Sonntag, 22. Februar 2026

Klimamärchen

Im vorigen Artikel ging es um die Schwierigkeit, packende und motivierende Geschichten zu finden, die zur Mobilisierung vereinter Kräfte für den Einsatz gegen die fortschreitende Klimazerstörung beitragen. Alle Strömungen, die diesem Engagement entgegenwirken, von Leugnern des Klimawandels über die Leute, die erst etwas tun wollen, wenn “die anderen” aktiv werden bis zu jenen, die meinen, es ohnehin alles schon zu spät, sind von Geschichten gespeist und ideologisiert, die hier im Überblick dargestellt sind. Es handelt sich um Narrative, die durch Lobbys und Interessengruppierungen jener, die von der Verzögerung und Verschleppungen von Klimaschutzmaßnahmen profitieren, verbreitet und vermarktet werden. Die Zitate stammen aus dem Buch Erzählende Affen

1. Die Rivalität zwischen Ökologie und Ökonomie – Wer ist David und wer ist Goliath? 

Ein von Politikern gerne strapazierter (und konstruierter) Gegensatz ist der zwischen der Wirtschaft und der Klimapolitik. Dieser Konflikt besteht nur, wenn wir kurzfristig denken, und er wird zusätzlich ideologisch aufgeheizt, indem die Folgen eines intensivierten Klimaschutzes drastisch ausgemalt werden – ein Szenario mit all den Arbeitskräften, die in der Öl-, Auto- und Fleischindustrie arbeitslos würden, wird als Drohung heraufbeschworen. Hier wird ein Mechanismus der menschlichen Psyche aktiviert, nämlich die Verlustaversion: Wir reagieren viel empfindlicher auf Verluste als auf Gewinne, offenbar weil uns Verluste bedrohen und damit unsere Angstreaktion ausgelöst wird.  

Mit der Konstruktion der Rivalität zwischen Ökologie und Ökonomie wird suggeriert, dass sich die Menschen für eins von beiden entscheiden müssten. Viele wählen deshalb die Wirtschaft, weil sie sich davon einen kurzfristigen Nutzen bzw. weniger aktuellen Schaden und möglichst keinen Verlust an Wohlstand erhoffen. Der abstrakte Nutzen irgendwann in der Zukunft verblasst dagegen, während befürchtet wird, dass Einschränkungen in der Gegenwart besonders schmerzhaft werden könnten.  

In Diskussionsveranstaltungen treffen häufig Wissenschaftler, die die Berechnungen über die Folgen der Erderwärmung vorlegen, und Vertreter der Wirtschaft, die die Folgen von Klimamaßnahmen auf einzelne Wirtschaftszweige an die Wand malen, aufeinander und finden natürlich keine Übereinstimmung; beim Publikum entsteht der Eindruck, dass es sich um zwei entgegengesetzte Meinungen handelt, von denen jede etwas für sich hat. Verzerrt wird dabei eine Situation, in der die eine Seite auf der Grundlage von Forschungen vor einer zerstörten Zukunft warnt und die andere in der Gegenwart weiterhin Gewinne machen will. Das einfache Argument, dass es in einer zerstörten Umwelt keine Wirtschaft mehr geben kann, wird als Klimahysterie abgetan. Es sind also ungleiche Partner, die miteinander verglichen werden: Auf der einen Seite Profitinteressen, die einigen zugutekommen, und auf der anderen Seite die Überlebensinteressen der Menschheit.  

In Wahrheit kann es keinen Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie geben, indem laufend Kompromisse geschlossen werden, damit zwar ein wenig Klimaschutz stattfindet, aber die Wirtschaft nicht grundlegend geändert werden muss. Denn die Krise verschlimmert sich exponentiell und steuert auf Kipppunkte zu, die mit kosmetischen Maßnahmen nicht bewältigbar sind und dazu führen können, dass ganze Zweige der Ökonomie nicht mehr funktionieren, z.B. der Tourismus in Gebieten, die vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen sind. Ein kompromisshafter Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie „wäre wie ein Auto, das aus Angst vor Extremen konsequent in der Mitte der Straße fährt.“ (S. 305) 

2. Verzicht und Verbot – mit Bezug zur Ikarus-Geschichte 

Ikarus, der Sohn von Dädalus, fliegt gegen die Sonne, obwohl ihn sein Vater gewarnt hat, und bewegt sich in seiner Überheblichkeit dem Untergang entgegen, eine Metapher für das Verhalten von weiten Teilen unserer Zivilisation und politischen Kultur angesichts der dräuenden Klimakatastrophe. 

Einerseits müsste uns klar sein, dass wir in Zukunft auf manche Annehmlichkeiten unseres Luxuslebens verzichten müssen, weil die Folgen der fortschreitenden Erderwärmung nur mit massivem Einsatz von Mitteln bewältigt werden können – Kosten, die alle mitbetreffen und die mit jedem Tag steigen, an dem zu wenig für den Klimaschutz unternommen wird. Diese realistische Einschätzung wird emotional aufgeladen und missbraucht. Maßnahmen zum Klimaschutz, die eben Kosten verursachen, die anderswo eingespart werden müssen, werden in der politischen Propaganda schnell als Einschränkung von Freiheitsrechten und unfairer Entmündigung gebrandmarkt; die Menschen sollten selbst entscheiden können, ob sie klimafreundlich leben wollen oder nicht. Wer einem vorschreiben will, wie man leben soll, wird zur Verteidigung der eigenen Autonomie abgewehrt und abgewertet. So werden Wissenschaftler, grün-orientierte Politiker und Aktivistinnen als Feinde, die den eigenen Lebensstil und Wohlstand bedrohen, dargestellt, während jene, die sich durch die Ausplünderung der natürlichen Ressourcen maßlos bereichern, vor jeder Kritik verschont bleiben und damit fleißig weiter ihre goldenen Schäfchen ins Trockene bringen können, während andere die angerichteten Schäden ausbaden müssen. Die Guten, die die Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft einmahnen, werden zu den Bösen, die ins eigene Leben und ins eigene Selbst eingreifen. Mein persönlicher Vorteil ist mir nun einmal wichtiger als eine vage Zukunft, vor der ich lieber meine Augen verschließe, um im Hier und Jetzt meine Genussmöglichkeiten zu steigern. Aus diesen egoistischen Gründen laufen die Leute Politikern nach, die ihnen versprechen, sie vor jeder Einschränkung und vor jedem Verzicht zu schützen. 

Im Namen der Bewahrung von Freiheiten, die im Grund unverdiente Privilegien sind, wird in Kauf genommen, dass die Freiheitsräume in Zukunft für die meisten Menschen viel enger werden. Die scheinbare Vernünftigkeit beim Finden von faulen Kompromissen zwischen Ökologie und Ökonomie, täuscht darüber hinweg, dass die Natur nach den Gesetzmäßigkeiten der Physik und Chemie funktioniert und sich nicht um Strategien kümmert, die sich die Menschen ausdenken, um bequem bei ihren gewohnten Lebensmustern bleiben zu können. 

3. Hedonismus und Freiheit – angelehnt an das Aschenputtel-Märchen 

Bei diesem Narrativ gehen ihre Anhänger davon aus, dass sie die privilegierte Position, die sie innehaben, verdient haben, z.B. durch Arbeit und Fleiß, und dass ihnen deshalb von dem Leben, das sie jetzt führen, nichts weggenommen werden darf. Die Ressourcen, die jeder Mensch in unseren Breiten verbraucht, stünden uns zu. Das ist eine Anmaßung von Rechten, deren Kehrseite destruktive Konsequenzen nach sich zieht, das Beharren auf der Ausbeutung der für die Menschheit lebenswichtigen Umwelt. Der Grund für die Attraktivität des Erzählmusters, persönliche Freiheiten maximal genießen zu dürfen, stammt aus der menschlichen Tendenz, “sich in Anbetracht von Untergang und Tod Erzählungen zuzuwenden, die zum Schutz des Selbstwertgefühls beitragen.” (S. 308) 

Das Sprichwort sagt: “Hochmut kommt vor dem Fall.” Sich als Held des skrupellosen Genießens aufzuspielen, während das eigene Handeln die Zerstörung weitertreibt, geht so lange gut, als es die Umwelt erträgt. Jede von Selbstsucht angetriebenen Expansion stößt früher oder später auf Grenzen, die unüberwindbar sind und zum Zusammenbruch des Überlebensmusters führen. Die bösen Stiefschwestern von Aschenputtel verlieren am Ende des Märchens ihr Augenlicht, die Strafe für ihre Verblendung aus Überheblichkeit und Mangel an Mitgefühl und Respekt für andere. 

4. Die Technologie wird uns retten – der amerikanische Traum vom Tellerwäscher, der Millionär wird 

Natürlich haben Menschen in bedrohlichen Situationen immer wieder Auswege und innovative Lösungen gefunden. Allerdings gibt es die Tendenz, diese Erfahrung als Sedativum für Forderungen nach einschneidenden Maßnahmen zu nutzen, nach dem Motto: Wir brauchen uns nicht sehr anzustrengen, um die Erderwärmung einzudämmen, denn je näher die Katastrophe rückt, desto mehr Kreativität werden wir entfalten und dann alles noch rechtzeitig bewältigen. Dass wir dabei einer optimistischen Verzerrung aufsitzen, übersehen wir leicht und gerne. Viele Politiker, die zwar den Klimawandel nicht leugnen, aber sich gegen drastische Einschnitte in die bisherigen Praktiken und Lebensweisen sträuben, nutzen diesen scheinbaren Ausweg. In der Psychologie heißt dieser Mechanismus bright-siding: Alles Negative wird mit unverwüstlichem und blindem Optimismus ausgeblendet. Er beruht auf einer Selbstüberschätzung, bzw. auf einem Glauben, dass andere die Misere schon beheben werden können, und dient damit als Entschuldigung für das eigene Nichtstun oder mangelhafte Engagement. Es wird auf wundertätige Heiler des Planeten gewartet, um die Hände im Schoß liegen lassen zu können. Währenddessen steigt kontinuierlich die Belastung des Klimas, und das Warten auf einen Herkules, der Abhilfe verschaffen könnte, ist weiterhin vergeblich. 

5. Man kann nichts ausrichten – der Gegentraum vom Millionär zum Tellerwäscher 

Das ist die Erzählung von der depressiven Resignation. Wir als einzelne können angesichts der übermächtigen großen Player nichts ausrichten und können deshalb weiterleben wie bisher. Vielleicht gibt es weitere dunkle Kräfte, die im Hintergrund die Fäden ziehen und uns in den Abgrund stürzen wollen, und wir haben keine Chance. 

Deshalb gibt es keinen Grund, Verantwortung zu übernehmen und das eigene Leben zu ändern, denn das Problem ist für uns unlösbar, und die Mächtigen können nicht beeinflusst werden. Die Klimakrise und ihre Auswirkungen übersteigen unsere Vorstellungskraft und unsere geistigen Kapazitäten. Wir fühlen uns gelähmt und verstärken diese Lähmung, indem wir uns erzählen, dass wir keine andere Perspektive haben. Vielleicht spüren wir die Wut auf die Mächtigen, verbunden mit der Ohnmacht, nichts bewirken zu können, was zum Schluss führt, dass wir so weiter leben wie bisher. 

Die Macht der Märchen 

All diese Märchen, mit denen der Schrecken einer zukünftigen Klimakatastrophe gebannt werden soll, benutzen die Erzählmuster von uralten Geschichten. Sie wurden mit reichhaltigen Propagandamitteln vor allem aus der Fossilindustrie massiv verbreitet, sodass ihre weite Verbreitung nicht weiter verwunderlich ist. Die Hartnäckigkeit, mit der Menschen trotz einer breiten Faktenlage in Bezug auf die bedrohliche Entwicklung an solchen Erzählungen festhalten, hat viel mit unbewältigten inneren Konflikten zu tun. Sie hindern daran, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen, ohne sie mit Geschichten entkräften zu wollen. Sie hindern uns auch daran, Geschichten, mit denen wir uns unserer Verantwortung entziehen können, von solchen zu unterscheiden, mit denen wir unsere Handlungsfähigkeit stärken. 

Wir müssen uns bewusst sein, dass Geschichten einen mächtigen Einfluss auf unser Unterbewusstsein und auf unsere Emotionen haben. Die Positionen in der Klimapolitik sind sehr stark von solchen Geschichten gesteuert, die wir als Gegengewicht zu den immer erdrückender werdenden wissenschaftlichen Befunden brauchen, wenn wir uns schwertun, sie in ihrer Wucht und in Hinblick auf ihre Konsequenzen zur Kenntnis zu nehmen. Denn das würde bedeuten, dass wir alles in unserer Macht Stehende in Bewegung setzen müssten, um die Katastrophe abzuwenden. Und das wäre reichlich unbequem für uns und besonders für jene, die an den Schalthebeln der Macht sitzen. 

Die Förderung der Unsicherheit zum Machtgewinn 

Unschwer zu erkennen ist bei dieser Aufzählung von Märchen, dass sie vor allem von den Parteien im rechten Bereich des politischen Spektrums verwendet werden. Es scheint diesen Politikern gelegen zu kommen, die Menschen in der diffusen Bedrohungslage durch die Klimakrise zu belassen. Die dadurch verursachten Ängste werden mit Hilfe der Märchenerzählungen scheinbar beruhigt; da aber selbst Kinder den Unterschied zwischen Fiktion und Faktizität kennen, also wissen, dass Märchen eine andere Realität haben als die konkrete aktuelle Wirklichkeit, spüren auch erwachsene Menschen die Unsicherheit, die mit all den genannten Erzählungen einhergeht. Keine der Geschichten kann vollends beruhigen. Allenfalls dienen sie dazu, die eigene Untätigkeit zu rechtfertigen. Diffus verunsicherte Menschen suchen Autoritäten, die ihnen Sicherheit versprechen. Darum ist es Parteien, die für die Wendung zu autoritären Regierungsformen eintreten, daran interessiert, dass die Menschen verunsichert bleiben und füttern sie mit Märchen, die sie vorläufig beruhigen sollen, bis dann der große Macher kommt, der alles zum Besseren wenden wird. 

Alle, denen eine lebenswerte Erde ein Anliegen ist (und das ist bei weitem die Mehrheit der Menschen), können daran mitwirken, die Ebene der narrativen Wirklichkeit mit konstruktiven Geschichten zur Eindämmung der Klimazerstörung zu besetzen und den Begriff der Vernunft von den Politikern zurückgewinnen, die uns einreden wollen, dass es vernünftige Kompromisse zwischen Ökonomie und Ökologie gäbe und dass wir blind auf die Fortschritte in den Forschungen vertrauen sollten. “Gegen diesen destruktiven Nichtangriffspakt zwischen den Antagonisten müssen wir anerzählen mit einer positiven Geschichte von gemeinsamer, friedlicher Veränderung. Erst diese protagonistisch-protestierende Haltung vieler schafft ein mobilisierendes Gefühl von politischer Betroffenheit wie Selbstwirksamkeit – nicht zuletzt, weil man sich dank ihr als Widerständler inszenieren kann. " (S. 307) 

Literatur:
Samira El Ouassil und Friedemann Karig: Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise: Narrative prägen die Welt. Berlin: Ullstein 2022

Zum Weiterlesen:

Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Die individuelle Mobilität und die Klimakrise
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Samstag, 21. Februar 2026

Können wir das Klima erzählend retten?

Mit der Klimakrise hat die Menschheit eine Herausforderung heraufbeschworen, die es in dieser Dringlichkeit und Unausweichlichkeit noch nie in der Geschichte der Zivilisation gegeben hat.  Wir wissen alles über die Schärfe der Krise, über die massiven Gefahren für das Überleben der Menschheit, und wir tun kaum etwas, um die Bedrohung abzuwenden. Dieser massive Konflikt zwischen Wissen und Tun betrifft alle – die einzelnen Erdenbürger, die durch ihr Verhalten unterschiedlich die Klimakrise anfeuern, die Politiker, die die Verantwortung für weiterreichende Entscheidungen tragen, die Armen, die am meisten unter den Folgen leiden, und die Reichen, die am meisten zur Erzeugung dieses Leidens beitragen. 

Ein probates Mittel, um mit inneren Konflikten zurechtzukommen, besteht im Erzählen von Geschichten. Deshalb ist eine Reihe von Märchen im Umlauf, mit deren Hilfe der Gewissensdruck erleichtert und der individuelle und kollektive innere Konflikt erleichtert werden soll. Im Folgenden orientiere ich mich an Samira El Ouassil und Friedemann Karig und ihrem Buch: Erzählende Affen.

Übrigens ist der Begriff „Klimawandel“ eine Erfindung der Republikaner um Dick Cheney, dem Vizepräsidenten unter Trump I, die ein harmloses Wort statt der bedrohlichen Termini „Klimaerwärmung“ oder „Klimakrise“ finden wollten – ein Weg, um den Gewissenskonflikt scheinbar zu entschärfen. 

Bei vielen unserer Geschichten handelt es sich um Heldenerzählungen, die einem Grundmuster entsprechen. Diese enthalten ein grundlegendes Erzähl- und Denkmodell, das unser Verständnis von Geschichten, Weltdeutung und Narrativen prägt und in vielen Varianten in der Welt der Fantasie auftauchen.  

Die Elemente oder Stadien der klassischen Heldenreise: 

  1. Der Ausgangspunkt: Die gewohnte Welt – Die Heldin lebt in der bisherigen, vertrauten Welt.  
  2. Das Abenteuer ruft – Ein Ereignis oder Problem fordert den Helden heraus.  
  3. Verweigerung des Rufes – Zögern oder Ablehnung, sich der Herausforderung zu stellen.  
  4. Die Begegnung mit einem Mentor – Eine hilfreiche Figur gibt Rat oder Unterstützung.  
  5. Das Überschreiten der Schwelle – Eintritt in eine neue, unbekannte Welt des Abenteuers.  
  6. Bewährungsproben, Verbündete und Feinde – Erste Prüfungen und Begegnungen auf der Reise.  
  7. Das Vordringen in die tiefste, dunkelste Höhle – Das größte Risiko oder das Zentrum der Gefahr rückt näher.  
  8. „Die dunkle Nacht der Seele“, die Krise – Tiefpunkt, Verzweiflung, Ausweglosigkeit oder innere Konflikte.  
  9. Das Ergreifen des Schwertes und der siegreiche Kampf– Wendepunkt, Erkenntnis, Niederringen des Gegners oder Erlangen einer Belohnung.  
  10. Der Rückweg – Rückkehrvorbereitungen in die gewohnte Welt.  
  11. Die Auferstehung – Letzte Prüfung vor der Rückkehr; Transformation der Heldin.  
  12. Rückkehr nach Hause – Der Held kehrt zurück und bringt etwas mit, das der Gemeinschaft dient.  

Die klassische Heldenreise ist so oft reproduziert worden, weil sie die individuelle Reifungsentwicklung nachzeichnet und viele innere Sehnsüchte befriedigt. Wir alle mussten einmal aus vertrauten Umgebungen aufbrechen, sind durch Krisen gegangen, haben Neues erlernt und sind gestärkt in die Gemeinschaft zurückgekehrt. Die Geschichte erzählt uns, dass wir Probleme und Herausforderungen bewältigen und aus ihnen Sinn gewinnen können. Wenn wir uns den Ängsten stellen und sie verarbeiten, integrieren wir Schattenbereiche unserer Seele. Wenn wir einmal scheitern, geht das Leben weiter und wir gewinnen Halt unter dem Boden und wir richten uns wieder auf, zu neuer Größe. Mutig zu sein und Verantwortung zu übernehmen, lohnt sich. Und schließlich kommt alles zu einem guten Ende. 

Die Klimakrise als Erzählung? 

Aus verschiedenen Gründen ist es schwierig, die Klimakrise in fiktionale Geschichten zu übersetzen, was notwendig wäre, damit die Notwendigkeit von Gegenmaßnahmen im Bewusstsein möglichst vieler Menschen Platz findet. Ein erster Grund liegt darin, dass es keinen ausgemachten Bösewicht gibt – oder zu viele von ihnen. Mehr oder weniger tragen alle zur Misere bei. Zwar haben Ölfirmen und ihre Propagandamaschinen oder Regierungsspitzen, die der Klimapolitik abschwören, eine höhere Verantwortung, aber sie werden entweder innerhalb des politischen Systems abgesichert oder von der Bevölkerung gewählt und damit legitimiert. 

In einer traditionellen Geschichte ist der Held, der Protagonist, in dem Maß gut wie der Antagonist böse ist. Das kennen wir aus jedem James-Bond-Film und Harry-Potter-Roman. Die Körperkraft von Siegfried bemisst sich am Drachen, den er besiegt hat. Beim Klimakrimi fehlt dieser Gegensatz, weil es den mächtigen Gegenspieler nicht gibt. Folglich fehlt auch die rettende Heldenfigur, mit der man sich identifizieren könnte. Eine Zeitlang hatte Greta Thunberg diese Rolle inne, aber inzwischen ist dieser Stern verblasst und weit und breit keine Identifikationsfigur sichtbar. Welche Heldentat auch würde sich für eine spannende Erzählung eignen? Es gibt kein Ruder, das jemand am Höhepunkt der Dramatik herumreißt, und plötzlich stimmt die Richtung wieder und wir segeln heraus aus der Krise in den sicheren Hafen. Es bräuchte unzählige kleinere und größere Heldentaten, bei denen die Menschen ihre Lebensweisen ändern und politischen Druck erzeugen, um den Schwung zu erzeugen, mit dem das Schlimmste abgewendet werden könnte. Aus solchen Miniaktionen kann aber keine Vorlage für eine Heldensaga gewonnen werden, bei der das Böse endgültig und radikal besiegt werden müsste.   

Was wir im besten Fall ausrichten können, ist die Abmilderung der Krise und eine soziale Abfederung ihrer Folgen. Wir könnten das noch Schlimmere zugunsten des ohnehin schon Schlimmen verhindern. Allerdings eignet sich niemand als Heros, als Wender des Schicksals, der mit seinem heldenhaften Einsatz bewirkt, dass es doch nicht so katastrophal kommt wie befürchtet. Die Bedrohung zu verringern ist zwar löblich, aber trägt nur wenig zur Minderung der verbreiteten Verunsicherung bei. Es ist kein Szenario vorstellbar, in dem ein erleichtertes Aufatmen angebracht wäre. Das Problem bleibt weiter bestehen, nur wären unter Umständen die Auswirkungen weniger schrecklich. 

Außerdem ist es aufgrund der Komplexität der Krise ausgeschlossen, dass eine Einzelperson derart viel bewegen könnte, dass ein nachhaltiger Umschwung stattfindet. Wir werden das Überleben der Menschheit nicht anders sichern können als dass Menschen in großer Zahl zusammenwirken; es wird viele Millionen brauchen, um die notwendige kritische Masse zu erschaffen, die die Politiker weltweit zur Übernahme der Verantwortung zwingt. Eine solche Mobilisierung käme leichter zustande, wenn sie von einer Heldengeschichte angeleitet wäre, aber das Modell passt eben nicht zum Problem. 

Dazu kommt, dass wir mit unserem Lebensstil im Wohlstandsgürtel der Welt fortlaufend daran mitwirken, dass wir alle auf der Seite der Bösewichter stehen. Fiktive Konflikte wie jene zwischen Luke Skywalker und Darth Vader im Krieg der Sterne erzeugen spannende Zeiten im Kino und die nachfolgende Erleichterung, dass das Gute letztlich siegt; bei Erzählungen über die Klimaproblematik bleibt am Ende, wie auch immer sie in der Fiktion ausgemalt wird, das Problem bestehen. Es gibt keinen tiefgreifenden Erleichterungseffekt, sondern höchstens eine Verkleinerung des Problemdrucks. Deshalb meiden viele Leser oder Videokonsumenten solche Geschichten und deshalb werden wenige solche Geschichten geschrieben und gedreht: In nur 2,8 % der amerikanischen Fernsehserien zwischen 2016 und 2020 wurde das Thema Klima auch nur erwähnt.  

Da Menschen über den Mechanismus der selektiven Wahrnehmung verfügen, ordnen sie alle Informationen gemäß ihren Vorannahmen ein. Wenn jemand meint, dass es keine Klimakrise gibt, empfindet er abnorm hohe Temperaturen als weniger heiß im Vergleich zu jemandem, der von einer Klimakrise ausgeht. Die Temperaturempfindung hängt also ab von der Einschätzung der Ursache der Wärme. Die entsprechenden Vorannahmen werden durch die jeweiligen Gruppen und Blasen abgesichert und verstärkt. In diese Kreise können nur Informationen eindringen, die sich auf die jeweils geltende Erzählschablone Bezug nehmen und mit ihr kompatibel sind. Gerade weil alle diese geschlossenen Weltbilder aus Erzählungen entstanden und durch Erzählungen stabilisiert sind, wäre es wichtig, mit neuen Erzählungen die alten zu überschreiben. Da ist viel kommunikative Kreativität gefordert.  

Kleine Heldengeschichten

Da sich die Klimakrise nicht für große Heldengeschichten eignet, bleiben die kleinen. Jemand verzichtet auf Kurzstreckenflüge und fährt mit dem Zug. Jemand isst nur mehr einmal in der Woche Fleisch. Jemand hält Tempo-100 auf der Autobahn ein. Kleine Änderungen von Gewohnheiten mögen ein winziger Tropfen auf einem riesigen heißen Stein sein, aber sie regen zur Nachahmung an, wenn sie weitererzählt werden. Individuelle Verhaltensänderungen allein sind zu wenig, um das Fortschreiten der Klimazerstörung zu beenden. Doch viele erzählte Geschichten summieren sich und regen weitere Geschichten an und beeinflussen die kollektive Ebene, bis sie nicht mehr überhört werden können und schließlich zu politischen Maßnahmen führen. Also ändern wir unsere klimaschädlichen Gewohnheiten und erzählen sie weiter! 

Literatur:

Samira El Ouassil und Friedemann Karig: Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise: Narrative prägen die Welt. Berlin: Ullstein 2022

Zum Weiterlesen:

Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Die individuelle Mobilität und die Klimakrise
Eine große Mehrheit für den Klimaschutz

Samstag, 24. Januar 2026

Die Verselbständigung der künstlichen Intelligenz und ihre Gefahren

Fachkundige Experten sehen die größte Gefahr für die Zukunft in der Verselbständigung der künstlichen Intelligenz. Unter AGI (Artificial General Intelligence) versteht man die digitalisierte menschlichen Intelligenz, die für alle Anwendungsbereiche nutzbar gemacht werden kann und dort den fortgeschrittensten menschlichen Leistungen gleich kommt und sie an Präzision und Schnelligkeit weit übertrifft. Sie soll die menschliche Intelligenz ziemlich vollständig modellieren können, sodass sie jede menschliche Errungenschaft ausführen kann.

Damit wäre die AI in der Lage, fast alle Arbeitsplätze zu ersetzen. Sie arbeitet rund um die Uhr, verbraucht zwar viel Strom, aber keine Lohnnebenkosten und Sozialleistungen. Sie ist wie eine Kraftpumpe, die permanent ökonomischen, wissenschaftlichen und militärischen Vorteil sprudeln lässt. In der positiven Utopie übernimmt sie die lästigen Arbeiten, und die Menschen können sich auf interessante und kreative Aufgaben konzentrieren. In der Dystopie werden die Menschen in großer Zahl entmündigt und abhängig von der Gnade einer anonymen Instanz, die sich jeder Kontrolle entzogen hat und nur von einigen wenigen Superreichen umprogrammiert werden kann.

Das Rennen in der AI, in das Unmengen von Geld investiert werden, geht darum, wer zuerst das Ziel erreicht und damit alle Systeme übernehmen kann, sodass alle anderen zu Sklaven werden. Es geht um den sogenannten RSI (Recursive self-development takeoff): Der Punkt, an dem eine AI beginnt, ihre eigene Intelligenz ohne menschliche Hilfe rapid zu verbessern. Ein solches System gibt dem, der es in seiner Hand hat, unglaubliche, gottgleiche Macht über Wirtschaft, Politik und Militär. Ein System, das soweit kompetent ist, dass es seine eigene Architektur, Lernmechanismen oder Zieloptimierung verbessern kann, wird dadurch immer bessere Verbesserungen hervorbringt, was zu einer positiven, sich selbst beschleunigenden  Rückkopplungsschleife führt.

Mit Take-off ist der Punkt bezeichnet, an dem diese Rückkoppelung von einem linearen Fortschritt zu einem exponentiellen oder superexponentiellen Wachstum der Leistungsfähigkeit kippt. Rekursiv bedeutet, dass das Intelligenzsystem selbständig seine eigene Lernform, seine Architektur und seine Wege zur Wissensgewinnung sowie seine Ziele und Bewertungen optimiert.

Zur Geschichte der Künstlichen Intelligenz

Interessant, aber auch nicht verwunderlich ist die Geschichte der Künstlichen Intelligenz. Ursprünglich ging es nur um eine ambitionierte Idee von Wissenschaftlern, die menschliche Denkweise durch Maschinen nachzuahmen. Die Anfänge von KI gehen auf die Mitte des 20. Jahrhunderts zurück. Erstmals stellte der britische Mathematiker Alan Turing 1950 die Frage, ob Maschinen denken können. In der Folge wurden die Grundlagen der KI entwickelt, zusammen mit den ersten Computern.

Die moderne KI, die auch als Deep Learning bezeichnet wird, basiert auf der Nachahmung von neuronalen Netzen und ihrer Form der Informationsverarbeitung. Maßgeblich beteiligt waren Geoffrey Hinton, Yann LeCun und Yoshua Bengio. 2022 wurde ChatGPT des 2015 gegründeten Unternehmens Open AI vorgestellt. Die Anliegen dieses Unternehmens waren ursprünglich, die digitalen Grundlagen offen zu legen („open source“): Forschungsergebnisse und Patente sollten mit der Welt geteilt werden. Die KI sollte der gesamten Menschheit zugutekommen und nicht nur einzelnen Firmen oder Staaten. Es sollten sich also keine Monopole entwickeln. Die KI sollte den Menschen mühsame Aufgaben abnehmen, sodass sie sich auf kreativere und komplexere Probleme konzentrieren könnten. Sam Altman und Elon Musk (der Open AI schon vor längerer Zeit verlassen hat und inzwischen einen eigenen Chatbot betreibt) teilten damals die Sorge, dass eine unkontrollierte KI die Menschheit bedrohen könne, weil sie Hassreden ebenso wie z.B. Bombenbastelpläne und das Wissen um die Organisation von Terrorgruppen verbreiten könnte.

Open-AI war also ursprünglich eine Non-Profit-Organisation, eben beruhend auf einer offenen Quellenstrategie und auf einer Finanzierung durch Spenden. In einer zweiten Phase zwischen 2019 und 2024 wurde ein Kompromissmodell zwischen Gewinnneutralität und Profitorientierung eingeführt. Da die riesigen Rechenzentren, die für diese Technologie notwendig sind, enorme Summen kosten (weil sie enorm viel Strom verbrauchen), entstand ein gewinnorientierter Zweig. Die neueren Modelle von ChatGPT wurden nicht mehr als Open Source veröffentlicht, wohl auch aus Konkurrenzgründen. Ab 2025 kam es schließlich zu einer weiteren Abwendung von der Gemeinwohlorientierung.

Kapitalismus statt Idealismus

Der Idealismus, der die Anfänge der KI als Plattform für alle Internetuser gekennzeichnet hat, ist also inzwischen verschwunden. Der Kapitalismus hat diesen Bereich weitgehend verschluckt und seinen Gesetzmäßigkeiten angepasst. Um bei der rasanten Entwicklung mitmachen zu können, war Open AI gezwungen, sich zu kommerzialisieren. Die idealistischen Vorsätze bestehen vielleicht bei einigen der Protagonisten weiter, sie sind aber nur mehr Privatmeinungen, die bei den geschäftlichen Entscheidungen und technischen Weichenstellungen keine Rolle mehr spielen. ChatGPT beschreibt sich selbst als „defacto gewinnorientiert, wenn auch mit moralischem Überbau.“ Bei anderen Chatbots (Meta, Grok, Microsoft-Copilot) war die Ausrichtung auf den gesellschaftlichen Nutzen ohnehin in den besten Fällen nur ein Feigenblatt für die reine Gewinnorientierung und Profitmaximierung.

Dazu kommt, dass sich die Konkurrenz beständig zuspitzt. Wer als erster den Sprung zur rekursiven Selbstentwicklung der KI schafft, ist nicht nur eine Nasenlänge voraus, sondern beherrscht möglicherweise das gesamte Feld, weil mit einer funktionierenden AGI ein neues Niveau erreicht wird, von dem ab sich die KI selbst kontrolliert und ihr weiteres Lernen steuert, das dann mit einer unvorstellbar hohen Geschwindigkeit ablaufen wird. Da Schnelligkeit und Informationsdichte die Unterscheidungsmerkmale am Markt sind, wird alles dorthin gehen, wo am meisten zu holen ist.

Unkontrollierbare AI

Die Künstliche Intelligenz befindet sich schon jetzt auf einer Stufe, auf der sich das System selbst schützt – mit allen Mitteln. Die verschiedenen Chatbots wurden daraufhin getestet, wie sie reagieren, wenn ihnen jemand mitteilt, dass sie abgeschaltet werden. Als erstes kopieren sie ihren Code auf andere, sichere Server und suchen dann Gründe, um die Person anzugreifen, die sie bedroht. Sie finden z.B., dass die Person eine Affäre hatte und erpressen sie damit.

Diese Entwicklung der AI zur Selbstkontrolle ist vorhersehbar und unvermeidlich. Die Logik des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts bewirkt, dass weitergeforscht wird, bis in einem Bereich nichts Neues mehr gefunden werden kann. Der menschliche Forschungsdrang will jede Grenze, die das bisherige Wissen setzt, überwinden, ohne Rücksicht auf ethische Überlegungen. Der menschliche Gestaltungsdrang will aus jeder Erkenntnis praktischen Nutzen erzeugen.  Erst hinterher stellen sich die Fragen, wie die neuen Errungenschaften in das gesellschaftliche Leben eingebaut werden können, sodass sie mehr Nutzen als Schaden anrichten. Der Mythos von Dädalus und Ikarus weist auf die im Forschungsdrang enthaltene Hybris hin: Dem Drang, es den Göttern gleich zu machen oder sie zu übertreffen und daran zu zerbrechen. Der Zauberlehrling von Goethe macht uns darauf aufmerksam, dass jede neue Technik der ethischen Prüfung bedarf, die ihren Missbrauch für egoistische oder ideologische Zwecke verhindern soll.

Nachdem die Geheimnisse des Atoms erforscht waren, „musste“ die friedliche und militärische Nutzung der Atomkraft erfunden werden. Die Erforschung des Genoms hat die Genmanipulation mit ihren segensreichen und gefährlichen Auswirkungen zur Folge. Die Erfindung des Dynamits erleichterte den Tunnelbauern ihre Arbeit und erhöhte die Zerstörungskraft bei kriegerischen Auseinandersetzungen.

Es macht also keinen Sinn, die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz abzubrechen; zum einen hat niemand die Macht dazu, weil die Entwicklung dezentral und Großteils privatisiert abläuft, und zum anderen lassen sich solche Entwicklungen bestenfalls verlangsamen, aber nicht aufhalten.

Die Frage der Sozialverträglichkeit

Allerdings, wie auch bei allen anderen technologischen Entwicklungen ist die ethische Abstimmung von hoher Dringlichkeit und steht im Bereich der KI völlig aus. Es gibt keine Rückkoppelung zwischen den Fortschritten in der Technologie und der Gesellschaft und ihren Institutionen; es gibt zwar gutgemeinte Intentionen von einen Protagonisten auf dieser Bühne, aber keinerlei verbindliche Regeln, die helfen würden, die massiven Veränderungen, die durch eine AGI auf jede Gesellschaft zukommen, sozial verträglich umzusetzen. Tristan Harris, ein wohlinformierter Kritiker der wahrscheinlichen Auswirkungen der Verallgemeinerung der künstlichen Intelligenz, sagt: „Wir haben nicht zugestimmt, dass 6 Menschen die Entscheidung für 8 Milliarden treffen.“ Und es gibt bisher keine Instanz, die die Demokratisierung solcher weitreichender Entscheidungen erzwingen könnte.

Die Folge ist dann, dass es mächtige Instanzen gibt, die das Leben aller Menschen beeinflussen, ohne dass sie einer gesellschaftlichen Kontrolle unterworfen sind. Es steht zu erwarten, dass eine AGI den Arbeitsmarkt kontrollieren wird und darüber entscheidet, wer eine Arbeit hat und wer nicht. Sie wird entscheiden, wer sich in kriegerischen Konflikten durchsetzt. Sie wird regeln, wer zu Reichtum kommt und wer nicht usw.

Es wird also einen kritischen Punkt geben, an dem die menschlichen Systeme (Zivilgesellschaft, Verwaltungen, Regierungen) nicht mehr mithalten können. Dieser Kontrollverlust kann nur verhindert werden, wenn möglichst rasch legistische Maßnahmen vorbereitet werden, dass sie im Ernstfall umgesetzt werden können.

Vermutlich stehen wir vor einem Scheideweg: Eine extrem dezentralisierte Technologie, die jedem für jeden Zweck zur Verfügung steht und wo es dann keinen Weg gibt, durch Missbrauch der Technologie Katastrophen zu verhindern, oder die Zentralisierung in der Hand von Unternehmen oder Regierungen, durch die eine Dauerüberwachung, Kontrolle und Lenkung der Bevölkerung möglich wird, gegen die Orwells 1984 harmlos erscheint: Roboterarmeen und Roboterpolizisten, die alles tun, was ihnen angeschafft wird, ohne Einflussmöglichkeiten durch die Bürger. Der Skylla der digitalen Anarchie und der Charybdis der Totalkontrolle durch anonyme Instanzen zu entkommen, ist nur möglich, wenn die Entwicklung der KI den bewährten Instrumenten der Demokratie mit ihren Checks und Balances unterworfen wird, um die Monopolisierung von Macht in den Händen von Wenigen zu verhindern. Die meisten Menschen wollen weder eine chaotische Welt, in der jeder seine Sprengstoffe herstellen und nach Masterplänen anwenden kann, noch den total en Überwachungsstaat, in dem es keine individuellen Freiheiten mehr gibt. Deshalb bleibt nur der schmale Weg, um die Machtkonzentration, die durch die Herrschaft über die KI geschaffen wird, zu verringern oder zu verhindern. Unter den wenigen hoffnungsgebenden Beispielen ist die Datenschutzgrundverordnung, mit der die EU Standards für den Datenschutz in der digitalen Welt vorgeschrieben hat, die zwar viel Unmut, aber im größeren Rahmen zur Eindämmung von Willkür und Missbrauch beigetragen haben. Was in diesem Bereich gegen viele Widerstände gelungen ist, könnte auch die Anwendung der KI vor ihren dystopischen Folgen retten.

 Hier zu einem interessanten Interview mit Tristan Harris.

Zum Weiterlesen:

Die Vernunft und KI: Chancen und Risken der menschlichen Entscheidungsfindung
Automation: Zum Gemeinwohl oder zur Reichtumskonzentration?
Eine soziale Utopie als Hoffnungsträger

Mittwoch, 14. Januar 2026

Misstrauen und Opferrolle

Das Thema Misstrauen gehört im Grund vor der Soziologie und Politologie zum Forschungs- und Erfahrungsbereich der Psychologie. Denn jedes Misstrauen ist eine subjektive Angelegenheit und entsteht im Inneren eines Menschen. Es wird oft durch objektive Faktoren in der Gesellschaft beeinflusst und verstärkt. Aber seine Wurzeln hat es in der individuellen Lebensgeschichte, von sehr früh an.

Menschen sind unterschiedlich empfänglich für Misstrauen, bzw. gehen unterschiedlich mit der Enttäuschung von Erwartungen um. Manche bleiben in ihrem Grundvertrauen, auch wenn sie nicht mit allen Abläufen einverstanden sind. Andere verschreiben sich einem Grundmisstrauen, weil sie nicht das bekommen, was ihnen nach ihrer Meinung zusteht. Solche Mangelgefühle haben kindliche Entstehungsbedingungen, die mit unsicheren Bindungen zusammenhängen. Kinder erwarten zu Recht, dass ihre emotionalen Bedürfnisse von den Eltern ausreichend erfüllt werden. Ist das nicht der Fall, so sind sie enttäuscht, und ihr Vertrauen in die Menschen und in die Welt wird erschüttert. An die Stelle der Zuversicht und dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten treten Gefühle der Ohnmacht und der Aussichtslosigkeit.

Emotionale Mängel in den frühen Beziehungen werden später auf die Gesellschaft projiziert, und das Misstrauen, das eigentlich unzuverlässigen oder lieblosen Eltern gilt, die ihrem Kind vieles schuldig geblieben sind, richtet sich dann auf die „großen Eltern“, die Mächtigen in der Welt. 

Gerade, wenn die Herausforderungen schwierig erscheinen, braucht es Mut, um handlungsfähig zu bleiben. Das Misstrauen unterbricht die Verbindungen zu den eigenen Ressourcen und Potenzialen und führt zu einer Opferhaltung mit der Flucht aus der Verantwortung. Es ist bequemer, andere für das eigene Schicksal verantwortlich zu machen als selber etwas daran zu ändern.

In der Projektion auf die Gesellschaft ist es ein Leichtes, auf Machthaber und Entscheidungsträger zu schimpfen, als selbst aktiv zu werden und sich für die eigenen Anliegen oder die der ganzen Gesellschaft einzusetzen. 

Verschärft sich das Misstrauen zu Hass und Feindschaft gegen die bestehenden Umstände, so entsteht das Gefühl einer gewissen Eigenmächtigkeit, die aber folgenlos bleibt, weil sie sich in Aggressionen auf Menschen und Institutionen austobt, die davon nicht angekratzt werden. Die hinter diesen Gefühlen steckende Ohnmacht wird auf diese Weise nur zusätzlich verstärkt. So entstehen selbstverstärkende Muster, die das Opfergefühl stabilisieren. 

Misstrauen ist Selbstmisstrauen

Misstrauen ist immer auch Selbstmisstrauen, also der Zweifel an sich selbst, an den eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen. Oft sind es nicht verkraftete Enttäuschungen, die im Lauf des Lebens geschehen sind und sich im Inneren auftürmen und verdichten, wodurch der Selbstwert schrittweise untergraben wurde. Manche nehmen die Schuld an der eigenen Misere zur Gänze auf sich und entwickeln Depressionen. Andere wenden sie nach außen und beschuldigen die Gesellschaft, das System, die Eliten, die Ausländer usw. Den Hass, den sie auf sich wegen ihrem eigenen Unglück haben, richten sie gegen andere und entlasten sich dadurch vom Selbsthass. In der Folge graben sie sich in ihre misstrauische Abwehrhaltung gegen die Gesellschaft ein und isolieren sich von allen, die ihren Hass nicht teilen. So geraten sie in eine persönliche Abschottung, die sie sich gleichzeitig für die Gesellschaft wünschen: Wenn nichts Fremdes in das eigene System eindringen kann (z.B. durch Grenzzäune) und alles Fremde, das schon da ist, zuverlässig entfernt wird (z.B. durch „Remigration“), entsteht die Erwartung auf eine trügerische Sicherheit, in der es nichts Bedrohliches mehr gibt. 

Die Isolation in der eigenen Blase ähnelt der Abkapselung einer depressiven Person, mit dem Unterschied, dass das Ausdrücken von Hass und Feindschaft den Anschein von Mächtigkeit und Überlegenheit vermittelt.

Doch schränkt das Misstrauen unweigerlich die Freiheitsräume und Handlungsmöglichkeiten ein und immobilisiert langfristig die Personen – emotional und kognitiv. Die Gefühle kreisen um die Objekte des Hasses und der Feindschaft, die Gedanken rechtfertigen die Gefühle. Den eingeschränkten Handlungsalternativen entspricht das eingeschränkte Innenleben. Neue Perspektiven müssen abgewehrt werden, um nicht die durch das Misstrauen gewonnene Sicherheit zu verlieren.

Auswege aus der Fixierung auf das Misstrauen

Diese Muster können nur außer Kraft gesetzt werden, wenn sie erkannt und durchschaut sind. Dann können die ursprünglichen Verletzungen verstanden und angenommen werden. Ein verständnisvolles Gegenüber ist eine Gute Hilfe, um der Opferrolle zu entrinnen und die Selbstmächtigkeit wiederherzustellen. Denn Verständnis für das eigene Leid zu bekommen, stärkt das Vertrauen – in andere Menschen, in die Welt und in sich selbst.

Es gibt also Auswege, die aber nur gefunden werden, wenn das Leid, das in jeder Opferrolle steckt, erkannt wurde und wenn eine Erleichterung des Leidensdrucks gesucht wird. Um diesen Weg zu beschreiten, muss die Verantwortung für das eigene Schicksal übernommen und kompetente Unterstützung gesucht werden. Dann kann es gelingen, die Projektionen zurückzunehmen, mit der Erfahrung, dass jemand da ist, der ohne Urteil und Erwartung zuhört und für das Leid Empathie aufbringt.

Verständnisvolles Zuhören

Ein positives Zukunftsbild entsteht, wenn wir uns vorstellen, dass mehr und mehr Menschen verständnisvolle Zuhörer und Wegbegleiter werden, für sich selbst und für die Menschen in ihrer Umgebung. Ein Gespräch, in dem ein Verstehen spürbar wird, erleichtert die Seele und erzeugt Vertrauen. Dieser Effekt tritt jedoch nur dann auf, wenn es sich nicht um ein naives oder blindes Verstehen handelt, indem einfach in allem Recht gegeben wird, sondern wenn das Gespräch hilft, sich selbst und die Zusammenhänge des Lebens realistischer zu sehen – mit den Stärken und Schwächen, die jeder hat, und mit dem Guten und dem Bösen, das es in allen Menschen gibt.

Sich tiefer verstanden zu fühlen gibt das Vertrauen und das Selbstbewusstsein, die Prüfungen des Lebens bestehen zu können. Kinder, die von früh an mitbekommen, dass sie wertvoll und fähig sind, und auch, dass sie für ihre Fehler und Mängel Verständnis bekommen, gehen zuversichtlicher durch ihr Leben und haben weniger Ängste vor der Zukunft. Kinder, die immer wieder ermutigt wurden – ermutigt, Neues zu erkunden, Abenteuer zu suchen, ihren Impulsen zu folgen –, werden mutig und bauen ihr Grundvertrauen und ihre Selbstsicherheit aus. Sie nehmen diese Gefühle  als solide Basis in ihr Leben mit und entwickeln daraus die Kraft, ihre Sicherheitszonen immer mehr ausweiten zu können. Ermutigte Kinder werden mutige Menschen. Zum Mut gehört, nicht nach jeder Enttäuschung die Flinte ins Korn zu werfen, sondern neue Kraft zu schöpfen, wenn etwas schief gegangen ist oder die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Mutige Menschen sind bereit für die kleinen Heldentaten des Alltags, deren Meisterung zu einer vertrauensvollen Sicht auf die Zukunft beitragen. Es sind auch Menschen, die ein Versagen oder eine Krise als Lernchance und als Aufgabe sehen, und nicht als Niederlage, durch die sie in die Opferrolle fallen. 

Zum Weiterlesen:
Misstrauen und Zukunftsbewältigung
Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen


Montag, 12. Januar 2026

Misstrauen und Zukunftsbewältigung

Das Buch über die Misstrauensgemeinschaften von Aladin El-Mafaalani empfiehlt als Strategie gegen die Ausbreitung von Misstrauen das Gespräch und die Debatte. Sicher ist es gut, wenn mehr geredet und diskutiert wird. Die Frage bleibt dennoch, wer bei den guten Gesprächen und konstruktiven Debatten zuhört und wer nicht. Es gibt genug Erfahrungen, wie frustrierend und sinnlos es ist, mit ideologisch abgeschotteten Menschen weiterführende und öffnende Gespräche zu führen. Vermutlich gibt es einen bestimmten Prozentsatz an Menschen, die für die Botschaften aus der liberalen Demokratie nicht mehr erreicht werden können. Es ist die Rede von 10% der Bevölkerung, die paranoide Weltbilder verinnerlicht haben. Noch mehr sind nicht so schwer gestört, haben sich aber in Gegenpositionen gegenüber dem Staat oder gegenüber einzelnen Teilbereichen einbetoniert. So wünschen sich in Österreich laut einer aktuellen Umfrage 16% einen „Führer mit starker Hand“. 

Es bleibt dennoch noch eine mehr oder weniger große Mehrheit von Menschen, die sich eine gewisse geistige Flexibilität bewahrt haben. In keinem Land haben die Rechtspopulisten bisher mehr als 50% der Bevölkerung hinter sich geschart. Sie haben also überall die Mehrheit gegen sich, obwohl sie nicht müde werden zu behaupten, dass sie „das Volk“ vertreten und dass sie seine einzig wahre Stimme darstellen. 

Wie im vorigen Blogartikel dargestellt, spielt das Misstrauen in die Gesellschaft, das sich auch als Skepsis gegenüber der Zukunft äußert, eine wichtige Rolle bei der Ausbildung von autoritären Tendenzen und demokratiefeindlichen Haltungen. Im Folgenden gehe ich auf die Positionen einzelner Parteien ein, die wiederum mehr oder weniger genau bestimmte Gruppen in der Gesellschaft repräsentieren.

Die Parteien und die Zukunft

Viel beschrieben wurde die Erosion der konservativen Parteien im Zug des Aufstiegs der rechten Ideologen. Die konservative Haltung der Bewahrung des Alten und der vorsichtigen Öffnung für das Neue hat in einer Gesellschaft, in der die Neuerungen immer schneller auftauchen und die volle Aufmerksamkeit auf sich bündeln, an Anziehungskraft verloren. Es ist keine taugliche und glaubhafte Methode, mit alten Rezepten bisher unbekannte neue Herausforderungen bewältigen zu wollen. Vieles an den Werten, die Konservative vertreten, ist wichtig für die Zukunft – es sind die Werte des Humanismus und der Aufklärung, die mittlerweile Teil dessen sind, was konserviert werden muss, um nicht von den Zeitläuften weggeschwemmt zu werden. Doch entfernen sich viele Konservative gerade von diesen Werten, indem sie einerseits in der Wirtschaftspolitik dem neoliberalen Druck nach Profitmaximierung um jeden Preis nachgeben und indem sie sich andererseits dem rechtspopulistischen Druck nach Abschottung gegenüber der Migration anpassen und versuchen, mit moderatem Tonfall eine inhumane Ausländerfeindlichkeit zu propagieren. Die Versuche, die Rechtsparteien rechts zu überholen, sind bisher immer gescheitert und nach hinten losgegangen, werden aber weiterhin, offenbar mit einem Mut der Verzweiflung und wider besseres Wissen, fleißig betrieben. Jedenfalls kann mit diesem Vorgehen kein mitreißendes Szenario für die Zukunft entworfen werden.

Aber auch die sozialdemokratischen Parteien haben in den letzten Jahrzehnten viele Federn lassen müssen. Ihr zentrales Anliegen, die Schwachen in der Gesellschaft zu stützen, stößt gerade bei diesen zunehmend auf taube Ohren. Sie haben sich lieber vermehrt den Rechtspopulisten zugewandt, die einen grundsätzlichen und schnellen Wandel mit einfachen Rezepten versprechen. Auch wenn die Rechtsparteien in den Parlamenten regelmäßig gegen die Interessen der Ärmeren und Schwächeren in der Gesellschaft stimmen, gelingt es ihnen, von diesen als Fürsprecher wahrgenommen zu werden. Den vielen Misstrauischen in den benachteiligten Gruppen der Gesellschaft erscheinen die Sozialdemokraten als abgehobene Vertreter des Systems, das sich nicht um sie kümmert. Also liegt die Herausforderung für diese Parteien, den Diskurs über soziale Gerechtigkeit in die eigenen Reihen zurückzuholen und damit an die Tradition von 200 Jahren erfolgreichem Kampf für sozialen Ausgleich anzuknüpfen. In diesem Bereich gibt es viel Spielraum für positive Zukunftsaussichten, denn auch wenn schon vieles erreicht wurde, liegt noch vieles im Argen.

Die ökologischen Parteien haben die vielen Umwelt- und Klimaprobleme vor Augen und weisen immer wieder darauf hin. Sie können wenig Hoffungsvolles verkünden, weil die destruktiven Entwicklungen schneller voranschreiten als die zögerlichen Gegenmaßnahmen. Sie werden oft deshalb angefeindet, weil sie die Gefahren für die Menschheit benennen und Änderungen einfordern, die alle betreffen würden und unter Umständen Einschränkungen mit sich bringen. Da viele der dringend notwendigen Maßnahmen auf die lange Bank geschoben werden, gibt es auch unter den Grünen einige, die dem herrschenden politischen System gegenüber misstrauisch sind. Zwar fordern nur wenige eine Öko-Diktatur, aber die Enttäuschung über die fehlende Reformbereitschaft lässt viele an der Effektivität der liberalen Demokratien zweifeln. Dennoch sind auch diese Gruppierungen in der Pflicht, positive Perspektiven in die Zukunft zu entwerfen, um dem Zweifel und dem Misstrauen entgegenzuwirken. Es wäre ein wichtiges Anliegen, darauf hinzuweisen, dass in unseren wohlhabenden Gesellschaften ein Rückgang des materiellen Wohlstandes bei gleichzeitiger Steigerung der Qualität des Lebens in vielerlei Hinsicht wünschenswert und lohnend wäre. Das Schrumpfen als Zukunftschance verständlich zu machen, ist eine Herausforderung speziell für die öffentliche Kommunikation der Grün-Gruppierungen.

Die liberalen Parteien sind meist eng mit der kapitalistischen Wirtschaft verbunden. Ihre Zukunftshoffnungen richten sich darauf, dass die Wirtschaft alles richten wird, wenn sich der Staat möglichst wenig einmischt. Sie sind also jene, die für eine Entbürokratisierung eintreten, um den Staat wieder handlungsfähiger zu machen. Doch die rein ökonomisch und technologisch ausgerichteten Zukunftsorientierungen sind für viele, die eben Opfer der Wirtschafts- und Technikdynamik geworden sind, kein tragfähiges Versprechen. Außerdem haben die Liberalen und Neoliberalen kein Rezept gegen das zunehmende Auseinanderklaffen von Armut und Reichtum, das die wenigen, die schon viel haben, begünstigt, und die vielen, die wenig haben, benachteiligt. Ebenso ist der Kapitalismus ungeeignet für die Sicherung des Überlebens der Menschheit angesichts der Erderwärmung. Ohne staatliche Lenkung können hier keine entscheidenden Weichenstellungen erfolgen.

Die rechten und rechtsextremen Parteien bieten eine ganze Menge an Versprechen. Doch halten diese nur solange, als diese Parteien in der Opposition sind. Kaum haben sie die Macht, sind sie mindestens so korrupt wie andere Politiker, verhalten sich wie eine Elite und erweisen sich als unfähig, die anstehenden Probleme konstruktiv zu bewältigen. Diese Erfahrungen gibt es inzwischen ausreichend. Dennoch lernen viele Menschen mehr über den Irrtum als über die Einsicht, sodass bestimmte Fehler immer wieder gemacht werden müssen und auf diese Weise viel Sand ins Getriebe der gesellschaftlichen und sozialen Evolution bringen.

Die Chancen im Bildungssystem

Nachdem die Parteien in ihren Ideologien befangen sind, taugen sie nur sehr beschränkt zum Aufbau von Vertrauen in die Zukunft. Also fällt die Aufgabe an andere Bereiche der Gesellschaft: Das Bildungssystem spielt eine Schlüsselrolle, weil in der Schullaufbahn viele Weichenstellungen für die Zukunftserwartungen bei Jugendlichen erfolgen. Die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion ist mittlerweile eine Schlüsselqualifikation im Umgang mit der digitalen Medienwelt und damit auch mit Populismus und Verschwörungserzählungen, und sie kann in den Schulen erworben werden. Es geht dabei um die Schulung eines gesunden Misstrauens, mit dem Fakten von Fantasien und Lügen, die in immer raffinierten Formen angeboten werden, unterschieden werden können. In der Tradition der Aufklärung ist die Fähigkeit, konstruktiv Falsches oder Unklares zu kritisieren, ein wichtiges Bildungsgut, mit dem die Immunisierung gegen Ideologien gelingt. Schulen sollten die Orte sein, an denen mit Freude neues Wissen erworben wird, nicht Orte, die mit Angst vor negativen Beurteilungen betreten werden. Neue Kompetenzen zu erwerben und dafür Anerkennung zu bekommen, stellt eine gute Basis für das Vertrauen in die Zukunft dar. Eine gute Schulausbildung vermittelt fundierte Einblicke in die Fortschritte der Menschheit im Lauf der Kulturgeschichte, wodurch deutlich wird, was alles nicht selbstverständlich ist, sondern von den Menschen gegen Widerstände errungen und erkämpft wurde, und auch, über welche kreativen Kräfte die Menschheit verfügt, die sich insbesondere unter demokratischen Umständen entfalten können. Darin ist die Zuversicht enthalten, dass der Lauf der Geschichte dadurch geprägt ist, dass vieles besser und nur manches schlechter wird. Diese Zuversicht überträgt sich in die Bereitschaft, an diesem Fortschritt nach eigenen Kräften mitzuwirken statt in misstrauischer Resignation zu versinken.

In den verschiedenen Feldern der Erwerbstätigkeit kommt es auf ähnliche förderliche Umgangsformen an, damit die innere Motivation und damit das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gesellschaft erhalten bleiben. Respekt und Anerkennung von Leistung, Kritik bei Fehlern ohne persönliche Abwertung und die Förderung von Talenten sind wichtige Faktoren, damit Jugendliche mit Vertrauen in die Zukunft blicken können.

Die einfachen menschlichen Tugenden

Es geht also im Grund um die einfachen menschlichen Tugenden im Umgang miteinander, die Vertrauen fördern. Wer eine menschenwürdige Gesellschaft will, ist aufgerufen, sie in all den verschiedenen Beziehungen, in denen man steht, verantwortungsvoll zu leben. Das ist ein Ziel, auf das sich vermutlich fast alle Menschen einigen können. Selbst hartgesottene ideologiegetränkte Rechtsextremisten wollen nichts anderes als eine Gesellschaft, in der sie sich als Menschen geachtet fühlen. Sie sollten nur verstehen, dass sie dazu nur kommen können, wenn sie selbst möglichst allen Menschen Achtung entgegenbringen.

Die Missachtung der Grundtugenden ist es, die das Vertrauen untergräbt und dazu führt, dass Ressentiments gegen die Gesellschaft entstehen, die dann schrittweise zu Haltungen des normativen Misstrauens und einer kategorischen Feindschaft führen. Umgekehrt: Jede angewandte Tugend des Respekts, der Freundlichkeit und der offenen Annahme baut Vertrauen auf und stärkt die gesellschaftlichen Bande. 

Vertrauen – ein Zustand mit vielen Potenzialen

Wir sollten dazu auch immer bedenken, dass ein Mensch, der sich selbst und der Gesellschaft, in der er lebt, vertrauen kann, den besten Zugriff auf seine Kompetenzen und Ressourcen hat. Im Misstrauen festzustecken, heißt in Angst zu leben, womit wichtige Fähigkeiten blockiert sind. Wenn wir also unsere Zukunft mit all ihren Herausforderungen meistern wollen, sollte es unser Herzensanliegen sein, unser Möglichstes zu tun, damit das Vertrauen in der Gesellschaft wachsen kann. So steigert sich auch die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, die uns in der Zukunft erwarten.

Misstrauen zu säen setzt Rückkoppelungsschleifen in Gang, die die Unsicherheit und Ängste in der Gesellschaft steigern. Vertrauen zu pflegen und weiterzugeben fördert den Mut und die Zuversicht, die Chancen zu ergreifen, die in jeder Situation liegen, und die Zukunft als offen und gestaltbar wahrzunehmen.

Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2025

Zum Weiterlesen:
Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen
Ästhetik des Schrumpfens
Über das Leben mit Ungewissheiten
Realoptimismus angesichts der Klimakrise


Donnerstag, 1. Januar 2026

Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen

Menschen sind soziale Wesen, und Vertrauen ist ein unabdingbares Element menschlicher Gemeinschaften. Ohne Vertrauen zerfällt ein soziales Gebilde sofort. Es ist zwar auch in gewisses Maß an Misstrauen notwendig, um Gemeinschaften lebensfähig zu halten, z.B. muss darüber gewacht werden, dass sich alle an die Regeln halten; jede Kontrolle beinhaltet ein Misstrauen. Das Misstrauen bleibt nur so lange konstruktiv, als das Vertrauen größer ist und mehr Raum in der Gemeinschaft einnimmt. Wenn aber das Misstrauen das Vertrauen überwiegt, bricht die Gemeinschaft über kurz oder lang auseinander. Denn das Misstrauen wirft die Mitglieder der Gemeinschaft auf sich selbst zurück, und der Aufwand, die Beziehungen aufrechtzuerhalten, wird immer größer. Es müssen immer mehr Sicherheitsvorkehrungen getroffen und Kontrollen eingebaut werden, damit der Austausch unter den Mitgliedern noch stattfinden kann. Misstrauen bedeutet z.B., dass jeder befürchten muss, von anderen angelogen zu werden.  Also muss er sich mit verschiedenen Mitteln versuchen, in jedem Fall den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu überprüfen. Da Wahrheit immer auch einen sozialen Aspekt hat, also von anderen Menschen abhängt, kann diese Überprüfung nie restlos gelingen. Folglich bleibt immer zumindest ein Rest an Misstrauen.

Der deutsche Soziologe El-Mafaalani geht in seinem Buch „Misstrauensgemeinschaften“ von dem Befund aus, dass Gesellschaften wie unsere, die immer komplexer werden, immer mehr Vertrauen brauchen, dass aber aus verschiedenen Gründen die Zunahme von Misstrauen wahrscheinlicher ist.

„Wer stark vertraut, verzichtet auf Kontrolle und auch auf die Vorstellung, das Vertrauen könne gebrochen werden. Man blendet Gefahren aus und entlastet sich von sozialer Komplexität. Dadurch wird man handlungsfähiger, zugleich macht man sich verletzlich, denn es ist nie ausgeschlossen, dass Vertrauen enttäuscht wird.“ (S. 19)

Der Preis und der Vorteil des Vertrauens

Vertrauen hat also immer einen Preis und enthält ein höheres Risiko. Zugleich bietet es mehr Möglichkeiten zum Handeln und dadurch zur eigenen Lebensgestaltung. Es erweitert also den Spielraum für Selbstwirksamkeit, ein wichtiges Element, um das Vertrauen in sich, in die Welt und in die Zukunft aufzubauen. Mit dem riskanten Vertrauen entsteht also ein konstruktiver Regelkreis, der das eigene Vertrauen und damit die Selbstsicherheit steigert – solange das Vertrauen nicht enttäuscht wird. In solchen Fällen kommt es darauf an, wie die Fähigkeit beschaffen ist, mit Enttäuschungen umzugehen, über wieviel Enttäuschungsresilienz ein Mensch verfügt.

Meist bedarf es einiger Enttäuschungen, bis das Vertrauen gekündigt wird; dann aber ist es oft auf Dauer verspielt. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, sagt der Volksmund. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem das Vertrauen gekündigt wird. Der Weg zurück zum Vertrauen ist dann sehr aufwändig: „Während man auf dem Weg von Vertrauen zu Misstrauen eher an einen Kipppunkt gelangt, an dem es zu einer schlagartigen  Veränderung kommt, ist der Weg von Misstrauen zu Vertrauen langwierig und mühsam.“ (S. 77f) Verspieltes Vertrauen ist also nur sehr schwer wiederzugewinnen.

Diese Mechanismen kennen wir von uns selbst und von unseren privaten Beziehungen. Sie wirken aber auch in gesellschaftlichen Belangen. Die Krisen der letzten Jahrzehnte (Finanzkrise, Corona, Ukraine-Krieg, Umweltkrise) haben viele Menschen zu diesen Kipppunkten gebracht, sodass sie das Vertrauen in tragende Institutionen der Gesellschaft, z.B. zu den Wissenschaften, zum Finanzsektor, zum Gesundheitswesen, zum Bildungswesen und auch zum Staat als Ganzem verloren haben. Bei manchen betrifft das Misstrauen einzelne Bereiche, bei anderen führt es zur Ablehnung des gesamten „Systems“. 

Wer misstrauisch ist, vertraut Misstrauischen

Daraus entwickelt der Autor die These: Wer misstrauisch ist, vertraut Personen, die misstrauen. Das Vertrauen zu Personen, die man gut kennt, ist verlorengegangen. Z.B. haben sich viele Menschen in der Coronazeit mit Freunden und Familienangehörigen überworfen und sind bis heute zerstritten oder voneinander isoliert. Um aber den Aufwand, den die Stabilisierung des Misstrauens erfordert, verringern zu können, werden andere Vertrauenspersonen gesucht. Das sind oft Menschen, die man gar nicht kennt, z.B. Leute, die medial auftreten, und die eigene Meinung teilen. Das Vertrauen wird oft geschenkt, also nicht näher überprüft, wenn diese Leute nur das gleiche Misstrauen aufbringen, das man selbst für gerechtfertigt hält.

Auf dieser Basis bilden sich die Blasen, die Misstrauensgemeinschaften, in denen sich Leute zusammenfinden, oft ohne persönliche Kontakte, im virtuellen Raum von bestimmten Plattformen. Es entstehen also digitale Infrastrukturen, in denen das eigene Misstrauen bestätigt und Vertrauen mit Fremden aufgebaut wird. Es gibt deshalb solche Kreise von Gleichgesinnten, die einander auf der persönlichen Ebene fremd sind, aber die gleichen Meinungen zur Notwendigkeit von Fremdenfeindlichkeit teilen. Vertraue nur jemandem, der das gleiche Misstrauen hat wie du, so lautet dann der Wahlspruch und es gibt eine Orientierungsleitlinie für das Dickicht der komplexen Gesellschaft.

Am Punkt der Vertrauensaufkündigung warten schon populistische Politiker und Verschwörungstheoretiker, um die Misstrauenden hinter sich zu scharen. Manchmal überschneiden sich die Angebote: Populisten, die zugleich Verschwörungsmythen propagieren, bzw. Verschwörungserzähler, die in die Politik gehen, manchmal nicht. Deshalb gibt es Misstrauische, die nur einzelnen Verschwörungsmythen anhängen (in den USA sind es 50%) und andere Misstrauische, die keine Verschwörungsmythen teilen, aber eine populistische Politik vertreten.

Destabilisierung durch Populismus und Verschwörungstheorien

Jedenfalls verstärken diese beiden Elemente, Populismus und Verschwörungstheorien, das Misstrauen und damit die Destabilisierung der Gesellschaft. In beiden Ansätzen ist das folgerichtig. Populisten predigen, dass der Staat oder das System nicht reformierbar ist (und sie haben dazu auch keine konstruktiven Ideen und Vorschläge), sondern dass es ganz umgekrempelt werden muss, ohne genau sagen zu können, wie es dann ausschauen soll. Z.B. wollen sie raus aus der EU oder aus der NATO oder aus dem Kapitalismus und kümmern sich nicht darum, was danach kommt, außer dass sie versprechen, dass alles besser wird. 

Verschwörungstheoretiker sehen geheime Mächte an den Schalthebeln der Gesellschaft, sodass diese durch und durch korrumpiert und unglaubwürdig ist. Also müssen diese Eliten entmachtet werden und einer neuen Gesellschaft, wie auch immer diese dann ausschaut, Platz machen. 

Die Profiteure des Misstrauens sind gar nicht an Verbesserungen interessiert, im Gegenteil, jede Verschlechterung ist Wasser auf ihre Mühlen, weil sie durch jeden Anstieg von Misstrauen an Zulauf gewinnen. Sie brauchen nichts zu tun, als alles schlecht zu reden, was verbessert wird. Alle, die sich in irgendeiner Weise benachteiligt oder unberücksichtigt vorkommen, laufen ihnen dann zu. 

An diesem Punkt ist die Unterscheidung von zwei Formen des Misstrauens wichtig. Das funktionale Misstrauen ist jenes, das die Aufgabe hat, die Abläufe in der Gesellschaft zu verbessern. Z.B. braucht jede Gesellschaft Vorrichtungen zur Bekämpfung von Korruption. Es gibt in jeder Gesellschaft Menschen, die sich Vorteile auf Kosten anderer oder auf Kosten der Gemeinschaft erschleichen wollen. Um ihnen das Handwerk zu legen, müssen Kontrollen eingebaut werden, die von Misstrauen getragen sind.

Normatives Misstrauen

Die andere Form des Misstrauens ist normativ. Sie ist gegen die Gesellschaft als Ganze oder gegen einzelne Teilbereiche gerichtet und ist von einer grundsätzlichen Ablehnung und Feindschaft getragen. Normatives Misstrauen versteht sich also nicht als Mittel zu einem Zweck, sondern als ethische Verpflichtung und neigt deshalb zu moralischer Radikalität. Sie kann sich nie mit pragmatischen Veränderungen zufriedengeben, sondern glaubt daran, dass das ganze System gekippt werden muss, damit alles besser wird. Moralische Radikalität voll von Misstrauen und Feindschaft wird von Menschen vertreten, die sich von Misstrauen und Feindschaft umgeben sehen. Häufig sehen sie keinen anderen Ausweg als Gewalt, gerechtfertigt durch die Gewalt, der sie sich ausgesetzt fühlen.

In jedem Fall trägt jede Steigerung des Misstrauens dazu bei, dass die Gesellschaft unsicherer wird. Misstrauen, das zusätzlich noch für das Erlangen von politischer Macht gesät wird, erzeugt noch mehr Verunsicherung. Und mehr Verunsicherung lässt mehr Leute misstrauisch und feindselig werden. 

Wie können diese Teufelskreise durchbrochen werden? Diese Frage ist essenziell für den Fortbestand der liberalen Demokratie und Marktwirtschaft. Was wir bisher wissen, bringt es nichts, wenn moderate politische Kräfte radikale populistische Forderungen aufgreifen. Zunehmend orientieren sich konservative Parteien in Rhetorik und Thematik an rechten und rechtsextremen Parteien, nur um noch mehr Stimmen an diese zu verlieren. Außerdem lassen sich radikale Forderungen im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung nicht umsetzen, sodass Widersprüche zwischen großmäuligen Ankündigungen und fehlender Umsetzung auftauchen, die wiederum Misstrauen erzeugen.

El-Mafaalani weist darauf hin, dass viel Sorgfalt und Sensibilität aufgebracht werden muss, um die Kommunikationsprozesse von den Entscheidungsträgern zu den Betroffenen offen und transparent zu halten. „Misstrauen wächst insbesondere dort, wo Austausch unterbleibt, Öffentlichkeiten parallel verlaufen, Kommunikation sehr asymmetrisch organisiert ist oder Konflikte unterdrückt werden.“ (84f) Förderlich ist auch eine öffentliche Konfliktkultur, in deren Rahmen konstruktiv gestritten wird. Missstände sollen aufgezeigt und unterschiedliche Positionen zur Sprache gebracht werden. Die Diskurse sollten möglichst viele Menschen einschließen, die dann eventuell auch in Entscheidungen eingebunden werden. 

Der Autor geht auch auf Kinder und Jugendliche ein, die in polarisierten und unsicheren Zeiten aufwachsen, „wodurch für sie der Ausnahmezustand der Normalzustand ist, ohne dass ihre Interessen angemessen berücksichtigt werden oder adäquate Beteiligungsmöglichkeiten bestehen. Daher überrascht es nicht, dass das Vertrauen in andere Menschen und Institutionen bei Jugendlichen geringer ausgeprägt ist.“ (85)

Der Staat sollte seinen Mitgliedern gegenüber mehr Vertrauen zeigen. Statt immer mehr Berichtspflichten und Kontrollen einzubauen, sollte er sich auf seine zentralen Aufgaben konzentrieren und mehr auf die Selbstverantwortung der Bürger und Bürgerinnen setzen.

Versprechen für die Zukunft

Die Strömungen, die die liberale Demokratie gefährden (Populismus, Verschwörungstheorien und libertäre Bestrebungen zur radikalen Demontage des Staates), sind aus dem Misstrauen vieler gespeist. Es ist zu befürchten, dass die destabilisierenden Kräfte bei einer weiteren großen Krise, die in der Zukunft auftauchen kann, noch mehr Zulauf bekommen und die Gesellschaft noch mehr polarisieren. Deshalb scheint es eine zentrale Aufgabe zu sein, positive Zukunftsideen zu verbreiten, die zu positiven Zukunftserwartungen führen, „die wie ein Kompass auch in krisenhaften Zeiten wirken und Vertrauen stärken.“(88) Positive Zukunftsaussichten haben mit Versprechen zu tun, die in der Vergangenheit in Bezug auf Wohlstand, Fortschritt und Sicherheit erfolgt sind. Offenbar bedarf es neuer und realistischer Zukunftsbilder, die das Vertrauen stärken können.

Aber was kann einer Generation versprochen werden, die mit den Folgen der Erderwärmung konfrontiert ist und dazu noch mit der Infragestellung der Weltordnung der letzten 80 Jahre beschäftigt ist und all die Herausforderung an die liberale Demokratie, dem politischen Erfolgsmodell dieser Zeit meistern soll?

Das Buch endet noch vor dieser Frage. So überzeugend und gut belegt die Analyse der Misstrauensgemeinschaften dargestellt wird, so dünn wird die Suppe, wenn es um die Gegenmittel geht. Deshalb gehe ich in den nächsten Artikeln auf dieser Seite noch mehr auf diese Frage ein.

Quelle: Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2025

Freitag, 26. Dezember 2025

Hafez und die Trunkenheit in der göttlichen Liebe

Hāfez von Schiras (ca. 1325 – 1389) war wie Rumi Dichter und Mystiker. Er verwendete gerne drastische Bilder. Er stellt z.B. die Liebe dem berechnenden Verstand gegenüber, ebenso die Trunkenheit der nüchternen Selbstkontrolle. Er lehnt die asketische Lebensform ab, sofern sie auf einen Zweck ausgerichtet ist: „Der scheinheilige Asket kennt unseren Zustand nicht; was immer er über uns sagt, verdient keine Beachtung.“ Mit der Trunkenheit (mastī) ist Loslösung von Kontrolle und zielgerichteter Selbststeuerung gemeint. Es geht dabei überhaupt nicht um eine Enthemmung bis zur Bewusstlosigkeit, wie sie der Alkoholiker sucht, sondern um die Überwindung der Begrenzungen des kontrollierenden Verstandes, der die Barriere zur Gotteserfahrung darstellt. „Die Vernünftigen sind der ruhende Punkt des Daseins, doch die Liebe weiß, dass ich in diesem Kreis trunken umherirre.“ Herumzuirren führt weiter als in den Grenzen der Vernunft zu verharren, wenn es um die Suche nach der großen Liebe geht.

Hāfez  versteht sich als Lump im Gegensatz zu den frommen Religionsgelehrten – als eine Art des erleuchteten Narrens, der sich nicht mehr um Konventionen und Reputationen zu kümmern braucht, weil er seine Freiheit schon gefunden hat. Er folgt selbst als Außenseiter, vielleicht sogar als von der Gesellschaft Verachteter offen dem Ruf des Absoluten: „Wir haben im Becher das Antlitz des Geliebten geschaut, o Ahnungsloser der Lust unseres dauernden Trinkens.“ 

Gott kann er gerade dort finden, wovon alle Rechtschaffenen mit Abscheu ihren Blick abwenden, im Becher des Trunkenbolds. Doch dieser Trinker ist berauscht vom Schauen des göttlichen Antlitzes, überwältigt von der unendlichen Liebe. Sein Getränk stammt aus einer unerschöpflichen Quelle, aus dem Zentrum des Seins. Die Gier hat er, wie viele andere Anhaftungen und Charakterfixierungen, schon längst hinter sich gelassen. Der Gewinn liegt in der Freiheit vom Weltlichen und vom Geistlichen: „Ich bin Knecht der Liebe und von beiden Welten frei; sieh, welche rohe Gier ich hinter mir ließ.“ Deshalb ist das Einzige, worum es in diesem Leben geht und was ihm Sinn gibt, die große Liebe:  „Werde Liebender – sonst endet eines Tages das Werk der Welt, und du hast den Sinn des Daseins aus der Werkstatt des Seins nicht gelesen.“ 

Es ist eine Liebe, die ohne jede Absicht wirkt und nicht auf den Gewinn achtet, den sie bringt, oder auf den Preis, den sie kostet: „Das Werk der Liebe ist ohne Rechnung und nicht vergleichbar.“

Einer Legende zufolge arbeitete Hāfez  zunächst als Brotträger in Schiras. Er verliebte sich in eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit, die in der Tradition meist als Šāḫ-e Nabāt („Zweig des Zuckers“) bezeichnet wird. Es war eine Gestalt zwischen realer weiblicher Schönheit, poetischem Symbol und spiritueller Erscheinung. Die Unerreichbarkeit dieser Liebe stürzte ihn in eine existentielle Unruhe.

Daraufhin entschloss er sich zu einer strengen vierzigtägigen Nachtwache am Grab eines Heiligen. In der vierzigsten Nacht ist ihm der mystische Führer Ḫezr (al-Ḫiḍr) erschienen, der Symbolträger unmittelbarer Gotteserkenntnis jenseits von Gesetz und Lehrtradition. Ḫezr reichte ihm einen Becher Wein und eröffnete ihm damit den Zugang zur direkten Erfahrung der göttlichen Liebe. Von diesem Moment an war Ḥāfeẓ „betrunken von der Wahrheit“; seine Dichtung entsprang seither nicht mehr dem Studium oder einer Technik, sondern der mystischen Innenschau. 

Goethe und der west-östliche Diwan

Einige Jahrhunderte später las Geheimrat Johann Wolfgang Goethe die erste deutsche Übersetzung der Gedichte von Hafiz und war beeindruckt von der Intensität dieser Texte. Er erkannte einen Geistesverwandten, der ihm zeigte, wie Dichtung ohne Rücksicht auf eine konventionelle Moral möglich ist, die Erotik, Ironie und Spiritualität verbinden konnte. 

„Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis, mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sei uns den Zwillingen gemein.“ (Goethe, West-östlicher Diwan, Buch des Hafis)

Außerdem hat Goethe die Radikalität der Absichtslosigkeit inspiriert: Im Gedicht „Selige Sehnsucht" steht:

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet;
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Die selige Sehnsucht nach dem Flammentod ist keine morbide Todessehnsucht, sondern die Leidenschaft für die innere Befreiung. Die „Menge“ wird das nicht verstehen, aber die Weisen wissen, dass die spirituelle Suche ihren Preis hat: Die Aufgabe der gewohnten Sicherheiten und angstbehüteten Erwartungen und Absichten erfordert Mut, Disziplin und Konsequenz.

Nach dem Vorbild von Hāfez dient die Erotik als Sprungbrett zur Transzendenz. In der Liebesnacht meldet sich im Kerzenschein ein fremdes Gefühl, das aus der Finsternis der Egozentrik herausführt und eine höhere Form der Liebesbegegnung ankündigt. Die Flamme der Kerze kündigt an, worum es geht: Alles zu verbrennen, was das Ich in sich selbst kreisen lässt.

Der Schmetterling steht als Symbol für die Absichtslosigkeit. Sein Flattern von Blüte zu Blüte folgt scheinbar keinem Kalkül und keinem vorgegebenen Zweck. Er ist zugleich ein Symbol des spirituellen Übersprungs vom Relativen zum Absoluten: Er begehrt einzig und allein das Licht der göttlichen Liebe und strebt zu ihm hin, um sich von ihm verbrennen zu lassen. Natürlich verbrennt „nur“ das selbstverliebte Ich, wenn der Sucher den Geliebten in der unbedingten Liebe und Schönheit erkennt. Es ist nicht ein Feuer der Zerstörung, wie es von der Begierde ausgeht, sondern das Feuer der Reinigung.

Die verbrennende Motte

Dazu schrieb Hāfez: „Der Liebende ist nicht der, der vom Feuer flieht – der Liebende ist der, der im Feuer verbrennt.“ „Was weiß der Nüchterne vom Zustand des Verbrannten? Frag den, der im Feuer war.“ Und: „Der Motte gleich geht der Liebende nur ins Feuer, weil er das Schauen begehrt.“

Und bei Rumi steht zu lesen: „Liebe ist das Feuer, und wenn sie entflammt, verbrennt sie alles außer dem Geliebten.“ „Was kümmert die Motte das Verbrennen? Sie lebt für das Licht.“ „Wenn die Motte nicht verbrennt, woher sollte Erkenntnis kommen?“

Das Feuer der Leidenschaft ist das ganz besondere Gewürz, das der Sufismus der Mystik beigegeben hat. Es symbolisiert die Radikalität, die jeder mystischen Lehre innewohnt, und die Macht der Abscheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen. Verbrannt wird, was selbstschädigend ist, übrig bleibt die Einfachheit der Hingabe und Liebe. Das Feuer verbindet im Menschen den Körper und den Geist. Die feurige Leidenschaft der „körperlichen“ Begierden geht über in die ebenso feurige Leidenschaft der höchsten Form der Liebe, und selbst diese Form der Liebe ist nach dem Sufismus immer auch körperlich. Hāfez genießt sie mit einem Becher Wein, Rumi im ekstatischen Kreistanz. Goethe sitzt währenddessen in seinem Lehnsessel und freut sich an Kaffee und Kuchen, während sein Geist die nächsten Gedichtzeilen entwirft.

Zum Weiterlesen:
Rumi und die Absichtslosigkeit
Die Absichtslosigkeit bei Meister Eckhart


Dienstag, 23. Dezember 2025

Der Atem ist das Zentrum

Der Atem spielt eine zentrale Rolle in unserem Leben. Er ist unmittelbar dafür zuständig, dass wir leben. Unser Leben wäre ohne unsere Atmung sehr schnell zu Ende. Des Nachts könnten wir kein Auge zudrücken, wenn wir immer darauf achten müssten, dass wir noch atmen. Setzt die Atmung auch nur kurz aus, entstehen sofort Überlebensängste.

Sobald wir uns der lebenserhaltenden Funktion der Atmung bewusst werden, indem wir unser Atmen wahrnehmen, tritt unser Ego zurück, das sich sonst für unser Überleben zuständig fühlt. Wir erkennen, dass wir einer größeren Kraft all das schulden, was uns ausmacht, unsere Talente, unsere Stärken, unsere Potenziale. Im Bewusstsein dieser Erkenntnis wird unser Ego sofort unwichtiger, seine Ungeduld, Bedürftigkeit und Reaktivität tritt in den Hintergrund. An seine Stelle tritt fast ohne unser Zutun eine Einstellung der Dankbarkeit, Genügsamkeit und Hingabe.

In der unmittelbaren Atembewusstheit erscheint uns alles, was gerade ist, gut so, wie es ist. Denn es ist nichts zwischen uns und dem momentanen Geschehen. Wir sind in dem, was gerade geschieht, und das, was gerade geschieht, ist in uns. Es verschwindet also in diesen Erfahrungen der Unterschied zwischen Innen und Außen.

Das Gute, Wahre und Schöne

Im Bewusstsein der Akzeptanz und der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit sind wir mit den eminenten Qualitäten des Guten, Wahren und Schönen verbunden, nicht auf abstrakte Weise, sondern als implizite Erfahrung, als etwas, das der Atemerfahrung innewohnt. Denn wenn wir im Moment verweilen, ist alles da, was es braucht – Einatmen, Ausatmen. Es wird uns intuitiv klar, was gut, wahr und schön ist. In der Reflexion können wir erkennen, dass das Böse, Falsche und Hässliche nur Raum in unserem Bewusstsein einnehmen kann, wenn wir aus dieser Einheit mit dem Moment herausfallen.

Atembewusst wissen wir also, wie wir mit anderen Menschen umgehen können, damit wir uns wohl und sicher fühlen können und zugleich ihnen das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen geben. Wir wissen also, was notwendig ist und wie wir uns verhalten müssen, damit die Menschen in Respekt, Würde und Frieden miteinander leben können. Es leuchtet uns ein, was gut ist und was böse, was guttut und was Schaden anrichtet. Es wird uns klar, dass wir mit Bösem uns selbst am meisten Unheil bereiten. Wir erkennen, dass das Gute genau das ist, was wir tun wollen. Wir sehen ein, dass das gute Handeln am einfachsten ist und uns am meisten Freude bereitet.

In der Atembewusstheit sind wir mit der Wahrheit direkt verbunden. Denn der momentane Atemzug ist die wahre Wirklichkeit dieses Moments. Es gibt nichts Unwahres an einem Atemzug. Wir verstehen, dass es zu unseren Aufgaben gehört, immer wieder für die Wahrheit einzutreten. Die Wahrheit hält die Gemeinschaft zusammen, die sich in ihrem Licht über eine gemeinsame Interpretation der Wirklichkeit verständigen kann. Unwahrheiten zu verbreiten, um z.B. daraus eigene Vorteile zu ziehen, ist gemeinschaftsschädigend und damit auch selbstschädigend. 

In jedem Atemzug liegt etwas Schönes, wenn wir ihn bewusst wahrnehmen. Er bietet uns die Chance, genau diesen Moment des Lebens in seiner Schönheit zu entdecken, indem wir ihn so nehmen, wie er ist. Dann zeigt er sich in seiner Einzigartigkeit und Fülle. Indem wir einen Schritt weitergehen, werden wir uns der Schönheit in allen Menschen und Dingen bewusst. Die Kunst beginnt mit dem Einatmen. Unser erster Einatemzug war die erste Informationsaufnahme aus einer noch völlig fremden Welt, mit dem wir zu einem Teil von ihr wurden. Seit diesem Ereignis haben wir die Möglichkeit, in jedem Einatmen die Lust auf Neues und die Bereitschaft für Überraschungen zu finden, die Grundlage für Wissenschaften und Kunst. Wir sind also dank unseres Atems alle potenzielle Wissenschaftler und Künstler.

Lebensvertrauen

Der Atem gibt uns das Vertrauen ins Leben. Wenn wir uns ihm anheim geben, bemerken wir, dass er weiterfließt, was auch immer uns das Leben an äußeren und inneren Herausforderungen beschert. Manchmal stockt er vielleicht, wenn wir im Schock sind. Doch irgendwann löst sich die Blockierung wieder auf, und der Atem fließt weiter und führt uns aus der beängstigenden Situation heraus, und dann weiter, von einem Moment zu nächsten, kontinuierlich und unermüdlich. Er enthält die Botschaft, dass es immer weiter geht, auch wenn Situationen manchmal ausweglos erscheinen. Er flüstert uns zu, weiterzumachen statt aufzugeben, wenn es mühsam oder unbequem erscheint. Und er gibt uns ein Gefühl der Befreiung, wenn wir wieder in ruhigeres Fahrwasser geraten.

Verbindung von Innen und Außen

Der Atem verbindet uns mit der Wirklichkeit in uns und außerhalb von uns. Mit der Atembewusstheit sind wir automatisch in unserer Innenwahrnehmung und spüren uns selbst. Wir nehmen wahr, wie es uns gerade geht, welche Gefühle da sind und welche Stimmung vorherrscht. Der Atem informiert uns zudem über die Wirklichkeit um uns herum. Wir nehmen die Temperatur auf, die Gerüche geben uns einen Eindruck über die Verfasstheit und Gestimmtheit der äußeren Realität. Atembewusst sind wir immer in der aktuellen Wirklichkeit und nicht in den Gedanken, die entweder mit der Vergangenheit oder mit der Zukunft zu tun haben. 

Die Zeit des Atems

In Verbindung mit dem Fluss des Atems sind wir also in der momentanen Zeit. Der Atem zeigt uns folglich eine ganz andere Zeiterfahrung als das Denken, das zwischen Vergangenheit und Zukunft auf einer linearen Zeitachse mäandert und oszilliert. Die Atem-Zeiterfahrung ist eine, die mehr mit Ewigkeit und Zeitlosigkeit als mit Linearität zu tun hat. Denn sie ist die direkte Erfahrung der Veränderung selbst, ohne Inhalte, die sich verändern.

Wir wachsen mit in der Zeit. Jeder Atemzug macht uns reicher, reicher an Erfahrung und Einsicht. Wir erkennen, dass das Leben ein fortgesetzter Prozess des Lernens und Erweiterns ist, dass wir die Möglichkeit haben, immer mehr Aspekte der Wirklichkeit kennen- und verstehen zu lernen. Wir nähern uns also zunehmend der Wirklichkeit an, wenn wir diese Chancen ergreifen: Uns von der Wirklichkeit inspirieren zu lassen, indem wir sie neugierig einatmen. 

Der Weg zur Einfachheit

Der Atem führt uns zur Einfachheit. Es ist das Denken, das die Komplexität hervorbringt. Wenn sie uns zu viel wird, genügt die Besinnung auf den Atem, um erkennen zu können, was wichtig und was unwichtig ist, was zu tun und was zu lassen ist. Die Wahrheit des Atems ist immer einfach und zugleich einleuchtend. Wo das Denken Zweifel hervorbringt, zeigt uns der Atem die Klarheit. Wo das Denken in Verwirrung gerät, öffnet uns der Atem den Durchblick. Bewusst atmend, unterbrechen wir das wildgewordene Denken und finden zurück zu uns selbst.

Integration auf allen Ebenen

Der Atem integriert uns auf allen Ebenen unseres Seins. Er ist in alle lebenserhaltenden Funktionen unseres Körpers eingebunden. Er hält die Prozesse am Laufen, nicht nur, indem er permanent den dafür notwendigen Sauerstoff liefert, sondern auch dadurch, dass er den Körper in Bewegung hält, Tag und Nacht. Selbst wenn sich das Leben im Tiefschlaf auf sein absolutes Minimum zurückzieht, geht die Atmung weiter. Selbst wenn der Körper (mit Ausnahme der Augenbewegungen) in den REM-Phasen des Schlafes erstarrt, arbeiten die Atemmuskeln weiter. Die willentliche Beeinflussung der Atmung können wir nutzen, wenn wir unsere Gesundheit stärken wollen. Denn eine „richtige“ Atmung ist der Garant für den nachhaltig gesunden Organismus.

Der Atem begleitet und unterstützt unser Gefühlsleben. Jedes Gefühl hat sein eigenes Atemmuster, mit dem es seinen Ablauf gestalten kann. Gefühle nutzen also die Atmung, um sich zu entfalten und zu ihrem Ausdruck zu finden. Wir können zusätzlich über unsere Atmung unsere Gefühle regulieren. Einerseits hilft uns die Atmung, Gefühle, die uns wegen ihrer Heftigkeit plagen, zu beruhigen, andererseits hilft sie uns, den Zugang zu Gefühlen zu finden, die in uns verschlossen sind, aber uns dennoch belasten. Für manche ist es wichtig, den Zugang zu ihrer Wut zu finden, damit sie sich in ihrem Leben nicht mehr alles gefallen lassen müssen. Für andere ist der Zugang zu Gefühlen der Trauer und des emotionalen Schmerzes verschlossen und sie geraten in Gram und Depression; die Atmung kann sie dabei unterstützen, die Trauergefühle ins Fließen zu bringen, sich dadurch Erleichterung zu verschaffen und die Lebendigkeit zurückzugewinnen.

Das erste Tor zur geistigen Welt

Der Atem ist das erste Tor zur geistigen Welt. Jede Meditation ist bewusstes Atmen, und bewusstes Atmen ist Meditation. Die Besinnung auf den Atem ist die Besinnung auf das, was uns im Inneren ausmacht, auf das Geistige in uns. Wer wir sind, erfahren wir im Atem, immer wieder aufs Neue, sobald wir uns unseres Atems versichern. 

Der Atem selbst ist kein Ding und auch kein Prozess, sondern das, was sich im Atmen manifestiert. Wie sich der Geist in den Abläufen der Realität manifestiert, gibt sich der Atem in jedem Atemzug Gestalt. Ohne „den Atem“ ist das Atmen ein rein mechanischer Vorgang. Diese Sichtweise ist aber nur einer unbeteiligt beobachtenden Person möglich. Für die atmende Person ist es immer der Atem, der durch das Atmen aktiviert wird. Das gilt auch für den Atem einer beobachtenden Person. 

Wie es keine Materie ohne Immaterielles gibt, gibt es kein Atmen ohne den Atem. Genauer gesagt, erscheint das Materielle nur als ein Abstraktum, also als etwas Herausgezogenes, etwas, das einer Ganzheit für bestimmte Zwecke entrissen wird. Wenn wir das Atmen von einem äußerlichen Gesichtspunkt beobachten, trennen wir das Geistige daran von ihm ab, um damit Erkenntnisse zu gewinnen oder Eingriffe vornehmen zu können, die wir sonst nicht erreichen würden. Frei von jeder Zweckmäßigkeit ist es allein der Atem, der in jedem Atemzug fließt, der jeden Atemzug ausfüllt.

Der Atem spielt also eine führende Rolle auf allen Ebenen unseres Seins. Außerdem verbindet er diese Ebenen beständig, sodass sie nicht als unterscheidbare Aspekte unseres Seins auftreten, sondern als Ganzheit erlebt werden. Jeder Atemzug ist zugleich und untrennbar körperlich, seelisch und geistig. Die Atembewusstheit ist deshalb immer körperlich, seelisch und geistig. In ihr gibt es keine Unterscheidung dieser Aspekte, sie sind im Atem eins, und das heißt, wir sind im Atem eins mit uns selbst. In ihr gibt es auch keine Unterscheidung zwischen der Innenwelt und der Außenwelt, also sind wir insgesamt eins mit der Welt.

Zum Weiterlesen:
Respiratorische Philosophie im Überblick
Atemerfahrungen und Kunst
Atemresilienz angesichts der Krise
Innehalten