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Dienstag, 7. Oktober 2025

Die rhetorische Ablenkung – der Whataboutismus

Eine beliebte Masche in Debatten besteht darin, auf Kritik und Vorwürfe mit Ablenkungen zu reagieren. Leute, die diese Taktik verwenden, gehen nicht auf die Kritik ein, die ihnen entgegengebracht wird, sondern lenken sofort um auf Gegenkritik, um ihre Position zu schützen. Mit dem Gegenangriff wollen sie den Kritiker bloßstellen und sich selbst in die übergeordnete Position versetzen. Die moralische Schuld für das eigene Tun wird auf die andere Person abgewälzt, die eigene Verantwortung wird beiseitegeschoben und der anderen Person angelastet. Der Kritiker wird herabgesetzt, als jemand, der mit zweierlei Maß misst, und als Heuchler und oft sogar als Lügner verunglimpft. Durch die Abwertung sollte er als jemand dargestellt werden, der kein Recht hat, Kritik zu üben, weil er selbst ein schlechter Mensch ist. 

Der Begriff des „Whataboutismus“ wurde ursprünglich im Nordirlandkrieg geprägt: Republikaner wurden auf ihre Gewalt hingewiesen und reagierten sofort mit dem Gewaltvorwurf an die Loyalisten und an die englischen Truppen und umgekehrt. Niemand kehrte vor der eigenen Tür, sondern wies auf den Dreck vor der Tür des anderen hin. Es wurde dann deutlich, dass die Sowjetpropaganda dieses Argumentationsmuster häufig verwendete. Wenn westliche Politiker oder Journalisten auf die Menschrechtsverletzungen in der Sowjetunion hinwiesen, lautete der Konter: „Und was ist mit der Rassendiskriminierung in den USA? Was ist mit den Kolonialverbrechen der Westmächte?“ Diskussionen zum Gazakrieg verlaufen kaum ohne die Ablenkungsstrategie: 8. Oktober gegen Genozid, mit diesen Begriffen werden die Schuld und die Verantwortung hin- und her geschoben. J.D. Vance hat bei seiner Rede vor der Sicherheitskonferenz in München u.a. behauptet, europäische demokratische Institutionen würden die freie Meinungsäußerung untergraben, während seine Regierung alles tut, um die Meinungsfreiheit in den USA zu beschränken. Er hat auch die hohen Zahlen von im Ausland geborenen Einwanderern in den EU-Ländern kritisiert, während die US-Bevölkerung außer den Ureinwohnern zur Gänze aus Migranten besteht.

Das Du-aber-auch-Argument

In der Rhetorik wird diese Argumentationsfigur auch als „Tu-quoque-Fehlschluss“ bezeichnet, der eine Variante des „Ad-hominem-Arguments“ darstellt, also das Umlenken einer Kritik auf die Person des Kritikers. Die Aufmerksamkeit des Publikums soll vom kritisierten Inhalt auf die Person des Kritikers verschoben werden, die auch Dreck am Stecken habe. Auf diese Weise soll der Kritiker als unglaubwürdig und unmoralisch hingestellt werden.

Innerpsychisch erleichtert der Whataboutismus das Umgehen mit der kognitiven Dissonanz, die durch jede Kritik entsteht. Denn sie weist auf einen Unterschied zwischen dem eigenen Tun und den eigenen ethischen Maßstäben hin. Sie ruft ein Schamgefühl hervor, das durch den Gegenangriff abgeschwächt wird. Der Selbstwert wird stabilisiert, indem eine überlegene Position eingenommen wird: Du hast mir gar nichts zu sagen, du bist viel schlimmer als ich.

Systematische Kritikabwehr

Autoritäre Regime setzen diese Strategie systematisch ein, um Kritik langfristig zu unterbinden: Es wird nie auf den Kritikpunkt eingegangen, sondern sofort der Kritiker als Person abgewertet und unter Umständen gleich verhaftet. Damit soll zumindest erreicht werden, dass das Publikum zu der Meinung kommt, es haben sowieso alle, die den Mund aufmachen, moralische Mängel, sodass es egal ist, wer an der Spitze ist. Die Gleichgültigkeit gegenüber der Politik erzeugt in der Demokratie ein Machtvakuum, das sich die rechten Gruppierungen aneignen und mit ihren Inhalten füllen, die sie gekonnt vor jeder Kritik abschotten. Es finden keine konstruktiven Auseinandersetzungen mehr statt, damit die Leute den Eindruck kriegen: Politiker streiten sowieso nur, sodass sie sich selbst in die Privatheit verkriechen. Die Arena ist frei für gerissene Machtpolitiker, die keine Rücksicht auf die öffentliche Meinung mehr nehmen müssen, weil es eine solche nicht mehr gibt.

Diskurszerstörung

Die Demokratie ist von Diskursen zur Willensbildung abhängig, die in einer Atmosphäre von gegenseitigem Respekt  stattfinden sollen. Spielt eine Seite nicht mehr mit, indem sie sich aus vernunftgeleiteten Diskursen zurückzieht, so wird sie zunächst ausgegrenzt. Damit kriegt sie die Unterstützung von allen anderen, die sich in irgendeiner Weise ausgegrenzt fühlen, und bekommt einen Zulauf, ohne ihre programmatischen Forderungen im kritischen Diskurs bewähren zu müssen.

Die Demokratie wird mit diesen Taktiken systematisch geschwächt und ausgehöhlt, und sobald solche nicht diskursfähigen Parteien an der Macht sind, tun sie alles, was in ihrer Macht steht, um die Diskurse weiter zu unterbinden. Die Medien werden unter staatliche Kontrolle genommen und auf Regierungslinie gebracht, die Gegner werden abgewertet, lächerlich gemacht und schließlich verfolgt, und die eigene Wählerschaft wird mit Zuckerln beschenkt. Die Bevölkerung wird mit Propaganda überschüttet, bis sie in der politischen Gleichgültigkeit und Resignation versinkt. 

Logischerweise gedeiht in Systemen, in denen die kritischen Kontrollmechanismen außer Kraft gesetzt werden, die Korruption. Die Machthaber bereichern sich nach Strich und Faden, wie es der gegenwärtige Präsident der USA vormacht und jener von Russland seit 25 Jahren praktiziert. Mit der Verweigerung des kritischen Diskurses durch konsequenten Whataboutismus beginnt die Entwicklung zur Beseitigung der Demokratie, im totalitären autokratischen Staat ohne Menschen- und Bürgerrechte endet sie. 

Zum Weiterlesen:
Die rechte Rhetorik - perfide und zugleich simpel
Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?
Kriegsverbrechen und Schamverdrängung


Montag, 1. Mai 2023

Ausstieg aus dem Funktionsmodus

Unsere Gesellschaft ist geprägt vom Leistungsdenken und von dem daraus resultierenden Leistungsdruck, der sich mit der fortschreitenden Kapitalisierung der Wirtschaft konstant steigert. Im Zug dieser Entwicklung wird der Wert des menschlichen Lebens immer mehr an dem festgemacht, wie sehr sich jemand anstrengt und wie erfolgreich diese Anstrengung ist. Wer sich weder anstrengt noch mit seiner Anstrengung viel erreicht, verdient keinen Wert und seine Existenzberechtigung ist in Frage gestellt. 

Dieses Denken und die damit verbundenen Erwartungen erfassen die Kinder spätestens mit dem Schuleintritt, falls nicht schon im Kindergarten im Sinn einer Vorschule die Leistungsorientierung eingeführt wird. Dieser Druckmechanismus ist im weiteren Leben vor allem im beruflichen Feld bestimmend und schwappt von dort aus auch auf den Freizeitbereich über. Er wirkt daran mit, dass viele Menschen mit ihrer Pensionierung, beim Eintritt in den „Ruhestand“, in eine Krise geraten, weil sie das beschämende Gefühl bekommen, nichts mehr wert zu sein. 

Als Folge der Ausbreitung des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist der Wert eines Menschen also mit seiner Leistung und seiner Leistungsfähigkeit gekoppelt. Manche verweigern sich dieser Zuordnung und beschließen, nichts oder nur das Allernotwendigste zu leisten. Sie scheren aus dem allgemeinen Gerenne nach dem Sich-Beweisen und Erfolg-Haben aus und versuchen, sich auf alternativen Bahnen die eigene Existenz zu sichern. Sie befinden sich in einer Konterposition zur herrschenden Leistungsideologie, können sich aber dennoch nicht von deren Druck befreien. Denn diese Ideologie ist so mächtig, dass sie jeden schon ergriffen und durchdrungen hat, ehe man sich eines Besseren besinnt. 

Systematische Druckausübung

Ein zentraler Teil dieser Ideologie ist, dass ohne Druck nichts weitergehen würde: Freiwillig würde niemand mehr arbeiten, alle würden sogleich auf der faulen Haut liegen. Es würde niemand früh aufstehen oder Termine einhalten, und die Wirtschaft würde schließlich zusammenbrechen. Der beständige Druck von oben nach unten ist demnach als ein scheinbar unerlässlicher Bestandteil im Leistungssystem und seiner Ideologie eingebaut. Im neoliberalen Denkgebäude herrscht das Menschenbild vor, dass wir eine im Grund arbeitsscheue und faule Gattung sind, die nur durch Anreize, Manipulation oder nackte Gewalt zum Arbeiten gebracht werden kann. Dass das Aktiv- und Tätigsein aus einem inneren Antrieb stammen könnte, hat keinen Platz in dem System, ebensowenig wie die Erkenntnis ernst genommen wird, dass Menschen unter Druck weniger und schlechtere Leistung erbringen als wenn sie aus eigenem Wollen schaffen. 

Folglich sind selbstbestätigende Regelkreise entstanden, in denen immer mehr Druck immer mehr Druckvermeidung produziert, auf die wieder mit mehr Druck reagiert wird. Druck erzeugt Widerstand, der sich in den seltensten Fällen nach außen wendet (wie z.B. bei einer Maschinenstürmerei oder bei Demonstration gegen unerträgliche Arbeitsbedingung); über Generationen hat sich verinnerlicht, dass der Druck eben „dazugehört“ und dass jeder lernen muss, sich den Erwartungen anzupassen und unterzuordnen. Jeder Mitspieler in dem System hat die Verantwortung verinnerlicht, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute den Widerstand zu überwinden und sich zur Leistung zu motivieren, gleich ob es einem passt oder nicht. Und verinnerlicht ist auch die Maxime, dass das Handeln im Sinn des wirtschaftlichen Schaffens die eigene Existenz rechtfertigt und das Nichtstun die eigene Existenz in Frage stellt.

Es geht eine Unmenge Energie ins Druckmachen, in den Widerstand gegen den Druck und in seine Überwindung. Diese Kräfte fehlen auf der produktiven Seite, denn sie fließen nur in die Aufrechterhaltung des Systems. Die Folge ist, dass weniger geschaffen wird, einerseits, weil die, die oben sind, ihre Energie ins Druckerzeugen stecken, und die, die unten sind, unter Druck und wegen ihrer Widerstandsüberwindung weniger leistungsfähig sind. Automatisch steigt dadurch der Druck und ebenso wächst der Widerstand dagegen. Der riesige Koloss des Wirtschaftssystem hält sich am Leben wie ein Fahrzeug, das dauernd mit angezogenen Bremsen fährt und den doppelten Energieverbrauch benötigt, ohne mehr Leistung zu erbringen.

Die Angst regiert beide, die oben und die unten, und sie reduziert genau das, was produziert werden soll, nämlich Leistung. Menschen leisten mehr und besser, wenn sie frei von Druck, aus sich selbst heraus schaffen. Aber solange wir glauben, dass wir nur durch Angst getrieben aktiv werden, können wir uns keine angstbefreite Schaffenskraft vorstellen und füttern damit das System, das uns tendenziell ruiniert, als Einzelne, als Gesellschaft und als Menschengattung.

Individuelles Ausklinken

Hier geht es nicht darum, dass das widersinnige System der Ausbeutung und Selbstausbeutung überwunden und transformiert werden muss. Dieser Prozess ist langwierig, weil er verschiedene Trägheitsschwellen überwinden muss, z.B. die Macht, die bei den Nutznießern des Systems konzentriert ist oder die neoliberalen Ideologien, die für viele so selbstverständlich geworden sind, dass sie wie unumstößliche Wahrheiten wirken. Es wird – falls es nicht zu einem dramatischen Kollaps als Folge einer globalen Klimakatastrophe kommt – Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern, bis der Kapitalismus auf ein menschenverträgliches Maß zurückreguliert ist. 

Hier geht es darum, wie wir uns als Einzelne als dem Räderwerk von ökonomischen, soziologischen und psychologischen Prägungen ausklinken können. Es macht keinen Sinn, solange mitzuspielen und mitzuleiden, bis sich irgendwann einmal das System zugunsten der Menschlichkeit ändert. Wir sind für uns selber verantwortlich, für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden, das predigt uns der Neoliberalismus Tag für Tag. Wir müssen also selber dafür sorgen, dass wir angesichts eines systemisch wirksamen Wahnsinns heil bleiben. Dazu brauchen wir die Kraft unserer Bewusstheit, die wir immer wieder aktivieren müssen, wenn wir dem Zugriff der Selbstentfremdung entkommen wollen. Der Funktionsmodus ist tief in uns verankert und mit der eigenen Weltsicht und dem eigenen Selbstwert verflochten. Es sind massiv wirksame gesellschaftliche Prägungen, die sich mit Hilfe einer kollektiven Amnesie entwickelt haben, also mit einer kollektiven Verdrängung. Diese Entwicklung ist seit der neolithischen Revolution vor 12 000 Jahren in Gang, die durch den modernen Kapitalismus ab dem 18. Jahrhundert verschärft und globalisiert wurde. Sie weist die Merkmale einer kollektiven Traumatisierung auf. 

Wir sollten die Macht dieser Traumlast nicht unterschätzen und haben viel zu tun, wenn wir uns ihren Sog entziehen wollen. Doch je eher und je öfter wir uns ausklinken, desto weniger Schaden nehmen wir an Leib und Seele. Diese Distanzierung von der Druckausübung geht nur mit klaren und präsenter Bewusstheit, denn der Funktionsmodus ist tief verankert und mit dem eigenen Selbstwert verflochten. 

Die Macht der Bewusstheit

Theodor W. Adorno hat zwar einmal geschrieben, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, dass also ein unmenschliches System alle seine Mitglieder von sich selbst entfremdet und ein Entkommen davon nicht möglich ist. Aber dieser Fatalismus übersieht die Möglichkeiten unserer Bewusstheit, die nicht zur Gänze durch gesellschaftliche Prägungen und kollektive Traumatisierungen gelähmt werden kann. Sie erhält unsere Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit. Sie ermöglicht uns, uns auf uns selber zu besinnen und klar zu werden, was wir wollen und was nicht. 

Es erfordert eine bewusste Entscheidung, vom Funktionsmodus auszusteigen und damit in den Flussmodus zu wechseln. Sie passiert nicht von selber, denn die Prägungen und die daraus abgeleiteten Gewohnheiten sind das, was von selber geschieht. Mit der bewussten Entscheidung für den Flussmodus setzen wir diese Prägungen außer Kraft und lassen zu, was von sich selber geschehen will. Wir tun das, was zu tun ist, in entspannter Weise. Oder: Es geschieht, was geschehen soll. 

Diese Entscheidung ist kein einmaliger Akt, der dann für immer gilt. Denn wir kippen allzu leicht wieder in den Funktionsmodus, den uns alle anderen vorleben. Wir sind einer permanent wirksamen Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Wir entkommen ihr nur, wenn wir bewusst innehalten und uns klar machen, was wir wirklich wollen und wie wir gestalten wollen. Schon die Einsicht, dass Dinge geschehen, viele mit unserem Zutun und die meisten ohne unsere Mitwirkung, kann erleichtern. Das Müssen tritt hinter das Geschehenlassen zurück und führt aus dem Funktionieren, Müssen und Druckaushalten heraus. 

Chronischer Stress kann die Gehirnzellen süchtig nach Stresshormonen machen.  Darum machen sich viele Menschen Stress in Situationen, die andere gelassener nehmen würden. Sie merken nicht, dass es die Bewertung ist, die sie zu der Situation aufstellen, die den Stress auslöst, und nicht die Situation selbst. Zugleich haben sie den Eindruck, dass ihnen der Stress von außen aufgeladen wird. 

Die Erkenntnis, dass der Stress durch die innere Bewertung und nicht durch einen äußeren Einfluss entstanden ist, hilft beim bewussten Ausklinken aus den verbreiteten Stressmustern und trägt zur Stress-Entwöhnung bei. Eine wichtige und effektive Unterstützung bietet die Konzentration auf den Atem und vor allem die bewusste Entspannung beim Ausatmen. 

Die Weisen haben es leicht und sagen: Es geht nicht ums Erreichen, es geht ums Loswerden. Oder: Wichtig ist nicht, was wir im Leben schaffen, sondern was wir an Lasten ablegen können, um in die Freiheit zu gelangen. Der Dichter sagt: „Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt, und durch nichts gedrängt und beschleunigt werden kann; alles ist austragen – und dann gebären...“ (Aus: Rainer Maria Rilke: Brief an den jungen Dichter)

Zum Weiterlesen:
Funktions- und Flussmodus
Funktional und fließend wahrnehmen
Geschehenlassen und Funktionieren
Tun und Geschehenlassen
Das Geschehen und der Verstand

 

Samstag, 9. Juli 2022

Selbstdienliche Verzerrungen

Wir neigen dazu, uns in ein positives Licht zu setzen, vor allem dann, wenn andere Kritik an uns üben oder uns abwerten. Die Soziologie hat diese Neigung genauer untersucht und ist auf das eigenartige Phänomen der „selbstwertdienlichen Verzerrung (self-serving bias)“ gestoßen. Das Phänomen besteht darin, die eigenen Erfolge sich selber und die Misserfolge äußeren Ursachen zuzuschreiben. Für alles, was gut läuft, bin ich selber verantwortlich und kann mich dafür anerkennen. Für alles, was schiefläuft, mache ich die Umstände oder die anderen Menschen verantwortlich und bin damit aus dem Schneider.

Diese zweite Komponente des Verzerrungsmechanismus dient dem Schutz des Selbstwertes und der Vermeidung von Scham. Sie besteht darin, sich selbst von der Verantwortung für Fehler zu entlasten, indem sie anderen Instanzen zugeordnet wird. Damit geraten der Selbstwert und die Selbstachtung nicht in Gefahr. Wenn ich in einen Stau gerate und nicht weiterkomme, schimpfe ich auf den Verkehr und die anderen Autofahrer und komme nicht auf die Idee, mich selber zu fragen, ob ich vielleicht zu spät weggefahren bin und eventuelle Verkehrsbehinderungen nicht einberechnet habe. Wenn der Computer abstürzt, ist auf jeden Fall er schuld und nicht meine Aktionen, die zum Absturz geführt haben. Wenn ich auf einen Termin vergessen habe, ärgere ich mich über die anderen Leute, die dauernd etwas von mir wollten und mich abgelenkt haben.

Scham und Stolz


Die Verantwortung für Fehler zu übernehmen fällt uns schwer, weil das Eingeständnis von eigenen Unzulänglichkeiten mit Scham verbunden ist. Wenn wir äußere Ursachen finden, die unsere Fehlleistungen bewirken, brauchen wir uns selber nicht zu schämen und unser Selbstwertgefühl bleibt intakt. Stattdessen kehren wir die Orientierung um und beschämen andere, denen wir die Schuld geben für das, was schiefläuft.
Die andere Seite dieses psychologischen Phänomens, die selbstwertstärkende Komponente, bei der wir uns als einzige Verursacher unserer Erfolge wahrnehmen, hat mit Stolz zu tun. Der Stolz ist die psychische Kraft, die unseren Selbstwert stärkt, solange er in einem maßvollen Rahmen bleibt, also verschiedene Aspekte der Realität mit einschließt, z.B. all die Beiträge, die von außen zu den eigenen Erfolgen beitragen.
Es ist wiederum die Scham, die den überschießenden Stolz in die Schranken weist und darauf hinweist, dass alles, was wir tun, immer in einem sozialen Feld stattfindet. Es gibt immer andere Akteure, die mitwirken, dass wir erfolgreich sind und ohne die wir nicht zu den Resultaten kommen, die wir erschaffen. Die Scham erinnert uns daran, zum Feiern unserer Erfolge auch die Bescheidenheit und die Dankbarkeit einzuladen.
Auf diese Weise bleibt unser Selbstwert in Balance. Er findet die Mitte zwischen Selbstüberschätzung und Selbstabwertung und ermutigt uns zu einer angemessenen Verantwortungsübernahme und entlastet uns selbst von einer übermäßigen Verantwortung. Wir stellen uns der Realität in einem weiteren Rahmen als der, den uns unsere unbewussten Egomechanismen anbieten und der auf Ausblendungen und Verzerrungen beruht.

Die umgekehrte Dynamik


Es gibt auch Menschen, bei denen diese unbewusst ablaufende Dynamik umgekehrt verläuft. Sie sehen ihre Erfolge als vor allem von außen bewirkt und stellen ihr Licht gerne unter den Scheffel. Andererseits nehmen sie ihre Fehler ganz persönlich, ohne an äußere Verursachungen zu denken. Sie schämen sich dafür, wenn sie in einem Bereich nicht schaffen, was sie schaffen sollten, was auch zu einer depressiven Verstimmung führen kann. Ihre Erfolge nehmen sie weniger wichtig, sondern sind mehr auf Misserfolge fixiert. Damit schädigen sie ihren Selbstwert.
Andere Menschen schwanken situationsbedingt zwischen der selbstwertstärkenden und der selbstwertschwächenden Form der Realitätsverzerrung. In manchen Situationen sind sie stolz auf ihre Erfolge und schieben ihre Verantwortung für die eigenen Fehler auf andere ab. In anderen Situationen beschuldigen sie sich selbst für ihre Fehler, nachdem sie sich über die Verursachung durch andere beschwert haben.
Für diese Unterschiede sind neben Charakter und Temperament auch die Erziehungsstile in der Kindheit und die damit verbundenen Werthaltungen verantwortlich. Eltern leben durch ihre Art des Umgangs mit Erfolg und Misserfolg vor, wie solche Erfahrungen am besten verarbeitet werden. Die Kinder orientieren sich an ihren Vorbildern und übernehmen diese oder wandeln sie in ihr Gegenteil um. Wenn es um Erfolge geht, gibt es eine Bandbreite von Umgangsweisen zwischen scheinbescheidenem Kleinreden und großspuriger Protzerei. 

Ebenso breit ist die Palette bei Misserfolgen. Sie können übergangen und ignoriert, bagatellisiert oder dramatisiert werden. Häufig werden Ausreden mit Scheinursachen genutzt, um die psychischen Folgen eines Misserfolgs vor sich selbst und die sozialen Folgen bei den anderen abzuschwächen. Niemand will schlecht dastehen, weder vor sich selbst noch vor den Mitmenschen. 

Selbst die Variante, die eigenen Erfolge abzuwerten und die Misserfolge aufzubauschen, dient der Aufrechterhaltung der Selbstachtung und der sozialen Wertschätzung. Die Zügelung des Stolzes bei Erfolgen dient einem Selbstbild der Bescheidenheit, und die Selbstbeschuldigungen beim Versagen sollen Mitgefühl und Mitleid mobilisieren. Die Verzerrung der Wirklichkeit zielt also immer auf einen innerpsychischen und einen sozialen Nutzen. Unser Unterbewusstsein glaubt, dass es besser fährt, wenn es Wirklichkeitsfilter anwendet, die in anderen Zusammenhängen, also vor allem in der Kindheit ausgebildet wurden. Bessere hat es nicht zur Verfügung.

Da die Verzerrungen meist auf solchen ungeprüften Annahmen in Bezug auf die Selbstbeziehung und auf das soziale Umfeld gesteuert sind, führen sie zu selbstbestätigenden Zyklen. Die Vorannahmen erweisen sich als gültig, insofern sie sich selbst beweisen: Wenn ich mit meinen Ausreden durchkomme und Beschämungen vermeiden kann, dann ist das die einzig richtige Strategie, um mit Misserfolgen zurechtzukommen. Wenn ich mich selber für Misserfolge geißle, bekomme ich Sympathie und aufmunternde Zuwendung.

 

Wirklichkeitsverzerrung bedeutet Freiheitsverlust


Die gewohnte Strategie erzeugt Sicherheit, engt aber die Freiheit ein. Denn jeder Verlust an Wirklichkeitswahrnehmung reduziert die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Das innere Erleben unterliegt einer Selbstmanipulation und führt damit zur Selbstentfremdung.
Solche Strategien funktionieren nur, wenn sie unbewusst ablaufen und nicht reflektiert werden. Sie sind scheinbar alternativ- und konkurrenzlos in Geltung und haben ihren angestammten Platz im psychischen Notfallkoffer. Wird allerdings verständlich, dass sie eingeübte Formen der Wirklichkeitsverzerrung sind, die nicht automatisch ablaufen müssen, sondern auch geändert werden können, so ergibt sich der erste Schritt zu mehr Autonomie. Hilfreich ist zusätzlich die Erforschung der Hintergründe und Quellen solcher Reaktionsmuster, indem die dahinterstehenden Kindheitserfahrungen und übernommenen Werthaltungen durchleuchtet werden. Je mehr Bewusstheit gewonnen wird, desto mehr Freiheitsräume öffnen sich.

Donnerstag, 1. April 2021

Die verschüchterte und die böse Schwester: Scham und Rache

Jede Beschämung hat eine Rache zur Folge. Dieser Zusammenhang scheint in der menschlichen Psyche wie ein Naturgesetz zu wirken: Keine Beschämung ohne Rache. Beschämungen werden als Demütigung erlebt, als Verletzungen der eigenen Würde. Um den beschädigten inneren Wert wieder aufzurichten, muss ein Ausgleich geschaffen werden. Der Schaden, der geschehen ist, muss vergolten werden, dann ist das Gleichgewicht wiedergewonnen.

Wir kennen diese Dynamik von der Blutrache, die uns wie ein sinnloses archaisches Ritual erscheint, das nie endet und das wir kopfschüttelnd irgendwelchen primitiv gebliebenen Ecken dieser Welt zuordnen. Tatsächlich aber kennen wir die Rituale der Rache in unserem eigenen Inneren nur zu gut. Die Rache kann viele Formen annehmen. Oft bemerken wir sie gar nicht, weil wir sie nicht bewusst erleben. Wir erleben die Verletzung, die wir erlitten haben, allzu gut, aber was dann in unserem Inneren abläuft, erscheint uns in jeder Hinsicht als sinnvoll und gerechtfertigt. Jede Verletzung sucht Heilung, das ist klar, weniger offensichtlich ist aber, dass wir im emotionalen Bereich und auf der sozialen Ebene auch einen Ausgleich brauchen. Folgt auf die Verletzung eine Entschuldigung, so können wir schnell in Frieden kommen, außer wir sind nachtragend. Kommt zur Verletzung eine Beschämung in Form einer Abwertung oder Beleidigung, so ist nicht nur ein Randteil unserer Psyche betroffen, der leidet, sondern dazu noch ihr Kern, ihr Zentrum. Unser Wesen und damit unsere Existenzberechtigung ist in Frage gestellt, beschmutzt, missachtet.

Schamreaktionen wirken zunächst wie ein Schock, der alles lähmt. Wenn sich die Blockierung löst, dann wird der Schmerz über die Verletzung spürbar, und bald danach regen sich die Racheimpulse, die eine Vergeltung verlangen. Auf diese Weise soll der beschädigte Selbstwert wieder aufgerichtet werden.

Die Logik der Rache

Das ist die Grundstruktur der Rache: Wenn ich wegen dir leide, sollst auch du leiden. Wenn du mir weh getan hast, sollst auch du Schmerzen haben. Dann sind wir wieder gleich. Da ich zunächst Opfer deiner Tat bin, muss ich Täter werden und du bist das Opfer. Die Krux liegt darin, dass das Opfer dann wieder Täter werden muss, und die Auseinandersetzung geht weiter.

Warum hängen wir so an dieser Logik? Wir erwarten uns, dass wir besser verstanden werden, wenn die andere Person das Gleiche erleidet wie wir selber. Wir sind beleidigt worden und beleidigen dann zurück. So soll die andere Person verstehen, was sie angerichtet hat und wie sehr es schmerzt. Um diesen Effekt zu verstärken, verdoppeln wir manchmal die Intensität oder den Gehalt der Verletzung. Klarerweise drehen wir mit diesem Verhalten an der Eskalationsschraube.

Im Grund steckt also ein Hilfeappell hinter der Rache: Bitte verstehe mich, ich leide. Es ist der Wunsch nach Mitgefühl. Wenn jedoch keine Aussicht auf Mitgefühl besteht oder viel zu selten die Erfahrung gemacht wurde, dass Verletzungen verstanden werden und dass Trost kommt, meldet sich schnell der Racheimpuls. Es ist also ein Mangel an empathischer Einfühlung, der die Menschen rachsüchtig werden lässt.

Die Aggression, die in der Rache steckt, kompensiert die Scham und die mit ihr verbundene Schwäche und Hilflosigkeit. Im Impuls zur Vergeltung steckt eine Selbstermächtigung: Ich hole mir zurück, was mir genommen wurde, notfalls mit Gewalt. Da mein Selbstwertgefühl herabgewürdigt wurde, während sich die andere Person über mich gestellt hat, muss ich dafür kämpfen, dass sich das Verhältnis wieder umkehrt und ich wieder Oberwasser habe. Dazu dient die Rache.

Scham, Rache und Krieg

Die Menschheitsgeschichte ist voll von Beispielen für den unheilvollen Zusammenhang zwischen Scham und Rache. Bei vielen, wenn nicht bei allen kriegerischen Ereignissen finden sich Beschämungen, gefolgt von Rache an prominenter Stelle unter den Auslösern.

Eine der frühesten überlieferten Erzählungen handelt vom Trojanischen Krieg, der mit einer Beschämung beginnt: Menelaos, dem König von Theben wird die Frau vom Sohn des trojanischen Königs entführt. Aus Rache beginnen die Griechen einen Krieg gegen Troja, der zehn Jahre dauert.

Am 23. Mai 1618 werden drei hohe Beamte des Kaisers von Aufständischen aus einem Fenster der Prager Burg gestürzt, eine Beleidigung des Kaisers. Daraufhin beginnt ein Krieg, der dreißig Jahre dauert und weite Teile Mitteleuropas verwüstet.

Deutschland beginnt am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg, der propagandistisch durch die Rede vom „Schandvertrag von Versailles“ vorbereitet worden war. Deutschland habe durch den Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg eine Beschämung erlitten, die nur durch eine Revision des Vertrages beseitigt werden könne. Es beginnt ein Krieg, der ein vorher nicht dagewesenes Ausmaß an Todesopfern und Zerstörungen anrichtet.

Am 11. September 2001 werden zwei Wolkenkratzer in New York durch Attentäter zum Einsturz gebracht, mit Tausenden Todesopfern. Die Supermacht USA erleidet eine Beschämung. Als Rache beginnt ein Krieg gegen Afghanistan, der bis heute andauert, und zwei Jahre später ein Krieg gegen den Irak, der das Land nachhaltig destabilisiert hat. Diese Kriege haben hunderttausende Menschenleben gefordert und zwei Staatsgebilde ruiniert. Die Folge war eine Zunahme des islamistisch motivierten Terrorismus, als Vergeltung der Racheaktionen.

Stellvertretende Rache

Manchmal kriegen andere die Aggression ab, wenn wir ein Ungemach erlitten haben. Das typische Beispiel ist der Angestellte, der vom Chef heruntergemacht wird, zuhause die eigene Frau anschnauzt, die das Kind schimpft, das schließlich dem Hund einen Rüffel gibt. Natürlich würden wir uns freuen, wenn der Hund bei nächster Gelegenheit den Chef beißt, aber das gibt die Geschichte nicht mehr her.

Vor allem in hierarchischen Systemen ist es schwer und riskant, direkt Rache für erlittenes Unrecht zu üben, also werden Stellvertreter gesucht, denen die Demütigung zurückgezahlt werden soll und die benutzt werden, um den eigenen Selbstwert wieder zu stabilisieren. Das ist der Kitt im hierarchischen Gefüge, das die Über- und Unterordnung zementiert: Die Hackordnung, die auf allen Stufen Gewalt erlaubt, aber immer nur in einer Richtung, von oben nach unten. Die Geprügelten prügeln, die Misshandelten misshandeln, immer die Schwächeren. Nach oben buckeln, nach unten treten, lautet die Devise.

Die Rache nach oben gibt es allerdings auch, aber meist nur indirekt. Sie äußert sich vor allem im passiven Widerstand, der die aufgestaute Wut kanalisiert. In Organisationen, in denen viel autoritäres Gehabe und Abwertungen vorkommen, sind besonders häufig passive Racheaktionen die Folge, die sich in Verweigerung, Verschleppung, Informationsunterdrückung, Krankenständen usw. ausdrücken.

Viele Racheaktionen werden genutzt, um längst fällige offene Rechnungen aus der Vergangenheit zu begleichen, und beziehen ihre emotionale Wucht aus einem Fundus unbearbeiteter vergangener Kränkungen, die oft weit in die Kindheit und Schulzeit zurückreichen. Wo die Achtung und das Verständnis fehlen und Beschämungen ohne Folgen und ohne Ausgleich bleiben, gedeiht die Missgunst und das Misstrauen, ein inneres Klima entsteht, das Rachegefühle und Racheaktionen begünstigt.

Rache im Denken

Für den Fall, dass wir es uns verkneifen, die Racheimpulse offensiv und direkt auszuleben, haben wir unser Denken zur Verfügung. Es stellt sich zur Verfügung, dass wir hier den gesuchten Ausgleich finden können. Wir erzeugen alle möglichen abwertenden und verletzenden Gedanken, malen uns in der Fantasie aus, was der anderen Person zustoßen sollte, oder schmieden Rachepläne, die wir dann nicht ausführen. Wir sollten allerdings damit rechnen, dass sich die Rachegedanken, wenn wir sie zu umfangreich pflegen, in passiven Aggressionen äußern werden. Aber in solchen Fällen haben wir dann Ausreden zur Verfügung: Ach, deine Lieblingsvase ist mir aus der Hand gerutscht, sie war so glitschig. Ich hatte gestern so viel anderes im Kopf, und obwohl ich immer wieder an deinen Geburtstag gedacht habe, hatte ich überhaupt keine Zeit für einen Anruf.

Indirekt Rache üben wir auch dann aus, wenn wir schlecht über nicht anwesende Personen, also hinter ihrem Rücken, reden. Wir werden unseren Ärger los, müssen uns aber nicht direkt mit der Person auseinandersetzen. Auch hier suchen wir das Verständnis der Mitmenschen, die uns Recht geben sollen, dass wir schlecht behandelt wurden, und die die Täterperson wie wir auch verurteilen. Wir haben eine Allianz gegen den Bösewicht geschmiedet, die ihn zur Strafe isoliert.

Vom Fluchen und Verwünschen

Eine spezielle Spielart der Rache findet sich bei Flüchen und Verwünschungen. Denken wir an das Märchen vom Dornröschen. Die dreizehnte der weisen Frauen, die nicht zum Geburtsfest von Dornröschen eingeladen wurde, spricht einen Fluch über die Königstochter aus, dass sie sich an ihrem fünfzehnten Geburtstag an einer Spinnnadel stechen und daran sterben wird. Aus Rache, dass sie nicht eingeladen wurde, spielt sie ihre Zaubermacht aus und versetzt alle in Angst und Schrecken; der Fluch lastet fortan über der Königsfamilie.

Flüche und Verwünschungen verbinden die Rache mit der Welt der Magie mit ihren besonderen Kräften. Wo die Macht in dieser Welt nicht ausreicht, um erlittene Ungerechtigkeiten auszugleichen, müssen höhere Mächte beschworen werden. Das Böse im Fluch trägt einen besonderen Grauen in sich, weil es nur von der Person, die den Fluch ausgesprochen hat, wieder aufgehoben werden kann. Andererseits hängt die Wirkung vom Glauben an die Macht des Fluches und seiner höchsten Fürsprecher ab, ähnlich wie beim Voodoo-Zauber. Wenn der Adressat des Fluches diesem keine Wirkkraft zuspricht, ist er folgenlos.

Neben diesen „mächtigen“ Flüchen gibt es jene des Alltags, die uns bei den größeren und kleineren Missgeschicken und Schlechtbehandlungen hochkommen. Ein kleines Beispiel: Viele elektronische Geräte sind wohl schon Objekt von Verfluchungen durch ihre Nutzer geworden, aber gemeinhin gehören sie zu jenen, die nicht an die Macht des Fluches glauben. Jede Unfähigkeit, die uns bei den technischen Geräten unterläuft, beschämt ein wenig, und das Fluchen entlastet, indem wir die widerborstigen Objekte durch Beschimpfungen beschämen, in diesen Fällen freilich folgenlos.

Aussteigen aus der Rachedynamik

Ohnmachtserfahrungen, wie sie mit dem Schamerleben verbunden sind, bilden den Ursprung von Rachegedanken und -handlungen. Die Erfahrung einer gelungenen Rache erlaubt eine kurzzeitige Befriedigung, doch keine dauerhafte Befriedung. Vielmehr tendieren Rachedynamiken zur Unendlichkeit: Jede Rache, die ihr Ziel erreicht, beschämt und schafft die Grundlage für eine Gegenaktion. Rache hat Rache zur Folge, und die Gefahr besteht, dass die Gewalt mit jeder Runde zunimmt.

Darum ist es wichtig, die Rachedynamik bei sich selbst abzubrechen, sobald sie bewusst wird. Das ist der einzige Schritt zur Befriedung, der in unserer Macht steht. Macht über andere und ihr Verhalten, geschweige denn ihr Inneres ist uns ja nicht wirklich gegeben.

Verletzungen und Beschämungen sind Aspekte des Soziallebens, die sich nicht einfach abschaffen lassen, sondern immer wieder geschehen können, weil die Kapazitäten zur Achtsamkeit bei uns und unseren Mitmenschen wie alles andere auch beschränkt und unvollkommen sind. Was wir schaffen können, ist die nachträgliche Bewusstheit: Legen wir unser Augenmerk auf unsere Reaktionsgewohnheiten, wenn wir Unachtsamkeiten unserer Mitmenschen erleben und spüren wir, wo sich Racheimpulse aus dem eigenen Repertoire einmischen. Welche anderen Möglichkeiten haben wir, ohne den aussichtslosen Umweg über die Rache zu einer Lösung des Konflikts zu kommen? Nutzen wir unsere soziale und emotionale Kreativität, um unsere Racheimpulse zu durchschauen und abzuschwächen und konstruktive kommunikative Wege für die zwischenmenschlichen Probleme zu erschaffen.

Zum Weiterlesen: 
Die passive Aggressivität
Krieg und Scham

Freitag, 19. März 2021

Das Vergleichen in Beziehungen

Das zwischenmenschliche Vergleichen kennt mehrere Richtungen: Wir vergleichen uns selbst mit anderen, vergleichen andere mit uns oder vergleichen andere mit anderen. Hier geht es um die letztere Vergleichsform, vor allem bezogen auf Menschen, mit denen wir in einer Nahbeziehung stehen.

Wir neigen dazu, gerade diese Menschen mit anderen zu vergleichen. Vor allem dann, wenn wir Probleme mit diesen Personen haben, suchen wir uns Vergleichsobjekte, mit denen es leichter wäre oder die eine Eigenschaft nicht haben, die uns stört. Besonders heikel ist das Vergleichen, wenn es um Liebesbeziehungen geht. Es kann das Äußere einer fremden Person als schöner empfunden werden als das des eigenen Partners. Oder es gibt da draußen jemanden, der mehr Intelligenz, Geld, Sportlichkeit, Witz, Gelassenheit usw. hat. 

Wir spüren, dass das Vergleichen irgendwo unfair und gemein ist. Denn wir nutzen es, um die Person, um die es uns dabei geht, schlechtzumachen, abzuwerten und herabzustufen: Andere sind besser, schöner, schneller, reicher als du. Und deshalb zählst du weniger – und deshalb kann ich dich auch umso weniger liebhaben, nur wegen deiner Fehlerhaftigkeit, an der du selber schuld bist. 

Wie alle Gemeinheiten, die uns unterlaufen, fallen auch solche Vergleiche auf uns zurück. Denn die nächsten Gedanken melden sich bald: Wer sind wir denn selber, wenn wir einen Liebespartner haben, der im Vergleich zu den anderen so schlecht abschneidet? Vielleicht denken wir, wir hätten uns jemand Besseren verdient, aber wo ist diese bessere Person? Warum haben wir sie nicht schon lange gefunden? Sind wir selber so unattraktiv, dass sich nur Menschen für uns interessieren, die so mangelhaft sind? Schon landet die Last des Vergleichs bei uns selber und wir müssen uns eingestehen, wir haben genau den Menschen als Partner, den wir gerade haben – ob verdient oder unverdient, ist noch die Frage. 

Die Rolle der Scham

Beim Vergleichen spielt die Scham eine treibende Rolle. Wir leiden im Verborgenen an unserer eigenen Mangelhaftigkeit. Weil wir uns deshalb schämen, das Schamgefühl aber so unangenehm ist, projizieren wir die Mangelhaftigkeit auf die andere Person und stellen durch Vergleiche sicher, dass wir mit unserer Einschätzung richtig liegen. 

Es gibt ja tatsächlich Menschen, die in dieser oder jener Hinsicht besser sind als die Person, mit der wir zusammen sind. Aber warum müssen wir diese Leute in unseren Kopf hineindenken? Warum zaubern wir sie aus einem imaginären Hut? Was ändert sich dadurch an der Unzufriedenheit, die uns zum Vergleich angestiftet hat? Vermutlich wird sie nur noch größer.

Richtig wohl fühlen wir uns nicht bei solchen Vergleichen, weil wir insgeheim merken, dass wir damit einem Menschen unrecht tun. Wir bewerten, messen, schätzen diese Person, als wäre sie ein Artikel in einem Geschäft, den wir mit einem anderen vergleichen, um die richtige Kaufentscheidung treffen zu können. Wir behandeln die Person also nicht als Person, sondern als Ansammlung von Eigenschaften, die jeweils mit Besserem verglichen werden können. Dabei nutzen wir die Scham als Waffe: Die Herabstufung, die wir der anderen Person antun, bringt sie in eine beschämende Position. Wir sprechen ihr einen minderen Wert zu, worüber sie nur Scham empfinden kann.

Die innere Dynamik der Scham bewirkt allerdings, dass sie uns selber in Beschlag nimmt, sobald wir uns mit dem Beschämen anderer Menschen beschäftigen. Andere abzuwerten beschämt uns selber, wenn wir genau hinspüren. Jeder asoziale Impuls hat eine Schamreaktion zur Folge. Und abwertende Vergleiche sind gemeinschaftsschädigend.

Da uns solche Einsichten beschämen würden, verleugnen wir unseren eigenen Anteil. Vielmehr schützen wir uns mit der Offensichtlichkeit der Vergleichsperspektive vor dem lästigen Schamgefühl. Wir tun so, als hätten wir eine objektive Wahrheit über die andere Person entdeckt, ein Faktum, das unbestreitbar ist. Darauf gründen wir die Rechtfertigung für unser Vergleichen.

Selbstwertmangel

Wo die Scham mitwirkt, ist der Selbstwert geschwächt. Auch hier wirkt die Dynamik, dass das Vergleichen zwar die andere Person abwertet, aber dass jedem Vergleichen eine Mangelperspektive zugrunde liegt, die mit geringem Selbstwert zusammenhängt. Wer vergleicht, hat es nötig, könnte man sagen.

Scheinbar verschaffe ich mir mehr Eigenwert, indem ich mich in die Lage versetze, Mitmenschen in Wertrelationen einzupassen. Ich maße mir eine Richterposition an, die mich überlegen sein lässt. Sobald ich mich auf solche Weise über andere darüber stelle, wird offenbar, dass ich mich künstlich überhöhen muss, weil ich mich in Wirklichkeit unterlegen fühle.

Ausgesprochene und heimliche Vergleiche

Es macht noch wichtigen einen Unterschied, ob wir jemand anderen vergleichen und diesen Vergleich bei uns behalten oder aussprechen. Behalten wir ihn bei uns, nutzen wir ihn, um das Bild der anderen Person, das wir in uns tragen, zu verschlechtern und zu verdunkeln. Die andere Person kann merken, dass sich in unserem Verhältnis zu ihr etwas verändert hat, ohne es deuten zu können. Vermutlich wird aber ein Misstrauen entstehen, das dann irgendwann einen Konflikt auslöst.

Sprechen wir den Vergleich aus und konfrontieren damit die angesprochene Person mit ihrem Vergleichsobjekt, so beschämen wir sie direkt und riskieren damit, dass uns mit einer der Formen der Schamabwehr gekontert wird. Jedenfalls schaffen wir damit eine kommunikative Spannung oder verstärken eine schon bestehende. 

Zwischenmenschliche Vergleiche sind also in allen sozialen Bereichen effektive Mittel, um die Beziehungen mit Spannung aufzuladen und Konflikte herbei zu beschwören. All die Schwierigkeiten, die wir damit produzieren, fallen immer auch auf uns zurück. Deshalb sollten wir mehr Achtsamkeit und Bewusstheit auf unsere Tendenzen lenken, solche Vergleiche anzustellen und diese Aspekte unseres Verstandes zu entlarven und damit abzuschwächen. Wir brauchen eine Disziplin in unserem Denken, um aus solchen Gewohnheiten herauszukommen.

Offene Kommunikation

Statt angesprochen oder heimlich Vergleiche anzustellen, wenn uns an unseren Beziehungspartnern etwas stört, ist es konstruktiver und hilfreicher, über diese Punkte mit den betreffenden Personen zu reden. Wir können Wünsche nach Verhaltensänderungen ausdrücken und Verständnis für unsere Anliegen bekommen. Wir merken, dass wir es mit unvollkommenen Menschen zu tun haben, und dass wir selber unvollkommen sind, auch in der Kapazität unserer Akzeptanz und Toleranz für das Anderssein der anderen. 

Überall dort, wo Gespräche gelingen, lösen sich Tendenzen zum Abwerten von selbst auf und die Beziehung vertieft sich durch das wechselseitige Wertschätzen gerade der Andersheit der anderen Person. Sobald wir uns daran freuen können, wie unsere Mitmenschen sind, werden Vergleiche sinnlos und wir kommen in Frieden mit uns und unserer sozialen Umwelt. 

Zum Weiterlesen:
Das Vergleichen und der Selbstwert
Vom Vergleichen
Vergleichen macht uns abhängig
Über die Einzigartigkeit


Dienstag, 17. November 2020

Manipulation erkennen und entzaubern

Soziale Beeinflussung geschieht fortlaufend und stellt eine Grundlage unseres Soziallebens dar. Wir wollen aus den verschiedensten Gründen aufeinander einwirken: Um unsere Bedürfnisse durchzusetzen, andere zu einer Verhaltensänderung zu motivieren, Anerkennung zu bekommen, uns abzugrenzen usw. 

Zur Manipulation werden diese Aktionen unter bestimmten Bedingungen: Die Einflussnahme erfolgt unterschwellig und indirekt, wir stehen also nicht offen zu unseren Interessen und Bestrebungen, sondern wollen die anderen dazu bringen, dass sie von sich aus unsere Wünsche zu den ihren machen. Wir sparen uns die Mühe und das Risiko, uns selber zu offenbaren und dafür vielleicht abgelehnt oder kritisiert zu werden. Stattdessen versuchen wir, uns gewissermaßen bei der Hintertür ins Innere der Mitmenschen einzuschleichen und dort eine neue Software zu installieren, die dann automatisch unsere Wünsche erfüllen soll.

Typisch für die Manipulation ist also die Verschleierung der eigenen Absichten und das respektlose Übergehen der Rechte und der Integrität der Mitmenschen sowie die Verfolgung des eigenen Nutzens, gleich ob die betroffenen Personen Schaden erleiden oder nicht. 

Es gibt Manipulationen, die ohne direktes Wissen des „Täters“ geschehen, wie z.B. in der Erziehung und im Schulsystem, und solche, die geplant und absichtlich in Szene gesetzt werden, z.B. in der Werbung oder in der politischen Propaganda. Manipulation ist also häufig aus unbewussten Antrieben gespeist und wird von den Akteuren gar nicht bemerkt oder für selbstverständlich genommen. In diesem Fall stammt sie aus Überlebensstrategien, die sich in der Kindheit ausgeprägt haben.

Bei der Manipulation geht es nicht nur um Verhaltensweisen, die insgeheim bei anderen hervorgerufen werden sollen, sondern auch um Einstellungen und Sichtweisen, zu denen wir andere ohne deren bewusste Zustimmung bringen wollen. Der Nutzen dieser Zielrichtung von Manipulation ergibt sich indirekt: Indem andere Leute die eigenen Einstellungen und Werte übernehmen, können sie für unsere Interessen leichter in Dienst genommen werden. Wenn es z.B. einer Firma gelingt, spezifische Ängste vor einer Glatze oder vor Krankheitskeimen auf Türschnallen zu säen, die gleichzeitig ein Mittel bereithält, das den Ängsten abhilft, kann sie gute Geschäfte machen. Ähnlich agieren politische Parteien und Interessensgruppen vor allem auf der demagogischen und populistischen Seite. 

Die erzieherische Manipulation will oft auch in ihren Objekten, den Kindern, Einstellungen und Werte implantieren, die als besser erachtet werden. Die Kinder sollen den eigenen Rollenerwartungen angepasst und in die Erwartungsstrukturen eingepasst werden, dann brauchen sich die Eltern selber nicht in Frage stellen und in ihren Auffassungen weiterwachsen.

Psychotechniken

Zum Zweck der Manipulation werden verschiedene Psychotechniken genutzt – der US-Forscher George Simon unterscheidet rund zwanzig solcher Techniken, von der Lüge bis zum Mitläufereffekt („Alle nutzen schon das neue Pflegeshampoo”).

Bekannt ist z.B. die Manipulationstechnik der Ablenkung: Der Manipulator gibt keine direkte Antwort auf eine klare Frage, sondern lenkt das Gespräch auf ein anderes, für ihn sichereres Thema. Oder der Einsatz von Beschämung: Die Manipulatorin setzt den Gesprächspartner herab und behandelt ihn verächtlich, um Angst zu erzeugen. Damit soll er seinen Widerstand gegen die eigenen Absichten verlieren.

Die andere Seite der Manipulation stellen deren Opfer dar. Die Empfänglichkeit dafür, manipuliert zu werden, also auf einen Manipulator hereinzufallen, zeigt sich in einer ganze Liste von Persönlichkeitsmerkmalen, z.B. Naivität, geringer Selbstwert, emotionale Abhängigkeit.

Welche Persönlichkeitseigenschaften machen Menschen zu Manipulatoren? Dazu zählen alle Formen der Unverschämtheit, also der Respektlosigkeit für die Intimitäts- und Integritätsgrenzen der Mitmenschen, rücksichtloses Macht- und Gewinnstreben, die Feigheit, offen zu eigenen Wünschen zu stehen usw. 

Ist das Manipulieren unausweichlich? Können wir nicht nicht manipulieren?

Angelehnt an ein Kommunikationsaxiom von Paul Watzlawick spricht Eike Rappmund (Praxis-Handbuch Manipulation. Tredition Verlag 2014) davon, dass wir nicht nicht manipulieren können: “Wir haben gelernt, zu manipulieren, um zu bekommen, was wir (zum Überleben) brauchen. Und wir haben gelernt zu akzeptieren, dass dies auch für unser Gegenüber gilt.” Aufgrund unserer Herkunft aus tribalen Sozialstrukturen haben wir gelernt, dass wir andere Menschen zu unseren Gunsten beeinflussen müssen, um unser Überleben zu sichern. Da wir wissen, dass die anderen die gleichen Strategien verfolgen, ist das Manipulieren ein verbreitetes soziales Phänomen, das unverdientermaßen einen schlechten Ruf genießt, so die These des Buches. Ich möchte diese Form der “Reinwaschung” der Manipulation im Folgenden kritisch erörtern. 

Die frühen Sozialstrukturen, die von Menschen gebildet wurden, waren nämlich nicht darauf ausgerichtet, dass die einzelnen Individuen ihr Überleben durch Manipulation sichern müssen. Vielmehr wurde darauf geachtet, dass die Bedürfnisse von allen Mitgliedern der Gemeinschaft möglichst ausgeglichen befriedigt werden, sodass niemand um sein Überleben fürchten muss. Die Überlebensbedrohungen befanden sich im Außen - feindliche Menschengruppen, wilde Tiere, Naturkatastrophen. 

Die Individualisierung des sozialen Überlebens ist eine spätere Entwicklung, die vor allem mit der Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftssystems in Verbindung gebracht werden kann. Jeder muss selber schauen, dass er/sie nicht draufgeht. Also ist es wahrscheinlich, dass sich das Phänomen der Manipulation erst in diesem Entwicklungsstadium der Menschheit herausgebildet hat. Die Anwendung von Manipulation setzt das Schwinden des Vertrauens in die Bezugsgruppe voraus. Wir wollen unseren Vorteil erschwindeln, am besten so, dass die andere Person gar nicht merkt, dass sie zu unserem Nutzen agiert, sondern meint, sie hätte selbst am meisten davon. Wir wollen also andere hintergehen und riskieren die Zugehörigkeit zum sozialen Netz, mit der Gewissheit, dass wir es nicht wirklich brauchen, sondern uns jederzeit eine neue Bezugsgruppe erschaffen können.

Die Liste der Manipulationstechniken umfasst die verschiedensten Formen eines misstrauensgeprägten Verhalten, bei dem nicht das gemeinsame und geteilte Wohl, sondern der individuelle Nutzen – zur Not auch auf Kosten der anderen – im Vordergrund steht. Manipulation setzen wir dort ein, wo wir mit „redlichen” Mitteln, also mit der direkten und offenen Kommunikation unserer Bedürfnisse, nicht weiterkommen. In den meisten Fällen ist uns gar nicht bewusst, dass wir manipulativ vorgehen, sondern es unterläuft uns dieses Verhalten, weil wir uns hilflos fühlen und keine andere Strategie zur Hand haben, um unsere Interessen durchzubringen.

Häufig sind es Erfahrungen mit dem Manipuliertwerden, die wir aus unserer Kindheit mitschleppen und die wir dann im Bedarfsfall anwenden, wenn es in einer sozialen Situation eng wird. Man könnte sagen, dass wir später nicht nicht manipulieren können, wenn wir in unserer Kindheit laufend manipuliert wurden. 

Verwirrungsstrategien

Manipulationen verwirren den Wirklichkeitssinn. Als Kinder hatten wir ein feines Gespür über das, was echt und ehrlich ist und was nicht. Fehlende Ehrlichkeit konnten wir jedoch nicht einordnen und benennen, sie hinterließ nur einen Eindruck von Unklarheit und Unstimmigkeit. Als Kinder reagieren wir auf solche versteckten Botschaften, indem wir den Fehler bei uns suchen und die Außenwelt entlasten. Wir versuchen, durch Anpassung oder Widerstand aus der Verwirrung herauszukommen. Aber ein Stück des Vertrauens ist zerstört, und aus dem Misstrauen heraus neigen wir später selber dazu, zu manipulieren statt offen unsere Wünsche und Bedürfnisse zu kommunizieren.

Wir manipulieren also aus einer ursprünglichen Not heraus, und leiten daraus dann später die Rechtfertigung ab, Manipulationsstrategien gewerbsmäßig oder in anderer Weise gezielt einzusetzen. Wir reden uns ein, dass das die anderen auch machen und beruhigen damit unser Gewissen.

Doch sind die Folgen solcher Einstellungen über kurz oder lang äußerst bedenklich: Manipulative Strategien untergraben das Vertrauen, das eine Gesellschaft zusammenhält und das Zusammenleben und den friedlichen Austausch ermöglicht. Deshalb müssen alle verdeckten Aktionen, die dieses Vertrauen für eigene Zwecke ausnutzen wollen, aufgezeigt und angeprangert werden. 

Die Werbewirtschaft schrammt am Rand dieses Phänomens entlang, weil wir wissen oder wissen sollten, dass es bei Werbebotschaften nicht um Ehrlichkeit und Wahrheit geht, sondern um den Zweck des Geschäftemachens. Die Politik gilt aus einem ähnlichen Grund als „garstiges Lied”, als schmutziges Feld voll von manipulativen Verdrehungen. Das Umsichgreifen und Verbreiten der Fake-News mit Hilfe der „sozialen” Plattformen eröffnet früher noch ungeahnte Dimensionen für die Massenmanipulation, vor der wir uns tagtäglich wappnen müssen.

Der Manipulation die Stirn bieten

Die Gegenmittel zur Manipulation haben alle mit Selbststärkung zu tun: Aufbauen und Verankern des Selbstwertes und der Selbstverantwortung, Verfeinern des inneren Spürens (um Authentizität und Verlogenheit unterscheiden zu können), Schulung einer kritischen Unterscheidungsfähigkeit, Wahrheitssuche und Faktenprüfung. 

Die eigenen Tendenzen, andere zu manipulieren, sollten durch offene Kommunikation und das Ausdrücken der eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Interessen ersetzt werden. Das zwischenmenschliche Vertrauen wächst nur auf solchem Grund. Zwischenmenschliches Vertrauen wächst an Selbstvertrauen und umgekehrt.

Zum Weiterlesen:
Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?
Die Begrenzung narzisstischer Manipulation
Astroturfing - Manipulation vom feinsten


Montag, 10. Dezember 2018

Empfindlichkeiten in Beziehungen

Warum können uns nahestehende Menschen besonders leicht und besonders stark kränken? Warum reagieren wir bei den Menschen, die wir am meisten lieben, besonders empfindlich?

Je mehr Zeit wir mit anderen Menschen verbringen, desto mehr werden diese Beziehungen mit Projektionen aufgeladen, natürlich immer wechselseitig. Auf nahestehende Personen übertragen wir unsere unerfüllten Bedürfnisse, emotionalen Mängel und Frustrationen. Besonders stark sind diese Tendenzen bei Intimbeziehungen, denn dort wiederholen wir eine Intimität, die wir ganz früh in unserem Leben mit unserer Mutter und vielleicht auch mit unserem Vater hatten. Gerade aus diesen frühen Nahebeziehungen stammen unsere tiefsten Verletzungen und Missachtungen, die wir dann speziell mit Beziehungspartnern wie in einem Theaterstück wiederbeleben. 

Dazu kommt ein pragmatischer Gesichtspunkt: Die Menschen, mit denen wir am meisten Zeit verbringen, sollten besonders nett sein, denn wir wollen eine angenehme Zeit mit ihnen verbringen. Wenn sie uns kränken, befürchten wir, dass das immer wieder passieren könnte und damit unser Alltag zur Hölle wird. Deshalb reagieren wir schnell und heftig, um dieser Tendenz sofort Einhalt zu gebieten.

Außerdem sammeln unser Unbewusstes gerne mit den Menschen in unserer Umgebung ganze Archive von Kränkungsgeschichten mit allen Details aus all den Jahren. Unser Angstgedächtnis speichert akribisch, was uns irgendwann angetan wurde, und stellt es sofort mit all den dazu gehörigen Gefühlen zur Verfügung, sobald sich eine auch nur entfernt ähnliche Situation einstellt. Deshalb neigen wir dazu, bei kleinen Kleinigkeiten allzu leicht unsere mit alten Geschichten vollgefüllten Kränkungskisten zu öffnen, die ihren Inhalt mit unangemessener Heftigkeit in die gegenwärtige, möglicherweise ziemlich harmlose Situation hineinschwemmen.

Empfindlichkeiten als Zeichen von Selbstwertmangel


Je vielfältiger die möglichen Auslöser für Beleidigungen bei jemandem sind und je häufiger sie auftreten, desto schwächer ist das Selbstwertgefühl der betreffenden Person ausgeprägt. Menschen, die sehr an sich selbst zweifeln, neigen dazu, sich sofort in Frage gestellt zu fühlen, wenn sie irgendwo eine Ablehnung auch nur vermuten. Oft stellt sich heraus, dass es von anderen Personen gar nicht so gemeint war. Aber der Verdacht kommt leicht und schnell, dass andere einen selbst nicht mögen könnten und kritisch einschätzten. Menschen mit dieser Disposition haben ihre Sensoren auf Ablehnungsreize geschärft und scannen permanent die Umwelt nach möglichen Anzeichen für eine Zurückweisung ab. „Kleinigkeiten“ können dann schon die Kränkungsreaktion auslösen und eine Wunde im Emotionalkörper erzeugen oder reaktivieren. Allerdings meint die betroffene Person in so einem Fall überhaupt nicht, dass es eine Kleinigkeit ist, sondern ist überzeugt von der Gravität der Ungerechtigkeit oder Respektlosigkeit ebenso wie von der Angemessenheit der Intensität ihrer Reaktion darauf.

Es wirkt, als hätte die Außenhaut bei diesen Menschen viele Löcher, in die alle möglichen Widrigkeiten von außen sehr schnell tief nach innen eindringen. Oder, um ein anderes Bild zu versuchen, als wäre die Haut so dünn, dass sie leicht von Außenreizen durchbrochen werden kann wie von vergifteten Pfeilen. Jedenfalls kommt es zum Kippen von der Selbstmächtigkeit in die Ohnmacht, sobald die zerstörerische Kraft der Kränkung in das innere System eindringt, ähnlich wie ein Virus, der das Immunsystem überwunden hat und sich nun unbeschränkt vermehren und ausbreiten kann.

Und jede ablaufende Kränkungsgeschichte samt den mit ihnen verbundenen Gefühlsverläufen fügt dem Selbstwertkonto einen weiteren Minuspunkt hinzu. Wir sollten es doch endlich geschafft haben, uns nicht über jede Misslichkeit gleich so maßlos aufzuregen und jede kleine Unbedachtheit unserer Mitmenschen mit so viel Wut oder so viel beleidigtem Rückzug zu erwidern. Wir sind unzufrieden mit unseren Mitmenschen, die uns da kränken und wir sind unzufrieden mit uns selber, weil wir wieder darauf hereingefallen sind. Damit trennen wir uns noch mehr von uns selber ab und verlieren noch mehr an Selbstachtung.

Die Kränkungsabwehr


Es gibt auch die vermeidende Reaktionsvariante auf Kränkungen, die darin besteht, die eigene Verletztheit infolge einer ungerechten Kritik oder eine offensichtlichen Missachtung nicht zu zeigen und scheinbar nach außen die überlegene Rolle dessen zu spielen, dem nichts etwas anhaben kann. Sie geben sich den Anschein, über den Bosheiten ihrer Mitmenschen zu stehen.

Kränkungsunempfindliche Personen sind nicht automatisch selbstwertstärker. Auf einer subtilen Ebene rächen sich Menschen, die sich immer überlegen und unverletzbar zeigen (müssen), bei denen, die sie verletzen, mit Verachtung. Sie folgen dem Motto: „Wenn du dich so aufführst, hast du dich selbst als Mitmensch disqualifiziert. Ich nehme dich nicht einmal soweit ernst, dass ich mich von dir beleidigen lasse.“ Wenn jemand dieses Reaktionsmuster ausspielt, geht er in die Rolle eines Adelsangehörigen der vornehmen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, der sich nur mit Seinesgleichen duellierte, während alle, die weniger hochwohlgeboren waren, selbst im Fall einer ehrenrührigen Beleidigung nicht satisfaktionsfähig waren, also wegen ihres minderen Ranges nicht einmal als Duellgegner geachtet wurden.

Mit dieser Form, mit Kränkungen umzugehen, vermeiden wir die Konfrontation mit der Täterperson und ziehen uns mit verachtungsvoller Miene aus dem kommunikativen Kontakt zurück. Dann verkapseln wir uns in der eigenen Unversehrtheit und erklärten die menschliche Umwelt zum Feindesland, der nur mehr mit Vorsicht und Misstrauen begegnet werden kann. Der eigene Selbstwert braucht für seine Stabilität die strikte Abgrenzung von außen, er ruht nicht in sich selbst, sondern zeigt sich vor allem in der Fähigkeit, das eigene Territorium schützen zu können und nicht in der Fähigkeit, mit Klarheit und Kraft in der kommunikativen Auseinandersetzung mit den anderen Menschen diesen Raum zu sichern. Hinter der Maske der überlegenen Verachtung versteckt sich das vergrabene Beleidigtsein, und dahinter findet sich wiederum ein mangelhaftes Selbstwertgefühl.

Kränkungsvermeider wappnen sich mit allen Mitteln gegen Kränkungen, wie jemand, der sich aus Angst vor einer Erkältung dick einpackt und noch alle möglichen Pillen schluckt, bevor er in die Kälte raus geht. Kränkungsvermeidende Personen vertrauen nicht auf ihr natürliches Immunsystem, sondern haben so viel Angst vor ihren vielen Ängste in sich, dass sie dauernd auf der Hut sein müssen, nicht nur, um bedrohliche Situationen zu vermeiden, sondern auch, um darauf zu achten, dass die Fassade gewahrt bleibt.

Als kleine Kinder haben sie gelernt, dass sie für den Ausdruck ihrer Gefühle kein Verständnis kriegen, sondern Belehrungen und Erklärungen. Wenn sie sich frustriert und verletzt fühlten, ist niemand darauf eingegangen. So haben sie gelernt sich zu schützen und eine glatte Fassade aufzubauen. Die erlittenen Belehrungen und Erklärungen haben sie mit der Zeit gelernt, in Zynismen und Spott umzuwandeln und auf die Mitmenschen anzuwenden.

Die Meisterschaft


Wie können wir die  kränkungsvermeidende Person von einer unkränkbaren unterscheiden?
Vielleicht gibt es von außen gar keinen sichtbaren Unterschied. Denn die Erregung bei der vermeidenden Person bleibt im Inneren, und sie hat gelernt, sie gut zu überdecken, so weit, dass sie sie unter Umständen selber gar nicht mehr spüren kann. Aber der Ärger kommt im Verhalten zum Ausdruck, etwa durch eine verächtliche oder spöttische Form der Abwendung.

Es zeigt sich eine andere Haltung, wenn jemand tatsächlich von einer Beleidigung nicht betroffen ist. Die Person bleibt ruhig und zugewandt, vielleicht verwundert oder überrascht, und wenn sie mit Humor reagiert, so ist dieser nicht boshaft oder gespielt. Statt sich subtil zu rächen, entsteht ein Mitgefühl und Verständnis für die angreifende Person, jedoch ohne Anzeichen von Überheblichkeit oder Verachtung. Die Bereitschaft ist da, sich zu entschuldigen, wenn es etwas zu entschuldigen gibt, aber auch klar zu sagen, wenn es ein Missverständnis oder eine falsche Anschuldigung war.

Diese Meisterschaft im Umgehen mit Kränkungen erscheint uns möglicherweise übermenschlich oder nur besonders hoch entwickelten Wesen vorbehalten. Doch können wir aller ihrer mächtig sein, wenn wir uns im Mitgefühl und in der Achtsamkeit üben. Paradoxerweise wird sie uns dort am schwersten fallen, wo die meiste Liebe da ist. Da wir aber wissen, dass Intimität mit Empfindlichkeit und Verletzbarkeit zusammenhängt, können wir auch in diesem Bereich verständnisvoll mit uns selber und unseren Schwächen sein sowie an unseren Stärken arbeiten. Mit jedem Schritt in diese Richtung fördern wir unsere Liebesfähigkeit.

Zum Weiterlesen:

Samstag, 17. November 2018

Das Vergleichen und der Selbstwert

Unser Denken ist immer wieder mit dem Vergleichen beschäftigt: Steht mir dieser Pullover besser als der andere? Habe ich die tolleren Urlaubspläne als mein Nachbar? Was kann ich besser als mein Konkurrent? Der Vergleich macht sicher – ohne ihn herrscht Unsicherheit im eigenen Inneren: Wie stehe ich da vor den kritischen Augen der Außenwelt? Die Unsicherheit besteht also in Bezug auf den eigenen Selbstwert.

Es gibt zwei Typen von Vergleichern, die sich auch je nach Gelegenheit in einer Person finden können: die Gewinner und die Verlierer. Beide leiden unter dem gleichen Selbstwertproblem, gehen aber unterschiedlich damit um. Ein Gewinner sucht sich die Objekte für sein Vergleichen bei denen, die etwas weniger gut können als er selbst, sodass er beim Vergleichen immer als der bessere abschneidet: „Die können mir alle nicht das Wasser reichen.“ Ein Verlierer sieht vor allem Menschen um sich, die besser sind: „So gut wie diese Person werde ich nie.“


Vergleichen und Scham


Im Hintergrund der Gewohnheit des Vergleichens werkt die Scham. Wir fühlen uns nicht in Ordnung so, wie wir sind, wir stellen uns in Frage, indem wir uns mit anderen vergleichen. Mit dieser Aktion wollen wir das unangenehme Schamgefühl vermeiden. Indem wir jemand anderen, der es besser kann als wir, beneiden oder anhimmeln, verschiebt sich der Fokus von uns selbst auf die andere Person. Wir identifizieren uns mit ihr, und schon ist die Scham verschwunden. Gehen wir nach der anderen Strategie vor, beweisen wir uns mit dem Vergleichen, dass wir die besseren sind und sagen uns damit selber, dass es keinen Grund für die Scham gibt; vielmehr sollten sich die anderen schämen, weil sie schlechter sind. Wir überwinden unsere Scham nur mit Hilfe anderer, die uns zu dem Gefühl der Überlegenheit verhelfen.


Die Beliebigkeit der Maßstäbe 


Wenn wir vergleichen, suchen wir im Außen nach einem Maßstab, um einschätzen zu können, wer wir sind. Wir brauchen also eine äußere Bestätigung für die eigene Identität und deren Qualitäten. Diese Strategie kann allerdings nicht zum Ziel führen, weil wir den Vergleichsmaßstab immer willkürlich suchen und wählen, nämlich unseren inneren Selbstwertvoraussetzungen entsprechend. Fühlen wir uns sicherer auf der Verliererseite, wählen wir Vergleichsmaßstäbe, nach denen wir schlechter abschneiden; sind wir vertrauter mit der Gewinnerseite, so sehen wir lauter minderbegabtere, unattraktivere und unintelligentere Menschen um uns herum. 


Ersatz für die eigenen Werte


Wir tragen Vorbilder und Ideale in uns, wie ein optimaler Mensch sein sollte. Wir wissen zwar auf einer Ebene, dass es solche ideale Menschen nicht gibt, aber wir suchen in unserem Unbewussten nach ihnen, damit wir unsere Unsicherheiten uns selbst gegenüber abdecken können. Denn die Orientierung an einem Vorbild entbindet uns von der Aufgabe, die Maßstäbe für unser eigenes Leben und für die Werte, nach denen es sich ausrichten soll, in uns selbst zu finden und zu stärken. Vorbilder haben nur so weit einen Sinn, als wir sie als symbolische Orientierungspunkte nehmen für eine Richtung, in die wir uns entwickeln wollen und dabei nicht vergessen, dass wir unsere ganz eigene Form der Verwirklichung der Werte, die wir in einem Vorbild verkörpert sehen, finden müssen.

Wie bei vielen unserer selbstschädigenden Verhaltens- und Denkmuster liegt auch hier der Ursprung in der Kindheit. Kinder vergleichen sich, sobald sie auf der Welt sind, mit den Eltern, um zu lernen, wie das Leben zu bewältigen ist. Sie wollen so werden wie sie. Erst langsam klären sich die Unterschiede, vor allem, wenn wir immer wieder bestätigende Rückmeldungen von den Eltern bekommen, dass „uns unsere Entwicklung gehört“, d.h. dass wir uns in unserer Weise entfalten sollen und nicht zu Abziehbildern unserer Eltern oder deren Wunschvorstellungen werden sollen. Auf dieser Grundlage beginnt der Weg zur eigenen Autonomie, die beinhaltet, zur eigenen Individualität in allen Facetten zu stehen und sie als einzigartigen Beitrag zur Welt zu entwickeln und uns darin zu würdigen.

Nur so ist der Weg aus der narzisstischen Fixierung zu finden, die in jedem Vergleich Regie führt. Die bedingungslose Annahme der eigenen Individualität umfasst die Annahme der eigenen Stärken und Schwächen, Erfolge und Misserfolge, Begabungen und Problemzonen. Die Selbstakzeptanz ermöglicht auch die Annahme aller anderen in ihrer Individualität und Besonderheit; solange wir das nicht hinkriegen, fehlt ein Stück der Selbstannahme und wir werden uns dabei ertappen, uns mit dem Vergleichen mit anderen selber zu quälen.


Rollenfixierung


Das Vergleichen mit anderen ist notwendig für die soziale Einordnung in Gruppen, wo wir unsere Rolle finden müssen. Es ist aber immer hinderlich für die Selbstfindung. Je mehr wir uns mit einer Rolle identifizieren, desto anfälliger sind wir für das Vergleichen. Denn wir wollen besser sein als andere in der Rolle, wie ein Schauspieler, der den besten Hamlet spielen möchte. Im Leben geht es aber darum, die ganz eigene Rolle zu entwickeln, die niemand sonst in der ganzen Menschheit spielen kann, wie eine Melodie, die noch nie gesungen wurde und nur erklingen kann, wenn wir sie singen.

Vergleichen macht abhängig. Es lenkt ab von sich, spaltet ab von sich selbst; es ist entweder eine Selbstherabsetzung oder Hinaufsetzung, im einen Fall eine explizite Selbstkränkung, im anderen Fall eine explizite Kränkung anderer – und eine implizite Selbstkränkung, die in jedem Fall des Vergleichens geschieht.

Jeder Vergleich pickt einen Aspekt aus der Ganzheit heraus, die wir sind, und fördert damit die Fragmentierung des Selbst, die wir schon aus unserer Kindheit mitnehmen und der wir fortwährend unterliegen. Im Vergleichen trennen wir uns von uns selbst, ohne uns mehr mit anderen zu verbinden. 

Deshalb verlieren wir immer, wenn wir vergleichen, gleich ob wir uns besser oder schlechter sehen als die anderen. Wir verlieren uns selbst. Vielleicht mag sich ein Aspekt unseres Selbst, ein Anteil unserer Persönlichkeit besser fühlen, sicherer oder beruhigter. Aber die Gesamtheit unseres Seins, unsere innere Zusammenstimmung, unsere Einheit und Identität wird geschwächt. Den Zugang zu dem, was wir in unserer Totalität sind, verlieren wir noch mehr.


Das Leben der Anderen


Wenn ich durch den Vergleich feststelle, dass ich besser bin als andere, muss ich mich anstrengen, den Vorsprung zu halten. Wenn ich durch den Vergleich draufkommen, dass ich schlechter bin als andere, muss ich mich anstrengen, aufzuschließen. In beiden Fällen führt das Vergleichen zu Anstrengung und Stress, vor allem dann, wenn sich tiefere Ängste und Überlebensprogramme einmischen: Ich muss gut dastehen im Vergleich, sonst verliere ich meinen sozialen Rückhalt, sonst mag mich keiner mehr, sonst kann ich mich selber nicht mehr achten usw.

Statt uns unnötig anzustrengen, gilt es, herauszufinden, was unser Eigenes ist, das, was wir im Leben wollen, wohin wir uns entwickeln wollen, was wir beitragen möchten, was uns am Herzen liegt. Wenn wir das nicht schaffen, bleiben wir im Neid und in der Eifersucht stecken. Wir schielen nach dem, wie es die anderen machen und strengen uns an, es ihnen gleichzutun, können es aber nie schaffen, weil wir zu dem, was andere auf ihre Art schaffen, selber nicht geschaffen sind. So leben wir das „Leben der Anderen“ statt unser eigenes. Als Maßstab für unser Leben nehmen wir die Normen und Werte anderer, weil wir gar nicht auf die Idee kommen, die eigenen für uns selber auszuarbeiten. 


Mitfreude statt Vergleichen und Beneiden


Sobald es uns gelingt, uns mit den Schätzen unseres eigenen Lebens – den großen und den kleinen – anzufreunden, sobald wir das, was daran gut läuft und noch besser werden kann, mehr in den Vordergrund stellen, kommen wir zunehmend bei uns selber an. Zugleich schwindet der Neid, der hinter dem Vergleichen steckt, und weicht der Mitfreude. Sie gründet auf der Fähigkeit, uns an unserem eigenen Leben zu freuen.

In dem Maß, wie sich unsere Selbstakzeptanz verstärkt, die uns von Vergleichen unabhängig und autonom macht, verstärkt sich unsere innere Neigung zur Demut. Wir lassen jede Anmaßung sein, so wie andere sein zu wollen, und finden uns ganz in dem, was und wie wir selber sind, wachsend in unseren Stärken und barmherziger mit unseren Schwächen.

Sonntag, 30. September 2018

Das Ego und der freie Wille


In vorigen Blogbeiträgen habe ich die „Existenz“ des freien Willens diskutiert und den Schluss gezogen, dass wir keinen freien Willen brauchen, um die Art und Weise unseres Lebens tiefer zu verstehen. Vielmehr kann uns der Verzicht auf diesen Begriff und auf die damit verbundene Erfahrung auf dem Weg der inneren Befreiung weiterhelfen.  

Diesen Einsichten widerspricht allerdings die hartnäckige Überzeugung, dass der innere Wille eine selbstbestimmte und voraussetzungslose Regulationsinstanz und Einflussgröße in uns darstellt. Wir stoßen immer wieder auf eine innere, subjektive Wirklichkeit, die uns davon überzeugen will, dass wir freie, undeterminierte Entscheidungen treffen.  Warum ist das so?

Keine soziale Verantwortung ohne Willensfreiheit


Diese Überzeugung ist deshalb so stabil und einleuchtend, weil wir sie in den sozialen Kontexten, in denen wir uns bewegen, notwendig brauchen. Ebenso ist sie eine wichtige Bedingung für unseren eigenen Selbstbezug und Selbstwert. Das Sozialleben unter vielen unterschiedlichen Menschen kann nur geregelt werden, wenn jedem der Akteure die Verantwortung für das eigene Handeln zugesprochen und zugerechnet wird. Wir setzen also im sozialen Umgang miteinander wechselseitig unsere Zurechnungsfähigkeit voraus. Wir nehmen auch an, dass alle handelnden Personen zu ihrer Verantwortung stehen. Sonst trauten wir uns über keine einzige Straßenkreuzung oder müssten ständig eine Waffe bei uns tragen. 

Mit der Zumutung der Verantwortung an alle Akteure kann vermieden werden, dass unter dem Deckmantel einer missverstandenen Freiheit von der Willensfreiheit Gewalttaten und andere Bosheiten stattfinden können. Auf der sozialen Bühne wird und muss jede grobe Regelverletzung geahndet werden, d .h. die Täter müssen zu ihrer Verantwortung gezogen werden, die ihnen von der Gesellschaft zugemutet wird. Gerichte können nur Recht sprechen, wenn den Tätern ein freier Wille unterstellt wird. Resozialisierung hat nur dann einen Sinn, wenn davon ausgegangen werden kann, dass Täter Reue empfinden und sich innerlich umorientieren können.  Wünsche nach Verhaltensänderung, die wir im Zusammenleben häufig aneinander richten, sind nur verständlich unter der Annahme, dass wir auch in der Lage sind, uns selbstbestimmt für unsere Handlungen zu entscheiden.

Selbstwert, Selbstmotivation und Willensfreiheit


Der andere Kontext, in dem wir die Willensfreiheit benötigen, liegt in der Beziehung zu uns selbst. Wir bauen unser Selbstwertgefühl über die Erfolge auf, die wir uns selber zuschreiben. Wir sind stolz auf das, was wir erreicht und geschaffen haben. Und unser Selbstwert leidet an den Misserfolgen und Versagenserfahrungen, die wir erleben mussten. Wo bliebe unser Selbstwert, wenn wir uns unsere Handlungen und deren Resultate nicht selber zuschreiben könnten? Die Tochter hat einen Tanzwettbewerb gewonnen und die Eltern sagen: „Du weißt ja, meine Liebe, dass das so geschehen ist, wie es geschehen ist, weil es nicht anders geschehen konnte. Wenn du nächstes Mal nur fünfundzwanzigste wirst, ist es genauso.“ Der Sohn hat die Mathematikprüfung geschafft, und die Eltern sagen nur: „Was ist, ist, und was nicht ist, ist nicht.“ Da würden sich die Kinder bestenfalls auf den Kopf greifen. Sie brauchen Bestätigung, Anerkennung und Wertschätzung, um auf ihrem Weg gestärkt weitergehen zu können. Genauso geht es uns als Erwachsene immer wieder. Auch wenn wir uns selbst anerkennen und loben, gilt dies unserer Willensfreiheit.

Wie könnte sonst Lernen aus Erfahrung funktionieren, wenn wir über keinen freien Willen verfügten und nicht für unsere Handlungen verantwortlich wären? Schließlich erfordert jedes Lernen eine bewusste Auseinandersetzung mit den Inhalten und die Anstrengung, das eigene Gedächtnis zu nutzen. Oft geht es darum, dass wir unsere Widerstände überwinden und uns gegen unseren Hang zur Faulheit zwingen, Aufgaben bis zum Ende fertigzumachen. Würden wir nicht alle als Couch-Potatoes enden, wenn wir nicht den Willen aufbrächten, Bücher zu lesen oder die Wäsche aufzuhängen, statt viel bequemer vor der Glotze zu knotzen, wo wir nicht einmal Seiten umblättern müssen?  

Freier Wille und Bewusstseinsevolution


Soweit die „Sonderzonen“, in denen der freie Wille unverzichtbar ist. Sie beide beruhen auf einem Konzept des Menschen in einem bestimmten Entwicklungsstadium, gewissermaßen auf einem Durchschnittsmaß für die Stufe der Bewusstseinsevolution, auf der wir uns individuell und kollektiv befinden. Ich habe die entsprechenden Entwicklungsstufen in Bezug auf die Willensfreiheit modellhaft in einem früheren Beitrag beschrieben. Die Gesellschaft muss sich an diesem Durchschnitt orientieren, um unreifes und sozialschädliches Verhalten zu verhindern oder einzudämmen. Wir müssen auch Kinder in ihrem Verhalten anleiten und an die Grenzen ihrer Willkür erinnern, solange es ihnen selber noch an der Einsicht und Selbstkontrolle mangelt. Wir müssen potenzielle Verbrecher darauf aufmerksam machen, dass sie mit schmerzhaften Konsequenzen zu rechnen haben, wenn sie ihre Taten begehen. Wir müssen uns selbst dazu motivieren, die Steuererklärung zu machen, unangenehme Bewerbungsgespräche zu führen und Fremdsprachen oder Marketingstrategien zu lernen, die wir für unser Weiterkommen brauchen. 

Solange das Verhalten der Menschen von ihren Überlebensängsten geleitet ist, brauchen wir die Idee des freien Willens als Angelpunkt, anders gesagt als Stütze oder als Krücke. So können wir jedem sagen, der sich danebenbenimmt, dass er es auch anders könnte (wir unterstellen die Willensfreiheit) und es einfach probieren sollte (wir unterstellen die Handlungsfreiheit).  Das Gleiche gilt für uns selber: Wir können uns selber auch klarmachen, dass wir nicht die Sklaven unserer Gewohnheiten oder asozialen Antriebe sind, sondern dass wir unsere Verhaltensmuster auch verändern können, was eben die Verfügbarkeit über einen freien Willen voraussetzt.  

In dem Maß, wie wir in unserer inneren Entwicklung weiterkommen, verliert sich allerdings die Notwendigkeit für solche Verhaltensregulationen. Denn je mehr wir unsere Ängste auflösen können, die uns zu unbewussten Willküraktionen  und fremd- und selbstschädigendem Verhalten verleiten, desto weniger Bedarf haben wir nach willentlich herbeigeführten Verhaltensänderungen. Wir brauchen keine Neujahrsvorsätze mehr, wenn wir in uns nur mehr oder vorwiegend prosoziale und selbststärkende Impulse vorfinden. Wir machen die Hausarbeit, weil sie zu tun ist und wir gar nicht darüber nachdenken, ob sie angenehm oder lästig ist. Wir erledigen die Buchhaltung, weil sie jetzt gerade dran ist und lamentieren nicht, dass sie so anstrengend und langweilig ist. Wir lernen eine Sprache, weil etwas in uns diese Sprache beherrschen will und nicht, weil wir sonst befürchten müssten, unseren Job zu verlieren. 

Damit löst sich auch die Notwendigkeit auf, unseren Selbstwert über die Erfolge in unserem Leben zu stabilisieren. Denn wir brauchen das Konzept unseres Selbstwertes nur so lange, so lange wir an ihm zweifeln. Sobald uns klar ist, dass wir wertvoll sind, weil wir über ein menschliches Leben verfügen und nicht weil wir bestimmte Erfolge vorweisen können, braucht es kein Konzept eines Selbstwertes mehr und auch keine Selbstdefinitionen über das, was wir so in diesem unserem Leben weiterbringen.   

Mit einem Wort: Überall, wo unser Ego mit seinen Ängsten und neurotischen Prägungen mitspielt, brauchen wir das Konzept des freien Willens als Leitfaden, Kontrollinstanz und Selbstzuschreibung. Der freie Wille ist also eine Funktion unseres Egos. Überall, wo sich dieses zurückzieht und nicht den Ton angibt, ist die Annahme des freien Willens nicht notwendig und überflüssig.  Wir sind mit dem verbunden, was gerade geschieht und fließen mit, tun, was zu tun ist, und lassen zu, was sich von selber tut. So halten wir uns frei von kleinlichen Problemen, die von selber zu ihrer Lösung finden und geben den größeren Problemen die Zeit, die sie brauchen, um sich zu ihrer Lösung hinzubewegen, mit dem, was wir aus uns dazu beitragen, oder anders gesagt: Was das Unsere dazu beiträgt.  

Vom Missbrauch der Nicht-Willensfreiheit


Vorsicht ist allerdings geboten, wenn wir uns zu leichtfertig und frühzeitig mit der Möglichkeit beschäftigen, das Konzept oder die Illusion des freien Willens aus unserem Leben zu verabschieden. Es ist ein anspruchsvoller Schritt, der einen hohen Bewusstseinszustand voraussetzt, wenn es um mehr als bloß ein interessantes philosophisches Modell gehen soll. Die Umsetzung in die Praxis geht nur mit einem selbstkritischen, urteilsfähigen  Geist, der konsequent darüber wachen kann, dass wir diese Erkenntnis nicht missbrauchen.

Denn sobald sich das Ego einmischt, macht der Ansatz keinen Sinn mehr und stiftet höchstens Verwirrung. Unser Ego ist an den freien Willen gekoppelt und kann mit dessem illusionären Charakter nichts anfangen. Wir nutzen diesen Zugang allenfalls dafür, uns aus der eigenen Verantwortung zu stehlen, z.B. wenn wir Fehler begangen haben und jede Schuld von uns weisen, weil es ja keinen freien Willen und folglich keine Schuld geben könne. Wir belügen uns selbst und täuschen andere, indem wir nicht merken, dass es unser Ego ist, das sich mit dem Konzept des nichtfreien Willens auf Kosten anderer entlasten und durchsetzen will.  

Ignoranz in der spirituellen Belehrung


Spirituelle Lehrer, die die Advaita-Philosophie in Bezug auf den freien Willen als absolute Wahrheit verbreiten, machen oft den Fehler, dass sie von ihrem eigenen inneren Entwicklungsschritt, der sie oft ganz plötzlich in einen besonderen Zustand von innerer Freiheit geführt hat, auf andere schließen. Sie fühlen sich frei von Ego-Täuschungen und haben deshalb einen intuitiven Zugang zu einer Welt, in der alles Geschehen geschieht, ohne dass es einen Urheber braucht. Häufig übersehen sie, dass ihre Schüler fortwährend den Tricks ihrer Muster und Prägungen ausgesetzt sind, und sie vergessen, dass sie ihnen auf den Weg mitgeben sollten, wie wichtig es wäre, an den Ängsten zu arbeiten, die das Ego bekräftigen. Stattdessen lehnen viele unter den spirituellen Lehrern Therapie und Traumaheilung als unnütze Ablenkungen vom eigentlichen Weg ab und füttern damit die Egos der Suchenden, die meinen, dass es genügt, möglichst häufig beim Meister zu sitzen, dann würde schon alles werden, sprich alle Traumatisierungen würden sich von selber auflösen.

Doch die Verletzungen aus unserer Geschichte lassen sich nicht mit spirituellen Belehrungen wegstreicheln. Sie wirken aus dem Unbewussten, das durch die Präsenz von Meistern oder Lehrern übertönt, aber nicht entmachtet und aufgelöst werden kann. Sobald der Kontakt mit dem Menschen vorbei ist, melden sie sich wieder und üben weiterhin ihren Einfluss auf die Handlungen im Leben aus. Sowie das der Fall ist, verschwindet die befreiende Erfahrung einer Welt, in der es keinen freien Willen gibt. Das Ego meldet sich zurück und spricht allen die Urheberschaft für ihre Handlungen zu. Es beschuldigt die anderen, dass sie einem Leid antun und sich selbst, dass es nicht gut genug ist.

Räume der Freiheit


Wir dürfen einander auch nicht aus der Verantwortung entlassen, wenn sich das Ego bei einer anderen Person vordrängt. Sonst unterbleibt das soziale Lernen und es entsteht Verwirrung. Die Radikalität des Konzepts der Nicht-Willensfreiheit kann nur gelebt werden, wenn eine völlige Klarheit über die Mechanismen des Egos herrscht und alle Tendenzen zur Selbstmanipulation nachhaltig abgestellt werden können.

Was uns immer wieder möglich ist, ist die Wahrnehmung der Momente, in denen diese Mechanismen außer Kraft gesetzt sind und wir das freie Fließen von Augenblick zu Augenblick mit der völligen Abwesenheit jeder Willensanstrengung genießen können. Diese Räume, in denen die Willensfreiheit spurlos verschwunden ist, können wir kultivieren, ohne ein Jota der Verantwortung, die wir in unserem relativen Leben  zu tragen haben, aufzugeben.

Wir sind nie besser, als wir sind, und müssen es auch gar nicht sein, weder im moralischen noch im spirituellen Sinn. Es ist genau richtig und in Ordnung, auf welcher Stufe unserer inneren Entwicklung wir stehen, welche Themen und Ängste uns noch plagen und was aus uns heraus geschieht, um unser Leiden zu mindern und auf dem inneren Weg weiterzukommen. Das ist auch eine Folgerung aus dem Advaita-Ansatz, die uns helfen kann, uns noch mehr zu entspannen und aus dieser Entspannung heraus unser inneres Wachstum geschehen zu lassen.

Zum Weiterlesen:
Advaita und die Vorherbestimmung
Flexibilität und Ego-Entmachtung

Tun und Geschehenlassen
Die Kraft des Ja
Freier Wille - Heilige Kuh oder Wesensmerkmal?
Freier Wille und Bewusstseinsentwicklung