Donnerstag, 30. April 2020

Die Archetypen und die pränatale Welt

Die Welt der Archetypen, die wir aus Märchen, Sagen, Träumen und aus der Psychologie von C.G. Jung und seinen Nachfolgern kennen, enthält ein weites Geflecht an Verbindungen mit unserer pränatalen Welt. Wir verstehen in diesem Zusammenhang üblicherweise die Archetypen als Gestalten eines kollektiven Unbewussten, das die Menschheit seit ihren Anfängen aufgebaut hat. Eine weitere Zugangsform bietet die pränatale Sichtweise, indem die archetypischen Figuren als Repräsentanten früher Beziehungserfahrung im Mutterleib untersucht werden. Denn unser individueller Anfang ist genauso mythisch wie der kollektive Anfang der Menschheit – gehüllt in die Schleier der Bilder- und Gefühlswelten, lange vor den Umwälzungen durch das Erwachen der kognitiven Gedankenwelten.

Archetypen sind keine Figuren nach den rationalen Maßstäben der nüchternen Erwachsenenwelt, sie haben kein Verhältnis zu Zahlen und technischen Ursache-Wirkung-Gesetzmäßigkeiten. Sie sind von einer mythischen Aura umgeben und verhalten sich unberechenbar und spontan. Sie finden deshalb in der linkshemisphärischen Welt der Zweckrationalität und Marktökonomie keinen Platz, aber begegnen uns immer wieder an den Rändern unseres Klarbewusstseins. Allerdings sind wir zum geringen Teil in diesem Bewusstsein, das als die Norm gilt, z.B. weil wir da vor dem Gesetz zurechnungsfähig sind oder beim Schulunterricht aufpassen können. 

Vermutlich widerspricht das auch unseren Selbstüberzeugungen, weil wir intuitiv annehmen, dass wir permanent präsent und direkt mit der äußeren Wirklichkeit verbunden sind. Die Wissenschaft hat dagegen herausgefunden, dass wir einen Großteil des Tages mit Gedankenschleifen, Fantasien und Tagträumen verbringen. Unsere Gedankenwelt liebt Konstruktionen und Projektionen, die sich aus Anleihen von der Außenwahrnehmung speisen und daraus eigene Süppchen kochen. Erst recht sind wir in der Nacht in Bereichen weit jenseits der Kontrolle unseres Verstandes. Wir sind also viel irrationaler aufgestellt und verhalten uns in weiten Bereichen nach den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt als wir von uns selber glauben. In all diesen Bereichen können die Archetypen eine ordnende und sinngebende Rolle einnehmen.

Das Erleben der Innen- und Außenwelt in der pränatalen Zeit bis weit in die Kindheit hinein ist von der mythisch-emotionalen Geisteshaltung bestimmt. In unseren Anfängen nutzen wir vor allem die rechte Gehirnhälfte und ihre Vorläufer zum Verständnis der Wirklichkeit und zum Erinnern und Lernen. Die linke wird nur langsam geformt und erreicht ihre volle Reife erst im frühen Erwachsenenleben. 

Es kann also durchaus sein, dass die mythische Welt der Archetypen zugleich die Erlebenswelt im Mutterleib repräsentiert und dass der eigentlicher Sinn und Nutzen der Beschäftigung mit ihnen darin besteht, dass wir uns in unseren Anfängen besser verstehen lernen. Sie dienen also als Hinweise auf dem Weg zur Ganzheit, in zweifacher Weise: zeitlich im Sinn einer durchgängigen Kontinuität unserer Lebensgeschichte von den märchenhaften Anfängen bis ins vernunftgeleitete Erwachsenenleben, und holistisch im Sinn der Integration aller Seelenanteile und Wirklichkeiten in uns selbst. Denn es gehört beides zu uns: die sagenumwobenen und gefühlsdurchdrungenen Welten und die wohlstrukturierten, rational gestalteten.

König und Königin


Nehmen wir das Beispiel von zwei Archetypen: König und Königin oder: Kaiser und Kaiserin. Diese Figuren haben heutzutage nur mehr wenig Bedeutung in der sozialen Wirklichkeit. Es gibt noch ein paar Monarchien auf der Welt, die ihre ehrwürdigen Traditionen pflegen und Stoff für Klatschgazetten liefern, aber sonst wie museale Erinnerungsstücke an eine längst überkommene Vergangenheit wirken, mit der entsprechenden diffusen Verklärung. Die Leute, die noch vor einiger Zeit noch in unseren Landen mit wehmütiger Verzückung sagen konnten: „Unterm Kaiser war alles ganz anders“, sind inzwischen verstorben. Demokratische Republiken sind seit dem 19. Jahrhundert das Erfolgsmodell, und selbstaufgestellte Diktatoren, die immer wieder mal auftauchen, bringen es nur zu plumpen Imitationen ohne die Aura des Erhabenen und Ehrwürdigen, mit kurzem Verfallsdatum und meist schändlichem Nachruf.

In der pränatalen Welt gibt es diese erhabenen Gestalten noch, die alle Macht in sich vereinigen und Strenge und Güte ausstrahlen. Es sind Vater und Mutter, die Inhaber und Verwalter von Leben und Tod. Alles hängt von ihnen ab, alles ist ihnen untergeordnet. Eine Fingerbewegung genügt, und die Welt wird gut oder schrecklich. Die Allmacht, die gottgleiche Überlegenheit, das Innehaben aller Rechte und Gesetze, die Zuständigkeit für alle Lebensgrundlagen, das sind die Befugnisse der Eltern, an denen ein Kind keinen Zweifel hat. Es besteht ein Gefälle zwischen dem, was ein winziges Kind als absolut und allmächtig wahrnimmt, weil es keine Grenzen der elterlichen Gewalt erkennen kann, und der eigenen Schwäche und Hilflosigkeit, Dieses Verhältnis ist durch ein einseitiges Ausgeliefertsein gekennzeichnet, der das Kind nur seine emotionale Kraft entgegensetzen kann.

All diese Elemente finden sich in den traditionellen Rollenbildern von Monarchen und Untertanen. Der Absolutismus als letzter Höhepunkt des regierenden Königtums spiegelt die schrankenlose Hoheit der Eltern über das Wesen, das im Leib der Mutter heranwächst. Die einfach geltende Unterordnung ist dem winzigen Kind so klar wie dem Bauern im Feudalismus: Wer größer ist, hat das Sagen, wer kleiner ist, muss folgen. Das Kind muss seine Regenten nehmen, wie sie sind: gütig und wohlwollend oder streng und abweisend, genauso wie der Untertan im russischen Zarenreich den Herrscher akzeptieren musste, ob er weise oder verrückt war. Das Thema des Protests oder der Revolution, der Infragestellung der Autoritäten und des Sturzes der Denkmäler gehört zu einem anderen nachgeordneten Kapitel, sowohl in der Individual- wie in der Menschheitsgeschichte.

Der Archetyp im Inneren


Der König repräsentiert den aktiven Aspekt, die Königin den passiven. Diese Aufteilung entspricht den männlichen und weiblichen Archetypen (Animus und Anima). Natürlich haben wir alle Anteil an beiden Aspekten, und jeder/jede von uns repräsentiert eine individuelle Mischung. Das „monarchische“ Element bringt das Thema der Autorität ein. Die Ausübung von Macht und das Umgehen mit der Macht anderer ist das zentrale Thema dieses Archetyps. Der Drang der Macht besteht im Ausweiten, und in diesem Drang steckt ein Stück Aggression. Der Archetyp des Herrschers ist deshalb auch verbunden mit Wut und Aggression. Die clemencia (Milde) gilt als Tugend des Königs, sie ist jedoch nicht sein selbstverständliches Attribut, sie kann von den Untertanen nur als Gnade erwartet werden. Sie ist ein Entwicklungspotenzial, das in diesem Archetypus angelegt ist. Denn das Weiche besiegt nach taoistischer Lehre das Harte. Die Wut braucht eine Kontrolle, um das Königreich in Balance zu halten.

Die weibliche Autorität unterscheidet sich im archetypischen Prinzip auch von der männlichen Autorität. Vom Archetyp her heißt es, die männliche Macht ist härter als die weibliche. Jene gilt als entscheidungsorientiert, konfliktbetont und dominanzgerichtet. Die weibliche Form der Machtausübung kann mit Konsenssuche, Interessenausgleich und Partizipation umschrieben werden. Es gibt natürlich Frauen in der Politik, die die männliche Härte verkörpern (Beispiele: Margaret Thatcher, Golda Meir), und Männer – weniger in der Politik, wo eben die Durchsetzungskraft gefragt ist –, die die weichere Seite der Machtausübung beherrschen. 

Ordnung und Struktur


Die Archetypen von König und Königin stehen auch für Ordnung und Struktur. Sie erlassen Regeln und achten auf deren Einhaltung. Damit geben sie dem Leben einen sicheren Rahmen, innerhalb dessen es sich entfalten kann. Jedes Kind braucht einen solchen Rahmen, für den schon vorgesorgt ist und fortlaufend gesorgt wird, sodass es sich auf sein eigenes Wachsen und Lernen konzentrieren kann. Es braucht auch eine vorgegebene Orientierung zu dem, was in dem Leben angemessen oder unangemessen ist, damit es seine inneren Werte aufbauen kann. Die Leitfiguren sind die Eltern, die vor allem mit der Konsistenz und Klarheit in ihrem Verhalten und weniger durch ihre verbalen Botschaften für die Ordnung sorgen und die entsprechenden Grenzen setzen und verstehbar machen.

Grenzen geben Sicherheit, und Sicherheit ermöglicht Kindern ein organisches Wachsen. Sie brauchen fraglos geltende Rahmenbedingungen. Es ist auch ein Raum für Grenzdiskussionen notwendig, damit den sich im Lauf der Entwicklung verändernden Sicherheitsbedürfnissen der Kinder Rechnung getragen werden kann. All das fällt in den Aufgabenbereich der Eltern, hinter deren Autorität die Archetypen von König und Königin stehen.

Jenseits der Typen


Ähnlich wie in dem Blogartikel zu Animus und Anima dargestellt, lassen sich auch in der westlichen Kultur die Archetypen von König/Königin nicht mehr für die Deutung des „typisch“ Männlichen oder Weiblichen gebrauchen, nach der Aufklärung und der Emanzipationsbewegung der Frauen. Vielmehr geht es um Grundprinzipien, die im Machtthema angelegt sind und die sich in der Geschichte aus bedingten historischen Gründen auf Männer und Frauen aufgeteilt haben, aber keinen übergeschichtlichen Stellenwert beanspruchen können. 

Mit anderen Worten: Wir brauchen beide Pole des Führungs- und Autoritätskontinuums, die durch die Archetypen des Königs und der Königin repräsentiert werden. Je mehr wir  von diesen Qualitäten in sich entwickelt haben, desto vielfältiger, offener und konstruktiver können Positionen im Rahmen der Machtausübung ausgeübt werden. In der Weite und Flexibilität, mit denen die „königlichen“ Aspekte umfangen und angewendet werden können, liegt das Potenzial für die Lösung des Machträtsels für eine nach- oder metamoderne Gesellschaft.

Aus psychodynamischer Sicht betrachtet, gelingt dieser Schritt nur, wenn die in pränataler und frühkindlicher Zeit geprägten Elternimagos, also die spezifischen Ausprägungen des König-Königin-Archetyps, aufgearbeitet sind, sodass die jedem Menschen eigene Form der Autorität in möglichst umfassendem Rahmen gebildet, entwickelt und ausgeübt werden kann. Die Nutznießer sind nicht nur die Kinder, die mit innerlich ausbalancierten Eltern aufwachsen; dazu noch alle, die von solchen integren Autoritätspersonen lernen können. 

Zum Weiterlesen:
Animus und Anima im 21. Jahhundert


Montag, 27. April 2020

Sieger ohne Besiegte

In diesen Tagen ist viel die Rede vom Kämpfen und Besiegen. Es geht bekanntlich gegen ein Virus. Die kriegerischen Parolen sind offenbar den Menschen so vertraut, dass sie mit entsprechendem Verhalten reagieren. Sind wir also programmiert auf das Muster von „Kampf bis zum glorreichen Sieg oder zur bitteren Niederlage?“

Hanzi Freinacht hat in einem Artikel über das Siegen, der mit der Nazi-Parole „Sieg Heil!“ beginnt, geschrieben: „Ja, es gibt wenig Dinge, die süßer sind als ein Sieg; tatsächlich braucht jeder von uns zumindest ein gewisses siegreiches Gefühl, um sich ganz und glücklich zu fühlen; um mental gesund zu sein. Gebrochen zu sein bedeutet oft, besiegt zu sein.“ 

Die Dynamik von Kampf und Sieg ist die Stressdynamik, die Angstdynamik. Sie ist von einer drohenden Gefahr angetrieben, die in fast allen Fällen in unseren Leben Einbildungen unseres Verstandes entspringt, also selbstproduziert ist. Es ist ja nicht das Virus, das die Angst erzeugt, sondern unsere Vorstellung, dass wir krank werden und elendiglich zugrunde gehen. 

Selbst wenn eine reale Gefahr besteht, ist das Kämpfen in den wenigsten Fällen die erfolgversprechende Strategie. Denn die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, sind äußerst komplex; im Stressmodus können wir nur simpel denken und simpel handeln. Wir sind von jeder Komplexität sofort überfordert und neigen dazu, einfach dreinzuhauen, ohne nachzudenken, mit der Hoffnung, dass mit Gewalt etwas besser wird. Ziemlich sicher machen wir auf diese Weise mehr kaputt und verschlimmern das Problem.

Das Kämpfen sollten wir also vermeiden und durch andere Strategien ersetzen, so gut es geht. Wie ist es dann mit dem Siegen? Wenn wir einen Kampf erfolgreich bestehen, bereitet der Sieg ein kurzes Hochgefühl. Wir haben ein Tennis- oder Schachmatch gewonnen und freuen uns. Im Spiel dient zweierlei als Motivator: Die Spannung im kontrollierten Rahmen und das Resultat. Das Spiel können wir nur genießen, wenn uns die Spannung während des Spieles wichtiger ist als der Sieg, im Sinn von „Mensch ärgere dich nicht“. Denn zum Spiel gehört auch die Fähigkeit zum Verlieren. Die Abhängigkeit vom Siegen vernichtet die Lust am Spielen.

Der Unterschied zwischen Spiel und „Ernst“ ist gravierend, denn im Spiel geht es um Vergnügen und im anderen Fall ums Überleben. Es wirken zwei sehr verschiedene Stressmechanismen mit unterschiedlichen Auswirkungen auf unser Innenleben. Der sogenannte Eu-Stress z.B. beim Spielen wirkt sich gesundheitsförderlich aus, während der Di-Stress, der mit Überlebensangst verbunden ist, gesundheitsschädlich und leistungsmindernd ist – das Immunsystem wird geschwächt, das Herz-Kreislaufsystem belastet und die Denkfähigkeit minimiert. 

Wenn es „ernst“ wird, brauchen wir die Fähigkeit, einen Schritt zurück zu machen, um die Gefahr voll in den Blick zu bekommen und zu entscheiden, was zu tun ist, statt die Zähne zusammenzubeißen und uns ins Getümmel zu werfen. Diese Taktik erinnert an die „schneidigen“ Husaren der K.u.k.-Armee zu Beginn des 1. Weltkriegs, die mit „tollkühnem“ Hurra gegen die russischen Linien galoppierten und auf halbem Weg von den Maschinengewehren auf der anderen Seite niedergemäht wurden. Tollkühn kann hier und auch in vielen anderen Zusammenhängen mit dumm und verantwortungslos übersetzt werden. 

Der Kampfstress macht uns also verbissen und beschränkt unsere Fähigkeiten, von Kreativität ganz zu schweigen. Aus dieser Reduktion stammt die Fixierung auf das Siegen. Die ganze Anstrengung hat nur einen Sinn: den Sieg. Damit sollte die Mühsal des Kampfes gerechtfertigt sein, damit sollten die Gefahren gebannt werden und die Probleme endgültig gelöst. 

Der Sieg hat dabei gar keinen Inhalt: „Aber Sieg zu welchem Ergebnis? Für eine bessere Welt? Für Fairness? Für Fortschritt? Für Wahrheit? An diesem Punkt zeigt sich die Leere des Faschisten: Nein, Sieg um des Siegens willen.“ (Hanzi Freinacht)

Es ist nicht nur die Leere des besessenen faschistischen Kampfes; es ist die Leere in jedem Kampf gegen ein imaginiertes Böses. Denn die eigene Fantasie kann nicht besiegt werden, sie wird nach jedem Erfolg die nächste Bedrohung und das nächste Angstszenario produzieren. Hinter jeder Windmühle, die besiegt wurde, taucht die nächste auf. Nichts kann den Wiederholungszwang aufhalten, der die weltweite Kriegsmaschinerie am Laufen hält, solange die innere Angstproduktion ungehindert arbeitet. Deshalb ist die Ideologisierung das wichtigste Schmiermittel in dieser Maschine: Sie infiziert und infiltriert die Menschen, sodass ihre Bedrohungsbilder gefüttert und laufend aktualisiert werden. Sie erzeugt fortwährend Bilder von drohenden Niederlagen und notwendigen Siegen, damit das Kämpfen weitergeht.

Menschen, die sich die Verletzungen und Demütigungen in ihrer Lebensgeschichte nicht bewusst gemacht haben, sind offen für solche Ideologien, die sie wie ein Schwamm aufsaugen, weil sie genau in das eigene angstdurchtränkte Bewusstsein passen. Sie verwechseln bereitwillig die innere mit der äußeren Realität und verlieren sich im endlosen Kämpfen immer mehr.

Der Sieg der Geburt


Aus der Sicht der perinatalen Psychologie handelt es sich beim Kampf-Sieg-Muster um eine Wiederholung des Geburtstraumas. Das Baby, das sich durch den Geburtskanal zwängen muss, erlebt diesen Vorgang als Kampf ums Überleben und den Ausgang ans Licht als Sieg über die bedrohlichen Kräfte der Wehen. Der Siegespreis ist das eigene selbständige Leben, das mit dem ersten Atemzug bekräftigt wird.

Ist dieses Trauma nicht aufgearbeitet, so wird es im Leben immer wieder mit der gleichen Dynamik aktiviert werden: Jeder Konflikt artet in einen Kampf aus, bei dem es ums Überleben geht und der deshalb mit einem Sieg enden muss. Das Schlimmste wäre es, zu unterliegen. Die Außenwelt wird als feindselige Bedrohung erlebt, die überwunden und bezwungen werden muss.

Die Spielregeln des Lebens ändern


Hanzi Freinacht propagiert als Alternative zur Kampf-Sieg-Dynamik ein Leben, in dem die Menschen grundsätzlich Sieger werden – in sinnvollen Spielen. „Also ist es ein Ziel der Gesellschaft, Bedingungen für uns alle zu schaffen, dass wir uns siegreich fühlen können – aus guten Gründen. Wenn wir damit scheitern, können wir wohl bald neue autoritäre Führer hören, die uns zum Sieg-Heil-Schreien drängen.“

Siegreich können wir uns dann fühlen, wenn wir einen inneren Widerstand überwunden haben. Der Begriff des „Heiligen Krieges“ im Islam (dschihad) meint in manchen Auslegungen die kompromisslose Auseinandersetzung mit den inneren Feinden, den schlechten Gewohnheiten (nafs), die der Entwicklung des Selbst im Weg stehen. Siegreich können wir uns auch fühlen, wenn wir etwas zur Verbesserung der Lebensbedingungen und der gesellschaftlichen Ordnung erreicht haben. Siegreich können wir uns fühlen, wenn wir einen Streit friedlich beilegen konnten und uns für Ärmere und Benachteiligte eingesetzt haben. 

Es gibt also viele Anlässe für Siege, die andere miteinschließen und die nicht auf der Schädigung anderer beruhen. Ich denke, dass in einer besseren Gesellschaft nur mehr solche Siege salonfähig sein sollten: Da hat jemand eine Erfindung gemacht, die ein Umweltproblem löst. Da hat jemand ein Musikstück komponiert, das Leidende aus der Depression führt. Da hat jemand einen liebevollen Blick auf das Kind geworfen, das ganz verschüchtert vorbeigeht. Da hat jemand Geld für einen guten Zweck gespendet, da hat jemand seine Zeit für jemanden aufgewendet, der Not leidet usw.

Siege hingegen, die als Triumph über die Unterlegenen gefeiert werden, sollten verpönt sein und mit Scham belegt werden. Wie kann sich jemand eines Erfolges brüsten, der anderen Menschen Demütigung und Leiden bereitet? Das wäre ein Ausdruck von Arroganz und Menschenverachtung. Wer kann jemand anderen bewundern und beneiden, der viel Geld mit der Erzeugung sinnloser oder schädlicher Produkten gemacht hat? Das wäre ein Ausdruck von Neid und versteckter Gier. Was hat gesiegt, wenn jemand durch Kinderarbeit, Waffenproduktion oder Umweltzerstörung reich wird? Dahinter steckt wohl der neoliberale Drang nach Geldvermögen, motiviert durch Gier.

Ein Sieger in dieser Zukunft ist einer ohne Besiegte, und einer, der möglichst viele andere Sieger durch seinen Sieg beflügelt. Eine Siegerin ist eine, die den Konkurrenzgedanken mitsamt den Gier- und Neidantrieben überwunden hat und mit ihren Erfolgen ihre Mitmenschen zu ihren eigenen Errungenschaften und Erfolgen anregen und anspornen will.

Eine menschenwürdige Gesellschaft – der Metamodernismus nach Hanzi Freinacht – kann nur auf der Grundlage von sozialer Gerechtigkeit wachsen und gedeihen. Dafür sind Werte notwendig, die jeden Erfolg nach den Maßstäben des Gemeinwohls und der Naturverträglichkeit messen. Wenn diese Maßstäbe in die Einstellungen vieler Menschen Eingang finden, können wir eine Gesellschaft mit einem neuen, friedlichen und sozial ausgerichtetem Verständnis von Kampf und Sieg bilden. Und wir sollten alles in unserer Macht Stehende in Gang setzen, damit das menschliche Maß zum Mainstream wird.

Zum Weiterlesen:
Metamodernismus - eine Übersicht
Tiefe - eine Dimension des Menschlichen
Komplexe Themen und komplexes Denken
Warum die Geburt im Krankenhaus gelandet ist

Donnerstag, 23. April 2020

Mit Unvorhersehbarkeiten leben

Was wir über die Zukunft lernen können


Die Zukunft ist nicht in unserer Hand. Wir können sie nicht kontrollieren. Das verstehen wir zwar kognitiv, weil uns klar ist, dass der Verlauf der Zukunft von so vielen Faktoren abhängt, die nur zum winzigsten Teil von uns selber beeinflusst werden. Emotional allerdings leiden wir darunter – bzw. leidet unser Kontrollbedürfnis, das uns vor den Ängsten bewahren will, die durch eine ungewisse Zukunft bewirkt werden. Es könnte ja alles Mögliche auf uns zukommen, Ereignisse, die unangenehm und belastend sind und von denen wir nicht wissen, ob wir sie bewältigen können. Deshalb hat die Zukunft immer auch eine bedrohliche Note. Um der möglichen Gefahren Herr zu werden, die auf uns lauern, hätten wir gerne die Macht, alle Unwägbarkeiten auszuschalten und gegen die Sicherheit einzutauschen, dass alles, was wir uns ausdenken und planen, genauso eintreten wird, wie es für uns zum Besten ist. 

Um diese Kontrolle zu erlangen, bemühen wir unser Wissen: Was in der Vergangenheit funktioniert hat, könnte uns auch für die Planung der Zukunft Sicherheit geben. Wissen ist natürlich notwendig und hilfreich, allerdings auch immer beschränkt in seiner Wirkmächtigkeit. Denn jedes Wissen kann seine Bedeutung und seinen Wert unter geänderten Umständen in der Zukunft verlieren. Was uns heute von Nutzen ist, kann morgen oder übermorgen schon überholt sein.


Die Intuition und der Narzissmus


Wir bemühen auch unsere Intuition für die interne Kontrolle der Zukunft. Wir haben Vorahnungen, und manchmal bewahrheiten sich diese, manchmal aber auch nicht. Unsere Vorahnungen sind mehr oder weniger unzuverlässig, wenn wir genauer hinschauen, vielleicht noch weniger als unser Wissen. Also ist auch die Intuition ein Wegweiser ins Ungewisse. 

Wir neigen allerdings dazu, sie zu idealisieren. Es unterläuft uns nämlich, dass wir Vorahnungen, die sich bestätigen, deutlicher zu erinnern als solche, die nicht eingetreten sind. Schließlich ahnen wir, dass es unwahrscheinlicher ist, dass Fantasien, die wir in uns haben, eintreten als dass sie nicht eintreten und nehmen deshalb eingetretene Fantasien als bedeutsamer wahr als solche, mit denen wir falsch lagen. Der realistische Teil in uns achtet auf die inneren Stimmen der Intuition und bleibt vorsichtig, was ihren prognostischen Wert anbetrifft. Wenn wir diesen Teil außer Acht lassen, wird die Intuition in unser narzisstisches Gefüge eingebaut, indem wir uns für jemand Besonderen halten, weil wir doch über eine Zukunftsschau verfügen. 

Die Intuition ist, was sie ist, ein Aspekt unserer Wirklichkeitswahrnehmung, eine Form der unbewussten Intelligenz. Sie wird auch mit dem Bauchhirn in Verbindung gebracht, weil wir sie als ein Gefühl im Bauch erleben. Die Wissenschaftler streiten, was wichtiger und hilfreicher für die Entscheidungsfindung ist: Die Intuition (das Bauchgefühl) oder der bewusste Verstand. Daraus folgt, dass wir über keinen zuverlässigen und fehlerfreien Ratgeber verfügen, der uns Sicherheit über die Zukunft geben könnte. Wir sind und bleiben fehlbar, ein Eingeständnis, das uns schwerfällt, weil damit ein Aspekt unserer Selbstverliebtheit aufgegeben werden muss.


Im Moment sein befreit von der Selbstüberschätzung


In Zeiten wie diesen, wo viele Sicherheiten durch ein Virus außer Kraft gesetzt wurden, wird deutlich, wie ausgeprägt unser Sicherheitsdenken ist und wie abhängig wir von ihm sind. Sofort tauchen diffuse Ängste auf, wenn die Umstände keine verlässlichen Planungen in die Zukunft erlauben: Können wir wieder zu unserem Arbeitsplatz zurückkehren, wenn ja, wann und unter welchen Umständen? Können wir diesen Sommer auf Urlaub fahren, wenn ja, wohin schon und wohin nicht? Gibt es jemals wieder eine „Normalität“ wie vor der Krise oder wird sie unser Leben völlig neu umgestalten?

Wir haben nur diesen Moment als Stütze für unser Sicherheitsbedürfnis zur Verfügung. Im Jetzt können wir uns sicher sein, dass wir da sind und leben. Die Vergangenheit ist vorbei, sie kann uns keine mehr Sicherheit geben, und die Zukunft ist noch nicht da, sie kann also auch in dieser Hinsicht nichts beisteuern. Der nächste Moment kann uns eine angenehme oder eine unangenehme Überraschung bereiten oder auch genau das bringen, was wir erwartet haben. Vorher wissen wir es nicht. Wenn ich diesen Text schreibe, weiß ich nie, ob und wann mir der nächste Satz einfällt. 

Die Lebenskunst besteht einfach nur darin, sich von Überraschungen überraschen zu lassen und das Erwartbare anzunehmen. Die Ungewissheit über die Zukunft enthält die große Chance, den Moment, das Jetzt, die Gegenwart mit Sinn zu erfüllen. Wir können die Krise als Lehrerin in der Weisheit betrachten, indem sie uns ein tieferes Stück der Erkenntnis über die Wirklichkeit ermöglicht und unsere Illusionen zerstreut. Wir dachten nur, wir hätten die Kontrolle in einem nahezu unbegrenzten Ausmaß, und unsere diesbezüglichen überheblichen Einbildungen werden nun auf ein realistisches Maß zurückgestutzt. Wir wissen ganz wenig und wir erahnen ganz wenig. Wir sind mit unseren Einflussmöglichkeiten auf unsere engen Kreise beschränkt und all den anderen Einflüssen ausgesetzt, die durch all die anderen engen Kreise auf uns einwirken. Wir sind ohnmächtiger als wir glaubten, kleiner, als wir uns einschätzten. Diese Erkenntnis macht uns wohl mehr zu schaffen als die schrumpfende Wirtschaft und die Verluste an Einkommen und Freizeitmöglichkeiten.

Es ist handelt sich auch um eine Krise des Narzissmus, eine Krise der Selbstüberschätzung – für uns selbst, für die Gesellschaft und für die Menschheit. Die glänzende Fassade der neoliberalen Ideologie mit ihrer selbstverliebten Verblendung  blättert ab. Es kann nur heilsam sein, wenn wir die aktuelle Situation als Krise unseres Hangs zur Überheblichkeit verstehen und in unser Inneres übersetzen. Jedes Stück Narzissmus, dessen wir uns entledigen können, macht uns mehr zu dem, was wir wirklich sind und hilft uns, unser Leben in diesem Moment mit all dem, was gerade ist, wertzuschätzen.

Zum Weiterlesen:
Leben mit dem Bauchhirn

Raus aus der Gehirnwäsche
Eine Krise des Neoliberalismus

Freitag, 3. April 2020

Eine Krise des Neoliberalismus


Warum ist die gegenwärtige Corona-Krise eine selbsterzeugte Krise des Neoliberalismus?

Der Neoliberalismus: Ein Ideologiegebäude


Die Ideologie des Neoliberalismus hat die letzten Jahrzehnte dominiert. Der Staat ist zu mächtig, wie ein Moloch beherrscht er alles und verschluckt viel zu viele Ressourcen. Er muss auf ein absolutes Minimum reduziert werden. Der Einzelne ist dem Staat unterworfen, der seine Freiheiten und sein Gewinnstreben einschränkt und muss seinem Einfluss entzogen werden. Der Markt ist der bessere, objektivere und gerechtere Regler der gesellschaftlichen Abläufe und der Verteilung der Gewinne. Soweit das Credo der Neoliberalisten, die die öffentliche Debatte beherrschten und die Politiker von links bis rechts vor sich hertrieben. 

Mit ein paar Rückschlägen hat sich die Wirtschaft der Industriestaaten stetig wachsend prächtig entwickelt und immer mehr Gewinne erwirtschaftet. Der Wohlstand ist auf breiter Basis angestiegen, obwohl sich die Schere zwischen arm und reich noch weiter geöffnet hat. Es haben also die Einzelnen im obersten Segment der Einkommenspyramide am meisten von dem Wachstumsschub profitiert. Aber immerhin: Global konnte die Armut zurückgedrängt werden. Ist also ein Lob des Kapitalismus in seiner neoliberalen Prägung fällig?

Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, das auf dem Marktprinzip beruht und seine Dynamik aus der Konkurrenz der Akteure bezieht. Alles, was diese Konkurrenz behindert, soll aus dem Weg geräumt werden. Der Staat soll seine Aktivitäten darauf beschränken, dass die Aktivitäten der Marktteilnehmer reibungslos ablaufen können. Außerdem soll er laufend neue fitte Teilnehmer auf den Markt werfen, die die Konkurrenz mit ihren aktuelleren Kompetenzen und ihrer leistungsfähigeren Vitalität frisch aufmischen sollen. Natürliche Ressourcen werden bedenkenlos ausgebeutet, einschließlich der Ressource der menschlichen Gesundheit.

Im kapitalistischen System liegt also die Macht bei einer abstrakten Instanz, beim Markt. Das hat den Vorteil, dass es keine Zentralperson gibt, einen Weltherrscher, sondern ein ungreifbares Netz von Austauschvorgängen, die kein Einzelner überblicken und beherrschen kann. Der Nachteil liegt darin, dass die Menschen dem System unterworfen sind, das sie in gewisser Weise wie Sklaven behandelt und ausbeutet. Der Kapitalismus ist seinem Wesen nach unmenschlich. 

Deshalb braucht es eine Ideologie, die den Menschen ein unmenschliches System als menschlich verkauft, ähnlich wie ein Kühlschrankhändler den Polarbewohnern einredet, dass sie Elektrogeräte zum Kühlen ihrer Robbenfänge benötigen. Es ist die Ideologie, die häufig mit: „Leisten muss sich lohnen“ daherkommt und unter den Tisch kehrt, dass die Marktmechanismen dazu führen, dass bei gleicher Leistung höchst unterschiedliche Belohnungen rauskommen und sich vor allem jene leichttun, die aufgrund von Erbschaften einen Vermögensstock schon mitbringen, bevor sie mit Leistungen im Sinn des Neoliberalismus erst einmal beginnen.

Solange die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit auf einem niedrigen Niveau bleibt und etwas vom erwirtschafteten Gewinn auch breiteren Bevölkerungsschichten zugutekommt, damit genug konsumiert werden kann, freuen sich die meisten über die Segnungen des Kapitalismus. Doch handelt es sich um ein Krisensystem, das nach Phasen des Aufschwungs Abbrüche und Niedergänge produziert, die dann hauptsächlich diejenigen am schwersten betrifft, die am wenigsten von den Höhenflügen der Aktienkurse und Unternehmensgewinne profitieren. Doch scheint es, dass solche Erfahrungen schnell vergessen werden und die neoliberale Ideologie sofort wieder Fuß fasst, kaum ist die Krise überstanden. Die beliebten Politiker, die die neoliberale Ideologie ins Volk bringen, bekommen sofort wieder Zulauf. Die eingesammelten Stimmen dienen dann der Zementierung der neoliberalen Wirtschaftspolitik, meist verbunden mit einer fremden- und ausländerfeindlichen Ausrichtung, die vielen Leuten Bedrohungsszenarien vermittelt, damit sie weniger Augenmerk darauf richten, wie die Hindernisse für die Reichtumsverschiebung von unten nach oben ausgeräumt werden. In diesen Zeiten wird mit der Devise der Verschlankung des Staates und der Kosteneinsparung im Gesundheitswesen eingespart, und die soziale Absicherung wird entweder reduziert oder zumindest nicht im Ausmaß des gesamten erwirtschafteten Vermögens weiterentwickelt.

Die Tiere und die Menschen


Was hat aber der Neoliberalismus damit zu tun, dass ein aggressiver Virus die Menschen befällt? Tiervirologen haben einen klaren Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsideologie und der Entstehung der bedrohlichen Viren erkannt. Wildtiere laufen mit einer Menge an Viren herum, die für sie harmlos, aber für Menschen gefährlich sein können. Geraten sie in Stress, weil die Menschen ihre Lebensräume beschneiden und ihr Überleben gefährden, so nehmen in ihnen diese Viren überhand und können dann leichter auf die Menschen übertragen werden. Die durch die kapitalistische Wirtschaftsweise immer weiter reduzierte Biodiversität sowie die sukzessive Einschnürung der Lebensräume führen, wie wir alle wissen, zum Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten und zu verstärktem Stress bei denen, die noch am Leben sind.

Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die nächste Pandemie nur eine Frage der Zeit. Wenn die Stressbelastung in der Natur immer weiter ansteigt, indem die Menschen, angetrieben von der neoliberalen Ideologie, der Natur rauben, was sie nur kriegen können, kippt dort das Gleichgewicht, mit unkontrollierbaren Konsequenzen für die Menschengesellschaft. Diese wichtige Botschaft, die mit den Viren mitkommt, sollten wir äußerst ernst nehmen. Die Aggressivität der Viren spiegelt die Aggressivität, mit der die Natur tagtäglich misshandelt wird.

Und es ist die Aggressivität, mit der wir uns selber behandeln. Denn auch wir sind Natur, und unsere Körper leiden z.B. unter Allergien, die von einer stressbelasteten Umwelt ausgehen: Bäume, die unter dem Klimawandel leiden, erzeugen mehr Pollen. Und wir leiden unter Viren, die von gestressten Tieren übertragen werden. Es ist unsere aggressive Lebensweise, mit der wir uns selber schaden.

Ideologieaustausch


Wir befinden uns wieder in einer Krise, die diesmal nicht unmittelbar durch den Kapitalismus herbeigeführt wurde wie jene von der Immobilienblase von 2008. Vielmehr hat es ein Virus geschafft, das Wirtschaftsleben nahezu stillzulegen. Und nun muss natürlich der Staat wieder einspringen, damit nicht noch größere Schäden für die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Menschen entstehen. 

Über Nacht wurde, nahezu unbemerkt, die offizielle Ideologie ausgetauscht. Plötzlich geht es nicht mehr um Wirtschaftswachstum und Nulldefizit, sondern um Menschenleben. In der neoliberalen Ideologie sind die Menschen austauschbare Subjekte, deren Wert von ihrer Leistung am Markt abhängt. Natürlich ist ein solches menschenverachtendes Konzept nicht für das Funktionieren einer Gesellschaft tauglich. Deshalb braucht es immer auch soziale Konzepte, die traditioneller Weise von den sozialdemokratischen Parteien und Organisationen vertreten werden und die ganz offensichtlich in den letzten Jahrzehnten massiv an Einfluss verloren haben. 

Jetzt werden sie aus dem Hintergrund hervorgeholt und dienen nun als Hauptmaßstab des politischen Handelns.  Plötzlich sind wir wieder eine menschliche Gesellschaft, die die Lebensrechte und die Würde jedes Einzelnen wichtig nimmt. Plötzlich kümmert sich der Staat um alle, die keine Arbeit haben, indem er Milliarden locker macht und sie versorgt. Plötzlich werden die Leute wertgeschätzt, die in der Krise die Infrastruktur aufrechterhalten, von der Müllabfuhr bis zum Supermarktpersonal, und es zeigt sich, dass die Wenigverdiener die Hauptleistenden sind – ein Widerspruch wird offensichtlich.

Es zeigt sich auch, dass die Krise dort am stärksten wirkt, wo das neoliberale Programm am radikalsten durchgezogen wurde. Das ist weiter nicht verwunderlich. Der Markt, bzw. das kapitalistische System ist nicht in der Lage, Krisen zu meistern, dazu braucht es das Gemeinwesen, also den Staat. Kaputtgesparten oder privatisierten staatlichen Strukturen in den geschrumpften und gerupften Staaten fehlen die Ressourcen, um der Probleme Herr zu werden. 

Noch jedes Mal ist der Kapitalismus aus seinen selbstgemachten Krisen mit neuer Glorie auferstanden. Diesmal hat das Pendel zwischen Wirtschaft und Staat sehr stark auf die Seite des Staates ausgeschlagen, und die Zukunft wird zeigen, ob der Pendelschlag nach dem Ende der Krise umso stärker in die Gegenrichtung gehen wird oder ob sich das Zentrum verschieben wird, von dem das Pendel ausgeht, d.h. ob die Dimension des Menschlichen, und das ist auch die Dimension der Nachhaltigkeit, das Gewicht bekommt, das es braucht, um die viel größeren Herausforderungen, die sich im desolaten Mensch-Natur-Verhältnis ergeben haben, zu bewältigen und künftigen Generationen einen bewohnbaren Planeten zu sichern.

Zum Weiterlesen:
Von der Angst zur Ethik
Scham, Schuld, Cororna
Raus aus der Gehirnwäsche
Die Corona-Krise als Chance?