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Montag, 11. Mai 2026

Der Heimatbegriff in den Mühlen der Rechtspropaganda

Vollmundig nehmen Politiker und Propagandisten gerne „die Heimat“ in den Mund, um die Heimattreuen um sich zu scharen und Stimmung gegen alles Fremde zu machen. Genauer betrachtet, ist allerdings die Heimat nichts Einfaches, wie es oft suggeriert wird, sondern ein recht komplexer und vielschichtiger Begriff. Wegen seiner emotionalen Aufladung eignet er sich gut für ideologische Zwecke. Durch die Verbindung der Heimat mit der Blut-und Bodenideologie im Nationalsozialismus geriet der Begriff nach dem 2. Weltkrieg  in Misskredit. Mit dem Aufstieg von Rechtsparteien ist die „Heimat“ neulich zu einem Kampfbegriff mutiert. Die Heimat soll einen sicheren Hafen in einer unübersichtlichen Welt darstellen, dem keine Bedrohungen etwas anhaben können, solange nichts Fremdes eindringt. Da es die Zuwanderer sind, die in die eigene Heimat einsickern, sollte jede Form der Migration unterbunden werden. Nur so kann die Heimat rein und unverdorben bleiben. Dieser abgeschlossene Begriff der Heimat wird mit Identität aufgeladen – sie soll definieren, welcher Mensch man ist, was man mag und was nicht, was man will und was nicht. Außerdem soll die Heimat geliebt werden, so wie das Vaterland.

Von dieser ideologischen Seite wird also ein exklusiver Heimatbegriff propagiert – etwas, das es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Menschen sind immer ein- und ausgewandert, durch die ganze lange Geschichte hindurch. Die Bevölkerung der eigenen Heimat ist überall eine Mischkulanz. 

Denn in der Menschheitsgeschichte ist Wanderung die Regel und Bodenständigkeit die Ausnahme. Die Angehörigen der schwarzen und der weißen Bevölkerung in Nordamerika sind Nachkommen von Einwanderern. Die Ureinwohner („First Nations“) sind ebenfalls Einwanderer, nur zeitlich weiter zurück (vermutlich vor ca. 20 000 Jahren). Meine Vorfahren z.B. sind im 16. Jahrhundert aus Holland über Böhmen nach Österreich gekommen und haben dann in verschiedenen Regionen des Landes gelebt. Selbst manche Bauern, die auf eine lange Tradition auf ihren Höfen zurückblicken, sind irgendwann einmal zugewandert.

Heimat als soziale Konstruktion

In den Sozialwissenschaften herrscht der Konsens, dass es sich bei der Heimat um ein soziales Konstrukt handelt, dass sie also keine objektive Gegebenheit ist. Primär entsteht sie aus der Verbindung mit Personen, während die räumliche Dimension (der Ort, der Landstrich) sekundär ist. 

Das Heimatgefühl wird durch einen Kreis vertrauter Menschen erzeugt, die direkt, face-to-face miteinander bekannt sind. Bei Menschen, die man kennt, sind die Reaktionen vertraut, man weiß, wann man sich entspannen kann und wann man aufpassen muss. Das selbstverständliche Zugehörigkeitsgefühl ist ein weiterer Aspekt der Heimat, der soziale Sicherheit verleiht. Mit dem Begriff der Heimat sollen verschiedene Bedürfnisse abgedeckt werden, z.B. Zugehörigkeit, Kontinuität, Mitgestaltung, Verstandenwerden, die intuitive Kenntnis der Umgangssprache und der elementaren sozialen Regeln.

Heimat, Staat und Nation

Es sind also vertraute Menschen, die kleinen Kindern Sicherheit vermitteln, und das Gefühl des Vertrauens und der Zugehörigkeit wird dann auf die Orte übertragen, an denen dieses Sicherheitsgefühl entstanden ist. 

Mit dem Aufwachsen erweitert sich das Zugehörigkeitsgefühl und wird abstrakter, also immer mehr von konkreten Personen gelöst. Heimat wird dann auf das Dorf oder die Stadt, in der die Kindheit verbracht wurde, und später auf das Land und die Nation ausgeweitet. Die Länder sind aus Gebietsgrenzen gebildet worden, die im Lauf der Geschichte vor allem als Folgen von Kriegen entstanden sind. 

Der Begriff der Nation stellt eine besondere soziale Konstruktion dar, weil er die Bewohner eines Landes emotional an den Staat binden will. 

Er ist also vor allem zum Zweck der Identifikation der Einwohner mit dem modernen Staat entstanden (der erst in der Neuzeit zu einem Flächenstaat wurde). Dem Staat untergeordnet sind nun alle, die auf einem bestimmten Gebiet wohnen. Die Staatsbürger sich sollten mit diesem Begriff in größere Machtzusammenhänge einfügen und diese gegen alle Bedrohungen verteidigen – nach der Devise: „right or wrong, it’s my country“ oder z.B.: „Deutschland über alles“. 

In der Verabsolutierung der Nation zeigt sich die Ideologie des Nationalismus, der als Motivator und Mobilisator für viele Kriege eingesetzt wurde, beginnend mit den französischen Kriegen im Gefolge der Revolution von 1789 über die Weltkriege, die Jugoslawienkriege bis zum Ukrainekrieg. 

Im Nationalismus wird Nation durch die Abgrenzung von anderen Nationen definiert, meistens von denen, die benachbart sind. Sie sind die Fremden, und zwischen den Eigenen und den Fremden verläuft eine starre Grenze, die nur durch Kriege, also durch Gewalt verändert werden kann. Durch den Nationalismus werden Identitäten geprägt, mit denen die unterschiedlichen Herkünfte vereinheitlicht werden sollen.

Der Heimatbegriff der Auswanderer

Wenn Menschen auswandern, nehmen sie ihre Heimat im Kopf als geschönte Bilder und wohlige Gefühle in die neue Umgebung mit. Während sich die tatsächliche Heimat weiterentwickelt, modernisiert und verändert, wird das Bild im Kopf der Ausgewanderten oft idealisiert und auf eine frühere Zeit fixiert. Deshalb werden in der Fremde oft Traditionen, Werte und Sprachformen gepflogen, die im Herkunftsland vielleicht schon längst überholt sind. Werden die Zuwanderer in der neuen Umgebung abgelehnt oder fühlen sich abgelehnt, so wird die Identifikation mit der verlorenen Heimat umso wichtiger. Je stärker die Ausgrenzung erlebt wird, desto wichtiger ist die Rolle des Heimatbegriffs als Schutz gegen den Assimilationsdruck. Die Verteidigung der Heimat gegen Angriffe kann dann besonders aggressiv ausfallen.

Diese Reaktion zeigt sich oft in der zweiten oder dritten Generation der Zuwanderer. Die Spannung, die sich aus dem Gefühl ergibt, zwei unterschiedlichen Welten zuzugehören, wird damit bewältigt, dass die Heimat der Eltern und die dort geltenden Werte und Normen besonders starr festgehalten werden. Die Unsicherheit mit der eigenen Rolle in der neuen Gesellschaft soll durch eine Idealisierung der Herkunftsgeschichte überwunden werden.

Die Migrantenfeindlichkeit unter Migranten

Ein weiteres scheinbar paradoxes Phänomen zeigt sich, wenn früher Zugewanderte später Zugewanderte ablehnen oder wenn sie, obwohl sie selbst aufgenommen wurden, für einen Aufnahmestopp eintreten. Oft wählen sie rechte oder rechtsextreme Parteien, trotz deren Ausländerfeindlichkeit. Denn sie erhoffen sich von ihnen den Schutz ihrer mühsam erarbeiteten Position in der neuen Gesellschaft. Außerdem befürchten sie die Konkurrenz von Neuankömmlingen am Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder bei den Sozialleistungen. Oft sind sie, wie oben erörtert, traditionalistisch oder konservativ eingestellt und treten für Recht und Ordnung ein; neu Hinzukommende könnten ein Chaos anrichten, weil sie sich nicht auskennen und sich nicht anpassen können oder wollen. Wer sich schon in der Gesellschaft etabliert fühlt, sieht in den Neuen eine Gefahr der errungenen Stabilität. Deshalb sollte man ihnen mit Misstrauen begegnen.

Wer sich schon länger im Land befindet, hat ein gewisses Heimatgefühl aufgebaut, das aber noch fragil ist, weil es sehr vom Maß der Integration in die neue Gesellschaft bzw. vom Aufgenommenwerden durch die Einheimischen abhängt. Das noch nicht gefestigte Heimatgefühl wird durch neu Hinzukommende verunsichert und muss deshalb in der emotionalen Gegenreaktion durch die Abwehr der Neuen gestärkt werden.

Die guten Migranten

Viele rechtsorientierte und ausländerfeindliche Politiker haben migrantische Partnerinnen, z.B. der amerikanische Präsident, sein Stellvertreter und der Außenminister oder die Bundessprecherin der AfD. Wie geht das zusammen? Für diesen Zweck dient die Unterscheidung zwischen den guten und den schlechten Zuwanderern. Die eigenen Partner dienen als Vorbild, wie die Integration gelingen kann: Die guten Migranten passen sich nahtlos in das Bild der Heimat an, das die Tradition vorgibt. Sie geben ihre Herkunftsidentität weitgehend auf und ordnen sich der neuen Heimat mit ihren Regeln und Gebräuchen unter.

Dem migrationsfeindlichen Politiker dient die aufpolierte neue Identität der Partnerin als Feigenblatt: Wie kann man mich als Rassisten bezeichnen, wo ich doch jemanden mit fremder Herkunft geheiratet habe? 

Der ideologisierte Heimatbegriff kann für die jeweiligen persönlichen Zwecke zurechtgebogen werden. Allerdings wird er durch solche Verdrehungen immer undeutlicher und verlogener, sodass er nur mehr in realitätsfremden und geschlossenen Zirkeln und Blasen Gefühle mobilisieren kann. Dieses „Nur-Mehr“ ist freilich relativ: Es scheint, als ob immer mehr Menschen einer realitätsverweigernder Wirklichkeitssicht zuneigen und damit Fantasien nicht mehr von Fakten unterscheiden können oder wollen. 

Die schlechten Migranten

Die schlechten Migranten sind jene, die ihren mitgebrachten Heimatbegriff nicht aufgeben, sondern ihn in die neue Heimat einfließen lassen wollen. Sie lösen Ängste vor einer Überfremdung aus – dass die Minderheitskultur die Mehrheitskultur auslöscht, etwa unter dem propagandistischen Schlagwort der Islamisierung, oder noch schlimmer, des Bevölkerungsaustausches. Da der Heimatbegriff weitgehend in ein ideologisches Konstrukt umgewandelt wurde, ist er bestens dazu geeignet, irreale Ängste auszulösen und zum alles überschattenden Problem hochstilisiert zu werden. Er wird zu einem Gefäß, in das alle anderen Ängste hineinprojiziert werden können. 

Der korrumpierte Begriff der Heimat

Als Folge des ideologischen Missbrauchs wird der Heimatbegriff über kurz oder lang wieder dort landen, wo er nach dem Ende des Nationalsozialismus war – für die einen ein Hoffnungsträger für die Erlösung von allen Missständen: Wenn die Zuwanderung beendet wird, wird alles gut; für die anderen Symbol der Rückschrittlichkeit. In jedem Fall ist der Begriff der Heimat seines ursprünglichen Sinnes beraubt und politischen Machtinteressen untergeordnet. Die einen sehnen sich zurück in eine idyllische Vergangenheit à la Peter Roseggers Waldheimat, in der die Welt noch heil war. Die anderen glauben, dass die Menschheit nur dann eine Zukunft hat, wenn sie ihren Planeten als Heimat von allen begreift, sodass sie als Gemeinschaft die Überlebensprobleme der menschlichen Zivilisation angehen kann.

Zum Weiterlesen:
Migrationsmythen und die Realität
Migration und Scham
Hass im Internetzeitalter


Mittwoch, 24. September 2025

Einsamkeit und Totalitarismus

Einsamkeit und Alleinsein

Die Einsamkeit ist ein schwerwiegender Leidenszustand. Sie hat nichts mit dem Alleinsein zu tun. Wer alleine ist, ist mit sich beschäftigt und kann mit sich selbst reden. Es kann ein produktiver Zustand sein, in dem neue Ideen entstehen oder einfach die Stille genossen wird. Im Alleinsein wissen wir, dass wir leicht jemanden für ein Gespräch finden können, wenn wir es brauchen. Wir fühlen uns sicher mit uns selbst und in unserer sozialen Umgebung.

Die Einsamkeit dagegen wird belastend und quälend erlebt. Denn sie ist ein Zustand der Beziehungslosigkeit, der oft mit einer gestörten Beziehung zu sich selbst einhergeht. Da wir im Gespräch miteinander kommunikative Wirklichkeiten erschaffen, führt der Mangel an solchen Wirklichkeiten zum Zweifel an sich selbst, zu einem Verlust an Wirklichkeit und damit auch an Wirksamkeit. Dazu kommt der Sinnverlust: Sinn kann nicht aus Mangel entstehen, sondern aus dem Austausch mit anderen und aus der wechselseitigen Bestätigung, die wir uns dabei geben. Oft wird also die Einsamkeit von Gefühlen der Irrealität und der Sinnlosigkeit begleitet und erzeugt Depressionen.

Verlassensein und nicht gesehen werden

Die Wurzel der Einsamkeit liegt in einem Verlassenwerden. Jemand, der einem sehr wichtig war, ist weggegangen. Diese Erfahrung müssen alte Menschen machen, die ihre Lebenspartner verlieren. Oft sterben sie bald nach dem Tod des Partners, vor allem, wenn es ihnen nicht gelingt, neue soziale Kontakte aufzubauen, die ihrem Leben Orientierung und Sinn geben. 

Die tiefere Wurzel liegt allerdings meist in sehr frühen Erfahrungen. Seit den Forschungen zur Bindungstheorie nach John Bowlby wissen wir, dass Kleinkinder verlässliche und resonante Beziehungen zu Erwachsenen brauchen, um sich sicher zu fühlen und um gesund aufwachsen zu können. Resonanz bedeutet dabei, dass die erwachsene Person die Bedürfnisse des Kindes verstehen und adäquat darauf reagieren kann. Dann fühlt sich das Kind erkannt und in seinem Sein bestätigt. Fehlt diese Resonanz, so entsteht ein Einsamkeitsgefühl, auch wenn andere Menschen da sind: „Niemand sieht mich.“ Und: „Niemand kann mich trösten.“ Diese frühe Einsamkeit ist mit Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht verbunden. Das Kind hat den Eindruck, verlassen worden zu sein, ohne Chance, die lebenswichtigen Kontakte wiederbeleben zu können. Aber auch die Scham ist eine mächtige Begleiterin dieser schlimmen Erfahrungen. Denn das Unbewusste zieht den Schluss aus dem Nichtgesehenwerden: „Ich bin so verlassen, weil ich es nicht wert bin, von anderen wahrgenommen genommen zu werden.“ Ein existenzielles schamerfülltes Unwertgefühl prägt sich in die Seele ein.

Eine noch tiefere Quelle der Einsamkeit taucht bei Menschen auf, die im Mutterleib einen Zwilling verloren haben. Sie waren von der Empfängnis an mit einem anderen Menschenwesen aufgewachsen, in einer intensiven Beziehung. Und dann ist etwas Grauenhaftes passiert – das Zwillingsgeschwister ist verloren gegangen, ist verschwunden, und plötzlich klafft ein riesiges Loch. Es kommt zu Gefühlen von Angst, Verwirrung, Wut und Scham, und schließlich bleibt nur mehr die Einsamkeit als quälender Zustand.

Die Wiederbelebung von frühen Einsamkeitserfahrungen

Verlusterlebnisse, die später im Leben auftreten, beleben solche Früherfahrungen des Verlassenwerdens aufs Neue, und all die Gefühle von Einsamkeit, Ohnmacht und Sinnlosigkeit tauchen mit voller Wucht auf und können Erwachsene aus ihrer Lebensbahn herausreißen. Oft hindert sie die aus den Mangelerfahrungen erworbene Bedürftigkeitsscham daran, therapeutische Hilfe zu suchen. Denn die Kompensation aus der kindlichen Erfahrung der Missachtung besteht darin, das Leben alleine schaffen zu müssen.

Das wichtigste Heilungsmittel, das die Psychotherapie anbieten kann, ist die bedingungslose und wertschätzende Beziehung. Sie dient dazu, den Mangel an Resonanz durch Empathie aufzufüllen und das Fehlen des Wahrgenommenseins durch aufmerksames Zuhören auszugleichen. Dadurch kann das Leiden an der Einsamkeit durch eine neue Erfahrung der zugewandten und liebevollen Präsenz überschrieben werden. Die Schamgefühle lösen sich auf, wenn das Gegenüber vermitteln kann, dass das eigene Sein geschätzt wird und dass alle Gefühle in Ordnung sind.

Einsamkeit als Wurzel für Autokratien

Die Philosophin Hannah Arendt hat den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Totalitarismus erforscht. Sie war der Auffassung, dass die Einsamkeit eine wesentliche Bedingung für die Entstehung von totalitären Regimen darstellt. Solche Herrschaftsformen entstehen auf dem Boden von gesellschaftlicher Zerrüttung, durch die Brüchigkeit von sozialen Bindungen, die durch sozioökonomische Krisen hervorgerufen werden. Wenn die Menschen den Eindruck haben, dass ihre Regierungen nicht mehr in der Lage sind, die bestehenden Probleme zu lösen, geraten sie in Zustände von Hilflosigkeit und Ohnmacht, bei denen autokratische Herrschaftsformen als einziger Ausweg erscheinen. 

Außerdem sind Menschen, wenn sie sich einsam und verlassen vorkommen, leichter manipulierbar. Es fehlt ihnen an kritischer Reflexion, die nur im Dialog entstehen kann, und an einer konstruktiven Selbstbeziehung, durch die sie ihre Werte und Einstellungen schärfen könnten. An die Stelle der autonomen Selbstbestimmung und Verantwortungsübernahme treten Ideologien, die eine Erklärung für alle Missstände anbieten und versprechen, die Einsamkeitsgefühle durch ein kollektives Wir-Gefühl („Wir sind das Volk“) zu überwinden. Der verlorengegangene Sinn wird von der Ideologie geliefert, an die bedingungslos geglaubt wird, weil sie den Anker für die eigene Daseinsberechtigung liefert.

Vermischung von Ideologie und Religion

Besonders effektiv für diese Zwecke eignen sich Ideologien, die sich mit religiösen Glaubensformen verbinden. So wird z.B. die Putin-Ideologie von der Wiederherstellung des Sowjetimperiums von der russisch-orthodoxen Kirche unterstützt. Aktuell können wir beobachten, dass sich die rechte MAGA-Bewegung von Donald Trump von einer säkularen Ideologie zu einer sektenartigen religiösen oder pseudoreligiösen Glaubensgemeinschaft verwandelt. Die Trauerfeier für den MAGA-Propagandisten Charlie Kirk war ein religiös aufgemotztes Massenspektakel, bei dem die Grenzen zwischen Glaube und Aberglaube zum Verschwimmen gebracht wurden. 

Die Kombination von Ideologie und Religion soll die Menschen noch stärker an die Gruppe (Gemeinschaft) binden und jede Form von kritischer Reflexion überflüssig machen. Die Entindividualisierung, die in der Massenhysterie geschieht, hebt für den Moment alle Einsamkeits- und Ohnmachtsgefühle auf. Auf diese Weise werden Menschen geformt, blinden Gehorsam und kritiklose Unterordnung zu zeigen – eine gestaltbare Masse, die willenlos den Zwecken des Autokraten dient. Mit dieser Machtbasis gelingt es dann, alle, die ihre geistige Unabhängigkeit außerhalb der Ideologiegemeinschaft bewahren konnten, zu unterdrücken und mundtot zu machen. Der Einheitsstaat mit einer Ideologie, einer Glaubensform und einer einheitlich fühlenden und denkenden Bevölkerung ist der Traum aller Diktatoren, mit dem sie ihre eigenen Einsamkeitstraumen verdrängen können.

Die Geschichte zeigt, dass alle Versuche von Gemeinschaftsbildungen auf der Grundlage von autoritärer Herrschaft und religiös verbrämter Ideologie in Gewalt münden und schließlich durch Gewalt untergehen. Es scheint, dass Teile der Menschheit diese bekannten Zusammenhänge in eigenen schmerzhaften Erfahrungen erleben müssen, um von solchen Scheinhoffnungen geheilt zu werden. Der Preis ist, wie wir auch aus der Geschichte wissen, immens hoch und belastet das kollektive Gewissen auf Generationen hinaus.

Zum Weiterlesen:
Einsamkeit und Sehnsucht
Digitale Einsamkeit und Covid
Die Trennungstheorie und wie wir wieder eins mit uns werden
Essenzdenken und Gewalt
Die Verharmlosung von Diktatoren und die Demokratie


Dienstag, 20. Mai 2025

Aufklärung - der natürliche Feind rechter Ideologien

Aufklärung besteht nach Immanuel Kant in der Befreiung der Menschen aus der Unmündigkeit. Unmündigkeit bedeutet, die Verantwortung für das eigene Leben nicht tragen zu können oder zu dürfen. Die Botschaft der Aufklärung besagt, dass die erwachsenen Menschen ein Recht auf ihre Mündigkeit haben und dass dieses Recht gegen alle Bedrohungen geschützt werden muss.  Kant hat auch auf die Unmündigkeit im Denken hingewiesen – die obrigkeitliche Vorschreibung dessen, was die Menschen denken und für wahr halten sollten. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, so lautet die Losung der Aufklärung nach Kant. Er hat den Mangel an Mündigkeit vor allem auf fehlende Entschlossenheit und Feigheit zurückgeführt. Sich aus der „beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten“, hat er als schwieriges Unterfangen beschrieben. 

Kant ist aber auch auf die politischen Bedingungen eingegangen: „Ein größerer Grad bürgerlicher Freiheit scheint der Freiheit des Geistes des Volks vorteilhaft und setzt ihr doch unübersteigliche Schranken; ein Grad weniger von jener verschafft hingegen diesem Raum, sich nach allem seinen Vermögen auszubreiten. Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat: so wirkt dieser allmählich zurück auf die Sinnesart des Volks (wodurch dieses der Freiheit zu handeln nach und nach fähiger wird), und endlich auch sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln.“

Er vertritt die Auffassung, dass es einen Ausgleich zwischen den bürgerlichen Freiheiten und der staatlichen Kontrolle braucht, damit die Aufklärung gedeihen und in gemäßigten Bahnen verlaufen kann. Mehr Freiheit ermöglicht jedenfalls mehr freies Denken, und die Befreiung des Denkens führt zur würdigen Behandlung der Menschen. Ungeregeltes Denken läuft Gefahr, in die Irrationalität abzugleiten, sodass Gefühle statt dem Denken die Äußerungen dominieren. Die Folgen der schrankenlosen Meinungsfreiheit können wir an der ausufernden, von Hassbotschaften verschmutzen Landschaft auf diversen Plattformen der sogenannten sozialen Medien beobachten. Hier könnten nur staatliche Maßnahmen regulierend eingreifen. Zu viel an obrigkeitlicher Kontrolle wiederum unterdrückt die Freiheit und beschneidet die Menschenwürde.

Entmachtung von Ideologien

Die Aufklärung hat sich der Aufgabe verschrieben, Aberglaube, Irrationalität und Ideologien zu entlarven und zu entmachten. Es soll der menschlichen Vernunft die maßgebliche Rolle für die Gestaltung der Gesellschaft und des Staates eingeräumt werden. Rechtsgerichtete sind Gegner der Aufklärung, weil sie ihre Ideologie für sakrosankt erklärt haben – manchmal sogar im wörtlichen Sinn, also verbunden mit einem religiösen Anspruch. Deshalb interpretieren sie jeden Angriff auf ihre Ideologie als Angriff nicht nur auf die eigene Partei oder politische Ausrichtung, sondern gleich auf den Staat und das Volk insgesamt. Ihr politischer Kampf bemäntelt sich dann mit dem scheinbaren Einsatz für das Ganze, das sie allerdings mit ihrer Ideologie besetzt haben.

Der kritische Ansatz der Aufklärung ist also ihr natürlicher Feind. Sie droht, ihnen Die Grundlage ihres Weltbildes ist eine Ideologie, und die Aufklärung bedroht diese Ideologie und damit die Rechtfertigung ihres Weltbildes. Deshalb haben alle Rechten liberales Gedankengut, liberale Werte und die Ideen der Menschenrechte, die aus der Aufklärung entstanden sind, zu ihrem Feindbild auserkoren. Diese Feindschaft kann so weit reichen, dass die Bildungsinstitutionen unter Druck gesetzt werden, ideologische Inhalte zu vermitteln, statt kritisches Denken zu fördern.

Natürlich haben sich auch auf der linken Seite des politischen Spektrums Ideologien ausgebildet, die zum Beispiel für den Aufbau von repressiven kommunistischen Herrschaftsmodellen herhalten mussten. Andererseits ist auf der Seite der linken Intellektuellen schon früh die Ideologiekritik entstanden, mit Karl Marx, Theodor W. Adorno, Jean Paul Sartre und Louis Althusser als wichtigen Vertretern. Die Ideologiekritik steht in der Tradition der Aufklärung, die vor allem von liberalen und linken Denkern und Wissenschaftlern aufrechterhalten wird und eine Form der Selbstkritik und Selbstreinigung beinhaltet. Sie bildet eine Instanz zumindest zur Reflexion oder zur Korrektur von allen ideologischen Auswüchsen, ob von linker oder von rechter Seite.

Starrheit als Folge fehlender Selbstkontrolle

Ein Merkmal der Rechten besteht hingegen darin, in ihren Reihen über keine Korrekturmechanismen für ihre Ideologien zu verfügen. Vielmehr werden Kritiker schnell aus den eigenen Reihen ausgesondert. Allerfalls gibt es intern Auseinandersetzungen zwischen radikaleren und gemäßigten Strömungen. So sind aktuell die einzigen, die dem absolutistischen Machtkurs des gegenwärtigen US-Präsidenten Einhalt gebieten, noch radikalere Republikaner.

Das Fehlen einer ideologischen Selbstkontrolle bei den Rechten bewirkt, dass die Ideengebäude starr und monolithisch bleiben, was Anhänger anzieht, denen gesellschaftliche Änderungen und Weiterentwicklungen generell nicht geheuer sind. Da sich die Wirklichkeit beständig verändert, koppeln sich die rechten Ideologien immer weiter von ihr ab; sie kompensieren diesen Mangel damit, dass sie die Wirklichkeit solange zurechtzimmern, bis sie zur Ideologie passt. Es werden also die äußeren Bedingungen der Ideologie angepasst, indem sie so interpretiert werden, dass sie die Ideologie bestätigen; alles Widersprechende wird ausgeblendet. Für diese Umdeutung der Realität benötigen die rechten Machthaber und Interessensgruppen umfangreiche Propagandaapparate, die fortlaufend mit großem Aufwand die Unterschiede zwischen der Ideologie und den realen Gegebenheiten einebnen müssen. Wenn beispielsweise die Ideologie maßgeblich ist, dass Ausländer den eigenen Wohlstand bedrohen, müssen alle Befunde, die das Gegenteil belegen, umgedeutet oder abgewertet werden. Einzelfälle, die die Ideologie unterstützen, werden aufgebauscht, während Statistiken oder wissenschaftliche Studien unterdrückt werden, die gegen die Ideologie sprechen. Gleichermaßen wird vorgegangen, wenn es um die Kriminalität von Inländern und Ausländern geht.

Für alles Schlimme suchen die rechten Ideologien Sündenböcke, an deren Gefährlichkeit ohne jede Evidenz und gegen alle widersprechenden Fakten festgehalten werden muss, weil sonst die ganze ideologische Erzählung zusammenbrechen würde. Wenn z.B. alle gewusst hätten, dass es keine jüdische Rasse gibt und dass die Juden in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nur einen kleinen Teil des Bankengeschäftes in Deutschland kontrolliert haben, wären sie der nationalsozialistischen Propaganda nicht auf den Leim gegangen. 

Verblendung und Wiedergewinnung der Klarsicht

Ideologien dienen der Verblendung, also der Einschränkung der Klarsicht auf die Wirklichkeit, so wie sie ist. Sie suggerieren Erwartungen, wie die Realität sein soll, damit sie so wahrgenommen wird, wie es die Ideologie vorgibt. Die Aufklärung geht den umgekehrten Weg: Sie prüft die Realität und an der Realität die Ideologien. Taugt eine Ideologie dafür, die Wirklichkeit besser verständlich zu machen, sodass die praktische Orientierung erleichtert wird, oder erschwert sie dieses Verstehen und die daraus folgende Handlungsanleitung? Wenn wir der Aufklärung und ihren Maximen folgen, bleiben wir mit der Realität in Verbindung und verfügen damit über die größtmögliche Freiheit und Flexibilität für unsere Wertsetzungen und Handlungen. Außerdem orientiert sich unsere Ethik mit dieser Zugangsweise an der Menschlichkeit und am Gemeinwohl und nicht am Eigennutz, an Gruppenegoismen oder an den Interessen von Ideologien und Ideologen.

Zum Weiterlesen:
Hass, Zerstörung und Krieg
Taktiken zur Machtergreifung
Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff von rechts


Sonntag, 11. Mai 2025

Hass, Zerstörung und Krieg

Die Inder haben der Zerstörung eine eigene Göttin gewidmet. Denn die Kraft der Zerstörung ist, so seltsam es klingen mag, eine wichtige Kraft in der Weiterentwicklung des Lebens, in der Evolution. Altes geht unter, damit Neues gedeihen kann. Die Natur zerstört Leben und schafft neues Leben. Das Alte geht zugrunde, damit Neues wachsen und gedeihen kann. 

Wenn die Natur zerstört, wie z.B. bei einem Erdbeben, so gestaltet sie sich um und gibt sich sofort eine neue Form. Nach einem Lavaausbruch aus einem Vulkan beginnen irgendwann Pflanzen zu sprießen. Das Tragische oder Katastrophale bei solchen Ereignissen liegt „nur“ im Leiden der betroffenen Menschen, die unwiederbringlich ihr Hab und Gut oder ihre Liebsten verloren haben. 

Der Natur nachgemacht, kann auch jeder Mensch eine konstruktive Form der Zerstörung anwenden. Er kann in sich spüren, was ihn an sich selbst stört – schlechte Gewohnheiten, behindernde Verhaltensmuster, unethische Charakterzüge. Dann braucht er Mut, um diese Aspekte der eigenen Persönlichkeit in sich selbst zu konfrontieren, mit dem Ziel, sie dann stillzulegen, zu transformieren und neue kreative Impulse an ihre Stelle zu setzen. Das ist die konstruktive Seite am menschlichen Zerstörungstrieb.

Hass und Selbstzerstörung

Es gibt aber auch eine Zerstörung um ihrer selbst willen. Sie stammt aus der genuin menschlichen Regung des Hasses. Der Hass will das, was ihn stört, vernichten, sodass es nie mehr stören kann. Die Nationalsozialisten fühlten sich durch die Juden gestört, also wollten sie alle umbringen. Die Migrantenhasser fühlen sich durch Ausländer gestört und wollen sie alle außer Land bringen, damit sie an keiner Störung mehr leiden müssen. 

Der nach außen gerichtete Hass ist im Grund eine Abwehrstrategie gegen den eingepflanzten Selbsthass; Hass auf Objekte im Außen ist also immer auch Selbsthass, mutwillige Zerstörung vernichtet Teile der eigenen Seele. Der Selbsthass wiederum ist das Ergebnis eines von anderen empfangenen Hasses. Eltern, die sich im Grunde selbst hassen, geben ihren Hass auf ihre Kinder weiter, die dann anfangen, sich selbst zu hassen, d.h. ihre Selbstauslöschung wünschen, um den Willen der Eltern zu erfüllen. Hier führt ein Weg zu schweren Depressionen bis zum Selbstmord, die andere Richtung zur erneuten aggressiv geladenen Projektion des Hasses nach außen, der sich dann in Zerstörungswut äußern kann.

Geteilter Hass führt  zur Gewalt.

Der Hass, der dann im Inneren getragen wird, bleibt oft verborgen, bis Gleichgesinnte gefunden werden, mit deren Hilfe er nach außen gewendet werden kann. Eine Gruppe, mit der der Hass geteilt wird, entlastet von der Scham, die mit jeder Hassregung verbunden ist. Alles Lebensfeindliche ist schambesetzt; eine geteilte Scham kann jedoch leicht in Aggression und Gewalt umgemünzt werden. Die Gruppe sorgt für die Rechtfertigung, in dem sie sich einer Ideologie unterordnet, z.B. der antisemitischen oder der ausländerfeindlichen Ideologie.

Die Aufgabe von Ideologien besteht darin, die irrational gesteuerte Destruktivität aus unverarbeiteten Hassgefühlen als konstruktive Zerstörung zu tarnen. Menschen beginnen Kriege nur aufgrund von Ideologien, die die Zerstörung der Feinde als unausweichlich darstellen, damit das Leben gut weitergehen kann. Die Umwandlung der hassgeleiteten Zerstörungswut in einen geheiligten Krieg, also in einen scheinbar notwendigen Schritt zur Läuterung und Reinigung, dient zur Rechtfertigung der Gewalt und zur kollektiven Schamentlastung.

Ohne Ideologie kein Krieg

Österreich-Ungarn begann 1914 den Krieg gegen Serbien auf der Grundlage der Ideologie, für einen Mord einen ganzen Staat verantwortlich zu machen und dafür zu bestrafen. Die Entfesselung eines Weltkriegs wurde blind in Kauf genommen. Hitlerdeutschland begann 1939 den Zweiten Weltkrieg mit der ideologischen Rechtfertigung, die Schmach des Vertrages von Versailles rückgängig zu machen und Lebensraum für das deutsche Volk im Osten zu schaffen. Die USA haben sich in den Vietnamkrieg eingemischt, um die Weltherrschaft des Kommunismus zu verhindern. Russland hat die Ukraine angegriffen, um den angeblich dort herrschenden Nationalsozialismus zu beenden. Usw. 

Die Zerstörungswut kann vor allem dann schamfrei ausgelebt werden, wenn sie durch einen Gruppenkonsens als „natürliche” und notwendige Reaktion auf ein Unrecht oder eine Unmenschlichkeit erscheint. Deshalb nehmen sich politische Parteien dieser Hassimpulse an. Sie entwerfen Ideologien zur Bemäntelung und Heroisierung von pathologischen Gefühlsreaktionen. Diese sollen als beinahe naturnotwendige Eingriffe in den Lauf der Dinge erscheinen, um alles Böse wieder zum Guten zu wenden.

Kriege zerstören Menschenleben und materielle Werte. Wenn eine Rakete, die um die 1 Million gekostet hat, in ein Haus einschlägt, das 10 Millionen wert ist, dann ist, nüchtern betrachtet, der Gegenwert von 11 Millionen in Schutt und Asche verwandelt, also vernichtet. Waren Menschen in dem Haus, so ist der vernichtete Wert unermesslich höher. 

Dem aus Hass Zerstörten steht nicht Neuerschaffenes gegenüber. Irgendwann vielleicht, wenn in der Gegend wieder Friede herrscht, kann das Haus neu errichtet werden (die Kosten werden weit höher sein als die zerstörten Werte); die Menschenleben sind aber für immer verloren. Vernichtet wurden Menschenleben und Dinge, die das Leben erschaffen hat, in Form von Produkten menschlicher Arbeit (das Erbauen eines Hauses oder die Konstruktion einer Rakete samt aller dafür notwendigen Materialien), unter Verwendung von Rohstoffen aus der Natur. All das, was die Natur durch langsame Prozesse der Evolution geformt hat, wurde mit einem Schlag in lebloses sinnloses Chaos verwandelt. Massive Ressourcen verschwinden in dem Haufen der Zerstörung. Und dieser Schlag ist durch nichts anderes als durch immensen menschlichen Hass gesteuert. 

Es wird so lange Kriege unter den Menschen geben, als die Quellen des Hasses nicht trockengelegt sind – in den individuellen wie in den kollektiven Seelen. Es wird so lange Kriege geben, als die Menschen hasserfüllte Ideologien hervorbringen, verbreiten und verfolgen. Es wird so lange Kriege geben, als der unermessliche Wert jedes Menschenlebens ignoriert und Zielen untergeordnet wird, die einer unerlösten Zerstörungswut entspringen.

Zum Weiterlesen:
Die Kraft der Zerstörung
Der Hass in der politischen Fixierung
Hass und Liebe: Vom Mangel in die Fülle
Hass im Internetzeitalter
Geschlossene Systeme und der inhärente Hass


Samstag, 29. März 2025

Der Propagandatrick der Umkehrung

Die Medien präsentieren Tag für Tag schauerliche Geschichten aus der ältesten Demokratie der Welt. Unverfroren wird der Propagandatrick der Umkehrung genutzt, um die eigenen Machtgelüste zu befriedigen. Z.B. wehren sich die Grönländer gegen einen Anschluss an die USA. Doch behaupten die republikanischen Politiker, dass den Grönländern nur Gutes aus einem Anschluss erwachsen könne.  Der Präsident will seine imperialistischen Gelüste als Sicherheitsgewinn für die Welt verkaufen, während er die Sicherheit seines Landes durch die Aufkündigung der Freundschaft zu Kanada und Europa massiv beeinträchtigt. Es wird behauptet, dass Millionen US-Amerikaner Pension bekämen, die gar nicht mehr am Leben sind, dabei liegt die Fehlerquote unter 1 %, es sind also höchstens ein paar Tausend.  Führende Politiker tauschen sich in einem Chatroom über eine Militäraktion aus, und ein Journalist war irrtümlich dazu eingeladen. Als das Ganze publik wird, wird der Journalist beschimpft, statt dass die Ursachen des peinlichen Fehlers gesucht werden usw.

Wissentlich das Falsche zu sagen, ist mit Scham belegt. Mit dem Trick der Schuldumkehr wird die Person diskreditiert, die einem auf die Schliche kommt, um sie als die eigentlich Böse vorzuführen. Wenn republikanische Politiker von demokratischen Vertretern oder Journalisten auf ihre Wahrheitsverdrehungen und Lügen hingewiesen werden, ist bei den Fernseh- oder Videoaufnahmen leicht zu merken, wie sie die Scham packt und wie sie beginnen, sich zu drehen und zu winden, um dem Netz dieses Gefühls zu entrinnen. Dann kommt die erlösende Umkehrungsfloskel und die Gesichter frieren wieder ein. Auch beim aktuellen US-Präsidenten ist ein kurzes Unbehagen erkennbar, wenn er etwas Unangenehmes gefragt wird, bis sein Gehirn die Verdrehung produziert, mit der er sich aus der Schlinge der Scham winden kann: Es war alles nicht so, sondern ganz anders, und wer behauptet, es wäre so gewesen, ist ein Lügner und Verdreher. 

In der Welt von verkehrten Wahrheiten und verdrehten Werten

Mit Verkehrung ins Gegenteil wird in der Psychoanalyse die Umkehrung eines Triebbedürfnisses in sein Gegenteil bezeichnet. Beispielsweise verhält sich jemand besonders nett zu der Person, die er nicht mag oder sogar hasst. Es handelt sich um einen inneren Abwehrmechanismus gegen Gefühlsäußerungen, die sozial nicht akzeptiert sind oder negative Konsequenzen nach sich ziehen würden. Wer diese Strategie in der Kindheit angenommen und im Unterbewusstsein abgespeichert hat, kann sie dann als Erwachsener in verschiedensten Situationen anwenden, um sich aus einer unangenehmen Lage herauszureden. Das Schamgefühl hindert daran, zu sich und zu eigenen Fehlern zu stehen, also wird der Fehler in der inneren Bewertung in eine gute Tat umgewandelt oder jemand anderer als fehlerhaft angeprangert.

Realitätsverlust als Preis

Der Preis von Abwehrmechanismen besteht immer im Realitätsverlust. Die Wirklichkeit wird so zurechtgedreht, dass sie zu den eigenen Bedürfnissen passt. Auf diese Weise wird der innere Konflikt beruhigt, der aus dem Schamgefühl erwachsen ist. Die Wirklichkeit wird nur mehr durch den Filter dieser Verdrehung wahrgenommen, und jeder, der diesen Filter nicht teilt, muss bekämpft und abgewertet werden, damit die eigene verzerrte Sichtweise bestehen bleiben kann. 

Mit Hilfe dieser Abwehrstrategie gelingt es, sich als gut darzustellen, wenn man eine schlechte Tat begangen hat. Das Sich-selbst-als-gut-Darstellen ist eine erlernte Zurechtbiegung, die immer dann angewendet wird, wenn dieses Gutsein von anderen in Frage gestellt wird. 

Da dem Versteller der Mechanismus der Umkehrung vertraut ist, nimmt er an, dass alles Gute in Wirklichkeit nur verstelltes Böses ist. Er selber hat gelernt, damit zu leben und unter Umständen sogar mit dieser Taktik Erfolg zu haben. Er weiß freilich, dass das ganze Gebäude seines Selbstwertes nur auf Sand gebaut ist. Um mit dieser Unsicherheit zurechtzukommen, hilft ihm der Zynismus, zu behaupten, dass all die anderen, die sich so gut vorkommen, als die eigentlich Bösen entlarvt werden müssen. Die Entfernung zur Realität wird dadurch noch viel größer.

Nietzsches Umwertung aller Werte

Der Vorreiter dieser Haltung war Friedrich Nietzsche. Er hat die Umwertung aller Werte gepredigt, ausgehend von der Heuchelei der scheinbar Guten und Gutmütigen, unter deren manipulativer Macht er in seiner Kindheit gelitten hat. Gutes zu tun wäre eigentlich nur der Ausdruck von Schwäche. Er hat diese Haltung als Sklavenmoral beschrieben, während die ursprünglich geltende Herrenmoral, die durch Stärke, Mut und Selbstbestimmung gekennzeichnet ist, vor allem durch das Christentum entmachtet worden wäre. Der Hauptduktus seines Denkens, das er mit virtuoser Sprachgewalt zu Papier gebracht hat, war die Ausformulierung der Abwehrform der Verkehrung ins Gegenteil. 

Die Ideologie der „dunklen Aufklärung“

Darin liegt der Grund für die Übernahme vieler seiner Theorien in das Ideologiegebäude des Nationalsozialismus. Wir erleben zurzeit eine Art Renaissance dieser Ideologie, im Gewand des 21. Jahrhunderts, d.h. weniger mit offensiv brutaler Gewalt, dafür umso gründlicher. Der Blogger Rainer Hofmann kennzeichnet diese Richtung, wie sie in den USA zur Dominanz gelangt ist: „Die Ideologie wirkt wie ein Gemisch aus Silicon-Valley-Zynismus, faschistischer Ästhetik und feudaler Machtfantasie. Sie will keinen Diskurs. Sie will Kontrolle. ... Was sie planen, ist keine Regierung. Es ist ein Konzern mit Exekutivgewalt. Eine Maschine. Und sie läuft bereits.“

Die Macht liegt nicht bei Schlägertruppen, sondern bei den Beherrschern der Algorithmen, mit denen die Meinungen gesteuert und die Ideologie in Wahrheit umgemünzt wird. Sie beruht auf dem Geld von Milliardären, die die Propagandisten und Politiker finanzieren, die dann einer elitären Regierungsform zum Durchbruch verhelfen sollen. Das „Volk“ wurde so gut zurechtgerichtet, dass es auf demokratische Weise den Totengräbern der Demokratie die Macht verliehen hat.

Nun wird das Terrain freigeräumt für eine systematische Verkehrung ins Gegenteil, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Dagegen ist der nationalsozialistische oder der SED-Propagandaapparat primitiver Schnee von gestern. Auch die russischen Wahrheitsverdrehungen wirken plump im Vergleich zu der Welle an Desinformation, Machtmissbrauch und Manipulation, die tagtäglich neue Bestätigungen für die Richtung liefert, in die die neuen Mächtigen im mächtigsten Land der Welt mit aller Konsequenz und voll von Zynismus fortschreiten.

Verdrehungen rückgängig machen

Wenn wir nicht in den Sog dieser Entwicklung geraten wollen, brauchen wir eine wache Unterscheidungskraft, die uns zeigt, wo die Wahrheit verzerrt und verdreht wird, wo das Gute als Böses und das Böse als Gutes angepriesen wird, wo Fantasien als Fakten verkauft werden und schließlich auch das Hässliche als das Schöne präsentiert wird. Wir erleben einen gigantischen Versuch der Umwertung aller Werte, finanziert von Techmilliarden, angestiftet von verbohrten Ideologen und verbreitet von verblendeten Meinungsmachern in den Zentren der sogenannten sozialen Medien. Die Moral wird umgeschrieben, sodass sie den Zielen der Macht und der oligarchischen Interessen untergeordnet werden kann. Die Wahrheitsfindung wird ebenfalls von den Mächtigen gesteuert, die darüber bestimmt, was wahr und was falsch ist. 

Es gibt den Fortschritt in der Moral und es gibt die Fortschritte trotz der Rückfälle in vormoderne Machtstrukturen. Doch war der Gegenwind gegen die Errungenschaften der Aufklärung mit der Durchsetzung fundamentaler Menschen- und Freiheitsrechten noch nie so stark und so mächtig wie in unseren Tagen. Die Herausforderung stellt sich für alle, die die Fackel des Fortschritts weitertragen wollen: Das Böse zu benennen, auch wenn es sich als Gutes verkleidet hat; das Falsche zu kritisieren, auch wenn es sich als das Wahre zeigt; die Macht in die Schranken zu weisen, wenn sie die Freiheiten einschränken und die Privilegien der Mächtigen ausbauen will; die Zuversicht aufrechtzuerhalten, die den langen Atem und die Kraft gibt, die Zeiten der „dunklen Aufklärung“, wie die Ideologie heißt, durchzustehen und der Wirkmacht des Lichts der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen. Jede Verdrehung soll zurechtgerichtet werden, jedes zweifelhafte Faktum soll seine Überprüfung finden, jede Flucht von Tätern in die Opferrolle soll ihre Aufdeckung erfahren. Es sind herkulesartige Herausforderungen, den „Saustall des Augias“, den Mist in den Kommunikationsräumen zu beseitigen. Wir können sie gemeinsam meistern.

Quelle: Blog von Rainer Hofmann

Literatur: Sylvia Sasse:Verkehrungen ins Gegenteil. Über Subversion als Machttechnik. Matthes und Seitz, Berlin 2023

Zum Weiterlesen:
Fortschritte trotz Rückschritten
Moralischer Fortschritt
Taktiken zur Machtergreifung
Muster der rechtsorientierten Propaganda


Dienstag, 10. September 2024

Petromaskulinität: Toxische Männlichkeit und Klimazerstörung

Immer wieder fällt auf, dass sich beim Thema Klimaschutz aggressive Abwehrlinien zeigen, sobald es um Autos mit Verbrennermotor geht und dass es vor allem Männer sind, die sich persönlich bedroht fühlen, wenn das Aus für diese Antriebsart gefordert wird und die sich deshalb für die oft unseriös geführte Kritik an der E-Mobilität engagieren. Es handelt sich dabei um Personen, die eher konservativen oder rechten Parteien zugeneigt sind und autoritären Führern folgen oder ihnen zumindest teilweise Glauben schenken. Mit diesen Einstellungen ist zusätzlich noch häufig eine offene oder verdeckte Frauenfeindlichkeit verbunden.

Cara New Daggett ist in ihrem Buch „Petromaskulinität“ diesen Zusammenhängen nachgegangen. Bei dieser Thematik wirken verschiedene Faktoren zusammen: Toxische, also in der patriarchalen Ideologie wurzelnde Männlichkeit, Autoritarismus, Ausplünderung der fossilen Brennstoffe. Es sind mächtige Faktoren, die vor allem mit den Mitteln der Desinformation den Kampf gegen die Erderwärmung und ihre Auswirkungen untergraben wollen. Daggett nennt dieses Konglomerat eine „desaströse Konvergenz“. Alle diese Faktoren sind in den Programmen und Reden der rechtsorientierten Parteien versammelt und bilden dort zusammen mit dem Migrationsthema das Zentrum der Propaganda und die Zielrichtung der angestrebten Gesellschaftsveränderung. 

Die Unterdrückung des Begehrens

Die psychologische Dynamik bei dieser Konstellation wird in der Analyse von Daggett durch den Begriff des „Begehrens” bestimmt, den sie von Klaus Theweleit („Männerphantasien“, erschienen 1977 – „der Klassiker über die seelischen Grundlagen des Faschismus“) übernommen hat. Theweleit argumentiert in seiner Analyse der faschistischen Freikorpskämpfer in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg, dass die Industrialisierung zur Entgrenzung der Produktionsmöglichkeiten geführt hat (auf Kosten vor allem der  fossilen Ressourcen, wie wir heute wissen), dass dieser Prozess aber nur deshalb erfolgreich war, weil parallel dazu die „Entfaltung der menschlichen Lüste“ begrenzt und eingedämmt wurde. Das Ausleben des lustbetonten Begehrens ist für den Kapitalismus nur interessant, wenn daraus neue Arbeitskräfte hervorgehen. Die männlichen Körper und ihre Triebenergien müssen nach dieser Logik durch einen autoritären Staat eingedämmt werden, damit diese Kräfte zur Gänze der Güter- und Profitproduktion dienen können. Männlichkeit ist mit Härte verbunden, mit Rigidität und Starrheit. Theweleit spricht vom „soldatischen Damm-Mann“, der als Schutzwall gegen alles Stand hält, was fließt und überfließen könnte. Mit dem Fließen ist das Weibliche assoziiert, das dem Damm-Mann Angst macht. Fließen darf nur die Produktion (oder die Förderung von fossilen Brennstoffen); begehrt wird statt der Frau, die eine ungezügelte Lust und das Eintauchen in ein hemmungslosen Vergnügen verspricht, der autoritäre Staat, der das Fließen im Außen garantiert und die innere Triebunterdrückung belohnt. Das Fließen und Strömen, das in der Hingabe an das Weibliche erfahren werden könnte, würde die Härte aufweichen und zu Verletzlichkeit und Schwäche führen. Es herrscht die Angst, dass die Stärke, die in der Starrheit aufbewahrt ist, dadurch aufgezehrt wird, gewissermaßen aufgeweicht und dann weggeschwemmt von der weiblichen Flut begehrlicher Gefühle.

Der Frauenhass, der in diesen seelischen Konstrukten Wirkung entfaltet, ist nichts als der Ausdruck der männlichen Angst vor dem verbotenen Begehren. Die Ersatzbefriedigung wird in der Destruktivität gefunden. Die erstarrte Stärke des Damm-Mannes kann sich nur aggressiv ausdrücken. Sie zeigt sich in der Gewalt gegen Frauen, im schlimmsten Fall als Femizid. Stellvertretend für die Aggressionen auf reale Frauen wirkt die Zerstörungswut gegen die Natur, gegen das Symbol des Weiblichen. Je unsicherer das Verhältnis zur eigenen Männlichkeit ist, desto stärker ist die Neigung zu Dominanz und Aggressivität. Die Verfügung über PS-starke und laute Motoren in Autos, Flugzeugen, Motorrädern und Jachten drückt diese beiden destruktiven Energien aus.

Die Faszination des schwarzen Goldes

Im englischen Wort für Benzin, „petrol“ steckt das lateinische Wort für Stein (petra), also für das Harte; aber im Zusammenklang mit „oleum“ (Öl) zeigt sich das Fließende, das schwarze Gold. Das Erdöl, das Flüssige, das aus dem Harten und Festen kommt, entfaltet seine Kraft im Verbrennen. Diese Kraft verheißt dem modernen Menschen (Mann) Macht bis hin zur Weltherrschaft. Deshalb kämpfen vor allem Männer um den Zugang zu diesem Rohstoff. 

In dieser Machtverheißung liegt die Anziehungskraft der Verbrennungsmotoren für die verängstigte und verunsicherte Männlichkeit, die im Leistungs- und (Selbst-)Ausbeutungswahn gefangen ist. Die Identifizierung mit der scheinbar unendlichen Kraft und Macht, die aus dem Verbrennen kommt, wird zum Rettungsanker, der die Sicherheit vor den unheimlichen Mächten des Fließens verspricht und die patriarchale Dominanz aufrechterhalten soll. 

Im Prozess des Verbrennens wird durch die Destruktion von Natur Platz für Neues geschaffen. Diese Form der Weiterentwicklung, in der immer ein Moment der Zerstörung und der Gewalt enthalten ist, gilt als das einzige Form, mit der das Schlechte erfolgreich beseitigt werden kann. Die Form einer langsamen, evolutionären Veränderung wird ebenfalls mehr dem Weiblichen zugeordnet und genießt deshalb wenig Vertrauen beim abgehärteten Mann. Das Feuer steht dagegen für eine schnelle und nachhaltige Vernichtung von allem, was der männlichen Macht im Wege steht.

In dieses Spektrum passt der Befund aus Befragungen, dass Männer klimawandelskeptischer sind als Frauen und dass sie eher zu rechtsgerichteten Parteien tendieren, die lieber von „Klimahysterikern“ reden als sich um die Folgen und die Opfer der Klimaveränderungen zu kümmern. Der FPÖ z.B. ist das Thema nicht einmal ein Absatz in ihrem Wahlprogramm wert. Viele Männer sind blind für den Zusammenhang zwischen den Profitinteressen der Fossilindustrie und deren zerstörerischen Auswirkungen auf das Weltklima. Sie identifizieren sich mit der Macht, die durch das Verbrennen von Öl entsteht, ohne zu merken, dass die Profite, die sie mit ihrem Engagement fördern, nur wenigen Privatpersonen zugutekommen, während sie selber an den Auswirkungen der Zerstörung der Erdatmosphäre leiden müssen. Sie ignorieren die Einsicht, dass diejenigen, die am wenigsten zur Klimazerstörung beitragen, am meisten davon betroffen sind, sowohl innerhalb der Staaten als auch weltweit. Und sie verstehen nicht, dass, wie im Kapitalismus üblich, Private die Profiteure der Zerstörung sind und die Allgemeinheit, also vor allem die „kleinen Leute“ die Kosten für die angerichteten Schäden tragen müssen. Die zerstörerischen Folgen für die Lebensqualität und Gesundheit von Milliarden Menschen sind den Leuten, die Tag für Tage Milliarden an der Verbrennung fossiler Brennstoffe verdienen, völlig egal und sie haben auch keine Skrupel, durch systematische Desinformation Anhänger zu finden, die sich als nützliche Idioten an die Propagandamaschinerie der Klimaleugner anhängen.

Fossile Rohstoffe und autoritäre Regierungsformen: Begehren, was beherrscht und ausbeutet

Privilegien und Profite, die durch die Ausbeutung fossiler Rohstoffe entstehen, können am besten dadurch abgesichert werden, dass ihre Nutznießer autoritäre Regierungsformen anstreben und faschistische oder andere demokratiefeindliche Parteien fördern, die sich diesem Ziel widmen. Die Verbrennerideologie dient mit dem Einsatz von riesigen Summen dem Zweck, Personen und Personengruppen zu mobilisieren, sich für die Interessen der fossilen Industrie einzusetzen. 

Dazu passt das Zitat von Michel Foucault über den Faschismus, „der uns die Macht lieben und genau das begehren lässt, was uns beherrscht und uns ausbeutet.“ Mit dieser Täuschung gelingt es, Menschen mit geringem Einkommen dazu zu bringen, Politiker zu wählen, die ihnen noch mehr wegnehmen, indem sie die Steuern der Reichen senken und die Armen belasten. Viele Menschen unterstützen die Propaganda der Ölfirmen gegen Windkraft, Wärmepumpen, Solarstrom oder E-Autos, obwohl kein Cent der 5 Milliarden $, die die Förderung fossiler Brennstoffe pro Tag abwirft, in ihre Taschen fließt und obwohl sie unter den Folgen des schleppenden Einsatzes gegen die Erderwärmung zu leiden haben. Oder sie unterstützen politische Richtungen, die mit ihrer verbrennerfreundlichen Politik aktiv das Untergraben der Lebensbedingungen auf dem Planeten fördern. Es gibt genügend Frauen, die frauenfeindliche und von toxischer Männlichkeit infizierte Propaganda oder Witze verbreiten und meinen, sie tun damit Gutes. Selbst die besessene Verherrlichung von hypermännlichen Idealen wird von manchen Frauen geteilt oder bewundert. 

Psychologisch betrachtet steckt hinter den männlichen Machtansprüchen die „tief liegende Angst angesichts der sozialen Fragilität von Maskulinität sowie das allen gemeinsame Gefühl, diesem Ideal persönlich nicht gerecht geworden zu sein.“ (Daggett S. 31) Auf das Gaspedal zu drücken und das Aufheulen des Verbrennermotors zu hören, der dem eigenen Willen gehorcht, verleiht ein Gefühl von Macht, das eine momentane Überlegenheit und Unantastbarkeit verspricht. Es sind ein überhöhtes* Selbstbild und eine Scheinsicherheit, die auf einer Weise der Zerstörung natürlicher Ressourcen beruhen, mit der zugleich die Erdatmosphäre in Mitleidenschaft gezogen wird, mit der also doppelter Schaden angerichtet wird.

* Nicht zufällig steigen die Verkaufszahlen der umweltschädlichen SUVs, in denen der Fahrer höher thront als die Konkurrenten auf der Straße.

Literatur:

Cara New Daggett: Petromaskulinität. Fossile Energieträger und autoritäres Begehren. Berlin: Matthes & Seitz 2023
Christian Stöcker: Männer, die die Welt verbrennen. Der entscheidende Kampf um die Zukunft der Menschheit. Berlin: Ullstein 2024

Dienstag, 16. Juli 2024

Faschismus - eine Annäherung an den Begriff

Rechtsextreme Strömungen sind im Aufwind, lesen wir jeden Tag. Woran erkennen wir, zu welchem Teil des politischen Spektrums eine bestimmte politische Partei gehört? Und was hat der Begriff Faschismus damit zu tun? In der aktuellen Debatte werden immer wieder den Begriff des Faschismus verwendet, ohne dass es klar ist, was damit gemeint ist. Denn auch die Rechte nutzt den Begriff, indem sie z.B. vom Woke-Faschismus oder vom Linksfaschismus spricht. Wir werden uns deshalb hier etwas eingehender mit dem Faschismus und seinen Grundelementen beschäftigen und dazu auch psychologische Hintergründe beleuchten. Damit kann mehr Klarheit geschaffen werden, um den Begriff treffsicher und sinngetreu zu verwenden, statt ihn bloß als Waffe im ideologischen Kampf zu benutzen.

Ich nutze hier eine Sammlung von zentralen Elementen, mit denen Jason Stanley, Philosophieprofessor in Yale, in einem Artikel im Standard den Begriff „Faschismus“ bestimmt hat. Wie wir wissen, stammt der Ausdruck aus Italien, wo er nach dem ersten Weltkrieg von Mussolini und seinen Parteigängern geprägt wurde. Er kommt aus der römischen Bezeichnung für die Rutenbündel der Liktoren, den fasces. Diese symbolisierten seinerzeit die Macht über Leben und Tod.

In der historischen Forschung ist der Begriff umstritten, weil er nur von Mussolinis Partei verwendet wurde. Doch gibt es gerade in der Zwischenkriegszeit eine Reihe anderer Bewegungen, die sich am italienischen Faschismus orientiert haben. Auch heute noch übt das Modell für viele eine große Anziehung aus, obwohl sich die Zeitbedingungen sehr verändert haben. Es sind aber die emotionalen Kernthemen, die unverändert attraktiv sind.

1) Das erste Element des Faschismus besteht in der Verklärung einer mystischen oder mystifizierten Vergangenheit. Was war, war auf geheimnisvolle Weise besser und muss deshalb wiederhergestellt werden. Alles, was schlecht in der Vergangenheit war, wird ausgeblendet und in die Gegenwart eingeblendet. Damit werden rückwärts gewendete Sehnsüchte von Menschen bedient, die glauben, dass sie im Vergleich zur Vergangenheit verloren haben – an Wohlstand, Sicherheit, Status. Es handelt sich im Grund um eine Form der Verklärung der Kindheit, die besonders bei Menschen auftaucht, die eine schwere Kindheit hatten, aber sich einbilden und einreden können, dass sie wunderbar war. Die Verdrängung des Leides der Vergangenheit wirkt in diesen Fällen so, dass Leid nur in und an der Gegenwart wahrgenommen wird.

2) Das zweite Element besteht im hemmungs- und schamlosen Einsatz von Propaganda, bei der es nicht um Wahrheit geht, sondern um den Gewinn von Sympathie. Fakten zählen nicht, wichtig ist nur, dass Anhänger mobilisiert und abhängig gemacht werden. Sie sollen auf einer emotionalen Ebene erreicht werden, indem ihr Zorn und Hass durch manipulierte Informationen mobilisiert wird. Dazu ist jedes Mittel recht. Lügen und Faktenverdrehungen werden systematisch und skrupellos eingesetzt. 

Wer von Kindheit an gewohnt ist, manipuliert, belogen und getäuscht zu werden, verliert das Gespür für den Unterschied zwischen wahr und falsch und glaubt, dass jeder Mensch egoistisch mit allen Mitteln der Wahrheitsverdrehung zu seinem Vorteil kommen will, und deshalb bleibt einem selbst nichts anderes übrig, als genauso vorzugehen. Selbstsüchtige Eltern prägen selbstsüchtige Kinder.

3) In die gleiche Kerbe schlägt das nächste Element, der Anti-Intellektualismus. Alle, die im Bildungssystem zu kurz gekommen, benachteiligt oder abgewertet wurden, finden ein Ventil für die Kränkungen im faschistischen Affekt gegen die „Eliten“, die Oberen, die Besserweggekommenen, die überheblichen Besserwisser. Sie sollen gedemütigt und entmachtet werden, als Rache für die eigenen Frustrationen. Der Generalverdacht und die Feindschaft gegen die Wissenschaften haben hier ihre Wurzeln.

Statt wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu nutzen, wird an Verschwörungstheorien geglaubt, die einfache Welterklärungsmodelle liefern, z.B. eine kleine Gruppe von Menschen regiert heimlich die ganze Welt. Abgesichert werden diese Theorien mit paranoiden Konstruktionen: Alles, was der Theorie widerspricht, oder alle, die dagegen sind, sind selber Teil der Verschwörung. Es gibt keine Korrekturmöglichkeiten bei diesen Theorien, sie gelten absolut und geben deshalb eine Sicherheit gegenüber den Wissenschaften, die alles in Frage stellen.

4) Beim nächsten Element geht es um die Betonung gesellschaftlicher Hierarchien, also um eine klare Abstufung von Über- und Unterordnung. Die Gedanken von Gleichheit und Gleichberechtigung werden abgelehnt, weil sie Unsicherheit erzeugen. Hier drückt sich der Wunsch nach einer eindeutigen Elternautorität aus, die in der Kindheit gefehlt hat. Die Demokratiefeindlichkeit der Faschisten ist die größte Gefahr, die von ihnen ausgeht, denn sie will der Willkür, die sich hinter den Bestrebungen nach klaren Hierarchien versteckt, Tür und Tor öffnen.

Demokratie wird in der Kindheit gelernt, oder sie wird nicht gelernt. Eltern, die ihre Kinder grundsätzlich achten und ihnen auf verschiedenen Ebenen als gleichrangig begegnen, geben ihren Kindern ein Wert- und Toleranzgefühl mit, das ihnen hilft, intuitiv die Grundidee der Demokratie zu verstehen. 

5) Daran reiht sich das nächste Element an: Der Ruf nach Recht und Ordnung. Da die Gegenwart als unsicher erlebt wird, muss die Exekutive gestärkt werden, die jede Störung der vorgegebenen Ordnung unterbindet. Damit soll die Gesellschaft auf ihrem gegenwärtigen Stand eingefroren werden, weil jede Veränderung noch weiter von der heilen Vergangenheit wegführen würde. Die Beschwörung von law and order kann so weit gehen, dass die rechtsstaatlichen Normen oder die Menschenrechte missachtet werden (vgl. den Ruf nach der Aufhebung des Asylrechts, der von rechtsgerichteten Parteien erhoben wird, oder die Eingriffe in die Unabhängigkeit der Rechtsinstanzen in Ländern, die von rechten Parteien regiert werden, oder der Sturm auf das Kapitol nach der Abwahl von Trump in den USA).

Erwachsene, die als Kinder in einem Regime von absolut geltenden Regeln aufgewachsen sind, neigen einerseits zur Rebellion und andererseits zur Unterordnung. Die faschistische Richtung deckt beides ab: Rebellion gegen die „Eliten“, also die ungerechten und selbstsüchtigen Eltern, und Unterordnung unter die Partei oder die Führer, die die guten Eltern repräsentieren, die man sich immer gewünscht hat.

6) Faschisten und Anhänger des Faschismus fühlen sich immer in einer Opferrolle – historisch betrachtet als Angehörige einer Nation, der Ungerechtigkeit widerfahren ist, oder sozial als Mitglieder einer Schicht oder Gruppe, die benachteiligt ist. Die angenommene Opferrolle kann nur durch die Übernahme einer Täterrolle ausgeglichen werden, und das ist die Wurzel der Gewaltbereitschaft, die Teil aller faschistischen Bewegungen ist.

Auch hier ist wieder einsichtig, dass die Opfererfahrung als Kind (z.B. durch eine Form des Missbrauchs) auf die eigene Gesellschaft als ganze übertragen wird.

7) Das nächste Element bezieht sich auf die Rolle der Sexualität. Hier wird einem patriarchalen Muster gefolgt, das in diesem Bereich Sicherheit geben soll. Es bleibt die Welt der Männer starr getrennt von der Welt der Frauen, und ebenso starr soll die Machtverteilung mit der Bevorzugung der Männer bestehen bleiben. Deshalb werden alle Bestrebungen des Feminismus ebenso bekämpft wie die Homosexualität und alle nichtbinäre Formen sexueller Orientierung. 

8) Ähnlich wie die Verklärung der Vergangenheit wirkt die Verherrlichung des Landlebens, das mit einer „natürlichen“, „gesunden“ Lebensform in Verbindung gebracht wird. Aus den Städten kommt alles Schlechte, sie sind der Ursprung von allem Unheil und vom Verfall der Sitten. Das wirkt wie ein Nachhall aus der Entstehung des Kapitalismus, durch den viele ihr Land verlassen mussten, um in den Städten Arbeit zu finden und in erbärmlichen Wohnverhältnissen zu leben. Das Leben am Land wird als Idyll gesehen, wie eine schöne Kindheit, die es nie gegeben hat oder die für immer verloren ist. 

In diesem Aspekt knüpft der Faschismus an die Strömungen der Romantik an, die zu Beginn der Industrialisierung mit der Idealisierung der Vergangenheit und des ländlichen Glücks ein melancholisches Zeitgefühl wiedergegeben haben. Die Romantik war im 19. Jahrhundert aber mit dem Liberalismus in der Ablehnung von autoritären Obrigkeiten verbündet. Dieser herrschafts- und machtkritische Aspekt ist in der faschistischen „Romantik“ völlig verschwunden.

9) Schließlich gibt es in der Vorstellungswelt der Faschisten einen klaren Unterschied zwischen den „Anständigen“ und „Fleißigen“ und den „Unanständigen“ und „Faulen“. Die Anhänger dieser rechtsextremen Richtung sehen sich auf der einen, der sauberen Seite und verachten die anderen, die sich nicht ihren Vorstellungen von Rechtschaffenheit und Fleiß fügen, die allerdings oft nur oberflächlich behauptet und vertreten werden. Denn auch Vertreter des Faschismus, die den Anstand im Mund führen, verhalten sich oft schamlos, wenn es um Gewalt oder Sexualität geht, oder liegen auf der faulen Decke, ohne zu merken, dass sie auf der Seite jener gelandet sind, die sie verachten. Das binäre, dichotome Schema ist typisch für ein faschistisches Weltbild, das immer eine Eindeutigkeit vorgeben möchte, die es in der Wirklichkeit nie gibt.

10) Mir erscheint noch ein weiteres Merkmal wichtig: Die Abneigung gegen Kunst, vor allem was ihre modernen Strömungen anbetrifft. Offenbar bedrohen Kunstrichtungen, die die normalen Wahrnehmungsgewohnheiten herausfordern, das Sicherheitsgefühl, das für Menschen mit faschistischen Neigungen das wichtigste ist. Außerdem kann die Kunst nie in ein Schwarz-Weiß-Schema von Gut und Böse eingepasst werden, wie es von Faschisten bevorzugt wird, sondern sie hat die Aufgabe, die Übergänge, Schattierungen und Nuancen darzustellen und dadurch die Rahmensetzungen, die durch die Konventionen errichtet wurden, zu überschreiten und zu sprengen. Die Verunsicherung, die jede Form von lebendiger Kunst auslösen will, ist allen Faschisten ein Dorn im Auge. Die Ursache für den Hass auf neuartige Kunstwerke kann in der Unterdrückung der kindlichen Kreativität durch verständnislose Eltern gefunden werden.

Aus all diesen Elementen wird klar, dass der Faschismus mit der Demokratie nicht verträglich ist. Genauer gesagt, sind seine Programme antidemokratisch. Alle faschistischen Bewegungen streben danach, die Macht bei sich zu monopolisieren, um dann die Demokratie abschaffen zu können, die durch ein autoritäres System ersetzt werden soll. Deshalb können demokratische Systeme nur dann überleben und weiterentwickelt werden, wenn der Einfluss der Rechtsparteien zurückgedrängt und verkleinert wird. Unabhängige Medien, die der Faktizität verpflichtet sind, unabhängige Wissenschaften, die die hohen Standards der Forschung folgen, und das Aufwachsen von jungen Generationen, die die Werte der Freiheit und Toleranz zu schätzen wissen und gegenüber propagandistischen und ideologischen Verführungen eine kritische Distanz wahren können, sind Garanten für den Fortbestand der Demokratie und für die Eindämmung der rechten Demokratiefeinde.

Der Faschismus und die mit dieser Ideologie verbundenen Rechtsparteien können außerdem wegen ihrer Rückwärtsgewandtheit und Wissenschaftsfeindlichkeit keine Lösungen für aktuelle und für voraussehbar kommende Probleme anbieten. Empirisch konnte nachgewiesen werden, dass rechtsgerichtete Regierungen in der Regel mit ihrer Wirtschaftspolitik die soziale Ungleichheit verstärken, also die wirtschaftliche Lage ihrer Anhänger verschlechtern. Rational betrachtet, gäbe es für niemanden einen Grund, rechte oder faschistische Parteien zu wählen. Deshalb liegt die einzige Chance für faschistische Strömungen, um an die Macht zu kommen, darin, die Gefühle der Menschen mit allen Mitteln der Propaganda und des systematischen Lügens zu manipulieren. Und deshalb liegt das Hauptgegengewicht gegen die rechten Strömungen nicht nur in der Aufrechterhaltung der Rationalität und des vernunftgeleiteten Diskurses, sondern auch in der Bewusstmachung und Aufarbeitung der emotionalen Hintergründe und Triebkräfte, die Menschen nach rechts abdriften lassen.

Freitag, 30. Juni 2023

Der "Mainstream" als Kampfbegriff

Mit dem Begriff „mainstream“ bezeichnen wir einen Trend, eine Mehrheitsmeinung, eine Strömung in der Gesellschaft. In der Kultur wird er oft für den Populargeschmack verwendet, also für das, was den meisten gefällt. Es kommt dann immer wieder dazu, dass sich Gegenströmungen entwickeln, die dem populären Massengeschmack entgegen gerichtet sind, wie z.B. die Punk-Bewegung, die sich als Kontrast zur Pop-Kultur verstanden hat. Alles, was dem Mainstream zugeordnet wird, ist aus der Sicht der neuen Richtung per se schon schlecht. 

Es ist die Dynamik von Durchschnitt und Avantgarde, die sich in vielen kulturellen Phänomenen widerspiegelt und die die kulturelle Entwicklung vorantreibt. Die Minderheiten werden zunächst kritisiert und angegriffen, was sie zu einer weiteren Radikalisierung treibt, bis das Neue irgendwann in den Mainstream übernommen wird. Zerschlissene Jeans waren zunächst Notwendigkeiten für arme Menschen, die sich keine neue Kleidung leisten konnten, dann der provokante Ausdruck des Außenseitertums in einer Protestbewegung und schließlich ein Modeaccessoire, mit dem sich die Wohlhabendsten schmücken. 

Jeder neue Trend beginnt in einer Minderheit, dann bildet sich eine frühe Mehrheit, und sobald die Wirtschaft ein Geschäft wittert und die Werbung aufspringt, wird das, was vorher noch verächtlich abgewertet wurde, zum absoluten Muss für alle, und wer sich jetzt noch verweigert, gilt als fader Muffel. Inzwischen hat sich ganz wo anders schon wieder eine neue Minderheit gebildet und erschreckt die Leute im Zentrum der Gesellschaft mit einer neuen Provokation, bis auch dieses Phänomen wieder vermarktet wird und alle für hübsch befinden, was sie vorher als hässlich verabscheuten. 

Mainstream in der politischen Debatte

Vor einiger Zeit wurde der Mainstream-Begriff in die politische Debatte eingeführt, und zwar vor allem als Kampfbegriff. Die Medienlandschaft wird dabei in zwei Kategorien geteilt: Öffentlich-rechtliche Medien sowie Zeitungen und Magazine, die von Wirtschaftsgruppen finanziert werden, auf der einen Seite, und alternativen Informationsquellen. Diese Einteilung nehmen vor allem Personen und Gruppen vor, die glauben, sich in einer Außenseiterposition zu befinden. Sie verstehen sich als Avantgarde und denken, sie wissen und verstehen vieles besser als die einfältige Mehrheit.

Der Vorwurf der Manipulation

Deutlich hervorgetreten ist dieses Phänomen vor fast zehn Jahren, als Russland 2014 die Krim annektierte. Die Verurteilung dieser Aktion war im Westen einhellig und wurde auch von den meisten Medien übernommen. Andere wieder vermuteten eine mediale Gleichschaltung hinter dieser Einhelligkeit und suchten alternative Sichtweisen, wie sie z.B. von den russischen Medien angeboten wurden. Auf diese Weise konnte die russische Aggression entschuldigt werden, die einen Bruch des Völkerrechts bedeutete und die erste militärisch erzwungene Gebietserweiterung in Europa nach dem zweiten Weltkrieg war. Die Entgegensetzung von Mainstream und alternativen „Wahrheiten“ wurde zu einem politischen Kampfmittel.

Die Notwendigkeit der Medienkritik

Die Suche nach alternativen Sichtweisen ist an und für sich eine Form der Bewusstseinserweiterung und ist ein wichtiger Bestandteil jeder wissenschaftlichen Forschung. Sie würdigt die Unterschiedlichkeit der Menschen und das kreative Potenzial, das im Eröffnen von neuen Perspektiven steckt. Eine konstruktive Medienkritik ist ein zentrales Element in der Demokratie, in der die verschiedenen Medien eine tragende und korrigierende Rolle spielen sollen, aber oft durch wirtschaftliche Verflechtungen bestimmte Interessen vertreten. Dann bleibt die objektive Berichterstattung auf der Strecke und die Informationen werden gefiltert. Die Medien können ihre aufklärende Rolle in der Demokratie nur spielen, wenn sie unabhängig sind, und die Medienkritik muss auf interessengeleitete Meinungsbildung aufmerksam machen und einseitige oder ideologisch gefärbte Berichterstattungen analysieren und ergänzen. Sonst gelten die Aussagen von Marx und Engels: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken.“

Deshalb ist es autoritären Führungspersonen, die demokratisch an die Macht kommen, ein wichtiges Anliegen, die Medien zu kontrollieren und unter ihren Einfluss zu kriegen, damit sie ihnen nicht mit lästiger Kritik in die Suppe spucken, sondern beim Machterhalt dienlich sein sollen. Beispiele aus Ungarn und der Türkei zeigen, wie erfolgreich diese Strategie ist, wenn sie konsequent durchgezogen wird. Die Mächtigen sind kaum zu entthronen, weil ihre Gegner in den Medien kaum am Rande vorkommen und die meisten Leute nur mehr an einen Informationskanal angeschlossen sind.

Medienkritik als Gesellschaftskritik

In der politischen Debatte wird die Kritik an  bestimmten Medien allerdings oft mit grundlegenden Kritikpunkten vermischt. Alternative Narrative werden gerne mit einem höheren Wahrheitsanspruch verbunden als die „offizielle“ Erzählweise, also jene, die von den „Mainstream-Medien“ angeboten wird. Der Kritikansatz dahinter zielt auf die Macht in der Gesellschaft, die einem homogenen Block zugeordnet wird, der alles umfasst, was aus der Sicht der eigenen Ideologie als menschenfeindlich und demokratiebedrohlich angesehen wird. Deshalb ist auch die Rede von den „Systemmedien“ oder von der „Lügenpresse“ (Begriffe aus der NS-Propaganda), also gewissermaßen die Sprachrohre der Eliten, von denen behauptet wird, dass sie das System steuern. 

Das antielitäre Misstrauen ist ein wichtiges Korrektiv gegen die Machtanhäufungen bei denjenigen, die schon am meisten Macht haben. Aber oft fehlt die differenzierte Analyse und die Überprüfung der Fakten, und es werden Informationen schon allein deshalb in Bausch und Bogen als unwahr etikettiert, weil sie aus einem bestimmten Kanal kommen.

Die Wahrnehmung der Medienlandschaft als Block oder Koloss, als homogene, gleichgeschaltete Meinungsmache, die nichts anderes neben sich zulässt und jede Kritik diffamiert, ist einseitig und ideologiegesteuert. Wenn dahinter noch anonyme Drahtzieher angenommen werden, die alle Fäden in der Hand haben und die Welt dirigieren, dann sind wir in der verworrenen Welt der Verschwörungstheorien gelandet. Der Übergang von einer grundsätzlich kritischen Haltung gegenüber den Medien zu solchen Theoriegebäuden ist oft fließend. Unbemerkt wird der Boden der Realität verlassen und durch Fantasien und Projektionen ersetzt.

Der Stolz des Besserwissens

Es ist ein Zeichen eines übertriebenen Stolzes, über „besseres“ Wissen zu verfügen als die „dumme Masse“, die nur nachbetet, was ihnen die Meinungsmacher vorkauen. Man bezieht sein Wissen nicht aus einem Einheitskanal, sondern aus ausgewählten und besonderen, also auch elitären Quellen, die angeblich nicht der Machtkontrolle unterliegen, die aber im Dunklen bleiben. 

Dieser Stolz wirkt dabei mit, dass dieses Wissen mit allen Mitteln verteidigt und allen anderen mit missionarischem Eifer gepredigt wird. Allzu schnell wird es zur Überzeugung und schließlich noch zu einem Bestandteil der eigenen Identität. Dann darf es keine Zweifel mehr geben, dann ist jede Gegenstimme ein Beweis für die Manipulation durch die bösen Elitemedien.

Aufklärung und Wissenschaft

Das Pathos der Aufklärung hat allerdings nur seine Berechtigung, wenn die Quellen für die verbreiteten Ansichten offengelegt sind und die Faktenlage einer Überprüfung standhält. Wirkliche Aufklärung unterliegt den Standards der Wissenschaftlichkeit: Jede Theorie muss grundsätzlich falsifizierbar sein und ihr Zustandekommen muss nachvollziehbar sein. Alle Aussagen gelten vorläufig, bis sie durch bessere ersetzt werden. Eine Theorie der Aufklärung kann nur besser sein als eine andere, indem sie der Realität näherkommt, aber verfügt immer nur über einen relativen Wahrheitsgehalt. 

Das sind die Ansprüche, denen eine aufgeklärte Medienkritik folgen sollte. Pauschale Abwertungen mit Kampfbegriffen wie Mainstream-Lügen und ähnliches gehören auf ideologische Streitbühnen, in denen eingeschworene Meinungsblasen aufeinandertreffen, die sich ihre Auseinandersetzungen liefern, ohne in der Erkenntnis weiterzukommen.


Donnerstag, 11. August 2022

Die frühkindlichen Wurzeln der Ideologien

Ideologien sind Fantasiegebilde, die die Übersichtlichkeit in komplexen Situationen versprechen. Die Fantasie bewirkt, dass die Ideologie nur lose mit der Wirklichkeit in Verbindung steht, sie nimmt ein paar Elemente und filtert die meisten aus. Die von ihren Zusammenhängen isolierten Elemente werden verallgemeinert, deshalb All-Aussagen. Geben Sicherheit auf der Emotionalebene. Sicherheit auf der Emotionalebene brauchten wir als Embryos im Mutterleib. Deshalb ist jede Ideologie mitsamt ihren Symbolen geladen von embryonalen Themen. Ideologien dienen den frühkindlichen Sicherheitsbedürfnissen. Sie sind ungeeignet für das Verstehen der Realität und für das Entwickeln von konstruktiven Handlungen. Sie wirken retraumatisierend, d.h. sie verstärken die Traumalast, die vor allem in der pränatalen Phase entstanden ist und befestigen die Abwehr dagegen.

Ideologien wirken erwachsen und richten sich auch vorwiegend an Erwachsene. Denn sie werden in sprachlicher Form übermittelt und folgen einer Logik, die stringent wirkt, aber nur Sinn macht, wenn die jeweiligen Grundannahmen akzeptiert werden. Diese Grundlagen und Ausgangspunkte bleiben aber im Dunkeln und sollen außer Frage stehen. Jeder Versuch, die Vorannahmen herauszuarbeiten und mit der Realität zu konfrontieren, muss bekämpft werden, weil er das ganze Gebäude der Ideologie bedroht. Ideologien entstehen also nicht aus der Realität, sondern sie nutzen die Realität ausschnittsweise oder verzerrt, um das eigene Konzept und Narrativ plausibel zu machen und zu begründen.

Sie sind also kindlichen Ursprungs, vorrational, traumähnlich und emotional geladen. Sie tragen die Traumaenergie aller nicht geheilten frühen Verletzungen in sich. Sie kommen aus der rechten Gehirnhemisphäre und sprechen ihre Anhänger auf dieser Ebene an. Wie wir wissen, verfügen Embryos und Babys nur über die emotional geprägte rechte Gehirnhälfte. Die linke Hälfte entwickelt sich langsam während der Kindheit, verbunden mit dem Erwerb der Sprache. In diesem Prozess verändert sich die Wirklichkeitserfahrung: Ursprünglich gibt es keine klare Grenzen zwischen Realität und Fantasie; erst die linke Hemisphäre sorgt für die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion, zwischen innen und außen und zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Jede Traumaerfahrung bringt zurück in die vorrationale Sphäre des Erlebens und Wahrnehmens. Damit bieten sich kollektive Traumafelder als ideale Nährboden für Ideologien an. Die Pandemiezeit hat viele Beispiele für diesen Zusammenhang hervorgebracht. Menschen, die sich im Bann eines individuellen oder eines kollektiven Traumas befinden, sind gelähmt und verunsichert; sie klammern sich deshalb oft an die Strohhalme, die Ideologien oder Verschwörungstheorien anbieten. Selbst eine Idee ohne jeden Bezug zur Realität kann ein Stück Sicherheit und Orientierung bieten, das dringend benötigt wird. Auf diese Weise verbindet sich die Überlebenshoffnung mit der Theorie oder Ideologie bis hin zu einer Identifizierung. Wenn diese Fixierung erfolgt ist, muss die Ideologie um den scheinbaren Preis des Überlebens verteidigt werden. Das gedankliche Konstrukt ist voll mit Emotionen aufgeladen und wird mit unterstützenden Informationen abgesichert und vor widersprechenden Informationen abgeschottet. In Extremfällen wird das eigene Selbst über die Ideologie definiert.

Erwachsensein heißt, die eigenen Fantasien beständig an der Realität zu überprüfen, also das Innere mit dem Äußeren abzugleichen. Erwachsensein ist mit der Erfahrung der permanenten Veränderung, der Unbeständigkeit und des fortlaufenden Lernens vertraut. Erwachsenwerden bedeutet, sich von Identifikationen zu lösen und das eigene Selbst in jedem Moment neu zu definieren. Das erwachsene Selbst umfasst auch das kindliche Selbst, aber es ist dafür zuständig, dass es zwischen diesen beiden Instanzen eine klare Unterscheidung gibt, dass sich also das innere Kind nicht unerkannt in die erwachsenen Agenden einmischt.

Ideologien tragen nichts zum gesellschaftlichen Fortschritt bei, im Gegenteil, sie sind Hemmschuhe der sozialen und politischen Evolution. Die Aufklärung umfasst das Unterfangen, Ideologien mit der Realität zu konfrontieren und auf dieser Weise ihrer sinnstiftenden Macht zu entkleiden. Eine Welt ohne Ideologien ist eine Welt, in der die Erwachsenen das letzte Wort haben und die Verantwortung für die Entscheidungen tragen, die die Zukunft der Menschheit betreffen.

Zum Weiterlesen:
Kindsein und Erwachsensein
Das Kind in uns
Verschwörungstheorien und Normalitätsscham
Wirklichkeit und Fantasieprodukte

Donnerstag, 28. April 2022

Die Traumwelt und die Moderne

Beim Träumen (gleich ob beim Tag- oder Nachtträumen) befinden wir uns in einem besonderen Zustand, der über eine eigene Form der Realitätswahrnehmung verfügt. Während des Träumens erleben wir meistens unsere Erfahrungen als so wirklich wie die Wirklichkeit während des Wachens. Erst wenn wir aufwachen, erkennen wir, dass wir in einer anderen Wirklichkeit waren, die weniger wirklich ist als die im Wachzustand erlebte Welt. Den Unterschied zwischen Wach- und Traumzustand können wir also nur im Wachzustand feststellen. 

Traumzustände sind ein wichtiger Teil unseres Lebens – ohne Träumen können wir nicht gesund bleiben. In den Traumphasen des Schlafes wird das prozedurale Gedächtnis trainiert. Emotionale Themen werden verarbeitet. Das Gehirn wird gereinigt und auf die Tagesaktivitäten vorbereitet. Der Mangel an Traumphasen während des Schlafes bewirkt Unkonzentriertheit, Nervosität und Müdigkeit. Die Traumphasen umfassen ca. 15 – 20 % des Nachtschlafes. 

In unserer individuellen Entwicklung kommen wir aus einer Welt der Verwobenheit von Wach- und Traumzuständen. Ungeborene träumen sehr viel mehr als Erwachsene. Von Babys und Kleinkinder wird vieles an der Wachwirklichkeit als wundersam, unverständlich und vieldeutig erlebt und trägt also noch die Attribute des Traumhaften. Zug um Zug wachsen wir aus dieser doppeldeutigen Weltsicht heraus, das Magische und Mythische zieht sich langsam zugunsten der rationalen Weltsicht zurück. Wir lernen eine Sprache mit ihren Regeln, unterscheiden Fakten und Fiktionen, inkorporieren die Normen unserer Kultur und machen uns mit abstrakten Begriffen und Ideen vertraut. Wir beginnen, die komplexen Zusammenhänge der Welt der Erwachsenen zu erforschen und ihre Geheimnisse zu entschlüsseln. Unser Gehirn wechselt in dieser Zeit von einer rechtshemisphärischen Dominanz zu einer linkshemisphärischen. Wir durchlaufen einen Prozess der Entmystifizierung und Rationalisierung. Auf diese Weise wachsen wir in die Erwachsenenwelt und ihre Erfordernisse hinein. 

In der kollektiven Entwicklung der Menschheit sehen wir eine ähnliche Tendenz. Die frühen tribalen Kulturen, in denen die Menschen in enger Verbindung zur Natur und zu den Geistern lebten, sahen verschiedene Erfahrungsebenen als gleichwertig, die sich miteinander wechselseitig beeinflussen. Erzählungen, die ein Zwischenglied zwischen der emotionalen und rationalen Ebene darstellen, waren das wichtigste Element für die Weitergabe von Wissen und Weisheit. Der Mythos hatte einen höheren Stellenwert als die Geschichtsschreibung. Diese Kultur hat sich bei uns vor allem über Märchen und Sagen erhalten. Auch die moderne Unterhaltungswelt ist voll von Aspekten der Traumwelt. 

Der Siegeszug der Rationalität 

Schon in der griechischen Philosophie wurde die Wichtigkeit des Wachbewusstseins betont, z.B. im berühmten Höhlengleichnis von Platon. Mit der spätscholastischen Philosophie gegen Ende des europäischen Mittelalters begann spätestens der Wechsel von der Dominanz der Traumwelt zur Dominanz der Wachwelt. Der Aufstieg der Wissenschaften mit ihren Erkenntnissen, die neue Technologien und Wirtschaftsweisen hervorbrachten, bildete die Grundlage für die Aufklärung, für das Erwachsenwerden der Menschen und ihrer Gesellschaftsformen. Hand in Hand mit der Propagierung der allgemeinen Menschenrechte ging der Kampf gegen Aberglauben und Ideologien. Es handelt sich um eine Entwicklung, die nicht mehr rückwärts laufen kann. Denn die Rationalität ist über die Technik so tief in die moderne Lebenswelt eingebaut, dass es kein Zurück mehr geben kann, sondern dass dieser Trend vielleicht nicht linear, aber stetig weiter in diese Richtung gehen wird, ob wir das wollen oder nicht. 

Die Basis für die rationale Festlegung von Normen über das, was Fakt ist und was nicht, sowie darüber, wie soziale Entscheidungen getroffen werden, wird in rückbezüglichen Prozessstrukturen festgelegt: Jeder Schritt in der Wahrheits- oder Entscheidungsfindung wird überprüft und kontrolliert und im Fall des Irrtums revidiert. Die Prinzipien dieser Prozesse sind offengelegt und für jede Person einsichtig und nachvollziehbar, z.B. in der Verfassung eines Staates oder in Regeln zur Testung von Medikamenten. Die Vorstellung von absoluten Wahrheiten, die mit der mythologischen Weltsicht verträglich ist, wird zugunsten von relativen Wahrheiten aufgegeben: Wahrheit, die so lange gelten, bis sie durch bessere ersetzt werden. Das Innehaben oder Besitzen von Wahrheiten durch Eliten weicht fortlaufenden Prozessen der Annäherung an die Wahrheitsfindung, die Wahrheitsproduktion durch einzelne geniale Individuen tritt hinter der Wahrheitserforschung in Teams und Gruppen zurück. Diese Wahrheiten sind für alle gleichermaßen zugänglich, ebenso wie die Methoden, durch die sie gewonnen werden. Diese Zugänglichkeit hat sich durch das Internet auf nie dagewesene Weise auch praktisch weltweit demokratisiert. 

Rationalität als Voraussetzung für Diskurse 

In der Moderne können sich nur Menschen sinnvoll und für die Allgemeinheit förderlich einbringen, die ihre Rationalität von ihrer Traumebene trennen können und wissen, wann sie da und wann sie dort sind. Sie müssen Argumente von Erzählungen und Mythenbildungen unterscheiden können. Der politische Diskurs in einer Demokratie kann nur auf der Basis von Rationalität, die in der Nutzung der Vernunft besteht, und gegenseitiger Achtung funktionieren und weiterführende Resultate hervorbringen.  

Die Mechanismen und Strategien, die das demokratische Regieren und die empirische Wissenserforschung auszeichnen, beruhen auf der autonomen Wachwelt und den Kompetenzen, die mit ihr zusammenhängen. Das sind die Fähigkeiten, die für das Überleben und die Entwicklung der Menschheit unter immer komplexer werdenden Rahmenbedingungen unabdingbar sind. Diese Prozesse funktionieren aber nur, wenn die Traumwelt draußen bleibt. Sie darf sich also nicht unbemerkt einschleichen, wenn Entscheidungen getroffen oder wissenschaftliche Erkenntnisse produziert werden. Die klare Trennung von Wachwelt und Traumwelt ist das Erfolgsrezept der Moderne. Wo sie unterlaufen wird, kommt es zu kollektiven Regressionen, mit stark schädlichen Folgen und Verwerfungen auf allen Ebenen der Gesellschaft. 

Denn überall, wo sich das Traumerleben in die Erwachsenenwelt unerkannt einschleicht, erwachsen  vielfältige Probleme. Im individuellen Bereich sind es die Ängste aus den frühen Phasen des Lebens, die uns aus der aktuellen Wirklichkeitserfahrung herausholen und in Traumaschleifen verwickeln. Wir verlieren dadurch unsere Klarheit und soziale Verbindlichkeit. In Extremfällen kommt es zu psychischen Störungen und Krankheiten.  

Ideologien als Schlupflöcher der Traumwelt 

Auf der kollektiven Ebene sind es Ideologien, mit denen versucht wird, die aktuelle Realität mit Hilfe von Traumgespinsten zu erklären und zu bewältigen. Sie bilden das Einfallstor der Traumwelt in die Moderne. Ideologien nutzen Traumelemente, –motive und –logiken, um die Menschen für sich einzunehmen und sie auf ihre Seite zu bringen. Damit greifen sie den Kern und die Grundlagen der Moderne und der Aufklärung an: Die Ausgrenzung der Traumlogik, um allgemein verbindliches Erkennen, Wissen und Handeln zu ermöglichen. Mit den Ideologien schwappen die Gefühle in die Argumentationen und vernebeln die Entscheidungsprozesse. 

Die Ideologien unterlaufen die Notwendigkeit einer klaren Abgrenzung der Vernunftwelt von der Traumwelt, indem sie suggerieren, dass die Traumlogik der Wachlogik überlegen ist. Mit ihrer emotional ansprechenden Evidenz erreichen sie ihre Anhänger, die dann der Versuchung unterliegen, Vereinfachung als Mittel gegen die Komplexität, gefühlsgeleitetes Handeln statt argumentativer Entscheidungsformen. 

Ein Beispiel bildet der Antisemitismus, der viele Menschen dazu bringt, Juden generell abzulehnen und böser Absichten zu verdächtigen. Viele der Antisemiten kennen gar keine Juden persönlich, und der Antisemitismus ist dort am stärksten verbreitet, wo am wenigsten Juden leben. Es geht also nicht um faktische Erfahrungen, die die Judenfeindschaft begründen, sondern um einen Glauben, der jeder eigenen Erfahrung übergeordnet wird. “Ja, die Juden, die ich kenne, sind in Ordnung. Aber das sind die Ausnahmen, und alle anderen sind unsympathisch und gefährlich.”  

Erzählungen, wie in diesem Fall die Erzählung von der Bosheit und Verschlagenheit der Juden, sind immer subjektiv, willkürlich und unlogisch, sie folgen einer Traumlinie und keinen Kausalketten oder argumentativen Folgerichtigkeiten. Sie orientieren sich nicht an Fakten, sondern an Gefühlen. Sie sind also primär innengelenkt, während die Rationalität immer Inneres und Äußeres voneinander unterscheidet und aufeinander bezieht. Sie beziehen ihre Evidenz aus Gefühlszusammenhängen, aus emotionaler Betroffenheit, aus Gestalten des Unbewussten. 

Herrschaftsfreie Diskurse 

Den Raum des herrschaftsfreien Diskurses, den Jürgen Habermas als Voraussetzung für die Regelung einer modernen, aufgeklärten Welt vorgeschlagen hat, können wir nur im autonomen Wachbewusstsein betreten. Einmischungen aus der Traumwelt machen uns anfällig für Machtallüren und ideologische Verblendungen. Es regieren Gefühle und keine Argumente. Die Diskurskultur wird zerstört und statt des Herauskristallisierens der jeweils besten Lösungen und Entscheidungen tritt der Kampf um die Durchsetzung von Eigeninteressen.  

Menschen, die unter dem Einfluss ihrer Traumwelt handeln, können zu Verbrechern ohne Schuldgefühle werden. Selbstmordattentäter z.B. folgen ihrer irrationalen Traumerzählung, in der sie zu gottgesandten auserwählten Rächern des Bösen fantasiert werden. Macht- und ideologiebesessene Politiker entfesseln Kriege und zerstören Menschenleben ohne jede Scham.  

Wo die Bewusstseinsebenen nicht auseinandergehalten werden, wo also das Traumbewusstsein mit dem rationalen Wachbewusstsein vermengt wird, entwickeln sich auf der individuellen Ebene schwere Pathologien bis zu Psychosen und auf der gesellschaftlichen Ebene Ideologien und Machtfantasien. 

Das Phänomen des Faschismus wird nur verständlich, wenn diese Vermischung der Bewusstseinsschichten auseinandergelegt wird. Mit mythischen Bildern und Metaphern begründet, die von archaischen Ängsten aufgeladen waren, wurde die Verhetzung und Vernichtung von Minderheiten gerechtfertigt. Nicht umsonst wirkt diese Zeit des Grauens wie ein Alptraum in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber auch den gegenwärtigen Krieg in der Ukraine können wir nur verstehen, wenn wir die verzerrten Traumelemente erkennen, die die Zerstörungskräfte antreiben. 

Das kreative Träumen 

Wir brauchen aber auch Träume für die Weiterentwicklung unserer Zivilisation und unserer Seele. „I have a dream” - mit dieser Traumbotschaft begeisterte Martin Luther King die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. „Maybe I’m a dreamer” steht über den imaginierten visionären Zukunftshoffnungen von John Lennon. Wir sollen zuerst eine bessere Welt erträumen, damit wir sie Schritt für Schritt herstellen können. Das sind Wachträume, die wir bewusst als solche erleben und klar von der Wachwirklichkeit unterscheiden können. Sie schenken uns Impulse, deren Inspiration wir brauchen, um die Welt aus ihren begrenzenden Mustern herauszuführen. „Give peace a chance!” 

Zum Weiterlesen:
Der trügerische Zauber der Illusion
Kreative und reaktive Fantasien