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Mittwoch, 1. März 2023

Alles zu seiner Zeit: Über die Ungeduld in der Therapie

Immer wieder hören wir von Klienten, dass sie sich schnellere Veränderungen bei ihren problematischen Verhaltensmustern und Gefühlsabläufen wünschen. Sie wären gerne nach ein paar Stunden frei von allen Zwängen und Störungen und beklagen die Langsamkeit der inneren Entwicklung. Wir kriegen dadurch manchmal als Therapeuten den Eindruck, dass sie mit uns und dem, was wir ihnen anbieten, unzufrieden sind und machen uns selbst dann einen Druck, um schneller bessere Resultate zu erzielen. 

Es ist verständlich, dass Menschen ihre Leidenszustände so schnell wie möglich loswerden wollen. Jede Form von Leiden belastet und macht unglücklich und erzeugt verständlicherweise die Ungeduld, das Schwierige und Bedrückende möglichst schnell wieder loszuwerden. Deshalb besteht die Erwartung an die Therapeuten oder andere, die Linderung und Heilung anbieten, zügig und sicher Abhilfe zu verschaffen. 

Seelenreparatur?

Oft steckt eine Einstellung dahinter, die die eigene Seele wie ein defekt gewordenes Gerät sieht, das man in eine Werkstatt bringt, wo es vom Experten repariert wird. Diese Einstellung, die die eigene Seele zum leblosen Objekt macht, ist selber Teil des Problems. Denn es zeigt, wie weit sich jemand von sich selbst und seinem Inneren entfernt hat. Es ist aber nicht weiter verwunderlich, dass sich solche Meinungen bilden, weil sie sehr weit verbreitet sind. Wer ein Problem hat, sucht sich einen Fachmann oder eine Fachfrau, und diese haben dann die Verantwortung, dass das Problem gelöst wird. 

Zurück zur Lebendigkeit

Die Aufgabe der Therapie liegt vor allem darin, die Natur der eigenen Seele kennenzulernen. Sie ist eben kein Ding, sondern etwas sehr Lebendiges. Sie hat ihre eigene Zeitstruktur, die sich von dem unterscheidet, was unser flottes oder hektisches Denken vorgeben möchte. Die seelischen Abläufe sind viel langsamer als die in unserem Kopf. Das ist der erste Grund, warum die Heilung auf der seelischen Ebene Zeit braucht, nämlich genau die Zeit, die es braucht, und nicht die, die unser ungeduldiges Denken einfordert. Der zweite Grund ist ebenso offensichtlich: Was sich über Jahre und Jahrzehnte in unsere Seele eingegraben hat, kann nicht von heute auf morgen einfach verschwinden. Unsere Seele muss umlernen, neue Sichtweisen erwerben, alte Gewohnheiten aufgeben usw. Und jedes neue Lernen erfordert Zeit; wir haben auch nicht sofort Rad fahren oder schwimmen können, sondern haben Zeit gebraucht, bis wir diese Tätigkeiten ohne nachzudenken ausführen konnten. Reaktionsmuster, die wir im Lauf unserer Kindheit erworben haben, haben sich fest in den Netzwerken unseres Gehirns etabliert, weil sie oft und oft in unserem Leben wiederholt und dadurch gefestigt wurden. Aus jeder Verletzung und Traumatisierung sind solche Bahnungen in unserem Gehirn entstanden, die eine so große Bedeutung erlangt haben, weil sie in extrem bedrohlichen Situationen gebildet wurden. 

Veränderung und Widerstand

Daraus folgt der dritte Grund: Es gibt gegen jede Änderung Widerstände. Schließlich hat alles, woran man sich gewohnt hat, so lästig und störend es sein mag, auch seine Vorteile. Die Themen, mit denen wir in der Therapie arbeiten, sind Überlebensstrategien, die wir in der Kindheit erworben haben, um unter emotional fragilen Umständen über die Runden zu kommen. Sie haben also einmal unser Überleben gesichert. Das weiß unser Unterbewusstsein und will sie deshalb nicht so mir nichts dir nichts hergeben. Unsere Seele verfügt über ausgesprochen konservative Seiten. Je mehr Ungemach in unserem Leben passiert ist, desto stärker sind diese Seiten ausgeprägt. Sie wollen das, was einmal funktioniert hat, nicht aufgeben und glauben, dass es auch für alle zukünftigen Herausforderungen geeignet ist. Jeder Widerstand gegen Veränderung bremst das Tempo der Heilung. Wie wir wissen, können Widerstände nicht einfach ignoriert oder durchbrochen werden. Vielmehr müssen sie beachtet und für ihren langjährigen Dienst anerkannt werden. Dann jedoch gilt es, sie zu überwinden und ihnen keine Bedeutung mehr zuzumessen. Erst dann ist es möglich, die Gefühle, die mit den ursprünglichen Prägesituationen verbunden sind, zuzulassen, durchzufühlen und auszudrücken. Dafür braucht die Seele viel Zeit, Qualitätszeit, die mit Bewusstheit und Achtsamkeit begleitet wird und die am besten mit jemandem verbracht wird, der eine bedingungslose Zuwendung und Präsenz anbieten kann und der auch die notwendige Geduld aufbringt. 

Der Bann der Schnelligkeit

Ein weiterer Aspekt, der bei der Ungeduld der Menschen in Bezug auf ihre therapeutischen Fortschritte mitspielt, ist die in unserer Gesellschaft wirksame Beschleunigung: Alles soll immer schneller und schneller gehen. Im Maß dieser Beschleunigung wächst unsere Ungeduld. Wir gehen nicht mehr ins Geschäft nebenan zum Einkaufen, weil das viel mehr Zeit braucht, als wenn wir mit ein paar Klicks online bestellen, und rechnen auch dann mit einer Lieferung innerhalb kürzester Frist. Wenn es mal länger dauert, wechseln wir gleich den Anbieter. Wie an anderem Ort ausgeführt, gelingt es in Österreich nicht, Tempo 100 auf Autobahnen einzuführen, weil die Entschleunigung so viele irrationale Ängste hervorruft. Das Immer-Schneller-Werden-Müssen hat etwas Zwanghaftes und Suchterzeugendes. Wir reden ja auch vom Rausch der Geschwindigkeit, ohne dabei zu erkennen, wie das Schnelle immer mehr das Langsame verdrängt, in unser aller Leben. 

Wir leben eben in einer Zeit, die von Ungeduld geprägt und durchdrungen ist. Zeit ist Geld, je schneller etwas geht, desto mehr Geld kann damit gemacht werden. Es ist eine ökonomische und maschinelle Zeit, die uns bis in unser Unterbewusstsein hinein beeinflusst und die der Seelenzeit entgegengesetzt ist. Es ist eine Zeit, die von vorgegebenen und anonymen Anforderungen bestimmt ist, und nichts mit der Natur und ihren Rhythmen, in die auch unsere Seelen eingebunden sind, zu tun hat. 

Entschleunigung

Diese Seele in ihrer Natürlichkeit wiederzufinden, ist das Ziel des therapeutischen Bestrebens. Als Therapeuten sind wir gefordert, diese Zielrichtung immer im Blick zu behalten. Selber können wir, so gut wir es vermögen, unsere eigene Seele in ihrer Zeitform einbringen und der Klientin dabei helfen, aus der Beschleunigung der Welt auszusteigen und sukzessive langsamer und damit bedächtiger zu werden. Achtsamkeit ist untrennbar mit Entschleunigung verbunden.  

Erwartungen der Therapeuten

Doch auch als Therapeuten sind wir nicht frei vom Bann des Beschleunigungs- und Geschwindigkeitswahns. Auch wir kennen die Ungeduld mit Klienten und ihren Widerständen. Wir vermeinen ja schon zu wissen, wohin sie kommen sollten und was es dafür braucht, dass sie dort hinkommen. Wir sehen sie in unserem geistigen Auge vor uns, ruhig und gelassen, reflektiert und einsichtig, ohne Jammern und Selbstanklagen, befreit von düsteren Stimmungen und Beziehungsproblemen. Und doch kommen sie jede Woche mit gleichen oder ähnlichen Klagen, mit gleichen oder ähnlichen Gemütszuständen. Wir merken zwar gewisse Fortschritte, aber sie gehen für unser Empfinden viel zu langsam vonstatten. Vielleicht zweifeln wir dabei an unseren eigenen Künsten, vielleicht spielt auch eine unterschwellige Abwertung der Klienten mit. 

Solche oder ähnliche Gedanken sind menschlich, allzu-menschlich. Sie spiegeln die mächtige Wirkung des sozialen Umfelds wider, der sich auch reflektierte und selbsterfahrene Menschen nicht vollständig entziehen können. Diese Gedanken und die damit verbundenen Gefühle gehören aber nicht zur professionellen Haltung, die wir für diesen Beruf brauchen. Deshalb ist es wichtig für das therapeutische Arbeiten, sich die Ängste bewusst zu machen, die hinter dem Impuls zum Antreiben der Heilarbeit stecken. Dann können wir solche regressiven Anteile durch die Haltung des Vertrauens ersetzen. Diese besagt, dass es nicht an unseren Egos liegt, den Verlauf und die Dauer des Heilungsprozesses zu bestimmen, sondern an dem, was da heilen soll, also an der Seele. Wir vertrauen ihr den Prozess der Gesundung an und nehmen unsere engen und selbstbezogenen Vorstellungen, die von unbewussten Ängsten und Schamgefühlen gelenkt werden, zurück. 

Wenn uns also als Therapeuten solche Gedanken und Gefühle bewusst werden, liegt es an uns, die Gelegenheit beim Schopf packen, und dann besinnen wir uns auf unsere Seele, auf ihr unendliches Potenzial und ihre unerschöpfliche Tiefe und auf ihre ganz eigene Entwicklungsgeschwindigkeit. Damit können wir der Klientin das Vertrauen zu ihrer eigenen Seele weitergeben und ihr damit zur Geduld mit sich selbst verhelfen. Das ist der Nährboden für seelisches Wachstum und für nachhaltige Heilungsprozesse: Alles zu seiner Zeit. 

Zum Weiterlesen:
Geduld ist die Tugend der Glücklichen
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen

Samstag, 25. Februar 2023

Geduld ist die Tugend der Glücklichen

Wenn wir ungeduldig sind, sind wir nicht einverstanden, wie die Zeitstruktur der Wirklichkeit gerade beschaffen ist. Wir hätten gerne, dass irgendetwas schneller abläuft, als es gerade abläuft. Der Zug, auf den wir warten, soll schneller da sein, die Person, mit der wir weggehen wollen, soll schneller fertig werden, der Stau, in dem wir stecken, soll sich schneller auflösen usw. Wir geraten in Stress und machen die Umwelt dafür verantwortlich. Da sie sich nicht unseren Erwartungen gemäß verhält, erzeugt sie einen Druck in uns, der uns unangenehm ist und den wir so schnell wie möglich wieder loswerden möchten. Wir geraten in eine Opferrolle der äußeren Wirklichkeit gegenüber, denn sie alleine kann und muss dafür sorgen, dass es uns wieder besser geht und wir aus dem Stress herausfinden. 

Soziale Ängste 

Hinter der Ungeduld steckt die Angst, etwas zu versäumen, etwas nicht zu schaffen, etwas zu verlieren usw. Die Angst entsteht, weil unsere Erwartung zerstört wird, also die Fantasie, die wir über die Zukunft entwickelt haben, z.B. die Vorstellung, pünktlich zu dem Geburtstagsfest einzutreffen. Wir geraten in Stress, weil die ausbleibende Straßenbahn oder der Stau auf der Zufahrtsstraße unsere Pläne durchkreuzt und bewirkt, dass wir unpünktlich sein werden. Wir sind gerne zuverlässig und befürchten, dass wir wegen dem Zuspätkommen unsere Gastgeber enttäuschen und sie uns dann für unzuverlässig halten. Im Grund plagt uns die Angst, weniger gemocht zu werden und in der Achtung unserer Mitmenschen zu sinken, die den Stress auslöst.

Ungeduld und Wut

Hinter der Ungeduld steckt auch eine Aggression. Sie ist der Gegenpart zur Ohnmacht, die mit Situationen verbunden ist, über die wir keine Kontrolle haben, die wir also nicht in unserem Sinn gestalten können. Wir sind der Langsamkeit anderer Menschen oder der Säumigkeit von anderen Abläufen ausgeliefert. Der Zorn gibt uns das Gefühl, Einfluss ausüben zu können und zu müssen. Wir erlangen also ein Stück der Kontrolle zurück. Selbst wenn wir nur schimpfen und hadern, bekommen wir den Eindruck, dass wir etwas Macht ausüben können. Wir fühlen uns handlungsfähig. Wir stellen der widrigen Wirklichkeit eine Energie von uns gegenüber und fordern sie heraus. Wir wollen sie mit unserer Kraft zwingen, dass sie sich unseren Vorstellungen gemäß verhält. Wir beschweren uns über das, was uns da zugemutet und auferlegt wird und wir klagen an, dass uns ein Stress bereitet wird. Die Wut suggeriert uns, dass wir der Opferrolle nicht ausgeliefert sind, sondern dass wir uns wehren können. 

Allerdings wird es in den meisten Fällen so sein, dass unsere Wut nichts ausrichtet. Der Zug kommt nicht schneller, auch wenn wir uns noch so ärgern. Der Stau reagiert nicht auf unseren Gemütszustand. Und der Mitmensch, dem wir unseren Zorn über seine Saumseligkeit entgegenschleudern, wird möglicherweise selbst zornig reagieren und damit auch nicht schneller unsere Erwartungen erfüllen. Mit der Wut können wir zwar ein wenig von unserem Stress loswerden, steigern aber unter Umständen den Stress in unserer Umgebung.

Ungeduld und Scham

Hinter der Ungeduld stecken auch Schamgefühle. Denn die Ungeduld nährt sich aus Erwartungen und sozialen Zusammenhängen. In den meisten Fällen geht es darum, dass wir fürchten, die Erwartungen anderer Menschen zu enttäuschen, was uns Schamgefühle beschert. Manchmal geht es auch um Erwartungen, die wir an uns selber haben, wenn wir z.B. ungeduldig sind, weil wir eine Arbeit nicht in der Zeit schaffen, die wir dafür vorgesehen haben. In diesen Situationen schämen wir uns vor uns selbst und werten uns ab, weil wir nicht unserem Ideal entsprechen. 

Das Üben der Geduld

Zunächst sollten wir einsehen, dass jeder Stress in uns selber entsteht. Wir verfügen nicht über einen Knopf, auf den andere Menschen oder Reize aus der Umwelt drücken, und dann spüren wir uns gestresst. Wir deuten bestimmte Ereignisse in unserer Umgebung so, dass sie uns bedrohen, und das löst dann die Stressreaktion aus. Meist erfolgt diese Interpretation unbewusst, aber sie erfolgt in uns. Wir sind es also, die den Stress produzieren, und wir sind dafür verantwortlich. Wir haben also auch die Verantwortung, den Stress wieder zu beruhigen, z.B. indem wir unsere Ausatmung entspannen und langsamer atmen. Wir können die unangenehme Wartezeit in eine Meditationszeit umwandeln. Wir können uns mit etwas beschäftigen, das uns entspannt und interessiert. Wir haben viele Möglichkeiten, um vom Stress herunterzukommen, die wir erst ergreifen können, sobald wir erkennen, dass unser Stress hausgemacht ist. 

Dann geht es auch darum, zu erkennen, dass wir uns in der Ungeduld und dem Ärger, der in ihr steckt, mit der Wirklichkeit zerstreiten. Wir stellen uns über sie drüber und wollen sie beherrschen. Doch ist das ein sinnloser Anspruch. Bekanntlich wachsen die Grashalme nicht schneller, wenn wir sie antreiben. Die Wirklichkeit ist immer mächtiger als wir selbst. Alles, was sie von uns einfordert, ist Akzeptanz: Das Annehmen dessen, was jetzt gerade ist. Das, was wir wollen, kommt immer erst hinter dem, was ist. Beim Streit mit der Wirklichkeit unterliegen wir immer. Sobald wir aber akzeptieren, was ist, öffnen sich unsere Handlungsräume. Wir gewinnen einen Überblick über die Möglichkeiten, die wir haben, z.B. eine andere Route zu wählen, die entstandene Wartezeit mit anderen Inhalten zu füllen usw. Auf diese Weise versöhnen wir uns mit der Wirklichkeit, und der Stress löst sich. Wir können das genießen, was gerade ist. In diesem Sinn meint Spinoza: „Geduld ist die Tugend der Glücklichen.“

Das Leben bereitet uns immer wieder Überraschungen, und zu den unangenehmen Überraschungen zählt alles, was uns ungeduldig macht. Wir fallen aus dem Fluss des Lebens heraus und auf uns selber und unser starrsinniges Ego zurück. Es will uns einreden, gegen das Leben zu kämpfen, um unsere Interessen und Vorstellungen durchzubringen. Doch ist dieser Kampf aussichtslos. Wir werden ihn nie gewinnen, sondern nur noch mehr Stress aufbauen.

Die Geduld zu erwerben und zu vergrößern, ist ein Prozess in der Vertiefung unserer Bewusstheit. Jede Regung der Ungeduld in uns ist eine Chance, mehr in die Akzeptanz der Wirklichkeit zu gehen und unser Ego zurückzustufen. Mehr Geduld bedeutet mehr Lebensqualität. Rainer Maria Rilke schreibt: „Ich lerne es täglich, lerne es unter Schmerzen, denen ich dankbar bin: Geduld ist alles!“

Zum Weiterlesen:
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen
Der notorische Selbstzweifel
Akzeptiere was ist - einfach ist es nicht


Sonntag, 24. Januar 2021

Der notorische Selbstzweifel

Ich kriege nie einen guten Job, die richtige Freundin, genug Geld. Ich werde es nie schaffen, zufrieden zu sein oder gar glücklich. Ich schneide immer schlechter ab als die anderen. So viel ich mich auch bemühe, ich komme nie über einen Durchschnitt hinaus. Nichts kriege ich auf die Reihe.

So oder so ähnlich klingt der Selbstzweifel, der gerne in Form von Loops seine Kreise im Kopf zieht. In therapeutischen Belangen hört es sich z.B. so an, wenn sich Klienten bei der Therapeutin beschweren:

Ich werde dieses Muster nie los, soviel habe ich schon probiert, immer wieder kommt es. Das schaffe ich nie. Alles, was ich da schon ausprobiert habe, hat nicht geholfen. Ich war schon bei so vielen Therapeuten, aber bin nicht weitergekommen. Ich komme immer wieder zum gleichen Punkt, trotz all der Bemühungen es zu verändern.

Der notorische Selbstzweifel

Zweifel ist eine Angst, die sich ins Denken übersetzt hat, wie schon in einem früheren Artikel beschrieben. Bei wiederkehrenden Selbstzweifeln sind es chronische Ängste, die diese Gedankenschleifen befeuern. Sie machen das Zweifeln zur Gewohnheit, damit sie nicht als Ängste gespürt werden müssen, was noch unangenehmer wäre.

In den Zweifeln vor einem und im Verzweifeln am Weiterkommen im Leben spiegeln sich Kindheitserfahrungen, in denen die Ängste entstanden sind, die sich dann später im Zweifeln kognitiv manifestieren. Eltern haben ihre Zweifel an der Entwicklung ihrer Kinder, vor allem, wenn sie nicht ihren Vorstellungen und Erwartungen gemäß verläuft. Damit bleiben sie den Kindern die emotionale Unterstützung schuldig, das Vertrauen, das die Kindern brauchen, um die eigenen Fähigkeiten und Kräfte zu entwickeln. Die Eltern investieren vielleicht viel in Förderung, Zusatzbildung oder Nachhilfe bei ihren Kindern, wenn aber die emotionale Sicherheit fehlt, wird es für ein Kind viel schwieriger, sich zu behaupten und zu entwickeln. Das wiederum führt zur Verstärkung des Zweifels und des Erwartungsdrucks seitens der Eltern.

Solche Themen bilden häufig den Hintergrund von Konflikten, die dann in der Pubertät kulminieren, der Zeit, in der die Jugendlichen ihren Lebensweg selbst in die Hand nehmen wollen. Die Eltern stützen sich auf ihre längere und umfangreichere Lebenserfahrungen, während die Jugendlichen den Eindruck haben, die Alten haben keine Ahnung von der Welt, in der sie leben und auf die sie sich vorbereiten. In diesen Konflikten mischen frühe Prägungen mit, sowohl solche, die die Eltern aus ihrer Kindheit mitgebracht haben, als auch solche, die die Jugendlichen im früheren Alter erlebt haben. Es ist ein gesundes Zeichen, wenn die Jugendlichen in diesem Alter das Eigenrecht auf ihre Entwicklung zurückfordern, Erwartungen, die für sie nicht passen, zurückweisen und den Zweifeln der Eltern keine Gefolgschaft leisten.

Zweifel und Verzweiflung

Verzweiflung tritt auf, wenn der Zweifel nichts mehr fruchtet. Vermutlich kommen alle Eltern zeitweise an solche Punkte mit ihren Kindern: Mein Kind wird nie durchschlafen, reden, sauber werden usw. Sie vergleichen vielleicht mit anderen Kindern in der Bekanntschaft und Verwandtschaft und fürchten, dass das eigene Kind in einem Bereich zurückbleibt und damit eine schlechte Basis für das weitere Leben hat. Solche Zweifel sollten die Eltern für sich behalten und nicht den Kindern vorwerfen. Sie sollten darauf achten, dass sich das Zweifeln nicht in den Vordergrund spielt, sondern dass sie es als Symptom von Überlastung und Erschöpfung verstehen. Stärker muss immer das Vertrauen sein, dass sich alles gut und in seiner Zeit entwickeln wird. Dann wird dem Kind ein Vertrauen vermittelt, das es als Basis für das Weitergehen übernehmen kann.

Wenn die Zweifel allerdings notorisch auftreten und immer wieder mit Verzweiflung angeheizt werden, wenn also massivere Ängste von Seiten der Eltern mitwirken, können sie im Kind als gewohnheitsmäßige Selbstzweifel unbewusst abgespeichert werden. Eltern, bei denen der Zweifel am Wachsen ihrer Kinder das Vertrauen überwiegt, bringen meist ein Misstrauen aus der eigenen Geschichte mit: Ein Misstrauen, das sie sich selber gegenüber aufbringen und das ebenso auf die Kinder gerichtet ist. Sie hatten Eltern, die wenig Vertrauen in sich selbst als Eltern und in das Aufwachsen ihrer Sprösslinge hatten.

In der Folge tritt im Leben der Kinder oft ein Schwanken zwischen Vertrauen und Zweifeln auf, wobei die Zweifel phasenweise selbstquälerische Ausmaße annehmen können, oft in Zusammenhang mit äußeren Krisen oder Misserfolgen. In extremeren Situationen kippt dann leicht der Zweifel in die Verzweiflung und bewirkt unter Umständen Verzweiflungshandlungen oder Verzweiflungsunterlassungen.

Mangel an Geduld

„Wo Geduld und Demut ist, da ist weder Zorn noch Aufregung.“ (Franz von Assisi)

Zweifel werden häufig von Ungeduld angetrieben. Was sich nicht gleich und sofort im gewünschten Sinn verändert, schürt Zweifel an den eigenen Fähigkeiten. Statt an deren Verbesserung zu arbeiten, wählt der Zweifel die Selbstgeißelung, die Selbstbestrafung mittels Selbstabwertung. 

Geduld ist nicht jedermanns Sache, hört man oft. Ist es so, dass die einen mehr davon haben als die anderen? Gibt es also die Geduldigen oder die Ungeduldigen? Wir sind ungeduldig, wenn wir unter Anspannung stehen, wenn wir dringend etwas erledigen müssen, wenn wir unter Druck stehen. Wir glauben, etwas Wichtiges zu versäumen, und schon werden wir ungeduldig. Sobald der Druck abfällt, ist die Ungeduld weg. In der Ungeduld bildet sich die Unzufriedenheit der Eltern mit dem eigenen Werden ab, in der Geduld das Mitgefühl mit sich selbst und mit dem eigenen Entwicklungstempo.

Geduld ist also geprägt von der Abwesenheit von Stress, getragen von Vertrauen und Zuversicht: Alles kommt und geschieht, wenn die Zeit reif ist. Selbstzweifel dagegen entstehen aus Druck und Unruhe und erzeugen wiederum Stress. Geduld streckt die Zeit in die Länge, Zweifel ziehen sie zusammen. Geduld ist langatmig, Zweifeln verleitet zur Kurzatmigkeit.

Selbstzweifel enthalten Lernchancen

Manchmal gelingt es, Selbstzweifel in Veränderungspläne umzumünzen. Das ist der kreative Ausweg aus der Qual des Zweifelns: Nachzuschauen, worauf der Selbstzweifel zielt und sich zu fragen: Was kann ich wie in meinem Leben verbessern, damit ich mit mir zufrieden sein kann? Die Zweifel werden dann zu Orientierungspfeilen, die die Richtung für Lebensveränderungen anzeigen und verlieren ihre krampfhaften und selbstquälerischen Aspekte.

Leben mit Schwächen und Einschränkungen

Was wir uns darüber hinaus immer wieder klarmachen sollten, wenn uns Selbstzweifel beschäftigen: Wir haben nur dieses eine Leben mit seinen vielfältigen Beschränkungen zur Verfügung. Es ist ein Geschenk, das wir ohne jeden Verdienst empfangen haben. Warum sollten wir daran zweifeln? Es sind unsere beschränkten Vorstellungen, die uns vor uns selbst als ungenügend erscheinen lassen. Was wissen wir schon, wie ein „richtiges“ Leben sein soll? Welche Maßstäbe setzen wir uns vor, und von wem stammen sie? Wieso sollten sie für uns gelten? Die Erforschung dieser Fragen geben uns Aufschluss über die Wege aus den selbstschädigenden Gewohnheiten des Selbstzweifelns.

Selbstzweifel gelten nicht nur dem ungenügenden, mangelhaften und scheiternden Selbst, sondern darüber hinaus noch dem Größeren, der Welt. Wir alle sind eine Hervorbringung dieser Welt, entstanden aus dem Füllhorn des Lebens, das sich entfaltet und entwickelt. Das Leben glaubt an uns mit einem bedingungslosen Ja, das uns von Moment zu Moment leben lässt. Stimmen wir uns darauf ein, so sind alle Zweifel weggeblasen.

Wenn wir dagegen an uns zweifeln, zweifeln wir auch an dieser schöpferischen Kraft, der wir alles verdanken und die uns mitsamt unseren Grenzen hervorgebracht hat. Es ist eine Kraft, die weit über unser Begreifen hinausgeht und von unserem Zweifeln nicht erfasst wird. Es ist nur unser begrenztes Begreifen, an dem wir scheitern, wenn wir zweifeln. 

Wie oft müssen wir die Erfahrung machen, dass die Lösung unserer Probleme immer wieder geduldig hinter der Ecke auf uns wartet, während wir lieber in unseren fragenden und irritierten Gedanken kreisen, als den Schritt um die Ecke zu riskieren? Wie viele Möglichkeiten zur Befreiung haben wir schon übersehen, weil wir so in uns selber verfangen waren?

Bescheidenheit und Demut sind Haltungen, mit denen wir unser Sein mit seinen Stärken und Schwächen, mit seinen entwickelten und zurückgebliebenen Seiten, mit seinen Fähigkeiten und Begrenzungen umfangen und gutheißen. Sie führen uns aus dem Selbstzweifel heraus, der nie ganz frei von Anmaßung und Besserwisserei ist. Unsere Grenzen bringen uns nicht in die Mittelmäßigkeit und Durchschnittlichkeit, sondern weisen uns auf unseres inneres Zentrum hin, auf das Zentrum unserer einzigartigen Individualität. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, finden wir zum Frieden mit uns selbst.

Zum Weiterlesen:
Vom Sinn und Unsinn des Zweifelns
Der Zweifel als Prüfstein für das Ego
Selbstzweifel und Scham

 

Dienstag, 27. August 2013

Geduld: Sich dem Leben anvertrauen

Verlange nicht, dass die Dinge gehen, wie du es wünschst, sondern wünsche sie so, wie sie gehen, und dein Leben wird ruhig dahin fließen. (Epiktet, Enchiridion 8)

Quelle
Dieses Zitat des Stoikers will uns sagen, dass wir auf den Fluss des Lebens vertrauen können. Das Leben führt uns, und wir passen uns diesem Strom an. 

Die Wünsche, die in uns auftauchen, können wir dem Fluss anvertrauen, ohne fixiert und stur auf ihnen zu beharren. Lassen wir die Wünsche wie kleine Schiffchen mit Lichtern
auf dem dahinfließenden Wasser treiben.

Die Wünsche, die uns das Leben erfüllt, sind die stimmigen; die es uns verweigert, sind nicht stimmig oder brauchen noch Zeit. Johann Wolfgang von Goethe schrieb: „Man säe nur, man erntet mit der Zeit.“ (Und meinte damit wohl auch die Frauen).  Wir geben den Impuls, und vertrauen darauf, dass das geschieht, was sein soll.

Wenn wir auf unseren Wünschen beharren, üben wir Druck aus auf das Leben. Wenn die Erfüllung nicht eintritt, werden wir angespannt, so überträgt sich dieser Druck auf uns, und wir leiden daran. Wir müssen dem Leben die Zeit lassen, die es braucht. Wenn Menschen eine belastende Erfahrung erleben, die sie unter Druck und Schock versetzt, brauchen sie Zeit, um das zu verarbeiten. Wird ihnen diese nicht gewährt, weil der Druck weitergeht oder neue belastende Erfahrungen dazu kommen, wird das Ereignis als Trauma abgespeichert und nimmt dem Leben Energie weg für seine Verbannung ins Unterbewusste. 

Dort liegen die Quellen von Ungeduld. Und Ungeduld ist eine der wichtigsten Quellen von Unzufriedenheit. Dazu noch ein Zitat: "Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld." (Franz Kafka)

Wollen wir also zufriedener in und mit unserem Leben sein: Wann immer wir ungeduldig sind, können wir uns darauf besinnen: Es ist das Leben, das bestimmt, was passiert und was nicht. Wir müssen das nicht mit unserem kleinen Verstand kontrollieren und überwachen. Wir müssen uns nicht über alles kümmern, wir haben genug zu tun mit unseren kleinen Dingen. Das Zeitmanagement im Großen können wir dem Größeren überantworten.