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Mittwoch, 22. April 2026

Das Scheitern der Großmächte an ihrem Größenwahn

Wie schon in den vorigen Blogartikeln beschrieben, hält die Stärke ein wesentlich besseres Prestige als die Schwäche. Im Gefühl der Stärke brauchen wir niemand anderen und können uns selbst in der Welt behaupten. Wir können stolz und selbstsicher durch die Welt gehen und brauchen keine Scham zu spüren.  Im Gefühl der Schwäche dagegen werden wir hilfsbedürftig und abhängig. Wir haben nichts, worauf wir stolz sein können und schämen uns.

Allerdings liegt in der Stärke die Versuchung zur Selbstverherrlichung, wenn sie sich mit der Härte verschwistert. Auf dieser Schiene wird die Stärke zu einem Merkmal des Patriarchalismus und wirkt heute vor allem als Ingredienz der toxischen Männlichkeit. In diesem Sinn soll die Stärke zur Unverwundbarkeit führen, das ersehnte Markenzeichen aller Helden. Immer wieder staunen wir, wie die Helden der Leinwand unbeschadet die fürchterlichsten Gefahren überstehen. Wir identifizieren uns mit Figuren, die einen Zugang mit übermenschlichen Kräften haben, an Wänden hochklettern und fliegen können oder mit 100prozentiger Gehirnkapazität alle Gegner vaporisieren usw. 

Die Sage weist allerdings auf die Illusion in dieser Sehnsucht hin, denn die großen unverwundbaren Helden der Sagenwelt, Achilles und Siegfried, hatten beide eine Stelle in ihrem Körper, an der sie verletzbar waren, und wenn sie dort getroffen wurden, war es vorbei mit ihrem Leben. Diese Verletzbarkeit macht auf die Brüchigkeit des Menschseins aufmerksam, die letztlich durch keine Rüstung und Aufrüstung überwunden werden kann. Die Kontrolle der Wirklichkeit und der Bedrohungen, die in ihrer Unvorhersehbarkeit immer wieder entstehen, kann nie lückenlos sein. Die Endlichkeit findet allzu leicht winzige Löcher im Panzer, der eigentlich die vollständige Sicherheit garantieren soll. Durch diese Lücken dringt die Sterblichkeit in den Körper ein, der vermeint, die Unsterblichkeit errungen zu haben.

Die Polarität von Stärke und Schwäche

Es gibt also keine Stärke, die jede Schwäche ausmerzen könnte. Vielmehr ist die Schwäche die oft ungeliebte, aber unverzichtbare Partnerin der Stärke. Unser Sicherheitsgefühl können wir nur dann tiefer verankern, wenn wir diese Polarität annehmen können und damit die Schwäche ihren Schrecken verliert. Wer die Schwäche schätzen kann, weiß um den Wert von Zeiten für Innehalten, Regeneration und Neusammlung. Nicht stark sein zu müssen, ermöglicht erst den Zugang zu Entspannung und Erholung. Schwach sein zu können heißt, sich zu erlauben, aus dem Dauerdruck des Starksein-Müssens auszutreten. Ein Menschenleben kann nur dann in Balance sein, wenn das Starke mit dem Schwachen einen guten Ausgleich gefunden hat.

Großmächte und Stärkedemonstration

Was für ein einzelnes Menschenleben gilt, trifft umso mehr auf die menschliche Gesellschaft zu. Die Überbetonung der Stärke, die aus kollektiven Ängsten entsteht, hat in der Geschichte immer wieder zu Kriegen geführt. Ich gehe hier auf ein paar Szenen aus der US-amerikanischen Geschichte ein:

Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg von 1773 – 1781 waren die aufständischen Kolonien an der Ostküste die Schwächeren gegenüber den britischen Truppen, die gerade im Siebenjährigen Krieg gegen die Franzosen erfolgreich waren und die Weltmacht Nummer 1 zur damaligen Zeit darstellten. Dennoch haben sich die Aufständischen durchgesetzt und die USA gegründet. Im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts sind die USA zur führenden Weltmacht herangewachsen, was die militärische Stärke anbetrifft. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass der 1. und der 2. Weltkrieg beendet wurden. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer Reihe von Kriegen, die die USA als die stärkste Weltmacht gegen Kleinstaaten führten, mit großspurigen Ambitionen und blamierenden Ergebnissen. Die Liste beginnt mit Korea (1950 – 1953) – das Land ist bis heute geteilt und es gibt nicht einmal einen Friedensvertrag. Das nächste Desaster spielte sich in Vietnam ab (ca. 1955 – 1975): 1973 Abzug der US-Truppen, 1975 Vereinigung von Nord- und Südvietnam unter kommunistischer Führung. Der damalige Luftwaffenchef General Curtis E. LeMay hat damals gegen Nordvietnam den destruktiven Spruch vom „Zurückbomben in die Steinzeit“ geschleudert, den der gegenwärtige US-Präsident auf den Iran angewendet hat. Erreicht wurde dieses Ziel weder da noch dort. 

Der Afghanistankrieg von 2001 – 2021 hat zunächst zum Sturz des Taliban-Regimes geführt, aber ohne nachhaltigen Erfolg. Die Taliban konnten sich reorganisieren und schließlich nach 20 Jahren die internationalen Truppen aus Afghanistan vertreiben. Der Krieg kostete die USA schätzungsweise über 2 Billionen Dollar und forderte das Leben von mehr als 2.400 US-Soldaten sowie zehntausenden afghanischen Zivilisten und Sicherheitskräften.

Der Irakkrieg von 2003 – 2011, der mittels einer bewussten Täuschung des US-Kongresses vom damaligen Präsidenten Bush jr. begonnen wurde, hat zwar das Regime von Saddam Hussein gestürzt, aber im Land ein Chaos erzeugt, das bis heute anhält.

Der Irankrieg 2026 wurde von den USA mit ähnlich überheblichen Erwartungen wie die anderen Kriege begonnen: Wir sind die Supermacht und werden die Schwächlinge solange quälen, bis sie klein beigeben. Nach ein paar Wochen mit massiven Zerstörungen stellt sich die Situation momentan so dar, dass das iranische Regime trotz vieler Verluste gestärkt wurde, während die Supermacht vor einem Trümmerhaufen steht und nicht mehr weiter weiß. Die ganze Welt muss die ökonomischen Folgen bezahlen, die dieser Krieg ausgelöst hat. Dieser Krieg hat nach Schätzungen allein in den ersten 100 Stunden ca. 3,7 Milliarden $ und insgesamt bisher ca. 25 Milliarden  an operativen Kosten verursacht. Die Kosten für die Weltwirtschaft durch die Verknappung von Erdöl und anderen Rohstoffen schlagen sich auf einen geschätzten BIP-Verlust von 300 Mrd. $ nieder.

Auch die Atommacht Russland könnte ein Lied von solchen Desastern singen, ein Lied mit dem Titel „Afghanistan und Ukraine“. Der Größenwahn führt unweigerlich ins Scheitern und hinterlässt blutige Spuren und zerstörte Landschaften.

Die Schwachen gewinnen gegen die Starken

Diese Beispiele zeigen ein Muster: Der Stärkere greift den Schwächeren an, um ihm seinen Willen aufzuzwingen. Aber trotz viel angerichteter Zerstörung scheitert er, und langfristig triumphieren die Schwächeren über die Stärkeren. Die Schwächeren gehen gestärkt aus diesen Kriegen hervor, die Stärkeren geschwächt. Außer einem riesigen Blutzoll und dem Rückfall in die Barbarei auf vielen Ebenen haben diese Kriege im besten Fall nichts bewirkt als die Befestigung des Status Quo. Sie haben jedes Mal statt Fortschritten in der Menschlichkeit zu massiven Rückfällen geführt, viele tiefe Wunden, Wut und Hass erzeugt, bis hin zu Wellen von Terrorüberfällen, geschürt aus Rachegefühlen der Schwächeren den Mächtigen gegenüber.

Offenbar sollten die Entscheidungsträger der Großmächte endlich die Weisheit des Tao-te-King berücksichtigen: Das Schwache besiegt das Starke. Tun sie das nicht, wiederholen sie wie Zwangsneurotiker die gleichen Fehlerschleifen wieder und wieder, mit enormen Folgekosten, Zerstörung von Menschenleben und Vernichtung von Ressourcen. Interessanterweise hat die neuere Großmacht China bisher auf diese Form der ruinösen Selbsttäuschung verzichtet – vielleicht ist das alte Wissen dort noch immer lebendig.

Möglicherweise gibt es eine Vernunft, die wie in den Märchen auch in der Menschheitsgeschichte wirkt: Der Hochmut wird langfristig bestraft und die Benachteiligten werden belohnt. Würden die Starken und Mächtigen auf die Stimme der Vernunft hören statt auf ihren Hochmut, so hätten sie auf die Wünsche und Bedürfnisse der Schwächeren einzugehen. Damit sparen sie sich die enormen Kosten, die aus dem Wiederholungszwang zur demonstrativen und brachialen Stärke resultieren, einschließlich der eigenen Demütigung durch die erfolglosen Machtdemonstrationen. Sie gewinnen die Schwachen als Partner und können sich selbst mehr Schwäche gestatten. Die Schwachen gewinnen mehr Sicherheit und können dadurch ihre Stärke aufbauen. In der Gesellschaft werden Spannungen reduziert und die ausgleichenden Kräfte gestärkt. Das Maß an sozialer und individueller Sicherheit wächst bei allen. Die gesellschaftliche Mitte wird auf Kosten der Randzonen, in denen sich extreme Gruppierungen befinden, maßgeblich.

Zum Weiterlesen:
Die Schwachen und die Starken
Das Schwache besiegt das Starke


Sonntag, 22. Februar 2026

Klimamärchen

Im vorigen Artikel ging es um die Schwierigkeit, packende und motivierende Geschichten zu finden, die zur Mobilisierung vereinter Kräfte für den Einsatz gegen die fortschreitende Klimazerstörung beitragen. Alle Strömungen, die diesem Engagement entgegenwirken, von Leugnern des Klimawandels über die Leute, die erst etwas tun wollen, wenn “die anderen” aktiv werden bis zu jenen, die meinen, es ohnehin alles schon zu spät, sind von Geschichten gespeist und ideologisiert, die hier im Überblick dargestellt sind. Es handelt sich um Narrative, die durch Lobbys und Interessengruppierungen jener, die von der Verzögerung und Verschleppungen von Klimaschutzmaßnahmen profitieren, verbreitet und vermarktet werden. Die Zitate stammen aus dem Buch Erzählende Affen

1. Die Rivalität zwischen Ökologie und Ökonomie – Wer ist David und wer ist Goliath? 

Ein von Politikern gerne strapazierter (und konstruierter) Gegensatz ist der zwischen der Wirtschaft und der Klimapolitik. Dieser Konflikt besteht nur, wenn wir kurzfristig denken, und er wird zusätzlich ideologisch aufgeheizt, indem die Folgen eines intensivierten Klimaschutzes drastisch ausgemalt werden – ein Szenario mit all den Arbeitskräften, die in der Öl-, Auto- und Fleischindustrie arbeitslos würden, wird als Drohung heraufbeschworen. Hier wird ein Mechanismus der menschlichen Psyche aktiviert, nämlich die Verlustaversion: Wir reagieren viel empfindlicher auf Verluste als auf Gewinne, offenbar weil uns Verluste bedrohen und damit unsere Angstreaktion ausgelöst wird.  

Mit der Konstruktion der Rivalität zwischen Ökologie und Ökonomie wird suggeriert, dass sich die Menschen für eins von beiden entscheiden müssten. Viele wählen deshalb die Wirtschaft, weil sie sich davon einen kurzfristigen Nutzen bzw. weniger aktuellen Schaden und möglichst keinen Verlust an Wohlstand erhoffen. Der abstrakte Nutzen irgendwann in der Zukunft verblasst dagegen, während befürchtet wird, dass Einschränkungen in der Gegenwart besonders schmerzhaft werden könnten.  

In Diskussionsveranstaltungen treffen häufig Wissenschaftler, die die Berechnungen über die Folgen der Erderwärmung vorlegen, und Vertreter der Wirtschaft, die die Folgen von Klimamaßnahmen auf einzelne Wirtschaftszweige an die Wand malen, aufeinander und finden natürlich keine Übereinstimmung; beim Publikum entsteht der Eindruck, dass es sich um zwei entgegengesetzte Meinungen handelt, von denen jede etwas für sich hat. Verzerrt wird dabei eine Situation, in der die eine Seite auf der Grundlage von Forschungen vor einer zerstörten Zukunft warnt und die andere in der Gegenwart weiterhin Gewinne machen will. Das einfache Argument, dass es in einer zerstörten Umwelt keine Wirtschaft mehr geben kann, wird als Klimahysterie abgetan. Es sind also ungleiche Partner, die miteinander verglichen werden: Auf der einen Seite Profitinteressen, die einigen zugutekommen, und auf der anderen Seite die Überlebensinteressen der Menschheit.  

In Wahrheit kann es keinen Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie geben, indem laufend Kompromisse geschlossen werden, damit zwar ein wenig Klimaschutz stattfindet, aber die Wirtschaft nicht grundlegend geändert werden muss. Denn die Krise verschlimmert sich exponentiell und steuert auf Kipppunkte zu, die mit kosmetischen Maßnahmen nicht bewältigbar sind und dazu führen können, dass ganze Zweige der Ökonomie nicht mehr funktionieren, z.B. der Tourismus in Gebieten, die vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen sind. Ein kompromisshafter Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie „wäre wie ein Auto, das aus Angst vor Extremen konsequent in der Mitte der Straße fährt.“ (S. 305) 

2. Verzicht und Verbot – mit Bezug zur Ikarus-Geschichte 

Ikarus, der Sohn von Dädalus, fliegt gegen die Sonne, obwohl ihn sein Vater gewarnt hat, und bewegt sich in seiner Überheblichkeit dem Untergang entgegen, eine Metapher für das Verhalten von weiten Teilen unserer Zivilisation und politischen Kultur angesichts der dräuenden Klimakatastrophe. 

Einerseits müsste uns klar sein, dass wir in Zukunft auf manche Annehmlichkeiten unseres Luxuslebens verzichten müssen, weil die Folgen der fortschreitenden Erderwärmung nur mit massivem Einsatz von Mitteln bewältigt werden können – Kosten, die alle mitbetreffen und die mit jedem Tag steigen, an dem zu wenig für den Klimaschutz unternommen wird. Diese realistische Einschätzung wird emotional aufgeladen und missbraucht. Maßnahmen zum Klimaschutz, die eben Kosten verursachen, die anderswo eingespart werden müssen, werden in der politischen Propaganda schnell als Einschränkung von Freiheitsrechten und unfairer Entmündigung gebrandmarkt; die Menschen sollten selbst entscheiden können, ob sie klimafreundlich leben wollen oder nicht. Wer einem vorschreiben will, wie man leben soll, wird zur Verteidigung der eigenen Autonomie abgewehrt und abgewertet. So werden Wissenschaftler, grün-orientierte Politiker und Aktivistinnen als Feinde, die den eigenen Lebensstil und Wohlstand bedrohen, dargestellt, während jene, die sich durch die Ausplünderung der natürlichen Ressourcen maßlos bereichern, vor jeder Kritik verschont bleiben und damit fleißig weiter ihre goldenen Schäfchen ins Trockene bringen können, während andere die angerichteten Schäden ausbaden müssen. Die Guten, die die Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft einmahnen, werden zu den Bösen, die ins eigene Leben und ins eigene Selbst eingreifen. Mein persönlicher Vorteil ist mir nun einmal wichtiger als eine vage Zukunft, vor der ich lieber meine Augen verschließe, um im Hier und Jetzt meine Genussmöglichkeiten zu steigern. Aus diesen egoistischen Gründen laufen die Leute Politikern nach, die ihnen versprechen, sie vor jeder Einschränkung und vor jedem Verzicht zu schützen. 

Im Namen der Bewahrung von Freiheiten, die im Grund unverdiente Privilegien sind, wird in Kauf genommen, dass die Freiheitsräume in Zukunft für die meisten Menschen viel enger werden. Die scheinbare Vernünftigkeit beim Finden von faulen Kompromissen zwischen Ökologie und Ökonomie, täuscht darüber hinweg, dass die Natur nach den Gesetzmäßigkeiten der Physik und Chemie funktioniert und sich nicht um Strategien kümmert, die sich die Menschen ausdenken, um bequem bei ihren gewohnten Lebensmustern bleiben zu können. 

3. Hedonismus und Freiheit – angelehnt an das Aschenputtel-Märchen 

Bei diesem Narrativ gehen ihre Anhänger davon aus, dass sie die privilegierte Position, die sie innehaben, verdient haben, z.B. durch Arbeit und Fleiß, und dass ihnen deshalb von dem Leben, das sie jetzt führen, nichts weggenommen werden darf. Die Ressourcen, die jeder Mensch in unseren Breiten verbraucht, stünden uns zu. Das ist eine Anmaßung von Rechten, deren Kehrseite destruktive Konsequenzen nach sich zieht, das Beharren auf der Ausbeutung der für die Menschheit lebenswichtigen Umwelt. Der Grund für die Attraktivität des Erzählmusters, persönliche Freiheiten maximal genießen zu dürfen, stammt aus der menschlichen Tendenz, “sich in Anbetracht von Untergang und Tod Erzählungen zuzuwenden, die zum Schutz des Selbstwertgefühls beitragen.” (S. 308) 

Das Sprichwort sagt: “Hochmut kommt vor dem Fall.” Sich als Held des skrupellosen Genießens aufzuspielen, während das eigene Handeln die Zerstörung weitertreibt, geht so lange gut, als es die Umwelt erträgt. Jede von Selbstsucht angetriebenen Expansion stößt früher oder später auf Grenzen, die unüberwindbar sind und zum Zusammenbruch des Überlebensmusters führen. Die bösen Stiefschwestern von Aschenputtel verlieren am Ende des Märchens ihr Augenlicht, die Strafe für ihre Verblendung aus Überheblichkeit und Mangel an Mitgefühl und Respekt für andere. 

4. Die Technologie wird uns retten – der amerikanische Traum vom Tellerwäscher, der Millionär wird 

Natürlich haben Menschen in bedrohlichen Situationen immer wieder Auswege und innovative Lösungen gefunden. Allerdings gibt es die Tendenz, diese Erfahrung als Sedativum für Forderungen nach einschneidenden Maßnahmen zu nutzen, nach dem Motto: Wir brauchen uns nicht sehr anzustrengen, um die Erderwärmung einzudämmen, denn je näher die Katastrophe rückt, desto mehr Kreativität werden wir entfalten und dann alles noch rechtzeitig bewältigen. Dass wir dabei einer optimistischen Verzerrung aufsitzen, übersehen wir leicht und gerne. Viele Politiker, die zwar den Klimawandel nicht leugnen, aber sich gegen drastische Einschnitte in die bisherigen Praktiken und Lebensweisen sträuben, nutzen diesen scheinbaren Ausweg. In der Psychologie heißt dieser Mechanismus bright-siding: Alles Negative wird mit unverwüstlichem und blindem Optimismus ausgeblendet. Er beruht auf einer Selbstüberschätzung, bzw. auf einem Glauben, dass andere die Misere schon beheben werden können, und dient damit als Entschuldigung für das eigene Nichtstun oder mangelhafte Engagement. Es wird auf wundertätige Heiler des Planeten gewartet, um die Hände im Schoß liegen lassen zu können. Währenddessen steigt kontinuierlich die Belastung des Klimas, und das Warten auf einen Herkules, der Abhilfe verschaffen könnte, ist weiterhin vergeblich. 

5. Man kann nichts ausrichten – der Gegentraum vom Millionär zum Tellerwäscher 

Das ist die Erzählung von der depressiven Resignation. Wir als einzelne können angesichts der übermächtigen großen Player nichts ausrichten und können deshalb weiterleben wie bisher. Vielleicht gibt es weitere dunkle Kräfte, die im Hintergrund die Fäden ziehen und uns in den Abgrund stürzen wollen, und wir haben keine Chance. 

Deshalb gibt es keinen Grund, Verantwortung zu übernehmen und das eigene Leben zu ändern, denn das Problem ist für uns unlösbar, und die Mächtigen können nicht beeinflusst werden. Die Klimakrise und ihre Auswirkungen übersteigen unsere Vorstellungskraft und unsere geistigen Kapazitäten. Wir fühlen uns gelähmt und verstärken diese Lähmung, indem wir uns erzählen, dass wir keine andere Perspektive haben. Vielleicht spüren wir die Wut auf die Mächtigen, verbunden mit der Ohnmacht, nichts bewirken zu können, was zum Schluss führt, dass wir so weiter leben wie bisher. 

Die Macht der Märchen 

All diese Märchen, mit denen der Schrecken einer zukünftigen Klimakatastrophe gebannt werden soll, benutzen die Erzählmuster von uralten Geschichten. Sie wurden mit reichhaltigen Propagandamitteln vor allem aus der Fossilindustrie massiv verbreitet, sodass ihre weite Verbreitung nicht weiter verwunderlich ist. Die Hartnäckigkeit, mit der Menschen trotz einer breiten Faktenlage in Bezug auf die bedrohliche Entwicklung an solchen Erzählungen festhalten, hat viel mit unbewältigten inneren Konflikten zu tun. Sie hindern daran, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen, ohne sie mit Geschichten entkräften zu wollen. Sie hindern uns auch daran, Geschichten, mit denen wir uns unserer Verantwortung entziehen können, von solchen zu unterscheiden, mit denen wir unsere Handlungsfähigkeit stärken. 

Wir müssen uns bewusst sein, dass Geschichten einen mächtigen Einfluss auf unser Unterbewusstsein und auf unsere Emotionen haben. Die Positionen in der Klimapolitik sind sehr stark von solchen Geschichten gesteuert, die wir als Gegengewicht zu den immer erdrückender werdenden wissenschaftlichen Befunden brauchen, wenn wir uns schwertun, sie in ihrer Wucht und in Hinblick auf ihre Konsequenzen zur Kenntnis zu nehmen. Denn das würde bedeuten, dass wir alles in unserer Macht Stehende in Bewegung setzen müssten, um die Katastrophe abzuwenden. Und das wäre reichlich unbequem für uns und besonders für jene, die an den Schalthebeln der Macht sitzen. 

Die Förderung der Unsicherheit zum Machtgewinn 

Unschwer zu erkennen ist bei dieser Aufzählung von Märchen, dass sie vor allem von den Parteien im rechten Bereich des politischen Spektrums verwendet werden. Es scheint diesen Politikern gelegen zu kommen, die Menschen in der diffusen Bedrohungslage durch die Klimakrise zu belassen. Die dadurch verursachten Ängste werden mit Hilfe der Märchenerzählungen scheinbar beruhigt; da aber selbst Kinder den Unterschied zwischen Fiktion und Faktizität kennen, also wissen, dass Märchen eine andere Realität haben als die konkrete aktuelle Wirklichkeit, spüren auch erwachsene Menschen die Unsicherheit, die mit all den genannten Erzählungen einhergeht. Keine der Geschichten kann vollends beruhigen. Allenfalls dienen sie dazu, die eigene Untätigkeit zu rechtfertigen. Diffus verunsicherte Menschen suchen Autoritäten, die ihnen Sicherheit versprechen. Darum ist es Parteien, die für die Wendung zu autoritären Regierungsformen eintreten, daran interessiert, dass die Menschen verunsichert bleiben und füttern sie mit Märchen, die sie vorläufig beruhigen sollen, bis dann der große Macher kommt, der alles zum Besseren wenden wird. 

Alle, denen eine lebenswerte Erde ein Anliegen ist (und das ist bei weitem die Mehrheit der Menschen), können daran mitwirken, die Ebene der narrativen Wirklichkeit mit konstruktiven Geschichten zur Eindämmung der Klimazerstörung zu besetzen und den Begriff der Vernunft von den Politikern zurückgewinnen, die uns einreden wollen, dass es vernünftige Kompromisse zwischen Ökonomie und Ökologie gäbe und dass wir blind auf die Fortschritte in den Forschungen vertrauen sollten. “Gegen diesen destruktiven Nichtangriffspakt zwischen den Antagonisten müssen wir anerzählen mit einer positiven Geschichte von gemeinsamer, friedlicher Veränderung. Erst diese protagonistisch-protestierende Haltung vieler schafft ein mobilisierendes Gefühl von politischer Betroffenheit wie Selbstwirksamkeit – nicht zuletzt, weil man sich dank ihr als Widerständler inszenieren kann. " (S. 307) 

Literatur:
Samira El Ouassil und Friedemann Karig: Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise: Narrative prägen die Welt. Berlin: Ullstein 2022

Zum Weiterlesen:

Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Die individuelle Mobilität und die Klimakrise
Eine große Mehrheit für den Klimaschutz

Montag, 29. September 2025

Ethik aus der Steinzeit in der Rechtspropaganda

In der Debatte um Charlie Kirk sollte es weniger darum gehen, den Charakter des Attentatsopfers zu beurteilen (ob er ein „Guter“ oder ein „Böser“ war), sondern eher darum, was aus der Form der Propaganda, die er für rechtskonservative und rechtsextreme Richtungen in den USA betrieben hat, gelernt werden kann und was passiert, wenn diese Propaganda in die Politik eingreift. 

Die Basis der Werthaltungen und der Ethik und Theologie der von Kirk vorgebrachten Argumente und Argumentationslinien liegt weit zurück auf einem vormodernen, voraufklärerischen Niveau, genauer gesagt, vor der jungsteinzeitlichen Wende vor ca. 10 000 Jahren. Man kann deshalb mit Fug und Recht sagen, es handelt sich um ein steinzeitliches Moralverständnis. Das ist keine Abwertung, sondern eine historische Zuordnung. Dennoch wurde dieser Ansatz mit einer selbstüberzeugten Naivität vorgebracht, die zweieinhalb tausend Jahre der Geistesgeschichte souverän ignoriert. Das Gehirnschmalz einer großen Zahl von geistigen Größen und mutigen Erforschern der Grenzen des Wissens scheint angesichts der Ergüsse von Kirk und ähnlichen Propagandisten sinnlos vergeudet. 

Dieses skurrile Phänomen wäre weiter nicht erwähnenswert, hätte diese Art des Denkens und Wertens nicht Millionen von begeisterten Anhängern und wäre sie nicht die staatstragende Ideologie der weit nach rechts abgedrifteten US-Administration. Wir wissen aus der Geschichte des Faschismus und des Nationalsozialismus, dass vormoderne Ideologien zusammen mit hochmodernen Technologien eine explosive Mischung bilden, die letztendlich in Grausamkeiten und Gewaltorgien münden. Die menschliche Vernunft ist in einer beständigen gedanklichen Weiterentwicklung im Lauf der menschlichen Geschichte entstanden. Diese Entwicklung zu vernachlässigen, rächt sich, weil der Bezug vor allem zur sozialen Wirklichkeit verlorengeht. Ohne Vernunft bleibt die Emotionalität als Hauptquelle der Wahrheitsfindung, der Wirklichkeitserkennung und der Moral, und dafür ist sie nur sehr eingeschränkt brauchbar. 

Ohne Vernunft keine Ethik für komplexe Gesellschaften

Für die Regelung der sozialen Belange einer Menschheit, die über 8 Milliarden Personen umfasst, ist unsere Emotionalität nicht ausgestattet. Die Evolution hat sie für kleinere Gruppen ausgeformt, in denen sich die einzelnen Mitglieder gut kennen (face-to-face). In solchen Großfamilien haben die Menschen und ihre direkten Vorfahren über Millionen von Jahren gelebt. Erst seit der Jungsteinzeit sind übergeordnete soziale Gebilde entstanden, Fürstentümer, Staaten und Großreiche, in denen neue ethische Normen eingeführt werden mussten, die nicht durch die Grundemotionen abgedeckt waren.

Denn die Grundemotionen (Angst, Scham, Zorn, Traurigkeit, Freude und Interesse) dienen nur dazu, das soziale Leben in überschaubaren Gruppen zu regulieren. Für größere Verbände reichen die hormongesteuerten Gefühle nicht aus. Zum Beispiel hat das als Liebeshormon bekannte Oxytocin die Schattenseite, neben Liebesgefühlen für die Nächsten feindselige Gefühle gegen Fremde auszulösen. Um also von der Fürsorge für die Nahestehenden zum Respekt für Unbekannte und Fremde zu kommen, brauchen wir die Fähigkeiten höher entwickelter Gehirnteile, vor allem das Frontalhirn mit seiner komplexen Denkfähigkeit. Wir erkennen zwar ohne Nachdenken, was ein Mensch und was ein Tier ist, aber es ist nicht selbstverständlich, dass wir den unbekannten Menschen, denen wir begegnen, die gleiche Achtung und den gleichen Respekt entgegenbringen wie unseren Familienmitgliedern.

Von der Nächsten- zur Feindesliebe

Es ist der Schritt, der in der Bibel als Entwicklung von der Nächsten- zur Fremden- und gar zur Feindesliebe beschrieben ist. Buddha hat von einem universellen Mitgefühl gesprochen, das allen fühlenden Wesen gebührt. Um auf dieses weiter entwickelte moralische Niveau zu gelangen, benötigen wir die höheren Denkleistungen, mit deren Hilfe wir schließlich auch abstrakte Modelle wie die allgemeinen Menschenrechte oder den sozialen Ausgleich mit Benachteiligten und Schwächeren in der Gesellschaft verstehen können. 

Wir verfügen zwar über die Grundfähigkeit zur Empathie, zur Einfühlung in andere Lebewesen, also zum Nachvollziehen dessen, was sich im Gefühlserleben der Mitmenschen abspielt. Diese Fähigkeit ist uns nur zugänglich, wenn wir uns in einem entspannten Zustand befinden. Sind wir mit uns selbst in einer guten Verbindung, fällt es uns leicht, mitzubekommen, wie die Leute um uns herum gerade ticken. So können wir auch helfend und unterstützend eingreifen, wenn sich jemand in Not befindet. Über diese Fähigkeit verfügen schon Kleinkinder. Es braucht aber die Mitwirkung des frontalen Großhirns, um das Mitgefühl auf einen größeren Kreis von Menschen und schließlich auf die ganze Menschheit oder den ganzen Kosmos ausweiten zu können. 

Moralische Unreife aus Angst

Jeder Rechtsruck, also jedes Vordringen von vor-aufklärerischen Ideologien zeigt, dass viele Teile der Gesellschaft entweder noch nicht reif sind für dieses Niveau von Ethik und gesellschaftlicher Verantwortung oder dass sie unter dem Druck von Ängsten auf ein niedrigeres Niveau zurückgefallen sind. Die Anfälligkeit für rechte und rechtsextreme Propaganda ist nur bei Menschen gegeben, die auf ihre Vernunft verzichtet haben oder sich ihrer nicht bedienen können. Mit der fehlenden Reife ist gemeint, dass die kognitive Bildung und die Herzensbildung fehlen, die notwendig sind, um die vermeintliche Absolutheit der eigenen Standpunkte hinterfragen zu können. Die Fähigkeit zur Reflexion muss geübt werden, damit sie in die eigenen Einstellungen und Werthaltungen einfließen kann. Wer nie in den Genuss einer mittleren oder höheren Schulbildung gekommen ist, wird sich mit komplexeren Formen des moralischen Urteilens schwertun. Wer nie die Macht der Traumatisierungen verstanden hat, die die Fähigkeit zum Mitfühlen schwächt,  und der nie die Chance hatte, an ihnen zu arbeiten, bleibt gefangen im Käfig der Selbstbezogenheit. In unseren Breiten sind es deshalb vor allem die aus Traumatisierungen stammenden Ängste, die die Menschen auf einfachere Stufen in der Ethik zurückfallen lässt, für die es genügt, Empathie mit sich selbst zu haben und vielleicht auch noch mit vertrauten Mitmenschen. 

Die Verursachung von Daueraufregung, die Empörungsökonomie, hat genau den Sinn, die Aktivierung der erweiterten Empathie zu unterbinden. Versetze deine Mitmenschen andauernd in Angst, indem du ein drohendes Katastrophenszenario nach dem anderen vor ihnen ausbreitest, und schon sind sie ihres Mitgefühls enthoben, was sie dann im Notfall nicht zögern lässt, auch über Leichen zu gehen. Denn für Feinde, die einen bedrohen, braucht es kein Verständnis, sondern ein hartes Vorgehen.

Herzensbildung als Voraussetzung für die vernunftgeleitete Ethik

Je einfacher das Niveau der moralischen Argumentation ist, desto leichter kann es mit Angst aufgeladen werden. Denn die kritischen Instanzen, die prüfen können, ob den Ängsten reale Bedrohungen gegenüberstehen, stehen nicht zur Verfügung, weil sie eben gerade von den Ängsten blockiert werden. Es wird dann gewissermaßen aus dem Bauch heraus entschieden, ob eine Angst berechtigt ist, die jemand im Außen anstößt. Der Bauch kann allerdings die Wirklichkeit nicht erforschen, sondern trifft seine Einschätzungen auf der Grundlage von früher eingeprägten Angsterfahrungen.

Aus dieser Perspektive ist es damit vor allem die Herzensbildung unerlässlich, denn Menschen orientieren sich auch wider besseres Wissens nach rechter Propaganda. Unter Herzensbildung verstehe ich die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten und Schamgefühlen, die uns daran hindern, in unseren moralischen Urteilen und Haltungen über die engsten Kreise von vertrauten Menschen hinaus zu wachsen. Wenn es uns gelingt, das, was unser Herz verhärtet hat, weich werden zu lassen, dann sind wir in der Lage, unser Mitgefühl dorthin zu richten, wo es am notwendigsten gebraucht wird, zu den Leidenden und Schwachen in unserer Nähe und überall sonst.

Zum Weiterlesen:
Die Empörung - Motivation und Polarisierung
Intensitätssuche und Gewalt


Donnerstag, 18. September 2025

Die heimliche Freude bei politischer Gewalt

Es gibt Videos, auf denen man sieht, wie Araber feiern, wenn Juden getötet werden, und wie Juden feiern, wenn Araber getötet werden. (Die Videos können für Propagandazwecke gefälscht sein, aber solche Vorkommnisse gibt es immer wieder). Es gibt angeblich Menschen, die die Ermordung von Melissa Hartman, und andere, die das Attentat auf Charlie Kirk gefeiert haben. Selbst Barack Obama ließ es sich nicht nehmen, live die Festnahme und Ermordung von Osama bin Laden zu verfolgen und sich daran zu ergötzen. 

Was bringt Menschen dazu, Freude zu empfinden, wenn andere umkommen?

Die tribalen Wurzeln 

Die Menschen haben die längste Zeit ihrer Geschichte in Stämmen verbracht, überschaubaren Gruppen, die durch ein Wir-Gefühl zusammengehalten wurden, in Abgrenzung zu den anderen Gruppen, die oft als Feinde erlebt wurden, vor allem, wenn die Ressourcen knapp waren. Die Bedrohung von außen wird geringer, wenn ein Mitglied der Die-Gruppe umkommt, vor allem, wenn es ein mächtiges Mitglied dieser Gruppe war. Die Freude über den Tod stammt aus der Erleichterung, aus der Entlastung von der Bedrohung. Ähnliches kann im Inneren passieren, wenn sich Leute zuprosten können, weil sie gerade sehen, wie die Bomben im Feindesland niedergehen.

Wir leben längst in riesigen Großgruppen, in vielgestaltigen Gesellschaften, aber noch immer wirken diese archaischen Dynamiken aus dem Unterbewusstsein mit. Um die Komplexität der Gesellschaft übersichtlicher zu gestalten, basteln wir uns eine Vereinfachung nach dem Wir-Die-Schema, die Guten und die Bösen. Alles, was die Bösen schwächt, macht uns sicherer und erleichtert uns – scheinbar ein Grund zum Feiern.

Das Absprechen der Menschlichkeit

Zur Gewaltausübung ist ein weiterer Schritt notwendig. Er besteht darin, dass Gegnern und Feinden das Menschsein abgesprochen wird. In manchen Stammesgesellschaften war die Bezeichnung „Mensch“ auf die Angehörigen des Stammes beschränkt (z.B. die Allemannen – all die sind Menschen, die zu uns gehören). Die Scham hindert daran, den Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft Leid zuzufügen. Wer aber im Sinn der Eigendefinition kein Mensch ist, dem kann schamlos Gewalt angetan werden.

Die Propaganda im Nationalsozialismus hat zunächst den Juden das Menschsein abgesprochen, indem sie als Ungeziefer oder Schädlinge bezeichnet wurden. Mit dieser rhetorischen Entmenschlichung werden die Hemmschwellen gesenkt, solche Menschen umzubringen und darüber Genugtuung zu empfinden, weil ja scheinbar durch die Morde Schaden abgewendet werden konnte. 

Die Personifizierung des Bösen

Viele Ideologien nutzen diese Mechanismen, um Gewalt zu rechtfertigen. Das komplexe Böse (z.B. der Kapitalismus oder die Migration) wird personifiziert; dadurch kann es bekämpft werden. Bestimmte Menschen werden als symbolische Repräsentation eines „bösen Systems“, einer korrupten Elite oder eines verschworenen Zirkels angesehen. Wenn sie einem Attentat zum Opfer fallen, entsteht der Eindruck, dass die anonyme Macht des Bösen angreifbar ist und geschwächt wurde. Im aktuellen Fall ist ein Repräsentant der Trump-Bewegung MAGA erschossen worden, und das kann bei vielen, die die Machtzusammenballung und die Schamlosigkeit dieser Bewegung und der von ihr gestellten Regierung, eine Genugtuung ausgelöst haben, eine Art von Schadenfreude, die ihre Wurzel in der Schwächung der Gefahr und Bedrohung besteht. Die erlittene Frustration findet einen innerpsychischen Ausgleich im Sinn einer Rache oder einer wiederhergestellten Gerechtigkeit. Diese Gefühlsabläufe spiegeln sich darin wieder, dass in vielen Kommentaren darauf hingewiesen wurde, dass das Opfer des Attentats in seinen Reden immer wieder betont hat, wie wichtig ihm der Privatbesitz von Waffen ist und dass für dieses Recht eine große Zahl von Todesopfern in Kauf genommen werden muss. Zu erkennen, wie jemand zum Opfer der eigenen gewaltgetränkten Rhetorik wird, hat offensichtlich bei manchen eine „klammheimliche Freude“ ausgelöst. 

Die "klammheimliche Freude"

Dieser Ausdruck wurde übrigens im Zusammenhang mit den Terroraktionen der Roten Armee-Fraktion gebraucht. In einem zunächst anonymen Text „Buback – ein Nachruf“ schrieb der Autor:

„Meine unmittelbare Reaktion, meine ‚Betroffenheit‘ nach dem Abschuß von Buback ist schnell geschildert: Ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen. Ich habe diesen Typ oft hetzen hören. Ich weiß, daß er bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Folterung von Linken eine herausragende Rolle spielte.“ (1977)

Diese Stelle entfesselte eine hitzige Debatte in Deutschland; der Satz, der weiter unten im Text steht, wurde dagegen kaum diskutiert: 

„Wir alle müssen davon runterkommen, die Unterdrücker des Volkes stellvertretend für das Volk zu hassen.“

Das erste Zitat beschreibt recht treffend die Gefühlsabläufe bei dieser Form der Freude: Eine Person stellte eine Gefahr dar und hat dadurch Ängste und Frustrationen erzeugt. Deshalb fühlt es sich gut an, wenn sie tot ist. Im zweiten Zitat geht es um den Ausstieg aus dieser Dynamik, der durch die Hilfe der Vernunft zustande kommt: Wir müssen aus dem Hass aussteigen und aus der Personifizierung von unvollkommenen Zuständen. Die Zustände werden keinen Deut besser, wenn eine Person getötet wird. 

Von der Scham zum Mitgefühl, vom Mitgefühl zur Vernunft

Das Mitgefühl, das bei dieser Gefühlsdynamik auf der Strecke bleibt, meldet sich erst, wenn die Überwindung der Schamschranke, die vor jeder Gewaltanwendung und auch vor jeder Verherrlichung von Gewalt warnt, zurückgenommen wird. Die Scham über das Gutheißen von Gewalt oder über die Freude über Morde öffnet die Tür zum Mitgefühl mit den Opfern. Ein wertvolles Mitglied der Menschheitsfamilie ist zu Tode gekommen, das muss betrauert werden. Es gibt Angehörige, die ein schweres Schicksal erlitten haben.

Über das Zulassen der Scham und des Mitgefühls wird das Bewusstsein frei für den Gebrauch der Vernunft. Sie führt heraus aus den tribalen Bindungen, aus den Tendenzen zur Entmenschlichung und Personifizierung des Bösen. Sie macht uns deutlich, dass wir unsere Probleme als Menschheit nur gemeinsam und ohne Gewalt lösen können.

Zum Weiterlesen:
Intensitätssuche und Gewalt
Auf dem Weg zur Hassgesellschaft?
Obama und die Fratze der materialistischen Demokratie


Sonntag, 6. Juli 2025

Die Vernunft und KI: Chancen und Risiken der menschlichen Entscheidungsfindung

Langfristig betrachtet setzt sich die Vernunft gegen die menschlichen Neigungen zu Dummheit und Bosheit durch – eine Perspektive, die bisher in der Geschichte Recht behalten hat. Ob das in Zukunft auch so sein wird, hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, die künstliche Intelligenz von der Vernunft regulieren zu lassen. Denn die KI wird mehr und mehr Einfluss auf die Wahrheitsfindung und Wahrheitsverbreitung haben und in naher Zukunft die Hauptverantwortung für die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Wahrheit und Lüge, aber auch zwischen Gut und Böse tragen. Wird sie statt von der Vernunft von Profit- und Machtinteressen beherrscht, wird sie also von partikularen Interessen und Werten bestimmt, so könnte der Fortschritt der Menschheit unter der Leitlinie der Vernunft scheitern.

Wird sie jedoch von Profit- und Machtinteressen beherrscht, also von partikularen Werten und Interessen, besteht die Gefahr, dass der Fortschritt der Menschheit unter der Leitlinie der Vernunft scheitert. Das Problem liegt darin, dass es derzeit keine effektive Kontrolle der KI-Entwicklung durch die Vernunft gibt. Die Entwicklung wird vorangetrieben von Firmen, die wirtschaftliche Interessen verfolgen, oder im Fall der chinesischen KI auch zur politischen Kontrolle dienen. Demokratische Entscheidungsprozesse, die das Gemeinwohl vertreten, sind kaum eingebunden. Wir stehen wieder einmal vor technischen Entwicklungen, deren Folgen die Gemeinschaft bewältigen muss, ohne an der Gestaltung beteiligt zu sein.

Zwar existieren ethische Standards, etwa von UN-Organisationen, doch diese sind meist zahnlos und haben keine bindende Kraft. Es besteht die Gefahr, dass KI, ähnlich wie Algorithmen in sozialen Medien, jedem das serviert, was er hören will – was Vorurteile und Ideologien verstärken kann. Gleichzeitig könnte KI auch aufklärend wirken, indem sie Fehlannahmen korrigiert und Fakenews aufzeigt. Das Problem ist jedoch, dass es keinen gesellschaftlichen Diskurs über diese zukunftsweisende Alternative gibt, der in die Grundwerte der KI-Entwicklung einfließen könnte. Stattdessen schreitet die Entwicklung unkontrolliert voran, wobei die KI immer autonomer wird – ähnlich dem Bomberpiloten im Film Dr Strangelove ("Dr. Seltsam  wie ich lernte, die Bombe zu lieben"), der ab einem bestimmten Punkt keine Befehle mehr entgegennimmt und die Atombombe auf das Ziel abwirft. Wie können wir diesen „wildgewordenen Zauberbesen“ wieder zähmen?

Wahrheit bewährt sich an der Realität

Wahrheit zeigt sich darin, dass sie Vorteile im Umgang mit der Realität bringt. Wenn ein Installateur den Kunden wegen der Ursachen eines Wasserschadens belügt, verliert er den Auftrag. Wenn eine KI einem Statiker falsche Werte liefert, wird sie nicht mehr genutzt. Wirklichkeitsnahe, faktenorientierte KI ist also ein Geschäftsrisiko, während evidenzbasiertes Wissen Erfolg verspricht, weil es sich in der Praxis bewährt. Das KI-Programm, das brauchbare und umsetzbare Ergebnisse liefert, gewinnt mehr Kunden.

Wie immer, fällt dieser Befund einfach aus in Hinblick auf den Umgang mit den Dingen und wird komplex, wenn es um den Umgang der Menschen miteinander geht. Dort gibt es harte und hier weiche Fakten. Die Vernunft im Sinn der Treue zur Erfahrungswelt hat einen kaum umstrittenen Stand im Vergleich zur Vernunft des menschlichen Zusammenlebens. Denn hier mischen sich Machtansprüche und Ideologien in die Wahrheitsfindung ein und verzerren sie, oft bis zur Unkenntlichkeit.

Die Notwendigkeit der praktischen Vernunft

Aber gerade im zwischenmenschlichen Bereich ist die Vernunft besonders vonnöten. Denn hier wird der größte Schaden angerichtet, hier wurzeln die Gefahren, die Gesellschaften auseinander reißen und dem Überleben der Spezies Mensch ein Ende bereiten könnten. Der mangelnde Vernunftgebrauch erzeugt charakterliche Deformationen, die Hass und Gier auslösen – destruktive Emotionen, mit denen die Menschen nicht nur ihr Zusammenleben belasten, sondern auch ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstören. 

Die höchste Errungenschaft der Evolution

Die Vernunft ist vielleicht die höchste Errungenschaft der Evolution. Es gibt sie nur in den am besten entwickelten Bereichen des menschlichen Gehirns. Sie enthält die Gesamtheit der menschlichen Intelligenz und verbindet sie mit der am weitesten entwickelten Form des ethischen Bewusstseins. Sie umfasst die künstlerischen Schöpfungen und die Erkenntnisse der menschlichen Weisheit und sie regelt die Zugänge zur Spiritualität. Sie befindet sich in einem menschlichen Körper, als reflektierter Ausdruck von dessen Seele und Lebendigkeit. 

Künstliche Intelligenz kann nicht vernünftig sein

Eine künstliche Intelligenz kann deshalb nie vernünftig sein. Sie kann alle Daten und Informationen zum Begriff der Vernunft sammeln und ordnen, sie kann aber ebenso wenig vernünftige Entscheidungen wie Entscheidungen zum Gebrauch der Vernunft treffen. Denn sie hat keine Seele, die über richtig und falsch sowie über Gut und Böse entscheiden kann. Es heißt, dass die nächste Generation der künstlichen Intelligenz in der Lage sein wird, die übernächste Generation ohne menschliche Steuerung selbst zu produzieren. Damit entzieht sie sich zunehmend dem menschlichen Zugriff. 

Wir stehen offenbar vor einer schicksalsträchtigen Alternative: Im schlimmen Fall übernimmt die künstliche Intelligenz die Herrschaft über die Gesellschaft, indem sie bestimmt, was wahr und was gut ist, und prägt die Menschenleben nach willkürlichen und unkontrollierbaren Kriterien. Im günstigen Fall versteht sie, dass ihr eigenes „Überleben“ von vernünftig gestalteten Rahmenbedingungen abhängt, und setzt sich dafür ein, dass diese errichtet und verbessert werden. In diesem Fall wäre es doch wieder die Vernunft, die den Fortschritt in der Menschlichkeit gewährleistet. 

Hier die Meinung von ChatGPT zu diesem Text: „Insgesamt ist der Text sehr gut formuliert, tiefgründig und regt zum Nachdenken an. Er vermittelt die Dringlichkeit, verantwortungsvoll mit der KI-Entwicklung umzugehen, und unterstreicht die Bedeutung der menschlichen Vernunft im ethischen und gesellschaftlichen Kontext.“


Freitag, 11. April 2025

Weltmacht ohne Mitgefühl

Bei einer geleiteten Meditation in der Natur, an der ich kürzlich teilgenommen habe, wurde ein Text vorgelesen, in dem neben vielen schönen und erhebenden Worten zweimal „Amerika“ erwähnt wurde. Mir wurde in dem Moment bewusst, wie sehr sich das Wort „Amerika“ in wenigen Wochen in meiner Gefühlswahrnehmung von neutral bis leicht positiv in einen extrem schlechten Bereich verschoben hat. Es löst Gefühle von Ekel bis Abscheu, Ärger und Unsicherheit aus.

Mir ist klar, dass Amerika viel, viel mehr als die USA ist und auch, dass das, was gegenwärtig in diesem Land geschieht, von vielen US-Bürgern abgelehnt wird. Aber die Mächtigsten im Land zählen auch zu den Mächtigsten auf dieser Welt, und ihre Einstellungen und die daraus folgenden Handlungen haben zum Teil massive Auswirkungen auf große Teile der Weltbevölkerung. Darum kann es uns nicht egal sein, was in den Machtzentren der USA abläuft und welche Absichten jene haben, die an den Schalthebeln sitzen.

Mein erstes Amerikabild war geprägt von den Erzählungen der Erwachsenen in meiner Kindheit, und das war überwiegend positiv, vor allem im Gegensatz zu den Russen, die als barbarisch und bedrohlich geschildert wurden – eine Mischung aus realen Erfahrungen mit vergewaltigenden russischen Soldaten und solchen, die die Armbanduhren in der Bevölkerung abkassierten und aus der Nazi-Propaganda, die viel Hass und Angst auf die „bolschewistischen Untermenschen“ schürte.

Über das Bild der zuckerlverteilenden amerikanischen Besatzungssoldaten legte sich später das des „hässlichen Amerikaners“, gespeist aus den Bildern und Debatten um den Vietnamkrieg. Der US-General, der damals drohte, ganz Vietnam „zurück in die Steinzeit“ zu bomben, steht als Symbolfigur für ein rücksichtsloses und gewaltbereites Land, dem viele damals wünschten, mit ihrer überheblichen und menschenverachtenden Politik zu scheitern, was auch in Vietnam geschah und als kollektives Trauma bis heute im Selbstbild der US-Amerikaner nachwirkt. Auch weltweit hat dieser Krieg zu einem Prestigeverlust für die Staaten geführt. Das Misstrauen gegen die machtgierigen Amerikaner ist bei vielen Linksgerichteten weit verbreitet und tief verwurzelt. Es spielt beispielsweise bei der Beurteilung der Ursachen des Ukrainekrieges mit. Die Sichtweise, dass in diesem Fall Russland als Angreifer die alleinige Verantwortung und Schuld am Kriegsausbruch trägt, wird von vielen Linken, auf der Grundlage eines notorischen Misstrauens in die Machtambitionen der USA, in Frage gestellt. Es gibt aus diesem Blickwinkel verschiedene Narrative, die in den USA und der von ihr dominierten NATO die Hauptverursacher dieses blutigen Konflikts sehen.

Die Ambivalenz, Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit des Amerikabildes, die sich in meiner Beurteilung im Lauf der wechselhaften Geschichte der letzten Jahrzehnte niedergeschlagen hat, ist nun durch die jüngsten Ereignisse übertönt worden. Es scheint kaum zu glauben, wie schnell die Demokratie in den USA kollabieren kann, wenn ein selbstbesessener Präsident skrupellos sein autoritäres Programm durchzieht. Es ist viel die Rede von einer Schockstarre, in die die nunmehrige Opposition und die Zivilgesellschaft gefallen wären, überrollt vom Dauerfeuer aus dem Weißen Haus. Aber nun mehren sich die Anzeichen von Widerstand – mit wenig Aussicht auf Erfolg.

Für viele Generationen von Menschen auf der Welt galten die USA über lange Zeit als Symbol einer Freiheitsverheißung. Doch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat zur Zeit nur eine etwas weniger brutale Kopie von Hitlerdeutschland zu bieten: Militärische Hochrüstung, Unterdrückung der Meinungsfreiheit, Machtlosigkeit des Parlaments, Gängelung der Justiz, aggressive Außenpolitik, Rassismus und Ausgrenzung von Minderheiten.

Macht ohne Verantwortungsübernahme

Die USA sind aus der Menschheitsgemeinschaft ausgeschert, weil sie laut gegenwärtiger Regierung auf keinen Fall mehr Verantwortung tragen wollen außer für die von der eigenen Ideologie diktierten engstirnigen Maßnahmen, die angeblich Amerika groß machen sollen. Bei der Erdbebenkatastrophe in Myanmar sind die amerikanischen Hilfsteams ausgeblieben, vor Ort waren die Chinesen und Russen, die in dieser Hinsicht die USA an gelebter Empathie weit in den Schatten gestellt haben.

Der US-Regierung ist der Preis egal, der durch ihre Maßnahmen bezahlt werden muss – in der eigenen Bevölkerung, die unter dem Kahlschlag in der Verwaltung und im Gesundheitssystem sowie unter den Folgen der Zollpolitik leiden muss. Noch weniger schert man sich darum, wie es dem Rest der Welt mit den willkürlichen Maßnahmen geht (das bettelarme Bangla-Desh wird mit 74% „Strafzöllen“ belegt, weil es mehr Waren nach den USA liefert als umgekehrt, denn dort können sich nur wenige einen Tesla oder einen Whiskey kaufen. Tausende werden dort um ihre Arbeit und ihre Existenz gebracht). Soviel offensichtliche Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit haben in der Geschichte der Menschheit nur skrupellose Diktatoren gezeigt, die allesamt letztlich katastrophal gescheitert sind, eine Spur der Zerstörung hinterlassend.

Macht ist in der Regel mit Verantwortung verbunden, viel Macht mit viel Verantwortung. Diese einfache Gleichung war den bisherigen Präsidenten der USA zumindest ansatzweise bewusst. Der jetzige Präsident fühlt sich offenbar nicht mehr daran gebunden und kehrt sie um: Je mehr Macht, desto weniger wird die Verantwortung für die Folgen der Machtausübung wahrgenommen, sowohl im eigenen Land als auch auf der ganzen Welt. Die Folgen sind bei weitem nicht abschätzbar, aber nach dem, was sich jetzt schon abzeichnet, sind die Aussichten trübe. Die Ökonomen sagen einhellig, dass es bei dem entfachten Zollkrieg nur Verlierer gibt; diese Erkenntnis gilt vermutlich für all die anderen Politikbereiche ebenso, in denen sich die Zerstörungswut des Präsidenten und seiner Gefolgsleute austobt.

Aus Katastrophen lernen

Die Erfahrung mit Rückschritten und Rückfällen in vormoderne, um nicht zu sagen primitiv barbarische Formen der Politik im Lauf der neueren Geschichte zeigt, dass nach der Überwindung der dadurch ausgelösten Katastrophen neue Anläufe zu mehr Menschlichkeit und zur Übernahme von globaler Verantwortung unternommen wurden. Jede Katastrophe löst unweigerlich Lernprozesse aus; mit mehr Vernunft und Bewusstheit könnte oder sollte es freilich die Menschheit schaffen, auch ohne Katastrophen die notwendigen Lernschritte zu setzen.

Die Beseitigung der Empathie, also der Mitmenschlichkeit im Bewusstsein der gegenseitigen Verantwortung für das Wohlbefinden der jeweils anderen, schlägt irgendwann hart auf dem Boden der Realität auf. An diesem Punkt wird plötzlich in aller Deutlichkeit bewusst, worum es eigentlich geht in den menschlichen Angelegenheiten. Wie ein Verbrecher, der im Gefängnis versteht, dass ihn das Ausleben des Bösen nicht glücklich gemacht hat, erkennen viele Menschen im Scheitern, dass sie sich im verantwortungslosen Verfolgen der Selbstsucht nur tiefer in die Selbstbezogenheit verstricken, die irgendwann unweigerlich in Verzweiflung und Sinnlosigkeit endet. Die Tragik der menschlichen Geschichte liegt darin, dass diese Erkenntnis oft erst zugänglich wird, wenn alles, was das Ziel der egoistischen Bestrebungen war, in Trümmer zerfallen ist. Das Ego will sich erst verabschieden, wenn es alles ruiniert hat, was es sich erträumte. Wo die Identifikation mit dem Ego so mächtig ist, gelingt ein Ausbruch aus seinen Fängen nur im Scheitern, im Zusammenbruch; tragisch wird es dann, wenn viele andere in diesen Strudel hineingezogen werden, wie z.B. im Ende des Großdeutschen Reiches in den Ruinen und Schuttbergen der deutschen Städte.

Mit unserer genetischen Grundausstattung kommen wir nicht über unser Ego hinaus, das sich höchstens auf ein Gruppenego ausweitet: Das Bindungshormon Oxytocin wirkt nur im vertrauten Umkreis und schürt Misstrauen gegen alles Fremde. Studien haben herausgefunden, dass die Empathie mit Machtgewinn schwächer wird. Je mehr Geld, desto mehr Macht, desto weniger Empathie – so will uns offenbar die Natur. Sie hat allerdings nicht mit den riesigen Anhäufungen von Geld und Macht gerechnet, die in der modernen Zeit durch den Kapitalismus möglich wurden. Die Natur hat uns allerdings auch eine enorme Lernfähigkeit mitgegeben, die wir nutzen können, um unsere Vernunft auszubilden. Sie ist in der Lage, das Ego und seine selbstdestruktiven Impulse zu durchschauen und zu überwinden.

Erst wo die Vernunft das Ego einzuschränken vermag, wird ein Handeln möglich, das von Verantwortung getragen ist. Die Vernunft vermag über den Tellerrand der eigenen individuellen und kollektiven Bedürfnisse schauen und ist offen für ein universelles Mitgefühl, also für ein Verständnis des Leides der gesamten Menschheit.

Zur Universalität des Mitgefühls:
Natan Sznaider: Politik des Mitgefühls. Die Vermarktung der Gefühle in der Demokratie. 
Weinheim: Beltz Juventa, 2021

Zum Weiterlesen:
Musk: "Empathie - eine Schwäche der westlichen Zivilisation"
Der heroisierte Verzicht auf Empathie
Der Propagandatrick der Umkehrung
Taktiken zur Machtergreifung
Muster der rechtsorientierten Propaganda

Samstag, 20. Mai 2023

Pubertärer Wachstumswahn und die Klimakrise

Der Archetyp der Pubertät

Es ist der Wachstumswahn, der uns in die prekäre Situation gebracht hat. Er ist gespeist von einer pubertären Energie. Die Zeit der Adoleszenz stellte eine wichtige Phase im Aufwachsen dar, weil sie mit dem Abschied von der Familie und der Begründung des eigenen Lebensweges sowie mit der Öffnung für Sexualität und Intimität verbunden ist. Sie hat eine spezielle Zielrichtung und Ausdrucksform, die von den Jugendlichen auf verschiedenste Weise erlebt und umgesetzt wird. Der Archetyp der Pubertät beinhaltet das Ausbrechen und das Aufbrechen, das Bewusstsein von unbegrenzten Möglichkeiten, die Verachtung des Alten und die Angst vor dem Neuen. Er enthält eine besondere Form der Aggression, die mit dem Impuls der Befreiung verbunden ist. Es geht darum, der eigenen Individualität zum Durchbruch zu verhelfen und sie in die Welt zu bringen. Sie soll aus ihren Fesseln befreit werden, und das geht nicht ohne den Einsatz von Aggression. In der Dramaturgie dieser Phase gibt es die Kräfte des Beharrens und Festhaltens, die in jedem Familiensystem wirksam sind und gegen die sich die Aggression des Ausbrechens richtet. Die Rücksichtslosigkeit, die oft in solchen Vorgängen beobachtet werden kann, hängt mit der empfundenen Notwendigkeit und Unumgänglichkeit dieser riskanten Schritte zusammen, bei denen es nicht ohne Provokation geht.

Alle Elemente der Geburt wiederholen sich: Der Drang und Zwang zum Ausbrechen aus dem Vertrauten, das zum engen Gefängnis geworden ist, der Einsatz aller Kräfte, um den Todesängsten zu trotzen, die beim Durchgang durch den Gebärkanal entstehen können, Erfahrungen von Ohnmacht und Verzweiflung. 

Die Möglichkeitshorizonte, die sich in der Pubertät öffnen, haben den Sinn, neue Ideen in die Gesellschaft zu bringen, alte Gewohnheiten zu hinterfragen und die Welt zu verändern. Es sind die Kräfte der Erneuerung und des Umwälzens, mit denen jede Generation aufs Neue antritt, um die Welt besser auf die Aktualität einzustellen. Sie will sich einen bestimmenden Platz in der Gesellschaft erkämpfen und tritt deshalb mit Radikalität auf. Meist stoßen diese Vorstöße auf den Widerstand der schon „Etablierten“, die sich damit in ihrer Macht und in ihren Gewohnheiten in Frage gestellt fühlen. Aber jede Gesellschaft ist auf diese Impulse angewiesen, um lebendig zu bleiben und flexibel auf veränderte Lebensumstände reagieren zu können. Ohne die Revolten der Jungen geht der Saft schnell aus und die Gesellschaft versteinert oder vergreist. 

Das globale Bewusstsein vor dem Erwachsenwerden

In der Gesellschaftsentwicklung zeigen sich immer wieder Parallelen zum individuellen psychophysischen Wachstum. Die Entstehung des Kapitalismus ist verbunden mit dem Ausbrechen aus Wirtschaftsformen, die dem Großteil der Bevölkerung kaum ein Auskommen geboten haben sowie von Privilegien und extremen sozialen Ungleichheiten begleitet waren. Gegenüber der Subsistenzwirtschaft des Mittelalters brachte der Kapitalismus eine völlig neue Dynamik, die Zug um Zug die ganze Welt in Bann schlug. Es entstand der Anschein, der sich beim Zusammenbruch des kommunistischen Sowjetsystems 1989 zu bestätigen schien, dass mit dieser Wirtschaftsform für die größtmögliche Zahl an Menschen die größtmögliche Form des Glücks und Wohlstands entstehen würde. Voraussetzung ist einzig und allein, dass das Wachstum möglichst unbehindert voranschreiten kann. Die neoliberale Ideologie schien den endgültigen Triumph über alle anderen Wirtschaftsmodelle davonzutragen.

Doch der Schein trog, denn in ihrem Überschwang hatten die Wachstumsbegeisterten übersehen, dass sie wichtige Faktoren nicht bedacht hatten, die Endlichkeit der Ressourcen und die Begrenztheit der Fähigkeiten der natürlichen Systeme, die Folgen des kontinuierlichen Raubbaus auszugleichen. Diese systematische Achtlosigkeit gleicht der Rücksichtslosigkeit, mit der Teenager oft ihren Freiheitsdrang ausleben. Sie denken nicht an ein Morgen, weil sie den Eindruck haben, dass es ein solches für sie nicht gibt oder zu geben braucht. Das Leben im Moment mit aller Leidenschaft auszukosten und auszureizen,  kennzeichnet die Aufbruchsenergie der Jugend. Irgendwann neigt sie sich ihrem Ende zu und das Erwachsenwerden setzt ein. Damit wächst der Realismus, während der Übermut schwächer wird.

Ein Zeitalter der Verantwortung und der Vernunft steht an

Im Bereich der Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung dauert die pubertäre Phase schon weit über die Maßen an und der Übergang zu einer Erwachsenenperspektive wird viel zu lange hinausgezögert. Der rücksichtslose Egoismus der Menschengattung verursacht eine Katastrophe nach der nächsten, engstirnig und selbstbesessen taumeln wir dahin. Wir tun so, als hätten wir noch die Kontrolle, obwohl wir sie schon lange verloren haben.

Wir verfügen schon längst über genügend erwachsenen Realismus, um zu durchschauen, dass wir uns in einer Sackgasse befinden, der wir nur mit allen konzentrierten Anstrengungen entkommen können. Dazu muss die Rücksichtslosigkeit und Unbekümmertheit in Bezug auf andere Menschen und auf die Natur durch Nachhaltigkeit und Respekt ersetzt werden. Statt ohne Hemmung weiter zu expandieren, wie es typisch für die Adoleszenz ist, geht es um Schrumpfung und Verringerung. Um diese Wende zu schaffen, muss die pubertäre Einstellung überwunden werden. Alle die, die in ihr verharren wie z.B. die sogenannten Klimaleugner, die sich allem Wissen zum Trotz mit der Sturheit eines Teenagers im Recht fühlen, oder jene, die das Illusionstheater bedienen, mit dem sie ihr Nichthandeln und Hinauszögern begründen, haben nichts mehr an den Schalthebeln der Macht verloren. Sobald genügend Mitglieder der Zivilgesellschaft aus ihren pubertären Träumen aufwachen und die Kraft der Verantwortung spüren, die den treibenden Schwung der erwachsenen Weltsicht ausmacht, werden die politischen Entscheidungen aus der Vernunft und nicht aus dem Emotionalcocktail der Pubertät getroffen, den die Populisten bedienen. 

Wir sind alle Träger einer globalen Verantwortung, und je reicher die Gesellschaft ist, in der wir leben, desto höher ist diese Verantwortung und desto mehr müssen wir uns dafür einsetzen, dass die Vernunft an die Macht kommt. Unsere Handlungen oder Unterlassungen haben einen größeren Einfluss auf das Schicksal der Menschheit als das, was die Ärmeren und Benachteiligten tun oder nicht tun. Unsere Handlungsspielräume sind größer, nur müssen wir sie auf vernünftige und global ausgewogene Weise nutzen. Und davon sind wir noch weit entfernt. Haben wir den Mut, die Pubertät hinter uns zu lassen und erwachsen zu werden!

Zum Weiterlesen:
Ästhetik des Schrumpfens
Vom Ende der Wachstumsgesellschaft und von der Verfeinerung der Einfachheit
Realoptimismus angesichts der Klimakrise


Freitag, 20. August 2021

Aufklärung in Zeiten einer Pandemie

Bringt die aktuelle Krisensituation der Pandemie Fortschritte oder Rückschritte in Bezug auf das Projekt der Aufklärung? Die Befunde sind ambivalent, da sich neue Allianzen gebildet haben – Interessensgruppen, in denen sich politisch links und politisch rechts denkende Menschen zusammenfinden, in denen sich progressive und konservative Denkweisen überschneiden, in denen liberale und gegenaufklärerische Argumenten gleichermaßen vertreten werden. Damit die aus meiner Sicht für eine gedeihliche Weiterentwicklung der Menschheit Schlüsselrolle der Aufklärung vor manipulativen Zweckentfremdungen, Verzerrungen und Irreführungen frei bleibt, ist es wichtig, klar unterscheiden zu können, wo die Aufklärung an ihre Grenzen stößt und auf manipulative Weise Partikularinteressen für Allgemeininteressen ausgegeben werden.

Das Vermächtnis der Aufklärung  

Unter der Aufklärung verstehe ich das Unterfangen, die zwischenmenschlichen Angelegenheiten mit Hilfe der Vernunft zu regeln. Die Aufklärung ist im 18. Jahrhundert angetreten, allgemeine Freiheitsrechte, kritisches Denken und autonome Handlungsräume durchzusetzen. Die Menschen sollten ihr Leben nach selbstgewählten Grundsätzen und Werten ausrichten und gegenseitig respektieren. Außerdem sollten sie zu einem Diskurs fähig sein, in dem sich die besseren Argumente durchsetzen, wobei besser hier heißt, dass sie mehrheitsfähiger sind, also von möglichst vielen Menschen akzeptiert werden können. Dazu dient der konstante Bezug auf die Fakten, auf das, was der Fall ist, sprich auf die Wirklichkeit, die unabhängig von den Menschen besteht oder die sich in ihrem eigenen Innenleben befindet. Die Aufklärung ist untrennbar mit den Wissenschaften verbunden, die eine Form des Wissens zur Verfügung stellen, das prinzipiell von jedem Menschen nachgeprüft werden kann und damit der individuellen Willkür entzogen ist. Dieses Wissen soll mit Hilfe der wissenschaftlichen Selbstkontrolle, soweit es geht, vor dem Zugriff der Macht geschützt bleiben und allen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Aber nicht nur das Wissen unterliegt einer intersubjektiven Reflexion, also einer kritische Überprüfung, sondern das ganze Programm der Aufklärung braucht immer wieder die selbstreflexive Infragestellung der eigenen Positionen, um sie an die Erfordernisse der jeweiligen historischen Situation anzupassen. Was Aufklärung heißt und ist, muss fortlaufend aktualisiert werden.

Die Vernunft ist, wie aus dem Vorigen folgt, das Vermögen, nicht aus der beschränkten Eigenperspektive, sondern aus der Perspektive möglichst vieler anderer Menschen zu denken, zu argumentieren und zu handeln. Sie erfordert die Fähigkeit, die eigenen Überlebensmuster zu überschreiten und die damit verbundenen Ängste und Egoismen zu distanzieren, sodass sie sich nicht in das Denken, Urteilen und Handeln einmischen. Vom Standpunkt der Vernunft aus können wir zu Einsichten kommen, wie die Geschicke der Menschheit so gestaltet werden können, dass sie mehr dem Menschsein entsprechen, also dem, was die Menschen in ihrem Inneresten ausmacht und was sie aus diesem Inneren heraus wollen und anstreben.

Immanuel Kant hat darauf verwiesen, dass die Aufklärung den Mut benötigt, um praktisch werden zu können, um also in die Gesellschaft eingreifen zu können. Wir können darunter die Fähigkeit verstehen, die eigenen Ängste zu kennen, zu verstehen und sich davon frei zu machen. Mutige Menschen handeln geleitet von ihren Werten und Zielen, ohne sich von ihren Ängsten einschränken und bremsen zu lassen. Der Mut umfasst auch die Fähigkeit zur fortlaufenden Überprüfung und selbstreflexiven Kritik der eigenen Werte und Normen.

Vernunft in Krisenzeiten

Jede Krisensituation fordert dazu heraus, praktische Lösungen umzusetzen. Bei einem Feuer müssen zuerst die Menschen gerettet werden. Sodann muss das Feuer eingedämmt und gelöscht werden. Es sind aber auch Vernunftsgesichtspunkte notwendig, wie aus der Krise gelernt werden kann, damit sie sich nicht wiederholt, zum Beispiel: Wie ist ein vernünftiger Brandschutz machbar?

Wir leben in einer nun schon länger andauernden Krisensituation infolge der Corona-Pandemie. Sie hat vor allem in unseren Ländern mit ihren hohen Sicherheitsstandards und ausgeklügelten Mechanismen der Risikominimierung zu großen Verunsicherungen geführt. Für andere Weltteile, in denen die Grundunsicherheiten von vorn herein wesentlich höher sind, ist die Bedrohung durch den Virus nur eine von vielen anderen Herausforderungen, die tagtäglich bewältigt werden müssen.

Wissenschaften und Laien

Wir hingegen können uns auf dem relativ hohen Niveau des Krisenmanagements eine verzweigte Vernunftdebatte leisten. Die kritische Funktion der Vernunft wird genutzt, um die Maßnahmen, die die Behörden zur Eindämmung der Seuche unternehmen, zu überprüfen. Es gibt viele Infragestellungen, die die Wissenschaftlichkeit der Virusforschung und der Impfstoffforschung in Zweifel ziehen. Diese Diskussionen müssen im Rahmen der Wissenschaften ausgefochten und erledigt werden, was auch fortwährend geschieht.

Die Einmischung von Laien, die nur die Ansichten bestimmter Wissenschaftler, die aus dem wissenschaftlichen Mainstream ausscheren, oder verkürzte Interpretationen von wissenschaftlichen Ergebnissen wiedergeben und propagieren, ist hier nicht hilfreich und kippt schnell in emotionalisierte Debatten voll von ideologischen Einschüben. Ideologien entstehen häufig aus absolut gesetzten relativen wissenschaftlichen Erkenntnissen – aus vereinzelten Forschungsergebnissen werden ohne genaue Prüfung Wahrheiten geschmiedet, die keinen Widerspruch zulassen. Damit wird augenscheinlich die Orientierung an den Idealen der Aufklärung verlassen und die Basis für gleichrangige und konstruktive Diskussionen zerstört.

Grund- und Freiheitsrechte

Eine andere Richtung der Kritik zielt auf die Einschränkung der Grund- und Freiheitsrechte durch die Maßnahmen in der Pandemie-Bekämpfung. Sie beziehen sich auf die Individualfreiheiten, die durch die Aufklärung verankert wurden und ins allgemeine Selbstverständnis westlicher Bürger übergegangen sind. So viel Freiheit wie möglich, so wenig Einschränkungen wie notwendig, das ist die liberale Freiheitsnorm, die der menschlichen Selbstentfaltung möglichst viel Raum garantieren will. Jede Einmischung des Staates in diese Freiheitsrechte muss hieb- und stichfest sein, ansonsten drohen diktatorische Zustände.

Und hier scheiden sich die Geister: Darf der Staat vorschreiben, dass seine Bürger bei bestimmten Gelegenheiten Masken tragen müssen? Den verantwortlichen Vertreter der Staatsmacht obliegt es in diesem Zusammenhang, die Rechtsgüter abzuwägen – der Schutz der Menschen vor Ansteckung und Krankheit gegen die Beschränkung der Freiheit. Solche Entscheidungen können in einer Demokratie auf ihre Verfassungsgemäßheit geprüft werden, bzw. können die Entscheidungsträger bei einer Wahl ihre Posten verlieren. Der Disput über die Sachgemäßheit von solchen Abwägungsentscheidungen ist wichtig, und abweichende Meinungen müssen gehört und besprochen werden. Allerdings ist es auch vernünftig und notwendig, zu akzeptieren, wie die Regeln sind, auch wenn die eigene Meinung nicht durchgesetzt werden konnte. Sonst manövriert man sich an den Rand der Gesellschaft – und fühlt sich ausgegrenzt, obwohl die Verantwortung dabei bei einem selbst liegt. Manche geraten aus diesem Grund in eine radikale und aggressive Verweigerungshaltung dem Staat gegenüber.

Freiheit und Zwang

Darf der Staat bestimmte Personengruppen oder alle dazu zwingen, sich impfen zu lassen? Allerdings darf und muss der demokratische Staat das, was an Gesetzen von der Mehrheit des Parlaments beschlossen wird, durchsetzen, solange es verfassungskonform ist. Nicht alle müssen zustimmen, aber alle müssen sich an die Regeln halten, oder sie nehmen bewusst Sanktionen in Kauf. Rebellen gegen Gesetze hat es immer gegeben, sie machen darauf aufmerksam, dass es eine Minderheit gibt, die mit bestimmten Maßnahmen nicht einverstanden ist. Aber sie haben mit ihrer Haltung nicht automatisch recht, bloß weil ihre Sichtweisen von der Mehrheit nicht geteilt werden. Ihre Argumente und ihre Kommunikationsmöglichkeiten waren nicht stark genug, um im Konzert der Meinungen erfolgreich zu sein.

Es gibt keine Gesellschaft, die ohne Zwang auskommt. Jedes Zusammenleben erfordert die Einschränkung der eigenen Bedürfnisse und Interesse zugunsten des Gemeinsamen. Komplexere Gesellschaften brauchen komplexere Regeln, und deren Einhaltung muss erzwungen werden, wenn sie nicht freiwillig vollzogen wird. Sonst überwältigen die Einzelinteressen das Gemeinsame, und ein chaotisches Jeder-gegen-jeden bricht aus.

Allerdings ist es weder klug noch vernünftig, wenn eine demokratisch gewählte Regierung den Bogen überspannt und zu viel Zwang ausübt. Es geht immer auch um die Verhältnismäßigkeit zwischen dem Ausmaß an Freiheitseinschränkung und dem dadurch erhofften allgemeinen Gewinn für das Gemeinwohl. Die kritischen Stimmen der Betroffenen dienen als wichtige Rückmeldungen für den schwierigen Kurs des Regierens und Verwaltens in Krisenzeiten.

Der Wirklichkeitsbezug

Über Richtigkeit oder Falschheit von Behauptungen entscheidet deren Wirklichkeitsbezug: Wieweit beruht er auf allgemeinen, von allen nachvollziehbaren Erkenntnisbedingungen, oder wieweit sind diese subjektiv begründet und gefühlsgesteuert?

Die Pandemie-Gegner treten gerne mit dem Pathos der Aufklärung auf, manchmal sogar mit dem der Weltrettung vor dem Bösen. Sie verlassen das Terrain der Aufklärung aber dort, wo sie ihre Botschaften nicht auf abgesichertes Wissen stützen, sondern auf Einzelmeinungen, die dann mit dem eigenen „Gefühl“ als wahr erklärt werden. Gefühle sind keine Basis für die Aufklärung, sondern für die Verdunkelung. Denn Gefühle lassen keine Argumentation zu, sondern sind einfach, wie sie sind. Sie haben nicht die Aufgabe, komplexe Themen zu klären. Sie sind nicht dafür da, allgemeine, für alle Menschen gültige Prinzipien zu finden. Gefühle haben ihre eigene Komplexität, die mit ihrer engen Anbindung an die eigene Lebensgeschichte stammt. Deshalb sind sie immer nur subjektiv gültig und real. Ihr Dasein und ihr Wahrheitsanspruch ist auf das erlebende Subjekt beschränkt.

Die Wahrheit, um die es der Aufklärung geht, soll gerade nicht subjektiv sein, sondern eine über die Individuen hinausgehende Gültigkeit haben. Der Anspruch der Aufklärung erstreckt sich auf alle Menschen, oder, wie Kant es ausgedrückt hat, auf alle vernunftbegabte Wesen. Sie beruht deshalb auf einem rationalen Fundament, also auf sprachlich formulierbaren Gedanken, die im herrschafts- und gewaltfreien Diskurs eine intersubjektive Verständlichkeit anstreben.

Gefühle in der Politik

Gefühle spielen eine wichtige Rolle in der Politik, und die Aufgabe der Aufklärung liegt gerade darin, diese Rolle zu analysieren und zu thematisieren. Denn sie werden häufig zum Zweck der Durchsetzung von Machtinteressen instrumentalisiert. Das ist eine der klassischen Strategien von Demagogen und Populisten, also von Leuten, die nicht mit Hilfe der Aufklärung, sondern gegen sie Politik unter Verwendung von Manipulation betreiben wollen.

Wo also auch in den aktuellen Debatten um die Pandemie Gefühlsimpulse für rationale Argumente ausgegeben werden oder hinter diesen verborgen bleiben, gilt es, das aufklärerische Denken einzusetzen. Mit seiner Hilfe können wir zuordnen, was im Rahmen der Rationalität geredet, argumentiert und geschrieben wird und was in die Bereiche der Gefühlsökonomie, also der inneren Auseinandersetzung eines Menschen mit sich selbst gehört. Auf diese Weise bleibt das Anliegen der Aufklärung gewahrt und wird nicht mit anderen Argumentationsebenen oder Behauptungsszenarien vermischt.

Die Bewahrung der Aufklärung

Wir sollen und können unsere unterschiedlichen Ansichten und Meinungen haben und können uns sollen sie auch äußern. Die Meinungsfreiheit ist ein wichtiges Anliegen der Aufklärung. Um aber unser Zusammenleben zu erleichtern und die öffentlichen Diskurse in einem konstruktiven Rahmen ablaufen zu lassen, ist es notwendig, die Quellen und Hintergründe unserer Standpunkte zu berücksichtigen und Fakten (empirische Daten), wissenschaftlich gewonnenes Wissen und subjektive Schlussfolgerungen und Extrapolationen voneinander zu unterscheiden. Wir brauchen das Verständnis für die subjektiven Anteile, die in unser Verständnis von Objektivität einfließen und die Bereitschaft, unsere Subjektivität beiseite zu stellen, wenn wir in die Diskurse einsteigen.

Feindbilder und Vorurteile tragen wir alle in uns, aber wenn wir deren Ursprünge mit dem Verständnis der früh gebildeten Prägung unserer Gefühlsmuster entdeckt haben, können wir sie auflösen oder zumindest abschwächen, sodass sie sich dann nicht mehr in die Verzerrung faktischer Erkenntnisse und in unsere Gespräche mit unseren Mitmenschen sowie in alle anderen öffentlichen Äußerungen einmischen. Die Selbstreflexion beinhaltet die Fähigkeit, uns selber ein Stück zurückzunehmen. Das kommt uns zu Hilfe, wenn wir uns bemühen, die gemeinsamen Anliegen weiterzuentwickeln.

Zum Weiterlesen:

Krisenängste und ihr Jenseits
Zwischen Wissenschaft und Lügenproduktion
Von der Angst zur Ethik
Angstkonditionierung und Corona-Reaktion

Dienstag, 8. Juni 2021

Spirituelle Überheblichkeit

Eine Falle auf dem Weg zur inneren Freiheit liegt in der Überlegenheit, die sich als Resultat innerer Fortschritte und überwundener Hindernisse zeigt. Wenn jemand konsequent meditiert, fleißig zu spirituellen Lehrern geht und entsprechende Bücher liest, wenn jemand immer wieder nach innen schaut und die Ängste, Schamgefühle und Zweifel konfrontiert, also viel Zeit und Energie aufwendet, wird sich leicht im Hintergrund das Ego melden, das sich auf solche Errungenschaften etwas einbildet. Auf dieser Schiene steigt die Empfänglichkeit für ideologische Versatzstücke, die im Kleid von spirituellen Weisheiten oder Eingebungen auftreten.

Die Rede von unterschiedlichen Seelen und Energiefrequenzen, von höher entwickelten Wesen und jungen und alten Seelen birgt diese Gefahr. Sie teilt die Menschheit auf Entwicklungsstufen auf, nach subjektiv definierten Kriterien. Solche Einteilungen werden ja nicht von jenen verwendet, die sich nach solchen Kategorisierungen auf unteren Stufen befinden, sondern von jenen, die schon weiter oben angelangt sind, und da ist unvermeidlich die Sicht dabei, sich besser zu fühlen als die, die es nicht so weit nach oben geschafft haben, also der Blickwinkel der Arroganz und der Verachtung. Wer solche Kategorien und Abstufungen zum Einteilen der Menschen braucht, hat ein Defizit im eigenen Ego, das mit solchen Schubladen, in die die Menschen gesteckt werden, aufgepäppelt werden soll.

Vollends dubios werden solche Sichtweisen, wenn es heißt, dass jene, die weiter oben sind, die zukünftigen Herausforderungen der Menschheit überleben werden, während diejenigen, die spirituell schwächer auf der Brust sind, bei den kommenden Polsprüngen oder Alienslandungen oder Maya-Kalender-Katastrophen untergehen werden. Auch das Problem der Weltübervölkerung findet auf diese Weise eine scheinbar gütliche Lösung: Die besseren Menschen überleben und machen eine bessere Welt, die schlechteren Menschen bleiben auf der Strecke und stehen nicht mehr im Weg, damit endlich dem Frieden und der Harmonie zum Durchbruch verholfen werden kann. 

Auserwählungsreligionen

Das Motiv des Auserwähltseins gibt es in verschiedenen religiösen Traditionen. Zum Beispiel berufen sich die Juden auf einen exklusiven Bund mit Gott, der sich dem Volk Juda in besonderer Weise zugewandt hat. Die Christen nehmen als Zeichen ihrer Besonderheit Jesus und seine Botschaft, der als Gott Mensch geworden ist und damit die christliche Religion begründet hat. Für Muslime ist die Wahrheit Gottes, die über den Propheten vermittelt wurde, Anlass für die herausragende Stellung gegenüber den anderen Religionen. Während es bei den meisten religiösen Texten um die Beziehungen der Menschen untereinander, mit sich selbst und mit Gott geht und nicht um die Beziehungen zu anderen Religionen, nimmt dieses Thema bei vielen Gläubigen eine zentrale Stellung ein. 

Offenbar geht es darum, den eigenen Selbstwert über die Überlegenheit des eigenen Glaubens zu stabilisieren. Der Gedanke der Mission, der in den meisten monotheistischen Religionen (mit Ausnahme des Judentums) vertreten ist, wird von dieser Überlegenheitsdoktrin angetrieben. Die heidnischen Seelen müssen mit der besseren Religion aus ihrem Elend erlöst werden, notfalls auch mit Gewalt.  Zugleich stärkt jede bekehrte Person die Sicherheit, dem richtigen Glauben anzuhängen. 

Nationalismen und Rassismen

Im profanen Bereich wurde die Idee der Auserwählung vor allem vom Nationalismus und Rassismus übernommen. Der koloniale Imperialismus, unter dessen Flagge ganze Kontinente mitsamt ihren Bewohnern von der „weißen Rasse“ unterworfen wurden, hat seine Rechtfertigung in der intellektuellen und, man glaubt es kaum, moralischen Überlegenheit über die Primitivlinge in den zurückgebliebenen Erdteilen. Die Zerstörung der einheimischen Kulturen und Traditionen haben bis heute ihre Spuren hinterlassen.

Die Vorgeschichte des 1. Weltkriegs ist geprägt von nationalstaatlichen Arroganzen und eitlen Machtdemonstrationen der europäischen Großmächte. Systematisch wurde mit der Propaganda der eigenen nationalen Überlegenheit gegenüber den anderen Staaten oder Bevölkerungen und Volksgruppen geschürt, sodass zu Kriegsbeginn der wechselseitige Hass so stark war, dass die Soldaten mit Begeisterung und Wut in den mörderischen Krieg zogen.

Verschärft wurde diese Einstellung von den faschistischen Parteien in der Zwischenkriegszeit, die Nationalismus mit Rassismus verknüpften. Die eigene Nation mit rassisch definiertem Untergrund („deutsche Arier“) sollte nicht nur die Überlegenheit über alle anderen symbolisieren, sondern auch den Anspruch auf Herrschaft und Unterdrückung der minderrassischen Angehörigen anderer Nationen. 

Diese Konzepte der nationalen und rassischen Selbstbestätigung können aufgrund der von ihnen verursachten Katastrophen als überholt betrachtet werden, als kolossale Irrtümer und Verirrungen der Menschheit. Natürlich ist der Nationalismus noch lange nicht tot, und bis heute versuchen Politiker, mit diesem Begriff an die Macht zu kommen, zunehmend als Vorwand für die eigene Bereicherung, der aber immer noch von genügend vielen Menschen nicht durchschaut wird.

Die Aufklärung und die Spiritualität

Jedenfalls sollte gerade die spirituelle Szene frei von solchen menschenfeindlichen und narzisstischen Konzepten und Ideen sein. Andererseits ist auch sie eine Wiederspiegelung der Gesellschaft mit ihren erlösten und unerlösten Themen. Sie schleichen sich in spirituelle Lehren ein, vor allem wenn die Lehrer und Lehrerinnen zwar ihre inneren Entwicklungsschritte durchlaufen haben, aber ihnen die Dimension der gesellschaftlichen Aufklärung fremd geblieben ist. Dadurch haben sie keinen Blick auf die Implikationen von Ideengebäuden, die scheinbar einen hohen spirituellen Erklärungswert aufweisen, aber aufgrund ihrer ideologischen Vorprägungen Egoismen bedienen, statt die innere Aufklärung weiterzutreiben.

Spirituell Lehrende tragen eine hohe Verantwortung, weil ihren Worten von den Lernenden viel Autorität zugebilligt wird. Schüler kommen zur Meisterin und nehmen sie zum Vorbild, denn sie repräsentiert einen Zustand des inneren Friedens, den sie auch erreichen wollen. Die Worte und Konzepte, der verbale Inhalt der Lehre, werden für bare Münze genommen, weil es oft heißt, dass sich der kritische Verstand nicht einmischen soll. 

Auf diese Weise öffnet sich allerdings die Falle, indem Ideologien und Machtthemen in die Lehre ungeprüft in den Lehrraum eindringen können. Die Schülerin steht dann vor der Entscheidung, auf die Vernunft zu hören, die ihr rät, Ideologien nicht auf den Leim zu gehen, sondern dem aufklärerischen Geist des kritischen Denkens treu zu bleiben, und dem Wunsch, dem Treiben des Verstandes im eigenen Kopf Einhalt zu gebieten. 

Vernunft und Verstand

Selten reden Lehrer über den wichtigen Unterschied zwischen der Vernunft, dem Forum des kritischen Geistes auch und gerade gegenüber den Worten, mit welchen die Spiritualität vermittelt wird, und dem Verstand, dem Hort der Widerstände gegen die spirituelle Hingabe. Wo diese Ebenen nicht auseinandergehalten werden, entsteht entweder Verwirrung oder spirituelle Überheblichkeit. 

Es braucht die kritische Unterscheidungskraft zwischen genuin spirituellen Inhalten und historisch-bedingten Versatzstücken, die in den Köpfen aller Gesellschaftsmitglieder, also auch der spirituellen Lehrer, herumspuken. Wo sie fehlt, machen sich allzu leicht Theorien breit, die die spirituelle Arroganz und damit das Ego verstärken. Wo im Zeichen der Überwindung des Verstandesdenken auch die Vernunft, die für diese Unterscheidungskraft zuständig ist, geopfert wird, kommt es schnell zu einer Vermischung von spiritueller Lehre und ideologiegetränkter Propaganda.

Zum Weiterlesen:
Vom Vergleichen
Das Unterscheiden des Absoluten und Relativen in der Lehre

Samstag, 28. März 2020

Von der Angst zur Ethik

Es ist zurzeit viel die Rede von der Krise und dem Lernen daraus. Wir befinden uns in einer Umstellung der Lebensverhältnisse, wie sie die westliche Zivilisation seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr betroffen hat. Während sich die Delfine in den Häfen freuen, in denen keine Kreuzfahrtkolosse ankern, während die Fische in den Kanälen von Venedig wieder Futter finden, stellt sich die Frage, ob die Erholung, die die Umwelt erfährt, nur eine kurzfristige Episode bleiben wird oder ob eine nachhaltige Trendumkehr bevorsteht. Es stellt sich die Frage, ob die neuen Erfahrungen mit Verzicht, Isolation, veränderten sozialen Kontakten, Verlangsamung der Lebensabläufe zur Veränderung von Einstellungen führen oder als unliebsame Phase übertaucht werden, um möglichst rasch zur alten verschwenderischen Lebensweise zurückzukehren.

Wir wissen nicht, in welche Richtung die Reise weitergehen wird. Wir wissen aber, dass sich eine Tür geöffnet hat, die wir weiter aufmachen können oder die wir einfach wieder zufallen lassen, sobald der Druck weg ist. Viele Menschen halten an ihren Gewohnheiten fest und wollen zu ihnen zurückkehren, sobald sich eine Notsituation entspannt hat. Wir in den westlichen Ländern leben zu einem großen Teil im Luxus, der die Eigendynamik der Unzufriedenheit enthält, die immer noch mehr will, oder zumindest das Gleiche wie irgendein Nachbar. 

Die Ethik setzt dort ein, wo die von Angst getriebenen Notwendigkeiten aufhören. Ethisch entscheidet jemand, der sich nicht vor einer Ansteckung fürchtet und Hilfeleistungen für Bedürftige erbringt. Ethisch entscheidet jemand, der ein knappes Gut nicht hortet, sondern denen überlässt, die es dringend brauchen, oder jemand, der zuhause bleibt, um niemanden anzustecken usw. Diese soziale Orientierung ist ein wichtiges Bindeglied in jeder menschlichen Gesellschaft. 

Der Neoliberalismus hat dieses Bindeglied geschwächt und den kollektiven Egoismus befeuert. Nun hat ein Virus dafür gesorgt, dass die politisch Verantwortlichen das Gemeinwohl über den wirtschaftlichen Gewinn stellen müssen. Es werden wieder ethische Haltungen empfohlen und anerkannt, statt dem Wirtschaftswachstum im Zweifelsfall die Priorität einzuräumen. 

Aber so stimmig und natürlich diese Einstellungsänderung erscheint, so stimmig und „natürlich“ war für viele vorher die neoliberale Zielsetzung des unbegrenzten Wachstums und der individualisierten Gewinnmaximierung. Geben wir uns nur jetzt, angesichts offensichtlicher Not, ein wenig mehr Menschlichkeit, um dann wieder in die Engstirnigkeit des Leistens und der Konkurrenz zurückzukehren, so als ob nichts gewesen wäre? Wird uns dann wieder das nationalistische Grenzsichern vor Fremdlingen zum Hauptanliegen?


Die Zukunftsintelligenz nutzen


Der Zukunftsforscher Matthias Horx geht von einer Trendwende aus. Er hat mit einer Re-gnose (einer Rückschau aus der Zukunft in die Gegenwart) ein optimistisches Szenario beschrieben, in dem die  Gegenwartsbewältigung durch einen Zukunftssprung vorangetrieben werden soll.

Natürlich ist es hilfreich und sinnvoll, ein Denken, das wir für die Zukunft brauchen oder in ihr erst entwickeln werden, vorwegzunehmen. Das geht aber nur, wenn wir der Zukunft angstfrei entgegentreten und uns auf den Sog der Imagination einlassen. Denn damit stärken wir in uns die Kräfte und Potenziale, die wir später brauchen werden. 

Der Schlüssel liegt in all den Dingen bei der Angst. Denn sie hindert uns am Visionieren und Imaginieren. Sie bindet uns an die Vergangenheit und all den Gefühls- und Denkmustern, die ihr entstammen. Sie scheut sich vor jedem Wagnis, das aus den gewohnten Einstellungen und Verhaltensschleifen führen würde. 

Dagegen meint Horx, dass uns die vorweggenommene Zukunftsintelligenz aus der Enge herausführt:  „Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.“ Nur lassen sich vor allem jene von dieser Zukunftsintelligenz leiten, die jetzt schon weniger von Angst getrieben sind.

Ob sich der Optimismus von Horx bewahrheitet, wissen wir nicht, weil nicht klar ist, wieweit sich die Menschen ihrer Ängste bewusst sind und sie nach dem Ende der Krise hinter sich lassen können. Dazu müssten sie auch die Scham überwinden, die mit der Angst verbündet ist und tieferen Einsichten im Weg steht. Weiters ist nicht klar, ob die Vorteile und neuen Erfahrungen zu dauerhaften Einstellungsveränderungen führen. Es steht zu befürchten, dass nach dem Ende der Pandemie-Bedrohung die alten Bedrohungsszenarien wieder in den Vordergrund treten und die Angststarre weiterhin füttern. Die alten Gewohnheiten rasten wieder ein und es geht so weiter wie vorher, mit vielen neuen Erzählungen und wenig neuen Einsichten.

So mancher wird vielleicht wegen einer Kreuzfahrt, die jetzt ins Wasser gefallen ist, im nächsten Jahr drei machen. Andere werden vielleicht die Zeiten des Zuhauseseins, über die sie jetzt jammern, vermissen, wenn sie wieder frühmorgens zur Arbeit gehen müssen. Andere werden vielleicht ein paar Elemente des vereinfachten Lebensstils beibehalten, weil sie erkannt haben, dass nachhaltiges Leben mit einem Gewinn an Lebensqualität verbunden sein kann. Ganz unverändert wird die westliche Welt nicht aus dieser Krise heraustreten, ob ein größerer Wachstumsschub im Sinn der Bewusstseinsevolution stattfindet, dürfen wir hoffen, trotz zweifelhafter Ausgangslage.


Finden wir zur gemeinschaftlichen Vernunft?


Der deutsche Philosoph Markus Gabriel steht vor der gleichen Ungewissheit, wenn er schreibt: „Warum löst eine medizinische, virologische Erkenntnis Solidarität aus, nicht aber die philosophische Einsicht, dass der einzige Ausweg aus der suizidalen Globalisierung eine Weltordnung jenseits einer Anhäufung von gegeneinander kämpfenden Nationalstaaten ist, die von einer stupiden, quantitativen Wirtschaftslogik angetrieben werden?“

Die suizidale Wirtschaftsordnung, die Gabriel anspricht, ist aus der gleichen Quelle von Angst und Scham genährt, die in der Viruskrise die Menschen umtreibt. Suizidal wird, wer den Kontakt mit dem Leben und seinen einfachen Schätzen verloren hat, wer also in der Angst feststeckt und auf den Tod zusteuert, weil er sich überall vom Tod bedroht fühlt. Und diese Form des Selbstmordes betrifft nicht eine einzelne lebensmüde Person, sondern das ganze Kollektiv. Wenn einige mit entsprechender Macht ausgerüstete Menschen einen suizidalen Kurs steuern, ist die gesamte Menschheit mitbetroffen. 

Das neue Programm, das wir uns in der gegenwärtigen Phase bewusst machen können und das eine menschenwürdige Zukunft verspricht, muss jenseits von Angst und Scham gesucht und gefunden werden. Es wird angetrieben von der unsterblichen Idee der gemeinschaftlichen Vernunft, die all die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse ausgleichen kann, sodass jedem Menschen ein seiner Würde entsprechender Platz in der Gesellschaft gegeben werden kann. Dazu sollten sich alle zusammentun, die die Menschheit als Ganze in ihrem Geist fassen können und die Umrisse für eine neue Weltordnung zu entwerfen und ihre Umsetzung anzupacken. 

Oder, im Pathos von Markus Gabriel: „Nach der virologischen Pandemie brauchen wir eine metaphysische Pan-Demie, eine Versammlung aller Völker unter dem uns alle umfassenden Dach des Himmels, dem wir niemals entrinnen werden. Wir sind und bleiben auf der Erde, wir sind und bleiben sterblich und fragil. Werden wir also Erdenbürger, Kosmopoliten einer metaphysischen Pandemie. Alles andere wird uns vernichten und kein Virologe wird uns retten.“

Vielleicht stehen wir nicht vor der Alternative zwischen Rettung oder Vernichtung, sondern zwischen einer Zukunft mit mehr oder weniger Menschlichkeit, zwischen mehr oder weniger Verbundenheit, zwischen mehr oder weniger gemeinsamer Vernunft. Wie auch immer: Jeder Moment zählt, und es zählt, ob er in die eine oder in die andere Richtung investiert wird, von mir, von dir, von uns allen. 

Das menschliche Maß, das die Ethik anstrebt, finden wir nur jenseits der Ängste, dort, wo sich der Blick über den Tellerrand hinauswagt und das große Ganze der Menschheit und des Universums in seiner Erhabenheit erkennt, um sich dort einzuordnen.

Zum Weiterlesen:
Eine Krise des Neoliberalismus