehr.
Das deutsche Umweltbundesamt hat erhoben, dass mit steigendem Verdienst die Umweltbelastungen ebenso ansteigen. „Jede Umwandlung von Geld in Dinge oder Dienstleistungen wird sich klima- und umweltschädlich auswirken.“ Von allen Parteianhängern fliegen die Grünwähler in Deutschland am meisten, weil sie überdurchschnittlich viel Geld verdienen.

5. Kompensationssysteme machen umweltschädliches Verhalten moralisch erschwinglich.
Fliegen ist diejenige Verhaltensweise, „mit der wir in kürzester Zeit am meisten Schaden für das Klima anrichten.“ Wer den Schaden über Onlinesysteme kompensiert, fliegt eben mit besserem Gewissen – und der Flugverkehr dehnt sich weiter aus. Es gibt Berechnungen, dass sich der Flugverkehr in Europa - und die Emissionen daraus – bis 2035 verdoppeln wird. Diesen Trend korrigieren kann offensichtlich nur eine Maßnahme: Die adäquate Besteuerung von Treibstoffen und die Einberechnung von Umweltschadenkosten in die Flugpreise. Dazu ist die Politik gefordert.

6. Echte grüne Produkte sind immer schwerer zu erkennen.
Klima- und umweltfreundlich zu produzieren, ist chic und klingt gut. Oft steckt nur ein Marketingtrick dahinter. Das bewusste Einkaufen wird immer aufwändiger und kann bald überfordern.

7. Umweltbewusste Konsumenten werden mehr. Die anderen auch.
„Es gibt immer mehr aufgeklärte Konsumenten, die wirklich was für die Umwelt tun wollen. Gleichzeitig gibt es immer mehr Egal- und Hauptsache-billig-Konsumenten. Unter dem Strich verliert die Umwelt. Es gibt immer mehr Radler, immer mehr Führerschein-Verweigerer, autolose Menschen und Carsharer – aber auch immer mehr schwere Autos auf immer mehr Straßen, immer mehr Einfamilienhäuser auf der grünen Wiese und Flugreisen in ferne Länder.“

8. Die nachhaltige Produktwelt wird immer supermarktiger.
Wir gehen in die Bioläden einkaufen und fühlen uns gut. Haben wir wirklich auf die Herkunftsländer der Produkte geschaut? Woher kommen die Bio-Kiwis, Avocados und Kartoffel? Beanspruchen wir für unsere netten Bio-Produkte Flächen und Wasser in ärmeren Ländern?

9. Freundliche Einladungen zum Ausprobieren wirken genauso wenig wie Moralpredigten.
Die Slogans haben sich abgenutzt. Die meisten wissen schon alles und haben ihre Ausreden und Selbstrechtfertigungsstrategien fest abgespeichert: „Ich esse ja sowieso weniger Fleisch als früher.“ „Ich esse gar kein Fleisch, dafür kann ich nach Herzenslust Flugreisen machen.“ „Die anderen sollen erst ihren Konsum ändern, dann verzichte ich auch.“ „Von den grünen Moralaposteln lasse ich mir gar nichts vorschreiben.“

10. Nachhaltigkeit ja - aber bitte nur, wenn sie nicht wehtut.
„Im Schnitt ist jede/r Deutsche für jährlich zwölf Tonnen Klimagas-Emissionen verantwortlich. Global verantwortbar wäre: höchstens eine.“ Wenn wir von hier nach dort kommen wollen, geht es nicht ohne massive Änderungen, und da kommen wir mit „Anreizen“, wie die österreichische Bundesregierung naiv meint, nicht weiter. Es geht um Vorschriften, an die sich alle halten müssen. Nur: Wer steht auf und sagt die Wahrheit: „Eine Tonne und mehr nicht!“ – und hält dann den Shitstorm aus? In dieser Regierung sehe ich niemanden.

11. Falsche Vergleiche sollen den „nachhaltigen“ Konsum ankurbeln.
Um das eigene Verhalten sauberzuwachsen, braucht man nur einen geschickten Vergleich. Zum Beispiel sagt jemand, er kauft sich ein neues Auto statt der alten Dreckschleuder. Da sieht dann nach ein paar Jahren die Energiebilanz besser aus – allerdings nur, wenn die Umweltbilanz der Produktion und Entsorgung des neuen Autos außer Acht gelassen wird. Berechnungen aus Deutschland gehen davon aus, dass ein E-Mobil an die 60 000 bis 80 000 Kilometer fahren muss, um die Ökobilanz eines benzingetriebenen Autos auszugleichen. Auf der sicheren Seite wäre man nur, wenn man das alte Auto seltener benutzt – oder es verkauft. „Alt oder neu, fossil oder elektrisch: Es gibt kein umweltfreundliches Autofahren.“

12. Solange die Preise nicht die Wahrheit sagen, wird die Produktion umweltschädlich bleiben.
In der Marktwirtschaft wird das Konsumverhalten durch den Preis diktiert. Wenige bedienen die Nischen der teureren und umweltfreundlichen Produkte. Nur die Politik kann für eine umfassende Kostenwahrheit sorgen, indem alle Umweltkosten (für die ja die Allgemeinheit aufkommen muss) in die Preise eingerechnet werden. „Wenn im Preis von Fleisch alle Klima- und Umweltschäden enthalten wären (vom Tierleid ganz zu schweigen), wäre mit einem Schlag ein riesiger Posten unserer ernährungsbedingten Emissionen erledigt.“

13. Konsumenten konsumieren. Politik machen müssen Politiker.
„Wir werden mit dem Kassenzettel keine drastischen Geschwindigkeitsbegrenzungen, kein Straßenbau-Moratorium erwirken, keine CO2-Steuer einführen oder gar Emissions-Budgets für jeden.“ Es muss politische Entscheidungen geben, die weitsichtig und mutig sind, sonst wird da und dort Kosmetik betrieben, die niemandem weh tut, während es zunehmend wärmer wird und irgendwann alle sagen: „Ach, hätte ich das früher gewusst…“

14. Die Idee des nachhaltigen Konsums verkennt das Wesen der Konsumgesellschaft.
Nachhaltiger Konsum widerspricht der kapitalistischen Ideologie, die immer mehr Produkte in immer kürzerer Zeit auf den Markt werfen will. Sie widerspricht auch der Doktrin vom ewigen Wirtschaftswachstum. Nachhaltig konsumieren heißt, weniger einzukaufen und stattdessen „Dinge pflegen, reparieren, tauschen, lange nutzen. … Wie wir auch ohne Wachstum gut leben können, das erzählen uns Postwachstumsökonomen seit Jahren. Nur hört irgendwie niemand zu.“ 

Zum Weiterlesen:

Freitag, 28. Dezember 2018

Die "Schande" und ihre Rolle bei der sozialen Kontrolle

In Märchen und Sagen wird oft ein entlarvter Missetäter „mit Schimpf und Schande“ verjagt. Das bedeutet eine ganz schlimme Demütigung, die den Ausschluss aus der Gemeinschaft verdient hat. Jede Würde ist verloren, und das Leben muss irgendwo anders von vorne begonnen werden. Was hat es mit der Schande auf sich?

Die Schande ist eine enge Verwandte der Scham. Sie trägt einen offizielleren Charakter, der viel mit öffentlicher und moralischer Bewertung zu tun hat. (Im Englischen oder Französischen gibt es übrigens diese Unterscheidung gar nicht.) Schande ist gewissermaßen die explizite, von außen kommende Form der Scham. Sie wird angewendet, wenn etwas geschehen ist, wofür sich jemand (innerlich) schämen müsste, während sich die Öffentlichkeit verpflichtet fühlt, das Geschehene als Schande zu brandmarken und den Täter der allgemeinen Verachtung preiszugeben.

Es gilt schon als Schande, wenn jemand sein Potenzial nicht ausschöpft und die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Es gilt erst recht als Schande, wenn jemand absichtlich und unverfroren Böses tut. Und ganz besonders gilt es als Schande, wenn jemand moralische Normen übertritt. Jedes angeprangerte Fehlverhalten, für das sich jemand schämen sollte, kann von den Mitmenschen als Schande bezeichnet werden.

Aber nicht nur Einzelpersonen können Schande auf sich laden. Es wird von vielen als Schande angesehen, wie die Schweiz in der Zeit des Nationalsozialismus schutzsuchende Juden abgewiesen hat. Ebenso können wir es schändlich finden, wenn reiche Länder asylsuchende Jugendliche ausweisen, die sich jahrelang im Integration bemüht haben, die Sprache erlernt und Ausbildungen absolviert haben. Und es darüber hinaus grenzt es an ein schändliches Verbrechen, wenn Behörden solche Schritte setzen, wissend, dass abgeschobene Asylsucher in manchen Rückkehrländern mit hoher Wahrscheinlichkeit bald umgebracht werden.


Schändliche Sexualität


Eine enge Verbindung gibt es zwischen dem Sexualverhalten und der Schande, vor allem dort, wo dieses Verhalten einer starken moralischen Kontrolle unterliegt. In ländlichen Gegenden galt es durch den Einfluss der katholischen Kirche vor einigen Jahrzehnten noch als schändlich, wenn Kinder unehelich empfangen und geboren wurden. Im katholischen Irland wurden den Müttern unehelich geborene Kinder systematisch von der Kirche weggenommen und in Heimen ausgebeutet, wenn nicht überhaupt umgebracht. Soweit die Macht der katholischen Kirche reichte: Wer aus welchen Gründen auch immer die Norm nicht einhielt, dass Kinder in einer aufrechten Ehe empfangen und geboren werden müssen, wurde sozialer Verachtung und Ausgrenzung ausgesetzt, die bis zur physischen Vernichtung reichte.

Hier spielt die seltsame Einschränkung und Moralisierung der Sexualität in der christlichen Tradition die maßgebliche Rolle, die man selber schändlich finden kann. Sexualität gilt nach dieser – ca. 300 Jahre nach Jesus Christus in das junge Christentum eingeführten – leibfeindlichen Auffassung als sündige Fleischeslust, die einzig zur Fortpflanzung als notwendiges Übel gerechtfertigt ist und dafür den Bestand einer ehelichen Gemeinschaft erfordert. Im Grund beginnt nach dieser Theorie die Schande schon dort, wo jemand die Sexualität als solche genießt, ohne mit ihr einen Vermehrungszweck zu verfolgen. Doch öffentlich sichtbar und damit zur Schande wird das Fehlverhalten, wenn es zur Schwangerschaft ohne ehelichen Kontext kommt.


Der Schatten fällt auf das Kind


Welche Auswirkungen kann die Schande auf das empfangene Kind haben? Wenn die Umstände des eigenen Lebensanfangs unter einem moralischen Problemdruck standen, weil sie von den Eltern und ihrer Umgebung als Schande erlebt wurden, kann sich dieses dunkle Gefühl über die Seele des Kindes breiten und dessen Leben überschatten. Das menschliche Zellgedächtnis speichert die Gefühle und Einstellungen der Eltern am Anfang des neuen Lebens und bewahrt sie im Unterbewusstsein auf. Von dort aus wirken sie als Hemmungen und Blockierungen später im Leben weiter. 

Als Folge kommt es zu Beeinträchtigungen für den Selbstwert und das Selbstvertrauen. Betroffene Personen haben auf einer tiefen Ebene das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist und dass sie keinen vollwertigen Platz in der Gesellschaft einnehmen dürfen. Sie müssen sich dauernd beweisen und denken dennoch, dass sie nicht genug tun. Ihre Aufmerksamkeit ist stark auf das Außen bezogen, auf die Angemessenheit des eigenen Tuns und die Reaktionen der anderen Menschen darauf. Sie neigen dazu, sich selber zu überwachen und leiden an einer latenten Angst, etwas Unrechtes oder zu wenig des Guten zu tun. 

Der Schatten der Schande kann eine destruktive Lebensspannung in Gang setzen, die in manchen Phasen stärker und in anderen schwächer aktiviert wird: Wegen des mangelnden Selbstvertrauens gelingt wenig im Leben, und in der Eigenwahrnehmung sehen alle Anderen diesen Mangel überdeutlich mit ihren kritischen und abwertenden Augen, was wiederum die eigene Motivation schwächt. Es kann über einige Zeit gelingen, sich immer wieder anzustrengen, um in der Gesellschaft Anerkennung zu gewinnen, aber viele Bemühungen werden oft vor dem Erfolg abgebrochen, wie z.B. bei einem Studienabbruch – gleichsam um der Außenwelt zu beweisen, dass man es nicht Wert ist, Erfolg zu haben. 

Diese selbstquälerische Dynamik kann dann schließlich in Burnout und Depressionen versiegen. Damit stellt sich erst recht ein Zustand her, der subjektiv stark mit Scham verbunden wird und, von außen betrachtet, als Schande. Ähnlich wie bei der Scham, entfaltet die Schande ihre selbstschädigende Wirkung, indem von den anderen Leuten vermutet wird, dass sie heimlich mit dem Finger auf einen zeigen und „Was für eine Schande!“ rufen, wodurch dann die eigenen Gefühle der Minderwertigkeit und moralischen Unzukömmlichkeit ausgelöst werden. Es findet keine Realitätsprüfung statt, indem nachgefragt würde, was andere Menschen wirklich über einen selbst denken, wie sie werten und urteilen. Die vermuteten Verurteilungen werden ohne Widerspruch angenommen. Da diese Vorgänge unbewusst ablaufen, findet auch keine Konfrontation mit der Realität statt, in der geklärt werden könnte, wem überhaupt ein Urteil über die eigene Person zusteht und nach welchen Wertkriterien dieses gerechtfertigt wäre.


Die ererbte Schande


Die ererbte Schande gehört zu den Eltern, die sich durch ihre Handlungen einem sozialen Druck ausgesetzt haben. Wenn jemand, der von dieser Form der Schande betroffen ist, erkennt, dass die Last auf dem eigenen Leben eigentlich ins Leben der Eltern gehört, löst sich der Schatten. Aus Liebe zu den belasteten Eltern nehmen die Kinder die Lasten der Eltern auf sich, in diesem Fall die Schande. In einem nächsten Schritt darf und muss den Eltern die Last zurückgegeben werden, wodurch das eigene Leben erleichtert und befreit wird.

Aus dieser Einsicht heraus wird dann erst deutlich, in welcher Zwangslage zwischen Leidenschaft und rigider Sexualkontrolle sich die Eltern befanden. Das Verständnis für den Mut der Eltern, sich für ihre Gefühle gegen die gesellschaftlichen Zwänge zu entscheiden, kann den Weg zur Dankbarkeit für das eigene Leben öffnen: trotz widriger Anfangsbedingungen sind viele Kräfte und Potenziale mit auf den Weg gegeben worden, die es, unbeschadet aller Schatten, zu nutzen gilt.

Das Einnehmen und Verstehen dieser Perspektive fördert das Engagement, mit dem solche menschenfeindlichen sozialen Normierungen und Kontrollvorkehrungen angeprangert und relativiert werden können. Mit diesem Bewusstsein wird der Vergangenheit mit ihren moralischen Verengungen die Macht über das eigene Leben genommen. 


Repressive Normen


Generationen haben unter Normen gelitten, die einem stark reduzierten und repressiven Menschenbild entsprungen sind. Eigentlich gehört dieses Menschenbild zu einem System gesellschaftlicher Zwänge, das in vormodernen Zeiten maßgeblich war. Damit das Erbrecht im landwirtschaftlichen Bereich das Weiterbestehen von ausreichenden Flächen gewährleisten kann, wurden die ehelichen und die unehelichen Kinder strikt unterschieden („mit Kind und Kegel“). Die einen erbten, die anderen nicht; die einen waren geachtet, die anderen verachtet. Den unehelichen Kindern wurde gewissermaßen die „Schandtat“ der Eltern umgehängt, als wären sie schuld daran, und sie waren deshalb dazu verurteilt, ein Leben lang die untersten Arbeiten zu verrichten, ohne jede Chance, selbst heiraten und einen Hof führen zu können. 

Immer wieder im Verlauf der Geschichte können wir solche Produktionen und Proklamationen von schändlichem Verhalten zum Zweck der Herrschaft und des Machterhalts beobachten. Den beherrschten Menschen werden Ängste eingeredet, damit sie ihre spontanen oder auch überlegten Impulse unterdrücken und kontrollieren und damit sie ein Misstrauen untereinander sowie zu sich selbst entwickeln. Menschen, die einander nicht vertrauen können, sind leichter zu beherrschen. Vor allem in Hinblick auf die Sexualmoral hat die Kirche dabei eine Schlüsselfunktion in der Machtausübung übernommen und über viele Jahrhunderte ausgespielt.

Die fehlende Einsicht in die historische Bedingtheit dieser Zusammenhänge ist mit verantwortlich dafür, dass die kirchlich verordnete Sexualkontrolle weiter wirken konnte, auch wenn sich die sozioökonomischen Umstände schon lange verändert hatten und das bäuerliche Erbrecht kaum mehr eine Rolle spielte. Umgekehrt haben die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Landwirtschaft und den damit verbundenen sozialen Regulierungen nur mehr eine Randfunktion überließen, auch zum rapiden Einflussverlust der Kirchen und der von ihnen vertretenen Moralvorstellungen geführt. Immer weniger Menschen billigen der Religion eine Mitsprache bei ihren Entscheidungen und Werten zu, offenbar unter dem Eindruck des massiven Schadens an den Seelen der Menschen, den die beschränkten und beschränkenden Gebote, die mit Hilfe des Instruments der Schande durchgesetzt wurden, hinterlassen haben. Niemand will sich heute noch wegen sexueller Vorlieben und Leidenschaften an einen moralischen Pranger stellen lassen, noch dabei mitwirken, dass gegen andere so verfahren wird. Solange sich die involvierten Personen mit Respekt und Achtung begegnen und solange die Verantwortung für entstehende Schwangerschaften gemeinsam übernommen wird, braucht es auch keine übergeordnete Normierungen und braucht es keine Vorgabe von Beschämung und keine Erklärungen von Schande in diesem Bereich.


Die „Rassenschande“


Als besonders bösartiges Beispiel des Missbrauchs der Schande für ideologische Zwecke sei hier der von den Nationalsozialisten propagierte Begriff der „Rassenschande“ erwähnt. Der Geschlechtsverkehr zwischen „Ariern“ und Juden wurde als „Schändung des deutschen Blutes“ (damit auch als Blutschande) dargestellt und ab 1935 unter Strafe gestellt. Der Begriff der Rassenschande diente zur Vorbereitung der systematischen Vernichtung der Juden im Dritten Reich.  Erfolgreich wurden mit den Mitteln der Propaganda soziale Ängste aufgebaut, indem Handlungen auf einmal massiv in aller Öffentlichkeit als Schande bezeichnet wurden, die vorher niemanden gestört hätten. Menschen auf dieser Weise mit Schimpf und Schande der öffentlichen Beschämung preiszugeben, war ein erster Schritt, sie ihrer Menschenwürde zu entkleiden; wer keine Würde hat, dessen Leben ist nichts mehr wert.

Mit dieser Indienstnahme der Schande als politisches Machtmittel griff der Nationalsozialismus, wie auch in anderen Bereichen, auf vormoderne gesellschaftliche Konventionen zurück. Damit wurden vor allem bei verunsicherten Menschen tiefer liegende Gefühlsschichten angesprochen, die dann als zerstörerische Brutalität zum Ausdruck kamen. Der Faschismus wird von vielen Forschern als Reaktion auf die Modernisierung der Gesellschaft und Wirtschaft verstanden, und von daher wird es auch verständlich, warum er sich extrem konservativer Wertvorstellungen bedient. Denn zur Modernisierung gehört die Schwächung der traditionellen freiheitsbeschränkenden Werte und der Aufbau und die Verbreitung der grundlegenden Menschenrechte.


Befreiung durch Modernisierung


Der Modernisierungsschub durch die Industrialisierung seit dem 18. Jahrhundert hat viele Menschen aus den Fesseln von moralischen Zwängen befreit und dem personalistischen Bewusstsein mit den Werten der Toleranz und der Entdiskriminierung zum Durchbruch verholfen. Der kreativen menschlichen Individualität wurde dadurch mehr Einfluss auf die Kulturentwicklung gegeben. Der Preis war allerdings die Entfremdung von der Natur, mit der frühere Gesellschaften noch enger verbunden waren.

Der Begriff der Schande hat seinen Anwendungsbereich seither von der Bewertung des individuellen Tuns mehr in den kulturellen und politischen Bereich verlagert, ausgenommen der Bereich der Kriminalität und Gewalttätigkeit. Was die Varianten der menschlichen Verhaltensweisen im Bereich der Sexualität anbetrifft, herrscht heutzutage viel mehr Toleranz, sodass Beurteilungen, die hier mit Schade operieren, antiquiert und verschroben klingen. Damit steigt der wechselseitige Respekt und die Achtung der Menschen füreinander, ein Beitrag zum sozialen Frieden.

Samstag, 22. Dezember 2018

Demokratie und Gefühle

Wir Menschen werden stark durch unsere Emotionen beeinflusst, und wir können auch stark von außen in unseren Emotionen beeinflusst werden. Wie wirkt sich diese Konstitution auf die Demokratie aus, die vielen als die entwickelteste Form zur Regulation von Gemeinwesen gilt? Wenn das zoon politicon kein animal rationale, sondern zuallererst ein Gefühlstier ist, muss das Auswirkungen auf die Willensbildungen in Demokratien haben. 

Gefühle sind einfache Formen der Wirklichkeitsverarbeitung. Sie arbeiten im Wesentlichen nach den Kriterien von sicher/bedrohlich und sympathisch/unsympathisch. Im ersteren Fall geht es darum zu spüren, was mir für mein eigenes Überleben weiterhilft bzw. gefährdet. Im zweiten Fall schätzen wir die Chancen ab, die wir im sozialen Feld haben und die dort den Grad unserer Zugehörigkeit und Sicherheit bestimmen. 

Die Demokratie in einem modernen Staat erfordert allerdings ein hohes Maß an Rationalität. Sie ist einerseits notwendig, weil so viele Aspekte beachtet werden müssen und andererseits, weil immer wieder eigene Interessen zugunsten des Gemeinwohls zurückgesteckt werden müssen. Es braucht weiters ein Eingehen auf die Interessen und Bedürfnisse anderer, und dazu sind viele der Emotionen im Weg. Drittens können wir nur mit Hilfe unserer Rationalität zwischen unseren Gefühlen und unseren Werten unterscheiden. 

Die Gefühle entstehen aus unseren Erfahrungen mit Bedürfnissen und deren Befriedigung in der Kindheit. Daraus haben sich unbewusst gesteuerte Gewohnheiten des Fühlens entwickelt, Muster, die aus unseren frühen Erfahrungen gespeist sind, auf Schlüsselreize reagieren und unser Verhalten lenken. 

Die Werte bilden sich im Lauf unserer Lebensgeschichte aus, beeinflusst von unserer Kultur, familialen Herkunft und unseren Erfahrungen. Wir können unsere Werte jederzeit rational überprüfen und mittels unseres Denkens sowie über den diskursiven Austausch mit anderen an ihrer Widerspruchsfreiheit arbeiten. Dadurch gelangen wir zu einer standfesten und zugleich flexiblen Position, die aktuelle Entwicklungen mit den eigenen Grundeinstellungen in Verbindung bringen und daraus klare Einschätzungen ableiten und Entscheidungen treffen kann. 

Emotionen sind vage und flüchtig. Sie verändern sich dauernd und werden häufig durch die immer gleichen oder ähnlichen Auslöser aktiviert. Wir hören ein bestimmtes politisches Argument und schon läuten die inneren Alarmglocken und wir fahren mit unseren Geschützen auf, ohne Rücksicht auf die näheren Umstände und Hintergründe. Solche Muster können wir nur verändern, wenn wir uns bewusst machen, was da gerade abläuft. Dazu brauchen wir eine innere Distanz zu den Gefühlen. Mit unserem Denken können wir daraufhin überprüfen, ob unsere Reaktion angemessen ist und ob es noch Aspekte der Realität gibt, die mitbeachtet werden sollten. 

Emotionen sind auch die Triebkraft hinter allen Entscheidungen, die wir treffen. Die Rationalität vermittelt die Werte und stellt Positionen klar, zwischen denen dann die Entscheidung getroffen wird. Oftmals überlegen Leute lange hin und her, wem bei einer Wahl die Stimme gegeben werden soll oder ob überhaupt gültig gewählt werden soll. Da werden im Kopf oder in einer Diskussion Argumente abgewogen, bis dann eine Seite stärker ist, für die das Gefühl aus dem Unterbewussten das Gewicht in die Waagschale legt.

Wird die Rationalität beiseitegelassen, entscheidet nur das Gefühl, das auch von äußeren situativen Einflüssen stärker abhängig ist als das Denken. Das machen sich die Manipulatoren und Populisten zunutze, die mit vielfältigen Tricks auf das Unterbewusste der Menschen einwirken wollen, um ihre Ziele durchzubringen – im Wirtschafts- wie im Politikmarketing. Sie brauchen nicht auf die Komplexität der Wirklichkeit Rücksicht zu nehmen, weil sie an die einfachen Emotionen appellieren. Ein Psychologieprofessor aus den USA hat festgestellt, dass der gegenwärtige Präsident die Gefühle von Fünfjährigen anspricht, dass er sie auf dieser Ebene erreicht und motiviert. 

Demagogen richten ihre Behauptungen nur nach dem Zweck, den sie erreichen wollen. Die “Wahrheit” einer Aussage wird nur mehr dadurch definiert, dass sie mit Autorität und Überzeugungskraft ausgesprochen wird. Kriterium ist die Person des Sprechers, der einen bedingungslosen Glauben an seine Deutungsautorität verlangt. Diese Form des Glaubens bringen nur Kleinkinder auf, die noch so wenig über die Wirklichkeit wissen, dass sie glauben müssen, was ihnen ihre Eltern erzählen. So wundert es nicht, wenn man in den begeisterten Augen von Populistenanhängern das kleinkindliche Staunen über die Zauberkraft ihrer Idole ablesen kann. 

Die Wahrheit von Aussagen unter Erwachsenen bezieht sich auf die Wirklichkeit: Inwieweit wird diese durch die Aussage korrekt beschrieben? Ideologien und Ideologen bedienen sich eines anderen Bezugspunkts, nämlich eben dieser Ideologie und ihres Wertesystem. Wahr sind Aussagen, die mit dem eigenen Konstrukt übereinstimmen, und wenn jemand kommt und sagt, die Realität ist aber anders, dann wird die eigene Position mit „alternativen Fakten” oder ähnlichen Verschleierungen gerechtfertigt.

Die Populisten vermitteln also ein Bild von der Wirklichkeit, das sie mit Hilfe ihrer Ideologie geschaffen (konstruiert) haben. Sie fordern ihre Anhänger dazu auf, diese Konstruktion kritiklos zu übernehmen, und diese tun dies auch, weil sie auf den Gefühlsstand von Kleinkindern regrediert sind. Kinder nehmen an, dass die Eltern immer Recht haben. Erst wenn sie größer sind, schauen sie in wikipedia nach, ob das Sonnensystem wirklich so viele Planeten hat, wie die Eltern behaupten. 

Die Nutzung der Rationalität ist anstrengend und manchmal mühsam. Gefühlsgesteuert zu sagen: Das gefällt mir und das gefällt mir nicht, ist einfach und geschieht schnell. Die „Arbeit des Begriffs”, wie sie der Philosoph Hegel genannt hat, erfordert Genauigkeit, Ausdauer, Forschergeist und die Bereitschaft zur Selbstüberprüfung. Das sind Qualitäten, die Erwachsene brauchen und über die sie auch verfügen, wenn sie ihren Aktivitäten nachgehen.  

Die Demokratie ist ein System, das diese Haltung auch in der Politik verlangt. Sie beruht auf der Annahme, dass Menschen, die ihre Arbeit verrichten, Geschäfte abschließen, Projekte verwirklichen, das tägliche Leben managen und Kinder großziehen, in der Lage sind, in Hinblick auf das Gemeinwesen die erwachsenen rationalen Qualitäten einbringen. Demokratie kann nicht funktionieren, wenn einer Masse von Kleinkindern die Entscheidung überantwortet wird, ob Krieg geführt wird oder nicht, wie es im Faschismus geschehen ist. Heute geht es um Fragen, ob es besser ist, bei einem gesamteuropäischen Gemeinschaftsprojekt mitzumachen oder nicht, ob man einem „Migrationspakt” beitreten soll oder nicht usw. Es scheint in weiten Bereichen so, und das lässt sich aus den vielfältigen Meinungskundgaben in Foren leicht herauslesen, als würden da nicht Erwachsene mit Argumenten und Wertüberlegungen diskutieren, sondern Kinder, die nur von diffusen Gefühlen geleitet sind und auch gar nicht verstehen, was sie damit anrichten. 

Viele Untersuchungen über Hassposter haben gezeigt, dass diese Menschen aus einem Zustand der Verantwortungslosigkeit heraus ihre Meldungen abschicken, ohne Rücksicht auf die Folgen – eben wie Kleinkinder, die losschreien, wenn ihnen etwas nicht passt, gleich wo und mit wem sie sind. Doch sind die Hassposter nur die Spitze eines Eisberges, den die vielen Menschen bilden, die ungeprüfte „Fakten” und Theorien übernehmen und mit dem Brustton der Überzeugung und Empörung weitergeben. 

Wir sollten uns bewusst sein, dass solche Aktionen und Haltungen, die allein von unbewussten Gefühlen gesteuert sind, die Demokratie untergraben und destabilisieren. Wir sollten uns bewusst sein, dass es in unserer Verantwortung liegt, solche Einstellungen in uns selber zu überprüfen und andere auf ihre ideologischen Engstellen aufmerksam zu machen. Demokratie ist ein gemeinschaftliches Projekt, das der permanenten Anstrengung des Diskurses und der rationalen Auseinandersetzung bedarf. Diese Anstrengung muss jeder aufbringen, der ein solches System will. Wer es nicht will, sollte sich über die Alternativen bewusst sein: Autoritäre Lenkung oder Chaos. Beides kennen wir aus der Geschichte, und wir leiden noch immer an den Folgen dieser Katastrophen.

In der aktuellen Oper „Die Weiden”, in der es um Populismus und Manipulation geht, heißt es: „Dreitausend Jahre Denken, und jetzt das?” Die Jahrtausende der Geistesgeschichte enthalten Schätze, die wir nutzen sollten, um unser Gemeinwesen so einzurichten, dass möglichst viele Menschen in ihm ein gutes Leben führen können. Für dieses Ziel ist es notwendig, die vielfältigen Qualitäten der Rationalität einzusetzen und unsere Gefühle zu verstehen und zu distanzieren. 

Der berühmte englische Psychoanalytiker Donald Winnicott hat 1952 geschrieben, dass die frühe Kindheitsentwicklung bestimmt, ob Demokratie möglich wird oder nicht. „Denn diejenigen, die gehemmt werden in der Entwicklung ihres Selbst, wirken destruktiv der Demokratie gegenüber.” 

Das bedeutet auch, dass jede Arbeit an der Entwicklung des Selbst ein aktiver Beitrag zur konstruktiven Weiterentwicklung der Demokratie darstellt. Und es ist dringend notwendig, dass an den Voraussetzungen für diese Entwicklung gearbeitet wird – von allen Teilnehmern an der Demokratie und noch mehr von den Hauptverantwortlichen, eben den gewählten und von den Staatsbürgern bezahlten Politikern. Denn wer als Politiker in die eigene ideologische Tasche arbeitet und nicht fürs Gemeinwohl, ist korrupt.  

Montag, 10. Dezember 2018

Empfindlichkeiten in Beziehungen

Warum können uns nahestehende Menschen besonders leicht und besonders stark kränken? Warum reagieren wir bei den Menschen, die wir am meisten lieben, besonders empfindlich?

Je mehr Zeit wir mit anderen Menschen verbringen, desto mehr werden diese Beziehungen mit Projektionen aufgeladen, natürlich immer wechselseitig. Auf nahestehende Personen übertragen wir unsere unerfüllten Bedürfnisse, emotionalen Mängel und Frustrationen. Besonders stark sind diese Tendenzen bei Intimbeziehungen, denn dort wiederholen wir eine Intimität, die wir ganz früh in unserem Leben mit unserer Mutter und vielleicht auch mit unserem Vater hatten. Gerade aus diesen frühen Nahebeziehungen stammen unsere tiefsten Verletzungen und Missachtungen, die wir dann speziell mit Beziehungspartnern wie in einem Theaterstück wiederbeleben. 

Dazu kommt ein pragmatischer Gesichtspunkt: Die Menschen, mit denen wir am meisten Zeit verbringen, sollten besonders nett sein, denn wir wollen eine angenehme Zeit mit ihnen verbringen. Wenn sie uns kränken, befürchten wir, dass das immer wieder passieren könnte und damit unser Alltag zur Hölle wird. Deshalb reagieren wir schnell und heftig, um dieser Tendenz sofort Einhalt zu gebieten.

Außerdem sammeln unser Unbewusstes gerne mit den Menschen in unserer Umgebung ganze Archive von Kränkungsgeschichten mit allen Details aus all den Jahren. Unser Angstgedächtnis speichert akribisch, was uns irgendwann angetan wurde, und stellt es sofort mit all den dazu gehörigen Gefühlen zur Verfügung, sobald sich eine auch nur entfernt ähnliche Situation einstellt. Deshalb neigen wir dazu, bei kleinen Kleinigkeiten allzu leicht unsere mit alten Geschichten vollgefüllten Kränkungskisten zu öffnen, die ihren Inhalt mit unangemessener Heftigkeit in die gegenwärtige, möglicherweise ziemlich harmlose Situation hineinschwemmen.

Empfindlichkeiten als Zeichen von Selbstwertmangel


Je vielfältiger die möglichen Auslöser für Beleidigungen bei jemandem sind und je häufiger sie auftreten, desto schwächer ist das Selbstwertgefühl der betreffenden Person ausgeprägt. Menschen, die sehr an sich selbst zweifeln, neigen dazu, sich sofort in Frage gestellt zu fühlen, wenn sie irgendwo eine Ablehnung auch nur vermuten. Oft stellt sich heraus, dass es von anderen Personen gar nicht so gemeint war. Aber der Verdacht kommt leicht und schnell, dass andere einen selbst nicht mögen könnten und kritisch einschätzten. Menschen mit dieser Disposition haben ihre Sensoren auf Ablehnungsreize geschärft und scannen permanent die Umwelt nach möglichen Anzeichen für eine Zurückweisung ab. „Kleinigkeiten“ können dann schon die Kränkungsreaktion auslösen und eine Wunde im Emotionalkörper erzeugen oder reaktivieren. Allerdings meint die betroffene Person in so einem Fall überhaupt nicht, dass es eine Kleinigkeit ist, sondern ist überzeugt von der Gravität der Ungerechtigkeit oder Respektlosigkeit ebenso wie von der Angemessenheit der Intensität ihrer Reaktion darauf.

Es wirkt, als hätte die Außenhaut bei diesen Menschen viele Löcher, in die alle möglichen Widrigkeiten von außen sehr schnell tief nach innen eindringen. Oder, um ein anderes Bild zu versuchen, als wäre die Haut so dünn, dass sie leicht von Außenreizen durchbrochen werden kann wie von vergifteten Pfeilen. Jedenfalls kommt es zum Kippen von der Selbstmächtigkeit in die Ohnmacht, sobald die zerstörerische Kraft der Kränkung in das innere System eindringt, ähnlich wie ein Virus, der das Immunsystem überwunden hat und sich nun unbeschränkt vermehren und ausbreiten kann.

Und jede ablaufende Kränkungsgeschichte samt den mit ihnen verbundenen Gefühlsverläufen fügt dem Selbstwertkonto einen weiteren Minuspunkt hinzu. Wir sollten es doch endlich geschafft haben, uns nicht über jede Misslichkeit gleich so maßlos aufzuregen und jede kleine Unbedachtheit unserer Mitmenschen mit so viel Wut oder so viel beleidigtem Rückzug zu erwidern. Wir sind unzufrieden mit unseren Mitmenschen, die uns da kränken und wir sind unzufrieden mit uns selber, weil wir wieder darauf hereingefallen sind. Damit trennen wir uns noch mehr von uns selber ab und verlieren noch mehr an Selbstachtung.

Die Kränkungsabwehr


Es gibt auch die vermeidende Reaktionsvariante auf Kränkungen, die darin besteht, die eigene Verletztheit infolge einer ungerechten Kritik oder eine offensichtlichen Missachtung nicht zu zeigen und scheinbar nach außen die überlegene Rolle dessen zu spielen, dem nichts etwas anhaben kann. Sie geben sich den Anschein, über den Bosheiten ihrer Mitmenschen zu stehen.

Kränkungsunempfindliche Personen sind nicht automatisch selbstwertstärker. Auf einer subtilen Ebene rächen sich Menschen, die sich immer überlegen und unverletzbar zeigen (müssen), bei denen, die sie verletzen, mit Verachtung. Sie folgen dem Motto: „Wenn du dich so aufführst, hast du dich selbst als Mitmensch disqualifiziert. Ich nehme dich nicht einmal soweit ernst, dass ich mich von dir beleidigen lasse.“ Wenn jemand dieses Reaktionsmuster ausspielt, geht er in die Rolle eines Adelsangehörigen der vornehmen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, der sich nur mit Seinesgleichen duellierte, während alle, die weniger hochwohlgeboren waren, selbst im Fall einer ehrenrührigen Beleidigung nicht satisfaktionsfähig waren, also wegen ihres minderen Ranges nicht einmal als Duellgegner geachtet wurden.

Mit dieser Form, mit Kränkungen umzugehen, vermeiden wir die Konfrontation mit der Täterperson und ziehen uns mit verachtungsvoller Miene aus dem kommunikativen Kontakt zurück. Dann verkapseln wir uns in der eigenen Unversehrtheit und erklärten die menschliche Umwelt zum Feindesland, der nur mehr mit Vorsicht und Misstrauen begegnet werden kann. Der eigene Selbstwert braucht für seine Stabilität die strikte Abgrenzung von außen, er ruht nicht in sich selbst, sondern zeigt sich vor allem in der Fähigkeit, das eigene Territorium schützen zu können und nicht in der Fähigkeit, mit Klarheit und Kraft in der kommunikativen Auseinandersetzung mit den anderen Menschen diesen Raum zu sichern. Hinter der Maske der überlegenen Verachtung versteckt sich das vergrabene Beleidigtsein, und dahinter findet sich wiederum ein mangelhaftes Selbstwertgefühl.

Kränkungsvermeider wappnen sich mit allen Mitteln gegen Kränkungen, wie jemand, der sich aus Angst vor einer Erkältung dick einpackt und noch alle möglichen Pillen schluckt, bevor er in die Kälte raus geht. Kränkungsvermeidende Personen vertrauen nicht auf ihr natürliches Immunsystem, sondern haben so viel Angst vor ihren vielen Ängste in sich, dass sie dauernd auf der Hut sein müssen, nicht nur, um bedrohliche Situationen zu vermeiden, sondern auch, um darauf zu achten, dass die Fassade gewahrt bleibt.

Als kleine Kinder haben sie gelernt, dass sie für den Ausdruck ihrer Gefühle kein Verständnis kriegen, sondern Belehrungen und Erklärungen. Wenn sie sich frustriert und verletzt fühlten, ist niemand darauf eingegangen. So haben sie gelernt sich zu schützen und eine glatte Fassade aufzubauen. Die erlittenen Belehrungen und Erklärungen haben sie mit der Zeit gelernt, in Zynismen und Spott umzuwandeln und auf die Mitmenschen anzuwenden.

Die Meisterschaft


Wie können wir die  kränkungsvermeidende Person von einer unkränkbaren unterscheiden?
Vielleicht gibt es von außen gar keinen sichtbaren Unterschied. Denn die Erregung bei der vermeidenden Person bleibt im Inneren, und sie hat gelernt, sie gut zu überdecken, so weit, dass sie sie unter Umständen selber gar nicht mehr spüren kann. Aber der Ärger kommt im Verhalten zum Ausdruck, etwa durch eine verächtliche oder spöttische Form der Abwendung.

Es zeigt sich eine andere Haltung, wenn jemand tatsächlich von einer Beleidigung nicht betroffen ist. Die Person bleibt ruhig und zugewandt, vielleicht verwundert oder überrascht, und wenn sie mit Humor reagiert, so ist dieser nicht boshaft oder gespielt. Statt sich subtil zu rächen, entsteht ein Mitgefühl und Verständnis für die angreifende Person, jedoch ohne Anzeichen von Überheblichkeit oder Verachtung. Die Bereitschaft ist da, sich zu entschuldigen, wenn es etwas zu entschuldigen gibt, aber auch klar zu sagen, wenn es ein Missverständnis oder eine falsche Anschuldigung war.

Diese Meisterschaft im Umgehen mit Kränkungen erscheint uns möglicherweise übermenschlich oder nur besonders hoch entwickelten Wesen vorbehalten. Doch können wir aller ihrer mächtig sein, wenn wir uns im Mitgefühl und in der Achtsamkeit üben. Paradoxerweise wird sie uns dort am schwersten fallen, wo die meiste Liebe da ist. Da wir aber wissen, dass Intimität mit Empfindlichkeit und Verletzbarkeit zusammenhängt, können wir auch in diesem Bereich verständnisvoll mit uns selber und unseren Schwächen sein sowie an unseren Stärken arbeiten. Mit jedem Schritt in diese Richtung fördern wir unsere Liebesfähigkeit.

Zum Weiterlesen:

Donnerstag, 6. Dezember 2018

Reaktionsweisen auf die Scham nach dem Enneagramm

Das Enneagramm ist ein Persönlichkeitsmodell mit neun Typen, und es dient zur Selbstfindung, um die eigenen Potenziale und Schattenseiten besser aufspüren zu können. Beim Enneagramm handelt es sich nicht um ein fixes Lehrgebäude, das ein für alle Mal feststeht, sondern um ein Modell, das nur mit viel Intuition und Flexibilität angewendet werden kann. Es entwickelt sich laufend weiter, und jeder Mensch, der seinen eigenen Typen erforscht, fügt dem Modell eine neue Facette hinzu. Es gibt eine große Zahl von Büchern und anderen Quellen zum Enneagramm, und jede dieser Darstellungen zeigt einen eigenen Zugang zum Modell und verweist dennoch wieder auf die gemeinsame Grundlage, eben die neun Enneagramm-Typen.

In diesem Sinn ist die folgende Zusammenstellung zu verstehen: nicht als eine lehrbuchmäßige Aufzählung von feststehenden typischen Reaktionsweisen, sondern als eine Denk- und Erforschungsanregung, die aus meiner Erfahrung mit dem Modell stammt und die von jeder Leserin und jedem Leser aus der eigenen Erfahrung modifiziert und verändert werden kann. Auf diese Weise wachsen das Wissen über das Modell und der Weisheitsschatz, der im Modell verborgen ist, beständig weiter.

Zunächst zur Orientierung und Übersicht die neun Enneagramm-Typen:


1. Der rechtschaffene Reformer 
2. Die gütige Helferin
3. Der effiziente Macher
4. Die vielseitige Romantikerin
5. Der friedliche Denker
6. Die treue Heldin
7. Der optimistische Abenteurer
8. Die beschützende Kämpferin
9. Der gelassene Vermittler

In diesem Artikel geht es darum, wie die einzelnen Enneagrammtypen mit dem Gefühl der Scham umgehen, zu welchem Verhältnis zu diesem Gefühl sie neigen und was sie lernen können, wenn sie ihre eigene Scham annehmen. Scham ist ein Gefühl, das jeder Mensch kennt, aber auf unterschiedliche Weise damit umgeht. Durch die verschiedenen Reaktionsweisen können wir ein differenzierteres Verständnis dafür bekommen, wie Menschen damit umgehen, wenn sie Scham spüren.

Typische Verhaltensweisen, wie die einzelnen Typen mit dem Schamgefühl umgehen:
  1. Bei der Eins ist die Scham ein großes Hintergrundthema: Sie macht alles, um Situation zu vermeiden, in denen sie beschämt werden könnte. Die Rechtschaffenheit wird perfektioniert, damit es ja keinen Anlass für Scham gibt; wenn aber der große Schein vor den eigenen nicht gelebten Antrieben und Neigungen gelüftet wird, schlägt die Scham erbarmungslos zu, wie beim berühmten Moralprediger, der im Bordell ertappt wird. Die Eins wandelt gerne jedes Fremdschämen in moralische Zurechtweisungen um.
  2. Die Zwei schämt sich häufig, weil sie schnell das Gefühl kriegt, zu wenig zu geben. Deshalb ist der Impuls stark, durch das Tun des Guten mögliches Beschämtwerden hintan zu halten. Leicht schämt sie sich auch für andere und versucht dann, deren Fehler auszugleichen. Wenn sie andere beschämt, dann vor allem durch das viele Geben. Sie bringt immer ein größeres Geschenk mit als die anderen.
  3. Die Drei ist Meisterin im Überspielen. Sie ist virtuos und wendig im Vertuschen von Peinlichkeiten und lenkt sofort ab, wenn etwas auftaucht, was die Scham auslösen könnte. Da sie gerne im Mittelpunkt steht, achtet sie auf eine saubere und polierte Fassade, die keinen Makel verträgt. Deshalb vertuscht die Drei gerne alles, was beschämend sein könnte.
  4. Bei der Vier sind Scham und Drama eng verknüpft: Sie exponiert sich gerne, manchmal bis an die Grenze zur Schamlosigkeit, leidet intensiv an der Scham und zieht gerne andere mit rein. Sie veranstalten ein emotionales Theater, damit alle sehen, was los ist.
  5. Die Fünf neigt zur Rationalisierung: Sie erklärt, warum was geschehen ist, um die Scham nicht spüren zu müssen. Sie findet Rechtfertigungen und Begründungen für die eigenen Fehler. Sie versteht die Scham als eine Privatsache, die niemanden etwas angeht und gehen Menschen aus dem Weg, die sie beschämen könnten.
  6. Die Sechs hat von allen Enneagrammtypen die größte Schambereitschaft. Sie meint ständig, etwas falsch gemacht zu haben und irgendjemandem etwas schuldig zu bleiben. Sie läuft mit einer Haltung herum, sich sofort zu entschuldigen, was auch immer gerade passiert.
  7. Die Sieben versteht nicht, worum es dabei geht, wenn jemand von Scham redet. Sie wähnt sich in einem unschuldigen Kindheitsstadium; wenn es doch zu peinlichen Situationen kommt, erwirbt sie das Verständnis der anderen dadurch, dass sie sich in voller Naivität schämen kann. Das Ganze geht schnell, und dann ist schon wieder etwas anderes interessant. Die Sieben versteht es, es sich so zu richten, dass sie mit all ihren Fehlern davonkommt, ohne dass irgendwer böse sein könnte.
  8. Die Acht verfügt über eine starke Tendenz zur Schamlosigkeit, und ist Meisterin im Beschämen, indem sofort und vorsorglich die Fehler und Schwächen der Mitmenschen angeprangert werden. Sie kann zwar zur eigenen Scham stehen, verbindet sie aber häufig mit einem Angriff auf die anderen, die für die Beschämung verantwortlich gemacht werden.
  9. Die Neun gleicht gerne aus, wenn es um Beschämen geht, hält sich selber raus, weil sie sich mit allen gut stehen will. Die Scham-Prävention der Neun funktioniert so, dass im Vorfeld die Beziehungen gepflegt werden, damit es zu keinen Störungen kommen kann. Ein ausbalanciertes Netz an Beziehungen wird aufgebaut, in dem jeder sich sicher fühlen kann.
Typische Reaktionsweisen auf die Scham: 

1. Verleugnung und Rechtfertigung
2. Selbstanklage und Aktivität
3. Ausreden, Schönreden, Kleinreden
4. Leiden und Aufmerksamkeit finden
5. Erklärungen ausdenken und zurückziehen
6. Verzweiflung und Jammern
7. Ablenkung und Beschönigen
8. Anklage und Vorwürfe
9. Bagatellisieren und Ausgleichen

Was die Scham lehren kann:
  1. Ich bin nicht vollkommen, brauche nie vollkommen zu werden und muss es auch nicht von den anderen zu verlangen. 
  2. Ich gebe genug dadurch, dass ich da bin. Meine guten Taten und meine Fürsorge für andere sind nicht das einzige Kriterium, von Menschen geschätzt zu werden.
  3. Ich kann es aushalten und verliere nichts dadurch, mich zu schämen, wenn ich etwas Falsches oder Unrechtes getan habe. 
  4. Ich stehe zu meinen Fehlern und übe mich in Gelassenheit. Ich nehme mich und meine Gefühle weniger wichtig und bin dadurch offener für andere Menschen.
  5. Schämen ist ein Teilaspekt des Menschseins, ich kann das Gefühl zulassen und spüren, und, wenn nötig, Handlungen setzen, um einen Schaden wieder gutzumachen. Ich sehe ein, dass ich Menschen besser verstehen kann, wenn ich meine eigene Scham kennenlerne.
  6. Ich lerne bei jedem Schämen ein Stück von mir tiefer anzunehmen und zu akzeptieren, dadurch erkenne ich mehr und mehr, wie wertvoll ich bin, gleich ob ich es den anderen Recht mache oder nicht.
  7. Wenn ich meine Scham akzeptiere, kann ich mich tiefer mit mir selber verbinden und zu mir kommen.  
  8. Ich achte besser darauf, wenn und wofür ich mich schäme, dann wird meine Tendenz schwächer, andere zu beschämen, was mir eigentlich nur Probleme beschert. Ich übe mich in mehr Toleranz.
  9. Ich stehe zu meiner Scham, wenn sie da ist, und damit stehe ich mehr zu mir selber und nehme mich so wichtig wie die anderen. Ich wende das Verständnis, das ich für andere habe, auch auf mich an.
Zum Weiterlesen: