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Freitag, 26. Juni 2026

Das Ich zwischen Freiheitsinstanz und Dekonstruktion

Das Ich in der Philosophie

Man kann sagen, dass die neuzeitliche Philosophie mit der Proklamation des Ichs als neuem Zentrum der Erkenntnis, um das sich alles dreht, beginnt. Im Mittelalter galt Gott als Orientierungspunkt und Maßstab jeder menschlichen Bemühung und Einsicht, während der Philosophie eine untergeordnete Position als Magd der Theologie zugeordnet war. Mit der Erhebung des Ichs zum Angelpunkt des Denkens konnte sich die Philosophie aus der Macht der Religionen emanzipieren. Fortan geriet die Theologie in die Defensive, während das Projekt der Aufklärung voranschritt und begann, die Theorie und Praxis der Religionen einer kritischen Prüfung zu unterziehen. 

An Anfang steht die Neuentdeckung des Ichs durch René Descartes, der gegen die Relativität der Wissenschaften einen sicheren Angelpunkt finden wollte: Das Ich, das sich seiner selbst im Denken (und im Zweifeln) versichert: Ich denke, also bin ich. In seinen Meditationen zog er alles, was ihm in den Sinn kam, in Zweifel, bis nur das übrig bliebt, was zweifelt: Das denkende Ich. Diese subjektive Wendung bedeutet, dass das Ich und sein Horizont an jeder Erkenntnis beteiligt ist, oder sogar, dass es ohne dieses Ich gar keine Erkenntnis gibt.

Immanuel Kant hat in einem nächsten Schritt die radikale Wendung zum Ich als einzigen Empfangspunkt jeder Erkenntnis vollzogen. Es gibt keine Erfahrung, die vom erfahrenden Subjekt unabhängig wäre, und damit gibt es keinen Zugang zu einer Wirklichkeit außerhalb der ich-zentrierten Erfahrung. Das „Ding an sich“ ist der Erkenntnis entzogen. Kant unterscheidet zwei Formen des Ichs: Das empirische Ich ist das, was wir psychologisch unter dem Ich verstehen. Das transzendentale Ich ist das Subjekt, das die Bedingung für jede Objekterkenntnis darstellt. Johann Gottlieb Fichte hat in der Nachfolge von Kant von einem absoluten Ich gesprochen, das sich selbst setzt und der Urgrund von allem ist. Aus ihm entsteht erst nachträglich das Nicht-Ich, die Welt. Damit war der Höhepunkt der idealistischen Ich-Philosophie erreicht.

Es sei hier noch auf Ludwig Wittgenstein verwiesen, der in seinem Tractatus ein Subjekt der Erkenntnis und der Reflexion an der Grenze zwischen dem Relativen und dem Absoluten einführt: “Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt.” (5.632) Es ist klar, dass das erkennende Ich keine Tatsache sein kann, sondern eine Instanz, durch die Tatsachen erst zu Tatsachen werden und das auch nicht mit einem bestimmten Menschen in Verbindung gebracht werden kann: „Das philosophische Ich ist nicht der Mensch, nicht der menschliche Körper, oder die menschliche Seele, von der die Psychologie handelt, sondern das metaphysische Subjekt, die Grenze – nicht ein Teil der Welt.” (5.641) Es gibt also auch ein mystisches Subjekt, das die Erkenntnis grundlegt. Wittgenstein nutzt die Metapher des Sehens: Wir sehen die Welt in ihrer Vielfalt, aber nie das Auge, das all diese visuellen Eindrücke erzeugt. Wie wir ohne Augen keine visuelle Welt kennen können, können wir ohne Subjekt überhaupt keine Objekte kennen oder erkennen; doch beide, die Augen wie das Subjekt kommen nicht in der wahrnehmbaren Welt vor, sondern stellen in der Formulierung von Kant „Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt” dar. Das erkennende Ich ist an der Grenze der Welt angesiedelt, weil es das Wahrnehmungsfeld aufspannt. Es gehört zu dieser Welt und auch nicht. Es schrumpft zu einem “ausdehnungslosen Punkt” (5.64) zusammen.  

Da Wittgenstein Denken und Sprache gleichsetzt, ist das philosophische Subjekt der Ort der Sprachlogik, die der Welt und ihrer Erkenntnis zugrundliegt. Er bringt dieses Ich nicht wie Kant mit der Vernunft, sondern mit der Sprachstruktur in Verbindung. Damit tilgt er jedes persönliche Element an diesem Subjekt, weil die Sprachlogik unpersönlich ist und allgemein gilt, unabhängig von jedem Individuum.  Ähnlich wie bei Kant und Fichte bietet dieses abstrakte Ich einen Übergang in ein Jenseits zur relativen Welt, in der jedes Phänomen nur in einem Kontext auftauchen kann.

In gewisser Weise knüpfte die Existenzphilosophie an den idealistischen Ich-Begriff an. Das individuelle Ich stellt den Kernpunkt dieser Strömung dar. Ihr letzter großer Repräsentant, Jean Paul Sartre (1905 – 1980) sah das Ich als absolute Leerstelle, das nur über seine Existenz verfügt und alles andere selbst erwerben und ausformen muss. Das Ich ist das, was im aktuellen Tun jeweils erschaffen wird und sich deshalb dauernd verändert. Das Für-sich-Sein ist nichts, also ohne Inhalt, und deshalb in einem grundlegenden Sinn frei. Der Mensch entscheidet sich zu den Rollen, die er im Leben spielt, aber jede Rolle ist nicht das, was er ist. Sartres ethischer Appell besteht darin, aufrichtig zu sein, also anzuerkennen, dass wir die volle Verantwortung für unser eigenes Leben tragen und unsere Freiheit in jedem Moment leben können: „Der Mensch ist dazu verdammt, frei zu sein: Verdammt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für alles verantwortlich ist, was er tut.“ (Jean-Paul Sartre: Der Existenzialismus ist ein Humanismus. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2000, S. 153) Das Ich trägt die ganze Last der Verantwortung für das eigene Leben, es darf keine unaufrichtigen Ausreden geben. Das Ich ist deshalb gezwungen, sich dauernd neu zu erfinden. Auch die Mitmenschen fordern uns permanent dazu heraus, unsere eigene Autonomie zu behaupten, indem sie versuchen, uns durch abschätzige, bewertende oder erwartungsvolle Blicke zu einem Objekt zu machen. Das existenzielle Leben stellt deshalb fortwährend vor Herausforderungen an unseren selbstschöpferischen freien Ich-Vollzug.

Die Dekonstruktion des Ichs

Eine andere Strömung in der Philosophiegeschichte nimmt sich die Relativierung des Ichs als Zentralinstanz der Welterklärung und der Lebensgestaltung vor. Es gibt also eine Geistesbewegung, die weg von einem substanzhaften, feststehenden Ich und hin zu einem flexiblen und fließenden Modell des Selbst führt. Diese Richtung führt zu einer immer deutlicher werdenden Konvergenz von Wissenschaften, Philosophie und Mystik.

Die Dekonstruktion des Ichs beginnt mit Friedrich Nietzsche gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Er hat das Ich als Sprachgewohnheit interpretiert, das nur dadurch existiert, weil es den Sprecher bezeichnet, ohne Bezugspunkt in der Wirklichkeit. In Bezug auf Descartes meinte er: „Es denkt: aber dass dies ‚es‘ gerade jenes alte berühmte ‚Ich‘ sei, ist, milde geredet, nur eine Annahme, eine Behauptung, vor allem keine ‚unmittelbare Gewissheit‘. Zuletzt ist schon mit diesem ‚es denkt‘ zu viel getan: schon dies ‚es‘ enthält eine Interpretation des Vorgangs und gehört nicht zum Vorgange selbst.“ (Jenseits von Gut und Böse 17) 

Im Denken gibt es nur das Denken, aber keinen Denker oder kein Denkendes. „Ein Quantum Kraft ist ein eben solches Quantum Trieb, Wille, Wirken — vielmehr ist es gar nichts anderes als eben dieses Treiben, Wollen, Wirken selbst, und nur unter der Verführung der Sprache (und der in ihr versteinerten Grundirrtümer der Vernunft), welche alles Wirken als bedingt durch ein Wirkendes, durch ein ‚Subjekt‘ versteht und missversteht, kann es anders erscheinen. [...] Es gibt kein ‚Sein‘ hinter dem Tun, Wirken, Werden; ‚der Täter‘ ist zum Tun bloß hinzudichtet, — das Tun ist Alles.“ (Zur Genealogie der Moral, I, 13)

In der Nachfolge von Nietzsche hat der französische Philosoph Jacques Derrida (1930 – 2004) darauf hingewiesen, dass das Ich nur in sprachlicher Form auftritt. Die Bedeutung des Wortes „Ich“ ergibt sich aus der Bezugnahme zu anderen Wörtern. Es hat keine eigene Identität, weil es nur in Differenz zu anderen Identitäten bestimmt werden kann. Das Ich ist also immer relativ – zu anderen Ichs, zu den inneren und äußeren Erfahrungen und zur Sprache, die all das bezeichnet. Ohne dass Derrida schon  auf die Erkenntnisse der Neurowissenschaften hätte zugreifen können, hat er dem Ich einen fließenden, stets veränderlichen Charakter zugesprochen. Es gibt kein feststehendes und letztgültiges Ich. Derrida fügt noch hinzu, dass das Ich nie in sich selbst ruht, sondern dauernd von außen beeinflusst und umgestaltet wird. Alles, was wir im Ich finden können, sind Erinnerungen, Gedankenmuster und Gefühlslagen, in denen sich permanent das Innere mit dem Äußeren mischt. Es gibt nichts im Inneren, was in sich abgeschlossen wäre. (Derrida, 2006) Die Dekonstruktion des Ich, die Derrida betrieben, bereitet auf philosophischer Seite den Grund für die Auflösung des Ichs in der Mystik. Auf die illusionäre Gewissheit, die uns unser Ich-Bewusstsein vermitteln will, müssen wir verzichten, wenn wir auf dem inneren Weg weiterkommen wollen, in einem Schritt durch das Verständnis der Sprachphilosophie und der Gesellschaftswissenschaften sowie der Gehirnforschung, im anderen Schritt in der Innenschau, die uns jenseits aller Illusionen in die Leere führt.

Das Ich im sozialphilosophischen Kontext

Die Substanzhaftigkeit des Ichs wird nicht nur durch die moderne Gehirnforschung und auf andere Weise durch die Philosophie und die Mystik in Frage gestellt, sondern auch gesellschaftsbezogene Denk- und Forschungsrichtungen sägen an der Verherrlichung und Kult des Ichs. Das Ich als „Zentralgestirn“ und alleiniger Hort der Vernunft hat eine ganze Epoche und Bewusstseinsstufe ungefähr ab dem 18. Jahrhundert dominiert. In dieser Zeit kam es zum Durchbruch des personalistischen Kollektivbewusstseins, das von der Ausrichtung auf die Hochschätzung des individuellen Ichs geprägt war und damit auch der Idee der Menschenrechte zum Durchbruch verholfen hat. Es war auch die Zeit, in der das Genie entdeckt wurde – herausragende Individuen, die zum Ausdruck brachten, was in allen an Fähigkeiten und außergewöhnlichen Begabungen im Menschen steckt. 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und besonders nach den Erfahrungen der beiden Weltkriege wurde überdeutlich, dass der Kult des Ichs zugleich zu einem Kult der Schattenseiten des Ichs beigetragen hat: Politische Führer, die wegen ihrer Tatkraft und ihrem Machthunger bewundert und blind verehrt wurden, waren für die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts verantwortlich. Es setzte sich ein Verstehen durch, dass Einzelne mit ihren Erkenntnissen und Entscheidungen sowohl Gutes wie Böses bewirken können und dass deshalb jeder individuelle Akt mit dem umgebenden sozialen Kontext abgestimmt werden muss. 

Ein Vorreiter dieser Sichtweise war Karl Marx. In seinem Werk gibt es kein Ich, das von gesellschaftlichen Umständen nicht beschädigt worden wäre. In der 6. These über Feuerbach schrieb er: „Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ (Karl Marx: Thesen über Feuerbach. In: MEW, Bd. 3, S. 6) Es ist also das gesellschaftliche Sein, das das Bewusstsein bestimmt und nicht umgekehrt (Karl Marx: Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie. In: MEW, Bd. 13, S. 9). 

Der Druck der kapitalistischen Wirtschaftszwänge formt und verformt die Menschen, die unter diesen Umständen ihr Überleben sichern müssen. Sie leiden an einer Entfremdung: Die Menschen können sich nicht frei aus sich heraus entwickeln, sondern müssen sich an die Erfordernisse des Wirtschaftssystems anpassen. Dadurch widerfährt ihnen eine mehrfache Entfremdung: Vom Produkt ihrer Arbeit, das dem Kapitalisten gehört; vom Akt der Produktion, der gezwungenermaßen gemacht werden muss; vom „eigenen Gattungswesen“, also von seiner freien und kreativen Natur; von den Mitmenschen, die als Konkurrenten oder als Mittel zu wirtschaftlichen Zwecken entmenschlicht werden. Es kann im Kapitalismus nur ein mehrfach gebrochenes und deformiertes Ich geben. Der Impetus zur Überwindung des Kapitalismus und zur Aufrichtung einer kommunistischen Gesellschaftsform kommt genau aus dieser Notwendigkeit, dem Ich seine ursprüngliche Freiheit und schöpferische Entfaltung zu ermöglichen.

Der deutsche Philosoph, Soziologe und Komponist Theodor W. Adorno (1903 – 1969) verstand die Entfremdung des Menschen auf zweierlei Weise: Durch die gesellschaftlichen Bedingungen nach Marx und durch die Verwerfungen der Triebnatur nach Freud. Das Ich ist zu einer Ware und zu einem Tauschwert auf dem Arbeitsmarkt geworden und die Unterdrückung betrifft sogar die Biologie des Menschen. Die Zweckrationalität beherrscht es, indem in der kapitalistischen Ökonomie nicht nur alle Abläufe, sondern auch die Menschen selbst den Kriterien der Nützlichkeit, Messbarkeit und Verwertbarkeit unterworfen werden. Diesen Zusammenhängen entgeht niemand. Deshalb konstatierte Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ (Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt: Suhrkamp S. 43) Die Perspektive der Befreiung aus der Entfremdung liegt darin, durch Negation Widerstand zu üben: Sich den Zwängen der Gesellschaft zu verweigern. Nach Adorno repräsentiert die moderne Kunst diese Gegenposition gegen die Konsumillusionen und Glücksversprechen des Kapitalismus. Denn sie bringt eine Form der Wahrheit zum Vorschein, die nicht durch die gewinnorientierte Sinnproduktion der Wirtschaftsmechanismen verdorben und zersetzt ist. 

Der französische Soziologe und Philosoph Michel Foucault (1926 – 1984) steuerte weitere Gründe für die Entzauberung des Ichs. Er verstand es als Konstrukt der jeweiligen geschichtlichen Epoche und deren Herrschaftsinstrumenten. Das Ich werde durch die bestehenden Machtstrukturen geformt, die die jeweilige Gesellschaft im Griff haben. Es besteht in einer Sammlung von sozialen Prägungen, Erwartungen und Einschränkungen. Die Subjektwerdung verstand Foucault als Prozess der Unterwerfung unter die herrschenden Normen und Machtansprüche – das Subjekt ist ja im lateinischen Wortsinn das Unterworfene. 

In seinen späteren Schriften entfernte sich der französische Autor allerdings von der Vorstellung der rein passiven Formung der Menschen durch die Gesellschaft und erweiterte sein Menschenbild um das Element der Selbstgestaltung: „Was mich wundert, ist die Tatsache, dass in unserer Gesellschaft die Kunst zu etwas geworden ist, das sich nur auf Gegenstände bezieht und nicht auf Individuen oder auf das Leben. Dass die Kunst etwas ist, das von Experten gemacht wird und Spezialisten vorbehalten ist. Aber warum sollte nicht jeder sein Leben zu einem Kunstwerk machen können? Warum sollte die Lampe oder das Haus ein Kunstwerk sein, aber nicht mein Leben?“ (Foucault 2005, S. 275) Das Ich kehrt als bedingt aktives Element zurück.

Gesellschaftliche Prägungen sind kein Schicksal, sie können rückgängig gemacht werden, sodass die Kreativität an ihre Stelle tritt, so das späte Credo von Foucault. Damit wird dem Ich eine gewisse Freiheit zugestanden, es erhält eine Perspektive der autonomen Selbstgestaltung. Foucault näherte sich den Existenzialisten an. Der Begriff des Ichs wird aus seiner einseitigen Abhängigkeit von gesellschaftlichen Mechanismen herausgeführt und in Balance gebracht. 

Natürlich gibt es Kritik am Ansatz von Foucault: Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat z.B. angemerkt, dass es ein Ich braucht, um der Gesellschaftskritik ein Fundament zu geben. Es ist auch ein handlungsfähiges Ich notwendig, um Widerstand zu leisten. Foucault hielt universelle Begriffe wie „Freiheit“, „Wahrheit“ oder „Emanzipation“ für Erfindungen der Macht, doch dann gibt es keinen Maßstab für Kritik und keine Stoßrichtung auf die Befreiung von ungerechten Machstrukturen. Die Macht würde dann nur ewig die bestimmende Kraft hinter allem bleiben, ohne dass ein Entrinnen aus dem von ihr erzeugten Druck möglich wäre.

Aus der Perspektive der Phänomenologie wurde kritisiert, dass bei Foucault das menschliche Bewusstsein, also die subjektiv erfahrene Realität ausgeblendet bleibt und damit sein Denken keine Grundlage für das menschliche Selbstbewusstsein bietet. 

Die Ehrenrettung des Ichs erscheint trotz vieler Vorbehalte auch bei den marxistisch orientierten Philosophen noch möglich. Denn die Beschreibung einer ausweglosen Determiniertheit durch eine übermächtige Gesellschaft lässt keinen Spielraum selbst für kritisches Denken; gibt es aber die Reflexion auf die Unterdrückung, so gibt es auch eine Möglichkeit der Befreiung, die vom Ich getragen ist. So wird dieses Ich zum Träger der Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft. Nur integre und ich-starke Individuen sind in der Lage, die Fahne der Menschlichkeit hochzuhalten und 

Die Anstrengungen der kritischen Theorie nach Adorno, Habermas und anderen sowie die Arbeiten der französischen Strukturalisten und Poststrukturalisten trugen dazu bei, dass sich die Bildungssysteme in den westlichen Gesellschaften vermehrt der Förderung von autonomen Individuen widmeten. In den Schulen soll nicht nur die Wiedergabe von vorgegebenen Lehrinhalten, sondern auch das kritische Denken und die Entfaltung von individuellen Begabungen gefördert werden. Man könnte auch sagen, dass im postindustriellen Kapitalismus höherqualifizierte und kreative Individuen gebraucht werden, die mit neuen Produktideen neue Märkte erschließen können. Aber das reflektierende Denken, das für solche Tätigkeiten notwendig ist, erzeugt tendenziell Überschüsse, die nicht von der kapitalistischen Verwertung verschluckt werden, sondern sich auf die Gestaltung einer besseren Menschheit ausrichten und zur Entstehung einer wachsamen Zivilgesellschaft führen, die in den verschiedenen Belangen die soziale Gerechtigkeit, die ökologische Rücksichtnahme und einen  globalen Ausgleich fordert.

Zum Weiterlesen:
Das Ich und das Ego


Sonntag, 22. Februar 2026

Klimamärchen

Im vorigen Artikel ging es um die Schwierigkeit, packende und motivierende Geschichten zu finden, die zur Mobilisierung vereinter Kräfte für den Einsatz gegen die fortschreitende Klimazerstörung beitragen. Alle Strömungen, die diesem Engagement entgegenwirken, von Leugnern des Klimawandels über die Leute, die erst etwas tun wollen, wenn “die anderen” aktiv werden bis zu jenen, die meinen, es ohnehin alles schon zu spät, sind von Geschichten gespeist und ideologisiert, die hier im Überblick dargestellt sind. Es handelt sich um Narrative, die durch Lobbys und Interessengruppierungen jener, die von der Verzögerung und Verschleppungen von Klimaschutzmaßnahmen profitieren, verbreitet und vermarktet werden. Die Zitate stammen aus dem Buch Erzählende Affen. 

1. Die Rivalität zwischen Ökologie und Ökonomie – Wer ist David und wer ist Goliath? 

Ein von Politikern gerne strapazierter (und konstruierter) Gegensatz ist der zwischen der Wirtschaft und der Klimapolitik. Dieser Konflikt besteht nur, wenn wir kurzfristig denken, und er wird zusätzlich ideologisch aufgeheizt, indem die Folgen eines intensivierten Klimaschutzes drastisch ausgemalt werden – ein Szenario mit all den Arbeitskräften, die in der Öl-, Auto- und Fleischindustrie arbeitslos würden, wird als Drohung heraufbeschworen. Hier wird ein Mechanismus der menschlichen Psyche aktiviert, nämlich die Verlustaversion: Wir reagieren viel empfindlicher auf Verluste als auf Gewinne, offenbar weil uns Verluste bedrohen und damit unsere Angstreaktion ausgelöst wird.  

Mit der Konstruktion der Rivalität zwischen Ökologie und Ökonomie wird suggeriert, dass sich die Menschen für eins von beiden entscheiden müssten. Viele wählen deshalb die Wirtschaft, weil sie sich davon einen kurzfristigen Nutzen bzw. weniger aktuellen Schaden und möglichst keinen Verlust an Wohlstand erhoffen. Der abstrakte Nutzen irgendwann in der Zukunft verblasst dagegen, während befürchtet wird, dass Einschränkungen in der Gegenwart besonders schmerzhaft werden könnten.  

In Diskussionsveranstaltungen treffen häufig Wissenschaftler, die die Berechnungen über die Folgen der Erderwärmung vorlegen, und Vertreter der Wirtschaft, die die Folgen von Klimamaßnahmen auf einzelne Wirtschaftszweige an die Wand malen, aufeinander und finden natürlich keine Übereinstimmung; beim Publikum entsteht der Eindruck, dass es sich um zwei entgegengesetzte Meinungen handelt, von denen jede etwas für sich hat. Verzerrt wird dabei eine Situation, in der die eine Seite auf der Grundlage von Forschungen vor einer zerstörten Zukunft warnt und die andere in der Gegenwart weiterhin Gewinne machen will. Das einfache Argument, dass es in einer zerstörten Umwelt keine Wirtschaft mehr geben kann, wird als Klimahysterie abgetan. Es sind also ungleiche Partner, die miteinander verglichen werden: Auf der einen Seite Profitinteressen, die einigen zugutekommen, und auf der anderen Seite die Überlebensinteressen der Menschheit.  

In Wahrheit kann es keinen Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie geben, indem laufend Kompromisse geschlossen werden, damit zwar ein wenig Klimaschutz stattfindet, aber die Wirtschaft nicht grundlegend geändert werden muss. Denn die Krise verschlimmert sich exponentiell und steuert auf Kipppunkte zu, die mit kosmetischen Maßnahmen nicht bewältigbar sind und dazu führen können, dass ganze Zweige der Ökonomie nicht mehr funktionieren, z.B. der Tourismus in Gebieten, die vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen sind. Ein kompromisshafter Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie „wäre wie ein Auto, das aus Angst vor Extremen konsequent in der Mitte der Straße fährt.“ (S. 305) 

2. Verzicht und Verbot – mit Bezug zur Ikarus-Geschichte 

Ikarus, der Sohn von Dädalus, fliegt gegen die Sonne, obwohl ihn sein Vater gewarnt hat, und bewegt sich in seiner Überheblichkeit dem Untergang entgegen, eine Metapher für das Verhalten von weiten Teilen unserer Zivilisation und politischen Kultur angesichts der dräuenden Klimakatastrophe. 

Einerseits müsste uns klar sein, dass wir in Zukunft auf manche Annehmlichkeiten unseres Luxuslebens verzichten müssen, weil die Folgen der fortschreitenden Erderwärmung nur mit massivem Einsatz von Mitteln bewältigt werden können – Kosten, die alle mitbetreffen und die mit jedem Tag steigen, an dem zu wenig für den Klimaschutz unternommen wird. Diese realistische Einschätzung wird emotional aufgeladen und missbraucht. Maßnahmen zum Klimaschutz, die eben Kosten verursachen, die anderswo eingespart werden müssen, werden in der politischen Propaganda schnell als Einschränkung von Freiheitsrechten und unfairer Entmündigung gebrandmarkt; die Menschen sollten selbst entscheiden können, ob sie klimafreundlich leben wollen oder nicht. Wer einem vorschreiben will, wie man leben soll, wird zur Verteidigung der eigenen Autonomie abgewehrt und abgewertet. So werden Wissenschaftler, grün-orientierte Politiker und Aktivistinnen als Feinde, die den eigenen Lebensstil und Wohlstand bedrohen, dargestellt, während jene, die sich durch die Ausplünderung der natürlichen Ressourcen maßlos bereichern, vor jeder Kritik verschont bleiben und damit fleißig weiter ihre goldenen Schäfchen ins Trockene bringen können, während andere die angerichteten Schäden ausbaden müssen. Die Guten, die die Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft einmahnen, werden zu den Bösen, die ins eigene Leben und ins eigene Selbst eingreifen. Mein persönlicher Vorteil ist mir nun einmal wichtiger als eine vage Zukunft, vor der ich lieber meine Augen verschließe, um im Hier und Jetzt meine Genussmöglichkeiten zu steigern. Aus diesen egoistischen Gründen laufen die Leute Politikern nach, die ihnen versprechen, sie vor jeder Einschränkung und vor jedem Verzicht zu schützen. 

Im Namen der Bewahrung von Freiheiten, die im Grund unverdiente Privilegien sind, wird in Kauf genommen, dass die Freiheitsräume in Zukunft für die meisten Menschen viel enger werden. Die scheinbare Vernünftigkeit beim Finden von faulen Kompromissen zwischen Ökologie und Ökonomie, täuscht darüber hinweg, dass die Natur nach den Gesetzmäßigkeiten der Physik und Chemie funktioniert und sich nicht um Strategien kümmert, die sich die Menschen ausdenken, um bequem bei ihren gewohnten Lebensmustern bleiben zu können. 

3. Hedonismus und Freiheit – angelehnt an das Aschenputtel-Märchen 

Bei diesem Narrativ gehen ihre Anhänger davon aus, dass sie die privilegierte Position, die sie innehaben, verdient haben, z.B. durch Arbeit und Fleiß, und dass ihnen deshalb von dem Leben, das sie jetzt führen, nichts weggenommen werden darf. Die Ressourcen, die jeder Mensch in unseren Breiten verbraucht, stünden uns zu. Das ist eine Anmaßung von Rechten, deren Kehrseite destruktive Konsequenzen nach sich zieht, das Beharren auf der Ausbeutung der für die Menschheit lebenswichtigen Umwelt. Der Grund für die Attraktivität des Erzählmusters, persönliche Freiheiten maximal genießen zu dürfen, stammt aus der menschlichen Tendenz, “sich in Anbetracht von Untergang und Tod Erzählungen zuzuwenden, die zum Schutz des Selbstwertgefühls beitragen.” (S. 308) 

Das Sprichwort sagt: “Hochmut kommt vor dem Fall.” Sich als Held des skrupellosen Genießens aufzuspielen, während das eigene Handeln die Zerstörung weitertreibt, geht so lange gut, als es die Umwelt erträgt. Jede von Selbstsucht angetriebenen Expansion stößt früher oder später auf Grenzen, die unüberwindbar sind und zum Zusammenbruch des Überlebensmusters führen. Die bösen Stiefschwestern von Aschenputtel verlieren am Ende des Märchens ihr Augenlicht, die Strafe für ihre Verblendung aus Überheblichkeit und Mangel an Mitgefühl und Respekt für andere. 

4. Die Technologie wird uns retten – der amerikanische Traum vom Tellerwäscher, der Millionär wird 

Natürlich haben Menschen in bedrohlichen Situationen immer wieder Auswege und innovative Lösungen gefunden. Allerdings gibt es die Tendenz, diese Erfahrung als Sedativum für Forderungen nach einschneidenden Maßnahmen zu nutzen, nach dem Motto: Wir brauchen uns nicht sehr anzustrengen, um die Erderwärmung einzudämmen, denn je näher die Katastrophe rückt, desto mehr Kreativität werden wir entfalten und dann alles noch rechtzeitig bewältigen. Dass wir dabei einer optimistischen Verzerrung aufsitzen, übersehen wir leicht und gerne. Viele Politiker, die zwar den Klimawandel nicht leugnen, aber sich gegen drastische Einschnitte in die bisherigen Praktiken und Lebensweisen sträuben, nutzen diesen scheinbaren Ausweg. In der Psychologie heißt dieser Mechanismus bright-siding: Alles Negative wird mit unverwüstlichem und blindem Optimismus ausgeblendet. Er beruht auf einer Selbstüberschätzung, bzw. auf einem Glauben, dass andere die Misere schon beheben werden können, und dient damit als Entschuldigung für das eigene Nichtstun oder mangelhafte Engagement. Es wird auf wundertätige Heiler des Planeten gewartet, um die Hände im Schoß liegen lassen zu können. Währenddessen steigt kontinuierlich die Belastung des Klimas, und das Warten auf einen Herkules, der Abhilfe verschaffen könnte, ist weiterhin vergeblich. 

5. Man kann nichts ausrichten – der Gegentraum vom Millionär zum Tellerwäscher 

Das ist die Erzählung von der depressiven Resignation. Wir als einzelne können angesichts der übermächtigen großen Player nichts ausrichten und können deshalb weiterleben wie bisher. Vielleicht gibt es weitere dunkle Kräfte, die im Hintergrund die Fäden ziehen und uns in den Abgrund stürzen wollen, und wir haben keine Chance. 

Deshalb gibt es keinen Grund, Verantwortung zu übernehmen und das eigene Leben zu ändern, denn das Problem ist für uns unlösbar, und die Mächtigen können nicht beeinflusst werden. Die Klimakrise und ihre Auswirkungen übersteigen unsere Vorstellungskraft und unsere geistigen Kapazitäten. Wir fühlen uns gelähmt und verstärken diese Lähmung, indem wir uns erzählen, dass wir keine andere Perspektive haben. Vielleicht spüren wir die Wut auf die Mächtigen, verbunden mit der Ohnmacht, nichts bewirken zu können, was zum Schluss führt, dass wir so weiter leben wie bisher. 

Die Macht der Märchen 

All diese Märchen, mit denen der Schrecken einer zukünftigen Klimakatastrophe gebannt werden soll, benutzen die Erzählmuster von uralten Geschichten. Sie wurden mit reichhaltigen Propagandamitteln vor allem aus der Fossilindustrie massiv verbreitet, sodass ihre weite Verbreitung nicht weiter verwunderlich ist. Die Hartnäckigkeit, mit der Menschen trotz einer breiten Faktenlage in Bezug auf die bedrohliche Entwicklung an solchen Erzählungen festhalten, hat viel mit unbewältigten inneren Konflikten zu tun. Sie hindern daran, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen, ohne sie mit Geschichten entkräften zu wollen. Sie hindern uns auch daran, Geschichten, mit denen wir uns unserer Verantwortung entziehen können, von solchen zu unterscheiden, mit denen wir unsere Handlungsfähigkeit stärken. 

Wir müssen uns bewusst sein, dass Geschichten einen mächtigen Einfluss auf unser Unterbewusstsein und auf unsere Emotionen haben. Die Positionen in der Klimapolitik sind sehr stark von solchen Geschichten gesteuert, die wir als Gegengewicht zu den immer erdrückender werdenden wissenschaftlichen Befunden brauchen, wenn wir uns schwertun, sie in ihrer Wucht und in Hinblick auf ihre Konsequenzen zur Kenntnis zu nehmen. Denn das würde bedeuten, dass wir alles in unserer Macht Stehende in Bewegung setzen müssten, um die Katastrophe abzuwenden. Und das wäre reichlich unbequem für uns und besonders für jene, die an den Schalthebeln der Macht sitzen. 

Die Förderung der Unsicherheit zum Machtgewinn 

Unschwer zu erkennen ist bei dieser Aufzählung von Märchen, dass sie vor allem von den Parteien im rechten Bereich des politischen Spektrums verwendet werden. Es scheint diesen Politikern gelegen zu kommen, die Menschen in der diffusen Bedrohungslage durch die Klimakrise zu belassen. Die dadurch verursachten Ängste werden mit Hilfe der Märchenerzählungen scheinbar beruhigt; da aber selbst Kinder den Unterschied zwischen Fiktion und Faktizität kennen, also wissen, dass Märchen eine andere Realität haben als die konkrete aktuelle Wirklichkeit, spüren auch erwachsene Menschen die Unsicherheit, die mit all den genannten Erzählungen einhergeht. Keine der Geschichten kann vollends beruhigen. Allenfalls dienen sie dazu, die eigene Untätigkeit zu rechtfertigen. Diffus verunsicherte Menschen suchen Autoritäten, die ihnen Sicherheit versprechen. Darum ist es Parteien, die für die Wendung zu autoritären Regierungsformen eintreten, daran interessiert, dass die Menschen verunsichert bleiben und füttern sie mit Märchen, die sie vorläufig beruhigen sollen, bis dann der große Macher kommt, der alles zum Besseren wenden wird. 

Alle, denen eine lebenswerte Erde ein Anliegen ist (und das ist bei weitem die Mehrheit der Menschen), können daran mitwirken, die Ebene der narrativen Wirklichkeit mit konstruktiven Geschichten zur Eindämmung der Klimazerstörung zu besetzen und den Begriff der Vernunft von den Politikern zurückgewinnen, die uns einreden wollen, dass es vernünftige Kompromisse zwischen Ökonomie und Ökologie gäbe und dass wir blind auf die Fortschritte in den Forschungen vertrauen sollten. “Gegen diesen destruktiven Nichtangriffspakt zwischen den Antagonisten müssen wir anerzählen mit einer positiven Geschichte von gemeinsamer, friedlicher Veränderung. Erst diese protagonistisch-protestierende Haltung vieler schafft ein mobilisierendes Gefühl von politischer Betroffenheit wie Selbstwirksamkeit – nicht zuletzt, weil man sich dank ihr als Widerständler inszenieren kann. " (S. 307) 

Literatur:
Samira El Ouassil und Friedemann Karig: Erzählende Affen: Mythen, Lügen, Utopien – wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise: Narrative prägen die Welt. Berlin: Ullstein 2022

Zum Weiterlesen:

Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Die individuelle Mobilität und die Klimakrise
Eine große Mehrheit für den Klimaschutz

Samstag, 5. August 2023

Perspektivenreichtum statt Güterreichtum

Geiz und Gier

Das Anhäufen und Einverleiben von Dingen ist das Ziel der Gier. Es gibt Dinge, die wir für die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse brauchen, wie Nahrungsmittel, Kleidung, ein Dach über dem Kopf usw. Dann brauchen wir Dinge, die uns bei der Sicherung der Dinge helfen, die wir unbedingt brauchen, wie z.B. Geld. Und hier beginnt die Gier: Die Grundbedürfnisse sind bei vielen Menschen längst gesichert, aber die Unsicherheit besteht, ob das in Zukunft auch so sein wird. Also kommt der Drang, die sekundären Dinge anzuhäufen, die uns versprechen, dass es nie einen Mangel an primären Dingen gibt.

Ist die Unsicherheit einmal da und wird von der Gier gesteuert, so gibt es kein Limit nach oben, dessen Erreichung Sicherheit geben würde: Jede sekundäre Absicherung verlangt nach einer Absicherung der Absicherung usw. Die Gier will uns signalisieren, dass die einzige Garantie für Sicherheit darin liegt, bis ins Unendliche mehr und mehr materielle Güter anzuhäufen. Wir sollten uns nur mehr dafür anstrengen, sekundäre, tertiäre etc. Absicherungen für unsere Grundbedürfnisse unter Kontrolle zu bringen. Jedes Nachlassen in den Anstrengungen und im Zufluss an neuen Gütern verheißt Unsicherheit und damit die Gefährdung der Erfüllung unserer Grundbedürfnisse, eine Einsicht, deren Wurzel nur mehr im Unterbewusstsein gefunden werden kann. Denn Schicht um Schicht der Unsicherheitsbewältigung hat sich über den Kernbedürfnissen abgelagert, die längst schon in Sicherheit sind, ohne dass diese Botschaft zu Bewusstsein käme.

Die Gier wird vom Geiz unterstützt. Er sorgt dafür, dass wir von den angehäuften Dingen nichts hergeben. Er steht auch im Bann der Angst vor dem Verlust. Die Gier schaufelt neue Güter herbei und der Geiz hortet sie an sicherem Ort, muss aber immer darauf achten, dass niemand anderer an sie herankommt. Argwöhnisch und eifersüchtig wacht er darüber, dass nichts von den Schätzen wegkommt. Am besten bleiben sie geheim: Wenn niemand von ihnen weiß, ist die Gefahr gering, dass sie entwendet werden.
Die Gier saugt auf, der Geiz hält fest. Die Gier rafft, der Geiz hortet. Die Gier will anderen etwas wegnehmen, der Geiz will anderen nichts geben und sich vor deren Gier schützen. Auf die Verdauung übertragen: Die Gier führt zu Durchfall, wenn zu viel hineingeschlungen wird, der Geiz zur Verstopfung, weil jedes Hergeben mit Verunsicherung und Angst einhergeht.

Von den materiellein zu den immateriellen Gütern

Wenn es uns gelungen ist, die Dämonen der Gier und des Geizes zu bändigen, lösen wir uns von dem Zwang, Güter anzuhäufen, die uns eine scheinbare Sicherheit versprechen. Wir begeben uns zum Übergang von Quantität zu Qualität, von materiellen zu immateriellen Gütern. Hanzi Freinacht schreibt dazu: „Unsere frühere Besessenheit mit dem Ansammeln von Besitztümer und materiellem Wohlstand wird zunehmend durch eine Ansammlung von ‚erlebten Erfahrungen‘ ersetzt: Orte, an denen wir waren, Leute, die wir getroffen haben, Fähigkeiten, die wir erlernt haben, Speisen, die wir gekostet haben, Formen von Ereignissen, an denen wir teilgenommen haben, Lebensphasen, die wir überwunden haben.“ (Übers. W.E.)

Das, was im Text als das Frühere im Unterschied zum Jetzigen benannt wird, bezieht sich auf die materialistische Ebene des Bewusstseinsevolution nach meinem Modell; das Jetzige kann mit der personalistischen Stufe gleichgesetzt werden. Der nächste Schritt geht auf die systemische Stufe, die Hanzi Freinacht als metamodern bezeichnet. „Der metamoderne Geist sammelt Perspektiven; er preist sie, poliert sie, schätzt sie, bewundert sie. Das ist auch – in gewissem Sinn – eine blöde Form des Hortens. Es ist ein Horten, das von einer sanften Hand gehalten wird, mit einem ironischen Lächeln über das eigene Verhalten.“

Auf der Ebene, die ich systemisch nenne, gilt der Reichtum an Sichtweisen vor dem Hintergrund der Relativität und Diversität. Viele Perspektiven verstehen und nebeneinander bestehen lassen zu können, erfordert die Loslösung vom Rechthaben- und Belehrenwollen. Allerdings ist es nach wie vor wichtig, die Gültigkeit und Relevanz der jeweiligen Perspektiven zu berücksichtigen. Die Aussage von Frau Müller zum aktuellen Wetter nach dem Blick aus ihrem Fenster hat einen anderen Wert als die Messung einer wissenschaftlichen Wetterforschungsinstitution. Wir sammeln also Perspektiven mitsamt ihren Entstehungskontexten, sonst ist die Sammlung so wertlos wie eine Briefmarkenkollektion, in der die Marken nach Farben oder Größe sammelt sind.

Die Ästhetik des Schrumpfens, von der in einem früheren Beitrag die Rede war, bezieht sich nur auf materielle Güter, die aus den Ressourcen des Planeten hergestellt sind und diese sukzessive aufbrauchen. Immaterielle Güter öffnen einen Bereich des Reichtums, der ins Unendliche geht. Denn sie verlieren nicht an Wert, wenn sie geteilt und weitervermittelt werden, sondern erhöhen im Gesamten das, was als wertvoll erachtet wird. Es kommt also immer zu einem Wachstum bei der Verbreitung von Faktenwissen und Metawissen, das sogar exponentiell sein kann.

Vom Nutzen der vielen Perspektiven

Die Multi-Perspektivität ist deshalb so wichtig, weil sie unser Leben in verschiedener Hinsicht verbessert und erleichtert. Wenn wir in einer Situation über nur eine Möglichkeit verfügen, verlaufen wir uns schnell, weil diese Möglichkeit unter Umständen die ungünstigste oder unpassendste ist. Wir befinden uns in einer Tunnelperspektive. Mehr Möglichkeiten bedeuten, dass wir über einen weiteren Horizont verfügen und ein größeres Bild wahrnehmen können.

Die Vielzahl von Möglichkeiten erschreckt uns manchmal, wenn wir gerade nicht auf unsere Flexibilität vertrauen, sondern wenn wir unter Stress stehen und meinen, es gäbe nur einen und einzigen richtigen Weg. Wir befürchten, wir übersehen das Wahre und Wichtige, wenn wir eine Richtung wählen und uns notgedrungen eine andere damit verbauen. Entscheidungen sind immer riskant, ebenso wie jeder Verzicht auf das Festlegen. Unter Stress wollen wir jedes Risiko vermeiden und auf Nummer Sicherheit gehen, erzeugen aber gerade das Gegenteil, weil wir uns nicht die Zeit zum Abwägen verschiedener Blickpunkte geben, sondern aus alten Gewohnheiten heraus reagieren, die in den seltensten Fällen zur aktuellen Situation passen.

Freiheit in der Vielfalt

Unsere Freiheit ergreifen wir, wenn wir die Vielfalt der Perspektiven wertschätzen können, für die wir uns geöffnet haben. Sie erweitern unsere Innenwelt und geben uns mehr Zugänge zur äußeren Welt. Wir können mehr Farben in unsere Erlebenswelt bringen. Sie wird lebendiger, und wir werden lebendiger, wenn wir uns auf diese Vielfalt einlassen.

Sie eröffnet uns den Zugang zu Alternativen in der Lebensführung, z.B. was unsere Gesundheit betrifft, und sie erleichtert das soziale Leben, weil wir auf weniger Widerstände stoßen, wenn wir die Sichtweisen unserer Mitmenschen verstehen. In der Kommunikation gibt es immer verschiedene Sichtweisen, und wenn wir diese einfache Tatsache verstanden haben, fällt es uns leichter, durch die Tiefen und Untiefen der Zwischenmenschlichkeit zu surfen. Konflikte entstehen üblicherweise aus unterschiedlichen und widersprechenden Perspektiven, ohne dass die jeweils anderen verstanden werden, und sie lösen sich, wenn die Vielfalt der Perspektiven von allen Seiten wertgeschätzt werden kann.

Wir können besser mit den Herausforderungen umgehen, die uns die sich ständig verändernden Vorgänge in der Außenwelt auftischen. Jede neue Situation erfordert neue Sichtweisen, aus denen dann Formen des Herangehens gebildet werden. Mit jeder Perspektive, die wir verstanden und angenommen haben, verfügen wir über eine Handlungsmöglichkeit mehr, die wir bei Bedarf einsetzen können.

Komplexitätskompetenz

Unweigerlich wird die Welt, in der wir leben, immer komplexer. Wir können mit dieser Komplexität nur umgehen, wenn wir über möglichst viele Perspektiven verfügen. Viele Menschen schrecken vor Komplexität zurück und greifen in ihren Reaktionen auf alte Sichtweisen zurück, die oft bewirken, dass sich die erwarteten Effekte ins Gegenteil verkehren. Wenn z.B. in Hinblick auf den Klimawandel nur die Perspektive besteht, dass alles, was Wissenschaftler sagen, erlogen ist, oder dass andere ihr Leben ändern sollen und man selber schon alles Notwendige gemacht hat, wird der Klimazerstörung weitergehen und noch mehr Schäden hervorrufen.

Komplexitätsverweigerung oder Komplexitätsinkompetenz sind Haltungen, die oft bewusst gegen die Zunahme an Komplexität in Stellung gebracht werden, so als könnte man sie dadurch verhindern oder zumindest bremsen. Tatsächlich geht es dabei um Versuche, Primitivität und Naivität aufrechtzuerhalten, damit die Verhältnisse einfach und überschaubar bleiben. Doch richten sich die Verhältnisse nicht nach den Ängsten und kindlichen Bedürfnissen der Menschen, sondern bauen alles, was geschieht, einschließlich aller Formen von Widerstand, in das Weiterschreiten der Komplexität ein.

Das Wachstum an Komplexität kann also nicht durch irgendeine Form von Protest, Verweigerung oder Widerstand verhindert werden. Solange sich Menschen fortpflanzen, werden mit jedem neuen Menschenkind neue Perspektiven geboren, die die Welt komplexer machen. Der Hund kläfft und die Karawane zieht weiter. Wenn wir mit der Karawane in die Zukunft wandern wollen, brauchen wir die Offenheit für Neues und die Bereitschaft für das Risiko der Entscheidung. Statt uns in überholte Perspektiven einzumauern und maulend hinter der Entwicklung der Welt zurückzubleiben, erweitern wir unsere Freiheitsräume, indem wir neue Perspektiven erwerben und nutzen.

Samstag, 15. Oktober 2022

Tempo 80/100 und die Widerstände gegen eine Maßnahme zur Nachhaltigkeit

Eine persönliche Erfahrung vorweg: Neulich bin ich eine längere Strecke auf der Autobahn mit ungefähr 100 Stundenkilometer gefahren, fast immer auf der rechten Spur, während links die anderen Autos vorbeizischen. Es sind kaum Überholmanöver notwendig und es braucht kaum eine Aufmerksamkeit auf die Nachkommenden. Das Fahren ist subjektiv wesentlich entspannter als mit 130 km/h. Ich war länger unterwegs und dennoch erholter - ein Zugewinn an Lebensqualität.

Zunächst ein paar Zahlen und Fakten zur Thematik: 

Klimabilanz und Treibstoffersparnis

Laut österreichischem Umweltbundesamt können 460.000 Tonnen CO2-Äquivalente pro
Jahr durch ein Tempolimit 100 statt 130 vermieden werden (das entspricht einer Reduktion des Spritverbrauchs um rund 180 Millionen Liter pro Jahr und einer Ersparnis bei heutigen Spritpreisen von 360 Millionen Euro). Zum Vergleich: Wer 5.000 km mit dem Auto zurücklegt, emittiert dabei eine Tonne CO2. Mit einem Reisebus kommt man etwa 10.000 km weit. Mit dem Zug legt ein Reisender 450.000 km zurück, um auf einen CO2-Fussabdruck von 1 Tonne zu kommen. Ein Langstreckenflug und zurück verursacht 1 - 2 Tonnen CO2 pro Person. Anders formuliert: Mit einer 50-Liter Tankfüllung kommt ein Pkw mit Tempo 130 nur 714 Kilometer, mit Tempo 100 hingegen mit 925 Kilometer deutlich weiter. 

Tempo 130 km/h: 190 g CO2e / km (entspricht 7 Liter Treibstoffverbrauch pro 100km)

Tempo 100 km/h: 146 g CO2e / km (entspricht 5,4 Liter Treibstoffverbrauch pro 100km – minus 23 Prozent)

Das Tempo 100 statt Tempo 130 auf Autobahnen reduziert den Stickstoff-Ausstoß (NOx) um rund 50 Prozent, den CO2-Ausstoß um 23 Prozent sowie die Feinstaub-Emissionen (PM10 motorisch) um rund 34 Prozent.

Höhere Leistungsfähigkeit der Fahrbahnen

Bei Tempo 100 beträgt die reale Leistungsfähigkeit einer Fahrbahn rund 2.440 Kfz pro Stunde; bei Tempo 130 hingegen nur rund 2.250 Kfz. Eine höhere Leistungsfähigkeit bedeutet weniger Staus und damit weniger Fahrzeit-Verzögerungen. Zusätzlich nimmt bei niedrigerem Tempolimit die Zahl der Verkehrsunfälle ab, was wiederum die Zahl der Staus verringert. Auch wenn es paradox klingen mag: In Summe kann ein niedrigeres Tempolimit dazu führen, dass die Kfz-Lenkenden schneller ans Ziel kommen. Staus werden oft dadurch verursacht,  dass Schnellerfahrende auf der Überholspur wegen Langsamerfahrenden abbremsen müssen.

Weniger Verkehrslärm

Eine Verringerung des Tempos von 130 auf 100 km/h führt zu einer Reduktion des Verkehrslärms um drei Dezibel. Eine Reduktion um drei Dezibel wird vom menschlichen Ohr wie die Halbierung der Verkehrsmenge wahrgenommen.

Was spricht dagegen?

Manche Autofahrerklubs biegen die Zahlen ein wenig um, womit sie ihr Klientel, aber nicht die Umwelt und die Klimaentwicklung bedienen. Aber an der massiven Macht der Berechnungen lässt sich nicht rütteln, auch wenn ein paar Prozente mehr oder weniger unterm Strich stehen. Tempo 130 oder noch darüber zu fahren, ist im Hinblick auf die Umwelt ein Luxus, den sich nicht einmal in einem reichen Land die Mehrheit gönnen kann. Es ist also immer eine Minderheit, die die schmalen Vorteile genießt, während die Folgen von der Gesamtheit der Menschheit getragen werden müssen. 

Realpolitisch betrachtet, wird sich in unserem Land der Benzinbrüder und Autofetischisten an 100/130 nichts ändern, solange die Klimakatastrophen anderswo zuschlagen. Grünenfeinde fürchten schon, dass ihnen die Politik das Autofahren verbieten will. Die Sprecherin der konservativen Partei wischte entsprechende Vorschläge mit der Bemerkung vom Tisch:  „Tempo 100 auf Autobahnen bringt wenig Nutzen und sorgt nur für Ärger bei den Betroffenen.“ Die Vertreter der Rechtsparteien sprechen von „reiner Frotzelei“, während die Liberalen an die „Eigenverantwortung“ appellieren. Die Grünen wiederum sind zwar für Tempolimits, resignieren aber angesichts der breitgefächerten politischen Gegnerschaft.

Die Macht der Gewohnheit und die Ärgerbürger

Die Macht der Gewohnheit, mit der vermeintlich Rechte ersessen wurden, ist zäh und schwer zu brechen. Jede neue Regelung führt bei vielen zunächst zu Ärger, bis sie irgendwann zur Selbstverständlichkeit wird. Nach dem Ärgerpegel Politik zu machen, ist sinnlos, weil es immer Menschen geben wird, die Veränderungen nicht gutheißen, genauso wie es immer Menschen geben wird, die mit dem Status quo unzufrieden sind.

Allerdings: Keine politische Partei will die Stimmen all jener verlieren, die ein Auto haben, mit dem sie locker 130 fahren können und jede Reduktion des Tempolimits als Einschränkung ihrer Freiheit und ihrer Rechte ansehen und einen Hass auf alle Politiker entwickeln, die sich erfrechen in ihre Gewohnheiten einzugreifen. Es ist aber reine Gewohnheit, die Zeiten mit den gegenwärtigen Höchstgeschwindigkeiten zu berechnen und sich nicht vorstellen zu können, für die gleiche Strecke ein paar Minuten länger zu brauchen, also z.B. am Morgen fünf Minuten früher außer Haus zu gehen.

Es ist zwar gegenwärtig eine Entwicklung zu beobachten, dass mehr und mehr Leute die Autoverwendung angesichts der hohen Spritpreise und den anderen Preissteigerungen einschränken: 47 Prozent fahren nun spritsparender, 45 Prozent gehen häufiger zu Fuß, 30 Prozent fahren häufiger Rad. (Quelle)

Sie erkennen, dass sie kurze Wege, die den Hauptteil des Autoverkehrs darstellen, auch anders billiger zurücklegen können. Es ist aber anzunehmen, dass dieser Trend wieder verschwinden wird, sobald die Benzinpreise auf das gewohnte Niveau zurückgehen.

Einschränkung der Freiheit?

Das Hauptargument gegen Tempolimits ist die Einschränkung der Freiheit. Bekanntlich sollte die eigene Freiheit soweit reichen, bis sie auf die Freiheit von jemand anderem stößt. Augenfällig ist dieses Prinzip, wenn man jemanden anrempelt. Die Freiheitszone der anderen Person wird verletzt, und sie wird sich dagegen zur Wehr setzen. Beim Autofahren sind diese Grenzen abstrakter. Wenn wir durch eine Gegend mit dem Auto fahren, merken wir nicht, welche Menschen wie unter dem Lärm und den Abgasen leiden. Wir merken auch nicht, wie sich unser Schadstoffausstoß auf die Atmosphäre auswirkt und wie diese Auswirkungen auf das Klima zurückwirken. Wir richten Schaden an, ohne dass wir es erkennen, und nehmen deshalb naiverweise an, dass wir nur unsere Freiheitsräume ausnutzen. Wir kennen zwar die Zusammenhänge, wollen dieses Wissen aber tunlichst von unserem Verhalten abkoppeln, um keine unangenehmen Scham- und Schuldgefühle zu entwickeln. Viele wehren sich deshalb so heftig gegen neue Regelungen, die sie als Einschränkungen erleben, weil sie nicht an die Folgen ihres Verhaltens für die Menschheit und den Planeten erinnert werden wollen.

Der Appell an die „Verantwortung“

Statt zwingende Maßnahmen zu erlassen, appellieren die Politiker an die „Eigenverantwortung“ der Autofahrer. Bei solchen Statements handelt es sich um bloße Leerformeln. Natürlich nimmt jeder die Verantwortung für sein Tun auf sich, und die meisten werden es sich so einrichten, wie es für sie am angenehmsten oder am gewohntesten ist. Was soll aber der Appell an die Verantwortung, wenn die Folgen des Tuns, nämlich der verursachte Schadstoffausstoß, keinerlei Konsequenzen haben? Niemand mahnt irgendwelche Wirkungen ein, die Natur nimmt sie zur Kenntnis und ändert sich, mit unabsehbaren Folgen. Die „Verantwortungsübernahme“ geht völlig ins Leere, weil wir einfach ausblenden können, was uns nicht angenehm zu wissen ist; wir sind niemandem irgendeine Rechenschaft schuldig und es gibt niemanden, der uns zur Rechenschaft zieht. Die nachkommenden Generationen, die uns vielleicht einmal anklagen werden, sind jetzt noch nicht auf der Welt oder haben noch keine Stimme und noch kein Wahlrecht.

So beißt sich die Katze in den Schwanz. Politiker nehmen lieber auf Menschen Rücksicht, die mit ihrem Verhalten nachhaltige Schäden anrichten und bestärken sie damit in ihrem Verhalten – und überlassen ihnen dann  noch großzügig ihre Verantwortung, obwohl sie selber sich aus der Verantwortung zur nachhaltigen Gestaltung der Gesellschaft, die ihnen übertragen wurde, schleichen. 

Die sogenannten betroffenen Menschen ärgern sich schon im Vorhinein und machen diesem Ärger oft lauthals Luft, um Regelungen, die ihnen mehr Zeit im geliebten Auto verordnen, aber nachweislich erhebliche Verbesserungen in der Schadstoffbilanz nach sich ziehen, möglichst im Vorfeld schon zu verhindern. Wer laut schreit, hat meistens nicht Recht. Aber dieses Recht hat keinen Kläger und keinen Richter, und damit kann sich jede/r seine Verantwortung zurechtzimmern, wie er/sie will.


Samstag, 9. Juli 2022

Selbstdienliche Verzerrungen

Wir neigen dazu, uns in ein positives Licht zu setzen, vor allem dann, wenn andere Kritik an uns üben oder uns abwerten. Die Soziologie hat diese Neigung genauer untersucht und ist auf das eigenartige Phänomen der „selbstwertdienlichen Verzerrung (self-serving bias)“ gestoßen. Das Phänomen besteht darin, die eigenen Erfolge sich selber und die Misserfolge äußeren Ursachen zuzuschreiben. Für alles, was gut läuft, bin ich selber verantwortlich und kann mich dafür anerkennen. Für alles, was schiefläuft, mache ich die Umstände oder die anderen Menschen verantwortlich und bin damit aus dem Schneider.

Diese zweite Komponente des Verzerrungsmechanismus dient dem Schutz des Selbstwertes und der Vermeidung von Scham. Sie besteht darin, sich selbst von der Verantwortung für Fehler zu entlasten, indem sie anderen Instanzen zugeordnet wird. Damit geraten der Selbstwert und die Selbstachtung nicht in Gefahr. Wenn ich in einen Stau gerate und nicht weiterkomme, schimpfe ich auf den Verkehr und die anderen Autofahrer und komme nicht auf die Idee, mich selber zu fragen, ob ich vielleicht zu spät weggefahren bin und eventuelle Verkehrsbehinderungen nicht einberechnet habe. Wenn der Computer abstürzt, ist auf jeden Fall er schuld und nicht meine Aktionen, die zum Absturz geführt haben. Wenn ich auf einen Termin vergessen habe, ärgere ich mich über die anderen Leute, die dauernd etwas von mir wollten und mich abgelenkt haben.

Scham und Stolz


Die Verantwortung für Fehler zu übernehmen fällt uns schwer, weil das Eingeständnis von eigenen Unzulänglichkeiten mit Scham verbunden ist. Wenn wir äußere Ursachen finden, die unsere Fehlleistungen bewirken, brauchen wir uns selber nicht zu schämen und unser Selbstwertgefühl bleibt intakt. Stattdessen kehren wir die Orientierung um und beschämen andere, denen wir die Schuld geben für das, was schiefläuft.
Die andere Seite dieses psychologischen Phänomens, die selbstwertstärkende Komponente, bei der wir uns als einzige Verursacher unserer Erfolge wahrnehmen, hat mit Stolz zu tun. Der Stolz ist die psychische Kraft, die unseren Selbstwert stärkt, solange er in einem maßvollen Rahmen bleibt, also verschiedene Aspekte der Realität mit einschließt, z.B. all die Beiträge, die von außen zu den eigenen Erfolgen beitragen.
Es ist wiederum die Scham, die den überschießenden Stolz in die Schranken weist und darauf hinweist, dass alles, was wir tun, immer in einem sozialen Feld stattfindet. Es gibt immer andere Akteure, die mitwirken, dass wir erfolgreich sind und ohne die wir nicht zu den Resultaten kommen, die wir erschaffen. Die Scham erinnert uns daran, zum Feiern unserer Erfolge auch die Bescheidenheit und die Dankbarkeit einzuladen.
Auf diese Weise bleibt unser Selbstwert in Balance. Er findet die Mitte zwischen Selbstüberschätzung und Selbstabwertung und ermutigt uns zu einer angemessenen Verantwortungsübernahme und entlastet uns selbst von einer übermäßigen Verantwortung. Wir stellen uns der Realität in einem weiteren Rahmen als der, den uns unsere unbewussten Egomechanismen anbieten und der auf Ausblendungen und Verzerrungen beruht.

Die umgekehrte Dynamik


Es gibt auch Menschen, bei denen diese unbewusst ablaufende Dynamik umgekehrt verläuft. Sie sehen ihre Erfolge als vor allem von außen bewirkt und stellen ihr Licht gerne unter den Scheffel. Andererseits nehmen sie ihre Fehler ganz persönlich, ohne an äußere Verursachungen zu denken. Sie schämen sich dafür, wenn sie in einem Bereich nicht schaffen, was sie schaffen sollten, was auch zu einer depressiven Verstimmung führen kann. Ihre Erfolge nehmen sie weniger wichtig, sondern sind mehr auf Misserfolge fixiert. Damit schädigen sie ihren Selbstwert.
Andere Menschen schwanken situationsbedingt zwischen der selbstwertstärkenden und der selbstwertschwächenden Form der Realitätsverzerrung. In manchen Situationen sind sie stolz auf ihre Erfolge und schieben ihre Verantwortung für die eigenen Fehler auf andere ab. In anderen Situationen beschuldigen sie sich selbst für ihre Fehler, nachdem sie sich über die Verursachung durch andere beschwert haben.
Für diese Unterschiede sind neben Charakter und Temperament auch die Erziehungsstile in der Kindheit und die damit verbundenen Werthaltungen verantwortlich. Eltern leben durch ihre Art des Umgangs mit Erfolg und Misserfolg vor, wie solche Erfahrungen am besten verarbeitet werden. Die Kinder orientieren sich an ihren Vorbildern und übernehmen diese oder wandeln sie in ihr Gegenteil um. Wenn es um Erfolge geht, gibt es eine Bandbreite von Umgangsweisen zwischen scheinbescheidenem Kleinreden und großspuriger Protzerei. 

Ebenso breit ist die Palette bei Misserfolgen. Sie können übergangen und ignoriert, bagatellisiert oder dramatisiert werden. Häufig werden Ausreden mit Scheinursachen genutzt, um die psychischen Folgen eines Misserfolgs vor sich selbst und die sozialen Folgen bei den anderen abzuschwächen. Niemand will schlecht dastehen, weder vor sich selbst noch vor den Mitmenschen. 

Selbst die Variante, die eigenen Erfolge abzuwerten und die Misserfolge aufzubauschen, dient der Aufrechterhaltung der Selbstachtung und der sozialen Wertschätzung. Die Zügelung des Stolzes bei Erfolgen dient einem Selbstbild der Bescheidenheit, und die Selbstbeschuldigungen beim Versagen sollen Mitgefühl und Mitleid mobilisieren. Die Verzerrung der Wirklichkeit zielt also immer auf einen innerpsychischen und einen sozialen Nutzen. Unser Unterbewusstsein glaubt, dass es besser fährt, wenn es Wirklichkeitsfilter anwendet, die in anderen Zusammenhängen, also vor allem in der Kindheit ausgebildet wurden. Bessere hat es nicht zur Verfügung.

Da die Verzerrungen meist auf solchen ungeprüften Annahmen in Bezug auf die Selbstbeziehung und auf das soziale Umfeld gesteuert sind, führen sie zu selbstbestätigenden Zyklen. Die Vorannahmen erweisen sich als gültig, insofern sie sich selbst beweisen: Wenn ich mit meinen Ausreden durchkomme und Beschämungen vermeiden kann, dann ist das die einzig richtige Strategie, um mit Misserfolgen zurechtzukommen. Wenn ich mich selber für Misserfolge geißle, bekomme ich Sympathie und aufmunternde Zuwendung.

 

Wirklichkeitsverzerrung bedeutet Freiheitsverlust


Die gewohnte Strategie erzeugt Sicherheit, engt aber die Freiheit ein. Denn jeder Verlust an Wirklichkeitswahrnehmung reduziert die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Das innere Erleben unterliegt einer Selbstmanipulation und führt damit zur Selbstentfremdung.
Solche Strategien funktionieren nur, wenn sie unbewusst ablaufen und nicht reflektiert werden. Sie sind scheinbar alternativ- und konkurrenzlos in Geltung und haben ihren angestammten Platz im psychischen Notfallkoffer. Wird allerdings verständlich, dass sie eingeübte Formen der Wirklichkeitsverzerrung sind, die nicht automatisch ablaufen müssen, sondern auch geändert werden können, so ergibt sich der erste Schritt zu mehr Autonomie. Hilfreich ist zusätzlich die Erforschung der Hintergründe und Quellen solcher Reaktionsmuster, indem die dahinterstehenden Kindheitserfahrungen und übernommenen Werthaltungen durchleuchtet werden. Je mehr Bewusstheit gewonnen wird, desto mehr Freiheitsräume öffnen sich.

Dienstag, 25. Mai 2021

Autonomie und Disziplin

Die Anfänge der Autonomie

Die Autonomie ist die starke Kraft, die uns aus der Abhängigkeit und Bedürftigkeit der frühen Kindheit herausführt. Sie stützt sich auf den Willen, der mehr und mehr die Handlungsorientierung prägt: „Ich tue, was ich will“. Das ist die Umkehrung von: „Ich will, was ich tue“. Der Wille drängt sich vor das Geschehen und spontane Tun, wie es für ganz kleine Kinder charakteristisch ist. 

Diese Entwicklung wird durch die zunehmende Kontrolle möglich, die dem Kind zusehends gelingt und über den Organismus und seine Gefühle ausgeübt wird. Der Körper bewegt sich nicht einfach irgendwie, sondern die Bewegungen werden willentlich und zielgerichtet in Gang gesetzt oder beendet. Ein Kind läuft dorthin, wo es etwas Interessantes findet oder vermutet; es unterbricht einen Handlungsimpuls, weil es erlebt, dass die Eltern missbilligend reagieren, und tut etwas anderes. Oder es bewegt sich in eine bestimmte Richtung und beharrt darauf, obwohl die Eltern wollen, dass es anderswohin läuft. 

Auch die Emotionen können fortschreitend besser reguliert werden. Das Kind erlebt eine Frustration, weil ihm verboten wird, mit dem Essen zu spielen, und lenkt sich ab, indem es sich eine andere lustbetonte Aktivität sucht, statt das Gefühl der Frustration zu intensivieren. Es ärgert sich, weil es beim Spielen von den Eltern unterbrochen wird und stellt sich schneller auf eine neue Aktivität ein.

In den Unterbrechungen von geschehenden Abläufen, wie sie im ganz frühen Leben vorherrschen, meldet sich die Autonomie. Sie nimmt immer mehr Raum ein und ermöglicht dem Kind, sich zunehmend sicherer durch das eigene Leben zu bewegen. Es spürt, was es will und was es nicht will, und kann diesen Willen ausdrücken, wird verstanden und versteht auch, dass nicht jedes Wollen umgesetzt werden kann. Auf diese Weise gewinnt das Kind mehr Freiheit und Möglichkeitsspielraum.

Die Disziplin als Gegenspielerin zur Autonomie

In dieser Zeit meldet sich die Disziplin als Gegenspielerin zur Autonomie, indem sie etwas verkörpert, was von außen, von den anderen Menschen, erwartet wird. Was hergeräumt wird, soll wieder weggeräumt werden. Das Herräumen ist lustig, das Wegräumen mühsam. Das eine stammt aus der Autonomie, dem spontanen Impuls des Selbstausdrucks und der Selbstwirkung, das andere aus einem Zwang, der aufgrund der Abhängigkeit, in dem sich die Autonomie entfaltet, befolgt werden muss. Auf ein „Ich-will“ folgt ein „Ich-muss“.

 Jedes Müssen trägt eben ein „Ich-will-nicht“ im Rucksack. Disziplin heißt damit in der weiteren Entwicklung, dass der eigene Impuls zurückgestellt werden muss. Etwas soll getan werden, was nicht dem eigenen Willen entspricht und gegen das es eigentlich einen inneren Widerstand gibt. Die geforderte Disziplin wird als Beschränkung der Autonomie verstanden. Sie ist das Gummiband, das die weiterhin bestehende Abhängigkeit spüren lässt und eine innere Spannung mit der Kraft erzeugt, die in Richtung der Vermehrung der Autonomie strebt: In die Freiheit von auferlegten Disziplinen.

Das Verhältnis von Autonomie und Disziplin ändert sich mit den natürlicherweise im Lauf des Aufwachsens abnehmenden Abhängigkeitsverhältnissen. Kinder erwerben mehr und mehr Kompetenzen, die ihnen ein selbständiges Leben ermöglichen. Jede Erziehung hat den eigentlichen Sinn, sich selbst überflüssig zu machen. Die Güte der Erziehung bemisst sich an der Selbständigkeit, die sie vermitteln kann.

Disziplin im ursprünglichen Sinn von Lehre und Unterricht erübrigt sich. Die Jugend endet dort, wo es nicht mehr um Regeln, Fertigkeiten und Wissen geht, die in einem Abhängigkeitsverhältnis erworben werden müssen, um in die Erwachsenenwelt Eintritt zu bekommen. Es braucht jetzt eine neue Form der Disziplin, eine selbstauferlegte Form der Regulation. Als Erwachsener „muss man sich nichts mehr sagen lassen“, d.h. ist man nicht mehr abhängig von den Vorschriften und Normen noch von den Urteilen und Kritiken, die von außen kommen. Aber man muss sich selbst sagen, wo es lang geht.

Von der Außen- zur Innendisziplin

Und das ist gar nicht so einfach, wie es klingt, weil alle Erwachsenen Verhaltensgewohnheiten entwickelt haben, die den eigenen Werten und Zielen im Weg stehen. Sehr viele Erwachsene wissen, dass sie nicht rauchen sollten und schaffen es dennoch nicht, davon loszukommen. Viele wollen sich mehr bewegen und bleiben dann doch vor dem Fernseher kleben. Die Ernährung sollte endlich umgestellt werden, aber die Schaufenster der Konditorei sind allzu verlockend, usw. Jedes Erwachsenenleben hat seine eigene Liste von selbstverantworteten Routinehandlungen, die alle selbstschädigend wirken. 

An diesem Punkt hilft nur Disziplin, durch willentlich gefällte Entscheidungen angeleitet, um aus den Käfigen hinderlicher und schädlicher Gewohnheiten auszubrechen. Das „Ich-will“ braucht mehr Macht als die einkonditionierten Verhaltensweisen. Denn so lange ein „Ich-muss“ (…endlich abnehmen, …früher schlafen gehen, … früher aufstehen, …weniger Medien konsumieren …) vor dem Ziel steht, das angestrebt wird, bleibt die Macht beim herrschenden Muster, das Bequemlichkeit, Vertrautheit und Sicherheit verspricht. Es füttert den inneren Widerstand („eigentlich will ich ja gar nicht“), der das Ziel sabotiert und damit die eigene Hilflosigkeit zementiert.

Nur ein Wille, der mit Selbstdisziplin verbündet ist, also der Bereitschaft, nach den eigenen Entscheidungen und Entschlüssen auch zu handeln, schafft den Ausbruch aus dem Gefängnis der ungewollten Gewohnheiten und Verhaltensmuster. Ohne diese Form der selbstverantworteten Disziplin bleiben wir im kindlichen Trotz stecken, bleiben wir Sklaven von eingeprägten Verhaltensmustern, die in Widerspruch zu unseren Interessen und Werten stehen. Um auszubrechen, müssen wir den Schritt von der Außen- oder Fremddisziplin zur Innen- oder Selbstdisziplin als Teil der erwachsenen Lebenskompetenz meistern.

Die Erweiterung der Freiheit durch Disziplin

Erwachsensein heißt also auch diszipliniert sein zu können. Mit Disziplin erreichen wir höhere Grade der Freiheit, das ist ein Geheimnis, das viele nicht verstehen, weil sie erwachsene Freiheit mit dem Ausleben eines kindlichen Lustprinzips und Disziplin mit Gegängeltwerden verwechseln. 

Eine erwachsene Autonomie, die sich gegen jede Form der Disziplin stellt, ist also nur die überlebte trotzige Form der Selbstbestimmung, die sich gegen Unterordnungen zur Wehr setzt, die gar nicht mehr bestehen. Als Erwachsene entscheiden wir selbst über die Form der Disziplin, die wir auf uns selbst ausüben, aber ohne jede Disziplin können wir nicht erwachsen sein. Das bedeutet nicht, dass das ganze Leben aus den Anstrengungen, die ein diszipliniertes Handeln mit sich bringt, besteht. Vielmehr nutzen wir die Kraft der Selbstdisziplin dort, wo es um die Erreichung von Zielen und die Verwirklichung von Visionen geht, also dort, wo es um die Erweiterung von Freiheitsmöglichkeiten und Freiheitsräumen geht. Nachdem die Ziele verwirklicht wurden, kann sich dann beim Beleben dieser neu erschaffenen Räume die Disziplin wieder zurückziehen und dem freudvollen und freien Genießen, der Spontaneität und Kreativität freien Lauf lassen.

Was wir zu einem ausgeglichenen und kreativ wachsenden Leben brauchen, ist eine stimmige Balance zwischen der Disziplin und dem Genießen. Keine Seite darf überhand nehmen, sonst verfallen wir entweder in schädliche Genussgewohnheiten oder in einen disziplinierten Leistungszwang, der uns nie zur Ruhe kommen lässt. Eine gute Ausgeglichenheit zwischen diesen Polen erlaubt es, dass wir wachsen, oft mit Anstrengungen verbunden, und dass wir das Erreichte entspannt genießen: Leistung und Muße im Gleichgewicht.

Zum Weiterlesen:
Muße als Lebenskunst
Der Verlust und die Wiedergewinnung der Lebendigkeit
Helden ohne Mythos
Disziplin und Gnade
Disziplinierung und Selbstdisziplin
Das Ende des Gehorchens


Samstag, 8. Februar 2020

Über den Sinn von Leiden und Schmerzen

Die Frage, warum es Leid im menschlichen Leben gibt, ist mindestens so alt als Menschen nach dem Sinn des Lebens fragen. Seit es die Theologie gibt, steht sie vor der Frage, wie Gott es zulassen kann, dass es Menschen schlecht geht – das kann doch kein guter Gott sein, der den Menschen zuschaut, wie sie leiden, ohne aus seiner Allmacht heraus einzugreifen, und ein schlechter Gott ist ein Widerspruch in sich. 

Der Ausgangspunkt der Problematik liegt in der Gleichsetzung des Guten mit dem Schmerzfreien und Leidenslosigkeit. Ein gutes Leben muss schmerzlos und beschwerdefrei sein. Dabei verkennen wir – aus naheliegenden Gründen – die Natur des Lebens und damit des guten Lebens. Die naheliegenden Gründe liegen im Wunsch nach Schmerzfreiheit und Wohlgefühl ohne Ende. Wenn wir leiden, fühlen wir uns dagegen eben nicht gut, sondern miserabel, gepeinigt und manchmal sogar verzweifelt. Jeder will genießen und Freude empfinden und unangenehme Erfahrungen möglichst schnell überwinden. Das ist auch ein im Leben grundgelegter Antrieb, der die kreative Seite des Lebens ermöglicht. Denn nur im Zustand innerer Ausgeglichenheit und Entspanntheit können wir schöpferisch aktiv werden und anderen helfen.  

Was ist aber die Natur, die Eigenart des Lebens? Das Leben umfasst alle seine Aspekte und Dimensionen. Organismen sind fühlende Wesen, sie nehmen sich selbst und die Umgebung wahr. Jedes Fühlen ist von einem Kontinuum gekennzeichnet: Zwischen maximaler Bedrohung und maximaler Lebenssteigerung, zwischen maximalem Schmerz und maximalem Wohlgenuss. Wir verfügen über diese Empfindungsfähigkeit, um uns in der Wirklichkeit orientieren zu können, wenn wir unser Überleben sichern. Auf dieser Ebene sind wir genauso ausgestattet wie alle anderen Lebewesen. Ich nehme an, dass sie alle ihre jeweiligen Leidenszustände kennen und irgendeine Form von Schmerz erleben.  

Gäbe es kein Schmerzempfinden, wäre dieses Spektrum eingeschränkt – was auch bei Menschen, die eine spezielle Störungen im Gehirn haben, der Fall ist. Ohne körperliche Schmerzempfindung bekommen wir keine Signale über Probleme in unserem Organismus; ohne seelischen Schmerz erkennen wir nicht, wenn im Sozialsystem etwas schiefläuft. Eine völlige Schmerzbefreiung wäre lebensbedrohlich – für den Organismus und für das Sozialgefüge. 

Der Schmerz ist also ein integraler Teil unseres Welterlebens als lebendige Wesen. Selbst wenn wir ihn minimieren wollen, weil wir natürlicherweise vom Unangenehmen zum Angenehmen streben, gilt es dennoch, ihn zu achten und ihm Sinn zuzugestehen. Sonst schneiden wir vom ganzen Raum des Lebens einen wesentlichen Teil aus und nutzen ihn nur zum Jammern und Einsammeln von Mitleid. Wir Menschen sind vermutlich die einzige Spezies, die überhaupt auf die Idee kommt, die Existenz und Sinnhaftigkeit von Schmerz und Leid in Frage zu stellen. Der Rest der Natur lebt einfach mit diesen Gegebenheiten. 

Wenn wir uns da anschließen, statt eine Sonderrolle in der Natur zu beanspruchen, können wir das Leid in seiner vollen Bedeutung und Sinnhaftigkeit achten. Auf diese Weise sind wir mit dem Ganzen der Natur und des Lebens verbunden. Wir schreiben dem Leben nicht vor, wie es zu sein hat, sondern nehmen es so, wie es ist. Statt einen sinnlosen Kampf zu kämpfen, fühlen wir uns von dem Wissen getragen, dass jedes Leid, so unangenehm es nun mal ist, irgendwann sein Ende hat, wie auch jedes freudvolle Ereignis.  

Schmerzen annehmen 


Schmerzhafte Erfahrungen sind besonders heraufordernde Gelegenheiten für das Annehmen und Akzeptieren. Das heißt auch, dass sie besonders zu unserem inneren Wachsen beitragen. Je schwieriger das Annehmen, desto wertvoller ist es, wenn es uns gelingt. Wir werden unabhängiger von den Wechselfällen des Lebens, vom stimmungsmäßigen Auf und Ab, von Niederlagen und Enttäuschungen, von Verwundungen und Beleidigungen, von Unpässlichkeiten und Krankheiten. Unsere innere Stärke wächst mit jeder gelungenen Akzeptanz schwieriger Lebensumstände. 

Im Einklang mit sich und dem Lebensprozess zu sein, ist die tiefste Form des Glücks, die dem Menschen möglich ist und die von niemandem genommen werden kann. Dazu gehört es, die angenehmen und unangenehmen Erfahrungen gleichermaßen zu umarmen, wie ein gerechter Elternteil die braven und schlimmen Kinder ohne Unterschied liebt. 

Einzelne Menschen haben es geschafft, in den schlimmsten vorstellbaren Situationen bei sich zu bleiben, im Gefängnis oder im KZ, im Krankenbett oder im Sterbeprozess, und sie können uns als Vorbilder dienen, wenn wir mit Leiden und Schmerzen in unserem Leben konfrontiert werden. Wir können unsere Würde aufrechterhalten, selbst unter den entwürdigendsten und unmenschlichsten Umständen, unter Schmerzen und Leiden. Denn die Würde kann uns niemand nehmen, höchstens wir selber, wenn wir uns von der Ganzheit unseres eigenen Lebens abtrennen und uns in herausfordernden Erfahrungen selbst verleugnen. 

Die Schatten des Todes 


Der Alterungsprozess beinhaltet viele schmerzhafte Momente, die mit zunehmender körperlicher und geistiger Gebrechlichkeit immer häufiger auftreten. Es zwackt hier und zwackt dort, das Gedächtnis wird löchrig und die Marotten werden noch wunderlicher. Dazu kommt, dass das Altern selber die Akzeptanz herausfordert, weil es mit der schmerzhaften Erkenntnis verbunden ist, dass es nicht rückgängig gemacht werden kann, sondern unausweichlich voranschreitet, relativ unabhängig davon, wie wir es gerne hätten. Das Altern ist der lange Schatten des Todes, der in seiner Strenge und Unausweichlichkeit fordert, dass wir das Sterben lernen, je früher desto besser.  

Als lebende Organismus haben wir ein Ablaufdatum. Ob unser Leben länger oder kürzer als der Durchschnitt dauert, ist nur zum Teil in unserer Hand. Viele, die ein in mehrfacher Hinsicht vorbildliches Leben geführt haben, sind früh gestorben; andere mit unmäßigem oder wenig tugendhaftem Lebenswandel haben ein hohes Alter erreicht. Der Tod ist ein undurchsichtiger Gesell, der sich nicht in die Karten blicken lässt, trotz aller Versuche, das Alterungsgenom zu entschlüsseln und zu manipulieren. Er klopft unerbittlich an unsere Tür, wenn er es für angemessen hält, und gibt seine Gründe nicht preis. Er fordert einzig und allein unsere Bereitschaft zur Hingabe, in der ultimativen Form. 

In jedem Schmerz, in jeder leidvollen Erfahrung kündigt sich der Tod an, als würde er das alles schicken, damit wir uns auf das Treffen mit ihm vorbereiten können. Doch ist der Tod nicht der Meister des Lebens, sondern selbst nur ein Diener im großen Prozess des Werdens und Vergehens, bei dem wir eine Weile mitsegeln, deren Dauer uns zugemessen ist. Jede Schmerzerfahrung können wir zum Einüben in die Hingabe, d.h. in die Endlichkeit und Sterblichkeit nutzen.  

Erwartungsfreiheit 


Erwartungsfrei durchs Leben zu gehen, absichtslos mit dem Leben zu fließen, erfordert viel Grundvertrauen und innere Stabilität. Der Lohn der Vertrauensstärkung ist der hohe Grad an Freiheit und der Zugang zu einer tiefen Form des Glücks, das aus dieser Freiheit kommt. Die Erwartungsfreiheit umfasst auch den geheimnisvollen Tod und lässt ihm seine Freiheit, zu kommen, wann immer es ihm beliebt und gleich welche Form des Endes er uns zubilligt. 

Wir haben dieses Leben als Ganzes, mit seinem Anfang und seinem Ende, mit seinen Schokoladenseiten und Magenkrämpfen. Es hat uns ganz, und wir haben es entweder ganz oder gar nicht. Alles, was uns widerfährt, gehört dazu, ob es uns in den Kram passt oder nicht, ob es uns erfreut oder entsetzt. Akzeptanz gibt es nur in dieser Ganzheit. Wenn wir nur die Rosinen aus dem Lebenskuchen herauspicken, verdirbt der kostbare Rest, indem wir ihn verschmähen. Wir sind dann nicht mit der Annahme, sondern mit dem Verweigern des weniger wohlschmeckenden Teils beschäftigt, der dadurch mehr Bedeutung und Macht bekommt als die verführerischen und vergänglichen Süßigkeiten. Nehmen wir dagegen auch die sauren Kirschen aus dem breiten Angebot des Lebens zu uns, so lernen wir ihren Geschmack kennen und schätzen. Wir erweitern unser Repertoire und unsere Kraft im Umarmen und Halten.  

Das gute Leben ist ein solches, das möglichst viele Schattierungen und Spielarten umfassen und umarmen kann und nichts ausschließen und missachten muss. Das gute Leben ist bereit zum Risiko der Totalität, zur Radikalität des Akzeptierens aller Freuden und Schmerzen. Das gute Leben kann auf alle Versprechen oder Heilsverkündungen von Schmerz- und Leidensfreiheit verzichten, weil es weiß, dass alles, was da ist, alles, was entsteht und vergeht, gut ist, wenn es mit Bewusstheit durchlebt wird. 

Zum Weiterlesen:
Ein kleines Modell des Schmerzes
Von der Hilflosigkeit zur Hingabe 
Die Dimensionen der Verzweiflung

Montag, 2. Januar 2017

Die Unausweichlichkeit der offenen Gesellschaft

Die Offenheit einer Gesellschaftsform bedeutet, allgemein gesprochen, dass in ihr alle Lebensformen und Werthaltungen Platz haben. Es sind also die allgemeinen Freiheiten (freie Meinung, Rede, Religion, Weltanschauung, Bewegung, Berufswahl etc.) gewähleistet und es gilt das liberale Prinzip, dass alles erlaubt ist, was die anderen Mitglieder der Gesellschaft nicht in ihrer Freiheit einschränkt. Einfach gesagt, jeder kann so laut seine Musik spielen, wie sich niemand anderer dadurch gestört fühlt. Jeder kann seiner sexuellen Orientierung folgen, vorausgesetzt, dass niemand in seiner Integrität verletzt wird, wie z.B. durch erzwungenen Sex oder Sex mit Minderjährigen.

Die Vorteile einer offenen Gesellschaft liegen im Wesen der Evolution. Je unterschiedlicher und vielfältiger eine Gesellschaft ist, desto mehr Neues kann sie hervorbringen. Und das Neue ist an sich ein Evolutionsvorteil. Das, was es schon gibt, wird durch Neues nicht beeinträchtigt, sondern um weitere Möglichkeiten ergänzt. Jede Gesellschaft, die Neuerungen zulässt und fördert, kann besser mit Herausforderungen umgehen, die auftauchen. Sie verfügt über mehr Ressourcen und ist flexibler. 


Flüchtlingsbewegung und Offenheit


Ein Beispiel für diese Dynamik kann in der Flüchtlingsbewegung der letzten Zeit gesehen werden. Die Länder, die die meisten Flüchtlinge aufgenommen haben, weisen einen hohen Grad an Offenheit auf: Schweden, Deutschland, Österreich. 

Die Länder im östlichen Bereich der EU mit ihrer realsozialistischen Vergangenheit haben sich teilweise vehement und erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt, einen doch sehr ausgewogenen, auf ihre Wirtschaftsleistung bezogen verkleinerten Anteil an der Gesamtversorgung der Flüchtlinge und Asylwerber zu übernehmen. Die ungarische Regierung hat sogar in einer Volksabstimmung versucht, keine Flüchtlinge durch eine EU-Regelung übernehmen zu müssen. Dieses Phänomen mag (neben vielen anderen Faktoren) damit zusammenhängen, dass auch 27 Jahre nach dem Ende des Ostblock-Sozialismus das Vertrauen in die Offenheit dort noch sehr gering ausgeprägt ist. Über Jahrzehnte wurde in diesen Ländern das Prinzip vertreten, dass die Geschlossenheit einer Gesellschaft die beste Garantie für das Überleben und den Erfolg darstellt: die Geschlossenheit einer Ideologie. Jede Abweichung von der herrschenden Wertestruktur wurde deshalb bekämpft und unterbunden. 

Der Erfolg blieb allerdings aus, vielmehr war das Überleben der Gesellschaften bedroht, als es zunächst zur Öffnung der Sowjetunion (unter anderem mit dem Stichwort Glasnost, das mit Transparenz übersetzt wird) unter Gorbatschow und dann zur Auflösung des Ostblocks kam. Aber die Mentalität hält sich durch, vor allem, weil sich der wirtschaftliche und soziale Erfolg der Öffnung noch nicht klar abgebildet hat. Die Propaganda der Feindschaft gegen das Fremde und der Abneigung gegen die Fremden findet deshalb einen leichten Widerhall in diesen Ländern.

Nach dem Ende des realsozialistischen Experiments haben sich diese Länder die offenen Werte der EU übergestülpt, um möglichst rasch an den wirtschaftlichen Erfolgen teilhaben zu können. Die innere Entwicklung zur Offenheit hat, wie jetzt sichtbar wird, da noch viel nachzuholen und ist verständlicherweise noch nicht in dem Grad gefestigt wie in anderen Ländern mit weniger Brüchen in ihrer Geschichte.

Andere Länder hingegen, die schon länger von der Öffnung der Gesellschaft profitieren, haben eine offenere Einstellung gegenüber dem Fremden, das kommen will. Wieder spielen unterschiedliche Motive eine Rolle, z.B. Flucht vor Krieg und Überlebensunsicherheit, Flucht vor dem Mangel an wirtschaftlichen Perspektiven, Flucht vor Unterdrückung von Freiheitsrechten. Die starke Anziehungskraft gerade der Länder mit offenerer Einstellung zeigt eine wechselseitige Dynamik: Offene Gesellschaften "wissen", dass sie Zuzug brauchen und dass ihnen Zuzug auf Dauer evolutionäre Vorteile bringt; Emigranten "wissen", dass sie gerade in solchen Ländern gebraucht werden und Neues beitragen können. 


Grenzen der Öffnung sind Grenzen der Offenheit


Diese Dynamik darf allerdings auch die bestehenden inneren Grenzen der Offenheit nicht überfordern. Das Erstarken rechter, d.h. öffnungsfeindlicher Gruppierungen in den genannten "offenen" Ländern ist ein Ausdruck der inneren Grenzen der Offenheit, also ein Indikator für den Grad an Offenheit, der tatsächlich besteht, und nicht nur jener, der von führenden politischen Sprechern, Intellektuellen oder Kunstschaffenden vertreten und verlautbart wird. 

Die Rede vom "vollen Boot", das nicht mehr überladen werden darf, um nicht unterzugehen (ein meist unbewusst verwendeter Hinweis auf tatsächliche Erfahrungen der meisten Flüchtlinge, die über den Seeweg nach Europa gekommen sind), bezieht sich nicht auf Fakten oder Zahlen darüber, was eine Gesellschaft sozial und finanziell an Integration von Fremdem leisten kann. Es ist Ausdruck eines kollektiven Gefühls, Ausdruck diffuser Ängste, die die Kehrseite der offenen Gesellschaft darstellen. 

Das Gefühl der Überforderung, das viele Regierungen auch in den "offenen" Ländern dazu bringt, die Grenzen abzuschließen, reagiert auf diese diffusen Ängste. Angst ist das Gegengefühl zu Vertrauen und im Zweifelsfall immer mächtiger, weil die Angst immer darauf verweisen kann, wie eng sie mit dem Überlebenswissen verbündet ist. Dieses Bündnis ist aber deshalb illusionär, weil das Überlebenswissen meist veraltet ist und deshalb auf die jeweils aktuelle Realität nur sehr bedingt angewendet werden kann.

Auf dem Klavier der kollektiven diffusen Ängste spielen die genannten rechtslastigen Propagandisten, die erstaunlich wenig zukunftsfähige Ideen und statt dessen Angstparolen präsentieren und deshalb ein Mehr an Geschlossenheit einfordern: Geschlossenheit nach innen mit der Ideologie der nationalen Gemeinschaft und Geschlossenheit nach außen mit realen oder legistischen Mauern und Zäunen. Sie sprechen jene in der Gesellschaft an, denen der Wert der Offenheit nicht bewusst ist, sei es, dass sie persönlich davon zuwenig profitiert haben ("Modernisierungsverlierer", "Globalisierungsverlierer"), sei es, dass sie die bestehende Offenheit für selbstverständlich nehmen samt den positiven Auswirkungen, von denen sie profitieren, z.B. ein liberales Bildungssystem, eine freie Marktwirtschaft, Meinungsfreiheit usw. und nicht erkennen, dass diese Offenheit nur weiterbestehen kann, wenn sie wächst und dazu Neues integriert.


Die Scheinalternativen 2016


Das eben zu Ende gegangene Jahr hat uns eine scheinbare Alternative vorgeführt: Wir können zwischen Geschlossenheit und Offenheit wählen. Manche Länder wählen die Geschlossenheit (z.B. USA, UK, Polen, Ungarn, Russland ...), andere die Offenheit (z.B. Österreich mit einem Präsidenten aus der Grünbewegung, Deutschland mit einer starken politischen Mitte ...). Diese Wahlmöglichkeit ist aus meiner Sicht deshalb scheinbar, weil es keine Alternative zur Öffnung gibt, sondern nur einen Einfluss auf ihr Tempo. 

Der Blick auf die Geschichte zeigt den unaufhaltbaren Fortschritt des Prinzips Öffnung. Kleines Beispiel: Die Freiheit der Bewegung. Vor 200 Jahren war der Lebens- und Bewegungskreis fast aller Menschen auf 30 Kilometer im Umkreis beschränkt; heute kann jeder fast jeden Punkt auf der Erde erreichen, das Weltall zum Teil schon mit eingeschlossen. Alle, die mangels Geld daran nicht teilhaben können, wünschen sich diese Freiheit und werden sie nutzen, sobald es die finanziellen Mittel erlauben.

Jedes der zahlreichen Gegenbeispiele, die die Geschichte auch kennt, erweist sich als temporäres Hemmnis, als Bremsmanöver, das dann, wenn es überwunden ist, oft zu einem besonders starken Anstieg der Offenheit führt (z.B. die extreme Geschlossenheit, die der Nationalsozialismus erzwungen hat, mündete nach seinem Ende zu einer noch stärkeren Öffnung der Gesellschaft in Deutschland und Österreich und vielen anderen Ländern, die einen Höhepunkt in der sozialen Revolution in Folge der 68er Bewegung fand, ein Öffnungsschub, von dem wir im Grunde heute noch zehren).

Es bleibt auch noch abzuwarten, ob das Vereinigte Königreich nach seinem Ausscheiden aus der EU nicht eine Form der Offenheit eine andere austauscht. England ist ein Vorzeigeland für Offenheit, das sein Heil seit Jahrhunderten in der ökonomischen Expansion im Außen vollzogen hat, in deren Folge es zu einem intensiven Austausch mit dem Neuen gekommen ist. Die Rede ist ja davon, nach dem Verlust der Handelsbeziehungen zu Europa die Wirtschaftsbeziehungen zum mittel- und ostasiatischen Raum zu verstärken; die Folge kann sein, dass dann die Immigranten weniger aus Rumänien und mehr aus Malaysia oder Vietnam nach England drängen, zum Leidwesen der Brexit-Befürworter.


Austausch ist Öffnung


Diese Welt ist eine; die Menschheit ist auf den Erdball beschränkt und muss immer wieder Wege finden, um mit dem zur Verfügung stehenden Raum und den vorhandenen Ressourcen zurecht zu kommen. Das Zauberwort dafür heißt Kommunikation oder Austausch. Bei jeder Form des Austausches begegnet das Eigene dem Fremden, und es entsteht ein gemeinsames Drittes, etwas Neues, das dann die Entwicklung weiterbringt. Die Begegnung mit neuen kulturellen Elementen, wie sie dort stattfindet, wo Flüchtlinge auf Einheimische treffen, bewirkt für beide eine innere Öffnung, stärker für jene, die kommen, aber auch wichtig für jene, die schon da sind. Vorausgesetzt ist nur, dass diese Begegnungen gewaltfrei stattfindet, und wenn das sichergestellt werden kann, können sie nur für beide Seiten fruchtbringend sein.

Wir brauchen zweierlei, um mit diesen Herausforderungen gut umgehen zu können: Die Bereitschaft und das Vertrauen, uns auf Neues einzulassen und daraus neue Wege zu entwickeln, und das Verständnis für jene, die das Vertrauen nicht aufbringen können. Auch zwischen diesen Positionen muss die Kommunikation weitergehen, damit die Spaltung der Gesellschaft in einen Teil, der die Öffnung weitertreiben, und in einen anderen, der sie zurückschrauben will, vermieden wird. Wir müssen also verhindern, dass sich Parallelgesellschaften bilden, die nur intern ihre Vorurteile austauschen und bestärken. Wo die Ängste auf offene Ohren stoßen, kann Vertrauen wachsen. Wo Vertrauen wächst, öffnen sich Menschen für Neues.

Vgl. Toleranz und ihre Grenzen