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Freitag, 19. März 2021

Das Vergleichen in Beziehungen

Das zwischenmenschliche Vergleichen kennt mehrere Richtungen: Wir vergleichen uns selbst mit anderen, vergleichen andere mit uns oder vergleichen andere mit anderen. Hier geht es um die letztere Vergleichsform, vor allem bezogen auf Menschen, mit denen wir in einer Nahbeziehung stehen.

Wir neigen dazu, gerade diese Menschen mit anderen zu vergleichen. Vor allem dann, wenn wir Probleme mit diesen Personen haben, suchen wir uns Vergleichsobjekte, mit denen es leichter wäre oder die eine Eigenschaft nicht haben, die uns stört. Besonders heikel ist das Vergleichen, wenn es um Liebesbeziehungen geht. Es kann das Äußere einer fremden Person als schöner empfunden werden als das des eigenen Partners. Oder es gibt da draußen jemanden, der mehr Intelligenz, Geld, Sportlichkeit, Witz, Gelassenheit usw. hat. 

Wir spüren, dass das Vergleichen irgendwo unfair und gemein ist. Denn wir nutzen es, um die Person, um die es uns dabei geht, schlechtzumachen, abzuwerten und herabzustufen: Andere sind besser, schöner, schneller, reicher als du. Und deshalb zählst du weniger – und deshalb kann ich dich auch umso weniger liebhaben, nur wegen deiner Fehlerhaftigkeit, an der du selber schuld bist. 

Wie alle Gemeinheiten, die uns unterlaufen, fallen auch solche Vergleiche auf uns zurück. Denn die nächsten Gedanken melden sich bald: Wer sind wir denn selber, wenn wir einen Liebespartner haben, der im Vergleich zu den anderen so schlecht abschneidet? Vielleicht denken wir, wir hätten uns jemand Besseren verdient, aber wo ist diese bessere Person? Warum haben wir sie nicht schon lange gefunden? Sind wir selber so unattraktiv, dass sich nur Menschen für uns interessieren, die so mangelhaft sind? Schon landet die Last des Vergleichs bei uns selber und wir müssen uns eingestehen, wir haben genau den Menschen als Partner, den wir gerade haben – ob verdient oder unverdient, ist noch die Frage. 

Die Rolle der Scham

Beim Vergleichen spielt die Scham eine treibende Rolle. Wir leiden im Verborgenen an unserer eigenen Mangelhaftigkeit. Weil wir uns deshalb schämen, das Schamgefühl aber so unangenehm ist, projizieren wir die Mangelhaftigkeit auf die andere Person und stellen durch Vergleiche sicher, dass wir mit unserer Einschätzung richtig liegen. 

Es gibt ja tatsächlich Menschen, die in dieser oder jener Hinsicht besser sind als die Person, mit der wir zusammen sind. Aber warum müssen wir diese Leute in unseren Kopf hineindenken? Warum zaubern wir sie aus einem imaginären Hut? Was ändert sich dadurch an der Unzufriedenheit, die uns zum Vergleich angestiftet hat? Vermutlich wird sie nur noch größer.

Richtig wohl fühlen wir uns nicht bei solchen Vergleichen, weil wir insgeheim merken, dass wir damit einem Menschen unrecht tun. Wir bewerten, messen, schätzen diese Person, als wäre sie ein Artikel in einem Geschäft, den wir mit einem anderen vergleichen, um die richtige Kaufentscheidung treffen zu können. Wir behandeln die Person also nicht als Person, sondern als Ansammlung von Eigenschaften, die jeweils mit Besserem verglichen werden können. Dabei nutzen wir die Scham als Waffe: Die Herabstufung, die wir der anderen Person antun, bringt sie in eine beschämende Position. Wir sprechen ihr einen minderen Wert zu, worüber sie nur Scham empfinden kann.

Die innere Dynamik der Scham bewirkt allerdings, dass sie uns selber in Beschlag nimmt, sobald wir uns mit dem Beschämen anderer Menschen beschäftigen. Andere abzuwerten beschämt uns selber, wenn wir genau hinspüren. Jeder asoziale Impuls hat eine Schamreaktion zur Folge. Und abwertende Vergleiche sind gemeinschaftsschädigend.

Da uns solche Einsichten beschämen würden, verleugnen wir unseren eigenen Anteil. Vielmehr schützen wir uns mit der Offensichtlichkeit der Vergleichsperspektive vor dem lästigen Schamgefühl. Wir tun so, als hätten wir eine objektive Wahrheit über die andere Person entdeckt, ein Faktum, das unbestreitbar ist. Darauf gründen wir die Rechtfertigung für unser Vergleichen.

Selbstwertmangel

Wo die Scham mitwirkt, ist der Selbstwert geschwächt. Auch hier wirkt die Dynamik, dass das Vergleichen zwar die andere Person abwertet, aber dass jedem Vergleichen eine Mangelperspektive zugrunde liegt, die mit geringem Selbstwert zusammenhängt. Wer vergleicht, hat es nötig, könnte man sagen.

Scheinbar verschaffe ich mir mehr Eigenwert, indem ich mich in die Lage versetze, Mitmenschen in Wertrelationen einzupassen. Ich maße mir eine Richterposition an, die mich überlegen sein lässt. Sobald ich mich auf solche Weise über andere darüber stelle, wird offenbar, dass ich mich künstlich überhöhen muss, weil ich mich in Wirklichkeit unterlegen fühle.

Ausgesprochene und heimliche Vergleiche

Es macht noch wichtigen einen Unterschied, ob wir jemand anderen vergleichen und diesen Vergleich bei uns behalten oder aussprechen. Behalten wir ihn bei uns, nutzen wir ihn, um das Bild der anderen Person, das wir in uns tragen, zu verschlechtern und zu verdunkeln. Die andere Person kann merken, dass sich in unserem Verhältnis zu ihr etwas verändert hat, ohne es deuten zu können. Vermutlich wird aber ein Misstrauen entstehen, das dann irgendwann einen Konflikt auslöst.

Sprechen wir den Vergleich aus und konfrontieren damit die angesprochene Person mit ihrem Vergleichsobjekt, so beschämen wir sie direkt und riskieren damit, dass uns mit einer der Formen der Schamabwehr gekontert wird. Jedenfalls schaffen wir damit eine kommunikative Spannung oder verstärken eine schon bestehende. 

Zwischenmenschliche Vergleiche sind also in allen sozialen Bereichen effektive Mittel, um die Beziehungen mit Spannung aufzuladen und Konflikte herbei zu beschwören. All die Schwierigkeiten, die wir damit produzieren, fallen immer auch auf uns zurück. Deshalb sollten wir mehr Achtsamkeit und Bewusstheit auf unsere Tendenzen lenken, solche Vergleiche anzustellen und diese Aspekte unseres Verstandes zu entlarven und damit abzuschwächen. Wir brauchen eine Disziplin in unserem Denken, um aus solchen Gewohnheiten herauszukommen.

Offene Kommunikation

Statt angesprochen oder heimlich Vergleiche anzustellen, wenn uns an unseren Beziehungspartnern etwas stört, ist es konstruktiver und hilfreicher, über diese Punkte mit den betreffenden Personen zu reden. Wir können Wünsche nach Verhaltensänderungen ausdrücken und Verständnis für unsere Anliegen bekommen. Wir merken, dass wir es mit unvollkommenen Menschen zu tun haben, und dass wir selber unvollkommen sind, auch in der Kapazität unserer Akzeptanz und Toleranz für das Anderssein der anderen. 

Überall dort, wo Gespräche gelingen, lösen sich Tendenzen zum Abwerten von selbst auf und die Beziehung vertieft sich durch das wechselseitige Wertschätzen gerade der Andersheit der anderen Person. Sobald wir uns daran freuen können, wie unsere Mitmenschen sind, werden Vergleiche sinnlos und wir kommen in Frieden mit uns und unserer sozialen Umwelt. 

Zum Weiterlesen:
Das Vergleichen und der Selbstwert
Vom Vergleichen
Vergleichen macht uns abhängig
Über die Einzigartigkeit


Sonntag, 2. Juni 2019

Vergleichen macht uns abhängig

In diesem Artikel geht es um die Minus-Variante des Vergleichens: Wir suchen uns Vergleichsobjekte, denen gegenüber wir unterlegen sind. Die Über-Variante, wenn wir uns auf andere beziehen, denen wir überlegen sind, funktioniert allerdings mit verkehrten Vorzeichen nach dem gleichen Muster.

Das Vergleichen macht uns in jedem Fall abhängig – von dem Objekt, mit dem wir uns vergleichen. Wir nutzen es als Wertmaßstab: Wir geben diesem Objekt die Macht, über unseren Wert zu bestimmen. Denn durch das Vergleichen ist dieser relativ zum Wert des jeweiligen Vergleichsobjekts, bei dem es sich meist um eine Vergleichsperson handelt. Wir projizieren auf sie die Qualitäten und Eigenschaften, die wir im Grund auch in uns selber haben, von denen wir aber denken, dass sie uns nur mangelhaft zuteil wurden und kaum zur Verfügung stehen. Also suchen wir uns andere Personen, von denen wir annehmen, dass sie besser ausgestattet sind, vergleichen uns mit ihnen und fühlen uns ihnen unterlegen – eine typische Anleitung zum Sich-Unglücklichmachen.

Im Vergleichen beschneiden wir unsere Freiheit, so zu sein, wie wir sind. Wir orientieren uns nicht an unserem Inneren, wo wir so sind, wie wir sind, weil es gar nicht anders geht, sondern an einem Ausschnitt der Außenwelt, die wir als Maßstab definieren, dem wir möglichst entsprechen sollten. Als Erwachsene sind es immer wir, die den Maßstab des Vergleichs wählen. Wir sind es, die eine bestimmte Qualität für so wichtig halten, dass wir uns einbilden, an ihrem Mangel leiden zu müssen.

Es wird wohl sein, dass wir im Zug unseres Aufwachsens unliebsam mit Vergleichen konfrontiert wurden: „Dein Bruder kann das oder jenes viel besser.“ „Du solltest auch so fleißig sein wie deine Kusine.“ „Deine Schwester ist so brav, du müsstest auch so sein.“ Solche Aussagen können sich in unser Unterbewusstsein eingraben und die Vergleichsmechanismen in Gang setzen, die dann den Rest des Lebens automatisiert ablaufen und oft, ohne dass wir es merken, unsere Stimmung herunterziehen. 

Dazu kommt, dass wir meistens davon ausgehen, dass der Vergleich in der Objektivität begründet ist, dass er ein Teil der Wirklichkeit und nicht eine Eigenproduktion ist. Jemand anderer ist besser und wir sind eben schlechter. Natürlich ist es klar, dass die meisten von uns nicht so gut Tennis spielen könnten wie Dominik Thiem oder Magnus Carlsen im Schach nicht schlagen könnten. Aber ernsthaft können wir das nur behaupten, wenn wir uns mit diesen Größen in ihrem Fach direkt gemessen haben. Dann wäre es Teil der Erfahrungsrealität. So aber bleibt es ein reines Gedankenspiel, ohne jede Auswirkung auf die Wirklichkeit, außer auf die innere durch eine unnötige Selbstwertminderung, die wir in uns selber unangenehm wahrnehmen. Wir tun uns das Vergleichen samt den Folgen auf unser Empfinden also immer selber an; nichts und niemand zwingt uns dazu. 

So klagt eine Klientin: „Ich kenne Leute, die weise Sprüche von sich geben und auch sonst mit ihrem Leben im Reinen sind, die noch nie Gruppen besucht oder Therapie gemacht haben, die können das einfach. Ich hingegen stoße dauernd auf Probleme, kämpfe immer wieder mit dem einen oder anderen. Und dann treffe ich Menschen, die sich noch nie mit sich selbst beschäftigt haben und dennoch anscheinend zufrieden sind und ein gutes Leben führen. Ich muss soviel dafür tun, dass es mir besser geht, während andere einfach immer gut drauf sind.“

Objektiv betrachtet heißt das nur, dass es viele, viele Unterschiede unter den Menschen gibt. Die einen haben es möglicherweise in manchen Bereichen leichter als die anderen. Aber das ist nur eine Annahme von uns, weil noch dazu das, was leicht und was schwer ist, für jeden Menschen unterschiedlich ist. 

Wir denken uns vielleicht, dass es die kranke Person, die mit Schmerzen im Spitalsbett liegt, schwerer hat als die Pflegerin, die sie betreut. Es kann aber sein, dass die Patientin mit ihrem Schicksal im Frieden ist und die Pflegerin mit ihrer schweren Arbeit hadert und unglücklich ist. Es kann sein, dass Menschen, die wir um ihr zufriedenes Leben beneiden, einige Zeit später in eine Krise geraten, sodass wir um keinen Preis mit ihnen tauschen würden. 

Das Leben spielt seine Stücke nach einer geheimnisvollen Regie, nichts ist vorhersehbar, nichts folgt eindeutigen Regeln und Mustern, sodass es nicht einmal beständige Anker für unsere Lust am Vergleichen gibt. Selbst Idole in der Unterhaltungsbranche oder in der Politik, die von den Medien gehypt und von den Anhängern gefeiert werden, können vom einen Tag auf den anderen vom Thron stürzen, und plötzlich ist uns ein Vergleichsobjekt abhanden kommen und wir müssen uns ein neues suchen – oder wir halten ihm allen Umständen zum Trotz stur die unerschütterliche Treue. So gibt es manche, die bis heute dem Großverbrecher Adolf Hitler ein ehrenvolles Andenken widmen, und unter den Österreichern sind es Hundertausende, die einem Politiker, der durch ein Aufdeckungsvideo jeder Integrität entblättert wurde, nach wie vor ihre Stimme geben, indem sie ihn als Opfer sehen, mit dem sie sich gut identifizieren können.


Automatisches Verlieren


Bei der Minus-Variante des Vergleichens sind wir immer auf der Verliererseite und merken gar nicht, dass die Regeln des Spiels so aufgestellt sind, dass wir nie gewinnen können, und wir überlauern nicht einmal, dass wir selber es waren, die diese Regeln aufgestellt haben. Und zu allem Überdruss verlieren wir dabei beständig gegen uns selber, ohne uns je als Gewinner fühlen zu können. Deshalb schreibt Søren Kierkegaard: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“

In den meisten Fällen ist es den Vergleichsobjekten in der Außenwelt gleichgültig, dass wir sie oberhalb von uns platzieren und uns schlechter fühlen als sie es sind. Es betrifft sie auch nicht, dass wir uns von ihnen abhängig machen, außer wir gehen ihnen mit unserer Bewunderung, Verehrung und Idealisierung auf die Nerven. Denn die offen zur Schau getragene Idealisierung erzeugt Druck auf die idealisierte Person und ist deshalb im Grund eine respektlose Grenzüberschreitung, die freilich viele der Adressaten zur Fütterung ihres Narzissmus einladen, genießen und pflegen.


Wie wir der Idealisierung entkommen


Jeder Mensch hat Stärken, Schwächen, Mängel und Vorzüge. Wenn wir uns mit anderen vergleichen und sie zum Maßstab nehmen, geraten wir leicht in die Tendenz, an anderen das Positive zu über- und das Negative zu unterschätzen. Das nennt man dann Idealisierung. Wieder sitzen wir einer Abhängigkeit auf, wenn wir in diese Falle tappen: Das Ideal in der anderen Person brauchen wir, um mit einem eigenen Mangel zurande zu kommen. Wir nutzen es auch, um selber nichts an uns verändern zu müssen. Statt zu üben und zu lernen, um unsere Fähigkeiten zu erweitern, versenken wir uns in die Bewunderung, die den anderen mit einem Glorienschein umgibt und uns selber schlecht dastehen lässt. 

Dabei kann die einfache Einsicht helfen: Es gibt das Ideal, das wir so bewundern, nicht in der Wirklichkeit, vielmehr ist es eine Produktion unserer Innenwelt. Wir erzeugen den Schein und das strahlende Licht, in dem uns unser idealisiertes Wesen erscheint. Was kann aber der Sinn in einer Produktion sein, wenn wir uns selber damit abwerten und schlechtmachen? Wir machen uns mit dieser Erkenntnis schnell klar, dass wir das nur deshalb tun, weil wir selber immer wieder abgewertet und schlechtgemacht wurden. Es gab Erfahrungen, durch die etwas in uns zerbrochen ist, das unser Selbstvertrauen angeknackst hat. Es fehlt uns jetzt, damit wir uns zutrauen könnten, Dinge in unserem Leben, unserem Charakter und unserer Performance kreativ und konstruktiv zu verändern. Statt dessen fantasieren wir im Äußeren unsere Verbesserung so, als wäre sie schon in uns selber eingetreten, leider in einer anderen Person.


Zweifache Lernübung


Wir kommen aus unserer Sucht am Vergleichen durch zwei Schritte heraus. Wir verwenden jeden Vergleich, den unser Verstand anstellt und der uns auffällt, als Lernübung: Ist da etwas, was wir an anderen sehen und bei uns selber übersehen oder geringschätzen? Wenn wir die Weisheit anderer Menschen bewundern – wie steht es um unsere eigene? Wenn wir unsere rhetorischen Fähigkeiten und unsere Schlagfertigkeit mit anderen vergleichen und dabei nur unsere Mängel in diesem Bereich bemerken – worin könnte der Wert unserer Redekunst liegen? Es geht also darum, unsere Qualitäten als Ausdrucksweisen unserer Individualität mehr in den Mittelpunkt zu rücken und wertzuschätzen. 

Und von dort aus können wir die zweite Lektion in Angriff nehmen: Bedeutet das Vergleichen, das wir vorgenommen haben, dass wir unsere Fähigkeiten in dem entsprechenden Bereich verbessern wollen? Wenn wir andere darum beneiden, dass sie viele Freunde haben, können wir uns die Frage stellen, wie wir selber zu mehr Freunden kommen können. Wenn wir uns mit den musikalischen Fertigkeiten von jemand anderen vergleichen, können wir uns überlegen, ob wir Gesangs- oder Klavierunterricht nehmen wollen. Wir können also das Vergleichen dazu nutzen, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv zu werden. Wir sind nicht nur im Gehirn plastisch, also verbesserbar und erweiterbar, sondern auch in vielen anderen Fähigkeiten. Es liegt an uns, ob wir für die entsprechenden Weiterbildungen und Trainings die Energie und Motivation aufbringen. Wir können uns andere in dem Sinn als Vorbild nehmen, dass wir anerkennen und wertschätzen, was sie können und worin sie gut sind, und dass wir daraus den Anreiz ziehen, ihnen auf unsere Weise nachzueifern.

Wir müssen uns nicht in allen Aspekten und Dimensionen, die ein Menschenleben umfasst, weiterentwickeln, das ist auch gar nicht möglich. Vor allem sollten wir jeden Stress vermeiden, der mit einem derartigen Anspruch verbunden ist. Vielmehr können wir uns fragen, was wir wollen, und dann zur Handlung schreiten. Wenn wir uns klarmachen, dass wir unsere Energie nicht in diesen Bereich stecken wollen, sollten wir allerdings mit dem Vergleichen aufhören. Denn genau dann bringt es uns überhaupt nichts. Statt dessen können wir unsere neidvolle Bewunderung in eine staunende und bedingungslose Wertschätzung umwandeln: Die Schönheit unserer Mitmenschen in ihrer Einzigartigkeit anerkennen und genießen, ebenso wie unsere eigene.

Auf diesem Weg befreien wir uns von Abhängigkeiten, die uns an die Vergleichsobjekte binden, und lassen sie und uns selbst frei aus diesen selbstproduzierten Fesselungen. Jede Lösung einer Abhängigkeit ist ein Zugewinn an Verantwortung, und in diesem Fall auch an Mitmenschlichkeit. Was gibt es Erfüllenderes und Beglückenderes, als die Vielfalt menschlicher Individualitäten mit Ehrfurcht und Dankbarkeit zu würdigen?

Samstag, 17. November 2018

Das Vergleichen und der Selbstwert

Unser Denken ist immer wieder mit dem Vergleichen beschäftigt: Steht mir dieser Pullover besser als der andere? Habe ich die tolleren Urlaubspläne als mein Nachbar? Was kann ich besser als mein Konkurrent? Der Vergleich macht sicher – ohne ihn herrscht Unsicherheit im eigenen Inneren: Wie stehe ich da vor den kritischen Augen der Außenwelt? Die Unsicherheit besteht also in Bezug auf den eigenen Selbstwert.

Es gibt zwei Typen von Vergleichern, die sich auch je nach Gelegenheit in einer Person finden können: die Gewinner und die Verlierer. Beide leiden unter dem gleichen Selbstwertproblem, gehen aber unterschiedlich damit um. Ein Gewinner sucht sich die Objekte für sein Vergleichen bei denen, die etwas weniger gut können als er selbst, sodass er beim Vergleichen immer als der bessere abschneidet: „Die können mir alle nicht das Wasser reichen.“ Ein Verlierer sieht vor allem Menschen um sich, die besser sind: „So gut wie diese Person werde ich nie.“


Vergleichen und Scham


Im Hintergrund der Gewohnheit des Vergleichens werkt die Scham. Wir fühlen uns nicht in Ordnung so, wie wir sind, wir stellen uns in Frage, indem wir uns mit anderen vergleichen. Mit dieser Aktion wollen wir das unangenehme Schamgefühl vermeiden. Indem wir jemand anderen, der es besser kann als wir, beneiden oder anhimmeln, verschiebt sich der Fokus von uns selbst auf die andere Person. Wir identifizieren uns mit ihr, und schon ist die Scham verschwunden. Gehen wir nach der anderen Strategie vor, beweisen wir uns mit dem Vergleichen, dass wir die besseren sind und sagen uns damit selber, dass es keinen Grund für die Scham gibt; vielmehr sollten sich die anderen schämen, weil sie schlechter sind. Wir überwinden unsere Scham nur mit Hilfe anderer, die uns zu dem Gefühl der Überlegenheit verhelfen.


Die Beliebigkeit der Maßstäbe 


Wenn wir vergleichen, suchen wir im Außen nach einem Maßstab, um einschätzen zu können, wer wir sind. Wir brauchen also eine äußere Bestätigung für die eigene Identität und deren Qualitäten. Diese Strategie kann allerdings nicht zum Ziel führen, weil wir den Vergleichsmaßstab immer willkürlich suchen und wählen, nämlich unseren inneren Selbstwertvoraussetzungen entsprechend. Fühlen wir uns sicherer auf der Verliererseite, wählen wir Vergleichsmaßstäbe, nach denen wir schlechter abschneiden; sind wir vertrauter mit der Gewinnerseite, so sehen wir lauter minderbegabtere, unattraktivere und unintelligentere Menschen um uns herum. 


Ersatz für die eigenen Werte


Wir tragen Vorbilder und Ideale in uns, wie ein optimaler Mensch sein sollte. Wir wissen zwar auf einer Ebene, dass es solche ideale Menschen nicht gibt, aber wir suchen in unserem Unbewussten nach ihnen, damit wir unsere Unsicherheiten uns selbst gegenüber abdecken können. Denn die Orientierung an einem Vorbild entbindet uns von der Aufgabe, die Maßstäbe für unser eigenes Leben und für die Werte, nach denen es sich ausrichten soll, in uns selbst zu finden und zu stärken. Vorbilder haben nur so weit einen Sinn, als wir sie als symbolische Orientierungspunkte nehmen für eine Richtung, in die wir uns entwickeln wollen und dabei nicht vergessen, dass wir unsere ganz eigene Form der Verwirklichung der Werte, die wir in einem Vorbild verkörpert sehen, finden müssen.

Wie bei vielen unserer selbstschädigenden Verhaltens- und Denkmuster liegt auch hier der Ursprung in der Kindheit. Kinder vergleichen sich, sobald sie auf der Welt sind, mit den Eltern, um zu lernen, wie das Leben zu bewältigen ist. Sie wollen so werden wie sie. Erst langsam klären sich die Unterschiede, vor allem, wenn wir immer wieder bestätigende Rückmeldungen von den Eltern bekommen, dass „uns unsere Entwicklung gehört“, d.h. dass wir uns in unserer Weise entfalten sollen und nicht zu Abziehbildern unserer Eltern oder deren Wunschvorstellungen werden sollen. Auf dieser Grundlage beginnt der Weg zur eigenen Autonomie, die beinhaltet, zur eigenen Individualität in allen Facetten zu stehen und sie als einzigartigen Beitrag zur Welt zu entwickeln und uns darin zu würdigen.

Nur so ist der Weg aus der narzisstischen Fixierung zu finden, die in jedem Vergleich Regie führt. Die bedingungslose Annahme der eigenen Individualität umfasst die Annahme der eigenen Stärken und Schwächen, Erfolge und Misserfolge, Begabungen und Problemzonen. Die Selbstakzeptanz ermöglicht auch die Annahme aller anderen in ihrer Individualität und Besonderheit; solange wir das nicht hinkriegen, fehlt ein Stück der Selbstannahme und wir werden uns dabei ertappen, uns mit dem Vergleichen mit anderen selber zu quälen.


Rollenfixierung


Das Vergleichen mit anderen ist notwendig für die soziale Einordnung in Gruppen, wo wir unsere Rolle finden müssen. Es ist aber immer hinderlich für die Selbstfindung. Je mehr wir uns mit einer Rolle identifizieren, desto anfälliger sind wir für das Vergleichen. Denn wir wollen besser sein als andere in der Rolle, wie ein Schauspieler, der den besten Hamlet spielen möchte. Im Leben geht es aber darum, die ganz eigene Rolle zu entwickeln, die niemand sonst in der ganzen Menschheit spielen kann, wie eine Melodie, die noch nie gesungen wurde und nur erklingen kann, wenn wir sie singen.

Vergleichen macht abhängig. Es lenkt ab von sich, spaltet ab von sich selbst; es ist entweder eine Selbstherabsetzung oder Hinaufsetzung, im einen Fall eine explizite Selbstkränkung, im anderen Fall eine explizite Kränkung anderer – und eine implizite Selbstkränkung, die in jedem Fall des Vergleichens geschieht.

Jeder Vergleich pickt einen Aspekt aus der Ganzheit heraus, die wir sind, und fördert damit die Fragmentierung des Selbst, die wir schon aus unserer Kindheit mitnehmen und der wir fortwährend unterliegen. Im Vergleichen trennen wir uns von uns selbst, ohne uns mehr mit anderen zu verbinden. 

Deshalb verlieren wir immer, wenn wir vergleichen, gleich ob wir uns besser oder schlechter sehen als die anderen. Wir verlieren uns selbst. Vielleicht mag sich ein Aspekt unseres Selbst, ein Anteil unserer Persönlichkeit besser fühlen, sicherer oder beruhigter. Aber die Gesamtheit unseres Seins, unsere innere Zusammenstimmung, unsere Einheit und Identität wird geschwächt. Den Zugang zu dem, was wir in unserer Totalität sind, verlieren wir noch mehr.


Das Leben der Anderen


Wenn ich durch den Vergleich feststelle, dass ich besser bin als andere, muss ich mich anstrengen, den Vorsprung zu halten. Wenn ich durch den Vergleich draufkommen, dass ich schlechter bin als andere, muss ich mich anstrengen, aufzuschließen. In beiden Fällen führt das Vergleichen zu Anstrengung und Stress, vor allem dann, wenn sich tiefere Ängste und Überlebensprogramme einmischen: Ich muss gut dastehen im Vergleich, sonst verliere ich meinen sozialen Rückhalt, sonst mag mich keiner mehr, sonst kann ich mich selber nicht mehr achten usw.

Statt uns unnötig anzustrengen, gilt es, herauszufinden, was unser Eigenes ist, das, was wir im Leben wollen, wohin wir uns entwickeln wollen, was wir beitragen möchten, was uns am Herzen liegt. Wenn wir das nicht schaffen, bleiben wir im Neid und in der Eifersucht stecken. Wir schielen nach dem, wie es die anderen machen und strengen uns an, es ihnen gleichzutun, können es aber nie schaffen, weil wir zu dem, was andere auf ihre Art schaffen, selber nicht geschaffen sind. So leben wir das „Leben der Anderen“ statt unser eigenes. Als Maßstab für unser Leben nehmen wir die Normen und Werte anderer, weil wir gar nicht auf die Idee kommen, die eigenen für uns selber auszuarbeiten. 


Mitfreude statt Vergleichen und Beneiden


Sobald es uns gelingt, uns mit den Schätzen unseres eigenen Lebens – den großen und den kleinen – anzufreunden, sobald wir das, was daran gut läuft und noch besser werden kann, mehr in den Vordergrund stellen, kommen wir zunehmend bei uns selber an. Zugleich schwindet der Neid, der hinter dem Vergleichen steckt, und weicht der Mitfreude. Sie gründet auf der Fähigkeit, uns an unserem eigenen Leben zu freuen.

In dem Maß, wie sich unsere Selbstakzeptanz verstärkt, die uns von Vergleichen unabhängig und autonom macht, verstärkt sich unsere innere Neigung zur Demut. Wir lassen jede Anmaßung sein, so wie andere sein zu wollen, und finden uns ganz in dem, was und wie wir selber sind, wachsend in unseren Stärken und barmherziger mit unseren Schwächen.

Montag, 9. Juli 2018

Achtsamkeit: Jeder Moment hat die gleiche Bedeutung

Achtsamkeit heißt, jedem Moment des Erlebens die gleiche Bedeutung zu verleihen. Gleich heißt dabei gleichwertig im formalen Sinn, es gibt also keine Wertunterschiede und keine Vergleichbarkeit. Denn jeder Moment trägt als Inhalt eine einzigartige Qualität in sich und unterscheidet sich von jedem anderen. Deshalb gehört zur Haltung der Achtsamkeit, jedem Moment die gleiche Achtung entgegenzubringen, also nicht einen Moment über oder unter den anderen zu stellen. 

Wenn uns diese Haltung gelingt, erübrigen sich alle Unterschiede von wichtig oder unwichtig, spannend oder fad, intensiv oder flach, exzeptionell oder banal. Gerade da jede Erfahrung eine spezifische Wertigkeit in sich trägt, die mit keiner anderen verglichen werden kann, sind alle von der übergeordneten Position der Achtsamkeit grundsätzlich gleich. 

Um zu dieser Einsicht zu gelangen, bedarf es allerdings der vollen Präsenz im Moment. Die Unterschiede in der Bewertung stammen aus dem Verstand und erscheinen, sobald sich die Präsenz aus dem Moment entfernt, sobald also die Achtsamkeit hinter dem Denken verschwindet. Dann sagen wir etwa: Das war eine wichtige Einsicht, das war ein herausragendes Erlebnis, gestern war alles besser im Vergleich zu heute oder umgekehrt. Wir erzählen die „Highlights“ des Tages, und das sind die Erlebnisse, die der Verstand aus der Vielzahl an Möglichkeiten nach seinen Kriterien herauspickt. 


Was bleibt dann noch zu erzählen?


Natürlich können wir nicht alles, was wir erleben, wiedergeben, wenn uns jemand nach unserem Tag fragt. Das wäre unsinnig und langweilig bis unhöflich für die fragende Person:“ Ich habe, nachdem ich das Haus verlassen habe, zuerst den linken Fuß auf den Boden gesetzt und bin dabei auf ein Eichenblatt gestiegen.“ Usw. Der Gesprächspartner ist ja nicht an jedem Detail unseres Erlebens interessiert, und auch nicht jeder Moment eines Tageserlebens kann in unserem Gedächtnis gespeichert werden. 

Der Wert für Erzählen oder Erinnern ist ein ganz anderer als der des Erfahrens, und darauf ist die Intention der Achtsamkeit gerichtet. Wenn wir erzählen, müssen wir eine Auswahl treffen, müssen diese Auswahl aber nicht mit einer Bewertung versehen, die sie über die anderen Erfahrungen stellt. Wir verleihen  diesen ausgewählten erzählungswerten Erfahrungen nur eine weitere Bedeutung, die im aktuellen Geschehen des Erzählens oder Erinnerns entsteht.

Die Achtsamkeit verweilt dabei auf der Auswahl, auf dem Erzählen, auf dem Erinnern, auf dem Teilen und auf der Reaktion der zuhörenden Person. Diese Momente eines lebendigen Geschehens wiederum haben die gleiche Bedeutung wie das, was vorher war und was nachher sein wird.


Auf Augenhöhe mit der Wirklichkeit


Aus der Perspektive der Achtsamkeit begegnen wir der Realität im Außen wie im Innen auf Augenhöhe. Wir nehmen eine egalitäre und demokratische Perspektive ein, weil es gar keine andere geben kann, wenn wir uns auf dieser Erfahrungsebene befinden. Sie schenkt uns den Einblick in die universale Gleichwertigkeit des Seins. 


Die Menschenrechte – eine Voraussetzung für eine achtsame Menschheit


Die allgemeinen Menschenrechte beinhalten die Gleichstellung aller Menschen gegenüber jeder Form von Diskriminierung, sie es wegen der Geburt, des Standes, des Geschlechts usw. Diese fundamentale Gleichheit aller Menschen in der Wertigkeit ihres Menschseins ist deshalb intuitiv so einleuchtend, weil sie eine Anwendung der achtsamen Welterfahrung darstellt. Sie ist nur ein Sonderfall, freilich einer, der eine ebenso grundlegende und unhinterfragbare Geltung hat wie alle anderen Teile der Realität. Was für alles gilt, was es gibt, sollte in jedem Fall für die Menschen gelten. Deshalb muss jedem Rütteln und Relativieren dieser Grundrechte mit vehementer Kritik begegnet werden. Grundrechte müssen verteidigt werden, da sonst der Überlebenskampf zur Regel wird und damit jede Form von Gewalt legitimiert wird.

Leider sehen das viele Menschen anders, die noch in fixen Abwertungen und diskriminierenden Ansichten stecken. Denn der Zugang zu dieser Form der Realitätserfahrung ist nur möglich, wenn wir uns tiefer mit uns selbst verbinden statt dem an- und nachzuhängen, was uns von anderen vorgebetet und eingebläut wird. Wir spalten uns gleichzeitig von anderen Menschen und von Teilen von uns ab, sobald wir uns mit den angstbesetzten Aspekten unserer Seele identifizieren. 

Erkennen wir, dass wir in uns Licht- und Schattenseiten tragen, sehen wir schnell, dass wir weder besser noch schlechter als irgendjemand anderer sind. Selbst wenn wir weniger Unheil als einer der Gräueldiktatoren angerichtet haben, sollten wir zu allen Unbewusstheiten stehen, die uns unterlaufen sind, bevor wir uns vergleichen. Quantitative Vergleiche auf dieser Ebene anzustellen, bringt nichts, weil sie nur auf graduelle Unterschiede verweisen, die nichts über das Menschsein als solches aussagen. Unser eigenes „kleines“ Menschenleben ist genauso bedeutsam und inhaltsreich wie das eines berühmten oder eines berüchtigten Menschen. 


Die innere Seite der Achtsamkeit


Auf der subjektiven Seite dieser Medaille können wir folgendes entdecken: Nicht nur jeder Moment hat die gleiche Bedeutung, sondern auch jede Erfahrung, also das, was unser subjektives Erleben jedes Momentes ausmacht. In diesem Sinn deckt sich Inneres und Äußeres, Subjektives und Objektives. Damit nehmen wir zugleich uns selbst als Erfahrende so an, wie wir gerade die Realität wahrnehmen. Spielen wir dagegen Erfahrungen gegeneinander aus, indem wir z.B. eine Situation als besser bewerten als eine andere, so bewerten wir uns dabei als Erfahrende: Im einen Moment war ich besser mit der Realität verbunden als im anderen.  

Natürlich genügen wir diesem Anspruch an Achtsamkeit nicht in jedem Moment. Einmal sind wir eins mit dem, was gerade ist, ein andermal nicht. Wir haben Momente der Achtsamkeit und Momente der Unachtsamkeit. Und auch hier gilt es, den Anspruch der Achtsamkeit zu berücksichtigen, sobald uns das gelingt: Ob wir gerade achtsam sind oder nicht – beides zählt gleich viel. Diese Gleichwertigkeit fällt uns allerdings nur auf, wenn wir in der vollen Präsenz der Achtsamkeit sind.

Sollen wir das Bewerten von Situationen überhaupt sein lassen? Indem wir eine Erfahrung als mangelhaft oder unangenehm bewerten, haben wir die Möglichkeit, daraus zu lernen. Wir können dafür sorgen, unser Verhalten und unsere Einstellung zu verändern, Fehler und Unbewusstheiten vermeiden und rücksichtsvolles und liebevolles Handeln vermehren.


Lernen in der Achtsamkeit


Auf der Ebene der Achtsamkeit gibt es kein inhaltliches Lernen, weil alles, was sich gerade ereignet, gleich wichtig und stimmig ist. Es gibt nur ein Lernen in Hinblick auf das Praktizieren der Achtsamkeit, durch die Steigerung unserer Bewusstheit. So bekommen wir ein Gespür dafür, wann wir uns im Zustand der Achtsamkeit befinden und wann nicht. Wir können z.B. durch die Praxis der Meditation oder anderer Achtsamkeitsübungen lernen, schneller und dauerhafter in die Präsenz zurückzukehren.
Alles Lernen, das im Rahmen der Achtsamkeit stattfindet, z.B. das achtsame Lernen einer Fremdsprache oder des Umgehens mit Gefühlen usw., gilt gleichviel wie andere Erfahrungen, in denen nicht gelernt wird, sondern z.B. spazieren gegangen oder ein Frühstück bereitet wird. 


Warum wir Erfahrungen bewerten


Bedeutung messen wir unseren Erfahrungen in der Weise zu, wie wir glauben, dass sie auf die Zukunft wirken. Wir sagen z.B., dass das Erlebnis, am Gipfel eines Berges zu stehen, von größerer Wichtigkeit ist als einzelne mühsame Momente beim Aufstieg. Oder: Die Fahrt mit der Eisenbahn war langweilig, aber die Begegnung mit dem Menschen, den wir am Zielort getroffen haben, bereichernd. Wir nehmen an, dass wir von der Eisenbahnfahrt oder vom Bergaufstieg weniger Gewinn für unser Leben mitnehmen können als vom Gipfelerlebnis oder vom freundschaftlichen Gespräch. Doch woher wollen wir das wissen? Woher nehmen wir diese Gewissheit in Hinblick auf unsere Zukunft?  

Wir glauben intuitiv, dass unangenehme oder langweilige Erlebnisse weniger bedeutsam sind als angenehme, glückbringende und erfüllende. Aber auch hier gibt es keine Gewissheit. Oft haben unangenehme Erfahrungen angenehme Folgen, und auf besonders tolle Erlebnisse folgen schlechtere Zeiten. Wir messen also unseren Erfahrungen situativ Bedeutungen zu, die sich im Lauf der Zeit verändern, tun aber so, als wären sie für alle Zeiten festgelegt. 

Die achtsame Haltung hält sich von solchen Festlegungen frei. Alles an unserem Erleben ist in dauernder Veränderung, und die Achtsamkeit nimmt den jeweiligen Moment in diesem Fließen wichtig, während alles, was davor gewesen sein könnte oder danach werden könnte, ausgeblendet bleibt. Unsere Einzelerlebnisse sind wie die Wellen in diesem Fließen, mal so und mal so, aber ohne Unterschiede untereinander. Jede Welle ist anders und jede Welle ist gleich.

Deshalb verfügen wir in dieser Position über keinen Vergleichsmaßstab und brauchen diesen auch nicht. Wir vergleichen Optionen, wenn wir etwas erwerben wollen: Welches der angebotenen Lebensmittel ist gesünder, frischer, geschmackvoller, natürlicher, ökologischer usw.? Auch in solchen Entscheidungsprozessen können wir in der Haltung der Achtsamkeit bleiben, indem wir beobachten, was da geradeabläuft. Warum jedoch sollten wir etwas, das jetzt ist und gleich darauf für immer verschwunden sein wird, vergleichen mit etwas, das genauso nur in einem Jetzt existiert hat und dann für immer vorbei war? 

Wenn wir eine Erinnerung mit einer anderen vergleichen, füttern wir einfach unseren Verstand. Wenn wir zur Achtsamkeit zurückkommen, sind wir im Moment, in dem es nichts zu vergleichen und zu bewerten gibt. Wir können natürlich unsere Aufmerksamkeit auf die Aktivität des Vergleichens und Bewertens lenken und erkennen damit die Ebene, auf der es abläuft, eben die Ebene des Verstandesdenkens. 


Achtsamkeit: Meta- und In-Position


Achtsamkeit ist eine Meta-Fähigkeit oder Meta-Position, die sich nicht in die Realität, also in das, was ist und was geschieht, einmischt. Vielmehr ist sie in und mit allem, was ist und geschieht. Da sie keine Distanz zu allem, was ist, einnimmt, kann sie gar nicht bewerten oder vergleichen. In diesem Sinn verfügt die Achtsamkeit über keine Meta-Position als etwas, das über der Realität stünde, sondern nimmt eine In-Position ein, indem sie den Unterschied von Subjekt und Objekt überwindet. Deshalb führt der Weg zur achtsamen Präsenz zur Erfahrung der Einheit des Seins. 

Zum Weiterlesen:
Die Gleichberechtigung des Seins
Demut als spirituelle Haltung
Achtsamkeit und Lebenspraxis

Samstag, 20. Januar 2018

Die Jagd nach der Erfahrung

Unser Leben ist die Summe unserer Erfahrungen, entlang der Zeitleiste, die uns zugemessen ist. Wir haben den Drang, diese Zeit bestmöglich zu füllen. Sonst könnte es passieren, dass dieses unser Leben seinen Sinn und seine Bedeutung verliert, was soviel heißt wie, dass wir selber unseren Sinn und unsere Bedeutung verlieren, und diese Vorstellung verursacht ungute bis grauenvolle Gefühle.

Wir müssen also herausfinden, wie wir diese Zeit optimal nutzen. Im Grund können wir unser Leben als die Suche nach diesem Optimum beschreiben, als eine Reise, die weniger ein fix definiertes Ziel hat, wie Schruns-Tschagguns oder Paris, als vielmehr einem Herumirren zwischen Versuchen und Irrtümern gleicht. Denn auch wenn wir in Paris als unserem Reiseziel angelangt sind, müssen wir erst die Zeit, die wir dort verbringen, auf eine optimale Weise mit Erfahrungen füllen. Es erschiene ja seltsam, in diese Stadt zu reisen und die Zeit dort nur mit Fernsehen oder Kreuzworträtsellösen im Hotel zu verbringen. Wer würde von einer solchen Erfahrung seinen Freunden erzählen? Vielmehr wollen wir uns möglichst vollsaugen mit dem Neuen, was sich uns zeigt: Die Sehenswürdigkeiten, die Schönheiten, die Besonderheiten. Davon können wir, so hoffen wir zumindest, in der Zukunft zehren, wenn es uns an Neuem in unserem Leben mangelt. Wir speichern die spezielle Erfahrungsqualität eines Pariser Frühstückcroissants oder des Lächelns der Mona Lisa herein, und unser zukünftiges Leben ist vor Leere und Langeweile gefeit, so hoffen wir. Jederzeit können wir uns die Erinnerung zurückholen, wenn wir nur die Erfahrung möglichst intensiv gemacht haben.

Spitzenerfahrungen als Versicherung gegen das Unglück


Wir wollen all diese besonderen, herausragenden Erfahrungen sicher und dauerhaft abspeichern, damit sie uns die Gefühle, die mit den Erfahrungen verbunden waren, möglichst zuverlässig und dauerhaft abrufbar machen. Dieser einzigartige Sonnenuntergang bekommt einen prominenten Platz in unserem Erinnerungsspeicher, wir haben viel darin investiert, ihn zu finden, nun soll er in aller Zukunft von Nutzen sein. Deshalb bilden wir ihn ab, und deshalb schicken wir die Abbildung an all die Menschen um uns herum. Indem sie wissen, was wir erlebt haben, können sie uns daran erinnern, sollten wir die Erinnerung und ihren Erfahrungsgehalt vergessen.

„Der Versuch, unser Leben nicht zu einer Vergeudung zu machen, indem wir ein paar besonders bemerkenswerte Ereignisse suchen, macht den Rest unseres Lebens zur Vergeudung.“ (Mark Greif: Against Everything. On Dishonest Times, Verso 2016, S. 94) Der Versuch also, unser Leben besonders optimal anzufüllen, kann darin münden, dass wenigen Spitzenerfahrungen eine beängstigend große Menge an belanglosen Zeiten gegenübersteht. Mehr noch, im Kontrast zur Grandiosität einzelner Erfahrungsmomente kann der Rest, der Großteil des Lebens, umso mehr in die Bedeutungslosigkeit absinken.

Um das zu verhindern, wollen wir an den hervor-ragenden Ereignissen festhalten, wir wollen die Zeit um sie herum in die Länge ziehen, damit wir nie wieder ins öde Umland zurückkehren müssen. „Das Konzept der Erfahrung macht uns zu Siedlern in einem Dorf am Plateau, die an einem Mythos von einer glücklicheren Menschenrasse festhalten, die auf den Gipfeln leben. Manchmal klettern wir hinauf, aber nur mit Vorbereitung, für kurze Expeditionen. Wir können dort nicht bleiben, und alle sind dann unruhig und unzufrieden zuhause.“ (ebd.)

Das Rezept zur Unzufriedenheit liegt in der Hochstilisierung des Herausragenden, wodurch eine starre Spannung zum Normalen, Alltäglichen, Unspektakulären erzeugt wird. Je intensiver wir die spezielle Erfahrung in uns verankern, desto weiter fallen die vielen anderen weniger extravaganten Ereignisse unseres Lebens dagegen ab. Und sie müssen auch abfallen, denn die Intensiverfahrung lebt aus dem Kontrast zum ausgebreiteten Flachland, das vor allem mit Bedeutungslosigkeiten angefüllt ist. Je mehr wir in den Zeiten des eingeebneten Lebens an der Leere und am Nichtvorhandensein von Sondererfahrungen leiden, desto erfüllter offenbart sich das Leben, wenn es uns Gipfelerfahrungen zuschanzt. In der westlichen Lebensweise ist diese Spannung abgebildet als das  Pendeln zwischen Arbeitszeit und Freizeit, zwischen Job und Urlaub. Die Hoffnung auf die Erlösung aus dem Müssen in der öden Ebene dient als Quelle zum Aushalten der langen Durststrecken zwischen den kurzen Phasen des Hochgefühls. Dazu hoffen wir auf einen Lottogewinn oder eine gut dotierte Frühpension, um endlich den Urlaubszustand zum Dauerzustand machen zu können.

Bewertungskriterien


Was ist optimal? Hier leben sich emotionale Muster aus, die sich aus erlittenen Frustrationen und deren Bewältigungsstrategien ableiten. Die ganz besondere Erfahrung, nach der wir jagen, soll uns alles vergessen lassen, was wir je an Widrigkeiten überstehen mussten. Es muss etwas ganz Neues, Überraschendes, Noch-nie-Dagewesenes sein, damit keine alte schlechte Erinnerung etwas davon anpatzen kann. Diese exquisite Speise liefert deshalb eine so besondere Erfahrung, weil sie mit nichts assoziiert ist, was in der Kindheit Essprobleme bereitet hat. Sie ist absolut unschuldig und lässt uns unser Leiden vergessen.

Erfahrungsabstinenz?


Wie können wir uns aus der Spannung befreien? Offensichtlich bringt es nichts, wenn wir den Erfahrungshunger und die Erfahrungsgier durch ihr Gegenteil, die Erfahrungsabstinenz ersetzen und die Spannung dadurch wegkürzen, dass wir das Besondere der Erfahrung verkleinern, indem wir z.B. die Unvollkommenheiten von intensiven Erfahrungen in den Vordergrund rücken: Den unangenehmen Geruch einer Abfallhalde in der Nähe des Punktes, von dem der Sonnenuntergang am schönsten beobachtet werden kann, der Autolärm beim Genuss eines Pariser Frühstücks oder die Touristenschwärme um den Eiffelturm. Es macht uns auch nicht glücklicher, wenn wir das Besondere zum Alltäglichen machen, indem wir z.B. den Urlaub dort verbringen, wo es dem Zuhause am ähnlichsten ist und wir all unseren Alltagsgewohnheiten weiter frönen können.

Wenn wir uns resignativ im Gewohnten verschanzen, weil alles andere mit Risiken und Unwägbarkeiten behaftet ist und uns mit Ängsten konfrontiert, richten wir uns bloß bequem in der Komfortzone ein und bauen einen Zaun mit Sichtschutz um sie herum auf. Wir ebnen das Unebene ein, damit nichts den seichten Strom des Immergleichen irritieren kann. Es regt nur mehr das auf, was außerhalb der eigenen Einflusszone steht, im Inneren wird die ewige Ruhe ausgerufen.

Die Radikalität der Erfahrung


Der wirkliche Ausweg ist radikaler. Er liegt darin, dass wir das Konzept von Ebene und Gipfel, von Alltag und Extravaganz, vom Belanglosen und Besonderen überwinden und hinter uns lassen. All diese Entgegenstellungen verzerren die Realität. Auf ihrer Grundlage basteln wir ein Lebensmodell, mit dem wir die Wirklichkeit polarisierend auseinanderreißen und uns dann wundern, wenn unsere Unzufriedenheit nicht weniger wird.

Wir müssen aufhören, die Möglichkeit einer optimalen Erfahrung irgendwo in die Zukunft oder an einen möglichst weit entfernten Ort zu verbannen, sodass wir sie immer wieder mühsam suchen müssen. Alles, was es braucht, ist,  sie im jetzigen Moment zu aufzufinden, denn nur dort gibt es sie. Wenn wir in diesen Moment eintauchen, ist diese Erfahrung weder eben oder öd noch herausragend, sondern sie ist da in ihrer Unvergleichlichkeit, weder toll noch fad, weder schön noch hässlich, weder pointiert noch flach. 

Wir müssen nur das Vergleichen rausnehmen, das die Gewohnheit hat, sich wie ein Zerrschleier über das Erleben breitet, indem es jedem Inhalt eine Bewertungsmarke von einem anderen Inhalt anhängt. Nichts darf so sein, wie es ist, vielmehr wird alles in Bezug zu etwas anderem gesetzt, und aus diesem Bezug wird der Wert abgeleitet. Die Erfahrung A ist gut, weil sie besser ist als B, aber nicht so gut wie C usw. Das Vergleichen nimmt der Erfahrung ihren Eigenwert, ihre eigene ganz besondere Bedeutung, die wir im Moment des Erlebens aufnehmen können, wenn wir eben nicht ins vergleichende Bewerten gehen.

Die Qualität des Optimalen, die wir in der Spitzenerfahrung suchen, die Intensität des Erlebens, hängt nicht vom Äußeren ab, sondern bildet sich durch unsere innere Einstellung. Wir können davon ausgehen, dass jede Erfahrung auf einer Skala soundso weit vom Optimalen entfernt ist, oder dass diese Erfahrung in diesem Moment das Optimale ist, das wir haben. Mit dieser Einstellung können wir überall und jederzeit den unvergleichlichen Sonnenuntergang, die traumhaft schöne Natur und das wunderschöne Kunstwerk erleben. Das Leben zeigt sich uns in jedem Moment in all diesen Qualitäten, und es liegt an uns, sie wahrzunehmen oder zu ignorieren. Wählen wir den vorurteilslosen Blick, die un-befangene Wahrnehmung, statt die Verschleierung durch Vergleichen und Bewerten! Das gibt uns auch in unangenehmen Situationen, also solchen, die nicht unseren Präferenzen und Erwartungen entsprechen, einen Anlass zum Staunen.

Die Erfahrung als Erfahrung akzeptieren


Der erste Schritt, damit wir uns mit dem Optimalen der jeweils aktuellen Erfahrung verbinden können, liegt im Akzeptieren der Erfahrung als Erfahrung. Die Erfahrung ist das, was uns der Moment gibt, nicht mehr und nicht weniger. Wir haben die Wahl, uns darauf einzulassen, d.h. dass wir keine Konzepte und Vergleiche, keine Interpretationen und Einordnungen über das Erlebte drüberstülpen, sondern es als das, was es ist, da sein lassen. Es mag angenehm oder unangenehm, schön oder hässlich, gut oder böse sein – es ist, was es ist, und im Akzeptieren nehmen wir es an.

Was ist, macht sowieso im nächsten Moment Platz für das nächste, was ist. Die Angst, die uns am Akzeptieren hindert, ist oft, dass wir glauben, was jetzt ist, bleibt und wird sich nie verändern (wenn es unangenehm ist), oder verschwindet und kommt nie wieder (wenn es angenehm ist). Sobald wir annehmen, was unsere Erfahrung ist, merken wir, dass es sich von Moment zu Moment ändert. Wir erkennen, dass es wieder nur unsere Vorstellungen und Denkkonzept sind, die uns suggerieren, wir müssten etwas an unseren Erfahrungen loswerden oder festhalten. Das ist die zentrale Botschaft des Buddha: Alles Leiden entspringt aus dem Loswerdenwollen oder Festhaltenwollen. Die Heilung liegt immer im Sein-Mit, im annehmenden Umfangen dessen, was sich gerade als unsere Erfahrung zeigt. Da gibt es nichts mehr zu suchen oder zu finden, da ist einfach, was ist. 


Zum Weiterlesen:
Halbwahrheiten - schlimmer als Unwahrheiten

Montag, 4. August 2014

Inneres Wachsen und Beziehungen

Inneres Wachsen erleichtert das Leben, indem sich der Problemdruck und die Stressempfindlichkeit verringert. Unterwegs auf diesem Pfad zu sein, bedeutet natürlich, noch nicht am Ziel zu sein. Stolpersteine können sich in den Weg legen, neue innere Fragen auftun und Verunsicherungen bewirken. Das Aufarbeiten der inneren Themen führt insbesondere im Beziehungsbereich zu interessanten Einsichten. 

Jede Beziehung beruht auf "Abmachungen", auf unbewusst getroffenen Vereinbarungen, die das Beziehungsleben regulieren. Wenn sich eine der Beteiligten an diesen Übereinkommen in ihren Einstellungen verändert, verändert sich das Grundgefüge der Beziehung. Es muss neu geregelt werden, was deshalb komplex ist, weil es um die unbewussten Dynamiken geht. Hier kommen ebenso unbewusste Kräfte ins Spiel, die neue Vereinbarungen erzeugen wollen. Sie bedienen sich u.a. der Methode des Vergleichens, die geeignet erscheint, unter Berücksichtigung der neuen Kräfteverhältnisse ein Gleichgewicht herzustellen. 

Allerdings kann die Einstellung entstehen: "Ich bin besser (bewusster, empfindsamer, menschlicher, ...) als du." Diese Einstellung erzeugt ein Gefälle in der Beziehung, die Spannungen und Streit hervorrufen kann. Inneres Wachstum ist sowohl vom Tempo als auch von der Entwicklungsrichtung eine sehr individuelle Angelegenheit. Wie schon festgestellt, gibt es keine vergleichbaren inneren Entwicklungsprozesse, sondern äußerst individuelle Abläufe. Dennoch wirken bei den meisten, die auf dieser Heerstraße unterwegs sind, die unbewussten Mechanismen des Vergleichens weiter, und oft werden sie sogar noch zusätzlich angeheizt. 

Ein Beispiel, wie das Vergleichen Schwierigkeiten in den aktuellen Beziehungen bewirken kann: Das neu erlernte Vokabular der Selbsterforschung wird als Waffe im Beziehungskampf eingesetzt. Die Einsicht in das Gestrüpp von Dysfunktionalitäten und Neurosen, das der Blick ins eigene Innere offenbarte, offenbart nun auch die "Gestörtheit" des Beziehungspartners. Daraus erklärt sich dessen Unfähigkeit im Verstehen und Harmonieren. "Schon wieder projizierst du deine Mutter auf mich", "das machst du nur, weil du die Verstrickung mit deinem Vater noch immer nicht gelöst hast", in dieser Art wird das partnerschaftliche Streitgespräch psychologisch aufgeladen. Die "Muster" der anderen Person werden bloßgestellt, und es ist diese, die sich in ihrer Eingeschränktheit dringend und schleunigst verändern muss. Denn sie hat ja wohl das eigene Unglück verschuldet und durch ihre Unbewusstheiten die eigenen Leidenszustände verursacht. 

Der Beziehungspartner wird im Extremfall dämonisiert und pathologisiert, um sich selber als "heiler", als "normaler" und als weniger gestört darzustellen. Damit will man sich selber sicherer fühlen. Wiederum ist diese Sicherheit trügerisch, weil sie am Fundament der Beziehung rüttelt. Nicht selten kommt es gerade in der zweiten Phase des inneren Wachsens zu Beziehungstrennungen, häufig aus dem Eindruck heraus, dass sich die andere Person nicht oder nur zu wenig, bzw. in die falsche Richtung bewegt, sodass kein Zusammenklang mehr möglich erscheint. Die Schere klafft immer weiter auseinander: Auf der einen Seite ein wachstumsorientiertes Ich, auf der anderen das beharrende Du. 

 Je mehr und öfter man sich "besser" fühlt im Vergleich zum Partner, desto wahrscheinlicher wendet sich der Blick auf Ausweichmöglichkeiten. Die Qualitäten, die am Partner vermisst werden, sind ja keine utopischen Wunschträume, vielmehr gibt es Menschen, die gerade über diese Qualitäten verfügen und denen zuzutrauen ist, dass sie sie auch in eine Beziehung einbringen können. Man trifft solche Menschen in Selbsterfahrungsgruppen und anderen Veranstaltungen der Szene. Warum also in der angestammten Beziehung bleiben, wo andere mehr und Besseres versprechen? 

Erfahrene Therapeuten und Lehrer legen nahe, gerade in den turbulenten Phasen des inneren Wachsens keine weitreichenden äußeren Entscheidungen zu treffen, also keine neuen (oder zusätzlichen) Beziehungen einzugehen, keine lange bestehenden Bindungen zu beenden usw. Sie wissen, dass die im Inneren aufbrechenden Konflikte gerne nach außen verlagert werden, um hier eine scheinbare Entlastung vom Problemdruck zu erreichen. Werden solche gravierenden Lebensveränderungen vorgenommen, verschärfen sie nur die innere Belastung und verkomplizieren den inneren Weg. Manchmal kann die Empfehlung hilfreich sein, eine "Beziehungspause" einzuführen, wenn die Beziehungssituation aktuell auswegslos erscheint. Denn in der Distanz kann sich leichter aussortieren, was in die Beziehung und was zur eigenen inneren Entwicklungsarbeit gehört.

Unterschiede im Wachsen 


Tatsächlich ist es schwer, das Ungleichgewicht auszuhalten, das entsteht, wenn nur ein Partner am inneren Wachstum interessiert ist. Die Sichtweisen auf das Leben differenzieren und verfeinern sich, und stoßen auf Unverständnis, wenn sie vom Beziehungspartner nicht geteilt werden. Ebenso kommen im Zug der Innenerforschung Wünsche und Bedürfnisse an die Oberfläche, die lange Zeit zurückgedrängt oder vergessen waren, und die der Beziehungspartner, der auf das bisherige Niveau des Austausches eingestellt war, nicht gleich automatisch verstehen und erfüllen kann. 

Durch das Entdecken der eigenen Individualität werden die eigenen Konturen schärfer und prägnanter wahrgenommen und akzentuiert. Die Unterschiede zeichnen sich deutlicher ab, während häufig die Gemeinsamkeiten verblassen. Manchmal fragen dann Menschen, ob sie in einer Beziehung bleiben sollen, die immer mehr auseinander zu driften erscheint. Sie fühlen sich ausgebeutet und missverstanden, emotional unterernährt oder fortwährend abgewertet. 

Die Liebe im Relativen ist immer störanfällig, weil sie an Bedingungen hängt. Die Suche nach mehr Sichterheit in einer Beziehung ist eigentlich eine Suche nach der Liebe, die aber nur in der Bedingungslosigkeit besteht und wirkt. In den ersten Phasen des inneren Wachsens werden nur die Bedingungen verfeinert und differenziert, und es bedarf weiterer innerer Klärung, bis die Seele so weit ist, Bedingung nach Bedingung fallen zu lassen. Dann breitet sich die bedingungslose Liebe von selber aus.

Meins ist besser als deins 


Doch auch dann, wenn beide Partner an der Innenentwicklung interessiert sind, kann es zu Spannungen kommen. Besuchen die beiden die gleiche Schule oder arbeiten sie mit der gleichen Methode, kann es offen oder insgeheim zur Konkurrenz kommen, wer sich schneller und intensiver weiterbewegt. Sind die Methoden und Zugänge unterschiedlich, wird leicht ein Streit darüber ausbrechen, welche Richtung die bessere und effektivere ist. Schwachstellen der anderen Person, wie sie im Alltag auftreten, können dann als Mängel in der entsprechenden Wachstumsdisziplin dargestellt werden, um die eigene Methode und damit sich selber als besser herauszustellen.

Über das Vergleichen hinauswachsen 


Jeder tiefgehende und weitreichende innere Weg führt irgendwann zur Erkenntnis, dass Vergleiche zwischen Menschen nicht weiterhelfen. Denn sie beinhalten Bewertungen und konstruieren Konzepte, die bei der Einordnung von Menschen helfen sollen, aber gleichzeitig Gräben zwischen ihnen ausheben. Irgendwann leuchtet ein, dass solche Kategorisierungen Unrecht und Unfug sind. Sie werden der Individualität und Besonderheit jedes Menschen nicht gerecht, und sie beschränken die eigenen Wahrnehmungsmöglichkeiten und damit die innere Freiheit des Wachsens. 

Irgendwann kommt die Erfahrung dazu, dass je mehr Druck auf den Partner ausgeübt wird, sich in eine bestimmte Richtung zu bewegen, umso mehr Gegendruck erzeugt wird, gerade das nicht zu tun. Die Einsicht, durch die eigenen Bemühungen das zu erschweren, was sie bewirken sollen, ist ernüchternd. Dann kann die Hilflosigkeit, die angesichts der erfolglosen Bestrebungen entstanden ist, dem Verständnis weichen, dass der Impuls zur Veränderung nur dann wirksam werden kann, wenn er von innen kommt. So fällt es leichter, zu akzeptieren statt zu agieren. Die Erleichterung kann sich dann entspannend auf die Beziehungsgestaltung auswirken - und, wunderbarerweise, nicht so selten dazu führen, dass sich der Partner doch zu bewegen anfängt. 

Solche Erkenntnisse sind ein klares Zeichen für das Eintreten in die dritte, systemische Phase der inneren Entwicklung. Die systemische Denkweise belehrt darüber, dass sich die eigenen Beziehungsthemen nicht durch einen Partnerwechsel verändern. Sie sind das Gepäck, das wir aus den frühen Erlebnissen mit Bezugspersonen aufgeladen haben. Darin findet sich das Grundrepertoire dessen, was wir in Beziehungen einbringen können, und darauf greifen wir immer wieder zurück, vor allem, wenn wir in Stress und Anspannung geraten. 

Also steht neben der Option, den Partner zu wechseln, "weil es nicht mehr passt", auch die Option, die Verantwortung für die eigenen Anteile an den Themen zu übernehmen und für sich selbst und auch mit dem Partner zusammen Licht auf diese Themen zu werfen. In der Paartherapie, in Beziehungsgruppen oder anderen paarorientierten Veranstaltungen und Kursen treffen sich dann die wachstumsorientierten Beziehungspartner, um die Themen, die sich zwischen ihnen immer wieder auftun, zu bearbeiten. 

Das funktioniert nur dann, wenn es ihnen gelingt, die systemische Sichtweise einzunehmen. Sie führt aus den Verirrungen des Vergleichens heraus, indem sie hilft, "in die Mokkasins des Feindes" zu schlüpfen. Die Perspektive des anderen einzunehmen öffnet die Augen für die eigenen Schwächen, die sich hinter dem Sich-Besser-als-der-andere-Fühlen-Müssen verbergen. Es wird deutlich, dass in den Themen, die am Beziehungspartner stören, eigene vergessene Verletzungen festgemacht sind, die der Partner ohne Absicht aktiviert. Hier kann gelernt werden, dem Partner für das Bewusstmachen eigener Themen zu danken, statt ihn dafür zu bekämpfen oder ihn zur eigenen Sichtweise zu erziehen. 

Doch erst in der vierten Phase des inneren Wachstums wird die Kraft nutzbar, die darin besteht, die Partner in den Beziehungen in ihrer Werthaftigkeit zu schätzen, gleich ob sie sich einem Weg des inneren Wachsens verschrieben haben oder nicht. Für die bedingungslose Liebe gibt es keine Unterschiede zwischen den Menschen mehr, und jedes Bedürfnis, besser oder weiter zu sein als jemand anderer, ist verschwunden.

Donnerstag, 10. Juli 2014

Aus Unterschieden lernen

Das Wahrnehmen von Unterschieden zwischen den Menschen, das mit einer Wertung verbunden ist, führt zu inneren Problemen. Denn Menschen haben ein tiefsitzendes Bedürfnis, mit Ihresgleichen auf der Basis von Gleichheit verbunden zu sein. Jeder Unterschied, der mit einer Bewertung einhergeht, stellt eine Bedrohung dar und löst Ängste aus. Wenn einige in der Gemeinschaft anders sind und dieses Anderssein als schlechter gewertet wird, wird eine Grenze gezogen: Die einen bleiben innen, die anderen kommen an den Rand. Wer am Rand ist, läuft Gefahr, irgendwann überhaupt nicht mehr dazu zu gehören, also ausgestoßen zu werden.

Wenn wir das Leiden an den Unterschieden auflösen wollen, müssen wir zuerst verstehen, wie es zu bewerteten Unterschieden kommt. Dazu diente das Modell des inneren Wachstums. Es zeigt uns, dass der innere Impuls zum Wachsen zur Veränderung des Gefüges mit unseren Mitmenschen führt, der zunächst fast notwendigermaßen mit Bewertungen einhergeht.

Erst wenn es gelingt, diese Bewertungen zu beenden, hört auch das Leiden an den Unterschieden auf. Deshalb stellt sich hier die Frage, wie es möglich ist, aus der Falle des Bewertens auszusteigen, ohne die entsprechenden Impulse einfach zu unterdrücken oder sich das Bewerten einfach zu verbieten. Es muss ein Weg sein, auf dem sich zeigt, dass es angenehmer und lohnender ist, auf Bewertungen zu verzichten, sodass diese mit der Zeit von selber aufhören, im eigenen Innenleben eine Rolle zu spielen.

Zunächst: Es macht keinen Sinn, wenn wir uns selber dafür bewerten, dass wir Unterschiede bewerten. Besser ist es, uns bewusst zu machen, was dabei abläuft und wie wir dabei mit uns selber umgehen. Wir können aus allem, was wir tun oder unterlassen, lernen.


Lernen aus Vergleichen


Für das Vergleichen ist ein Bewertungsvorgang notwendig. Jeder Vergleich braucht einen Maßstab, an dem der Unterschied abgelesen werden kann. Ein Maßstab ist eine Bewertungsskala, auf der es Abstufungen gibt zwischen Mehr/Weniger, Besser/Schlechter, Heller/Dunkler, Schneller/Langsamer, Sympathischer/ Unsympathischer usw.

Wenn wir uns auf den Weg der Bewusstheit begeben, erkennen wir erst, wie viele Vergleichsmaßstäbe wir in uns tragen. Solche Einstufungsprogramme arbeiten die ganze Zeit, von früh bis spät. Jedes Mal, wenn wir einem Menschen begegnen, werden sie aktiv, es genügt aber auch nur, dass wir an andere Menschen denken, oder an uns selbst, schon legen wir einen Maßstab der Bewertung an.

Wir wollen ja wissen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Und dazu brauchen wir einen Vergleich mit anderen Wegen oder mit anderen Menschen, die andere Wege gehen. So machen wir uns eine Skala zwischen effektiven und uneffektiven Wegen, zwischen schnellen und langsamen, gründlichen und oberflächlichen usw. Die nächste Skala entsteht zwischen den Anfängern und Fortgeschrittenen auf einem bestimmten Weg oder auf dem allgemeinen Weg der Bewusstwerdung überhaupt. Manche Schulen erleichtern diese Aufgabe, indem sie verschiedene Grade der Einweihung oder der Meisterschaft vergeben, wie die Gürtel bei ostasiatischen Kampfkünsten.

Je tiefer wir in einen bestimmten Bereich der Innenerfahrung eindringen, desto deutlicher werden die Unterschiede zu den "Laien", den Menschen, die ihren Alltag scheinbar oder anscheinend ohne jeden Anspruch auf Selbsterforschung bewältigen. Wir, die wir uns auf dem inneren Weg abmühen, Zeit, Geld und Herzblut investieren, brauchen auch eine Bestätigung für die Sinnhaftigkeit unserer Anstrengungen. Wir holen sie uns, indem wir bestimmte Vorzüge an uns selber im Vergleich zu den Alltagsmenschen herausstreichen oder indem wir uns von solchen Leuten abgrenzen, weil wir unter ihrer "Grobstofflichkeit", "Unbewusstheit", "dunklen Energie" usw. leiden.


Übungen


Die einfachste Übung, die uns hilft, aus dem Vergleichen zu lernen, besteht darin, in jedem Menschen, der uns über den Weg läuft, sei es im Außen oder im Innen, einen inneren Kern zu sehen, der heil und unversehrt ist, hinter den Masken und Verhärtungen, die die Oberfläche bilden. Dann merken wir, dass die Unterschiede unwesentlich sind und das Gemeinsame wichtiger. Diese Übung ist zwar einfach, aber nicht immer fällt sie uns leicht. Wir hängen oft stark in unseren Gewohnheiten, Menschen nach Äußerlichkeiten einzuordnen.

Wenn wir bei jemandem "nicht weiter kommen", d.h. wenn wir an der Oberfläche kleben bleiben und kein Inneres wahrnehmen können, dann gilt es, die Erforschung dessen, was uns an der Person irritiert und abstößt, bei uns selbst zu vertiefen. Dabei kann die Übung helfen, Ähnlichkeiten zu mir selbst zu entdecken. Wenn jemand z.B. uns durch sein ungepflegtes Äußeres anwidert, dann können wir darüber kontemplieren, in welchen Bereichen wir uns selber zu wenig pflegen, oder ob es Bestrebungen und Wünsche in uns gibt, unsere möglicherweise übertriebenen Reinlichkeitsansprüche einmal nicht so ernst zu nehmen. Vielleicht entdecken wir an allem, was uns auf die Nerven geht, etwas Ähnliches, das in uns selber steckt, sei es auch nur dessen radikales Gegenteil.

Jeder Unterschied ist ein Beitrag zur Vielfalt des Lebens. Wenn wir die Bewertung weglassen, können wir die Schönheit an der Vielfalt erkennen. Wollen wir wirklich, dass jeder andere so denkt, ausschaut, empfindet wie wir selber? Das wäre ja äußerst monoton und langweilig. Unterschiede beleben und erzeugen Neues. Uniformität lähmt die Kreativität.

Wenn ich also einem Unterschied begegne, der mir auffällt, zum Denken gibt und negative Gefühle aufsteigen lässt, kann ich mich, statt gleich ein bewertendes Etikett darauf zu kleben, darauf konzentrieren, was ich an diesem Mitmenschen oder seinen Eigenschaften wertschätzen und bewundern könnte. Dann fällt es mir leichter, mit dem Phänomen Frieden zu schließen, ja, ich kann sogar noch an dem, was mir vorher ein Problem war, einen Gewinn an Lebensqualität erfahren. Zudem bin ich ein Stück weiser und menschenfreundlicher geworden.


Im Zusammenleben


Ein Problem kann sich ergeben, wenn eine Person systemisch denkt, und die andere personalistisch. Dann kommen die beiden nicht weiter. Das personalistische Denken bleibt auf sich bezogen und gibt dem anderen die Schuld am Zerwürfnis, systemisch gedacht liegt es an einem Missverständnis, an dem beide Personen einen Anteil haben.

A (personalistisch): Du musst dich ändern, damit es mir besser geht.
B (systemisch): Wie können wir unsere Interaktion besser verstehen und ändern, so, dass jeder etwas davon hat?

Die Kraft des Systemischen wirkt allerdings unterschwellig. Sie braucht Zeit, führt aber dann zu einer Entspannung, die bei der "personalistischen" Person ein implizites Wissen über das Systemische hervorruft.

Systemisch betrachtet, kann eine Person, die sich nicht verändern will, nicht verändert werden. Sie kann so akzeptiert werden, wie sie ist, inklusive ihrem Wunsch, sich nicht zu verändern und bei Gewohnheiten zu bleiben, die vom anderen als störend erfahren werden. Wenn jedoch die Erfahrung kommt, dass die andere Person auf die problematisierte Handlungsgewohnheit nicht mehr ablehnend, sondern neutral reagiert, kann sich „wie von selber“ eine Änderung einstellen. Das Unbewusste hat keinen Nutzen mehr daran, dem anderen eines auszuwischen, weil es merkt, dass die Provokation nicht mehr ankommt – wie schon Shakespeare erkannt hat: „Zum Raube lächeln, heißt den Dieb bestehlen“.

So kann durch Nachsicht und Einsicht ein Stück Frieden durch systemische Weisheit entstehen.


Die elementare Toleranzspannung


Im Grund geht es darum, eine elementare Spannung auszuhalten: Das radikale Anderssein, das aus der Einzigartigkeit jedes Menschen stammt, mit der radikalen Gleichheit, die aus dem Menschsein kommt, zusammenzuhalten. Beides müsste in jeder Begegnung, ja schon in jedem Gedanken an andere Menschen als Grundgefühl vorhanden sein. Mussten wir in tribalen Gesellschaften mit dieser Spannung für eine überschaubare Anzahl von bekannten Stammesmitgliedern zurechtkommen, sind wir heute, in der globalisierten Welt, gefordert, sie mit jedem Mitglied der Menschheit zu verbinden. Jeder Mensch darf genau so sein, wie er/sie ist, und ist gerade deshalb wesensgleich mit uns selber.

Und das ist erst der Anfang der Toleranzspannung. Da wir selber gewissermaßen unterhalb unseres Menschseins auch Naturwesen sind, braucht es diese Spannung auch im Verhältnis zu allen anderen Naturwesen. Dafür ist es erst ein kleiner Beginn, wenn wir damit aufhören, unsere nächsten Naturgenossen, die Tiere, zu verzehren.

Montag, 19. November 2012

Die Großen und die Kleinen, die Bedeutenden und die Unbedeutenden



Jeder Mensch, jede Person leistet einen einzigartigen Betrag zum großen Ganzen. Ohne dich wäre das Universum ein anderes und etwas Wichtiges würde fehlen. Solche Sätze hören wir manchmal oder sprechen sie auch aus.

Da kommt sofort der Gedanke, den wir alle in uns tragen: Wer bin ich schon? Was ich beitrage, ist doch so unbedeutend und minimal. Ich bin für die große weite Welt nur winzig und unwichtig, in der Arbeit ersetzbar, in dem, was ich kreativ mache, kennt mich niemand. Vielleicht gibt es ein paar Menschen in meiner Umgebung, die mich schätzen und lieben, für die ich etwas bedeute, aber darüber hinaus bin ich nur einer aus Milliarden.

 

Das Bedeutungs-Rating und die Agentur in uns

Wer bemisst die Größe und die Kleinheit? Wer verleiht und entzieht Bedeutung und Wichtigkeit? Welcher Instanz geben wir diese Macht über uns? Wo ist die Rating-Agentur, die bestimmt, auf welcher Stufe der Bedeutungsrangordnung wir uns befinden?

Es wirken viele kleine Agenturen, die mitwirken, dass das Bedeutungsthema weiter in uns nagen kann: Die Schulen, die Arbeitsverhältnisse, die Medien und die Freunde und Bekannten, die uns alle darauf aufmerksam machen, was noch verbesserungsfähig an uns ist und wer da schon weiter und toller ist.

All diese Rückmeldungen laufen in uns selber zusammen, in einem Teil unseres Gehirns oder unseres Wesens, das für die Selbsteinschätzung zuständig ist. Und da sind wir es eigentlich selber, die die Ratingentscheidungen treffen und publizieren, indem wir uns selber mitteilen, wie wir uns und die anderen einschätzen. Wir sind es, die die Wertungen, die andere über uns treffen, übernehmen oder ignorieren, die sich nach vorgegebenen Rangordnungen richten oder nicht.

Was wir tun können: Wir können verschiedene Rating-Agenturen einrichten, die dann in Konkurrenz miteinander treten: Ist eine zu abwertend, mobilisieren wir die andere, die unsere Potenziale besser schätzen kann. Wenn das Spiel eine Zeitlang läuft, verlieren die Agenturen insgesamt an Macht und Einfluss, bis wir ihren Einflüsterungen kein Gehör mehr schenken.

 

Das Streben und seine Illusion

Beim Thema Bedeutungsgebung wirkt der in uns eingebaute Mechanismus der Ambition: Wir wollen es weiter bringen, wir halten es nicht aus, wenn Stillstand und Stagnation herrschen, wir wollen produktiv sein und Unterschiede setzen, sodass die Wirklichkeit durch unser Wirken anders wird. Doch wirken in diesem Streben zwei Kräfte, die wir tunlichst unterschieden sollten: Die eine Richtung der Expansion, die mehr von dem will, was es schon gibt und womit uns andere vor unsere Nase wedeln: Ich bin schon so toll, wenn du so werden willst wie ich, dann mache diese Reise, besuche jene Gruppe, kaufe dieses Produkt, höre jene Musik. In dieser Richtung verlieren wir uns schnell – wir laufen Vorbildern nach, verehren und bewundern Leute, die „es geschafft haben“ und vergessen dabei auf uns selbst und auf das, was uns auszeichnet. Wir überprüfen nicht, ob das, was andere verwirklicht haben, dem entspricht, was wir aus unserem Inneren heraus wollen.

Die andere Orientierung will Neues schaffen, will etwas in die Welt setzen, was es in dieser Form und diesem Aussehen noch nicht gegeben hat, will etwas Einzigartiges beisteuern. Hier wollen wir uns nicht vergleichen mit den Großen und Bedeutenden, sondern eine Wirkung erzielen, für die es egal ist, ob sie groß oder klein ist. Das kann eine Blume sein, die wir zum Blühen bringen oder einen berührenden Satz, den wir sagen, ein Lächeln, das wir jemanden schenken, oder ein Vogelzwitschern, dem wir Beachtung schenken.

Immer wieder können wir an uns beobachten, wie sich diese beiden Bestrebungen oft bis zur Unkenntlichkeit ineinander verschränken. Dann tun wir so, als ob wir uns durch Konsumieren von Dingen selbst verwirklichen oder durch das Bewundern von anderen Leuten an Selbstwert gewinnen könnten. Wir wollen selbst in den Zustand des Bewundertwerdens gelangen, ohne zu wissen, was wir wirklich damit anfangen wollten, sobald wir es haben.

Klar, ich möchte, dass viele, viele Leute diesen Text lesen und erwarte, dass das einen größeren Beitrag zur Welt leistet, als wenn ihn nur ein paar Menschen lesen. Allerdings liegt der eigentliche Gewinn für mich nicht in der Anzahl der Rezipienten der Botschaft, sondern im Prozess des Schreibens, der meine innere Klarheit fördert. Wenn ich von jemandem erfahre, dass ihr der Text gefällt und etwas in ihrer Welt verbessert, freut mich das. Zum klärenden Schreibprozess, der mir gut tut, kommt der Aspekt des Gebens dazu, der als Anerkennung zu mir zurück fließt.

 

Die Magie der Zahlen

Wird die Freude größer, wenn die Zahl der Rückmeldungen (und potentiellen Bewunderern) größer ist? Werde ich dadurch bedeutender und wichtiger? Offensichtlich ja, weil die Zahl das Maß der Dinge ist. (Übrigens findet sich auf dieser Blogseite eine automatische Korrektur von solchen Ego-Eskapaden, da es einen Beitrag gibt, in dem ein Witz mit dem Dalai Lama (26.7.2011) zitiert wird, und aus der Statistik ist ersichtlich, dass diesen Beitrag hundert Mal mehr Menschen lesen als all die anderen Posts. So gebietet mir jeder Blick in diese Statistik die rechte Bescheidenheit, was die Bedeutung meiner eigenen Texte anbetrifft.)

Die zwei Orientierungen zeigen sich als zwei Aspekte der Freude, die ich in mir wahrnehmen kann: Der eine, der sich am Gewinn eines anderen Menschen freuen kann, der andere, der stolz ist auf die Anzahl der Anerkennungen, weniger auf die Anerkennungen selbst. Könnte nicht der liebevolle Blick einer anderen Person mehr bedeuten als Tausend Klicks von anonymen Lesern?

Sobald sich Zahlen einmischen, zeigt uns die Kenntnis der Logik der Bewusstseinsevolution, dass wir in eine Falle des materialistischen Denkens geraten sind. Es hat das illusionäre Streben der Menschen in die abstrakteste Form gebracht und damit ad absurdum geführt. Du musst mehr und mehr verdienen, besitzen, Freunde haben, verkaufen, konsumieren, Geld am Konto haben usw., um dein Menschsein zu verwirklichen. An diesem Mehr wirst du gemessen, doch dieses Mehr hat die Struktur des Immer-Zuwenig. Denn es kann nie genug sein, es gibt immer noch mehr, das erreicht werden muss. Ist dieses erreicht, gilt es, das nächste zu erreichen, ein unendliches Streben, das nur durch die physische Erschöpfung und den Tod endet, die absolute Grenze, die die Natur dem gierigen Ego setzt.

Das materialistische Denken gaukelt uns vor, dass wir an Zahlen Befriedigung finden könnten, doch ergötzen wir uns in Wirklichkeit an den Fantasien, die sich an die Zahlen knüpfen: Was könnte der Vorteil und die Befriedigung darin sein, wenn Hunderte, Tausende, Millionen an mir oder an meinen Produkten Gefallen finden? Mit jeder Null hinten dran schwillt die Fantasieblase an, scheinbar unendlich dehnbar. Doch braucht es oft nur eine andere Erfahrung, jemand, der gemein ist zu mir oder abwertend oder überkritisch, schon platzt die Blase, und mühsam muss sie wieder aufgeblasen werden.

Wie kommen wir auf diese blöde Idee, uns von der Anerkennung anderer abhängig zu machen? Wir sollten nicht vergessen, dass wir auf dieser Erde sind, um das zu tun, was aus uns selber kommt, was wir gerne machen und was uns erfüllt, gleich, ob das einige oder viele toll finden oder einige oder viele albern. Menschen sind so verschieden in ihren Fähigkeiten und Talenten, und jeder trägt das zur Buntheit der Menschenwelt bei, was aus seiner Einzigartigkeit entspringt. So auch ich, so auch du, und das können wir uns immer wieder bewusst machen, um es zu feiern. Denn dann motiviert uns das, noch mehr beizusteuern aus dieser unserer Individualität und damit die Welt noch bunter zu machen. Damit sind wir genauso wichtig und genauso bedeutend wie all die Menschen, mit denen wir uns aus schlechter Gewohnheit bloß deshalb vergleichen, damit wir uns selber abwerten können.

 

Bewunderungsübung

Wir können es zu einer Übung machen: Immer, wenn wir merken, dass wir andere, vor allem Menschen, die wir überhaupt nicht kennen, über die Maßen bewundern, ergänzen wir es mit einer Bewunderung für uns selbst. Und immer, wenn wir eine der Hochglanzpersönlichkeiten anhimmeln, ergänzen wir das durch ein Anhimmeln eines „kleinen Menschen“, der alten Frau, die ihren Einkaufskoffer rollt, des Fahrers der Straßenbahn, der gelangweilt lenkt, des Schulmädchens, das mit ihren Freundinnen plappert usw.  – all die „unbedeutenden Menschen“, die es nie in eine Schlagzeile oder auf einen Fernsehschirm schaffen werden und doch, wenn wir genauer hinschauen, all die Zelebritäten, die wir mit so viel Wichtigkeit aufplustern, in den Schatten stellen, sodass diese in einem illustren Reich der Lächerlichkeiten verschwinden können.

Hören wir auf mit den Vergleichen, die uns selber in ein minderes Licht stellen. Gibt es einen Menschen, dem wir die Macht geben, zu entscheiden, wer wichtig und wer unwichtig ist? Wenn nicht, dann brauchen wir auch niemandem die Macht geben, nach Wichtigkeits- oder Bedeutungsgraden einzuteilen, also wer weniger und wer mehr beiträgt zur Gesellschaft oder zur Menschheit. Wenn wir also allen Vergleichern die Macht nehmen (die sie ja vor allem in unseren Köpfen haben), dann lösen sich die Unterschiede und Rangordnungen auf. Alle Menschen sind gleich, jeder ihrer Beiträge zum Allgemeinen ist gleich viel wert.

(Vgl. zum Thema den Blogbeitrag vom 13.5.2012: „Zelebriere deine eigene Zelebrität“)