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Montag, 1. Mai 2023

Ausstieg aus dem Funktionsmodus

Unsere Gesellschaft ist geprägt vom Leistungsdenken und von dem daraus resultierenden Leistungsdruck, der sich mit der fortschreitenden Kapitalisierung der Wirtschaft konstant steigert. Im Zug dieser Entwicklung wird der Wert des menschlichen Lebens immer mehr an dem festgemacht, wie sehr sich jemand anstrengt und wie erfolgreich diese Anstrengung ist. Wer sich weder anstrengt noch mit seiner Anstrengung viel erreicht, verdient keinen Wert und seine Existenzberechtigung ist in Frage gestellt. 

Dieses Denken und die damit verbundenen Erwartungen erfassen die Kinder spätestens mit dem Schuleintritt, falls nicht schon im Kindergarten im Sinn einer Vorschule die Leistungsorientierung eingeführt wird. Dieser Druckmechanismus ist im weiteren Leben vor allem im beruflichen Feld bestimmend und schwappt von dort aus auch auf den Freizeitbereich über. Er wirkt daran mit, dass viele Menschen mit ihrer Pensionierung, beim Eintritt in den „Ruhestand“, in eine Krise geraten, weil sie das beschämende Gefühl bekommen, nichts mehr wert zu sein. 

Als Folge der Ausbreitung des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist der Wert eines Menschen also mit seiner Leistung und seiner Leistungsfähigkeit gekoppelt. Manche verweigern sich dieser Zuordnung und beschließen, nichts oder nur das Allernotwendigste zu leisten. Sie scheren aus dem allgemeinen Gerenne nach dem Sich-Beweisen und Erfolg-Haben aus und versuchen, sich auf alternativen Bahnen die eigene Existenz zu sichern. Sie befinden sich in einer Konterposition zur herrschenden Leistungsideologie, können sich aber dennoch nicht von deren Druck befreien. Denn diese Ideologie ist so mächtig, dass sie jeden schon ergriffen und durchdrungen hat, ehe man sich eines Besseren besinnt. 

Systematische Druckausübung

Ein zentraler Teil dieser Ideologie ist, dass ohne Druck nichts weitergehen würde: Freiwillig würde niemand mehr arbeiten, alle würden sogleich auf der faulen Haut liegen. Es würde niemand früh aufstehen oder Termine einhalten, und die Wirtschaft würde schließlich zusammenbrechen. Der beständige Druck von oben nach unten ist demnach als ein scheinbar unerlässlicher Bestandteil im Leistungssystem und seiner Ideologie eingebaut. Im neoliberalen Denkgebäude herrscht das Menschenbild vor, dass wir eine im Grund arbeitsscheue und faule Gattung sind, die nur durch Anreize, Manipulation oder nackte Gewalt zum Arbeiten gebracht werden kann. Dass das Aktiv- und Tätigsein aus einem inneren Antrieb stammen könnte, hat keinen Platz in dem System, ebensowenig wie die Erkenntnis ernst genommen wird, dass Menschen unter Druck weniger und schlechtere Leistung erbringen als wenn sie aus eigenem Wollen schaffen. 

Folglich sind selbstbestätigende Regelkreise entstanden, in denen immer mehr Druck immer mehr Druckvermeidung produziert, auf die wieder mit mehr Druck reagiert wird. Druck erzeugt Widerstand, der sich in den seltensten Fällen nach außen wendet (wie z.B. bei einer Maschinenstürmerei oder bei Demonstration gegen unerträgliche Arbeitsbedingung); über Generationen hat sich verinnerlicht, dass der Druck eben „dazugehört“ und dass jeder lernen muss, sich den Erwartungen anzupassen und unterzuordnen. Jeder Mitspieler in dem System hat die Verantwortung verinnerlicht, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute den Widerstand zu überwinden und sich zur Leistung zu motivieren, gleich ob es einem passt oder nicht. Und verinnerlicht ist auch die Maxime, dass das Handeln im Sinn des wirtschaftlichen Schaffens die eigene Existenz rechtfertigt und das Nichtstun die eigene Existenz in Frage stellt.

Es geht eine Unmenge Energie ins Druckmachen, in den Widerstand gegen den Druck und in seine Überwindung. Diese Kräfte fehlen auf der produktiven Seite, denn sie fließen nur in die Aufrechterhaltung des Systems. Die Folge ist, dass weniger geschaffen wird, einerseits, weil die, die oben sind, ihre Energie ins Druckerzeugen stecken, und die, die unten sind, unter Druck und wegen ihrer Widerstandsüberwindung weniger leistungsfähig sind. Automatisch steigt dadurch der Druck und ebenso wächst der Widerstand dagegen. Der riesige Koloss des Wirtschaftssystem hält sich am Leben wie ein Fahrzeug, das dauernd mit angezogenen Bremsen fährt und den doppelten Energieverbrauch benötigt, ohne mehr Leistung zu erbringen.

Die Angst regiert beide, die oben und die unten, und sie reduziert genau das, was produziert werden soll, nämlich Leistung. Menschen leisten mehr und besser, wenn sie frei von Druck, aus sich selbst heraus schaffen. Aber solange wir glauben, dass wir nur durch Angst getrieben aktiv werden, können wir uns keine angstbefreite Schaffenskraft vorstellen und füttern damit das System, das uns tendenziell ruiniert, als Einzelne, als Gesellschaft und als Menschengattung.

Individuelles Ausklinken

Hier geht es nicht darum, dass das widersinnige System der Ausbeutung und Selbstausbeutung überwunden und transformiert werden muss. Dieser Prozess ist langwierig, weil er verschiedene Trägheitsschwellen überwinden muss, z.B. die Macht, die bei den Nutznießern des Systems konzentriert ist oder die neoliberalen Ideologien, die für viele so selbstverständlich geworden sind, dass sie wie unumstößliche Wahrheiten wirken. Es wird – falls es nicht zu einem dramatischen Kollaps als Folge einer globalen Klimakatastrophe kommt – Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern, bis der Kapitalismus auf ein menschenverträgliches Maß zurückreguliert ist. 

Hier geht es darum, wie wir uns als Einzelne als dem Räderwerk von ökonomischen, soziologischen und psychologischen Prägungen ausklinken können. Es macht keinen Sinn, solange mitzuspielen und mitzuleiden, bis sich irgendwann einmal das System zugunsten der Menschlichkeit ändert. Wir sind für uns selber verantwortlich, für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden, das predigt uns der Neoliberalismus Tag für Tag. Wir müssen also selber dafür sorgen, dass wir angesichts eines systemisch wirksamen Wahnsinns heil bleiben. Dazu brauchen wir die Kraft unserer Bewusstheit, die wir immer wieder aktivieren müssen, wenn wir dem Zugriff der Selbstentfremdung entkommen wollen. Der Funktionsmodus ist tief in uns verankert und mit der eigenen Weltsicht und dem eigenen Selbstwert verflochten. Es sind massiv wirksame gesellschaftliche Prägungen, die sich mit Hilfe einer kollektiven Amnesie entwickelt haben, also mit einer kollektiven Verdrängung. Diese Entwicklung ist seit der neolithischen Revolution vor 12 000 Jahren in Gang, die durch den modernen Kapitalismus ab dem 18. Jahrhundert verschärft und globalisiert wurde. Sie weist die Merkmale einer kollektiven Traumatisierung auf. 

Wir sollten die Macht dieser Traumlast nicht unterschätzen und haben viel zu tun, wenn wir uns ihren Sog entziehen wollen. Doch je eher und je öfter wir uns ausklinken, desto weniger Schaden nehmen wir an Leib und Seele. Diese Distanzierung von der Druckausübung geht nur mit klaren und präsenter Bewusstheit, denn der Funktionsmodus ist tief verankert und mit dem eigenen Selbstwert verflochten. 

Die Macht der Bewusstheit

Theodor W. Adorno hat zwar einmal geschrieben, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, dass also ein unmenschliches System alle seine Mitglieder von sich selbst entfremdet und ein Entkommen davon nicht möglich ist. Aber dieser Fatalismus übersieht die Möglichkeiten unserer Bewusstheit, die nicht zur Gänze durch gesellschaftliche Prägungen und kollektive Traumatisierungen gelähmt werden kann. Sie erhält unsere Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit. Sie ermöglicht uns, uns auf uns selber zu besinnen und klar zu werden, was wir wollen und was nicht. 

Es erfordert eine bewusste Entscheidung, vom Funktionsmodus auszusteigen und damit in den Flussmodus zu wechseln. Sie passiert nicht von selber, denn die Prägungen und die daraus abgeleiteten Gewohnheiten sind das, was von selber geschieht. Mit der bewussten Entscheidung für den Flussmodus setzen wir diese Prägungen außer Kraft und lassen zu, was von sich selber geschehen will. Wir tun das, was zu tun ist, in entspannter Weise. Oder: Es geschieht, was geschehen soll. 

Diese Entscheidung ist kein einmaliger Akt, der dann für immer gilt. Denn wir kippen allzu leicht wieder in den Funktionsmodus, den uns alle anderen vorleben. Wir sind einer permanent wirksamen Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Wir entkommen ihr nur, wenn wir bewusst innehalten und uns klar machen, was wir wirklich wollen und wie wir gestalten wollen. Schon die Einsicht, dass Dinge geschehen, viele mit unserem Zutun und die meisten ohne unsere Mitwirkung, kann erleichtern. Das Müssen tritt hinter das Geschehenlassen zurück und führt aus dem Funktionieren, Müssen und Druckaushalten heraus. 

Chronischer Stress kann die Gehirnzellen süchtig nach Stresshormonen machen.  Darum machen sich viele Menschen Stress in Situationen, die andere gelassener nehmen würden. Sie merken nicht, dass es die Bewertung ist, die sie zu der Situation aufstellen, die den Stress auslöst, und nicht die Situation selbst. Zugleich haben sie den Eindruck, dass ihnen der Stress von außen aufgeladen wird. 

Die Erkenntnis, dass der Stress durch die innere Bewertung und nicht durch einen äußeren Einfluss entstanden ist, hilft beim bewussten Ausklinken aus den verbreiteten Stressmustern und trägt zur Stress-Entwöhnung bei. Eine wichtige und effektive Unterstützung bietet die Konzentration auf den Atem und vor allem die bewusste Entspannung beim Ausatmen. 

Die Weisen haben es leicht und sagen: Es geht nicht ums Erreichen, es geht ums Loswerden. Oder: Wichtig ist nicht, was wir im Leben schaffen, sondern was wir an Lasten ablegen können, um in die Freiheit zu gelangen. Der Dichter sagt: „Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt, und durch nichts gedrängt und beschleunigt werden kann; alles ist austragen – und dann gebären...“ (Aus: Rainer Maria Rilke: Brief an den jungen Dichter)

Zum Weiterlesen:
Funktions- und Flussmodus
Funktional und fließend wahrnehmen
Geschehenlassen und Funktionieren
Tun und Geschehenlassen
Das Geschehen und der Verstand

 

Freitag, 6. Mai 2022

Geschehenlassen und Funktionieren

Wir stellen uns ein produktives und erfolgreiches Leben so vor, dass wir uns möglichst viel im Tun-Modus befinden. Wir haben unsere Listen von Dingen, die zu erledigen sind, und arbeiten sie Punkt für Punkt ab. Währenddessen kommen neue Dinge dazu, und auf diese Weise bleibt das Leben voll von Tätigkeiten. Manchmal tauchen Leerzeiten dazwischen auf, die uns unruhig werden lassen, weil wir dabei nachdenken, was denn zu tun wäre, damit die Leere gefüllt wird. Irgendwann gönnen wir uns eine Pause im Tun, die wir dafür nutzen, um Fitness fürs weitere Aktivsein zu tanken. 

Ein erfülltes Leben also? Oder befinden wir uns in dieser Orientierung die ganze Zeit in einem Zustand des Getriebenseins, sind wir da beständig unter Druck? Ein Termin folgt dem nächsten, ein Vorhaben reiht sich an das andere, stets haben wir das Gefühl, es ist nicht genug, wir haben es noch immer nicht geschafft. Es kann ein Gefühl sein wie beim Esel, der der Karotte vor der eigenen Nase nachrennt oder wie beim Hamster in seinem Rad. Es ist mehr ein Leben, das von Stress angefüllt ist als von Sinn. Es ist eine vergebliche und unendliche Suche nach dem Glück.

Wir wollen so viel machen, weil wir damit den Eindruck gewinnen, die Kontrolle über die Wirklichkeit mehr in unseren Händen zu haben und nicht so sehr äußeren Einflüssen ausgeliefert zu sein, die wir nicht überblicken können und die möglicherweise immer auch etwas Bedrohliches haben könnten. Wir wollen uns durch unsere Aktivitäten umfassend absichern, sodass nichts Unvorhergesehenes passieren kann, das uns dann aus der Bahn werfen könnte.

Die Einbahn des Funktionierens

Was ist das aber für eine Bahn? Sie wirkt wie eine Einbahn, die in eine im Wesentlichen immer gleiche Zukunft führt, geprägt von einem Funktionsmodus: Die Aufgaben, die sich stellen, abzuarbeiten, während sich dahinter gleich die nächsten Aufgaben anstellen, im Beruf wie im Privaten. Es ist eine Mühle des Müssens, in der das eigene Wollen keinen Platz und keine Nische finden kann. 

Der Verlust der spontanen Lebendigkeit

Kinder befinden sich die meiste Zeit in einem Zustand des Fließens. Sie wenden sich einmal diesem zu, dann jenem, verweilen bei einem Stein auf der Straße oder bei einer Blume, und im nächsten Moment ist wieder etwas anderes interessant. Sie kommen in Emotionen und sind völlig in ihnen gefangen, um ein paar Momente später wieder im Fluss des Geschehens zu sein. Sie schöpfen ihre Lebendigkeit aus dem, was jeder Moment gerade als Anregung und Herausforderung schenkt.

Warum geht diese Fähigkeit, mit dem Fluss des Lebens mitzugehen, verloren? Die Erwachsenenkultur verlangt andere Fähigkeiten, um in ihr das Überleben zu sichern. Das wissen die Eltern und bereiten ihre Kinder darauf vor, indem sie ihre Fließerfahrungen unterbrechen. Es sind analoge Abläufe, die das Leben des Kindes bisher bestimmt haben: Die Rhythmen des Organismus, der Hunger hat, verdaut, entspannt, anspannt, der Wahrnehmungen von außen aufnimmt und verarbeitet, der sozial interagiert und sich mit der Umgebung austauscht. Mehr und mehr kommen digitale Abläufe dazu, die nicht mehr von einem Kontinuum geprägt sind, sondern von Unterbrechungen. Das Kind spielt, die Mutter kommt und sagt, dass es Zeit ist zu gehen. Das Kind protestiert und fügt sich dann irgendwann. Es ist aus einem Flusszustand herausgerissen und taucht, sobald es wieder geht, in einen neuen ein. 

Finden solche Unterbrechungen mit Härte statt, also mit Strenge und Sturheit und nicht mit Verständnis und Eingehen, werden also die Nöte des Kindes, das unter der Unterbrechung leidet, übergangen, so entwickelt sich ein Gefühl der Feindlichkeit und Fremdheit dem ausgeübten Verhaltensdruck gegenüber. Irgendwann ändert sich die Einstellung, und die Entfremdungserfahrung wird nach innen gerichtet, auf sich selbst. Das Funktionieren gemäß äußerer Anforderungen wird zur eigentlichen Natur, während die innere Beziehung zum Flussmodus verloren geht. 

Die Weitergabe der Überlebensprogramme

Dieser Umschwung geschieht vor allem dann, wenn die Eltern immer wieder ihre eigenen Überlebensprogramme im Kontakt mit den Kindern abspulen. Sie unterbrechen den Lebensfluss, in dem sich die Kinder befinden, auf ähnliche Weise, wie es ihre Eltern mit ihnen gemacht haben. Daraus haben sie ihre Überlebensstrategien entwickelt und vermitteln ihren Kindern die Notwendigkeit, aufs Neue solche Strategien auszubilden. Natürlich werden sie auf diese Weise auf die Gesellschaft und ihre Ansprüche vorbereitet, ob die Eltern es wollen oder nicht.

Den Kindern wird damit unbewusst beigebracht, dass sie kein selbstverständliches Recht auf ihre Existenz und ihre Grundsicherheit haben, sondern dass sie dieses Recht nur bekommen, wenn sie durch ihre Anpassungsleistungen beweisen, dass ihre Überlebensstrategien zu den Anforderungen der Gesellschaft und Wirtschaft passen. Das bedeutet, dass die ursprünglichen Geburtsrechte aberkannt werden; sie kommen nicht einfach dem Menschen qua seiner Existenz zu, sondern sie müssen erarbeitet werden, durch die Anpassung an die gesellschaftlichen Erwartungen. 

Digitale Normen im Schulsystem

Das Schulsystem verstärkt diese Tendenzen weiter. Die digitalen Abläufe dominieren, vorgegebene Aufgaben müssen erfüllt und Zeitpläne eingehalten werden. Die Schulglocke ist wie ein Symbol für die Außensteuerung der Zeit. Die inneren Bedürfnisse der Kinder müssen sich diesen Rhythmen unterordnen – es soll nicht mehr Hunger spüren, wenn ihn das Bauchhirn meldet, sondern wenn die Schulglocke die Pause einläutet. 

Die Erwachsenenwelt fordert, dass wir unsere Brötchen „im Schweiße des Angesichts“ verdienen müssen und dafür unsere Leistungen erbringen. In den meisten Bereichen der modernen Arbeitswelt gelten Anforderungen, die vom Gegenprinzip des Fließens geprägt sind. Es sind Aufgaben, die unter einem Zeitdruck erledigt werden müssen, gleich wie die innere Verfassung gerade beschaffen ist. Gefragt ist nicht der aktuelle innere Zustand und die aktuelle Verbindung mit der umgebenden Wirklichkeit, sondern das Erfüllen einer vorgegebenen Leistungserwartung. Wir haben darüber keine unmittelbare Kontrolle, sondern fühlen uns gezwungen, zu tun, was verlangt ist. Wir brauchen dafür den Funktionsmodus, mit dem wir unsere Aufgaben abarbeiten. Funktionieren heißt, dass wir unsere innere Befindlichkeit hintan stellen und ignorieren, so gut und solange es geht. Wir reizen gewissermaßen den Toleranzbereich aus, den unser Organismus zur Verfügung hat, um mit Stress umzugehen. Früher oder später merken wir allerdings, dass wir an eine Grenze gekommen sind oder dass wir sie schon überschritten haben.

Die Sinnfrage

Oft meldet sich an diesem Punkt die Scham, die mit der Erkenntnis verbunden ist, an sich selbst vorbei gelebt zu haben oder großteils vorbei zu leben. 

Diese Scham ist oft verbunden mit einer Sinnfrage: Worum geht es mir eigentlich in meinem Leben? Soll das Weiterhecheln von einer Erledigung zur nächsten, von einem Termin zum nächsten alles sein, worum es im Leben geht? Nichts von dem erfüllt mich wirklich, wo finde ich mehr Glück?

Das Auftreten der Sinnfrage ist ein typisches Indiz für den Verlust des Zugangs zum Flussmodus. Erst wenn wir merken, dass wir aus diesem Zustand herausgefallen sind, stellt sich die Frage nach dem Sinn. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach, doch übersehen wir sie oft, weil wir im Funktionsmodus feststecken: Lass geschehen, was geschieht – dann verliert die Frage ihre Bedeutung. Wenn wir uns auf diese Formel besinnen, merken wir bald, dass sich etwas in uns entspannt und erleichtert. Es ist, als wären wir in einer neuen Welt angekommen, einer Welt, die jenseits der Leistungszwänge und Terminforderungen existiert und die wir schon so lange verloren haben, dass sie uns wie neu erscheint. 

Zum Weiterlesen:
Tun und Geschehenlassen
Funktions- und Flussmodus
Funktional und fließend wahrnehmen
Das Geschehen und der Verstand


Dienstag, 31. Juli 2018

Der Verlust und die Wiedergewinnung der Lebendigkeit

Neid auf die Lebendigkeit


Lebendigkeit ist das, was unser Menschsein ausmacht. Lebendigsein bedeutet, die inneren Kräfte nach außen wirken zu lassen, sich auszudrücken und nach innen zu spüren, über Grenzen gehen und sich wieder zurückzunehmen usw. Das Leben, das wir sind, gibt sich die unterschiedlichen Gestalten und nimmt unendlich viele Formen an – wenn es zugelassen wird. Denn die Lebendigkeit kann von früh auf eingeschränkt werden. Wir können davon ausgehen, dass jede Traumatisierung mit dem Verlust von einem Stück an Lebendigkeit verbunden ist, das durch Angst und Anspannung ersetzt wird. Das würde bedeuten, dass umso weniger Energie für das Leben zur Verfügung steht, je schwerer und belasteter die Geschichte eines Menschen verlaufen ist.

Dazu kommt, dass traumatisierte Eltern die eingeschränkte Form, in der sie selber gelernt haben, ihr Leben zu leben, an die Kinder weitergeben. Diese Weitergabe geschieht nicht bewusst, sondern äußert sich in vielen unbewusst ablaufenden Reaktionen auf den Lebensausdruck ihrer Kinder: „Sei nicht so laut, lauf nicht herum, hör auf zu weinen/schreien/lachen, benimm dich …“. Kinder drücken ihre Lebendigkeit über ihre Gefühle aus, von Anfang an. Sie reagieren mit intensiven und heftigen Emotionen, wenn sie Mangel oder Fülle erleben, wenn sie eine Frustration verarbeiten müssen oder wenn sie voll genießen. Aus diesen Gefühlen heraus bewegen sie sich, immer mehr und immer weiter ziehen sie ihre Kreise im Maß der Entwicklung der motorischen Fähigkeiten.

Der unzensurierte und unbefangene Gefühlsfluss, das Lebenselexir der Kinder, erinnert die Eltern an die eigene verloren gegangene Lebendigkeit, und diese Erinnerung löst Sehnsüchte und Ängste aus: Die Bewunderung für und der Wunsch nach dieser freien Form der Lebendigkeit – und die Ängste, die mit den Versagungen und Bestrafungen verbunden waren, die in der eigenen Kindheit auf Gefühls- und Lebendigkeitsausdruck gefolgt sind. Da viele Eltern gelernt haben, als Kinder ihre Gefühle und Wünsche zu verleugnen und mit Anpassung die Angst vor Bestrafung zu bewältigen, geben sie diese Botschaft ans Kind weiter: Lebendigkeit ist bedrohlich, für dich und für andere. Freude und Überschwang führen zu Leid. Zügle deine Lebendigkeit, dämme deine Begeisterung ein, dämpfe deine Freude. Dann kommst du besser zurecht mit einer Erwachsenenwelt, in der es um Anpassung, Verzicht und Selbstbeschränkung geht. Weiter kommst du nicht, wenn du mit deinen Gefühlen verbunden bist, sondern wenn du lernst, sie zu unterdrücken.

In nicht allzu fernen Zeiten waren die christlichen Kirchen in unseren Breiten die moralischen Anwälte der Lebendigkeitsunterdrückung. Sie haben viel dazu beigetragen, dieses Muster als gesellschaftliche Norm zu etablieren: Du hast ein Recht auf Freude erst, wenn vorher Entbehrung war. Freude ist kein Geburtsrecht, sondern etwas, das durch überstandenes Leiden, Anstrengung oder gute Taten verdient werden muss. Die eigentliche Fülle des Glücks wurde zudem nicht mit dem Leben, sondern mit dem Tod verbunden: Wer in rechter Weise, also von den Sünden befreit, stirbt, hat Aussicht auf einen ewig währenden Lebensgenuss. Der Protestantismus hat dieser Verzerrung der menschlichen Natur mit der Auffassung noch eins draufgesetzt, dass nicht einmal die Anstrengung und Leistung im Lauf des Lebens genügen, um sich den Zugang zur ewigen Freude zu verdienen, sondern dass die unvorhersehbare Gnade ein Geschenk darstelle, das nicht eingefordert werden kann.


Funktionieren und Ausflippen


Die Folgen dieser Ideologisierung: eine zweigespaltene Gesellschaft mit lauter zweigespaltenen Menschen, die auf der einen Seite freudlos Leistungen erbringen und auf der anderen Seite die Freuden in der Freizeit maximieren müssen. Wundert es da noch, dass wir das Lachen verlernt oder minimiert haben? Forscher haben festgestellt, dass die Menschen vor 70 Jahren noch 14 Minuten täglich mit Lachen verbracht haben und dass es jetzt nur noch 2 Minuten sind. Was ist da an Lebendigkeit verschwunden und wurde durch „Aktivitäten“ ersetzt – zielgerichtetes Tun, leistungsorientiertes Getriebensein? Pflichtschuldig sind wir von früh bis spät gestresst und unterstreichen damit unsere Wichtigkeit, dauernd in Bewegung, jedoch ohne Bezug zu unserer Lebendigkeit. Pflichtschuldig widmen wir uns unseren Freizeitprogrammen, um dort den entspannten Selbstbezug zu maximinieren.

Funktionieren und enthemmen, anpassen und im besinnungslosen Genuss versinken, wie ein englischer Snob, der vor seinem Bentley steht und meint: „Hier (zuhause in der Luxusvilla) sage ich nur Morgen, ein guter Morgen ist es erst auf der Jacht vor St. Tropez.“ Oft besteht das Vergnügen nur mehr darin, die Last der Entbehrungen loszuwerden. Zum entspannten Genießen und zur stillen Freude bleibt kaum mehr irgendwo Platz.


Die Pflege der Muße


Diese Räume und Zeiten gilt es zu schaffen. Die bewusste Pflege der Muße – etwas, das die „Alten“ offensichtlich noch beherrschten – wird zur Überlebensfrage der entwickelten Gesellschaften. Sollte sich unsere Gesellschaft tatsächlich in eine Richtung entwickeln, dass nur noch eine Minderheit einer Erwerbsarbeit nachgeht, weil ansonsten ein Großteil der notwendigen Tätigkeiten von Maschinen erledigt werden, dann sollten wir schon über die Fähigkeiten verfügen, uns an den großen und kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen und aus diesen Freuden die Kreativität zu entwickeln, um unser Selbst zum Ausdruck zu bringen, zur Freude für die anderen Menschen. Das wird nur gelingen, wenn wir den inneren Bezug zu unserer Lebendigkeit wiederherstellen. 


Die Rückgewinnung der Lebendigkeit


Das Wieder-Inbesitznehmen der eigenen Lebendigkeit kann mit der Rückverbindung mit dem eigenen Körper gleichgesetzt werden. Die organischen Selbstregulationsprozesse, die vom Anfang unseres Lebens an unsere Entwicklung und unser Wachstum gesteuert haben, sind im Lauf der Zeit und als Folge von ungenügend bewältigten Herausforderungen an manchen Punkten aus dem Lot geraten. In ihre Stelle sind Regulationen durch die Erwartungen anderer getreten: Wie soll ich mich verhalten, sodass niemand Anstoß nimmt? Wieviel von meiner Lebendigkeit darf ich zulassen, bevor etwas Schlimmes passiert?

Wir können diese Rückkehr als Re-Inkarnation im wörtlichen Sinn verstehen: Wieder zu Fleisch werden, sprich in der Körper zurückkehren, den wir teilweise verlassen haben und uns tiefer mit der eigenen Lebendigkeit verbinden. Abspaltungen von Teilen unseres Selbst müssen für diesen Schritt aufgelöst werden, Ängste vor der eigenen Energie müssen überwunden werden, dann kann der organische Selbstregulationsprozess in sein Eigenrecht gesetzt werden und findet die Anerkennung, die er braucht.

Das bewusste Atmen verbindet uns mit unserer Lebendigkeit im Moment. Atmend erleben wir uns lebendig. Wir können unsere Atmung auch zur „Wiederbelebung“ unseres Energie- und Gefühlskörpers nutzen – dort, wo etwas abgestorben ist, soll wieder Leben einkehren. Atmend finden wir den Weg zurück zur Ganzheit. Und wenn wir beim Atmen unser Zwerchfell rhythmisch zusammenziehen, könnte es passieren, dass uns ein spontanes Lachen entkommt – willkommen zurück in der puren Lebendigkeit.

Montag, 25. Januar 2016

Vom Umgang mit unserer Fehlerhaftigkeit

Fehler, Nachlässigkeiten und Vergesslichkeiten hauen uns leicht aus dem Flussmodus. Sobald wir bemerken, dass wir etwas übersehen haben, was wichtig gewesen wäre, oder nicht bemerkt haben, was uns hätte auffallen müssen, oder dass wir etwas gemacht haben, was sich als peinlich herausgestellt hat usw., beginnen wir mit Selbstgeißelung, vor allem, wenn es mit Nachteilen für uns verbunden ist: Die Eingangstür „ist zugefallen“ und der Schlüssel ist drin, die einzige Rettung ist der Schlüsseldienst und der lässt sich den Spaß kosten. Wir sind während des Kochens zum Telefon und haben vergessen, die Kochplatte zurückzudrehen, bis uns der Geruch daran erinnert und wir das verkohlte Essen entsorgen müssen. Wir haben einen anspruchsvollen und wichtigen Text geschrieben und vergessen, ihn abzuspeichern. Oft gehen wir schlimmer auf uns selber los als der ärgste Kritiker, den wir in unserer Umgebung oder aus unserer Kindheit kennen. Gnadenlos beschimpfen wir uns selber oder bestrafen uns, indem wir tagelang an nichts anderes denken als an das unrühmliche Vorkommnis und dabei das schlechte Gefühl wieder und wieder wachrufen.

Klar, die Selbstabwertung bringt nichts, wir fühlen uns zwar scheinbar besser dadurch, weil wir etwas von dem Dampf ablassen, der durch den Stress entsteht. Wir ersetzen den schlimmeren Stress durch einen leichteren und kontrollierbareren, weil uns ja klar ist, dass wir selber die Täter gegen uns sind.

Einfacher ginge es, ein paar bewusste Atemzüge zu nehmen und dabei entspannt auszuatmen. Damit verringert sich der Stress. Der Fehler ist passiert und nicht mehr rückgängig zu machen. Der Ärger über uns selbst hilft uns auch nicht, in Zukunft den oder einen ähnlichen Fehler wieder zu machen, genausowenig wie die Schelte unserer Eltern verhindert hätte, dass wir wieder etwas Schlimmes gemacht haben.

Wir können alles, was uns im Leben widerfährt, und vor allem unsere Fehlleistungen als Achtsamkeitstraining nehmen: Im Moment bei dem bleiben, was gerade geschieht und bei dem, was gerade zu tun ist. Dann kann nichts schief gehen. Und die besondere Übungsherausforderung besteht dann darin, nach einem Missgeschick so schnell wie möglich zur Achtsamkeit im Moment zurückzukehren, damit wir das tun, was zu tun ist, statt die Zeit und Energie zu vergeuden, indem wir uns anklagen und heruntermachen mit unseren beliebten „Hättichdochs“ und „Warumhabichnichten“.

Wir sind lebende Wesen und funktionieren deshalb nicht fehler- und klaglos. Wir sind nicht von einem perfektionssüchtigen Wesen erschaffen worden, sondern von einer Natur hervorgebracht, die den relativen Erfolg als pragmatisches Prinzip verfolgt. Fehler passieren und gehören dazu. Bekanntlich lernen wir aus Fehlern am besten oder sollten es zumindest. Denn wir sind Wesen mit unbegrenzter Lernfähigkeit und Flexibilität. Und eigentlich macht Lernen immer wieder auch Spaß.

Das Lernen mit Fehlern, die uns immer wieder unterlaufen, erledigen wir dadurch, dass wir neue Routinen einbauen und dann ins Unterbewusstsein absinken lassen, damit sie uns nicht mehr belasten. Dann haben wir wieder Zeit für den Flussmodus, der uns wohltut und Freude bereitet. Wenn wir also die Gewohnheit haben, unsere Schlüssel liegenzulassen, bauen wir eine neue Gewohnheit auf, den Schlüssel immer wieder an den gleichen Platz zu legen und/oder zu überprüfen, ob wir den Schlüssel eingesteckt haben, bevor wir die Türe hinter uns schließen.

Da ich im Moment einen launischen Computer habe, der unvorhersehbar und ohne Ankündigung mit seiner Arbeit Schluss macht, was mir schon einige Absätze Schreibarbeit gekostet hat, habe ich die automatische Speicherung auf eine Minute eingestellt, sodass höchstens der letzte Satz verlorengeht, und der ist meist noch im Kurzzeitspeicher im Hirn. In diesem Fall nimmt mir der Computer die Routine ab, die er durch seine eigene Fehlerhaftigkeit erfordert.

Es braucht einige Disziplin, für die wir unseren Funktionsmodus aktivieren müssen, um uns neue Gewohnheiten anzuerziehen, der Lohn dafür ist, dass nach einiger Zeit unser Unterbewusstsein übernimmt und uns erinnert, was zu tun ist, damit wir den Fehler vermeiden. Damit haben wir mehr Zeit für das achtsame Erleben der Gegenwart und weniger Anlass, gemein zu uns selber zu sein. Das Leben darf wieder fließen und wir mit ihm.


Vgl. Die Wurzeln der Selbstsabotage

Samstag, 9. Januar 2016

Der Anfang der Welt und das spekulative Denken

Wir möchten wissen, wie alles begonnen hat. Was war vor der Welt? Vielleicht könnten wir mehr über die Welt verstehen, wenn wir wüssten, woraus sie entstanden ist. Jedoch: Alle Ausflüge, die wir über das Raum-Zeitschema hinaus unternehmen, sind riskant. Welt ist für uns, die wir aus und in dieser Welt entstanden sind, identisch mit dem, was in Raum und Zeit existiert. Denn unser (selber raumzeitlicher) Wahrnehmungsapparat beruht auf diesem Schema und wäre ohne es funktionslos. Ohne Raum und Zeit wären wir blind, taub und empfindungslos. Dazu kommt, dass unsere Denkformen auf der Wahrnehmung beruhen und von ihr bestimmt sind. Heben sie davon ab, verlieren sie ihren Referenzpunkt und beginnen zu taumeln: inhaltsleer und beliebig, also nicht verbindlich kommunizierbar. Die Wirklichkeit, die sie darstellen wollen, ist nur im Innen, ohne die eigenen Koordinaten zu kennen.

Wir können also nur in Raum und Zeit wahrnehmen (zumindest im funktionalen Sinn), und unser Denken und die damit verbundene Begriffsbildung sowie die Sprache sind von der Raum-Zeitlichkeit der Wahrnehmung abhängig und immer auf sie bezogen. Alles, was wir reden, hat nur deshalb einen Sinn, weil es Gegenstände und Vorgänge in Raum und Zeit gibt, die das Sprechen meint.

Selber raum-zeitliche Wesen, können wir den Anfang der Zeit oder das Ende des Raumes nicht denken. Alles, was wir über diese Themen aussagen, ist spekulativ, d.h. willkürlich und unverbindlich. Wir können sagen, dass es vor der Entstehung der Welt einen Gott gegeben hat, der all diese Vorgänge eingeleitet hat, wie der Präsident einer Supermacht, der nach mehr oder weniger reiflicher Überlegung den Knopf für einen Atomangriff drückt. Wir können die Meinung vertreten, dass es eine unendliche, unpersönliche Intelligenz war, die für den Anfang verantwortlich ist, ein missgünstiger Dummkopf oder ein Spaghetti-Monster, je nach Geschmack. Wir können auch sagen, dass alles aus einem Nichts entstanden ist. Oder dass es vor dieser Welt eine ganz andere gegeben hat. 

Unserer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, und alle diesbezüglichen Aussagen haben erkenntnistheoretisch den gleichen Wahrheitswert, nämlich Null, weil sie in irgendwelchen Köpfen formuliert wurden, ohne sich um den Bezug zur raum-zeitlichen Wirklichkeit zu kümmern: Was gesagt wird, kann stimmen oder auch nicht, und es gibt keine Instanz außer dem Sprecher, der das entscheiden könnte. Unsere fantastische Vorstellungskraft ermöglicht uns, außersinnliche Wirklichkeiten nach unseren Wünschen oder Geschmäckern erschaffen, zu verändern und wieder verschwinden zu lassen.


Über die ersten und letzten Dinge spekulieren


Das Spekulieren, das häufig in Zusammenhang mit den "letzten Fragen" angewendet wird, können wir folgendermaßen verstehen: Es ist der Versuch, die Denk- und Sprachformen, über die wir aufgrund unseres Funktionierens in der gegenständlichen Welt verfügen, auf die Fragen anzuwenden, die mit dem Jenseits der Raum-Zeit-Welt zu tun haben. Wir wollen erklären und verstehen, was sich jenseits der Ränder des Erfahrbaren tut und wenden unsere gebräuchlichen Konzepte und Begriffe auf diese Bereiche an, so als gäbe es dort Gegenstände, die wir aus den Zusammenhängen des Funktionsmodus kennen. Dort brauchen wir Einordnungen und Kategorisierungen, die das Denken beisteuert.

Wenn wir das Denken auf kontextfreie Erfahrungen, wie wir sie im Flussmodus kennen, anwenden, beginnt es zu spekulieren, d.h. in Nachahmung der Freiheit dieser Erfahrungsform willkürlich und ungebunden assoziativ zu schweifen. Dabei vermeint das Denken, mehr von der Wirklichkeit zu erkennen, und das ist die Illusion in der Spekulation. Sie meint, sich auf Gegenstände zu beziehen, tatsächlich sind es Erfahrungen, die sich nicht gegenständlich fixieren lassen, sondern eben im Fluss, in der dauernden Veränderung sind.

Die Wirklichkeit, die das Denken erfassen will, ist immer noch raum-zeitlich, auch in den Fällen, in denen es sich darüber hinaus erweitern möchte. Die Begriffe, die wir auf den Flussmodus beziehen (Unendlichkeit, Weite, Freiheit, Leere etc.), sind Kreationen des endlichen und relativen Denkens. Doch zum Unterschied von konkreten Begriffen wie Blume, Fisch oder Löffel, die sich auf Gegenstände in Raum und Zeit beziehen, haben die verallgemeinerten Begriffe keinen direkten Gegenstandsbezug mehr, sind also anschauungsferner und abstrakter. 

Jeder abstrakte Begriff, den das Denken formuliert, ist aus der sinnlichen Raum-Zeit-Wahrnehmung abgeleitet. Z.B. ist der Begriff der Unendlichkeit die Negation des Begriffs der Endlichkeit, der jeden Raum-Zeit-Gegenstand auszeichnet, ist also die negierte Abstraktion aus jeder Gegenstandswahrnehmung. Rene Descartes hat von ausgedehnten Gegenständen gesprochen, die alle durch ihre Grenzen definiert sind. Unser Denken ist in der Lage, logische Operatoren auf die Gegenstandsbegriffe anzuwenden, z.B. die Verallgemeinerung und die Negation. Damit wird es möglich, den Begriff der Unendlichkeit zu erzeugen und in eine Sprachform zu bringen. 

Allerdings bleibt der Begriff auf die endliche Wahrnehmungsform bezogen und ist von ihr abhängig und hat damit im Grund nichts zu tun mit der Flusserfahrung, die er bezeichnen will. Er dient nur der Übersetzung der Erfahrung ins kommunikative Medium, für unsere Versuche, Flusserfahrungen, die wir haben, mit anderen Menschen zu teilen. Da wir keine Denkform haben, die Begriffe aus dem Flussmodus der Erfahrung ableitet, haben wir auch keine adäquate Sprachform für diesen Modus. 


Die Kunst zeigt das Unbenennbare


Im übrigen können wir die Kunst als Versuch verstehen, die Fließerfahrung in eine sinnlich wahrnehmbare Form zu übertragen und damit gegenständlich zu machen, aber eben als Gegenstände, die dem Funktionsmodus entzogen sind, also keinen Gebrauchswert haben. Was uns an der Kunst fasziniert, ist ihre Fähigkeit, in unendlichen Variationen das, was hinter den Dingen ist, zum Vorschein zu bringen, ohne es auf Begriffe zu reduzieren. Kunstwerke zeichnen sich dadurch aus, dass wir sie verstehen können, ohne sie jemals voll verstehen zu können.


"Vor der Zeit" 


Aussagen darüber, was "vor" der raum-zeitlichen Wirklichkeit war, sind immer spekulativ. "Vor" ist ein zeitlicher Begriff, der, wenn wir ihn auf etwas außerhalb der Zeit anwenden, widersprüchlich wird. Diese Widersprüchlichkeit betrifft alles weitere, was im Bereich jenseits der Raum-Zeit-Wirklichkeit thematisiert wird, einschließlich eines Schöpfergottes.

Wenn wir also von einer Gottheit reden, die diese Wirklichkeit geschaffen hat, befinden wir uns im begrifflichen Denken. Dort können wir willkürlich Annahmen treffen, d.h. im Grund behaupten, was wir wollen, weil es ja per definitionem keinen Bezug zu einer im Außen existierenden Wirklichkeit gibt. Die Spekulation hat ihre Wirklichkeit nur im Kopf der spekulierenden Person und im von ihr getätigten Sprechakt. Wird diese subjektive Wirklichkeit anderen Personen mitgeteilt und von diesen geteilt, entstehen kollektive imaginierte Wirklichkeiten. Dieser Mechanismus ist die Grundlage für individuelle Wahngebilde und kollektive Ideologien.

(Ideologien können wir in diesem Zusammenhang als missverstandene Kunstwerke verstehen, ähnlich den inneren Vorstellungen, an denen ein Geisteskranker leidet, mit dem Unterschied, dass sie von vielen Menschen ähnlich erlebt werden: kollektive Wahnvorstellungen) 

Deshalb ist der "Schöpfergott" eigentlich eine ästhetische Produktion, die im Versuch entstanden ist, Erfahrungen des Fließens auf kosmologische Fragen zu übertragen, also mittels einer Sammlung von Metaphern, mit denen auf etwas, das sich begrifflich nicht fassen lässt, hingewiesen wird. Vergleiche dazu die entsprechenden Stellen in der Genesis (Gen 1,1 - 11,9), die mit starken poetischen Bildern arbeiten. Solche mythologische Kosmologien, die es in vielen Kulturen gibt, versuchen, ähnlich der Kunst, mit bildhafter Sprache darzustellen, was jenseits der Funktionswirklichkeit sein könnte.


Ist Gott männlich oder weiblich?


Der feministische Witz: "Als Gott den Mann erschuf, übte sie bloß," zeigt die Willkür auf, mit der wir bei diesen Fragen begrifflich operieren. Dazu zählt der Versuch, Gott ein Geschlecht zuzuteilen. Über lange Zeiträume und in vielen Kulturen waren der Hauptgott oder die vorgesetzten Gottheiten männlich. Daher ist der Wunsch verständlich, Gott endlich zur Abwechslung mit dem weiblichen Geschlecht zu benennen oder zu gendern: Der Gott/die Göttin wie: der Mitarbeiter/die Mitarbeiterin.

Der Witz zieht seine Wirkung aus der Verwirrung, die entsteht, wenn einem ästhetischen Gebilde raum-zeitliche Eigenschaften zugeordnet werden wie die Geschlechtlichkeit. Denn die Dichotomie zwischen den Geschlechtern gibt es in der "Schöpfung" erst seit der Entwicklung von komplexeren Lebewesen. Warum sollte also ein Gott vor der Schöpfung oder während der ersten Milliarden Jahre nach der Entstehung des Universums ein Geschlecht haben, lange vor allen Geschlechterdifferenzierungen? Das Geschlecht hat den Sinn, über die zugehörige Form der Vermehrung Nachkommen hervorzubringen. Das brauchen und können nur Gottheiten, die in die raum-zeitliche Wirklichkeit eintreten, wie die der Griechen, die ja einen räumlich lokalisierbaren Wohnort hatten, dort Kinder bekamen und auch immer wieder mit Sterblichen Liebesaffären mit Folgen hatten. 

Der monotheistische Gott (die monotheistische Göttin) dagegen bleibt prinzipiell außerhalb der Bereiche der Sterblichen, so weit, dass der Islam ein Verbot erlassen hat, ihn/sie bildlich darzustellen. Er/sie ist damit der Sphäre des Menschlichen-Allzu-Menschlichen mit all ihren Projektionen entzogen, tauscht diese Position aber gegen einen begrifflich ähnlich unsicheren und widersprüchlichen Stellenwert aus. 

Nur aufgrund unseres Denkens und der davon abhängigen Sprache kommen wir auf die Frage nach Eigenschaften Gottes. Wir müssen nach unserer Sprachstruktur auch Gott zumindest grammatikalisch ein Geschlecht zuteilen, wie allen Gegenständen. Vielleicht merken wir dabei, dass wir uns in Widersprüche verwickeln, wenn wir nicht den erkenntniskritischen Unterschied einführen: Wir können alles, was es gibt, einschließlich Gott, nur im Rahmen unserer Denk- und Sprachwelt beschreiben. Damit haben wir nur einen Gott für uns, und nicht einen Gott an sich, der sich ja außerhalb unserer Innenwelt befinden sollte, beschrieben. Mehr geht aber nicht, außer wir begeben uns in den Bereich der Spekulation. Der Gott/die Göttin jenseits der Innenwelt ist eine Innenwelt, der spekulativ eine Existenz außerhalb der Innenwelt zugesprochen wird.

Das Denken ist in der Lage zu verwirren, weil es seine Begriffe auf verschiedene Erfahrungsmodi beziehen kann, ohne zu merken, wo es sich gerade befindet. Verwirrung ist Ausdruck einer Beziehungsstörung zwischen Innen und Außen, zwischen subjektiver Innen- und objektiver Außenwelt. Nur wenn wir unser Denken zur Erkenntniskritik nutzen, können wir zuordnen, was wohin gehört, können Kunst und Wirklichkeitserfahrung unterscheiden und die Verwirrung aufklären.


Aufgeklärtes Denken


Laut Immanuel Kant ist die Aufklärung der Ausgang des Menschen aus der Unmündigkeit. Thomas Metzinger hat in diesem Zusammenhang von intellektueller Redlichkeit gesprochen. Verwirrung zu stiften hat demnach mit unredlicher Machtausübung zu tun, die Erkenntniskritik verhilft zu Selbstermächtigung, Autonomie und ethischer Lebenshaltung.

Vgl. Funktional und fließend Wahrnehmen
Funktions- und Flussmodus
Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit
Wissen, Fantasie und Glaube: Was kommt nach dem Leben?

Mittwoch, 6. Januar 2016

Funktional und fließend Wahrnehmen

In einem anderen Beitrag habe ich zwischen dem Funktionsmodus und dem

Flussmodus unterschieden. In diesem Beitrag geht es darum, wie diese Modi unsere Wahrnehmung unterschiedlich beeinflussen, sodass wir über die Reflexion unserer Wahrnehmungen feststellen können, in welchem Modus wir uns befinden.


Wahrnehmungen im Funktionsmodus


Die Wahrnehmung durch die äußeren Sinne ist die Grundlage des Funktionsmodus. Mit ihr können wir uns in der Welt orientieren und auf sie nach unseren Vorstellungen verändernd einwirken. Sie ermöglicht die optimale Interaktion mit Dingen und Menschen im Sinn der Zweckerreichung und Zieleverwirklichung.

Diese Wahrnehmung ist eng und begrenzt, wie wir aus den Forschungen der Polyvagaltheorie wissen. Sie filtert die Wirklichkeit in Aspekte, die uns angenehm=nützlich, und in andere, die uns unangenehm=hinderlich erscheinen. Details werden übersehen, und Projektionen und Verallgemeinerungen dominieren den Wahrnehmungsprozess. Unsere funktionelle Wahrnehmung ist notwendigerweise selektiv, weil sie selektiven Zwecken dient.


Wahrnehmungen im Flussmodus


Im Flussmodus hat die Wahrnehmung eine andere Funktion. Sie liefert uns Daten, die nicht an Raum oder Zeit gebunden sind. Wir erleben etwas, das wir gerne als Unendlichkeit, Weite, Leere, usw. beschreiben. Wir erleben die Freiheit von Zweckbestimmung und Bewertung. Das Denken zieht sich weit zurück und macht Platz für Erfahrungen des freien Fließens, für die es schwer ist, adäquate Worte zu finden. Denn die Worte stammen aus der Raum-Zeit-Wirklichkeit und sind immer dann missverständlich, wenn sie auf Erfahrungen angewendet werden, die nicht im Funktionszusammenhang aufscheinen.

Es sind ergänzende oder erweiternde Wahrnehmungen, die der raum-zeitlichen Wirklichkeit neue Qualitäten verleihen. Sie sind eins mit dem Erleben, sodass der Unterschied zwischen Innen und Außen keine Rolle mehr spielt. Da sich das Ego in die Wahrnehmung nicht einmischt, erhält diese eine Unmittelbarkeit und Direktheit, in der die Einheit zwischen dem Subjekt und dem Objekt wichtiger ist als der Unterschied. 

Ein Beispiel dafür ist das intensive Hören eines Musikstückes, bei dem die rezeptive Person "ganz in der Musik aufgeht", also sich selber nicht mehr getrennt vom Klang erlebt, sondern in einem gemeinsamen Fließen. Das kann insbesondere dann geschehen, wenn die musizierende Person im Spielen "sich selbst vergisst" und die Musik durch sie selbst hindurch zum Klingen bringt.

Auch in der Natur können wir solche Einheitswahrnehmungen erleben. Wir liegen mitten in einer Blumenwiese und lassen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und sind einfach glücklich und ganz mit dem verbunden, was gerade ist. Unsere Wahrnehmung fließt, wohin sie fließen will, frei und ungerichtet.


Fließende und funktionierende Wahrnehmung


Wenn wir nur im Flussmodus der Wahrnehmung sind, werden wir dysfunktional. Wir sind wie kleine Kinder oder ganz alte Menschen, die dasitzen und sich wundern über das, was ist, aber unfähig sind, etwas zu tun. Wenn wir nur im Funktionsmodus sind, sehen wir überall Bedrohungen und Probleme. Wir stehen unter dem Druck, zu handeln und die Herausforderungen zu bewältigen.

Es ist offensichtlich nicht sinnvoll, nur in einem Modus zu bleiben. Ohne Flussmodus sind wir Sklaven des Äußeren: Was von außen auf uns zukommt, können wir nicht kontrollieren und müssen dennoch machen, was verlangt ist. die Wahrnehmung wird von dem gelenkt, was sich im Außen als stärkster Reiz durchsetzt. 

Ohne Funktionsmodus sind wir in den meisten Bereichen des Lebens naiv und hilflos, wir kapitulieren angesichts der Komplexität der Welt und können nur in einem geschützten Raum überleben. Der Flussmodus ist für praktische Erfordernisse nicht geeignet, weil er die Wahrnehmung ganz im Moment spontan vom Einen zum Anderen schweifen lässt. An einer Aufgabe dran zu bleiben, auch wenn es mühsam ist, ist nicht seine Sache.

Die Verbindung der beiden Modi können wir im gelassenen Funktionieren finden. Wir fließen mit dem, was zu tun ist, ohne Widerstand oder Problemdruck. Wir vertrauen darauf, dass alles, was nicht leicht geht, sich dennoch erledigen lässt. Wir haben das innere Wissen, dass alles zur richtigen Lösung finden wird. Jede Anstrengung, der wir uns aussetzen, können wir mit innerer Leichtigkeit verbinden. Das Schwierige bleibt im Außen, das Innere kann frei mitschwingen. Wir finden leichter den Genuss in allem, was zu tun ist, sei es ein Konzert, das wir besuchen, oder die Steuererklärung, die wir abarbeiten. Unsere Wahrnehmung geht mit dem, was zu tun ist, ohne krampfhaft darauf fixiert zu sein. Wir merken, wann wir an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit sind, und wechseln dann zu entspannteren Tätigkeiten, die uns mehr vom Flussmodus geben, sodass wir in ein gutes inneres Gleichgewicht kommen.

Wann immer eine Lücke in den Funktionszusammenhängen auftaucht, überlassen wir uns dem Flussmodus und schwingen vom einen Moment in den nächsten. Wir können leicht zwischen einem Zustand und dem anderen wechseln, sobald es die Wirklichkeit verlangt. Und wir können gut und klar unterscheiden, was die Wirklichkeit von uns verlangt und was wir uns nur einbilden.


Die Wahrnehmungsmodi in Beziehungen


Im Funktionsmodus erleben wir andere Menschen als Mittel zum Zweck. Sie dienen entweder den Zielen, die wir haben, oder stehen ihnen im Weg. Wir erkennen nur bestimmte Eigenschaften bei anderen und ordnen sie nach den Gesichtspunkten der Nützlichkeit: Welche Eigenschaft der anderen Person könnte mir helfen, welche könnte mir schaden? Wir kommen leicht in Projektionen, indem wir bei anderen Menschen das suchen, was uns vertraut ist und das ablehnen, was wir nicht kennen. Deshalb idealisieren wir die Einen und dämonisieren die Anderen.

Im Flussmodus sehen wir andere Menschen als Zweck an sich selbst, als wertvolle Wesen, die Achtung, Respekt und Liebe verdienen. Wir freuen uns über jede Form des Daseins und stimmen uns auf sie ein. Wir sind kreativ in der Kommunikation, sodass auch der Austausch fließend erfolgt. Wir genießen die anderen Personen in ihrer Andersartigkeit und freuen uns über das, was uns unterscheidet. 

Auch in diesem Bereich geht es darum, wie wir die beiden Modi miteinander verbinden können. Wenn wir uns sicher und getragen fühlen, haben wir keine Angst vor anderen Menschen und können auf alle offen zugehen. Wir sind aber nicht naiv in der Annahme, dass auch jeder andere Mensch im Flussmodus sein müsste, auch wenn wir gerade drin sind. Vielmehr erkennen wir, mit wem wir uns tiefer und vertrauensvoll einlassen können und mit wem es besser ist, auf einer oberflächlichen Ebene zu bleiben, um notwendige Funktionen erledigen zu können. 

Selbst wenn wir mit anderen Menschen in einem Funktionszusammenhang sind, wie es in Arbeits- und Geschäftsbeziehungen der Fall ist, aber auch im Alltag einer Liebesbeziehung, finden wir immer wieder den Bezug zum Wesenskern der anderen Person. Wir nutzen nicht einfach nur den anderen Menschen für unsere Zwecke, indem wir ihn auf seine unseren Zwecken dienliche Aspekte reduzieren, sondern sehen in ihm einen wertvollen Menschen, der uns einen bestimmten Dienst leistet, für den er unsere angemessene Gegenleistung und Anerkennung verdient.

Wir lassen uns auch von anderen nicht ausnutzen, indem wir uns in eine ausschließliche Abhängigkeit und Unterordnung begeben. Auch wenn wir für andere etwas leisten, erhalten wir den Bezug zu unserer eigenen Würde aufrecht und wissen, dass wir im Dienst an anderen selber wachsen können. Wir sind uns bewusst, dass jedes Geben ein Nehmen und jedes Nehmen ein Geben ist.

Vgl. Funktions- und Flussmodus
Flussmodus und Trauma

Mittwoch, 22. Juli 2015

Angstkraft und Lebenskraft

Kraft ist nicht Kraft. Auf der psychischen Ebene ist es wichtig, zwischen zwei Formen der
Kraft zu unterscheiden. Manchmal fühlen wir uns kraftlos, weil uns alles zu viel ist oder weil uns die Motivation fehlt. Bei Kraft fühlen wir uns, wenn wir gefordert sind, wenn etwas von uns verlangt wird, und wir in den Funktionsmodus kommen, den wir wie einen Motor anwerfen, und der so lange Resultate produziert, bis er erschöpft ist. Er arbeitet also wie ein Akku, der Energie für Leistung zur Verfügung stellt, bis er erschöpft ist und neu aufgeladen werden muss. Es ist auch bekannt, dass Akkus eine begrenzte Lebensdauer haben, dass also jedes Entladen und Wieder-Aufladen an der Substanz des Gerätes zehrt, bis es irgendwann seinen Geist aufgibt.

Die techniklastige Metaphorik („Motor“, „Akku“) ist nicht zufällig eingeflossen. Wir sind zwar lebendige Wesen und keine Maschinen, aber wir sind in der Lage, uns selbst maschinenähnlich zu verhalten. Vielleicht sind wir nur deshalb auf die Idee von Maschinen gekommen, weil wir selber so funktionieren können. Wenn wir unseren lebendigen Organismus als Maschine „emulieren“, also so tun, als wären wir ein lebloses Ding, hat das einen Gewinn: Wir liefern gute Resultate, weil wir alles dafür einsetzen, dass wir fehlerfrei arbeiten. Es hat auch einen Nachteil: Wir handeln gegen unsere Natur und betreiben Raubbau an ihr (vielleicht auch kein Zufall, dass der Raubbau an der Natur im Großen mit dem Aufstieg der Maschinenwelt und der Funktionsgesellschaft, also mit dem materialistischen Bewusstsein begonnen hat).

Raubbau heißt, dass wir unsere Ressourcen plündern, statt sie nachhaltig zu verwalten. Der Funktionsmodus braucht unsere Energiereserven auf, ohne etwas zu ihrer Erneuerung und Regeneration beizutragen. Deshalb reagiert der Körper irgendwann mit Störungen, die im Extremfall zum Tod führen. Viele, wenn nicht alle unserer Zivilisationskrankheiten können in der Stressbelastung, die durch den Funktionsmodus entsteht, ihren Ursprung haben. Wenn etwa 80 Prozent der Menschen im Lauf des Lebens einmal mit Rückenschmerzen konfrontiert sind und wenn bei 80 Prozent von diesen Menschen keine organischen Störungen gefunden werden können, wird das Ausmaß des Raubbaues deutlich. Auch symbolisch steht ja der Rücken für alles, was wir uns aufladen und was uns überlastet. Für Österreich wurden die direkten und indirekten Kosten der Rückenprobleme mit 6 Milliarden EURO berechnet (Aus einem Vortrag bei den österreichischen Schmerztagen 2010).

Die gestörten Systeme unseres Körpers konsumieren dann noch zusätzliche Energie, z.B. die Muskeln, die bei einer Haltungsstörung im Rücken zusätzlich belastet werden und in Dauerspannung gehalten werden müssen. Als Folge erleben sich Menschen, die unter Beschwerden leiden, leicht erschöpft und kraftlos. Die Antriebsenergie, die sie brauchen, um weiter funktionieren zu können, ist schnell aufgebraucht. So kreist das Leben um Energieverbrauch und Wiederaufladung zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit, für mehr an Lebensqualität bleibt keine Kraft übrig.

Deshalb können wir diese Form der Kraft als Überlebenskraft bezeichnen. Sie dient unserer Überlebenssicherung und ist im Hintergrund von einer Angst gelenkt und gespeist. Wir erleben diese Angst als „Müssen“, als Zwang, der uns auferlegt ist. Die Arbeitsverhältnisse in unserer Gesellschaft übernehmen leicht diesen Charakter. Wir haben uns zwar in den meisten Fällen unseren Job ausgesucht und waren froh, ihn überhaupt zu kriegen, haben aber oft dann nach einiger Zeit bemerkt, welches Korsett wir uns damit aufgeladen haben. Abgesehen von den Notwendigkeiten, die geregelte Arbeitsabläufe erfordern und die darin münden, dass die Arbeitskräfte ihren Alltag (z.B. den Wach- und Schlafrhythmus) danach regeln müssen, berichten viele Menschen aus verschiedenen Berufen, dass die interne Arbeitsbelastung kontinuierlich steigt. Es wird immer mehr an Arbeitsleistung erwartet und verlangt. Auf der subjektiven Seite bedeutet das, dass immer mehr Stress entsteht und der Funktionsmodus immer stärker aktiviert werden muss. Der innere Sinn der Arbeit und ihr Charakter als Dienst an den Menschen geht dabei verloren, sodass auch das Gefühl der eigenen Autonomie verloren geht und nur mehr der Eindruck von Fremdbestimmung übrig bleibt.

Dass sich diese Frustrationen langsam, aber sicher zu Depressionen weiterentwickeln, ist nicht wirklich verwunderlich. Depression heißt, dass der Bezug zur eigenen und eigentlichen Lebenskraft verloren gegangen ist, weil nur mehr die Überlebenskraft zur Verfügung steht und zur Verfügung stehen muss. Was ist diese Lebenskraft? Sie ist die Energie, die das Fließen des Lebens aufrecht erhält und weiter wachsen lässt. Sie kennt nicht den Zyklus von Kraftaufbau, -verbrauch und –erschöpfung, sondern von Spannung und Entspannung. Die Lebenskraft spüren wir, wenn wir uns aus Freude und Lust bewegen, z.B. wenn wir tanzen oder lockeren Sport betreiben, aber auch, wenn wir uns kreativ betätigen und ganz in unserem Tun aufgehen. Es ist die Kraft, die einen Maler eine Nacht durchmalen lassen, der in diesem Klischeebild sein Kunstwerk fertigstellen will und erst dann zur Ruhe kommt. Der Verbrauch der Kraft endet in einem Zustand der Befriedigung und des Wohlbefindens, in den wir uns hinein entspannen können, bis sich wieder die aktivierenden Kräfte zum nächsten Zyklus melden. Der Entspannungszustand dient zur Regeneration, die dann endet, wenn wieder genug Reserven angesammelt sind, um nach der Orientierung nach außen wieder mehr mit dem Inneren in Verbindung zu treten.

Es ist dies auch ein Zyklus, der von einer von innen kommenden Motivation eingeleitet wird. Das Bewegende kommt also aus der Lebenskraft selber, nicht von außen durch etwas, was andere von uns wollen, erwarten oder fordern, oder aus einer verinnerlichten Stimme, die uns sagt, wir sollten besser immer das tun, was andere von uns wollen, erwarten oder fordern, wenn wir ein schlechtes Gewissen vermeiden wollen. Statt dessen ist die Motivation Teil des fließenden Lebens, das uns durchpulst und sich durch unsere Individualität Ausdruck verschafft. Diese Verbundenheit mit uns selber lässt uns offen und gleichzeitig kraftvoll durchs Leben gehen, weil es dieses Leben selbst ist, das uns trägt.

Den Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Kraft können wir darin finden, dass die eine mit Anspannung und Druck verbunden ist, während die andere aus der Entspannung kommt. Im einen Fall sind wir getrieben, im anderen getragen. Die eine Kraftquelle fällt weg, sobald wir den äußeren Druck los sind, die andere steht uns immer zur Verfügung.

Freitag, 5. Dezember 2014

Die seelischen Trümmer der NS-Erziehung

Der zweite Weltkrieg hat eine Spur der Verwüstung in den Seelen hinterlassen. Gebrochene und traumatisierte Männer, die dann Väter werden, erschöpfte und ausgelaugte Frauen, die Mütter werden, bekommen Kinder, die all diese Lasten als Gepäck fürs Leben mitbekommen. Dort, wo sie nicht aufgearbeitet werden, plagen sie noch die Enkelgenerationen.

Dazu muss auch in Betracht gezogen werden, wie die Kindererziehung in dieser Zeit durch die NS-Ideologie geprägt wurde – ein weiteres düsteres Kapitel aus dieser Schreckenszeit.

In dem Buch „Seelische Trümmer“ von Bettina Alberti findet sich der Hinweis auf einen Erziehungsratgeber, der die Grundzüge der nationalsozialistischen Vorstellungen für den Umgang mit Kindern den Eltern vorgibt und damit Mitschuld trägt an tausendfacher emotionaler Misshandlung und Entwicklungstraumatisierung. Das Buch von Johanna Haarer heißt „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, ist 1934 erschienen und erreichte bis Kriegsende eine Gesamtauflage von 690 000 Exemplaren, empfohlen vom „Völkischen Beobachter“.

Alberti schreibt zu den bindungspsychologischen Aspekten, die das Buch empfiehlt:

•    „möglichst wenig physische Nähe zwischen Mutter und Kind von Geburt an,
•    größtmögliche emotionale Distanz,
•    Beschränkung auf die notwendige Versorgung des Kindes in seinen physiologischen Bedürfnissen wie Hunger und Sauberkeit,
•    Missachtung der Bedürfnissignale von Babys, die sie durch Schreien und Wimmern zu äußern in der Lage sind."(Alberti, S. 153)


Dazu ein Zitat von Johanna Haarer: „Liebe Mutter, (…) fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen, wenn es das möchte. Das Kind wird nach Möglichkeit an einen stillen Ort abgeschoben, wo es allein bleibt, und erst zur nächsten Mahlzeit wieder hervorgenommen.“


Sie empfiehlt der Mutter, den Säugling so weit weg von sich zu halten, dass er nicht auf ihre Augen fokussieren kann und so einen sicheren und beruhigenden Blickkontakt aufbauen kann. So, als hätte sie intuitiv die Ergebnisse der Bindungsforschung erkannt, propagiert sie alles, was dazu dient, dass die Beziehung zwischen Mutter und Kind von Anfang an gestört oder sogar zerstört wird.

Es ist klar, dass eine derart herzlose und kinderfeindliche Pädagogik nur von jemandem vertreten werden kann, der selber eine traumatisierte Kindheit hatte. Das entschuldigt nicht den massiven Schaden, der angerichtet wurde. Dass viele Eltern diese Erziehungsmaximen zu ihren eigenen machten, kann auch nur an ihrer traumatisierten Kindheit liegen und entschuldigt sie auch nicht.



Totalitarismus von Anfang an


Der totalitäre Anspruch des Regimes wird bis in die Säuglingsstube hinein ausgedehnt. Von Anfang an muss sich das Menschenwesen unterordnen. Dazu wurden die Eltern manipuliert: "Die Angst, das Kind sonst nicht mehr lenken zu können, wurde den Eltern systematisch ins Bewusstsein gepflanzt. Das Kind sollte möglichst früh lernen, die Welt in Befehlshaber und Gehorchende einzuteilen." (Alberti, S. 155)

"Die Selbstständigkeit des Kindes bestand in der freiwilligen Befolgung von Befehlen der Erwachsenen. Auch diese Maxime gab es noch häufig in den 50er- und 60er-Jahren. Selbstständigkeit war  nicht eigenes Wahrnehmen, Denken und Fühlen, sondern Gehorchen aus freiem Willen. (…) Dadurch gehörte der innere Schmerz der inneren Leere unvermeidbar zum Leben dazu. An viele Kinder der in den 50er- und 60er-Jahren Geborenen wurde dies unreflektiert von ihren bindungstraumatisierten Müttern und Vätern weitergegeben. Die Suche nach Erlösung aus innerer Einsamkeit, aus Schuldzuweisung und Versagen, aus dem Bemühen, liebenswert zu sein und es besser zu machen, kennen viele der heutigen Erwachsenen." (Alberti, S. 157)

Erstaunlicherweise wurde die letzte Auflage dieses autoritären Erziehungsratgebers 1986 gedruckt, dessen Quintessenz in folgendem liegt: in "der konsequenten Nichtbefriedigung früher Bindungsbedürfnisse, der Missachtung und Verleugnung der Seele von Kindern und Jugendlichen, daraus folgender Erzeugung eines schmerzlichen seelischen Hungers, der nach Erlösung suchte, und der Überführung der Sehnsucht in ein Kollektiv, das Halt, Geborgenheit und Anerkennung endlich zu geben versprach." (Alberti, S. 163)

"Funktionieren blieb ein Wert, der die Kriegskinder-Generation in ihrem viel zu frühen Erwachsenwerden gebunden hielt." (Alberti, S. 171)

Damit erkennen wir eine wichtige Wurzel des Funktionsmodus, der unsere Zeit tief imprägniert hat. Von Anfang an wird gezielt an dem Aufbau von chronischem Stress gearbeitet, der die Grundlage für eine Haltung bildet, die nur in der richtig erbrachten Leistung eine Überlebenschance sieht.

Offensichtlich haben die Nationalsozialisten diese Maschinisierung des Menschen nicht erfunden. Sie knüpften an eine Tradition der Instrumentalisierung der Kinder an, die weit in der Geschichte zurückreicht und eine besondere Verschärfung durch das militarisierte Preußentum erfahren hat. Der Nationalsozialismus hat sie mit der Verachtung von Minderheiten und der konsequenten Vorbereitung auf einen Vernichtungskrieg verbunden.


Literatur:
Bettina Alberti: Seelische Trümmer. Geboren in den 50er und 60er Jahren: Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas. München: Kösel Verlag 2010
Gregor Dill: Nationalsozialistische Säuglingspflege. Eine frühe Erziehung zum Massenmenschen. Stuttgart: Enke 1999
Sigrid Chamberlain: Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Gießen: Psychosozial 2000

Freitag, 27. Juni 2014

Funktions- und Flussmodus

In Analogie zu den zwei Kategorien von Wahrheit können wir zwei Weisen der Lebensführung unterscheiden. Ich möchte sie Funktionsmodus und Flussmodus nennen. Der Funktionsmodus ist den relativen Wahrheiten und der Flussmodus den absoluten zugeordnet. Das bedeutet, dass wir uns im ersten Fall auf die relativen Erkenntnisse und Erfahrungen stützen, die wir im zweiten Fall zwar auch benutzen, aber in ihrer Relativität erkennen, sodass wir von ihnen nicht abhängig sind.

Der Funktionsmodus ist die Grundeinstellung, die uns in Extremzuständen und Bedrohungssituationen am Leben erhält. Menschen, die eine schwere Traumatisierung erlitten haben, berichten manchmal, dass sie sich nach dem Unfall oder der Katastrophe wie Roboter oder Zombies bewegt haben, eingeschränkt in der Wahrnehmung und in den Handlungsmöglichkeiten, aber dennoch, auf das Notwendigste reduziert, fähig, sich in der Welt zu bewegen.

Es dominieren die Anforderungen der Außenwelt. Sie sagen uns, was zu tun und was zu lassen ist. Wir mischen dazu die Ingredienzien unseres inneren Funktionsapparats - unsere Ängste und Begierden, unsere Prägungen und Muster. So ist immer klar, was getan werden soll, wie bei einer gut kalibrierten Maschine. Nur ungewohnte und überraschende Situationen erzeugen Unsicherheiten und Verwirrung. Hier muss der Funktionsapparat eine neue Variante erlernen und abspeichern, um wieder sicheren Boden unter den Füßen zu gewinnen. "Das kenne ich schon, das habe ich schon einmal überstanden." Das eigene Repertoire wird vergrößert und das Territorium für das Sicherheitsdenken kann sich erweitern.

Aufgrund verschiedenster Traumatisierungen, die wir in früher oder frühester Zeit erlitten haben, verfügen wir alle über solche Überlebensprogramme in unterschiedlicher Machart. Der Grundstress, der sich als Folge der Nichtverarbeitung der Traumen in uns chronifiziert hat, mobilisiert diese Mechanismen permanent, sodass das Leben aus dem Funktionsmodus für die meisten Menschen die Regel und das Leben aus dem Flussmodus die Ausnahme darstellt. Wir beklagen uns über die Mühsal, den Stress, die Langeweile und die Monotonie unseres Lebens, über die lästigen Widernisse des Alltags. Dabei mischen wir, ohne es zu merken, Grautöne in die Buntheit unserer Erfahrungen, und in deren Abläufe weben wir Bleifäden hinein, die uns selbst dann schwer werden lassen. Das gibt uns dann wieder Grund fürs Klagen und Jammern.


Leben im Fluss


Leben im Fluss heißt, dass das Leben sich selbst reguliert. Impulse kommen von außen und von innen und lenken die Handlungen. Es ist ein Leben in der Verbindung nach innen und nach außen, mit den Erfordernissen des jeweiligen Moments. Die Wahrnehmung ist offen und frei, nimmt also ohne Abwehr und Zensur auf, was sich gerade darbietet und was wir für unsere Orientierung benötigen. Eins folgt aufs andere, nichts davon muss als besser oder schlechter bewertet werden, und wir können uns an den kleinen Dingen wie an den großen gleichermaßen erfreuen.

Die Handlungen schöpfen aus einem unendlichen Reservoir an Möglichkeiten und brauchen keine Stereotypien oder vorgeprägte Muster. Leben aus der Kreativität ist ein anderer Ausdruck für den Flussmodus. In jedem Moment entfaltet sich eine noch nicht dagewesene Schönheit.


Überlebensstrategien


Da wir von früh an gelernt haben, den Überlebensmodus zu perfektionieren, fühlen wir uns in ihm am sichersten. Er ist uns vertraut und arbeitet einigermaßen zuverlässig. Wir verhalten uns vorhersagbar und berechenbar. Wir brauchen und verlangen es auch von den Mitmenschen, dass sie sich so verhalten. Deshalb gehört zum Funktionsmodus ein riesiger Werkzeugkoffer an Kontrollmechanismen und Manipulationsspielen.

Zunächst bauen wir diese Strategien in uns auf, um von früh an unsere Emotionen zu regulieren, je nachdem, wie wir besser damit zurechtkommen: introvertiert in Richtung Depressivität, extrovertiert in Richtung Aggressivität. Der Sinn der Selbstkontrolle liegt darin, die Außenwelt zu kontrollieren, sodass sie uns möglichst wenig bedroht. Wenn wir uns selber kontrolliert verhalten, hoffen wir darauf, dass wir damit die Umwelt, die anderen Menschen am besten in Schach halten können. Wir schützen uns vor Gefahren, indem wir uns selbst berechenbar machen. Ich tue dir nichts, tue du mir auch nichts. Ich verhalte mich brav, und da du dich dadurch sicher fühlen kannst, verhalte dich auch so.

Der Apparat an Normalität, der sich mit der Zeit in uns anhäuft und den wir als Rucksack mit uns schleppen, ist unser Überlebensgepäck. Wir streben danach, ihn zu perfektionieren. Wir wollen uns vollständig mit ihm identifizieren und müssen ihn um jeden Preis verteidigen. Niemand darf ihn wegnehmen, niemand darf ihn in Frage stellen. Sonst wären wir verloren. Denn wir sind ja dieser Apparat.


Die anscheinend normale Persönlichkeit


ANP ist eine Abkürzung aus dem Bereich der Psychotraumatologie und bezeichnet die  "anscheinend normalen Persönlichkeitsteile", die ein angepasstes Verhalten in der Gesellschaft trotz Traumatisierung ermöglichen. Die EPs, die "emotionalen Persönlichkeitsteile", die starke Gefühle, intensive Impulse und ungewöhnliche Körperzustände beinhalten, schränken die Normalität ein und bewirken, dass die Person in Situationen, die die Traumareaktion auslösen, "unnormal" reagiert.

Die Welt des Funktionsmodus benötigt solche "anscheinend normale Persönlichkeiten", die im enggesteckten Rahmen der vorgegebenen gesellschaftlichen Erwartungen ihre Aufgaben erfüllen. Die "Ausrutscher", die von einem emotionalen Persönlichkeitsteil gesteuert werden, werden bis zu einem gewissen Ausmaß toleriert. Wenn es zu arg wird, nach dem Überschreiten bestimmter Grenzen, wird die Person ins Abseits der Gesellschaft verbannt, als Alkoholiker, Psychopath oder Versager.

Das ist das Prekariat des Funktionsmodus: Die Bandbreite, innerhalb derer er sich entfalten kann, ist eng gesteckt. Die Leistungsgesellschaft fordert ein hohes Maß an Funktionalität und Angepasstheit.

Toleranz ist kein hoher Wert in System des Funktionsmodus. "Jede Nachsicht hat einmal ihre Grenze". Darum ist die Anstrengung groß, die aufgewendet werden muss, um im vorgegebenen Rahmen zu bleiben. Sie geht in zwei Richtungen: Die innere Unterwelt zu kontrollieren, sodass die Emotionalität im Toleranzrahmen bleibt, und die Außenwelt zu kontrollieren, sodass sie die emotionalen Ausreißer toleriert - im Fall des Alkoholikers die Exzesse einerseits möglichst gering zu halten und andererseits möglichst gut zu verbergen.


Eltern und Kinder


Eltern bringen ihren Funktionsrucksack in die Elternschaft mit ein. Selbstverständlich gehen sie davon aus, dass die Kinder in ihre Form der Weltbewältigung hineinwachsen, um selber einmal gut funktionieren zu können. Zwar kann die Spontaneität und Lebendigkeit der Kinder ein Stück des Fließens wachrufen. Doch die Erfordernisse der Erziehung, Versorgung und Förderung der Kinder nehmen allzu leicht überhand und überprägen den Alltag des Zusammenlebens und Aufwachsens mit Funktionalität

Mit dem Größerwerden der Kinder wird das zu einem häufigen Thema: Die Eltern haben sich mit ihrer Lebensform angefreundet und abgefunden - wie man denkt, wertet und handelt. Andere Lebensformen werden als falsch und verfehlt bewertet. Kinder wachsen mit einem Gefühl der Selbstverständlichkeit auf, was diese elterlichen Lebensformen anbetrifft. Sie glauben, dass so das Leben ist, dass Menschen so und nicht anders miteinander umgehen, dass dies gegessen wird und anderes nicht, dass über dies geredet wird und über anderes nicht usw.

Je mehr sie sich selber entdecken und spüren lernen, desto mehr erwacht in ihnen die Rebellion gegen diese vorgegebene Lebensform der Eltern. In der Rebellion verbirgt sich ein tiefes Wissen um die Unstimmigkeit und eine Sehnsucht nach dem Fließen, das viele Eltern schon längst aufgegeben haben. Deshalb wählen Jugendliche häufig ganz abwegige und heftige Formen der Neuorientierung und des Ausbrechens aus der Enge der elterlichen Lebensentwürfe, und die Konflikte, die daraus erwachsen, wachsen sich mitunter zu intensiven Zerwürfnissen aus.


Das Alte im Neuen


Letztlich dann findet jede neue Generation wieder zu einem Ausgleich zwischen dem Alten und dem Neuen, in einer nicht wirklich neuen Form des Funktionsmodus. Es ist die Resignation nach dem verzweifelten Bemühen, die Freiheit des Fließens zu finden und immer wieder zu scheitern, wie im Kater nach dem Besäufnis, das die Befreiung versprochen hatte.

Denn der Flussmodus zeigt sich jenseits der Konfliktlinien. Die Abgrenzung von einer Lebensform bindet insgeheim an diese, und in dieser Bindung ist nur die Etablierung des Gegenteils des Alten möglich, womit dieses im Neuen weiterlebt. Erst wo Friede herrscht im Inneren, kommt das Fließen wieder und umfängt mit seinem Zauber.


In den Fluss kommen


Die Atmung ist eines der Werkzeuge, die wir zur Selbstkontrolle verwenden. Wir lernen sie einzuschränken und damit unsere Lebendigkeit auf ein normiertes Maß zu reduzieren. Wir dürfen über keine Stränge schlagen und sollen niemanden auf die Nerven gehen.

An der Atmung können wir gut erkennen, in welchem Modus wir gerade sind. Jede Anspannung der Atmung weist darauf hin, dass wir vom freien Lebensfluss abgeschnitten sind und nur mehr funktionieren. 

In der befreiten Atmung vollzieht sich das Leben selbst, ohne Dazwischentreten von Konzepten und Normen, ohne Überformung durch relative Wahrheiten. Im Fließen sind wir mit der unaussprechlichen absoluten Wahrheit im Einklang. Da gibt es keine Zweifel mehr, und jede Frage ist schon beantwortet.

Jeder Moment, den wir im Flussmodus verbringen, gibt unserem Leben Qualität. Was es braucht, ist die Bewusstheit, die uns darauf aufmerksam macht, wenn wir in den Funktionsmodus gekippt sind, sodass wir die Wahl haben, in das Fließen zurückzugleiten.


Link zu "Anscheinend normale Persönlichkeitsteile"