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Dienstag, 7. Oktober 2025

Die rhetorische Ablenkung – der Whataboutismus

Eine beliebte Masche in Debatten besteht darin, auf Kritik und Vorwürfe mit Ablenkungen zu reagieren. Leute, die diese Taktik verwenden, gehen nicht auf die Kritik ein, die ihnen entgegengebracht wird, sondern lenken sofort um auf Gegenkritik, um ihre Position zu schützen. Mit dem Gegenangriff wollen sie den Kritiker bloßstellen und sich selbst in die übergeordnete Position versetzen. Die moralische Schuld für das eigene Tun wird auf die andere Person abgewälzt, die eigene Verantwortung wird beiseitegeschoben und der anderen Person angelastet. Der Kritiker wird herabgesetzt, als jemand, der mit zweierlei Maß misst, und als Heuchler und oft sogar als Lügner verunglimpft. Durch die Abwertung sollte er als jemand dargestellt werden, der kein Recht hat, Kritik zu üben, weil er selbst ein schlechter Mensch ist. 

Der Begriff des „Whataboutismus“ wurde ursprünglich im Nordirlandkrieg geprägt: Republikaner wurden auf ihre Gewalt hingewiesen und reagierten sofort mit dem Gewaltvorwurf an die Loyalisten und an die englischen Truppen und umgekehrt. Niemand kehrte vor der eigenen Tür, sondern wies auf den Dreck vor der Tür des anderen hin. Es wurde dann deutlich, dass die Sowjetpropaganda dieses Argumentationsmuster häufig verwendete. Wenn westliche Politiker oder Journalisten auf die Menschrechtsverletzungen in der Sowjetunion hinwiesen, lautete der Konter: „Und was ist mit der Rassendiskriminierung in den USA? Was ist mit den Kolonialverbrechen der Westmächte?“ Diskussionen zum Gazakrieg verlaufen kaum ohne die Ablenkungsstrategie: 8. Oktober gegen Genozid, mit diesen Begriffen werden die Schuld und die Verantwortung hin- und her geschoben. J.D. Vance hat bei seiner Rede vor der Sicherheitskonferenz in München u.a. behauptet, europäische demokratische Institutionen würden die freie Meinungsäußerung untergraben, während seine Regierung alles tut, um die Meinungsfreiheit in den USA zu beschränken. Er hat auch die hohen Zahlen von im Ausland geborenen Einwanderern in den EU-Ländern kritisiert, während die US-Bevölkerung außer den Ureinwohnern zur Gänze aus Migranten besteht.

Das Du-aber-auch-Argument

In der Rhetorik wird diese Argumentationsfigur auch als „Tu-quoque-Fehlschluss“ bezeichnet, der eine Variante des „Ad-hominem-Arguments“ darstellt, also das Umlenken einer Kritik auf die Person des Kritikers. Die Aufmerksamkeit des Publikums soll vom kritisierten Inhalt auf die Person des Kritikers verschoben werden, die auch Dreck am Stecken habe. Auf diese Weise soll der Kritiker als unglaubwürdig und unmoralisch hingestellt werden.

Innerpsychisch erleichtert der Whataboutismus das Umgehen mit der kognitiven Dissonanz, die durch jede Kritik entsteht. Denn sie weist auf einen Unterschied zwischen dem eigenen Tun und den eigenen ethischen Maßstäben hin. Sie ruft ein Schamgefühl hervor, das durch den Gegenangriff abgeschwächt wird. Der Selbstwert wird stabilisiert, indem eine überlegene Position eingenommen wird: Du hast mir gar nichts zu sagen, du bist viel schlimmer als ich.

Systematische Kritikabwehr

Autoritäre Regime setzen diese Strategie systematisch ein, um Kritik langfristig zu unterbinden: Es wird nie auf den Kritikpunkt eingegangen, sondern sofort der Kritiker als Person abgewertet und unter Umständen gleich verhaftet. Damit soll zumindest erreicht werden, dass das Publikum zu der Meinung kommt, es haben sowieso alle, die den Mund aufmachen, moralische Mängel, sodass es egal ist, wer an der Spitze ist. Die Gleichgültigkeit gegenüber der Politik erzeugt in der Demokratie ein Machtvakuum, das sich die rechten Gruppierungen aneignen und mit ihren Inhalten füllen, die sie gekonnt vor jeder Kritik abschotten. Es finden keine konstruktiven Auseinandersetzungen mehr statt, damit die Leute den Eindruck kriegen: Politiker streiten sowieso nur, sodass sie sich selbst in die Privatheit verkriechen. Die Arena ist frei für gerissene Machtpolitiker, die keine Rücksicht auf die öffentliche Meinung mehr nehmen müssen, weil es eine solche nicht mehr gibt.

Diskurszerstörung

Die Demokratie ist von Diskursen zur Willensbildung abhängig, die in einer Atmosphäre von gegenseitigem Respekt  stattfinden sollen. Spielt eine Seite nicht mehr mit, indem sie sich aus vernunftgeleiteten Diskursen zurückzieht, so wird sie zunächst ausgegrenzt. Damit kriegt sie die Unterstützung von allen anderen, die sich in irgendeiner Weise ausgegrenzt fühlen, und bekommt einen Zulauf, ohne ihre programmatischen Forderungen im kritischen Diskurs bewähren zu müssen.

Die Demokratie wird mit diesen Taktiken systematisch geschwächt und ausgehöhlt, und sobald solche nicht diskursfähigen Parteien an der Macht sind, tun sie alles, was in ihrer Macht steht, um die Diskurse weiter zu unterbinden. Die Medien werden unter staatliche Kontrolle genommen und auf Regierungslinie gebracht, die Gegner werden abgewertet, lächerlich gemacht und schließlich verfolgt, und die eigene Wählerschaft wird mit Zuckerln beschenkt. Die Bevölkerung wird mit Propaganda überschüttet, bis sie in der politischen Gleichgültigkeit und Resignation versinkt. 

Logischerweise gedeiht in Systemen, in denen die kritischen Kontrollmechanismen außer Kraft gesetzt werden, die Korruption. Die Machthaber bereichern sich nach Strich und Faden, wie es der gegenwärtige Präsident der USA vormacht und jener von Russland seit 25 Jahren praktiziert. Mit der Verweigerung des kritischen Diskurses durch konsequenten Whataboutismus beginnt die Entwicklung zur Beseitigung der Demokratie, im totalitären autokratischen Staat ohne Menschen- und Bürgerrechte endet sie. 

Zum Weiterlesen:
Die rechte Rhetorik - perfide und zugleich simpel
Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?
Kriegsverbrechen und Schamverdrängung


Samstag, 17. Juni 2023

Über das Leben mit Widersprüchen angesichts der Klimakrise

Die Klimakrise hält allen einen Spiegel vor. Unsere moderne Lebensweise kommt mit all ihren Aspekten auf den Prüfstand. Nachdem klar ist, dass es diese Lebensweise ist, die die Erderwärmung mit all ihren bekannten und unbekannten Konsequenzen nach sich zieht, ist jede/r gefordert, seinen/ihren Beitrag zur Treibhausgasemission zu überdenken. Es gibt den ökologischen Fußabdruck als Abschätzungs- und Berechnungsmöglichkeit, wie hoch der eigene Anteil an der Klimafehlentwicklung ist. Er wird in gha gemessen: Ein „gha“ entspricht einem Hektar weltweit durchschnittlicher biologischer Produktivität, etwa für Ackerbau, Holzwirtschaft, Energiegewinnung. Bei fossilen Energieträgern wird die Fläche errechnet, die nötig ist, um die bei der Verbrennung entstehenden Emissionen von Kohlendioxid durch Wälder und Ozeane zu binden, ohne das Klima zu gefährden (Quelle).  Er liegt in Österreich bei 6 gha (Europäischer Durchschnitt 4,8 gha). Dieser Wert bedeutet, dass wir mit dem Vierfachen dessen leben, was uns dieser Planet zur Verfügung stellt, Tendenz steigend. Wir leben also so, als hätten wir noch drei weitere Planeten zur Verfügung, nachdem wir unseren abgewirtschaftet haben. Ohne mit der Wimper zu zucken, leben die meisten von uns in einer unbekümmerten Selbstverständlichkeit, als ob es kein Morgen und keine Verantwortung für die Zukunft gäbe.  

Diese Sorglosigkeit gelingt uns nur dann, solange wir uns nicht mit dem beschäftigen, was uns die Wissenschaften schon lange auf den Tisch gelegt haben, was wir uns die Nachrichten präsentieren und was wir selber an Klimaveränderungen wahrnehmen. Wir brauchen in diesem Fall eine dicke Haut zur Immunisierung gegen das Offenkundliche und zum Verdrängen unserer Zuständigkeit. Wenn wir hingegen zur Kenntnis nehmen, wie es um die Welt steht, erkennen wir sofort, in welchen Widersprüchen wir durch unsere Lebensweise stecken – in die wir uns immer tiefer verstricken wie die Fliege, die mit jeder Flügelbewegung von immer mehr Spinnenfäden umfangen wird, die ihr schließlich das Leben kosten. 

Es gibt verschiedene Abwehrformen gegen diese unangenehme Selbstprüfung, die mit Schamgefühlen konfrontiert. Auf diese verhängnisvollen Zusammenhänge bin ich schon in den vorigen Blogartikeln eingegangen. Sie haben alle mit Selbsttäuschungen und Illusionen zu tun. 

Die Unvermeidbarkeit von Widersprüchen 

Selbst wenn wir wissen, was es zu wissen gibt, und das Wissen ernstnehmen, können wir nicht immer so leben, wie es für das Überleben der Menschheit wichtig wäre. Wir sind Wesen mit den verschiedensten Bedürfnissen, Interessen und Werten auf den verschiedensten Ebenen. Die Klimafrage ist nur eine von ihnen, obgleich in einem bestimmten Sinn die wichtigste. Aber sie steht in Konkurrenz mit anderen Ebenen und bekommt deshalb im inneren Abstimmungsprozess nicht immer die oberste Priorität. Es scheint immer wieder akutere Probleme zu geben, die zuerst angegangen werden sollten. Die Klimakrise mit ihren langsamen Verläufen und ihren punktuell wahrnehmbaren Auswirkungen zieht da häufig den Kürzeren. Also fahren wir mit dem Auto, weil es schneller geht, obwohl sich der Weg auch klimafreundlicher bewältigen ließe, wir uns aber die Zeit nicht nehmen oder glauben, sie nicht zu haben.  

Aus der Theorie der kognitiven Dissonanz wissen wir, dass wir sehr ungern mit uns selbst im Widerspruch sind. Die Theorie besagt, dass wir Entlastungsgründe erfinden, wenn wir merken, dass unser Handeln nicht mit unseren Werten übereinstimmt. Wir wollen in Übereinstimmung mit unseren Werten leben, sonst meldet sich die Scham. Gelingt uns das nicht, neigen wir zu Selbsttäuschungen, um die innere Spannung und das Schamgefühl in uns abzuschwächen. Beispielsweise wissen wir, dass das Fliegen umweltschädlich ist. Dennoch wollen wir aus irgendwelchen Gründen an einen fernen Ort gelangen und entscheiden uns für den Flug und gegen unsere umweltbezogene Werthaltung. Um die Dissonanz mit uns selber aushalten zu können, schwächen wir sie ab, indem wir uns z.B. vergegenwärtigen, was wir alles für die Umwelt tun, oder indem wir uns einreden, dass wenn nicht wir fliegen würden, jemand anderer unseren Platz einnähme, was dann wieder aufs Gleiche hinausliefe. Oder wir weisen darauf hin, dass andere viel mehr als wir selber das Flugzeug nutzen usw. Natürlich sind all diese Argumente Ausreden, mit denen wir uns vor unserer eigenen Verantwortung drücken. Aber es sind Selbsttäuschungen, die die kognitive Dissonanz in uns selber verringern. Es ändert sich nichts an der Realität und an dem Schaden, den wir anrichten, nur das schlechte Gewissen wird schwächer. 

Widerspruchsbewusstsein 

Die Dissonanzreduktion, also die Verringerung der inneren Spannung zwischen unserem Tun und unseren Werten, erfolgt durch Selbstmanipulation. Wir lügen uns in unsere eigene Tasche, und das ist fatal, weil wir auf diese Weise unser umweltschädliches Verhalten weiter betreiben. Wir entkommen dieser Selbsttäuschung, die meist unbewusst und automatisch abläuft, indem wir uns der Widersprüche stellen und Verantwortung übernehmen, statt uns Ausreden zurechtzulegen. Sobald uns die Widersprüche bewusst werden, in die wir uns verstricken, ist nicht alles verloren. Denn wir spüren die Schamlast, die darin besteht, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden und mit den eigenen Idealen im Konflikt zu sein. Wir nehmen diese Last auf unsere Schultern.  Sie wirkt wie ein Stachel im Fleisch und motiviert uns, ein andermal mit mehr Achtsamkeit auf die Bedürfnisse der Natur zu handeln. Wir stellen uns der Scham, statt sie wegzudrängen, und nehmen das Leid auf uns: das Leid, das wir der Natur und zukünftigen Generationen zufügen und das das Leben anderer und zukünftiger Menschen belastet, ohne dass wir billige Ausflüchte suchen uns mit Scheinargumenten aus unserer Verantwortung herausreden. 

Wenn wir erkannt haben, dass ein widerspruchsfreies Leben gar nicht möglich ist, fällt es uns leichter, uns selbst in unserer Widersprüchlichkeit anzunehmen. Wir sind nie zu hundert Prozent mit uns selber in Übereinstimmung, und es wäre ein perfektionistischer Anspruch, eine solche absolute Authentizität jemals zu erreichen. Unsere innere Widersprüchlichkeit ist eine Facette unserer Fehleranfälligkeit, unserer Unvollkommenheit.  

Das heißt nicht, dass wir uns auf unseren Widersprüchen ausruhen und unsere Diskrepanzen kultivieren sollten, um uns vor der Verantwortung zu drücken, die mit jedem handeln verbunden ist. Es geht vielmehr darum, die Spannungsfelder, die wir durch unser Handeln aufbauen, bewusst anzuerkennen und daraufhin die Kraft zu mobilisieren, die wir brauchen, um diese Spannungen zu verringern und unser Handeln mehr unseren Werten und Idealen anzunähern.  

Wir leben in Umgebungen, die auf hohen Ressourcenverbrauch ausgelegt sind. Damit ist es uns unmöglich, völlig klimaneutral zu leben. Wir können nur das Maß bestimmen, nach dem wir die Umwelt belasten und für uns selber entscheiden, wieweit wir aus diesen Zusammenhängen aussteigen wollen, im Bewusstsein, damit den Widersprüchen nicht zur Gänze zu entkommen, aber die implizite Schambelastung ein Stück zu verkleinern.  

Wir können vielleicht als Einzelne eine klimaneutrale Lebensweise verwirklichen, indem wir auf Auto- und Flugreisen verzichten und unsere Lebensmittel weitgehend selber produzieren, unsere Kleidung selber herstellen usw. Allerdings befinden wir uns dann in einer privilegierten Position, denn nur wenige könnten sich eine derartige Form der autarken Subsistenzwirtschaft leisten. Nicht einmal in unseren Breiten stünde genug fruchtbares Land zur Verfügung, dass alle auf derartigem Niveau ihren Lebensunterhalt sichern könnten. 

Sobald wir irgendwo einkaufen, wirken wir schon mit am exzessiven Ressourcenverbrauch der globalisierten Wirtschaft. Beinahe jede Form von Konsum, außer vielleicht der Einkauf beim benachbarten Bauern, ist belastet von energieintensiver Herstellung, Verbrauch von knappen Rohstoffen und Transportaufwand. Wenn dazu noch unsoziale Arbeitsbedingungen in weniger entwickelten Ländern kommen oder Materialen verwendet werden, die mit umweltverschmutzenden Methoden gewonnen werden, sind wir mitbeteiligt an der Klimakrise. 

Das Leben mit Ambivalenzen

Mit Ambivalenzen leben, Widersprüche aushalten, ohne sie wegzukürzen oder schönzureden, gibt eine besondere Kraft, die gerade angesichts einer sich mehr und mehr verbreiteten Hilflosigkeit und Ignoranz notwendig ist. Das andere ist, dass wir diese Kraft dafür brauchen, uns so weit als möglich zu informieren, unseren Konsum so weit wie möglich zu reduzieren und die Nachhaltigkeit in jede Konsumhandlung mit höchster Priorität versehen. Nur die Übernahme unserer persönlichen Verantwortung verhilft zur uns zu unserer Würde, zugleich folgt daraus genau das, was wir, und nur wir beitragen können, um die Überlebensfähigkeit der Menschheit zu sichern. 

Zum Weiterlesen:
Privileg Flugreisen
Pubertärer Wachstumswahn und die Klimakrise
Die Wissenschaftsskepsis und das Versagen der Klimapolitik
Realoptimismus angesichts der Klimakrise

 


Mittwoch, 29. Mai 2019

Der trügerische Zauber der Illusion

Mit Illusionen täuschen wir uns über Wirklichkeiten hinweg, die uns unangenehm oder unbequem sind. Wir malen uns aus, wie es besser sein könnte, wie sich Umstände zu unseren Gunsten wandeln, Probleme auf magische Weise verschwinden oder eine Person, mit der wir unzufrieden sind, zu einem neuen und viel besseren Menschen wird. Illusionen wirken oft bezaubernd auf ein betrübtes Gemüt, das sich mit der Fantasie aus der misslichen Situation befreien will. Es ist die Flucht in eine bessere und schönere Welt, die uns von unserem Gehirn und seinem Fantasiereichtum angeboten wird. Wir vermeiden die aktuelle Realität mit ihren Ecken und Kanten, um nicht noch mehr Schrammen abzubekommen und versinken in der Welt der Illusionen. Dort ist alles geschmeidig, weich und ideal, und unsere Wünsche gehen leicht in Erfüllung.

Illusionen formulieren Erwartungen an die Realität: sie soll sich gefälligst unseren Wünschen und Träumen entsprechend gestalten. In unserer Fantasie tun wir so, als wäre es schon eingetreten, was wir uns ausdenken. Obwohl wir wissen, dass wir nur in der Fantasie unterwegs sind – und deshalb haben wir es nicht mit Halluzinationen zu tun –, kann uns unsere selbstproduzierte Kopfrealität wichtiger und bedeutsamer werden als die äußere, von uns viel weniger kontrollierbare Realität. Denn diese Welt können wir uns so einrichten, wie sie sein soll, ohne dass uns wer dreinredet und ohne dass sich irgendwelche unliebsame Umstände querlegen.

Im Vergleich zur Wirklichkeit ist die Illusion dumpf und schal. Denn die Wirklichkeit ist immer lebendig voller Überraschungen und neuer Einfälle. Die Illusionen, in die wir uns immer wieder flüchten, sind im Wesentlichen immer die gleichen und kreisen im Kopf in wiederkehrenden Schleifen. Sie stammen aus Gewohnheiten unseres Denkens und Fühlens und nähren sich aus unbewussten Ängsten. Wie wir aus der Trennungstheorie wissen, stammen diese Fluchttendenzen insbesondere aus unverarbeiteten Beziehungsabbrüchen aus der frühen Kindheit. 

Das Leben fließt in Mäandern und unvorhersehbaren Wendungen, manchmal schneller, manchmal langsamer. Es kennt unendlich viele Schattierungen und Nuancen. Es steht nie still und wiederholt sich nicht. Allerdings, wenn wir uns überfordert fühlen vom beständigen Fluss der Veränderungen, flüchten wir in eine Welt, die ganz unserer Kontrolle unterliegt und in der wir das Tempo und die Themen bestimmen können. Diese Welt können wir nach unseren Wünschen und Bedürfnissen einrichten und perfektionieren. Ihr einziger Nachteil besteht darin, dass sie künstlich und irreal ist, ohne eigene Dynamik.

Die perfekte Welt gibt es nur für einen perfekten Verstand, und diesen gibt es nicht, und selbst wenn wir ihn hätten, könnten wir ihn nicht kontrollieren. Deshalb werden wir auf diesem Weg nie zur Zufriedenheit finden. Er stellt zwar einen gewohnten Ausweg zur Verfügung, doch führt uns der scheinbare Ausweg immer wieder zu der Unzufriedenheit zurück, von der er ausgeht und der er abhelfen möchte. 


Viele Spielwiesen der Illusion


Es gibt praktisch keinen Lebensbereich, in dem wir uns nicht einer Illusion hingeben könnten. Häufig mischen sich Illusionen in Liebesdinge ein. Sie gaukeln uns vor, dass wir in den vollkommensten Menschen auf der ganzen Welt verliebt sind. Zusätzlich nähren wir dabei die Illusion, dass wir allein dadurch glücklich sein können, wenn wir genug von diesem vollkommenen Wesen geliebt werden. Also setzen wir alles in unserer Macht Stehende in Gang, um abzusichern, dass wir ausreichend geliebt werden. Auch hier laufen wir Gefahr, unsere Illusion mit der Wirklichkeit der Liebe zu verwechseln.

In beruflichen Zusammenhängen neigen wir zu Illusionen, wenn wir unsere Fähigkeiten überschätzen oder laufend wunderbare Ideen entwickeln, ohne uns um ihre Verwirklichung zu kümmern. Oder wir kümmern uns nicht um die realen Marktbedingungen und Absatzchancen, wenn wir eine neue Geschäftsidee entwickeln, sondern glauben an die an unsere eigene Großartigkeit. Umgekehrt fallen wir manchmal auf Leute herein, die uns bewusst oder unbewusst mit ihrer eigenen Selbstüberschätzung täuschen.

Viele Raucher und andere Substanzabhängige reden sich ein, dass sie zu denen gehören, denen das Gift nichts ausmacht und die damit steinalt werden können, ohne die Suchtgewohnheit verändern zu müssen. Sie beruhigen mit dieser Strategie ihre kognitive und emotionale Dissonanz, was vor allem dann notwendig ist, wenn im eigenen Umfeld Menschen an Lungenkrebs sterben und wenn sie bei jedem Arztbesuch daran erinnert werden, dass sie die Sucht beenden sollten.

Auch in Bezug auf die ökologische Situation neigen viele zu Naivität und Wunschdenken: Jene, die die „Klimahysterie“ anprangern und darauf hoffen, dass sich Tausende Wissenschaftler in ihren Berechnungen geirrt haben, geben sich der Illusion hin, dass schon alles irgendwie gehen wird, ohne dass wir Eingriffe in unsere bequemen Lebensweisen vornehmen müssten. Sie suchen alle halbseidenen und windigen Argumente zusammen, die im Netz herumgeistern, um ihre Illusion zu bekräftigen, wie in dem Witz von den beiden Dinos, wo der eine sagt: „Du glaubst doch auch, dass das mit dem Meteoriten ein Hoax ist“.

In der Nachbarschaft der „Klimaleugner“ treiben sich auch mannigfaltige Verschwörungstheorien herum. Sie sind von der Illusion angetrieben, dass sich komplexe Dinge einfach erklären lassen: Geht die Wirtschaft schlecht, sind die Bilderberger, Freimaurer, Illuminaten oder wer auch immer gerade dabei, noch mehr Geld in ihre Taschen zu schaufeln; geht die Wirtschaft gut, passiert das Gleiche. Sie pflegen den Glauben, dass ein paar Menschen (Männer) die gesamte Weltwirtschaft und Weltpolitik steuern. Dabei schaltet doch James Bond in jedem Film einen dieser Giganten aus, eine gefährdete Spezies. 

Karl Marx hat in seiner Kritik an der Religion den Begriff der Illusion verwendet: „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusion über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf.“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 1844) Das jenseitige Glück, das den Menschen vor allem vom Christentum und vom Islam versprochen wird, sei nur eine Illusion, und sobald die Wirklichkeit entsprechend umgestaltet ist, sodass das Glück im Diesseits erfahrbar wird, würde sich die Illusion erübrigen, die Religionen sterben aus. 

Marx selber hing der Illusion an, dass sich die ökonomischen Umstände durch revolutionäre Aktivitäten so umgestalten ließen, dass alle zum Glück fänden. Obwohl sich seither für viele Menschen der Wohlstand verbessert hat, ist nicht unbedingt das Ausmaß an Glück gestiegen.

Schließlich spielen die Illusionen in spirituellen Zusammenhängen eine wichtige Rolle. So schreibt z.B. Jiddu Krishnamurti: „Entweder sind Sie sich des chaotischen Zustands der Welt bewusst, oder Sie schlafen nur, leben in einer Phantasiewelt, einer Illusion.“ (Total Freedom, 1996) Das hinduistische Konzept von Maya besagt, dass wir alle eingesponnen sind in eine Illusion des begrenzten und abgetrennten Ichs, das nichts mit der wahren, befreiten Natur des Menschen zu tun hat. Aufgabe des spirituellen Weges ist es, die Illusionen zu durchschauen und aufzulösen und zur Wahrheit über das Sein vorzudringen. 


Von der Scheinwelt zur Wirklichkeit


In all diesen Zusammenhängen geht es darum, den trügerischen Zauber der Illusionen zu durchschauen. Nur dann können wir diese Scheinwelten hinter sich lassen, um der Wirklichkeit zu begegnen, die unser eigentliches Leben ist. Wir sind aus Fleisch und Blut, im Hier und Jetzt, in diesem Feld spielt sich unser Leben ab. Sobald wir uns Illusionen hingeben, weichen wir diesem unseren Leben aus. Manchmal brauchen wir das scheinbar, weil wir uns überlastet und überfordert fühlen. Das sollte uns einfach nur bewusst werden, dann bleibt das Illusionieren harmlos. „Ich spinne jetzt ein wenig vor mich hin, wie einfach und angenehm das Leben sein könnte, um mich dann wieder den Aufgaben zu widmen, die mir das Leben stellt.“

Manchmal allerdings merken wir gar nicht, dass wir in unseren Illusionen unterwegs sind, in einem Ersatzleben, das wir aus unseren Fantasien zusammenzimmern. Das geht oft lange gut, bis wir auf eine Wirklichkeit stoßen, die stärker ist als unser Wunschdenken und uns mit tragischer Wucht aus unserer Traumwelt reißt.

Wie entkommen wir unserer Tendenz zum Illusionieren? Wie können wir rechtzeitig in die Realität zurückfinden, ohne dass uns das Leben die Lektion erteilen muss? Die einfachste Möglichkeit besteht darin, uns über den Bezug zu unserem Körper in die Gegenwart zu bringen. Unser Körper ist die nächste, greif- und begreifbare Realität für uns, und wenn wir uns auf den Atem fokussieren, sind wir ganz bei uns. Sind wir auf diese Weise in Kontakt mit uns selbst, spüren wir auch die Kraft, dass wir uns der Komplexität unserer Lebenswelt stellen können und ihre Herausforderungen meistern können. 

Der Seelenkenner Arthur Schnitzler hat geschrieben: „Eine Illusion verlieren, heißt um eine Wahrheit reicher zu werden. Doch wer den Verlust beklagt, ist auch des Gewinnes nicht wert gewesen.“ Es geht also zunächst darum, zu erkennen, dass die Wahrheit bedeutsamer und wichtiger ist als die Illusion, sodass wir uns immer verbessern und in unseren Möglichkeiten erweitern, wenn wir mehr Wahrheit und Wirklichkeitsbezug erfahren, mag es auch zeitweilig unangenehmer und belastender erscheinen. Diese Tatsache sollten wir wissen und anerkennen. Damit entgehen wir der Falle, der Illusion nachzutrauern, was nur dazu führen kann, dass wir uns die nächste Illusion suchen.

„Die Wahrheit wird euch frei machen“, heißt es im Johannes-Evangelium. Die Bereitschaft, dass wir uns unserer inneren und der äußeren Wahrheit stellen, ist die Voraussetzung für die Freiheit. Das Einspinnen in Illusionen lässt uns in der Unfreiheit beharren und schwächt unsere Kraft, unsere Lebenswirklichkeit kreativ zu gestalten.

Zum Weiterlesen:
Die Illusionsmaschine Internet und die Ethik
Wahrheit und Illusion

Die Illusion des bewussten Selbst
Erzeugen wir unsere Gedanken?


Samstag, 25. Mai 2019

Privileg Flugreisen

Fliegen wir, solange es noch so billig ist, und nutzen wir dabei die Großzügigkeit der Unterstützung durch die öffentliche Hand! Zählen wir uns zu den Privilegierten, die in den Genuss von Förderungen kommen, ohne irgendeinen Finger dafür rühren zu müssen. Alles, was notwendig ist, ist einen Flug zu buchen, und schon fällt der Geldsegen auf uns.

Aber was, wir müssen ja auch bezahlen, und die Fluglinien und Reiseanbieter werden immer unverschämter. Sie verrechnen Gepäckstücke, Sitzplatzwahl und jede Kleinigkeit zum Essen und Trinken zu überhöhten Preisen. Wo ist da irgendeine Begünstigung? Die angepriesenen Billigstpreise kriegt man ja ohnehin nie, also zahlt jeder Fluggast einen angemessenen Preis für die Leistung. 


Hochsubventioniertes Verkehrsmittel


Auch in diesem Bereich ist alles relativ. Die gesamte Branche des Passagierfluges ist hochsubventioniert. Im Chicagoer Abkommen kam es im Jahr 1944 zu einer Einigung, dass der Flugzeugstreibstoff Kerosin von der Mineralölsteuer ausgenommen wird. Seither hat sich daran nichts geändert, das Privileg wurde beibehalten und wird von der fliegenden Minderheit und der nichtfliegenden Mehrheit aller Länder stillschweigend toleriert. Für Österreich ergibt das für die Flugbranche eine jährliche Ersparnis von knapp einer halben Milliarde Euro pro Jahr, die als Steuereinnahme in den Staatssäckel fließen könnte, wenn es in diesem Bereich die entsprechende Gerechtigkeit gäbe. Dazu kommt, dass Tickets für Auslandsflüge von der Mehrwertsteuer befreit sind, was eine weitere versteckte Subvention für diesen Bereich in der Höhe von 185 Millionen Euro jährlich bedeutet. Außerdem müssten in Österreich alle Regionalflughäfen (außer Wien-Schwechat) schließen, wenn sie nicht mit öffentlicher Unterstützung über Wasser gehalten würden. Selbst bei der Errechnung der Klimaziele, zu denen sich die Staaten verpflichtet haben, werden die CO2-Emissionen von Flugzeugen nicht mitberechnet.

Es findet also fortwährend eine Umverteilung von den Nichtfliegern zu den Fliegern statt, die hingenommen wird und offenbar niemanden stört, weil es nicht auffällt und alle, die fliegen, die günstigen Preise genießen. In Österreich beträgt allerdings der Anteil der Nichtflieger ein Drittel der Bevölkerung, und nur 17% fliegen öfter als einmal pro Jahr. Während Geschäftsreisen zurückgehen, sind die Kurzstreckenflüge in Europa stark im Zunehmen, in dem Kontinent mit den stärksten Flugbewegungen überhaupt. Weltweit werden 4 Milliarden Fluggäste gezählt, die vor allem aus den reichen Ländern kommen, während etwa 97% der Inder nie ein Flugzeug bestiegen haben. 

Ein gravierender Aspekt, der immer mehr Menschen bewusst wird, liegt darin, dass auf diese Weise nicht irgendeine Verkehrsart gefördert wird, sondern gerade jene, die am umweltschädlichsten und unwirtschaftlichsten ihre Geschäfte macht. Man stelle sich ganz einfach vor, wieviel Energie es benötigt, den eigenen Körper mit seinem Gewicht auf 10 000 Meter hochzubringen und dort mit 800 Stundenkilometern vorwärts zu bewegen. Dagegen ist jede Fortbewegung auf der Erde im Vorteil, weil sie nur in der Horizontalen erfolgt. 

Deshalb ist klar, dass wir mit einem einzigen Kurzurlaub das gesamte klimaverträgliche Jahresbudgets eines Menschen verbrauchen können, z.B. durch einen Flug Wien-Lissabon retour. Alles, was wir darüber hinaus noch verbrauchen, ist gewissermaßen eine Hypothek auf die Zukunft, in der radikal gespart werden müsste, um wieder auf Gleich zu kommen. Der durchschnittliche Jahresverbrauch eines PKW mit 12 000 gefahrenen Kilometern entspricht in etwa dem Verbrauch eines Fluges Wien-Madrid-Wien. Dazu kommt noch, dass sich die CO2-Emissionen von Flugzeugen in großer Höhe für die Atmosphäre um das 2,7 fache schädigender auswirken als die Emissionen auf dem Boden. 

Mit Preisschnäppchen Wochenenden um Wochenenden Städte wie Bratislava, die an Billig-Airlines angeschlossen sind, zu besuchen, reizt viele, die Abwechslung in ihren Alltag bringen wollen. Wären wir nicht blöd, wenn wir nicht nutzen, was sich anbietet, solange es eben noch geht? Spätere Generationen, die den möglichen Schaden, den wir durch unser Verhalten anrichten, ausbaden müssen, werden uns allerdings nicht unsere Blödheit vorwerfen, sondern unsere Verantwortungslosigkeit und unseren Egoismus, unsere Gier und Kurzsichtigkeit. Wie sollen wir da zur Verantwortung gerufen werden?


Verhaltens- und Systemänderungen


Aus der Sicht der Umweltverträglichkeit, deren eminente Bedeutung uns immer klarer wird, ist es dringend notwendig, dass sich in diesem Bereich etwas grundlegend ändert. Einerseits müsste alles darangesetzt werden, die Flugzeuge emissionsärmer und ressourcenschonender zu bauen, andererseits müssten die Konsumenten selber mehr zum Klimaschutz beitragen, indem die Kostenwahrheit bei den Flugpreisen eingeführt wird. Und schließlich geht für jeden Menschen auch darum, dieses klimaschädliche Verkehrsmittel möglichst selten oder überhaupt nicht zu nutzen.

Es geht also um Änderungen im individuellen Verhalten und um Änderungen in den Systemen. Dass es wirklich im Großen signifikante Verbesserungen gibt, erfordert die Umgestaltung der Systeme –   aber Systeme ändern sich dann, wenn viele Einzelne Signale geben, die dann einen Trend bilden, der die Politik zu Systemänderungen motiviert. Jede individuelle Verhaltensänderung ist ein Signal, das unterbleiben kann, und dann ist der Beitrag null, sprich die Verschlechterung geht ungebremst weiter; ändert jemand das Verhalten, so ist der Beitrag irgendwo knapp über null, und das macht schon einen wichtigen Unterschied. Systeme können nur von der Politik umgebaut werden, die Politik verändert aber nur dann, wenn genügend Einzelne anders handeln. Die öffentliche Verwaltung beginnt erst dann mit dem Bau von Radwegen, wenn genügend Menschen mit dem Rad fahren. Sobald Radwege gebaut werden, steigt die Zahl der Radfahrer usw.


Gewohnheiten ändern


Bei uns als Individuen geht es um die Änderung von Gewohnheiten. Gewohnheiten sorgen dafür, dass wir bei unseren Einstellungen und Handlungsweise verbleiben, oft auch wider besseres Wissen. Es ist ökonomischer, wenn wir uns nichts Neues überlegen müssen. Deshalb braucht es starke Motive, um aus einer Gewohnheitsschleife auszusteigen. 

Unter der kognitiven Dissonanz versteht man die psychologische Spannung zwischen unserem Verhalten und unseren Einstellungen oder Werten. Wir haben z.B. die Einstellung, dass das Fliegen umweltschädlich ist. Aber zugleich haben wir die Lust, bequem einen anderen Ort zu erreichen, um dort ein nettes Wochenende oder einen Urlaub zu verbringen. Um die Spannung zu unseren Werten zu verringern, sagen wir uns, dass wir im Vergleich zu anderen nur selten fliegen oder dass, wenn wir nicht fliegen, jemand anderer an unserer Stelle fliegen würde oder dass wir uns in anderen Bereichen sehr für Umweltschutz und Klima engagieren. Wir suchen also Argumente, die unsere innere Dissonanz schwächen und damit verringern, und sie dienen uns bei der Beruhigung unseres ökologischen Gewissens. 

Auf diese Weise manipulieren wir uns selber. Wir tricksen uns aus, indem wir alle möglichen Ausreden suchen und finden. Unser Verhalten bleibt aber umweltschädlich, gleich welche Entkräftungen wir uns einfallen lassen. Wir tragen die Verantwortung für dieses Verhalten und seine Konsequenzen, niemand sonst. Das schlechte Gewissen, das uns dabei plagt, bleibt, und wir müssen es immer wieder mit unseren Gegenargumenten abstellen.


Widersprüche aushalten


Statt durch Rationalisierungen und Gedankenoperationen unsere kognitive Dissonanz aufwändig zu reduzieren, können wir bewusst die Widersprüche aushalten, in die wir durch unser wertinkonsistentes Verhalten geraten. Wir reden uns nicht ein, dass das, was wir tun, in Ordnung oder ohnehin nicht schlimm ist, sondern anerkennen, dass wir mit unserem Verhalten Schaden anrichten und dass wir in Widerspruch zu dem handeln, was uns wichtig ist. Statt uns kognitiv aus dem Dilemma herauszuwursteln, bleiben wir drin und gestehen uns ein, was wir tun, obwohl wir es eigentlich nicht wollen, bzw. Obwohl wir die Schäden, die wir damit anrichten, verhindern wollen.

Das Aushalten der kognitiven Dissonanz, ohne in heuchlerische Ausreden zu flüchten, lässt uns unsere Selbstverantwortung spüren. Und dann kommt es vielleicht da oder dort zu Verhaltensänderungen, indem wir zu unseren Werten stehen. Wir merken, dass es nicht mit Verzicht, sondern mit Gewinn verbunden sein kann, die Gewichte in unserem Handeln zu verschieben, indem wir z.B. ein freies Wochenende nicht in einer Stadt verbringen, die wir nur mit dem Flugzeug erreichen können, sondern in einer anderen, in die wir bequem mit dem Zug kommen.

In Schweden macht der Begriff der Flugscham die Runde: Wer das Flugzeug ohne triftigen Grund nutzt, soll sich schämen. Doch ein schlechtes Gewissen, das dadurch entsteht, dass wir mit dem Finger aufeinander zeigen, bringt uns nicht weiter, weil es Spannungen und inneres Leid verursacht und statt Verhaltensänderungen nur die Abwehrmechanismen stärkt. Wissenschaftliche Studien haben herausgefunden, dass Menschen, die beschlossen haben, nicht mehr zu fliegen, vor allem durch andere Nicht-Flieger inspiriert waren. Eine Studie ergab, dass etwa die Hälfte der Befragten seltener mit dem Flugzeug reist, weil sie jemanden kennen, der gar nicht mehr fliegt. Drei Viertel sagten, es habe ihre Haltung zum Fliegen verändert und nur sieben Prozent meinten, es habe sie gar nicht beeinflusst.

Wir können also ein Beispiel geben und andere beeinflussen, das führt einerseits dazu, dass ein bestimmtes Verhalten nicht mehr als die gewohnte und unhinterfragte Norm gilt, sondern auch anders sein könnte. Andererseits regt es zur Nachahmung an und hilft beim Abbauen der kognitiven Dissonanz. Durch unser Verhalten schicken wir Signale aus, die andere, die unsicher sind, was gut ist und was nicht, aufgreifen. Niemand will negativ auffallen und statt dessen das tun, was viele andere tun. Wenn es das Nicht-Fliegen in der eigenen Umgebung gibt, wird es zu einer lebbaren Alternative, die dann im eigenen Leben eine Chance bekommen kann.

Alternativen braucht es auch auf der Ebene der politischen Systeme, und auch dort wirkt die Nachahmung. Ein Land beginnt mit der Verbannung der Plastiktaschen oder mit der Besteuerung von Finanztransaktionen, und andere nehmen sich ein Beispiel, weil sie sehen, es geht ja doch. Solche Initiativen bräuchte es auch im Bereich des Flugverkehrs. 

Quellen:
Darf ich noch fliegen? (Falter 15.5.2019)
Flieg doch einfach und nerv mich nicht! (DerStandard, 21.5.2019)

Zum Weiterlesen:
Das Pathos der Beschämung in der Klimadebatte
Nachhaltigkeit in der Demokratie

Ökologie und Ausreden
Nachhaltiger Konsum - aber echt
Klimaabgabe für mehr Verantwortung