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Montag, 11. Mai 2026

Der Heimatbegriff in den Mühlen der Rechtspropaganda

Vollmundig nehmen Politiker und Propagandisten gerne „die Heimat“ in den Mund, um die Heimattreuen um sich zu scharen und Stimmung gegen alles Fremde zu machen. Genauer betrachtet, ist allerdings die Heimat nichts Einfaches, wie es oft suggeriert wird, sondern ein recht komplexer und vielschichtiger Begriff. Wegen seiner emotionalen Aufladung eignet er sich gut für ideologische Zwecke. Durch die Verbindung der Heimat mit der Blut-und Bodenideologie im Nationalsozialismus geriet der Begriff nach dem 2. Weltkrieg  in Misskredit. Mit dem Aufstieg von Rechtsparteien ist die „Heimat“ neulich zu einem Kampfbegriff mutiert. Die Heimat soll einen sicheren Hafen in einer unübersichtlichen Welt darstellen, dem keine Bedrohungen etwas anhaben können, solange nichts Fremdes eindringt. Da es die Zuwanderer sind, die in die eigene Heimat einsickern, sollte jede Form der Migration unterbunden werden. Nur so kann die Heimat rein und unverdorben bleiben. Dieser abgeschlossene Begriff der Heimat wird mit Identität aufgeladen – sie soll definieren, welcher Mensch man ist, was man mag und was nicht, was man will und was nicht. Außerdem soll die Heimat geliebt werden, so wie das Vaterland.

Von dieser ideologischen Seite wird also ein exklusiver Heimatbegriff propagiert – etwas, das es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Menschen sind immer ein- und ausgewandert, durch die ganze lange Geschichte hindurch. Die Bevölkerung der eigenen Heimat ist überall eine Mischkulanz. 

Denn in der Menschheitsgeschichte ist Wanderung die Regel und Bodenständigkeit die Ausnahme. Die Angehörigen der schwarzen und der weißen Bevölkerung in Nordamerika sind Nachkommen von Einwanderern. Die Ureinwohner („First Nations“) sind ebenfalls Einwanderer, nur zeitlich weiter zurück (vermutlich vor ca. 20 000 Jahren). Meine Vorfahren z.B. sind im 16. Jahrhundert aus Holland über Böhmen nach Österreich gekommen und haben dann in verschiedenen Regionen des Landes gelebt. Selbst manche Bauern, die auf eine lange Tradition auf ihren Höfen zurückblicken, sind irgendwann einmal zugewandert.

Heimat als soziale Konstruktion

In den Sozialwissenschaften herrscht der Konsens, dass es sich bei der Heimat um ein soziales Konstrukt handelt, dass sie also keine objektive Gegebenheit ist. Primär entsteht sie aus der Verbindung mit Personen, während die räumliche Dimension (der Ort, der Landstrich) sekundär ist. 

Das Heimatgefühl wird durch einen Kreis vertrauter Menschen erzeugt, die direkt, face-to-face miteinander bekannt sind. Bei Menschen, die man kennt, sind die Reaktionen vertraut, man weiß, wann man sich entspannen kann und wann man aufpassen muss. Das selbstverständliche Zugehörigkeitsgefühl ist ein weiterer Aspekt der Heimat, der soziale Sicherheit verleiht. Mit dem Begriff der Heimat sollen verschiedene Bedürfnisse abgedeckt werden, z.B. Zugehörigkeit, Kontinuität, Mitgestaltung, Verstandenwerden, die intuitive Kenntnis der Umgangssprache und der elementaren sozialen Regeln.

Heimat, Staat und Nation

Es sind also vertraute Menschen, die kleinen Kindern Sicherheit vermitteln, und das Gefühl des Vertrauens und der Zugehörigkeit wird dann auf die Orte übertragen, an denen dieses Sicherheitsgefühl entstanden ist. 

Mit dem Aufwachsen erweitert sich das Zugehörigkeitsgefühl und wird abstrakter, also immer mehr von konkreten Personen gelöst. Heimat wird dann auf das Dorf oder die Stadt, in der die Kindheit verbracht wurde, und später auf das Land und die Nation ausgeweitet. Die Länder sind aus Gebietsgrenzen gebildet worden, die im Lauf der Geschichte vor allem als Folgen von Kriegen entstanden sind. 

Der Begriff der Nation stellt eine besondere soziale Konstruktion dar, weil er die Bewohner eines Landes emotional an den Staat binden will. 

Er ist also vor allem zum Zweck der Identifikation der Einwohner mit dem modernen Staat entstanden (der erst in der Neuzeit zu einem Flächenstaat wurde). Dem Staat untergeordnet sind nun alle, die auf einem bestimmten Gebiet wohnen. Die Staatsbürger sich sollten mit diesem Begriff in größere Machtzusammenhänge einfügen und diese gegen alle Bedrohungen verteidigen – nach der Devise: „right or wrong, it’s my country“ oder z.B.: „Deutschland über alles“. 

In der Verabsolutierung der Nation zeigt sich die Ideologie des Nationalismus, der als Motivator und Mobilisator für viele Kriege eingesetzt wurde, beginnend mit den französischen Kriegen im Gefolge der Revolution von 1789 über die Weltkriege, die Jugoslawienkriege bis zum Ukrainekrieg. 

Im Nationalismus wird Nation durch die Abgrenzung von anderen Nationen definiert, meistens von denen, die benachbart sind. Sie sind die Fremden, und zwischen den Eigenen und den Fremden verläuft eine starre Grenze, die nur durch Kriege, also durch Gewalt verändert werden kann. Durch den Nationalismus werden Identitäten geprägt, mit denen die unterschiedlichen Herkünfte vereinheitlicht werden sollen.

Der Heimatbegriff der Auswanderer

Wenn Menschen auswandern, nehmen sie ihre Heimat im Kopf als geschönte Bilder und wohlige Gefühle in die neue Umgebung mit. Während sich die tatsächliche Heimat weiterentwickelt, modernisiert und verändert, wird das Bild im Kopf der Ausgewanderten oft idealisiert und auf eine frühere Zeit fixiert. Deshalb werden in der Fremde oft Traditionen, Werte und Sprachformen gepflogen, die im Herkunftsland vielleicht schon längst überholt sind. Werden die Zuwanderer in der neuen Umgebung abgelehnt oder fühlen sich abgelehnt, so wird die Identifikation mit der verlorenen Heimat umso wichtiger. Je stärker die Ausgrenzung erlebt wird, desto wichtiger ist die Rolle des Heimatbegriffs als Schutz gegen den Assimilationsdruck. Die Verteidigung der Heimat gegen Angriffe kann dann besonders aggressiv ausfallen.

Diese Reaktion zeigt sich oft in der zweiten oder dritten Generation der Zuwanderer. Die Spannung, die sich aus dem Gefühl ergibt, zwei unterschiedlichen Welten zuzugehören, wird damit bewältigt, dass die Heimat der Eltern und die dort geltenden Werte und Normen besonders starr festgehalten werden. Die Unsicherheit mit der eigenen Rolle in der neuen Gesellschaft soll durch eine Idealisierung der Herkunftsgeschichte überwunden werden.

Die Migrantenfeindlichkeit unter Migranten

Ein weiteres scheinbar paradoxes Phänomen zeigt sich, wenn früher Zugewanderte später Zugewanderte ablehnen oder wenn sie, obwohl sie selbst aufgenommen wurden, für einen Aufnahmestopp eintreten. Oft wählen sie rechte oder rechtsextreme Parteien, trotz deren Ausländerfeindlichkeit. Denn sie erhoffen sich von ihnen den Schutz ihrer mühsam erarbeiteten Position in der neuen Gesellschaft. Außerdem befürchten sie die Konkurrenz von Neuankömmlingen am Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder bei den Sozialleistungen. Oft sind sie, wie oben erörtert, traditionalistisch oder konservativ eingestellt und treten für Recht und Ordnung ein; neu Hinzukommende könnten ein Chaos anrichten, weil sie sich nicht auskennen und sich nicht anpassen können oder wollen. Wer sich schon in der Gesellschaft etabliert fühlt, sieht in den Neuen eine Gefahr der errungenen Stabilität. Deshalb sollte man ihnen mit Misstrauen begegnen.

Wer sich schon länger im Land befindet, hat ein gewisses Heimatgefühl aufgebaut, das aber noch fragil ist, weil es sehr vom Maß der Integration in die neue Gesellschaft bzw. vom Aufgenommenwerden durch die Einheimischen abhängt. Das noch nicht gefestigte Heimatgefühl wird durch neu Hinzukommende verunsichert und muss deshalb in der emotionalen Gegenreaktion durch die Abwehr der Neuen gestärkt werden.

Die guten Migranten

Viele rechtsorientierte und ausländerfeindliche Politiker haben migrantische Partnerinnen, z.B. der amerikanische Präsident, sein Stellvertreter und der Außenminister oder die Bundessprecherin der AfD. Wie geht das zusammen? Für diesen Zweck dient die Unterscheidung zwischen den guten und den schlechten Zuwanderern. Die eigenen Partner dienen als Vorbild, wie die Integration gelingen kann: Die guten Migranten passen sich nahtlos in das Bild der Heimat an, das die Tradition vorgibt. Sie geben ihre Herkunftsidentität weitgehend auf und ordnen sich der neuen Heimat mit ihren Regeln und Gebräuchen unter.

Dem migrationsfeindlichen Politiker dient die aufpolierte neue Identität der Partnerin als Feigenblatt: Wie kann man mich als Rassisten bezeichnen, wo ich doch jemanden mit fremder Herkunft geheiratet habe? 

Der ideologisierte Heimatbegriff kann für die jeweiligen persönlichen Zwecke zurechtgebogen werden. Allerdings wird er durch solche Verdrehungen immer undeutlicher und verlogener, sodass er nur mehr in realitätsfremden und geschlossenen Zirkeln und Blasen Gefühle mobilisieren kann. Dieses „Nur-Mehr“ ist freilich relativ: Es scheint, als ob immer mehr Menschen einer realitätsverweigernder Wirklichkeitssicht zuneigen und damit Fantasien nicht mehr von Fakten unterscheiden können oder wollen. 

Die schlechten Migranten

Die schlechten Migranten sind jene, die ihren mitgebrachten Heimatbegriff nicht aufgeben, sondern ihn in die neue Heimat einfließen lassen wollen. Sie lösen Ängste vor einer Überfremdung aus – dass die Minderheitskultur die Mehrheitskultur auslöscht, etwa unter dem propagandistischen Schlagwort der Islamisierung, oder noch schlimmer, des Bevölkerungsaustausches. Da der Heimatbegriff weitgehend in ein ideologisches Konstrukt umgewandelt wurde, ist er bestens dazu geeignet, irreale Ängste auszulösen und zum alles überschattenden Problem hochstilisiert zu werden. Er wird zu einem Gefäß, in das alle anderen Ängste hineinprojiziert werden können. 

Der korrumpierte Begriff der Heimat

Als Folge des ideologischen Missbrauchs wird der Heimatbegriff über kurz oder lang wieder dort landen, wo er nach dem Ende des Nationalsozialismus war – für die einen ein Hoffnungsträger für die Erlösung von allen Missständen: Wenn die Zuwanderung beendet wird, wird alles gut; für die anderen Symbol der Rückschrittlichkeit. In jedem Fall ist der Begriff der Heimat seines ursprünglichen Sinnes beraubt und politischen Machtinteressen untergeordnet. Die einen sehnen sich zurück in eine idyllische Vergangenheit à la Peter Roseggers Waldheimat, in der die Welt noch heil war. Die anderen glauben, dass die Menschheit nur dann eine Zukunft hat, wenn sie ihren Planeten als Heimat von allen begreift, sodass sie als Gemeinschaft die Überlebensprobleme der menschlichen Zivilisation angehen kann.

Zum Weiterlesen:
Migrationsmythen und die Realität
Migration und Scham
Hass im Internetzeitalter


Donnerstag, 4. Dezember 2025

Migrationsmythen und die Realität

Das Thema Migration ist emotional hoch aufgeladen und beherrscht die Politik. Gerade deshalb ist es dafür geeignet, dass sich Mythen bilden. Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger hat ein Buch geschrieben, in dem sie auf der Grundlage vieler Studien Narrative und Mythen zur „Migrationspanik" entkräftet. Der folgende Artikel ist aus dieser Quelle gespeist und mit eigenen Gedanken ergänzt. Die Zitate beziehen sich auf das Buch: Judith Kohlenberger: Migrationspanik. Wie Abschottungspolitik die autoritäre Wende befördert. Wien: Picus Verlag 2025

Mythos 1: Die Massenzuwanderung hat zur Ausländerfeindlichkeit und zum Aufstieg der Rechtsparteien geführt.

Realität: Die immer restriktiver werdende autoritäre bis brutale (Stichwort „Push-Backs“) Asyl- und Migrationspolitik hat die Migration als größte Gefahr für den Nationalstaat populär gemacht. Es ist also umgekehrt: Die Ausländerfeindlichkeit hat nur den Rechtsparteien genutzt, gleich ob sie von linken oder konservativen Parteien benutzt wurden. Die rechten und rechtsextremen Parteien konnten an Zulauf gewinnen, weil sie dieses Narrativ am glaubwürdigsten vertreten und in der Regel über wenig andere politische Ziele verfügen. Eine restriktive Migrationspolitik hat das Ziel einer umfassenden Abschottung („Grenzen dicht machen“), weil ja angeblich die Gefahr so groß wäre. Die Angst, von welcher Seite auch immer sie gesät wird, bedienen die rechtsradikalen Kräfte besser als die moderaten.

Mythos 2: Die Fluchtursachen haben nichts mit uns zu tun, wir sind nur die Opfer von Konflikten und Krisen irgendwo anders auf der Welt.

Realität: Durch die Klima-, Handels- und Sicherheitspolitik der europäischen (und der anderen westlichen) Staaten werden laufend Fluchtursachen in den ärmeren Ländern erzeugt. Die Politik in unseren Ländern hat vor allem die Eigeninteressen im Blick und kümmert sich nur marginal um die Interessen anderer Länder, bzw. derer Bewohner. Bekanntlich leiden die ärmeren Länder unter der Klimakrise am meisten, während die reicheren Länder umso mehr zur Erderwärmung beisteuern, sich aber am besten vor den Auswirkungen schützen können. Diese beschämenden Zusammenhänge werden tunlichst aus den Debatten und Entscheidungsfindungsprozessen herausgehalten.

Mythos 3: Wenn die Migration zurückgeht, werden auch die Rechtsparteien an Einfluss verlieren.

Realität: Die panischen Gefühle um das Thema Migration herum haben sich schon so stark in den Mentalitäten der Menschen verfestigt, dass es gar keine neue Migration mehr braucht, um den Rechtsparteien zu mehr Einfluss zu verhelfen. Die Zahlen der Einwanderungswilligen gehen seit Jahren zurück, während der Zulauf zu den Rechtsparteien in den meisten Ländern kontinuierlich ansteigt. Eine Ausnahme stellt übrigens Spanien dar, das eine liberale Migrationspolitik betreibt, mit dem zusätzlichen Resultat, dass die Wirtschaftsdaten wesentlich besser ausfallen als in den anderen EU-Ländern, die die Zuwanderung eindämmen wollen.

Mythos 4: Integration kann nur gelingen, wenn sich die Zuwanderer anpassen.

Realität: Natürlich bedarf es der Anstrengungen der Migranten, sich in das Gastland einzufügen, die Sprache zu lernen und die Regeln zu akzeptieren. Aber solange die Einheimischen die Fremden als Störung und nicht als Bereicherung erleben und nur „Ihresgleichen” als vollwertig anerkennen können, wird die Integration nicht gelingen. Es sind also Anstrengungen auf beiden Seiten notwendig, und das wird von der einschlägigen Propaganda tunlichst ignoriert. Denn es widerspricht der Logik der Propaganda: Wir haben die Oberhand, weil wir zuerst hier waren, wer später kommt, muss sich unterordnen. Wir brauchen sie nicht, also sind wir in der stärkeren Position. Übersehen wird bei diesem Denkmuster, dass die westlichen Länder ohne Zuwanderung sehr schnell in wirtschaftliche Probleme geraten würden und langfristig unter einer schrumpfenden Bevölkerung mit zunehmender Überalterung leiden würden. 

Mythos 5: Wir sind schon für Zuwanderung, aber nur die Leute, die wir für die Wirtschaft brauchen. Alle anderen müssen draußen bleiben.

Realität: Die Beschränkung der Zuwanderung auf die oft zitierten qualifizierten Facharbeitskräfte ist der Wunschtraum aller gemäßigten Migrationspopulisten. Er scheitert daran, dass diejenigen, die sich aufgrund ihrer Qualifikationen die Länder aussuchen können, in die sie übersiedeln, meiden verständlicherweise Länder mit ausgeprägter Ausländerfeindlichkeit. Alle Länder, in denen die rechtsgerichtete ausländerfeindliche Propaganda stark ist, bekommen gerade die Fachkräfte nicht, die sie sich wünschen.

Das ist ein typisches Beispiel für die Widersprüchlichkeit in der Migrationspropaganda: Sie propagiert eine grundsätzliche Ausländerfeindlichkeit, will aber die Rosinen aus dem Kuchen picken, indem nur die „brauchbaren“ Zuwanderer genommen werden. Das funktioniert aber kaum oder gar nicht, weil das feindselige Klima vor allem jene Migranten abschreckt, die die Wahl haben; die anderen, die keine Wahl haben, wandern ein, auch wenn sie damit rechnen müssen, auf eine gastfeindliche Gesellschaft zu treffen. Denn sie wollen vor allem ihre Haut retten.

Mythos 6: Wir brauchen eine homogene Gesellschaft. Das geht nur, wenn sich die Zugewanderten an unsere Normen anpassen. Dazu müssen wir ihnen diese Werte eintrichtern.

Realität: Diese „unsere Normen und Werte“ sind eine Fiktion. In einer pluralen und individualisierten Gesellschaft sind Werte so unterschiedlich, dass ein gemeinsamer Nenner nur mehr abstrakte Normen beinhaltet. Manche Politiker haben zwar Wertekataloge vorgestellt, die darstellen sollen, was die heimische Identität ausmacht. Aber diese Kataloge enthalten entweder Allgemeinplätze (z.B. gegenseitiger Respekt) oder verweisen auf lokales Brauchtum bezogen (z.B. Nikolaus-Feiern), das von Region zu Region verschieden ist. 

Den meisten Einheimischen ist gar nicht klar, worin das besteht, was sie von den „Fremden“ unterscheidet. Denn die heimische Kultur ist so divers und vielschichtig, dass es sinnlos ist, sie auf eine Liste von Werten zu reduzieren. Es ist eher so, dass sich ein Autochthoner mit linker oder liberaler politischer Ausrichtung stärker von einem Autochthonen mit rechter Gesinnung unterscheidet als von einem Ausländer oder Migranten, mit dem er mehr Überscheidungspunkte seiner Ansichten hat. 

Historisch betrachtet, ist z.B. die österreichische Kultur das Produkt aus verschiedenen Migrationsbewegungen der letzten Jahrhunderte. Als Telefonbücher noch verbreitet waren, genügte ein kurzes Blättern, um festzustellen, dass die Ansammlung an Familiennamen zugleich eine Ansammlung an unterschiedlichen Herkünften zeigt, vor allem aus dem Raum der ehemaligen Habsburgermonarchie, aber auch darüber hinaus. Die heutigen Österreicher sind das Produkt vieler Migrationsbewegungen und nicht die Abkömmlinge eines genetisch homogenen Stammes oder gar einer Rasse. Fremdenfeindlich kann man nur sein, wenn man die Geschichte ausblendet, vor allem die eigene Abstammungsgeschichte. 

Dazu kommt, dass sich die Kultur durch Übernahmen aus anderen Kulturen laufend ändert. Im deutschsprachigen Raum ist z.B. ein fortgesetzter Trend zu bemerken, Wörter aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum zu adaptieren. Das Jugendwort 2025 ist „das crazy“, auf den Plätzen landeten: „goonen“ und „checkst du“, drei Anglizismen mit deutscher Grammatik. In Österreich kann bemerkt werden, wie immer mehr Wörter aus Deutschland übernommen werden, z.B. „Tschüss“ oder „lecker“ – kein Wunder, weil ja die größte Gruppe der Zuwanderer in Österreich aus der Bundesrepublik Deutschland kommt. 

Aber solche Veränderungen stören die Migrationspaniker nicht wirklich, weil es sich um Einflüsse handelt, die aus Kulturen stammen, die sie als gleichwertig oder überlegen betrachten. Was sie stört, sind kulturelle Einflüsse aus Kulturen, die sie abwerten, weil sie als minderwertig angesehen werden, z.B. moslemische Kulturen. 

Mythos 7: Eine harte Zurückweisungspolitik an den Grenzen macht die Gesellschaft sicherer.

Realität: Was sich an den Außengrenzen der EU abspielt, widerspricht in vielen Fällen dem Recht – nationalem, EU- und Völkerrecht. Trotz der massiven und kostspieligen Anstrengungen werden die erwünschten Erfolge nicht erzielt. „Weltweit gibt es sechsmal so viele Grenzmauern und -zäune wie während des Kalten Krieges.“ Und dennoch wird das Sicherheitsgefühl jener, die innerhalb der Mauern und Zäune leben, immer schwächer. „Dazu kommt, dass Grenzbefestigungen ökonomisch, sozial und politisch sehr teuer sind, dass sie aber Migration nicht regulieren.“ (S. 60) 

Ein weiteres Paradoxon besteht darin, dass der vermeintliche Schutz der Grenzen die organisierte Kriminalität befördert, die vergeblich bekämpft werden soll. Je mehr Grenzbefestigungen, desto mehr Versuche, sie zu überwinden, mit allen Mitteln, die zu Gebote stehen. Wo die Not wächst, finden sich schnell Leute, die sie auf kriminelle Weise für ihre Zwecke ausnutzen können.

Als weitere Folgewirkung der Brutalisierung, die an den Grenzen stattfindet, sinken in der öffentlichen Wahrnehmung die Standards für die Menschenrechte. Steter Tropfen höhlt jeden Stein, stetiges Ignorieren von menschenrechtlichen Standards durch offizielle Stellen untergräbt die Moral. Aggression an den Grenzen wirkt nach innen weiter, die Polizei gewöhnt sich an Unmenschlichkeiten und die Bürger nehmen Rechtsbrüche hin, weil es ja keine Konsequenzen gibt. Auf diese Weise erodiert das Regelverständnis und eine von Empathie geleitete Ethik wird an den Rand gedrängt, an dem ein paar Idealisten ausharren. Stattdessen wird auf breiter Front der Nährboden für eine Politik ohne Mitgefühl bereitet, nach der Macht des Stärkeren. Es wird also ein Rückfall auf frühere Niveaus der Menschlichkeit unterstützt. 

Die zwei Gesichter der Fremdenangst

Die Fremdenangst hat zwei Gesichter. Das erste, offensichtliche, besteht darin, dass die Fremden anders sind als wir und dass sie deshalb mit Misstrauen beäugt werden müssen. Sie sind ein Fremdkörper und werden immer einer bleiben, denn sie können ihre Fremdheit nicht ablegen. Das andere Gesicht der Angst ist verborgener und weist auf das genaue Gegenteil: Wäre es nicht viel schlimmer, wenn sich die Fremden so anpassen und die einheimische Lebensweise übernehmen, dass sie nicht mehr unterscheidbar sind? Was bleibt dann noch von uns? Geht der „Ur-Österreicher“ endgültig verloren? Angeblich stammt selbst „Ötzi“, die Gletschermumie, genetisch aus Anatolien, war also selbst ein Migrant.

Stattdessen wird die Angst verbreitet, dass die Fremden nie so werden “wie wir sind”. Dabei ist den meisten Menschen, die von dieser Angst betroffen sind, gar nicht klar, worin dieses Wir-Sein überhaupt besteht.

Mythos 8: Wenn wir den Nationalstaat stärken, bekommen wir die Migration in den Griff.

Realität: Die Globalisierung ist ein Trend, der über Jahrhunderte wirkt und nicht aufgehalten werden kann. Er bewirkt, dass der Nationalstaat immer mehr Kompetenzen an übergeordnete Strukturen abtreten muss. Er verliert zusehends an Kompetenzen. Der hochgezogene und hochgelobte Grenzschutz erscheint als Propagandaveranstaltung, mit dem die Bedeutung des Nationalstaats demonstrativ hochgehalten werden soll, während ihm durch die Prozesse der Globalisierung beständig das Wasser abgegraben wird. Der Nationalstaat, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, hat keine Zukunft, sosehr sie auch von rechtsgerichteten Politakteuren ersehnt wird. Sie nutzen das Migrationsthema, um die überkommene Idee des Nationalstaates als Allheilmittel anpreisen zu können.

Deshalb wirkt das Orbán-Ungarn wie ein absurder Fremdkörper in Europa, das eine abgeschottete Nationalstaatspolitik betreibt, während es von der EU reichliche Finanzmittel bekommt, bei den meisten Beschlüssen eine Außenseiterposition einnimmt und dennoch von der transnationalen Mitgliedschaft profitiert. Weil es funktioniert, rhetorisch die Rebellenposition einzunehmen und zugleich am Futtertrog mitzunaschen, findet dieses Modell Anklang und Nachahmung bei allen Rechtsparteien. Die angeheizte Migrationspanik liefert den emotionalen Untergrund für den Zulauf, den diese Gruppierungen haben.

„Nicht von ungefähr haben rechte und rechtspopulistische Parteien dort die größten Zugewinne, wo gar keine Flüchtlinge leben, wie etwa in Ungarn. Dort nämlich gibt es gar keine Möglichkeit zu verifizieren, ob das, was ein Viktor Orbán über Schutz suchende Menschen aus dem Nahen Osten oder Afrika verbreitet, wirklich stimmt.“ (S. 114)

Mythos 9: Die Migration ist schuld an der Zunahme der Straftaten.

(Dieser Abschnitt bezieht sich nicht auf das Buch von Judith Kohlenberger, sondern auf eine Zeitungsmeldung mit Daten, die der Soziologe Soziologe Günther Ogris vom Dema Institut am 23.11.2025 präsentiert hat.)

Realität: Auch hier stoßen wir auf ein Paradoxon: Österreich ist nachgewiesen eines der sichersten Länder der Welt – und trotzdem sinkt das subjektive Sicherheitsgefühl. Seit 2001 ist die österreichische Bevölkerung um 1,13 Millionen Menschen gewachsen. Wäre die Kriminalität proportional zur Bevölkerung geblieben, müsste sie gestiegen sein. Stattdessen sank die Zahl der Verurteilten insgesamt, pro Kopf gerechnet sogar um 43 Prozent. Obwohl sich die Zahl der ausländischen Bevölkerung mehr als verdoppelt hat, ist die absolute Zahl der verurteilten Ausländer gesunken – von 14.000 auf 12.685. Hinzu kommt, dass rund 17 Prozent der „ausländischen Tatverdächtigen“ gar keinen Wohnsitz in Österreich haben. Es handelt sich um Touristen oder Durchreisende.

Eine Studie aus Deutschland hat nachgewiesen, dass eine Wahrnehmungsverzerrung stattfindet: Ausländische Tatverdächtige machen in der deutschen Kriminalstatistik rund ein Drittel der Gesamtzahl Verdächtiger aus. In Zeitungs- oder TV-Berichten über Kriminalität wird hingegen zu mehr als 90 Prozent über Menschen berichtet, die keine deutsche Herkunft haben – selbst in Medien mit linker Zielgruppe.

Wir sollten uns also immer wieder diese verzerrte Optik, der wir schnell unterliegen, klarmachen: Worin besteht die Realität und was sind die Bilder, die aufgrund des Medienkonsums in unseren Köpfen entstehen? Wie verhält sich die Realität und wo verfangen wir uns in Narrativen, die die uns plausibel erscheinen, aber einer Nachprüfung nicht Stand halten? Wachsamkeit und Urteilsfähigkeit sind Kompetenzen, die wir in diesen Zeiten brauchen, damit die Menschlichkeit und die Vernunft nicht unter die Räder kommen.

Literatur: 
Judith Kohlenberger: Migrationspanik. Wie Abschottungspolitik die autoritäre Wende befördert. Wien: Picus Verlag 2025

Zum Weiterlesen:

Sonntag, 23. April 2023

Erstsprachverbote und Zweitsprachgebote

In den niederösterreichischen Schulen soll es Kindern hinkünftig verboten werden, in den Pausen ihre Muttersprache zu sprechen, wenn diese nicht die deutsche ist. In Oberösterreich gibt es diese Bestimmung schon seit 2015, also seit es dort eine Koalition zwischen ÖVP und FPÖ in der Landesregierung gibt.

Was ist die offizielle Begründung für diese Maßnahme? Die Kinder sollen sich verstehen und nicht wegen unterschiedlicher Sprachen aneinander vorbeireden. Es wird befürchtet, dass in der fremden Sprache schlecht über andere geredet wird, ohne dass es von den anderen verstanden wird. Schließlich sei es „unhöflich“, nicht Deutsch zu reden.

Beschämung als Mittel zur Durchsetzung der Kulturdominanz

Außerdem wird behauptet, dass Kinder mit anderer Muttersprache dadurch besser die deutsche Sprache lernen. Sie brauchen ja in unserem Land nur die deutsche Sprache, und darum sollen sie sich in dieser so viel ausdrücken wie nur möglich. Diese Argumente sind allerdings unbegründet. Die Erkenntnisse der linguistischen und pädagogischen Wissenschaften sind eindeutig: Erstsprachverbote und Deutschsprechgebote erreichen keine positiven Ziele. Sie verbessern nicht die Sprachkompetenz in der deutschen Sprache. Vielmehr wirken sie auf der sozialen Ebene katastrophal. Statt zu „integrieren“, wie behauptet wird, wird die Segregation verstärkt und vertieft. Es wird so getan, als gäbe es eine gute und eine schlechte Sprache, eine Sprache, die alle sprechen müssen, und eine, die verboten ist, weil sie weniger wert ist. Wer Deutsch nicht als Muttersprache hat, spricht eine schlechte Sprache und sollte sich dafür schämen. Das ist die Botschaft, die mit dem Sprach-Ge- und Verbot an Kinder vermittelt wird.

Kinder mit Migrationshintergrund leiden ohnehin an vielfachen Schambelastungen. Sie befinden sich in einem fremden Land mit einer fremden Kultur, zu der sie in den meisten Fällen gehören wollen, es aber nie ganz schaffen, weil sie eben aus einer anderen Kultur stammen. Viele Angehörige der Mehrheitskultur kehren immer wieder hervor, oft in kleinen oder kaum wahrnehmbaren Dosen, dass sie „das Sagen“ haben und dass sie das Fremde als minderwertig oder als bedrohlich einschätzen. Diese Ressentiments sind der Treibstoff hinter den Forderungen, die dann von politischen Parteien aufgegriffen werden. Denen geht es nicht um Verbesserungen im Schulalltag oder um die Verständigung unter den Kindern – die können sich das schon unter sich ausmachen. Es geht ihnen darum, Vorurteile und Ängste zu schüren und damit Wählerstimmen zu gewinnen.

Was durch solche Maßnahmen passiert ist, dass das Sprechen in der Muttersprache mit Scham beladen wird. Damit geraten die betroffenen Kinder in eine Zwickmühle. Ihre grundlegende kulturelle Identität ist durch ihre Herkunftskultur geprägt. Sie passen sich an die neue Kultur an und leben sich in sie ein. Wird aber die ursprüngliche Kultur abgelehnt oder als minderwertig eingestuft, entsteht ein innerer Konflikt, der mit Scham behaftet ist. Das, was einem immer am nächsten liegt und am tiefsten prägt, die eigene Wurzelkultur, muss zurückgestuft werden, um in der neuen Kultur akzeptiert zu werden und einen sicheren Platz zu bekommen. Wird die Forderung der Mehrheitskultur, die eigene Herkunftskultur abzuwerten, übernommen, so kommt es zur Selbstverleugnung, zum Abschneiden von den eigenen Wurzeln.

Anpassung durch Beschämung und das Fördern von Aggressionen

Durch solche politische Interventionen wird bei den Betroffenen eine innere Zwietracht gesät. Statt Integration kommt es zur erzwungenen Anpassung mit Hilfe von Beschämung. Es werden Spannungsfelder in den pädagogischen Bereich hineingetragen, an denen dann alle leiden, die Deutsch-Erstsprachlicher wie die Deutsch-Zweitsprachler, sowie die Pädagoginnen und Pädagogen, die die Ge- und Verbote umsetzen sollen. Irgendwo anders reiben sich Politiker die Hände, weil ihre Umfragewerte steigen.

In solchen Dynamiken, die mit Unterdrückung und Beschämung zu tun haben, ist immer auch ein Wut- und Aggressionspotenzial enthalten. Es kann bei den Betroffenen nach innen gehen und zu Selbstaggressionen oder Depressionen führen, es kann sich im Schulalltag entladen oder später in die Aggression gegen Zuzügler münden, von denen man befürchtet, dass sie einem wegnehmen, was man selber mühsam an Anpassung und Einpassung in die Mehrheitskultur errungen hat.

Das verordnete Abschneiden der Wurzeln

Wenn zwei Kinder in der Pause, während sie ihre Jause essen, miteinander in der gemeinsamen Muttersprache reden, beleben sie ein Stück Heimat und erinnern an die eigene Herkunft. Meist ist es so, dass es in der Muttersprache leichter fällt, über Gefühle zu reden, also über das, was einen im Inneren bewegt. Diese wichtigen Elemente der emotionalen Kommunikation sollen verpönt und verboten werden.

Man stelle sich die Lehrperson vor, die zu zwei Kindern geht, die gerade miteinander Türkisch oder Bosnisch oder Englisch reden, und sie zum Deutschreden ermahnt. Die Kinder werden aus ihrer Welt herausgerissen, in der sie gerade eine emotionale Brücke zueinander und zur eigenen Herkunft geschlagen haben. Die Beziehung zu den Wurzeln, die in der Muttersprache angelegt sind, wird gewaltsam unterbrochen. Eine Schamschranke entsteht, die das Verwenden des ureigensten Ausdrucksmittel, der Sprache der Mutter, mit einem Makel behaftet. Klarerweise ist damit auch die eigene Herkunft, die Kultur der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern mit einem Makel und einem Schamgefühl behaftet.

Statt beide Kulturen, die Herkunftskultur und die Ankunftskultur, miteinander zu verbinden und zu integrieren, entsteht ein Spalt zwischen zwei unversöhnlichen Polen im eigenen Inneren. Die Herkunft zu verleugnen, wie es im Sprechverbot verlangt wird, bewirkt eine innere Spaltung. Denn die Herkunft bleibt die Herkunft, gleich ob sie akzeptiert und geschätzt wird oder abgelehnt und abgewertet werden muss. Die eigenen Wurzeln sind immer wirksam und prägen die tiefste Schicht der eigenen Existenz.

Jede Form einer befohlenen Entwurzelung kann nur auf einer Oberfläche erfolgreich sein, als bewusst vollzogene und erzwungene Anpassung auf der Grundlage der Selbstverleugnung. Mit Maßnahmen wie der oben erwähnten werden bei einer großen Gruppe von Menschen Schamgefühle, Unsicherheiten und Verletzungen erzeugt (betroffen sind ja nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Eltern und Verwandten und dazu noch die anderen Kinder, die indirekt an der Ausgrenzung und Stigmatisierung leiden, die sie mitverfolgen). Es sind Maßnahmen, die Probleme erzeugen und nicht lösen.

Dazu kommt das Säen von Misstrauen. Wer Kindern unterstellt, dass sie schlecht über andere reden, bloß weil man sie nicht versteht, vertritt keine pädagogische Haltung und ist im Lehrberuf am falschen Platz. Lehren und Lernen kann nur in einer Atmosphäre von Vertrauen und gegenseitigem Respekt gedeihen. Schlecht geredet wird nur dort, wo Schlechtes geschieht.

Ein Armutszeugnis für die Mehrheitskultur

Es ist ein geistiges und moralisches Armutszeugnis für eine Mehrheitskultur, wenn sie den Minderheitenkulturen solche unsinnige und grundlose Verbote auferlegt. Die Regie dabei führen Ideologien, die wiederum auf irrationalen Ängsten beruhen. Wieviel Angst und Misstrauen wird durch solche Vorhaben öffentlich von denen, die sie propagieren, einbekannt, wieviel Kleingeist und wieviel Boshaftigkeit wird in solchen Maßnahmen offenbar – eine Schande für eine europäische Demokratie im 21. Jahrhundert, insbesondere angesichts der wirklichen Probleme und Herausforderungen, die gemeistert werden müssen.

Der Reichtum, der in jeder Zweisprachigkeit liegt, die sprachliche Intelligenz, die von früh an geübt wird und später das Erlernen weiterer Fremdsprachen erleichtert, kann nicht überschätzt werden. Jeder, der als Erwachsener eine Sprache lernt, weiß, wie schwierig und zeitaufwändig es ist und bewundert die Kleinen, die in Sprachen hineinwachsen, ohne jede Lernanstrengung. Jeder, der versucht, in eine andere Kultur hineinzuwachsen, weiß, wie mühsam das ist. Kinder mit einem intuitiven Verständnis für unterschiedliche Kulturen verfügen über viel mehr Flexibilität und können deshalb kreativer mit Unterschieden umgehen.

Die Aufgaben, vor denen wir heute als Gesellschaft stehen, sind sämtlich globaler Natur. Sie können nur bewältigt werden, wenn die Menschheit zusammenarbeitet. Personen, die über eine Mutter- und eine Zweitsprache verfügen, tragen zwei Kulturen in sich und verfügen damit über wichtige Voraussetzungen nicht nur für die Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen, sondern auch für einen globaleren Horizont des Wahrnehmens und Denkens. Die Proponenten von Sprechverboten hingegen repräsentieren den Geist der Beschränktheit und Kurzsichtigkeit, der Kontrolle, Besserwisserei und Überwachung. Auch wenn sie für solche Maßnahmen den Applaus und die Wählerstimme von manchen bekommen, stehen sie längerfristig auf verlorenem Posten, denn all die Energie, die in solche Vorhaben geht, fehlt bei der Bewältigung der Klimakrise oder des sozialen Ausgleichs.

Mehr Informationen zu dieser Thematik:
Pausensprache deutsch - ein pädagogischer Unsinn 

Montag, 15. März 2021

Migration und Scham

Wer als Fremder in ein fremdes Land kommt, hat immer mit Scham zu tun: Fast alles, was hier selbstverständlich ist, war es im eigenen Herkunftsland nicht. Die Sprache oder die Sprechweise, die Essensgewohnheiten, die Begrüßungsrituale, die Blickkontakte – die Anlässe für Fehltritte und Ausrutscher sind endlos und führen immer zur Scham. Erst recht, wer in ein fremdes Land kommt, um dort zu leben, sollte auf viele Schamanlässe vorbereitet sein. 

Die Scham der Selbstverleugnung

Die Scham meldet sich dabei aus mehreren Richtungen: 

Die erste kommt von hinten. Der Kontakt mit einer neuen Kultur, von der das eigene Weiterleben abhängt, erzeugt Widersprüche mit der Kultur aus der man abstammt. Müssen deren Werte verleugnet und durch neue ersetzt werden? Kann es gelingen, Mischungen zwischen dem Alten und dem Neuen herzustellen, oder ist das auch schon ein Verrat an der Tradition, die bisher in Geltung war und die eigene Identität geprägt hat? Beinhaltet die Verleugnung der Normen der Herkunftsgesellschaft auch eine Verleugnung der eigenen Identität? All diese Fragen konfrontieren mit Schamgefühlen. Denn in jeder Kultur wird die Einhaltung der Normen und Standards durch die Scham geregelt: Wer sich daneben benimmt, wird beschämt und soll sich schämen. Daraus soll er oder sie lernen, sich richtig zu verhalten. Notgedrungen kann die Einhaltung dieser Normen in einer anderen Gesellschaft nur mangelhaft gelingen. Dort, wo es nicht geht, meldet sich die Scham.

Die Scham des Ausgegrenztseins

Die zweite Ebene, auf der die Scham auftritt, kommt von innen und ist mit der Angst verbunden, in der neuen Gesellschaft keinen Platz zu finden und ausgegrenzt zu bleiben. Das Anderssein wird angesichts der vorherrschenden Normen als Makel und Stigma empfunden, als ein Abweichen von der Normalität. Als Reaktion kann es zum misstrauischen Rückzug kommen, zu angestrengtem Anpassen oder zu verzweifelter Aggression. Die aus diesen Reaktionen stammenden Verhaltensweisen sind mit Scham imprägniert und verhindern Erfahrungen von Freiheit und kreativer Selbstbestimmung. 

Die Scham der Abwertung

Die dritte Richtung kommt von außen, von den Menschen der heimischen Gesellschaft (eigentlich: von den irgendwann früher Eingewanderten). Sie empfinden schnell eine Angst vor Fremden, die sich ungewohnt verhalten oder unvertraut ausschauen. Als Schutz vor dieser Angst meldet sich die Abwertung und Verachtung der Fremden, die sie als mindere Menschen kennzeichnet, die nichts wissen und nichts können. Diese Missbilligung und Herabwürdigung beschämt die Zugezogenen und erschwert ihnen das Ankommen und Hineinwachsen in die neue Gesellschaft. 

Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Die Ansässigen haben den Eindruck, den Neulingen ginge es nicht um Integration und Einfügung in die bestehende Ordnung, weil sie spüren, dass die Anstrengungen, die die Fremden unternehmen, von Scham geleitet sind und deshalb nicht „echt“ wirken. Dieses Misstrauen wiederum stärkt bei den Angekommenen die Angst, keine Anerkennung zu kriegen und keinen Platz zu finden. 

Die Scham der Ansässigen

Allerdings gibt es auch eine Scham bei den Ansässigen angesichts der Zuwanderer. Zunächst einmal stammen auch sie aus Zuwandererfamilien stammen, so weit das auch zurückliegen mag und so wenig das bewusst sein mag. Insbesondere die großen Einwanderungsgesellschaften in Nord- und Südamerika und Australien haben es mit einer tiefsitzenden und gut verdrängten Scham zu tun, dass sie als Usurpatoren und Unterdrücker ins Land gekommen sind. Sie haben den Ansässigen mit Gewalt weggenommen, was deren Recht, Besitz und Würde war, sie haben deren Kultur zerstört und die eigene eingepflanzt, meist rücksichtslos und arrogant und voller Verachtung für die „Primitiven“. Die Folge ist eine massive kollektive Schambelastung, die mit allen Mitteln unterdrückt werden muss.

Auch in unseren Breiten hat es durch die Geschichte hindurch immer wieder Wanderbewegungen gegeben; die Welle der Zuwanderung im Jahr 2015 war zwar wegen ihrer ethnischen Zusammensetzung und geographischer Route etwas Neues in der mittel- und westeuropäischen Geschichte, aber nicht in ihrer Größenordnung, wenn man nur bedenkt, dass am Ende des 2. Weltkriegs fünf Millionen Menschen aus Osteuropa nach Westeuropa geströmt waren. Es ist weiters zu bedenken, dass durch frühere Siedlungs- und Wanderbewegungen fortwährend Bevölkerungsmischungen stattgefunden haben, sodass nur der Mangel an Quellen den Eindruck bei vielen erweckt, als wären ihre Stammbäume alle in einem umgrenzbaren Gebiet mit einheitlicher Kultur beheimatet. Z.B. sind meine Vorfahren väterlicherseits im 17. Jahrhundert über Böhmen aus den Niederlanden nach Oberösterreich ausgewandert. Mütterlicherseits könnte die Zuwanderung noch früher erfolgt sein, vielleicht schon im Zusammenhang der Ostausbreitung der Baiern im frühen Mittelalter. Aber so weit reichen die Quellen nicht zurück. Jedenfalls haben auf dem Boden, auf dem ich heute lebe, die unterschiedlichsten Ethnien gelebt, von denen oft keine Spuren geblieben sind.

Bedingte Heimat

Die Einsicht in die geschichtliche Bedingtheit, die in jedem Heimatbegriff steckt, sobald er über ein subjektives Gefühl hinausgeht, kann das Verständnis für die Dynamik zwischen Ortsansässigen und Hinzukommenden verbessern. Es gibt kein klares Maß dafür, ab wann eine Familie oder Bevölkerungsgruppe irgendwo als heimisch gilt, sodass sie alle, die von außen kommen, als fremd bezeichnen darf. Oft sind es gerade die später Zugezogenen, die besonders auf die Ausgrenzung der Fremden achten. Jede soziale Ausgrenzung enthält eine Schlagseite der Scham, indem sie die Abgesonderten beschämt und über diesen Vorgang im eigenen Inneren Scham auslöst. Wer ausgrenzt, beschämt sich also selbst.

Dazu kommt, dass die Werte in allen Kulturen die Herabwürdigung der Fremden verbieten. Vielmehr ist das Gastrecht und das Willkommenheißen der Fremden Teil der ethischen und religiösen Normen, die nicht ohne Sinn überall in der Menschheit aufgefunden werden können. Der Verstoß gegen diese Normen durch eine fremdenfeindliche Haltung hat Scham zur Folge, die oft mit besonders heftiger Aggression übertönt wird.

Solche Phänomene gibt es nicht nur im Rahmen der internationalen Migration, bei der oft sehr unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen. Sie beginnen schon bei kleinräumigen Übersiedlungen, wo es vor allem am Land lange, oft Generationen braucht, bis jemand, der in ein Dort zugezogen ist, von den Einheimischen als zugehörig angesehen wird. 

Das Autochthone reibt sich am Fremden, und die Reibung erzeugt Scham, wenn die Angst vor dem Fremden vorherrscht. In allen anderen Fällen entsteht aus dieser Reibung ein hohes Maß an Kreativität und schöpferischen Ideen, was Schmelztiegelstädte wie New York demonstrieren. 

Die meisten Menschen, wenn sie als Fremde in ein neues Land kommen, reagieren mit maximaler Anpassung an die herrschende Kultur, die bis zur Selbstaufgabe gehen kann. Sicher ist Anpassung die beste Strategie, um in einer fremden Umgebung Fuß fassen zu können. Aber wenn sie, angetrieben von der Scham, zur Selbstverleugnung und zum Verlust der Ressourcen der eigenen Kultur führt, ist es ein zu hoher Preis, der mit Lebenschancen und Lebensqualität bezahlt wird. Es sind aber auch Ressourcen, die der Kultur im Einwanderungsland fehlen.

Es liegt also auch  daran, die Schamblockierungen, die in das Migrationsthema eingeflochten sind, aufzulösen, auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene, um die Energien und Potenziale zu nutzen, die in der Zuwanderung stecken, und die Konflikte, die sich in diesem Zusammenhang immer wieder auftun, zu entschärfen. 

Zum Weiterlesen:
Die Heuchelei der Immigrationsfeinde
Mehr Konflikte durch gelingende Integration


Samstag, 19. September 2020

Emotionalisierung durch emotionale Kälte - ein aktuelles Beispiel

Müssen Politiker die emotionale Kälte kultivieren, um eine vernünftige Politik zu gestalten? Oder geht es darum, wertbefreit Wählerstimmen zu ködern, ohne Rücksicht auf Menschlichkeit?

Der österreichische Außenminister Schallenberg spricht davon (In der Zeit im Bild 2, 10. September 2020), die Debatte um die Migration anlässlich des Flüchtlingslager auf Lesbos zu deemotionalisieren und zu „rationalisieren“, also sie von den Gefühlen weg zur Vernunft zu bringen. Vernunft heißt für ihn, die Ereignisse von 2015 wieder herbei zu beschwören: „Jedes Mal, wenn ein Schiff auftaucht oder ein Zwischenfall in einem Lager ist, gibt es sofort das Geschrei ‚Verteilung‘. … Es geht jedes Mal um ein paar Kinder oder um 13 000, und dann sind es 50 (Tausend), das ist leider Gottes ein realistischer Pragmatismus.“ 

Der Pragmatismus Schallenberg’scher Prägung besteht also darin, keine Emotionen zu beachten und vor allem kein Geschrei zuzulassen, die Türen fest verschlossen halten und statt dessen Geld und Decken schicken – das schafft ein paar heimische Arbeitsplätze und Firmengewinne. Dazu ein Kommentar von Cornelius Obonya im Standard: „Wenn man Decken und Zelte und ein wenig Geld ins Südliche schickt, dann sieht man die Menschen nicht mehr, weil die sind ja dann unter der Decke.“ 

Wenn wir aber die Grenzzäune nur einen Spalt breit aufmachen und 100 Kinder hereinlassen, käme unweigerlich die große Flut. Das ist für den Außenminister keine Spekulation oder Hypothese, sondern vor dem Eintreten schon eine Realität. Realistischer Pragmatismus nach Schallenberg ist die Vorwegnahme einer Realität, um sie in der Gegenwart schon in den Ansätzen zu ersticken. Die Realität im Kopf dient damit nichts anderem als der Angsterzeugung, die die Abschottungspolitik rechtfertigen soll.

Der Außenminister ist emotionslos im Sinn der emotionalen Kälte, einer Abwehrform der Scham. Obwohl emotionslos, geht es ihm um nichts anderes, als zu emotionalisieren, indem er Ängste schürt. Realistischer Pragmatismus ist die demagogische Behauptung, die eigenen Fantasien wären real, eine Aufforderung zur vorweggenommenen Angst und Katastrophenpanik. Und eine Verleitung zur geistigen Verwirrung, die Gegenwart mit einer fantasierten Zukunft zu verwechseln.

Dem zitierten Gott wird diese Haltung und der Mensch, der sie vertritt, sicher leid tun, wenn es ein Gott der Liebe ist. Selbst der Interviewer Armin Wolf erschien geschockt angesichts dieser Aussagen und warf dem Außenminister Zynismus vor, prallte aber ab: Es sei kein Zynismus, sondern eben realistischer Pragmatismus.  

Hinter der emotionalen Kälte verbirgt sich die Scham. Die Zustände im Flüchtlingslager Moria, das wir uns jetzt, da es abgebrannt ist, endlich merken müssen, waren und sind beschämend, für jeden, der in Europa ein ausreichendes und sicheres Leben führt. Die Scham knüpft an jene an, die uns befallen hat, als plötzlich hunderttausende Menschen mit Rucksäcken, Kinderwägen und Rollstühlen an den Grenzen standen, verzweifelt und hoffend. Um dieser Scham ja nicht wieder zu begegnen, wird der Deckmantel der Menschenverachtung und des Ekels über alle gebreitet, die sich anmaßen, an ihrem elenden Flüchtlingsschicksal etwas verbessern zu wollen.

Denn die Schamverdrängung von vor fünf Jahren wollen wir uns auch nicht mehr antun, die im Angstszenario des zusammenbrechenden Sozialsystems bestanden hat. Wie soll der Staat so viele Eindringlinge versorgen und all die Leistungen, derer wir uns erfreuen, aufrechterhalten? Die Ängste waren unberechtigt, aber sie haben die Scham übertönt. Also wird jetzt im Vorfeld gleich die Angst in Stellung gebracht, damit wir uns nicht schämen müssen, wenn wir die Bilder des verkommenen und überfüllten Flüchtlingslagers über den Bildschirm huschen.

Nichts gelernt seit 2015?

Das Ringen zwischen unmenschlichem „Pragmatismus“ und Menschlichkeit, in dem kurz die Menschlichkeit Oberhand bekam, hat letztlich die Abschottungspolitik für sich entschieden, und diesen Sieg wollen sich die Sieger nicht nehmen lassen.

Die Frontlinien der emotionalen Reaktionen auf die aktuellen Vorgänge sind die gleichen wie 2015: Die naiven Gutmenschen gegen die pragmatischen Zyniker. Fünf Jahre ohne Lernen, ohne innere Veränderung, was für ein Luxus, die wir uns leisten können, weil unsere Wohlstandssicherheit nur an der Oberfläche angekratzt wurde, ein kleiner Lackschaden. 

Die Katastrophe als Folge der Flüchtlingswelle ist ausgeblieben. „Wir“ haben das geschafft. Die Wirtschaft ist weiter gewachsen, die Löhne und Sozialleistungen sind gestiegen, die Pensionen kommen nach wie vor aufs Konto, die Kriminalität hat sich nicht wesentlich verändert, keine Katastrophe weit und breit. Sicher gibt es Schwierigkeiten, manche der 100 000 Migranten, die Österreich aufgenommen hat, tun sich leichter, manche schwerer. Der Arbeitsmarkt und das Bildungssystem haben viel zu tragen, aber es ist auch viel Arbeits- und Leistungskraft und Intelligenz in unser Land geströmt. Und Tausende Einheimische haben ihr Herz geöffnet, ihren Mut zusammengenommen und sind über ihren Schatten gesprungen, um den Neuankömmlingen zu helfen und ihnen unter die Arme zu greifen, bis sie Fuß gefasst haben. Es gab eine Welle der Hilfsbereitschaft, die nichts mit einer Katastrophe zu tun hatte, sondern ein kräftiges Lebenszeichen der Menschlichkeit darstellte.

Doch einigen geht es jetzt nur darum, dass die traumatische Erfahrung von damals, die durch die Fantasie einer Katastrophe erzeugt wurde, uns niemals wieder beunruhigen dürfe. Wer will schon retraumatisiert werden? Lieber emotional kalt und ungerührt das Elend verdrängen, als die Ängste von damals wieder spüren zu müssen. 100 unbegleitete Kinder, also Kinder, die ihre Familie verloren haben, aus Moria könnten die alten Panikgefühle wieder wachrufen. Also schicken wir Decken und Geld hin, damit das menschliche Leid weg von uns bleibt und wir es nicht in der Nähe der eigenen Haut spüren zu müssen.

Push und Pull

Da ist die Rede von Push- und Pullfaktoren, die auch Teil dieses realistischen Pragmatismus sind. Wenn 100 Kinder ins Land kommen und freundlich aufgenommen werden, dann spricht sich das herum und erzeugt einen Pull. Nur sind die Pullfaktoren keine Realität, die faktisch nachgewiesen werden könnte, sondern ein Konstrukt, dessen Wirksamkeit in der Wissenschaft kritisch bewertet wird. Ich denke mir, wenn ich nur ein paar Stunden in einem derartigen Lager verbringen müsste, hätte ich einzig und allein den Push-Faktor, dort rauszukommen, gleich wohin. Möglicherweise war dieser Effekt so mächtig, dass er zum Anzünden des Lagers geführt hat. Aber Herr Schallenberg hat da offenbar eine andere Erfahrung.

Symbolpolitik

Immer wieder ist dazu noch die Rede von der Symbolpolitik. Politik ist immer Symbolpolitik, deshalb ist das Schlagwort nicht geeignet, um damit andere Meinungen zu diskreditieren. Ein paar Migrantenkinder ins Land zu holen, sei ja nur ein Symbol ohne humanitäre Folgen, der Tropfen auf den heißen Stein. Die Migratenfrage bleibt dadurch ungelöst. Natürlich hätte ein derartiger Schritt auch Symbolwirkung: Ein Symbol für Menschlichkeit und für Hoffnung. 100 Schicksale werden zum Besseren gewendet. Den Schritt nicht zu setzen und die Aufnahme von Flüchtlingen zu verweigern, ist auch Symbolpolitik, nämlich die Symbolisierung von Unmenschlichkeit und Hoffnungslosigkeit und 100 Menschen nicht zu helfen. Die Migratenfrage bleibt dadurch genauso ungelöst und kommt nicht einmal einen minimalen Schritt weiter. Im Gegenteil, die österreichische Regierung (zumindest in ihrem türkisen Teil, der ja alle relevanten Ministerien umfasst: Innen-, Außen- und Integrationsressort) verstärkt die Spaltung innerhalb der EU und geht auf die Seite der osteuropäischen Länder, die jede Aufteilungsquote von Migranten ablehnen. Österreich positioniert sich als einziges Land in dieser Gruppe mit europäischem Spitzenwohlstand. 

Im Kontrast dazu haben viele Einzelpersonen, Gemeinden und Städte ihre Bereitschaft bekundet, einen Akt der Solidarität und der Menschlichkeit zu setzen. Das zeigt, dass dieses Land mehr verdient als unmenschliche Spitzenpolitiker, die mit hohlen Phrasen die Ängste der Menschen in diesem Land schüren, und dass es möglich ist, Menschlichkeit und Politik zu verbinden – eine Hoffnung, die wir nie aufgeben sollten.


Samstag, 28. Dezember 2019

Die Heuchlerei der Immigrantenfeinde

Die US-Journalistin Jennifer Mendelsohn hat die Stammbäume von wichtigen Migrationskritikern untersucht und herausgefunden, dass die Stereotypen und Vorurteile, die diese Kritiker Einwanderern entgegenbringen, genau die Schicksale ihrer Vorfahren betrafen. So konnten z.B. die Urgroßeltern des Trump-Beraters Stephen Miller kein Englisch, als sie in die USA kamen. Ihr Urenkel will jetzt aber der keine Immigranten ins Land lassen, die nicht Englisch sprechen. Er wäre also gar nicht in den USA, wenn seine Vorfahren auf die gleiche Ausländerpolitik gestoßen wären, die er jetzt einfordert. 

Ein weiteres Beispiel: Tomi Lahren, eine konservative Politexpertin, sprach auf Fox News über ihre Gedanken zur Immigration: „Man kommt nicht einfach in dieses Land mit geringen Fähigkeiten, geringer Bildung, versteht die Sprache nicht, und will nur deshalb in unser Land, weil jemand sagt, dass das ein nettes Gefühl macht. Das ist es nicht, worauf dieses Land gegründet ist.“

Was sind die historischen Fakten? Frau Lahrens Urgroßmutter lebte 41 Jahre in den Staaten und sprach noch immer deutsch, ihre zweite Urgroßmutter war 10 Jahre hier und konnte kein Englisch.

Mendelsohns erstes Forschungsobjekt war Steve King, ein Kongressabgeordneter aus Iowa, der 2017 sagte: „Man kann eine Kultur nicht mit den Babys von anderen aufbauen.“ Kings Großmutter war 1894 als Vierjährige mit zwei Geschwistern in Ellis Island angekommen.

Dan Scavino, der Social-Media-Direktor im Weißen Haus brachte 2018 seine Einwände gegen die Kettenmigration vor: Familien, die in kleinen Gruppen über die Zeit in ein Land einwandern. Was stellte sich heraus? 1904 war der Bruder seines Urgroßvaters nach Amerika kommen, als erste von einige Scavinos, die dann auf ähnliche Weise aus Italien einwanderten, also eine typische Kettenmigration.


Transgenerationale Heuchelei


An vielen Beispielen konnte Mendelsohn belegen, dass die Hauptargumente, die von den Kritikern der Einwanderung jeweils vorgebracht werden, genau jene sind, unter denen die eigenen Vorfahren zu leiden hatten. Es handelt sich um eine transgenerationale Heuchelei, aus völliger Unbewusstheit über die eigene Geschichte und Genealogie sowie über den Hintergrund des eigenen Ausländerhasses. Es ist niemand für das Schicksal seiner Ahnen verantwortlich und es geht auch nicht darum, Menschen wegen ihrer Familiengeschichte zu bewerten. Im Gegenteil, die Kenntnis der Geschichte relativiert die gegenwärtige Sichtweise und stellt sie in einen erweiterten Kontext, der mit persönlicher Betroffenheit für alle, die aus dieser Geschichte hervorgehen, verbunden ist. 

Die Würdigung der eigenen Familiengeschichte könnte zum Verständnis des oft schweren Loses derer, die ein neues Heimatland suchen, beitragen und die gegenwirkende ausländerfeindliche Haltung abschwächen. Derartige Einstellungen wirken sofort unglaubwürdig und zynisch, sobald ihr Hintergrund ans Licht kommt. Die Heuchelei wird offensichtlich mit der Einsicht, dass die eigenen Vorfahren nicht aus Jux und Tollerei, sondern aus zwingenden Gründen auswandern mussten, aber auf eine tolerantere Gesellschaft gestoßen sind als jene, für die die Nachfahren jetzt lautstark eintreten.


Ängste vor Knappheit


Dieser häufig zu beobachtende Reflex beruht auf tiefsitzenden Ängsten, die transgenerational weitergegeben werden. Die ganze Ausländerdebatte wird von Knappheitsgedanken bestimmt: Es ist zu wenig da, und wenn noch mehr kommen, bleibt für jeden noch weniger. Dieses Denken ist Teil des Überlebensprogramms, das unter bedrohlich kargen Umständen entsteht, z.B. bei Menschen, die aus Hunger-, Kriegs- und Armutsgebieten auswandern, um irgendwo ein besseres Leben zu finden. Sie bringen dieses Knappheitsdenken mit und stoßen auf das Knappheitsdenken der Leute im Ankunftsland, die es gerade geschafft haben und die befürchten, dass sie wieder verlieren, was sie gewonnen haben. Die größte Bedrohung geht von denen aus, die jetzt in der gleichen Lage sind, wie man selbst oder die eigenen Vorfahren früher. Deshalb sind die radikalsten Zuwanderungsfeinde häufig die, deren Familie unlängst selber die Zuwanderung gelungen ist.

Das Knappheitskonzept hat das Konkurrenzgefühl zur Folge und damit den Neid auf jene, die mehr haben oder denen es besser geht. Wo Güter oder Lebenschancen scheinbar oder wirklich knapp sind, ist jedes Quäntchen, das der Nachbar mehr hat als man selber, Anlass für Ängste, selber zu kurz zu kommen. Daraus bildet sich dann die Wut auf alles, was da noch an Konkurrenz dazukommt, also auf alle, die neu auf der Bildfläche aufscheinen und das Ausmaß an Ressourcen noch knapper erscheinen lässt.

Die Weitergabe der Beschämung


Dieser Zusammenhang wird durch die transgenerationale Beschämung verschärft, ein psychischer Mechanismus, der im Unterbewusstsein entsteht und weiterwirkt und sich bei denen, die sich etablieren konnten, meistens ins Gegenteil verkehrt: Aus Scham wird anmaßender Stolz.  Jeder Zuwanderer ist mit einer Beschämung konfrontiert, die auftritt, wenn man in einem Land Schutz sucht, aber die Sprache nicht spricht, die Kultur nicht kennt, die erforderlichen Kompetenzen nicht hat und als armer und rechtloser Bittsteller auftreten muss. Heutigen Immigranten soll dieses Los erspart bleiben, indem sie gleich gar nicht ins Land gelassen werden und mit ihrem Elend bleiben sollen, wo sie sind. Stolz, es selber geschafft zu haben und auf der sicheren Seite zu sein, die erforderliche Sprache zu sprechen und die Überlegenheit des Eingesessenen zu genießen, kann man sich schnell als Beschützer dieser Errungenschaften aufspielen. Aus der ehemaligen Schwäche wird eine Position der überlegenen Macht gesucht, die sich weit über das Schicksal anderer Menschen stellen kann und auf die Unterlegenen mit Verachtung herabschaut.

Wer als Zuzügler in ein fremdes Land kommt, erlebt auf Schritt und Tritt die Beschämung durch das Nicht-Dazugehören und die damit verbundene Infragestellung der eigenen Identität. Die meisten strengen sich deshalb besonders an, sich diese Zugehörigkeit zu erarbeiten und zu verdienen und dadurch vom Zustand der Beschämung in den des Stolzes zu gelangen. Diese Kräfte wirken als Wachstumsmotor für alle Zuwanderungsländer und sind eines der Geheimnisse für den Wohlstand und die Erfolgsdynamik der USA. Es geht dabei nicht nur um die Wirtschaft, die durch die fleißigen Hände der Zuwanderer angekurbelt wird, sondern auch um die Kultur, in die neue Impulse und Ideen  einfließen, was wiederum auf die Wirtschaft im Sinn von Innovationen zurückwirkt.

Wer auf dem Klavier der Emotionen Politik gegen die Immigration macht, sichert sich kurzfristig den Applaus aller Ängstlichen und schadet langfristig dem Land, das er oder sie scheinbar verbessern möchte.

Quellenverweis: Bericht über Jennifer Mendelsohn auf CNN

Zum Weiterlesen:
Mehr Konflikte durch gelungene Integration?
Die Solidaritätsschranke
Ängste und das Wahlverhalten
Der Neid-Mechanismus

Freitag, 4. Januar 2019

Mehr Konflikte durch gelingende Integration - und das soll gut sein?

Aladin El-Mafaalani: Das Integrations-Paradoxon. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. Köln: Kiepenheuer&Witsch 2018

„Die zentrale Folge gelungener Integration ist ein erhöhtes Konfliktpotenzial.“ (S. 59)

So lautet die überraschende Kernthese dieses empfehlenswerten Buches über den vieldiskutierten Themenkomplex Migration und Integration. Denn die meisten erwarten sich von gelingender Integration ein Abnehmen der Konflikte und damit mehr Frieden. Die eingewanderten Ausländer sollen sich anpassen, sodass sie nicht auffallen, und dann sollte es keine Wickel mehr geben.

Doch der Autor muss es wohl besser wissen. Er arbeitet an einer deutschen Fachhochschule als Forscher, ist also ein deutscher Wissenschaftler – oder doch nicht? Seine Eltern sind vor 40 Jahren aus Syrien emigriert, er trägt einen arabischen Namen, schaut nicht wie ein "typischer Deutscher" aus und hat also einen „Migrationshintergrund“; ein Begriff, der im Buch kontroversiell diskutiert wird, ebenso wie die Frage, was denn „deutsch“ eigentlich ist.

Warum nun muss eine gelungene Integration mehr Konflikte hervorrufen? Menschen, die neu in ein Land kommen, ordnen sich zunächst unter. Sie sind froh, dass sie es geschafft haben, ihrem Fluchtgrund entkommen zu sein und lassen sich langsam auf die neue Situation ein. Sie stellen wenig Ansprüche und nehmen vieles hin. Menschen, die sich dann nach einiger Zeit in die  Gastkultur integriert haben, fühlen sich mehr zugehörig und sehen mehr Gemeinsamkeiten mit anderen Mitgliedern dieser Kultur. Auf dieser Grundlage wollen sie sich aber auch mehr einmischen und mehr teilhaben. Dadurch kann mehr Streit entstehen.


Diskriminierung ist eine Folge von Bewertungen und Erwartungen


Je mehr Vertrautheit sich im neuen Land und in der neuen Gesellschaft entwickelt, desto schneller wachsen die Ansprüche und die Empfindlichkeiten. Mit dem stärker werdenden Gefühl für Zugehörigkeit wird auch deutlicher spürbar, wo es Diskriminierungen und Unduldsamkeiten gibt, die nicht länger akzeptiert, sondern kritisch thematisiert werden. „Wahrgenommene Diskriminierung entsteht erst durch die Bewertung. Nur dann, wenn eine Ungleichbehandlung als illegitim bewertet wird, fühlen sich Menschen diskriminiert. Als illegitim bewerten sie Handlungen und Situationen dann, wenn die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität zu groß wird, wenn also die Realität zu weit von den Erwartungen abweicht.“ (85)

Als Beispiel kann man vergleichsweise darauf hinweisen, dass die Frauen in den 1960er Jahren mit ihrer viel schlechteren Rolle zufriedener waren, als sie es heute mit ihrer viel besseren sind. Mit einer erfolgreichen Integration steigen die Erwartungen, und daraus erwachsen wiederum mehr Sensibilitäten, was Diskriminierungen anbetrifft. Solche Schlechterstellungen anzuprangern, zeugt von einem verstärkten Sicherheitsgefühl in der neuen Umgebung, erzeugt aber auch mehr Konflikte. „Integration steigert das Konfliktpotenzial in einer Gesellschaft. Es gibt aufgrund gelungener Integration Konflikte, die es ohne Integration nicht gegeben hätte.“ (123)

Der Autor sieht Streit (in einer konstruktiven Form) als Kitt der Gemeinschaft – unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven steigern das kreative Potenzial. Deshalb sind klassische Einwanderungsländer besonders produktiv und innovativ. Das gegenseitige Lernen, das beim respektvollen Streiten passieren kann, erweitert die Horizonte und schafft neue Möglichkeiten. „Näherkommen und Zusammenwachsen können dazu provozieren, die Differenzen zu betonen, weil sie kleiner werden.“ (S.15) 


Integration ist mit Ängsten und Schmerzen verbunden - für beide Seiten


„Zusammenwachsen dauert und tut weh“ (S. 37), weil eigene Vorstellungen relativiert und liebgewonnene Gewohnheiten in Frage gestellt werden müssen und Fremdes und Unvertrautes näher rückt, was Unsicherheiten und Ängste auslöst. Viele hätten es lieber behaglich in der eigenen bekannten Umgebung mit den althergebrachten Traditionen, statt sich auf Neues und Fremdes einstellen zu müssen. So lautet das Kalkül der Bewahrer und der Gegner der Öffnung. Nur bewirkt das Zumachen der Grenzen den Verzicht auf Entwicklung und Wachstum. Das sei allen Enthusiasten von Mauern und Zäunen ins Stammbuch geschrieben.

Meist sind das auch die Leute, die fordern, dass sich die Menschen assimilieren, wenn sie schon ins eigene Land gelassen wird. Doch dieser Erwartung erteilt der Autor eine entschiedene Absage: Das Ansinnen, die eigene Identität, die durch das Aufwachsen in der Heimatkultur entstanden ist, aufzugeben, ist unsinnig. Die eigene Identität kann nur aufgeben, wer mit sich selber uneins ist, und wer mit sich uneins ist, braucht eine Therapie. Menschen migrieren aber nicht, weil sie mit sich selber im Zerwürfnis sind, sondern weil es die äußeren Umstände erzwingen. Sie kommen meist mit einer Bejahung ihres Glaubens, ihrer Werte, ihrer Sprache in die neue Umgebung. Sie haben keinen Grund, sich selber deshalb zu verleugnen. Wer das verlangt, denkt unmenschlich: Wir brauchen uns nur auf das Gedankenexperiment einlassen, selber auswandern zu müssen, und da würde ein Gastland z.B. Japan fordern, man müsse dort Japaner werden und alles, was zur eigenen kulturellen Identität gehört, aufgeben. Das will wohl niemand.


Loyalität und Erfolg


Allerdings wird das Problem dort komplexer, wo die Kinder ins Spiel kommen. Sie sollen es in der neuen Kultur besonders gut schaffen und ihr Bestes geben, um erfolgreich zu sein. Dazu müssen sie sich sehr an die im Gastland herrschenden Anforderungen und Werte anpassen und entfremden sich damit ein Stück von der Welt der Eltern, die sich als Migranten in der fremden Umgebung umso mehr an die eigenen Traditionen und kulturellen Elemente klammern. Sie müssen ihre eigene Identität aus einer Mischung der familialen und der neuen Kultur entwickeln. Es entsteht ein Konfliktfeld zwischen Loyalität und Erfolg, das sich durch viele Familien „mit Migrationshintergrund“ zieht und das konstruktiv bewältigt werden muss.

Die beste aller bisherigen Welten


Während wir in den Medien immer wieder über Katastrophen, Kriege und Konflikte informiert werden, geht unter, dass sich der Lebensstandard der Menschen in der ganzen Welt seit Jahrzehnten schrittweise bessert – es gibt weniger Armut und Hunger, höhere Lebenserwartung und Durchschnittseinkommen, eine enorm gestiegene Alphabetisierungsrate und eine erhebliche Steigerung des Zugangs zur Elektrizität und auch zu Bildung. Also leben wir in einer Welt, in der es so vielen Menschen noch nie so gut gegangen ist, was die Basisbedingungen und Entwicklungschancen angeht. Aus dieser Perspektive betrachtet, leben wir in der besten aller bisherigen Welten – und deshalb auch in der Welt mit dem höchsten Verbesserungsbedarf.


Nun könnten wir meinen, dass diese schon über Jahrzehnte wirkenden Trends zu einem Rückgang der Migration führen müssen. Doch sollten wir nicht außer Acht lassen, dass die Migranten nicht aus den ärmsten Ländern kommen, sondern aus Schwellenländern. Migration erfordert „ein vergleichsweise hohes Maß an Fitness, viel Geld und gute Netzwerke. ...Es kommen nicht die Ärmsten und Schwächsten.“ (149)

Deshalb ist es auch naiv anzunehmen (wie das viele Politiker tun und ihren Anhängern vorgaukeln), dass die Zuwanderung nach Europa dadurch reduziert werden könnte, wenn die Entwicklungshilfe und Wirtschaftsförderung ausgeweitet wird („Die Migrationsursachen vor Ort bekämpfen“). Die Forschung geht von gegenteiligen Entwicklungen aus, denn mit dem steigenden Wohlstand in einem Land steigen auch die Ressourcen für eine Auswanderung bei denen, die noch mehr Anteil am globalen Kuchen wollen.

Statt dessen sollte der Blick darauf gerichtet werden, was die europäische Politik direkt zur Ankurbelung der Migration beiträgt: „Unfaire Handelsabkommen, interessengeleitete Subventionspolitik und natürlich nicht zuletzt … Waffenlieferungen“ (152). Migration hingegen leistet umgekehrt einen recht effektiven Beitrag zur Entwicklungsförderung, denn die Migranten, die es im neuen Land geschafft haben, überweisen Gelder zurück in ihre Heimatländer, die dort direkt den Menschen zugute kommen und an der Basis in die Wirtschaft einfließen, und nicht, wie es bei Finanzmitteln aus der Entwicklungshilfe häufig der Fall ist, in korrupten Kanälen versickern.

Ob es uns passt oder nicht – wir müssen uns darauf einstellen, dass die Migration weitergeht. Sie war und ist Teil unserer Geschichte (in der Zwischenkriegszeit war Deutschland das Auswanderungsland Nummer 1 und auch in Randgebieten Österreichs haben sich ganze Gegenden durch die Migration nach Amerika entvölkert) und sie wird auch Teil unserer Zukunft sein. Wir sollten nicht vergessen, dass es die europäischen Eroberer und Auswanderer waren, die die Globalisierung erfunden haben und dass Europa über Jahrhunderte enorm davon profitiert hat – und auch in Zukunft daraus Gewinn schöpfen kann, wenn es gelingt, die mit der Integration migrierter Menschen verbundenen Konfliktfelder konstruktiv und kooperativ zu nutzen. Wir verfügen über ein reichhaltigen Wissen über Konfliktlösungen; wenn wir darauf vertrauen, brauchen wir keine Angst vor Zuwanderung oder Überfremdung haben, sondern können sie als Chance sehen.