Mittwoch, 6. Januar 2016

Funktional und fließend Wahrnehmen

In einem anderen Beitrag habe ich zwischen dem Funktionsmodus und dem

Flussmodus unterschieden. In diesem Beitrag geht es darum, wie diese Modi unsere Wahrnehmung unterschiedlich beeinflussen, sodass wir über die Reflexion unserer Wahrnehmungen feststellen können, in welchem Modus wir uns befinden.


Wahrnehmungen im Funktionsmodus


Die Wahrnehmung durch die äußeren Sinne ist die Grundlage des Funktionsmodus. Mit ihr können wir uns in der Welt orientieren und auf sie nach unseren Vorstellungen verändernd einwirken. Sie ermöglicht die optimale Interaktion mit Dingen und Menschen im Sinn der Zweckerreichung und Zieleverwirklichung.

Diese Wahrnehmung ist eng und begrenzt, wie wir aus den Forschungen der Polyvagaltheorie wissen. Sie filtert die Wirklichkeit in Aspekte, die uns angenehm=nützlich, und in andere, die uns unangenehm=hinderlich erscheinen. Details werden übersehen, und Projektionen und Verallgemeinerungen dominieren den Wahrnehmungsprozess. Unsere funktionelle Wahrnehmung ist notwendigerweise selektiv, weil sie selektiven Zwecken dient.


Wahrnehmungen im Flussmodus


Im Flussmodus hat die Wahrnehmung eine andere Funktion. Sie liefert uns Daten, die nicht an Raum oder Zeit gebunden sind. Wir erleben etwas, das wir gerne als Unendlichkeit, Weite, Leere, usw. beschreiben. Wir erleben die Freiheit von Zweckbestimmung und Bewertung. Das Denken zieht sich weit zurück und macht Platz für Erfahrungen des freien Fließens, für die es schwer ist, adäquate Worte zu finden. Denn die Worte stammen aus der Raum-Zeit-Wirklichkeit und sind immer dann missverständlich, wenn sie auf Erfahrungen angewendet werden, die nicht im Funktionszusammenhang aufscheinen.

Es sind ergänzende oder erweiternde Wahrnehmungen, die der raum-zeitlichen Wirklichkeit neue Qualitäten verleihen. Sie sind eins mit dem Erleben, sodass der Unterschied zwischen Innen und Außen keine Rolle mehr spielt. Da sich das Ego in die Wahrnehmung nicht einmischt, erhält diese eine Unmittelbarkeit und Direktheit, in der die Einheit zwischen dem Subjekt und dem Objekt wichtiger ist als der Unterschied. 

Ein Beispiel dafür ist das intensive Hören eines Musikstückes, bei dem die rezeptive Person "ganz in der Musik aufgeht", also sich selber nicht mehr getrennt vom Klang erlebt, sondern in einem gemeinsamen Fließen. Das kann insbesondere dann geschehen, wenn die musizierende Person im Spielen "sich selbst vergisst" und die Musik durch sie selbst hindurch zum Klingen bringt.

Auch in der Natur können wir solche Einheitswahrnehmungen erleben. Wir liegen mitten in einer Blumenwiese und lassen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und sind einfach glücklich und ganz mit dem verbunden, was gerade ist. Unsere Wahrnehmung fließt, wohin sie fließen will, frei und ungerichtet.


Fließende und funktionierende Wahrnehmung


Wenn wir nur im Flussmodus der Wahrnehmung sind, werden wir dysfunktional. Wir sind wie kleine Kinder oder ganz alte Menschen, die dasitzen und sich wundern über das, was ist, aber unfähig sind, etwas zu tun. Wenn wir nur im Funktionsmodus sind, sehen wir überall Bedrohungen und Probleme. Wir stehen unter dem Druck, zu handeln und die Herausforderungen zu bewältigen.

Es ist offensichtlich nicht sinnvoll, nur in einem Modus zu bleiben. Ohne Flussmodus sind wir Sklaven des Äußeren: Was von außen auf uns zukommt, können wir nicht kontrollieren und müssen dennoch machen, was verlangt ist. die Wahrnehmung wird von dem gelenkt, was sich im Außen als stärkster Reiz durchsetzt. 

Ohne Funktionsmodus sind wir in den meisten Bereichen des Lebens naiv und hilflos, wir kapitulieren angesichts der Komplexität der Welt und können nur in einem geschützten Raum überleben. Der Flussmodus ist für praktische Erfordernisse nicht geeignet, weil er die Wahrnehmung ganz im Moment spontan vom Einen zum Anderen schweifen lässt. An einer Aufgabe dran zu bleiben, auch wenn es mühsam ist, ist nicht seine Sache.

Die Verbindung der beiden Modi können wir im gelassenen Funktionieren finden. Wir fließen mit dem, was zu tun ist, ohne Widerstand oder Problemdruck. Wir vertrauen darauf, dass alles, was nicht leicht geht, sich dennoch erledigen lässt. Wir haben das innere Wissen, dass alles zur richtigen Lösung finden wird. Jede Anstrengung, der wir uns aussetzen, können wir mit innerer Leichtigkeit verbinden. Das Schwierige bleibt im Außen, das Innere kann frei mitschwingen. Wir finden leichter den Genuss in allem, was zu tun ist, sei es ein Konzert, das wir besuchen, oder die Steuererklärung, die wir abarbeiten. Unsere Wahrnehmung geht mit dem, was zu tun ist, ohne krampfhaft darauf fixiert zu sein. Wir merken, wann wir an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit sind, und wechseln dann zu entspannteren Tätigkeiten, die uns mehr vom Flussmodus geben, sodass wir in ein gutes inneres Gleichgewicht kommen.

Wann immer eine Lücke in den Funktionszusammenhängen auftaucht, überlassen wir uns dem Flussmodus und schwingen vom einen Moment in den nächsten. Wir können leicht zwischen einem Zustand und dem anderen wechseln, sobald es die Wirklichkeit verlangt. Und wir können gut und klar unterscheiden, was die Wirklichkeit von uns verlangt und was wir uns nur einbilden.


Die Wahrnehmungsmodi in Beziehungen


Im Funktionsmodus erleben wir andere Menschen als Mittel zum Zweck. Sie dienen entweder den Zielen, die wir haben, oder stehen ihnen im Weg. Wir erkennen nur bestimmte Eigenschaften bei anderen und ordnen sie nach den Gesichtspunkten der Nützlichkeit: Welche Eigenschaft der anderen Person könnte mir helfen, welche könnte mir schaden? Wir kommen leicht in Projektionen, indem wir bei anderen Menschen das suchen, was uns vertraut ist und das ablehnen, was wir nicht kennen. Deshalb idealisieren wir die Einen und dämonisieren die Anderen.

Im Flussmodus sehen wir andere Menschen als Zweck an sich selbst, als wertvolle Wesen, die Achtung, Respekt und Liebe verdienen. Wir freuen uns über jede Form des Daseins und stimmen uns auf sie ein. Wir sind kreativ in der Kommunikation, sodass auch der Austausch fließend erfolgt. Wir genießen die anderen Personen in ihrer Andersartigkeit und freuen uns über das, was uns unterscheidet. 

Auch in diesem Bereich geht es darum, wie wir die beiden Modi miteinander verbinden können. Wenn wir uns sicher und getragen fühlen, haben wir keine Angst vor anderen Menschen und können auf alle offen zugehen. Wir sind aber nicht naiv in der Annahme, dass auch jeder andere Mensch im Flussmodus sein müsste, auch wenn wir gerade drin sind. Vielmehr erkennen wir, mit wem wir uns tiefer und vertrauensvoll einlassen können und mit wem es besser ist, auf einer oberflächlichen Ebene zu bleiben, um notwendige Funktionen erledigen zu können. 

Selbst wenn wir mit anderen Menschen in einem Funktionszusammenhang sind, wie es in Arbeits- und Geschäftsbeziehungen der Fall ist, aber auch im Alltag einer Liebesbeziehung, finden wir immer wieder den Bezug zum Wesenskern der anderen Person. Wir nutzen nicht einfach nur den anderen Menschen für unsere Zwecke, indem wir ihn auf seine unseren Zwecken dienliche Aspekte reduzieren, sondern sehen in ihm einen wertvollen Menschen, der uns einen bestimmten Dienst leistet, für den er unsere angemessene Gegenleistung und Anerkennung verdient.

Wir lassen uns auch von anderen nicht ausnutzen, indem wir uns in eine ausschließliche Abhängigkeit und Unterordnung begeben. Auch wenn wir für andere etwas leisten, erhalten wir den Bezug zu unserer eigenen Würde aufrecht und wissen, dass wir im Dienst an anderen selber wachsen können. Wir sind uns bewusst, dass jedes Geben ein Nehmen und jedes Nehmen ein Geben ist.

Vgl. Funktions- und Flussmodus
Flussmodus und Trauma

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