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Mittwoch, 14. Januar 2026

Misstrauen und Opferrolle

Das Thema Misstrauen gehört im Grund vor der Soziologie und Politologie zum Forschungs- und Erfahrungsbereich der Psychologie. Denn jedes Misstrauen ist eine subjektive Angelegenheit und entsteht im Inneren eines Menschen. Es wird oft durch objektive Faktoren in der Gesellschaft beeinflusst und verstärkt. Aber seine Wurzeln hat es in der individuellen Lebensgeschichte, von sehr früh an.

Menschen sind unterschiedlich empfänglich für Misstrauen, bzw. gehen unterschiedlich mit der Enttäuschung von Erwartungen um. Manche bleiben in ihrem Grundvertrauen, auch wenn sie nicht mit allen Abläufen einverstanden sind. Andere verschreiben sich einem Grundmisstrauen, weil sie nicht das bekommen, was ihnen nach ihrer Meinung zusteht. Solche Mangelgefühle haben kindliche Entstehungsbedingungen, die mit unsicheren Bindungen zusammenhängen. Kinder erwarten zu Recht, dass ihre emotionalen Bedürfnisse von den Eltern ausreichend erfüllt werden. Ist das nicht der Fall, so sind sie enttäuscht, und ihr Vertrauen in die Menschen und in die Welt wird erschüttert. An die Stelle der Zuversicht und dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten treten Gefühle der Ohnmacht und der Aussichtslosigkeit.

Emotionale Mängel in den frühen Beziehungen werden später auf die Gesellschaft projiziert, und das Misstrauen, das eigentlich unzuverlässigen oder lieblosen Eltern gilt, die ihrem Kind vieles schuldig geblieben sind, richtet sich dann auf die „großen Eltern“, die Mächtigen in der Welt. 

Gerade, wenn die Herausforderungen schwierig erscheinen, braucht es Mut, um handlungsfähig zu bleiben. Das Misstrauen unterbricht die Verbindungen zu den eigenen Ressourcen und Potenzialen und führt zu einer Opferhaltung mit der Flucht aus der Verantwortung. Es ist bequemer, andere für das eigene Schicksal verantwortlich zu machen als selber etwas daran zu ändern.

In der Projektion auf die Gesellschaft ist es ein Leichtes, auf Machthaber und Entscheidungsträger zu schimpfen, als selbst aktiv zu werden und sich für die eigenen Anliegen oder die der ganzen Gesellschaft einzusetzen. 

Verschärft sich das Misstrauen zu Hass und Feindschaft gegen die bestehenden Umstände, so entsteht das Gefühl einer gewissen Eigenmächtigkeit, die aber folgenlos bleibt, weil sie sich in Aggressionen auf Menschen und Institutionen austobt, die davon nicht angekratzt werden. Die hinter diesen Gefühlen steckende Ohnmacht wird auf diese Weise nur zusätzlich verstärkt. So entstehen selbstverstärkende Muster, die das Opfergefühl stabilisieren. 

Misstrauen ist Selbstmisstrauen

Misstrauen ist immer auch Selbstmisstrauen, also der Zweifel an sich selbst, an den eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen. Oft sind es nicht verkraftete Enttäuschungen, die im Lauf des Lebens geschehen sind und sich im Inneren auftürmen und verdichten, wodurch der Selbstwert schrittweise untergraben wurde. Manche nehmen die Schuld an der eigenen Misere zur Gänze auf sich und entwickeln Depressionen. Andere wenden sie nach außen und beschuldigen die Gesellschaft, das System, die Eliten, die Ausländer usw. Den Hass, den sie auf sich wegen ihrem eigenen Unglück haben, richten sie gegen andere und entlasten sich dadurch vom Selbsthass. In der Folge graben sie sich in ihre misstrauische Abwehrhaltung gegen die Gesellschaft ein und isolieren sich von allen, die ihren Hass nicht teilen. So geraten sie in eine persönliche Abschottung, die sie sich gleichzeitig für die Gesellschaft wünschen: Wenn nichts Fremdes in das eigene System eindringen kann (z.B. durch Grenzzäune) und alles Fremde, das schon da ist, zuverlässig entfernt wird (z.B. durch „Remigration“), entsteht die Erwartung auf eine trügerische Sicherheit, in der es nichts Bedrohliches mehr gibt. 

Die Isolation in der eigenen Blase ähnelt der Abkapselung einer depressiven Person, mit dem Unterschied, dass das Ausdrücken von Hass und Feindschaft den Anschein von Mächtigkeit und Überlegenheit vermittelt.

Doch schränkt das Misstrauen unweigerlich die Freiheitsräume und Handlungsmöglichkeiten ein und immobilisiert langfristig die Personen – emotional und kognitiv. Die Gefühle kreisen um die Objekte des Hasses und der Feindschaft, die Gedanken rechtfertigen die Gefühle. Den eingeschränkten Handlungsalternativen entspricht das eingeschränkte Innenleben. Neue Perspektiven müssen abgewehrt werden, um nicht die durch das Misstrauen gewonnene Sicherheit zu verlieren.

Auswege aus der Fixierung auf das Misstrauen

Diese Muster können nur außer Kraft gesetzt werden, wenn sie erkannt und durchschaut sind. Dann können die ursprünglichen Verletzungen verstanden und angenommen werden. Ein verständnisvolles Gegenüber ist eine Gute Hilfe, um der Opferrolle zu entrinnen und die Selbstmächtigkeit wiederherzustellen. Denn Verständnis für das eigene Leid zu bekommen, stärkt das Vertrauen – in andere Menschen, in die Welt und in sich selbst.

Es gibt also Auswege, die aber nur gefunden werden, wenn das Leid, das in jeder Opferrolle steckt, erkannt wurde und wenn eine Erleichterung des Leidensdrucks gesucht wird. Um diesen Weg zu beschreiten, muss die Verantwortung für das eigene Schicksal übernommen und kompetente Unterstützung gesucht werden. Dann kann es gelingen, die Projektionen zurückzunehmen, mit der Erfahrung, dass jemand da ist, der ohne Urteil und Erwartung zuhört und für das Leid Empathie aufbringt.

Verständnisvolles Zuhören

Ein positives Zukunftsbild entsteht, wenn wir uns vorstellen, dass mehr und mehr Menschen verständnisvolle Zuhörer und Wegbegleiter werden, für sich selbst und für die Menschen in ihrer Umgebung. Ein Gespräch, in dem ein Verstehen spürbar wird, erleichtert die Seele und erzeugt Vertrauen. Dieser Effekt tritt jedoch nur dann auf, wenn es sich nicht um ein naives oder blindes Verstehen handelt, indem einfach in allem Recht gegeben wird, sondern wenn das Gespräch hilft, sich selbst und die Zusammenhänge des Lebens realistischer zu sehen – mit den Stärken und Schwächen, die jeder hat, und mit dem Guten und dem Bösen, das es in allen Menschen gibt.

Sich tiefer verstanden zu fühlen gibt das Vertrauen und das Selbstbewusstsein, die Prüfungen des Lebens bestehen zu können. Kinder, die von früh an mitbekommen, dass sie wertvoll und fähig sind, und auch, dass sie für ihre Fehler und Mängel Verständnis bekommen, gehen zuversichtlicher durch ihr Leben und haben weniger Ängste vor der Zukunft. Kinder, die immer wieder ermutigt wurden – ermutigt, Neues zu erkunden, Abenteuer zu suchen, ihren Impulsen zu folgen –, werden mutig und bauen ihr Grundvertrauen und ihre Selbstsicherheit aus. Sie nehmen diese Gefühle  als solide Basis in ihr Leben mit und entwickeln daraus die Kraft, ihre Sicherheitszonen immer mehr ausweiten zu können. Ermutigte Kinder werden mutige Menschen. Zum Mut gehört, nicht nach jeder Enttäuschung die Flinte ins Korn zu werfen, sondern neue Kraft zu schöpfen, wenn etwas schief gegangen ist oder die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Mutige Menschen sind bereit für die kleinen Heldentaten des Alltags, deren Meisterung zu einer vertrauensvollen Sicht auf die Zukunft beitragen. Es sind auch Menschen, die ein Versagen oder eine Krise als Lernchance und als Aufgabe sehen, und nicht als Niederlage, durch die sie in die Opferrolle fallen. 

Zum Weiterlesen:
Misstrauen und Zukunftsbewältigung
Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen


Donnerstag, 1. Januar 2026

Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen

Menschen sind soziale Wesen, und Vertrauen ist ein unabdingbares Element menschlicher Gemeinschaften. Ohne Vertrauen zerfällt ein soziales Gebilde sofort. Es ist zwar auch in gewisses Maß an Misstrauen notwendig, um Gemeinschaften lebensfähig zu halten, z.B. muss darüber gewacht werden, dass sich alle an die Regeln halten; jede Kontrolle beinhaltet ein Misstrauen. Das Misstrauen bleibt nur so lange konstruktiv, als das Vertrauen größer ist und mehr Raum in der Gemeinschaft einnimmt. Wenn aber das Misstrauen das Vertrauen überwiegt, bricht die Gemeinschaft über kurz oder lang auseinander. Denn das Misstrauen wirft die Mitglieder der Gemeinschaft auf sich selbst zurück, und der Aufwand, die Beziehungen aufrechtzuerhalten, wird immer größer. Es müssen immer mehr Sicherheitsvorkehrungen getroffen und Kontrollen eingebaut werden, damit der Austausch unter den Mitgliedern noch stattfinden kann. Misstrauen bedeutet z.B., dass jeder befürchten muss, von anderen angelogen zu werden.  Also muss er sich mit verschiedenen Mitteln versuchen, in jedem Fall den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu überprüfen. Da Wahrheit immer auch einen sozialen Aspekt hat, also von anderen Menschen abhängt, kann diese Überprüfung nie restlos gelingen. Folglich bleibt immer zumindest ein Rest an Misstrauen.

Der deutsche Soziologe El-Mafaalani geht in seinem Buch „Misstrauensgemeinschaften“ von dem Befund aus, dass Gesellschaften wie unsere, die immer komplexer werden, immer mehr Vertrauen brauchen, dass aber aus verschiedenen Gründen die Zunahme von Misstrauen wahrscheinlicher ist.

„Wer stark vertraut, verzichtet auf Kontrolle und auch auf die Vorstellung, das Vertrauen könne gebrochen werden. Man blendet Gefahren aus und entlastet sich von sozialer Komplexität. Dadurch wird man handlungsfähiger, zugleich macht man sich verletzlich, denn es ist nie ausgeschlossen, dass Vertrauen enttäuscht wird.“ (S. 19)

Der Preis und der Vorteil des Vertrauens

Vertrauen hat also immer einen Preis und enthält ein höheres Risiko. Zugleich bietet es mehr Möglichkeiten zum Handeln und dadurch zur eigenen Lebensgestaltung. Es erweitert also den Spielraum für Selbstwirksamkeit, ein wichtiges Element, um das Vertrauen in sich, in die Welt und in die Zukunft aufzubauen. Mit dem riskanten Vertrauen entsteht also ein konstruktiver Regelkreis, der das eigene Vertrauen und damit die Selbstsicherheit steigert – solange das Vertrauen nicht enttäuscht wird. In solchen Fällen kommt es darauf an, wie die Fähigkeit beschaffen ist, mit Enttäuschungen umzugehen, über wieviel Enttäuschungsresilienz ein Mensch verfügt.

Meist bedarf es einiger Enttäuschungen, bis das Vertrauen gekündigt wird; dann aber ist es oft auf Dauer verspielt. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, sagt der Volksmund. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem das Vertrauen gekündigt wird. Der Weg zurück zum Vertrauen ist dann sehr aufwändig: „Während man auf dem Weg von Vertrauen zu Misstrauen eher an einen Kipppunkt gelangt, an dem es zu einer schlagartigen  Veränderung kommt, ist der Weg von Misstrauen zu Vertrauen langwierig und mühsam.“ (S. 77f) Verspieltes Vertrauen ist also nur sehr schwer wiederzugewinnen.

Diese Mechanismen kennen wir von uns selbst und von unseren privaten Beziehungen. Sie wirken aber auch in gesellschaftlichen Belangen. Die Krisen der letzten Jahrzehnte (Finanzkrise, Corona, Ukraine-Krieg, Umweltkrise) haben viele Menschen zu diesen Kipppunkten gebracht, sodass sie das Vertrauen in tragende Institutionen der Gesellschaft, z.B. zu den Wissenschaften, zum Finanzsektor, zum Gesundheitswesen, zum Bildungswesen und auch zum Staat als Ganzem verloren haben. Bei manchen betrifft das Misstrauen einzelne Bereiche, bei anderen führt es zur Ablehnung des gesamten „Systems“. 

Wer misstrauisch ist, vertraut Misstrauischen

Daraus entwickelt der Autor die These: Wer misstrauisch ist, vertraut Personen, die misstrauen. Das Vertrauen zu Personen, die man gut kennt, ist verlorengegangen. Z.B. haben sich viele Menschen in der Coronazeit mit Freunden und Familienangehörigen überworfen und sind bis heute zerstritten oder voneinander isoliert. Um aber den Aufwand, den die Stabilisierung des Misstrauens erfordert, verringern zu können, werden andere Vertrauenspersonen gesucht. Das sind oft Menschen, die man gar nicht kennt, z.B. Leute, die medial auftreten, und die eigene Meinung teilen. Das Vertrauen wird oft geschenkt, also nicht näher überprüft, wenn diese Leute nur das gleiche Misstrauen aufbringen, das man selbst für gerechtfertigt hält.

Auf dieser Basis bilden sich die Blasen, die Misstrauensgemeinschaften, in denen sich Leute zusammenfinden, oft ohne persönliche Kontakte, im virtuellen Raum von bestimmten Plattformen. Es entstehen also digitale Infrastrukturen, in denen das eigene Misstrauen bestätigt und Vertrauen mit Fremden aufgebaut wird. Es gibt deshalb solche Kreise von Gleichgesinnten, die einander auf der persönlichen Ebene fremd sind, aber die gleichen Meinungen zur Notwendigkeit von Fremdenfeindlichkeit teilen. Vertraue nur jemandem, der das gleiche Misstrauen hat wie du, so lautet dann der Wahlspruch und es gibt eine Orientierungsleitlinie für das Dickicht der komplexen Gesellschaft.

Am Punkt der Vertrauensaufkündigung warten schon populistische Politiker und Verschwörungstheoretiker, um die Misstrauenden hinter sich zu scharen. Manchmal überschneiden sich die Angebote: Populisten, die zugleich Verschwörungsmythen propagieren, bzw. Verschwörungserzähler, die in die Politik gehen, manchmal nicht. Deshalb gibt es Misstrauische, die nur einzelnen Verschwörungsmythen anhängen (in den USA sind es 50%) und andere Misstrauische, die keine Verschwörungsmythen teilen, aber eine populistische Politik vertreten.

Destabilisierung durch Populismus und Verschwörungstheorien

Jedenfalls verstärken diese beiden Elemente, Populismus und Verschwörungstheorien, das Misstrauen und damit die Destabilisierung der Gesellschaft. In beiden Ansätzen ist das folgerichtig. Populisten predigen, dass der Staat oder das System nicht reformierbar ist (und sie haben dazu auch keine konstruktiven Ideen und Vorschläge), sondern dass es ganz umgekrempelt werden muss, ohne genau sagen zu können, wie es dann ausschauen soll. Z.B. wollen sie raus aus der EU oder aus der NATO oder aus dem Kapitalismus und kümmern sich nicht darum, was danach kommt, außer dass sie versprechen, dass alles besser wird. 

Verschwörungstheoretiker sehen geheime Mächte an den Schalthebeln der Gesellschaft, sodass diese durch und durch korrumpiert und unglaubwürdig ist. Also müssen diese Eliten entmachtet werden und einer neuen Gesellschaft, wie auch immer diese dann ausschaut, Platz machen. 

Die Profiteure des Misstrauens sind gar nicht an Verbesserungen interessiert, im Gegenteil, jede Verschlechterung ist Wasser auf ihre Mühlen, weil sie durch jeden Anstieg von Misstrauen an Zulauf gewinnen. Sie brauchen nichts zu tun, als alles schlecht zu reden, was verbessert wird. Alle, die sich in irgendeiner Weise benachteiligt oder unberücksichtigt vorkommen, laufen ihnen dann zu. 

An diesem Punkt ist die Unterscheidung von zwei Formen des Misstrauens wichtig. Das funktionale Misstrauen ist jenes, das die Aufgabe hat, die Abläufe in der Gesellschaft zu verbessern. Z.B. braucht jede Gesellschaft Vorrichtungen zur Bekämpfung von Korruption. Es gibt in jeder Gesellschaft Menschen, die sich Vorteile auf Kosten anderer oder auf Kosten der Gemeinschaft erschleichen wollen. Um ihnen das Handwerk zu legen, müssen Kontrollen eingebaut werden, die von Misstrauen getragen sind.

Normatives Misstrauen

Die andere Form des Misstrauens ist normativ. Sie ist gegen die Gesellschaft als Ganze oder gegen einzelne Teilbereiche gerichtet und ist von einer grundsätzlichen Ablehnung und Feindschaft getragen. Normatives Misstrauen versteht sich also nicht als Mittel zu einem Zweck, sondern als ethische Verpflichtung und neigt deshalb zu moralischer Radikalität. Sie kann sich nie mit pragmatischen Veränderungen zufriedengeben, sondern glaubt daran, dass das ganze System gekippt werden muss, damit alles besser wird. Moralische Radikalität voll von Misstrauen und Feindschaft wird von Menschen vertreten, die sich von Misstrauen und Feindschaft umgeben sehen. Häufig sehen sie keinen anderen Ausweg als Gewalt, gerechtfertigt durch die Gewalt, der sie sich ausgesetzt fühlen.

In jedem Fall trägt jede Steigerung des Misstrauens dazu bei, dass die Gesellschaft unsicherer wird. Misstrauen, das zusätzlich noch für das Erlangen von politischer Macht gesät wird, erzeugt noch mehr Verunsicherung. Und mehr Verunsicherung lässt mehr Leute misstrauisch und feindselig werden. 

Wie können diese Teufelskreise durchbrochen werden? Diese Frage ist essenziell für den Fortbestand der liberalen Demokratie und Marktwirtschaft. Was wir bisher wissen, bringt es nichts, wenn moderate politische Kräfte radikale populistische Forderungen aufgreifen. Zunehmend orientieren sich konservative Parteien in Rhetorik und Thematik an rechten und rechtsextremen Parteien, nur um noch mehr Stimmen an diese zu verlieren. Außerdem lassen sich radikale Forderungen im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung nicht umsetzen, sodass Widersprüche zwischen großmäuligen Ankündigungen und fehlender Umsetzung auftauchen, die wiederum Misstrauen erzeugen.

El-Mafaalani weist darauf hin, dass viel Sorgfalt und Sensibilität aufgebracht werden muss, um die Kommunikationsprozesse von den Entscheidungsträgern zu den Betroffenen offen und transparent zu halten. „Misstrauen wächst insbesondere dort, wo Austausch unterbleibt, Öffentlichkeiten parallel verlaufen, Kommunikation sehr asymmetrisch organisiert ist oder Konflikte unterdrückt werden.“ (84f) Förderlich ist auch eine öffentliche Konfliktkultur, in deren Rahmen konstruktiv gestritten wird. Missstände sollen aufgezeigt und unterschiedliche Positionen zur Sprache gebracht werden. Die Diskurse sollten möglichst viele Menschen einschließen, die dann eventuell auch in Entscheidungen eingebunden werden. 

Der Autor geht auch auf Kinder und Jugendliche ein, die in polarisierten und unsicheren Zeiten aufwachsen, „wodurch für sie der Ausnahmezustand der Normalzustand ist, ohne dass ihre Interessen angemessen berücksichtigt werden oder adäquate Beteiligungsmöglichkeiten bestehen. Daher überrascht es nicht, dass das Vertrauen in andere Menschen und Institutionen bei Jugendlichen geringer ausgeprägt ist.“ (85)

Der Staat sollte seinen Mitgliedern gegenüber mehr Vertrauen zeigen. Statt immer mehr Berichtspflichten und Kontrollen einzubauen, sollte er sich auf seine zentralen Aufgaben konzentrieren und mehr auf die Selbstverantwortung der Bürger und Bürgerinnen setzen.

Versprechen für die Zukunft

Die Strömungen, die die liberale Demokratie gefährden (Populismus, Verschwörungstheorien und libertäre Bestrebungen zur radikalen Demontage des Staates), sind aus dem Misstrauen vieler gespeist. Es ist zu befürchten, dass die destabilisierenden Kräfte bei einer weiteren großen Krise, die in der Zukunft auftauchen kann, noch mehr Zulauf bekommen und die Gesellschaft noch mehr polarisieren. Deshalb scheint es eine zentrale Aufgabe zu sein, positive Zukunftsideen zu verbreiten, die zu positiven Zukunftserwartungen führen, „die wie ein Kompass auch in krisenhaften Zeiten wirken und Vertrauen stärken.“(88) Positive Zukunftsaussichten haben mit Versprechen zu tun, die in der Vergangenheit in Bezug auf Wohlstand, Fortschritt und Sicherheit erfolgt sind. Offenbar bedarf es neuer und realistischer Zukunftsbilder, die das Vertrauen stärken können.

Aber was kann einer Generation versprochen werden, die mit den Folgen der Erderwärmung konfrontiert ist und dazu noch mit der Infragestellung der Weltordnung der letzten 80 Jahre beschäftigt ist und all die Herausforderung an die liberale Demokratie, dem politischen Erfolgsmodell dieser Zeit meistern soll?

Das Buch endet noch vor dieser Frage. So überzeugend und gut belegt die Analyse der Misstrauensgemeinschaften dargestellt wird, so dünn wird die Suppe, wenn es um die Gegenmittel geht. Deshalb gehe ich in den nächsten Artikeln auf dieser Seite noch mehr auf diese Frage ein.

Quelle: Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2025

Freitag, 24. Oktober 2025

Atemerfahrung und Fremdenangst

Die Angst vor dem Fremden ist tief in den Menschen verwurzelt und stammt aus der tribalen Zeit. Fremde sind potenzielle Feinde. Deshalb ist Vorsicht mit allen geboten, die wir persönlich nicht kennen. So ist eine Prägung beschaffen, die durch das Oxytocin-Hormon* verstärkt wird. Solche tribalen Prägungen spielen eine Rolle in der frühen Kindheit und werden dann im Lauf des Aufwachsens schwächer. Kinder, deren Selbstvertrauen durch eine liebevolle Fürsorge gestärkt wurde, können dieses Misstrauen gegen das Fremde mit Neugier und Interesse am Fremden überschreiben. Sie entwickeln eine Haltung, mit der sie nicht von vornherein misstrauisch sind, wenn sie unbekannten Menschen begegnen. Nur ängstliche Menschen mit geringem Selbstwert bleiben bei dieser Angst und lassen sich dann als Erwachsene von Propaganda anstecken, die die Fremdenangst schürt.

Was sie dabei nicht bedenken, ist die Tatsache, dass wir als Menschen in einem beständigen Austausch mit dem Fremden leben und anders gar nicht überleben könnten. Am einfachsten zu verstehen ist dieser Zusammenhang, wenn wir an die Nahrungsaufnahme denken. Die Stoffe, die wir dabei aufnehmen, sind fremde Objekte, denen wir auf Grund von unseren Erfahrungen trauen. Indem wir sie essen, machen wir sie zu unserem Eigenen, um die Reste dann wieder auszuscheiden und zum Fremden, Ekelhaften machen. Ohne fremde Nahrungsmittel sind wir zum Hungertod verurteilt. 

Der Organismus und das Fremde

Noch elementarer als Stoffwechsel ist die Atmung. Wir nehmen in jeden Tag 10 000 bis 20 000 Liter Luft auf, fremde Luft, der wir den Sauerstoff entnehmen und in unser Inneres überführen. Damit wird die Atemluft zur eigenen Luft. Beim Ausatmen geben wir sie wieder zurück, mit weniger Sauerstoff und mehr Kohlendioxid. In jedem Atemzug wird Fremdes zum Eigenen und Eigenes wieder zum Fremden. All der Sauerstoff, der in unserem Kreislauf unterwegs ist, war in fremder Luft enthalten. Ohne diese fremde Luft würden wir schnell ersticken.

Eine weitere Tatsache, die in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielt, besteht in all den fremden Organismen, die in unserem Körper leben. Die Zahl der im Körper lebenden Mikroben ist mindestens so groß wie die der Zellen mit der eigenen DNA. Ohne diese winzigen Lebewesen, die vor allem im Darm das Mikrobiom bilden, könnten wir keine Nahrung verdauen. Auf unserer Haut sorgen Bakterien dafür, Krankheitserreger abzuwehren. Auf der Zunge leben an die 9000 verschiedene Stämme von Bakterien. Unser Organismus ist also ein Kohabitat zwischen eigenen und fremden Zellen, von denen viele wie Parasiten leben. Ohne sie könnten wir nicht lange überleben. Es gibt natürlich auch Fremdzellen, Viren, Bakterien, Pilze, die Schaden anrichten und von unserem Immunsystem eliminiert werden müssen. 

Aus all diesen Überlegungen können wir viel über einen sinnvollen Umgang mit dem Fremden lernen. Das Fremde ist zunächst nur etwas, das wir noch nicht kennen. Selbst wenn unsere erste spontane Reaktion ablehnend ist, können wir auf den zweiten Blick andere Informationen sammeln, die unsere Sichtweise ausweiten und unser Misstrauen beruhigen.

Wenn in der politischen Propaganda der Begriff „Parasit“ verwendet wird, um Angst vor einer Überfremdung zu schüren, können wir an die Mikroorganismen denken, die in uns leben, von uns und für uns. Wenn wir also fremde Menschen in unser Land oder in unsere Umgebung aufnehmen, brauchen wir nur darauf zu achten, dass es ein ausgewogenes Verhältnis von Geben und Nehmen gibt, von dem beide Seiten profitieren. 

Das Fremde in uns

Ein weiterer Bereich, in dem wir es mit dem Fremden zu tun haben, ist unser Unterbewusstsein. Dort gibt es verdrängte Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche. Sie sind unserem Ich-Bewusstsein fremd und gehören doch zu uns, denn sie sind in uns entstanden und gehören zu den Überlebensstrategien, die wir im Lauf unserer Geschichte ausgebildet haben. Sie gehören zum Schattenbereich unserer Seele, solange wir sie nicht in unser Bewusstsein holen. Sie sind uns fremd und sind von Abwehrgefühlen bewacht. Indem wir sie uns bewusst machen, verwandeln wir sie in Persönlichkeitsanteile, die wir nach Belieben nutzen können. In den Begriffen der Psychoanalyse wird aus dem, was zum „Es“ gehört hat, „Ich“. Etwas Fremdes wird zum Eigenen, etwas Bedrohliches zum Vertrauten, und damit wächst der Spielraum für den Ausdruck unserer Freiheit. Jeder integrierte Anteil unserer Persönlichkeit, also jeder Aspekt, der vom Fremden zum Eigenen wurde, führt uns zu unserer Ganzheit.

Die Durchlässigkeit für das Fremde

In all diesen Beispielen sehen wir, dass das Überschreiten der Grenzen zum Fremden ein Grundprinzip des Lebens ist. Im fließenden Austausch von Geben und Nehmen verschwindet die jeweilige Grenze zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Diese Form des Austausches findet beständig in unserem Körper statt und hält uns gesund. Eigenes wird zum Fremden, Fremdes wird zum Eigenen. Das Eigene ist Resultat des Fremden, das Fremde kommt aus dem Eigenen. Wir sind auf vielen Ebenen durchlässig für das Fremde, das dadurch zum Eigenen wird. Wir sind also gleichermaßen Fremdes wie Eigenes. Der Unterschied hebt sich auf, in jedem Moment, in dem wir atmen oder in anderer Weise stoffwechseln.

Die Angst vor uns selbst

Hier kommen wir zurück zum Anfang des Artikels. Wir können jetzt vielleicht besser verstehen, dass unsere Angst vor dem Fremden nichts als die Angst vor uns selbst ist. Das Fremde, dem wir im Außen begegnen, spiegelt unsere eigenen ungelebten oder verdrängten Anteile wider. Das, was uns Misstrauen bereitet, ist ein Persönlichkeitsanteil, den wir uns noch nicht bewusst gemacht haben. Was uns bei fremden Menschen Angst macht, ist eigentlich etwas, das uns in uns selbst ängstigt. Sobald wir diese Angst ins Licht geholt und verstanden haben, fällt die Angst im Außen weg und wir gehen leichter und vertrauensvoller durchs Leben.

Vertrauen oder Naivität

Den Menschen, denen wir begegnen, Vertrauen entgegenzubringen, heißt nicht, dass wir naiver Weise meinen, alle Menschen meinten es gut mit uns. Wenn wir angstfrei auf sie zugehen, stehen uns alle unsere Fähigkeiten zur Verfügung, die uns darauf aufmerksam machen, sobald andere versuchen, uns zu manipulieren oder anderswie zu schaden. Je weniger Angst wir haben, desto besser sind wir mit unseren Potenzialen verbunden und können sie nutzen, um uns dort zu schützen, wo es wirklich notwendig ist, damit wir keinen Schaden erleiden.

Das Atmen lehrt uns, dass Leben nur im Austausch gelingt – indem wir atmen, leben wir vom Fremden und lebt das Fremde von uns.

* Hier zur Studie über Oxytocin und Fremdenangst

Zum Weiterlesen:
Die Solidaritätsschranke
Die Schwachen und die Nächstenliebe
Pränatale Wurzeln der Fremdenangst

Mittwoch, 8. Januar 2025

Frieden finden mit der politischen Krise

Die Rechts-Mitte-Links oder konservativ-liberal-sozialdemokratischen Regierungsverhandlungen sind gescheitert, die einzige mögliche Regierungsform heißt Blau-Schwarz, und diese Alternative erzeugt bei jenen, die die Erfahrungen der Schüssel/Haider- bzw. Kurz/Strache-Periode noch nicht verdrängt haben, viel Unsicherheit und Irritation. Wie ist es möglich, dass eine rechte bis rechtsextreme Partei, die laufend in Korruptionsskandale verwickelt ist, soviel Zulauf bei den Wählern und damit so viel Macht im Staat erlangt? Wie ist es möglich, dass eine konservativ rechte Partei nur mit den extrem Rechten eine Regierung bilden kann? Wie ist es möglich, dass ein Mann Regierungschef wird, der von einer großen Mehrheit abgelehnt wird?

Ein realistisches Zukunftsszenario

Realistisch betrachtet, werden auf unser Land viele Veränderungen zukommen, mit denen die schon erreichten Standards der Menschenrechte und Individualfreiheiten zurückgeschraubt werden. Es ist damit zu rechnen, dass der öffentlich-rechtliche Mediensektor privatisiert und in den Propagandaapparat der Regierung eingebaut wird. In der Flüchtlings- und Asylpolitik werden die Gesetze noch weiter verschärft werden und die humanitären Bemühungen vieler Freiwilliger, die gewohnheitsmäßig aus der rechten Ecke als Gutmenschen verspottet werden, werden zunichtegemacht. Viel individuelles Leid wird geschehen. Es wird ein Konfliktkurs mit der EU geführt werden, mit dem Österreich eine Randposition im Rahmen der Union einnehmen wird. Das Vorbild Ungarn wird zu schamloser Korruption und irrationaler Anti-EU-Polemik führen. Das russische Regime gewinnt einen weiteren Förderer im Westen und reibt sich die Hände wegen des nächsten gelungenen Schrittes zur Destabilisierung der EU. Die sozialen Institutionen (Arbeiterkammer, Gewerkschaft) werden geschwächt, womit auch die Rechte und Unterstützungsformen für die arbeitende Bevölkerung untergraben werden. Vielleicht wird auch die Sozialversicherung mit Milliardenaufwand „reformiert“ und nachhaltig in ihrer Leistungsfähigkeit geschwächt. Auf die NGOs, die im Rahmen der Beförderung der Menschenrechte und der Individualfreiheiten arbeiten, kommen karge Jahre zu. 

In Österreich werden nur kosmetische Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels stattfinden, die Klimaziele werden verfehlt werden und das Land verliert wertvolle Jahre, um die Erhitzung der Atmosphäre abzuschwächen. Die Verkehrspolitik wird weiterhin die Autofahrer gegenüber allen anderen Verkehrsteilnehmern bevorzugen und der Umstieg auf die E-Mobilität wird erschwert. Alle ökologischen Projekte und Initiativen werden zugunsten von  Trachtenvereinen und Volkstanzgruppen, vielleicht auch Pferdezuchtvereinen auf Förderungen verzichten müssen. Die Verbesserung der Frauenrechte ist den zukünftigen Regierungspartnern vermutlich kein Anliegen, eher wird der Druck steigen, Frauen in ihre traditionelle Rolle am Herd zurückzudrängen, soweit sie in der Wirtschaft nicht dringend benötigt werden. Außerdem wird das Gendern verboten, wo immer es geht. Die Kultur wird mittels selektiver Subventionspolitik zur Nicht-Wokeness genötigt werden. 

Die unumgänglichen Sparmaßnahmen werden vor allem die schwächeren Bevölkerungsgruppen treffen, aber so, dass sie es möglichst nicht merken, und sie werden mit Symbolgeschenken ruhiggestellt. Die Großunternehmen werden unter dem Vorwand der Förderung eines Konjunkturaufschwungs Steuergeschenke bekommen, und die Reichen und Superreichen des Landes erfreuen sich weiterhin ihrer Steuerprivilegien. Die rechten und rechtsextremen Gruppierungen werden gefördert und ihre Sprache wird salonfähig gemacht. Die Verrohung der Sprache schreitet damit fort, die Debattenkultur verschwindet. Von höchster Stelle werden Verschwörungstheorien verkündet und als Wahrheit verkauft. Der Unterschied zwischen Realität und Fiktion wird systematisch verzerrt.

Was tun?

Mit solchen oder ähnlichen oder vielleicht anderen, unerwarteten Entwicklungen müssen wir rechnen. Es hilft nichts, über die Rückschritte in der Humanität zu jammern und sich resigniert in die eigene Hilflosigkeit zurückzuziehen. Es bringt uns auch nicht weiter, in Hass- und Wutgefühlen steckenzubleiben. Wir sind mündige Staatsbürger, und die Partizipation in der Demokratie beschränkt sich nicht auf ein periodisches Wählengehen. Wir müssen unsere Stimme umso mehr erheben, je mehr wir den Eindruck haben, dass sich die Gesellschaft unter dem Einfluss der Politik in eine falsche Richtung entwickelt. Wir brauchen eine starke und wehrhafte Zivilgesellschaft, die sich auf vielfältige und kreative Weise in die Vorgänge einmischt und auf jede Anpassung oder Unterordnung unter die neuen Machtstrukturen verzichtet.  Und wir sind diese Zivilgesellschaft und wirken umso mehr daran mit, je mehr wir uns einmischen.

Die Journalistin und Buchautorin Ingrid Brodnig (Wider die Verrohung. Über die gezielte Zerstörung öffentlicher Debatten. Wien: Brandstätter Verlag 2024) schreibt auf Facebook:

„Was wir alle tun können, wenn eine FPÖ-geführte Regierung kommt: Auf Fakten hinweisen, an Fakten festhalten. FPÖ-Politiker:innen verbreiten Falschmeldungen – z.B. über Geflüchtete oder zu Klima-Fragen. Auch geben sie Online-Medien Interviews, die mit Verschwörungsmythen, Fehlinformation und extremistischen Erzählungen auffallen. Umso wichtiger ist, Fakten selbst im eigenen Umfeld breit sichtbar zu machen! Das ist natürlich nicht (!) das einzige, was man tun kann/soll: Aber es ist ein Teil von möglichen Reaktionen, der uns parat steht. Denn gerade wenn diese Rhetorik und die Behauptungen der FPÖ nun noch sichtbarer werden, wird noch mehr Einordnung wichtig. Und wir alle können Teil der Einordnung sein.“

Verständnis für das gewinnen, was wir nicht verstehen

Was wir noch tun können, ist Verständnis für die Gründe zu finden, die diese Entwicklungen bewirkt haben. Es genügt nicht, entsetzt über die Dummheit oder Bösartigkeit anderer Menschen zu sein. Auch wenn es vielleicht weniger intelligente oder moralisch weniger reflektierte Mitmenschen gibt, hilft es nicht, sie dafür abzuwerten. Jeder Wähler/jede Wählerin von Rechtsparteien hat seine/ihre Gründe dafür. Je mehr wir verstehen können, welche Nöte und Ängste in diesen Wahlmotiven stecken, desto besser können wir verstehen, wie diesen Nöten und Ängsten auch auf andere Weise abgeholfen werden kann. Es gibt Mängel in allen politischen Parteien und Gruppierungen. Und es gibt menschliche Anliegen, die sie vertreten, die nicht alle für jeden nachvollziehbar sein mögen, aber die eine Berechtigung haben. Das Verständnis für die Motive anderer bringt uns dazu, innerlich Brücken aufzubauen, wo sonst Gräben sind. Wo Verbindung statt Trennung besteht, vermehrt sich der Friede.

Dazu kommt noch, dass viele der übergreifenden und globalen Veränderungen, in denen die Welt steckt, neue Bewältigungsstrategien erfordern. Die Demokratie hinkt in vielen Bereichen hinter diesen neuen Entwicklungen hinterher, wodurch die Bürger, die Subjekte und Objekte der Demokratie, den Eindruck bekommen, nicht gesehen und gehört zu werden. Dann neigen sie dazu, Parteien zu wählen, die ihnen „Volksnähe“ versprechen, die „auf den kleinen Mann hören“, die „gegen die Eliten“ oder „gegen das System“ auftreten. Durch die immer komplexer werdenden Probleme spüren immer mehr Menschen eine Entfremdung von der Demokratie, der sie nicht mehr vertrauen. (Vgl. dazu: Armin Schäfer/Michael Zürn: Die demokratische Regression. Die politischen Ursachen des autoritären Populismus. Berlin: Suhrkamp 2021)

Es sind also reale Nöte auf ökonomischer und psychologischer Ebene, die Menschen in die Fänge von radikalen Ideologien treiben, und nicht Intelligenz- oder Charaktermängel. Sie leiden an Umständen, für die sie keine andere Abhilfe sehen als eine Partei zu wählen, deren Versprechen noch glaubhaft erscheinen, weil sie länger nicht mehr in Regierungsverantwortung war. Wenn wir aus dem Verurteilen von Menschen herausfinden und sie in ihrem Problemhorizont verstehen, kommen wir selbst leichter in den Frieden mit dem, was uns an den Umständen leiden lässt.

Vertrauen aufbauen

Wir brauchen jede Menge Vertrauen, um mit den Herausforderungen umgehen zu können, die auf uns zukommen: Auf unsere Fähigkeiten vertrauen, auf unsere Mitmenschen vertrauen, dass sie im Grund alle auf ihre Weise das Gute wollen, auf die Kraft der Vernunft und der freien Rede vertrauen, auf die Lernfähigkeit in uns und in allen Menschen vertrauen, auf die Langzeitentwicklung vertrauen, die Fehler ausbügeln kann und irgendwann dann wieder dem Fortschreiten in der Menschlichkeit dient. Wir haben die Fähigkeit, uns einzubringen und uns für unsere Anliegen einzusetzen, wir können im Rahmen unserer Möglichkeiten mitgestalten  und die „schweigende Mehrheit“ anderen überlassen. Die Flinte ins Korn zu werfen, ist das, was sich die gerade Mächtigen von ihren Untertanen wünschen, aber den Gefallen sollten wir ihnen nie tun. Bleiben wir selbstbewusst und aufrecht und lassen wir uns nichts gefallen. Erheben wir Einspruch, wo die Grenzen der Humanität überschritten werden.

Aktiver Friede

Solange wir mit der Realität hadern, bleiben wir im Unfrieden mit der Welt und mit uns selbst. Wenn wir akzeptieren, was ist, kommen wir in Frieden mit der Wirklichkeit und mit uns selbst. Wir sind mit unserer Kraft und Zuversicht verbunden. Akzeptieren heißt nicht, Schlechtes oder Böses gut zu finden. Vielmehr erwächst aus dem Akzeptieren zunächst die genaue Beobachtung dessen, was geschieht, und darauf baut eine reflektierte Bewertung der Vorgänge auf. Das Handeln, der Einsatz für das Gute oder das Bessere bildet die notwendige Konsequenz aus dem Beobachten und Bewerten. 

Auf der Basis des inneren Friedens kommen wir zu einem Engagement für eine bessere Gesellschaft und Politik, ohne Hass und Besserwisserei. Es handelt sich um einen aktiven Frieden, der zum Tun auffordert, wenn es geboten ist. Für den Einsatz im Sinn des aktiven Friedens wird es in der Zukunft viel Gelegenheit geben. 

Hier zur Videofassung


Dienstag, 17. November 2020

Manipulation erkennen und entzaubern

Soziale Beeinflussung geschieht fortlaufend und stellt eine Grundlage unseres Soziallebens dar. Wir wollen aus den verschiedensten Gründen aufeinander einwirken: Um unsere Bedürfnisse durchzusetzen, andere zu einer Verhaltensänderung zu motivieren, Anerkennung zu bekommen, uns abzugrenzen usw. 

Zur Manipulation werden diese Aktionen unter bestimmten Bedingungen: Die Einflussnahme erfolgt unterschwellig und indirekt, wir stehen also nicht offen zu unseren Interessen und Bestrebungen, sondern wollen die anderen dazu bringen, dass sie von sich aus unsere Wünsche zu den ihren machen. Wir sparen uns die Mühe und das Risiko, uns selber zu offenbaren und dafür vielleicht abgelehnt oder kritisiert zu werden. Stattdessen versuchen wir, uns gewissermaßen bei der Hintertür ins Innere der Mitmenschen einzuschleichen und dort eine neue Software zu installieren, die dann automatisch unsere Wünsche erfüllen soll.

Typisch für die Manipulation ist also die Verschleierung der eigenen Absichten und das respektlose Übergehen der Rechte und der Integrität der Mitmenschen sowie die Verfolgung des eigenen Nutzens, gleich ob die betroffenen Personen Schaden erleiden oder nicht. 

Es gibt Manipulationen, die ohne direktes Wissen des „Täters“ geschehen, wie z.B. in der Erziehung und im Schulsystem, und solche, die geplant und absichtlich in Szene gesetzt werden, z.B. in der Werbung oder in der politischen Propaganda. Manipulation ist also häufig aus unbewussten Antrieben gespeist und wird von den Akteuren gar nicht bemerkt oder für selbstverständlich genommen. In diesem Fall stammt sie aus Überlebensstrategien, die sich in der Kindheit ausgeprägt haben.

Bei der Manipulation geht es nicht nur um Verhaltensweisen, die insgeheim bei anderen hervorgerufen werden sollen, sondern auch um Einstellungen und Sichtweisen, zu denen wir andere ohne deren bewusste Zustimmung bringen wollen. Der Nutzen dieser Zielrichtung von Manipulation ergibt sich indirekt: Indem andere Leute die eigenen Einstellungen und Werte übernehmen, können sie für unsere Interessen leichter in Dienst genommen werden. Wenn es z.B. einer Firma gelingt, spezifische Ängste vor einer Glatze oder vor Krankheitskeimen auf Türschnallen zu säen, die gleichzeitig ein Mittel bereithält, das den Ängsten abhilft, kann sie gute Geschäfte machen. Ähnlich agieren politische Parteien und Interessensgruppen vor allem auf der demagogischen und populistischen Seite. 

Die erzieherische Manipulation will oft auch in ihren Objekten, den Kindern, Einstellungen und Werte implantieren, die als besser erachtet werden. Die Kinder sollen den eigenen Rollenerwartungen angepasst und in die Erwartungsstrukturen eingepasst werden, dann brauchen sich die Eltern selber nicht in Frage stellen und in ihren Auffassungen weiterwachsen.

Psychotechniken

Zum Zweck der Manipulation werden verschiedene Psychotechniken genutzt – der US-Forscher George Simon unterscheidet rund zwanzig solcher Techniken, von der Lüge bis zum Mitläufereffekt („Alle nutzen schon das neue Pflegeshampoo”).

Bekannt ist z.B. die Manipulationstechnik der Ablenkung: Der Manipulator gibt keine direkte Antwort auf eine klare Frage, sondern lenkt das Gespräch auf ein anderes, für ihn sichereres Thema. Oder der Einsatz von Beschämung: Die Manipulatorin setzt den Gesprächspartner herab und behandelt ihn verächtlich, um Angst zu erzeugen. Damit soll er seinen Widerstand gegen die eigenen Absichten verlieren.

Die andere Seite der Manipulation stellen deren Opfer dar. Die Empfänglichkeit dafür, manipuliert zu werden, also auf einen Manipulator hereinzufallen, zeigt sich in einer ganze Liste von Persönlichkeitsmerkmalen, z.B. Naivität, geringer Selbstwert, emotionale Abhängigkeit.

Welche Persönlichkeitseigenschaften machen Menschen zu Manipulatoren? Dazu zählen alle Formen der Unverschämtheit, also der Respektlosigkeit für die Intimitäts- und Integritätsgrenzen der Mitmenschen, rücksichtloses Macht- und Gewinnstreben, die Feigheit, offen zu eigenen Wünschen zu stehen usw. 

Ist das Manipulieren unausweichlich? Können wir nicht nicht manipulieren?

Angelehnt an ein Kommunikationsaxiom von Paul Watzlawick spricht Eike Rappmund (Praxis-Handbuch Manipulation. Tredition Verlag 2014) davon, dass wir nicht nicht manipulieren können: “Wir haben gelernt, zu manipulieren, um zu bekommen, was wir (zum Überleben) brauchen. Und wir haben gelernt zu akzeptieren, dass dies auch für unser Gegenüber gilt.” Aufgrund unserer Herkunft aus tribalen Sozialstrukturen haben wir gelernt, dass wir andere Menschen zu unseren Gunsten beeinflussen müssen, um unser Überleben zu sichern. Da wir wissen, dass die anderen die gleichen Strategien verfolgen, ist das Manipulieren ein verbreitetes soziales Phänomen, das unverdientermaßen einen schlechten Ruf genießt, so die These des Buches. Ich möchte diese Form der “Reinwaschung” der Manipulation im Folgenden kritisch erörtern. 

Die frühen Sozialstrukturen, die von Menschen gebildet wurden, waren nämlich nicht darauf ausgerichtet, dass die einzelnen Individuen ihr Überleben durch Manipulation sichern müssen. Vielmehr wurde darauf geachtet, dass die Bedürfnisse von allen Mitgliedern der Gemeinschaft möglichst ausgeglichen befriedigt werden, sodass niemand um sein Überleben fürchten muss. Die Überlebensbedrohungen befanden sich im Außen - feindliche Menschengruppen, wilde Tiere, Naturkatastrophen. 

Die Individualisierung des sozialen Überlebens ist eine spätere Entwicklung, die vor allem mit der Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftssystems in Verbindung gebracht werden kann. Jeder muss selber schauen, dass er/sie nicht draufgeht. Also ist es wahrscheinlich, dass sich das Phänomen der Manipulation erst in diesem Entwicklungsstadium der Menschheit herausgebildet hat. Die Anwendung von Manipulation setzt das Schwinden des Vertrauens in die Bezugsgruppe voraus. Wir wollen unseren Vorteil erschwindeln, am besten so, dass die andere Person gar nicht merkt, dass sie zu unserem Nutzen agiert, sondern meint, sie hätte selbst am meisten davon. Wir wollen also andere hintergehen und riskieren die Zugehörigkeit zum sozialen Netz, mit der Gewissheit, dass wir es nicht wirklich brauchen, sondern uns jederzeit eine neue Bezugsgruppe erschaffen können.

Die Liste der Manipulationstechniken umfasst die verschiedensten Formen eines misstrauensgeprägten Verhalten, bei dem nicht das gemeinsame und geteilte Wohl, sondern der individuelle Nutzen – zur Not auch auf Kosten der anderen – im Vordergrund steht. Manipulation setzen wir dort ein, wo wir mit „redlichen” Mitteln, also mit der direkten und offenen Kommunikation unserer Bedürfnisse, nicht weiterkommen. In den meisten Fällen ist uns gar nicht bewusst, dass wir manipulativ vorgehen, sondern es unterläuft uns dieses Verhalten, weil wir uns hilflos fühlen und keine andere Strategie zur Hand haben, um unsere Interessen durchzubringen.

Häufig sind es Erfahrungen mit dem Manipuliertwerden, die wir aus unserer Kindheit mitschleppen und die wir dann im Bedarfsfall anwenden, wenn es in einer sozialen Situation eng wird. Man könnte sagen, dass wir später nicht nicht manipulieren können, wenn wir in unserer Kindheit laufend manipuliert wurden. 

Verwirrungsstrategien

Manipulationen verwirren den Wirklichkeitssinn. Als Kinder hatten wir ein feines Gespür über das, was echt und ehrlich ist und was nicht. Fehlende Ehrlichkeit konnten wir jedoch nicht einordnen und benennen, sie hinterließ nur einen Eindruck von Unklarheit und Unstimmigkeit. Als Kinder reagieren wir auf solche versteckten Botschaften, indem wir den Fehler bei uns suchen und die Außenwelt entlasten. Wir versuchen, durch Anpassung oder Widerstand aus der Verwirrung herauszukommen. Aber ein Stück des Vertrauens ist zerstört, und aus dem Misstrauen heraus neigen wir später selber dazu, zu manipulieren statt offen unsere Wünsche und Bedürfnisse zu kommunizieren.

Wir manipulieren also aus einer ursprünglichen Not heraus, und leiten daraus dann später die Rechtfertigung ab, Manipulationsstrategien gewerbsmäßig oder in anderer Weise gezielt einzusetzen. Wir reden uns ein, dass das die anderen auch machen und beruhigen damit unser Gewissen.

Doch sind die Folgen solcher Einstellungen über kurz oder lang äußerst bedenklich: Manipulative Strategien untergraben das Vertrauen, das eine Gesellschaft zusammenhält und das Zusammenleben und den friedlichen Austausch ermöglicht. Deshalb müssen alle verdeckten Aktionen, die dieses Vertrauen für eigene Zwecke ausnutzen wollen, aufgezeigt und angeprangert werden. 

Die Werbewirtschaft schrammt am Rand dieses Phänomens entlang, weil wir wissen oder wissen sollten, dass es bei Werbebotschaften nicht um Ehrlichkeit und Wahrheit geht, sondern um den Zweck des Geschäftemachens. Die Politik gilt aus einem ähnlichen Grund als „garstiges Lied”, als schmutziges Feld voll von manipulativen Verdrehungen. Das Umsichgreifen und Verbreiten der Fake-News mit Hilfe der „sozialen” Plattformen eröffnet früher noch ungeahnte Dimensionen für die Massenmanipulation, vor der wir uns tagtäglich wappnen müssen.

Der Manipulation die Stirn bieten

Die Gegenmittel zur Manipulation haben alle mit Selbststärkung zu tun: Aufbauen und Verankern des Selbstwertes und der Selbstverantwortung, Verfeinern des inneren Spürens (um Authentizität und Verlogenheit unterscheiden zu können), Schulung einer kritischen Unterscheidungsfähigkeit, Wahrheitssuche und Faktenprüfung. 

Die eigenen Tendenzen, andere zu manipulieren, sollten durch offene Kommunikation und das Ausdrücken der eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Interessen ersetzt werden. Das zwischenmenschliche Vertrauen wächst nur auf solchem Grund. Zwischenmenschliches Vertrauen wächst an Selbstvertrauen und umgekehrt.

Zum Weiterlesen:
Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?
Die Begrenzung narzisstischer Manipulation
Astroturfing - Manipulation vom feinsten


Samstag, 14. November 2020

Wer soll das bezahlen? Der Staat als big spender.

Krisenzeiten können auch dazu dienen, altbekannte Konzepte und Vorstellungen zu überdenken und durch neue zu ersetzen. Wir erleben in dieser Zeit, dass der Staat Milliarden in die Hand nimmt, um jene, die von den Einschränkungen durch die Pandemie betroffen sind, unter die Arme greifen zu können, damit Härtefälle und Existenzbedrohungen vermieden werden und die Wirtschaft nicht völlig zusammenbricht.

Wir fragen uns, woher der Staat plötzlich das Geld nimmt, wo uns doch bisher immer eingebläut wurde, dass gespart, gespart, gespart werden muss, wenn es um den Ausbau von staatlichen Förderungen und Sozialleistungen, um Investitionen in Bildung und Forschung ging. Es leuchtet auch ein, dass der Staat nicht verschuldet sein soll, sondern ausgeglichen wirtschaften sollte, wie eben jeder andere Haushalt auch. Aus unserer Praxis wissen wir, dass es nicht angenehm ist, mit einer Kreditbelastung zu leben, weil es uns an den Kragen gehen könnte, falls wir einmal das Geld für die Rate nicht aufbringen. Sobald ein Kredit abbezahlt ist, fühlen wir uns erleichtert. Also können wir nachvollziehen, dass das auch auf der Ebene des Staates so funktionieren sollte. Schließlich sind wir alle der Staat, und ab und zu wird uns vorgerechnet, wie hoch wir als Einzelne verschuldet sind, wenn die Staatverschuldung auf alle Bürger umgelegt wird, und bei solchen Vergleichen wird uns schnell schummrig (pro Österreicher wären das mit Stand 2019 ca. 35000 €): Was, wenn morgen ein Schuldeneintreiber vor der Tür steht und unseren Anteil an der Staatsverschuldung verlangt?

Wir vergessen bei diesen Vergleichen eins: Der Staat ist der Macher des Geldes, nicht das Geld die Basis des Staates. Staatsgebilde waren notwendig, um das Geld zu erschaffen – ein Zahlungsmittel, dessen Wert von allen Teilnehmern einer Gesellschaft akzeptiert wird: Alle glauben an die Zahl auf dem Geldschein, der an sich wertlos ist, und bemessen danach den Wert des Scheins für die Austauschprozesse von Gütern und Dienstleistungen. Solange dieser Glaube solid ist, funktioniert das Geldsystem, und der Staat kann Geld erschaffen, soviel er braucht. Die Grenze zeigt sich dort, wo das Vertrauen schwindet und der Wert des Geldes in Zweifel gezogen wird. Schon im 18. Jahrhundert wurde deutlich, dass das Geld an Wert verliert, wenn der Staat hemmungslos Münzen und Banknoten auf den Markt wirft.

Eine neue Geldtheorie

Soweit ein paar Grundmodelle der Volkswirtschaftslehre, laienhaft dargestellt. Die Modern Monetary Theory (MMT), eine neuere Strömung in der ökonomischen Theorie, behauptet, dass der Staat das Geld der Steuerzahler nicht braucht, um die eigenen Ausgaben zu finanzieren, sondern dass er umgekehrt die Staatsbürger dazu zwingt, die Steuern in Geld abzuliefern und damit das Geldsystem implementiert. Deshalb kann der Staat so viel Geld produzieren, wie er will und für seine Leistungen braucht, gestützt auf die Vertrauensgarantie seitens der staatlichen Institutionen. Es sind also nicht mehr die Steuerzahler, die den Staat am Leben erhalten, sondern der Staat agiert als Schiedsrichter in einem Spiel, in dem sich die Bürger an die vorgegebenen Regeln halten müssen, wenn sie einen individuellen Gewinn aus dem Spiel ziehen wollen. 

Eine Folgerung aus diesem Ansatz besteht darin, dass die Arbeitslosigkeit durch eine staatliche Jobgarantie beseitigt wird. Arbeitslosigkeit führt zu hohen Kosten in der Gesellschaft und zu schädigenden Einwirkungen auf die Betroffenen, denen keinerlei produktive Wirkungen gegenüberstehen. Deshalb sollte der Staat in Krisenzeiten Jobs schaffen, auch wenn sich dadurch das Staatsdefizit erhöht. Sobald die Wirtschaft wieder in ihre Eigendynamik kommt, entstehen dort neue Arbeitsmöglichkeiten. 

Vermutlich lässt sich diese Geldtheorie mit den Ideen des Grundeinkommens kombinieren und kann in ein neues Paradigma einfließen, das zur Einschränkung des neoliberal-kapitalistischen Systems beiträgt. Es ginge dabei um den Ausgleich zwischen Eigenwohl- und Gemeinwohlbestrebungen, der im Neoliberalismus gekippt ist. 

Ich schreibe nicht als Experte in dieser Thematik, sondern als interessierter Wirtschaftsteilnehmer, der besser verstehen möchte, was die Spielregeln sind und wo wir Konstrukten aufsitzen, die einfach für wahr gehalten werden, ohne einer näheren Prüfung standhalten zu können. Dieser Artikel möchte dabei helfen, festgefügte Ansichten über unser Geldsystem zu erschüttern und neue Sichtweisen einzubringen. Diskussionsprozesse könnten dadurch angestoßen werden, um diejenigen Strukturen und Dynamiken, die aufgrund von Denkmodellen entstanden sind, zu verändern und in neue Bahnen zu führen. Es könnte ja sein, dass unsere Wirtschaft nicht von ökonomischen Sachzwängen regiert wird, sondern von den Annahmen ihrer Teilnehmer, die als selbstverständlich unterstellt werden, obwohl sie es nicht sind. Und es könnte sein, dass diese Annahmen Mischungen aus kognitiven Konstruktionen und emotionalen Mustern darstellen, die mehr unbewusste als bewusste Anteile enthalten.

Das Wirtschaftssystem als Glaubenssystem zu verstehen, ermöglicht das Durchschauen und Relativieren von Meinungsmanipulationen und Gefühlsprägungen. Überall wo Ängste ins Wirtschaftssystem eingeschleust werden, ist es wichtig, ihre Berechtigung und Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Ängste, die auf der Grundlage eines fragwürdigen ökonomischen Modells gesät werden, brauchen wir dann nicht mehr ernst zu nehmen. 

Da Vertrauen (und begrenztes Misstrauen innerhalb dessen Rahmen) das Grundnahrungsmittel und den Grundtreibstoff jeder Gesellschaft und damit auch jedes Wirtschaftssystems darstellt, sollten alle Ängste, die durch ideologische Einflüsterungen oder naiven Grundannehmen entstanden sind, benannt und entsorgt werden. Denn sie hemmen nicht nur die Individuen in ihrer Aktionsfähigkeit und reduzieren ihre Lebensqualität, sondern verringern auch die Produktivität und Konstruktivität in den gesellschaftlichen und ökonomischen Abläufen  und damit die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems, die wieder auf die Lebenszufriedenheit der Teilnehmer zurückwirkt.

Interview zur Modern Monetary Theory

Zum Weiterlesen:
Gründe für ein Grundeinkommen
Die Corona-Krise als Chance
Armut ist ein Ärgernis - dem kann abgeholfen werden



Mittwoch, 8. Januar 2020

Von der Hilflosigkeit zur Hingabe

Als soziale Wesen sind wir auf Helfen programmiert. Als moderne Wesen sind wir aufs Selberhelfen programmiert. Wenn sich dazwischen plötzlich das Gefühl der Hilflosigkeit meldet, stehen wir ihm  oft recht ratlos gegenüber. Welchen Platz hat dieses Gefühl in dieser Welt der fortwährend optimierten Selbsteffizienz noch?
Offenbar gibt es diese Diskrepanz: Gerne helfen wir, wenn sich andere in Not an uns wenden, und tun dies vermutlich sogar viel lieber, als selber Hilfe anzunehmen. Das ist leicht verständlich: Als erbetene Helfer sind wir in der Position der Stärke und Kontrolle, als Hilflose sind wir schwach und abhängig. Die Dynamik zwischen Helfen und Hilfe in Anspruch zu nehmen funktioniert nur, wenn sie hin und her fließt: Mal hilft der eine, dann der andere, in Summe gleicht es sich aus.

Wenn es in einem Sozialsystem keine laufend hergestellte Reziprozität zwischen Geben und Nehmen gibt, also kein annäherndes Gleichgewicht, wird die Kluft zwischen den Menschen immer größer. Denn die Brücken, die durch das Helfen entstehen, kommen seltener vor, und als Folge müssen bei Bedarf erst neu errichtet werden, mit weiter gespannten Bögen. Dadurch geht die Wahrscheinlichkeit von Hilfsanfragen noch weiter zurück: Die Befürchtung, dass das Ersuchen eine Zumutung sein könnte und dass einem nicht oder nur unwillig geholfen werde, ist berechtigt, wenn es lange schon kein Erfolgserlebnis in dieser Richtung gegeben hat.

Wenn wir uns hilflos fühlen, neigen wir dazu, die Hilfsbereitschaft unserer Mitmenschen zu unterschätzen. Wir empfinden Scham für unsere Hilflosigkeit und wollen nicht, dass andere unsere Scham bemerken, weil sich dadurch unsere Scham verdoppeln würde. Deshalb halten wir uns mit Hilferufen zurück, manchmal so lange, bis uns das Wasser bis zum Hals steht. 

Diese Zurückhaltung hängt auch damit zusammen, dass die verwandtschaftlichen und nachbarlichen Unterstützungsnetze im Lauf der gesellschaftlichen Entwicklung schwächer geworden sind. Dagegen ist die Erwartung gewachsen, dass es jeder alleine schaffen kann und muss. Wozu gibt es Versicherungen für alle möglichen Krisensituationen? Wer nicht rechtzeitig abgeschlossen hat, braucht sich auch nicht zu beklagen, wenn er keine Hilfe kriegt. 

Hilflosigkeit gleicht in einer hoch abgesicherten Gesellschaft mit einem differenzierten Angebot an Dienstleistungen einem Eingeständnis von Unfähigkeit. Da kennt sich jemand nicht aus, ist uninformiert, faul oder minderbemittelt, jedenfalls in dem beschämenden Zustand, sich selber nicht helfen zu können. Wer es alleine nicht schaffen kann, ist, wenn nicht verachtenswert, so zumindest bemitleidenswert. Und das Eingeständnis, es alleine nicht schaffen zu können, ist in jedem Fall peinlich.

Es gibt dessen ungeachtet auch Menschen, die sich leicht tun, Hilfe zu erbitten, und die unter Umständen schon dort um Hilfe schreien, wo sie sich leicht selber helfen könnten. Sie setzen sich über die Scham hinweg, die mit der Abhängigkeit von einem Helfer verbunden ist. Bei ihnen ist es so, dass sich lieber die anderen schämen sollten, wenn sie nicht bereit sind einzuspringen. Tendenziell werden solche Menschen allerdings in einer Gesellschaft der Vereinzelung immer mehr an den Rand geraten und auf diese Weise Opfer der Beschämung.


Hilflosigkeit gehört dazu


Das Leben stellt uns immer wieder vor komplexe Situationen, die wir mit unseren Gewohnheitsmustern nicht bewältigen können. Das können unerfreuliche Kommunikationssituationen, technische Kalamitäten oder überfordernde Schicksalsschläge sein. Gefühle von Hilflosigkeit stellen sich ein, und wir fühlen uns verzweifelt. 

Hilflosigkeit ist ein unvermeidlicher Teil jedes Lebens, kommt immer wieder vor und gehört dazu. Die Gefühle von Ohnmacht sind sehr unangenehm, und deshalb wollen wir sie um jeden Preis vermeiden. Sie erinnern uns an kindliche Erfahrungen und an Traumen, die wir nie wieder erleben wollen. Hilflos zu sein ist verunsichernd und versetzt uns in eine abhängige Position, wie wir sie als Kinder hatten. 

Doch sollten wir uns klarmachen, dass Hilflosigkeit nicht nur kleine Kinder betrifft, sondern Bestandteil der menschlichen Lebenserfahrung ist. Sie hat mit der prinzipiellen Unberechenbarkeit des Lebens zu tun. Wir können uns gesund ernähren, ausreichend Sport betreiben und für unsere Ausgeglichenheit sorgen, und dennoch schwer krankwerden und sterben. Wir können jede Menge an Wissen und Informationen sammeln und dennoch vor eine Situation geraten, die uns restlos überfordert. Wir können noch so sehr unsere Achtsamkeit schulen und werden dennoch immer wieder in Situationen geraten, in denen wir etwas übersehen und andere verletzen. Hilflosigkeit ist also auch die Folge unserer strukturellen Unvollkommenheit. Niederwieser schreibt: „Genau genommen ist Hilflosigkeit ein menschlicher Grundzustand. Die Illusion, nicht hilflos zu sein, ist dagegen viel schädlicher. Aus ihr nährt sich ganz viel Scham. ‚Ich müsste es doch schaffen.‘ Nein, müssen Sie nicht.“ (Niederwieser, Stephan Konrad: Nie wieder schämen: Wie wir uns von lähmenden Gefühlen befreien. München: Kösel Verlag 2019)

Das Annehmen der individuellen Unvollkommenheit und der allgemeinen Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit des Lebens ist die Haupttugend, die wir brauchen, um möglichst leicht von der Ohnmacht in die Macht, vom Leiden zum Glück kommen. Wir brauchen nicht an einer Hilflosigkeit verzweifeln, die uns überfällt, sondern können unser Vertrauen stärken, dass jedes Problem irgendwie zu seiner Lösung finden wird.

Wenn wir unsere Hilflosigkeit annehmen, verwandelt sie sich in Hingabe. Hingabe bedeutet, dass wir erkennen und zulassen, dass eine größere Kraft das eigene Leben bestimmt, leitet und lenkt. Es waren unsere enggesteckten Erwartungen und gewohnheitsmäßigen Reaktionsmuster, die uns daran hinderten, mit einer herausfordernden Situation fertig zu werden. So hängen wir fest in der Vorstellung, wie die Wirklichkeit sein sollte, und krallen uns an diese Erlösungsfantasie. Doch die Wirklichkeit schert sich nicht um unsere Wunschvorstellungen, sondern serviert uns beständig neue Szenen, darunter immer wieder solche, die uns hilflos machen. 

Hingabe heißt nicht, dass wir unsere Handlungsfähigkeit bei der Garderobe abgeben und resigniert in die Ohnmacht versinken, sondern dass wir hellwach bleiben, um zu erkennen, wann etwas zu tun und wann etwas zu lassen ist. So bleiben wir in einem optimalen Sinn handlungsfähig, nämlich das, was wir im Augenblick zur Wirklichkeit beisteuern können und zu erkennen, was sinnlos und zeitvergeudend ist. 

In diesem Sinn ist Hingabe Teil von jedem kreativen Prozess. Ein kleines Beispiel: Heute beschloss  ich, zu einem bestimmten Zeitpunkt Laufen zu gehen. Ich war gerade beim Schreiben dieses Textes, schloss ab, weil mir nichts mehr einfiel, und begann mich umzuziehen. Währenddessen unterbrach ich dreimal, weil mir ein gut passender Satz für den Text einfiel, den ich einfügte, dann mit dem Umziehen weitermachte, wieder einfügte, bis nichts Neues mehr kam. Daraufhin stand dem Laufen nichts mehr im Weg. 

Das Loslassen der Anstrengung, Formulierungen und Gedankengänge zu finden, bewirkte, dass die Einfälle von selber kamen. Dort wo die Kreativität versiegt, braucht es dieses Eingeständnis der eigenen Erschöpfung und der damit verbundenen Hilflosigkeit, um die Ideen wieder zum Sprudeln zu bringen. Mit dem Bewusstsein der Hingabe ist die Erkenntnis verbunden, dass ein eigener Text nie nur ein eigener Text ist, sondern auch Resultat von Einflüssen, die nicht der eigenen Kontrolle unterliegen.


Hingabe als spirituelle Übung


Hingabe kann auch bedeuten, einen Moment oder eine Zeitspanne innezuhalten und dem Inneren Zeit zu geben, sich neu zu gruppieren. Die Lösungen für hartnäckige Probleme kommen oft erst, wenn die qualvolle Lösungssuche abgebrochen wurde, so wie der Name, der einem partout nicht einfallen will, keck auftaucht, nachdem wir aufgehört haben, uns das Gehirn zu zermartern. 

„Die Wirklichkeit hilft dir, wenn du dich hingibst, wenn du also deine Hilflosigkeit eingestehst und um Hilfe bittest.“ Das ist der alte Glaube ans Gebet, und das ist die Erfahrung, die wir in kleinen und großen Dingen immer wieder machen können. Wir sollen aktiv sein, kein Zweifel. Aber die entscheidenden Durchbrüche geschehen oft erst dann, wenn wir mit unseren Aktivitäten an eine Grenze des Scheiterns gelangt sind und nicht mehr weiter wissen.

In der Hingabe verbindet sich unser kleines Leben mit dem großen Ganzen auf eine besondere Weise. Wir geben uns ein Stück geschlagen, weil wir all unsere Mittel eingesetzt haben und nicht mehr weiter wissen, und ziehen unser Ego ein Stück zurück. Nicht einmal absichtlich machen wir dann Platz für ein höheres Wissen, das bereitwillig uns zu Hilfe kommt. 

Im Gebet oder in anderen rituellen Praktiken üben wir diesen Vorgang bewusster. Wir überantworten unsere Probleme einer höheren Instanz, ohne uns unserer Verantwortung zu entledigen, aber mit der Gewissheit, dass unsere eigene Macht begrenzt und mangelhaft ist. Der indische Guru sagt zum Schüler: „Ich kann dir nur helfen, wenn du darum bittest. Selbst wenn ich es wollte, kann ich dir anders nicht helfen. Erst wenn du dir deine Hilflosigkeit bewusst machst und dich in der Bitte hingibst, wird es von mir zu dir fließen.“

Der Zyklus, der von der Aktivität über die Hilflosigkeit zur Hingabe führt, schließt mit Dankbarkeit ab. In diesem Sinn danke ich allen Beteiligten für das Gelingen dieses Textes.

Zum Weiterlesen:
Verletzlichkeit und Würde
Die Demut und das Ego
Über Schwäche und Bedürftigkeit
Schwächen sind menschlich und machen menschlich

Sonntag, 14. April 2019

Das Kind in uns

Das innere Kind ist eine modellhaft angenommene Instanz in uns selber, die alle Erfahrungen mit den zugehörigen Gefühlen aus der frühen Zeit unseres Lebens gespeichert hat. Diese Instanz wird genutzt, um den Unterschied zwischen der erwachsenen Lebens- und Sichtweise und der des Kindes zu erleben. Die Erfahrungen aus der Kindheit wirken vor allem auf der emotionalen Ebene ins Erwachsenenleben hinein, oft ohne dass das auffällt. Dann kommt es dazu, dass Erwachsene wie Zweijährige zornig werden oder wie Babys in Traurigkeit versinken. Für die meisten Menschen erscheint es selbstverständlich, dass sie reagieren, wie sie reagieren, weil sie annehmen, dass sie eben sind wie sie sind und nicht anders sein können.  

In der Regel handelt es sich aber um unverarbeitete und nicht integrierte Erfahrungen aus der Kindheit, die im Erwachsenen reinszeniert werden. Plötzlich werden die erwachsenen Kompetenzen außer Kraft gesetzt, Hilflosigkeit, Verzweiflung oder blinde Aggressionen können sich breit machen – so stark kann die Macht des inneren Kindes sein. 

Wenn die Machtübernahme durch das innere Kind wieder abgeebbt ist, entsteht häufig Scham, mit der scheinbar der Erwachsene die Aktion bewertet: Wie konnte ich mich nur so aufführen? Oder die Reaktion ist trotzig: Es geschieht den anderen recht, die mich in die Enge getrieben haben, wenn sie jetzt unter meinem Zorn leiden. Das sind typische pseudoerwachsene Rechtfertigungen bzw. Rückzugsgefechte des inneren Kindes, das sich auch hier wieder mit Wiederaufführung von kindlichen Erfahrungen der Angst und Verletzung meldet.  

Ersatzreaktionen 


Die sekundären Reaktionsweisen der Scham und des Trotzes zeigen die Opfer- und die Täterseite des inneren Kindes. Meist treten sie Hand in Hand auf die Bühne des inneren Erlebens und je nach der Charakterstruktur oder der Beziehungsdynamik im Elternhaus überwiegt das eine oder das andere, also die Neigung zum aggressiven Trotz (Täterseite) oder zur schamerfüllten Resignation (Opferseite).  

Wird der Unterschied zwischen der erwachsenen und der kindlichen Instanz bewusst, so braucht es keine sekundären Reaktionen mehr, um das Auftreten des inneren Kindes mit seinen impulsiven Gefühlen zu verarbeiten. Statt Ersatzgefühlen werden die ursprünglichen Emotionen zugänglich, z. B. wird hinter einer Eifersucht Angst oder Schmerz spürbar. Die erwachsene Instanz kann sich dann achtsam und liebevoll der kindlichen Gefühle annehmen und sie behutsam befrieden.  

Je deutlicher dieser Unterschied in der eigenen Psyche und ihren Äußerungen zur Kenntnis gelangt, desto weniger werden folglich Ersatzreaktionen auftreten, die im Erwachsenenleben in der Kommunikation Unklarheiten schaffen und Verwirrung stiften. Stattdessen können die kindlichen Gefühle gespürt werden, und wenn die Umstände passen, auch ins Fließen kommen und dann wieder abebben. Unsere Mitmenschen werden schneller verstehen, was los ist und können meistens besser mit den einfachen Gefühlen zurechtkommen als mit den komplexen Abwehr- und Rechtfertigungsstrategien, mit denen sich das verschreckte innere Kind hinter dem unbeholfenen Erwachsenen versteckt. 

Grundlegende Schutzgefühle 


Das innere Kind kennt vor allem diese beiden als unangenehm erlebten Gefühlsenergien, die grundlegenden Schutzgefühle: Traurigkeit und Angst. Daran schließen sich häufig Zorn und seltener Ekel an. Komplexer ist das Gefühl der Scham, weil es mit der sozialen Bewertung des eigenen Verhaltens verbunden ist. Andere Gefühle wie Neid, Eifersucht, Verzweiflung, Hilflosigkeit usw. gelten als Ersatzgefühle, denn hinter ihnen stecken Traurigkeit und Angst, und sie lösen sich auf, wenn die ursprünglicheren Gefühle gespürt und angenommen werden können. 

Zu den Ersatzreaktionen oder sekundären Gefühlen zählen auch übertriebene Freundlichkeit (statt Wut), unechtes Lachen (statt Traurigkeit), Verlegenheit (statt Angst). Es sind Reaktionen, die im Lauf der Kindheit angelernt werden, um mit schwierigen Situationen in der sozialen Interaktion zurecht zu kommen. Sie haben allerdings in der erwachsenen Welt keine Funktion mehr und wirken hemmend und störend auf das Weiterkommen und auf die kommunikativen Beziehungen. 

Der direkte Kontakt zwischen der Erwachsenenpersönlichkeit und dem inneren Kind überbrückt die sekundären reaktiven Gefühlsmuster und verbindet zur unmittelbaren Erfahrungsebene des Kindes. Es handelt sich dabei auch um einen Vorgang der Komplexitätsreduktion: Je früher die kindliche Erfahrung, desto einfacher sind die Gefühlsabläufe gestrickt und desto einfacher kann die Abhängigkeit von ihnen aufgelöst werden. Je näher die Gefühle der organischen Regulation sind, desto weniger gedankliche Muster sind beigemengt. Die Komplexität im Gefühlsleben entsteht durch die Ausbildung der Großhirnareale, die die unterschiedlichen sozialen Erfahrungen mit kognitiven Assoziationen abspeichern.  

Die Wirksamkeit der Arbeit mit dem inneren Kind beruht auf dieser Vereinfachung. Die Gefühle fühlen sich auf dieser Ebene real und stimmig an, sie brauchen kein rationales Verständnis, es genügt ganz einfach, sie zu spüren und zu akzeptieren. Denn häufig liegt die Quelle des Leidens des Kindes darin, dass die Gefühle, die es spürt, von den Menschen in der Umgebung nicht akzeptiert wurden. So blieb es allein mit seinem Befinden und fühlte sich verlassen und abgeschnitten von den wichtigen Personen in seiner Nähe.  

Um die Ängste zu bannen, die unweigerlich in solchen Situationen auftauchen, blieb nur der Ausweg, die ursprünglichen Gefühle mit Schutzmechanismen abzusichern, die darüber angelegt wurden und den Sinn haben, die soziale Anbindung wiederherzustellen und den Schaden zu reparieren. Die Verantwortung für den Schaden nimmt das Kind ganz auf sich, weil es meint, sein Fühlen wäre das, was zur Abweisung und Abneigung der Erwachsenen geführt hat. Also muss es sein Fühlen abstellen oder in eher akzeptierte Ersatzgefühle umwandeln, um wieder als liebenswertes Kind wahrgenommen zu werden.  

Wohlwollende Akzeptanz 


Deshalb ist es so wichtig, die Gefühle des inneren Kindes wohlwollend zu akzeptieren. Dass es in Ordnung ist, zu fühlen, was gefühlt wird, ist eine heilende Botschaft, die die Seele von der Notwendigkeit befreit, Gefühle gegen Ersatzgefühle auszutauschen und damit die eigene innere Wahrheit und Authentizität für die Anpassung an die Erwartungen der Umgebung zu opfern. Ich darf so fühlen, wie ich fühle, heißt so viel wie: Ich darf so sein, wie ich bin. Ich brauche mich nicht zu verbiegen, um geliebt zu werden.  

Hier beginnt die Selbstliebe, der intime annehmende und zuwendende Akt zu sich selbst. Der Weg der Selbstliebe ist immer auch eine Liebesbeziehung zum kleinen Kind in uns, dem viel von der Liebe gefehlt hat, die es gebraucht hätte. Liebe heißt, alles anerkennen, was ist, alles so sein lassen, wie es ist und alles umfassen, was ist. Für das verletzte und vernachlässigte innere Kind ist das eine neue Erfahrung, die wie Balsam auf die Wunden wirkt. 

Das spielerische Kind 


Was braucht das innere Kind noch? Es will spielen und fröhlich sein. Mit dem Kontakt zum inneren Kind begegnen wir nicht nur Schmerzen und Ängsten, sondern auch der Neugier und Spontaneität des Kindes und können sie mehr in unser Leben einladen. Begegnen wir als Erwachsene der Welt genug auf spielerische Weise oder gehen wir zu ernst mit dem Leben um? Folgen wir unserer Neugier, wenn es um Entscheidungen geht, oder mehr unseren Gewohnheiten? 

In all diesen Bereichen ist es hilfreich für die Erweiterung und Befeuerung der Lebensfreude, des Genießens und der Leidenschaft, die Energien des inneren Kindes wiederzubeleben. Damit erschließen wir die Urquellen unserer Lebendigkeit, den Fluss der Energien. Wir verbinden uns mit den Anfängen unserer Kreativität, mit der Fähigkeit des Wunderns und der Dankbarkeit für alles, was es gibt. Kinder staunen über die Buntheit und Vielgestaltigkeit der Welt, und diese Fähigkeit sollten wir nie verlieren. 
  

Das innere Kind in der Kommunikation 


Es ist auch hilfreich und förderlich für die zwischenmenschliche Kommunikation und das Zusammenleben, bei unseren Mitmenschen darauf zu achten, wenn sie in ihrem Verhalten in kindliche Reaktionen geraten. Dann fällt es uns leichter, die Gefühle dahinter zu verstehen, statt über deren ersatzweisen Ausdruck, der uns oft zur aktuellen Situation unpassend erscheint, verdutzt oder geschockt zu sein.  

Wir können besser damit umgehen, wenn jemand traurig ist oder Angst hat, als wenn jemand unkontrolliert wütend, gehässig oder unzugänglich gehemmt ist. Und wir tun uns leichter mit diesen Gefühlen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass sie nicht von unserem erwachsenen, sondern von unserem kindlichen Gegenüber kommen. In dem Maß, wie das Verständnis für das eigene innere Kind und seine Bedürfnisse wächst, wird unsere Fähigkeit zur Empathie für andere gestärkt. 

Vielleicht sollten wir uns ab und zu daran erinnern, dass wir selbst und auch die anderen Menschen ein verletztes und unverstandenes inneres Kind kennen und in sich tragen. Diese Vergewisserung kann uns helfen, verständnisvoller und gelassener im Umgang miteinander zu werden. 
  

Das innere Kind in der Therapie 


In der Therapie ist es häufig angebracht und sinnvoll, mit dem inneren Kind zu arbeiten. Das Konzept dahinter ist für die meisten Menschen intuitiv verständlich und leicht nachvollziehbar. Es ermöglicht der Klientin, sich von starken und belastenden Gefühlen zu distanzieren: Ich bin nicht dieses schlimme Gefühl, sondern ich habe es. Und das Gefühl hat mehr mit früher als mit jetzt zu tun. Seine Intensität, seine Heftigkeit stammt aus einer Erfahrung von Hilflosigkeit aus der Kindheit. Jetzt kann ich erwachsen sein und mein Leben meistern, auch wenn sich ab und zu das innere Kind mit seinen Schmerzen, seiner Verzweiflung, seiner Angst meldet. 

Gelingt es, die tiefen Gefühle dem inneren Kind zuzuordnen, wird eine innere Distanz zum Erleben möglich, ohne dass die Gefühle unterdrückt oder abgespalten werden müssen. Vielmehr wachsen in diesem Prozess das innere Verständnis und die Selbstannahme.  

Der Erwachsene kann geben, das Kind kann nehmen: Sicherheit, Vertrauen, Mut, Trost. Damit werden beide Seiten gestärkt: Das innere Kind fühlt sich in seinen Gefühlen angenommen und entlastet, während der erwachsene Teil an seiner Kompetenz, sich liebevoll um das innere Kind zu kümmern, an Fürsorge und Mitgefühl weiterlernt.  

Dabei ist darauf zu achten, dass eine gute Balance zwischen dem Erwachsenen und dem inneren Kind gebildet werden kann. Beide Seiten haben ihr Recht und ihren inneren Raum, nur gehören die Aufgaben in der Realität zum erwachsenen Ich, bei denen das innere Kind keine Führungsrolle übernehmen sollte. Es begleitet mit seinen Gefühlen und seinem Gespür all die Entscheidungen, die im täglichen Leben gefällt werden. Die Obsorge für alle Details und Schritte sowie die Verantwortung liegt aber ganz beim Erwachsenen.  

Die Therapeutin hat die Aufgabe, beide Seiten im Klienten zu stärken und dabei zu helfen, die Beziehung zwischen beiden tragfähig und offen zu gestalten. Ziel der Arbeit ist eine ausgeglichene Persönlichkeit, die offen für ihre Gefühle ist und das erwachsene Leben mit all seinen Herausforderungen meistern kann. Kreativität und Spielfreude haben ausreichend Platz neben allen anderen Aktivitäten, die zum Leben gehören. Es fällt leicht zu unterscheiden, wann sich das innere Kind meldet und wann der erwachsene Anteil aktiv ist. 

Manchmal braucht es Zeit, dass der Kontakt zwischen der Erwachsenenperson und dem inneren Kind zustande kommt. Das ist vor allem dann der Fall, wenn jemand eine schwere Kindheit mit viel Ablehnung und emotionaler oder physischer Gewalt hatte. Dann kann es sein, dass das innere Kind ganz weit ins Innere zurückgezogen ist, als wollte es sich verstecken. Es zeigt sich verzagt und scheu. Hier ist viel Geduld notwendig, um sich langsam und schrittweise anzunähern und eine Vertrauensbrücke zu diesem verschreckten Kind aufzubauen. Dann entsteht zunehmend ein Raum für fürsorgliche und warme Gefühle, die der Klient in der Folge auch in anderen Bereichen seines Lebens einbringen kann. 

Die innere Beziehung zwischen den kindlichen und den erwachsenen Anteilen stiftet eine Kontinuität in der Lebensgeschichte, die auch die oft schwierigen Übergänge zwischen den einzelnen Lebensphasen enthält. Alle Erfahrungen, die angenehmen und die unangenehmen, haben ihren Platz und finden ihre Würdigung. An die Stelle eines unvollständigen Mosaiks von isolierten Fragmenten tritt ein eindrucksvolles Gesamtkunstwerk, das die eigene Lebensgeschichte repräsentiert. 

Zum Weiterlesen:
Der Raub des Selbst
Das Ja zum Selbst
Die interne Kommunikation pflegen

Dienstag, 6. Juni 2017

Empathie

Die Fähigkeit des Mitfühlens ist zentral für die Vertiefung menschlicher Beziehungen und für das soziale Vertrauen. Mitgefühl bedeutet, Gefühle spüren zu können, die andere Menschen fühlen und mit diesen Gefühlen mitschwingen zu können. Wenn ich zu dieser Fähigkeit, über die Menschen grundsätzlich verfügen, Zugang habe, trete ich in Resonanz mit der anderen Person und bewege mich in ihre Innenwelt hinein. Dann bin ich empathisch: Im Gefühl eins mit der anderen Person.

Die Erfahrung einer empathischen Beziehung gibt uns Sicherheit und Vertrauen: Ich kann spüren, dass die andere Person im Grund das gleiche fühlt wie ich, damit bin ich mit ihr verbunden und fühle mich in der Beziehung sicher.

Wenn wir viele empathische Erfahrungen in unserer frühen Kindheit machen konnten, verfügen wir über ein solides Fundament für diese Fähigkeit und können sie leicht in den Situationen aktivieren, in denen es um gefühlsmäßige Resonanz geht.

Auch wenn die Geschichten unterschiedlich sind, die das Gefühl auslösen, und damit die Details des Gefühls unterschiedlich sind, ist die Verbindung auf einer tiefen Ebene hergestellt.

Empathie heißt nicht: zwei Personen verschmelzen völlig, sondern eine gemeinsame Schwingung wird hergestellt, die mit dem jeweiligen geteilten Gefühl verbunden ist, sodass das Gefühlserleben als solches zwischen den beiden Personen identisch ist: eine Person fühlt Schmerz, die andere ebenfalls. Der Schmerz kann sich in der Intensität unterscheiden; die empathische Person braucht den Schmerz nicht in der Tiefe zu spüren, um die einfühlende Beziehung herzustellen. Die gefühlsmäßige Resonanz ist nicht von der Stärke abhängig, ähnlich wie Töne unterschiedlicher Lautstärke in Harmonie sein können.

Es handelt sich also nicht um Empathie, wenn eine Person in der anderen Person oder in ihrem Gefühl aufgeht. Das wäre nur ein konfluentes Sich-im-anderen-Verlieren. Empathie erfordert zwei voneinander prinzipiell unabhängige Personen, die sich auf der Ebene eines Gefühls treffen und auf dieser Ebene alle Unterschiede aufgeben, sodass nur mehr eines vorhanden ist, das gemeinsam geteilte Gefühl.

Deshalb kann ich mit Personen empathisch sein, obwohl ich deren Lebensgeschichte nicht teile, ja, ich muss diese nicht einmal kennen. Ihr Gefühl mag einen anderen Hintergrund und Auslöser haben, aber ich kenne es als Gefühl aus meiner Geschichte, mit meinem Hintergrund und Auslöser.

Das Fließen der Empathie


Diese Form der Empathie ist nur möglich, wenn die Hindernisse und Blockierungen zu den eigenen Gefühlen abgebaut oder aufgelöst sind. Erst wenn diese Heilungsschritte vollzogen sind, öffnet sich der Zugang zu der Ebene, auf der alle Menschen miteinander verbunden sind: Die Ebene der primären Gefühle, in diesem Fall vor allem der Schutzgefühle von Schmerz und Angst. Auf dieser Ebene spielt es keine Rolle mehr, woher der Schmerz oder die Angst stammen; ausschlaggebend ist das Teilen der emotionalen Erfahrung. Dadurch entsteht auf einer tiefen Ebene Vertrauen und Sicherheit. Denn wir brauchen keine Angst zu haben, wenn wir der gleichen Verletzlichkeit und Ängstlichkeit begegnen, die wir von uns selber kennen. Angst macht uns das Fremde, das Unverständliche und nicht Deutbare. Wenn wir nicht wissen, woran wir mit der anderen Person sind, sind wir misstrauisch, es könnte uns drohen, dass wir wieder verletzt werden. Steigt jedoch die andere Person auf die Gefühlsebene ein, auf der wir uns gerade befinden, fühlen wir uns mit ihr verbunden und können Vertrauen aufbauen.

Auf diese Weise wird in einer gut verlaufenden Psychotherapie der Heilungsprozess in Gang kommen. Vertrauen, das in frühen Phasen des Lebens enttäuscht wird, wird in der aktuellen Situation der Gefühlsresonanz zwischen Therapeut und Klient aufgebaut, sodass die alte Enttäuschung, die zu Misstrauen geführt hat, überschrieben werden kann. Das Vertrauen zu der anderen Person, die sich mit mir auf der Gefühlsebene verbinden kann, stärkt das Vertrauen zu mir selbst, und auf diese Weise löst sich das Misstrauen auf und die innere Freiheit kann wachsen.

Physiologie der Empathie


Aus der Polyvagaltheorie wissen wir, dass sich unser Nervensystem in einem bestimmten Funktionszusammenhang befinden muss, um soziale Kompetenzen anwenden zu können. Sobald Stress entsteht, werden die sozialen Fähigkeiten reduziert und die empathischen Fertigkeiten werden zurückgefahren. Unsere inneren Systeme nehmen an, dass Gefahr im Verzug ist und stellen sich darauf ein, unser unmittelbares Überleben zu sichern. Für diesen Zweck ist die Empathie ein hinderlicher Luxus. Wir sollten nur in der Lage sein zu unterscheiden, von welchen Personen wir Bedrohung erwarten sollten und bei welchen wir uns sicher fühlen können. Dies wird vor allem aufgrund von früheren Erfahrungen und Ähnlichkeitsassoziationen entschieden.

Wenn wir hingegen entspannt sind, sodass der Stressgenerator Sympathikus abgeschwächt ist, kann das neue Vagussystem, das die sozialen Interaktionsprozesse enerviert, zum Tragen kommen. Wir sind also vom generellen Entspannungsniveau unseres Nervensystems abhängig, wenn wir Empathie entwickeln wollen, sodass die Fähigkeit zur Entspannung jeder sozialen Kompetenz vorgeordnet ist.

Die erlernte Empathieblockierung


Sozial ausgerichtete Lebewesen "können" Empathie aufgrund ihrer Veranlagung. Allerdings kann diese Fähigkeit reduziert oder verkümmert sein, wenn sie von Anfang an zu wenig gefördert und genährt wurde. Nehmen wir aus unserer Kindheit unzureichende Erfahrungen mit dem empathischen Einschwingen mit, so mussten wir Überlebensstrategien entwickeln, um mit diesem Mangel zurechtgekommen. Sie beruhen auf Ängsten und dienen dazu, die erlittenen Verletzungen durch das Nicht-Verstandenwerden zu kompensieren.

Wir können zwei Typen der Blockierung der Empathie unterscheiden.

Zum einen gibt es die Verschmelzer: sie haben als Kind gelernt, die Erwartungen anderer zu erfüllen, andere zu verstehen, um Zuwendung zu bekommen. Sie halten sich für empathisch, weil sie die Bedürfnisse und Stimmungslagen anderer gut lesen können und stets auf sie achten. Tatsächlich aber können sie nicht in Resonanz gehen, weil sie ihre eigenen Gefühle gar nicht spüren können. Was ihnen selber fehlt, war nie gefragt und ist ihnen deshalb nicht mehr zugänglich. Sie sind vermeintlich zufrieden, wenn sie andere zufriedenstellen können, bleiben innerlich aber immer hungrig nach wirklichem Verstandenwerden. In der Bindungstheorie findet sich dieser Typ als unsicher-ambivalenter Bindungsstil.

Verschmelzer müssen lernen sich abzugrenzen, indem sie die Empathie auf sich selber anwenden: Sie lernen sich selbst zu lieben, zu achten und sich um sich zu kümmern. Auf diesem Weg begegnen sie den eigenen Schmerzen und Ängsten, und indem sie diese Gefühle bei sich kennenlernen, kommen sie in die Lage, sie auch bei anderen Menschen empathisch mitzuempfinden und dabei die fremden von den eigenen Gefühlen zu unterscheiden. Indem sie sich selber kennen- und lieben lernen, können sie sich dort gut abgrenzen, wo andere ihre Gefühle ausbeuten wollen.

Die zweite Gruppe sind die Vermeider: sie können sich gut abgrenzen, aber können mit Empathie nicht viel anfangen. Sie haben den Rückzug und die innere Abschottung als Überlebensstrategie entwickelt. Die Not wird zur Tugend: Der Mangel an empathischer Verständigung wird resignativ in den Verzicht auf tieferes Verstehen umgewandelt. Besser lebt es sich, wenn die zwischenmenschliche Kommunikation an der Oberfläche bleibt und Gefühle dabei möglichst vermieden werden. Dieser Typ hat übrigens Ähnlichkeiten mit dem ängstlich-vermeidenden Bindungsstil nach der Bindungstheorie.

Der Lernprozess von Vermeidern besteht darin, die Angst vor den eigenen Gefühlen zu verlieren und zu erleben, wie Gefühle das eigene Innenleben und die Kommunikation bereichern können. In dem Maß, in dem sie ihre Innerlichkeit entdecken, können sie sich empathisch für die Gefühle anderer öffnen.