Mittwoch, 14. April 2021

Respekt, Rudi Anschober!

Der österreichische Gesundheitsminister Rudi Anschober ist zurückgetreten. Sein großer persönlicher Einsatz für das Amt und für die damit verbundene Verantwortung für die Gesundheit aller hat zu viel an der eigenen Gesundheit eingefordert. Wie das sonst Politiker wie die Pest vermeiden, hat er öffentlich seine Schwäche eingestanden und daraus die Konsequenz gezogen. Und mit diesem mutigen Schritt setzt er ein Beispiel – für alle, die ein politisches Amt bekleiden, und für alle anderen auch, die Schwächen haben.  

Schwächen werden in der Politik gerne als Führungsschwächen ausgelegt; vertrauen kann „der kleine Mann“ ja nur starken Figuren. Denn sie alleine garantieren Sicherheit und Zuversicht, dass alle Probleme von oben gelöst werden können. Deshalb präsentieren sich Politiker gerne in ihren Stärken. Präsident Putin hat sich unzählige Male mit seinen Muskeln fotografieren lassen, Ex-Präsident Trump hat verbal bei jeder Gelegenheit seine Muskeln auf dem Klavier der Unverschämtheiten spielen lassen und Präsident Bolsenaro rühmt sich seiner Sportlichkeit und hat verkündet, dass ihm deshalb kein Virus etwas anhaben kann. Dazu kommt: Ein starker Mann weint nicht. 

Psychologisch ist klar: Je schwächer sich das eigene Ich fühlt, desto stärker muss die Identifikationsfigur erscheinen, die diese Schwäche ausgleicht. Jeder also, der sich seiner eigenen Schwächen schämt, erwartet von seinen Leitfiguren Stärke und unendliche Belastbarkeit. Umso wichtiger ist ein Gegenbeispiel: Im Einbekennen der eigenen Schwäche (und der Scham darüber) eine Kraft zu gewinnen, die jede aufgebauschte äußerliche Stärke übertrifft. 

Die Schwächen der Mächtigen bleiben indes im Allgemeinen geheim. Folglich wirkt es wohltuend, wenn ein Mächtiger auf Macht verzichtet, weil er sich seiner Endlichkeit bewusst ist und sich selber wichtiger nimmt als die Macht. Wir haben nur diese eine Gesundheit und unseren Körper, für die wir voll verantwortlich sind, und dem die Priorität zu geben, ist eine Botschaft, die einem Gesundheitsminister würdig ist. “Ein Gesundheitsminister ist für die Gesundheit da, auch für die eigene” (Anschober bei seinem Abschied). 

Mit Anschobers Politik mögen nicht alle einverstanden sein – eine Politik, die alle zufriedenstellt, schafft kein Politiker, erst recht nicht in einer Zeit, in der das Gesundheitswesen aller Staaten dieser Welt vor der größten Herausforderung der letzten hundert Jahre steht. Populäre Entscheidungen können unter solchen Umständen nur schlechte Entscheidungen sein, und unpopuläre machen unbeliebt. Anschober hat bei seinen Stellungnahmen das Verständnis für diese Zwickmühle und für die vielen Betroffenen durchklingen lassen und hat das Verspielen der Volksgunst in Kauf genommen für das, was ihm sachlich, vernünftig und wissenschaftlich unterstützt als richtig in einem nachhaltigen Sinn erschienen ist. 

Seine ruhige und gelassene Art, mit der er die Pressekonferenzen und Interviews bestritten hat, hat viel zur Entemotionalisierung der Corona-Maßnahmen beigetragen. Das Einbeziehen von Experten und Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen sowie die Gespräche mit Betroffenen und in den Problemzonen Tätigen sind Vorgangsweisen, die zukunftsträchtig sind, indem nicht mehr einsam oder in Machtzirkeln entschieden wird, sondern indem sich Teams aufeinander abstimmen und Entscheidungen in offenen Prozessen getroffen werden. 

Ich plädiere also dafür, Rudi Anschober zum Gesundheitsminister honoris causa zu ernennen, weil er in seinem Amt in mehrfacher Hinsicht ein Vorbild abgegeben hat und weil er indirekt angeregt hat, dass wir alle unsere eigenen Gesundheitsminister werden sollten: Indem wir auf uns selber zuerst schauen sollten, auf das, was unser Körper und unsere Seele brauchen, und danach unsere Leistungsfähigkeit usw. bemessen. Der Seinsmodus, den unser Körper und unsere Seele vorgeben, hat den Vorrang vor jedem Funktionsmodus, auch wenn dieser von vielen Teilen der Gesellschaft erwartet und eingefordert wird. Bleiben wir Menschen und überlassen wir das Maschinesein den Maschinen und überlassen wir das message controlling denen, die nicht merken, wie sie dabei zu Sprechrobotern werden. 

Chapeau, Rudi Anschober! 

Freitag, 9. April 2021

Feedback ohne Beschämung

Wie sag ich es, wenn mich etwas an anderen Personen stört?

Was wir gelernt haben: Die Absicht muss rüberkommen, die andere Person soll spüren, wie wichtig es ist, dass sie ihr Verhalten ändert.

Auf einen Fehler, eine Schwäche oder einen Makel aufmerksam gemacht zu werden, beschämt immer. Wir wollen ja von den anderen geliebt und akzeptiert werden, wie wir sind, und sobald etwas Unvollkommenes an uns sichtbar wird, fürchten wir um diese Liebe und Akzeptanz. Zugleich aktivieren wir unsere Schamabwehr. Denn das Schamgefühl ist äußerst unangenehm. Wir wollen nicht in unserer Blöße dastehen.

Wie also können wir ein kritisches Feedback geben, ohne die angesprochene Person zu beschämen? Schließlich ist es auch für uns nicht angenehm, wenn wir bei anderen Menschen Scham auslösen.

Bedürfnisse und Verletzungen ausdrücken

Zwei Elemente spielen bei dieser Kunst des Taktes eine Rolle. Erstens geht es darin, dass wir uns klarmachen, dass es zu unserer Aufgabe im Zusammenleben gehört, unsere Verletzungen und Bedürfnisse auszudrücken. Wenn uns etwas stört, stört es auch die Kommunikation und die Beziehung. Wir haben die Möglichkeit, die Rückmeldung zu unterlassen und uns zu entscheiden, mit der Störung weiterleben zu wollen. Dann übernehmen wir die Verantwortung für die Störung und haben keinen Grund mehr, der anderen Person böse zu sein oder sie abzuwerten. Die Störung gibt es ja in uns selber, sie besteht nicht objektiv, sondern kollidiert mit inneren Maßstäben, Wertsetzungen, Empfindlichkeiten. Wir machen etwas, das im Außen passiert oder nicht passiert, zu einem Problem, indem wir daran leiden. Dieses Leiden nicht zu kommunizieren hat zur Folge, dass wir uns selber darum kümmern müssen.

Wir können die Verantwortung für dieses Leiden aber auch so wahrnehmen, dass wir sie der anderen Person rückmelden. Es ist ein Bedürfnis von uns, das durch das Verhalten des anderen zu wenig berücksichtigt wurde. Es kann z.B. sein, dass uns schmutzige Fingernägel bei anderen stören. Wir nehmen sie wahr und empfinden Ekel. Wenn wir der anderen Person verschweigen, was uns stört, halten wir etwas zurück. Jede zurückgehaltene Botschaft wirkt als Hemmung in der Kommunikation und nimmt ihr an Offenheit. Die Einengung und Distanzierung im Kontakt, die dadurch geschieht, wird zwar von beiden Seiten wahrgenommen, kann aber nicht gedeutet werden und steht dann zwischen den beiden Personen, außer wir nehmen die Störung und das damit verbundene Problem, wie oben beschrieben, ganz zu uns selbst. 

Die Perspektive, aus der die Mitteilung des eigenen Bedürfnisses und seiner Störung kommen sollte, stammt aus der eigenen Subjektivität: „Ich teile dir etwas aus meiner Welt mit. Da tue ich mir schwer damit. Das stört oder irritiert mich und ich kann leider nicht darüber hinwegsehen. Ich teile es dir mit, damit du weißt, wie es mit deinem Verhalten geht.“

Absichtsloses Wünschen

Jetzt kommt der zweite und entscheidende Schritt. Es geht es darum, die Absicht wegzulassen, die natürlicherweise darin besteht, die andere Person zur Veränderung ihres Verhaltens zu bewegen, also z.B. die Fingernägel zu reinigen. Denn die Absicht bewirkt eine drängende Bitte oder eine Forderung, die besagt, dass die andere Person sich so verhalten soll, dass wir kein Problem mehr damit haben. Sie soll uns also unser Problem wegnehmen, indem wir es zu ihrem oder zu unserem Problem umwidmen.

Eine Rückmeldung ohne Veränderungsabsicht dagegen drückt sich als Wunsch nach einer Korrektur oder Veränderung aus. Der Wunsch unterscheidet sich von der Forderung, dass er der anderen Person jede Freiheit lässt, ihm nachzukommen oder nicht. Wir können einen Wunsch nur dann als Wunsch zum Ausdruck bringen, wenn wir uns innerlich im Klaren sind, dass wir auch gut damit leben können, falls der Wunsch abgelehnt wird. Und noch mehr: Dass wir die andere Person weiterhin wertschätzen können, auch wenn sie bei ihrem Verhalten bleibt, das uns stört.

Ein wichtiger Aspekt der Rückmeldung besteht darin, dass sie, wenn es um potenziell peinliche Themen geht, unter zwei Augen erfolgen soll. Das Ansprechen  von schambesetzten Themen braucht Privatheit. Die Anwesenheit von anderen Personen erhöht den Schamdruck.

Die Krux mit dem Fordern

Wir alle verfügen über Strategien der Schamabwehr. Wenn wir auf Schwächen, Fehler und Unzukömmlichkeiten angesprochen werden, hängt es von der Intention der Rückmeldung ab, ob wir mit Abwehr oder Offenheit darauf reagieren. Sobald unser Sensorium einen Druck vom Feedbackgeber wahrnimmt, wird unsere Verteidigungshaltung aktiviert. Wir reagieren dann je nach gewohnter Strategie mit einem Gegenangriff (wenn wir uns angegriffen fühlen), mit einem Ausweichmanöver, mit einer Rechtfertigung oder können der beschämten Position nicht entrinnen und sind voll von der Peinlichkeit der Situation belastet. Denn die Scham hat sich verdoppelt: Zum einen erkennen wir einen Makel an uns, zum anderen stehen wir mit diesem Makel vor der anderen Person, der wir mit diesem Makel ein Problem bereitet haben.

In jedem Fall ergibt sich eine Spannung in der kommunikativen Situation, und die Auflösung bleibt unbefriedigend. Zwar kann die Feedbackgeberin zufrieden sein, wenn sich die Empfängerin bereit erklärt, das eigene Verhalten zu verändern. Doch wird bei ihr ein Ressentiment bestehen bleiben, dass sie in eine beschämte Lage gebracht wurde, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass daraus irgendwann später ein Racheimpuls kommt.

Forderungen schaffen ein Machtgefälle: Die fordernde Person stellt sich über die geforderte. Sie will, dass ihr Wille umgesetzt wird, und besteht darauf mit der Drohung, dass sonst die Spannung aufrecht bleibt: Ich bin dir so lange böse, bis du tust, was ich will. Mit einer Forderung wollen wir signalisieren, dass es keinen anderen Weg zur Lösung für „unser“ Problem gibt, als dass die andere Person etwas ändert. 

Und das ist die Krux mit dieser Strategie: Wir treten die Verantwortung ab und das Machtgefälle dreht sich um. Wir sind in der hilflosen Rolle. Wir können niemanden zwingen, unseren Willen zu erfüllen. Wir können zwar mit Druck, Drohung, Erpressung, Manipulation usw. erzwingen, dass andere das tun, was wir wollen, aber sie tun das dann nur widerwillig und zahlen uns ihre Unterwerfung bei nächster Gelegenheit heim, direkt oder indirekt. Alles, was jemand gegen seinen eigenen Willen tut, hat keinen Bestand und keine Haltbarkeit und verbleibt als Knoten in der Beziehung.

Das Wünschen als Abhilfe

Ob das Wünschen hilft oder nicht, ist nicht die Frage. Es ist allerdings der Königsweg zu einer beschämungsfreien Kritik- und Feedbackkultur. Die Absichtslosigkeit ist der entscheidende Stolperstein auf diesem Weg. Denn wir verfolgen immer Absichten, wenn wir Kritik üben oder Feedback geben. Auf das Weglassen von Absichten müssen wir uns vorbereiten. Wir können nicht darauf hoffen, dass sie sich spontan einstellt. Sie erfordert das Üben von Achtsamkeit und das entspannte Eingehen auf den Partner, dem das Feedback gilt. Denn nur wenn wir entspannt sind und innerlich distanziert von der Angelegenheit, die uns stört, können wir uns von den aggressiven Aspekten des Vorwurfs und von der Dringlichkeit des Forderns verabschieden. Dann bietet sich der Weg des absichtslosen Wünschens an. Er hilft, die Kommunikation von den Fallen der Beschämung zu befreien.

Zum Weiterlesen:
Scham und Rache
Emotionale Erpressung und der Ausweg
Scham und Verletzlichkeit
Lernen ohne Belehrung
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit

Donnerstag, 1. April 2021

Die verschüchterte und die böse Schwester: Scham und Rache

Jede Beschämung hat eine Rache zur Folge. Dieser Zusammenhang scheint in der menschlichen Psyche wie ein Naturgesetz zu wirken: Keine Beschämung ohne Rache. Beschämungen werden als Demütigung erlebt, als Verletzungen der eigenen Würde. Um den beschädigten inneren Wert wieder aufzurichten, muss ein Ausgleich geschaffen werden. Der Schaden, der geschehen ist, muss vergolten werden, dann ist das Gleichgewicht wiedergewonnen.

Wir kennen diese Dynamik von der Blutrache, die uns wie ein sinnloses archaisches Ritual erscheint, das nie endet und das wir kopfschüttelnd irgendwelchen primitiv gebliebenen Ecken dieser Welt zuordnen. Tatsächlich aber kennen wir die Rituale der Rache in unserem eigenen Inneren nur zu gut. Die Rache kann viele Formen annehmen. Oft bemerken wir sie gar nicht, weil wir sie nicht bewusst erleben. Wir erleben die Verletzung, die wir erlitten haben, allzu gut, aber was dann in unserem Inneren abläuft, erscheint uns in jeder Hinsicht als sinnvoll und gerechtfertigt. Jede Verletzung sucht Heilung, das ist klar, weniger offensichtlich ist aber, dass wir im emotionalen Bereich und auf der sozialen Ebene auch einen Ausgleich brauchen. Folgt auf die Verletzung eine Entschuldigung, so können wir schnell in Frieden kommen, außer wir sind nachtragend. Kommt zur Verletzung eine Beschämung in Form einer Abwertung oder Beleidigung, so ist nicht nur ein Randteil unserer Psyche betroffen, der leidet, sondern dazu noch ihr Kern, ihr Zentrum. Unser Wesen und damit unsere Existenzberechtigung ist in Frage gestellt, beschmutzt, missachtet.

Schamreaktionen wirken zunächst wie ein Schock, der alles lähmt. Wenn sich die Blockierung löst, dann wird der Schmerz über die Verletzung spürbar, und bald danach regen sich die Racheimpulse, die eine Vergeltung verlangen. Auf diese Weise soll der beschädigte Selbstwert wieder aufgerichtet werden.

Die Logik der Rache

Das ist die Grundstruktur der Rache: Wenn ich wegen dir leide, sollst auch du leiden. Wenn du mir weh getan hast, sollst auch du Schmerzen haben. Dann sind wir wieder gleich. Da ich zunächst Opfer deiner Tat bin, muss ich Täter werden und du bist das Opfer. Die Krux liegt darin, dass das Opfer dann wieder Täter werden muss, und die Auseinandersetzung geht weiter.

Warum hängen wir so an dieser Logik? Wir erwarten uns, dass wir besser verstanden werden, wenn die andere Person das Gleiche erleidet wie wir selber. Wir sind beleidigt worden und beleidigen dann zurück. So soll die andere Person verstehen, was sie angerichtet hat und wie sehr es schmerzt. Um diesen Effekt zu verstärken, verdoppeln wir manchmal die Intensität oder den Gehalt der Verletzung. Klarerweise drehen wir mit diesem Verhalten an der Eskalationsschraube.

Im Grund steckt also ein Hilfeappell hinter der Rache: Bitte verstehe mich, ich leide. Es ist der Wunsch nach Mitgefühl. Wenn jedoch keine Aussicht auf Mitgefühl besteht oder viel zu selten die Erfahrung gemacht wurde, dass Verletzungen verstanden werden und dass Trost kommt, meldet sich schnell der Racheimpuls. Es ist also ein Mangel an empathischer Einfühlung, der die Menschen rachsüchtig werden lässt.

Die Aggression, die in der Rache steckt, kompensiert die Scham und die mit ihr verbundene Schwäche und Hilflosigkeit. Im Impuls zur Vergeltung steckt eine Selbstermächtigung: Ich hole mir zurück, was mir genommen wurde, notfalls mit Gewalt. Da mein Selbstwertgefühl herabgewürdigt wurde, während sich die andere Person über mich gestellt hat, muss ich dafür kämpfen, dass sich das Verhältnis wieder umkehrt und ich wieder Oberwasser habe. Dazu dient die Rache.

Scham, Rache und Krieg

Die Menschheitsgeschichte ist voll von Beispielen für den unheilvollen Zusammenhang zwischen Scham und Rache. Bei vielen, wenn nicht bei allen kriegerischen Ereignissen finden sich Beschämungen, gefolgt von Rache an prominenter Stelle unter den Auslösern.

Eine der frühesten überlieferten Erzählungen handelt vom Trojanischen Krieg, der mit einer Beschämung beginnt: Menelaos, dem König von Theben wird die Frau vom Sohn des trojanischen Königs entführt. Aus Rache beginnen die Griechen einen Krieg gegen Troja, der zehn Jahre dauert.

Am 23. Mai 1618 werden drei hohe Beamte des Kaisers von Aufständischen aus einem Fenster der Prager Burg gestürzt, eine Beleidigung des Kaisers. Daraufhin beginnt ein Krieg, der dreißig Jahre dauert und weite Teile Mitteleuropas verwüstet.

Deutschland beginnt am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg, der propagandistisch durch die Rede vom „Schandvertrag von Versailles“ vorbereitet worden war. Deutschland habe durch den Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg eine Beschämung erlitten, die nur durch eine Revision des Vertrages beseitigt werden könne. Es beginnt ein Krieg, der ein vorher nicht dagewesenes Ausmaß an Todesopfern und Zerstörungen anrichtet.

Am 11. September 2001 werden zwei Wolkenkratzer in New York durch Attentäter zum Einsturz gebracht, mit Tausenden Todesopfern. Die Supermacht USA erleidet eine Beschämung. Als Rache beginnt ein Krieg gegen Afghanistan, der bis heute andauert, und zwei Jahre später ein Krieg gegen den Irak, der das Land nachhaltig destabilisiert hat. Diese Kriege haben hunderttausende Menschenleben gefordert und zwei Staatsgebilde ruiniert. Die Folge war eine Zunahme des islamistisch motivierten Terrorismus, als Vergeltung der Racheaktionen.

Stellvertretende Rache

Manchmal kriegen andere die Aggression ab, wenn wir ein Ungemach erlitten haben. Das typische Beispiel ist der Angestellte, der vom Chef heruntergemacht wird, zuhause die eigene Frau anschnauzt, die das Kind schimpft, das schließlich dem Hund einen Rüffel gibt. Natürlich würden wir uns freuen, wenn der Hund bei nächster Gelegenheit den Chef beißt, aber das gibt die Geschichte nicht mehr her.

Vor allem in hierarchischen Systemen ist es schwer und riskant, direkt Rache für erlittenes Unrecht zu üben, also werden Stellvertreter gesucht, denen die Demütigung zurückgezahlt werden soll und die benutzt werden, um den eigenen Selbstwert wieder zu stabilisieren. Das ist der Kitt im hierarchischen Gefüge, das die Über- und Unterordnung zementiert: Die Hackordnung, die auf allen Stufen Gewalt erlaubt, aber immer nur in einer Richtung, von oben nach unten. Die Geprügelten prügeln, die Misshandelten misshandeln, immer die Schwächeren. Nach oben buckeln, nach unten treten, lautet die Devise.

Die Rache nach oben gibt es allerdings auch, aber meist nur indirekt. Sie äußert sich vor allem im passiven Widerstand, der die aufgestaute Wut kanalisiert. In Organisationen, in denen viel autoritäres Gehabe und Abwertungen vorkommen, sind besonders häufig passive Racheaktionen die Folge, die sich in Verweigerung, Verschleppung, Informationsunterdrückung, Krankenständen usw. ausdrücken.

Viele Racheaktionen werden genutzt, um längst fällige offene Rechnungen aus der Vergangenheit zu begleichen, und beziehen ihre emotionale Wucht aus einem Fundus unbearbeiteter vergangener Kränkungen, die oft weit in die Kindheit und Schulzeit zurückreichen. Wo die Achtung und das Verständnis fehlen und Beschämungen ohne Folgen und ohne Ausgleich bleiben, gedeiht die Missgunst und das Misstrauen, ein inneres Klima entsteht, das Rachegefühle und Racheaktionen begünstigt.

Rache im Denken

Für den Fall, dass wir es uns verkneifen, die Racheimpulse offensiv und direkt auszuleben, haben wir unser Denken zur Verfügung. Es stellt sich zur Verfügung, dass wir hier den gesuchten Ausgleich finden können. Wir erzeugen alle möglichen abwertenden und verletzenden Gedanken, malen uns in der Fantasie aus, was der anderen Person zustoßen sollte, oder schmieden Rachepläne, die wir dann nicht ausführen. Wir sollten allerdings damit rechnen, dass sich die Rachegedanken, wenn wir sie zu umfangreich pflegen, in passiven Aggressionen äußern werden. Aber in solchen Fällen haben wir dann Ausreden zur Verfügung: Ach, deine Lieblingsvase ist mir aus der Hand gerutscht, sie war so glitschig. Ich hatte gestern so viel anderes im Kopf, und obwohl ich immer wieder an deinen Geburtstag gedacht habe, hatte ich überhaupt keine Zeit für einen Anruf.

Indirekt Rache üben wir auch dann aus, wenn wir schlecht über nicht anwesende Personen, also hinter ihrem Rücken, reden. Wir werden unseren Ärger los, müssen uns aber nicht direkt mit der Person auseinandersetzen. Auch hier suchen wir das Verständnis der Mitmenschen, die uns Recht geben sollen, dass wir schlecht behandelt wurden, und die die Täterperson wie wir auch verurteilen. Wir haben eine Allianz gegen den Bösewicht geschmiedet, die ihn zur Strafe isoliert.

Vom Fluchen und Verwünschen

Eine spezielle Spielart der Rache findet sich bei Flüchen und Verwünschungen. Denken wir an das Märchen vom Dornröschen. Die dreizehnte der weisen Frauen, die nicht zum Geburtsfest von Dornröschen eingeladen wurde, spricht einen Fluch über die Königstochter aus, dass sie sich an ihrem fünfzehnten Geburtstag an einer Spinnnadel stechen und daran sterben wird. Aus Rache, dass sie nicht eingeladen wurde, spielt sie ihre Zaubermacht aus und versetzt alle in Angst und Schrecken; der Fluch lastet fortan über der Königsfamilie.

Flüche und Verwünschungen verbinden die Rache mit der Welt der Magie mit ihren besonderen Kräften. Wo die Macht in dieser Welt nicht ausreicht, um erlittene Ungerechtigkeiten auszugleichen, müssen höhere Mächte beschworen werden. Das Böse im Fluch trägt einen besonderen Grauen in sich, weil es nur von der Person, die den Fluch ausgesprochen hat, wieder aufgehoben werden kann. Andererseits hängt die Wirkung vom Glauben an die Macht des Fluches und seiner höchsten Fürsprecher ab, ähnlich wie beim Voodoo-Zauber. Wenn der Adressat des Fluches diesem keine Wirkkraft zuspricht, ist er folgenlos.

Neben diesen „mächtigen“ Flüchen gibt es jene des Alltags, die uns bei den größeren und kleineren Missgeschicken und Schlechtbehandlungen hochkommen. Ein kleines Beispiel: Viele elektronische Geräte sind wohl schon Objekt von Verfluchungen durch ihre Nutzer geworden, aber gemeinhin gehören sie zu jenen, die nicht an die Macht des Fluches glauben. Jede Unfähigkeit, die uns bei den technischen Geräten unterläuft, beschämt ein wenig, und das Fluchen entlastet, indem wir die widerborstigen Objekte durch Beschimpfungen beschämen, in diesen Fällen freilich folgenlos.

Aussteigen aus der Rachedynamik

Ohnmachtserfahrungen, wie sie mit dem Schamerleben verbunden sind, bilden den Ursprung von Rachegedanken und -handlungen. Die Erfahrung einer gelungenen Rache erlaubt eine kurzzeitige Befriedigung, doch keine dauerhafte Befriedung. Vielmehr tendieren Rachedynamiken zur Unendlichkeit: Jede Rache, die ihr Ziel erreicht, beschämt und schafft die Grundlage für eine Gegenaktion. Rache hat Rache zur Folge, und die Gefahr besteht, dass die Gewalt mit jeder Runde zunimmt.

Darum ist es wichtig, die Rachedynamik bei sich selbst abzubrechen, sobald sie bewusst wird. Das ist der einzige Schritt zur Befriedung, der in unserer Macht steht. Macht über andere und ihr Verhalten, geschweige denn ihr Inneres ist uns ja nicht wirklich gegeben.

Verletzungen und Beschämungen sind Aspekte des Soziallebens, die sich nicht einfach abschaffen lassen, sondern immer wieder geschehen können, weil die Kapazitäten zur Achtsamkeit bei uns und unseren Mitmenschen wie alles andere auch beschränkt und unvollkommen sind. Was wir schaffen können, ist die nachträgliche Bewusstheit: Legen wir unser Augenmerk auf unsere Reaktionsgewohnheiten, wenn wir Unachtsamkeiten unserer Mitmenschen erleben und spüren wir, wo sich Racheimpulse aus dem eigenen Repertoire einmischen. Welche anderen Möglichkeiten haben wir, ohne den aussichtslosen Umweg über die Rache zu einer Lösung des Konflikts zu kommen? Nutzen wir unsere soziale und emotionale Kreativität, um unsere Racheimpulse zu durchschauen und abzuschwächen und konstruktive kommunikative Wege für die zwischenmenschlichen Probleme zu erschaffen.

Zum Weiterlesen: 

Die passive Aggressivität

Krieg und Scham

Montag, 29. März 2021

Lernen ohne Belehrung

Es geht in diesem Artikel um Lernlektionen, die wir anderen vorschreiben oder verpassen wollen. Sie sollen etwas lernen, was uns das Leben mit ihnen leichter machen soll.

Wir begegnen anderen Menschen auch aus dem Grund, um von ihnen zu lernen. Sozial sein heißt Abstimmung, Anpassung und gemeinsam neue Möglichkeiten erschließen. Andere Menschen erkennen und wissen anderes, was wir nicht erkennen und wissen. Deshalb sind menschliche Beziehungen immer auch Lehr- und Lernbeziehungen. Aneinander wachsen wir, wenn ein fruchtbarer Austausch gelingt.

Das Voneinander-Lernen enthält allerdings immer auch heikle Seiten, nicht immer gelingt es, die Kommunikation auf einer konstruktiven Ebene zu halten. Denn in Situationen, in denen jemand anderer will, dass wir etwas Neues von ihm lernen, kommen die Erinnerungen an frühere Lernprägungen, die wir aus unserer Geschichte (Familie, Kindergarten, Schule, Arbeitsplatz) mitnehmen. Schnell können wir uns belehrt fühlen, wenn uns jemand nur einen gutgemeinten Rat gibt. Oder wir fühlen uns bevormundet, wenn uns jemand eindringlich mitteilt, wie wichtig diese oder jene Einsicht für uns wäre. Ein Rat, der uns gegeben wird, erscheint uns manchmal wie ein Rat-Schlag, der uns eine Verletzung zufügen will.

Viele Lernsituationen haben mit Scham zu tun. Sie treten dann auf, wenn wir uns zu einem Lernschritt gezwungen fühlen, wenn also jemand anderer will, dass wir etwas lernen und wir selber nicht. Es können auch Situationen auftauchen, in denen wir nicht verstehen konnten, warum wir etwas lernen sollten, oder in denen wir uns als Mensch beim Lernen nicht geachtet fühlten. Bei manchen Menschen ist aufgrund solcher gehäufter Erfahrungen Lernen generell mit Scham assoziiert. Vermutlich kennt darüber hinaus jeder/jede von uns Lernsituationen mit Schräglage und hat daraus eine Aversion gegen Lernen unter Druck entwickelt, vor allem dort, wo es auf der emotional-sozialen Ebene eingefordert wird.

Eingefordertes Lernen

Aus Unstimmigkeiten und Konflikten keimt die Erwartung, dass die andere Person etwas lernen sollte, das uns den Umgang mit ihr erleichtert. Ändert sich der andere, geht es mir besser (und ich brauche mich selbst nicht zu ändern). So läuft ein bekanntes Muster in vielen Beziehungen, von intimen bis zu geschäftlichen und politischen. Meist vermeinen wir klar zu wissen, welche Lektion aus dem Buch des Lebens unsere Mitmenschen nachholen sollten, um unseren Ansprüchen und Erwartungen zu genügen. Außerdem vermeinen wir, dass, wenn wir ihnen mitteilen, welche Lernaufgaben für sie am dringlichsten sind, wir davon enthoben sind, unsere eigenen Lernschritte zu machen.

Wir delegieren also gerne die Verantwortung für die Verbesserung der Beziehungen auf die anderen, denn die Verantwortung selber zu tragen ist weniger bequem. Das tun wir, indem wir das Lernen delegieren, dem wir uns selber unterziehen sollten. Das geschieht etwa in der Art: „Du solltest endlich lernen, wie man richtig mit mir umgeht.“ „Du solltest endlich lernen, was ein anständiges Benehmen ist.“ Usw.

In diesen Fällen verstehen wir unter einem Lernen, das wir uns von jemand anderem wünschen oder einfordern, dass er oder sie so werden, empfinden und denken soll wie wir es brauchen. Lernen heißt dann, dass sich die andere Person gemäß unseren Vorstellungen verändern soll. Statt eines Lernangebots oder einer Lerneinladung stellen wir ein Lerngebot auf: Ich schreibe dir vor, was du zu lernen hast. Und dann kannst du endlich so werden, wie ich dich haben will. Erst dann finden wir zur Harmonie.

Beschämung als Druckmittel

Solche Forderungen enthalten das Druckmittel der Beschämung. Sie setzen die andere Person herab und stellen sich selbst darüber, in der selbstbesessenen Ansicht, dass das Eigene besser ist als das andere. Der Kommunikationspartner muss sich an die eigenen Standards anpassen, sonst ist er nicht anerkennenswert. Diese Einstellung führt zu einer Haltung der Abwertung bis hin zur Verachtung der unterlegenen Person, die aus dieser Sichtweise voll gerechtfertigt erscheint.

Der Anspruch, dass sich andere unseren Vorstellungen gemäß verändern müssen, arbeitet also unweigerlich damit, die betroffenen Mitmenschen in den Zustand der Scham zu versetzen. Sie werden auf einen minderen Wert herabgestuft und müssen sich deshalb anstrengen, wieder auf einen Zustand zurückzufinden, auf dem sie unsere soziale Anerkennung verdienen. Bleiben sie auf dem niedrigeren Entwicklungsniveau, in dem sie durch ihre Schuld festhängen, ist ihnen nicht zu helfen.

Lernanregungen ohne Macht

Wie entkommen wir dem Unbehagen, das das achtlose und unbewusste Handeln unserer Mitmenschen in uns auslöst? Müssen wir alles in uns selber verarbeiten? Können wir nicht von den anderen verlangen, dass sie ihre Verhaltensweisen ändern, damit wir es leichter haben? Wie also können wir sie zum Lernen bringen, ohne den Einsatz von Macht- und Druckmitteln?

Wir können Vorschläge machen, Bitten formulieren und Wünsche äußern, die dem anderen die freie Entscheidung lassen, ohne Forderung und Zwang. Wir erklären uns damit einverstanden, dass die andere Person auch ablehnen darf, was wir vorschlagen, wünschen oder erbitten. Wünsche und Bitten sind Selbstäußerungen, bei denen die eigene Bedürftigkeit im Vordergrund steht und nicht die Forderung an die andere Person. Sie kommen an und finden Resonanz, wenn die andere Person empfangsbereit und empathisch eingestellt ist. Sie müssen nicht immer zur Gänze umgesetzt werden, manchmal genügen auch Schritte in die gewünschte Richtung, um die Situation zu entspannen.

Sobald sich Druck und Macht hineinmischen, wenn wir uns über andere und deren Verhalten beschweren, sind Überlebensmuster in uns aktiv, die wir uns bewusst machen sollten. Denn sie bewirken, dass wir Spannungen in der Kommunikation erzeugen und dass es folglich unwahrscheinlicher wird, dass unsere Bitten und Wünsche erfüllt und unsere Vorschläge angenommen werden. Kommunikative Spannungen schränken die Empathie- und Annahmefähigkeit sowie die Bereitschaft, eigenes Verhalten zu ändern, ein.

Wird einem Wunsch nach Verhaltensänderung, den wir an eine andere Person richten, nicht stattgegeben, so reagieren wir spontan mit Enttäuschung. Wenn es uns nicht gelingt, die Enttäuschung in uns selber zu verarbeiten, müssen wir mit der Tendenz zur Rache rechnen: Die Person, die uns enttäuscht hat, muss bestraft werden. Schon wieder erzeugen wir Druck, und die kommunikative Situation eskaliert. Ein Überlebensmuster ist aktiv, und manchmal kämpfen wir so, als ginge es uns an den Kragen, oft bei Themen, die einem Außenstehenden als Bagatelle erscheinen.

Feedback-Regeln

In der klassischen Kommunikationstheorie wurden eine Reihe von Feedback-Regeln entwickelt, durch die das Senden und Empfangen von Rückmeldungen konstruktiv ablaufen sollen. Auch die Konzepte der gewaltfreien Kommunikation dienen diesem Zweck.

Regeln wirken allerdings nur dann, wenn die Haltung dahinter stimmt. Man kann ein nach allen Regeln lupenreines Feedback geben (die Person fragen, ob sie das Feedback empfangen will, mit positiver Anerkennung beginnen, konkretes Verhalten ansprechen und nicht Eigenschaften der Person usw.), und dennoch misslingt die Mitteilung, weil das Gegenüber die Intention hinter der Mitteilung als Machtdurchsetzung erlebt.

Es kann sich dabei zwar um eine Projektion handeln (den Machtanspruch gibt es nur in der Fantasie des Empfängers), aber es ist auch hier sinnvoll, bei sich selber nachzuschauen, ob nicht doch eine versteckte Agenda am Werken ist, eine, die mit Druck und Dringlichkeit ein rasches und gründliches Lernen bei der anderen Person einmahnt und allzu genau weiß, was geschehen soll und wie das Ergebnis ausschauen muss. Wenn die angesprochene Person diesen Braten riecht, wird sie vermutlich in eine Position der Beschämtheit geraten und mit irgendeiner Form der Abwehr reagieren.

Erwartungsfreie Wünsche

Es ist nicht leicht, echte Wünsche ohne heimliche Erwartungen auszusprechen, aber es ist die einzige Form, bei anderen Menschen ohne Machtausübung und damit ohne die Möglichkeit einer Beschämung ein Lernen im Verhaltens- und Gefühlsbereich anzuregen. Wenn die Erfüllung oder Nichterfüllung des Wunsches im eigenen Inneren gleichermaßen akzeptiert werden kann, hat die andere Person die größtmögliche Freiheit, von sich aus in einen Lernprozess einzusteigen. Es ist das ein frei gewählter, also intrinsisch motivierter Vorgang. Die Erträge dieser Lernvorgänge gehören dem anderen,  nicht uns, aber sie können die Kommunikation zwischen uns verbessern.

Das Zurücknehmen von Macht und das Aufgeben von Machtansprüchen ist eine der schwierigen Lernaufgaben, die sich uns immer wieder stellen. Es hilft nichts, sie von den anderen zu erwarten, solange wir sie selbst nicht gemeistert haben. Vielmehr können wir jede Störung, jede Unpässlichkeit und Verwerfung, die in der Kommunikation und im Zusammenleben mit anderen Personen geschieht, als Anlass nehmen, uns in der Tugend des Machtverzichts zu üben.

Zum Weiterlesen:
Psychologisieren - eine moderne Untugend   

Passive und aktive Demut

Montag, 22. März 2021

Psychologisieren - eine moderne Untugend

Wir wollen gerne andere Menschen nach unseren Vorstellungen zurechtbringen oder auch zurechtbringen lassen, vor allem Menschen, die wir anstrengend, nervig oder aus anderen Gründen ungeeignet finden. Falls wir ein wenig Ahnung von Psychologie haben, neigen wir zu der folgenden Verhaltensweise: Wir beginnen zu Psychologisieren. Das heißt: Wenn wir nicht damit einverstanden sind, wie sich jemand uns gegenüber verhält, müssen wir ihn gleich analysieren und sein Ursprungstrauma oder seine Beziehungsstörung herausfinden. Wenn wir etwas auffällig finden, was uns nicht passt, machen wir daraus sofort ein Problem, das wir diagnostizieren und in eine Schublade einordnen. Wir hoffen, dass die Person unsere Diagnose versteht und dann das Verhalten gleich ändert. Falls das nicht passiert, meinen wir, dass das Thema schleunigst bei einem Therapeuten behandelt werden müsste.

Mit Hilfe der Psychologie spielen wir uns als die Experten über das Seelenleben unserer Mitmenschen auf und wollen besser wissen, was in ihnen los ist und wie das unseren Vorstellungen gemäß verändert werden könnte. Mit der Seelenkunde vermeinen wir über einen Universalzugang zum Inneren unserer Mitmenschen zu verfügen, und je besser wir darin sind, desto leichter können wir unsere Mitmenschen durchschauen. Je besser unser Durchblick, desto mehr Kontrolle haben wir über die Menschen um uns und desto weniger Angst vor Verletzungen und Beschämungen brauchen wir zu haben. 

Mit jedem Lernen in diesem Gebiet gelingt es, den Störungen der Menschen genauer auf die Schliche kommen. Solange wir dieses Wissen zum Durchschauen der verborgenen Motive unserer Mitmenschen verwenden und weniger dafür, unsere eigenen Muster bewusst zu machen, sind wir selber aus dem Schneider. Wir können immer wieder in diese Position schlüpfen, wenn es eng wird in unserem sozialen Netz. 

Die Psychologie als Waffe

Die Mechanismen des Seelenlebens sind spätestens seit Freud ein faszinierendes Forschungsgebiet, nicht nur für uns selbst, sondern auch im zwischenmenschlichen Feld. Wenn wir mit anderen Personen nicht zurechtkommen, eilt uns die Psychologie zu Hilfe. Sie bietet Erklärungen darüber an, was den anderen so schwierig macht, und zeigt Wege auf, wie das verbessert werden könnte. 

Wenn wir dieses Wissen allerdings in Konfliktgespräche einbringen, dient es als Mittel zur Beschämung. Wir wollen die andere Person in ihren Schwächen bloßstellen und verwenden die psychologische Interpretation dazu, uns in unserer Kompetenz im Konfliktlösen herauszuputzen und damit die Linie vorzugeben, nach der das Thema bereinigt werden kann. Meist merken wir nicht, dass wir die Verantwortung für unseren eigenen Anteil an dem Thema abgeben, im Gegenteil, wir fühlen uns besonders verantwortungsvoll. 

Ein Beispiel: „Du verhältst dich wie ein Dreijähriger im Trotzalter.“ Es kann ja sein, dass die angesprochene Person im Moment in einem Regressionszustand gefangen ist, aber es hilft wenig, wenn dieser Treffer gelandet wird, vor allem, wenn er mit einem abschätzigen oder anklagenden Tonfall kommt. Niemand wird gerne in seiner Schwäche vorgeführt. Die heimliche Absicht dabei ist, die andere Person in eine beschämte Position zu bringen, was erst dann augenfällig wird, wenn der Zusatz kommt: „Und dafür solltest du dich schämen!“ 

Solche Diagnosen und psychologische Einschätzungen und Einordnungen haben den Zweck, die eigene Kompetenz herauszustellen und die andere Person in ihrem Innenleben bloßzustellen: Ich mit meinem scharfsinnigen und tiefgehenden Blick weiß, was die Antriebe hinter deinem Verhalten sind. Du solltest dich an meinem Durchblick orientieren und an meiner Überlegenheit wachsen. 

Diagnosen sind Bloßstellungen, und Bloßstellungen haben immer mit Scham zu tun: Der andere wird in seiner Schwäche, also in seiner Blöße herausgestellt. Deshalb ist die wahrscheinlichste Reaktion eine Form der Schamabwehr: Resignativer Rückzug, aggressiver Gegenschlag, Zynismus, Naivität, Spott usw. Selten tritt der erwünschte Erfolg ein, dass die angesprochene Person Einsicht zeigt und ihr Verhalten ändert. Dazu muss sie erst aus der Beschämungslage herauskommen. Nur dann kann sie einschätzen, ob die psychologische Deutung für sie Sinn macht oder nicht.

Pathologisierungen

Es geht noch schlimmer: Wenn wir Pathologisierungen einsetzen, also die Einordnung von Menschen als gestört oder psychisch krank, verschärft die Beschämung zur Demütigung. Häufig werden mit psychologischen Interpretationen gleich krankheitswertige Diagnosen mitgeliefert, mit denen deutlich gemacht werden soll, dass die betreffende Person nicht bloß eine Macke hat, die einem nicht passt, sondern schleunigst in die Klapse gehört. 

Psychologisierungen ersparen uns ein mühsames Gespräch, um gemeinsam zu klären, was los ist und wie wir miteinander weiterkommen. Sie klatschen eine Interpretation drüber, die der andere entweder schlucken oder abwehren muss. Jedenfalls wird an den Schrauben des Konflikts weiter gedreht: Die Psychologie dient der Konflikteskalation. Wenn sie offensiv und aggressiv eingesetzt wird, trägt sie nichts zur Klärung bei, sondern schafft zusätzlich eine Ungleichheit zwischen dem scheinbar besserwissenden Experten und dem „Fall“. Außerdem suggerieren wir mit der Psychologisierung, dass sich der Schaden nur mit fachkundiger professioneller Hilfe an der anderen Person behoben werden kann, dass also ein weiteres Gespräch gar keinen Sinn macht.

Phasen der Selbsterkenntnis

Wenn sich Menschen einer Psychotherapie oder psychologischen Beratung unterziehen, durchlaufen sie meist bestimmte Phasen, die ich in früheren Artikeln beschrieben habe. In der zweiten Phase, in der es zu einer Stärkung der Selbstbeziehung kommt, entsteht oft die Tendenz, das mit und an sich selbst erworbene Wissen in der Kommunikation zu verwenden.

Es geht der Blick auf die Schwächen und Marotten der Mitmenschen. Häufig wird dabei die eigene Bedeutung überhöht, die eigene Wichtigkeit besonders akzentuiert, oft auf Kosten der Mitmenschen. Wir dünken uns als besser, reifer und reflektierter als die anderen, weil wir dies und jenes über uns selbst erkannt haben. Schnell geschieht es, dass wir diese Erkenntnisse auf die anderen anwenden und sie nach den Kategorien und Begriffen, die wir in der Selbsterforschung erlernt haben, einordnen und einschätzen. Das ist die Phase, in der die Psychologie als Instrument in unsere Alltagskommunikation eindringt und dort Unruhe stiften und Schaden anrichten kann, wenn wir sie nicht achtsam und verständnisvoll einsetzen. 

Die nächste Phase der Innenerforschung beinhaltet das Durchschauen der Muster, die hinter den Strategien des Psychologisierens stecken. Sie haben mit eigenen Unsicherheiten zu tun, die mit Hilfe von Fachbegriffen und Kategorisierungen als kognitive Sicherheit scheinbar überwunden werden. Wir wollen die Deutungsmacht erobern, die uns von Anfang an gefehlt hat, weil sie in der Kindheit bei den Eltern monopolisiert war. Wir haben in der Therapie erfahren, was uns das antut und wie wir darunter leiden. Als nächstes lenkt uns unser Unbewusstes dahin, die erlittenen Zurücksetzungen und Beschämungen aus Rache anderen zuzufügen. Wir beginnen, die errungene Deutungsmacht zum Schlechtmachen und Abwerten unserer Mitmenschen einzusetzen und bringen damit, ohne es zu merken, unsere kindlichen Konflikte in die Erwachsenenwelt ein. 

Sobald wir erkennen, dass wir mit dieser Strategie mehr Schaden als Nutzen produzieren, sind wir bereit für den nächsten Schritt, in dem wir die Projektionen, die hinter dem offensiven Einsatz der Psychologie stecken, zurücknehmen können. Wir werden dabei merken, dass es uns zunehmend leichter fällt, die Eigenarten unserer Mitmenschen zu tolerieren statt sie zu pathologisieren.

Zum Weiterlesen:
Phasen im inneren Wachstum
Unterschiede im inneren Wachstum


Freitag, 19. März 2021

Das Vergleichen in Beziehungen

Das zwischenmenschliche Vergleichen kennt mehrere Richtungen: Wir vergleichen uns selbst mit anderen, vergleichen andere mit uns oder vergleichen andere mit anderen. Hier geht es um die letztere Vergleichsform, vor allem bezogen auf Menschen, mit denen wir in einer Nahbeziehung stehen.

Wir neigen dazu, gerade diese Menschen mit anderen zu vergleichen. Vor allem dann, wenn wir Probleme mit diesen Personen haben, suchen wir uns Vergleichsobjekte, mit denen es leichter wäre oder die eine Eigenschaft nicht haben, die uns stört. Besonders heikel ist das Vergleichen, wenn es um Liebesbeziehungen geht. Es kann das Äußere einer fremden Person als schöner empfunden werden als das des eigenen Partners. Oder es gibt da draußen jemanden, der mehr Intelligenz, Geld, Sportlichkeit, Witz, Gelassenheit usw. hat. 

Wir spüren, dass das Vergleichen irgendwo unfair und gemein ist. Denn wir nutzen es, um die Person, um die es uns dabei geht, schlechtzumachen, abzuwerten und herabzustufen: Andere sind besser, schöner, schneller, reicher als du. Und deshalb zählst du weniger – und deshalb kann ich dich auch umso weniger liebhaben, nur wegen deiner Fehlerhaftigkeit, an der du selber schuld bist. 

Wie alle Gemeinheiten, die uns unterlaufen, fallen auch solche Vergleiche auf uns zurück. Denn die nächsten Gedanken melden sich bald: Wer sind wir denn selber, wenn wir einen Liebespartner haben, der im Vergleich zu den anderen so schlecht abschneidet? Vielleicht denken wir, wir hätten uns jemand Besseren verdient, aber wo ist diese bessere Person? Warum haben wir sie nicht schon lange gefunden? Sind wir selber so unattraktiv, dass sich nur Menschen für uns interessieren, die so mangelhaft sind? Schon landet die Last des Vergleichs bei uns selber und wir müssen uns eingestehen, wir haben genau den Menschen als Partner, den wir gerade haben – ob verdient oder unverdient, ist noch die Frage. 

Die Rolle der Scham

Beim Vergleichen spielt die Scham eine treibende Rolle. Wir leiden im Verborgenen an unserer eigenen Mangelhaftigkeit. Weil wir uns deshalb schämen, das Schamgefühl aber so unangenehm ist, projizieren wir die Mangelhaftigkeit auf die andere Person und stellen durch Vergleiche sicher, dass wir mit unserer Einschätzung richtig liegen. 

Es gibt ja tatsächlich Menschen, die in dieser oder jener Hinsicht besser sind als die Person, mit der wir zusammen sind. Aber warum müssen wir diese Leute in unseren Kopf hineindenken? Warum zaubern wir sie aus einem imaginären Hut? Was ändert sich dadurch an der Unzufriedenheit, die uns zum Vergleich angestiftet hat? Vermutlich wird sie nur noch größer.

Richtig wohl fühlen wir uns nicht bei solchen Vergleichen, weil wir insgeheim merken, dass wir damit einem Menschen unrecht tun. Wir bewerten, messen, schätzen diese Person, als wäre sie ein Artikel in einem Geschäft, den wir mit einem anderen vergleichen, um die richtige Kaufentscheidung treffen zu können. Wir behandeln die Person also nicht als Person, sondern als Ansammlung von Eigenschaften, die jeweils mit Besserem verglichen werden können. Dabei nutzen wir die Scham als Waffe: Die Herabstufung, die wir der anderen Person antun, bringt sie in eine beschämende Position. Wir sprechen ihr einen minderen Wert zu, worüber sie nur Scham empfinden kann.

Die innere Dynamik der Scham bewirkt allerdings, dass sie uns selber in Beschlag nimmt, sobald wir uns mit dem Beschämen anderer Menschen beschäftigen. Andere abzuwerten beschämt uns selber, wenn wir genau hinspüren. Jeder asoziale Impuls hat eine Schamreaktion zur Folge. Und abwertende Vergleiche sind gemeinschaftsschädigend.

Da uns solche Einsichten beschämen würden, verleugnen wir unseren eigenen Anteil. Vielmehr schützen wir uns mit der Offensichtlichkeit der Vergleichsperspektive vor dem lästigen Schamgefühl. Wir tun so, als hätten wir eine objektive Wahrheit über die andere Person entdeckt, ein Faktum, das unbestreitbar ist. Darauf gründen wir die Rechtfertigung für unser Vergleichen.

Selbstwertmangel

Wo die Scham mitwirkt, ist der Selbstwert geschwächt. Auch hier wirkt die Dynamik, dass das Vergleichen zwar die andere Person abwertet, aber dass jedem Vergleichen eine Mangelperspektive zugrunde liegt, die mit geringem Selbstwert zusammenhängt. Wer vergleicht, hat es nötig, könnte man sagen.

Scheinbar verschaffe ich mir mehr Eigenwert, indem ich mich in die Lage versetze, Mitmenschen in Wertrelationen einzupassen. Ich maße mir eine Richterposition an, die mich überlegen sein lässt. Sobald ich mich auf solche Weise über andere darüber stelle, wird offenbar, dass ich mich künstlich überhöhen muss, weil ich mich in Wirklichkeit unterlegen fühle.

Ausgesprochene und heimliche Vergleiche

Es macht noch wichtigen einen Unterschied, ob wir jemand anderen vergleichen und diesen Vergleich bei uns behalten oder aussprechen. Behalten wir ihn bei uns, nutzen wir ihn, um das Bild der anderen Person, das wir in uns tragen, zu verschlechtern und zu verdunkeln. Die andere Person kann merken, dass sich in unserem Verhältnis zu ihr etwas verändert hat, ohne es deuten zu können. Vermutlich wird aber ein Misstrauen entstehen, das dann irgendwann einen Konflikt auslöst.

Sprechen wir den Vergleich aus und konfrontieren damit die angesprochene Person mit ihrem Vergleichsobjekt, so beschämen wir sie direkt und riskieren damit, dass uns mit einer der Formen der Schamabwehr gekontert wird. Jedenfalls schaffen wir damit eine kommunikative Spannung oder verstärken eine schon bestehende. 

Zwischenmenschliche Vergleiche sind also in allen sozialen Bereichen effektive Mittel, um die Beziehungen mit Spannung aufzuladen und Konflikte herbei zu beschwören. All die Schwierigkeiten, die wir damit produzieren, fallen immer auch auf uns zurück. Deshalb sollten wir mehr Achtsamkeit und Bewusstheit auf unsere Tendenzen lenken, solche Vergleiche anzustellen und diese Aspekte unseres Verstandes zu entlarven und damit abzuschwächen. Wir brauchen eine Disziplin in unserem Denken, um aus solchen Gewohnheiten herauszukommen.

Offene Kommunikation

Statt angesprochen oder heimlich Vergleiche anzustellen, wenn uns an unseren Beziehungspartnern etwas stört, ist es konstruktiver und hilfreicher, über diese Punkte mit den betreffenden Personen zu reden. Wir können Wünsche nach Verhaltensänderungen ausdrücken und Verständnis für unsere Anliegen bekommen. Wir merken, dass wir es mit unvollkommenen Menschen zu tun haben, und dass wir selber unvollkommen sind, auch in der Kapazität unserer Akzeptanz und Toleranz für das Anderssein der anderen. 

Überall dort, wo Gespräche gelingen, lösen sich Tendenzen zum Abwerten von selbst auf und die Beziehung vertieft sich durch das wechselseitige Wertschätzen gerade der Andersheit der anderen Person. Sobald wir uns daran freuen können, wie unsere Mitmenschen sind, werden Vergleiche sinnlos und wir kommen in Frieden mit uns und unserer sozialen Umwelt. 

Zum Weiterlesen:
Das Vergleichen und der Selbstwert
Vom Vergleichen
Vergleichen macht uns abhängig
Über die Einzigartigkeit


Montag, 15. März 2021

Migration und Scham

Wer als Fremder in ein fremdes Land kommt, hat immer mit Scham zu tun: Fast alles, was hier selbstverständlich ist, war es im eigenen Herkunftsland nicht. Die Sprache oder die Sprechweise, die Essensgewohnheiten, die Begrüßungsrituale, die Blickkontakte – die Anlässe für Fehltritte und Ausrutscher sind endlos und führen immer zur Scham. Erst recht, wer in ein fremdes Land kommt, um dort zu leben, sollte auf viele Schamanlässe vorbereitet sein. 

Die Scham der Selbstverleugnung

Die Scham meldet sich dabei aus mehreren Richtungen: 

Die erste kommt von hinten. Der Kontakt mit einer neuen Kultur, von der das eigene Weiterleben abhängt, erzeugt Widersprüche mit der Kultur aus der man abstammt. Müssen deren Werte verleugnet und durch neue ersetzt werden? Kann es gelingen, Mischungen zwischen dem Alten und dem Neuen herzustellen, oder ist das auch schon ein Verrat an der Tradition, die bisher in Geltung war und die eigene Identität geprägt hat? Beinhaltet die Verleugnung der Normen der Herkunftsgesellschaft auch eine Verleugnung der eigenen Identität? All diese Fragen konfrontieren mit Schamgefühlen. Denn in jeder Kultur wird die Einhaltung der Normen und Standards durch die Scham geregelt: Wer sich daneben benimmt, wird beschämt und soll sich schämen. Daraus soll er oder sie lernen, sich richtig zu verhalten. Notgedrungen kann die Einhaltung dieser Normen in einer anderen Gesellschaft nur mangelhaft gelingen. Dort, wo es nicht geht, meldet sich die Scham.

Die Scham des Ausgegrenztseins

Die zweite Ebene, auf der die Scham auftritt, kommt von innen und ist mit der Angst verbunden, in der neuen Gesellschaft keinen Platz zu finden und ausgegrenzt zu bleiben. Das Anderssein wird angesichts der vorherrschenden Normen als Makel und Stigma empfunden, als ein Abweichen von der Normalität. Als Reaktion kann es zum misstrauischen Rückzug kommen, zu angestrengtem Anpassen oder zu verzweifelter Aggression. Die aus diesen Reaktionen stammenden Verhaltensweisen sind mit Scham imprägniert und verhindern Erfahrungen von Freiheit und kreativer Selbstbestimmung. 

Die Scham der Abwertung

Die dritte Richtung kommt von außen, von den Menschen der heimischen Gesellschaft (eigentlich: von den irgendwann früher Eingewanderten). Sie empfinden schnell eine Angst vor Fremden, die sich ungewohnt verhalten oder unvertraut ausschauen. Als Schutz vor dieser Angst meldet sich die Abwertung und Verachtung der Fremden, die sie als mindere Menschen kennzeichnet, die nichts wissen und nichts können. Diese Missbilligung und Herabwürdigung beschämt die Zugezogenen und erschwert ihnen das Ankommen und Hineinwachsen in die neue Gesellschaft. 

Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Die Ansässigen haben den Eindruck, den Neulingen ginge es nicht um Integration und Einfügung in die bestehende Ordnung, weil sie spüren, dass die Anstrengungen, die die Fremden unternehmen, von Scham geleitet sind und deshalb nicht „echt“ wirken. Dieses Misstrauen wiederum stärkt bei den Angekommenen die Angst, keine Anerkennung zu kriegen und keinen Platz zu finden. 

Die Scham der Ansässigen

Allerdings gibt es auch eine Scham bei den Ansässigen angesichts der Zuwanderer. Zunächst einmal stammen auch sie aus Zuwandererfamilien stammen, so weit das auch zurückliegen mag und so wenig das bewusst sein mag. Insbesondere die großen Einwanderungsgesellschaften in Nord- und Südamerika und Australien haben es mit einer tiefsitzenden und gut verdrängten Scham zu tun, dass sie als Usurpatoren und Unterdrücker ins Land gekommen sind. Sie haben den Ansässigen mit Gewalt weggenommen, was deren Recht, Besitz und Würde war, sie haben deren Kultur zerstört und die eigene eingepflanzt, meist rücksichtslos und arrogant und voller Verachtung für die „Primitiven“. Die Folge ist eine massive kollektive Schambelastung, die mit allen Mitteln unterdrückt werden muss.

Auch in unseren Breiten hat es durch die Geschichte hindurch immer wieder Wanderbewegungen gegeben; die Welle der Zuwanderung im Jahr 2015 war zwar wegen ihrer ethnischen Zusammensetzung und geographischer Route etwas Neues in der mittel- und westeuropäischen Geschichte, aber nicht in ihrer Größenordnung, wenn man nur bedenkt, dass am Ende des 2. Weltkriegs fünf Millionen Menschen aus Osteuropa nach Westeuropa geströmt waren. Es ist weiters zu bedenken, dass durch frühere Siedlungs- und Wanderbewegungen fortwährend Bevölkerungsmischungen stattgefunden haben, sodass nur der Mangel an Quellen den Eindruck bei vielen erweckt, als wären ihre Stammbäume alle in einem umgrenzbaren Gebiet mit einheitlicher Kultur beheimatet. Z.B. sind meine Vorfahren väterlicherseits im 17. Jahrhundert über Böhmen aus den Niederlanden nach Oberösterreich ausgewandert. Mütterlicherseits könnte die Zuwanderung noch früher erfolgt sein, vielleicht schon im Zusammenhang der Ostausbreitung der Baiern im frühen Mittelalter. Aber so weit reichen die Quellen nicht zurück. Jedenfalls haben auf dem Boden, auf dem ich heute lebe, die unterschiedlichsten Ethnien gelebt, von denen oft keine Spuren geblieben sind.

Bedingte Heimat

Die Einsicht in die geschichtliche Bedingtheit, die in jedem Heimatbegriff steckt, sobald er über ein subjektives Gefühl hinausgeht, kann das Verständnis für die Dynamik zwischen Ortsansässigen und Hinzukommenden verbessern. Es gibt kein klares Maß dafür, ab wann eine Familie oder Bevölkerungsgruppe irgendwo als heimisch gilt, sodass sie alle, die von außen kommen, als fremd bezeichnen darf. Oft sind es gerade die später Zugezogenen, die besonders auf die Ausgrenzung der Fremden achten. Jede soziale Ausgrenzung enthält eine Schlagseite der Scham, indem sie die Abgesonderten beschämt und über diesen Vorgang im eigenen Inneren Scham auslöst. Wer ausgrenzt, beschämt sich also selbst.

Dazu kommt, dass die Werte in allen Kulturen die Herabwürdigung der Fremden verbieten. Vielmehr ist das Gastrecht und das Willkommenheißen der Fremden Teil der ethischen und religiösen Normen, die nicht ohne Sinn überall in der Menschheit aufgefunden werden können. Der Verstoß gegen diese Normen durch eine fremdenfeindliche Haltung hat Scham zur Folge, die oft mit besonders heftiger Aggression übertönt wird.

Solche Phänomene gibt es nicht nur im Rahmen der internationalen Migration, bei der oft sehr unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen. Sie beginnen schon bei kleinräumigen Übersiedlungen, wo es vor allem am Land lange, oft Generationen braucht, bis jemand, der in ein Dort zugezogen ist, von den Einheimischen als zugehörig angesehen wird. 

Das Autochthone reibt sich am Fremden, und die Reibung erzeugt Scham, wenn die Angst vor dem Fremden vorherrscht. In allen anderen Fällen entsteht aus dieser Reibung ein hohes Maß an Kreativität und schöpferischen Ideen, was Schmelztiegelstädte wie New York demonstrieren. 

Die meisten Menschen, wenn sie als Fremde in ein neues Land kommen, reagieren mit maximaler Anpassung an die herrschende Kultur, die bis zur Selbstaufgabe gehen kann. Sicher ist Anpassung die beste Strategie, um in einer fremden Umgebung Fuß fassen zu können. Aber wenn sie, angetrieben von der Scham, zur Selbstverleugnung und zum Verlust der Ressourcen der eigenen Kultur führt, ist es ein zu hoher Preis, der mit Lebenschancen und Lebensqualität bezahlt wird. Es sind aber auch Ressourcen, die der Kultur im Einwanderungsland fehlen.

Es liegt also auch  daran, die Schamblockierungen, die in das Migrationsthema eingeflochten sind, aufzulösen, auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene, um die Energien und Potenziale zu nutzen, die in der Zuwanderung stecken, und die Konflikte, die sich in diesem Zusammenhang immer wieder auftun, zu entschärfen. 

Zum Weiterlesen:
Die Heuchelei der Immigrationsfeinde
Mehr Konflikte durch gelingende Integration


Donnerstag, 11. März 2021

Wenn aus Beziehung Markt wird

In einem Artikel in der “Zeit” wird ein Experiment aus Israel geschildert. Eltern, die ihre Kinder verspätet vom Kindergarten abholt, wurden von den Betreuern missbilligend empfangen. Im Experiment wurden Strafzahlungen für das verspätete Abholen eingeführt, mit der Erwartung, dass die Eltern nunmehr pünktlicher beim Abholen sein würden. Doch das Gegenteil war der Fall: Es kam zu viel mehr Verspätungen. Und hier die Erklärung: Vorher war die Situation als soziale Abmachung wahrgenommen worden und die Eltern schämten sich, wenn sie die Betreuer zusätzlich belasteten. “Mit dem Geld kam die Möglichkeit ins Spiel, sich die längere Betreuung zu erkaufen. Die Scham wich dem Anspruchsdenken. Aus einer zwischenmenschlichen war eine finanzielle Frage geworden, aus Beziehung wurde Markt.” 

Immer mehr von dem, was es auf der Welt gibt, wird käuflich. Damit sind nicht nur Dinge gemeint, sondern auch soziale Beziehungen. Das ist der unerbittliche Zug des Kapitalismus. Wir sind schon längst alle auf ihn aufgesprungen, weil er uns das Leben vereinfacht und vordergründige Sorgen abnimmt. Dieser Prozess verläuft schleichend. Der Verlust an Zwischenmenschlichkeit, der sich unterschwellig vermehrt, wird uns dabei gar nicht oder nur an Symptomen spürbar, die wir dann oft nicht verstehen können. 

Im Mittelalter waren die Besitzverhältnisse auf Grund und Boden, d.h. die Quellen von Reichtum und Wohlstand, auf Beziehungen begründet. Jeder Teil des Landes gehörte einer Person, die sie an andere weiterverlieh oder verpachtete. Ein Netz aus persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen regelte die Besitztümer und die sozialen Verhältnisse. Jeder wusste, wem er in welcher Weise verpflichtet war, von wem er sich Hilfe und Beistand erwarten konnte und wem er selber Hilfe und Beistand gewähren musste.  

Mit dem Siegeszug des Kapitalismus seit dem Ende des Mittelalters wurden all diese persönlichen Abhängigkeitsbeziehungen schrittweise durch Geldbeziehungen abgelöst. Heute ist jedes Fleckchen Erde käuflich und verfügt über einen Geldwert, der über den Markt reguliert wird.  

Das ist nur ein Beispiel, wie die Marktbeziehungen zwischenmenschlichen Beziehungen ersetzen. Ein anderes, das in unseren Tagen immer wichtiger wird, sind die Pflegedienste. Bei Krankheiten und im Alter waren früher allein die Angehörigen zuständig für die Versorgung und Pflege. Doch auch hier gibt es die steigende Tendenz, diese Dienste bezahlen zu lassen, um sich auf dieser Weise der moralischen Verpflichtung zu entziehen und die Schuld gewissermaßen abzubezahlen. Vielleicht wird in nicht allzu ferner Zukunft die Leistung der Nachkommen darin bestehen, für die pflegebedürftige Person einen Roboter zu finanzieren. 

Abstrakte Beziehungen

Wenn sich persönliche Beziehungen in Marktbeziehungen verwandeln, geschieht ein Schritt vom Konkreten ins Abstrakte. Zwischenmenschliche Beziehungen sind konkret, leiblich und sinnlich wahrnehmbar. Die Kommunikation läuft direkt. Marktbeziehungen sind anonym, das jeweilige Gegenüber ist austauschbar und wird nummerisch geregelt, eben mittels Geld. Die Beziehungen sind auf eine abstrakte Ebene verschoben. 

Eine komplexe Gesellschaft kann ohne Marktbeziehungen und Abstrahierung nicht funktionieren. Sie kann auch ohne persönliche Beziehungen nicht existieren, doch verschieben sich vor allem seit der Einführung des Kapitalismus in steigendem Tempo die Verhältnisse, was uns zunehmend verunsichert. Es werden also laufend persönliche durch ökonomische Beziehungen ersetzt, d.h. Individualität durch Austauschbarkeit. So stellt sich die Frage, ob die sozialen Beziehungen irgendwann auf der Strecke bleiben. 

Vor allem dort, wo wir diese Veränderungen nicht verstehen können, machen sie uns Angst. Wir fürchten um unsere Kontakte, um unsere Zugehörigkeit und um die Anerkennung unserer Individualität. Tatsächlich ist es so, dass diese wichtigen Grundsicherheiten im System des Kapitalismus nicht gewährt werden können, weil es dort nur um die ökonomische Verwertung geht. Der Mensch ist Arbeitskraft und Konsument, mehr nicht. Es braucht ein anderes System, das weiterhin auf der Basis von persönlichen Beziehungen und der wechselseitigen Anerkennung der Subjekte beruht. Es nimmt uns die Angst vor dem Verwertetwerden, die Angst davor, nur mehr als Sache und nicht mehr als Mensch zu gelten, indem dort unser Sosein und unsere Zugehörigkeit bestätigt wird.  

Dieses System umfasst alle Beziehungen, die auf Mensch-zu-Mensch-Kontakten beruhen. Es wird manchmal mit dem Begriff der Zivilgesellschaft bezeichnet, geht aber in alle Bereiche, in denen Menschen direkt miteinander zu tun haben. Dieses System verschwindet nicht in dem Maß, in dem Teile von ihm anonymisiert werden. Das ist wohl der subjektive Eindruck, wenn Verluste an Zwischenmenschlichkeit beklagt werden. Vielmehr ändern sich die Formen der Kommunikation, z.B. durch neue Kommunikationsmedien. Dazu kommt, dass wir uns durch die Wohlstandssteigerung, die das kapitalistische System zustandegebracht hat, diese die Geräte für diese Medien auch leisten können. Wir kommunizieren deshalb immer mehr über digitale, also anonyme Wege persönlich miteinander.  

Ob im Zug dieser Entwicklung die Sozialbeziehungen von den Marktbeziehungen aufgefressen werden, bis nichts mehr von ihnen übrigbleibt, ist eine andere Frage. Sie hängt nicht nur von den ökonomischen und technologischen Veränderungsprozessen ab, auf die wir als Einzelne relativ wenig Einfluss haben. Es geht vor allem darum, wie wir leben wollen, d.h. welchen Raum und welche Bedeutung wir hinkünftig den zwischenmenschlichen Beziehungen einräumen wollen, gerade angesichts der Tendenzen, diese in Marktbeziehungen überzuführen. 

Schuld und Scham  

Auf der psychologischen Ebene gehen diese Entwicklungen einher mit Umschichtungen von Schuld- und Schamthemen. Darum soll es im Weiteren gehen. Die These dafür lautet: Auch wenn durch die Umwandlung von persönlichen in geschäftliche und schließlich in Mensch-Maschinen-Beziehungen Schuld- und Schamthemen obsolet werden, entstehen durch diese Veränderungen neue Quellen für diese Gefühle. 

Schuldthemen entstehen, wenn zwischen Menschen Rechnungen offenbleiben, die durch die Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes entstanden sind. Es kann sich dabei um emotionale oder materielle Rechnungen handeln. Meist ist klar, mit welcher Handlung die Schuld behoben werden kann. Ein Kredit ist fällig und das Geld wird zurückgezahlt. Eine Verletzung ist passiert und die Entschuldigung wird akzeptiert.  

Komplizierter ist es mit Schuldgefühlen oder Schuldkomplexen. Sie gehen auf emotionale Rechnungen zurück, die auf unfairen Voraussetzungen beruhen. Denn es geht dabei um Abmachungen, die auf ungleicher Ebene abgeschlossen wurden, in der Regel zwischen Eltern und Kindern, und dazu noch ohne Papiere oder Worte. Es gibt also nur implizite Hinweise auf solche Abmachungen, sie können nirgends nachgelesen oder verifiziert werden.  

Vielmehr handelt es sich um Erwartungen der Eltern, wie Kinder zu sein und zu handeln hätten, Erwartungen, die nicht verhandelbar waren, sondern von den Eltern als Spielregeln vorausgesetzt wurden, und deren Nichteinhaltung mit Schuld in Rechnung gestellt wurde. Aus den angehäuften Schulden entwickeln sich die Schuldgefühle oder Schuldkomplexe, die sich wie eine Grundprägung des Schuldseins und Schuldigseins anfühlen. Tatsächlich haben Schuldkomplexe nichts mit dem Wesen des Menschseins zu tun, sondern sind aus Not gebildete Strategien, die der Sicherung des emotionalen Überlebens dienten.  

Solche Schuldthemen können sich belastend in langen Strecken des Lebens auswirken, solange ihr Ursprung nicht erkannt und verstanden wird. Oft nehmen sie Dimensionen an, die sich weit über den eigenen Verantwortungsbereich hinaus ausdehnen: Schuldgefühle wegen einer privilegierten Lebenssituation angesichts von Hunger und Armut, Schuldgefühle wegen der Lebensweise weiter Teile der Gesellschaft, die die Klimakrise mitverursachen, Schuldgefühle, eine Wohnung zu haben, während andere obdachlos sind usw. 

Die Urscham  

Schuld und Scham haben eine innige Verbindung, die allerdings einseitig ist. Es gibt keine Schuld, die ohne Scham daherkommt, während die Scham so weit vor der Schuld liegen kann, dass sie ganz ohne Schuld ist. Denn die Scham reicht tiefer und rührt an die Grundlage unserer Existenz. Wenn wir uns schämen, stellen wir unser Sein, und nicht bloß unser Handeln, in Frage. Sind demnach grundlegende Erwartungen der Eltern durch die Existenz der Kinder, für die sie verantwortlich sind, bedroht, so nistet sich bei den Kindern eine Urscham ein. Kinder, die ungewollt zur Welt kommen und von ihren Eltern oder von einem Elternteil aus diesem oder aus anderem Grund vor allem als Belastung und als Existenzbedrohung wahrgenommen werden, müssen mit dieser tiefsitzenden Form der Scham leben.  

Verunsicherungen auf der uranfänglichen Ebene des eigenen Seins graben sich als Schamgefühle und Ängste tief in die Seele ein und werden leicht aktiviert, wenn sich die äußeren Bedingungen ändern. Überall dort in der Gesellschaft, wo persönliche Beziehungen in anonyme umgewandelt werden, tritt einerseits eine Erleichterung auf, weil es auf der abstrakten Ebene der ökonomischen Tauschgeschäfte keine Scham gibt. Andererseits werden die angesprochenen Gefühle der Verunsicherung zusätzlich aufgeladen. Die Scham meldet sich hinter jedem Schritt der Anonymisierung von Beziehungen. 

Die Globalisierung der persönlichen Räume 

Es finden Umstellungen in den Beziehungsnetzen statt, die zur Entpersönlichung beitragen. Damit verschieben sich die Quellen für Beschämungen, aber sie werden nicht weniger. Wir sind zwar in vielen Bereichen der digitalen Medien und auch im öffentlichen Verkehr anonym unterwegs und begegnen anderen namenlosen Personen. Aber Abwertungen und Geringschätzungen treffen uns mindestens so heftig, wie die Auswirkungen jedes Shitstorms auf die davon Betroffenen zeigen. Cybermobbing hat schon Menschen in den Selbstmord getrieben.  

Offenbar geben wir fremden Personen eine Bewertungsmacht über uns, obwohl wir sie und sie uns gar nicht persönlich kennen. Und wir maßen uns selbst laufend Bewertungen an, über Menschen, die wir noch nie getroffen und mit denen wir noch nie geredet haben. Es ist, als ob sich unsere persönlichen Grenzen im Maß der digitalen Globalisierung auf die ganze Welt ausgeweitet hätten. In Folge unserer digitalen Präsenz sind wir global exponiert und verletzbar, haben aber auch gleichzeitig die Macht, alle anderen auf der globalen Ebene zu beschämen und zu verletzen. Obwohl oder gerade weil die digitale Welt in vielen Bereichen von anonymen Wesen bevölkert ist, sind die Grenzen der persönlichen Integrität um ein Vielfaches schwerer zu schützen. Es ist für die Einzelne gar nicht mehr überschaubar, wo der eigene Raum endet, wie eine Herrscherin, die über ein Riesenreich gebietet, das sie in ihrem Umfang noch nicht begriffen hat und dessen Grenzregionen sie nicht alle bereisen kann, weil es so viele sind. 

Die Grenzen werden immer verschwommener, was auch bedeutet, dass immer unklarer wird, wo die eigene Verantwortung beginnt und wo sie endet. Diese Entwicklung erfordert immer mehr Anstrengung, für sich und für die eigene Umgebung zu definieren, wo und wie Verantwortung übernommen werden kann und wo sie endet. Sie erfordert auch eine verstärkte Bewusstheit über die eigene Integrität im Umgang mit der globalen Öffentlichkeit. Wir brauchen also ein geschärftes Sensorium für die Scham, die uns aufmerksam macht, wenn wir unsere Integrität, also unsere eigenen Werte verletzen. 

Montag, 8. März 2021

Die passive Aggressivität

Vieles gibt es im Leben, das uns Ärger bereiten. Und wir haben viele Möglichkeiten, diesen Ärger von innen nach außen zu bringen. Eine davon ist die passive Aggression. Sie ist interessant, weil sie komplizierter ist als die einfache Wut.

Bei diesem Phänomen handelt es sich um eine Aggressivität, die nicht offen ausgelebt wird, sondern die sich auf versteckten Wegen äußert. Die Theorie dahinter lautet, dass wir alle Aggressionen in uns tragen, die wir entweder aktiv oder passiv zum Ausdruck bringen können. Wer sich nicht traut, offen wütend zu sein, muss den Zorn auf andere Weise ausleben. Für diesen Umweg bieten sich verschiedene Möglichkeiten an.

Diejenigen, die gerne bei jedem sich bietenden Anlass mit voller Wut explodieren, sind oft dankbar, wenn sie von der passiven Aggression hören, weil sie damit ihre eigene emotionale Instabilität entschuldigen können: Alle, die nicht so expressiv reagieren wie sie selber, sind eben insgeheim und versteckt wütend, was umso schlimmer ist. Denn die passiv wütenden Menschen sind neben dem, dass sie zornig sind wie alle anderen, zusätzlich noch unehrlich, hinterhältig und feig. Also verdienen sie es, mit offener Wut konfrontiert zu werden. 

Ein schwieriger Begriff

Wir sehen: Wir haben es mit einem diffizilen Begriff zu tun, weil er etwas beschreibt, das nur indirekt erschlossen und oft nur vermutet werden kann. Es ist den Betroffenen nicht bewusst, wenn sie passiv aggressiv sind und die Umgebung bekommt auch keine direkte Wahrnehmung von Aggression. Sie reagiert zwar verstört und irritiert, oft aber ohne zu wissen, was die Ursache ist. Die entsprechende Diagnose steht deshalb immer auf schwachen hypothetischen Beinen. Sobald sie als Waffe verwendet wird, braucht man sich nicht zu wundern, dass es zu einer Abwehr kommt und die Spannung eskaliert.

Dazu kommt, dass die von diesem Verhalten Betroffenen, eben weil es unbewusst gesteuert ist, nichts wissen und deshalb auch nicht zugeben können, wenn sie darauf angesprochen werden. Sie empfinden es als boshafte Unterstellung, gegen die sie sich zur Wehr setzen müssen – oft mit Mitteln, die eben wieder passiv-aggressive Züge tragen. Es entsteht dann leicht eine ausufernde Dynamik, indem die Diagnose abgewehrt wird, während sich beim Gegenüber durch die Form der Abwehr der Eindruck verstärkt, dass sie stimmt.

Erst wenn wir bei uns selber nachschauen, welche Impulse hinter manchen unserer Reaktionen stecken, können wir die Diagnose mit Leben erfüllen. Wir können also, wenn wir ehrlich nachschauen,  in uns selbst Züge wahrnehmen, die mit unterdrückten Wutimpulsen zusammenhängen. Ob unsere Mitmenschen gerade passiv aggressiv sind oder nicht, können wir nur mutmaßen und sie fragen, wenn wir über dieses Maß an Vertrautheit mit ihnen verfügen.

Beispiele

Woran könnte man die passive Aggression erkennen? Es gibt eine Reihe von Hinweisen, die hier beispielhaft ohne Anspruch auf Vollständigkeit vorgestellt werden:

Witze auf Kosten von anderen Personen: Wer sich über andere lustig macht, ist nur scheinbar fröhlich, sondern kanalisiert den eigenen Ärger gegen diese Personen auf diese Weise. Oft folgt dann, wenn die angesprochene Person beleidigt reagiert, die scheinbare Verwunderung: „Das war doch nicht ernst gemeint. Du verstehst auch überhaupt keinen Spaß.“ Damit sitzt gleich die nächste Abwertung.

Sich dumm oder naiv stellen: So zu tun, als hätte man nicht verstanden, was der andere wollte oder worum es ging, ist eine hilfreiche Taktik, um unangenehmen Situationen zu entgehen. Sie ist gleichwohl mit dem Verzicht auf die eigene Verantwortung und der Regression in eine kindliche Haltung verbunden. 

Die Schuld auf andere schieben: Statt die Verantwortung für einen eigenen Fehler zu übernehmen, wird jemand gesucht, der schuldig oder mitschuldig sein könnte. „Ich hätte auf den Termin nicht vergessen, wenn du mich rechtzeitig erinnert hättest. Der Fehler liegt also bei dir.“

Scheinzustimmung: Eigene Bedürfnisse und Wünsche werden übergangen und statt dessen wird etwas zugestimmt, ohne es wirklich zu wollen. In der Ausführung meldet sich dann die Sabotage in Form von Irrtümern,  Zögern und Verzögern oder Fehlern. Eine Person erklärt sich mit dem Vorschlag einer anderen Person für eine gemeinsame Aktivität einverstanden, obwohl sie eigentlich etwas anderes vorzieht, vergisst aber dann den Termin, plant etwas anderes zu der Zeit ein, verschiebt die Verabredung aus undurchsichtigen Gründen oder stellt sie sogar in Abrede.

Übertreibungen: Die Fehler der anderen Person zu vergrößern und zu verallgemeinern, ist eine häufig gebrauchte Form der passiven Aggression. Damit soll die angesprochene Person kleingemacht werden. „Du verwendest ununterbrochen Schimpfwörter.“ „Sie machen nur Fehler bei der Arbeit.“ 

Verkleidete Beleidigungen: Zuerst kommt eine Entschärfung, die das Gegenüber in Sicherheit wiegen soll, damit der folgende Angriff umso besser sitzt. „Ich meine es ja nicht böse, aber du bist einfach ein mieser Typ.“ 

Sarkasmus und Zynismus: Spott und Hohn dienen zur Selbstverteidigung eingesetzt. Verkleidet in eine scheinbar nette Form soll die andere Person entmachtet werden: „Echt toll, wie du dich aufspielst.“ „Beneidenswert, wie du andere heruntermachst.“

Aggressives Schweigen: Um die andere Person zu verunsichern und zu betrafen, wird die Kommunikation abgebrochen. Der andere soll im Regen stehen bleiben und wird mit Verachtung belegt. 

All diese Verhaltensformen sind mögliche Hinweise auf passive Aggressivität. Sie können auch andere Gründe haben. Deshalb sollten wir, wie schon gesagt, mit der Diagnose vorsichtig sein, denn Diagnosen wie diese können selbst zu Zwecken der passiven Aggression verwendet werden. Gemeinsam ist den verschiedenen Formen dieses Verhaltens, dass die eigenen Bedürfnisse und Verletzungen zurückgehalten werden, das Übernehmen von Verantwortung vermieden und die Last der eigenen Fehler auf andere abgewälzt wird. 

Die Entstehung der passiv-aggressiven Muster

Der Ursprung dieser Tendenzen zur passiv aggressiven Entwertung liegt natürlich in der Kindheit. Vor allem dort, wo heftigerer Gefühlsausdruck verpönt und verboten war, müssen sich aufgestaute Wutenergien andere Wege suchen. Häufig war das Ausdrücken von Wut mit Liebesverlust verbunden. Außerdem verfügen Eltern, die den Kindern ihren Zorn austreiben wollen, meist selber über verschiedene Strategien aus dem Repertoire der passiven Aggression. So wurde in der schwarzen Pädagogik das Ignorieren der Kinder, wenn sie etwas angestellt hatten, praktiziert, eine Form der aggressiven Kommunikationsverweigerung. Die Kinder kopieren dann in ihrem späteren Leben nur ihre Eltern.

Passiv aggressives Verhalten kann aber auch in anderem Rahmen erlernt werden. In vielen Institutionen ist es unklug und kontraproduktiv, dem eigenen Zorn freien Lauf zu lassen. Diese Zurücknahme der aggressiven Impulse kann schon im Kindergarten beginnen, sich durch die Schullaufbahn ziehen und in den Arbeitsverhältnissen notwendig sein. Solange diese Mechanismen nicht bewusst sind, bereiten sie den Nährboden für passiv-aggressives Trotzverhalten, das in vielen Betrieben einen schwer zu beseitigenden Sand im Getriebe erzeugt: Arbeiten bleiben unerledigt oder werden nur mangelhaft ausgeführt, Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit machen sich breit, das Betriebsklima ist gehemmt und belastet. 

Schamvermeidung

Die passiv-aggressiven Verhaltensweisen dienen auf einer tiefen Schicht der Abwehr der Scham. Das unangenehme Gefühl, das uns das Schämen bereitet, muss durch Gegenstrategien verhindert werden. Wenn wir gelernt haben, dass auf das Ausdrücken von Wut die beschämende Aufforderung gekommen ist, sich dafür zu schämen, dann ist die Abwehrform klar: Keine direkte Aggression darf nach außen dringen. Da aber jede Beschämung aggressive Gefühle auslöst, weil Persönlichkeitsgrenzen verletzt wurden, muss sich die Wut Umwege suchen. Ein probates Mittel besteht darin, statt beschämt zu werden, selber zu beschämen, wie es die verschiedenen Formen des passiv-aggressiven Verhaltens zur Folge haben.

Andere lächerlich oder durch zynische Bemerkungen mundtot zu machen, bewirkt eine Beschämung. Die klammheimliche Freude, die beim „Erfolg“ passiv-aggressiver Aktionen häufig auftritt, besteht darin, dass einen die Beschämung nicht selber trifft, sondern die andere Person darunter leiden muss. 

Alle Formen der Schamabwehr haben eins gemeinsam: Sie wirken nur partiell und nie nachhaltig. Das Ausüben dieser Praktiken hat immer Schamgefühle zur Folge. Denn andere zu beschämen ist selber wieder beschämend, und die Freude darüber verstärkt die Scham zusätzlich. Da es sich aber um Formen der Schamverhinderung handelt, wird die Folgescham wiederum unterdrückt und schwelt im Untergrund. Von dort aus setzt sie immer wieder die Abwehrform in Gang, sodass die unbewusst gesteuerten Abläufe wie ein perpetuum mobile in Endlosschleifen weiterwirken und sich zu Verhaltensmustern auswachsen.

Bewusstheit

Wie oben bemerkt, kann die Aggression in den geschilderten Verhaltensweisen nur in der Eigenreflexion bewusst gemacht werden. Oft ist sie sehr tief verborgen, besonders dann, wenn starke Tabugefühle um die Wut herum entstanden sind. Manchmal hilft ein bewusster Blick auf die Folgen. Es kann schon helfen, die irritierten oder beleidigten Reaktionen der anderen Menschen, die man ja lieben möchte, ernst zu nehmen und nicht mit naiver Selbstrechtfertigung abzutun (nach dem Motto: „Ich habe es ja nur gut gemeint“, das oftmals den Gipfelpunkt des Zynismus darstellt). Die Einsicht, selber an Spannungen und Konflikten mitzuwirken, wird dazu motivieren, die eigenen Reaktionsweisen auf den Prüfstand zu stellen. Die Schamschwelle, die mit dem Eingeständnis eigener Wutgefühle verbunden ist, muss dabei überwunden werden. Damit das gelingen kann, ist die verständnisvolle Unterstützung durch andere Menschen hilfreich. Einmal erkannt, verliert die Abwehrdynamik ihre Macht, während die Sensibilität für die Grenzen und Bedürfnisse der anderen Menschen stärker wird. 

Mit dem Verständnis für die eigene Scham ist ein wichtiger Schritt getan, mehr zu den eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu stehen und sie klar ausdrücken zu können. Auf dieser Basis wächst die Kraft zur Selbstverantwortung für die eigenen Handlungen und deren Folgen. Es wird einsichtig, dass trotziges Sabotieren in der Erwachsenenwelt nicht mehr notwendig ist, um den eigenen Gefühlshaushalt ins scheinbare Gleichgewicht zu bringen. Vielmehr wird spürbar, dass die Übernahme der Verantwortung für die eigenen Fehler und Schwächen aufrichtet und stärkt.

Zum Weiterlesen:
Wut - das herausforderndste Gefühl
Was tut gut an der Wut?


Samstag, 27. Februar 2021

Digitale Einsamkeit: Covid und Psyche

Die Pandemie ist ein faszinierendes Phänomen, dessen Auswirkungen auf die Psyche so viele Facetten haben, wie es betroffene Menschen gibt. Wir können viele dieser Erscheinungen als Retraumatisierungen verstehen, d.h. als Wiederholungen früherer traumatischer Belastungen, die durch aktuelle Erfahrungen auftauchen und zu intensiven Gefühlsreaktionen führen. 

Beängstigende Digitalität 

Für viele Menschen bedeutet diese Zeit, dass sie sich mehr mit den digitalen Techniken und Medien auseinandersetzen müssen, ohne es zu wollen. Soziale Kontakte laufen wesentlich stärker über digitale Kanäle ab als über direkten, leibhaften und räumlich präsenten Austausch. Der Mangel an Nähe und zwischenmenschlicher Wärme, der daraus entsteht, ist offensichtlich; er wird gravierend, wenn durch die aktuellen Erfordernisse Mangelerfahrungen an Körperkontakt und Berührungen aus der Kindheit reaktiviert werden.  

Die Mangelerfahrung wird oft auf die gesamte digitale Welt projiziert mit der Klage, dass die Computer immer mehr Raum einnehmen und das Menschliche immer weiter zurückgedrängt wird. Dieser Trend ist unübersehbar und hängt mit der Unumkehrbarkeit der technologischen Entwicklung und der Dynamik des menschlichen Fortschrittsgeistes zusammen. Menschen wollen erfinden und gestalten, und die Folgen dieser Erfindungen und Gestaltungen melden sich erst nachträglich und müssen auf der sozialen Ebene bewältigt werden.  

Schwierig wird diese Verarbeitung dann, wenn die digitale Welt mit ihrer rationalen Logik und ihren standardisierten Abläufen mit dem emotionalen Klima der eigenen Frühzeit in Verbindung kommt. Schnell erscheint diese Welt undurchsichtig und feindlich, querlaufend mit den eigenen Bestrebungen. Es verschwinden die Perspektiven, wie trotz vermehrter Digitalität die analogen zwischenmenschlichen Beziehungen gepflegt werden können und wichtig bleiben. 

Eltern, die ihren Kindern immer wieder mit Spontaneität, Lebensfreude und Begeisterung begegnen, vermitteln emotionale Lebendigkeit und Sicherheit. Eltern hingegen, für die ein geregeltes Leben mit festgefügten Ritualen und Regeln wichtig ist und die die Erziehung danach ausrichten, dass die Kinder in die vorgegebenen Schemata eingepasst werden, vermitteln den Funktionsmodus als Normalzustand.  

Kinder mit diesem Hintergrund haben dann vor allem zwei Möglichkeiten: Sie identifizieren sich mit dem Funktionieren und richten sich in dieser kargen Welt ein. Ihnen wird die digitale Welt schnell vertraut und sie wachsen leicht in die abstrakten Zusammenhänge hinein. Die anderen bleiben dem Leiden am Mangel verhaftet, sodass sie jede Form der Digitalität an die Leblosigkeit im eigenen Familiensystem erinnert und abstößt. Schon die Eltern wurden als technische Gebilde erlebt, mehr als Maschinen denn als Menschen, deren Funktionsweisen erlernt werden müssen, um das eigene Überleben zu sichern. Zugleich konfrontiert jede Beschäftigung mit dem Medium und den Geräten mit dem Widerwillen gegen und der Abscheu vor den emotionalen Abweisungen in der Kindheit. Jemand, der oft kaltgestellt wurde, vielleicht sogar physisch (in den Keller gesperrt), wird jeden sperrigen digitalen Vorgang mit Kälte und Unlebendigkeit assoziieren. 

Was mit digitalen Geräten häufig passiert: Ein Knopfdruck ist falsch, schon stürzt alles ab. Was früher geschehen sein mag: Ein Blick oder eine Lautäußerung ist falsch, und schon bricht der Kontakt ab. In jedem Moment kann das soziale Überleben in Frage gestellt sein, ohne dass ersichtlich ist, was eigentlich falsch gelaufen ist, welcher Fehler gemacht wurde. In der Fragilität der Technik zeigt sich die Fragilität der frühen Beziehungen. Diese Mangelerfahrungen und Verletzungen steuern die emotionale Ladung bei, die existenziellen Gefährdungen aus den Vorerfahrungen liefern die emotionale Dramatik. 

Aufgezwungene Einsamkeit 

Diese Entwicklungen stehen in Zusammenhang mit den Regelungen für persönliche, also analoge Kontakte. Die Lockdowns haben für die meisten Menschen radikale Einschränkungen der sozialen Kontakte nach sich gezogen. Mit den Verlusten an analogen Formen des Austausches, die nur äußerst mangelhaft durch digital vermittelte Begegnungen ersetzt werden können, haben sich bei vielen Menschen Einsamkeitsgefühle gemeldet. Mit dem Andauern der Maßnahmen sind diese Gefühle langsam zu oft sehr belastenden Grundstimmungen herangewachsen sind, die bis zu Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit führen können.  

In diesen Gefühlen spiegeln sich alle Erfahrungen des Abgeschnittenseins und Verlassenseins wider, die in der frühen Lebenszeit aufgetreten sind. Es können Geburtserfahrungen sein (die Mutter ist nach der Geburt nicht da oder die Plazenta wurde zu schnell abgetrennt) oder Erlebnisse aus der Kindheit (die Eltern sind häufig weg oder emotional nicht anwesend). Unverstandene Kinder erlebten sich als einsam und verlassen, oft mitten in einer Familie mit vielen Menschen und oberflächlichem Reden.  

Das Gefühl des Abgeschnittenseins, das schon im Wort Lockdown mitschwingt, wird vor allem dann reaktiviert, wenn es frühe Erfahrungen gibt, dass die Verbindung zu den Hauptbezugspersonen verloren geht. Der Beziehungsabbruch kann jäh oder schleichend geschehen, also als akutes Trauma oder als Entwicklungstraumatisierung (subtilere Unterbrechungen der emotionalen Kommunikation, die immer wieder auftreten) erlebt werden. Die Kontaktverbote und Mobilitätseinschränkungen, die im Lockdown angeordnet werden, werden im emotionalen Gedächtnis mit den frühen Frustrationserfahrungen in Verbindung gebracht und können quälende Einsamkeitsgefühle wachrufen. 

Gibt es aus der Kindheit die bittere Erkenntnis, dass die Hoffnung auf die Wiederaufnahme emotional nähernder Beziehungen aussichtslos ist, besteht eine Grundlage für spätere Depressionen. Die Frustration paart sich mit Hoffnungslosigkeit, mit schwarz eingefärbten Zukunftsbildern. “Es wird nie wieder so werden, wie es einmal war. Es wird alles immer schlimmer,” so ist es auch heute oft zu hören. Das resignierte Kind, das sich Auswege in einer Fantasiewelt suchen muss, klingt durch solche Aussagen hindurch. Deshalb blühen die Fantasieserien in der Welt der gestreamten Medien. 

Die Abhängigkeit vom Netz 

Die technischen Geräte gewinnen ihre Informationen aus dem Netz. Ohne Verbindung sind sie in vielen Belangen hilflos und wertlos. Kaum bricht die Verbindung ab, stehen wir vor einer Leere, die wieder Ängste auslösen kann, die in keinem Verhältnis zur aktuellen Lage stehen. Denn die Anbindung ans Netz, die als so existenziell erfahren wird, spiegelt die Einnistungsthematik aus der Pränatalphase wider. Die Abhängigkeit von Kabeln oder kabellosen Verbindungen wird auf einer unbewussten Ebene mit Überlebensnotwendigkeiten assoziiert. Wenn das Kontaktmedium versagt und die Datenübertragung abbricht, gleicht es einer Katastrophe. Das ursprüngliche Kontakt- und Verbindungsmedium, die Nabelschnur im Mutterleib, war die Ader, die uns am Leben gehalten und unser Wachstum gefördert hat. Jede Unterbrechung des Austauschflusses war eine Überlebensbedrohung und jede spätere Erinnerung daran bringt die alten Gefühle hoch.  

Das Netz ist eine interessante Metapher, die an die frühe Schnittstelle erinnert, über die wir zur Außenwelt kommuniziert haben, die Plazenta, ein netzartiges Gebilde, das von kilometerlangen Blutgefäßen durchzogen ist. Wir sind in vielen Bereichen vom Datennetz abhängig geworden, so wie wir als Föten von der Plazenta abhängig waren. Allerdings hängt heutzutage unser Überleben nicht mehr vom Funktionieren der Schnittstellen zu den Informationsflüssen ab, aber die Ängste, die ein Versagen der Netze auslöst, können heftig empfunden werden, sobald die Erinnerungen an früher mitschwingen. 

Diese Lasten aus der Vergangenheit werden in Zeiten wie diesen, die von Unsicherheit und Ungewissheit geprägt sind, besonders leicht reaktiviert. Nur merken wir meist nicht, was wirklich vorgeht, wenn die Gefühle hochgehen und sich Ängste breit machen. Wir schieben die Macht unsere Gefühle auf die Außenbedingungen und schreiben sie den neuen Herausforderungen zu, die durch die geänderten Umstände auftreten. Dabei vergessen wir oft das hohe Niveau an Sicherheit und Berechenbarkeit, das wir erschaffen haben und das unserem Erwachsenenbewusstsein zugänglich ist. Immer wieder gewinnt das verletzte und verängstigte innere Kind die Oberhand – solange es nicht vom Erwachsenenanteil in uns verstanden ist und beruhigt werden kann. 

Zum Weiterlesen:
Faktizität und Innenerfahrung
Krisenängste und ihr Jenseits
Angstkonditionierung und Corona
Scham, Schuld, Corona