Vollmundig nehmen Politiker und Propagandisten gerne „die Heimat“ in den Mund, um die Heimattreuen um sich zu scharen und Stimmung gegen alles Fremde zu machen. Genauer betrachtet, ist allerdings die Heimat nichts Einfaches, wie es oft suggeriert wird, sondern ein recht komplexer und vielschichtiger Begriff. Wegen seiner emotionalen Aufladung eignet er sich gut für ideologische Zwecke. Durch die Verbindung der Heimat mit der Blut-und Bodenideologie im Nationalsozialismus geriet der Begriff nach dem 2. Weltkrieg in Misskredit. Mit dem Aufstieg von Rechtsparteien ist die „Heimat“ neulich zu einem Kampfbegriff mutiert. Die Heimat soll einen sicheren Hafen in einer unübersichtlichen Welt darstellen, dem keine Bedrohungen etwas anhaben können, solange nichts Fremdes eindringt. Da es die Zuwanderer sind, die in die eigene Heimat einsickern, sollte jede Form der Migration unterbunden werden. Nur so kann die Heimat rein und unverdorben bleiben. Dieser abgeschlossene Begriff der Heimat wird mit Identität aufgeladen – sie soll definieren, welcher Mensch man ist, was man mag und was nicht, was man will und was nicht. Außerdem soll die Heimat geliebt werden, so wie das Vaterland.
Von dieser ideologischen Seite wird also ein exklusiver Heimatbegriff propagiert – etwas, das es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Menschen sind immer ein- und ausgewandert, durch die ganze lange Geschichte hindurch. Die Bevölkerung der eigenen Heimat ist überall eine Mischkulanz.
Denn in der Menschheitsgeschichte ist Wanderung die Regel und Bodenständigkeit die Ausnahme. Die Angehörigen der schwarzen und der weißen Bevölkerung in Nordamerika sind Nachkommen von Einwanderern. Die Ureinwohner („First Nations“) sind ebenfalls Einwanderer, nur zeitlich weiter zurück (vermutlich vor ca. 20 000 Jahren). Meine Vorfahren z.B. sind im 16. Jahrhundert aus Holland über Böhmen nach Österreich gekommen und haben dann in verschiedenen Regionen des Landes gelebt. Selbst manche Bauern, die auf eine lange Tradition auf ihren Höfen zurückblicken, sind irgendwann einmal zugewandert.
Heimat als soziale Konstruktion
In den Sozialwissenschaften herrscht der Konsens, dass es sich bei der Heimat um ein soziales Konstrukt handelt, dass sie also keine objektive Gegebenheit ist. Primär entsteht sie aus der Verbindung mit Personen, während die räumliche Dimension (der Ort, der Landstrich) sekundär ist.
Das Heimatgefühl wird durch einen Kreis vertrauter Menschen erzeugt, die direkt, face-to-face miteinander bekannt sind. Bei Menschen, die man kennt, sind die Reaktionen vertraut, man weiß, wann man sich entspannen kann und wann man aufpassen muss. Das selbstverständliche Zugehörigkeitsgefühl ist ein weiterer Aspekt der Heimat, der soziale Sicherheit verleiht. Mit dem Begriff der Heimat sollen verschiedene Bedürfnisse abgedeckt werden, z.B. Zugehörigkeit, Kontinuität, Mitgestaltung, Verstandenwerden, die intuitive Kenntnis der Umgangssprache und der elementaren sozialen Regeln.
Heimat, Staat und Nation
Es sind also vertraute Menschen, die kleinen Kindern Sicherheit vermitteln, und das Gefühl des Vertrauens und der Zugehörigkeit wird dann auf die Orte übertragen, an denen dieses Sicherheitsgefühl entstanden ist.
Mit dem Aufwachsen erweitert sich das Zugehörigkeitsgefühl und wird abstrakter, also immer mehr von konkreten Personen gelöst. Heimat wird dann auf das Dorf oder die Stadt, in der die Kindheit verbracht wurde, und später auf das Land und die Nation ausgeweitet. Die Länder sind aus Gebietsgrenzen gebildet worden, die im Lauf der Geschichte vor allem als Folgen von Kriegen entstanden sind.
Der Begriff der Nation stellt eine besondere soziale Konstruktion dar, weil er die Bewohner eines Landes emotional an den Staat binden will.
Er ist also vor allem zum Zweck der Identifikation der Einwohner mit dem modernen Staat entstanden (der erst in der Neuzeit zu einem Flächenstaat wurde). Dem Staat untergeordnet sind nun alle, die auf einem bestimmten Gebiet wohnen. Die Staatsbürger sich sollten mit diesem Begriff in größere Machtzusammenhänge einfügen und diese gegen alle Bedrohungen verteidigen – nach der Devise: „right or wrong, it’s my country“ oder z.B.: „Deutschland über alles“.
In der Verabsolutierung der Nation zeigt sich die Ideologie des Nationalismus, der als Motivator und Mobilisator für viele Kriege eingesetzt wurde, beginnend mit den französischen Kriegen im Gefolge der Revolution von 1789 über die Weltkriege, die Jugoslawienkriege bis zum Ukrainekrieg.
Im Nationalismus wird Nation durch die Abgrenzung von anderen Nationen definiert, meistens von denen, die benachbart sind. Sie sind die Fremden, und zwischen den Eigenen und den Fremden verläuft eine starre Grenze, die nur durch Kriege, also durch Gewalt verändert werden kann. Durch den Nationalismus werden Identitäten geprägt, mit denen die unterschiedlichen Herkünfte vereinheitlicht werden sollen.
Der Heimatbegriff der Auswanderer
Wenn Menschen auswandern, nehmen sie ihre Heimat im Kopf als geschönte Bilder und wohlige Gefühle in die neue Umgebung mit. Während sich die tatsächliche Heimat weiterentwickelt, modernisiert und verändert, wird das Bild im Kopf der Ausgewanderten oft idealisiert und auf eine frühere Zeit fixiert. Deshalb werden in der Fremde oft Traditionen, Werte und Sprachformen gepflogen, die im Herkunftsland vielleicht schon längst überholt sind. Werden die Zuwanderer in der neuen Umgebung abgelehnt oder fühlen sich abgelehnt, so wird die Identifikation mit der verlorenen Heimat umso wichtiger. Je stärker die Ausgrenzung erlebt wird, desto wichtiger ist die Rolle des Heimatbegriffs als Schutz gegen den Assimilationsdruck. Die Verteidigung der Heimat gegen Angriffe kann dann besonders aggressiv ausfallen.
Diese Reaktion zeigt sich oft in der zweiten oder dritten Generation der Zuwanderer. Die Spannung, die sich aus dem Gefühl ergibt, zwei unterschiedlichen Welten zuzugehören, wird damit bewältigt, dass die Heimat der Eltern und die dort geltenden Werte und Normen besonders starr festgehalten werden. Die Unsicherheit mit der eigenen Rolle in der neuen Gesellschaft soll durch eine Idealisierung der Herkunftsgeschichte überwunden werden.
Die Migrantenfeindlichkeit unter Migranten
Ein weiteres scheinbar paradoxes Phänomen zeigt sich, wenn früher Zugewanderte später Zugewanderte ablehnen oder wenn sie, obwohl sie selbst aufgenommen wurden, für einen Aufnahmestopp eintreten. Oft wählen sie rechte oder rechtsextreme Parteien, trotz deren Ausländerfeindlichkeit. Denn sie erhoffen sich von ihnen den Schutz ihrer mühsam erarbeiteten Position in der neuen Gesellschaft. Außerdem befürchten sie die Konkurrenz von Neuankömmlingen am Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder bei den Sozialleistungen. Oft sind sie, wie oben erörtert, traditionalistisch oder konservativ eingestellt und treten für Recht und Ordnung ein; neu Hinzukommende könnten ein Chaos anrichten, weil sie sich nicht auskennen und sich nicht anpassen können oder wollen. Wer sich schon in der Gesellschaft etabliert fühlt, sieht in den Neuen eine Gefahr der errungenen Stabilität. Deshalb sollte man ihnen mit Misstrauen begegnen.
Wer sich schon länger im Land befindet, hat ein gewisses Heimatgefühl aufgebaut, das aber noch fragil ist, weil es sehr vom Maß der Integration in die neue Gesellschaft bzw. vom Aufgenommenwerden durch die Einheimischen abhängt. Das noch nicht gefestigte Heimatgefühl wird durch neu Hinzukommende verunsichert und muss deshalb in der emotionalen Gegenreaktion durch die Abwehr der Neuen gestärkt werden.
Die guten Migranten
Viele rechtsorientierte und ausländerfeindliche Politiker haben migrantische Partnerinnen, z.B. der amerikanische Präsident, sein Stellvertreter und der Außenminister oder die Bundessprecherin der AfD. Wie geht das zusammen? Für diesen Zweck dient die Unterscheidung zwischen den guten und den schlechten Zuwanderern. Die eigenen Partner dienen als Vorbild, wie die Integration gelingen kann: Die guten Migranten passen sich nahtlos in das Bild der Heimat an, das die Tradition vorgibt. Sie geben ihre Herkunftsidentität weitgehend auf und ordnen sich der neuen Heimat mit ihren Regeln und Gebräuchen unter.
Dem migrationsfeindlichen Politiker dient die aufpolierte neue Identität der Partnerin als Feigenblatt: Wie kann man mich als Rassisten bezeichnen, wo ich doch jemanden mit fremder Herkunft geheiratet habe?
Der ideologisierte Heimatbegriff kann für die jeweiligen persönlichen Zwecke zurechtgebogen werden. Allerdings wird er durch solche Verdrehungen immer undeutlicher und verlogener, sodass er nur mehr in realitätsfremden und geschlossenen Zirkeln und Blasen Gefühle mobilisieren kann. Dieses „Nur-Mehr“ ist freilich relativ: Es scheint, als ob immer mehr Menschen einer realitätsverweigernder Wirklichkeitssicht zuneigen und damit Fantasien nicht mehr von Fakten unterscheiden können oder wollen.
Die schlechten Migranten
Die schlechten Migranten sind jene, die ihren mitgebrachten Heimatbegriff nicht aufgeben, sondern ihn in die neue Heimat einfließen lassen wollen. Sie lösen Ängste vor einer Überfremdung aus – dass die Minderheitskultur die Mehrheitskultur auslöscht, etwa unter dem propagandistischen Schlagwort der Islamisierung, oder noch schlimmer, des Bevölkerungsaustausches. Da der Heimatbegriff weitgehend in ein ideologisches Konstrukt umgewandelt wurde, ist er bestens dazu geeignet, irreale Ängste auszulösen und zum alles überschattenden Problem hochstilisiert zu werden. Er wird zu einem Gefäß, in das alle anderen Ängste hineinprojiziert werden können.
Der korrumpierte Begriff der Heimat
Als Folge des ideologischen Missbrauchs wird der Heimatbegriff über kurz oder lang wieder dort landen, wo er nach dem Ende des Nationalsozialismus war – für die einen ein Hoffnungsträger für die Erlösung von allen Missständen: Wenn die Zuwanderung beendet wird, wird alles gut; für die anderen Symbol der Rückschrittlichkeit. In jedem Fall ist der Begriff der Heimat seines ursprünglichen Sinnes beraubt und politischen Machtinteressen untergeordnet. Die einen sehnen sich zurück in eine idyllische Vergangenheit à la Peter Roseggers Waldheimat, in der die Welt noch heil war. Die anderen glauben, dass die Menschheit nur dann eine Zukunft hat, wenn sie ihren Planeten als Heimat von allen begreift, sodass sie als Gemeinschaft die Überlebensprobleme der menschlichen Zivilisation angehen kann.
Zum Weiterlesen:
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Migration und Scham
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