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Montag, 15. Dezember 2025

The Avalanche (die Lawine) - ein Text von Leonard Cohen

Auf dem Album: “Songs of Love and Hate” hat Leonard Cohen 1971 das Lied “The Avalanche” gesungen, hier der Text:

I stepped into an avalanche
It covered up my soul
When I am not this hunchback that you see
I sleep beneath the golden hill
You who wish to conquer pain
You must learn, learn to serve me well
You strike my side by accident
As you go down for your gold
The cripple here that you clothe and feed
Is neither starved nor cold
He does not ask for your company
Not at the center, the center of the world
When I am on a pedestal
You did not raise me there
Your laws do not compel me
To kneel grotesque and bare
I myself am the pedestal
For this ugly hump at which you stare
You who wish to conquer pain
You must learn what makes me kind
The crumbs of love that you offer me
They're the crumbs I've left behind
Your pain is no credential here
It's just the shadow, shadow of my wound
I have begun to long for you
I who have no greed
I have begun to ask for you
I who have no need
You say you've gone away from me
But I can feel you when you breathe
Do not dress in those rags for me
I know you are not poor
And don't love me quite so fiercely now
When you know that you are not sure
It is your turn, beloved
It is your flesh that I wear

In deutscher Übersetzung:

Ich bin in eine Lawine geraten. 
Sie hat meine Seele bedeckt.
Wenn ich nicht dieser Bucklige bin, den du siehst, schlafe ich unter dem goldenen Hügel.
Du, die du den Schmerz besiegen willst, musst lernen, lernen, mir gut zu dienen.
Du triffst mich versehentlich an der Seite, während du nach deinem Gold suchst.
Der Krüppel hier, den du kleidest und fütterst, ist weder hungrig noch friert er;
Er bittet nicht um deine Gesellschaft.
Nicht im Zentrum, dem Zentrum der Welt, wenn ich auf einem Sockel stehe. 
Du hast mich nicht dorthin erhoben, deine Gesetze zwingen mich nicht, grotesk und nackt zu knien. Ich selbst bin das Podest.
Für diesen hässlichen Buckel, den du anstarrst, du, die du den Schmerz besiegen willst, musst du lernen, was mich gütig macht;
Die Krümel der Liebe, die du mir anbietest, sind die Krümel, die ich zurückgelassen habe.
Dein Schmerz kann hier nicht als Legitimation dienen. Er ist nur der Schatten, der Schatten meiner Wunde.
Ich habe begonnen, mich nach dir zu sehnen, ich, der ich keine Gier habe.
Ich habe begonnen, nach dir zu frage, ich, der ich kein Bedürfnis habe.
Du sagst, du hast dich von mir entfernt, aber ich kann dich spüren, wenn du atmest.
Zieh diese Lumpen nicht für mich an, ich weiß, dass du nicht arm bist.
Du liebst mich jetzt nicht mehr ganz so leidenschaftlich. Wenn du weißt, dass du dir nicht sicher bist, dass du an der Reihe bist, Geliebte, dann ist es dein Fleisch, das ich trage.

Hier einige Gedanken zu dem Text: 

Eine Lawine stellt einen überwältigenden Beweis für die Macht der Natur über den Menschen dar. Wenn sie auf uns zukommt, kann sie uns jeden Moment vernichten. Wir sind dieser Macht ausgesetzt, die sich völlig unserer Kontrolle entzieht und uns gnadenlos überrollt, wenn wir an der falschen Stelle sind. 

Ebenso sind wir der Macht unseres Unterbewusstseins ausgesetzt, das wie eine Lawine unsere Seele überfluten und völlig unterwerfen kann. Wenn eine derartige Katastrophe über uns hereinbricht, geschehen oft zwei Dinge: Es entsteht eine unmittelbare und massive Angst vor dem Tod und danach ein Gefühl der Geborgenheit – so zeigen sich die beiden Seiten des Todes, der in solchen Erfahrungen anklopft: Zerstörung und Trost. 

Auf einer spirituellen Ebene können wir die majestätische Welle einer Lawine mit der Metapher eines Abgrunds in Verbindung bringen, an dem die Seele mit der Forderung konfrontiert wird, das Ego vollständig loszulassen. Das Stehen an einer Grenze, an der die Entscheidung verlangt wird, ins Unbekannte zu springen oder sich fallenzulassen, ist verbunden mit immenser Angst – das Risiko, das Ego zu verlieren, das den Schutz des Überlebens darstellt, und nicht zu wissen, ob man ohne es überleben wird oder nicht. Es ist der Punkt auf der spirituellen Suche, an dem der Suchende mit der Kraft der absoluten Wahrheit konfrontiert wird. Dann hat er nur die Wahl, zurückzuweichen oder sich hinzugeben und sich von der Lawine überrollen zu lassen.

Der Bucklige symbolisiert die Lasten des Schmerzes und Leidens, die wir im Laufe unseres Lebens, insbesondere während der Kindheit, ansammeln. Oft präsentieren wir uns mit dieser Last, um einen Vorteil in Form von Mitleid von anderen zu erhalten. So begeben wir uns in eine Position der Schwäche und nehmen die Opferrolle ein. Wenn es uns gelingt, die Last zu überwinden und Zugang zu unserer erwachsenen Kraft zu finden, nehmen wir eine aufrechte Haltung ein, die Haltung der Würde. Mit diesem Schritt gelangen wir an die Pforten des Paradieses, denn wir erkennen, dass wir alles haben, was wir für unser Leben brauchen. So baden wir im Licht des goldenen Hügels. Dort können wir in völliger Unschuld einen erquickenden Schlaf finden.

Es ist unser Ego, das unseren Schmerz gewaltsam überwinden will. Es will ihn mit allen möglichen Anstrengungen auslöschen, aber das funktioniert nicht; stattdessen verstärkt jeder Einsatz von Gewalt das Leiden. Das Ego muss lernen, zu dienen und nicht zu dominieren, denn es ist ein schlechter Herr, aber ein guter Diener. Wenn das Ego beginnt, auf das Selbst zu hören, kann es seinen Weg zu einer dienenden Position finden.

Solange das Ego seinen illusorischen Schätzen, seinem falschen Gold, nachjagt, verletzt es die Seele, denn die Seele leidet unter der Verherrlichung vergeblicher Bemühungen, die nur auf Selbsttäuschung beruhen. Wenn wir uns erlauben, die Auswirkungen der Schläge des Egos zu spüren und den Schmerz, den sie verursachen, bewusst zu erleben, können wir beginnen, die Mechanismen der Selbstverletzung und Selbsthemmung zu verstehen, die wir uns unser ganzes Leben lang zugefügt haben. Dann wachsen wir über unser verkrüppeltes Selbst hinaus zu unserer erwachsenen Kraft und Selbstbestimmung.

Der Krüppel, den das Ego nährt, ist die Karikatur des reifen Selbst. Das Selbst wird vom Ego kleingehalten, ausgehungert und der Kälte ausgesetzt. Das Ego will in seiner Anmaßung das Selbst darauf hinweisen, dass es nur von ihm heil werden kann. Aber die Seele ist weder benachteiligt noch arm, daher braucht sie für ihr Wachstum weder die Gesellschaft noch die Unterstützung des Egos.

Es gibt ein Zentrum der Welt, in dem wir den Sockel, den höchsten Punkt, einnehmen. Dieses Podest ist die Metapher für den Gipfelpunkt der Individuation, für die vollständige Verwirklichung unseres Selbst. Es ist nicht das Ego, das diesen Prozess vorangetrieben oder kontrolliert hat, sondern die innewohnende schöpferische Kraft des Selbst, die nach Reife strebt. Ein solcher Prozess kann nur gegen die Wahnvorstellungen und Widerstände des Egos erfolgreich sein. Wenn wir jedoch auf groteske Weise niederknien, indem wir die Idole der Täuschung verehren, rennen wir Fantasien und Illusionen nach und verlieren die Verbindung zu uns selbst als Zentrum unserer inneren Welt. Stattdessen werden wir zu einem Podest für andere und deren Machtmissbrauch. Wir machen uns also zu willenlosen Mitteln für die Zwecke anderer.

Das Ego mit seiner oft überbordenden Selbst- und der Fremdkritik konzentriert sich auf die Fehler der Person, auf ihre Unvollkommenheiten (den hässlichen Buckel), und zeichnet sich durch das Grübeln mit herabwürdigenden Gedanken aus. Um den Schmerz zu überwinden, ist eine freundliche und zugewandte Art gefragt, eine selbstmitfühlende Haltung gegenüber allen Unzulänglichkeiten der eigenen Persönlichkeit. Das Ego schafft es gerade einmal, Krümel der Liebe zu erzeugen, die für den Prozess der Individuation nutzlos sind und hinter sich gelassen werden. Das Leiden, das das Ego präsentiert, leitet sich aus einer erfundenen Geschichte ab, einer selbstvergessenen Erzählung der eigenen Geschichte als Opfer gemeiner äußerer Kräfte, die für alles Leiden verantwortlich gemacht werden.

An dieser Stelle wechselt die Perspektive des Gedichts explizit von der Beziehung zwischen Ego und Selbst zu einer zwischenmenschlichen Beziehung. Zugleich wird hier deutlich, dass die beiden Sichtweisen immer ineinander verschränkt sind. Innere und äußere Beziehungen sind untrennbar verflochten. Denn Inneres wird nach außen projiziert, und Äußeres wird introjiziert. Wir begegnen also unserem Ego in den anderen Menschen, die uns unsere Schattenseiten spiegeln.

Die reine Liebe ist frei von Gier, Erwartungen und Bedürfnissen. Sie streckt sich nach der geliebten Person aus und umfasst sie, selbst wenn sie geht. Die Verbindung bleibt bestehen und hat anhaltende Auswirkungen, wenn die Liebe frei von Bedingungen ist. Das Atmen, der Lebensfluss in der geliebten Person bleibt spürbar und trägt weiter.

Die reine Liebe befasst sich nicht mit den Schattenseiten oder Schwächen des anderen (in die „Lumpen“, in die sie gekleidet ist), sondern verbindet sich mit dem Reichtum und der Schönheit der geliebten Person, selbst wenn sie sich für geringer einschätzt. Die bedingungslose Liebe bleibt unberührt, selbst wenn die Liebe des anderen schwächer und geringer wird. Aber die Beziehung kann nur dann wachsen und gedeihen, wenn beide Seiten den Zugang zur Tiefe der Liebe offenhalten können, in der das Fleisch, die Lebendigkeit des anderen zu einem Gewand für sich selbst wird. Dann kann auch die Liebe Lawinen lostreten, die alles unter sich begraben, was sie beschränkt.


Samstag, 17. September 2022

Es ist, was es ist.

Das berühmte Gedicht von Erich Fried enthält als Refrain den Satz „Es ist, was es ist“ als Stimme der Liebe gegenüber allen Zweifeln und Infragestellungen. 

Eigentlich ist es ein nichtssagender oder tautologischer Satz, auf den die Wienerische Antwort kommen könnte: „No-na-ned“. Wir verwenden ihn aber ausdrücklich oder innerlich, wenn wir mit der Wirklichkeit wieder ins Einvernehmen kommen, nachdem wir uns mit ihr „zerstritten“ haben. Es klingt zwar etwas eigenartig, wenn wir von einem Streit zwischen dem Selbst und der Wirklichkeit reden, so als wäre die Wirklichkeit ein Kommunikationspartner, mit dem wir in eine Meinungsverschiedenheit geraten können. Die Wirklichkeit ist doch einfach da und streitet nicht mit uns. 

Tatsächlich sind es vermeintliche Streitereien, in die wir uns verwickeln, wenn wir Teile der Wirklichkeit, die in unsere Erfahrungswelt geraten, ablehnen und versuchen, ihnen das Daseinsrecht zu verweigern. Wir hadern und schimpfen, weil wir gerade eine Erfahrung machen, die uns nicht in unseren Kram, sprich zu unseren Erwartungen und Wünschen passt. Wir empören uns über diese Eigenwilligkeit, die sich unserem Willen entgegenstellt.

Uneins mit uns selbst

Es ist also, genauer betrachtet, unsere Erfahrung der Wirklichkeit, mit der wir uneins sind, und nicht die Wirklichkeit selbst. Aber wir verwechseln gerne unsere Erfahrung mit der Wirklichkeit an sich, weil wir uns damit entlasten können: Es ist ein Trick, mit dem wir uns aus der Verantwortung stehlen wollen. Wir wollen nicht schuld sein an etwas Unangenehmem, Störendem, Schädlichem, was gerade passiert ist. Wir schieben also die Verantwortung der Wirklichkeit oder einem ihrer Elemente zu: Die Bosheit eines Mitmenschen hat mich aus der Fassung gebracht. Die Unberechenbarkeit des Wetters hat mir den Ausflug vermiest. Die höheren Kräfte sind gegen mich, weil ich so wenig Erfolg habe. Das heimtückische Virus hat mich befallen und mich meiner Kräfte beraubt, usw.

Es ist ein Manöver, mit dem wir uns vor der Verantwortung, die wir für unsere Erfahrungen und für deren Bewertung haben, drücken wollen. Wohlgemerkt: Wir haben nicht die Verantwortung für die Wirklichkeit und für das, was in ihr geschieht, ausgenommen unser Handeln und seine Folgen. Wir haben auch die Zuständigkeit für unser Erleben und wie wir damit umgehen. Alles andere unterliegt nicht unserem Einfluss und unserer Macht.

Es ist also nur ein winziger Teil der Wirklichkeit, für den wir die Verantwortung zu tragen haben. Und dazu gehören unsere Erfahrungen und die Bewertungen, die wir ihr umhängen. Wir beklagen uns z.B. über den vielen Stress, dem wir ausgesetzt sind, und vergessen dabei, dass wir es sind, die den Stress erzeugen, indem wir unserem Nervensystem erlauben, die Alarmreaktion in Gang zu setzen. Die Entscheidung, ob wir uns gestresst fühlen oder nicht, liegt in uns selber, nicht bei den Ereignissen um uns herum. Stress entsteht zwar ohne unser bewusstes und gewolltes Zutun in unserem Organismus, aber der Automatismus, der in uns abläuft, gehört zu unserem Verantwortungsbereich, und wir können steuern eingreifen, sobald uns der Stress bewusst ist.

Die Schädigung des Selbstgefühls

Obwohl wir uns von der Verantwortung abkoppeln wollen und uns als unschuldig an unseren Problemen und Missstimmungen darstellen wollen, fügen wir unserem Selbstgefühl auf doppelter Weise einen Schaden zu. Zum einen verweigern wir die Verantwortung für die Erfahrung, die wir erlebt haben. Dadurch schwächen wir unser Selbstgefühl. Wir bringen uns in eine Opferrolle. Zum anderen sind wir durch die Art und Weise verstört, wie wir die Erfahrung bewerten, die wir gerade haben, indem wir sie ablehnen und damit mit der Wirklichkeit in Konflikt geraten. Auch hier fühlen wir uns wieder wie das Opfer und sind innerlich geschwächt.

„Die Hunde bellen, und die Karawane zieht weiter.“ Wir können dieses arabische Sprichwort auch so verstehen, dass sich unser Verstand immer wieder gegen die Wirklichkeit auflehnt und nicht akzeptieren will, was geschieht. Dadurch geraten wir in Unfrieden, während die Wirklichkeit so ist, wie sie ist und weiterzieht, wie sie weiterzieht. Wir können bellen, was wir wollen, bis wir heiser sind, ohne dass sich der Rest der Wirklichkeit darum schert. Er entwickelt sich weiter, ob es uns passt oder nicht.

In Frieden kommen

In unsere Kraft und in unseren Frieden kommen wir erst, wenn wir aufhören zu bellen. Wir akzeptieren, was passiert ist und übernehmen für unser Erleben die Verantwortung. Dann fügen sich Erfahrung und Wirklichkeit wieder ineinander und wir nehmen das, was ist, so, wie es ist. Wir sind in Übereinstimmung mit uns selber und mit dem, was um uns herum ist.

Zum Weiterlesen:

Akzeptieren, was ist (Teil 1)
Akzeptieren, was ist (Teil 2)
Akzeptieren, was ist (Teil 3)
Akzeptieren, was ist (Teil 4)
Akzeptieren, was ist (Teil 5)
Akzeptieren, was ist (Teil 7)
Akzeptieren, was ist (Teil 8)


Freitag, 25. Januar 2019

Der elterliche Narzissmus und die Selbstfindung

Unter Narzissmus verstehen wir eine pathologische Form der Selbstbezogenheit und Selbstliebe. Die bekannten Kennzeichen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind die schwach ausgeprägte Empathie, die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und ein starkes Verlangen nach Anerkennung. 

Sigmund Freud hat den primären Narzissmus von einem sekundären unterschieden. Beim ersteren dachte er an einen Einheitszustand mit der Mutter, den jedes Kind in der nachgeburtlichen Phase erlebt und in dem es keine Trennung zwischen Mutter und Kind gibt. Diese Entwicklungsstufe wurde später von Margaret Mahler als „symbiotische Phase“ benannt. Der sekundäre Narzissmus als Störung entwickelt sich, wenn in der ersten Phase wichtige emotionale und kommunikative Bedürfnisse nicht befriedigt wurden, sodass die betroffene Person später unbewusst in die drängende Not dieser Bedürfnisse zurückfällt, die anfangs unerfüllt geblieben sind.

Der primäre Narzissmus


Das freudianische Konzept der ungetrennten Einheit von Mutter und Kind in der nachgeburtlichen Zeit wurde inzwischen als Hypothese widerlegt. Die Erforschung der Mutter-Baby-Beziehungen der letzten Jahrzehnte hat erwiesen, dass ein Säugling von Anfang an eine aktive kommunikative Rolle in dieser Beziehung übernimmt, die voraussetzt, dass er sich als selbständiges Wesen der Mutter gegenüber begreift. Von Anfang an stehen sich zwei unabhängige Personen gegenüber und beziehen sich aufeinander. Im günstigen Fall wirkt eine starke Empathie und Konkordanz, die Übereinstimmung zwischen der Erziehungsperson und dem Baby, für die aber die Bezeichnung als Symbiose irreführend ist. Deshalb ist auch das Konzept des primären Narzissmus wenig hilfreich.

Der Begriff der Symbiose wird zwar in der Alltagspsychologie immer wieder angewendet, wenn von besonders innigen zwischenmenschlichen Beziehungen gesprochen wird, ist aber auch hier missverständlich. Indem wir immer mehr Wissen über die Auswirkungen von frühzeitig abgegangenen Zwillingen gewinnen, liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei den symbiotischen Beziehungsmustern um Projektionen aus der intrauterinen Zweisamkeit von Zwillingen handelt. Vor allem eineiige Zwillinge, die über identische Erbanlagen verfügen, erleben eine Form der inneren Übereinstimmung und der verschmelzenden Einheit, für die der Begriff Symbiose passt. 

Der sekundäre Narzissmus


Ebenfalls aus der Säuglingsforschung wissen wir, wie wichtig die empathische Konkordanz zwischen der Betreuungsperson und dem Baby ist, damit es sich auf der emotionalen und sozialen Ebene gut entwickeln kann. Die Mutter [da sie faktisch die Hauptbezugsperson in weitaus den meisten Familien ist, wird sie hier immer wieder genannt, auch wenn andere Personen, Väter oder Pflegepersonen ebenso die Rolle einer zentralen Bezugsperson einnehmen können] sollte möglichst genau spüren, welches Bedürfnis sich hinter den emotionalen Äußerungen des Babys befindet, sodass sie adäquat darauf eingehen kann, also nicht, wie ein klassisches Beispiel besagt, wenn das Kind Zuwendung und Unterhaltung möchte, es mit Essen abzuspeisen. Säuglinge verfügen über ein eingeschränktes Repertoire an kommunikativen Ausdrucksmöglichkeiten, die aber von einer einfühlsamen Mutter genau verstanden und beantwortet werden können.

Auf diese Weise baut das Kind eine stimmige Selbstbeziehung auf, weil ihr die Mutter das Vertrauen gibt, dass es auf seine eigenen Bedürfnisse und  Gefühle hören kann. Was eine passende Antwort findet, war eine berechtigte Frage. Das Kind lernt, die eigenen Körpersignale und Gefühlsregungen anzunehmen und durch die „Spiegelung“ seitens der Mutter immer besser einordnen zu können. Mit Spiegelung ist gemeint, dass das Baby ein Bedürfnis äußert und die Betreuungsperson meldet zurück, dass es die Botschaft verstanden hat, indem sie die Handlungen setzt, die das Bedürfnis stillen. 

Mangelnde Spiegelung


Treten in dieser Kommunikation immer wieder Fehler auf, weil die Spiegelung nur mangelhaft gelingt, so kann sich im Kind kein stabiles Selbstgefühl aufbauen. Es kann seinem Körper mit seinen Bedürfnissen und der Seele mit ihren Gefühlen nicht voll vertrauen, sondern fühlt sich unsicher und schnell irritiert. Es muss dauernd nach Bestätigung im Außen suchen, weil diese nicht selbstverständlich kommt, und trachtet danach, sich nach den Mustern und Schemata der Eltern zu richten, damit es zu dem kommt, was es braucht.

Oft geht die Störung so weit, dass dem Kind nicht mehr klar ist, was es braucht und damit auch nicht, was es will. Die Unsicherheit durchzieht das organische und emotionale Selbstverständnis und die Willenskraft. Der Narzissmus als Persönlichkeitsdefizit beruht auf diesen Schwächen in der Selbstbeziehung, die Folgen von Schwächen aus den frühen Kommunikationsbeziehungen sind. 

Wenn wir gemeinhin annehmen, dass Narzissten besonders in sich selbst verliebt sind und nur sich selber wichtig nehmen, so ist das irreführend und entspricht nur einer oberflächlichen Beobachtung, weil sich Narzissten besonders schwer tun mit der Selbstliebe. Im Grund zweifeln sie immer, ob sie in Ordnung sind so wie sie sind. Sie können aber den Eindruck der Selbstsicherheit und Überlegenheit erwecken, wenn sie eine andere Form der Spiegelung gelernt haben, nämlich die der übermäßigen und realitätsfernen Bewunderung und Überschätzung. Und hier kommt die narzisstische Störung der Bezugsperson ins Spiel, die sie an das Kind weitergibt. Zunächst, wie geschildert, fehlt die empathische Feinabstimmung mit den kindlichen Bedürfnissen. Dazu mischt sich dann allerdings häufig eine übertriebene Bewunderung des kleinen Wesens. Es wird von der narzisstischen Mutter nicht nur als das ganz Einzigartige und Besondere erlebt, das es ist, sondern als ein Wunderwesen, das alle anderen Kinder mit seiner Schönheit oder seinen Fähigkeiten in den Schatten stellt. Daraus entwickelt das Kind die Strategie der Selbstbewunderung zur Bewältigung der inneren Unsicherheit und des mangelnden Selbstvertrauens. 

Die Ambivalenz


Der Narzissmus ist durch eine grundlegende Ambivalenz geprägt. Auf der einen Seite wirkt in uns der mächtige Strom der Selbstverwirklichung. Das Leben hat uns viele Kompetenzen mit auf den Weg gegeben und dazu alles bereitgestellt, was es braucht, damit wir umsetzen können, was sich aus uns heraus Wirklichkeit geben will. Das Leben als die Quelle aller Schöpfungskraft will kreative, selbstschöpferische Wesen hervorbringen.

Auf der anderen Seite sind wir mit den Deformationen der Eltern konfrontiert, die aus deren mühsamen Anpassungsprozessen an ihre Lebensrealitäten entstanden sind. All das, was bei ihnen im Sinn dieser Selbstschöpfung auf der Strecke geblieben ist, soll nun über das Kind verwirklicht werden. Mit diesen Erwartungen muss sich das Kind auseinandersetzen und wird, ebenso wie die Eltern in ihrem Leben, Kompromisse bilden, dagegen protestieren und sich immer wieder unterordnen. Denn die Orientierung an Selbstfindung und Selbstwerdung setzt sich der Gefahr aus, die Liebe und Zuwendung der Eltern zu verlieren, die anfangs überlebenswichtig ist. So bildet sich ein innerer Widerstreit zwischen Anpassung und Autonomiebestrebung.

Hinter der Maske der angemaßten Grandiosität des Narzissten wirken die Stimmen der Eltern, die sich selber bewundern in ihrem so besonderen Kind, das sich gleichwohl im Grund unverstanden und einsam fühlt. Das Kind hat die Last zu tragen, großartig sein zu müssen und es doch nie zu schaffen. Diese Ambivalenz ist eine Quelle beständigen Leidens und der Selbst-Infragestellung.

Der elterliche Narzissmus


Jede Form des Narzissmus ist aus Vererbung entstanden, er wird wie eine Erbkrankheit von Generation zu Generation durch systematisch gestörte Kommunikation in den frühen Lebensphasen weitergegeben. In mehr oder weniger stark ausgeprägtem Grad sind deshalb in unserer Gesellschaft alle von der narzisstischen Verstörung betroffen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, Eltern mit narzisstischen Zügen zu haben, die das eigene Werden mit diesen Störungen in Mitleidenschaft gezogen haben. Ein Blick darauf kann helfen, Klarheit in die eigenen Lebensmuster zu bringen.

Der elterliche Narzissmus ist von der folgenden Einstellung geprägt: „Ich liebe mich selbst im Kind. Es ist meine eigene Hervorbringung, und in ihm bin ICH großartig. Mein Leben verwirklicht sich im Kind.“ Mit dieser Einstellung ist der Blick auf das Kind und seine Wünsche und Bedürfnisse von vornherein verstellt. Den Begegnungsraum bestimmt das Unbewusste der Eltern, das das Kind danach bewertet, wie sehr oder wie wenig es dieses Unbewusste bestätigt und dessen Bestrebungen erfüllt.

Unterschiedlich getönt ist der Narzissmus bei Vater und Mutter: Der mütterliche Narzissmus erlebt das Kind als Hervorbringung und Erweiterung des eigenen Körpers, mit der sich das eigene Selbst identifiziert. Die Mutter liebt sich im Kind, das gleichsam als ihr besseres Selbst in ihr heranwächst und sich dann veräußerlicht. Ihr Kind gilt dann als ihre Selbstverwirklichung. Häufig spielt dabei die über die Generationen übertragene Kränkung der weiblichen Selbstliebe und Selbstannahme durch den Patriarchalismus mit: Eine Frau ist weniger wert als ein Mann, aber durch das Gebären eines Kindes gewinnt sie an Wert und gesellschaftlicher Anerkennung.

Der väterliche Narzissmus ist naturgemäß weniger stark von der körperlichen Beziehung bestimmt. Gleichwohl kann auch der Vater das Kind als Selbsthervorbringung bestimmen: „Das Kind gibt meinem Leben den Sinn und die Bedeutung“. Außerdem werden von der väterlichen Seite häufig stärker die „tribalen“ und generationalen Themen eingespeist: Das Kind bekommt die Rolle des „Stammhalters“, des Trägers aller genealogischer Aufträge und wird von Anfang an mit den entsprechenden Erwartungen belastet. Zusätzlich hat es als Projektionsfläche für vom Vater selbst ungelebten Ambitionen zu dienen: Was er im Leben nicht schaffen und erreichen konnte, wird dem Kind als Aufgabe weitergegeben. Also wirkt sich auch beim Vater der Patriarchalismus aus: Sein Status in der Gesellschaft ist davon abhängig, wie weit die eigenen Kinder den Erwartungen entsprechen können. 

Pränatale Einflüsse


Die Bedeutung der vorgeburtlichen Phase rückt immer mehr ins Bewusstsein und spielt auch in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Denn die narzisstischen Züge und Prägungen der Eltern werden nicht erst dann aktiv, wenn das Kind auf die Welt gekommen ist, sondern spielen von Anfang an mit, sogar schon in den Fantasien der Eltern, lange bevor sie sich überhaupt kennenlernen. Sie wirken in die Beziehungsdynamik hinein und hinterlassen deshalb auch eine prägende Spur bei der Zeugung. Eizelle und Samenzelle kommen nicht als leere Blätter zusammen, sondern bringen neben dem genetischen Material auch die epigenetischen Modifikationen mit. Dazu kommen die emotionalen Erwartungen und Vorstellungen beider Eltern, die im Akt der geschlechtlichen Vereinigung ebenso wirksam sind wie im Moment der Verschmelzung von Ei und Samen. 

Das Erkennen der Schwangerschaft durch die Eltern ist der nächste Punkt, an dem sich der Narzissmus einschleichen kann. Die Ängste und Erwartungen der Eltern, die dabei auftauchen, sind aufgeladen mit den eigenen unerfüllten Bedürfnissen. Das werdende Leben erkennt, was abläuft und versucht sich diesen vorgegebenen Programmen anzupassen, um nicht zu enttäuschen. 

Mit all dem, was das Kind während der Schwangerschaft über die Nabelschnur aufnimmt, kommen auf der emotionalen Ebene die vielfältigen Programme mit, die ihm vorgeben wollen, wie es sein soll und was es für die Psyche der Eltern leisten soll. Beide Elternteile versuchen, natürlich nicht in böser Absicht, sondern aufgrund der Funktionsweise des Unbewussten, dem Kind vorzugeben, wie es sein soll und was es aus seinem Leben machen soll. Der von den Eltern vorgefertigte Lebensplan ist vollgeladen mit Aufgaben und Aufträgen, die das Kind abarbeiten soll. Die eigentliche Aufgabe, das eigene Selbst zu entwickeln und daraus die eigene Bindungsfähigkeit und Autonomie zu bilden, kommt dabei nicht vor. Natürlich werden viele Eltern behaupten, dass es ihnen ausschließlich darum geht, dass ihr Kind ein eigenständiges Wesen wird. Aber nur wer die Macht der unbewussten Prägungen kennt und aufgelöst hat, kann vollen Herzens dem Wachsen und Gedeihen des Sprösslings zuschauen und es tatkräftig auch dort unterstützen, wo die eigenen Erwartungen und Planungen enttäuscht werden. 

Der fortwährende Prozess des Sich-Gebärens


Schließlich kommt die Geburt als der große Augenblick, in dem sich das Kind von der Mutter löst, meist in einem langen und schmerzreichen Prozess. Es vollzieht sich darin gewissermaßen die „Unabhängigkeitsdeklaration“ des kleinen Menschenwesens: Ich kann jetzt alleine atmen, ich kann meinen eigenen Raum einnehmen, ich verfüge über meine Körpergrenzen, ich kann mich auf diese Welt beziehen, ich beginne, für mich selber zu sorgen. Natürlich sind die Abhängigkeiten am Anfang noch immer groß, aber der innere Drang zur Unabhängigkeit hat einen gewaltigen Schritt nach vorne getan. 

Neben der körperlichen Unabhängigkeit geht es in diesem Vorgang um die seelische Eigenständigkeit. Das eigene Selbst muss gegen die Projektionen der Eltern entwickelt werden, oder es bleibt verkrüppelt und verbogen. Das Projektionsprogramm der Eltern ist zugleich das Herausforderungsprogramm für das lebenslange innere Wachstum. Das Leben präsentiert immer wieder die genau passenden Situationen, in denen wir die Entscheidung zwischen der narzisstischen Prägung und der Selbstwerdung treffen müssen. Ersteres erscheint meist als der billigere und bequemere Weg, der allerdings auch die Beibehaltung des gewohnten Leids in Kauf nehmen muss, zweiteres verspricht uns als Lohn die innere Freiheit.

Der Ausweg aus den Verstrickungen des Narzissmus ist der Weg der Bewusstwerdung: Was und wer bin ich selber, was habe ich ungeprüft übernommen, damit ich mich angenommen und geliebt fühlen konnte? Mit diesen Erkenntnissen kommen Ängste und Schmerzen, und es muss in jedem Schritt wieder eine Geburt vollzogen werden, mit allem, was dazugehört. In jedem Sich-Gebären wird die mächtige Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Anderen vollzogen. Das ist der einzig gangbare Weg zur vollen Unabhängigkeit, zur Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung. 

Zum Weiterlesen:

Sonntag, 15. April 2018

Der Raub des Selbst

Als Kinder haben wir unser Leben mit einem unbedingten Vertrauen und unbedingter Hingabe begonnen, mit der organisch in uns verankerten Bereitschaft und Erwartung, unser Selbst zu entwickeln, auf der körperlichen, seelischen und geistigen Ebene. Wir brauchen dafür eine liebevolle und unterstützende Haltung von den erwachsenen Menschen um uns herum, die anfangs die Verantwortung für die Erfüllung unserer Bedürfnisse übernehmen müssen.

Schrittweise lösen sich diese Abhängigkeiten, in dem Maß, in dem wir lernen, Verantwortung für uns selbst und für unsere Bedürfnisse zu übernehmen. Wir wachsen an Autonomie. Dabei entfaltet sich unser Selbst mehr und mehr, in Weite, Tiefe und Komplexität.

Doch kann diese Entwicklung durch einschränkende und schädigende Einflüsse von außen, vor allem von den Menschen, die die Verantwortung für uns tragen, behindert werden. Eine sehr verbreitete Spielart dieser Problematik besteht darin, dass die Erwachsenen ihre unerfüllten und ungelebten Bedürfnisse und Potenziale auf das Kind übertragen und sich von diesem dann die Befriedigung dieser Ansprüche erwarten. Damit kehrt sich die Dynamik der Verantwortung um: Kinder sollen von früh an die Verantwortung für die Bedürfnisse der Eltern übernehmen. Die Folge ist, wie auch schon in früheren Blogbeiträgen (s. „Zum Weiterlesen“ unten!) skizziert, emotionale Überforderung verbunden mit Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, den gestellten Erwartungen nicht zu entsprechen.

Die eigenständige Entwicklung des Selbst des Kindes ist unter solchen Umständen behindert und belastet. Die Erziehungspersonen nehmen in einem unbewussten Akt der Okkupation einen Teil des Selbst des Kindes ein, sodass sich dort nichts Eigenes entfalten kann.  Dieser Teil kann sich wie ein fremdes Implantat anfühlen, obwohl das den Kindern meist nicht bewusst wird, weil sie die Umstände, in denen sie aufwachsen, und die Menschen, die dabei die Schlüsselrolle spielen, als selbstverständlich so nehmen, wie sie sind.


Die aggressive Entwendung


Es wird wohl kaum Eltern auf dieser Welt geben, die niemals ihre Kinder abgewertet und aggressiv kritisiert haben. Wenn aber aus stressbedingten Ausrutschern, die dann entschuldigt und bedauert werden, regelmäßige Rituale des Heruntermachens und Entwürdigens werden, dann kann die innere Selbstachtung des Kindes nur zu bröckeln beginnen, bis sie irgendwann in quälenden Selbstzweifeln untergeht. Mit dem Gefühl, wenig oder nichts wert zu sein in den Augen der Menschen, die am meisten geliebt sind, kann sich kein Selbstwertgefühl entwickeln und stabilisieren. Die Unsicherheiten führen dann fast notwendigerweise dazu, dass die Erfolge und Bewährungen in der Außenwelt ausbleiben oder sogar dann noch, wenn sie doch gelingen, im eigenen Inneren abgewertet und relativiert werden.

Fortgesetzte Erniedrigungen und Entwürdigungen, die viele Kinder erleben müssen, können nicht zur Bildung eines konsistenten und kreativen Selbst führen. Jeder Teil, der nicht mit Wertschätzung gefüttert und genährt wird, verkümmert, sodass manchmal sogar die eigene Begabung zur Perfektionierung der Selbstabwertung verwendet wird, so stark kann die Einverleibung der elterlichen Angriffe wirken. Die von außen erlebte Aggression wird in Selbstgeißelungen im Sinn einer konsequenten Selbstverleugnung umgewandelt, aus unbewusster Loyalität zu den aggressiven Seiten der eigenen Eltern.

Freundschaftsbeziehungen und Partnerschaften werden zu Spielwiesen für die verunsicherten Gefühle und Erwartungen. Notgedrungen wird versucht, die entleerten Selbstanteile bei Partnern einzufordern, die sich dann oft unverstanden und missbraucht fühlen. Ohne gefestigtes Selbstgefühl können Beziehungen nur mit Schwierigkeiten aufrechterhalten werden und zerbrechen leicht an Kleinigkeiten.

Die unbewussten Programme sind meist so mächtig, dass sie weiter wirken, auch wenn die rationale Einsicht schon lange erkannt hat, wie selbstbeschädigend sie wirken. Deshalb braucht es Hilfe von außen, um zunächst die Kraft der verinnerlichten Aggression zur Sicherung der ramponierten Grenzen des Selbst verwenden zu können. Dann gilt es, sich in sorgfältiger Arbeit die entrissenen Teile des Selbst wieder anzueignen und mit konstruktiver wachstumsorientierter Energie auszustatten.


Die subtile Entwendung


Neben der aggressiven Selbst-Entwendung gibt es auch subtil-manipulative Formen des Selbst-Raubs in vielerlei Gestalten. Es kann etwa die Mutter zum Kind sagen (oder auch nur nonverbal kommunizieren): Du hast so schöne Augen, die hätte ich auch gerne. Sie meint vielleicht, dass sie das Kind damit in seiner besonderen Schönheit anerkennt und seinen Selbstwert unterstützt. Tatsächlich aber möchte sie das haben, was das Kind hat, weil sie mit dem, was sie selber hat, nicht zufrieden ist.  Sie neidet also dem Kind ein Stück Leben, das ihr selber fehlt.

Das Kind wird ab diesem Moment eine andere Beziehung zu seinen Augen haben. Sie werden ihm ein Stück entfremdet, denn die Mutter hat sie mit ihrem Neid ein Stück an sich gezogen.  Ein Teil des eigenen Selbst ist verloren gegangen, auf subtile Weise erobert und besetzt von der Person, die die meiste Liebe bekommt und gibt. Um diese Liebe nicht zu verlieren, im Geben wie im Bekommen, opfert das Kind den unbefangenen Bezug zu seinen schönen Augen, und ein Schleier zieht sich über die Seele, denn das Selbst kann in diesem Bereich nicht weiter wachsen.

Die Beziehung zu sich selbst ist im Kind unterbrochen. Es hat keine klare und eindeutige Verbindung mehr zu dem inneren Teil, der von der Elternperson in Beschlag genommen wurde. Wenn sich solche Botschaften wiederholen oder in Variationen immer wieder auftauchen, entstehen weitere Unterbrechungen, die das Selbstgefühl immer mehr verwirren. Es schwindet das Gefühl von spontaner Lebendigkeit und von Verbundenheit mit der Außenwelt. An die Stelle dessen tritt ein ängstliches Funktionieren und zauderndes Herumtasten in der Welt. Schließlich kann der Mensch keine überzeugende Antwort mehr auf die Frage finden: Wer bin ich denn eigentlich?


Die Rückgewinnung des Selbst


Erst wenn bewusst wird, was geschehen ist, wenn also der Schleier des Selbstverständlichen gelüftet und der aus der Liebe entstandene Schutz der Eltern vor Anklagen obsolet geworden ist, beginnt die Wieder-In-Besitznahme des eigenen Selbst, die eine gute therapeutische Begleitung bitter braucht. Sie beginnt beim Körper, in dem all die Entwendungen als leere Stellen oder Löcher spürbar sind. Durch liebevolles Hinspüren füllen sich langsam diese Bereiche im Körper, die immer auch Bereiche in der Seele sind, mit Eigenem. Sie werden wieder in Besitz genommen und spontanes Leben kann hinein fließen, indem die lebendige Aufmerksamkeit die Verbindung, die unterbrochen wurde,  wieder herstellt.

Es ist ein längerer und mühsamer Weg, aber er lohnt sich, weil nichts schlimmer ist, als nicht mehr spüren zu können, wer man selber ist. Selbstzweifel können in einer Weise quälen wie starke körperliche Beschwerden. Im Heilungsprozess ist es, als ob Schritt für Schritt inneres verödetes Land wieder urbar gemacht wird, damit dort neues Leben sprießen kann.


Eins mit sich


Mit sich selber eins zu sein, sich als sich selber spüren zu können, ist für viele betroffene Menschen keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, das sie bitter missen und das ihr Leben in vielerlei Hinsichten erschwert. Vielleicht ist es genau das, was viele andere Menschen, die gar nicht auf die Idee kommen, von sich selber getrennt zu sein, mit ihrem Leben und seinen Umständen hadern lässt. Vielleicht sind es gerade besonders sensible, aber auch wache Personen, die diese Ungereimtheit im eigenen Wesen schmerzhaft erleben; ein Schmerz, der sie nach Abhilfe suchen lässt, während andere, denen die Selbstentfremdung zur zweiten Natur geworden ist, den Rest der Welt für ihre Leiden und Probleme verantwortlich machen.

Mit sich selber körperlich und seelisch in Übereinstimmung zu kommen, also psychisch zur Kongruenz und physisch zur Kohärenz zu gelangen, ist ein lebenslanges Ziel jedes menschlichen Wesens und zugleich die Voraussetzung für kreatives Wachstum und schöpferische Lebensfreude. Je mehr Menschen sich diesem Ziel annähern, gleich über welche Ausgangsbedingungen sie verfügen, desto menschlicher wird diese Welt. Besondere Anerkennung verdienen jene, die sich trotz eines schwierigen Kindheitsschicksals auf den Weg machen.

Nachbemerkung:
Der Titel dieses Beitrags suggeriert, dass es um „Verbrechen“ geht, die absichtlich begangen werden. Der „Raub des Selbst“ kann aus subjektiver Sicht von Betroffenen als ein Verbrechen erlebt werden; das heißt aber nicht, dass Eltern mit bösem Willen ihre Kinder um ihr Selbst bringen. Eltern handeln dann lieblos, wenn sie selber nicht genug Liebe bekommen haben, wie schon in anderen Artikeln auf dieser Seite angemerkt wurde. Dennoch enthebt sie die unbewusste Dynamik, der sie unterliegen, nicht der Verantwortung, die sie allerdings erst tragen können, wenn sie zur Einsicht gelangt sind, was sie ihren Kindern angetan haben.

Zum Weiterlesen:

Das Kind in uns
Die Täter-Opfer-Umkehr als Wurzel für Schuldgefühle

Die innere Geschichte der Täter-Opfer-Umkehr
Am Anfang brauchen wir ein Willkommen
Der Verlust und die Wiedergewinnung der Lebendigkeit

Dienstag, 12. Dezember 2017

Die Illusion des bewussten Selbst

Die zentrale exekutive Struktur
(CES nach Oakley/Halligan)
Wie im vorigen Blogbeitrag beschrieben, nehmen viele Forscher an, dass unser Gehirn in uns eine fortlaufende Geschichte aufzeichnet, mit allen Erfahrungen, die wir so machen. Aus diesem Datenmaterial werden dann nach bestimmten Filterkriterien Vor-Gedanken ausgewählt, die uns dann als Gedanken bewusst werden. Diese Filter sind nach Überlebenskriterien ausgerichtet und sind deshalb auch mit Gefühlen verbunden. Sie berücksichtigen auch unsere aktuellen Wahrnehmungen und versuchen, relevante Informationen für die jeweilige Situation zu liefern.

Wir sehen in der Entfernung die Person X und fühlen uns zu ihr hingezogen. Es kommen gleich die Gedanken, was wir mit der Person reden könnten und ein paar Erinnerungen an das letzte Treffen, das so nett war. Schon bewegen wir uns in die entsprechende Richtung. Im anderen Fall bemerken wir Person Y auf der anderen Straßenseite, und ein unangenehmes Gefühl kommt auf, begleitet von Gedanken an eine schwierige Situation mit dieser Person. Wir wenden uns ab und tun so, als würden wir die Person nicht bemerken.

All das spielt sich in unserem Bewusstsein ab, aber wird gelenkt von gespeicherten Erfahrungen, die unsere Stimmungslage beeinflussen, ob wir wollen oder nicht. Die Stimmungslage wiederum lenkt unsere Handlungen, und wir sind dabei noch davon überzeugt, dass wir, also unser bewusstes Selbst, diese Handlungen gewählt hat.

Mit dieser Illusion machen die Gehirnerforschungen der letzten Jahrzehnte langsam, aber sicher Schluss. Unser bewusstes Selbst, auf das wir so selbstbewusst stolz sind, ist im besten Fall eine zeitweilig aktive Instanz, die den Impulsen, die aus dem Unterbewussten kommen, nachhinkt und, nachdem schon alles entschieden ist,  so tut, als wäre sie der große Macher.

Die zentrale exekutive Struktur 


Zum näheren Verständnis der Theorie gehe ich hier etwas genauer auf die Zusammenhänge ein. Der Oakley-Halligan-Ansatz, von dem hier die Rede ist, geht von einer in den unbewussten Hirnarealen operierenden Struktur aus, an der viele Systeme beteiligt sind, und die den laufenden Betrieb verwaltet. Sie heißt zentrale exekutive Struktur (CES) und trifft alle Entscheidungen nach Prüfung und Bewertung der einlangenden Informationen. In dieser exekutiven Struktur laufen die Informationen zusammen, um sie in sinnvolle Handlungen zu übersetzen.

Ein Teil dieser Struktur heißt „persönliches oder individuelles Narrativ“, und dort sind die Erlebnisse der betreffenden Person aufgezeichnet und werden laufend ergänzt (genauer gesagt: Es werden nicht Ereignisse aufgezeichnet, sondern eine personalisierte Erzählung von diesen Ereignissen) . Die Konstrukte des Selbst (für wen oder was wir uns halten) sind auch in dieser Struktur enthalten, ebenso wie Landkarten des Körpers (die mentalen Repräsentationen unserer Körperteile) und vieles andere mehr. Die Speicherung umfasst den Inhalt, aber nicht dessen Herkunft. Nicht enthalten sind die Regelkreise für die grundlegenden Lebensvorgänge: Atmung, Verdauung, Schlafrhythmen und individuelle Muskelkontrolle.

Die Schaffung eines stimmigen persönlichen Narrativs bietet nach der Theorie einen evolutionären Vorteil für das einzelne Individuum, weil dadurch ausgewählte Inhalte geteilt werden können, die dann allen dienen. Dieser soziale Vorteil entsteht, wenn private Inhalte wie Gedanken, Ideen, Konzepte, Glaubensannahmen, Abstraktionen, Empfindungen, Gefühle, Triebe und Sorgen aus dem eigenen Narrativ mitgeteilt werden, implizit durch Körpersprache und explizit verbal und über andere Kanäle wie das Schreiben oder die verschiedenen Formen der Kunst. Auf diese Weise prägen die Inhalte der unbewussten Kontrollsysteme die gesamte Kultur.

Was folgt daraus?


Soweit die Theorie in Umrissen. Was bedeutet sie nun für die Praxis? Macht es einen Unterschied, wenn wir davon ausgehen, dass unsere bewusste Mitwirkung in unserem Leben relativ bedeutungslos ist? Und macht es dann überhaupt noch Sinn, an unserer „Bewusstheit“ zu arbeiten? Der Ansatz von Oakley und Halligan beruht auf  einer klaren Unterordnung des Bewusstseins unter das Unbewusste. Er geht aber nicht darauf ein, dass durch die Tatsache, dass sich das Unbewusste laufend fortbildet, auch das eigene Bewusstsein mit seinen Intentionen zu einer Beeinflussungsquelle für das Unbewusste werden kann, also in der Weise kausale Einflüsse ausübt, in der auch andere Informationsquellen aus der Umwelt der zentralen exekutiven Struktur Wirkungen erzeugen und Veränderungen hervorrufen.

Die Rolle des Bewusstseins als Instanz der Verhaltenssteuerung hat möglicherweise ausgedient. Die Konsequenzen dieser Desillusionierung vor allem in Hinblick auf die persönliche Verantwortung und den freien Willen werden heiß diskutiert, darum geht es aber hier im Moment nicht.

Wie steht es um die Kontrolle von oben nach unten?


Vielmehr interessiert mich die Frage, ob die wissenschaftlich gut abgesicherte Erkenntnis, dass die unbewusste Handlungsplanung alles Nötige für die Entscheidungsprozesse erledigt, bevor wir uns dessen bewusst werden, zur Folge hat, dass wir keinen bewusst gesteuerten Einfluss auf die vorausliegenden unbewussten Entscheidungsprozesse nehmen können. Gibt es nach diesen Befunden noch so etwas wie eine Top-Down-Kontrolle, also die Einwirkung von bewusst gewählten Intentionen auf die unbewusst ablaufenden Selektions- und Festlegungsmechanismen? Können wir uns z.B. „echt“ entscheiden, Gewohnheiten, die wir nicht mehr haben wollen, zu beenden und stattdessen andere Verhaltensweisen zu wählen? Liegt es in unserer Macht, mit dem Schokonaschen oder Fernsehgewohnheiten aufzuhören oder geht das nur, wenn unser Unterbewusstsein das schon längst so entschieden hat, ohne dass wir wissen können, wie wir diese Disposition in unseren Tiefen herstellen können?

Wir alle kennen zweierlei Erfahrungen: Einmal, dass es schwer ist, alte und liebgewonnene Gewohnheiten zu ändern, auch wenn wir diese Liebesbeziehung unbedingt beenden wollen, und zum anderen, dass es doch gelingt, mit dem Rauchen, Kaffeetrinken oder Computerspielen aufzuhören, manchmal in Etappen, manchmal auf einen Schlag. Wir können auch auf Erfolge der Selbstüberwindung zurückblicken – vielleicht wollten wir um keinen Preis in die Schule gehen und haben es dann doch viele Jahre lang ausgehalten; vielleicht hatten wir Angst vor dem Wasser und können jetzt mit Begeisterung schwimmen; vielleicht konnten wir uns nie vorstellen, jeden Tag zu meditieren und missen es jetzt, wenn wir einmal wirklich keine Zeit finden. Wir haben immer wieder mal einen inneren Schweinehund überwunden, und zu anderen Zeiten war es partout nicht möglich. Wir können genügend Beispiele aus unserem Leben aufzählen, die davon zeugen (und uns selber überzeugen), dass unser Wille unser Leben steuert, je nachdem, ob er stark oder schwach ist.

Gibt es dennoch so etwas wie Selbstbeeinflussung?


Wären wir unserem Unterbewusstsein gegenüber machtlos, hätten alle Appelle an Selbstverantwortung, Ich-Stärkung, Zusammenreißen usw. keinen Sinn. Die Prediger der Willensstärkung und der Manifestation aller Wünsche mit der Kraft des Wollens würden nur leere Floskel verbreiten und illusionäre Versprechen verkaufen. Joe Dispenza z.B. schreibt: „Zwei unserer besonders einzigartigen menschlichen Leistungen sind, dass wir über die Fähigkeit von Selbstreflexion und Willensfreiheit verfügen.“ Alles, was dieser Seminarleiter, der mit Gruppen von über 1000 Leuten arbeitet, schreibt und anbietet, beruht auf der Annahme, dass wir in der Lage sind, mittels unseres Bewusstseins unsere inneren Abläufe in eine von uns gewünschte Richtung zu lenken.

Was hätte auch psychotherapeutisches Arbeiten für einen Sinn? Wozu sollte ein Ich gestärkt werden, damit es Gefühle meistern und das Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten kann? Schließlich wären es ja doch die Kräfte des Unbewussten, die Regie führen, gleich was das Ich sich einbildet. Dennoch zeigen viele Beispiele aus der praktischen Arbeit mit Klienten, wie sie mehr und mehr das Gefühl bekommen, ihr Leben selber, unabhängig von Prägungen und Ängsten, führen können. Sie können sich von Zwängen befreien und innere Blockaden überwinden.

All diese Beispiele setzen offensichtlich voraus, dass es eine effektive Kontrolle von oben, von den bewussten exekutiven Funktionen der Großhirnrinde, nach unten, in die limbischen Gefühlsregionen geben muss. Es gibt auch wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass durch Übungen in dieser Form der Einflussnahme die entsprechenden Vermittlungszentren im Gehirn nachhaltig gestärkt werden, während z.B. die Angstspeicher im limbischen System geschwächt und verkleinert werden. Es gibt die einfachen Messungen mit dem Autogenen Training, die belegen, dass der selbstsuggestive Satz: „Der rechte Arm ist schwer“ den Muskeltonus in diesem Arm verändert. Es gibt zahllose Belege dafür, dass langsames und regelmäßiges Atmen, das vom Bewusstsein gesteuert wird, die Herzschlagvariabilität verbessert usw.

Allerdings, so werden die Vertreter der erörterten Theorie einwenden, benötigen wir für alle Impulse zur Verhaltensänderung entsprechende neuronale Voraussetzungen – Hormone, Botenstoffe, Dispositionen unseres vegetativen Nervensystems usw., die alle einer unbewussten Steuerung und Verwaltung unterliegen.

Dreht sich hier die Argumentation im Kreis? Handelt es sich um ein Henne-Ei-Problem? Oder lesen die Forscher einer Richtung nichts von den Forschern der anderen Richtung? Wie können wir die Forschungen auf der einen Seite verbinden mit denen, die gegenläufige Beweise aufstellen? Und wie können wir all diese Erkenntnisse mit unserer Lebenspraxis verbinden? Dazu mehr im nächsten Blog.


Zum Weiterlesen:
Erzeugen wir unsere Gedanken?
Geistwanderung und mentale Autonomie