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Sonntag, 7. Oktober 2018

Advaita und die Vorherbestimmung

Eine weitere Frage stellt sich bei der Advaita-Lehre, die, wie in den vorigen Beiträgen besprochen, auf den freien Willen verzichtet. Welche Kraft bestimmt die Ereignisse und vor allem den Ablauf des Lebens der Menschen, wenn es keine Willensfreiheit gibt? Wer oder was also lenkt unser Schicksal? Oder gibt es überhaupt eine Lenkung? 


Vorplanung und Vorbestimmung


Dazu gibt es keine Einigkeit unter den Advaita-Lehrern. Manche, wie Maitreya Ishwara, proklamierten eine unendliche Intelligenz oder eine göttliche Instanz, die alles, was seit Anbeginn der Zeit geschehen ist und bis zum Ende aller Zeiten geschehen wird, bis ins Kleinste vorgeplant und vorgesehen hat. Auch Ramesh Balsekar, ein indischer Weisheitslehrer, der viele Sucher mit der Advaita-Lehre inspiriert hat, schrieb: „Alles, was geschieht, richtet sich nach dem Willen Gottes,“ und er bezeichnete die Gesamtheit des Geschehens als das „Drehbuch des göttlichen Dramatikers“. Er meinte auch, dass selbst eine simple Tätigkeit wie das Naseputzen vorherbestimmt wäre. 

Die Frage, die sich bei solchen Gedankengängen stellt, ist, woher die Einsicht stammt, die zu solchen weitgespannten kosmologischen Aussagen berechtigt. Verfügen diese Meister über eine direkte Verbindung zur Quelle des Seins? Maitreya Ishwara hat sich auf eine göttliche Eingebung berufen, die ihm seine Lehre und sein ganzes Buch diktiert hat (Unity. The Dawn of Conscious Civilisation, 2002). Diese subjektive Gewissheit ist zwar nicht anzweifelbar, ihre kommunikative Evidenz ist aber schwach, d.h. andere Menschen können solche Gedankengänge überzeugend finden und daran glauben oder sie unbegründet finden und nicht daran glauben. Die argumentative Basis ist dünn, wenn es nichts als eine nur subjektiv zugängliche Quelle für die Wahrheitseinsicht gibt.


Kontrolle über unser Schicksal


Die Radikalität des Advaita-Ansatzes wird durch solche zusätzliche Konstruktionen abgeschwächt. Es erscheint, als ob es zu viel verlangt wäre, auf den freien Willen und dann selbst noch auf einen Gott oder eine andere Macht der Vorsehung verzichten zu müssen – ein Übermaß an Kränkung für unseren Geist, der das Ganze verstehen will, das, was „die Welt im Innersten zusammenhält“. Wir wollen wissen, wessen Wille regiert, wenn unserer so massiv an Bedeutung verliert oder gänzlich aufgegeben werden muss. Und wenn ein Mensch der göttlichen Vollkommenheit so nahe kommt, wie es bei einem erleuchteten Menschen der Fall sein könnte, scheint der Drang groß, die letzten Fragen umfassend zu beantworten. Und es scheint auch der Drang der Schüler groß, dem Meister zu glauben, in Umgehung der eigenen Vernunft und Einsicht.

Wir als Statisten in diesem grandiosen Stück können uns schlecht damit zufrieden geben, nicht zu wissen und nicht wissen zu können, was sich der Autor dabei gedacht hat, vor allem, soweit es uns selber und unser Leben anbetrifft. Wir wollen zumindest noch ein Zipfelchen an Kontrolle über unser Schicksal erhaschen. Allerdings kommen wir mit Kontrolle nirgends weiter, weil sich unsere leidsüchtige Willkür einmischt. Immer, wenn uns Gutes widerfährt, neigen wir dazu, den Autor zu preisen, aber wenn wir gerade im Eck sind, fühlen wir uns von ihm verraten oder missachtet. Manchmal finden wir das Drehbuch exzellent und dann wieder wollen wir es am liebsten umschreiben oder überhaupt in den Müll werfen.

Das sind alles menschliche, allzu menschliche Reaktionsweisen. Sie haben möglicherweise mit der Funktionsweise des großen Ganzen nichts oder kaum etwas zu tun. Wenn wir unser Denken, und damit das Treiben unseres Verstandes auf das Notwendige beschränken, und das sollte ja ein Bestreben auf jedem spirituellen Weg sein, dann kommen wir viel schneller an Grenzen, die allenfalls mit der leichtfüßigen und unverbindlichen Kraft der Fantasie überwunden werden können. Dort finden sich aber keine mit intellektueller Redlichkeit und kommunikativer Argumentierbarkeit vereinbare Einsichten. Dem Sucher bieten sich allenfalls Plausibilitäten oder Absurditäten, je nach Geschmacksrichtung und vielfach vorgeprägten emotionalen und kognitiven Erwartungen. Wir befinden uns damit im Bereich konkurrierender relativer Wahrheiten, die am Markt der Spiritualitäten ihre Kunden und Anhänger suchen.


Radikale Nicht-Dualität


Die Radikalität der nicht-dualen Weltsicht allerdings, wie sie die Advaita-Lehre anstrebt, verträgt keine außer- oder vorweltlichen Instanzen, die sich ihr göttliches Spiel (Leela) in ihrer Hängematte zusammenfantasieren und dann irgendeinen Knopf drücken, damit der Film genannt Universalgeschichte abgespult wird mit all seinen Schönheiten und Grauslichkeiten. 

Nach der Advaita-Lehre geschieht alles, was geschieht, genau so, wie es eben geschieht. Es gibt niemanden, der entscheidet und niemanden, der handelt. Also braucht es auch niemanden, der plant oder vorherbestimmt. Wir fallen nur dann ganz in den Moment, wenn wir ihn in seiner Gänze annehmen können, völlig unabhängig davon, ob er vorgeplant, von einer göttlichen Intelligenz oder einem göttlichen Dramaturgen ersonnen ist. Es ist dieses Geschehen, das sich im einen Moment auftut und im nächsten verschwunden ist, das uns geschenkt wird, und es ist ein Geschehen ohne tiefere Zweckbestimmung und Sinnhaftigkeit im Sinn irgendeines Gesamtplans. 


Konstruktionen ohne Konstrukteur


Alle Konstruktionen, die sich daran anhängen, sind ad libidum – wir können sie uns aneignen oder sie verwerfen, es ändert sich höchstens unsere Befindlichkeit, aber nicht die Tiefe unserer Einsichten. So kann es sein, dass sich das Gute und Böse im Gesamtplan durch die verschiedenen Vorleben der Menschen insgesamt ausgleichen und dadurch ein Gerechtigkeitsprinzip verwirklicht wird (in Summe gäbe es dann gleichviel böse wie gute Taten, gleichviel Leid wie Freude – für die individuelle Seele, die durch ihre 108 Inkarnationen durchwandert und für die Schöpfung insgesamt), oder es kann auch nicht so sein. Vielleicht gibt es überhaupt kein übergeordnetes und von einer jenseitigen Instanz verwaltetes Gerechtigkeitsprinzip.

Vielleicht spielt die oft zitierte Dualität von Böse und Gut nur im Denken und Handeln der Menschen eine wichtige und unverzichtbare Rolle, weil sie ohne diese Begriffe ihr Sozialleben nicht auf die Reihe kriegen, aber ist das im Gesamten des Universums kein Ordnungsprinzip: Sind schwarze Löcher, Supernovas, Meteoriten böse oder gut? Sind Atomkerne gut oder böse zu ihren Elektronen? Sind Raubtiere böse und Fluchttiere gut, oder umgekehrt? Schnell kommen wir an Grenzen dieser dualen Begriffe und merken daran, dass es genügt, sie auf die menschliche Sphäre, und zwar auf das interaktive Sozialleben zu beschränken. Dort haben diese Begriffe eine grundlegende Funktion, darüber hinaus verlieren sie ihren Sinn.

Wenn wir die Botschaft der Advaita-Lehre kompromisslos ernst nehmen, bleibt kein Platz für eine allmächtige Instanz, die außerhalb von Raum und Zeit steht und von dort aus lenkend oder vorausplanend eingreift, weil es nur die Geschehnisse in Raum und Zeit gibt und alles darüber hinaus Kreationen unseres endlichen und relativen Verstandes sind. Das Naseputzen findet statt, weil es gerade stattfindet und nicht weil es von irgendwem vorausgeplant wäre.

Ramana Maharshi, der indische Weise und Lehrer vieler Advaita-Lehrer, verkündete deshalb: „Keine Schöpfung, keine Auflösung, kein Weg, kein Ziel, kein freier Wille, keine Vorherbestimmung.“ Freiheit ereignet sich erst, wenn aller Ballast abgeworfen ist. Was in der spirituellen Sphäre unnütz ist, braucht uns nicht mehr zu beschäftigen und damit erweitern wir den freien Raum in uns. Wir können also getrost alle überflüssigen Begriffe und Fragen weglassen und ganz beim momentanen Erleben bleiben. Maharshi sagte auch: „Erkenne dich selbst, bevor du dir über das Wesen Gottes und der Welt Gedanken machst.“ Und wenn wir uns erkannt haben, brauchen wir keine Gedanken mehr über das Wesen Gottes und der Welt. Solange wir die Einheit mit allem Sein in uns wahrnehmen, ist es still und frei in uns. Kommen diese Gedanken in uns hoch, so erkennen wir, dass wir gerade nicht in der Einheit (=Nicht-Dualität) sind. Und das ist natürlich einfach so geschehen, wie alles andere vorher geschehen ist und nachher geschehen wird.

Zum Weiterlesen:
Das Ego und der freie Wille
Flexibilität und Ego-Entmachtung
Tun und Geschehenlassen
"Alles ist bestimmt"
Die Kraft des Ja
Freier Wille - Heilige Kuh oder Wesensmerkmal?
Freier Wille und Bewusstseinsentwicklung

Sonntag, 30. September 2018

Das Ego und der freie Wille


In vorigen Blogbeiträgen habe ich die „Existenz“ des freien Willens diskutiert und den Schluss gezogen, dass wir keinen freien Willen brauchen, um die Art und Weise unseres Lebens tiefer zu verstehen. Vielmehr kann uns der Verzicht auf diesen Begriff und auf die damit verbundene Erfahrung auf dem Weg der inneren Befreiung weiterhelfen.  

Diesen Einsichten widerspricht allerdings die hartnäckige Überzeugung, dass der innere Wille eine selbstbestimmte und voraussetzungslose Regulationsinstanz und Einflussgröße in uns darstellt. Wir stoßen immer wieder auf eine innere, subjektive Wirklichkeit, die uns davon überzeugen will, dass wir freie, undeterminierte Entscheidungen treffen.  Warum ist das so?

Keine soziale Verantwortung ohne Willensfreiheit


Diese Überzeugung ist deshalb so stabil und einleuchtend, weil wir sie in den sozialen Kontexten, in denen wir uns bewegen, notwendig brauchen. Ebenso ist sie eine wichtige Bedingung für unseren eigenen Selbstbezug und Selbstwert. Das Sozialleben unter vielen unterschiedlichen Menschen kann nur geregelt werden, wenn jedem der Akteure die Verantwortung für das eigene Handeln zugesprochen und zugerechnet wird. Wir setzen also im sozialen Umgang miteinander wechselseitig unsere Zurechnungsfähigkeit voraus. Wir nehmen auch an, dass alle handelnden Personen zu ihrer Verantwortung stehen. Sonst trauten wir uns über keine einzige Straßenkreuzung oder müssten ständig eine Waffe bei uns tragen. 

Mit der Zumutung der Verantwortung an alle Akteure kann vermieden werden, dass unter dem Deckmantel einer missverstandenen Freiheit von der Willensfreiheit Gewalttaten und andere Bosheiten stattfinden können. Auf der sozialen Bühne wird und muss jede grobe Regelverletzung geahndet werden, d .h. die Täter müssen zu ihrer Verantwortung gezogen werden, die ihnen von der Gesellschaft zugemutet wird. Gerichte können nur Recht sprechen, wenn den Tätern ein freier Wille unterstellt wird. Resozialisierung hat nur dann einen Sinn, wenn davon ausgegangen werden kann, dass Täter Reue empfinden und sich innerlich umorientieren können.  Wünsche nach Verhaltensänderung, die wir im Zusammenleben häufig aneinander richten, sind nur verständlich unter der Annahme, dass wir auch in der Lage sind, uns selbstbestimmt für unsere Handlungen zu entscheiden.

Selbstwert, Selbstmotivation und Willensfreiheit


Der andere Kontext, in dem wir die Willensfreiheit benötigen, liegt in der Beziehung zu uns selbst. Wir bauen unser Selbstwertgefühl über die Erfolge auf, die wir uns selber zuschreiben. Wir sind stolz auf das, was wir erreicht und geschaffen haben. Und unser Selbstwert leidet an den Misserfolgen und Versagenserfahrungen, die wir erleben mussten. Wo bliebe unser Selbstwert, wenn wir uns unsere Handlungen und deren Resultate nicht selber zuschreiben könnten? Die Tochter hat einen Tanzwettbewerb gewonnen und die Eltern sagen: „Du weißt ja, meine Liebe, dass das so geschehen ist, wie es geschehen ist, weil es nicht anders geschehen konnte. Wenn du nächstes Mal nur fünfundzwanzigste wirst, ist es genauso.“ Der Sohn hat die Mathematikprüfung geschafft, und die Eltern sagen nur: „Was ist, ist, und was nicht ist, ist nicht.“ Da würden sich die Kinder bestenfalls auf den Kopf greifen. Sie brauchen Bestätigung, Anerkennung und Wertschätzung, um auf ihrem Weg gestärkt weitergehen zu können. Genauso geht es uns als Erwachsene immer wieder. Auch wenn wir uns selbst anerkennen und loben, gilt dies unserer Willensfreiheit.

Wie könnte sonst Lernen aus Erfahrung funktionieren, wenn wir über keinen freien Willen verfügten und nicht für unsere Handlungen verantwortlich wären? Schließlich erfordert jedes Lernen eine bewusste Auseinandersetzung mit den Inhalten und die Anstrengung, das eigene Gedächtnis zu nutzen. Oft geht es darum, dass wir unsere Widerstände überwinden und uns gegen unseren Hang zur Faulheit zwingen, Aufgaben bis zum Ende fertigzumachen. Würden wir nicht alle als Couch-Potatoes enden, wenn wir nicht den Willen aufbrächten, Bücher zu lesen oder die Wäsche aufzuhängen, statt viel bequemer vor der Glotze zu knotzen, wo wir nicht einmal Seiten umblättern müssen?  

Freier Wille und Bewusstseinsevolution


Soweit die „Sonderzonen“, in denen der freie Wille unverzichtbar ist. Sie beide beruhen auf einem Konzept des Menschen in einem bestimmten Entwicklungsstadium, gewissermaßen auf einem Durchschnittsmaß für die Stufe der Bewusstseinsevolution, auf der wir uns individuell und kollektiv befinden. Ich habe die entsprechenden Entwicklungsstufen in Bezug auf die Willensfreiheit modellhaft in einem früheren Beitrag beschrieben. Die Gesellschaft muss sich an diesem Durchschnitt orientieren, um unreifes und sozialschädliches Verhalten zu verhindern oder einzudämmen. Wir müssen auch Kinder in ihrem Verhalten anleiten und an die Grenzen ihrer Willkür erinnern, solange es ihnen selber noch an der Einsicht und Selbstkontrolle mangelt. Wir müssen potenzielle Verbrecher darauf aufmerksam machen, dass sie mit schmerzhaften Konsequenzen zu rechnen haben, wenn sie ihre Taten begehen. Wir müssen uns selbst dazu motivieren, die Steuererklärung zu machen, unangenehme Bewerbungsgespräche zu führen und Fremdsprachen oder Marketingstrategien zu lernen, die wir für unser Weiterkommen brauchen. 

Solange das Verhalten der Menschen von ihren Überlebensängsten geleitet ist, brauchen wir die Idee des freien Willens als Angelpunkt, anders gesagt als Stütze oder als Krücke. So können wir jedem sagen, der sich danebenbenimmt, dass er es auch anders könnte (wir unterstellen die Willensfreiheit) und es einfach probieren sollte (wir unterstellen die Handlungsfreiheit).  Das Gleiche gilt für uns selber: Wir können uns selber auch klarmachen, dass wir nicht die Sklaven unserer Gewohnheiten oder asozialen Antriebe sind, sondern dass wir unsere Verhaltensmuster auch verändern können, was eben die Verfügbarkeit über einen freien Willen voraussetzt.  

In dem Maß, wie wir in unserer inneren Entwicklung weiterkommen, verliert sich allerdings die Notwendigkeit für solche Verhaltensregulationen. Denn je mehr wir unsere Ängste auflösen können, die uns zu unbewussten Willküraktionen  und fremd- und selbstschädigendem Verhalten verleiten, desto weniger Bedarf haben wir nach willentlich herbeigeführten Verhaltensänderungen. Wir brauchen keine Neujahrsvorsätze mehr, wenn wir in uns nur mehr oder vorwiegend prosoziale und selbststärkende Impulse vorfinden. Wir machen die Hausarbeit, weil sie zu tun ist und wir gar nicht darüber nachdenken, ob sie angenehm oder lästig ist. Wir erledigen die Buchhaltung, weil sie jetzt gerade dran ist und lamentieren nicht, dass sie so anstrengend und langweilig ist. Wir lernen eine Sprache, weil etwas in uns diese Sprache beherrschen will und nicht, weil wir sonst befürchten müssten, unseren Job zu verlieren. 

Damit löst sich auch die Notwendigkeit auf, unseren Selbstwert über die Erfolge in unserem Leben zu stabilisieren. Denn wir brauchen das Konzept unseres Selbstwertes nur so lange, so lange wir an ihm zweifeln. Sobald uns klar ist, dass wir wertvoll sind, weil wir über ein menschliches Leben verfügen und nicht weil wir bestimmte Erfolge vorweisen können, braucht es kein Konzept eines Selbstwertes mehr und auch keine Selbstdefinitionen über das, was wir so in diesem unserem Leben weiterbringen.   

Mit einem Wort: Überall, wo unser Ego mit seinen Ängsten und neurotischen Prägungen mitspielt, brauchen wir das Konzept des freien Willens als Leitfaden, Kontrollinstanz und Selbstzuschreibung. Der freie Wille ist also eine Funktion unseres Egos. Überall, wo sich dieses zurückzieht und nicht den Ton angibt, ist die Annahme des freien Willens nicht notwendig und überflüssig.  Wir sind mit dem verbunden, was gerade geschieht und fließen mit, tun, was zu tun ist, und lassen zu, was sich von selber tut. So halten wir uns frei von kleinlichen Problemen, die von selber zu ihrer Lösung finden und geben den größeren Problemen die Zeit, die sie brauchen, um sich zu ihrer Lösung hinzubewegen, mit dem, was wir aus uns dazu beitragen, oder anders gesagt: Was das Unsere dazu beiträgt.  

Vom Missbrauch der Nicht-Willensfreiheit


Vorsicht ist allerdings geboten, wenn wir uns zu leichtfertig und frühzeitig mit der Möglichkeit beschäftigen, das Konzept oder die Illusion des freien Willens aus unserem Leben zu verabschieden. Es ist ein anspruchsvoller Schritt, der einen hohen Bewusstseinszustand voraussetzt, wenn es um mehr als bloß ein interessantes philosophisches Modell gehen soll. Die Umsetzung in die Praxis geht nur mit einem selbstkritischen, urteilsfähigen  Geist, der konsequent darüber wachen kann, dass wir diese Erkenntnis nicht missbrauchen.

Denn sobald sich das Ego einmischt, macht der Ansatz keinen Sinn mehr und stiftet höchstens Verwirrung. Unser Ego ist an den freien Willen gekoppelt und kann mit dessem illusionären Charakter nichts anfangen. Wir nutzen diesen Zugang allenfalls dafür, uns aus der eigenen Verantwortung zu stehlen, z.B. wenn wir Fehler begangen haben und jede Schuld von uns weisen, weil es ja keinen freien Willen und folglich keine Schuld geben könne. Wir belügen uns selbst und täuschen andere, indem wir nicht merken, dass es unser Ego ist, das sich mit dem Konzept des nichtfreien Willens auf Kosten anderer entlasten und durchsetzen will.  

Ignoranz in der spirituellen Belehrung


Spirituelle Lehrer, die die Advaita-Philosophie in Bezug auf den freien Willen als absolute Wahrheit verbreiten, machen oft den Fehler, dass sie von ihrem eigenen inneren Entwicklungsschritt, der sie oft ganz plötzlich in einen besonderen Zustand von innerer Freiheit geführt hat, auf andere schließen. Sie fühlen sich frei von Ego-Täuschungen und haben deshalb einen intuitiven Zugang zu einer Welt, in der alles Geschehen geschieht, ohne dass es einen Urheber braucht. Häufig übersehen sie, dass ihre Schüler fortwährend den Tricks ihrer Muster und Prägungen ausgesetzt sind, und sie vergessen, dass sie ihnen auf den Weg mitgeben sollten, wie wichtig es wäre, an den Ängsten zu arbeiten, die das Ego bekräftigen. Stattdessen lehnen viele unter den spirituellen Lehrern Therapie und Traumaheilung als unnütze Ablenkungen vom eigentlichen Weg ab und füttern damit die Egos der Suchenden, die meinen, dass es genügt, möglichst häufig beim Meister zu sitzen, dann würde schon alles werden, sprich alle Traumatisierungen würden sich von selber auflösen.

Doch die Verletzungen aus unserer Geschichte lassen sich nicht mit spirituellen Belehrungen wegstreicheln. Sie wirken aus dem Unbewussten, das durch die Präsenz von Meistern oder Lehrern übertönt, aber nicht entmachtet und aufgelöst werden kann. Sobald der Kontakt mit dem Menschen vorbei ist, melden sie sich wieder und üben weiterhin ihren Einfluss auf die Handlungen im Leben aus. Sowie das der Fall ist, verschwindet die befreiende Erfahrung einer Welt, in der es keinen freien Willen gibt. Das Ego meldet sich zurück und spricht allen die Urheberschaft für ihre Handlungen zu. Es beschuldigt die anderen, dass sie einem Leid antun und sich selbst, dass es nicht gut genug ist.

Räume der Freiheit


Wir dürfen einander auch nicht aus der Verantwortung entlassen, wenn sich das Ego bei einer anderen Person vordrängt. Sonst unterbleibt das soziale Lernen und es entsteht Verwirrung. Die Radikalität des Konzepts der Nicht-Willensfreiheit kann nur gelebt werden, wenn eine völlige Klarheit über die Mechanismen des Egos herrscht und alle Tendenzen zur Selbstmanipulation nachhaltig abgestellt werden können.

Was uns immer wieder möglich ist, ist die Wahrnehmung der Momente, in denen diese Mechanismen außer Kraft gesetzt sind und wir das freie Fließen von Augenblick zu Augenblick mit der völligen Abwesenheit jeder Willensanstrengung genießen können. Diese Räume, in denen die Willensfreiheit spurlos verschwunden ist, können wir kultivieren, ohne ein Jota der Verantwortung, die wir in unserem relativen Leben  zu tragen haben, aufzugeben.

Wir sind nie besser, als wir sind, und müssen es auch gar nicht sein, weder im moralischen noch im spirituellen Sinn. Es ist genau richtig und in Ordnung, auf welcher Stufe unserer inneren Entwicklung wir stehen, welche Themen und Ängste uns noch plagen und was aus uns heraus geschieht, um unser Leiden zu mindern und auf dem inneren Weg weiterzukommen. Das ist auch eine Folgerung aus dem Advaita-Ansatz, die uns helfen kann, uns noch mehr zu entspannen und aus dieser Entspannung heraus unser inneres Wachstum geschehen zu lassen.

Zum Weiterlesen:
Advaita und die Vorherbestimmung
Flexibilität und Ego-Entmachtung

Tun und Geschehenlassen
Die Kraft des Ja
Freier Wille - Heilige Kuh oder Wesensmerkmal?
Freier Wille und Bewusstseinsentwicklung

Dienstag, 25. September 2018

Flexibilität und Ego-Entmachtung

 Wenn wir alles einfach geschehen lassen, wie es von selber geschieht, könnte passieren, dass wir in unseren Gewohnheiten festhängen bleiben. Gewohnheiten bilden wir uns aus, um uns das Leben leichter zu machen und die Risiken von Überraschungen und Neuanfängen zu vermeiden. Wenn wir uns in der Flexibilität schulen wollen, geht es gerade darum, Neues auszuprobieren und Routineabläufe zu verändern. Wir greifen in den Vorgang einer Gewohnheit ein und machen es auf eine neue Weise. Wenn wir eine Gewohnheit beim Zähneputzen haben, putzen wir mal andersherum. Wenn wir in der Suppe rühren, stellen wir uns auf ein Bein oder fangen an, mit dem Becken zu kreisen. Wir spazieren am Gehsteig und flechten tänzelnde Beinbewegungen ein, usw. Wir machen also eine Musterunterbrechung, wie sie auch aus verschiedenen Therapierichtungen bekannt ist. Das Muster wird erkannt, in seinem Ablauf aufgehalten, und eine neue Handlungskette wird in Gang gesetzt, die durch das Vorige nicht festgelegt ist. Wir werden unvorhersehbar und unberechenbar, für andere und für uns selber.  

Dazu braucht es offensichtlich Bewusstheit und Entscheidung: Was läuft gerade ab und was möchte ich stattdessen? Ich mache mir bewusst, was gerade geschieht und lasse mir etwas Neues einfallen. Dann setze ich die Neuigkeit in eine Handlung um, indem ich mich dafür entscheide und diese Entscheidung umsetze. 

Musterhafte Gewohnheiten geschehen einfach, ohne unser Zutun, ohne unsere bewusste Beteiligung. Sie sind also ein gutes Beispiel für die Unnotwendigkeit eines freien Willens. Wir bilden solche Gewohnheiten nachgerade zu diesem Zweck aus, dass sie uns von Willensentscheidungen entlasten. So müssen wir uns nicht jeden Tag überlegen, auf welche Weise wir eine Orange schälen oder die Schuhbänder knöpfen. Die Schulung der Flexibilität hingen scheint einen freien Willen vorauszusetzen. Wie sonst könnten Gewohnheiten unterbrochen werden? Es muss da gewissermaßen eine äußere Instanz geben, die in solche vorgegebenen Abläufe eingreifen kann, um sie zu unterbrechen und umzugestalten. 

Natürlich ist diese äußere Instanz eine innere, und sie hat, wie alle Entscheidungs- und Handlungsabläufe, einen Hintergrund. Von vorne betrachtet, gehen wir davon aus, dass wir frei handeln, gerade dann, wenn wir aus einer Gewohnheit aussteigen und etwas Neues, vorher nicht Dagewesenes beginnen. Wenn wir dahinter schauen, fragen wir uns, woher die Impulse kommen, die uns auf Gewohnheiten aufmerksam machen und uns dazu motivieren, bewusste Änderungen vorzunehmen. Wir könnten sagen, dass diese Impulse aus unserem Willen kommen. Wer oder was aber wäre denn dieser Wille? Ein kleines Männchen in uns, das seine Befehle formuliert und als Befehle an die Körperperipherie weitergibt? Woher nimmt denn dieses Männchen seine Ideen? Vielleicht enthält das Männchen ein noch kleineres Männchen, das sich dauernd neue Ideen einfallen lässt? 

Daraus können wir ersehen, dass wir in eine theoretisch unendliche Kette gelangen, wenn wir nach einem Urheber unserer Handlungen fragen. Also befinden wir uns in einem Gedankenexperiment, das kein Fundament in der Sache, in der äußeren Wirklichkeit hat und deshalb auch keine Wirkungen auf die Außenwelt haben kann, sprich für unsere Handlungen irrelevant ist.  

Flexibles Handeln als Meta-Gewohnheit


Was geschieht also, wenn wir unsere Handlungsmuster bewusst und intentional ändern? Wir balancieren auf einem Bein, während wir auf die U-Bahn warten, etwas, was wir vorher noch nie gemacht haben. Es gibt also dafür keine Handlungsroutine in uns, und deshalb nehmen wir an, dass wir gerade eine freie Willensentscheidung getroffen haben. Allerdings gründet diese Annahme auf keinem Sachverhalt, sondern nur auf einem subjektiven „Gefühl“ oder einer inneren „Gewissheit“. Denn wenn wir in uns nachschauen, was uns zu der neuen Aktion gebracht hat, werden wir eben nichts vorfinden, sondern ins Leere forschen. Und das ist die Gewohnheit, die dahinter steckt: Diese Leere füllen wir einfach mit dem Konzept eines freien Willens – ein abstrakter Begriff für ein Nichtwissen, und es ist dieser Begriff, der  uns dann das „Gefühl“ oder die „Gewissheit“ gibt, dass „wir“ es sind, die unser Leben lenken und bestimmen.  

Wir steigern unsere Flexibilität und damit unsere Unabhängigkeit von eingeprägten Gewohnheiten und unnützen Verhaltensschablonen, weil die Impulse dazu in uns entstanden und gewachsen sind und nicht, weil wir sie erschaffen haben. Mit der Pflege unserer Flexibilität erwerben wir eine Meta-Gewohnheit, die unser Leben abwechslungsreicher und kreativer gestaltet. Künstler oder schlagfertige Kommunikatoren sind Menschen, die über solche Meta-Gewohnheiten verfügen. Flexibilität besteht ja darin, dass spontane Ideen in uns aufsteigen, die wir dann einfach umsetzen  oder: die sich in uns umsetzen –, ohne Dazwischenschaltung einer abwägenden Entscheidungsinstanz, also ohne Notwendigkeit für einen freien Willen. 

Subtile Ego-Entmachtung


Auf diese Weise lässt sich die Idee des Lernens und der inneren Weiterentwicklung mit dem Konzept der Freiheit von der Willensfreiheit vereinbaren. Lernen geschieht, und jeder Lernschritt eröffnet neue Möglichkeiten und vergrößert damit den Spielraum für Flexibilität. Als Folge der Erweiterung dieser Spiel-Räume, in denen eben das Tun ins Spielen hinübergleitet, geschieht immer mehr Geschehen, und geplantes, von Entscheidungen initiiertes Handeln wird zunehmend überflüssig. So entpuppt sich die Entwicklung der Flexibilität als ein subtiler Weg zur Entmachtung des Egos. 

Montag, 24. September 2018

Tun und geschehen lassen

Das Leben besteht aus Aktivitäten, mit denen wir verändern, gestalten und einwirken. Wir sollen uns „die Erde untertan machen“, wie es in der Bibel heißt. Nach unseren Taten werden wir bemessen und beurteilt, nach unseren Leistungen orientiert sich unser Status in der Gesellschaft, das haben wir immer wieder gehört. Je mehr wir tun, desto weiter kommen wir nach oben, usw. So oder so ähnlich lauten unsere Handlungsprogramme, Mischungen aus Überlebensstrategien und kreativen Impulsen. Danach bestimmt sich auch auf weite Strecken unser Selbstverständnis in der Leistungsgesellschaft: wo wir sind auf der Leiter, ist das Resultat unserer Handlungen, unseres Fleißes und unserer Anstrengungen.

Die Grundannahme, die wir dabei voraussetzen, besteht darin, dass  wir uns als die Akteure, Regisseure und  Verantwortliche für unser Leben wahrnehmen. Wir halten uns selbst für entscheidungs- und handlungsfähig, ebenso wie unsere Mitmenschen. Das ist auch wichtig und notwendig so, denn sonst hätte der Begriff Verantwortung keinen Sinn mehr. Allerdings gibt es dazu auch noch eine andere Seite zu beachten.


Unser Unterbewusstsein entscheidet


Wenn wir einen Blick hinter die Fassaden dieser Annahmen werfen, relativiert sich nämlich dieses Bild. Neurobiologen und Hirnforscher haben herausgefunden, dass die Entscheidungen, die unseren Handlungen vorausgehen, zuerst in den unterbewussten Teilen unseres Gehirns gefällt werden. Die bewussten Entscheidungszentren geben nachträglich die Zustimmung zu den zuvor getroffenen Entscheidungen und tun so, als wären sie es gewesen. Das erinnert an die Vorgänge in der Justiz der Stalinzeit, wo ein Gerichtsverfahren abgewickelt wurde und der Richter vor der Urteilsverkündung in sein Zimmer ging, um bei der Parteizentrale anzurufen, die ihm dann mitteilte, welches Urteil er zu verkünden hat.

Wir glauben, dass unsere Handlungen auf bewusst gefällten Entscheidungen beruhen. Doch offensichtlich sind wir da auf dem Holzweg: Wir handeln aufgrund von unbewusst ablaufenden Entscheidungsprozessen, denen unser Bewusstsein nachträglich zustimmt. 


Der freie Wille als Illusion


Die Konsequenzen, die wir aus diesem Befund ziehen müssen, decken sich mit Auffassungen aus ganz anderer Richtung, nämlich aus der Advaita-Lehre, die in Indien vor mehr als 2500 Jahren entstanden ist. Sie besagt, dass der freie Wille nur eine Illusion des Verstandes ist. Alles, was geschieht, ist genauso bestimmt, wie es geschehen soll. Wir bilden uns nur ein, dass wir einen Einfluss auf das Geschehen ausüben. Tatsächlich ist jeder Einfluss selbst Teil des Geschehens und als solcher ohne willentliche Veranlassung. Die innere Freiheit, die im Advaita in der Vereinigung von Brahma (Weltseele) und Atman (Individualseele) gefunden wird, wird möglich, wenn der freie Wille als Illusion erkannt und verstanden wird. Dann gibt es keine individuelle Schuld mehr, und die Unterschiede von Gut und Böse wie auch alle anderen Dualitäten fallen in sich zusammen. Advaita, was so viel wie Nicht-Dualität heißt, wird verwirklicht.

Was passiert, wenn dieses Konzept auf die Erfahrungsebene übersetzt wird? Wir erleben uns so, dass wir uns permanent im Fließen mit dem befinden, was gerade entsteht und wieder vergeht. Wir sind Teil eines Stromes von Veränderungen und gehen einfach mit, ohne uns einzumischen. 

Wer sich einmischen möchte, ist unser Ego. Befinden wir uns in diesem Fließen, so kann unser Ego daraus weder Nutzen oder Schaden ziehen. Es ist ruhiggestellt. Es wird zwar versuchen, sich immer wieder wichtig zu machen, indem es das Eine oder Andere an dem, was geschieht, ablehnt oder begehrt, wird aber bei der Rückbesinnung auf das Geschehen wieder ruhig gestellt. 

Das Advaita-Konzept mag manchem als abgehoben und weit hergeholt erscheinen. Dennoch ist es nicht so weit entfernt von dem, was unser tagtägliches Leben ausmacht. Die meisten Abläufe unseres Lebens geschehen einfach, ohne unser bewusstes Zutun. Wir bekommen zwar mit, was wir gerade tun, aber brauchen gar nicht den Eindruck, dass wir die Entscheidungen dazu treffen. Wir ziehen unsere Schuhe an, wenn wir rausgehen und nehmen noch einen Schirm, wenn es regnet. Wir setzen unsere Schritte und schauen, wohin wir gerade schauen, ohne dass es dafür eine Entscheidungsinstanz braucht. 


Wie erleben wir Entscheidungsprozosse?


Dann gibt es Situationen, in denen wir mit Entscheidungen ringen: soll ich oder soll ich nicht? Passen diese oder jene Schuhe besser zum aktuellen Wetter? Braucht es heute wirklich einen Schirm? Irgendwann fällt die Entscheidung, und wir bewegen uns weiter. Wie aber fallen solche Entscheidungen? Wir lamentieren in uns selber herum, erwägen dies und jenes, sind mal bei der einen Option, dann erscheint uns die andere als verlockend usw. Irgendwann schreiten wir zur Handlung und haben das Gefühl, eine Entscheidung getroffen zu haben. Wir alle kennen das, wir unterscheiden uns nur im zeitlichen und energetischen Ausmaß dieser Entscheidungsphase; manche Menschen zögern und zaudern, manche überwinden diese Phase rasch und stürzen sich schnell ins Tun, manchmal mit einer Nachentscheidungsdissonanz: Hätte ich nicht doch besser die andere Option wählen sollen?

Wenn wir uns näher anschauen, was in diesen expliziten Entscheidungsprozessen geschieht, stellt sich die Frage, ob es einen Punkt gibt, an dem wir unser inneres Lavieren bewusst beenden und bewusst wählen, was als nächstes geschehen soll. Ich stehe jeden Morgen vor der Dusche und überlege ein paar Momente, ob ich mich der kalten Dusche aussetzen soll. Ich mache das schon einige Jahre lang, jeden Morgen, und doch kommen diese Momente des Zögerns jedes Mal. Nach ein paar Sekunden gehe ich in die Dusche und freue mich nach dem ersten Schock über die angenehmen Wirkungen der Kälte. All das ist Teil eines gewohnten Rituals, das mit kleinen Variationen jeden Tag in gleicher Form abläuft. Subjektiv habe ich das Gefühl, ich treffe die Entscheidung, wann ich mit dem Duschen beginne, aber genauso gut kann ich annehmen, dass die Entscheidungsprozesse in mir jeden Morgen in gleicher oder ähnlicher Weise ablaufen, und dass es dieser bewussten Zutat gar nicht bedürfte, damit in Gang kommt, was sowieso in Gang kommt. 


Wichtigtuer Ego


Also scheint es, dass die Entscheidungsfreiheit, auf die wir so stolz sind, nur ein Entgegenkommen an unser Ego ist, damit es sich als Urheber dessen, was geschieht, ansehen kann. Es wird in seiner Wichtigkeit bestätigt: Ich war es, ich habe diese Entscheidung getroffen, das ist auf meinem wunderbaren Mist gewachsen. Ich bin so mächtig in meinem Leben. Die Kehrseite dabei ist, dass ich es auch war, wenn die Entscheidung negative Konsequenzen zeitigt. Dann bin ich schuld, weil ich eine falsche Wahl getroffen habe. Ich habe etwas verbockt und muss mich dafür kritisieren.

Wir sind stolz auf unsere Leistungen und wir suchen Anerkennung dafür. Doch sollten wir stolz auf unser Unterbewusstsein sein, das sich im richtigen Moment für die richtige Sache entschieden hat, die uns dann einen Erfolg beschert hat. Schnell übersetzt sich in dieser Perspektive unser Stolz in Dankbarkeit, dass uns unsere Leistungsfähigkeit, unsere Willenskraft, unsere Zielstrebigkeit geschenkt wird, mal mehr und mal weniger. Damit zieht sich unser Ego ins Eck der Bescheidenheit zurück und kann sich entspannen.

Und wir brauchen dann nicht mehr verächtlich auf jene hinunterblicken, die es nicht so toll geschafft haben wie wir selber. Auch sie führen aus, was aus ihren inneren Programmen kommt, und das ist möglicherweise weniger erfolgsträchtig in unserer Gesellschaft, aber von einem anderen Standpunkt aus betrachtet vielleicht nicht weniger wertvoll als das, was wir hochschätzen.

Sagen wir ganz einfach Ja zum Moment und schauen wir, was als nächstes geschieht - vielleicht genau das, was wir erwarten, vielleicht eine Überraschung.

Zum Weiterlesen:
Advaita und die Vorherbestimmung
"Alles ist bestimmt"
Freier Wille - heilige Kuh, Illusion oder Wesensmerkmal?
Freier Wille und die Ebenen der Bewusstseinsentwicklung

Dienstag, 25. September 2012

Der freie Wille und die Ebenen der Bewusstseinsentwicklung

Selbstverständlich glaube ich an den freien Willen, ich habe ja gar keine andere Wahl. (Isaac B. Singer)


Ich folge hier der Frage, ob der freie Wille auf verschiedenen Ebenen der Bewusstseinsentwicklung verschiedene Bedeutung haben kann, womit der Streit um die „Existenz“ oder „Brauchbarkeit“ des freien Willens aufgelöst werden könnte. Denn dann ist jede Antwort auf die Frage immer auf eine der Ebenen bezogen und hat nur innerhalb dieses Rahmens einen Sinn. Ich verwende das Modell der Bewusstseinsentwicklung aus meinem Buch „Vom Mut zu wachsen“.

Die erste, tribale Stufe

Im Stammesgefüge hat immer im Zweifelsfall der Gesamtwille des Stammes den Vorrang vor dem, was der Einzelne möchte. Dieser Gesamtwille speist sich aus den tradierten Regeln und Weisheiten, über die vor allem die Älteren verfügen. Die Freiheit, aus diesen Regeln auszusteigen, sie zu ändern oder zu ignorieren, besteht nicht. Natürlich verfügen die Menschen in diesen Zusammenhängen über ein subjektives Gefühl der freien Entscheidung, doch sind sie so stark emotional und mental in das Stammesbewusstsein eingebunden, dass dieses individuelle Willensgefühl nur in den Bereichen des eigenen persönlichen Lebens zum Tragen kommt und zurückgestellt wird, wenn es um das Ganze des Stammes geht.

Die zweite, emanzipatorische Stufe

Hier geschieht genau das, was auf der ersten Stufe verwehrt war. Der Wille will sich aus der Vorherrschaft der Regeln befreien. Nichts mehr soll ihn beschränken. Der freie Wille wird zur Willkür, die nur dort Grenzen akzeptiert, wo die Macht größer ist als die eigene. Der freie Wille wird trotzig behauptet und gilt als Rechtfertigung des Handelns, auch wenn es die Regeln und auch wenn es andere Menschen verletzt. Er stellt sich gegen die tradierten Regeln und Normen und will sie aufbrechen. Die Menschen auf dieser Stufe prägen geradezu  ihre Identität mit dem Satz: „Ich will, also bin ich.“ 

Die dritte, hierarchische Stufe

Der freie Wille, der sich in der vorigen Stufe Bahn gebrochen hat, wird hier durch ein übergeordnetes Regelwerk eingedämmt und gezähmt. Dieses Regelwerk bemisst sich nicht mehr an Traditionen, sondern an den Erfordernissen von Großorganisationen, in welche die Menschen „eingepasst“ werden, indem sie ihren Willen zwar wahrnehmen, aber aus Angst und Vernunft auf seine Anwendung verzichten. 

Die Menschen werden „zur Verantwortung gezogen“, es wird ihnen der freie Wille zugemutet, und sie können sich nicht mehr auf andere ausreden. Sie „werden in die Pflicht genommen“. Bei jedem Regelverstoß drohen Strafen, und die Angst davor motiviert zum Verzicht auf die Durchsetzung der eigenen Wünsche. Die Loyalität, die die Machtträger einfordern, ist jedoch brüchig, weil die Untertanen bei der erstbesten Gelegenheit versuchen, aus dem System der Überwachung und Kontrolle auszubrechen.

Die vierte, materialistische Stufe

Der freie Wille bekommt wieder ein Betätigungsfeld im Bereich der wirtschaftlichen Entscheidungen. Er ist ein prägender Faktor am freien Markt. Jeder ist seines Glückes und seines Unglückes Schmied. Jeder kann Millionär werden oder Tellerwäscher bleiben.

Das ist der Zynismus des freien Willens: Die Individuen haben die volle Freiheit des autonomen Wirtschaftssubjekts und eine unendliche Möglichkeit zu wählen, andererseits können sie nie die Einsicht in die gesamten Zusammenhänge haben. Sie sind für all ihre Handlungen verantwortlich, und wenn sie Fehler machen, tragen sie die Verantwortung. Sie nehmen z.B. einen Kredit auf und können ihn nach einiger Zeit nicht mehr zurückzahlen, die Zinsen steigen, und irgendwann haben sie alles verloren. Und sie tragen die ganze Schuld an dieser Entwicklung, sie hätten sich ja auch anders entscheiden können. Der freie Wille wird als abstraktes Konstrukt zugemutet und diese Zumutung führt dazu, dass sich die Menschen noch mehr von sich selbst entfremden. 

Die Kritik an dieser Bewusstseinsstufe verdeutlicht, dass die Wirklichkeit der Willensfreiheit an materielle Bedingungen geknüpft ist. Für den einen bedeutet sie die Frage, ob sie ihre Villa auf diesem oder jenem Hügel bauen, für die anderen, ob sie eine Drecksarbeit machen oder verhungern.

Deshalb Herausforderung an die 5. Stufe, die Freiheit neu zu definieren, dort wird sie sich auch mit politischen Forderungen verbinden: Die Möglichkeitsräume für alle Menschen so zu erweitern, dass sie sich selbst mehr entfalten und verwirklichen können, dass sie also ihren freien Willen gestaltend einsetzen können.

Die fünfte, personalistische Stufe

Hier kommt die Willensfreiheit zu ihrer höchsten Blüte. Der Mensch der fünften Stufe kann sagen: „Ich bin frei, also bin ich“. Freiheit ist der zentrale Begriff dieser Bewusstseinsstufe, als innere Erfahrung und als Forderung, individuell wie gesellschaftlich. Ich kann alles aus mir machen, was ich nur will. Ich muss nur richtig wollen und fest daran glauben. Die Freiheit des Willens drückt sich in der kreativen Gestaltung des Lebens aus, wie sie im künstlerischen Ausdruck vorgelebt wird. Dennoch: Auch wenn die Künstlerin frei ist, wie sie die Pinselstriche setzt, muss sie sich ein Stück dem Kunstwerk unterordnen, das ihr vorschreibt, was ins Bild passt und was nicht. Damit erfährt sie bereits ein Element der nächsten Bewusstseinsstufe. 

Die ethische Reflexion wird in alle Bereiche des Lebens eingeführt. Alles ist Gegenstand der eigenen Entscheidung, des eigenen Lebensentwurfs. Wir erleben uns als SchöpferIn unseres Lebens. Jeder Moment stellt die Herausforderung, unser Leben neu zu beginnen und zu orientieren. Weder die Vergangenheit noch die Erwartungen anderer Menschen können uns davon abhalten, das zu tun, was wir für richtig halten und wofür wir uns entscheiden. 

Hierher gehört auch die Entscheidungsfreiheit, die uns auf den spirituellen Weg führt. Die personalistische Ebene erinnert uns daran, dass wir spirituelle Weisheiten nicht als Ausrede verwenden sollten, wie z.B. dass ja alles vorherbestimmt ist und wir deshalb tun und lassen können, was wir gerade wollen, auch wenn es uns oder anderen schadet und Leid zufügt. Auch auf dem Weg nach innen stehen wir immer wieder vor einer persönlichen Entscheidung, das Gute zu wählen statt dem Bösen oder Schlechten.

Die sechste, systemische Stufe

Der freie Wille verliert seine dominante Stellung und ordnet sich den systemischen Zusammenhängen unter. Zwar kann jeder aus einem System ausscheren, wenn er will, aber die systemische Vernunft lehrt, dass es sinnvoller und nützlicher ist, immer wieder den eigenen Willen zurückzustellen und der Kraft des Systems Raum zu geben. Sich im rechten Moment einbringen und dann wieder zurücknehmen, gehört zu den Tugenden dieser Stufe. Damit werden die Grandiosität und der Pathos des freien Willens eingeschränkt und aus dem Zentrum der eigenen Identität an die Peripherie verschoben. Wichtig ist es nicht, den eigenen Willen durchzusetzen, sondern mit den eigenen Mitteln zum Gelingen des Ganzen beizutragen.

Die siebte, holistische Stufe

Auf dieser Stufe werden alle Ideen von Freiheit, wie sie auf den früheren Stufen gebildet worden waren, überprüft und revidiert. Hier geht es darum, wie sich das Ich und die Welt darstellen, wenn es keine Ängste und starren Festlegungen mehr gibt und wenn statt dessen das volle Vertrauen in die fließende Entwicklung des Lebens und der Wirklichkeit zugelassen werden kann. Die Befreiung von der Freiheit des Willens lässt uns hier in einen größeren Raum fallen, in dem wir alles nur als Ballast empfinden, was wir uns an Grundprinzipien und Wesenserkenntnissen aufgebaut haben.

Der freie Wille wird jetzt als Instanz des Egos entlarvt, als Wichtigtuer, der nur Hindernisse auf dem Weg zur eigentlichen inneren Freiheit auftürmt. Denn er vermeint, alles aus eigenem Antrieb und eigener Kraft schaffen zu müssen, während ihm in Wirklichkeit selber nichts gehört und alles gegeben wird. Es gibt keine eigene Leistung mehr, weil das Eigene nicht Eigenes ist, sondern Geschenktes. Also braucht es keinen freien Willen mehr, der sich solche Leistungen zuschreiben will.

Wenn sich die Ängste aufgelöst haben, erkennen wir, dass wir auf die Konzepte und Konstrukte verzichten und uns statt dessen dem Strom des Lebens anvertrauen können. Ist es für den Wassertropfen im Ozean wichtig, ob er sich entscheidet, ein wenig nach unten oder nach oben zu schweben? Er hat schon alles und ist schon alles, in einer willenslosen oder willentlichen, jedenfalls grenzenlosen Freiheit.