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Montag, 11. Mai 2026

Der Heimatbegriff in den Mühlen der Rechtspropaganda

Vollmundig nehmen Politiker und Propagandisten gerne „die Heimat“ in den Mund, um die Heimattreuen um sich zu scharen und Stimmung gegen alles Fremde zu machen. Genauer betrachtet, ist allerdings die Heimat nichts Einfaches, wie es oft suggeriert wird, sondern ein recht komplexer und vielschichtiger Begriff. Wegen seiner emotionalen Aufladung eignet er sich gut für ideologische Zwecke. Durch die Verbindung der Heimat mit der Blut-und Bodenideologie im Nationalsozialismus geriet der Begriff nach dem 2. Weltkrieg  in Misskredit. Mit dem Aufstieg von Rechtsparteien ist die „Heimat“ neulich zu einem Kampfbegriff mutiert. Die Heimat soll einen sicheren Hafen in einer unübersichtlichen Welt darstellen, dem keine Bedrohungen etwas anhaben können, solange nichts Fremdes eindringt. Da es die Zuwanderer sind, die in die eigene Heimat einsickern, sollte jede Form der Migration unterbunden werden. Nur so kann die Heimat rein und unverdorben bleiben. Dieser abgeschlossene Begriff der Heimat wird mit Identität aufgeladen – sie soll definieren, welcher Mensch man ist, was man mag und was nicht, was man will und was nicht. Außerdem soll die Heimat geliebt werden, so wie das Vaterland.

Von dieser ideologischen Seite wird also ein exklusiver Heimatbegriff propagiert – etwas, das es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Menschen sind immer ein- und ausgewandert, durch die ganze lange Geschichte hindurch. Die Bevölkerung der eigenen Heimat ist überall eine Mischkulanz. 

Denn in der Menschheitsgeschichte ist Wanderung die Regel und Bodenständigkeit die Ausnahme. Die Angehörigen der schwarzen und der weißen Bevölkerung in Nordamerika sind Nachkommen von Einwanderern. Die Ureinwohner („First Nations“) sind ebenfalls Einwanderer, nur zeitlich weiter zurück (vermutlich vor ca. 20 000 Jahren). Meine Vorfahren z.B. sind im 16. Jahrhundert aus Holland über Böhmen nach Österreich gekommen und haben dann in verschiedenen Regionen des Landes gelebt. Selbst manche Bauern, die auf eine lange Tradition auf ihren Höfen zurückblicken, sind irgendwann einmal zugewandert.

Heimat als soziale Konstruktion

In den Sozialwissenschaften herrscht der Konsens, dass es sich bei der Heimat um ein soziales Konstrukt handelt, dass sie also keine objektive Gegebenheit ist. Primär entsteht sie aus der Verbindung mit Personen, während die räumliche Dimension (der Ort, der Landstrich) sekundär ist. 

Das Heimatgefühl wird durch einen Kreis vertrauter Menschen erzeugt, die direkt, face-to-face miteinander bekannt sind. Bei Menschen, die man kennt, sind die Reaktionen vertraut, man weiß, wann man sich entspannen kann und wann man aufpassen muss. Das selbstverständliche Zugehörigkeitsgefühl ist ein weiterer Aspekt der Heimat, der soziale Sicherheit verleiht. Mit dem Begriff der Heimat sollen verschiedene Bedürfnisse abgedeckt werden, z.B. Zugehörigkeit, Kontinuität, Mitgestaltung, Verstandenwerden, die intuitive Kenntnis der Umgangssprache und der elementaren sozialen Regeln.

Heimat, Staat und Nation

Es sind also vertraute Menschen, die kleinen Kindern Sicherheit vermitteln, und das Gefühl des Vertrauens und der Zugehörigkeit wird dann auf die Orte übertragen, an denen dieses Sicherheitsgefühl entstanden ist. 

Mit dem Aufwachsen erweitert sich das Zugehörigkeitsgefühl und wird abstrakter, also immer mehr von konkreten Personen gelöst. Heimat wird dann auf das Dorf oder die Stadt, in der die Kindheit verbracht wurde, und später auf das Land und die Nation ausgeweitet. Die Länder sind aus Gebietsgrenzen gebildet worden, die im Lauf der Geschichte vor allem als Folgen von Kriegen entstanden sind. 

Der Begriff der Nation stellt eine besondere soziale Konstruktion dar, weil er die Bewohner eines Landes emotional an den Staat binden will. 

Er ist also vor allem zum Zweck der Identifikation der Einwohner mit dem modernen Staat entstanden (der erst in der Neuzeit zu einem Flächenstaat wurde). Dem Staat untergeordnet sind nun alle, die auf einem bestimmten Gebiet wohnen. Die Staatsbürger sich sollten mit diesem Begriff in größere Machtzusammenhänge einfügen und diese gegen alle Bedrohungen verteidigen – nach der Devise: „right or wrong, it’s my country“ oder z.B.: „Deutschland über alles“. 

In der Verabsolutierung der Nation zeigt sich die Ideologie des Nationalismus, der als Motivator und Mobilisator für viele Kriege eingesetzt wurde, beginnend mit den französischen Kriegen im Gefolge der Revolution von 1789 über die Weltkriege, die Jugoslawienkriege bis zum Ukrainekrieg. 

Im Nationalismus wird Nation durch die Abgrenzung von anderen Nationen definiert, meistens von denen, die benachbart sind. Sie sind die Fremden, und zwischen den Eigenen und den Fremden verläuft eine starre Grenze, die nur durch Kriege, also durch Gewalt verändert werden kann. Durch den Nationalismus werden Identitäten geprägt, mit denen die unterschiedlichen Herkünfte vereinheitlicht werden sollen.

Der Heimatbegriff der Auswanderer

Wenn Menschen auswandern, nehmen sie ihre Heimat im Kopf als geschönte Bilder und wohlige Gefühle in die neue Umgebung mit. Während sich die tatsächliche Heimat weiterentwickelt, modernisiert und verändert, wird das Bild im Kopf der Ausgewanderten oft idealisiert und auf eine frühere Zeit fixiert. Deshalb werden in der Fremde oft Traditionen, Werte und Sprachformen gepflogen, die im Herkunftsland vielleicht schon längst überholt sind. Werden die Zuwanderer in der neuen Umgebung abgelehnt oder fühlen sich abgelehnt, so wird die Identifikation mit der verlorenen Heimat umso wichtiger. Je stärker die Ausgrenzung erlebt wird, desto wichtiger ist die Rolle des Heimatbegriffs als Schutz gegen den Assimilationsdruck. Die Verteidigung der Heimat gegen Angriffe kann dann besonders aggressiv ausfallen.

Diese Reaktion zeigt sich oft in der zweiten oder dritten Generation der Zuwanderer. Die Spannung, die sich aus dem Gefühl ergibt, zwei unterschiedlichen Welten zuzugehören, wird damit bewältigt, dass die Heimat der Eltern und die dort geltenden Werte und Normen besonders starr festgehalten werden. Die Unsicherheit mit der eigenen Rolle in der neuen Gesellschaft soll durch eine Idealisierung der Herkunftsgeschichte überwunden werden.

Die Migrantenfeindlichkeit unter Migranten

Ein weiteres scheinbar paradoxes Phänomen zeigt sich, wenn früher Zugewanderte später Zugewanderte ablehnen oder wenn sie, obwohl sie selbst aufgenommen wurden, für einen Aufnahmestopp eintreten. Oft wählen sie rechte oder rechtsextreme Parteien, trotz deren Ausländerfeindlichkeit. Denn sie erhoffen sich von ihnen den Schutz ihrer mühsam erarbeiteten Position in der neuen Gesellschaft. Außerdem befürchten sie die Konkurrenz von Neuankömmlingen am Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder bei den Sozialleistungen. Oft sind sie, wie oben erörtert, traditionalistisch oder konservativ eingestellt und treten für Recht und Ordnung ein; neu Hinzukommende könnten ein Chaos anrichten, weil sie sich nicht auskennen und sich nicht anpassen können oder wollen. Wer sich schon in der Gesellschaft etabliert fühlt, sieht in den Neuen eine Gefahr der errungenen Stabilität. Deshalb sollte man ihnen mit Misstrauen begegnen.

Wer sich schon länger im Land befindet, hat ein gewisses Heimatgefühl aufgebaut, das aber noch fragil ist, weil es sehr vom Maß der Integration in die neue Gesellschaft bzw. vom Aufgenommenwerden durch die Einheimischen abhängt. Das noch nicht gefestigte Heimatgefühl wird durch neu Hinzukommende verunsichert und muss deshalb in der emotionalen Gegenreaktion durch die Abwehr der Neuen gestärkt werden.

Die guten Migranten

Viele rechtsorientierte und ausländerfeindliche Politiker haben migrantische Partnerinnen, z.B. der amerikanische Präsident, sein Stellvertreter und der Außenminister oder die Bundessprecherin der AfD. Wie geht das zusammen? Für diesen Zweck dient die Unterscheidung zwischen den guten und den schlechten Zuwanderern. Die eigenen Partner dienen als Vorbild, wie die Integration gelingen kann: Die guten Migranten passen sich nahtlos in das Bild der Heimat an, das die Tradition vorgibt. Sie geben ihre Herkunftsidentität weitgehend auf und ordnen sich der neuen Heimat mit ihren Regeln und Gebräuchen unter.

Dem migrationsfeindlichen Politiker dient die aufpolierte neue Identität der Partnerin als Feigenblatt: Wie kann man mich als Rassisten bezeichnen, wo ich doch jemanden mit fremder Herkunft geheiratet habe? 

Der ideologisierte Heimatbegriff kann für die jeweiligen persönlichen Zwecke zurechtgebogen werden. Allerdings wird er durch solche Verdrehungen immer undeutlicher und verlogener, sodass er nur mehr in realitätsfremden und geschlossenen Zirkeln und Blasen Gefühle mobilisieren kann. Dieses „Nur-Mehr“ ist freilich relativ: Es scheint, als ob immer mehr Menschen einer realitätsverweigernder Wirklichkeitssicht zuneigen und damit Fantasien nicht mehr von Fakten unterscheiden können oder wollen. 

Die schlechten Migranten

Die schlechten Migranten sind jene, die ihren mitgebrachten Heimatbegriff nicht aufgeben, sondern ihn in die neue Heimat einfließen lassen wollen. Sie lösen Ängste vor einer Überfremdung aus – dass die Minderheitskultur die Mehrheitskultur auslöscht, etwa unter dem propagandistischen Schlagwort der Islamisierung, oder noch schlimmer, des Bevölkerungsaustausches. Da der Heimatbegriff weitgehend in ein ideologisches Konstrukt umgewandelt wurde, ist er bestens dazu geeignet, irreale Ängste auszulösen und zum alles überschattenden Problem hochstilisiert zu werden. Er wird zu einem Gefäß, in das alle anderen Ängste hineinprojiziert werden können. 

Der korrumpierte Begriff der Heimat

Als Folge des ideologischen Missbrauchs wird der Heimatbegriff über kurz oder lang wieder dort landen, wo er nach dem Ende des Nationalsozialismus war – für die einen ein Hoffnungsträger für die Erlösung von allen Missständen: Wenn die Zuwanderung beendet wird, wird alles gut; für die anderen Symbol der Rückschrittlichkeit. In jedem Fall ist der Begriff der Heimat seines ursprünglichen Sinnes beraubt und politischen Machtinteressen untergeordnet. Die einen sehnen sich zurück in eine idyllische Vergangenheit à la Peter Roseggers Waldheimat, in der die Welt noch heil war. Die anderen glauben, dass die Menschheit nur dann eine Zukunft hat, wenn sie ihren Planeten als Heimat von allen begreift, sodass sie als Gemeinschaft die Überlebensprobleme der menschlichen Zivilisation angehen kann.

Zum Weiterlesen:
Migrationsmythen und die Realität
Migration und Scham
Hass im Internetzeitalter


Donnerstag, 4. Dezember 2025

Migrationsmythen und die Realität

Das Thema Migration ist emotional hoch aufgeladen und beherrscht die Politik. Gerade deshalb ist es dafür geeignet, dass sich Mythen bilden. Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger hat ein Buch geschrieben, in dem sie auf der Grundlage vieler Studien Narrative und Mythen zur Migrationspanik" entkräftet. Der folgende Artikel ist aus dieser Quelle gespeist und mit eigenen Gedanken ergänzt. Die Zitate beziehen sich auf das Buch: Judith Kohlenberger: Migrationspanik. Wie Abschottungspolitik die autoritäre Wende befördert. Wien: Picus Verlag 2025

Mythos 1: Die Massenzuwanderung hat zur Ausländerfeindlichkeit und zum Aufstieg der Rechtsparteien geführt.

Realität: Die immer restriktiver werdende autoritäre bis brutale (Stichwort „Push-Backs“) Asyl- und Migrationspolitik hat die Migration als größte Gefahr für den Nationalstaat populär gemacht. Es ist also umgekehrt: Die Ausländerfeindlichkeit hat nur den Rechtsparteien genutzt, gleich ob sie von linken oder konservativen Parteien benutzt wurden. Die rechten und rechtsextremen Parteien konnten an Zulauf gewinnen, weil sie dieses Narrativ am glaubwürdigsten vertreten und in der Regel über wenig andere politische Ziele verfügen. Eine restriktive Migrationspolitik hat das Ziel einer umfassenden Abschottung („Grenzen dicht machen“), weil ja angeblich die Gefahr so groß wäre. Die Angst, von welcher Seite auch immer sie gesät wird, bedienen die rechtsradikalen Kräfte besser als die moderaten.

Mythos 2: Die Fluchtursachen haben nichts mit uns zu tun, wir sind nur die Opfer von Konflikten und Krisen irgendwo anders auf der Welt.

Realität: Durch die Klima-, Handels- und Sicherheitspolitik der europäischen (und der anderen westlichen) Staaten werden laufend Fluchtursachen in den ärmeren Ländern erzeugt. Die Politik in unseren Ländern hat vor allem die Eigeninteressen im Blick und kümmert sich nur marginal um die Interessen anderer Länder, bzw. derer Bewohner. Bekanntlich leiden die ärmeren Länder unter der Klimakrise am meisten, während die reicheren Länder umso mehr zur Erderwärmung beisteuern, sich aber am besten vor den Auswirkungen schützen können. Diese beschämenden Zusammenhänge werden tunlichst aus den Debatten und Entscheidungsfindungsprozessen herausgehalten.

Mythos 3: Wenn die Migration zurückgeht, werden auch die Rechtsparteien an Einfluss verlieren.

Realität: Die panischen Gefühle um das Thema Migration herum haben sich schon so stark in den Mentalitäten der Menschen verfestigt, dass es gar keine neue Migration mehr braucht, um den Rechtsparteien zu mehr Einfluss zu verhelfen. Die Zahlen der Einwanderungswilligen gehen seit Jahren zurück, während der Zulauf zu den Rechtsparteien in den meisten Ländern kontinuierlich ansteigt. Eine Ausnahme stellt übrigens Spanien dar, das eine liberale Migrationspolitik betreibt, mit dem zusätzlichen Resultat, dass die Wirtschaftsdaten wesentlich besser ausfallen als in den anderen EU-Ländern, die die Zuwanderung eindämmen wollen.

Mythos 4: Integration kann nur gelingen, wenn sich die Zuwanderer anpassen.

Realität: Natürlich bedarf es der Anstrengungen der Migranten, sich in das Gastland einzufügen, die Sprache zu lernen und die Regeln zu akzeptieren. Aber solange die Einheimischen die Fremden als Störung und nicht als Bereicherung erleben und nur Ihresgleichen” als vollwertig anerkennen können, wird die Integration nicht gelingen. Es sind also Anstrengungen auf beiden Seiten notwendig, und das wird von der einschlägigen Propaganda tunlichst ignoriert. Denn es widerspricht der Logik der Propaganda: Wir haben die Oberhand, weil wir zuerst hier waren, wer später kommt, muss sich unterordnen. Wir brauchen sie nicht, also sind wir in der stärkeren Position. Übersehen wird bei diesem Denkmuster, dass die westlichen Länder ohne Zuwanderung sehr schnell in wirtschaftliche Probleme geraten würden und langfristig unter einer schrumpfenden Bevölkerung mit zunehmender Überalterung leiden würden. 

Mythos 5: Wir sind schon für Zuwanderung, aber nur die Leute, die wir für die Wirtschaft brauchen. Alle anderen müssen draußen bleiben.

Realität: Die Beschränkung der Zuwanderung auf die oft zitierten qualifizierten Facharbeitskräfte ist der Wunschtraum aller gemäßigten Migrationspopulisten. Er scheitert daran, dass diejenigen, die sich aufgrund ihrer Qualifikationen die Länder aussuchen können, in die sie übersiedeln, meiden verständlicherweise Länder mit ausgeprägter Ausländerfeindlichkeit. Alle Länder, in denen die rechtsgerichtete ausländerfeindliche Propaganda stark ist, bekommen gerade die Fachkräfte nicht, die sie sich wünschen.

Das ist ein typisches Beispiel für die Widersprüchlichkeit in der Migrationspropaganda: Sie propagiert eine grundsätzliche Ausländerfeindlichkeit, will aber die Rosinen aus dem Kuchen picken, indem nur die „brauchbaren“ Zuwanderer genommen werden. Das funktioniert aber kaum oder gar nicht, weil das feindselige Klima vor allem jene Migranten abschreckt, die die Wahl haben; die anderen, die keine Wahl haben, wandern ein, auch wenn sie damit rechnen müssen, auf eine gastfeindliche Gesellschaft zu treffen. Denn sie wollen vor allem ihre Haut retten.

Mythos 6: Wir brauchen eine homogene Gesellschaft. Das geht nur, wenn sich die Zugewanderten an unsere Normen anpassen. Dazu müssen wir ihnen diese Werte eintrichtern.

Realität: Diese „unsere Normen und Werte“ sind eine Fiktion. In einer pluralen und individualisierten Gesellschaft sind Werte so unterschiedlich, dass ein gemeinsamer Nenner nur mehr abstrakte Normen beinhaltet. Manche Politiker haben zwar Wertekataloge vorgestellt, die darstellen sollen, was die heimische Identität ausmacht. Aber diese Kataloge enthalten entweder Allgemeinplätze (z.B. gegenseitiger Respekt) oder verweisen auf lokales Brauchtum bezogen (z.B. Nikolaus-Feiern), das von Region zu Region verschieden ist. 

Den meisten Einheimischen ist gar nicht klar, worin das besteht, was sie von den „Fremden“ unterscheidet. Denn die heimische Kultur ist so divers und vielschichtig, dass es sinnlos ist, sie auf eine Liste von Werten zu reduzieren. Es ist eher so, dass sich ein Autochthoner mit linker oder liberaler politischer Ausrichtung stärker von einem Autochthonen mit rechter Gesinnung unterscheidet als von einem Ausländer oder Migranten, mit dem er mehr Überscheidungspunkte seiner Ansichten hat. 

Historisch betrachtet, ist z.B. die österreichische Kultur das Produkt aus verschiedenen Migrationsbewegungen der letzten Jahrhunderte. Als Telefonbücher noch verbreitet waren, genügte ein kurzes Blättern, um festzustellen, dass die Ansammlung an Familiennamen zugleich eine Ansammlung an unterschiedlichen Herkünften zeigt, vor allem aus dem Raum der ehemaligen Habsburgermonarchie, aber auch darüber hinaus. Die heutigen Österreicher sind das Produkt vieler Migrationsbewegungen und nicht die Abkömmlinge eines genetisch homogenen Stammes oder gar einer Rasse. Fremdenfeindlich kann man nur sein, wenn man die Geschichte ausblendet, vor allem die eigene Abstammungsgeschichte. 

Dazu kommt, dass sich die Kultur durch Übernahmen aus anderen Kulturen laufend ändert. Im deutschsprachigen Raum ist z.B. ein fortgesetzter Trend zu bemerken, Wörter aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum zu adaptieren. Das Jugendwort 2025 ist „das crazy“, auf den Plätzen landeten: „goonen“ und „checkst du“, drei Anglizismen mit deutscher Grammatik. In Österreich kann bemerkt werden, wie immer mehr Wörter aus Deutschland übernommen werden, z.B. „Tschüss“ oder „lecker“ – kein Wunder, weil ja die größte Gruppe der Zuwanderer in Österreich aus der Bundesrepublik Deutschland kommt. 

Aber solche Veränderungen stören die Migrationspaniker nicht wirklich, weil es sich um Einflüsse handelt, die aus Kulturen stammen, die sie als gleichwertig oder überlegen betrachten. Was sie stört, sind kulturelle Einflüsse aus Kulturen, die sie abwerten, weil sie als minderwertig angesehen werden, z.B. moslemische Kulturen. 

Mythos 7: Eine harte Zurückweisungspolitik an den Grenzen macht die Gesellschaft sicherer.

Realität: Was sich an den Außengrenzen der EU abspielt, widerspricht in vielen Fällen dem Recht – nationalem, EU- und Völkerrecht. Trotz der massiven und kostspieligen Anstrengungen werden die erwünschten Erfolge nicht erzielt. „Weltweit gibt es sechsmal so viele Grenzmauern und -zäune wie während des Kalten Krieges.“ Und dennoch wird das Sicherheitsgefühl jener, die innerhalb der Mauern und Zäune leben, immer schwächer. „Dazu kommt, dass Grenzbefestigungen ökonomisch, sozial und politisch sehr teuer sind, dass sie aber Migration nicht regulieren.“ (S. 60) 

Ein weiteres Paradoxon besteht darin, dass der vermeintliche Schutz der Grenzen die organisierte Kriminalität befördert, die vergeblich bekämpft werden soll. Je mehr Grenzbefestigungen, desto mehr Versuche, sie zu überwinden, mit allen Mitteln, die zu Gebote stehen. Wo die Not wächst, finden sich schnell Leute, die sie auf kriminelle Weise für ihre Zwecke ausnutzen können.

Als weitere Folgewirkung der Brutalisierung, die an den Grenzen stattfindet, sinken in der öffentlichen Wahrnehmung die Standards für die Menschenrechte. Steter Tropfen höhlt jeden Stein, stetiges Ignorieren von menschenrechtlichen Standards durch offizielle Stellen untergräbt die Moral. Aggression an den Grenzen wirkt nach innen weiter, die Polizei gewöhnt sich an Unmenschlichkeiten und die Bürger nehmen Rechtsbrüche hin, weil es ja keine Konsequenzen gibt. Auf diese Weise erodiert das Regelverständnis und eine von Empathie geleitete Ethik wird an den Rand gedrängt, an dem ein paar Idealisten ausharren. Stattdessen wird auf breiter Front der Nährboden für eine Politik ohne Mitgefühl bereitet, nach der Macht des Stärkeren. Es wird also ein Rückfall auf frühere Niveaus der Menschlichkeit unterstützt. 

Die zwei Gesichter der Fremdenangst

Die Fremdenangst hat zwei Gesichter. Das erste, offensichtliche, besteht darin, dass die Fremden anders sind als wir und dass sie deshalb mit Misstrauen beäugt werden müssen. Sie sind ein Fremdkörper und werden immer einer bleiben, denn sie können ihre Fremdheit nicht ablegen. Das andere Gesicht der Angst ist verborgener und weist auf das genaue Gegenteil: Wäre es nicht viel schlimmer, wenn sich die Fremden so anpassen und die einheimische Lebensweise übernehmen, dass sie nicht mehr unterscheidbar sind? Was bleibt dann noch von uns? Geht der „Ur-Österreicher endgültig verloren? Angeblich stammt selbst „Ötzi“, die Gletschermumie, genetisch aus Anatolien, war also selbst ein Migrant.

Stattdessen wird die Angst verbreitet, dass die Fremden nie so werden “wie wir sind”. Dabei ist den meisten Menschen, die von dieser Angst betroffen sind, gar nicht klar, worin dieses Wir-Sein überhaupt besteht.

Mythos 8: Wenn wir den Nationalstaat stärken, bekommen wir die Migration in den Griff.

Realität: Die Globalisierung ist ein Trend, der über Jahrhunderte wirkt und nicht aufgehalten werden kann. Er bewirkt, dass der Nationalstaat immer mehr Kompetenzen an übergeordnete Strukturen abtreten muss. Er verliert zusehends an Kompetenzen. Der hochgezogene und hochgelobte Grenzschutz erscheint als Propagandaveranstaltung, mit dem die Bedeutung des Nationalstaats demonstrativ hochgehalten werden soll, während ihm durch die Prozesse der Globalisierung beständig das Wasser abgegraben wird. Der Nationalstaat, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, hat keine Zukunft, sosehr sie auch von rechtsgerichteten Politakteuren ersehnt wird. Sie nutzen das Migrationsthema, um die überkommene Idee des Nationalstaates als Allheilmittel anpreisen zu können.

Deshalb wirkt das Orbán-Ungarn wie ein absurder Fremdkörper in Europa, das eine abgeschottete Nationalstaatspolitik betreibt, während es von der EU reichliche Finanzmittel bekommt, bei den meisten Beschlüssen eine Außenseiterposition einnimmt und dennoch von der transnationalen Mitgliedschaft profitiert. Weil es funktioniert, rhetorisch die Rebellenposition einzunehmen und zugleich am Futtertrog mitzunaschen, findet dieses Modell Anklang und Nachahmung bei allen Rechtsparteien. Die angeheizte Migrationspanik liefert den emotionalen Untergrund für den Zulauf, den diese Gruppierungen haben.

Nicht von ungefähr haben rechte und rechtspopulistische Parteien dort die größten Zugewinne, wo gar keine Flüchtlinge leben, wie etwa in Ungarn. Dort nämlich gibt es gar keine Möglichkeit zu verifizieren, ob das, was ein Viktor Orbán über Schutz suchende Menschen aus dem Nahen Osten oder Afrika verbreitet, wirklich stimmt. (S. 114)

Mythos 9: Die Migration ist schuld an der Zunahme der Straftaten.

(Dieser Abschnitt bezieht sich nicht auf das Buch von Judith Kohlenberger, sondern auf eine Zeitungsmeldung mit Daten, die der Soziologe Soziologe Günther Ogris vom Dema Institut am 23.11.2025 präsentiert hat.)

Realität: Auch hier stoßen wir auf ein Paradoxon: Österreich ist nachgewiesen eines der sichersten Länder der Welt – und trotzdem sinkt das subjektive Sicherheitsgefühl. Seit 2001 ist die österreichische Bevölkerung um 1,13 Millionen Menschen gewachsen. Wäre die Kriminalität proportional zur Bevölkerung geblieben, müsste sie gestiegen sein. Stattdessen sank die Zahl der Verurteilten insgesamt, pro Kopf gerechnet sogar um 43 Prozent. Obwohl sich die Zahl der ausländischen Bevölkerung mehr als verdoppelt hat, ist die absolute Zahl der verurteilten Ausländer gesunken – von 14.000 auf 12.685. Hinzu kommt, dass rund 17 Prozent der „ausländischen Tatverdächtigen“ gar keinen Wohnsitz in Österreich haben. Es handelt sich um Touristen oder Durchreisende.

Eine Studie aus Deutschland hat nachgewiesen, dass eine Wahrnehmungsverzerrung stattfindet: Ausländische Tatverdächtige machen in der deutschen Kriminalstatistik rund ein Drittel der Gesamtzahl Verdächtiger aus. In Zeitungs- oder TV-Berichten über Kriminalität wird hingegen zu mehr als 90 Prozent über Menschen berichtet, die keine deutsche Herkunft haben – selbst in Medien mit linker Zielgruppe.

Wir sollten uns also immer wieder diese verzerrte Optik, der wir schnell unterliegen, klarmachen: Worin besteht die Realität und was sind die Bilder, die aufgrund des Medienkonsums in unseren Köpfen entstehen? Wie verhält sich die Realität und wo verfangen wir uns in Narrativen, die die uns plausibel erscheinen, aber einer Nachprüfung nicht Stand halten? Wachsamkeit und Urteilsfähigkeit sind Kompetenzen, die wir in diesen Zeiten brauchen, damit die Menschlichkeit und die Vernunft nicht unter die Räder kommen.

Literatur: 
Judith Kohlenberger: Migrationspanik. Wie Abschottungspolitik die autoritäre Wende befördert. Wien: Picus Verlag 2025

Zum Weiterlesen:

Dienstag, 25. November 2025

Genderspektrum und „Dekadenz“

Die Rechtspropaganda will uns glaubhaft machen, dass die LBTQ+-Phänomene Folge und Ausdruck von Dekadenz und Verweichlichung wären. Sie nutzt ein Verunsicherungsgefühl, das viele Menschen beschlichen hat, die den Eindruck haben, dass die Fundamente der westlichen Gesellschaftsordnung brüchig werden, wenn die Geschlechtsidentität uneindeutig wird. 

Tatsächlich war die Frage des Geschlechts nie so eindeutig, wie es früher den Anschein hatte. Die Phänomene der von der Norm abweichenden sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten hat es immer schon gegeben, ihre Ursachen sind in der Biologie zu finden. Im Lauf der gesellschaftlichen Öffnung und der wachsenden Toleranz haben aber immer mehr Menschen begonnen, sich zu ihrer abweichenden Geschlechtsidentität zu bekennen. Manche konservativ gestimmte Menschen meinen deshalb, das Wechseln des Geschlechts wäre ein modernes Phänomen, und sie wünschen sich eine Vergangenheit zurück, in der es diese Unsicherheiten nicht gegeben habe. Allerdings übersehen sie, dass in den früheren Zeiten viel mehr Unterdrückung und Kontrolle bestanden hat, sodass von der Norm abweichende Geschlechtsidentitäten, von schweren Strafen bedroht,  im Verborgenen bleiben mussten. Die Homosexualität war lange Zeit unter Strafe gestellt, noch unter den Nazis wurden Homosexuelle ins Konzentrationslager gesteckt, und in Österreich wurde die Gleichgeschlechtlichkeit in der Sexualität erst 2002 völlig straffrei. Inzwischen sind in vielen Ländern Eheschließungen für gleichgeschlechtliche Partner möglich, und selbst rechte Parteien rütteln nicht mehr an diesen Liberalisierungen.

Transidentitäten als ideologisierte Angriffsfläche aus dem rechten Eck

Das Thema in diesen Zusammenhängen, das aber noch immer für Aufregung, Aggression und Gewaltaufrufe sorgt, ist das der Trans-Identitäten. Hier geht es um Menschen, die sich, obwohl „als männliches Wesen geboren“, eher als Frau fühlen, bzw., obwohl als „weibliches Wesen geboren“, als Mann fühlen. Es geht auch um Menschen, die sich zu beiden Kategorien hingezogen fühlen, und um solche, die sich weder als das eine noch als das andere definieren. Es gibt Menschen, die sich im Verhalten und in Äußerlichkeiten an das andere Geschlecht anpassen und solche, die sich durch Hormontherapien und Operationen in das andere Geschlecht verwandeln. Es handelt sich zahlenmäßig um eine noch geringere Minderheit als die Homosexuellen. Geschätzt werden 0,5 Prozent der Bevölkerung weltweit, die sich als transgender verstehen; das wären 40 bis 50 Millionen Menschen. In Österreich dürfte die Zahl der Betroffenen unter 1000 liegen. Gemessen an individuellen Schicksalen sind das enorm viele; gemessen an der Gesamtzahl der Erdbewohner verschwindend wenige. Also ist es ziemlich unverständlich, woher die Bedrohungsgefühle kommen, die auf diese winzige Minderheit projiziert werden. In verschiedenen Kreisen, die vor allem von rechtsgerichteter Propaganda aufgeladen werden, wird das Thema heiß diskutiert. 

Die Ideologen in Osteuropa bis Russland haben dieses Thema entdeckt, um ein altes historisches Narrativ auszugraben, das auf der Grundlage von nationalheroischen Ideologien erstellt wurde: Großreiche gehen zugrunde, weil ihre Gesellschaft und damit auch ihre Führungsschicht verweichlicht und dekadent wird. Also wird nach dieser ideologiegeladenen Sicht der Westen untergehen und Großrussland mitsamt seinen Vasallen endlich dominieren.

Diesen Gemeinplatz von moralischer Dekadenz und gesellschaftlichem Niedergang hört man oft in Bezug auf den „Untergang des römischen Reiches“, den Historiker lieber mit einem Transformationsprozess beschreiben, in dem die römische Welt im Zentralraum von Europa schrittweise in eine germanisch-römische Kultur umgewandelt wurde (eher wurden die Germanen romanisiert als umgekehrt). Denn es gilt festzuhalten, dass das römische Reich trotz fragwürdiger Kaiser wie Caligula oder Nero noch einige Jahrhunderte Bestand hatte und lange nach diesen Figuren seine größte Ausdehnung erreichte. Außerdem bestand das oströmische Reich bis ins 13. Jahrhundert. Eher können wir aus der römischen Geschichte lernen, dass bestimmte Moralvorstellungen und sexuelle Praktiken in der Gesellschaft nichts mit der Resilienz von politischen Strukturen zu tun haben.

„Dekadent“ und Normabweichung

Diesen Erkenntnissen zum Trotz haben rechtsgerichtete Kreise den Gegensatz von Dekadenz und Reinheit als Kulturkampfschema ausgegraben. Als dekadent, oder, aktueller ausgedrückt, als woke werden geschlechtliche Identitäten bezeichnet, die nicht in die vom Patriarchalismus vorgegebenen Normen passen. Damit wird klar, dass die Kritik an Trans-Identitäten den Dekadenzbegriff an den Patriarchalismus koppelt. Es handelt sich also bei dieser Richtung der Propaganda um eine Unterstützung der patriarchalen Ideologie. Mit diesem Werkzeug können Aufweichungen der bestehenden Geschlechtsrollen(-zuschreibungen) als dekadent gebrandmarkt werden. 

Das Wort dekadent kommt vom Lateinischen „decadere“, wörtlich herabfallen, niedergehen, verfallen oder herunterkommen. Es verweist auf einen kulturellen und/oder moralischen Standard, der höher ist, zum Vergleich mit einem niedrigeren Standard, und diese Abweichung ergibt dann die Bezeichnung dekadent. Im gegenständlichen Fall wird also behauptet, dass die Standards des Patriarchalismus höher zu werten sind als jene, die vom binären patriarchalen Schema abweichen. Eine verstärkte Toleranz für unterschiedliche sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten wird als Niedergang bewertet und nicht als Öffnung und Inklusion von unterschiedlichen Lebensentwürfen. 

Dekadenter Patriarchalismus

Wir können aber mit gutem Recht argumentieren, dass gerade der Patriarchalismus für eine längst überkommende Form der Moral steht, weil er die Gleichheit der Geschlechter verleugnet, und dass ein Beharren auf dieser Ideologie dekadent ist, weil es höhere moralische Standards gibt als jene, mit denen die Frauen grundsätzlich gegenüber den Männern abgewertet werden und es keinerlei Toleranz für das LBTQ+-Spektrum gibt. Eine Ideologie, in der die Misogynie einen Stammplatz einnimmt, kann auch gar keinen Spielraum für geschlechtliches Verhalten außerhalb des binären Schemas zulassen. 

Diese eingeengte und starre Sichtweise verfügt über keinerlei Merkmale, die sie für eine übergeordnete Position in einer Hierarchie von moralischen Urteilen und kulturellen Modellen qualifizieren würde. Sie bildet nur ein kleines Segment der sozialen Landschaft in modernen Gesellschaften ab, in denen die Produktivität der Menschen für die Erfordernisse des Kapitalismus im Vordergrund steht. Für das übermächtige Wirtschaftssystem sind die Fragen der Geschlechts- und Transidentität völlig belanglos. Selbst die patriarchalen Strukturen stellen Hindernisse für die Produktivität dar, und aus diesem Grund ist die Ideologie seit mindestens einem halben Jahrhundert beständig auf dem Rückzug.

Einzig die Rechtsparteien und die Autokraten (fast immer Männer) halten ihm noch die Stange. Immer wieder gelingt es ihnen, über Themen, die mit der Geschlechtlichkeit zu tun haben, Unsicherheiten zu verbreiten und damit an politischem Einfluss zu gewinnen. Widersprüche zwischen dem Modernisierungsdruck der Wirtschaft und einer patriarchalen Moralorientierung interessieren sie nicht, solange ihnen die Wähler zulaufen. Ebenso wenig nehmen sie zur Kenntnis, dass es primär die Biologie ist, die für Uneindeutigkeit in der Geschlechtlichkeit sorgt, und dass die betroffenen Personen selbst am meisten unter der Abweichung von der Norm leiden und viel dazu tun müssen, um damit zurechtzukommen. Es sind also Schicksale, die viel mit gesellschaftlicher Stigmatisierung und Selbstzweifeln zu tun haben und Mitgefühl und Unterstützung verdienen, statt dass die soziale Ausgrenzung mit boshaften und hasserfüllten Abwertungen verstärkt wird.

Zum Weiterlesen:
Geschlechtsidentität - genetisch - biologisch - sozial
Woke - ein Beispiel für kulturelle Aneignung
Identitätsideologie als Gefahr für die Demokratie
Muster der rechtsorientierten Propaganda


Montag, 29. September 2025

Ethik aus der Steinzeit in der Rechtspropaganda

In der Debatte um Charlie Kirk sollte es weniger darum gehen, den Charakter des Attentatsopfers zu beurteilen (ob er ein „Guter“ oder ein „Böser“ war), sondern eher darum, was aus der Form der Propaganda, die er für rechtskonservative und rechtsextreme Richtungen in den USA betrieben hat, gelernt werden kann und was passiert, wenn diese Propaganda in die Politik eingreift. 

Die Basis der Werthaltungen und der Ethik und Theologie der von Kirk vorgebrachten Argumente und Argumentationslinien liegt weit zurück auf einem vormodernen, voraufklärerischen Niveau, genauer gesagt, vor der jungsteinzeitlichen Wende vor ca. 10 000 Jahren. Man kann deshalb mit Fug und Recht sagen, es handelt sich um ein steinzeitliches Moralverständnis. Das ist keine Abwertung, sondern eine historische Zuordnung. Dennoch wurde dieser Ansatz mit einer selbstüberzeugten Naivität vorgebracht, die zweieinhalb tausend Jahre der Geistesgeschichte souverän ignoriert. Das Gehirnschmalz einer großen Zahl von geistigen Größen und mutigen Erforschern der Grenzen des Wissens scheint angesichts der Ergüsse von Kirk und ähnlichen Propagandisten sinnlos vergeudet. 

Dieses skurrile Phänomen wäre weiter nicht erwähnenswert, hätte diese Art des Denkens und Wertens nicht Millionen von begeisterten Anhängern und wäre sie nicht die staatstragende Ideologie der weit nach rechts abgedrifteten US-Administration. Wir wissen aus der Geschichte des Faschismus und des Nationalsozialismus, dass vormoderne Ideologien zusammen mit hochmodernen Technologien eine explosive Mischung bilden, die letztendlich in Grausamkeiten und Gewaltorgien münden. Die menschliche Vernunft ist in einer beständigen gedanklichen Weiterentwicklung im Lauf der menschlichen Geschichte entstanden. Diese Entwicklung zu vernachlässigen, rächt sich, weil der Bezug vor allem zur sozialen Wirklichkeit verlorengeht. Ohne Vernunft bleibt die Emotionalität als Hauptquelle der Wahrheitsfindung, der Wirklichkeitserkennung und der Moral, und dafür ist sie nur sehr eingeschränkt brauchbar. 

Ohne Vernunft keine Ethik für komplexe Gesellschaften

Für die Regelung der sozialen Belange einer Menschheit, die über 8 Milliarden Personen umfasst, ist unsere Emotionalität nicht ausgestattet. Die Evolution hat sie für kleinere Gruppen ausgeformt, in denen sich die einzelnen Mitglieder gut kennen (face-to-face). In solchen Großfamilien haben die Menschen und ihre direkten Vorfahren über Millionen von Jahren gelebt. Erst seit der Jungsteinzeit sind übergeordnete soziale Gebilde entstanden, Fürstentümer, Staaten und Großreiche, in denen neue ethische Normen eingeführt werden mussten, die nicht durch die Grundemotionen abgedeckt waren.

Denn die Grundemotionen (Angst, Scham, Zorn, Traurigkeit, Freude und Interesse) dienen nur dazu, das soziale Leben in überschaubaren Gruppen zu regulieren. Für größere Verbände reichen die hormongesteuerten Gefühle nicht aus. Zum Beispiel hat das als Liebeshormon bekannte Oxytocin die Schattenseite, neben Liebesgefühlen für die Nächsten feindselige Gefühle gegen Fremde auszulösen. Um also von der Fürsorge für die Nahestehenden zum Respekt für Unbekannte und Fremde zu kommen, brauchen wir die Fähigkeiten höher entwickelter Gehirnteile, vor allem das Frontalhirn mit seiner komplexen Denkfähigkeit. Wir erkennen zwar ohne Nachdenken, was ein Mensch und was ein Tier ist, aber es ist nicht selbstverständlich, dass wir den unbekannten Menschen, denen wir begegnen, die gleiche Achtung und den gleichen Respekt entgegenbringen wie unseren Familienmitgliedern.

Von der Nächsten- zur Feindesliebe

Es ist der Schritt, der in der Bibel als Entwicklung von der Nächsten- zur Fremden- und gar zur Feindesliebe beschrieben ist. Buddha hat von einem universellen Mitgefühl gesprochen, das allen fühlenden Wesen gebührt. Um auf dieses weiter entwickelte moralische Niveau zu gelangen, benötigen wir die höheren Denkleistungen, mit deren Hilfe wir schließlich auch abstrakte Modelle wie die allgemeinen Menschenrechte oder den sozialen Ausgleich mit Benachteiligten und Schwächeren in der Gesellschaft verstehen können. 

Wir verfügen zwar über die Grundfähigkeit zur Empathie, zur Einfühlung in andere Lebewesen, also zum Nachvollziehen dessen, was sich im Gefühlserleben der Mitmenschen abspielt. Diese Fähigkeit ist uns nur zugänglich, wenn wir uns in einem entspannten Zustand befinden. Sind wir mit uns selbst in einer guten Verbindung, fällt es uns leicht, mitzubekommen, wie die Leute um uns herum gerade ticken. So können wir auch helfend und unterstützend eingreifen, wenn sich jemand in Not befindet. Über diese Fähigkeit verfügen schon Kleinkinder. Es braucht aber die Mitwirkung des frontalen Großhirns, um das Mitgefühl auf einen größeren Kreis von Menschen und schließlich auf die ganze Menschheit oder den ganzen Kosmos ausweiten zu können. 

Moralische Unreife aus Angst

Jeder Rechtsruck, also jedes Vordringen von vor-aufklärerischen Ideologien zeigt, dass viele Teile der Gesellschaft entweder noch nicht reif sind für dieses Niveau von Ethik und gesellschaftlicher Verantwortung oder dass sie unter dem Druck von Ängsten auf ein niedrigeres Niveau zurückgefallen sind. Die Anfälligkeit für rechte und rechtsextreme Propaganda ist nur bei Menschen gegeben, die auf ihre Vernunft verzichtet haben oder sich ihrer nicht bedienen können. Mit der fehlenden Reife ist gemeint, dass die kognitive Bildung und die Herzensbildung fehlen, die notwendig sind, um die vermeintliche Absolutheit der eigenen Standpunkte hinterfragen zu können. Die Fähigkeit zur Reflexion muss geübt werden, damit sie in die eigenen Einstellungen und Werthaltungen einfließen kann. Wer nie in den Genuss einer mittleren oder höheren Schulbildung gekommen ist, wird sich mit komplexeren Formen des moralischen Urteilens schwertun. Wer nie die Macht der Traumatisierungen verstanden hat, die die Fähigkeit zum Mitfühlen schwächt,  und der nie die Chance hatte, an ihnen zu arbeiten, bleibt gefangen im Käfig der Selbstbezogenheit. In unseren Breiten sind es deshalb vor allem die aus Traumatisierungen stammenden Ängste, die die Menschen auf einfachere Stufen in der Ethik zurückfallen lässt, für die es genügt, Empathie mit sich selbst zu haben und vielleicht auch noch mit vertrauten Mitmenschen. 

Die Verursachung von Daueraufregung, die Empörungsökonomie, hat genau den Sinn, die Aktivierung der erweiterten Empathie zu unterbinden. Versetze deine Mitmenschen andauernd in Angst, indem du ein drohendes Katastrophenszenario nach dem anderen vor ihnen ausbreitest, und schon sind sie ihres Mitgefühls enthoben, was sie dann im Notfall nicht zögern lässt, auch über Leichen zu gehen. Denn für Feinde, die einen bedrohen, braucht es kein Verständnis, sondern ein hartes Vorgehen.

Herzensbildung als Voraussetzung für die vernunftgeleitete Ethik

Je einfacher das Niveau der moralischen Argumentation ist, desto leichter kann es mit Angst aufgeladen werden. Denn die kritischen Instanzen, die prüfen können, ob den Ängsten reale Bedrohungen gegenüberstehen, stehen nicht zur Verfügung, weil sie eben gerade von den Ängsten blockiert werden. Es wird dann gewissermaßen aus dem Bauch heraus entschieden, ob eine Angst berechtigt ist, die jemand im Außen anstößt. Der Bauch kann allerdings die Wirklichkeit nicht erforschen, sondern trifft seine Einschätzungen auf der Grundlage von früher eingeprägten Angsterfahrungen.

Aus dieser Perspektive ist es damit vor allem die Herzensbildung unerlässlich, denn Menschen orientieren sich auch wider besseres Wissens nach rechter Propaganda. Unter Herzensbildung verstehe ich die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten und Schamgefühlen, die uns daran hindern, in unseren moralischen Urteilen und Haltungen über die engsten Kreise von vertrauten Menschen hinaus zu wachsen. Wenn es uns gelingt, das, was unser Herz verhärtet hat, weich werden zu lassen, dann sind wir in der Lage, unser Mitgefühl dorthin zu richten, wo es am notwendigsten gebraucht wird, zu den Leidenden und Schwachen in unserer Nähe und überall sonst.

Zum Weiterlesen:
Die Empörung - Motivation und Polarisierung
Intensitätssuche und Gewalt