Kreativität ist ein schöpferischer Vorgang, in dem etwas Neues erschaffen wird, etwas, das es vorher noch nicht gegeben hat. Kreativität ist ein Ausdruck der Individualität der kreativen Person. Nur sie ist in der Lage, dieses Werk zu schaffen, das ganz ihren persönlichen Stempel trägt. Doch das Werk, das sie schafft, ist nur scheinbar ihres; denn der kreative Akt besteht darin, dass aus einer anderen Quelle genau das kommt, was das Werk braucht, um wirklich werden zu können. Das eigentlich Kreative an der Kreativität ist dem Absoluten geschuldet, das sein Füllhorn geöffnet hat, sodass die Schöpferin ihr Werk vollenden kann.
Was tragen wir zur Kreativität bei?
Wenn jemand einen Roman schreibt, so braucht er Engagement und Disziplin, den Willen, den Roman zu schreiben und dafür genügend Zeit einzusetzen. Er benötigt verschiedene praktische Kenntnisse, vom Schreiben bis zu stilistischem Feingefühl und gestalterischem Geschick, Gefühl für die Personen und Überblick über die ganze Konstruktion. In den Schreibprozess fließen Vorerfahrungen ein, was das Schreiben anbetrifft, und dazu noch im Grund alle persönlichen Erlebnisse, die die Erinnerung aufbewahrt hat. Für das Schreiben brauchen Schriftsteller oft die passende und störungsfreie Umgebung, manchmal sogar die Abschottung von der Außenwelt. Schließlich ist die Fähigkeit und Bereitschaft erforderlich, das eigene Schreiben einer kritischen Revision zu unterziehen: Wortwiederholungen, Grammatik- oder Tippfehler, Sinnwidrigkeiten, fehlende Zusammenhänge oder Informationen und logische Unstimmigkeiten usw.
Das Gespräch und die Kreativität
Oft sind es andere Menschen, die für uns zu Quellen der Inspiration werden, indem ihre Erzählungen oder Fragen unseren eigenen kreativen Prozess in Gang setzen und zu neuen Erkenntnissen und Einsichten führen. Es kann z.B. sein, dass durch ein Gespräch über ganz andere Dinge mit einer anderen Person eine Blockade gelöst wird, die sich dem kreativen Prozess in den Weg gestellt hat. Dieser Artikel ist durch ein Gespräch initiiert worden, verdankt also seine Entstehung diesem dialogischen Austausch. Wenn ein solcher Dialog in einen guten Fluss kommt, dann scheint es so zu sein, dass dieses Geschehen von etwas anderem befruchtet wird als nur von den zwei Personen, die miteinander reden. Die Rede der einen Person inspiriert die Rede der anderen und so weiter. Offenbar wirkt etwas Drittes mit, das beide in seinen Bann zieht, indem es Einsichten und Perspektiven liefert. Dann können Fragen zu ihren Antworten, Zweifel zu ihrer Auflösung, Unklarheiten zur Aufklärung führen.
Das Fließen der Schaffenskraft
Die Metapher des Flusses spielt eine wichtige Rolle beim Verstehen der Kreativität. Viele Schaffende kennen den besonderen Zustand der Schaffenskraft, in dem das Innere nach außen drängt und zu einer Verwirklichung finden will. Manchmal ist dieser Drang so stark, dass auf andere Dinge wie Essen oder Schlafen vergessen wird. Jedenfalls hat das Erleben in solchen Phasen den Charakter eines Schwimmens mit dem Strom, der einen mitnimmt auf seine Reise. Die Schaffenskraft ist nur zum geringen Teil die eigene; das eigentlich Schöpferische und Vorwärtsdrängende ist etwas Größeres und Mächtigeres, wie der Strom gewaltiger ist als die Schwimmerin. Wir können uns in solchen Situationen wie ein Werkzeug erleben, das eine höhere Macht in die Hand nimmt, weil sie durch uns hindurch und mit unseren Fertigkeiten und Fähigkeiten ein Werk erschaffen will.
Wenn wir aus dem Fluss heraussteigen, sobald er an sein Ziel gelangt ist, können wir das Ergebnis, das vollendete Werk bestaunen und der Welt weiterschenken. Es wurde uns geschenkt, damit wir es der Welt zur Verfügung stellen, die damit reicher und vielfältiger wird. Alles, was uns gegeben wurde, haben wir bekommen, um es weiterzugeben. So bleiben wir mit dem Fluss des Lebens in Verbindung: Die Gaben des Absoluten in die relative Welt zu bringen.
Die Sprache der Schöpfung
Es gibt eine Reihe von Begriffen, die das Eingreifen des Absoluten in den kreativen Prozess nahelegen: Eingebung, Inspiration, Einfallen, Zufallen.
Die „Eingebung“ besteht darin, dass etwas von außen ins Innere gegeben wird. Etwas, das vorher nicht da war, wurde geschenkt und kann nun verwendet werden. Da wir nicht mit Bestimmtheit sagen können, woher die Eingebung kommt, haben wir Grund zur Annahme, dass sie einen unverfügbaren Ursprung hat, einen, der nicht unserer Kontrolle und Willkür unterliegt. Wir können nicht mehr zur Eingebung beitragen, als dass wir uns für sie öffnen; ob sie dann kommt oder nicht, können wir nicht beeinflussen.
Die „Inspiration“ sagt noch mehr aus als die Eingebung, weil sie auf die Quelle hinweist: Es ist etwas Geistiges, das in uns hineinfließt, um unserem kreativen Prozess zu dienen. Unter dem Geistigen verstehen wir etwas, das im Unterschied zum Materiellen unbegrenzt ist – und wir können nur besitzen und unser Eigentum nennen, was begrenzt ist. Das Geistige gehört uns deshalb nicht. Es ist frei und jeder individuellen Macht entzogen.
Wenn wir vom „Einfallen“ reden, beziehen wir uns auf etwas, das in uns hinein fällt. Woher es fällt, wissen wir nicht, und es ist auch nicht wesentlich für den kreativen Prozess, den Ursprung herauszufinden. Es fällt uns ein, damit wir es in eine Form und Gestalt bringen und der Außenwelt weitergeben.
Ähnlich ist es mit dem „Zufallen“. Auch hier fällt etwas zu dem dazu, was schon da ist. Dieser Überschuss aus dem Zufallen stammt aus einem nicht erkennbaren und erklärbaren Grund. Deshalb verwenden wir den Begriff des Zufalls für Ereignisse, die in unser Leben fallen, ohne dass wir dafür eine Begründung hätten. Wir können zwar vieles, was geschieht, mit Erklärungen begründen, aber jede davon ist relativ, sodass es prinzipiell eine unendliche Zahl von Erklärungen gibt, von denen jede ihre Berechtigung hat, aber keine geeignet ist, die Frage nach dem Grund endgültig zu beantworten.
In einem schöpferischen Prozess werden fortlaufend Informationen aus ungeklärtem Ursprung zur Verfügung gestellt. Da sie den Prozess weitertreiben und befüllen, müssen wir nicht wissen, woher sie stammen, solange sie in den kreativen Zusammenhang hineinpassen. Im besten Fall nehmen wir, was kommt und wandeln es in eine Form um, die dann die Übersetzung in die relative Welt ermöglicht.
Zum Beispiel: Das Schreiben dieses Textes
Ich schreibe diesen Text, und währenddessen kommt z.B. ein neuer Satzanfang (kommt – woher denn?); dann brauche ich ein paar Momente, bis mir die Fortsetzung ein- oder zufällt. Manchmal ist die Pause, die erforderlich ist, bis die Eingebung gegeben wird, länger, manchmal ist sie ganz kurz. Aber es gibt immer wieder eine Unterbrechung im Schreibprozess, eine Lücke, in die dann die Inspiration hineinfließt. Es kann sein, dass ich in der Pause im Text zurückgehe und Korrekturen einfüge, etwas völlig anderes mache oder dass die Unterbrechung über Tage oder Wochen geht, aber nach meiner Erfahrung hat sich noch immer irgendwann eine Fortsetzung gefunden, sodass der kreative Fluss dann weiterfließen konnte und der Text einen guten Abschluss finden konnte.
Ich erlebe diesen Vorgang als beständige und innige Zusammenarbeit zwischen dem, was ich beisteuere – das Schreiben als mechanische Tätigkeit und das Warten auf die Eingebung –, und dem, was mir gegeben wird – der Inhalt dessen, was ich schreibe. Nach meinem Eindruck bin ich voll abhängig von dieser Quelle, die mich aber recht zuverlässig mit dem Material versorgt, das ich zur Fertigstellung eines Textes brauche. Nicht einmal den Abschluss eines Textes kann ich nur aus mir heraus schaffen. Vielmehr erlebe ich ein Gefühl, das mir sagt, so passt der Text, so stimmt er in sich zusammen und so hat er eine gute Form gefunden. Ich muss gewissermaßen warten und so lange schreiben, bis sich dieses Gefühl einstellt. Es ist, als ob mir eine Stimme sagen würde: Gut so, jetzt kannst du das Werk abschließen und veröffentlichen.
Ich ordne diese Stimme und auch alle anderen Einflüsterungen während des kreativen Prozesses dem Absoluten zu. Meine Leistung sehe ich darin, das Absolute ins Relative zu übersetzen, indem ich die Inputs in eine schriftliche Form bringe. Aber kein einziger Gedanke, der Eingang in den Text findet, ist im vollen Sinn meiner, obwohl ich ihn ja denke, bevor ich ihn notiere. Vielmehr nehme ich es so wahr, dass der Gedanke zu mir gekommen ist, als eine Spende aus einer Quelle, vor der ich mich nur dankbar verneigen kann, weil sie mich so großzügig beschenkt, ohne eine Gegenleistung zu verlangen.
Das Absolute als kreative Kraft
Das Absolute kann als die treibende Kraft hinter allen Prozessen in dieser Welt angesehen werden. Der Schöpfergott in den monotheistischen Religionen symbolisiert diese Kraft. Das Absolute zeigt sich allerdings nur in subjektiven Erfahrungen, und kreative Prozesse sind Erfahrungsräume, in denen wir dem Wirken des Absoluten unmittelbar begegnen.
Zum Weiterlesen:
Fluss und Trauma
Das Schwache besiegt das Starke
Funktions- und Flussmodus
Geschehenlassen und Funktionieren