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Dienstag, 2. November 2021

Glaubenssätze und Scham

Als negative Glaubenssätze gelten Wortgebilde, die eine Verleugnung, Verkleinerung oder Abwertung des eigenen Selbst und der eigenen Würde enthalten. Solche Sätze sind immer mit Scham durchtränkt, denn die Schmälerung des Selbstwertes ist immer mit Scham verbunden. Die Scham ist die Wächterin der Würde und meldet sich immer, wenn unsere Integrität in Frage gestellt wird. Sie achtet im Normalfall darauf, dass unser Selbstwert in Balance bleibt. 

Allerdings kann sie selber aus der Balance geraten, als Folge von erlittenen und nicht verarbeiteten Demütigungen und Beschämungen im Lauf der Lebensgeschichte. Jede dieser Erfahrungen bildet eine schambesetzte Erinnerung im bewussten oder unbewussten Gedächtnis. Die Scham wird giftig, weil sie sich verdoppelt: Eine Beschämung erlitten zu haben, ist selber beschämend.

Die toxische Scham kann den Selbstwert nicht mehr stärken, sondern untergräbt ihn. Sie wird zur Quelle von Glaubenssätzen, mit denen auf der unbewussten Ebene das Selbst geschwächt und die Schambelastung aufrechterhalten wird. In diesen Fällen wirken diese Sätze wie Katalysatoren der Selbstsabotage, indem sie dazu beitragen, dass der verletzte Selbstwert in allen sozialen Zusammenhängen bestätigt und die Verletzung dadurch verfestigt und vertieft wird, wie im vorigen Blogartikel dargestellt.

Glaubenssätze bewusst machen

Wie werden wir dieses Konglomerat aus schwelenden Schamgefühlen und quälenden Gedankenmustern los?

Ein Weg besteht darin, die Glaubenssätze ins Bewusstsein zu heben. Dann meldet sich die Scham in ihrer ursprünglichen Rolle als Regulatorin des Selbstwertes zurück, aber betätigt sich auch als Verstärkerin der Selbstabwertung. Es wird bewusst, dass im eigenen Inneren eine Macht gegen die eigenen Intentionen und Werte arbeitet, die im Leben schon viele Chancen ruiniert und Fehler verursacht hat. Da stellt sich die sekundäre Scham ein, weil deutlich wird, was man selbst alles vermasselt hat und wie es besser hätte laufen können, wenn der Glaubenssatz schon früher erkannt worden wäre. 

Was-wäre-wenn-Spiralen

Wiederum schießt die Scham hier erst recht wieder übers Ziel, denn hier wird eine der typischen Schamspiralen entfesselt, die mit dem Was-wäre-wenn-Gedankenspiel einhergeht. Das Spiel besteht darin, sich für ein Ereignis in der Vergangenheit selbst zu verurteilen und die Schwere des Fehlers dadurch zu verstärken, dass die wünschenswerte Alternative, das Ereignis ohne den eigenen Fehler, herbei fantasiert wird. Hätte ich doch rechtzeitig gebremst, hätte das Auto nicht die Leitplanke geschrammt. Wäre ich rechtzeitig nach Hause gekommen, hätte ich mir die Szene mit meiner Frau erspart. Hätte ich das richtige Kapitel gelernt, hätte ich die Prüfung geschafft. 

Für jede Erfahrung unseres Lebens, die nicht mit unseren Wünschen und Vorstellungen übereinstimmt, hat unser Denken eine geglückte Alternative im Angebot, allerdings nur im Reich der Fantasie. Es ist in der Lage, ein makelloses und perfektes Leben zu imaginieren und der Vergangenheit überzustülpen, so als hätte es niemals Fehlhandlungen und Versagensmomente gegeben. Es handelt sich dabei allerdings nur um ein konjunktivisches Leben und um kein reales. Es sind nichts als Denkkonstrukte, die der Gefühlsabwehr dienen. In der Möglichkeitszone herrscht die Scham weiter, die hadernden Selbstanklagen als Ausdruck der darunterliegenden Glaubenssätze gehen weiter und versetzen uns unweigerlich in eine dunkle Missstimmung.

Verantwortung für die Vergangenheit

Was geschehen ist, ist geschehen. Die Scham gilt dem, was nicht unseren eigenen Vorstellungen entsprochen hat, wo wir von unserem Pfad abgewichen sind, wo wir unseren Idealen nicht gefolgt sind. Eigentlich will sie uns aufzeigen, dass wir verstanden haben, dass wir einen Fehler gemacht haben. Denn mit dem Zeigen der Scham wird das Signal der Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit ausgeschickt, mit dem Ersuchen, dafür von den Mitmenschen Verständnis zu bekommen: „Ich habe einen Blödsinn gebaut, verzeiht mir bitte.“ Der Schritt, die Scham öffentlich zu machen, erfordert Mut, und gelingt nur, wenn genügend Vertrauen in die Umgebung besteht. 

Selbstvergebung und Verantwortungsübernahme

Oft aber gibt es gar niemanden mehr, dem wir den Fehltritt offenbaren können und um Verzeihung bitten sollten, weil die Ereignisse schon lange vorbei sind, obwohl sie weiterhin das Denken beschäftigen. Wir selbst sind die Instanz, von der das Vergeben kommen muss. Auch in diesen Fällen braucht es eine bewusste Selbstoffenbarung und Selbstäußerung, das Eingestehen der Unzukömmlichkeiten und der damit verbundenen Schambelastung, vor einem selbst oder vor unbeteiligten empathischen Menschen. Denn solange die aus der Vergangenheit gespeiste  Scham im Inneren bleibt, arbeitet sie gegen das Selbst. Die an die eigene Vergangenheit gerichteten Vorwürfe und Infragestellungen fügen jedes Mal eine neue Schamschicht hinzu und bekräftigen die entsprechenden Glaubenssätze. Erst wenn wir erkennen, dass wir unsere Vergangenheit nicht verändern können und dass es an uns liegt, uns unsere Fehler zu verzeihen, löst sich der Bann der selbstauferlegten Scham und der mit ihr verwobenen Glaubenssätze. Wir kommen in Frieden mit unserer Unvollkommenheit.

Es geht also darum, die Verantwortung für das eigene Leben und für jede Szene der Vergangenheit, für alle Erfolge und Misserfolge, Errungenschaften und Fehler zu übernehmen. Fehlleistungen, die mit Verantwortung getragen und verstanden werden, verwandeln sich zu exzellenten Lernchancen. Was wir bewusst zu uns nehmen, wird sich in dieser Form nie mehr wiederholen. Vielmehr wachsen wir durch das Akzeptieren der Fehler und durch die Integration der damit verbundenen Lektionen. Jedes Lernen ersetzt die sinnlosen „Hätte-ich-doch-wäre-ich-doch“-Schleifen im Denken und erschafft neue Realitäten für ein konstruktives Leben.

Schritt für Schritt entmachten wir auf diese Weise die giftige Scham und die damit eingeprägten negativen Glaubenssätze. Die Selbstakzeptanz tilgt die Scham und die Selbststärkung löscht die Glaubenssätze. Deren Ursprünge liegen in einer Vergangenheit, die nicht mehr zu unserer Disposition steht. Francis Bacon hat geschrieben: „Was geschehen ist, ist vorbei und unwiederbringlich, und der Weise hat genug zu tun mit gegenwärtigen und zukünftigen Dingen.“

Zum Weiterlesen:

Mittwoch, 28. Juli 2021

Selbstakzeptanz und Schamheilung

Die Scham ist ein soziales Gefühl, das darauf aufmerksam macht, dass die Zugehörigkeit zur Bezugsgruppe gefährdet ist. Es betrifft die eigene Person als ganze, die moralisch als fehler- und mangelhaft erscheint und deshalb ausgeschlossen werden könnte. Es braucht die explizite Akzeptanz durch die anderen Gruppenmitglieder, damit sich die Scham auflösen kann.

Welche Rolle kann dann aber dann die Selbstakzeptanz bei der Schamheilung spielen?

Wenn die Bedrohung der Zugehörigkeit zur eigenen Familie immer wieder aufgetaucht ist, entwickelt sich eine dauerhafte Schambelastung. Erfolgten in der Kindheit immer wieder Beschämungen und Demütigungen durch die Eltern und Erziehungspersonen, so wird die Scham zu einem angelernten Persönlichkeitszug. Sie setzt sich gewissermaßen in allen Zellen fest. Sie hinterlässt ihre Spuren im Gesicht und in der Körperhaltung. Und sie führt zu Stressbelastungen, neurotischen Symptomen und seelischen Erkrankungen.

Die krankhafte Scham, die viele Erwachsene mit sich herumtragen, hat nichts mehr mit einer akuten Bedrohung der Zugehörigkeit zu tun. Sie beruht auf frühen Erfahrungen, die zu übertrieben schambezogenen Deutungen von aktuellen Situationen führen. Viel zu vieles, was im eigenen Leben geschieht, wird als schamvoll oder beschämend interpretiert. Die Alternative dazu stellt das Ausweichen in die Unverschämtheit dar: Statt mich selber zu schämen, beschäme ich lieber andere.

In solchen Erfahrungen fehlt die Grundakzeptanz der eigenen Person. Sie wird als abnormal und ungeeignet, als unfähig und gestört erlebt. Sie sollte besser nicht sein, weil sie nicht besser sein kann. Die Selbstablehnung kann im Extremfall bis zu Gedanken oder Aktionen der Selbstauslöschung führen.

Selbstakzeptanz üben

Die Übung der Selbstakzeptanz ist deshalb ein wichtiges und wirksames Gegenmittel zur Heilung von krankmachenden Schambelastungen. Sie beruht auf dem Verständnis, dass diese Form der Scham eine erlernte Überlebensstrategie zur Anpassung an ein gestörtes Familiensystem darstellt. Gestört ist nicht die eigene Person, sondern der soziale Zusammenhang, in dem das eigene Aufwachsen erfolgt ist. Ohne immer wieder in die Schamposition zu gehen, war es nicht möglich, Zuwendung und Liebe zu bekommen. Damit wird die Schamhaltung (oder die Schamvermeidungshaltung) zur Lebenshaltung, die in Situationen stärkerer Belastung im späteren Leben immer wieder aktiviert wird.

Die Selbstannahme dreht den Lernprozess um, weil die ursprünglich erworbene Überlebensstrategie nicht mehr gültig ist und nicht mehr gebraucht wird. Alles, was an Ablehnung und Nichtakzeptanz durch die Bezugspersonen geschehen ist, bekommt jetzt ein Gegengewicht durch bewusste Akte der Selbstannahme und Selbstakzeptanz. Die Selbstbeziehung wird also umgepolt und damit auf eine gesunde Grundlage gestellt, die sich von den dysfunktionalen und defizitären Familienstrukturen der eigenen Kindheit distanziert hat.

Jede beschämende und demütigende Abwertung, die in der frühen Entwicklung erlebt werden musste, hat die Akzeptanz des eigenen Selbst unterminiert. Ganz arge Demütigungen können sogar das Selbst zerbrechen oder spalten. In der Selbstannahme wird das Selbst wieder restauriert und in sein Recht gesetzt. Wir nehmen uns in unserer Person auf der tiefsten Ebene bedingungslos an und löschen damit die Spuren, die die Verletzungen unserer Persönlichkeit hinterlassen haben.

Wie üben wir die Selbstakzeptanz?

Wichtig ist es zu erkennen, wann und wo wir uns selbst ablehnen und nicht zu uns selbst stehen. Wir müssen (und sollten) nicht alles gutheißen, was wir tun oder unterlassen. Wir brauchen ein gutes Maß an Selbstkritik, damit wir aus unseren Fehlern lernen können. Was wir aber niemals zulassen sollten, ist die Infragestellung unseres Eigenwertes und unserer Selbstachtung. Angriffe auf uns als Person gehören aufgezeigt und zurückgewiesen, ob sie von anderen oder von uns selbst kommen. Niemand hat das Recht, unsere Person und unsere Existenz zu kritisieren, auch wir selbst nicht. Kritik darf sich nur auf Handlungen oder Gedanken, die wir äußern, beziehen, aber nicht auf uns als Menschen. Denn unsere Würde bleibt bestehen und intakt, was immer wir in der Welt anstellen.

Die Selbstakzeptanz, die wir nicht mit einer kritiklosen Akzeptanz all unseres Tuns verwechseln dürfen, ist der direkte Weg zu unserer persönlichen Würde. Ihr Schutz sollte uns ein wichtiges Anliegen sein. Oft sind es wir selber, die auf diese Würde losgehen, als würden wir sie nicht verdienen.

Selbstabwertung und Selbstkritik

Es ist nicht schwer, Selbstabwertungen, die sich auf uns als Person richten, und Selbstkritik, die sich auf das bezieht, was wir machen, zu unterscheiden. Wir brauchen nur darauf zu achten, was die Konsequenz der Infragestellung ist. Im einen Fall, wenn sie auf unsere Person als ganze gerichtet ist, sind wir macht- und hilflos: Wir können kein anderer Mensch werden, wir sind in unserem Sein und Wesen so, wie wir sind. Wir können nicht zu einer anderen Person werden. Im anderen Fall wissen wir, was wir ändern sollten und können uns darum kümmern.

Wir praktizieren eine Essensgewohnheit, die uns nicht zuträglich ist, und kritisieren uns selbst dafür. Mit der Kritik wollen wir uns dazu motivieren, gesündere Lebensmittel zu uns zu nehmen. Wenn wir uns selber als schlechter, unfähiger oder gestörter Mensch bezeichnen, können wir nichts dagegen tun. Wir können weder unseren Charakter, unseren Persönlichkeitskern noch unsere Geschichte gegen ein anderes Modell austauschen.

Diesem unserem Wesen dient die Selbstakzeptanz. Indem wir die intime Beziehung zu uns selbst und unserem Wesen stärken, entziehen wir der Scham, die uns noch aus beschämenden Kindheitserfahrungen in den Knochen steckt, ihre zerstörerische Macht. Mit jedem Schritt der Selbstannahme geben wir uns selbst die Bestätigung, die wir in unserem Aufwachsen gebraucht hätten. Wir holen uns die Achtung für uns selbst zurück und nehmen unsere Würde, unser Geburtsrecht auf das Menschsein ganz zu uns. Wir verankern tief in uns, dass wir wertvolle und schätzenswerte Menschen sind.

Zum Weiterlesen:
Das Ja zum Selbst
Sag Ja zum Moment

Akzeptieren, was ist (Teil 1)
Akzeptieren, was ist (Teil 2)
Akzeptieren, was ist (Teil 3)
Akzeptieren, was ist (Teil 4)
Akzeptieren, was ist (Teil 5)
Akzeptieren, was ist (Teil 6)
Akzeptieren, was ist (Teil 7)

Dienstag, 13. Juli 2021

Akzeptieren, was ist: Teil 2

Akzeptieren und Aktivität

Wir sollen um des lieben inneren Friedens willen den Moment so akzeptieren, wie er ist. Aber heißt das jetzt, dass ich alles so lassen muss, wie es ist, und nichts gegen das machen soll, was mir nicht passt? Bin ich also durch das bedingungslose Akzeptieren zur Passivität verurteilt? Muss ich mir z.B. alles gefallen lassen, wenn andere gemein sind zu mir?

Die Bewusstheit ist die Brücke zur Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Sie macht uns darauf aufmerksam, wenn eine Trennung geschehen ist, und mit dieser Einsicht können wir die Verbindung wieder herstellen. Im nächsten Schritt können wir dann überlegen und entscheiden, was zu tun ist. Unser Tun wird umso sinnvoller und situationsadäquater sein, je mehr wir die Wirklichkeit in ihrem Sosein bestätigt haben.

Wir können also nach dieser Reflexion bewusst entscheiden, ob wir Handlungen setzen, um unguten Entwicklungen vorzubeugen, oder ob wir die Dinge sich weiter entwickeln lassen, im Vertrauen, dass es sich selber einregulieren wird.

Die Wirklichkeit ist in dauernder Veränderung, und wir sind Teil von ihr und von dem Veränderungsprozess. Wir wirken permanent dabei mit. Wenn wir etwas ändern können oder wollen, steht es uns frei, das zu tun. Doch können wir jeweils nur von der aktuellen Wirklichkeit ausgehen, vom Annehmen dessen, was ist, sonst tappen wir mit unseren Änderungsversuchen unweigerlich daneben und fallen schnell auf die Schnauze. Deshalb ist es unsere Aufgabe, immer wieder Bewusstheit in das zu bringen, was wir in die Wirklichkeit einbringen und an ihr verändern. Mit Bewusstheit tragen wir dazu bei, dass sich die Welt in eine Richtung verändert, die uns stimmig erscheint, manchmal mit unserem Zutun, manchmal von selbst.

Dazu gehört auch, dass wir aufzeigen, was schief läuft und was uns gegen den Strich geht. Auch wenn wir akzeptiert haben, dass uns jemand missverstanden oder abgewertet hat, hindert uns das nicht daran, anzusprechen, was uns gestört oder verletzt hat. Es geht auch darum, uns selbst in unserer Verletztheit zu akzeptieren, und aus dieser Erfahrung folgen Handlungen, die wir wieder akzeptieren können – auch hier wieder: unbeschadet, ob sie uns gefallen oder nicht.

Es geht beim Akzeptieren nicht darum, einen Leidensmasochismus zu pflegen oder sich als Weichei zu outen. Es hat nichts mit Feigheit oder Unterwürfigkeit zu tun. Es ist keine psychologische Schwäche oder charakterliche Untugend involviert, sondern es handelt sich um eine spirituelle Übung. Das Akzeptieren enthält keine Handlungsanweisungen. Ob wir den Gleichmut und die menschliche Größe aufbringen wie Jesus von Nazareth, der die andere Backe hinhält, wenn ihm auf eine geschlagen wird, oder nicht, ist für die Übung  des Akzeptierens egal. Es gehört auch akzeptiert, dass wir so auf Grenzüberschreitungen reagieren, wie wir reagieren.

Das Äußere und das Innere akzeptieren

Geht es beim Akzeptieren also nicht nur um die Wirklichkeit um uns herum, sondern auch um uns selbst?

Die Wirklichkeit umfasst alles, wir haben nur zwei prinzipiell unterschiedliche Zugänge zu ihr: Die äußere Wirklichkeit nehmen wir über unsere Außensinne wahr, während uns die inneren Sinne mit der inneren Wirklichkeit verbinden. Das Akzeptieren der Innenwelt, also die Selbstakzeptanz ist für unseren inneren Frieden genauso wichtig wie das Akzeptieren der Außenwelt. Wann immer wir uns durch das Nichtakzeptieren von der Außenwelt trennen, trennen wir uns genauso von uns selbst, als wenn wir uns selbst ablehnen. Das Äußere ist immer in unserem Inneren vertreten, und dadurch enthält das Äußere in unserer Erfahrung immer Anteile von uns selbst. Auch in dieser Weise besteht eine intensive und dichte Beziehung zwischen innen und außen, aus der die Erfahrung des Einsseins, wie wir sie in besonderen spirituellen Momenten erleben, herauswächst.

Diese enge Verflochtenheit ist aber auch der Grund, warum es zu Verwechslungen des Inneren mit dem Äußeren und des Äußeren mit dem Inneren kommen kann und warum Unklarheiten entstehen, was wohin gehört. In der Psychose versagt die Unterscheidungskraft zwischen den Zugängen zur Realität, und die interne Koordination bricht zusammen, weil nicht mehr eingeordnet werden kann, was zum Innen und was zum Außen gehört. Demgegenüber steht die Erfahrung der Erleuchtung, in der es diesen Unterschied nicht mehr braucht und dennoch die innere Stabilität erhalten bleibt. Im Alltagsbewusstsein sind es die angstgeleiteten Projektionen, die häufig dafür sorgen, beide Zugänge zur Erfahrungswelt miteinander zu verwechseln, was uns in Verwirrung bringt und Missverständnisse erzeugt.  Wir tendieren immer wieder dazu, Inneres für Äußeres und Äußeres für Inneres zu halten und uns damit in die Irre zu führen.

Projektionen zurücknehmen

Was können wir tun, um solche Verwechslungen zu vermeiden?

Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass es solche Vertauschungen gibt, die unser Unterbewusstsein vornimmt. Wir sind fehleranfällig, vor allem dort, wo es alte Wunden und Verstörungen in unserer Seelenlandschaft gibt. Dazu kommt, dass unsere Wahrnehmung immer zugleich eine interpretierte Wahrnehmung ist, dass wir also an jedes Erleben eine Theorie anhängen und dass wir dazu neigen, die Theorie für wichtiger zu nehmen als das, was wir erleben.

Dann geht es, wie gesagt, darum, die Bewusstheit dafür zu schärfen, wenn wir solche Projektionen produzieren. Wir fragen nach: Was nehme ich wahr, was also kann ich über die Sinne bestätigen, und was geben wir dazu durch unser Interpretieren? Ein Mensch begegnet mir auf der Straße, ich sehe seine schmutzigen Schuhe. Möglicherweise ordnet mein Bewerten diese Person sofort in eine Kategorie ein und denkt, dass der Mensch arm oder unordentlich oder zerstreut ist. Jede dieser Annahmen könnte zutreffen oder auch falsch sein. Das Einzige, was wir wahrgenommen haben, war der Schmutz auf den Schuhen.

Mit der Bewusstheit lenken wir also unsere Aufmerksamkeit von den Gedanken und Fantasien wieder zurück zur Wahrnehmungsrealität. Was ist, ist; was wir interpretieren, sind unsere Eigenproduktionen. Unsere Produkte dienen unserer Sicherheit und Orientierung in der Welt, also unserer inneren Homöostase, während die Wahrnehmung dazu da ist, uns mit der Wirklichkeit zu verbinden, so, wie sie ist.

Wir können zum Identifizieren von Projektionen auch die Frage nutzen: Wie erkenne ich, was in mir und was außer mir ist? Was macht für mich den Unterschied? Mit solchen Übungen schärfen wir unsere Unterscheidungskraft, durchschauen unsere Projektionstendenzen und finden leichter wieder zurück zum Akzeptieren des aktuellen Erlebens.

Das Schicksal und das Akzeptieren

Es gibt Schicksalsschläge, die kann man einfach nicht akzeptieren.

Wenn uns ein Ereignis massiv betrifft wie z.B. der Tod eines nahen Angehörigen, sind wir mit unterschiedlichen Gefühlen konfrontiert: Schmerz, Angst, Wut, manchmal auch Schuld und Scham. Diese Gefühle helfen uns dabei, den Verlust zu verarbeiten, und verarbeiten heißt, zur Akzeptanz zu kommen. Es ist etwas passiert, das uns an unseren Grundfesten erschüttert und aus den gewohnten Bahnen wirft. Wir hadern mit dem Schicksal und möchten es ungeschehen machen. Das sind unsere verständlichen menschlichen Reaktionen, die ihre Zeit brauchen – die Zeit der Trauerarbeit. Irgendwann kommen wir zu dem Punkt, an dem wir in den Frieden kommen mit dem, was geschehen ist. Wir akzeptieren, dass passiert ist, was passiert ist, und hören auf, uns in die Agenden des Schicksals einzumischen. Auch wenn wir nicht verstehen und gutheißen können, was geschehen ist, steht es nicht in unserer Macht, die Bahnen der Ereignisse nachträglich in eine uns genehme Richtung zu lenken.

Akzeptieren heißt auch hier, mit der Wirklichkeit in Verbindung zu sein und setzt voraus, dass der Gefühlssturm in uns zur Ruhe gefunden hat. Unser verletztes Ego, das sich groß aufgespielt hat, indem es sich mit der Wirklichkeit angelegt hat, tritt mit der Heilung seiner Wunden zurück und macht einer Bescheidenheit Platz, in der wir uns als lernende Juniorpartner in Beziehung zur majestätischen Größe und Souveränität des Lebens einreihen. Wir ordnen unsere Erwartungen, Wunschfantasien und Projektionen dem mächtigen Strom der Ereignisse unter, in denen sich das Ganze fortwährend ausdrückt.

Am Beispiel eines schweren Verlustes sehen wir, dass man nicht verlangen kann – von uns selbst oder von anderen –, etwas zu akzeptieren, was unmöglich erscheint zu akzeptieren. Wir erkennen auch, dass es das Zulassen und Durchleben von Gefühlsprozessen erfordert, um mit dem, was das Leben mit uns vorhat, auf Gleich zu kommen. Nach der Befriedung der Gefühle braucht es meistens noch länger, bis sich die Gedanken beruhigen und der inneren Stille Raum geben.

Schicksalsschläge führen uns in eine Krise, weil wir gewohnte Sicherheiten und Kontakte verlieren. Es ist, also ob die schön geordneten Teile unserer Innenwelt durcheinandergewirbelt werden und stattdessen ein Chaos entsteht, mit dem wir so schwer zurechtkommen und das uns viele Kräfte raubt.

Es liegt aber auch eine Chance in jeder Krise: Das Chaos bietet die Möglichkeit, eine neue Ordnung zu schaffen, die zugleich flexibler und stabiler ist als die vorherige. Dazu ist es notwendig, dass wir die Krise nutzen, um mit unseren Gefühlen und Gedanken ins Reine zu kommen. Das Sicherheitsgefühl verlagert sich mehr nach innen und wird weniger abhängig von äußeren Bedingungen. Sobald wir akzeptieren können, was passiert ist, ohne Wenn und Aber, sind wir ein Stück reifer geworden.

Denn menschliche Reife besteht nicht darin, im Leben Erfolg an Erfolg zu reihen, sondern darin, die Krisen des Lebens meistern zu können, indem sie als Lernchancen begriffen werden. Ein wichtiger Teil dieses Lernens besteht darin, mit dem, was geschehen ist, Frieden schließen zu können. Das Hadern, das Zerren am Schicksal und das Betteln, ob es es sich nicht doch anders überlegen könnte, damit wir uns die Krise ersparen können, nimmt ein Ende und zehrt nicht mehr an unseren Nerven. Wir versöhnen uns mit dem, was das Leben uns vorgesetzt hat, und gehen erhobenen Hauptes den Pfad unseres Lebens mit Vertrauen weiter.

Zum Weiterlesen:

Akzeptieren, was ist (Teil 1)
Akzeptieren, was ist (Teil 3)
Akzeptieren, was ist (Teil 4)

Donnerstag, 31. Januar 2019

Akzeptiere was ist, dann verändert es sich

Es gibt zwei Lebensanschauungen, zwei Erziehungsprinzipien, zwei Formen der Selbstdisziplin, die wie Antagonisten zueinander stehen. Sie ziehen sich durch die Sozial- und Kulturgeschichte ebenso wie durch die Biographien der Menschen unserer westlichen Gesellschaften. Sie lassen sich durch zwei Sätze formulieren:

1. Wenn du akzeptierst, was ist, wird sich nie etwas ändern.
2. Akzeptiere was ist, dann wird es sich von selber verändern. 

Wir sehen sofort den Unterschied. Im ersten Satz äußert sich eine rigide Erziehungshaltung und Einstellung zu sich selbst. Aber sie ist geprägt von einigen Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden an Erziehungs- und Disziplinierungsgeschichte. Es ist die Philosophie vom inneren Schweinhund, dem inneren Saboteur, der jede Anstrengung vermeiden will und sich nur unter Drohungen und Zwang von seinem Faulbett aufrafft. 

Es kommt ein Misstrauen gegen andere und gegen sich selbst zum Ausdruck. Wenn wir anderen ihre Fehler durchgehen lassen, machen sie die gleichen Fehler immer wieder. Wenn wir uns selber mit einem Fehler annehmen, werden wir ihn genauso wiederholen und nie was lernen. Andere sind unvollkommen und müssen zur Vollkommenheit oder zumindest zur Verbesserung gebracht werden, und wir selber sind noch immer unvollkommen und müssen uns fortwährend bessern. 

Außerdem steckt hinter dem ersten Satz die Furcht vor der Trägheit und Faulheit, bei sich selber und bei den anderen Menschen. Akzeptieren bedeutet so viel wie sich in der Wohlfühlcouch zurücksinken zu lassen und alles seinen Gang gehen zu lassen, das, was einem passt und das, was einem auf den Geist geht. Die Angst ist also, dass wir ohne den erhobenen Zeigefinger oder die drohende Peitsche sofort in eine resignative Haltung verfallen, die besagt: Was ist, ist, wie es ist, da kann man nichts ändern. Veränderungen erfordern Kraft und Einsatz, und wenn wir uns zu sehr der Bequemlichkeit hingeben, kommen wir nicht weiter. Zum Fortschritt kommt es nur, wenn wir etwas, was ist, eben NICHT akzeptieren. Wir brauchen unsere Gegnerschaft zu dem, was ist, denn aus dieser Spannung entsteht dann auch der Imperativ zur Tat, die dem Missstand abhelfen kann. 

Das Akzeptieren des Ist-Zustandes wird also mit der Bejahung gleichgesetzt: Was wir akzeptieren, heißen wir gut und unterstützen es damit. Das bedeutet, dass wir im Status Quo verharren wollen. Wenn wir einverstanden sind mit dem, was ist, sehen wir keinen Anlass und keinen Grund für Veränderungen und werden uns auch nicht dafür einsetzen.  

Eine solche Haltung wäre verheerend aus der Sicht von Pädagogen, die tagtäglich mit der Lernunlust von Schülern konfrontiert sind. Wenn ein junger Mensch akzeptiert, dass er schlecht Englisch spricht, bedeutet das in dieser Sichtweise, dass er keinerlei Anstrengungen unternehmen wird, Vokabeln zu lernen und die Aussprache zu üben. Es geht also darum, ihm klarzumachen, dass er seine Einstellung ändern muss und den Schaden mangelhafter Englischkenntnisse für sein weiteres Leben sieht. Schüler brauchen ein Bewusstsein über ihre Unvollkommenheit, speziell in den Bereichen, die in der Schule wichtig sind, und dieses Bewusstsein muss auch mit einem Leiden daran verbunden sein. Sie müssen unzufrieden mit sich selber sein, damit sie zu lernen beginnen. Selbstakzeptanz ist nur eine Ausrede für Faulheit und Bequemlichkeit. Es braucht Druckmittel, damit diese unproduktive Haltung überwunden wird und junge Leute dazu gebracht werden, dass sie sich für Leistungen anstrengen.

Hinter dieser Haltung steckt die Überzeugung, dass das Leben ein Kampf ist, in dem es nur zwei Optionen gibt: Gewinnen oder verlieren. Deshalb ist eine andauernde Anstrengung notwendig, jedes Nachlassen könnte Nachteile nach sich ziehen. Wir müssen nicht nur unseren eigenen inneren Schweinehund bekämpfen, sondern auch die Fehlerhaftigkeiten und Nachlässigkeiten unserer Mitmenschen, die uns damit am Gewinnen hindern.

Ist damit der zweite Satz erledigt? Er beruft sich auf ein Vertrauen, und die Frage ist, ob es berechtigt oder blind ist. Wenn wir akzeptieren, was ist, gehen wir aus der Spannung heraus, die mit dem Nichtakzeptieren verbunden ist. An allem, was wir nicht akzeptieren, leiden wir. Die lauten Nachbarn, die blöden Politiker, die sturen Vorgesetzten, das hässliche Wetter, unsere eigene Vergesslichkeit, Unachtsamkeit usw. Der erste Satz geht also davon aus, dass inneres Leiden zum Handeln führt und Nichtleiden zum Nichthandeln. Wir tun also nur dann etwas, wenn wir unter Druck sind oder an etwas leiden, das wir ändern wollen. Es sind die äußeren Umstände, die uns zum Handeln motivieren – oder zwingen. Die Angst vor den negativen Konsequenzen des Nichthandelns ist dann größer als die Beharrungskraft und die Angst vor der Veränderung und dem damit verbundenen Risiko. (In einem früheren Artikel auf dieser Seite wurde diese Haltung als reaktive Orientierung beschrieben und von der kreativen Orientierung unterschieden.)


Akzeptieren, was ist


Diese Einstellung hat eine simple Einsicht zur Grundlage. Was ist, ist, ob es angenehm oder unangenehm, gewünscht oder gehasst ist. Dadurch, dass wir etwas nicht akzeptieren, hört es nicht auf zu sein. Wenn wir es akzeptieren, bejahen wir dessen Sein, also die Tatsache des Existierens, nicht aber sein So-Sein, also die Art und Weise des Existierens. Aus dieser Unterscheidung gewinnt der zweite Satz seine Kraft. Und dieses Missverständnis muss vermieden werden, wenn wir diese Kraft verstehen und nutzen wollen. 

Wenn wir das, was ist, in seinem Sein akzeptieren, dann verzichten wir auf den Widerstand gegen diesen Teil der Realität, und dieser Widerstand ist eigentlich unsinnig wie bei jemandem, der sagt: Ich bin gegen die Existenz des Mondes oder der Schwerkraft. Widerstand verbraucht Energien, die wir für andere Zwecke sinnvoller einsetzen können. Widerstand bindet uns an das, was wir ablehnen – und an diesen Teil in unserem Verstand, der sich damit wichtig machen will. 

Im Akzeptieren entsteht eine Übereinstimmung zwischen der Wirklichkeit und unserer inneren Repräsentation, oder einfacher gesagt, zwischen Innen und Außen. Diese Resonanz ist die beste Voraussetzung für ein situationsangepasstes Handeln: Tun, was zu tun ist, und lassen, was zu lassen ist. Das Nicht-Akzeptieren hingegen bestärkt die Trennung zwischen Ich und Welt, die erst wieder mühsam überwunden werden muss, um handlungsfähig zu werden. 


Veränderungen geschehen


Weshalb aber soll es, wenn wir etwas in seinem Sein akzeptieren, dann zu Veränderungen kommen? Das Akzeptieren steht nicht im Gegensatz zum Handeln. Es hilft vielmehr, die Voraussetzungen für das eigene Handeln besser zu überschauen. Solange wir im Widerstand zur aktuellen Wirklichkeit sind, ist unsere Blickweise beschränkt und fokussiert auf die negativen oder störenden Aspekte dieser Wirklichkeit. Wenn wir anerkennen, dass ist, was ist, weitet sich unser Blick und unser Verständnis für die Wirklichkeit. Aus diesem Verständnis können wir stimmigere und sinnvollere Handlungen setzen als aus dem Druck und Zwang heraus, der aus dem Nichtakzeptieren kommt.

Es gibt Teile der Realität, auf die wir einen direkten Einfluss ausüben können, wie z.B. das Putzen unserer Zähne oder die Entscheidung für den Kauf gesunder Lebensmittel, und andere, die wir von uns aus nicht direkt ändern können, wie z.B. das Verhalten anderer Menschen oder die Veränderungen im Klima und in der Arbeitswelt. Bei den Problemen innerhalb unserer direkten Einflusssphäre kann uns die akzeptierende Einstellung helfen, auf Selbstverurteilungen und Selbstkritik zu verzichten. Wir haben unsere Vorsätze und wir halten sie immer wieder nicht ein. Mit der ersten Haltung werten wir uns als inkonsequent und unzuverlässig ab und machen uns Vorwürfe wegen unserer Charakterschwächen. Mit der zweiten Haltung akzeptieren wir, dass wir so sind, wie wir sind, manchmal konsequent, manchmal inkonsequent, und überlegen uns, was wir wollen und wofür wir uns entscheiden. Wir fühlen uns freier, wenn wir uns nicht mit Selbstkritik belasten. Wir erkennen, dass wir nicht aus Druck heraus, z.B. um unserem Selbstbild oder den Erwartungen anderer Menschen zu entsprechen, handeln müssen, sondern aus dem, was wir für richtig finden. 

Im Akzeptieren nehmen wir das Besserwissen und Kontrollierenmüssen aus der momentanen Erfahrung heraus. Wir geben der Wirklichkeit die Erlaubnis, so zu sein, wie sie ist. Diese Erlaubnis gibt uns, aber auch den anderen Teilen der Wirklichkeit die Freiheit, sich von sich aus zu verändern. Wir übergeben die Verantwortung dorthin, wo sie hingehört. Wo Druck herrscht, kann es zu Veränderungen kommen, die dem entsprechen, was der Druck will oder auch nicht. Lehrer, die auf ihre Schüler Druck ausüben, können bewirken, dass sie lernen, was vorgegeben ist oder auch nicht, denn Druck kann auch Gegendruck erzeugen und den inneren Widerstand verstärken. Wo der Druck herausgenommen wird und an seine Stelle die Verantwortung übernimmt, kommt es unter Umständen auch nicht zu dem von außen gewünschten Resultat, aber zu einer Handlung, die der handelnden Person entspricht. Alles, was wir tun „müssen“, stößt auf ein inneres „Nicht-Wollen“. Dieser Widerstand sabotiert das Tun, wir machen leichter Fehler oder vergessen wichtige Details usw. Sigmund Freud hat diese Mechanismen unserer Psyche in seinem Buch über die Fehlleistungen („Zur Psychopathologie des Alltagsleben“, 1901) anschaulich beschrieben. 

Schließlich kommt auch noch der Aspekt zum Tragen, dass sich die Wirklichkeit, in uns und um uns herum, permanent verändert, erneuert und verbessert. Es gibt keinen Stillstand und kein Anhalten in der Natur; die Stopptafeln haben die Menschen erfunden. Gleich ob wir etwas akzeptieren oder ob wir dagegen sind, es verändert sich. Manchmal entspricht es unseren Erwartungen oder Planungen, und manchmal nicht.


Die leidige Neigung zur Selbstkritik


Wie kommen wir überhaupt auf die Idee, uns selbst zu kritisieren? Den Vorgang nennt man Internalisieren. Wie wir von den Bezugspersonen unserer Kindheit behandelt wurden, so behandeln wir uns später selbst. Wenn sie uns kritisiert haben, haben wir die Meinung gebildet, dass etwas an uns nicht in Ordnung ist und kritisiert werden muss. Schließlich sind sie die Großen, die es wissen müssen, und wir die Kleinen, die es lernen müssen. Unter Erwachsenwerden verstehen wir, dass wir das selber machen, was vorher die Eltern für uns gemacht haben: Pullover anziehen, Frühstück machen, Einkaufen gehen, und: Kritisieren und Abwerten bei Fehlern. Wir entlasten unsere Eltern und werden zu noch strengeren Beurteilern unserer Handlungen.

Unsere Selbstbeziehung spiegelt die Beziehungen unserer Eltern zu uns. In dem Maß, wie sie uns wertschätzen konnten, können wir uns selbst wertschätzen, in dem Maß, wie sie uns kritisierten, kritisieren wir uns selbst. In dem Maß, wie sie uns akzeptieren konnten, können wir uns selbst und auch die anderen akzeptieren.

Die Einstellung zum Weiterkommen im Leben, die unsere Eltern hatten, übernehmen wir mit Überzeichnungen oder mit Abstrichen, aber in den Grundzügen. Die „Schweinehund-Philosophie“ ist deshalb so prägend in unserer Kultur, weil sie in vermutlich jede Erziehungsbeziehung einfließt und damit von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Eltern denken, mein Kind muss lernen ein Leistungsbewusstsein zu entwickeln, sonst wird es in der Gesellschaft keinen Platz finden. 

Nach dem Modell von der Bewusstseinsevolution markiert diese Auffassung schon den Übergang von der tribalen zur emanzipatorischen Stufe und verfügt deshalb über einen tief gelagerten und mächtigen Sitz im kollektiven Unbewussten. In dem, was wir heute die Leistungsgesellschaft nennen, ist sie fest verankert. Von jedem Mitglied dieser Gesellschaft wird Leistung erwartet, ob es das selber will oder nicht. Wenn jemand seine inneren Widerstände nicht überwinden kann, verdient er keine Rücksichtnahme und landet am unteren Ende der sozialen Leiter. Auch das Ausmaß und der Umfang der geforderten Leistung werden vordefiniert und steigen immer mehr an, wie viele heutige Arbeitnehmer und Manager bestätigen.


Leben im Fließen


So vieles in unserem Leben verläuft nach dem Prinzip „Akzeptanz->Handlung“, nämlich all das, was wir nicht mit unserem Denken problematisieren. Milz, Leber und alle anderen Organe, Gewebe, Nerven tun, was sie tun, ohne Druck oder Müssen. Die meisten Tätigkeiten im Leben laufen ab, ohne dass wir überlegen, ob wir das Richtige oder das Falsche tun. Wir erkennen, was zu tun ist, die Wirklichkeit, wie sie gerade ist, und tun, was sich daraus ergibt. 

Wir spazieren durch den Wald und plötzlich stolpern wir über eine Wurzel, der Körper merkt, was los ist, verhindert sofort, dass wir fallen und korrigiert die Haltung wieder, ohne dass wir denken müssen – und dann kommt aber das Denken und wirft uns vor, dass wir besser hätten aufpassen sollen. Was passiert ist, ist schon vorbei, aber unser Denken spielt sich auf, ohne irgendetwas zur Bewältigung der Störung beizutragen. Es kann nicht akzeptieren, was geschehen ist, weil es mit seiner Prägung glaubt, dass das Gleiche sofort wieder vorfallen wird, wenn es nicht klar und deutlich vermerkt, wie ungeschickt und unbedacht wir vorgegangen sind. Es hat wieder sein Prinzip des Nicht-Akzeptierens zur Anwendung gebracht.

Wir sehen: Ein kleines Hirnareal sieht seine Hauptaufgabe darin, mit dem Grundsatz des Nicht-Akzeptierens zu arbeiten, während unser restlicher Organismus nach dem Prinzip „Akzeptanz->Handlung“ funktioniert. Es ist vom Unbewussten der Menschen geprägt, die in unseren früheren Jahren das Sagen hatten. Selten hilft es uns, meistens macht es uns das Leben schwerer. Wenn wir hingegen nach dem Prinzip der Achtsamkeit die Aufmerksamkeit in den Moment bringen, wird es überflüssig, und wir pendeln von der Akzeptanz zum Tun, Zyklus für Zyklus. Und wir werden sehen, dass es uns das Leben leichter und einfacher macht.

Zum Weiterlesen:
Sag Ja zum Moment
Widerstand und Verwandlung
Von den Absichten zur Absichtslosigkeit
Reaktive und kreative Lebensorientierung

Samstag, 17. November 2018

Das Vergleichen und der Selbstwert

Unser Denken ist immer wieder mit dem Vergleichen beschäftigt: Steht mir dieser Pullover besser als der andere? Habe ich die tolleren Urlaubspläne als mein Nachbar? Was kann ich besser als mein Konkurrent? Der Vergleich macht sicher – ohne ihn herrscht Unsicherheit im eigenen Inneren: Wie stehe ich da vor den kritischen Augen der Außenwelt? Die Unsicherheit besteht also in Bezug auf den eigenen Selbstwert.

Es gibt zwei Typen von Vergleichern, die sich auch je nach Gelegenheit in einer Person finden können: die Gewinner und die Verlierer. Beide leiden unter dem gleichen Selbstwertproblem, gehen aber unterschiedlich damit um. Ein Gewinner sucht sich die Objekte für sein Vergleichen bei denen, die etwas weniger gut können als er selbst, sodass er beim Vergleichen immer als der bessere abschneidet: „Die können mir alle nicht das Wasser reichen.“ Ein Verlierer sieht vor allem Menschen um sich, die besser sind: „So gut wie diese Person werde ich nie.“


Vergleichen und Scham


Im Hintergrund der Gewohnheit des Vergleichens werkt die Scham. Wir fühlen uns nicht in Ordnung so, wie wir sind, wir stellen uns in Frage, indem wir uns mit anderen vergleichen. Mit dieser Aktion wollen wir das unangenehme Schamgefühl vermeiden. Indem wir jemand anderen, der es besser kann als wir, beneiden oder anhimmeln, verschiebt sich der Fokus von uns selbst auf die andere Person. Wir identifizieren uns mit ihr, und schon ist die Scham verschwunden. Gehen wir nach der anderen Strategie vor, beweisen wir uns mit dem Vergleichen, dass wir die besseren sind und sagen uns damit selber, dass es keinen Grund für die Scham gibt; vielmehr sollten sich die anderen schämen, weil sie schlechter sind. Wir überwinden unsere Scham nur mit Hilfe anderer, die uns zu dem Gefühl der Überlegenheit verhelfen.


Die Beliebigkeit der Maßstäbe 


Wenn wir vergleichen, suchen wir im Außen nach einem Maßstab, um einschätzen zu können, wer wir sind. Wir brauchen also eine äußere Bestätigung für die eigene Identität und deren Qualitäten. Diese Strategie kann allerdings nicht zum Ziel führen, weil wir den Vergleichsmaßstab immer willkürlich suchen und wählen, nämlich unseren inneren Selbstwertvoraussetzungen entsprechend. Fühlen wir uns sicherer auf der Verliererseite, wählen wir Vergleichsmaßstäbe, nach denen wir schlechter abschneiden; sind wir vertrauter mit der Gewinnerseite, so sehen wir lauter minderbegabtere, unattraktivere und unintelligentere Menschen um uns herum. 


Ersatz für die eigenen Werte


Wir tragen Vorbilder und Ideale in uns, wie ein optimaler Mensch sein sollte. Wir wissen zwar auf einer Ebene, dass es solche ideale Menschen nicht gibt, aber wir suchen in unserem Unbewussten nach ihnen, damit wir unsere Unsicherheiten uns selbst gegenüber abdecken können. Denn die Orientierung an einem Vorbild entbindet uns von der Aufgabe, die Maßstäbe für unser eigenes Leben und für die Werte, nach denen es sich ausrichten soll, in uns selbst zu finden und zu stärken. Vorbilder haben nur so weit einen Sinn, als wir sie als symbolische Orientierungspunkte nehmen für eine Richtung, in die wir uns entwickeln wollen und dabei nicht vergessen, dass wir unsere ganz eigene Form der Verwirklichung der Werte, die wir in einem Vorbild verkörpert sehen, finden müssen.

Wie bei vielen unserer selbstschädigenden Verhaltens- und Denkmuster liegt auch hier der Ursprung in der Kindheit. Kinder vergleichen sich, sobald sie auf der Welt sind, mit den Eltern, um zu lernen, wie das Leben zu bewältigen ist. Sie wollen so werden wie sie. Erst langsam klären sich die Unterschiede, vor allem, wenn wir immer wieder bestätigende Rückmeldungen von den Eltern bekommen, dass „uns unsere Entwicklung gehört“, d.h. dass wir uns in unserer Weise entfalten sollen und nicht zu Abziehbildern unserer Eltern oder deren Wunschvorstellungen werden sollen. Auf dieser Grundlage beginnt der Weg zur eigenen Autonomie, die beinhaltet, zur eigenen Individualität in allen Facetten zu stehen und sie als einzigartigen Beitrag zur Welt zu entwickeln und uns darin zu würdigen.

Nur so ist der Weg aus der narzisstischen Fixierung zu finden, die in jedem Vergleich Regie führt. Die bedingungslose Annahme der eigenen Individualität umfasst die Annahme der eigenen Stärken und Schwächen, Erfolge und Misserfolge, Begabungen und Problemzonen. Die Selbstakzeptanz ermöglicht auch die Annahme aller anderen in ihrer Individualität und Besonderheit; solange wir das nicht hinkriegen, fehlt ein Stück der Selbstannahme und wir werden uns dabei ertappen, uns mit dem Vergleichen mit anderen selber zu quälen.


Rollenfixierung


Das Vergleichen mit anderen ist notwendig für die soziale Einordnung in Gruppen, wo wir unsere Rolle finden müssen. Es ist aber immer hinderlich für die Selbstfindung. Je mehr wir uns mit einer Rolle identifizieren, desto anfälliger sind wir für das Vergleichen. Denn wir wollen besser sein als andere in der Rolle, wie ein Schauspieler, der den besten Hamlet spielen möchte. Im Leben geht es aber darum, die ganz eigene Rolle zu entwickeln, die niemand sonst in der ganzen Menschheit spielen kann, wie eine Melodie, die noch nie gesungen wurde und nur erklingen kann, wenn wir sie singen.

Vergleichen macht abhängig. Es lenkt ab von sich, spaltet ab von sich selbst; es ist entweder eine Selbstherabsetzung oder Hinaufsetzung, im einen Fall eine explizite Selbstkränkung, im anderen Fall eine explizite Kränkung anderer – und eine implizite Selbstkränkung, die in jedem Fall des Vergleichens geschieht.

Jeder Vergleich pickt einen Aspekt aus der Ganzheit heraus, die wir sind, und fördert damit die Fragmentierung des Selbst, die wir schon aus unserer Kindheit mitnehmen und der wir fortwährend unterliegen. Im Vergleichen trennen wir uns von uns selbst, ohne uns mehr mit anderen zu verbinden. 

Deshalb verlieren wir immer, wenn wir vergleichen, gleich ob wir uns besser oder schlechter sehen als die anderen. Wir verlieren uns selbst. Vielleicht mag sich ein Aspekt unseres Selbst, ein Anteil unserer Persönlichkeit besser fühlen, sicherer oder beruhigter. Aber die Gesamtheit unseres Seins, unsere innere Zusammenstimmung, unsere Einheit und Identität wird geschwächt. Den Zugang zu dem, was wir in unserer Totalität sind, verlieren wir noch mehr.


Das Leben der Anderen


Wenn ich durch den Vergleich feststelle, dass ich besser bin als andere, muss ich mich anstrengen, den Vorsprung zu halten. Wenn ich durch den Vergleich draufkommen, dass ich schlechter bin als andere, muss ich mich anstrengen, aufzuschließen. In beiden Fällen führt das Vergleichen zu Anstrengung und Stress, vor allem dann, wenn sich tiefere Ängste und Überlebensprogramme einmischen: Ich muss gut dastehen im Vergleich, sonst verliere ich meinen sozialen Rückhalt, sonst mag mich keiner mehr, sonst kann ich mich selber nicht mehr achten usw.

Statt uns unnötig anzustrengen, gilt es, herauszufinden, was unser Eigenes ist, das, was wir im Leben wollen, wohin wir uns entwickeln wollen, was wir beitragen möchten, was uns am Herzen liegt. Wenn wir das nicht schaffen, bleiben wir im Neid und in der Eifersucht stecken. Wir schielen nach dem, wie es die anderen machen und strengen uns an, es ihnen gleichzutun, können es aber nie schaffen, weil wir zu dem, was andere auf ihre Art schaffen, selber nicht geschaffen sind. So leben wir das „Leben der Anderen“ statt unser eigenes. Als Maßstab für unser Leben nehmen wir die Normen und Werte anderer, weil wir gar nicht auf die Idee kommen, die eigenen für uns selber auszuarbeiten. 


Mitfreude statt Vergleichen und Beneiden


Sobald es uns gelingt, uns mit den Schätzen unseres eigenen Lebens – den großen und den kleinen – anzufreunden, sobald wir das, was daran gut läuft und noch besser werden kann, mehr in den Vordergrund stellen, kommen wir zunehmend bei uns selber an. Zugleich schwindet der Neid, der hinter dem Vergleichen steckt, und weicht der Mitfreude. Sie gründet auf der Fähigkeit, uns an unserem eigenen Leben zu freuen.

In dem Maß, wie sich unsere Selbstakzeptanz verstärkt, die uns von Vergleichen unabhängig und autonom macht, verstärkt sich unsere innere Neigung zur Demut. Wir lassen jede Anmaßung sein, so wie andere sein zu wollen, und finden uns ganz in dem, was und wie wir selber sind, wachsend in unseren Stärken und barmherziger mit unseren Schwächen.

Dienstag, 11. September 2018

Die Kraft des Ja

„Sag Ja zum Moment, und alles Weitere geschieht von selbst.“ Dieser Satz hat schon einen früheren Blogartikel inspiriert. Im ersten Teil des Satzes geht es um das Annehmen dessen, was ist. Im zweiten Teil geht es um das Vertrauen in die Zukunft, und der ganze Satz deutet an, dass beides zusammengehört: Aus dem Vertrauen in den Moment erwächst das Vertrauen über das, was aus ihm als nächstes entsteht.

Mit dem Ja zum Moment verbinden wir uns mit der gerade aktuellen Realität. Wir nehmen sie so an, wie sie gerade ist, gleich ob sie uns unangenehme oder angenehme Gefühle bereitet. Wenn wir dieses Ja nicht schaffen, sondern die Realität anders wollen als sie ist, trennen wir uns von der Welt um uns ab. Aber auch in uns selbst entsteht eine Spaltung: Ein Teil repräsentiert die Realität, die gerade besteht, und ein anderer Teil will sie anders als sie ist. Wir leiden an einem inneren Konflikt.

Das Ja zu uns selbst


Wir geraten also nicht nur mit der Welt um uns herum in Widerstreit, wenn wir sie ablehnen. Wir entzweien uns auch von uns selbst, weil wir ja Teil dieser Welt sind. Besonders deutlich erleben wir diese Abtrennung, sobald wir an uns herumzumäkeln beginnen: Wir entsprechen nicht einmal unseren eigenen Erwartungen, wir bleiben laufend hinter dem zurück, was wir in Bezug auf uns selbst für richtig und gut halten, wofür wir uns geeignet halten, was unsere optimalen Möglichkeiten wären usw. Wir streben einem Ideal von uns nach, das wir nie erreichen, und nehmen dieses Versagen als Anlass, um uns selbst zu kritisieren und abzuwerten. Nie wieder soll mir eine Vase aus der Hand gleiten und zerbrechen, nie wieder möchte ich mich so unhöflich benehmen, nie wieder möchte ich so unmäßig in mich hineinfressen usw.

Wir spalten uns in den inneren Kritiker und in sein Opfer. Wir haben etwas falsch gemacht, ein Missgeschick ist uns unterlaufen, eine Herausforderung haben wir nicht gemeistert. Wir sind unzufrieden mit uns selber und folglich uneins. Damit lähmen wir unsere Handlungsmöglichkeiten. Der Kritiker möchte, dass das Opfer seinen Misstritt eingesteht, das Opfer möchte, dass es vom Kritiker verstanden und in Ruhe gelassen wird. Häufig geschieht dann überhaupt nichts, außer dass der Kritiker noch unzufriedener wird und das Opfer noch hilfloser. 

Deshalb müssen wir unsere inneren Teile wieder zusammenführen, um weiterzukommen. Dem Kritiker muss klar werden, dass er akzeptieren muss, was geschehen ist. Es lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Dem Opfer muss einleuchten, dass es keinen Grund zur Ohnmacht gibt. Es braucht nur das Vertrauen darauf, dass es weitergeht. Jedes Versagen ist nur ein weiterer Schritt auf der eigenen Lernlaufbahn. Jeder Fehler war wichtig dafür, zu erkennen, was passiert ist, und neue Möglichkeiten zu erlauben.

Kritiker und Opfer können sich versöhnen, indem der Kritiker die Erfahrung des Opfers in sich aufnimmt, während das Opfer die Kraft des Kritikers fürs Weitergehen nutzt. Wir schließen uns wieder mit uns selber zusammen, als Voraussetzung, um wieder in die Gegenwart zu kommen. Solange wir im Fehlermachen und Versagen festhängen, sind wir an die Vergangenheit und an ihre Unveränderlichkeit gefesselt – unfähig, die Kraft des gegenwärtigen Moments (Eckhart Tolle) zu nutzen und zu genießen. Die Vergangenheit kann uns nicht helfen, die Gegenwart zu meistern, weil sie nichts von der Gegenwart wissen kann. Wir müssen sie also hinter uns lassen, wenn wir weiterkommen wollen. 

Dazu sagen wir zunächst Ja zur Vergangenheit und nehmen uns in unserer Fehlerhaftigkeit und Unvollkommenheit an. So können wir das Alte in Frieden verabschieden. Dann gehen wir in den gegenwärtigen Moment und geben auch ihm ein Ja, und schauen, was sich als nächstes zeigen will.

Das Ja zum eigenen Körper 


Es gibt Zusammenhänge, in denen wir wollen, dass ein Teil der Realität verschwindet, sofort, für immer: Lästige Körpersymptome wie Zahnschmerzen oder Kopfweh, menschenverachtende Verhaltensweisen von Zeitgenossen, ungerechte politische Systeme usw. Da akzeptieren wir nicht einmal die Existenz dieser Phänomene, sondern fühlen uns in jedem Recht, dafür zu sorgen, dass sie aus dem Bereich des Wirklichen gelöscht werden. 

Allerdings ist das Nicht-Akzeptieren keine Hilfe. Bloß weil wir nicht wollen, dass wir Zahnweh haben, hört es nicht auf. Erst wenn wir akzeptieren, was ist, auch wenn es arg schmerzt oder unerträglich schlimm ist, können wir etwas dagegen tun. Aus dem Akzeptieren erwächst das Handeln, umgekehrt funktioniert es nicht. Häufig machen wir sogar die Erfahrung, dass das Akzeptieren von Schmerzen die Schmerzen verringert. Denn im Akzeptieren entspannen wir uns, und das kommt dem Gewebe entgegen, in dem sich der Schmerz gebildet hat. Dazu kommt, dass wir aufhören, gegen das Schicksal zu kämpfen, das uns gerade drangsaliert, und geben wir damit dem Leiden weniger Energie. 

Unser Körper zeigt seine Symptome nicht aus einer fiesen Tendenz, uns lästig sein zu wollen. Es zwackt irgendwo, weil wir uns dort verspannt haben. Es drückt im Bauch, weil wir etwas Ungesundes gegessen haben. Es schmerzt der Kopf, weil wir ihn überlastet haben. Unser Körper signalisiert uns, dass wir etwas ändern sollten: Unsere Bewegungsweise, unsere Ernährung, unser Arbeits- und Schlafverhalten usw. Er will in seiner Form des Ausdrucks angenommen und verstanden werden. Wenn uns das gelingt, nehmen wir uns selber tiefer an und weiten das Verständnis für uns selbst. 

Wir alle wünschen uns einen gesunden, aktiven Körper und erwarten und erhoffen, dass wir ihn so rasch wie möglich wiedererlangen, wenn wir akut erkranken oder wenn wir an einem langwierigen Leiden laborieren. Was aus dem Lot ist, möchte wieder zurück ins Gleichgewicht. Wir unterstützen den Wunsch nach Heilung aber nicht dadurch, dass wir gegen das Leiden kämpfen, sondern dadurch, dass wir im ersten Schritt das Leiden annehmen, um erst im zweiten Schritt die Maßnahmen zu ergreifen, die zur Heilung führen. Wir greifen erst dann ein, wenn klar und verstanden ist, wo die Störung liegt und was sie braucht, um sich zu verbessern oder sich wieder zu verabschieden.

Es so lassen können, wie es ist 


Die Aufgabe liegt also darin, das, was ist, im Moment zu lassen, damit wir es erkennen und verstehen können. Häufig ist unser Impuls, sofort verändernd einzugreifen, wenn etwas nicht in unserem Sinn ist. Sticht uns eine Mücke, wollen wir uns sofort kratzen, was meist den Schmerz verstärkt und verlängert. Der spontane Impuls zum Verändern ist in vielen Fällen nicht der beste, weil wir oft noch zu wenig erkannt haben, worum es wirklich geht und was der beste nächste Schritt wäre. Häufig steuern früh geprägte Reaktionsmuster und Überlebensstrategien diese Impulse: Kampf, Flucht oder Erstarren. 

Mit der Übung im Annehmen schaffen wir eine Unterbrechung, ein Innehalten. Indem wir aus dem, was sich unmittelbar aufdrängt, heraustreten, unterbrechen wir die unbewussten reaktiven Abläufe. Ein Raum für Klärung entsteht, aus dem der nächste bewusste Schritt entspringen kann. Alles Weitere kann dann von selbst geschehen.

Vor allem bei emotionsgeladenen, stressbesetzten Erfahrungen hilft das Innehalten als Grenze zwischen dem Akzeptieren der Situation und dem eingreifenden Handeln. In einem hitzigen Disput gibt ein Wort das andere, ohne Kontrolle über all die emotionalen Racheimpulse, die sich Bahn brechen und die Konflikteskalation beschleunigen. Was ist, ist, und es ändert sich nicht grundlegend durch blinden Aktionismus; allenfalls versteckt es sich und taucht dann hinterrücks in neuem Gewand auf. 

Nur wenn es uns gelingt, den zwanghaften Ablauf zu unterbrechen, die Aufmerksamkeit nach innen zu bringen und zum Moment Ja zu sagen, können neue Perspektiven mit neuen Handlungsmöglichkeiten auftauchen. Auf diese Weise befreien wir uns von den Verstrickungen aus Reaktionsmustern, die uns scheinbar klar die nächsten Aktionen diktieren, statt das Beste für die aktuelle Situation finden zu können.

Wenn wir wirklich Ja zum Moment sagen können, ist es ein bedingungsloses Ja zu diesem Moment mit Verzicht auf jede Änderung und auf jeden Eingriff. Es darf gerade so sein, wie es ist, und wir vertrauen darauf, dass uns der nächste Moment zeigen wird, was als nächstes geschehen soll. Wir nehmen uns mit unseren vorgeprägten Impulsen heraus aus dem Fluss der Ereignisse und spielen dort mit, wo wir nicht die erste Geige spielen müssen.

Die Grundlage der Achtsamkeit


In der Erfahrung des Ja zum Moment nutzen wir das Grundprinzip der Achtsamkeit. Es besagt, dass wir uns ganz in die Erfahrung des Moments hineinbegeben, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzunehmen. Wir verbinden uns innig und möglichst vollständig mit diesem Moment, und wenn nichts mehr zwischen uns und der Wirklichkeit unserer Erfahrung steht, sind wir mit uns eins und mit der Welt um uns.

Der achtsame Umgang mit uns selbst beinhaltet die bewusste Bejahung all dessen, was unser Inneres uns zeigt, Körperwahrnehmungen, Empfindungen, Gefühle, Gedanken. Wenn sich alte Muster und früh geprägte Überlebensstrategien einmischen, wird diese unmittelbare Beziehung zu uns selbst und zum Fließen des Lebens durch uns unterbrochen. Wir können aber immer wieder gegensteuern, indem wir uns bewusst machen, was jetzt, in diesem Moment, in uns abläuft. Wir brauchen nur unsere Aufmerksamkeit auf unsere Atmung lenken, und schon sind wir mit uns in einer umfassenden Weise verbunden.

Der nächste Kurs in Achtsamkeit, den ich anleite, läuft vom 17. September bis 12. November 2018 (jeden Montag mit Ausnahme 29. Oktober), jeweils 19:00 - 20:30 in der Cervantesgasse 5/5, 1140 Wien.

Zum Weiterlesen:
Sag Ja zum Moment

Das Ja zum Selbst
Unterschiede im inneren Wachstum

Freitag, 29. Dezember 2017

Das Ja zum Selbst

Psychologen behaupten gerne: Was immer wir
an der Welt (den Gegebenheiten, den anderen Menschen) nicht akzeptieren können, hat mit etwas zu tun, was wir an uns selber nicht akzeptieren können. Anders ausgedrückt: Wenn wir die Welt, so wie sie ist, ablehnen, lehnen wir uns selbst ab. Diese Gleichung muss keine absolute Wahrheit sein, aber wir können sie als heuristische Hypothese verwenden, also als eine Annahme, die uns zu Erkenntnisgewinnen verhelfen kann. 

Die Welt an sich ist bekanntlich weder gut noch böse, es ist unsere Interpretation, die sie dazu macht. Wir färben die Welt nach unseren Vorlieben und Abneigungen und den daraus geformten Filtern und Mustern, die sich in sehr früh einsetzenden Lernprozessen gebildet haben und sich durch jede Erfahrung laufend weiterentwickeln. Diese erworbenen Voreingenommenheiten werden aktiviert, wenn wir ablehnen, was sich in unserem Leben gerade abspielt. Durch die Übung des kategorialen Akzeptierens, wie sie im vorigen Artikel beschrieben wurde, können wir auf solche Lernprozesse Einfluss nehmen und den Spielraum des Akzeptierens erweitern und mehr an innerer Freiheit gewinnen.


Nichts Menschliches ist uns fremd


Wir kennen alle Aspekte des Menschlichen, manche mehr, manche weniger. Wir tragen die Liebende in uns und die Hassende, den Mörder und das Opfer, den Friedfertigen und den Kämpfer, das Schnelle und das Langsame usw.

Erziehung besteht oft in einer Serie von Bewertungen mit Stärken/Schwächen-Analyse: Das hast du gut gemacht, das könnte noch besser sein, dass solltest du nie mehr wieder tun. Der emotionale Ton dieser Rückmeldungen, die ein Kind im Lauf seines Aufwachsens bekommt, bewirkt die Stärke der Einprägung. Je stärker die gefühlsmäßige Ladung in die Nähe zur Drohung eines Liebesentzugs oder Beziehungsabbruches neigt, desto mächtiger ist der Einfluss auf die Schwächung der Selbstakzeptanz. Dazu kommt, dass sich die Drohung nicht nur auf Verhaltensweisen, sondern auf die Person bezieht, zumindest nehmen es Kinder so wahr, wenn der Unterschied nicht deutlich gemacht wird. Auf diese Weise lernt das Kind, bestimmte Aspekte seines Selbst zu unterdrücken: Was die Bindungssicherheit mit den Bezugspersonen gefährdet, muss unterlassen werden und im Rahmen des Gefühls- und Verhaltensrepertoires auf die Negativseite verbucht werden.  Es erhält Etikette wie „schlecht“, „böse“, negativ“, „lieblos“ usw. Der Bereich der Selbstakzeptanz wird um all diese Inhalte verringert.

Von außen wird schnell klar, dass Eltern dort mit Drohungen arbeiten, wo sie sich selbst bedroht fühlen: Sie kommen mit Gefühlen ihrer Kinder nicht klar, weil sie diese an unverarbeitete eigene Kindheitstraumen erinnern oder haben die Angst, dass die Kinder die gesellschaftlichen Erwartungen nicht erfüllen können, wenn sie nicht einer bestimmten Form der Erziehung, die mit Drohungen arbeitet, unterzogen werden. Doch das Kind kann nicht durchschauen, dass Eltern in ihrem Selbstbezug gestört sind, sondern sucht die Ursache des Abgelehntwerdens in sich selbst. Der Liebesentzug als Erziehungsmittel beinhaltet eine kategoriale Ablehnung, und folglich muss sich das Kind in seiner Existenz in Frage gestellt fühlen. Sein Selbstsein wird nur unter bestimmten Bedingungen akzeptiert, und auf dieser schmalen und unsicheren Basis kann das Kind nicht lernen sich selbst zu akzeptieren. Was es erlernt, ist die bedingte Akzeptanz: Wenn ich so oder so bin (sprich: mich verhalte), bin ich akzeptiert und werde ich geliebt, sonst nicht. 

Diese bedingte Akzeptanz wird zugleich zur bedingten Selbstannahme. Das Kind teilt sein Inneres in gute und in böse oder schlechte Teile auf, die guten sucht es zu stärken und die schlechten durch Abwertung zu unterbinden. Auch die neutralen, von den Eltern nicht bewerteten Aspekte der eigenen Persönlichkeit können den Selbstwert nicht stärken; Menschen sind manchmal irritiert, dass sie von anderen für Eigenschaften oder Fähigkeiten geschätzt und bewundert werden, von denen sie annehmen, dass es sich nur um Selbstverständlichkeiten handelt. Manche Eltern vermitteln offenbar ihren Kindern die Einstellung, dass es nur zwei Kategorien kindlichen Verhaltens gibt: Solches, das schlecht ist und solches, das selbstverständlich ist und keiner besonderen positiven Erwähnung bedarf. 

Die Selbstakzeptanz entwickelt sich in dem Maß und in der Qualität, wie sie als Akzeptanz von außen vermittelt wurde. Positive Annahme durch die Eltern macht es Kindern leicht, sich selbst anzunehmen; vorherrschende kritische und ablehnende Eltern erziehen Kinder zu geringer Selbstakzeptanz. Der Grad an Selbstakzeptanz, den später dann die erwachsene Person aufweist, ist ein Spiegel des erlittenen Kindheitsschicksals. 

Im nächsten Schritt werden die erlittenen Mängel und Liebesbedrohungen auf die Umgebung projiziert und spiegeln sich von dort zurück in all den Aspekten, die an ihr nicht akzeptiert werden können. Die Welt ist schlecht, weil mir beigebracht wurde, dass meine Innenwelt schlecht ist. Im Außen wird bekämpft, was im Inneren verboten ist. Zum Beispiel werden bestimmte, der Norm nicht entsprechende sexuelle Verhaltensweisen aggressiv abgelehnt, die im eigenen Inneren nicht sein dürfen. Oder es werden auf schwache Randgruppen Bedrohungen projiziert, die ihre Wurzeln in der liebesarmen Kindheit haben.


Der Spiegel im Spiegel


Was wir am wenigsten an uns selbst akzeptieren können, zeigt die Lücken und Löcher auf, die die emotionalen Mangelerfahrungen unserer Kindheit in unserem Selbstbild hinterlassen haben. Deshalb machen wir die Welt dafür verantwortlich und trennen uns von ihr durch das Nicht-Akzeptieren. Diejenigen Elemente der Außenwelt, die uns aus unserer Mitte werfen und unsere Lebenszufriedenheit schmälern, sollen verschwinden. Sie sind schuld an unserer Misere.

Wir haben es also mit einer verdoppelten Spiegelung zu tun, einem Spiegel im Spiegel: die Wirklichkeit spiegelt uns unsere unbewussten Lücken der Selbstakzeptanz. Diese Schwächen spiegeln die Mängel wieder, die wir in der Kindheit erlitten haben. In dieser Doppelspiegelung verzerrt sich unser Bezug zur Wirklichkeit zweifach. Wir haben eine Illusion und eine Illusion der Illusion aufgebaut. 

Die doppelte Absicherung der Wirklichkeitsverzerrung macht es besonders schwierig, sie zu durchschauen und zu korrigieren. Die Abwehrstrategien unseres Verstands sind zu ihrer Verteidigung aufgestellt, bereit, sofort aktiv zu werden, sobald etwas um uns herum unser enges Konzept der Selbstakzeptanz bedroht.

Unschwer können wir erkennen, dass Demagogen, Populisten und Prediger diese Mechanismen ausnutzen. Sie nutzen die inneren Bedrohungsszenarien ihrer Anhänger für ihre eigenen Zwecke aus und können sich auf die Doppelsicherung der inneren Abwehr verlassen. Sobald jemand die Sprache der eigenen Ängste spricht, bekommt er das ungeprüfte Vertrauen.


Der Weg zur Selbstakzeptanz


Die Entwirrung ist nicht einfach und bedarf der inneren Arbeit. Sie geht den entgegengesetzten Weg: Was uns an der Wirklichkeit stört, sodass wir es nicht akzeptieren können, verweist auf eine Schwäche im Selbstbezug, und diese hat ihre Wurzel im Mangelerleben während der eigenen Kindheit. Übernehmen wir die Verantwortung für unser Schicksal und beginnen, uns mit unseren Mängeln zu akzeptieren, steigt auch unsere Bereitschaft und Fähigkeit, konstruktiv mit den Schwächen unseres Wirklichkeitsbezugs umzugehen, sodass wir schneller akzeptieren können, was ist, und zur aktiven Änderung schreiten können, wenn etwas geändert werden kann oder uns mit dem abzufinden, was zu verändern nicht in unserer Macht liegt, getreu dem berühmten Gelassenheitsgebet: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ (Reinhold Niebuhr)

Jeder von uns ist ein einzigartiges Ensemble an Stärken und Schwächen – aus Dingen, die uns leichtfallen und die wir gut zuwege bringen, und Dingen, mit denen wir uns schwer tun und mit denen wir kämpfen. Gerade diese Mischung macht uns zu dem, was wir sind. Es hilft nichts, wenn wir uns wegen unserer Schwächen selbst geißeln. Es hilft auch nicht, wenn wir uns mit unseren Stärken brüsten und unsere Schwächen verstecken. Wir kommen nur weiter, wenn wir bereit sind, uns selber mit unseren Schwächen zu akzeptieren, also uns in unserer Unvollkommenheit anzunehmen. Das ist der Hintergrund, vor dem wir an unserer Entwicklung arbeiten können: Schwächen zu verbessern und Stärken auszubauen. Zur Selbstakzeptanz gehört, dass wir uns in unseren eigenen Formen des Lernens und Entwickelns annehmen, statt uns blind mit anderen zu vergleichen oder deren Strategien zu übernehmen. Wir brauchen uns selbst nicht wegen unserer Schwächen abzuwerten, da wir wissen, dass wir lern- und entwicklungsfähig sind und nie so bleiben können, wie wir gerade sind und dass gerade unsere Schwächen einen starken Anreiz zum Verändern bieten.

Wir sind in unserer Einzigartigkeit wunderbare Projekte im Werden. Wir wissen nicht einmal, wohin uns unsere innere Evolution führen wird und vor welche Herausforderungen unsere Fähigkeit zur Selbstakzeptanz noch gestellt sein wird. Krankheiten, Unfälle, Alterungsprozesse, Todesfälle, Katastrophen aller Art: Können wir das Leben akzeptieren, wenn es sich nicht von seiner Schokoladenseite zeigt? Und können wir und uns selbst akzeptieren, wenn wir folgenschwere Fehler machen, an uns selbst scheitern, körperlich oder geistig nicht mehr mithalten können? Hier liegen die Wachstumschancen, die uns das Leben anbietet, um unsere Akzeptanz, unsere Selbstannahme zu vertiefen. Was auch immer das Leben mit uns vorhat, je stabiler wir die Selbstakzeptanz in uns verankern können, desto leichter werden wir trotz aller unvorhersehbarer Strömungen und Windverhältnissen auf unserem inneren Kurs bleiben können.

Es gibt dazu sogar eine noch weisere Stimme, die dir zuflüstert: Welchen Kurs du auch immer durch dein Leben segelst – es ist immer dein Weg, an dem alles seine Stimmigkeit hat: die Art und Weise, wie du dein Selbst akzeptierst oder verleugnest, die Art und Weise, wie du die Welt akzeptierst oder ablehnst, die Art und Weise deines Lernens und Wachsens sind genauso, wie sie sind, von der tiefsten Kraft des Lebens akzeptiert. Du brauchst dich ihr nur anzuschließen und hinzugeben: Im bedingungslosen Ja zu dir selbst.

Zum Weiterlesen: 
Sag Ja zum Moment
Unterschiede im inneren Wachstum

Mittwoch, 10. August 2016

Schwächen sind menschlich und machen menschlich

Wir alle haben unsere Schwächen. Im Körper kann es da oder dort zwacken, da und dort chronisch verspannt sein, und irgendein Bereich reagiert als erster, wenn das innere Ungleichgewicht zu groß wird. Im Verhalten haben wir unsere Unbeständigkeiten, Impulsivitäten oder Abhängigkeiten. Unsere Persönlichkeit hat sich auf einigen Ebenen gut entwickelt, und andere sind zurückgeblieben. Und auf der spirituellen Suche sind wir noch immer nicht am Ziel angelangt.

Ich bin auf diesen Seiten schon mehrfach auf die Falle des Perfektionismus eingegangen: Eine Idee, die wir uns in unserem Kopf zusammenspinnen, wird zum Maßstab unserer selbst und zum Anlass für beständige Selbstabwertung und Selbstkritik. Es ist nur unser Verstand, der uns fortwährend herausfordern will, dass wir an uns arbeiten, an unserer Gesundheit, Fitness, Gelenkigkeit, Bildung, an unserem inneren Wachstum und unserer Menschlichkeit. Wir müssen ein besseres Exemplar unserer selbst werden.

Das ist nicht grundsätzlich verkehrt, weil wir alle Projekte im Werden sind, weil wir uns beständig weiter entwickeln und an Kompetenzen und Wissen expandieren. Das geschieht immer wieder von selber, indem uns unsere Interessen zum Erforschen motivieren: neue Menschen kennenzulernen, neue Methoden zu lernen, neues Wissen zu erwerben usw. Wir haben jedoch Gewohnheiten, die diesem innewohnenden Wissensdrang entgegenwirken, wie z.B. Bequemlichkeiten, Ängstlichkeiten, Engstirnigkeiten usw. Da ist unsere bewusste Gegensteuerung erforderlich: Wir müssen selber aktiv werden, sonst bestimmen unsere Muster dieses unser Leben, und wir kommen darin nur als Statisten vor. Unsere Ängste und nicht unsere Ideen und Interessen sind die treibenden Kräfte im fremdbestimmten Leben.

Eine dieser angstgetriebenen Gewohnheiten ist die Selbstabwertung, die sich des Konzepts der Perfektion bedient. Wir dürfen nicht an sie glauben, wir dürfen ihr keine Kraft geben, sondern müssen sie aktiv eindämmen und einrahmen, bis sie ihre Macht verloren hat.

Zur Reduktion unserer Selbstanfeindungen können wir paradoxerweise unsere Schwächen nutzen. Wenn wir uns achtsam und bewusst mit ihnen auseinandersetzen, wenn wir sie liebevoll erziehen, können sie uns darauf aufmerksam machen, dass wir, wie alle anderen Menschen auch, nicht vollkommen sind und nie vollkommen sein werden. Wir können noch so emsig an der Beseitigung unserer Schwächen arbeiten, und werden doch immer wieder auf alte und neue treffen. Unser Lernen und Wachsen und unsere innere Entwicklung enden erst mit unserem Tod. 

Die Erkenntnis der Unvollkommenheit und Mangelhaftigkeit kann uns befreien, wenn wir uns vom überzogenen Anspruch lösen, wir müssten diese Begrenztheiten jemals völlig überwinden können. Wir sind deshalb nie besser als andere, wir haben nur andere Behinderungen und Beschränkungen als sie.  

Mit dieser Befreiung von irrealen Ansprüchen können wir nicht nur reale Ziele im Leben setzen und erreichen, wir erwerben darüber hinaus mehr von Qualitäten wie Menschlichkeit und Mitgefühl: Wir sehen die Schwächen unserer Mitmenschen nicht mehr als Bosheiten oder Dummheiten, sondern mit der Milde, die aus der Einsicht in die eigenen Schwächen kommt. Im Grunde sind wir alle gleich, wir unterscheiden uns nur in der Art unserer Unvollkommenheit wie sich die Blumen auf der Wiese durch die Anzahl und Form ihrer Blütenblätter unterscheiden.

Wir erwerben auch ein rechtes Verhältnis zur Bescheidenheit, wenn wir uns in unseren Schwächen annehmen: Selbstüberschätzung und Selbstabwertung sind zwei Seiten der einen Medaille, die uns von der Idee der Perfektion vorgegaukelt wird. Wissen wir um unsere Fehleranfälligkeit, unsere körperlichen und seelischen Schwachstellen, können wir auf übermäßigen Stolz ebenso verzichten wie auf übertriebenes Sich-Kleinmachen. Wir hören auf, uns vergleichend an anderen zu messen und können uns selbst immer besser akzeptieren, wie wir sind.

Wir lernen auf ein stressfreies Wachsen zu vertrauen, das von selber passiert und dem wir nur die Hindernisse aus dem Weg schaffen müssen. Das Leben fließt von sich aus in eine Richtung der Vertiefung, Erweiterung und Bereicherung. Je mehr wir uns in das Vertrauen hinein entspannen können, desto mehr werden wir von den Früchten ernten können, gleich ob wir viele oder wenige, große oder kleine Schwächen haben.

Donnerstag, 30. Mai 2013

Perfektion und Perfektionismus

Perfektion bedeutet, dass etwas so vollkommen ist, dass es daran nichts mehr zu verändern gibt. Es ist gefertigt, also fertig gemacht, zu Ende gebracht, sodass nichts mehr zu tun ist. Alles weitere Tun würde dieser Vollkommenheit wiederum abträglich sein.

Perfektion ist eine Idee, die wir uns bilden, eine Idee, die für ein Ideal steht. Ein Ideal ist etwas, wonach wir streben, ohne es je zu erreichen, wie ein Ort, an den wir unbedingt gelangen wollen, aber, auch wenn er in Sichtweite ist, dennoch nie erreichen. Denn, sobald erreicht, verschwindet das Ideal und ein neues tut sich auf.

Perfektion gibt es also nicht in der Wirklichkeit, ebenso wenig wie das Ideale, das den Gegensatz zum Realen bildet. Nur wir Menschen kommen auf den Gedanken, dass etwas nicht vollkommen ist und deshalb erst vollkommen gemacht werden müsste. Die Natur benötigt dieses Konzept offensichtlich nicht. Zumindest können wir in ihr nichts Perfektes, aber auch nichts Imperfektes finden. Bäume wachsen ähnlich und unterschiedlich, manche gefallen uns besser und andere weniger, aber könnten wir wirklich sagen, dass dieser hier der vollkommene Ahornbaum ist? Vielleicht finden wir eine Rose besonders schön, aber haben wir je die vollkommene Rose gesehen?

Jedes Naturwesen entwickelt sich gemäß dem ihm innewohnenden Programm, in Abstimmung mit den äußeren Umständen, den Hindernissen und Ressourcen, die vorhanden sind. Ein Entwicklungszyklus kann lange dauern, z.B. eine Löwin, die in freier Wildbahn zwanzig oder im Zoo dreißig Jahre alt wird und dann stirbt, oder kürzer, wie ein Eisbär, der mangels Nahrung schon nach zwei Jahren verendet. Auch hier ergibt der Begriff der Perfektion keinen Sinn.

Also ist stammt Idee der Perfektion aus den Überschüssen, die unser Großhirn durch seine reiche Ausstattung mit frei gestaltbaren Bereichen produzieren kann. Es kann zu jedem wahrnehmbaren Zustand einen besseren fantasieren. Die Blüte könnte noch größer, der Apfel noch runder sein, der Sonnenuntergang noch prächtiger und der Himmel noch blauer.

Leiden am Perfektionismus


Die Idee der Vollkommenheit kann uns zum Problem werden, wenn wir sie auf uns selber anwenden. Das nennen wir dann Perfektionismus. Die Vorstellung, vollkommen sein zu müssen, und die Erkenntnis, es nicht zu sein, schaffen eine Spannung, die unerträglich werden kann und damit krank macht, also die betroffene Person noch weiter von der Vollkommenheit entfernt.

Die Psychologie unterscheidet zwei Formen des Perfektionismus:
1.    Perfektionistisches Streben: Damit sind die Eigenschaften, hohe persönliche Ziele mit einem ausgeprägten Maß an Organisiertheit anzustreben.
2.    Perfektionistische Besorgnis: Hier sind Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit, hohe Erwartungen an Fehlerlosigkeit und auch die Angst vor Bewertungen gemeint.
Kommt beides zusammen, lähmt sich der Mensch selber. Er will alles in höchster Qualität verwirklichen und zweifelt gleichzeitig daran, es jemals zu schaffen. Bei jedem Fehler und bei jedem Versagen macht er sich selber fertig. Es entsteht ein Teufelskreis aus Selbstanklagen, die wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit so weit untergraben, dass Fehlschläge und Misserfolge unausweichlich werden.

Dahinter stecken Ablehnungen in unserem Sosein, die wir im Lauf unserer Entwicklung erlitten haben. Je früher, desto tiefer sitzt die Abwertung, weil wir über keine Filter, keine anderen Kontexte und keine Vergleiche verfügen. Ablehnende Botschaften gehen direkt in die tieferen Schichten unseres Bewusstseins und Unterbewusstseins und geben uns das Gefühl der Unvollkommenheit. Wir wundern uns dann nicht, wenn wir ähnlich lautende Botschaften in der Erziehung, Schule und im beruflichen Umfeld hören, die uns klarmachen, wie viel uns zur Perfektion fehlt.

Die Kultur ist durchtränkt von diesem Muster, so als wollte sie sich damit noch zusätzlich von der Natur unterscheiden. Wir wollen nicht einfach nur sein, wir wollen besser sein. Wir müssen mehr aus uns machen, wir müssen uns strebend bemühen, sonst gibt’s keine Erlösung. Leider gibt es niemanden, der uns zuverlässig mitteilen kann, wann wir uns genug bemüht haben. Also steht es uns nicht zu, uns irgendwann zur Ruhe zu setzen, denn wir haben immer noch zu wenig aus uns gemacht und sind noch immer nicht bei der Vollkommenheit angelangt.

So wird der Perfektionismus ein mächtiges Instrument der Selbstsabotage. Der Mechanismus wird uns eingebaut, und wir füttern ihn fleißig, und so wird er größer und größer. Wir können ihn auf einen Bereich beschränken, was z.B. unsere Arbeit anbetrifft, oder wir erweitern ihn auch auf andere Aspekte unseres Lebens, auf die Pflege der Zimmerpflanzen und der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Er ist der Versuch einer Selbstrettung, mit der wir uns wie Münchhausen aus dem Sumpf ziehen möchten. Er ist dysfunktional, weil er ein zusätzliches Hindernis aufbaut, dorthin zu gelangen, wo wir hinwollen. Er erzeugt eine innere Anspannung, die unsere Kräfte lähmt und unsere Kreativität versiegen lässt. So geraten wir in das Paradoxon, dass wir, je perfekter wir werden wollen, desto unvollkommener werden. Je näher wir uns an das Ideal heranmühen, desto weiter entfernt es sich von uns. Wir rennen einer Karotte nach, die vor unserer Nase baumelt, und wir wissen, dass wir sie nie erwischen werden, aber etwas in uns sagt, dass wir trotzdem weiter dranbleiben müssen, koste es, was es wolle.

Unter dem Stress, den uns der Druck des Perfektionismus macht, neigen wir dazu, auf die alten, immer gleichen starren Muster zurückzugreifen. Wir scheuen uns vor Experimenten, vor jedem Neuen, und behindern dadurch das, was aus unserem Inneren nach außen will. Was lassen wir da schon durch die Schranke unserer Selbstabwertungen durch? Wo geben wir dann noch unserer Kreativität eine Chance? „Ich kann ja nicht (oder nicht gut genug) singen, ich kann ja nicht malen, nicht tanzen oder Gedichte schreiben.“ Also halte ich lieber meinen Mund und riskiere keine Blamage, indem ich all die Ideen in mir begrabe.

Das Hirngespinst des Perfektionismus


Und doch ist unser Perfektionismus bloß auf eine Idee gegründet, die wir in unserem Kopf gebildet und genährt haben. Wenn es uns gelingt, diese Idee als Hirngespinst zu durchschauen, können wir sie hinter uns zu lassen. Dann stehen wir uns selbst nicht mehr im Weg. Vielmehr kann sich das Leben von selber entfalten, und wir wirken dabei mit unseren Fähigkeiten und Energien mit. Wo ein Stück der Anspannung, die uns der Perfektionismus auferlegt, abfällt, entsteht ein Freiraum für die Selbst-Entfaltung unserer Schaffenskraft, unserer Kreativität. Wenn wir loslassen, steigen die Ideen von selbst in diesem Raum auf. Wir brauchen uns nur dem Fluss des Lebens und seinem Wachsenwollen anzuvertrauen.

Wachstum geschieht aus sich heraus. Leben ist Veränderung, und bewusste Veränderung zielt auf Verbesserung. Was wir dazu beitragen können, ist vor allem, dass wir die hinderlichen Muster, die wir als Überlebensstrategien aus unserer frühen Kindheit mit uns schleppen, in unser Bewusstsein holen und uns dann ihrer entledigen. Dann finden wir zurück zu einem ganz ursprünglichen Wissen über uns selbst: Dass wir gut so sind, wie wir sind und dass wir uns gut in eine Richtung weiter entwickeln, die für uns und für die Welt gut ist.

Anmerkung zu den Worten


Im lateinischen Wort perfectio steckt das Tun, es liegt also eine Betonung auf der Aktivität, allerdings einer schon abgeschlossenen; im Deutschen enthält das Wort Vollkommenheit das Kommen: etwas Volles ist gekommen oder soll kommen. Damit wird weniger auf das Handeln, sondern eher auf das Zulassen verwiesen. Die Vollkommenheit ist nicht herzustellen, sie wird uns irgendwann einmal oder jetzt gerade, in diesem Moment, erreichen. Und dann ist das Leben voll.


Vgl. Das Drama des Perfektionisten