Posts mit dem Label Kindheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kindheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 29. Juli 2024

Das Erlernen der Demokratie in der Kindheit

Die Kindheit ist politisch, lautet der Titel eines Buches, in dem die Kindheit von Gewalttätern und Diktatoren beschrieben ist*. Das Resultat verwundert nicht: All die Personen, die im späteren Leben zu Gewalttätern, Menschenverächtern und brutalen Herrschern wurden, hatten eine Kindheit voll von massiven Missachtungen der Grundbedürfnisse und von traumatisierenden Grenzüberschreitungen. Jedes Beispiel in diesem Buch liest sich wie eine Bestätigung der These, dass alle Täter vorher Opfer waren.

Hier gehe ich der Frage nach, ob es an der Kindheit liegt, dass Erwachsene zu Demokraten werden oder dass sie eher zu Diktatoren und autoritativen Machtverhältnissen neigen. Könnte die Kinderstube ein Lernfeld für spätere politische Ausrichtungen sein? Da politische Einstellungen viel mit Gefühlen zu tun haben und Gefühle eine ganz zentrale Rolle in der Kindheit spielen, scheint dieser Zusammenhang nicht abwegig.

Ein Grundgedanke der Demokratie besteht darin, dass alle Mitglieder einer Gemeinschaft gleichrangig an der Willensbildung und Entscheidungsfindung teilhaben. Es sollen die Einzelinteressen gehört und im Ganzen berücksichtigt werden. Zugleich steht das Gemeinwohl im Zentrum aller Beschlüsse. Ein weiteres Element stellt die vorrangige Beachtung der Schwächeren dar. Der Ausgleich zwischen Stärkeren und Schwächeren ist in jedem demokratischen System wichtig. Werden die Unterschiede zu groß, leidet der Zusammenhalt der Gesellschaft. Schammechanismen sorgen dafür, dass die Reichen nicht zu reich und die Armen nicht zu arm werden. Wer Reichtum anhäuft, hat häufig die Tendenz, auch politische Macht anzuhäufen. Um dem entgegenzuwirken, muss in der Demokratie dafür gesorgt werden, dass es eine transparente Grenze zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht geben muss.

Die Demokratie ist ein inklusives System, das versucht, allem seinen gebührenden Rang zu geben, was dazugehört. Sie bietet den weitesten Rahmen für die individuellen Freiheiten, für die Diversität von Lebensstilen und die Vielfalt von Meinungen und Ideen. Ihr Medium ist der Diskurs, der möglichst frei von Herrschaft gehalten werden soll.

Die Haltung der Rücksichtnahme und Berücksichtigung, also des Einschließens all der anderen Mitglieder in den Horizont der Gemeinschaft gelingt nur, wenn es dafür tragfähige Erfahrungen aus der Kindheit gibt. Herrscht in einer Familie ein demokratischer Grundkonsens, dann nehmen Kinder von Anfang an das menschliche Zusammenleben als gleichwertigen Austausch von unterschiedlichen Positionen wahr und können diese Erfahrungen später auf die Gesellschaft und die Menschheit im Ganzen übertragen.

Die Kinderstube der Demokratie

Die Voraussetzung für den erwähnten Grundkonsens liegt darin, dass Kinder von Anfang an als Partner ernstgenommen werden: Partner in der Interaktion und in den Lernprozessen, die mit dem In-die-Welt-Treten des Kindes beginnen, beim Kind und bei den Erwachsenen. Wenn den Eltern klar ist, dass sie so viel vom Kind lernen müssen wie das Kind von ihnen, dann wissen sie, dass sie keine Autorität brauchen, um das Kind in irgendeine Richtung zu erziehen, sondern dass es darum geht, zu erkennen, in welcher Weise sich das Kind entwickeln will, um es bestmöglich dabei zu unterstützen.

Früher verbreitete Auffassungen von Erziehung als Weitergabe von Kenntnissen und Wissen in einem Kompetenz- und Machtgefälle sind nicht mehr zeitgemäß, weil mittlerweile klar ist, dass Wachstum und Lernen eine Atmosphäre von Entspannung brauchen, frei von Macht und Angst. Es gibt zwar einen enormen Unterschied zwischen den Erwachsenen und den Kindern in diesen Bereichen, aber diese Unterschiede sind nicht ausschlaggebend für das Interaktionsgeschehen und das damit verbundene emotionale Lernen. Wenn es sich nur um unterschiedliche Kompetenzen handelt, hat das Kind kein Problem, diese schrittweise zu übernehmen, ohne sich dabei missachtet oder gedemütigt zu fühlen.

Das Erlernen der Unterschiede in der Gerechtigkeit

Demokratie hat viel mit Gerechtigkeit zu tun, ebenso wie das Aufwachsen von Kindern. Die gerechte Behandlung aller Gesellschaftsmitglieder, die Regelung der gesellschaftlichen Abläufe nach den Grundsätzen der Fairness und der Gleichheit aller Mitglieder sind demokratische Grundelemente. Kinder, die unter der Obhut solcher Grundsätze aufwachsen, kommen zu einem intuitiven Verständnis für Gerechtigkeit und Fairness und erwarten sie auch in allen Belangen über  die Familie hinaus. Kinder hingegen, die sich in ihrer Familie ungerecht behandelt oder zurückgesetzt gefühlt haben, entwickeln ein gestörtes Verhältnis zur Gerechtigkeit. Sie glauben überall, dass sie zu kurz kommen und benachteiligt werden. Sie verstehen unter Gerechtigkeit, zu kriegen, was ihnen fehlt, also einen Ausgleich für das Zu-kurz-gekommen-Sein. Da die Benachteiligung auf emotionaler Ebene erfolgt ist, geht sich ein Ausgleich auf einer materiellen Ebene nie aus. Damit verstärkt sich eine Tendenz, Politikern zu folgen, die ein schiefes Bild von Gerechtigkeit propagieren und  realitätsferne Versprechungen machen, die nie eingelöst werden.

Es gibt nach Thomas von Aquin eine kommutative und eine distributive Gerechtigkeit. Die erste Form zielt auf die Gleichbehandlung, etwa nach dem Grundsatz, dass vor dem Gesetz alle gleich sind, und die andere danach, was jedem gebührt oder zukommt, also eine verteilende Gerechtigkeit, die für den Ausgleich zwischen den Stärkeren und den Schwächeren sorgt. Eltern sollen und wollen zumeist ihre Kinder gleich behandeln, was in der Praxis nie aufgeht, weil die Kinder unterschiedlich sind und deshalb auch unterschiedliche Bedürfnisse haben, auf die die Eltern unterschiedlich reagieren müssen. Andererseits wollen die Kinder gleich behandelt werden und fühlen sich unwohl, wenn sie bevorzugt oder benachteiligt werden. Erbschaftsstreitigkeiten entstehen häufig aufgrund einer frühen Ungleichbehandlung zwischen den Kindern, die dann bei der Verlassenschaftsabwicklung lange wirkende Unstimmigkeiten bis Feindschaften zwischen den Nachkommen nach sich ziehen.

Da im Idealfall beide Formen der Gerechtigkeit je nach Bedürfnislage berücksichtigt werden, schwanken die Abläufe in der Familie zwischen diesen beiden Polen. Die Kinder lernen auf diese Weise, das Gleichheitsprinzip und das Ausgleichsprinzip zu unterscheiden und zu verstehen und entwickeln einen ausgewogenen Gerechtigkeitsbegriff. Es kann z.B. sein, dass ein Geschwister häufiger krank ist und deshalb mehr Fürsorge braucht oder dass es schlechter in der Schule ist und mehr Unterstützung in Anspruch nehmen muss. Das andere Kind, das den Eltern weniger Probleme bereitet, braucht dennoch die gleiche Liebe von den Eltern. Sonst fühlt es sich zurückgestellt, ungerecht behandelt und zugleich hilflos, weil es die Notlage des Geschwisters versteht.

Das Erlernen der demokratischen Grundsätze in der Familie ist komplex und hängt stark von den Fähigkeiten der Eltern ab, die beiden Formen der Gerechtigkeit mit den jeweiligen Bedürfnissen und Kompetenzen der Kinder abzustimmen. Kinder, die mit Einfühlung und Respekt aufwachsen, werden im gesellschaftlichen und politischen Kontext zu Demokraten, sie können gar nicht anders. Denn sie erwarten das, was sie in ihrer Familie als Garanten von Sicherheit und Achtung erlebt haben, auch in der Gesellschaft, und sie sind von sich aus bereit, dazu beizutragen.

Kinder hingegen, die in einer Familie aufgewachsen sind, in der emotionale Versorgung und Rücksichtnahme mangelhaft war, neigen dazu, die Frustrationen und Traumatisierungen auf die Gesellschaft und auf die Politik zu projizieren und von diesen Instanzen zu erwarten, dass sie dem persönlichen Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, abhelfen. Sie bringen kein Grundverständnis für die Demokratie mit und misstrauen deshalb leicht den demokratischen Abläufen und Entscheidungsprozessen. Sie neigen dazu, Politikern zu vertrauen, die dieses Misstrauen teilen und sich als lautstarkes Sprachrohr für alle mögliche Frustrationen und gegen alle Missstände verstehen und sich zugleich als die einzig wirksamen Erlöser präsentieren.

Literatur:
* Sven Fuchs: Die Kindheit ist politisch (Heidelberg: Mattes-Verlag 2019)

Zum Weiterlesen:
Demokratie in der Krise?
Demokratie und Gefühle
Die Verharmlosung von Diktatoren und die Demokratie

 

Donnerstag, 16. Juni 2022

Kindsein und Erwachsenensein

Die Kindheit ist eine begrenzte Phase, sie endet spätestens mit der Volljährigkeit, zumindest offiziell und dem Gesetz gemäß. Die Zeit des Spielens ist vorbei, der Ernst des Lebens beginnt, so lautet die traditionelle Richtschnur für diesen Übergang, der in der Regel den Abschied vom Elternhaus und die Begründung des eigenen Lebens unabhängig von den Bedingungen des Herkommens beinhaltet. 

Wir wissen zwar, dass wir in manchen Situationen emotional in die Kindheit zurückfallen, wenn wir uns z.B. maßlos über etwas ärgern oder an kleinen Dingen des Lebens verzweifeln oder bestimmte Gewohnheiten, die wir eigentlich loswerden wollen, nicht überwinden können. Wenn uns dringende Bedürfnisse plagen, können wir ungeduldig wie Kleinkinder werden. Wir sehen diese Rückfälle aber als Ausnahmen von der Regel und fühlen uns im Allgemeinen als Erwachsene, die die Kindheit schon lange hinter sich gelassen haben. Meistens sind solche Erlebnisse mit Scham gepaart, sie sind uns peinlich. Schließlich wollen wir als voll kompetente Erwachsene gelten, die sich keine Ausrutscher leisten und alle Dinge des Lebens gut im Griff haben. Wir wollen auch so von unseren Mitmenschen gesehen werden und erwarten, dass wir auf diese Weise und nur auf diese Weise Achtung und Respekt bekommen. Das Kindliche bezeichnen wir als kindisch, also als einen Mangel an Erwachsenensein und Reife. 

Wirkliches und reifes Erwachsensein ist dagegen inklusiv, indem es das Kindsein nicht ausschließt, sondern mit umfasst. Diese Haltung speist sich aus der Gesamtheit der Vorerfahrungen, bei denen jene aus der Kindheit eine besondere Bedeutung tragen. Wir sind in Frieden mit den Schwierigkeiten aus unserer Lebensgeschichte und nehmen aus jeder Lebensphase wertvolle Ressourcen für die Bewältigung der Alltagsherausforderungen mit. Solange wir einen Gegensatz zwischen dem Kindlichen und dem Erwachsenen für uns festhalten, sind wir mit unserer inneren Kindseite nicht versöhnt. 

Wenn wir hingegen das Kindsein als integralen  Bestandteil des Erwachsenenseins erkennen und verkörpern können, verfügen wir über einen offenen Zugang zu lebenswichtigen Quellen für Lebendigkeit und Kreativität in unserem Inneren. 

Werden wie die Kinder

„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen“ (Mt 18,3). Vielleicht können wir diese Bibelstelle so verstehen: Wenn ihr es nicht schafft, im Moment zu sein und von Moment zu Moment das Leben neu zu erfinden, werdet ihr kein Glück finden. Ihr werdet getrieben sein, den Idealen des Erwachsenseins nachzulaufen mit dem Gefühl, sie nie zu erreichen und zu erfüllen. Wenn ihr dem Kindlichen keinen Raum in eurem Innenleben gebt, findet ihr keine Ruhe.

Das Kind ist der Vater des Mannes

Dieser bekannte Satz von William Wordsworth (1802) wird so verstanden, dass das Kindsein eine prägende Wirkung auf das Erleben und Verhalten der Erwachsenen ausübt. Wir sind in gewisser Weise Produkte unserer Kindheitserfahrungen und der in dieser Zeit widerfahrenen Traumatisierungen. In dem Sinn, wie wir von unseren Vätern und Müttern gelernt haben, ist es wichtig, dass wir aus dieser Erfahrungsmenge lernen. Das Herauswachsen aus den kindlichen Prägungen ist die Arbeit des Reifens. Es besteht im bewussten Zurücklassen der vergangenen Erfahrungen und im Herausschälen der eigenen Identität, indem die elterlichen Erwartungen distanziert werden und die eigenen Ideale und Werte gefunden und gelebt werden, die ihre Wurzeln im kindlichen Welterfahren haben. 

Das innere Kind

Das „innere Kind“ ist keine Instanz, die nur in der Vorstellung existiert und in der Therapie genutzt wird, um verletzte und traumatisierte Anteile der Seele aufzuarbeiten. Vielmehr ist es ein permanent wirksamer Aspekt von uns selbst,  also ein wichtiges Element des Erlebens und Verhaltens. Es ist ein ganz zentraler Teil unserer Geschichte, aus den Jahren, in denen wir die emotionale Basis für den Rest unseres Lebens gebildet haben. Da wir nichts anderes sind, als das vorläufige Ergebnis dieser Geschichte, gehört es ganz intim zu uns. Es ist lebendig in allen Gefühlsregungen, in unserer Intuition, in unserer Neugier und Spielfreude.

Erwachsenwerden

Erwachsenwerden ist eine komplexe und langwierige Geschichte, die vermutlich ein Leben lang dauert. Es ist in dem Maß erfolgreich, in dem das Kindsein mitschwingen und mitwirken darf. Wenn das der Fall ist, bleiben wir in Balance zwischen Verantwortung und Flexibilität, zwischen Ernst und Leichtigkeit, zwischen Disziplin und Spontaneität. Wenn eine Seite zu stark überwiegt, kommen wir nicht weiter, sondern stecken entweder in einer Verbissenheit fest oder verlieren uns in Zerfahrenheit und Beliebigkeit. „Das Leben ist ein Kampf“: Das ist ein Satz aus dem verkrampften Erwachsenen-Ich, das auf das Kind vergessen hat. Erwachsensein ist so lange mühsam und anstrengend, als es den Bezug zum Kindlichen verloren hat und es nur mehr als kindisch abwertet.

Erwachsensein ist ebenso vielschichtig und mehr ein Projekt in Entwicklung als ein dauerhafter Zustand. Es muss in jedem Moment neu erfunden und neu gestaltet werden. Es beinhaltet die Reflexion, also die Selbstüberprüfung und Evaluierung. Teil dieser Selbsteinschätzung sollte immer auch sein, ob das Kindsein einen gebührenden Platz einnimmt und immer wieder zum spielerischen Umgang mit den Herausforderungen des Erwachsenseins einladen darf.

Das Erwachsenwerden ist nur in dem Maß möglich, in dem die Fundamente in der Kindheit dafür gelegt und ausreichend versorgt wurden. Wer unter materiellem Mangel leiden musste, kann sich als Erwachsener mit eigenen Kräften für den Aufbau eines guten Lebens einsetzen.  Wer emotionalen Mangel erlitten hat, wird sich schwer tun, auf dieser Ebene erwachsen zu werden. Er wird versuchen, den Mangel in Beziehungen auszugleichen und die Verantwortung für diesen Mangel nach außen auslagern, also anderen Menschen umzuhängen. Doch diese Strategie ist selber mangelhaft. Nur die verantwortungsvolle innere Auseinandersetzung mit den unerfüllten Bedürfnissen und offenen Gefühlszyklen holt die Entwicklungsversäumnisse nach und bessert das Fundament aus, wo es nicht stabil genug ist.

Verantwortungsübernahme

Erwachsensein hat mit Verantwortungsübernahme zu tun. Kinder tragen keine oder nur wenig Verantwortung für ihr Leben. Kindsein heißt, dass immer jemand anderer da ist, der dafür sorgt, dass alles, was zum Leben notwendig ist, vorhanden ist, materiell und emotional. Die Erziehung besteht darin, den Kindern immer mehr Verantwortung zu übertragen, bis sie diese ganz selber übernehmen können. Dann hat die Erziehung ihr Ziel erreicht und wird überflüssig. 

Die Erwachsenenverantwortung ist umfassend. Sie bezieht sich auf alles, was wir erleben, ob es unserem Tun oder Erfahren entspringt. Wir haben die Verantwortung für unsere Gefühle und Reaktionsweisen, für unsere Handlungen und ihre Folgen und für die Beziehungen, in denen wir leben.

Mit dieser Verantwortung verbunden ist die Autonomie. Sie bedeutet, sich selber die Regel geben zu können und sich daran zu halten. Erwachsene haben ein klares Verhältnis zur Selbstdisziplin und legen selbst die Prioritäten in ihrem Leben fest. Sie treffen die Entscheidungen, die für sie stimmen und an die sie sich dann halten. Sie geben sich die Orientierung in ihrem Leben selbst und legen die Werte fest, nach denen sie sich ausrichten. Sie passen ihre Orientierung immer wieder an die äußeren Gegebenheiten und ihre Erfordernisse an. Die dafür notwendige Disziplin muss aber nicht stur sein, sondern kann sich, wenn der Einfluss des Kindlichen zur Mitwirkung eingeladen ist, geschmeidig an die unterschiedlichen Situationen anpassen. 

Das Erwachsensein, das ein gutes Verhältnis zum Kindsein hat, hat ein klares Bewusstsein für das Spielerische, das immer dort zu Hilfe gerufen werden kann, wo die Erwachsenenlogik an ihre Grenze stößt und ein neuer Zugang die Verwirrung oder Verkrampfung lösen kann. Wenn das Erwachsenen-Ich mit der Wirklichkeit zu kämpfen beginnt, sollte das kindliche Ich einspringen und mit seiner Leichtigkeit und Fröhlichkeit das Spielerische beisteuern, das noch jeden Karren aus dem Dreck gezogen hat.

Zum Weiterlesen:
Das Kind in uns
Der Raub des Selbst
Der Narr


Montag, 10. Dezember 2018

Empfindlichkeiten in Beziehungen

Warum können uns nahestehende Menschen besonders leicht und besonders stark kränken? Warum reagieren wir bei den Menschen, die wir am meisten lieben, besonders empfindlich?

Je mehr Zeit wir mit anderen Menschen verbringen, desto mehr werden diese Beziehungen mit Projektionen aufgeladen, natürlich immer wechselseitig. Auf nahestehende Personen übertragen wir unsere unerfüllten Bedürfnisse, emotionalen Mängel und Frustrationen. Besonders stark sind diese Tendenzen bei Intimbeziehungen, denn dort wiederholen wir eine Intimität, die wir ganz früh in unserem Leben mit unserer Mutter und vielleicht auch mit unserem Vater hatten. Gerade aus diesen frühen Nahebeziehungen stammen unsere tiefsten Verletzungen und Missachtungen, die wir dann speziell mit Beziehungspartnern wie in einem Theaterstück wiederbeleben. 

Dazu kommt ein pragmatischer Gesichtspunkt: Die Menschen, mit denen wir am meisten Zeit verbringen, sollten besonders nett sein, denn wir wollen eine angenehme Zeit mit ihnen verbringen. Wenn sie uns kränken, befürchten wir, dass das immer wieder passieren könnte und damit unser Alltag zur Hölle wird. Deshalb reagieren wir schnell und heftig, um dieser Tendenz sofort Einhalt zu gebieten.

Außerdem sammeln unser Unbewusstes gerne mit den Menschen in unserer Umgebung ganze Archive von Kränkungsgeschichten mit allen Details aus all den Jahren. Unser Angstgedächtnis speichert akribisch, was uns irgendwann angetan wurde, und stellt es sofort mit all den dazu gehörigen Gefühlen zur Verfügung, sobald sich eine auch nur entfernt ähnliche Situation einstellt. Deshalb neigen wir dazu, bei kleinen Kleinigkeiten allzu leicht unsere mit alten Geschichten vollgefüllten Kränkungskisten zu öffnen, die ihren Inhalt mit unangemessener Heftigkeit in die gegenwärtige, möglicherweise ziemlich harmlose Situation hineinschwemmen.

Empfindlichkeiten als Zeichen von Selbstwertmangel


Je vielfältiger die möglichen Auslöser für Beleidigungen bei jemandem sind und je häufiger sie auftreten, desto schwächer ist das Selbstwertgefühl der betreffenden Person ausgeprägt. Menschen, die sehr an sich selbst zweifeln, neigen dazu, sich sofort in Frage gestellt zu fühlen, wenn sie irgendwo eine Ablehnung auch nur vermuten. Oft stellt sich heraus, dass es von anderen Personen gar nicht so gemeint war. Aber der Verdacht kommt leicht und schnell, dass andere einen selbst nicht mögen könnten und kritisch einschätzten. Menschen mit dieser Disposition haben ihre Sensoren auf Ablehnungsreize geschärft und scannen permanent die Umwelt nach möglichen Anzeichen für eine Zurückweisung ab. „Kleinigkeiten“ können dann schon die Kränkungsreaktion auslösen und eine Wunde im Emotionalkörper erzeugen oder reaktivieren. Allerdings meint die betroffene Person in so einem Fall überhaupt nicht, dass es eine Kleinigkeit ist, sondern ist überzeugt von der Gravität der Ungerechtigkeit oder Respektlosigkeit ebenso wie von der Angemessenheit der Intensität ihrer Reaktion darauf.

Es wirkt, als hätte die Außenhaut bei diesen Menschen viele Löcher, in die alle möglichen Widrigkeiten von außen sehr schnell tief nach innen eindringen. Oder, um ein anderes Bild zu versuchen, als wäre die Haut so dünn, dass sie leicht von Außenreizen durchbrochen werden kann wie von vergifteten Pfeilen. Jedenfalls kommt es zum Kippen von der Selbstmächtigkeit in die Ohnmacht, sobald die zerstörerische Kraft der Kränkung in das innere System eindringt, ähnlich wie ein Virus, der das Immunsystem überwunden hat und sich nun unbeschränkt vermehren und ausbreiten kann.

Und jede ablaufende Kränkungsgeschichte samt den mit ihnen verbundenen Gefühlsverläufen fügt dem Selbstwertkonto einen weiteren Minuspunkt hinzu. Wir sollten es doch endlich geschafft haben, uns nicht über jede Misslichkeit gleich so maßlos aufzuregen und jede kleine Unbedachtheit unserer Mitmenschen mit so viel Wut oder so viel beleidigtem Rückzug zu erwidern. Wir sind unzufrieden mit unseren Mitmenschen, die uns da kränken und wir sind unzufrieden mit uns selber, weil wir wieder darauf hereingefallen sind. Damit trennen wir uns noch mehr von uns selber ab und verlieren noch mehr an Selbstachtung.

Die Kränkungsabwehr


Es gibt auch die vermeidende Reaktionsvariante auf Kränkungen, die darin besteht, die eigene Verletztheit infolge einer ungerechten Kritik oder eine offensichtlichen Missachtung nicht zu zeigen und scheinbar nach außen die überlegene Rolle dessen zu spielen, dem nichts etwas anhaben kann. Sie geben sich den Anschein, über den Bosheiten ihrer Mitmenschen zu stehen.

Kränkungsunempfindliche Personen sind nicht automatisch selbstwertstärker. Auf einer subtilen Ebene rächen sich Menschen, die sich immer überlegen und unverletzbar zeigen (müssen), bei denen, die sie verletzen, mit Verachtung. Sie folgen dem Motto: „Wenn du dich so aufführst, hast du dich selbst als Mitmensch disqualifiziert. Ich nehme dich nicht einmal soweit ernst, dass ich mich von dir beleidigen lasse.“ Wenn jemand dieses Reaktionsmuster ausspielt, geht er in die Rolle eines Adelsangehörigen der vornehmen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, der sich nur mit Seinesgleichen duellierte, während alle, die weniger hochwohlgeboren waren, selbst im Fall einer ehrenrührigen Beleidigung nicht satisfaktionsfähig waren, also wegen ihres minderen Ranges nicht einmal als Duellgegner geachtet wurden.

Mit dieser Form, mit Kränkungen umzugehen, vermeiden wir die Konfrontation mit der Täterperson und ziehen uns mit verachtungsvoller Miene aus dem kommunikativen Kontakt zurück. Dann verkapseln wir uns in der eigenen Unversehrtheit und erklärten die menschliche Umwelt zum Feindesland, der nur mehr mit Vorsicht und Misstrauen begegnet werden kann. Der eigene Selbstwert braucht für seine Stabilität die strikte Abgrenzung von außen, er ruht nicht in sich selbst, sondern zeigt sich vor allem in der Fähigkeit, das eigene Territorium schützen zu können und nicht in der Fähigkeit, mit Klarheit und Kraft in der kommunikativen Auseinandersetzung mit den anderen Menschen diesen Raum zu sichern. Hinter der Maske der überlegenen Verachtung versteckt sich das vergrabene Beleidigtsein, und dahinter findet sich wiederum ein mangelhaftes Selbstwertgefühl.

Kränkungsvermeider wappnen sich mit allen Mitteln gegen Kränkungen, wie jemand, der sich aus Angst vor einer Erkältung dick einpackt und noch alle möglichen Pillen schluckt, bevor er in die Kälte raus geht. Kränkungsvermeidende Personen vertrauen nicht auf ihr natürliches Immunsystem, sondern haben so viel Angst vor ihren vielen Ängste in sich, dass sie dauernd auf der Hut sein müssen, nicht nur, um bedrohliche Situationen zu vermeiden, sondern auch, um darauf zu achten, dass die Fassade gewahrt bleibt.

Als kleine Kinder haben sie gelernt, dass sie für den Ausdruck ihrer Gefühle kein Verständnis kriegen, sondern Belehrungen und Erklärungen. Wenn sie sich frustriert und verletzt fühlten, ist niemand darauf eingegangen. So haben sie gelernt sich zu schützen und eine glatte Fassade aufzubauen. Die erlittenen Belehrungen und Erklärungen haben sie mit der Zeit gelernt, in Zynismen und Spott umzuwandeln und auf die Mitmenschen anzuwenden.

Die Meisterschaft


Wie können wir die  kränkungsvermeidende Person von einer unkränkbaren unterscheiden?
Vielleicht gibt es von außen gar keinen sichtbaren Unterschied. Denn die Erregung bei der vermeidenden Person bleibt im Inneren, und sie hat gelernt, sie gut zu überdecken, so weit, dass sie sie unter Umständen selber gar nicht mehr spüren kann. Aber der Ärger kommt im Verhalten zum Ausdruck, etwa durch eine verächtliche oder spöttische Form der Abwendung.

Es zeigt sich eine andere Haltung, wenn jemand tatsächlich von einer Beleidigung nicht betroffen ist. Die Person bleibt ruhig und zugewandt, vielleicht verwundert oder überrascht, und wenn sie mit Humor reagiert, so ist dieser nicht boshaft oder gespielt. Statt sich subtil zu rächen, entsteht ein Mitgefühl und Verständnis für die angreifende Person, jedoch ohne Anzeichen von Überheblichkeit oder Verachtung. Die Bereitschaft ist da, sich zu entschuldigen, wenn es etwas zu entschuldigen gibt, aber auch klar zu sagen, wenn es ein Missverständnis oder eine falsche Anschuldigung war.

Diese Meisterschaft im Umgehen mit Kränkungen erscheint uns möglicherweise übermenschlich oder nur besonders hoch entwickelten Wesen vorbehalten. Doch können wir aller ihrer mächtig sein, wenn wir uns im Mitgefühl und in der Achtsamkeit üben. Paradoxerweise wird sie uns dort am schwersten fallen, wo die meiste Liebe da ist. Da wir aber wissen, dass Intimität mit Empfindlichkeit und Verletzbarkeit zusammenhängt, können wir auch in diesem Bereich verständnisvoll mit uns selber und unseren Schwächen sein sowie an unseren Stärken arbeiten. Mit jedem Schritt in diese Richtung fördern wir unsere Liebesfähigkeit.

Zum Weiterlesen: