Freitag, 24. Januar 2020

Krieg und Scham

Kriege erzeugen Lawinen an Scham – und sie werden aus Gründen der Scham begonnen und geführt. In allen Rechtfertigungskonstruktionen für Kriege geht es um eine verlorene oder bedrohte Ehre, die wiederhergestellt werden muss, also um eine Beschämung, die durch Gewalt aufgehoben werden soll. Kriege sollen Scham wiedergutmachen, ohne dass bemerkt wird, wieviel neue Scham durch die Gewaltanwendung ausgelöst wird. Außerdem wird übersehen, dass im Fall des Sieges der Feind durch die Niederlage beschämt wird und deshalb, zur Wiederherstellung der eigenen Ehre, nach Revanche trachtet. 


Freundschaft und Feindschaft


Es wird deshalb übersehen, weil es nur im Spiel nicht beschämend ist, jemanden zu besiegen. Im Spiel regiert entweder das Glück und der Zufall oder die bessere Leistungsfähigkeit in einer bestimmten Dimension, z.B. beim Schachspiel. Die Regeln sind überschaubar und vorher definiert. Spielerisch lernen wir, Niederlagen und Siege zu verkraften (also mit der Beschämung umzugehen) und uns selber besser einzuschätzen. Außerdem spielen wir mit Freunden, und Spiele stiften und vertiefen Freundschaften.

Der Krieg beruht auf dem Konzept der Feindschaft und nutzt die Anfälligkeit der Menschen für die Aktivierung von existenzielle Bedrohungen. Wir alle verfügen über Angstspeicher, die unsere Überlebensängste enthalten. Wenn die entsprechenden Schlüsselreize auftreten, spulen sich die angstgesteuerten Programme ab und bewirken, dass die Außenwelt als feindlich erlebt wird. Auf diese Weise können aus friedlich nebeneinander lebenden Nachbarn und Freunden Feinde werden. Die Entfesselung der Überlebensängste bewirkt die Bereitschaft zur Gewalt. Was mein Überleben bedroht, muss vernichtet werden.

Krieg kann es nur geben, wenn genügend Menschen in diesen Bedrohungszustand versetzt werden. Im Sinn der Polyvagaltheorie muss die vagale Bremse übersprungen werden, sodass die Energien des sympathischen Nervensystems voll zum Tragen kommen. Mitmenschen werden dabei in Feinde verwandelt, sie werden von harmlosen Zeitgenossen zu potenziellen Bedrohern des eigenen und des kollektiven Lebens. Die von der Kriegspropaganda angestiftete Kriegshysterie führt dazu, dass die Bedrohungsszenarien viral werden, von einer Person zur anderen übertragen werden, bis die ganze Gesellschaft infiziert ist. Das war in vielen beteiligten Ländern die Stimmung zu Beginn des 1. Weltkriegs, wie in vielen Augenzeugenberichten überliefert wurde.

Kriegsbedingte Persönlichkeitsdeformationen


Die Realität des Krieges führt zur Ernüchterung und zur Konfrontation mit der Scham. In vielfacher Weise deformieren die kriegerischen Handlungen und Erfahrungen das Selbstbild der beteiligten Menschen. Sie müssen das Freund-Feind-Schema in ihr ganzes Wesen implantieren. Es darf nichts dazwischen geben. Es muss Eindeutigkeit herrschen: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Die Fremden müssen umgebracht und die Eigenen geschützt werden. Damit schließt sich die Gruppe in der Gegnerschaft nach Außen fester zusammen, und im Inneren der Menschen wird das eigene Böse abgespalten und nach außen projiziert. Das eigene Handeln wird gerechtfertigt, auch wenn es den eigenen Werten widerspricht, da ja das Böse bekämpft wird.

Die Scham ist der unweigerliche Wächter vor jedem Selbstbetrug und markiert den Preis, der für jede Projektion bezahlt werden muss. Jeder Verlust der inneren Substanz, die mit Integrität bezeichnet wird, führt zu einem Schamgefühl. Wenn wir uns selbst verraten, schämen wir uns. Die Beteiligung an Kriegshandlungen geht nicht ohne diesen Selbstverrat, und entsprechend ist die Belastung mit Scham. Da es die massive Überlebensangst im Krieg nicht zulässt, diese Scham zu spüren, muss sie abgewehrt und umgewandelt werden. Eine häufige Umwandlung besteht in der Beschämung der Gegner. Von frühmittelalterlichen Kriegen ist überliefert, dass sich die Parteien lauthals gegenseitig beschmäht und beschimpft haben, bevor sie aufeinander losgegangen sind. Kriegsverbrechen sind ein Ausfluss der Schamabwehr.


Die Kriegsfolgen


Was bleibt nach dem Krieg? Ursprünglich hieß es, dass jeder selber mit seinen Erfahrungen zurechtkommen muss, außer Feiglingen und Hypochondern. Dann wurde deutlich, dass Kriegstraumatisierungen massive physiologische und psychologische Folgen haben und behandelt werden müssen. Die Wichtigkeit des Augenmerks auf die mit den Traumatisierungen verbundene Scham ist noch wenig bewusst. 

Aber das Ausmaß an vernichteten Menschen und Gütern bewirkt das Ausmaß an Scham. Bei den Verlierern senkt sie den Blick, bei den Siegern hebt sie ihn hoch. In beiden Fällen wird der Blick in den Spiegel vermieden: der Blick auf das eigene Versagen und auf das eigene Böse, der Blick, der am schwersten auszuhalten ist. 

Es gibt also keinen wirklichen Sieg nach einem Krieg, sondern nur unterschiedliche Formen der Beschämung. Kriege enden in der Regel durch die Erschöpfung, und wer weniger erschöpft ist, hat gewonnen. Alle kommen mit schmutzigen Händen aus dem Krieg zurück. Doch der Schmutz, der da klebt, ist die Scham, und die kann nicht einfach abgewaschen werden. Sie kann nur durch ein ehrliches und schonungsloses Erzählen und ein empathisches und nichtwertendes Zuhören gelöst werden. Jede Lüge, jede Vertuschung, jede Verherrlichung und jede Verdrehung von Fakten verhindert die Lösung und vertieft die Scham.


Kapitalismus statt schamgetriebene Machtpolitik


In Mitteleuropa wurde nach dem 2. Weltkrieg eine neue Erzählung versucht, die die Mechanismen der durch die Beschämung ausgelösten Rache außer Kraft setzen sollten. Angesichts der kolossalen Zerstörungen und der gescheiterten Ideologien blieb nur ein Neuanfang, der die Logik des Kapitalismus über die Logik der Machtpolitik stellte, indem man bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft durch wirtschaftliche Zusammenarbeit sicherstellen wollte, dass Kriege unwahrscheinlicher werden. Das Kalkül ist bis heute aufgegangen und hat den größten Wirtschaftsraum in einem Gebiet geschaffen, das seit Jahrtausenden Schauplatz zahlloser Kriege war.   

So erfolgreich diese Strategie in Hinblick auf die Eindämmung des Krieges und auf die Schaffung von Wohlstand war, so wenig leistete sie für die durch den Krieg ausgelösten psychischen und sozialen Konflikte. Denn die kapitalistische Produktions- und Konsummaschinerie kümmert sich nicht um das Innenleben der Menschen und ebensowenig um ihren Gruppenzusammenhalt. Deshalb leben und weben die Schamkonflikte weiter und erzeugen immer wieder übelriechende Blasen, die aus scheinbar unergründlichen Sümpfen aufsteigen. Der Morast enthält all die unverarbeiteten Schamthemen und Traumatisierungen, die vor Generationen entstanden sind und durch die Verleugnungen und Projektionen weiterwirken und verstärkt werden.


Schamthemen im Kapitalismus


Der Kapitalismus und die in ihm verankerte Gier als Triebkraft haben zusätzlich dazu weitere Schamkonflikte heraufbeschworen, mit noch bedrohlicheren Auswirkungen als alle bisherigen Kriege: Die globale Ungerechtigkeit und Ungleichheit, was Lebenschancen anbetrifft, und die voranschreitende Zerstörung der Biosphäre auf unserem Planeten. Und wir wissen bis dato nicht, welche Kriege durch die soziale Schieflage und durch die Verknappung der Lebensgrundlagen noch drohen können. Diejenigen, die am meisten davon betroffen sind, sind am stärksten mit der Beschämung konfrontiert, die diese Umstände auslösen. Die Erkenntnis, dass es sich die Wohlhabenden und Reichen immer besser richten können als die Minderprivilegierten, löst Scham und Hass aus.

Deshalb ist es die zentrale Aufgabe der reichen und privilegierten Länder und Gesellschaften, zum globalen sozialen Ausgleich und zum Schutz der Lebensgrundlagen alles in ihren Kräften Stehende beizutragen, statt überproportional fortgesetzt beide Bereiche zu verschlechtern. Nur so kann das Ausmaß an Beschämung und damit das Risiko künftiger gewaltsamer Konflikte verringert werden.

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