Montag, 8. August 2022

Verletzlichkeit, Teil des Menschseins

„Ich bin verletzt.“ „Du hast mich verletzt.“ „Sie war ganz verletzt.“ Solche Äußerungen fallen immer wieder in der Kommunikation, und in den meisten Fällen geht es nicht um körperliche Verletzungen, sondern um seelische Wunden. Wie wir wissen, können bei Menschen emotionale Verletzungen die gleichen Reaktionen im Gehirn hervorrufen wie körperliche Verwundungen.

Was sind Verletzungen? Sobald wir uns mit einem Messer schneiden, reagiert der Körper sofort durch das Austreten von Blut und signalisiert die Verletzung nach innen mit einem Schmerzreiz. Analog erleben wir seelische Verletzungen. Sie entstehen dadurch, dass etwas von außen in unsere Sphäre eindringt, das uns Schmerz bereitet, weil wir es als schädlich, feindlich und bedrohlich erleben. In diesem Fall reagiert die Seele. Obwohl der Körper heil bleibt, leiden wir.

Körperliche und emotionale Verletzungen tun weh, körperlich und/oder psychisch. Deshalb meiden wir die Gefahren für Verletzungen, so gut es geht, und wollen es auch tunlichst unterlassen, andere zu verletzen. Denn Verletzungen, die wir anderen zufügen, schmerzen uns auch selber, wenn wir emotional mit der Person verbunden sind, die wir verletzt haben. Zusätzlich dazu lösen sie bei uns ein Schamgefühl aus. Die Scham meldet sich nämlich sofort, sobald eine Verletzung im zwischenmenschlichen Bereich auftritt.

Da die Scham die Wächterin über die sozialen Beziehungen ist, schaut sie auch darauf, dass es im sozialen Netzwerk möglichst zu keinen Verletzungen kommt. Sie sagt: Hüte dich davor, jemandem weh zu tun, denn dann melde ich mich und bereite dir ein äußerst unangenehmes Gefühl. Sie wirkt also zur Abschreckung vor Respektlosigkeiten und Grenzüberschreitungen und hilft uns bei der Impulskontrolle, sodass wir die Neigungen, andere achtlos zu behandeln, möglichst im Keim unterbinden.

Wir können nicht nicht verletzen

Wir können nicht nicht verletzen, wenn wir uns in sozialen Beziehungen bewegen, und das tun wir die ganze Zeit. Es kommt deshalb immer wieder zu Störungen in der Kommunikation, zu Missverständnissen und zu Verletzungen. So unvollkommen die Menschen sind, so unvollkommen sind auch ihre Beziehungen. Wir können unsere Achtsamkeit verbessern und daran arbeiten, sensibler für die Grenzen und für die heiklen Punkte bei anderen Menschen zu werden. Dennoch sind und bleiben unsere Mitmenschen Mysterien, die wir nie zur Gänze verstehen können, und wir sind Mysterien für sie.

Die Unendlichkeit der Unterschiede unter den Menschen

Daraus folgt, dass die Menschen über ganz unterschiedliche Empfindlichkeiten und Störungsquellen verfügen, die in den verschiedenen Beziehungen aktiviert werden. Diese Unterschiede tragen zur enormen Komplexität und Vielschichtigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen bei. Und deshalb ist es gar nicht möglich, einander nicht zu verletzen. Selbst bei den besten Absichten können wir nicht alle Faktoren berücksichtigen, die eine Verletzung bei anderen auslösen können.

Die Auslöser für Verletzungen sind nämlich so vielfältig wie es Menschen gibt. Was den einen stört und aufregt, ist für den anderen eine willkommene Abwechslung oder eine Hilfe. Es gibt Menschen, die sich verletzt fühlen, wenn sie einen Ratschlag bekommen, andere sind dankbar dafür. Viele reagieren beleidigt, wenn sie auf einen Fehler hingewiesen werden, andere nehmen es als sinnvollen Hinweis für eine Verbesserung.

Unter den Menschen treten auch unterschiedliche Grade der Verletzbarkeit auf. Manche Leute stecken Beleidigungen mit Humor weg oder bleiben so bei sich, dass sie nicht getroffen werden, sondern gelassen bleiben. Andere sind von feinen atmosphärischen Verstimmungen gleich tief verletzt. Was die eine gar nicht bemerkt oder nicht ernst nimmt, löst bei der anderen eine emotionale Krise aus. Jemand vergisst schnell, was ihm Schlimmes passiert ist, jemand anderer muss immer wieder und lange Zeit daran denken und bleibt dauerhaft gekränkt. Für die eine ist ein Vorkommnis eine Bagatelle, für die andere das gleiche Ereignis eine Katastrophe.

Menschen unterscheiden sich durch ihren Hauttypus; auf der emotionalen Ebene spricht man von dünnhäutig und dickhäutig, je nachdem, wie leicht oder schwer die Reaktion auf eine Verletzung ausgelöst wird. Dünnhäutige Menschen spüren sofort, wenn ihnen etwas zuwider läuft. Dickhäutige hingegen merken nicht oder kaum, wenn sie schlecht behandelt werden. Sie gehen scheinbar darüber hinweg, können aber oft dann nachträglich darunter leiden und sich ärgern, nicht rechtzeitig darauf reagiert zu haben. Den Dickhäutern spricht man deshalb ein Langzeitgedächtnis für erlittene Verletzungen und Demütigungen zu, das zu verheerenderen Reaktionen anstiften kann als sie bei Dünnhäutigen vorkommen. Sie verfügen über ein emotionales Fass, das lange nicht voll ist, aber dann kommt der Tropfen, der es zum Überlaufen bringt, und der bewirkt dann eine Explosion, die sich gewaschen hat. Er führt dann unter Umständen zu einer Gewaltaktion oder zum kompletten Beziehungsabbruch, der für die andere Person völlig überraschend kommt und nicht nachvollziehbar ist.

Das Bewerten der Verletzlichkeit

Es hilft nicht weiter, wenn wir Bewertungskriterien einführen und z.B. Menschen, die ganz leicht verletzbar sind, als übersensibel und hysterisch abwerten, oder die, die viel weniger verletzbar sind, als unsensibel und verhärtet diagnostizieren. Denn die Auslöser für Verletzungen und die Tiefe von Verletzungserfahrungen sind von Faktoren bestimmt, über die kein Mensch die Kontrolle hat, sondern die vom Unbewussten aus gesteuert werden. Sie reichen von genetischen und epigenetischen Komponenten über die persönliche Traumageschichte zu den im Leben erlernten Konditionierungen und Mustern, die in den verschiedenen zwischenmenschlichen Beziehungen aktiviert werden.

Wer andere wegen ihrer leichten Verletzbarkeit abwertet, sollte lieber bei sich selber nachschauen, ob nicht hinter der Abwertung ein Schutz für die eigene Verletzlichkeit steckt. Die eigenen Wunden zu spüren ist riskant. Es könnte ja sein, dass jeder dann genau diese heiklen Stellen treffen könnte. Also ist es für manche leichter, sich unverletzlich zu geben und als projektiven Schutz die Verletzlichkeit anderer zu kritisieren. Der Halbgott Achill und der germanische Held Siegfried mussten qualvoll sterben, obwohl sie fast unverwundbar waren. Sie dienen als Mahnmal für die Brüchigkeit der Illusion der Nichtverletzbarkeit. Wilhelm Reich hat diese Abwehr als Panzerung bezeichnet und damit ebenfalls eine Analogie zur Gewalttätigkeit gezogen, die die Kehrseite der Verletzlichkeit darstellt: Wer nicht verletzbar ist, kann umso leichter andere verletzen. Wer nicht umgebracht werden kann, kann umso leichter andere Umbringen. Er ist der bessere Krieger, messbar an der Zahl der erschlagenen Feinde.

Selbstabwertung

Weiters ist es auch nicht hilfreich, sich selbst wegen der eigenen Verletzbarkeit abzuwerten und uns z.B. mit anderen zu vergleichen, die weniger empfindlich sind. Die eigene Verletzungsgeschichte können wir nicht ungeschehen machen, sie ist passiert, wie sie passiert ist, und sie hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Wir können aber aus den alten Belastungen herauswachsen und die alten Wunden heilen, sodass sie in der Gegenwart nicht mehr oder nicht mehr in dem früheren Ausmaß aktiviert werden.

Im selben Maß können wir unsere Kompetenz im Verständnis für die Täter erweitern und vergrößern. Statt ihnen böse Absichten zu unterstellen, können wir die „Unschuldsvermutung“ anstellen, d.h. annehmen, dass sie aus Unwissenheit und Unbewusstheit so gehandelt haben, wie sie gehandelt haben. Sie sind keine vollkommenen Menschen, wie wir selber.

Vermeidungsformen

So unterschiedlich die Quellen für Verletzungen sind, so unterschiedlich sind auch die Vermeidungsformen des Verletzens. Es gibt die Rationalisierung, z.B. durch die Erklärung, dass es wohl nicht so gemeint war. Oder die Umwandlung der Verletzung in Wut, nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Eine andere Möglichkeit bietet der Rückzug ins Beleidigtsein, indem durch einen Kontaktabbruch signalisiert wird, was einem angetan wurde. Oder die Retourkutsche, bei der z.B. eine Beleidigung mit einer Gegenbeleidigung beantwortet wird.

Entsprechend der Rollen, die wir in der Kindheit übernommen haben, bilden wir Programme aus, die später unser Leben bestimmen. Eines dieser Programme lautet: „Ich darf niemanden verletzen.“ Die Begründung dieses Verbots kann darin liegen, dass es fast unerträglich ist, andere in ihrem Verletztsein sehen zu müssen. Es handelt sich um eine Identifikation …ist so mächtig, dass der eigene Schmerz so stark ist wie bei der anderen Person. Es handelt sich gewissermaßen um eine Überreaktion der Spiegelneurone. Es fällt schwer, das Eigene vom Fremden zu unterscheiden. Sobald eine andere Person verletzt ist, brechen die Ich-Grenzen zusammen und der eigene Schmerzkörper schlüpft, bildlich gesprochen, in die verletzte Person hinein.

Hinter diesem Muster steckt das Verbot, die eigenen Verletzlichkeiten spüren zu dürfen, und das Gebot, die Leidenszustände und Schmerzen der anderen, vor allem der Eltern wichtiger zu nehmen als die eigenen. Das eigene Ich darf keine klaren Grenzen haben, damit es seine Sensoren bei den anderen hat, um deren Grenzen nicht zu verletzen.

Manche Menschen halten es für riskant, andere zu verletzen, weil sie sich vor der Reaktion fürchten, die verheerend ausfallen könnte. Diesem Muster liegen entsprechende Erfahrungen aus der Kindheit zugrunde: Das Kind verärgert einen Elternteil, der darauf mit viel Zorn oder physischer Gewalt reagiert. Es wird die Schlussfolgerung gezogen, dass es überlebenswichtig ist, penibel auf die Grenzen der anderen Menschen zu achten, um ja keinen Fehler zu begehen. Falls doch ein Schritt zu weit geschehen ist, der bei den anderen Unmut auslösen könnte, muss schnell die Notbremse gezogen werden. Die rechtzeitige oder besser noch vorzeitige Zurücknahme der eigenen Impulse wird zum Programm. Zu diesem Zweck entwickelt sich eine verfeinerte Wahrnehmung für die subtilen Signale, die andere aussenden, bevor sie noch ihre Grenzen als überschritten erachten. Die Wahrnehmung ist also vorwiegend auf solche Signale ausgerichtet, mit dem Zweck, schon im Vorfeld jegliche Gefahr von aggressiven Reaktionen zu unterbinden. Diese eingeprägte Haltung bewirkt, dass der Kontakt nach innen geschwächt wird und die eigenen Bedürfnisse hintan gereiht werden. Damit wird der Selbstwert geschwächt und statt dessen die Anpassungshaltung gestärkt: „Andere sind wichtiger als ich. Was ich will, ist weniger wichtig als das, was die anderen wollen.“ Es verbergen sich hinter dieser Haltung viele Ängste und Schamgefühle.

Freilich gibt es zu diesem Muster auch das Gegenprogramm, das in die Aggression statt in die Anpassung geht und die Opfer- in eine Täterposition umwandelt: „Ich muss andere verletzen, sonst bin ich nicht sicher.“ Es entsteht aus einer Vielfalt und langen Dauer von Verletzungserfahrungen und soll als präventiver Schutz vor weiteren schmerzhaften Erfahrungen dienen. Lieber sollen andere leiden als ich, der ich schon so viel erdulden und durchleben musste, so die Devise. Es handelt sich dabei um eine eingeprägte Rachereaktion, mit der die Seele versucht, ihr Gleichgewicht auf Kosten anderer wieder herzustellen. Solche Programme führen allerdings vor allem dazu, dass die Hemmschwelle zum Verletzen anderer sinkt und damit das Ausmaß an Leid und Unsicherheit wächst. Langfristig wird die Basis des wechselseitigen Vertrauens zerstört, und ihr Wiederaufbau ist dann sehr mühsam und langwierig.

Verständnis für die Schwächen stärkt

Jede menschliche Gesellschaft braucht für ihren Zusammenhalt den Respekt und die Achtung für die individuelle Verletzlichkeit ihrer Mitglieder. Das Menschsein umfasst starke und schwache Seiten, sichere und unsichere Element, und das gesamte Spektrum gehört gesehen und wertgeschätzt. Eine Gesellschaft ist umso stärker, je mehr Raum sie für die Schwächen ihrer Mitglieder hat.

Zum Weiterlesen:
Die toxische Männlichkeit und die Verletzlichkeit
Scham und Verletzlichkeit
Verletzlichkeit und Würde
Die Zerbrechlichkeit und Unzerstörbarkeit der Menschenwürde

 

Mittwoch, 27. Juli 2022

Der Pflegenotstand und unser Denken

Stellen wir uns eine Runde von Menschen vor, die sich noch nicht kennen. Eine Person sagt: „Ich bin Pfleger in einem Krankenhaus.“ Die nächste sagt: „Ich arbeite als Krankenschwester.“ Der dritte teilt mit: „Ich bin Oberarzt mit einer Privatpraxis.“ Die inneren Reaktionen auf diese Mitteilungen werden ganz unterschiedlich ausfallen. Es entsteht unvermeidbar in der eigenen Fantasiewelt eine innere Rang- und Statusordnung. Der Pfleger bekommt weniger Achtung und Respekt als der Arzt. Ohne es zu merken, werde ich mit dem Arzt anders reden als mit dem Pfleger.

Jeder von uns trägt die gesellschaftliche Rangordnung in sich und wendet sie fortwährend an. Niemand würde sagen, dass eine von den drei Menschen als Person mehr wert wäre als eine andere. Aber innerlich ist uns klar, für wen wir mehr Wertschätzung und Respekt haben und für wen weniger. Alle diese Personen haben viel dafür eingesetzt, um sich für ihren Beruf zu qualifizieren. Da gibt es natürlich Unterschiede. Ärzte müssen länger lernen als Krankenschwestern oder Pfleger. Aber in ihrer Arbeit wird allen viel abverlangt, und da ist es schon schwerer zu sagen, wer mehr leistet, weil die Anforderungen sehr unterschiedlich sind.

Die gesellschaftlichen Rangordnungen richten sich nicht nach der tatsächlichen Leistung, sondern nach vordefinierten Kriterien, die die Bewertungen dessen, was als Leistung gilt, steuern. Dazu gehört die Macht, die jemand kraft seiner Verantwortung trägt. Auch der Grad der Bildung wird einberechnet, wenn es um das Image geht.

Der Arztberuf steht weit oben auf der Rangliste. Auch wenn das blütenweiße Image dieses Berufs in letzter Zeit Flecken erhalten hat und manche Menschen den Ärzten immer weniger vertrauen, steht ihr Image noch immer viel weiter oben als das aller anderen Personen, die im Gesundheitsbereich arbeiten. Die „Götter/Göttinnen in weiß“ haben schließlich das letzte Wort, wenn es um Leben und Tod geht.  Wer mehr Macht hat, verdient mehr Respekt. Denn sich mit jemand Mächtigen anzulegen ist immer riskant.

Diese Macht wissen die Standesvertreter der Ärzteschaft weidlich zu nutzen und wollen sie nicht teilen. Wer will es sich schon mit den Ärzten anlegen? Schließlich kann uns allen blühen, dass wir hilflos an Schläuchen in einem Krankenbett liegen, ausgeliefert dem ärztlichen Urteil, das über uns verhängt wird und unser weiteres Schicksal bestimmt.

Der Pflegenotstand wird allseits ausgerufen, weil die Menschen älter werden und die Pflege durch die Angehörigen in vielen Fällen nicht geleistet wird und weil zu wenig Menschen diesen Beruf ergreifen bzw. längerfristig ausüben. Es ist ein sehr anstrengender Beruf mit niedrigem Image, d.h. die Menschen mühen sich ab und kriegen wenig Anerkennung dafür. Hier ist der Hebel anzusetzen, um den Notstand zu beheben. Wir sehen zwar, dass eine Schere in diesem Bereich immer weiter auseinander klafft, und meinen, dass sich etwas ändern müsste, denken aber nicht daran, dass diese Änderung in unseren Köpfen beginnen sollte. Denn solange wir nur mitleidig und etwas verächtlich auf die Pflegeberufe herabschauen, wirken wir an dem Bewusstsein mit, dass die Angehörigen dieser Berufsgruppe auf den unteren Rängen der Statuseinstufung bleiben. Daraus folgt, dass die Bezahlung und sonstige Vergünstigungen auf der untersten Ebene verbleibt. Und darauf folgt dann wieder, dass sich wenige Menschen für diesen Beruf entscheiden oder dauerhaft dabei bleiben. Viele Pfleger werfen den Job nach wenigen Jahren wieder hin, u.a. auch wegen der fehlenden sozialen und monitären Anerkennung.

Denn die Höhe der Bezahlung folgt in weiten Bereichen der Gesellschaft nicht der Leistung, sondern der Einstufung auf der Rangleiter. Damit hier mehr Gerechtigkeit walten kann, ist es notwendig, dass wir unsere inneren Bewertungen ändern und erkennen, wie wichtig jede Arbeit ist, die in der Gesellschaft und für die Gesellschaft geleistete wird. Es darf auch Unterschiede in der Bezahlung geben, die als Anreiz für bessere Qualifizierungen dienen kann. Doch braucht es auf den unteren Stufen der Rang- und Einkommensskala deutlichere Anhebungen, nicht nur als Anreize, in diese Berufe einzusteigen, sondern auch als Ausdruck der Wertschätzung der Gesellschaft, für deren alle Dienste wichtig und wertvoll sind. Wir sind zuständig für die inneren Bilder, die wir uns von all den Berufen machen und können aufpolieren, was wir bisher in ein abschätziges Eck gerückt haben.

Mit dem Schritt, vorurteilsbehaftete Bewertungen, durch die bestimmte Berufsgruppen und ihre Leistungen geringgeschätzt werden, zurechtzurücken, schwächen wir bestehende Machtverhältnisse. Wir tragen auch dazu bei, den Patriarchalismus zurückzudrängen. Denn die Statusverhältnisse, um die es in diesem Artikel geht, sind auch geschlechtlich konnotiert: Auf der Statusleiter im Gesundheitswesen stehen die Ärzte oben, mehrheitlich männlich, die Kranken-"Schwestern" in der Mitte und die Pflegekräfte unten, diese beiden Gruppen sind mehrheitlich weiblich. Wir können die Bilder in unseren Köpfen zurechtrücken, die den Männern die prestigeträchtigen und lukrativen Berufe und Posten zubilligt und den Frauen die weniger angesehenen und schlechter bezahlten Rollen überlässt. Wir können all diese Vorannahmen, auch wenn sie noch teilweise der Realität entsprechen, durch geschlechtsneutrale Einstellungen ersetzen und dadurch einen Beitrag für mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern und zwischen den unterschiedlichen Gruppen in der Gesellschaft leisten.

Der Pflegenotstand hat in unseren Köpfen begonnen. Wir können unsere Stereotypen überwinden und damit unseren Beitrag zur Lösung des Problems beitragen. Gesellschaftliche Richtungsänderungen geschehen auf diesem Weg.

Montag, 25. Juli 2022

Die kollektiven Traumatisierungen durch den Kapitalismus

Kollektive Traumen bilden sich nicht nur als Folge von Katastrophen, Kriegen und systematischen Gewaltanwendungen. Sie geschehen auch schleichend, ähnlich wie bei Entwicklungstraumatisierungen auf der individuellen Ebene. Solche kontinuierlich ablaufenden, aber nie kulminierenden Traumaerfahrungen wirken nachhaltig schwächend und zehrend und verändern das Bewusstsein von Vertrauen und Sicherheit zu Wachsamkeit, Kontrollzwang und Bedrohungsahnungen. Dabei entsteht eine unterschwellige chronische Stressbelastung.

Der Kapitalismus ist direkt verantwortlich für Katastrophentraumen, die kollektive Auswirkungen auf viele Menschen hatten, wie z.B. die Weltwirtschaftskrise von 1929 oder die Finanzkrise von 2008. Massive Spekulationen, also Hasardspiele von Investoren bei fehlenden staatlichen Kontrollen führten zu Zusammenbrüchen von wirtschaftlichen Strukturen und erzeugten eine Massenarmut, 1929 viel stärker als 2008, weil inzwischen Lernprozesse stattgefunden haben, sodass die ärgsten Folgen durch staatliche Maßnahmen abgefangen werden konnten.

Viele der Traumatisierungen, die von unserem Wirtschaftssystem ausgelöst werden, sind schwerer greifbar. Es gibt keinen Feind, der mit militärischer Gewalt im eigenen Land einfällt. Vielmehr lautet die Botschaft von den Propagandisten des Kapitalismus, dass jeder seines Glückes und seines Unglückes Schmied ist. Jeder ist verantwortlich für seine Erfolge und Misserfolge, auch wenn die meisten Faktoren dafür nicht der eigenen Kontrolle unterliegen. Menschen, die als Arbeitskräfte „freigesetzt“ werden, also aus dem Arbeitsprozess aussteigen und auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, sehen vielleicht im Chef oder in der Firma den Verursacher des Notzustandes, gegen den sie aber keine Chance haben. Der Chef leidet vielleicht selber darunter, einen geschätzten Mitarbeiter kündigen zu müssen, fühlt sich aber unter Druck durch die Marktsituation und mächtige Konkurrenten, die billiger produzieren können. Es ist das Wirtschaftssystem, das solche Belastungen erzeugt, und die Menschen sind seine Akteure, ob sie es wollen oder nicht. Wenn sich solche Phänomene häufen, entstehen kollektive Felder der Unsicherheit und Angst, die alle in ihren Bann ziehen, die, die Arbeit haben und die, die sie verloren haben, die Unternehmer mit guter Auftragslage und jene mit schlechter Auslastung.

Anonymisierung und Verantworungsüberladung

Damit bleibt die ganze Verantwortung bei der Einzelperson, die als Opfer der Vorgänge, bei denen es keine identifizierbaren Täter gibt, die Schambelastung alleine tragen muss. Denn das Versagen im System geht mit einem sozialen Stigma einher: Er/sie hat es nicht geschafft, war zu schwach oder zu wenig clever. Wer am Markt nicht reüssiert, ist selber voll dafür verantwortlich und muss sich schämen.

Die Entsolidarisierung hat dazu geführt, dass die Schicksale vereinzeln, während die Traumafelder übergreifend wirken und auch die mitbetreffen, die in Zeiten des ökonomischen Wandels ihre Stellung behaupten oder verbessern können. Denn sie sind dem gleichen Stress ausgesetzt wie die, deren ökonomischen Weiterexistenz unmittelbar bedroht ist.

Obwohl alles, was im ökonomischen System geschieht, von Menschen gemacht ist, wirkt es so, als wäre ein übermenschlicher Akteur am Werk, ähnlich wie die „invisible hand“ nach Adam Smith, die die Marktabläufe reguliere. Bezogen auf die verletzbare menschliche Seele wird mit diesem Anschein erreicht, dass die Traumatisierungen als nicht-menschengemacht wahrgenommen werden, obwohl sie menschengemacht sind. Bekanntlich lösen menschengemachte Katastrophen wesentlich stärkere Traumabelastungen und posttraumatische Störungen aus als nicht-menschengemachte, z.B. Naturkatastrophen im Vergleich zu Kriegen oder Misshandlungen. Es findet also eine Täuschung statt, mit deren Hilfe menschliches Handeln anonymisiert und damit scheinbar verharmlost wird. Es gibt keine Schuldigen, keine Verantwortlichen, sondern nur ein anonymes Netzwerk von undurchschaubaren Zusammenhängen, das das Schicksal der Menschen in der Hand hat und die einen belohnt und die anderen bestraft.

Scheinlösung Verschwörungstheorie

Es tauchen immer wieder Verschwörungstheorien auf, die versuchen, die Kräfte hinter dieser Anonymisierung aufzudecken und ans Licht zu bringen. Sie wollen damit die Täter anprangern und damit ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit vermitteln. Das Wissen, wer schuld am eigenen Schicksal ist, eröffnet zumindest einen Horizont für mögliche Gegenaktionen, auch wenn völlig unklar ist, wie das geschehen sollte. Die Verbreiter dieser Theorien bringen allerdings auch nur eine Scheinlösung zustande, weil sie die komplexen Vorgänge auf individuelle Bösewichter oder Bösewichtergruppen herunterbrechen. Sie reden von Geheimklüngeln, die sich die Macht auf die Welt aufteilen wollen, obwohl es unzählige Akteure in dem weiten Feld des globalen Wirtschaftsgefüges gibt, die dadurch reich bis superreich werden, durch Korruption oder ohne. Nicht einmal hundert Wirtschaftsbosse wären in der Lage, die Weltwirtschaft zu dirigieren, sollten sie sich überhaupt untereinander einig werden, in welche Richtung das gehen sollte und wer welchen Happen davon kriegt.

Die Verschwörungstheorien befriedigen nur ein psychologisches Bedürfnis nach Überblick und Verständnis der Abläufe sowie nach Sündenböcken für alle Fehlentwicklungen, leisten aber keinen Beitrag zum besseren Verstehen der Zusammenhänge, geschweige denn zu praktischen Lösungswegen. Sie wirken höchstens wie Placebos auf die Traumabelastungen, während sie tatsächlich bei allen, die an sie glauben, retraumatisierend wirken, weil sie die reale Ohnmacht verstärken und das Böse noch mächtiger erscheinen lassen, als es ist.

Für den Durchblick angesichts der komplexen Zusammenhänge sind die Wirtschaftswissenschaften zuständig und mühen sich, Licht ins Dunkel zu bringen, schaffen aber nur, wie es im Wesen der Wissenschaften liegt, Einblicke in Teilaspekte des Geschehens, das in seiner Ganzheit und Dynamik in kein ökonomisches Modell passt. Denn es wirken daran alle Menschen auf diesem Planeten mit und verändern durch ihr Tun das Ganze in jedem Moment. Die vielen aufeinander bezogenen Aktionen von bald 8 Milliarden Menschen ergeben eine unvorstellbar hohe Anzahl von wirtschaftlichen Interaktionen, die nur annähernd in ihren Zusammenhängen verstanden werden können. Die Wissenschaften bauen dennoch eine Basis der Verlässlichkeit auf, die als Ressource wirken kann und damit Traumafolgen abmildert.

Die Pandemie hingegen hat die latente Traumatisierung als Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems vielerorts an die Oberfläche gebracht und zahlreichen Menschen deutlich gemacht, auf welch fragilen Pfeilern ihre wirtschaftliche Existenz ruht. Sie waren und sind angewiesen auf staatliche Unterstützung, um nicht in die Armut abzurutschen. Das Wirtschaftssystem als solches war nicht in der Lage, für die zahlreichen Probleme eine Abhilfe zu schaffen. Auch die Kriegsereignisse am Rand der EU und die damit verbundenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten haben die hohe Störungsanfälligkeit des kapitalistischen Systems unter Beweis gestellt und dadurch auf viele Menschen retraumatisierend gewirkt.

Alle Krisen auf dieser Welt sind zugleich Krisen des Wirtschaftssystems. Manchmal werden sie direkt von ihm ausgelöst, manchmal haben sie einen anderen Ursprung. Aber die wirtschaftlichen Auswirkungen werden immer hautnah spürbar, auch wenn sich die Krisengebiete weit entfernt von den eigenen Lebenskreisen befinden. Deshalb lädt auch das kapitalistische System bei jeder Krise das kollektive Traumafeld zusätzlich auf und verstärkt seine destabilisierende Wirkung auf die Menschen.

Resilienz gegen die kollektive Traumatisierung

Wie können wir uns davor schützen, in die Energie des kollektiven Traumas, das der Kapitalismus nährt, hineingezogen zu werden? Klar ist, dass wir aus den Zusammenhängen der ökonomischen Verflechtungen nicht austreten können wie aus einem Tennisclub. Wir sind Teil davon und könnten anderweitig nicht überleben. Wir können als Individuen daran arbeiten, unsere eigenen Gierneigungen zu verringern oder unsere Konsumgewohnheiten zu verändern, um unsere Beteiligung an den Ausbeutungsvorgängen so weit wie möglich einzuschränken. Wir können unsere Bewusstheit darauf richten, was „unsere“ Bedürfnisse sind und welche Bedürfnisse durch die Werbewirtschaft einkonditioniert wurden, um deren Einfluss zu brechen. Auf der sozialen Ebene können wir unsere politische Ausrichtung schärfen, sodass unser Einsatz einer sozial gerechten und ausgleichenden Gesellschaft dient. Wir können in unserem praktischen Engagement für Solidarität eintreten und in persönlichen und virtuellen Netzwerken die Menschlichkeit fördern. Wir können dort aufstehen, wo Menschenrechte mit den Füßen getreten werden und wo die kapitalistische Denkweise z.B. im neoliberalen Gewand den Ton angeben will. Wir können all die Kräfte unterstützen, die der Erweiterung und Vertiefung der Menschlichkeit dienen. Wir können neue Möglichkeiten des Wirtschaftens, die nicht profitorientiert sind, unterstützen und fördern. Wir können uns an der Utopie orientieren, in der irgendwann einmal der Kapitalismus nur mehr den Güteraustausch regelt und nicht den Arbeitsmarkt und den Konsum, wo also Menschen nicht zu Waren und Warenverbrauchern gemacht werden, sondern wo sie auf gerechte Weise an den Erträgen der Wirtschaft beteiligt sind und auf mündige und sozial verantwortliche Weise konsumieren. Wir können konstruktive Träumer und mutige Realisten sein, die an ihrer Ethik und Integrität festhalten und sich nicht durch die Verlockungen des Kapitalismus korrumpieren lassen.

Die Wirtschaft ist für die Menschen da und nicht umgekehrt. Das sollten wir uns und allen anderen immer wieder klarmachen. Wir verfügen immer über mehr Möglichkeiten, um uns von den scheinbar übermächtigen Einflüssen des Wirtschaftssystems zu befreien. Je mehr wir sie nützen, desto leichter lösen wir uns von den kollektiven Traumen, die uns und unseren Vorfahren der Kapitalismus aufgeladen hat.

Zum Weiterlesen:

Unverschämtheit, ein Merkmal des Kapitalismus

Bedürfnisse und Konsumgewohnheiten

Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?

Kapitalismus und Sozialismus: Angstorientierung und Schamorientierung

Das Giersystem im Kapitalismus

Eine Krise des Neoliberalismus

Wirtschaft ohne Gier?


Mittwoch, 20. Juli 2022

Unverschämtheit, ein Merkmal des Kapitalismus

Der Kapitalismus kennt keine Rücksichtnahme auf die Natur und auf die Menschen und deshalb hat die Scham im Rahmen des Kapitalismus und des dahinterstehenden materialistischen Bewusstseins keinen Platz. Das kapitalistische System kann nur funktionieren, wenn die Scham gründlich ausgeblendet und unterdrückt wird. Das Gesetz des Profits regiert und steht über jeder Form der Menschlichkeit.

Menschen können nicht einfach nur skrupellose Materialisten sein, weil sie nicht zu hundert Prozent unmenschlich sein können. Selbst die hartgesottensten Geschäftsleute und skrupellosesten Manager haben einen menschlichen Kern in sich, der sich in bestimmten Situationen meldet, etwa wenn sie mit Kindern zusammen sind oder wenn sie Kunst und Natur erleben. Allerdings korrumpiert das System die Menschlichkeit, je länger und intensiver man sich darin aufhält und je mehr man sich damit identifiziert. Der Druck zur Kostenminimierung und zur Profitsteigerung schlägt durch auf die inneren Schichten der Körperlichkeit und der Seele aller Beteiligten. Je höher oben sich jemand in diesem System befindet, desto stärker wirkt der Druck und desto höher ist die Stressbelastung und desto größer die Entfernung vom Menschsein.

Gefühle sind in diesen Zusammenhängen unwillkommen, denn wie würden an das Menschsein erinnern. Als einzige Gefühlsenergie hat die Aggression einen fixen Platz. Sie bildet die systemimmanente Antriebskraft, die das ganze Regelwerk in Gang hält. Wütend werden die Mitarbeiter angetrieben, wütend werden die Konkurrenten bekämpft. Das Konkurrenzprinzip, das als wesentlicher Motor den Kapitalismus antreibt, erfordert eine permanente Aggressionsbereitschaft bei allen Mitspielern: Es geht um Kampf – auf Gedeih und Verderb. Wer sich durchsetzt, fürchtet schon den nächsten Gegner, wer am Markt unterliegt, geht unter oder muss wieder von vorne anfangen wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht.

Die Aggression im Kapitalismus

Diese dem Kapitalismus innewohnende Aggression bewirkt auch, dass die Natur zum Freiwild wird und rücksichtslos ausgebeutet werden kann. Sie ist einzig und allein Objekt der Begierde nach mehr Geld. Der Raubbau an den Ressourcen des Planeten erscheint dem Kapitalisten höchstens als notwendiges Übel, dem von außen Betrachtenden allerdings als das Absägen des Astes, auf dem alles sitzt. Aggressiv werden der Natur die Rohstoffe entrissen, oft im 21. Jahrhundert noch unter sklavenähnlichen Bedingungen, und aggressiv werden die daraus produzierten Güter am Markt vertrieben.

Diese Aggression betrifft aber auch Kulturen, die sich diesen Zwängen noch nicht untergeordnet haben. Sie werden sukzessive ausgehöhlt und vereinnahmt. Im 18. und 19. Jahrhundert erfolgte die Zerstörung von lokalen außereuropäischen Kulturen noch mit militärischer Gewalt, seither wirkt die Übermacht des westlichen Wirtschaftsmodells subtiler und nachhaltiger, indem die Verlockungen moderner Bequemlichkeiten und Unterhaltungen die auf das lokale Überleben ausgerichteten Kulturen zur Entfremdung von den eigenen Traditionen verführen.

Die Unbarmherzigkeit dieses Systems erleben zum Beispiel Menschen auf ihrer eigenen Haut, die andere kündigen müssen, weil deren Posten wegrationalisiert wurden oder die Produktion in einen anderen Erdteil verlegt wird. Manchmal enden solche Personalmanager in der inneren Kündigung d.h. im Burnout, weil es so schwer fällt, die Scham, die auftritt, wenn man Menschen ihre berufliche Existenz wegnehmen muss, zu verkraften. Dann scheiden sie selber aus dem Arbeitsprozess aus. Ein anderes Beispiel: Ein Unternehmensberater hat von seinen Auftraggebern die Aufgabe, Anbieter für bestimmte Dienstleistungen gegeneinander auszuspielen, um das günstigste Ergebnis herauszuholen. Er weiß, dass einige Anbieter nicht zum Zug kommen und dadurch frustriert sind und auch bei ihren Vorgesetzten Schwierigkeiten bekommen. Es macht ihm ein schlechtes Gewissen, weil er sieht, dass sein vom System erzwungenes Handeln andere Menschen unglücklich macht und in ihrer Existenz bedroht.

Weg mit dem Kapitalismus?

Wir werden den Kapitalismus nicht los, indem wir ihn revolutionär zerstören. Denn er hat längst von unseren Körpern Besitz ergriffen und sich in unserem Verstand festgesetzt. Der Sturz der Kapitalisten könnte nur wieder von kapitalistisch geprägten Menschen durchgeführt werden. Niemand ist frei von dem süßen Gift. Darin liegt der Grund, dass alle diesbezüglich unternommenen Revolutionen nur andere Formen des Kapitalismus hervorgebracht haben, mit anderen Formen der politischen Machtverteilung.

Wir sind auf die eine oder andere Weise eingespannt in den Stressmotor der kapitalistischen Gesellschaft, und wir sind so oder so Konsumidioten in der Warenwelt und halten damit das Getriebe in Gang. All unsere Fluchtbemühungen in ferne Länder, entlegene Landstriche, einsame Gegenden oder veränderte Konsumgewohnheiten haben wir uns erkauft mit unserem Einsatz für das System. Theodor W. Adorno hat einmal geschrieben: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Wir alle sind Teil dieser falschen Schamlosigkeit, naschen mit an ihren Erträgen und zahlen mit an den Schäden, die angerichtet werden. Die Umweltkrise, die vielen Kriege auf der Welt und selbst die Pandemie sind Auswüchse des giergetriebenen ökonomischen Systems, das uns fest im Griff hat und Schritt für Schritt unsere Lebensgrundlagen untergräbt, unsere Gesundheit bedroht und Hass unter den Menschen erzeugt. Dafür sollten wir uns schämen. Wo aber die Scham fehlt, geht die Menschlichkeit flöten.

Die Wurzeln der Destruktivität

Wir entkommen dieser Knechtschaft nur, indem wir uns ihre destruktiven Zusammenhänge bewusst machen. Unsere Verantwortung liegt darin, die Fahnen der Menschlichkeit hochzuhalten und das kapitalistische Treiben einzuhegen und einzugrenzen. Wir können es nicht abschaffen, wir können es nur entmachten. Es muss „Schutzzonen“ der Menschlichkeit geben, in denen nicht die Prinzipien des Kapitalismus herrschen, sondern die Prinzipien der Menschlichkeit. Beispiele sind das Aufwachsen der Kinder, alle Bereiche der Bildung und der Kultur, die Pflege alter und bedürftiger Menschen und gemeinwohlorientierte Formen der Wirtschaft. Es muss eine Politik geben, die nicht den Geldgötzen anbetet, sondern die sich als Hüterin der Gerechtigkeit sieht, die die Erträge und Lasten aus der Güterproduktion gleichmäßig in der Bevölkerung verteilt.

Der Kapitalismus ist nicht in sich böse. Er ist ja kein Subjekt. Er ist ein System, das im Lauf der Menschheit von den Menschen erschaffen wurde und äußerst erfolgreich weite Bereiche der verschiedenen Gesellschaften in dieser Welt bestimmt. Er ist aber ein System, das viel Bosheit, gepaart mit Schamlosigkeit hervorbringt und er hat in sich kein Gegenmittel dazu.

Wir brauchen also ein anderes Bewusstsein als das kapitalistische oder materialistische, und wir verfügen auch darüber. Wir sind in der Lage, menschlich zu denken, zu handeln und zu fühlen. Wir wissen im Grund, was das heißt, sobald wir aus den Beschränkungen des egoistischen Gewinn- und Gierdenkens heraustreten. Wir können uns mehr darum bemühen, in die Hintergründe und psychodynamischen Kräfte des kapitalistischen Bewusstseins hineinzuleuchten. Dort werden wir erkennen, dass all das Destruktive in dieser Weltsicht durch psychische Verletzungen und Traumatisierungen entstanden ist, auf individueller und auf kollektiver Ebene. Menschen sind nicht von sich aus und von Anfang an gierig, skrupellos und unverschämt. Sie werden so, als Reaktion auf die Frustration von Grundbedürfnissen als Individuen und von sozialen Bedürfnissen als Kollektive.

Wenn wir diese Wurzeln der Destruktivität in uns selbst so weit wie möglich aufgearbeitet und integriert haben, steht uns mehr Energie für konstruktives menschliches Handeln zur Verfügung. Davon brauchen wir mehr als genug zur Bewältigung all der Krisen, in die wir uns selber durch den blinden Glauben an das System des Kapitalismus gebracht haben. Wir können uns von den Abhängigkeiten und Manipulationen lösen, mit denen dieses System versucht, uns in Geiselhaft zu halten und damit seine Macht Schritt für Schritt zurückdrängen. Dort, wo die ego-getriebenen Gefüge weichen, entsteht der Raum für mehr Menschlichkeit.

 Zum Weiterlesen:
Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?

Kapitalismus und Sozialismus: Angstorientierung und Schamorientierung

Das Giersystem im Kapitalismus

Eine Krise des Neoliberalismus

Wirtschaft ohne Gier?

 

Donnerstag, 14. Juli 2022

Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?

Wir leben in Krisenzeiten, hört man oft. Wann nicht, könnte man fragen, wenn man schon einige Jahrzehnte am Buckel hat. Aber die Pandemiezeit und der Ukrainekrieg haben das Krisenbewusstsein in unseren Breiten enorm verstärkt. Die Wetteranomalitäten konfrontieren hautnahe mit dem Klimawandel, von dem Wissenschaftler und Aktivisten seit Jahrzehnten warnen. Das Gefühl, die Entwicklungen nicht mehr unter Kontrolle zu haben, haben wir viel stärker als je zuvor. Daran zeigt sich auch unsere privilegierte Position, da wir in den reichsten und sichersten Ländern der Welt leben und seit dem 2. Weltkrieg das Krisenbewusstsein weitgehend von unseren Lebensräumen fern halten konnten. Alle, die im ex-jugoslawischen Raum leben oder gelebt haben, sehen das naturgemäß anders, ebenso jene, die aus anderen Kriegsgebieten flüchten mussten oder flüchten müssen. Menschen, die in Dürre- und Hungerzonen leben und ihr Überleben von Tag zu Tag sichern müssen, kennen nicht einmal eine Alternative zur Krise, die ihr Leben ausfüllt.

Das Bewusstsein, in einer Krisenzeit zu leben, verunsichert und bereitet Ängste und Sorgen, erzeugt also Stress. Es fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt nur, wenn aus der Krise eine Katastrophe wird, wenn z.B. ein Krieg ins eigene Land überschwappt oder wenn ein Dorf von Unwettern weggeschwemmt wird. Ängste mobilisieren egoistische Überlebensstrategien, die Bestrebungen, die eigene Haut zu retten. Wohin könnte ich auswandern, um den Klimaveränderungen zu entgehen und vor Kriegen und Seuchen sicher zu sein? Wo kann ich einen sicheren Ort finden, ohne dass die anderen davon wissen? Welchen Urlaub muss ich mir noch gönnen, bevor das Reisen nicht mehr möglich ist? Wie kann ich meine Schäfchen ins Trockene bringen, bevor das Finanzsystem zusammenbricht?

Angst als Veränderungsmotor

Die von Ängsten gesteuerte Reaktion auf Krisen ist die am weitesten verbreitetste. Sie ist aber auch die primitivste. Sie steht im Bann des Wiederholungszwanges von schon früh erlebten Traumatisierungen oder von kollektiven Traumen, die sich in tiefen Schichten der Seele festgesetzt haben. Deshalb ist die verbreitete Reaktion auf Krisen zunächst die Verleugnung („Das hat nichts mit mir zu tun.“ „Das ist alles übertrieben.“ „Da stecken ganz andere Interessen dahinter.“ „Das geht alles wieder vorüber.“ usw.). Mit Beschwichtigungen soll die Angst beruhigt werden, damit das Leben in den gewohnten Bahnen weiter verlaufen kann.

Erst wenn einem die Krise auf den eigenen Pelz rückt, wenn Leute in der Umgebung an einer Seuche versterben, Verwandte zu Kriegsopfern werden oder durch die Hitze getötet werden, wenn das eigene Haus weggeschwemmt wird, entsteht der Impuls zum Handeln und zur Änderung von Gewohnheiten. Es handelt sich dabei um ein reaktives Handlungsmuster: Es wird erst dann etwas getan, wenn das Wasser bis zum Hals steht, wenn die Krise so augenfällig ist, dass sie unmittelbar das eigene Leben betrifft. Solange sich die Katastrophen irgendwo anders ereignen, kann man ein wenig Mitgefühl aufbringen und ansonsten die Hände in den Schoß legen.

Deshalb entsteht der Eindruck, dass Menschen nur durch Krisen auf dieser Ebene lernfähig sind. Erst wenn man einen Hitzekollaps erlitten hat, überlegt man, was man selber tun könnte, um die Krise zu bekämpfen. Erst wenn der Öl- und Gaspreis rasant nach oben geht, denkt man daran, wie man fossile Brennstoffe einsparen könnte.

Diese reaktive Orientierung hat sich bei vielen Problemlagen bewährt. Sie ist aber für große Krisen viel zu schwach und nicht geeignet, nachhaltige Richtungsänderungen zu bewirken. Denn sie schwenkt sofort in alte Muster zurück, wenn sich die Bedingungen ändern: Gehen die Energiepreise wieder nach unten, wird weiter konsumiert, als wäre nichts gewesen. Wenn die Infektionszahlen runtergehen, werden sofort alle Vorsichtsmaßnahmen über Bord geworfen. Wenn der Krieg vorbei ist, geht es darum, die Geschäfte mit allen Beteiligten möglichst schnell zu reaktivieren.

Global denken und handeln

Wir brauchen also eine andere Ausrichtung, wenn wir mit den großen Krisen, mit denen wir konfrontiert sind, zurechtkommen wollen – was wir in Wirklichkeit müssen, weil nicht nur die Qualität unseres Weiterlebens, sondern unsere Existenz als Individuen und als Menschengattung auf dem Spiel steht. Wir müssen uns der systemischen Vernunft bedienen, d.h. einen wichtigen Schritt in der Evolution des Bewusstseins vollziehen, vor allem in Hinblick auf die Krisenphänomene. Das systemische Bewusstsein führt uns heraus aus der Selbstbezogenheit, aus den individuellen und kollektiven Egoismen. Es ist getragen von der Einsicht, dass die großen Probleme nur durch globale Zusammenarbeit gelöst werden können, zu der möglichst viele Menschen durch ihr Wollen und ihren Einsatz beitragen. Wir kennen diese Art des Denkens und des aus ihr abgeleiteten Handelns, doch wenden es noch viel zu wenige Menschen an. Es sind wiederum Ängste, die davon abhalten, das, was eigentlich als vernünftig erkannt ist, in das Tun zu übersetzen. Ängste zwingen uns, am Gewohnten festzuhalten und erst zu handeln, wenn die Bedrohung unübersehbar ist. Ängste zwingen uns zu Reaktivität. Alles, was von einer Angst angetrieben ist, hält nur kurzfristig an, denn Ängste konsumieren viel Energie, sodass sehr bald die Erschöpfung auftritt und damit die alten Muster zurückkehren.

Wir müssen also unsere Ängste überwinden, wenn wir unser Handeln proaktiv leiten, indem wir uns nicht von äußerem Druck motivieren lassen, sondern von unserer Einsicht und unserem Wollen. Wir verzichten auf Annehmlichkeiten oder Bequemlichkeiten, auf Konsumgewohnheiten nicht, weil es nicht anders geht, sondern weil uns die Lösung globaler Probleme wichtiger ist als die Befriedigung von Luxusbedürfnissen.

Was wir also aus den gegenwärtigen Krisen lernen können, ist die Wichtigkeit, unsere Motivations- und Handlungsmuster zu verändern. Wir können unseren Blick weiten und ein globales Bewusstsein entwickeln, das unsere Handlungen danach ausrichtet, wie es im Blick auf die gesamte Menschheit und ihre Zukunft am sinnvollsten, nutzbringendsten und hilfreichsten ist, bzw. wie es am wenigsten Schaden anrichtet. Und wir können andere motivieren, ebenso über ihre Eigeninteressen hinaus zu blicken, und laden auf diese Weise mehr und mehr Menschen ins systemische Bewusstsein ein.

Die Grundzüge dieser Bewusstseinsform sind einfach dargestellt. Wir berücksichtigen unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche, nehmen sie aber nicht als oberste Richtschnur für unsere Entscheidungen. Vielmehr achten wir darauf, möglichst viele andere Interessen mitzubedenken, soweit sie global ausgerichtet sind. Wir agieren aus einem Verständnis der geteilten Verantwortung, im Prinzip mit allen Menschen und sogar allen Lebewesen. Wir tragen unseren Teil dieser Verantwortung so gut es uns möglich ist und bemühen uns darum, in dieser Fähigkeit zu wachsen. Wir nutzen Krisen als Chance zur Weiterentwicklung, brauchen aber keine Krisen dafür, sondern sind von der Überzeugung getragen, dass das Leben an sich Weiterentwicklung und permanente Veränderung ist. Wir versuchen, diesen Entwicklungs- und Veränderungsprozessen eine Richtung zu geben, die dem Überleben der Menschheit in sozial ausgeglichener, gesunder und friedlicher Weise am besten dient.

 

Dienstag, 12. Juli 2022

Bedürfnisse und Konsumgewohnheiten

Wir kommen als bedürftige Wesen auf die Welt. Wenn etwas unserem Organismus und unserer Psyche fehlt, wird es als innere Spannungen spürbar und führt dann zu spontanen Unmutsäußerungen. Erfolgt die passende Reaktion aus der Umwelt, dann löst sich die Bedürfnisspannung auf und es kehrt Friede und Glück ein. Mit der Zeit lernen die Kleinkinder, mit ihren Bedürfnissen umzugehen. Die Frustrationstoleranz wächst und die Befriedigungsreaktion muss nicht sofort, sondern kann auch zeitverzögert erfolgen. So erfährt das Kind, dass es sich darauf verlassen kann, dass Bedürfnisse früher oder später gestillt werden. Und es kann sich verlassen, dass auf das Bedürfnis die richtige Form der Befriedigung folgt. Auf diese Weise bleibt es mit der Weisheit seines Organismus und seiner Psyche verbunden. Es erhält beständig Rückmeldungen darüber, was gerade fehlt, welcher Mangel besteht und wie er beruhigt werden kann. Jede erfolgreiche Befriedigung wirkt als bestätigende Rückmeldung: Es ist in Ordnung, Bedürfnisse zu haben, zu äußern und es kann darauf vertraut werden, die passende Befriedigung zu bekommen.

Soweit das Idealbild. In der Regel vollziehen sich die Abläufe nicht so reibungslos und einfach. Es kann zu Fehlinterpretationen der Bedürfnisäußerungen des Kindes kommen, sodass auf die Bedürfnisäußerung eine andere Form der Befriedigung kommt, z.B. auf das Bedürfnis nach Zuwendung wird das Kind mit Nahrung gefüttert. In diesen Fällen entwickeln sich andere Rückkoppelungsschleifen mit dem Resultat: „Meine Bedürfnisse sind nicht richtig; was sie eigentlich sind, zeigt sich an dem, wie die anderen darauf reagieren. Entsprechend muss ich lernen, meine Bedürfnisse neu zu verstehen und mich an diese Änderung zu gewöhnen.“

Es zählt dann nicht mehr das innere Wissen, sondern maßgeblich wird die Reaktion, die von außen kommt. Die äußeren Instanzen übernehmen die Deutungshoheit. Als Folge wird der Selbstbezug mit dem inneren Sinn und dem Spüren von organischen Bedürfnissen geschwächt. In diese Schneise schmuggeln sich immer mehr künstliche Bedürfnisse ein, die sich, wenn sie regelmäßig befriedigt werden, zu Gewohnheiten verfestigen. Das Kind geht mit in den Supermarkt und erwartet sich eines von den Schleckereien an der Kassa.

Bedürfnisproduktion im Kapitalismus

Schritt für Schritt wächst das Kind in eine Gesellschaft hinein, in der die Bezüge zur organismischen Weisheit systematisch zurückgedrängt werden, weil damit kein Profit gemacht werden kann. Das kapitalistische Wirtschaftssystem funktioniert nur auf der Basis einer maximalen Distanz zwischen Natur und menschlichem Geist. Es beruht auf der Ignoranz der organischen Bedürfnisse, die durch künstliche Bedürfnisse ersetzt werden, also solche, die das kapitalistische System hervorbringt und die ihm dienen.

Die Verlockungen bestehen in den Versprechen nach mehr Sicherheit und Bequemlichkeit. Die produzierten und vermarkteten Waren sollen unser Leben und vorhersehbarer und angenehmer machen. Wir bekommen mit dem Warenerwerb die Vorspiegelung von Entspannung und Kontrolle mitgeliefert. Die Fülle der dargebotenen Güter in den Konsumtempeln verleitet zur Illusion, dass Waren emotionale Bedürfnisse befriedigen und dass schließlich selbst das Glück käuflich ist.

Emotional labile Menschen sind die optimalen Mitspieler in der kapitalistischen Konsumwelt. Deshalb ist es im Interesse dieses Systems, dass die Menschen emotional verunsichert sind und bleiben. Menschen, die ihre organismischen Bedürfnisse von anerzogenen und sekundär erworbenen unterscheiden können und die ihre Kaufentscheidungen nach rationalen, vielleicht sogar noch ökologischen Kriterien abwägen, sind schlechte Mitspieler im Produktions-Konsumationskreislauf. Sie tragen zu wenig zum Wirtschaftswachstum und zum Bruttonationalprodukt bei.

Die Werbung, der Motor der kapitalistischen Wirtschaft, will mit emotionalen Botschaften ins Innere der Menschen eindringen und sich dort festsetzen. Das geht umso leichter, wenn der Adressat innerlich unsicher ist und den Bezug zu seinen organismischen Bedürfnissen verloren hat. In solchen Fällen kann sich eine Werbebotschaft wie ein Implantat oder ein Chip im Inneren festsetzen. (Vermutlich halten deshalb viele Menschen die Angst vor Chips, die angeblich über Impfungen in den Körper eingeschleust werden, für real, weil sie die Erfahrung mit den emotionalen Chips der medialen Werbung schon kennen.) Solche Fremdkörper sind wie Symbolträger des Selbstentfremdungsprozesses, der hier abläuft. Sie etablieren Gewohnheiten, die über fixierte Nervenbahnen im Gehirn abgesichert werden. Möglichst viele Nervenzellen werden darauf getrimmt, ihre Glücksbotenstoffe nur dann freizusetzen, wenn ein bestimmtes Produkt konsumiert wird, sei es eine Zigarette, ein Auto oder ein modisches Kleid.

Zweierlei Gewohnheiten

Wir bilden Gewohnheiten aus, um uns das Leben zu erleichtern. Routineabläufe ersparen uns energetisch aufwändige Entscheidungsprozesse. Jeden Tag neu überlegen zu müssen, wie man sich die Zähne putzt oder die Schuhe bindet, verschwendet unnötig Ressourcen. Denn für Entscheidungen verbraucht unser Gehirn viel Glukose und Sauerstoff. Deshalb werden viele Abläufe an das Unterbewusste delegiert, das sie dann in der immer gleichen Form abspult.

Es gibt aber auch Gewohnheiten, die zwar nach dem gleichen Muster funktionieren, aber unser Leben nicht erleichtern, sondern ihm zusätzliche Lasten aufbürden. Jede Form der Sucht beruht auf Gewohnheiten und ihren Mechanismen. Solche substanzgebundene oder substanzungebundene Abhängigkeiten bestehen in Routineabläufen und fixierten Ritualen, z.B. die Zigarette beim Morgenkaffee, der Blick ins Mobiltelefon nach dem Aufstehen oder der Kauf einer Süßspeise beim Konditor. Es entsteht eine innere Unruhe, wenn der Akt der Suchthandlung ausbleibt oder sich verzögert. Stress baut sich auf, als würde die im Inneren verankerte Gewohnheit schreien wie ein Baby, das seinen Schnuller verloren hat.

Suchtverhalten tritt also bei Erwachsenen auf, die sich dann wie Babys verhalten. Sie sind die Sklaven ihrer Gewohnheiten, die ihnen diktieren, was wann geschehen muss. Solche Gewohnheiten erleichtern nicht das Leben, sondern engen es ein. Sie beschneiden die Freiheit, in Extremfällen so stark, dass alles andere dem Suchtverhalten untergeordnet wird.

Doch sind solche Gewohnheiten derart weit verbreitet, dass sie gar nicht mehr so auffallen wie die Extremfälle. Kaum jemand ist frei von selbstdestruktiven Gewohnheiten. Einesteils liegen die Wurzelursachen in der Kindheit, andernteils ist es die Umgebung in einer Gesellschaft, die von Leistung und Konsum beherrscht ist. Die Konsumwirtschaft versucht, Kauf- und Konsumgewohnheiten zu verbreiten, um ihre Absätze und Gewinne zu steigern. Ein Beispiel: Die Nahrungsmittelindustrie entdeckte, wie durch das Beimischen von Industriezucker zu verschiedenen Nahrungsmitteln der Absatz gesteigert werden konnte. Dass Tomatensoße Zucker enthalten muss, war vorher nicht notwendig. Sobald sich aber die Gaumen der Kunden daran gewöhnt haben, wird der Zucker unverzichtbar, „weil es sonst nicht schmeckt“. Die Geschmacksknospen wurden umerzogen, die Mund- und Darmbakterien verlangen nach mehr Zucker, damit sie ihre Kolonien pflegen können, und die Gewinne der Produzenten wachsen. Dass der Volksgesundheit damit kein guter Dienst erwiesen wird, steht auf einem anderen Blatt, und all die dadurch entstehenden Schäden trägt die Allgemeinheit, sprich wiederum werden die Konsumenten zur Kassa „gebeten“.

Das Wiederfinden der organismischen Bedürfnisse

Gibt es einen Weg zurück zu den organismischen Bedürfnissen, wenn so viele Bereiche der Innenwelt sowohl auf der psychischen wie auf der physischen Ebene von solchen manipulativen Fremdeinflüssen besetzt sind? Es braucht Disziplin, um Gewohnheiten loszuwerden, so auch hier. Ein Beispiel liefert das Fasten. Durch den disziplinierten Verzicht auf feste Nahrung ändern sich viele Stoffwechselprozesse im Körper. Auch das Mikrobiom gestaltet sich um. Viele Menschen berichten, dass einfache Nahrungsmittel nach dem Fastenbrechen viel besser und intensiver schmecken. Was vorher fixe Gewohnheit war, z.B. die Marmelade aufs Brot, hat auf einmal seinen Reiz verloren. Doch wenn wir nachhaltige Änderungen erzielen wollen, ist es wichtig, die alten Gewohnheiten nicht wieder einreißen zu lassen. Die Disziplin muss also auch nach dem Ende des Fastens aufrecht bleiben, sonst sind die alten Muster ganz schnell wieder da. Wenn es gelingt, die Erträge des Fastens zu sichern und weiterhin fruchtbar zu machen, dann gelingt die Rückkehr zu den inneren, vom Organismus und von der Psyche gesteuerten Bedürfnissen, zumindest auf der Ebene der Nahrungsaufnahme.

Ein anderes Beispiel für die Selbstdisziplin liegt darin, sich zu entscheiden, auf bestimmte Nahrungsmittel gänzlich zu verzichten, z.B. auf Fleisch, Zucker oder Weizengebäck. Es hilft bei einem derartigen Entschluss, sich eine entsprechende neue Identität zu geben, z.B. sich nun als Vegetarier oder Zuckervermeider oder Glutenverzichter zu bezeichnen und dieses Etikett im Freundes- und Bekanntenkreis zu verbreiten.

Einen weiteren Weg bietet jede Form von Achtsamkeitstraining und Meditation. Die Aufmerksamkeit nach innen zu richten und auf den gegenwärtigen Moment zu beschränken, stärkt die Besinnung auf sich selbst und führt zur Stärkung der Unterscheidungskraft zwischen dem, was wir wirklich brauchen und dem, was uns als Bedürfnis eingeredet wurde.

Gewohnheiten, die einen zwanghaften Charakter haben und von künstlich erzeugten Bedürfnissen kontrolliert werden, engen unsere Freiheit ein und entfremden uns von uns selbst. Denn sie machen sich in unserem Inneren als Fremdkörper sesshaft und lassen sich, wenn sie einmal eingewurzelt sind, nur mehr schwer vertreiben. Doch leisten wir uns selber einen guten Dienst, wenn wir alten Gewohnheiten mutig, diszipliniert und konsequent Lebewohl sagen, die wir als selbstschädigend und selbsteinschränkend erkannt haben. Wir finden auf diesem Weg zurück zur Weisheit unseres Organismus und machen uns ein Stück unabhängiger von den Manipulationsmechanismen der Konsumgesellschaft. Auch das dauerhafte und tiefe Glück können wir nur in diesem unseren Inneren finden.

Zum Weiterlesen:
Disziplinierung und Selbstdisziplin

Der Verlust des Selbstgefühls

Schönheitsideale und Wahrnehmungsschwächen

Samstag, 9. Juli 2022

Selbstdienliche Verzerrungen

Wir neigen dazu, uns in ein positives Licht zu setzen, vor allem dann, wenn andere Kritik an uns üben oder uns abwerten. Die Soziologie hat diese Neigung genauer untersucht und ist auf das eigenartige Phänomen der „selbstwertdienlichen Verzerrung (self-serving bias)“ gestoßen. Das Phänomen besteht darin, die eigenen Erfolge sich selber und die Misserfolge äußeren Ursachen zuzuschreiben. Für alles, was gut läuft, bin ich selber verantwortlich und kann mich dafür anerkennen. Für alles, was schiefläuft, mache ich die Umstände oder die anderen Menschen verantwortlich und bin damit aus dem Schneider.

Diese zweite Komponente des Verzerrungsmechanismus dient dem Schutz des Selbstwertes und der Vermeidung von Scham. Sie besteht darin, sich selbst von der Verantwortung für Fehler zu entlasten, indem sie anderen Instanzen zugeordnet wird. Damit geraten der Selbstwert und die Selbstachtung nicht in Gefahr. Wenn ich in einen Stau gerate und nicht weiterkomme, schimpfe ich auf den Verkehr und die anderen Autofahrer und komme nicht auf die Idee, mich selber zu fragen, ob ich vielleicht zu spät weggefahren bin und eventuelle Verkehrsbehinderungen nicht einberechnet habe. Wenn der Computer abstürzt, ist auf jeden Fall er schuld und nicht meine Aktionen, die zum Absturz geführt haben. Wenn ich auf einen Termin vergessen habe, ärgere ich mich über die anderen Leute, die dauernd etwas von mir wollten und mich abgelenkt haben.

Scham und Stolz


Die Verantwortung für Fehler zu übernehmen fällt uns schwer, weil das Eingeständnis von eigenen Unzulänglichkeiten mit Scham verbunden ist. Wenn wir äußere Ursachen finden, die unsere Fehlleistungen bewirken, brauchen wir uns selber nicht zu schämen und unser Selbstwertgefühl bleibt intakt. Stattdessen kehren wir die Orientierung um und beschämen andere, denen wir die Schuld geben für das, was schiefläuft.
Die andere Seite dieses psychologischen Phänomens, die selbstwertstärkende Komponente, bei der wir uns als einzige Verursacher unserer Erfolge wahrnehmen, hat mit Stolz zu tun. Der Stolz ist die psychische Kraft, die unseren Selbstwert stärkt, solange er in einem maßvollen Rahmen bleibt, also verschiedene Aspekte der Realität mit einschließt, z.B. all die Beiträge, die von außen zu den eigenen Erfolgen beitragen.
Es ist wiederum die Scham, die den überschießenden Stolz in die Schranken weist und darauf hinweist, dass alles, was wir tun, immer in einem sozialen Feld stattfindet. Es gibt immer andere Akteure, die mitwirken, dass wir erfolgreich sind und ohne die wir nicht zu den Resultaten kommen, die wir erschaffen. Die Scham erinnert uns daran, zum Feiern unserer Erfolge auch die Bescheidenheit und die Dankbarkeit einzuladen.
Auf diese Weise bleibt unser Selbstwert in Balance. Er findet die Mitte zwischen Selbstüberschätzung und Selbstabwertung und ermutigt uns zu einer angemessenen Verantwortungsübernahme und entlastet uns selbst von einer übermäßigen Verantwortung. Wir stellen uns der Realität in einem weiteren Rahmen als der, den uns unsere unbewussten Egomechanismen anbieten und der auf Ausblendungen und Verzerrungen beruht.

Die umgekehrte Dynamik


Es gibt auch Menschen, bei denen diese unbewusst ablaufende Dynamik umgekehrt verläuft. Sie sehen ihre Erfolge als vor allem von außen bewirkt und stellen ihr Licht gerne unter den Scheffel. Andererseits nehmen sie ihre Fehler ganz persönlich, ohne an äußere Verursachungen zu denken. Sie schämen sich dafür, wenn sie in einem Bereich nicht schaffen, was sie schaffen sollten, was auch zu einer depressiven Verstimmung führen kann. Ihre Erfolge nehmen sie weniger wichtig, sondern sind mehr auf Misserfolge fixiert. Damit schädigen sie ihren Selbstwert.
Andere Menschen schwanken situationsbedingt zwischen der selbstwertstärkenden und der selbstwertschwächenden Form der Realitätsverzerrung. In manchen Situationen sind sie stolz auf ihre Erfolge und schieben ihre Verantwortung für die eigenen Fehler auf andere ab. In anderen Situationen beschuldigen sie sich selbst für ihre Fehler, nachdem sie sich über die Verursachung durch andere beschwert haben.
Für diese Unterschiede sind neben Charakter und Temperament auch die Erziehungsstile in der Kindheit und die damit verbundenen Werthaltungen verantwortlich. Eltern leben durch ihre Art des Umgangs mit Erfolg und Misserfolg vor, wie solche Erfahrungen am besten verarbeitet werden. Die Kinder orientieren sich an ihren Vorbildern und übernehmen diese oder wandeln sie in ihr Gegenteil um. Wenn es um Erfolge geht, gibt es eine Bandbreite von Umgangsweisen zwischen scheinbescheidenem Kleinreden und großspuriger Protzerei. 

Ebenso breit ist die Palette bei Misserfolgen. Sie können übergangen und ignoriert, bagatellisiert oder dramatisiert werden. Häufig werden Ausreden mit Scheinursachen genutzt, um die psychischen Folgen eines Misserfolgs vor sich selbst und die sozialen Folgen bei den anderen abzuschwächen. Niemand will schlecht dastehen, weder vor sich selbst noch vor den Mitmenschen. 

Selbst die Variante, die eigenen Erfolge abzuwerten und die Misserfolge aufzubauschen, dient der Aufrechterhaltung der Selbstachtung und der sozialen Wertschätzung. Die Zügelung des Stolzes bei Erfolgen dient einem Selbstbild der Bescheidenheit, und die Selbstbeschuldigungen beim Versagen sollen Mitgefühl und Mitleid mobilisieren. Die Verzerrung der Wirklichkeit zielt also immer auf einen innerpsychischen und einen sozialen Nutzen. Unser Unterbewusstsein glaubt, dass es besser fährt, wenn es Wirklichkeitsfilter anwendet, die in anderen Zusammenhängen, also vor allem in der Kindheit ausgebildet wurden. Bessere hat es nicht zur Verfügung.

Da die Verzerrungen meist auf solchen ungeprüften Annahmen in Bezug auf die Selbstbeziehung und auf das soziale Umfeld gesteuert sind, führen sie zu selbstbestätigenden Zyklen. Die Vorannahmen erweisen sich als gültig, insofern sie sich selbst beweisen: Wenn ich mit meinen Ausreden durchkomme und Beschämungen vermeiden kann, dann ist das die einzig richtige Strategie, um mit Misserfolgen zurechtzukommen. Wenn ich mich selber für Misserfolge geißle, bekomme ich Sympathie und aufmunternde Zuwendung.

 

Wirklichkeitsverzerrung bedeutet Freiheitsverlust


Die gewohnte Strategie erzeugt Sicherheit, engt aber die Freiheit ein. Denn jeder Verlust an Wirklichkeitswahrnehmung reduziert die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Das innere Erleben unterliegt einer Selbstmanipulation und führt damit zur Selbstentfremdung.
Solche Strategien funktionieren nur, wenn sie unbewusst ablaufen und nicht reflektiert werden. Sie sind scheinbar alternativ- und konkurrenzlos in Geltung und haben ihren angestammten Platz im psychischen Notfallkoffer. Wird allerdings verständlich, dass sie eingeübte Formen der Wirklichkeitsverzerrung sind, die nicht automatisch ablaufen müssen, sondern auch geändert werden können, so ergibt sich der erste Schritt zu mehr Autonomie. Hilfreich ist zusätzlich die Erforschung der Hintergründe und Quellen solcher Reaktionsmuster, indem die dahinterstehenden Kindheitserfahrungen und übernommenen Werthaltungen durchleuchtet werden. Je mehr Bewusstheit gewonnen wird, desto mehr Freiheitsräume öffnen sich.

Donnerstag, 7. Juli 2022

Böse sind immer die anderen, oder?

Was andere falsch machen und uns antun, merken wir meist schneller als das, was wir selber angestellt haben. Wenn andere unsere Grenzen überschreiten oder missachten, reagiert unser System sofort mit Alarmreaktionen, und wir merken uns solche Vorfälle auch leichter, weil sie in unserem Angstgedächtnis solide abgespeichert werden. Deshalb kommen wir schnell zur intuitiven Auffassung, dass das Böse um uns herum geschieht und wir selber nur ganz selten, wenn überhaupt, seiner Versuchung unterliegen. Außerdem meinen wir, dass unser Leid schlimmer ist als das der Menschen, die sich bei uns über unser Verhalten beklagen. Den eigenen Schmerz spüren wir allemal stärker als jenen der Mitmenschen.

In Beziehungen entstehen aus diesen Sichtweisen die bekannten Ping-Pong-Spiele, die wir schon im Sandkasten mit Gleichaltrigen gelernt haben: Du warst zuerst gemein zu mir; du warst viel böser zu mir als ich zu dir; du hast mich tiefer verletzt als ich dich, usw. 

Wenn wir nicht ganz unverschämt sind, sehen wir einen Teil der Schuld an solchen Streitereien bei uns, aber üblicherweise den kleineren. Wir wähnen uns als die Besseren und können damit unsere Selbstachtung aufrechterhalten. Zugleich geraten wir in die Opferrolle, denn wenn wir schwerer betroffenen sind als die andere Person, sind wir als Opfer einem mächtigeren Täter in die Hände geraten. Die Opferrolle ist mit Ohnmacht und Hilflosigkeit verbunden, und deshalb ist sie uns sehr unsympathisch, auch wenn sie uns dazu dienen kann, diejenigen, die uns Böses antun, anzuprangern. Tätersein ist noch unsympathischer als die Opferrolle. Schließlich können wir mit der Unterstützung und Empathie der Umwelt rechnen, wenn wir unschuldig einer Bosheit zum Opfer fallen.

Diese Dynamik kennen wir aus vielfältigen Beziehungserfahrungen. Anderen Böses zuzuschreiben haben wir früh gelernt, als unsere Eltern einer Verwechslung aufgesessen sind: Wir haben als Kinder etwas gemacht, was nicht den Regeln oder Erwartungen entsprochen hat, und wurden dafür mit moralischen Zuschreibungen zurechtgewiesen: Du bist böse, wenn du so etwas machst. Die Eltern haben unser unschuldiges und unwissendes Verhalten mit unserer Person verwechselt und diese infrage gestellt, was uns auf einer tiefen Ebene getroffen, verunsichert, beschämt und verletzt hat.

Später nutzen wir als Waffe, was uns früher verletzt hat. Unser Unbewusstes will sich rächen für Verletzungen, die uns früh zugefügt wurden. Andere Menschen werden zur Projektionszielscheibe, obwohl die Beschädigung, die uns leiden lässt, schon lange vorher zugefügt worden ist.

Die Notwendigkeit und Relativität der moralischen Kritik 

Wenn es nun so heikel und missverständlich ist, wenn wir das Böse in anderen wahrnehmen und rückmelden, sollten wir deshalb lieber den Mund halten? Sollten wir wegschauen oder darüber hinweggehen? Wir müssen Akte des Bösen, die andere begehen, benennen. Denn die Untaten von Mitmenschen zu ignorieren, zu vertuschen oder zu entschuldigen, ist selber eine Untat, weil sie das Bestehen von Amoralität unterstützt oder begünstigt. Wir sind also beim Wegschauen, Schönreden, Bagatellisieren oder Ablenken von bösen Handlungen selber mit dem Bösen im Bunde. Böses, das nicht in die Schranken gewiesen wird, neigt zur Wiederholung und Ausbreitung. Wer mit Betrug Erfolg hat, wird zu weiteren Betrugshandlungen ermutigt. Wer mit gewaltsamer Konfliktlösung durchgekommen ist, wird schneller den Impuls verspüren, den anderen niederzureden oder zuzuschlagen.

Wir helfen grundsätzlich dem Guten, wenn wir Böses aufzeigen und auf Täter und ihre Taten aufmerksam machen. Allerdings ist das Benennen des Bösen nur gut, wenn die angeprangerte Tat wirklich böse ist, was oft nicht zweifelsfrei festgestellt werden kann. Es kann sein, dass wir die Sachlage nicht ausreichend überprüft haben und deshalb eine ungerechtfertigte Kritik anbringen, die aus Projektionen gespeist ist und der anderen Person Unrecht tut.

Dazu kommt, dass es individuelle Maßstäbe für das Gute und das Böse gibt, die durch Kindheitserfahrungen entstanden sind. Dazu kommen noch kollektive Einflüsse. Sie stammen aus dem sozio-kulturellen Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind und enthalten häufig gewichtige Anteile an ungeprüften Ideologien und Glaubenssystemen. All diese Maßstäbe sind von Emotionen und emotional geprägten Erfahrungen getränkt, die meist über das Unbewusste die inneren Bewertungskriterien beherrschen und in der öffentlichen Debatte mitmischen. Die rationalen Begründungen bei solchen Bewertungen und daraus abgeleiteten Maßstäben spielen im Allgemeinen nur die zweite Geige.

Die Rolle der Scham

Moralische Kritik ist also für die Pflege des Zusammenlebens notwendig. Sie bedient sich der Scham als emotionalem Hebel: Wer eines asozialen Verhaltens beschuldigt wird, soll mit Scham reagieren und mit deren Unterstützung sein Verhalten ändern. Das schlechte Gewissen für eine schlechte Handlung entsteht, wenn ihre Sozialschädlichkeit erkannt und benannt wird. Oft meldet sich das Schamgefühl gleich nach der Tat, manchmal braucht es die Nachhilfe durch aufmerksame Mitmenschen. In diesen Fällen war eine Schamabwehr aktiv, die die eigene Schamreaktion unterdrückt hat, indem es ein Gefühl der Selbstrechtfertigung erzeugt hat.

Die Zwiespältigkeit der moralischen Kritik

Was noch zu beachten ist: Bei der Kritik am Verhalten anderer Menschen begeben wir uns allzu leicht in die übergeordnete Position einer moralischen Autorität, die uns eigentlich nicht zusteht. Wir sind ja keine besseren Menschen als all die anderen, wir verfügen nicht über das Monopol der moralischen Bewertung. Vielmehr befinden wir uns grundsätzlich mit allen Menschen auf einer Augenhöhe. Nur wenn jemand durch sein Tun aus dem konsensuellen Rahmen des Zusammenlebens ausgeschert ist und auf Kosten der Mitmenschen den eigenen Vorteil betreibt, wenn also jemand die Ebene der Augenhöhe verlassen hat, muss die Überschreitung der Regeln kritisiert und eine Korrektur eingemahnt werden. Vorausgesetzt, es handelt sich um Regeln, die für das Zusammenleben unerlässlich und erforderlich sind, damit es weiterhin funktionieren kann.

Wir befinden uns also in einer Zwickmühle: Wir müssen das Böse in den anderen Menschen aufzeigen und begeben uns selber ins Reich des Bösen, sobald wir uns auf ein moralisches Podest stellen und von dort mit Verachtung auf die Übeltäter herabschauen. Dieser Falle entgehen wir nur, wenn wir unsere Kritik möglichst frei von Ego-Einflüssen halten. Im Grund handelt es sich um einen selbstlosen Dienst, den wir damit der Gemeinschaft leisten. Wir sollten dabei nicht zulassen, dass sich Impulse zum Beschämen einschleichen, wie z.B. bei einer herabwürdigenden oder lächerlichmachenden Kritik. Auch spöttische Belehrungen, haltlose Unterstellungen, Erpressungen oder Drohungen fallen unter diese Kategorie, die aus moralischer Arroganz gespeist ist. 

Egofreie Rückmeldungen

Stattdessen gilt es, darauf zu achten, dass die Kritik von einem Ort der Wertschätzung kommt. Die kritisierte Person sollte als Mensch respektiert werden und sich so fühlen können, und diese Haltung sollte auch in der Form der Kritik zum Ausdruck gebracht werden, indem wir sie mit Respekt und Höflichkeit äußern. Was auch immer Menschen Böses tun, berechtigt uns nicht, eine Position der verachtenden Überheblichkeit einzunehmen, aus der heraus wir die andere Person als ganze aburteilen. Sobald sich also unser Ego einmischt, richten wir mehr Schaden an als wir an Nutzen erzeugen können.

Wir alle verfallen selber manchmal dem Antrieb zum Bösen, ohne dass wir es wirklich wollen. So geht es auch den anderen, wenn sie Schaden anrichten: Ihr Unbewusstes hat sie im Griff. Wir sind in unserer Anfälligkeit für das Böse gleich. Wir können nur selber dafür sorgen, dass sich diese Antriebe verringern. Von den anderen können wir nur hoffen, dass sie zu besseren Menschen werden wollen.

Kritik, die wir im Rahmen von Respekt und Wertschätzung ausüben, hat viel höhere Chancen darauf, dass sie angenommen und umgesetzt wird, als aggressiv oder abschätzig geäußerte Rückmeldungen. Sobald eine moralische Kritik mit druckvollen Änderungserwartungen verstärkt wird, erzeugt sie Ängste und Schamgefühle, die zu Abwehrformen und Widerstand führen. Wenn hingegen spürbar ist, dass es die Person, die uns kritisiert, grundsätzlich gut mit uns meint, tun wir uns leichter, unser Verhalten zu ändern. Umgekehrt heißt das, dass wir, wenn uns das Verhalten anderer stört oder verletzt, nur mit einer achtungsvollen Einstellung bewirken können, dass sich die andere Person ändert. Jeder Druck, jeder Stress, den wir in die Rückmeldung hineinlegen, läuft unseren eigenen Intentionen zuwider und führt zum Gegenteil von dem, was wir eigentlich erreichen wollen. 


Montag, 27. Juni 2022

Das Gute entsteht im Verständnis des Bösen

Wir finden das Gute, indem wir das Böse verstehen. Dieser Satz mag auf den ersten Blick als rätselhaft erscheinen. Er stellt die allzu einfache, aber gewohnte  Gegenüberstellung von Gut und Böse in Frage: Wer gut ist, ist gut, wer böse ist, ist böse, und meistens sind die anderen die Bösen und wir selber die Guten. Der Satz stellt eine Verbindung zwischen dem Guten und dem Bösen her, die uns herausfordert, nach innen zu gehen und dort nach dem Bösen zu suchen. Denn das Böse ist ein Teil des Menschseins, ein Aspekt des Möglichkeitsraumes des Erlebens und Handelns, das in jedem Menschen bereitliegt.

Das Böse in uns ist mit Scham umgeben; wir finden es also nur, wenn wir diese Schamschranke überwinden. Wenn uns dieser Schritt gelingt, können wir das Böse in uns erforschen und einordnen. Was wir kennen und in unser Bewusstsein integrieren, ist davor geschützt, aus uns herauszubrechen, ohne dass wir es wollen. Böses entsteht nicht, wenn wir in unserer Mitte und gut mit uns selber verbunden sind. Es entsteht, wenn wir die Kontrolle verlieren und das Unbewusste die Regie übernimmt. Selbst Menschen, die scheinbar mit vollem Bewusstsein Böses tun, sind in Wirklichkeit die Sklaven ihrer unbewussten Antriebe.

Das Böse in den Mitmenschen zu sehen fällt immer leichter, als es bei sich selbst zu erkennen. Natürlich ist es wichtig, böse Taten, die uns oder anderen widerfahren, zu benennen und zu unterbinden, soweit es in unserer Macht steht. Das Böse braucht die soziale Eindämmung und Begrenzung, sonst wuchert es weiter. Dazu gibt es Normen und Gesetze, die mit entsprechenden Strafandrohungen versehen sind und abschreckend wirken sollen.

Aber ohne die Erfahrung, wie jede Form menschlicher Bosheit in jeder menschlichen Seele ihren Ort hat und im Leben jedes Menschen Spuren hinterlassen hat, kommen wir nicht weiter. Wir erkennen nicht, dass wir das Böse, das wir im Außen anprangern, aus unserem Inneren projizieren. Das Böse wird immer wieder hervorbrechen, allen angedrohten Konsequenzen zum Trotz, wenn das Unterbewusstsein stärker ist als die Bewusstheit.

Vom Bösen zum Guten

Solange wir das Böse nicht in uns selbst aufsuchen und dort seine Wurzeln verstehen, gelangen wir nicht zum Guten.  Denn dann ist das Gute nur eine Wunschfantasie, entstanden aus der Abspaltung des Bösen in uns selber. Wir definieren uns aus dem Unterschied zum Bösen und nehmen an, wir sind schon gut, weil wir ja nicht böse sind – so wie die anderen.

Das Böse findet sich, psychologisch gesprochen, im Schattenbereich der Psyche. Es wird von unbewussten Ängsten und Schamgefühlen gesteuert und drückt sich in Ideen, Gedanken, Gefühlen und Handlungen aus. Allgemein können wir sagen, dass all das, was wir als böse bezeichnen, Ausdruck von Überlebensprogrammen ist, die sich in der frühen Kindheit eingeprägt haben. Es meldet sich also die eigene Überlebensangst, die das Erleben und Handeln diktiert. Unter diesem Einfluss müssen wir die Bedürfnisse anderer Menschen ignorieren oder fühlen uns gezwungen, sie zu schädigen, im Extremfall bis hin zur Auslöschung ihrer Existenz, also bis zum Mord.

Wenn wir erkennen, dass es sich um Reaktionsmuster handelt, die wir uns abgespeichert haben, damit wir Notsituationen überleben können, fällt es uns leichter, unsere bösen Anteile in Augenschein zu nehmen. Was uns nicht fremd ist, sondern in einen Rahmen des Verstehens aufgenommen werden kann, verliert seine dämonische Macht. Das Böse in uns ist dann ein dunkler Bereich unserer Seele, in den wir mehr Licht bringen und ihm damit den Schrecken und das Beschämende nehmen. 

Mit dem Bösen anfreunden

Es klingt etwas verwegen zu sagen, wir sollten mit dem Bösen in uns Freundschaft schließen. Denn das unverschämte Böse, mit dem sich der Bösewicht angefreundet hat, bewirkt die schlimmsten Auswüchse der menschlichen Destruktivität. Mit dem Bösen Freundschaft zu schließen bedeutet nicht, sich seiner Zerstörungskraft willen- und kritiklos zu unterwerfen. Es bedeutet, die Ängstlichkeit und Verletztheit im Kern der Bosheit freizulegen und das Leid zu erkennen, das diesen Kern umgibt. Es bedeutet, das Fremde und Feindliche am Bösen zu entzaubern, es als Teil des eigenen Schicksals anzunehmen und Mitgefühl und Verständnis für die schweren Umstände zu entwickeln, die für die Entstehung des Bösen im Inneren verantwortlich sind. Es bedeutet also, die Abwehr durch Vertrauen zu ersetzen. 

Was wir in uns erkannt, bewusst gemacht und verstanden haben, brauchen wir nicht mehr abzuwehren oder zu bekämpfen. Wo wir gelernt haben, das Böse seinem Ursprung zuzuordnen, können wir Frieden mit ihm schließen und ihm damit die impulsive Macht nehmen. Mit jedem Schritt in dieser Richtung werden wir bewusster, aber nicht notwendigerweise „besser“ im ethischen Sinn.  Das Gute entsteht von selbst dort, wo das Böse erkannt und entmachtet ist.

Das Gute kann nur größer sein als das Böse, wenn das Böse verstanden ist als etwas, das aus innerer Not entstanden ist, aus fehlgeleiteten und missverstandenen unerfüllten Bedürfnissen kindlichen Ursprungs. Die Überwindung der Not lässt das Gute ganz von selber hervortreten. Das Gute ist einfach da, wo die innere Not durch inneren Frieden ersetzt ist.

Zum Weiterlesen:
Das Gute und das Böse
Die Anhänglichkeit an die Dualität
Der Bösewicht in uns
Gut und Böse
Über den Ursprung des Bösen und des Hasses

Montag, 20. Juni 2022

Die Illusion von Karma

Die Lehre vom Karma ist Teil der uralten hinduistischen Tradition. Sie fußt auf dem Glauben an die Wiedergeburt und hat ihre Absicht darin, die Menschen zu einem guten Leben anzuleiten. Denn angehäuftes schlechtes Karma wirkt sich auf schlechte Chancen für die nächste Wiedergeburt aus. Nach dem karmischen Grundprinzip hat jede Handlung eine moralisch ausgleichende Folge, also auf Gutes folgt Gutes, auf Böses Böses. Diese Folgen müssen sich nicht gleich danach, ja nicht einmal im gegenwärtigen Leben manifestieren, sondern können auch zeitverzögert, im Extremfall in einem weiteren reinkarnierten Leben auftreten. Bewertet werden dabei alle Formen des Handelns, physische wie geistige Taten (oder auch Versäumnisse), sie alle fallen unter dieses allgemeine Ursache-Wirkungsprinzip.

Bei monotheistischen Religionen gibt es oft ein Gericht, das nach dem Tod über das Leben jedes einzelnen Menschen urteilt und die individuellen Konsequenzen für das seelische Weiterleben festlegt. Im Unterschied dazu gilt das Karmaprinzip als universelles Gesetz, das unabhängig von irgendwelchen Instanzen wie ein Naturgesetz waltet.

Für das ethische Handeln ergibt sich der Appell, sein Leben danach auszurichten, möglichst wenig Karma für das nächste Leben anzusammeln, um sich damit aus dem ewigen Rad des Schicksals zu befreien. Insbesondere geht das Bestreben im Buddhismus danach, sich aus allen Versuchungen des Karmas herauszuhalten und alle Anhaftungen aus egoistischen Motiven zu überwinden. Die ersehnte Erleuchtung erfordert die vollständige Befreiung von allen Abhängigkeiten und Anhänglichkeiten an irdische und geistige Güter sowie an emotionale Muster. Sie gilt zugleich als Befreiung vom Karma und von der Notwendigkeit der Wiedergeburt.

Ich vertrete hier nun die These, dass das ethische Handeln ist in sich gut ist und von jedem bewussten Menschen als gut erkannt wird. Es ist also keine Karmalehre von Nöten, damit sich Menschen ethisch verhalten. Nur wer nicht erkannt hat, dass die Quelle der Ethik im eigenen Inneren und in den gesellschaftlichen Zusammenhängen liegt, braucht eine externe absolute Autorität (im Fall der monotheistischen Religionen) oder Konstruktionen, die als absolut gepredigt werden (im Fall der Reinkarnationslehre), um sich an ethische Regeln zu halten. Es ist in diesen Fällen nur die Angst vor Bestrafung, die dann vor unethischem Verhalten zurückschrecken lässt. Der eigenen inneren moralischen Autorität wird misstraut. 

Dieses Misstrauen hat auch seine Berechtigung. Denn diese innere Autorität kann sich nur dann ungebrochen entwickeln, wenn sie im eigenen Aufwachsen von den Eltern durch deren eigenes ethisches Verhalten gefördert wird. Hat die Entwicklung der Selbstautorität durch frühe Erfahrungen mit unethischen Autoritäten Schrammen erlitten, so wird eine äußere Autorität für die Antworten auf die großen Fragen des Lebens gesucht werden, entweder in Form einer in sich logisch erscheinenden Lehre oder in einer auf dem Glauben begründeten jenseitigen Autorität. Im Maß, in dem die eigene Integrität durch die Aufarbeitung der Verletzungen und Traumatisierungen gelungen ist, wird das Potenzial für das ethische Verhalten freigelegt und bereitgestellt. 

Dann ist gutes Handeln keine von außen aufgezwungene Anpassung an fremde Normen, sondern kommt aus dem eigenen Inneren kommende Wohlmeinen für die Mitmenschen. Mögen alle glücklich werden. Möge ich alles beiseitelassen, was diesem Glück im Weg steht, und alles in meinen Kräften Stehende tun, was dieses Glück befördert. Ethisches Verhalten hat die Belohnung in sich selbst, in der Bestärkung der eigenen Würde und Integrität und der Freude am Glück der anderen. 

Die Allgemeingültigkeit der Ethik 


Ethisches Handeln ist grundsätzlich allgemein einsichtig und nachvollziehbar. Es ist im Wesentlichen in allen Weisheitslehren und Religionen identisch: Es sollen die egoistischen Strebungen überwunden und stattdessen das gemeinschaftsdienlichen Leben gefördert werden. Diese selbstevidenten ethischen Grundsätze erwachsen aus der geheilten Seele. Es scheint, als würden sie alle Religionen aufgreifen, um ihre jeweiligen Konzepte der Todesbewältigung daran anzuhängen: Lebe gut, dann kommst du in den Himmel. Lebe gut, dann erwartet dich ein besseres Leben im nächsten Leben. Lebe gut, dann gehst du ins Nirvana ein. In Summe: Nur wenn du dich an die Religion hältst, kannst du dich ethisch richtig verhalten. Und damit ist es allein die Religion, die dir ein diesseitig und jenseitig erfülltes Leben garantieren kann. 

Diese Schlussfolgerungen gelten nur solange, solange wir nicht erkannt haben, dass die in sich einleuchtenden ethischen Leitlinien keine Religion brauchen, um verstanden und angewendet zu werden. Dazu kommt, dass alle Religionen in ihrer historischen Praxis genügend spezielle Probleme in Hinblick auf die Anwendung der Ethik gehabt haben und haben und viele Schlupflöcher aufweisen, über die sich dann das unethische Handeln breitmachen kann, unter dem heuchlerischen Denkmantel der Frömmigkeit. Aus der Geschichte ist es schwer möglich, die Wirksamkeit der Religionen auf die Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten zu begründen. Vielmehr gibt es die Phänomene, dass religiöse Inhalte als Grundlage für Ausreden bezüglich des ethischen Handelns verwendet werden. Hier ein Beispiel aus der Karma-Lehre: Es kann jemand behaupten: Mein vergangenes Leben hindert mich daran, jetzt gute Handlungen zu tun. Aufgrund meines Karmas kann ich nicht anders als anderen Menschen zu schaden. Oder im christlichen Kontext: Ich habe schon so schwer gesündigt, da macht es dann keinen Unterschied mehr, wenn ich noch ein paar Sünden anhänge.

Die universelle Gerechtigkeit und die Karma-Lehre


Die Karma-Lehre gilt bei ihren Anhängern als Garantin nicht nur für die persönliche Moral, sondern auch für eine universelle Gerechtigkeit. Manchmal fragen wir uns, warum Menschen, die offensichtlich viel Böses begehen, damit einfach wegkommen, nicht im Gefängnis landen und nach einem langen Leben einen friedlichen Tod inmitten von Reichtum sterben. Andererseits gibt es Menschen, die offensichtlich so viel Gutes tun, aber keinen Lohn ernten, sondern alle möglichen Leiden auf sich nehmen müssen. Das ist doch ungerecht: Wer Böses tut, soll dafür bestraft werden und selber leiden. Wer Gutes tut, soll ein gutes Leben haben. Laut Karma-Lehre kommt die Strafe unweigerlich, wenn nicht im aktuellen, dann in einem nächsten Leben. Das kann das Gerechtigkeitsempfinden beruhigen, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass es die Reinkarnation tatsächlich gibt. Sollte sich herausstellen (und das wissen wir, wenn überhaupt, erst nach unserem Tod), dass es ein neues Leben in einem neuen Körper gar nicht gibt, schauen wir durch die Finger und das ganze Gerechtigkeitskonzept bricht in sich zusammen wie ein Kartenhaus. 

Im christlichen Weltbild tröstet die Vorstellung, dass Bösewichter in der Hölle schmoren müssen und die Braven in den Himmel kommen. Sie sorgt ebenfalls für eine ausgleichende Gerechtigkeit. Auch hier ruht die entscheidende Voraussetzung, das Weiterleben nach dem Tod und die Existenz von Himmel und Hölle, auf tönernen Füßen. Was aber haben wir wirklich davon, dass das Böse seine gerechte Strafe findet? Böses Handeln muss bestraft werden, weil es die Gemeinschaft schädigt und ein friedvolles Zusammenleben behindert. Dafür sorgen das Polizeiwesen und der Rechtsstaat. Aber deshalb müssen wir einem Übeltäter keine bösen Gedanken schicken und ihm Böses wünschen – auch wenn das eine sehr menschliche Reaktion ist, vor allem, wenn uns selber das Böse widerfahren ist. Sind wir da nicht in einem Rachedenken verfangen? Spielen wir uns da nicht als Richter über andere Menschen auf? Sind solche Anmaßungen wirklich moralisch, oder tragen sie selber wieder zu schlechtem Karma bei oder bringen uns der Hölle ein Stück näher?

Ethik ohne Religion


Weiters stellt sich die Frage, ob wir auch mit dem Verzicht auf die Vorstellung von universeller Gerechtigkeit im Sinn des Karmaprinzips leben können. Es könnte sich um ein Konzept handeln, das aus einer beschränkten Sichtweise auf das Gute und Böse stammt und mit Maßstäben hantiert, die aus der eigenen Lebenserfahrung stammen, aber keine absolute Gültigkeit beanspruchen können. Oder hören wir dann auf, uns ethisch zu verhalten, weil es sowieso keine Konsequenzen hat? Wäre die Ethik nur ein Unterfangen, das funktioniert, weil böse Handlungen noch bösere Folgen haben und wir uns deshalb notgedrungen für das Gute entscheiden, dann braucht es eine transzendente Absicherung. Tun wir Gutes nur, weil uns dafür eine Belohnung winkt, ist es eigentlich kein Gutes, wie uns schon Immanuel Kant gezeigt hat, und wie wir das auch intuitiv spüren. Das Gute soll aus uns selber kommen und getan werden, gleich welche Reaktionen es nach zieht, gleich, ob wir daraus einen Gewinn ziehen oder nicht. Handeln wir nur aus der Suche nach einer entsprechenden Kompensation, so geht es uns um diese und nicht um die Verbesserung der Welt und des Lebens unserer Mitmenschen. 

Dazu kommt, dass wir uns nicht anmaßen sollten, zu wissen, was es mit der universellen Gerechtigkeit auf sich hat. Unser Denken, Konzeptualisieren und Ethisieren ist immer beschränkt und nicht geeignet, Aussagen über etwas Universelles zu tätigen, weil wir viel zu stark im Relativen befangen sind. Was wissen wir wirklich über das Ausmaß des Guten und des Bösen in der Welt? Was wissen wir über das Ausmaß des Guten und des Bösen in einzelnen Menschen, uns selber mit eingeschlossen? Wenn es eine geistige Instanz hinter allem gibt, die alle Fäden in der Hand hat und die Geschicke der Welt lenkt, muss sie so unendlich sein, dass wir sie mit unserem kleinen Geist nie fassen, geschweige denn nachzeichnen könnten. Wir können fantasieren, was das Richtige und das Falsche, das Gute und das Böse wäre, aber in diese Fantasien fließen immer unsere relativen Werte und Normen, unsere selbstgestrickten und übernommenen Ansichten hinein. 

Es scheint, dass die Vorstellungen einer universellen ausgleichenden Gerechtigkeit mehr unsere narzisstische Selbstüberhöhung bestätigen als mehr zur Erkenntnis der Wirklichkeit oder zur Verbesserung der Menschheit beitragen. Vielmehr sind sie von einer grundlegenden Redundanz gekennzeichnet, in dem Sinn, dass alles, was geschieht, dadurch erklärt wird, dass es dem Prinzip entspricht. Das Prinzip stimmt immer und hat immer Recht; der Preis für diese selbstbezogene Logik ist allerdings der Verlust an Bedeutung und Sinn, sie liefert keinen Erkenntnisgewinn. Handelt jemand böse, so kommt er in einer Vorstellungswelt in die Hölle, in einer anderen muss er ein schlechteres nächstes Leben auf sich nehmen. Es könnte so sein oder auch anders, das ist alles, was wir vom Standpunkt der menschlichen Vernunft aus sagen können: Wir wissen es nicht und können nie zu diesem Wissen gelangen. Die Prinzipien sind so angelegt, dass sie nicht überprüft werden können, sondern der Willkür des Glaubens unterliegen: Jeder kann glauben, was er will. 

Schließlich dürfen wir noch die Frage stellen: Ist die Welt besser geworden, weil die Menschen für ihre Untaten möglicherweise in die Hölle kommen oder als Wurm wiedergeboren werden? Vielleicht haben die Glaubenssysteme dazu beigetragen, dass sich in voraufgeklärten Zeiten die Menschen aus Angst vor negativen metaphysischen Konsequenzen mehr dem Guten zugewandt haben, aber selbst über diese These können wir nur spekulieren und genug Gegenbeispiele zitieren. Die Menschheitsgeschichte ist voll von Verbrechen und Grausamkeiten; ob es heute weniger oder mehr sind als in früheren Zeiten, können wir nicht berechnen und werden es auch nie berechnen können. Denn Leid ist nicht in Zahlen übersetzbar und immer subjektiv. 

Wenn wir das Gute und das Böse unterscheiden, brauchen wir einen ethischen Maßstab. Jeder Maßstab ist relativ, es gibt keinen, der für ein universelles Gesetz taugt, außer er ist so allgemein formuliert wie der kategorische Imperativ und muss dann für jeden Einzelfall konkretisiert und interpretiert werden, womit unweigerlich subjektive, zeit- und sozialgebundene Einflüsse dazukommen. Deshalb wird die letztliche ethische Autorität an eine oberste Instanz delegiert, über deren Bewertungskriterien wir wiederum kein Wissen haben. Allenthalben geraten wir an Punkte, an denen wir völlig im Dunkeln tappen, und unsere Fantasieprojektionen, die wir dann entwickeln, helfen uns auch nicht weiter.

Die unüberwindliche Beschränktheit der menschlichen Erkenntnis


Ludwig Wittgenstein hat bekanntlich seinen Tractatus mit dem Satz beendet: „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ Wir können diesen Satz hier weiterspinnen: Worüber es kein Wissen, sondern nur Spekulation gibt, darüber sollten wir bescheiden den Mund halten und mit dem Vorlieb nehmen, was uns mit unserer menschlichen Beschränktheit erkennen, wissen und erspüren können. Und über alles, was darüber hinausgeht, können wir nur mit den Achseln zucken. 

Für alle, die dennoch an die Karmalehre glauben wollen, schlage ich ein kleines Experiment vor: Wann immer sich das Thema in Gedanken meldet, indem wir z.B. an Ungerechtigkeiten in der Welt und im eigenen Leben denken, kurz innezuhalten: Was ändert sich dadurch, dass ich dieses Modell beiseite lasse und stattdessen meine Erkenntnisgrenzen akzeptiere? Wird mein aktuelles Leben einfacher oder komplizierter, leichter oder schwerer? Fühle ich mich besser oder schlechter? Oder macht es überhaupt keinen Unterschied? 

Wir sind frei in dem, was wir glauben und was nicht; wirklich frei aber nur, wenn wir alle Ängste erkannt und gelöst haben, die hinter unseren Glaubensbedürfnissen stehen. Dann fällt es uns leicht, zu der Beschränktheit unserer Einsichts- und Erkenntnisweisen zu stehen und das Illusionäre an den großen Antworten auf die großen Fragen zu durchschauen. 

Zum Weiterlesen: