Freitag, 31. Januar 2020

Gibt es Grenzen des Mitgefühls?

Mitzufühlen ist eine Grundeigenschaft der Menschen, die diese Fähigkeit brauchen, um als Gruppenwesen füreinander da zu sein, wenn Not besteht und jemand Unterstützung braucht. Wir können uns in vielen Situationen des Lebens nicht alleine helfen und sind darauf angewiesen, dass uns jemand hilft. Dazu dient das Mitgefühl, das dazu motiviert, dem Schwachen unter die Arme zu greifen, der Kranken zur Seite zu stehen und der seelisch Leidenden Trost zu spenden. 

Das Mitfühlen hat aber auch seine Grenzen. Angesichts des massiven Leides, das auf dieser Erde herrscht, werden wir irgendwann unempfindlich. Es überfordert unsere kognitiven Kapazitäten und unsere Vorstellungskraft sowie das Nervensystem und erzeugt Stress. Wenn wir etwas Distanz gegen die Überflutung gewinnen können, wie sie uns medial begegnet, kann sich das Mitgefühl wieder regen. 

Die Nächsten und die Übernächsten 


Aus dieser Überlastung heraus entwickeln wir Abwehrformen gegen das Leid und Kategorien für das Mitgefühl. Wir unterscheiden die Nächsten, die Näheren und die Ferneren und dosieren dementsprechend unser Betroffensein. Den Nächsten zu lieben, fällt meistens leichter als dem Übernächsten und noch weiter Entfernten unsere Liebe zu schenken. Dennoch hat das Mitgefühl keine natürliche Grenze, ab der es nicht mehr wirkt, sondern ist grundsätzlich unendlich.   

Das Mitgefühl hat eine ererbte Komponente, hier nicht im genetischen Sinn gemeint, sondern bezogen auf die vor allem elterlichen Vorbilder, mit denen Kinder aufwachsen. Eltern, die ihr Mitgefühl auf den engen Familienkreis beschränken und über andere, die nicht dazugehören, schlecht reden, obwohl sie vielleicht arm dran sind und Hilfe bräuchten, können den Kindern eine zwiespältige Haltung weitergeben: Wer mir nahe ist, verdient Rücksichtnahme und Fürsorge, wer weiter weg ist, soll selber schauen, wie er zurechtkommt und ist eher eine Bedrohung, der mit Misstrauen begegnet werden soll.
  
„Man kann sich schließlich nicht um alle kümmern.“ So lautet das Credo des selektiven Mitgefühls. Auch wenn diese Aussage logisch klingt, verwechselt sie Mitgefühl mit hilfreichem Handeln. Sie dient auch zur Abwehr, um das Elend und Leid anderer Menschen nicht an sich heranlassen zu müssen.  

Denn die moralische Frage bleibt: Kümmere ich mich um genug viele Menschen, oder beschränke ich mein mitfühlendes Handeln auf eine viel zu kleine Zahl? Es gibt in diesem Zusammenhang keine absoluten Maßstäbe, und die ebenso gebräuchliche Aussage: „Ich bin ja nicht die Mutter Teresa“ führt hier nicht weiter. Die individuelle Verantwortung muss jeder für sich definieren und vor sich selbst rechtfertigen. 

Wir müssen für uns selber die Linie finden, wo wir aus ehrlichem Herzen für andere da sein können und Hilfe geben und wo wir nur aus “schlechtem Gewissen” oder aus einer angenommenen Rolle helfen, aus einem diffusen Pflichtgefühl, angetrieben von Schuldgefühlen. Das bekannte Syndrom des zwanghaften Helfens stammt häufig aus einer Rolle, die ein Kind früh in einer dysfunktionalen Familie angenommen hat, um das System zu stabilisieren und die Schwächen der Eltern auszugleichen. Im späteren Leben resultiert aus dieser Rolle häufig ein Burn-Out. Dieses Muster hat nichts mit Empathie zu tun, sondern mit unzureichenden Versuchen, Empathiemängel der eigenen Kindheit über das Tun für andere auszugleichen. 

Eine andere Reaktion auf fehlendes Mitgefühl in der eigenen Geschichte ist die Abhärtung, das Sich-Abfinden mit dem Defizit und das Einlassen auf ein trotziges Überlebensmuster, das sich selbst und auch den anderen wenig gönnt. Empathie auf Sparflamme heißt auch Leben auf Sparflamme. 

Der Preis der Herzenshärte 


Wer sein Herz verhärtet, mutiert schließlich zum Unmenschen. Manche tun so, als könnten sie selektiv ihr Mitgefühl abstellen - gegen die Fremden usw., während sie für Freunde oder ihre Familie da sind. Aber jede Verhärtung des Herzens führt zur inneren Abstumpfung und schädigt die Beziehungsfähigkeit auf allen Ebenen. Die brutalen KZ-Wächter, die abends mit ihren Kindern spielten, verstellen sich für eine verlogene Idylle, mit der die eigenen Kinder missbraucht werden; viele dieser Kinder haben später mit ihrem Vater gebrochen und die Abwehrmechanismen der Falschheit, Selbsttäuschung und Abspaltung, die hinter diesem Doppelspiel stecken, durchschaut.  

Ehrlicher klingt ein Vietnamveteran, der am Tag nach dem grausigen Tod eines Kameraden bei einer Patrouille Kinder erschossen und eine Vietnamesin vergewaltigt hat und später erkennen musste, dass er seinen eigenen Kindern nicht mehr in die Augen schauen kann, weil dabei die Leichen der vietnamesischen Kinder auftauchen. Es braucht einen langen Weg der inneren Heilung, dass die tiefe Scham, die mit solchen Erfahrungen verbunden ist, gelöst werden kann, eine Arbeit, die viel mit Selbst-Mitgefühl zu tun hat. Wenn diese innere empathische Beziehung wieder aufgerichtet werden kann, wird sich wie von selber das Mitgefühl ausweiten und die Opfer der eigenen Gewalttätigkeit ebenso umfassen wie die Opfer jeder anderen Misshandlung. 

Universelles Mitgefühl 


Das Mitgefühl ist mehr als ein Gefühl. Es ist eine innere Ausrichtung, eine Haltung und Einstellung, die wir willentlich einnehmen und stärken können. Gefühle kommen und gehen, diese Abläufe sind von unserem Unterbewusstsein gesteuert. Zum Mitfühlen können wir uns entscheiden. Es ist eine Fähigkeit, die wir üben können und die in der Ausübung angenehme und erfüllende Gefühle erzeugt. Denn das Mitgefühl weitet das Innere, über die Enge der eigenen Interessen und Bedürfnisse hinaus. Es lässt das Ego in den Hintergrund treten und führt zu einem Gefühl der Verbundenheit über die eigenen Tellerränder hinaus hin zur großen Gemeinschaft der Menschen und der Natur. Das Bindemittel in diesem großen Netz ist das Mitgefühl, das durch all die vielen Kanäle fließen kann und auf diesen Wegen viele Wunden heilt. 

Deshalb kann das Mitgefühl nie selektiv sein. Denn jede Auswahl würde andere ausschließen, und dazu fehlt uns das Recht. In der Praxis beschränken wir das Mitgefühl und müssen es beschränken, wir sollten jedoch uns bewusst sein, dass jeder Versuch der Eingrenzung des Mitgefühls willkürlich ist, weil er Ausgrenzungen beinhaltet, so nichts auszugrenzen ist. Alle fühlenden Wesen verdienen unsere Empathie, wie es in den buddhistischen Übungen heißt. Wir finden erst dann unseren vollständigen inneren Frieden, wenn ihn alle andere gefunden haben, und solange dieses Ziel nicht erreicht ist, gilt es, den Mangel an Frieden mit Mitgefühl auszufüllen, durch beständiges Üben im Ausweiten der Horizonte unserer Empathie. 

Zum Weiterlesen:
Das Mitgefühl und das schlechte Gewissen
Das Mitgefühl zwischen Helfersyndrom und Gleichgültigkeit

Freitag, 24. Januar 2020

Krieg und Scham

Kriege erzeugen Lawinen an Scham – und sie werden aus Gründen der Scham begonnen und geführt. In allen Rechtfertigungskonstruktionen für Kriege geht es um eine verlorene oder bedrohte Ehre, die wiederhergestellt werden muss, also um eine Beschämung, die durch Gewalt aufgehoben werden soll. Kriege sollen Scham wiedergutmachen, ohne dass bemerkt wird, wieviel neue Scham durch die Gewaltanwendung ausgelöst wird. Außerdem wird übersehen, dass im Fall des Sieges der Feind durch die Niederlage beschämt wird und deshalb, zur Wiederherstellung der eigenen Ehre, nach Revanche trachtet. 


Freundschaft und Feindschaft


Es wird deshalb übersehen, weil es nur im Spiel nicht beschämend ist, jemanden zu besiegen. Im Spiel regiert entweder das Glück und der Zufall oder die bessere Leistungsfähigkeit in einer bestimmten Dimension, z.B. beim Schachspiel. Die Regeln sind überschaubar und vorher definiert. Spielerisch lernen wir, Niederlagen und Siege zu verkraften (also mit der Beschämung umzugehen) und uns selber besser einzuschätzen. Außerdem spielen wir mit Freunden, und Spiele stiften und vertiefen Freundschaften.

Der Krieg beruht auf dem Konzept der Feindschaft und nutzt die Anfälligkeit der Menschen für die Aktivierung von existenzielle Bedrohungen. Wir alle verfügen über Angstspeicher, die unsere Überlebensängste enthalten. Wenn die entsprechenden Schlüsselreize auftreten, spulen sich die angstgesteuerten Programme ab und bewirken, dass die Außenwelt als feindlich erlebt wird. Auf diese Weise können aus friedlich nebeneinander lebenden Nachbarn und Freunden Feinde werden. Die Entfesselung der Überlebensängste bewirkt die Bereitschaft zur Gewalt. Was mein Überleben bedroht, muss vernichtet werden.

Krieg kann es nur geben, wenn genügend Menschen in diesen Bedrohungszustand versetzt werden. Im Sinn der Polyvagaltheorie muss die vagale Bremse übersprungen werden, sodass die Energien des sympathischen Nervensystems voll zum Tragen kommen. Mitmenschen werden dabei in Feinde verwandelt, sie werden von harmlosen Zeitgenossen zu potenziellen Bedrohern des eigenen und des kollektiven Lebens. Die von der Kriegspropaganda angestiftete Kriegshysterie führt dazu, dass die Bedrohungsszenarien viral werden, von einer Person zur anderen übertragen werden, bis die ganze Gesellschaft infiziert ist. Das war in vielen beteiligten Ländern die Stimmung zu Beginn des 1. Weltkriegs, wie in vielen Augenzeugenberichten überliefert wurde.

Kriegsbedingte Persönlichkeitsdeformationen


Die Realität des Krieges führt zur Ernüchterung und zur Konfrontation mit der Scham. In vielfacher Weise deformieren die kriegerischen Handlungen und Erfahrungen das Selbstbild der beteiligten Menschen. Sie müssen das Freund-Feind-Schema in ihr ganzes Wesen implantieren. Es darf nichts dazwischen geben. Es muss Eindeutigkeit herrschen: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Die Fremden müssen umgebracht und die Eigenen geschützt werden. Damit schließt sich die Gruppe in der Gegnerschaft nach Außen fester zusammen, und im Inneren der Menschen wird das eigene Böse abgespalten und nach außen projiziert. Das eigene Handeln wird gerechtfertigt, auch wenn es den eigenen Werten widerspricht, da ja das Böse bekämpft wird.

Die Scham ist der unweigerliche Wächter vor jedem Selbstbetrug und markiert den Preis, der für jede Projektion bezahlt werden muss. Jeder Verlust der inneren Substanz, die mit Integrität bezeichnet wird, führt zu einem Schamgefühl. Wenn wir uns selbst verraten, schämen wir uns. Die Beteiligung an Kriegshandlungen geht nicht ohne diesen Selbstverrat, und entsprechend ist die Belastung mit Scham. Da es die massive Überlebensangst im Krieg nicht zulässt, diese Scham zu spüren, muss sie abgewehrt und umgewandelt werden. Eine häufige Umwandlung besteht in der Beschämung der Gegner. Von frühmittelalterlichen Kriegen ist überliefert, dass sich die Parteien lauthals gegenseitig beschmäht und beschimpft haben, bevor sie aufeinander losgegangen sind. Kriegsverbrechen sind ein Ausfluss der Schamabwehr.


Die Kriegsfolgen


Was bleibt nach dem Krieg? Ursprünglich hieß es, dass jeder selber mit seinen Erfahrungen zurechtkommen muss, außer Feiglingen und Hypochondern. Dann wurde deutlich, dass Kriegstraumatisierungen massive physiologische und psychologische Folgen haben und behandelt werden müssen. Die Wichtigkeit des Augenmerks auf die mit den Traumatisierungen verbundene Scham ist noch wenig bewusst. 

Aber das Ausmaß an vernichteten Menschen und Gütern bewirkt das Ausmaß an Scham. Bei den Verlierern senkt sie den Blick, bei den Siegern hebt sie ihn hoch. In beiden Fällen wird der Blick in den Spiegel vermieden: der Blick auf das eigene Versagen und auf das eigene Böse, der Blick, der am schwersten auszuhalten ist. 

Es gibt also keinen wirklichen Sieg nach einem Krieg, sondern nur unterschiedliche Formen der Beschämung. Kriege enden in der Regel durch die Erschöpfung, und wer weniger erschöpft ist, hat gewonnen. Alle kommen mit schmutzigen Händen aus dem Krieg zurück. Doch der Schmutz, der da klebt, ist die Scham, und die kann nicht einfach abgewaschen werden. Sie kann nur durch ein ehrliches und schonungsloses Erzählen und ein empathisches und nichtwertendes Zuhören gelöst werden. Jede Lüge, jede Vertuschung, jede Verherrlichung und jede Verdrehung von Fakten verhindert die Lösung und vertieft die Scham.


Kapitalismus statt schamgetriebene Machtpolitik


In Mitteleuropa wurde nach dem 2. Weltkrieg eine neue Erzählung versucht, die die Mechanismen der durch die Beschämung ausgelösten Rache außer Kraft setzen sollten. Angesichts der kolossalen Zerstörungen und der gescheiterten Ideologien blieb nur ein Neuanfang, der die Logik des Kapitalismus über die Logik der Machtpolitik stellte, indem man bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft durch wirtschaftliche Zusammenarbeit sicherstellen wollte, dass Kriege unwahrscheinlicher werden. Das Kalkül ist bis heute aufgegangen und hat den größten Wirtschaftsraum in einem Gebiet geschaffen, das seit Jahrtausenden Schauplatz zahlloser Kriege war.   

So erfolgreich diese Strategie in Hinblick auf die Eindämmung des Krieges und auf die Schaffung von Wohlstand war, so wenig leistete sie für die durch den Krieg ausgelösten psychischen und sozialen Konflikte. Denn die kapitalistische Produktions- und Konsummaschinerie kümmert sich nicht um das Innenleben der Menschen und ebensowenig um ihren Gruppenzusammenhalt. Deshalb leben und weben die Schamkonflikte weiter und erzeugen immer wieder übelriechende Blasen, die aus scheinbar unergründlichen Sümpfen aufsteigen. Der Morast enthält all die unverarbeiteten Schamthemen und Traumatisierungen, die vor Generationen entstanden sind und durch die Verleugnungen und Projektionen weiterwirken und verstärkt werden.


Schamthemen im Kapitalismus


Der Kapitalismus und die in ihm verankerte Gier als Triebkraft haben zusätzlich dazu weitere Schamkonflikte heraufbeschworen, mit noch bedrohlicheren Auswirkungen als alle bisherigen Kriege: Die globale Ungerechtigkeit und Ungleichheit, was Lebenschancen anbetrifft, und die voranschreitende Zerstörung der Biosphäre auf unserem Planeten. Und wir wissen bis dato nicht, welche Kriege durch die soziale Schieflage und durch die Verknappung der Lebensgrundlagen noch drohen können. Diejenigen, die am meisten davon betroffen sind, sind am stärksten mit der Beschämung konfrontiert, die diese Umstände auslösen. Die Erkenntnis, dass es sich die Wohlhabenden und Reichen immer besser richten können als die Minderprivilegierten, löst Scham und Hass aus.

Deshalb ist es die zentrale Aufgabe der reichen und privilegierten Länder und Gesellschaften, zum globalen sozialen Ausgleich und zum Schutz der Lebensgrundlagen alles in ihren Kräften Stehende beizutragen, statt überproportional fortgesetzt beide Bereiche zu verschlechtern. Nur so kann das Ausmaß an Beschämung und damit das Risiko künftiger gewaltsamer Konflikte verringert werden.

Montag, 20. Januar 2020

Kriegsverbrechen und Schamverdrängung

Warum sollten wir uns 75 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges noch mit diesem Ereignis beschäftigen?

Ich möchte hier die These vertreten: Jeder Mensch, der an einem Krieg beteiligt ist, ist mit Scham konfrontiert. Insbesondere jene, die an den Kampfhandlungen beteiligt sind, einschließlich derer, die die Befehle geben und die logistischen Planungen machen, geraten in massive Schamkonflikte, sodass jeder Krieg von ebenso massiver Propaganda und Ideologisierung begleitet werden muss, damit diese Konflikte unterdrückt und verdrängt werden können. Diese Schambelastungen, mit denen jeder Soldat aus einem Krieg zurückkehrt, haben eine andere Wucht und emotionale Gewalt als die unmittelbaren Traumatisierungen, denen jeder Kriegsteilnehmer zusätzlich ausgesetzt ist. Traumatisierungen zerstören Teile der Psyche der betroffenen Individuen. Die Wirkung der Scham trifft aber nicht nur den Kriegsheimkehrer selbst, sondern überträgt sich auf seine nähere Umgebung und verbindet sich mit all den Schamgefühlen, die in der betreffenden Gesellschaft bereits bestehen. Scham ist hochgradig ansteckend und wird, wenn sie nicht bewusst konfrontiert wird, auf lange Zeit konserviert.

Um diese Dynamik und ihre Weiterwirkung besser zu verstehen, möchte ich zunächst auf die sogenannte „Wehrmachtsausstellung“ eingehen, die vor 25 Jahren manche Gemüter erhitzt hat, immerhin schon 50 Jahre nach Kriegsende, weil diese Debatte in manchen Punkten symptomatisch für dieses Thema ist.

Die Wehrmachtsausstellung in den 90er Jahren


Die Wanderausstellung mit dem Titel „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“  zwischen 1996 und 1999 in Deutschland und Österreich gezeigt wurde, und das Ziel hatte, die Verstrickung der Deutschen Wehrmacht in Kriegsverbrechen zu dokumentieren, hat zu interessanten Reaktionen und Kontroversen geführt. Das gängige Vorurteil, das in der Geschichtswissenschaft schon längst widerlegt war, dass die Angehörigen der Wehrmacht gegen den Feind gekämpft haben, während die SS oder die Gestapo hinter den Linien die Verbrechen begangen hätten, wurde mit dieser Ausstellung widerlegt: Es gab Verbrechen durch Wehrmachtsangehörige und durch die Heeresleitung. 

Um den Mythos zu verteidigen, kam es zu aggressiven Reaktionen von Kameradschaftsvereinigungen, Vertriebenenverbänden und rechtsgerichteten Organisationen, bis hinein in die konservativen Parteien. In manchen Städten konnte die Ausstellung nicht gezeigt werden. Neonazi-Gruppierungen demonstrierten und Bombendrohungen sollten die Ausstellung verhindern. Rechte und konservative Politiker sprachen sich gegen die Ausstellung aus. 

Zwar konnte eine nach den Kontroversen eingesetzte Historikerkommission den Ausstellungsmachern einzelne Ungenauigkeiten nachweisen; die Tendenz stimmte aber: Es gab Wehrmachtsangehörige, die Verbrechen begangen haben, und das waren keine Einzelfälle, sondern Teil des Systems. Außerdem gab es Verbrechen, für die die Wehrmacht als Ganze verantwortlich gemacht werden kann, z.B. zehntausende russische Kriegsgefangene, die dem Hungertod überlassen wurden, Massaker an der Zivilbevölkerung und an den Juden.

Es geht hier nicht um die historischen Details, sondern um die Dynamiken, die dazu führen, dass es für manche Menschen so schwierig ist, ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen vorurteilsfrei an die Vorgänge der Vergangenheit heranzugehen und mit Betroffenheit zur Kenntnis zu nehmen, wie nachhaltig dieser schreckliche Krieg die Standards von Moral und Anständigkeit zerstört hat und biedere, oft gläubige und gutwillige Menschen – meist ohne jede Not oder Zwangslage – in Verbrecher verwandelte. 

Die rechte Schamverleugnung in Österreich


Als Beispiel für die Diskussion in Österreich: Der damalige Salzburger Landeshauptmann Schausberger (ÖVP) lehnte, wie seine Partei und die FPÖ, jede öffentliche Förderung der Ausstellung ab, sondern übernahm die FPÖ-Argumentation vom „Schutz der Soldatengeneration“ und dehnte sie zudem auf deren Nachfahren aus: „Ich werde mich schützend vor all diejenigen stellen, deren Väter und Großväter Soldaten der Wehrmacht waren.“ (zit. nach Walter Manoschek: Die Wehrmacht und die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ als Thema österreichischer Vergangenheitspolitik. In: ÖZP 30, 2001, S. 70). Der Landeshauptmann (der schon als Historiker gearbeitet hatte) wollte also die ehemaligen Wehrmachtssoldaten mit ihrem belasteten Gewissen sowie deren Nachkommen mit ihren übernommenen Traumatisierungen und Schamkonflikten beschützen. Welcher Bedrohung sind diese Menschen ausgesetzt, wovor will sie ein Landeshauptmann schützen? Offensichtlich davor, dass das Verdrängte konfrontiert werden muss und die Opferidentität und der Ehrenmythos in Frage gestellt wird. Obwohl viele freiwillig der Wehrmacht beigetreten waren, wollte nach dem Krieg jeder nur Opfer der Zwangsverpflichtung gewesen sein; obwohl viele von Kriegsverbrechen wussten, wollte nach dem Krieg niemand mehr darüber reden. Die Politik stellte sich aktiv als Beschützer des Mythos und der Verdrängung zur Verfügung.

Dazu noch ein Zitat aus dem Artikel von Manoschek: „Als Teil der nationalen Opfergemeinschaft waren die Wehrmachtsangehörigen von jeder Frage nach individueller Verantwortung und Schuld befreit. Aus der Perspektive der Opfer blieb die Realität der aktiven Teilnahme an diesem Krieg und die Erinnerung an die rassenideologisch definierten Kriegsziele und die verbrecherische Kriegspraxis aus der politischen Kultur ausgeschlossen.“ (Ebd., S. 64)

Konservative Politiker, die sich als Beschützer von erwachsenen Menschen aufspielen, dienen diesen Verdrängungstendenzen und halten die von ihnen als Opfer dargestellten Menschen in einer kindgleichen Rolle und maßen sich eine väterliche Autorität an, aus deren Perspektive sie die schamvertuschende Kriegsideologie fortschreiben. Auf diese Weise schwären die Wunden der Vergangenheit weiter, es legt sich nur eine weitere Schicht der Schuld- und Schamabwehr darüber.

Scham als Kitt 


Um zu verstehen, was da abgelaufen ist, gilt es, die Rolle der Scham als soziales Bindemittel zu beleuchten. Die Scham signalisiert der sich schämenden Person, dass sie eine soziale Regel verletzt hat und damit den Ausschluss aus der Gruppe riskiert. Indem sich die Person beschämt zeigt, gibt sie zu verstehen, dass sie erkannt hat, was passiert ist, und beabsichtigt, sich in Hinkunft zu bessern. Daraufhin wird sie im günstigen Fall von der Gruppe entlastet und wieder aufgenommen.

In einer exponierten und hochstressigen Situation wie im Krieg ist der Zusammenhalt der Gruppe und die sichere Zugehörigkeit zu ihr von hoher Überlebenswichtigkeit, verstärkt durch die besonders krasse Abgrenzung von der Außengruppe, den Feinden. Denn die sind es, die die Leute der eigenen Gruppe umbringen wollen und die man deshalb zuerst umbringen muss. Die Wir-Gruppe wird in Folge dieser Überlebensbedrohung gegenüber der feindlichen Die-Gruppe in besonders starker Weise zusammengeschweißt. 

Die Identifikation mit der Gruppe ermöglicht die Senkung der Aggressionshemmung. „Für die Gruppe“ muss der Gegner umgebracht werden. Das ist die Grundstruktur des Schamkonflikts im Krieg: Die Scham schützt davor, andere Menschen zu verletzen und zu töten. Die Scham fordert andererseits, alles zu tun, um Teil der Gruppe zu bleiben. Tötet also ein Soldat, so macht er sich vor sich selbst schuldig und trifft auf eine tiefe Scham. Tötet er nicht, so macht er sich der Gruppe gegenüber schuldig und muss sich dafür schämen.

Zum Schutz vor der schmerzhaften Erkenntnis dieser Schamkonflikte muss die Identifikation mit der Gruppe den Rest des Lebens aufrecht erhalten bleiben. Sie dient dem psychischen Überleben durch das Aushalten des Schamkonflikts. Die Identifikation mit der Gruppe dehnt sich dabei meistens auf die gesamte Armee aus und bei vielen sogar noch auf das dahinterstehende politische System, also auf die NS-Diktatur. Statt sich den Irrtum einzugestehen, einem verbrecherischen Regime gefolgt sein, was das Eingeständnis von Scham beinhaltet, wird damit die große Schande, die dieses Regime trägt, auf sich genommen, indem die Identifikation mit ihm aufrechterhalten wird. Es ist für viele leichter, einem Mythos treu zu bleiben, der eine massive Menschenverachtung und Schambelastung enthält, als sich beschämt einen eigenen Irrtum einzugestehen. Für den Zweck der Entlastung eignen sich alle Formen der Geschichtsverdrehung und Faktenleugnung. 

Der „ehrenhafte“ Krieg


Für viele Kriegsteilnehmer, die schreckliche Erfahrungen miterleben mussten, diente die Erzählung, dass der Krieg „ehrenhaft“ geführt wurde, als moralische Erleichterung. Ehrenhaft hieß, dass in einem gerechten Krieg nach den Regeln der Genfer Kriegsführungskonvention gekämpft wurde, die für beide Seiten gleichermaßen Geltung habe. Die Fiktion war also, dass es eine Regel gäbe, deren Einhaltung die Ehrenhaftigkeit der Kämpfer garantiere. Dieses Regelwerk diente allerdings in den Kriegen des 20. Jahrhunderts höchstens ein Feigenblatt; die militärischen und logistischen Notwendigkeiten wurden fortwährend über die Standards der Menschlichkeit gestellt, sodass in all diesen Kriegen verbrecherische Abläufe auf der Tagesordnung standen. Die deutsche Wehrmacht war in dieser Hinsicht besonders skrupellos, wie in der oben zitierten Ausstellung nachgewiesen wurde.

Doch hielt sich die Mär vom gerechten und fairen Krieg weiterhin in den Köpfen und Seelen vieler Kriegsteilnehmer, weil sie bei der Wiedereingliederung in die Nachkriegsgesellschaft half. Sie griff den schwer zerrütteten Menschen unter die Arme, mit den Scham- und Schuldgefühlen umzugehen, die mit jeder Kriegshandlung verbunden sind. Andere Menschen, in welchem Kontext auch immer, zu verletzen und zu töten, widerspricht der Mitmenschlichkeit, die ein tiefverwurzelter Wesenszug des Menschen darstellt. Jeder, der als Soldat in einem Krieg kämpft, muss sich über diese innerliche Schwelle hinwegsetzen und eine Rechtfertigungsstrategie entwickeln, um nicht am eigenen Gewissen zu zerbrechen. Diese Strategien werden als Ideologien angeboten, z.B. dass der Krieg geführt werden muss, um die eigene Heimat zu verteidigen. In fast allen Ortschaften Österreichs befinden sich Krieger- oder Heldendenkmäler, auf denen die Namen der „Gefallenen“ verzeichnet sind. Unterstellt wird dabei, dass diese Menschen ihr Leben für einen guten Zweck gegeben haben („die Verteidigung der Heimat“). Leider steht nirgends die Wahrheit: Gefallen in einem verbrecherischen Krieg für menschenverachtende Ziele.

Die Ideologie, die diese Vertuschungen ermöglicht hat, war der zurechtgezimmerte Mythos, dass Österreich das „erste Opfer des Nationalsozialismus“ gewesen sei – kein Österreicher wäre Hitler freiwillig gefolgt, alle mussten sich der übermächtigen Gewalt beugen und waren deshalb frei von Schuld. Die Scham, die es bedeutet, wenn sich ein ganzes Land einem brutalen Diktator opferbereit unterordnet, wurde dabei geflissentlich unter einen gnädigen Teppich des Vergessens gekehrt. Und selbst wenn der Diktator böse war – der Krieg als solcher war ehrenhaft und wurde heldenhaft und tapfer gekämpft.

Unbewältigte Traumatisierungen


Die Traumatisierungen, unter denen alle Kriegsteilnehmer zu leiden hatten, waren massiv. Nach den Weltkriegen gab es überhaupt kein Bewusstsein über diese seelischen Schädigungen. Die Betroffenen hatten nichts als die alten Ideologien, die meistens ein wenig geflickt und adaptiert wurden, und das psychische Überleben ermöglichten. Es gab auch kein Bewusstsein darüber, dass die Traumen an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden, wenn sie nicht verarbeitet sind. Ebenso intensiv und nachhaltig wirkten die Schamkonflikte, in die jeder Kriegsteilnehmer gezogen wurde.

Es wird deshalb bis heute kaum verstanden, dass die Studentenbewegung der 60er Jahre in vielen Aspekten eine Reaktion (im Sinn einer Verkehrung ins Gegenteil) auf diese Weitergabe der Kriegstraumatisierung war. Der Hass, der heute noch den „linkslinken Revoluzzern“ dieser Jahre entgegengebracht wird, speist sich aus den gleichen Quellen, ohne jede Ahnung und völlig unbewusst über diese Hintergründe.

Es sind also die Scham- und Schuldgefühle der Kriegsteilnehmer, die dann in Zusammenhang mit einer historischen Ausstellung 50 Jahre danach hochschwappen und sich in Aggressionen verwandeln, mit dem Zweck, das zu verteidigen, was den Zusammenbruch der eigenen Identität nach all den Kriegserfahrungen verhindert hat. Aus dieser Wurzel speist sich der Reflex des Landeshauptmannes, die Kriegsteilnehmer und ihre Nachkommen, also fast die gesamte Bevölkerung, schützen zu müssen.

Scham und Kriegsverbrechen


Scham und Schuld stellen die Zugehörigkeit zur Bezugsgruppe in Frage. Wer etwas Böses getan hat, muss fürchten, ausgeschlossen zu werden. Bei Kriegsverbrechen geschieht üblicherweise Folgendes: Ein Soldat wird aufgefordert, ein Verbrechen zu begehen, z.B. eine Gruppe von Kindern zu erschießen. Er hat zwei Möglichkeiten: Den Befehl zu verweigern und damit Sanktionen in Kauf zu nehmen, die im Rahmen der Wehrmacht dazu führen konnten, dass der Betreffende an die Front versetzt wurde, also mit einem erhöhten Risiko zu sterben bedroht war; es gibt allerdings auch viele Beispiele, bei denen eine derartige Befehlsverweigerung keinerlei Konsequenzen hatte. Die zweite Möglichkeit besteht darin, den Befehl auszuführen und das eigene Gewissen zu verletzen. In beiden Fällen entsteht Scham. Im ersten Fall bildet sich die Scham, indem der Gruppennorm widersprochen wird, wodurch man sich zum Außenseiter macht. Im zweiten Fall geht es um die Scham, eine verbrecherische Tat begangen zu haben und einer Gruppe anzugehören, die Verbrechen begeht. Außerdem muss in beiden Fällen die Scham des Vorgesetzten mitgetragen werden, der die Tat anordnet. Denn auch der jeweilige Befehlshaber ist im gleichen Schamdilemma wie der Untergebene, und dazu kommt noch die Scham, die damit verbunden ist, den Befehlsempfänger in ein Schamdilemma zu bringen. Die Scham ist also ein massiver Teil des gesamten kriegsführenden Apparats, der alle seine Mitglieder miteinbezieht, von ganz oben bis zum letzten Glied, und für sein Funktionieren unerlässlich ist.

Der Widerstand und die Ehre


Deshalb können wir auch davon ausgehen, dass all die Attentäter, die Hitler beseitigen wollten, auch von Schamgefühlen motiviert waren. Z.B. wollte die Widerstandsgruppe um Graf Stauffenberg den Krieg beenden, der mit so viel Verbrechen verbunden war, um die eigene Ehre und auch die von Deutschland wiederherzustellen, und sie sahen keine andere Möglichkeit, diesem grausamen System zu entrinnen, als dessen Zentralfigur zu beseitigen. Jeder „Ehrenmann“, der in einem verbrecherischen Krieg mitkämpft, muss sich dafür schämen, und kann seine Selbstachtung nur dadurch retten, dass er dem Wahnsinn mutig die Stirn bietet und dafür sein eigenes Leben riskiert. All die anderen, hohe Offiziere und einfache Soldaten, haben zwar den ersten Aspekt, die Beschämung, mitgetragen, aber nicht den zweiten Schritt zur Befreiung aus der beschämenden Abhängigkeit geschafft. Der Preis, der Bruch im eigenen Selbstempfinden, war persönlich natürlich weniger riskant, die Nachwirkungen sind allerdings enorm und führen zu Verwerfungen in der politischen Debatte und in den moralischen Standards bis heute.

Verleugnungen und Projektionen


Die Nachwirkungen der unbewältigten Scham sind Verleugnungen und Projektionen. Um die Angst vor dem Verlust der Gruppenzugehörigkeit zu bändigen, die mit jedem Eingeständnis der Scham verbunden wäre, wird sie unterdrückt und z.B. durch den Ehrgeiz des Wiederaufbaus eines zerstörten Landes bis zur Unkenntlichkeit überformt.

In den nachfolgenden Generationen nimmt die im Unbewussten weitergegebene Scham vor allem zwei Formen an: die der Rebellion und die der apologetischen Verteidigung. Die eine wandelt die Scham in Aggression gegen die gefühlsunterdrückende Elterngeneration – siehe die Jugendauflehnung der 68er Generation mit dem Slogan: „Traue keinem mehr über Dreißig“, sprich niemandem, der NS-Zeit und Krieg erlebt hat. Die andere Form besteht in der Anpassung an die Eltern und die loyale Weiterführung der Schamunterdrückung, indem die Gräuel der Vergangenheit verharmlost oder geleugnet werden. Die Neonazis wollen ihre Eltern oder Großeltern von ihrer Scham entlasten, indem sie deren Auslöser aus der Geschichte tilgen wollen.

Diese Dynamiken erklären, warum es immer wieder zu „Einzelfällen“ am rechten Rand der Gesellschaft kommt, in Österreich also in der FPÖ, in Deutschland bei der AfD, bei denen Versatzstücke der NS-Ideologie und -Rhetorik wiedergekäut und ausgespuckt werden. Sie erklären auch, warum in den 75 Jahren seit Kriegsende kein umfassendes Lernen stattgefunden hat, sodass die Gräueltaten der Nazi- und Kriegszeit als Gräueltaten vorurteilsfrei angeprangert und betrauert werden können. Deshalb gibt es noch immer Bedürfnisse, schönzufärben, zu verharmlosen oder zu verleugnen, was unmenschlich und grausam war. Wir können auch die Paradoxie verstehen, warum jene, die immer wieder fordern, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen, die wollen, dass endlich ein Schlussstrich unter die NS-Zeit gezogen wird, selber nicht damit aufhören können, verzerrende und ignorante Gedankengänge und Erzählfetzen aus dieser Vergangenheit in die öffentliche Debatte einzuspeisen.

Zum Weiterlesen:
Das Kreuz mit den Kreuzen
Braucht es einen Krieg? Wer braucht einen Krieg?
Rechtsextremismus und die Täter-Opfer-Umkehrung
Rechtsterror braucht Geschichtstherapie

Montag, 13. Januar 2020

Das Mitgefühl und das schlechte Gewissen

Die Fähigkeit zum Mitfühlen ist ein wichtiger Teil unserer sozialen Verfasstheit und Grundausstattung. Das Mitgefühl verbindet uns mit unseren Mitmenschen und lässt uns an ihrem Leben teilhaben, insbesondere dann, wenn es ihnen nicht gut geht. Es schafft emotionale Brücken und überwindet die Trennung zwischen dem Ich und dem Du. Es macht das Gemeinsame wichtiger und realer als das Trennende, ohne den Unterschied völlig aufzuheben. 

Das Mitgefühl ist deshalb ein wichtiges Binde- und Wachstumsmittel für unsere Sozialbeziehungen. Zu erleben, dass jemand anderer uns mit Mitgefühl begegnet, ist eine bereichernde Erfahrung, die unser Leid lindert. Denn sie zeigt uns, dass wir nicht alleine mit unseren Problemen sind, sondern dass wir, wenn wir zusammenstehen, vieles gemeinsam bewältigt können. (Bei Star Wars ist liegt darin das Unterscheidungsmerkmal zwischen den Guten und den Bösen.)


Mitgefühl und Handlungsfähigkeit


Wenn wir Mitgefühl spüren und zeigen, meldet sich häufig der Impuls etwas zu tun: „Wie kann ich helfen?“ Wir hören von der Not eines uns nahestehenden Menschen und helfen ihm im Rahmen unserer Möglichkeiten. Die Not berührt uns, weil uns diese Person besonders wichtig ist. Wir handeln auch aus der Einsicht heraus, dass wir selber immer auch von einer Not betroffen sein können, in der wir Hilfe gebrauchen. Durch die Möglichkeit des Helfens stärken wir uns selber und vertiefen auch die Beziehung zu der Person, der wir helfen.

Es gibt andere Bereiche in der Umgebung, in denen es Not gibt, wir aber nicht helfen können, weil es unsere Möglichkeiten übersteigt. Dazu gehören alle bedauerlichen Vorgänge in der großen weiten Welt, von denen wir Kenntnis erhalten und die unser Mitgefühl erweckt. Diese Notlagen sind jedoch in der Regel so riesig und weit entfernt, dass wir nicht eingreifen können. Wir fühlen uns betroffen und zugleich ohnmächtig und wissen nicht, was wir mit unserer Betroffenheit machen sollen. Wir können vielleicht da oder dort etwas Geld spenden und damit unser Gewissen ein klein wenig beruhigen, aber es löst nicht die Diskrepanz zwischen dem riesigen Ausmaß an Leid und der Unfähigkeit, dem abhelfen zu können. Wir leiden an dem Mitgefühl, das nicht handeln kann. Es ist das hilflose Mitgefühl, das uns bedrückt.


Die moralische Überforderung und die Scham


Es spielt ein Schammuster mit, wenn dieses Gefühl der Ohnmacht angesichts der Unmenschlichkeiten auf der Welt auftritt.  Die Scham meldet sich, wenn etwas zu tun wäre, wir dazu aber ungeeignet oder unfähig sind. Unser soziales Gewissen und unser Ich-Ideal sind angesprochen und appellieren an uns, der drängenden Not schleunigst Abhilfe zu verschaffen. Wir sind betroffen, sehen uns selbst als hilfsbereit an und können dennoch nichts tun, was unsere Hilflosigkeit beheben würde. Wir stellen den Anspruch an uns, angesichts von Not aktiv zu werden, und erkennen zugleich, dass das, wozu wir in der Lage sind, höchstens einen winzigen Unterschied machen würde.

Woher kommt eigentlich dieser Anspruch, jede Not, die es gibt, beheben zu müssen? Da steckt ja etwas Vermessenes, Größenwahnsinniges drin. Dieser Anspruch stammt vermutlich aus der Kindheit, aus der Zeit, in der ein Bewusstsein über die eigenen Kräfte und Energien erwachte und noch nicht klar war, wo die Grenzen dieser Selbstmächtigkeit liegen. Oft paar sich dieses Machtgefühl mit einem unbewussten Auftrag aus dem Familiensystem: Du musst dafür sorgen, dass es Vater und/oder Mutter oder einem Geschwister gut geht. Du bist für deren Leid zuständig und solltest es lindern. Und Scham ist dir gewiss, wenn du es nicht schaffst.

Ein Kind, das in diese schicksalhafte Konstellation gerät, steckt in einem Gefängnis, aus dem oft ein Leben lang kein Ausweg gefunden wird. Es muss seine Kräfte in die Erfüllung des Auftrages investieren, ohne ihn jemals erledigen zu können. Aus dieser Quelle stammt der Mythos von Sisyphos: der Zwang, etwas tun zu müssen, und es kann nie zu Ende gebracht werden. 

Die Mammutaufgabe, unerledigte Themen in der Herkunftsfamilie zu meistern, ist zum Scheitern verurteilt und wirkt als erdrückende Last weiter. Eine scheinbare Entlastung liegt darin, sie auf die Weltthemen zu übertragen, sobald diese ins Bewusstsein rücken. Manche wählen dann ihren Beruf unter dem Gesichtspunkt der Hilfe für diese Probleme aus und engagieren sich dann für die Notleidenden. 


Engagement ohne schlechtes Gewissen


Jedes Engagement gegen Missstände und für die Verbesserung der Welt ist großartig und verdient Wertschätzung. Zugleich ist es wichtig, sich klarzumachen, worin die eigene Lebensaufgabe besteht, unabhängig und losgelöst von familialen Strukturen und Dynamiken. Denn Aufträge, die aus einer unbewussten Loyalität mit der Familie übernommen werden, motivieren zu maßlosem Ehrgeiz und zur Selbstausbeutung, manchmal sogar zu einem aggressiven missionarischen Agieren, mit Burn-Out oder einer anderen Form des Zusammenbruchs als Folge, wenn die Belastungsgrenze erreicht ist. Es ist wichtig, die Rolle der Scham, die als Abwehrform zum übertriebenen Engagement führt, zu erkennen und sich ihr zu stellen. Denn erst im Licht dieser Einsicht kann unterschieden werden, was das eigene Innere wirklich aus dem eigenen Leben machen will, was also die Berufung ist, und welche Anteile der Motivation aus unbewussten Schuld- und Schamgefühlen gespeist sind, die aus unerledigten unbewussten Aufträgen aus der Kindheit stammen.

Die Begrenztheit unserer Einflussmöglichkeiten kontrastiert mit der Unbegrenztheit des Informationsangebots, das uns die Katastrophen und Leidenskonglomerate direkt ins Haus liefert. Die Diskrepanz ist Teil unserer modernen Lebensform und Teil ihrer unlösbaren Tragik. Die Weltgesellschaft fordert weltweite Solidarität und weltweites Mitgefühl. Als Menschen guten Willens können wir allerdings nur winzige Schritte beisteuern. Aus dem Dilemma führt uns nur die Einsicht, dass wir nicht alleine sind als Menschen guten Willens, sondern dass auf einer Ebene alle Menschen Gutes wollen. Wir sollten das Vertrauen hegen und pflegen, dass wir eine Weltgemeinschaft sind, dass wir also unsere Zusammenarbeit stärken können, indem wir die Kräfte stärken, die diese Welt zu einer besseren machen, und den Kräften, die den Eigennutz derer bedienen, die sowieso schon auf der Butterseite sind, schwächen.

Wir sind nie handlungsunfähig. Wir sind aber als Einzelne auch nicht in der Lage, irgendwelche größere Probleme als die aus unserem eigenen Leben zu lösen. Wir sind immer in der Lage, mit anderen Gleichgesinnten zu kooperieren. Wenn wir uns ohnmächtig fühlen, sollten wir nachschauen, woher in unserer Geschichte dieses Gefühl kommt, damit wir es wieder verabschieden können. Auf der Grundlage unserer autonomen Verantwortungsfähigkeit weist uns das Mitgefühl den Weg zu den notwendigen Handlungen.


Eine Weltgemeinschaft mit unterschiedlichen Graden an Verantwortung


Da wir eine Weltgemeinschaft sind, haben wir auch eine gewisse Verantwortung für alles, was in dieser Gemeinschaft passiert, nämlich zu dem Teil, wie wir Teil dieser Gemeinschaft sind und wieviel wir von ihr bekommen. Deshalb sind wir in entwickelten und reicheren Weltregionen immer ein Stück stärker verantwortlich für die Vorkommnisse in dieser Welt als jene, die weniger abbekommen. Das sind graduelle Unterschiede, die auch mit größeren Handlungsmöglichkeiten korrespondieren. Wir, die wir ein geregeltes Maß an Freizeit haben und über mehr Geld verfügen als wir zum Überleben brauchen, können mehr Verantwortung übernehmen als jemand, der von früh bis spät dafür kämpfen muss, den nächsten Tag überleben zu können. Dennoch ist es wichtig, uns der Grenzen unserer Möglichkeiten bewusst zu sein, um uns nicht zu überfordern oder uns von unserem übereifrigen Gewissen ausbeuten zu lassen, auch wenn wir mehr als andere tun können, um die Missstände auszugleichen.

Es ist kein Zynismus, wenn wir die Momente unseres Lebens genießen, während anderswo auf der Welt Not und Elend herrschen. Die Freude an den Geschenken des Lebens stärkt uns und befreit uns von einengenden Denkmustern, sodass wir in unserem Mitgefühl und in unserer Handlungsfähigkeit wachsen. Je weniger Ängste wir in uns selber nähren, desto mehr konstruktive Impulse können wir in diese Welt einbringen, damit sie von Tag zu Tag zu einer besseren, menschenwürdigeren wird. Aus der Dankbarkeit über das, was wir haben, sprich was uns geschenkt wurde, können wir eine Haltung des Teilens und der Solidarität entwickeln und unseren Beitrag wertschätzen, auch wenn er in der Sicht auf das Ganze nur winzig ist, denn wer sind wir denn schon inmitten von über sieben Milliarden Menschen?

Zum Weiterlesen:
Das Mitgefühl zwischen Helfersyndrom und Gleichgültigkeit

Mittwoch, 8. Januar 2020

Von der Hilflosigkeit zur Hingabe

Als soziale Wesen sind wir auf Helfen programmiert. Als moderne Wesen sind wir aufs Selberhelfen programmiert. Wenn sich dazwischen plötzlich das Gefühl der Hilflosigkeit meldet, stehen wir ihm  oft recht ratlos gegenüber. Welchen Platz hat dieses Gefühl in dieser Welt der fortwährend optimierten Selbsteffizienz noch?
Offenbar gibt es diese Diskrepanz: Gerne helfen wir, wenn sich andere in Not an uns wenden, und tun dies vermutlich sogar viel lieber, als selber Hilfe anzunehmen. Das ist leicht verständlich: Als erbetene Helfer sind wir in der Position der Stärke und Kontrolle, als Hilflose sind wir schwach und abhängig. Die Dynamik zwischen Helfen und Hilfe in Anspruch zu nehmen funktioniert nur, wenn sie hin und her fließt: Mal hilft der eine, dann der andere, in Summe gleicht es sich aus.

Wenn es in einem Sozialsystem keine laufend hergestellte Reziprozität zwischen Geben und Nehmen gibt, also kein annäherndes Gleichgewicht, wird die Kluft zwischen den Menschen immer größer. Denn die Brücken, die durch das Helfen entstehen, kommen seltener vor, und als Folge müssen bei Bedarf erst neu errichtet werden, mit weiter gespannten Bögen. Dadurch geht die Wahrscheinlichkeit von Hilfsanfragen noch weiter zurück: Die Befürchtung, dass das Ersuchen eine Zumutung sein könnte und dass einem nicht oder nur unwillig geholfen werde, ist berechtigt, wenn es lange schon kein Erfolgserlebnis in dieser Richtung gegeben hat.

Wenn wir uns hilflos fühlen, neigen wir dazu, die Hilfsbereitschaft unserer Mitmenschen zu unterschätzen. Wir empfinden Scham für unsere Hilflosigkeit und wollen nicht, dass andere unsere Scham bemerken, weil sich dadurch unsere Scham verdoppeln würde. Deshalb halten wir uns mit Hilferufen zurück, manchmal so lange, bis uns das Wasser bis zum Hals steht. 

Diese Zurückhaltung hängt auch damit zusammen, dass die verwandtschaftlichen und nachbarlichen Unterstützungsnetze im Lauf der gesellschaftlichen Entwicklung schwächer geworden sind. Dagegen ist die Erwartung gewachsen, dass es jeder alleine schaffen kann und muss. Wozu gibt es Versicherungen für alle möglichen Krisensituationen? Wer nicht rechtzeitig abgeschlossen hat, braucht sich auch nicht zu beklagen, wenn er keine Hilfe kriegt. 

Hilflosigkeit gleicht in einer hoch abgesicherten Gesellschaft mit einem differenzierten Angebot an Dienstleistungen einem Eingeständnis von Unfähigkeit. Da kennt sich jemand nicht aus, ist uninformiert, faul oder minderbemittelt, jedenfalls in dem beschämenden Zustand, sich selber nicht helfen zu können. Wer es alleine nicht schaffen kann, ist, wenn nicht verachtenswert, so zumindest bemitleidenswert. Und das Eingeständnis, es alleine nicht schaffen zu können, ist in jedem Fall peinlich.

Es gibt dessen ungeachtet auch Menschen, die sich leicht tun, Hilfe zu erbitten, und die unter Umständen schon dort um Hilfe schreien, wo sie sich leicht selber helfen könnten. Sie setzen sich über die Scham hinweg, die mit der Abhängigkeit von einem Helfer verbunden ist. Bei ihnen ist es so, dass sich lieber die anderen schämen sollten, wenn sie nicht bereit sind einzuspringen. Tendenziell werden solche Menschen allerdings in einer Gesellschaft der Vereinzelung immer mehr an den Rand geraten und auf diese Weise Opfer der Beschämung.


Hilflosigkeit gehört dazu


Das Leben stellt uns immer wieder vor komplexe Situationen, die wir mit unseren Gewohnheitsmustern nicht bewältigen können. Das können unerfreuliche Kommunikationssituationen, technische Kalamitäten oder überfordernde Schicksalsschläge sein. Gefühle von Hilflosigkeit stellen sich ein, und wir fühlen uns verzweifelt. 

Hilflosigkeit ist ein unvermeidlicher Teil jedes Lebens, kommt immer wieder vor und gehört dazu. Die Gefühle von Ohnmacht sind sehr unangenehm, und deshalb wollen wir sie um jeden Preis vermeiden. Sie erinnern uns an kindliche Erfahrungen und an Traumen, die wir nie wieder erleben wollen. Hilflos zu sein ist verunsichernd und versetzt uns in eine abhängige Position, wie wir sie als Kinder hatten. 

Doch sollten wir uns klarmachen, dass Hilflosigkeit nicht nur kleine Kinder betrifft, sondern Bestandteil der menschlichen Lebenserfahrung ist. Sie hat mit der prinzipiellen Unberechenbarkeit des Lebens zu tun. Wir können uns gesund ernähren, ausreichend Sport betreiben und für unsere Ausgeglichenheit sorgen, und dennoch schwer krankwerden und sterben. Wir können jede Menge an Wissen und Informationen sammeln und dennoch vor eine Situation geraten, die uns restlos überfordert. Wir können noch so sehr unsere Achtsamkeit schulen und werden dennoch immer wieder in Situationen geraten, in denen wir etwas übersehen und andere verletzen. Hilflosigkeit ist also auch die Folge unserer strukturellen Unvollkommenheit. Niederwieser schreibt: „Genau genommen ist Hilflosigkeit ein menschlicher Grundzustand. Die Illusion, nicht hilflos zu sein, ist dagegen viel schädlicher. Aus ihr nährt sich ganz viel Scham. ‚Ich müsste es doch schaffen.‘ Nein, müssen Sie nicht.“ (Niederwieser, Stephan Konrad: Nie wieder schämen: Wie wir uns von lähmenden Gefühlen befreien. München: Kösel Verlag 2019)

Das Annehmen der individuellen Unvollkommenheit und der allgemeinen Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit des Lebens ist die Haupttugend, die wir brauchen, um möglichst leicht von der Ohnmacht in die Macht, vom Leiden zum Glück kommen. Wir brauchen nicht an einer Hilflosigkeit verzweifeln, die uns überfällt, sondern können unser Vertrauen stärken, dass jedes Problem irgendwie zu seiner Lösung finden wird.

Wenn wir unsere Hilflosigkeit annehmen, verwandelt sie sich in Hingabe. Hingabe bedeutet, dass wir erkennen und zulassen, dass eine größere Kraft das eigene Leben bestimmt, leitet und lenkt. Es waren unsere enggesteckten Erwartungen und gewohnheitsmäßigen Reaktionsmuster, die uns daran hinderten, mit einer herausfordernden Situation fertig zu werden. So hängen wir fest in der Vorstellung, wie die Wirklichkeit sein sollte, und krallen uns an diese Erlösungsfantasie. Doch die Wirklichkeit schert sich nicht um unsere Wunschvorstellungen, sondern serviert uns beständig neue Szenen, darunter immer wieder solche, die uns hilflos machen. 

Hingabe heißt nicht, dass wir unsere Handlungsfähigkeit bei der Garderobe abgeben und resigniert in die Ohnmacht versinken, sondern dass wir hellwach bleiben, um zu erkennen, wann etwas zu tun und wann etwas zu lassen ist. So bleiben wir in einem optimalen Sinn handlungsfähig, nämlich das, was wir im Augenblick zur Wirklichkeit beisteuern können und zu erkennen, was sinnlos und zeitvergeudend ist. 

In diesem Sinn ist Hingabe Teil von jedem kreativen Prozess. Ein kleines Beispiel: Heute beschloss  ich, zu einem bestimmten Zeitpunkt Laufen zu gehen. Ich war gerade beim Schreiben dieses Textes, schloss ab, weil mir nichts mehr einfiel, und begann mich umzuziehen. Währenddessen unterbrach ich dreimal, weil mir ein gut passender Satz für den Text einfiel, den ich einfügte, dann mit dem Umziehen weitermachte, wieder einfügte, bis nichts Neues mehr kam. Daraufhin stand dem Laufen nichts mehr im Weg. 

Das Loslassen der Anstrengung, Formulierungen und Gedankengänge zu finden, bewirkte, dass die Einfälle von selber kamen. Dort wo die Kreativität versiegt, braucht es dieses Eingeständnis der eigenen Erschöpfung und der damit verbundenen Hilflosigkeit, um die Ideen wieder zum Sprudeln zu bringen. Mit dem Bewusstsein der Hingabe ist die Erkenntnis verbunden, dass ein eigener Text nie nur ein eigener Text ist, sondern auch Resultat von Einflüssen, die nicht der eigenen Kontrolle unterliegen.


Hingabe als spirituelle Übung


Hingabe kann auch bedeuten, einen Moment oder eine Zeitspanne innezuhalten und dem Inneren Zeit zu geben, sich neu zu gruppieren. Die Lösungen für hartnäckige Probleme kommen oft erst, wenn die qualvolle Lösungssuche abgebrochen wurde, so wie der Name, der einem partout nicht einfallen will, keck auftaucht, nachdem wir aufgehört haben, uns das Gehirn zu zermartern. 

„Die Wirklichkeit hilft dir, wenn du dich hingibst, wenn du also deine Hilflosigkeit eingestehst und um Hilfe bittest.“ Das ist der alte Glaube ans Gebet, und das ist die Erfahrung, die wir in kleinen und großen Dingen immer wieder machen können. Wir sollen aktiv sein, kein Zweifel. Aber die entscheidenden Durchbrüche geschehen oft erst dann, wenn wir mit unseren Aktivitäten an eine Grenze des Scheiterns gelangt sind und nicht mehr weiter wissen.

In der Hingabe verbindet sich unser kleines Leben mit dem großen Ganzen auf eine besondere Weise. Wir geben uns ein Stück geschlagen, weil wir all unsere Mittel eingesetzt haben und nicht mehr weiter wissen, und ziehen unser Ego ein Stück zurück. Nicht einmal absichtlich machen wir dann Platz für ein höheres Wissen, das bereitwillig uns zu Hilfe kommt. 

Im Gebet oder in anderen rituellen Praktiken üben wir diesen Vorgang bewusster. Wir überantworten unsere Probleme einer höheren Instanz, ohne uns unserer Verantwortung zu entledigen, aber mit der Gewissheit, dass unsere eigene Macht begrenzt und mangelhaft ist. Der indische Guru sagt zum Schüler: „Ich kann dir nur helfen, wenn du darum bittest. Selbst wenn ich es wollte, kann ich dir anders nicht helfen. Erst wenn du dir deine Hilflosigkeit bewusst machst und dich in der Bitte hingibst, wird es von mir zu dir fließen.“

Der Zyklus, der von der Aktivität über die Hilflosigkeit zur Hingabe führt, schließt mit Dankbarkeit ab. In diesem Sinn danke ich allen Beteiligten für das Gelingen dieses Textes.

Zum Weiterlesen:
Verletzlichkeit und Würde
Die Demut und das Ego
Über Schwäche und Bedürftigkeit
Schwächen sind menschlich und machen menschlich