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Sonntag, 3. Dezember 2023

Das Ego in der Meditation

Das Ego mischt sich in alle Themen und Aktivitäten unseres Lebens ein, so natürlich auch ins Meditieren. Es äußert sich schon von Beginn an: Was soll das bringen? Wie mühsam ist es doch, nur dazusitzen und nichts zu tun, so viele Ideen hätte ich, aber jetzt soll ich nur still sitzen bleiben ...  

Aber auch, wenn die ersten Hürden überwunden sind und der Entschluss zum Meditieren zu einer Routine geführt hat, melden sich Widerstände, die unser Ego produziert: Ich komme nicht weiter, es ist nur langweilig, ich bin ja sowieso immer nur in Gedanken etc. Manche resignieren wegen dieser hartnäckigen Widerstände und hören irgendwann mit dem Meditieren auf. Oder sie schaffen es nur, dranzubleiben, wenn sie in einer Gruppe sind. Das Aussteigen aus der Meditationspraxis tut dem Ego einen Gefallen, das sich zufrieden zurücklehnen kann und nicht mehr fürchten muss, die Macht im Inneren zu verlieren. So kann alles beim Alten bleiben, die Muster ändern sich nicht und die Gewohnheiten bestimmen weiterhin das Leben mit seinen vielfältigen Ablenkungen. 

Das Ego und der spirituelle Fortschritt

Das Ego meldet sich aber auch dann, wenn eine Meditation eine herausragend positive Erfahrung war. Hurtig brüstet es sich mit dem Fortschritt einer „gelungenen” Meditation, wenn sie z.B. zu tiefer Entspannung geführt, spezielle innere Räume geöffnet und egofreie Zustände ermöglicht hat. Kaum öffnen wir die Augen, drängt sich das Ego in den Vordergrund und reklamiert den „Erfolg“ für sich: Wie weit bin ich doch schon auf meinem inneren Weg fortgeschritten, das Ziel kann nicht mehr weit sein. Vielleicht präsentiert das Ego auch Vergleiche wie: Früher habe ich noch mit so vielen Widerständen kämpfen müssen, gestern konnte ich mich gar nicht konzentrieren, aber heute habe ich einen tollen Schritt vorwärts geschafft. 

Selbstzufrieden schauen wir auf die Errungenschaft zurück, stolz erzählen wir Freunden davon, um ihre Bewunderung zu ernten. Heimlich reibt sich das Ego seine Hände und freut sich, dass ihm die Meditation nichts anhaben konnte. Denn es sonnt sich in dem Stolz. Plötzlich steht es voll hinter der Meditation, die es als seine Leistung präsentieren kann. Dieses Momentum, wo der Drang nach innerem Vertiefen und das stolzgeprägte Ego zusammenwirken, kann die Meditiererin für sich nutzen und die Konsequenz im Weitermachen stärken. 

Dem Ego geht es zwar nicht um die innere Entwicklung, die tendenziell von seiner Macht wegführt, sondern darum, im sozialen Feld für einen stabilen Stand zu sorgen, an dem die Anerkennung sichergestellt ist. Da es aber erkennt, dass es in seiner Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen, durch die Meditation unterstützt wird, verringert es seinen Widerstand dagegen.  

Im Überschwang der „ Fürsorglichkeit” hebt es uns gerne auf ein Podest: Ach, die anderen unbewussten Menschen, die auf den Straßen im Halbschlaf herumlaufen, während ich Bewusstseinsräume kenne und in Sphären unterwegs bin, die sie nicht einmal in den kühnsten Träumen kennenlernen konnten. Sie sind voll in ihren dunklen Prägungen verhaftet und kennen die Freiheit und Glückseligkeit nicht, all die erlesenen Qualitäten, von denen ich schon gekostet habe. 

Wenn allerdings die Meditation nicht „gelungen“ erscheint, wenn zu viele Gedanken oder unangenehme Gefühle den Ablauf bestimmt haben, ist das Ego erst recht in seinem Element. Es sorgt sofort für Kritik und Selbstvorwürfe.  Es vergleicht mit früheren besseren Erfahrungen oder mit anderen Zeitgenossen, die auf diesem Weg viel schneller viel weiter gekommen sind. Statt den Stolz zu füttern, führt es hier zur Scham. 

Stolz und Scham, die Polarität des Egos

Das Ego sucht also in jeder Erfahrung, also auch in jeder meditativen Erfahrung, Anlässe für Stolz, wenn es die Erfahrung positiv bewertet, oder für Scham, wenn es sie negativ eingestuft. Das Ego richtet beständig jede Erfahrung nach seinen gewohnten Maßstäben. Damit verführt es in seine Gefilde, weg von der lebendigen Erfahrung, die in ein lebloses Objekt der Bewertung und Einordnung verwandelt wird. Es überlagert die aktuelle Wirklichkeitswahrnehmung mit seinen konstruierten und rekonstruierten Inhalten aus der Vergangenheit.  

Das Lebenselixier des Egos ist die Angst. Es ist aus Ängsten entstanden und hütet sie im Wunsch, vor ihnen zu bewahren. Es versucht, alle Erfahrungen, die wir machen, mit Angst zu verbinden und aufzuladen. Selbst wenn es sagt: Du brauchst keine Angst zu haben, weil du z.B. so gut meditierst, zeigt es sich als Agent der Ängste: Ich sage dir, wann du Angst haben sollst und wann nicht. Ich mache dich stolz und selbstsicher, aber ich kann dir deine Sicherheit jederzeit wegnehmen. Du verdankst deine Angstfreiheit meiner Umsicht und Wachsamkeit. 

Im Sinn des angstgetriebenen Vermeidens von Ängsten verkauft das Ego jeden Erfolg als eigene Leistung und jeden Misserfolg als persönliches Versagen. Erfolg heißt, dass eine Schonfrist vor der nächsten Angst gewonnen wurde. Misserfolg heißt, dass die Angst vorherrscht. Das demütige Annehmen dessen, was das Leben schenkt, ob es nun angenehm ist oder nicht, ist sein größter Feind oder das, was es am wenigsten verstehen kann. 

Das Erlernen der Distanz von Ego und Wirklichkeit

Meditieren bedeutet, dem Ego und seinen Spielchen zu begegnen und mehr und mehr Erfahrungen darüber zu sammeln, was es alles anstellt. Manchmal wird es ganz ruhig und zieht sich zurück, manchmal taucht es unvermutet hinter jedem Winkel auf: Eine Klientin meinte: „Ich habe mein Ego schon so satt!“ Und gleich drauf: „Sagt mein Ego.“  

Bei jeder Diskrepanz zwischen dem Selbst und der Realität ist das Ego aktiv. Es kritisiert und bejammert das, was gerade ist und sich nicht den eigenen Vorstellungen fügt. Beim Meditieren versuchen wir, anzunehmen, was gerade ist, ohne etwas daran zu bekritteln. Das Ego sperrt sich gegen diese Versuche und will immer wieder seine Agenda durchbringen: Die Realität soll sich gefälligst danach richten, was wir für richtig halten. 

Mit einiger Meditationspraxis und mit fortgeschrittener Fähigkeit im Durchschauen des Egos wird klar, dass es keine guten oder schlechten Meditationen, keine gelungenen oder misslungenen gibt, sondern nur verschiedenartige Erfahrungen. Jede Meditation, auf die wir uns einlassen, ist anders. Manchmal fällt es uns leichter, uns auf den Moment zu konzentrieren, manchmal geht es schwerer. Beide Erfahrungen sind gleich wertvoll. Es geht ja in der Meditation nicht darum, bestimmte Bewusstseinszustände zu erreichen, sondern eine Zeit darauf zu verwenden, die Aufmerksamkeit nur nach innen zu richten und dort alle, was auftaucht, anzunehmen. Es ist also eine Übung im Akzeptieren dessen, was ist.  Sind viele Gedanken da, so ist es das, was zu akzeptieren ist. Sind viele Gefühle da, so werden diese angenommen. Gelingt es leichter, das, was auftaucht, anzunehmen, ist das zu akzeptieren, ebenso, wenn das schwerer fällt. Was immer ist, sollte angenommen werden. Das ist der Königsweg zur Entmachtung des Egos.  

Denn das Ego will nichts in seinem Sosein annehmen, sondern an allem, was auftaucht, seinen Stempel aufdrücken, der es in etwas anderes verändert. Es ist konsequent im Kritisieren dessen, was ist, und reißt deshalb permanent aus dem Fließen von Erfahrung zu Erfahrung: Es kommt eine Erfahrung und dann eine Unterbrechung, ein Riss, in dem sich das Ego breit macht. 

Die Haltung beim Meditieren ist die gelassene Beobachtung, das Seinlassen dessen, was ist. Es kann der Atem beobachtet werden, aber auch Körperempfindungen, Energiephänomene oder die Atmosphäre in der Umgebung. Dabei ist immer auch und vor allem das eigene Ego Gegenstand des Beobachtens, des Wahrnehmens und Erkennens. Denn es bewirkt, ob die Aufmerksamkeit auf dem aktuellen Moment sein kann, auf der Erfahrung, die ins Bewusstsein tritt, oder auf Phänomenen, die vom Ego präsentiert werden, wie Gedanken und Bilder. Je mehr es gelingt, das Treiben des Egos zu identifizieren und dann die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zurücklenken, desto mehr bleiben wir mit der aktuellen Wirklichkeit verbunden und nicht mit jener synthetischen, die das Ego aufdrängt. Denn was aus dem Ego kommt, ist immer ein Stück Wirklichkeit fast ununterscheidbar mit einem Stück Fantasie kombiniert. 

Meditation ist demnach die Übung, der Wirklichkeit, die im momentanen Erleben zu finden ist, immer näher zu kommen, und dazu ist das Erlernen der Unterscheidung des Erlebens und der Ego-Produktionen notwendig.  Fast immer dominiert das Ego die Erfahrung, vor allem in unserem Alltag; manchmal besteht eine Distanz zwischen ihm und der Instanz, die es beobachtet, und in der Meditation bemühen wir uns methodisch, diese Distanz zu stärken. 

Zum Weiterlesen:
Störungen in der Meditation
Selbst- und Außenbeziehung in Therapie und Meditation
Meditation und Langeweile

Samstag, 17. September 2022

Es ist, was es ist.

Das berühmte Gedicht von Erich Fried enthält als Refrain den Satz „Es ist, was es ist“ als Stimme der Liebe gegenüber allen Zweifeln und Infragestellungen. 

Eigentlich ist es ein nichtssagender oder tautologischer Satz, auf den die Wienerische Antwort kommen könnte: „No-na-ned“. Wir verwenden ihn aber ausdrücklich oder innerlich, wenn wir mit der Wirklichkeit wieder ins Einvernehmen kommen, nachdem wir uns mit ihr „zerstritten“ haben. Es klingt zwar etwas eigenartig, wenn wir von einem Streit zwischen dem Selbst und der Wirklichkeit reden, so als wäre die Wirklichkeit ein Kommunikationspartner, mit dem wir in eine Meinungsverschiedenheit geraten können. Die Wirklichkeit ist doch einfach da und streitet nicht mit uns. 

Tatsächlich sind es vermeintliche Streitereien, in die wir uns verwickeln, wenn wir Teile der Wirklichkeit, die in unsere Erfahrungswelt geraten, ablehnen und versuchen, ihnen das Daseinsrecht zu verweigern. Wir hadern und schimpfen, weil wir gerade eine Erfahrung machen, die uns nicht in unseren Kram, sprich zu unseren Erwartungen und Wünschen passt. Wir empören uns über diese Eigenwilligkeit, die sich unserem Willen entgegenstellt.

Uneins mit uns selbst

Es ist also, genauer betrachtet, unsere Erfahrung der Wirklichkeit, mit der wir uneins sind, und nicht die Wirklichkeit selbst. Aber wir verwechseln gerne unsere Erfahrung mit der Wirklichkeit an sich, weil wir uns damit entlasten können: Es ist ein Trick, mit dem wir uns aus der Verantwortung stehlen wollen. Wir wollen nicht schuld sein an etwas Unangenehmem, Störendem, Schädlichem, was gerade passiert ist. Wir schieben also die Verantwortung der Wirklichkeit oder einem ihrer Elemente zu: Die Bosheit eines Mitmenschen hat mich aus der Fassung gebracht. Die Unberechenbarkeit des Wetters hat mir den Ausflug vermiest. Die höheren Kräfte sind gegen mich, weil ich so wenig Erfolg habe. Das heimtückische Virus hat mich befallen und mich meiner Kräfte beraubt, usw.

Es ist ein Manöver, mit dem wir uns vor der Verantwortung, die wir für unsere Erfahrungen und für deren Bewertung haben, drücken wollen. Wohlgemerkt: Wir haben nicht die Verantwortung für die Wirklichkeit und für das, was in ihr geschieht, ausgenommen unser Handeln und seine Folgen. Wir haben auch die Zuständigkeit für unser Erleben und wie wir damit umgehen. Alles andere unterliegt nicht unserem Einfluss und unserer Macht.

Es ist also nur ein winziger Teil der Wirklichkeit, für den wir die Verantwortung zu tragen haben. Und dazu gehören unsere Erfahrungen und die Bewertungen, die wir ihr umhängen. Wir beklagen uns z.B. über den vielen Stress, dem wir ausgesetzt sind, und vergessen dabei, dass wir es sind, die den Stress erzeugen, indem wir unserem Nervensystem erlauben, die Alarmreaktion in Gang zu setzen. Die Entscheidung, ob wir uns gestresst fühlen oder nicht, liegt in uns selber, nicht bei den Ereignissen um uns herum. Stress entsteht zwar ohne unser bewusstes und gewolltes Zutun in unserem Organismus, aber der Automatismus, der in uns abläuft, gehört zu unserem Verantwortungsbereich, und wir können steuern eingreifen, sobald uns der Stress bewusst ist.

Die Schädigung des Selbstgefühls

Obwohl wir uns von der Verantwortung abkoppeln wollen und uns als unschuldig an unseren Problemen und Missstimmungen darstellen wollen, fügen wir unserem Selbstgefühl auf doppelter Weise einen Schaden zu. Zum einen verweigern wir die Verantwortung für die Erfahrung, die wir erlebt haben. Dadurch schwächen wir unser Selbstgefühl. Wir bringen uns in eine Opferrolle. Zum anderen sind wir durch die Art und Weise verstört, wie wir die Erfahrung bewerten, die wir gerade haben, indem wir sie ablehnen und damit mit der Wirklichkeit in Konflikt geraten. Auch hier fühlen wir uns wieder wie das Opfer und sind innerlich geschwächt.

„Die Hunde bellen, und die Karawane zieht weiter.“ Wir können dieses arabische Sprichwort auch so verstehen, dass sich unser Verstand immer wieder gegen die Wirklichkeit auflehnt und nicht akzeptieren will, was geschieht. Dadurch geraten wir in Unfrieden, während die Wirklichkeit so ist, wie sie ist und weiterzieht, wie sie weiterzieht. Wir können bellen, was wir wollen, bis wir heiser sind, ohne dass sich der Rest der Wirklichkeit darum schert. Er entwickelt sich weiter, ob es uns passt oder nicht.

In Frieden kommen

In unsere Kraft und in unseren Frieden kommen wir erst, wenn wir aufhören zu bellen. Wir akzeptieren, was passiert ist und übernehmen für unser Erleben die Verantwortung. Dann fügen sich Erfahrung und Wirklichkeit wieder ineinander und wir nehmen das, was ist, so, wie es ist. Wir sind in Übereinstimmung mit uns selber und mit dem, was um uns herum ist.

Zum Weiterlesen:

Akzeptieren, was ist (Teil 1)
Akzeptieren, was ist (Teil 2)
Akzeptieren, was ist (Teil 3)
Akzeptieren, was ist (Teil 4)
Akzeptieren, was ist (Teil 5)
Akzeptieren, was ist (Teil 7)
Akzeptieren, was ist (Teil 8)


Montag, 21. Dezember 2020

Vom Sinn und Unsinn des Zweifelns

Ein Zweifel macht alles vielleichter.

Der Zweifel dient eigentlich der Unterscheidungskraft zwischen richtig und falsch. Der erste Augenschein, der uns von einem neuen Außeneindruck erreicht, kann überzeugend wirken, muss aber nicht stimmen. Unser Gehirn schätzt neue Situationen sofort ein und ordnet sie bestimmten Kategorien zu. So teilen wir Mitmenschen, denen wir erstmals begegnen, in Sekundenbruchteilen danach ein, ob sie gefährlich oder harmlos, sympathisch oder unsympathisch sind. Dieser erste Eindruck ist fehleranfällig, und im Zweifeln wird diese erste Einschätzung anhand von weiteren Erfahrungen überprüft.

Der Zweifel dient also zunächst als Warnsignal: Etwas könnte nicht stimmen, etwas könnte faul sein im Staate Dänemark. Es äußert sich ein Widerspruch gegen die inneren Annahmen, ein Widerstand gegen etwas, das zunächst für selbstverständlich genommen wurde. Damit startet ein Prozess der Neubewertung und Überprüfung.

Das notorische Zweifeln

Die Fähigkeit zum Zweifeln ist ein wichtiges Gegenmittel gegen die Naivität und die Impulsivität, die uns immer wieder in die Irre führen. Das Zweifeln kann aber zu einer störenden Gewohnheit werden, wenn es sich verselbständigt. Das Zweifeln wird notorisch, verbindet sich mit dem Grübeln, neigt zur Depression und wird, wenn ihm kein Einhalt geboten wird, irgendwann in einer Verzweiflung münden.

Zweifel entstehen unabhängig von der zur Verfügung stehenden Information: Sie können entstehen, wenn zu wenig Informationen vorhanden sind („Ich weiß nicht, was richtig ist, weil ich nicht genug darüber weiß”), aber auch wenn es ein Übermaß an Informationen gibt („Trotz all der Sachen, die ich darüber gelesen habe, weiß ich nicht, ob es wirklich stimmt.”) Das Ausmaß des Zweifelns hängt vor allem davon ab, wie ausgeprägt die Neigung zum Zweifeln ist, wie sehr also die kognitive Überprüfung der Wirklichkeitserfahrung für notwendig erachtet wird.

Notorische Zweifler sind Menschen, die in ihrer Kindheit gelernt haben, emotionale Unklarheiten, Verletzungen und Beschämungen mit dem Denken zu bewältigen. Innerlich stark verunsichert, haben sie ein feines Gespür für Unstimmigkeiten und Irritationen und können deshalb nur wenig für selbstverständlich halten. So kommt es, dass sie Neues, das auftaucht, zuerst nach allen Seiten abwägen und bewerten müssen, bis sie sich darauf einlassen können. Ihre Spontaneität ist durch die Notwendigkeit der kognitiven Prüfung unterbrochen. Sie bewältigen Unsicherheiten, indem sie möglichst alle Für und Wider der Phänomene untersuchen.

Sie sind getrieben von der Angst, etwas falsch zu bewerten oder zu machen. Lieber zweifeln sie lange und ausgiebig als dass sie möglicherweise einen Fehler oder eine Fehleinschätzung begehen. Hinter dem Zweifeln steckt also ein hoher Perfektionsanspruch an sich selbst (und auch die anderen, die vom Zweifler oft wegen ihrer Ansichten und Entscheidungen getadelt werden). 

Vom Zweifeln zum Zaudern 

Wir brauchen für die Orientierung in den Komplexitäten des Lebens ein gutes Maß an gesunder Skepsis. Diese kann allerdings ungesund werden, wenn sich das Zweifeln als Abwehr gegen jede Form der Veränderung aufspielt. Zweifel, der sich als Automatismus im Gehirn festsetzt, unterstützt die Unbeweglichkeit im Denken und führt leicht zu kognitiven Kreisprozessen: Soll ich, soll ich nicht. Nehme ich die Alternative A oder B? Selbst wenn die Blütenblätter beim Gänseblümchen gerupft werden und das letzte Blättchen die Entscheidung festlegt, kann der Zweifel bleiben, ob die Entscheidung richtig ist. 

Alltagsdinge sind relativ, ebenso unsere Einschätzung über sie. Was sich in einem Moment für richtig anfühlt, kann im nächsten falsch oder unpassend erscheinen. Deshalb ist das Denken in der Lage, an jeder Entscheidung Zweifel anmelden. Zweifeln wir jedoch alles und jedes an, gibt es nichts Selbstverständliches mehr und wir kommen vor lauter Fragen nicht mehr zum Tun. Wir verzweifeln an der Bedeutungskomplexität der Wirklichkeit. 

Das Zweifeln wird zum Zaudern, das nichts anderes ist als der Zweifel auf der Ebene des Handelns. Vor lauter unvollkommenen Möglichkeiten können wir keine sicheren Entscheidungen treffen und müssen zuwarten, bis sich mehr Sicherheit einstellt, vielleicht morgen, vielleicht übermorgen usw. Beim Zauderer dauert die Entscheidungsphase oft so lange, bis die Entscheidung nicht mehr relevant ist.

Das isolierende Denken

Der Zweifel spielt sich im Denken ab und macht uns auf eine Denkstruktur aufmerksam: Das Denken isoliert Details aus der Ganzheit der Wahrnehmung und verallgemeinert sie. Die Idee dabei ist, auf diese Weise Macht und Herrschaft über die Wirklichkeit ausüben zu können. Allerdings handelt es sich um eine Illusion, denn tatsächlich verstärkt und steigert das zweifelnde Denken die Unsicherheit. Denn isolierte Einzelheiten enthalten keinen Sinn und können deshalb nicht als Orientierungs- und Entscheidungshilfe dienen.

Das Denken trennt, was zusammengehört und im Fluss ist, es hackt gewissermaßen einzelne Elemente aus diesem Fluss heraus und bläst sie in ihrer Bedeutung auf. Alles, was durch das isolierende Denken alleine dasteht, erscheint als starr und unveränderbar. Der Zweifel springt gewissermaßen von einem abgesonderten und fixierten Detail zum nächsten und kann nirgends einen sicheren Grund finden. 

Damit entfernt sich das zweifelnde Denken von der Wirklichkeit, die sich beständig verändert und keine absoluten Bedeutungen kennt. Es spinnt sich in sich selbst ein und läuft einer Sicherheit nach, die es nicht finden kann. Denn diese gibt es nur im Einlassen und Vertrauen auf den beständigen Wandel, der die Wirklichkeit kennzeichnet.

Die Beruhigung des Zweifels

Der notorische Zweifel findet erst zur Beruhigung, wenn die Beziehung zur Realität über das Wahrnehmen und Handeln aufgenommen wird. Jede Wahrnehmung enthält eine Wahrheit, die zunächst zweifelsfrei gilt. Jede Handlung verändert die Realität auf unverwechselbare und zweifellose Weise. Es braucht ein Pendeln zwischen dem Denken und dem Realitätskontakt, damit das eigene Leben konstruktiv mit dem Leben als Ganzem interagieren kann. Der Zweifel bekommt seinen nützlichen brauchbaren Stellenwert, wenn die innere Sicherheit auf der Wirklichkeitserfahrung beruht und das Denken dafür nur einen Zulieferdienst erfüllt.

Die Realität ist voll von Risiken, die das Denken nur abschätzen, aber nicht verhindern kann. Zugleich verhilft jedes Risiko zu mehr Realität und Erfahrung und damit zu mehr Lebendigkeit. 

Zum Weiterlesen:
Vom Sinn und Unsinn des Zweifels

Der notorische Selbstzweifel



Montag, 13. Juli 2020

Wirklichkeit und Fantasieprodukte

Was ist die Wirklichkeit? Das, was wir als wirklich über unsere Wahrnehmung erfahren, so die bescheidene Antwort, seit Immanuel Kant jede andere Form der scheinobjektiven Erkenntnis einer profunden Kritik unterzogen hat.

Wir verfügen über eine direkte Wirklichkeitserfahrung, die uns die Sinne liefern, nämlich über die aus der inneren und der äußeren Wirklichkeit (die Welt unserer Körperempfindungen, Gefühle usw. und die Welt außer uns, die wir sehen, hören, riechen usw.). Wir befinden uns aber nicht immer in einem dieser beiden Kanäle der Erfahrung, sondern halten uns recht häufig in den Bereichen der mentalen Produktionen auf, im mentalen Kino, das von der Wahrnehmungswirklichkeit relativ unabhängig ist. Es ist eine Welt, die zu einem großen Teil aus selbstfabrizierten Konzepten und Erzählungen besteht.

Wir haben die Neigung, in eine Geschichte zu kippen, sobald uns etwas an der aktuellen Wirklichkeit nicht gefällt. Es sind also vor allem Ängste vor etwas Lästigem oder Verstörendem, die uns aus dem Moment weglocken und in die Fantasie führen. Dort hoffen wir, die unangenehmen Gefühle überschreiben zu können, um innerlich wieder in die Komfortzone zu gelangen. Wir beamen uns weg, und die Gefühle verändern sich gleich mit. Auf diese Weise entwickeln sich Gewohnheiten für die Vermeidung von Ängsten, Schmerzen und Schamgefühlen.

Beispiel: A hat den Eindruck, von B feindselig angeschaut zu werden. Dann läuft eine Geschichte ab, was in B vorgeht, ohne Bezugnahme auf eine Quelle der Evidenz. Die Geschichte kann in A feindselige Gefühle gegen B auslösen, gespeist von früheren Erfahrungen mit B oder mit jemandem, an den B erinnert. B war vielleicht gar nicht auf A fokussiert, sondern mit etwas anderem innerlich beschäftigt. Ohne Nachfrage von A: “Hast du was gegen mich?” lässt sich der Sachverhalt nicht aufklären und bleibt in einer Wolke, die sich jetzt zwischen A und B aufbaut, erhalten. Wenn A jetzt finster schaut, kann eine ähnliche Geschichte in B entstehen. An einem bestimmten Punkt können sich die Wolken entladen, und es kommt zu einem Gewitter, bei dem jeder der beiden das Gefühl hat, dass der Anfang, die Ursache und die Schuld des Konflikte beim anderen liegt.

Geschichten sind Produkte der Fantasy-Abteilung unseres Gehirns. Sie speisen sich aus Erlebtem und kombinieren es mit Erfundenem, daraus entsteht ein Werk namens „Dichtung und Wahrheit“, das laufend neu erschaffen (updated) wird. Schon Goethe wusste, dass Erinnerungen niemals vollkommen zuverlässig und akkurat sind, sondern allenfalls Annäherungswerte an vergangene Realitäten darstellen, die sich zudem in den meisten Fällen nicht überprüfen lassen, weil eben die Vergangenheit vergangen ist. Die Erinnerungen verbinden sich meist mit einer der vielen anderen Formen der Fantasieerzeugung, z.B. mit den Projektionen.

Projektionen


Die Projektionsgeschichten verlaufen nach einem festgelegten Schema. Das, was uns an uns oder in uns nicht gefällt, wird in einer anderen Person wahrgenommen. Damit sind wir das Problem los, und wir haben eine Geschichte erfunden, die dieser Person angehängt wird. Das Problem mit dem Problemexport liegt freilich darin, dass wir nie eine Lösung finden können, weil diese in der Verantwortung der anderen Person gelegt wird. Wir geraten in die Position eines Opfers, das die Situation nicht aus eigenen Kräften ändern kann.

Projektionen unterlaufen uns laufend. Wir verfügen über äußerst produktive Projektionsabteilungen, die sich auf ausgeprägte Projektionsgewohnheiten stützen können und immer wieder neue Geschichten erfinden. Es gibt Menschen, die sich hauptsächlich in der mentalen Welt der Projektionen aufhalten und die von anderen als psychotisch bezeichnet werden.

Wir leben in Zeiten der Massenproduktion von falschen Wirklichkeiten, also von Erfindungen, die als Realitäten dargestellt werden, und in Zeiten der Verleitung zu Psychosen mit dem Ziel, die Grenze zwischen Fakten und Fiktion zu verwischen. Wenn möglichst viele Menschen den Kontakt zu ihrer Erfahrungswirklichkeit verloren haben, ist es ein leichtes, die eigenen ökonomischen oder politischen Ziele widerstandslos durchzusetzen. Deshalb ist die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen den Kopfprodukten und der von uns unabhängigen Wirklichkeit keine Spielerei oder Luxusbeschäftigung, sondern unerlässlich für unsere innere Klarheit und für eine menschengerechte und soziale Gesellschaft.

Damit wir also bei geistiger Gesundheit und Zurechnungsfähigkeit bleiben können, ist es erforderlich, die Kraft der Unterscheidung der äußeren und inneren Wirklichkeit von unserer Fantasiefabrik zu stärken und zu schärfen. Wenn uns diese Kraft abhandenkommt oder abspenstig gemacht wird, ist nicht nur kollektiv das Projekt der Aufklärung (des „Ausgangs aus der Unmündigkeit“) in Gefahr, sondern auch unsere individuelle Vernunft und Verstandeskompetenz. Zwischen Wirklichkeit und Fantasie gibt es entweder eine klare Grenze, über die wir uns auch mit anderen Menschen verständigen können, oder die Verwirrung und schließlich der Wahn, in dem jeder nur mehr orientierungslos herumtaumelt, nimmt überhand.

Geteilte Wirklichkeiten


Kommunikation zwischen Menschen macht nur Sinn, wenn es Bedeutungen gibt, die interindividuell außer Streit stehen. Solche geteilten Bedeutungen können Fantasieprodukte sein, wenn sich z.B. Personen darüber verständigen, dass es keinen menschengemachten Klimawandel gibt. Tendenziell führen solche konstruierten Scheinfakten zur Entstehung von Meinungsblasen, innerhalb derer sich Menschen einig sind, dass sie über die wahre Deutung der Wirklichkeit verfügen und alle andere einem Wahnsystem folgen. Typisch dafür ist, dass der Realitätscheck ausbleibt und alternative Sichtweisen keinen Platz haben, sondern bekämpft werden. Die Folge ist eine in verschiedene Meinungsblasen zersplitterte Gesellschaft, in der jede Blase auf die andere mit Verachtung und Zuschreibung von Verrücktheit zeigt.

Eine Gesellschaft, die handlungsfähig bleibt und Lösungen für die von der Wirklichkeit herangetragenen Probleme ausarbeiten kann, braucht Zugänge zur Erkenntnis, die auf einer klaren Unterscheidung von Fantasie und Wirklichkeit beruhen. Diese Unterscheidung braucht einen Konsens, der von einer großen Mehrheit getragen wird – selten wird es gelingen, dass alle hinter einer bestimmten Erkenntnis stehen. 

Kommunikation kann nur dann gesellschaftlich konstitutiv und gemeinwohlerhaltend wirken, wenn sie sich auf genügend viele Sachverhalte beziehen kann, deren Existenz außer Zweifel steht. Nur wenn z.B. die meisten Diskursteilnehmer die Auffassung vertreten, dass Gewalt gegen Kinder neben körperlichen auch seelische Schäden hinterlässt, kann eine Norm entstehen, die gewaltsame Übergriffe von Erwachsenen auf Kinder kritisiert, ächtet und schließlich kriminalisiert.

Erkenntnisproduktion aus der Wirklichkeit


Die Wissenschaften stellen das Unterfangen dar, möglichst viele Sachverhalte darzustellen, die sich im Diskurs bewähren und damit ein Netz von verlässlichen Aussagen über die Wirklichkeit erlauben. Die methodische Überprüfung der Ergebnisse gewährleistet diese Verlässlichkeit, die die praktische Umsetzung für die Entwicklung von technischen Geräten, Medikamenten oder sozialen Normen möglich macht. Wissenschaft funktioniert, indem sie so nahe wie möglich an der Realität dran bleibt und sich permanent an der Wirklichkeit misst. Ideologien stützen sich dagegen auf Fiktionen, auf Uminterpretationen der Wirklichkeit unter dem Einfluss von Fantasien und emotionsgesteuerten Geschichten und sind deshalb zur Wirklichkeitserkenntnis nicht tauglich. Was zur Wirklichkeitserkenntnis nicht tauglich ist, ist auch zur Lösung gesellschaftlicher Probleme nicht tauglich.

Die Wissenschaften haben deshalb auch Instrumente entwickelt, die Ideologien in Frage stellen und an der Wirklichkeit überprüfen. Die Ideologiekritik stützt sich auf die Unterscheidung zwischen Faktizität und Fiktion, zwischen Wahrheit und Dichtung. Es ist klar, dass jede Gesellschaft Ideologien braucht, solange unaufgeklärte Emotionen die Wertbildung und Entscheidungsfindung ihrer Mitglieder beeinflusst, vor allem diffuse Ängste, die oft transgenerational weitergegeben werden. Es ist zugleich notwendig, dass die Ideologien als solche gekennzeichnet werden, wie die Herkunftsbezeichnung auf Lebensmitteln, sodass jeder weiß, was sich hinter einer politischen Stellungnahme verbirgt, woher sie kommt und worauf sie abzielt. 

Je weiter das Projekt der Aufklärung fortschreitet, desto weiter wird der Einfluss von ungeklärten Emotionen zurückgedrängt. Bildung, Ausbildung und Reflexion machen den als Wirklichkeiten getarnten emotionalisierten Geschichten langsam aber sicher den Garaus. Auch wenn manche Zeichen in die Gegenrichtung zeigen, z.B. die systematisch betriebene Erzeugung von falschen Wahrheiten, gibt es Grund zur Annahme, dass die Aufklärung unaufhaltsam im Fortschreiten begriffen ist, weil sie erfolgreicher im Umgang mit der Wirklichkeit ist. Alle Manipulatoren und Wirklichkeitsvernebler stützen sich in irgendeiner Form auf die Wissenschaften oder eine von ihnen hervorgebrachten Technologie.

Spekulative Ideengebäude wie die Astrologie z.B. mögen ihre Meriten haben, sind aber nicht dienlich für die Erfindung von Maßnahmen, die den Klimawandel bremsen oder die Artenvielfalt erhalten. Genauso wenig hilfreich für die Lösung globaler Probleme sind Ideologien wie der Neoliberalismus oder der Rechtskonservativismus. In ihren Grundannahmen gibt es keinen Platz für Wege zur Bewältigung der Konflikte, die sie selber produziert haben und die den Weiterbestand der Menschheit bedrohen. Wir brauchen Daten, Fakten, Forschungen und daraus entwickelte technische Verfahren, die aus den Schieflagen heraushelfen und neue Perspektiven öffnen. Das funktioniert nur dort, wo die Wirklichkeit das Sagen hat und ihr zugehört wird. Wo sich die internen Kopfgeburten als absolute Wahrheiten aufspielen, entsteht die Verwirrung.

Bewusstheit


Wie können wir herausfinden, ob wir in einer Projektion oder im aktuellen Wirklichkeitskontakt sind? Wenn wir im Großen unter der Vermischung von Wirklichkeit und Fantasie leiden, sollten wir doch in uns selbst beginnen, die Unterschiede zu klären und uns nicht mehr in Geschichten, die wir für die Wirklichkeit halten, verfangen. Denn jedes Abgleiten in eine Fantasieproduktion, die uns unterläuft, ist ein Beitrag zur Vernebelung der Welt und zur sektiererischen Blasenbildung.

Wir sollten uns bewusst sein, dass solche Wirklichkeitserschaffungen andauernd in unserem Gehirn ablaufen, sodass wir immer wieder nachfragen müssen, was davon zur Wirklichkeit und was zur Erfindung gehört. Die Aufgabe liegt im Abklären, was der Fall ist und was nicht, was also im Äußeren Bestand hat und im gegenwärtigen Moment für unsere Sinne erreichbar ist, und was eine flüchtige Eigenproduktion im Kopf darstellt.

Aus dem aktuellen Wirklichkeitserleben verleiten uns innere Irritationen, hinter denen zumeist Ängste stecken. Sie nehmen unser inneres Erleben in Beschlag und erzeugen Illusionen und Fantasien, die wir mit der Wirklichkeit verwechseln. Befinden wir uns in einem Erregungszustand, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich unsere Wahrnehmung verengt und reduziert und statt dessen die innere Produktion von Wirklichkeitsvorspiegelungen Platz greift.

Es geht nicht darum, fortwährend präsent zu sein und nichts als den aktuellen Moment wahrzunehmen. Dieser Anspruch ist schwer zu verwirklichen. Da mischt sich schnell die Selbstabwertung ein, sobald wir merken, wir hängen in einer Geschichte fest. Sie tadelt uns wegen der mangelhaften Konsequenz und Disziplin, und damit sind wir natürlich auch schon wieder in einer Geschichte verfangen. 

Der Schlüssel liegt Bewusstheit und Achtsamkeit, das ist das, was wir lernen können: Zu erkennen, wann wir in unserer Vergangenheit festhängen und wann wir im Moment des Erfahrens sind. Immer wenn uns diese Bewusstheit zur Verfügung steht, sind wir schon im Moment, auch wenn wir erkennen, dass wir gerade in einer Geschichte waren, die uns in Bann gehalten hat. Die Selbsterkenntnis führt uns zu unserem direkten und unmittelbaren Erleben zurück. 

Je mehr wir im gelassenen Entspannungszustand verweilen, desto mehr steht uns die Wirklichkeit in ihrer Breite und Fülle zur Verfügung, wir genießen die Schönheit und Vielfalt der Eindrücke. Es ist dann ganz einfach, im Moment des Erlebens zu bleiben, ohne in Geschichten abzugleiten.

Die Bewusstheit über das, was gerade ist, ermöglicht uns die Wahl: In unserer Fantasie zu bleiben und sie weiterzuspinnen oder uns der Wirklichkeit zuzuwenden und direkte Erfahrungen zu machen. Wir können uns das zur Achtsamkeitsübung machen: Immer wieder in uns nachfragen, ob wir in uns selber kreisen oder auf etwas außerhalb unserer Fantasie bezogen sind. 

Samstag, 8. Juni 2019

Die Illusionsmaschine Internet und die Ethik

Mit illusionslosem Eifer und konzentrierter linkshemisphärischer Intelligenz hat die Menschheit eine immense digitale Welt erschaffen. Ihre Zugänglichkeit und Bedienbarkeit wurde soweit vereinfacht, dass sie schon Kinder verstehen und handhaben können, um sich in ihr wie einer zweiten Welt zu bewegen. Ein Medium ist entstanden, das beinahe alles enthält, was die Menschen an Wissen und an Illusionen hervorgebracht haben und laufend erweitern.

Wie viele Erfindungen und technologischen Neuerungen hat auch diese digitale Revolution ihre Licht- und Schattenseiten. Sie brachte uns Wissens- und Illusionsmaschinen. Zu den unbestreitbar positiven Errungenschaften zählen die niederschwellige Verfügbarkeit von Informationen und die kommunikativen Möglichkeiten der Vernetzung. In diesem Sinn ist die Menschheit mehr zusammengerückt, Bildung ist demokratischer und greifbarer für viele und es sind solidarische Aktionen weltweit möglich geworden. 

Auf der anderen Seite spiegeln sich im Netz auch die dunklen Seiten der Menschen. Es wird zur Information genauso genutzt wie zur Desinformation, zur Aufklärung wie zur Irreführung und Manipulation, zur harmlosen Unterhalten und zum Vorspiegeln von Illusionen und . Zwar hat es Betrügereien und Täuschung schon immer gegeben, aber in der digitalen Welt sind die Möglichkeiten um riesige Dimensionen gewachsen. Die ungeheure und stets wachsende Fülle an Informationen, die abgerufen werden können, steht im krassen Gegensatz zur schwindenden Orientierungsfähigkeit der Nutzer. Unsinnigkeiten, Dummheiten, Lügen und Gemeinheiten stehen nahezu ununterscheidbar neben Weisheiten, Fakten und  nützlichen Informationen. 

Damit wird die Urteilskraft zur wichtigsten digitalen Kompetenz: Wie kann der Spreu vom Weizen unterschieden werden? Wie erkennen wir Desinformation? Wie finden wir zu abgesicherten und vertrauenswürdigen Quellen? Wie können wir uns im Wust und Getümmel der Angebote an Produkten, Dienstleistungen und Informationen orientieren, ohne uns selbst – und unser Selbst – zu verlieren?

Die Schwierigkeit liegt darin, dass das Medium selbst eine starke Tendenz unterstützt, vom eigenen Inneren abgelenkt zu werden. Nichts in unserem Inneren funktioniert digital, wir sind rein analoge Organismen. Das Digitale ist ein unkörperliches Produkt unseres Geistes. In seiner Sphäre spüren wir uns selbst nicht, außer wir nutzen unsere bewusste Aufmerksamkeit. D.h. die gesamte Welt des Digitalen hat einen illusionären und irrealen Charakter, auch wenn Realität und Aufklärung über das Medium transportiert werden kann. Mit diesem Widerspruch müssen wir leben lernen, insoferne als die Digitalität zu unserem Leben gehört. Das Umgehen mit dem Widerspruch kann darin bestehen, bei jeder Beschäftigung mit den digitalen Maschinen uns unserer selbst bewusst zu bleiben, indem wir z.B. immer wieder die Aufmerksamkeit auf den Atem und auf unser Fühlen lenken.


Wissen und Unwissen verbreiten


Information und Wissen haben den Dingen eine Eigentümlichkeit voraus. Wenn wir Wissen weitergeben, wird es mehr. Ich erkläre jemandem die Polyvagaltheorie. Damit entsteht ein neues Wissen in dieser Person, und auch mehr Verständnis für die Theorie in meinem Kopf. Gebe ich jemandem einen Apfel, so bleibt das ein Apfel, den ich jetzt nicht mehr habe. Ich verliere also durch das Geben. Wissen hingegen vermehrt sich mit der Weitergabe. Es wird im genauen Sinn nicht geteilt, sondern wandert mehr oder weniger als Ganzes zur anderen Person, während es bei der mitteilenden Person als Ganzes verbleibt und unter Umständen durch das Mitteilen sogar noch weiter wächst.

Was für die Information gilt, gilt auch für die Desinformation und Manipulation. Unwissen oder Antiwissen wird mehr durchs Verbreiten. Dazu kommt, dass sich die unethischen Motive (Gier, Hass, Machtstreben), die hinter dem Täuschen stecken, mit jeder Weitergabe der Falschinformation ebenfalls fortpflanzen, meist ohne Wissen der weitergebenden Menschen. Das Netz hat die Eigenschaft, dass es bestimmte Nachrichten in Windeseile und an große Menschenmengen verbreiten kann, ohne Kontrolle, ob sich die Nachricht auf erfundene oder reale Gegebenheiten bezieht. Es kann damit auch schnell enormer Schaden angerichtet werden. Denn Missinformationen schaffen Misstrauen, Desorientierung, Vorurteile, Verwirrung und Illusionen. Wo immer die Realitätsprüfung fehlt, entsteht ein Stück geistiger Welt, die keine Verbindung zur Wirklichkeit hat, sondern umgekehrt mittels ihrer Fehldeutungen die Wirklichkeitswahrnehmung verzerrt. 

Wo der Wirklichkeitsbezug fehlt, wird nicht nur die innere Wirklichkeit (die Fantasien, Illusionen, Fehldeutungen) mit der äußeren Wirklichkeit verwechselt. Außerdem werden Einstellungen geprägt, die in Handlungen übersetzt werden. Wird z.B. bei einem Menschen die Angst vor einer Katastrophe durch eine Fehlinformation erzeugt, wird die Person ihre Handlungen gemäß der Fehlinformationen ausrichten, um sich vor der vermeintlichen Gefahr zu schützen. Tendenziell wird sie auch die Menschen in ihrer Umgebung mit der Angst anstecken und auf diese Weise den emotionalen Gehalt der gefälschten Nachricht weiterverbreiten.

Es ist leicht ersichtlich, dass alle Radikalismen und extremen politischen Einstellungen sowie alle daraus resultierenden Gewaltakte und zerstörerischen Handlungen aus solchen Wirklichkeitsverwechslungen entstehen: Was im Inneren ist, wird für etwas im Außen gehalten. Die innere Wirklichkeit wird in die Umwelt projiziert. Das Böse wird im Außen identifiziert und damit wird jedes Mittel legitimiert, um es zu bekämpfen.

Damit hat die Täuschung ihr Ziel erreicht, eine Parallelwelt wurde erschaffen, die nicht mehr auf realen Gegebenheiten oder Ereignissen, sondern auf „alternativen Fakten“, also auf Fantasieprodukten beruht. Die Verwirrung ist komplett, und die Menschen sagen dann: „Man kann niemandem mehr vertrauen. Es gibt so viele Meinungen, und ich halte an dem fest, was ich glaube (also an meinen Vorurteilen).“ „Es gibt zu allem Studien, die einen sagen das, die anderen das Gegenteil, also kann man auch den Wissenschaften nicht mehr trauen. Außerdem sind die Wissenschaftler alle gekauft.“

Um die alternativen Fakten gruppieren sich die „alternativen Blasen“, die ihre Formen des Aberglaubens und der Mythologie für real halten und sich gegenseitig bestätigen. Es entstehen mehr und mehr Paralleluniversen, ähnlich wie die Bereiche unterschiedlicher Konfessionen, die nach unterschiedlichen Grundsätzen und Wirklichkeitsauffassung leben.


Paradox am rechten Rand


Paradoxon am Rande: Diejenigen, die in der gesellschaftspolitischen Diskussion die Entstehung von Ghettos und Parallelgesellschaften als Beispiele der Unmöglichkeit der Integration von Fremden kritisieren, sind jene, die sich besonders leicht in illusionären Zirkeln zusammenfinden, d.h. die, ohne es zu merken, selber in eine Parallelgesellschaft abdriften. Sie spielen zwar in einigen Belangen weiter in den allgemeinen Zusammenhängen mit, indem sie ihrer Arbeit nachgehen, Steuern zahlen und zur Wahl gehen, aber in ihrem geistigen Horizont schließen sie sich ab von dem, was in der Realität abläuft. 

Aktuelles österreichisches Beispiel: Ein führender Politiker breitet in einem Gespräch seine Pläne zum Aufbau einer Mediendiktatur und zur Korruption aus. Nachdem diese Realität an die Öffentlichkeit kommt, beginnt die Blase schnell zu reagieren, konstruiert einen Opfermythos und bagatellisiert die Realität als „besoffene Geschichte“. Auf diese Weise wird die moralische Wertung und die Zuteilung von Verantwortung verhindert und das eigene vorkonstruierte Weltbild zwischen den Guten und den Bösen bleibt bestehen, ja wird noch zusätzlich bestätigt. Viele andere sind entsetzt über das, was sich an Realität geoffenbart hat, doch die Blase hat schon längst ihre Rechtfertigung und ihren Mythos erzeugt, der sich über die Wirklichkeit stülpt wie eine Nebelwolke. Ähnlich wie eine türkische Community in einer mitteleuropäischen Großstadt, die die heimische Sprache nicht verwendet, ihre eigenen Gebräuche, Religion und Normenwelt beibehält, bildet die Blase der rechten Politikerfans eine verschworene Gemeinschaft (deshalb auch der Wahlslogan: „Wir halten jetzt erst recht zusammen!“) mit eigenen Normen und Wirklichkeitskonstruktionen, die vom Rest der Gesellschaft abgeschottet ist.


Integrität und wirkliche Wirklichkeit


Persönliche Integrität braucht einen Halt in der Realität, der verloren geht, wenn die Wirklichkeit nicht mehr von eigenen Angst- oder Wunschfantasien unterschieden werden kann. Aus Integrität wird dann moralische Beliebigkeit. Die ethischen Werte erodieren. Schließlich kann jeder alles tun, ohne dass es Folgen hat, und das, was offensichtlich amoralisch ist, wird umgedeutet, umgewertet und schließlich verherrlicht. Das ist auch das verheerende Image, das der gegenwärtigen US-Präsident pflegt und damit vielen als Vorbild für die eigene Unverschämtheit dient. 

In einer Demokratie ist es möglich, dass respektslose und unhöfliche Menschen von respektslosen und unhöflichen Menschen in die höchsten Ämter gewählt werden und von dort aus die Respektslosigkeit und Unhöflichkeit bei ihren Wählern und darüber hinaus verstärken. Im Internet bedarf es nicht einmal mehr einer Wahl, um zum Influenzer, zum Meinungsführer zu werden.  Es braucht nur genügend Clicks, Shares und Likes, schon wird der eigene Stil zum Trend und manifestiert sich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Integrität und ethisches Bewusstsein ist kein Kriterium.

Umso mehr braucht es die Kraft und Klarheit der Integrität, den Anspruch der Verantwortung und Integrität hochzuhalten, ohne Kompromisse.   verträgt keine Verwaschenheit und ist immun gegen Täuschung und Verwirrtaktiken. Wollen wir die Integrität in diesem Bereich wahren, gilt es, die Mühen der Ebene auf sich zu nehmen: Quellen überprüfen, recherchieren, vergleichen, publizieren. Auch das wird durch das Internet erleichtert, es gibt mehr und mehr seriöse Seiten, die die Fake-Seiten, Hoaxes und Betrügereien beobachten und dokumentieren. Dies gilt für Propaganda, die im Netz als seriöse Information getarnt ist, Halbwahrheiten, die als ganze präsentiert werden, Wirtschaftsinteressen, die sich als Wissenschaft verkleiden, Vorurteile, die als objektive Wahrheiten verkauft werden, Fantasien, die als Wirklichkeiten dargestellt werden usw. Die kritische Prüfung braucht es überall dort, wo Meinungen und Einstellungen geprägt werden – in den sozialen Medien, bei Internet-Zeitungen, Blogs und Foren. 

Wir können uns in virtuellen oder face-to-face-Gemeinschaften gegenseitig unterstützen, um Irrtümer, Irreführungen und Täuschungen zu korrigieren und Manipulationen zu entlarven. Es geht nicht darum, neue Blasen zu bilden, sondern die bestehenden zu öffnen, sodass sie mit Realitäten und Wahrheiten konfrontiert werden. Es geht darum, integre, offene und tolerante Gemeinschaften zu bilden, Foren der Öffentlichkeit, in denen kritische Diskurse geführt stattfinden und der Prozess der Wahrheitsfindung hochgehalten wird. Selbstreflexion und Selbstkorrektur sind die unabdingbaren Voraussetzung für die ethische Verantwortungsübernahme auch im Bereich des digitalen Datennetzes und seiner kommunikativen Auswirkungen.

Zum Weiterlesen:
Hass im Internet
Der trügerische Zauber der Illusion

Mittwoch, 29. Mai 2019

Der trügerische Zauber der Illusion

Mit Illusionen täuschen wir uns über Wirklichkeiten hinweg, die uns unangenehm oder unbequem sind. Wir malen uns aus, wie es besser sein könnte, wie sich Umstände zu unseren Gunsten wandeln, Probleme auf magische Weise verschwinden oder eine Person, mit der wir unzufrieden sind, zu einem neuen und viel besseren Menschen wird. Illusionen wirken oft bezaubernd auf ein betrübtes Gemüt, das sich mit der Fantasie aus der misslichen Situation befreien will. Es ist die Flucht in eine bessere und schönere Welt, die uns von unserem Gehirn und seinem Fantasiereichtum angeboten wird. Wir vermeiden die aktuelle Realität mit ihren Ecken und Kanten, um nicht noch mehr Schrammen abzubekommen und versinken in der Welt der Illusionen. Dort ist alles geschmeidig, weich und ideal, und unsere Wünsche gehen leicht in Erfüllung.

Illusionen formulieren Erwartungen an die Realität: sie soll sich gefälligst unseren Wünschen und Träumen entsprechend gestalten. In unserer Fantasie tun wir so, als wäre es schon eingetreten, was wir uns ausdenken. Obwohl wir wissen, dass wir nur in der Fantasie unterwegs sind – und deshalb haben wir es nicht mit Halluzinationen zu tun –, kann uns unsere selbstproduzierte Kopfrealität wichtiger und bedeutsamer werden als die äußere, von uns viel weniger kontrollierbare Realität. Denn diese Welt können wir uns so einrichten, wie sie sein soll, ohne dass uns wer dreinredet und ohne dass sich irgendwelche unliebsame Umstände querlegen.

Im Vergleich zur Wirklichkeit ist die Illusion dumpf und schal. Denn die Wirklichkeit ist immer lebendig voller Überraschungen und neuer Einfälle. Die Illusionen, in die wir uns immer wieder flüchten, sind im Wesentlichen immer die gleichen und kreisen im Kopf in wiederkehrenden Schleifen. Sie stammen aus Gewohnheiten unseres Denkens und Fühlens und nähren sich aus unbewussten Ängsten. Wie wir aus der Trennungstheorie wissen, stammen diese Fluchttendenzen insbesondere aus unverarbeiteten Beziehungsabbrüchen aus der frühen Kindheit. 

Das Leben fließt in Mäandern und unvorhersehbaren Wendungen, manchmal schneller, manchmal langsamer. Es kennt unendlich viele Schattierungen und Nuancen. Es steht nie still und wiederholt sich nicht. Allerdings, wenn wir uns überfordert fühlen vom beständigen Fluss der Veränderungen, flüchten wir in eine Welt, die ganz unserer Kontrolle unterliegt und in der wir das Tempo und die Themen bestimmen können. Diese Welt können wir nach unseren Wünschen und Bedürfnissen einrichten und perfektionieren. Ihr einziger Nachteil besteht darin, dass sie künstlich und irreal ist, ohne eigene Dynamik.

Die perfekte Welt gibt es nur für einen perfekten Verstand, und diesen gibt es nicht, und selbst wenn wir ihn hätten, könnten wir ihn nicht kontrollieren. Deshalb werden wir auf diesem Weg nie zur Zufriedenheit finden. Er stellt zwar einen gewohnten Ausweg zur Verfügung, doch führt uns der scheinbare Ausweg immer wieder zu der Unzufriedenheit zurück, von der er ausgeht und der er abhelfen möchte. 


Viele Spielwiesen der Illusion


Es gibt praktisch keinen Lebensbereich, in dem wir uns nicht einer Illusion hingeben könnten. Häufig mischen sich Illusionen in Liebesdinge ein. Sie gaukeln uns vor, dass wir in den vollkommensten Menschen auf der ganzen Welt verliebt sind. Zusätzlich nähren wir dabei die Illusion, dass wir allein dadurch glücklich sein können, wenn wir genug von diesem vollkommenen Wesen geliebt werden. Also setzen wir alles in unserer Macht Stehende in Gang, um abzusichern, dass wir ausreichend geliebt werden. Auch hier laufen wir Gefahr, unsere Illusion mit der Wirklichkeit der Liebe zu verwechseln.

In beruflichen Zusammenhängen neigen wir zu Illusionen, wenn wir unsere Fähigkeiten überschätzen oder laufend wunderbare Ideen entwickeln, ohne uns um ihre Verwirklichung zu kümmern. Oder wir kümmern uns nicht um die realen Marktbedingungen und Absatzchancen, wenn wir eine neue Geschäftsidee entwickeln, sondern glauben an die an unsere eigene Großartigkeit. Umgekehrt fallen wir manchmal auf Leute herein, die uns bewusst oder unbewusst mit ihrer eigenen Selbstüberschätzung täuschen.

Viele Raucher und andere Substanzabhängige reden sich ein, dass sie zu denen gehören, denen das Gift nichts ausmacht und die damit steinalt werden können, ohne die Suchtgewohnheit verändern zu müssen. Sie beruhigen mit dieser Strategie ihre kognitive und emotionale Dissonanz, was vor allem dann notwendig ist, wenn im eigenen Umfeld Menschen an Lungenkrebs sterben und wenn sie bei jedem Arztbesuch daran erinnert werden, dass sie die Sucht beenden sollten.

Auch in Bezug auf die ökologische Situation neigen viele zu Naivität und Wunschdenken: Jene, die die „Klimahysterie“ anprangern und darauf hoffen, dass sich Tausende Wissenschaftler in ihren Berechnungen geirrt haben, geben sich der Illusion hin, dass schon alles irgendwie gehen wird, ohne dass wir Eingriffe in unsere bequemen Lebensweisen vornehmen müssten. Sie suchen alle halbseidenen und windigen Argumente zusammen, die im Netz herumgeistern, um ihre Illusion zu bekräftigen, wie in dem Witz von den beiden Dinos, wo der eine sagt: „Du glaubst doch auch, dass das mit dem Meteoriten ein Hoax ist“.

In der Nachbarschaft der „Klimaleugner“ treiben sich auch mannigfaltige Verschwörungstheorien herum. Sie sind von der Illusion angetrieben, dass sich komplexe Dinge einfach erklären lassen: Geht die Wirtschaft schlecht, sind die Bilderberger, Freimaurer, Illuminaten oder wer auch immer gerade dabei, noch mehr Geld in ihre Taschen zu schaufeln; geht die Wirtschaft gut, passiert das Gleiche. Sie pflegen den Glauben, dass ein paar Menschen (Männer) die gesamte Weltwirtschaft und Weltpolitik steuern. Dabei schaltet doch James Bond in jedem Film einen dieser Giganten aus, eine gefährdete Spezies. 

Karl Marx hat in seiner Kritik an der Religion den Begriff der Illusion verwendet: „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusion über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf.“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 1844) Das jenseitige Glück, das den Menschen vor allem vom Christentum und vom Islam versprochen wird, sei nur eine Illusion, und sobald die Wirklichkeit entsprechend umgestaltet ist, sodass das Glück im Diesseits erfahrbar wird, würde sich die Illusion erübrigen, die Religionen sterben aus. 

Marx selber hing der Illusion an, dass sich die ökonomischen Umstände durch revolutionäre Aktivitäten so umgestalten ließen, dass alle zum Glück fänden. Obwohl sich seither für viele Menschen der Wohlstand verbessert hat, ist nicht unbedingt das Ausmaß an Glück gestiegen.

Schließlich spielen die Illusionen in spirituellen Zusammenhängen eine wichtige Rolle. So schreibt z.B. Jiddu Krishnamurti: „Entweder sind Sie sich des chaotischen Zustands der Welt bewusst, oder Sie schlafen nur, leben in einer Phantasiewelt, einer Illusion.“ (Total Freedom, 1996) Das hinduistische Konzept von Maya besagt, dass wir alle eingesponnen sind in eine Illusion des begrenzten und abgetrennten Ichs, das nichts mit der wahren, befreiten Natur des Menschen zu tun hat. Aufgabe des spirituellen Weges ist es, die Illusionen zu durchschauen und aufzulösen und zur Wahrheit über das Sein vorzudringen. 


Von der Scheinwelt zur Wirklichkeit


In all diesen Zusammenhängen geht es darum, den trügerischen Zauber der Illusionen zu durchschauen. Nur dann können wir diese Scheinwelten hinter sich lassen, um der Wirklichkeit zu begegnen, die unser eigentliches Leben ist. Wir sind aus Fleisch und Blut, im Hier und Jetzt, in diesem Feld spielt sich unser Leben ab. Sobald wir uns Illusionen hingeben, weichen wir diesem unseren Leben aus. Manchmal brauchen wir das scheinbar, weil wir uns überlastet und überfordert fühlen. Das sollte uns einfach nur bewusst werden, dann bleibt das Illusionieren harmlos. „Ich spinne jetzt ein wenig vor mich hin, wie einfach und angenehm das Leben sein könnte, um mich dann wieder den Aufgaben zu widmen, die mir das Leben stellt.“

Manchmal allerdings merken wir gar nicht, dass wir in unseren Illusionen unterwegs sind, in einem Ersatzleben, das wir aus unseren Fantasien zusammenzimmern. Das geht oft lange gut, bis wir auf eine Wirklichkeit stoßen, die stärker ist als unser Wunschdenken und uns mit tragischer Wucht aus unserer Traumwelt reißt.

Wie entkommen wir unserer Tendenz zum Illusionieren? Wie können wir rechtzeitig in die Realität zurückfinden, ohne dass uns das Leben die Lektion erteilen muss? Die einfachste Möglichkeit besteht darin, uns über den Bezug zu unserem Körper in die Gegenwart zu bringen. Unser Körper ist die nächste, greif- und begreifbare Realität für uns, und wenn wir uns auf den Atem fokussieren, sind wir ganz bei uns. Sind wir auf diese Weise in Kontakt mit uns selbst, spüren wir auch die Kraft, dass wir uns der Komplexität unserer Lebenswelt stellen können und ihre Herausforderungen meistern können. 

Der Seelenkenner Arthur Schnitzler hat geschrieben: „Eine Illusion verlieren, heißt um eine Wahrheit reicher zu werden. Doch wer den Verlust beklagt, ist auch des Gewinnes nicht wert gewesen.“ Es geht also zunächst darum, zu erkennen, dass die Wahrheit bedeutsamer und wichtiger ist als die Illusion, sodass wir uns immer verbessern und in unseren Möglichkeiten erweitern, wenn wir mehr Wahrheit und Wirklichkeitsbezug erfahren, mag es auch zeitweilig unangenehmer und belastender erscheinen. Diese Tatsache sollten wir wissen und anerkennen. Damit entgehen wir der Falle, der Illusion nachzutrauern, was nur dazu führen kann, dass wir uns die nächste Illusion suchen.

„Die Wahrheit wird euch frei machen“, heißt es im Johannes-Evangelium. Die Bereitschaft, dass wir uns unserer inneren und der äußeren Wahrheit stellen, ist die Voraussetzung für die Freiheit. Das Einspinnen in Illusionen lässt uns in der Unfreiheit beharren und schwächt unsere Kraft, unsere Lebenswirklichkeit kreativ zu gestalten.

Zum Weiterlesen:
Die Illusionsmaschine Internet und die Ethik
Wahrheit und Illusion

Die Illusion des bewussten Selbst
Erzeugen wir unsere Gedanken?


Samstag, 18. August 2012

„Du spinnst ja!“ - Ebenen der Wirklichkeit

Wie wirklich ist die Wirklichkeit, fragte Paul Watzlawick und brachte damit die konstruktivistische Sichtweise an die Leute. Wirklichkeit steht nicht einfach fest, sondern wird hergestellt und muss fortwährend überprüft werden. Im psychotherapeutischen Geschäft ist die Frage auch relevant, wird aber selten diskutiert, vielleicht weil sie zu theoretisch klingt und weil viele Klienten kein Problem haben, auf verschiedenen Wirklichkeitsebenen Erfahrungen zu sammeln und diese zu integrieren. Was aber, wenn ein Klient für seine geistige und kognitive Klarheit wissen will, wo seine Erfahrungen hingehören und wie sie mit dem eigenen Weltbild vereinbar sind?

Unser Wirklichkeitsbegriff ist streng materialistisch, das haben wir von den Naturwissenschaften gelernt. Wirklich ist, was in Raum und Zeit für uns wahrnehmbar ist, bzw. wahrnehmbar gemacht werden kann (wir nehmen z.B. an, dass Viren wirklich sind, obwohl wir sie vielleicht noch nie gesehen haben, oder dass der Neptun wirklich 13 Monde hat, obwohl wir auf noch keinem einzigen waren). Wir schenken also der Wissenschaft großen Glauben, dass sie uns Erkenntnisse über die Wirklichkeit geben kann. 

Wenn es um unsere Innenerfahrungen geht, kommen wir in Bereiche, die nicht so einfach mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild kompatibel sind. Wenn wir träumen, haben wir ein Wirklichkeitserleben, das sich erst beim oder nach dem Aufwachen relativiert. Im Traum erscheint uns als real, dass wir verfolgt werden, Leute treffen, die anders ausschauen als sonst usw. 

http://www.lilienthal-museum.de/olma
/muse.htm
Während des Schreibens des Artikels hatte ich dazu einen witzigen Traum. Schon öfter hatte ich vom Fliegen geträumt, und das war immer so „traumhaft“, dass ich mir während des Träumens dachte, diesmal merke ich mir, wie das geht und mache das dann auch, wenn ich aufwache. Nun träumte ich wieder, dass ich fliegen kann und dass das ganz einfach ist und träume weiter, dass ich aufwache und es jetzt im aufgewachten Zustand noch immer kann, zwar nicht ganz so leicht, aber mit etwas Konzentration ziemlich locker. Dann bin ich allerdings wirklich aufgewacht, die Leichtigkeit war dahin und ich hatte überhaupt keine Idee mehr, wie ich mit den 70+ Kilo meines Körpers die Schwerkraft überwinden könnte. Der wache Wirklichkeitsbegriff hatte mich sofort wieder im Griff. So muss ich also auf den nächsten Flugtraum warten, um dieses besondere Freiheitsgefühl genießen zu können (oder auf eine Möglichkeit, die Traumwirklichkeit in die Wachwirklichkeit zu integrieren, was ja in vielfältiger Form ein alter „Traum“ der Menschheit ist).

Schon wenn wir uns entspannen und die Augen schließen, können Bilder kommen, Gefühle auftauchen und Körperwahrnehmungen spüprbar werden, die ihre eigene „andersartige“ Realität haben. Der Wirklichkeitsbegriff der Naturwissenschaften funktioniert also nur, wenn wir im Wachzustand bei klaren Sinnen sind und zusammenhängend denken können. Er erfordert, dass wir uns auf diese eine Dimension reduzieren, dass wir also eindimensional erleben (beschränkt auf die vier Dimensionen unserer sinnlichen Wahrnehmung).

In allen anderen Erlebnisbereichen befinden wir uns in anderen Wirklichkeiten. Offenbar, wie schon Sigmund Freud herausgefunden hat, regieren in unserem Unterbewussten ganz andere Mechanismen der Wirklichkeitsproduktion. Er hat zwar versucht, auch diese Mechanismen naturwissenschaftlich zu erklären, ist damit aber nicht weit gekommen. Zu unterschiedlich sind die Menschen, wenn es um ihr inneres Erleben geht, sodass wir sagen müssen, dass jeder Mensch im Inneren eine ganz und gar eigene Wirklichkeit hat, die ihm nur selber zugänglich ist und die er auch nur sehr eingeschränkt mitteilen kann. Sie ist also privat und einzigartig, Teil seiner Individualität. 

Wenn wir eine systemische oder ganzheitliche Sichtweise einnehmen, können wir nicht eine Wirklichkeitserfahrung über die andere stellen, sondern müssen sie als grundsätzlich gleichrangig anerkennen. Wir achten nur darauf, für welche Situationen und Erfordernisse des Lebens welche Wirklichkeit brauchbar und sinnvoll ist. Wenn wir von einem Verkehrspolizisten aufgehalten werden, wird der nicht an unseren Träumen oder inneren Zuständen interessiert sein, sondern erwarten, dass wir ihm auf seiner Wirklichkeitsebene begegnen. Begegnen wir einem Angehörigen des malaysischen Senoi-Stammes, bei denen das Traumdeuten zur täglichen Routine gehört, so werden diesen unsere Träume mehr als unser Führerschein interessieren. 

 Mit dieser Einstellung tun wir uns leichter, wenn uns Menschen über Erfahrungen berichten, die nicht in den naturwissenschaftlichen Rahmen passen, z.B. von Wunderheilungen (siehe meinen Blogbeitrag vom März 2012 - http://wilfried-ehrmann.blogspot.co.at/2012/03/die-wunderheiler-und-die-skeptiker.html ) oder übersinnlichen Wahrnehmungen. Wir brauchen sie auch, wie oben erwähnt, in der therapeutischen Arbeit. Wenn es etwa um die Verarbeitung eines Verlustes geht (beim plötzlichen Tod einer vertrauten Person wie auch beim Verlust eines Zwillingsgeschwisters im Mutterleib), besteht ein wichtiger Schritt in der Heilung darin, mit der verstorbenen Person Kontakt aufzunehmen. Im naturwissenschaftlichen Weltbild ist das unmöglich. Wer tot ist, kann nicht mehr kontaktiert werden. Wenn wir jedoch Klienten, die die Gefühle der Verlusterfahrung erlebt haben, vorschlagen, sich mit der verstorbenen Person zu verbinden, „wo immer sie gerade ist“, ist das den meisten Menschen leicht möglich, und dieser Kontakt wird fast immer als sehr heilsam und wohltuend erlebt. 

Es gibt also offenbar eine Wirklichkeitsform, in der die Grenzen von Raum und Zeit aufgehoben sind. Das ist ja insofern auch klar, weil die Raum- und Zeiterfahrungen auf die naturwissenschaftliche Realität beschränkt sind und dieses auf jene. Wir haben ein Erleben, „als ob“ die verlorene Person „wirklich“ noch irgendwo da ist und mit uns spricht. Wir wissen dabei, dass diese Wirklichkeit eine andere Qualität hat, dass wir also, wenn wir die Augen öffnen, die Person nicht mehr vor uns sehen und ihr nicht einfach die Hand schütteln können. Aber dieses Wissen nimmt der Erfahrung nichts von ihrer Gültigkeit und Bedeutsamkeit. 

Auch bei der Arbeit mit Ahnen, die wir z.B. bei der Aufstellungsarbeit oder bei der Auflösung von über die Generationen vererbten Traumen nutzen,  ist diese Wirklichkeitsebene wichtig. Wir können dabei erleben, dass lange verstorbene Vorfahren von uns einen belastenden Einfluss ausüben und dass die Begegnung mit ihnen diesen Einfluss in eine positive Kraft ummünzen kann. Manche Vertreter der Aufstellungsarbeit sind der Meinung, dass die Auflösung von solchen Themen selbst den Verstorbenen eine Erleichterung bringt. Dabei wird angenommen, dass es eine Wirklichkeit gibt, in der diese Personen in einer anderen als der uns bekannten Form leben.

Wenn wir, aus „naturwissenschaftlicher Verantwortung“, sagen würden, dass solche Phänomene reine Einbildung sind und es sie nicht geben kann, weil ja die Wirklichkeit auf Raum und Zeit beschränkt ist, dann werten wir die andere Wirklichkeitsebene ab, also die Subjektivität des Klienten, was uns nicht zusteht. Schließlich wollen wir ja selber auch nicht, dass uns jemand anderer bei unseren Innenerfahrungen dreinredet und uns weismachen will, dass wir „in Wirklichkeit“ das, was wir erleben, gar nicht erleben, bzw. dass das, was wir erleben, eine ganz andere Bedeutung hat als die wir ihr selber geben.

Kinder kennen die unterschiedlichen Wirklichkeiten sehr gut. Sie halten sich gerne in Märchenwelten und Geschichten auf und stoßen damit häufig auf Unverständnis oder Kritik bei den Erwachsenen, die ihnen ausreden wollen, was sie innerlich erleben, wohl aus der Angst heraus, dass Märchenwelten zum Funktionieren beim Meistern des Lebens in unserer Gesellschaft nutzlos wären. So müssen die Kinder mit der Zeit lernen, die Ebenen auseinander zu halten, indem sie die Abwertungen mitnehmen, die besagen, dass es eine „wirkliche“ = gute oder nutzbringende Wirklichkeit gibt und eine „unwirkliche“=schlechte oder unbrauchbare. Mit dem Eintritt in die Schule beginnt bei den meisten Kindern die mehr oder weniger gründliche Reduktion auf das eindimensionale Weltbild der Naturwissenschaften.

Statt dass wir uns in eine Form der Wirklichkeitserfahrung einzementieren und diese mit allen Möglichkeiten verteidigen, scheint es sinnvoller zu sein, unsere Fertigkeiten zu schulen, uns auf verschiedenen Ebenen bewegen zu können und alle diese Ebenen in ihrem Eigenwert schätzen zu können. Wichtig bei dieser Kompetenz ist die die Fähigkeit, zu wissen, wo wir gerade sind. Psychotiker leiden unter der Abwesenheit dieser Fähigkeit. Sie können nicht unterscheiden, was „Wirklichkeit“ und was „Wahn“ ist, wobei das, was man als Wahn bezeichnet, nur eine andere Form der Wirklichkeitserfahrung ist, die aber nicht eingeordnet werden kann. Psychose ist ein Zustand der Verwirrung, auf welche Ebene der Wirklichkeit eine bestimmte Erfahrung gehört. Diese Irritation kann große Ängste auslösen und die Kommunikationsfähigkeit stark beeinträchtigen. 

Üben wir uns dagegen im Unterscheiden der Wirklichkeitsebenen, dann gewinnen wir an Einsichtsmöglichkeiten für die verschiedenen Qualitäten des Lebens und Erlebens, unserer selbst und der anderen Menschen.  Ich empfehle dazu auch, das Modell der Bewusstseinsevolution zu nutzen, weil es uns eine Landkarte an die Hand gibt, mit deren Hilfe wir die jeweiligen Wirklichkeiten verorten können.