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Mittwoch, 1. Oktober 2025

Fundamentalistische Religion und die Korruption der Moral

Das Christentum und die Erweiterung der Ethik

Im vorigen Blogartikel war die Rede vom wichtigen Schritt von einer emotionsgeleiteten Moral zu einer vernunftbestimmten Ethik. Diese Entwicklung wurde von vielen Philosophen, beginnend schon in der griechischen Antike vorbereitet und erreichte dann im Zug der Aufklärung eine breitere Basis. 

Im westlichen Bereich spielte auch die christliche Religion eine Vorreiterrolle, indem sie die Idee der Nächstenliebe in den Vordergrund rückte und auf die Schwächeren und Benachteiligten in der Gesellschaft ausweitete. Damit forderte sie ein Überschreiten der tribalen, auf Emotionen beruhenden Moral zu einer erweiterten und verallgemeinerten Form der Empathie.

In diesem Zusammenhang stellte das Glauben die Kraft zum moralischen Fortschritt bereit. Die Menschen sollten sich einer höheren Wesenheit anvertrauen, von der die Botschaft kommt, dass allen Menschen gleichermaßen Respekt und Achtung gezollt werden soll. Der Glaube an die Führung durch eine höhere Instanz kann zu Einstellungen motivieren, die durch die ererbten Gefühlsmuster nicht zugänglich sind.

Die Aufklärung und die Vermenschlichung der Ethik

In der Aufklärung hat die Vernunft in vielen Bereichen den religiösen Glauben abgelöst; die Menschheit war zumindest in Teilen bereit, Verantwortung für eine weiter gefasste Form der Ethik zu übernehmen, die kraft ihrer Vernunft nachvollzogen werden konnte. In der Folge gelang es, Forderungen aus dieser Ethik in die Gesetzeswirklichkeit und ins allgemeine Moralbewusstsein zu übertragen. So wurde z.B. das allgemeine Wahlrecht eingeführt, die Sklaverei abgeschafft, Frauen gleichgestellt und Minderheitenrechte für ethnische Gruppen, sexuelle Orientierungen und Asylrechte festgeschrieben. Das waren große Fortschritte in der Ethik, die von vielen Menschen unterstützt wurden und den Betroffenen mehr Sicherheit und Lebenschancen gaben.

Der Anachronismus von fundamentalistischen Glaubensrichtungen

Nach der Aufklärung können nur Formen des Glaubens und der Religion, die sich mit der Aufklärung auseinandergesetzt haben, eine Funktion für den Fortschritt der Gesellschaft übernehmen. Andere Glaubensformen, in denen sich z.B. unbewusste Ängste und Schamgefühle widerspiegeln, geraten in Widerspruch zur Weiterentwicklung und damit zur gesellschaftlichen Realität. Sie bremsen also diese Humanisierung der Weltgesellschaft oder bekämpfen sie sogar, um Privilegien zu verteidigen.

Das Festklammern an den Buchstaben der göttlichen Botschaften, wie es von fundamentalistischen Glaubensrichtungen gepredigt wird (ein Anhänger war auch Charlie Kirk), ist nicht Ausdruck eines Glaubens, sondern eines ängstlichen Misstrauens in eine Welt, die als bedrohlich erlebt wird, aufgeladen von Angst schürender Propaganda. Nur die göttliche Leitung kann aus diesen Ängsten herausführen, und sie ist aus den Texten nur dann ablesbar, wenn sie wortwörtlich genommen werden. Es führt zu viel zu viel Unsicherheit, wenn noch in Betracht gezogen wird, dass die Texte von historischen Personen verfasst wurden, die in den Kategorien ihrer Zeit gedacht und geschrieben haben. Der ängstliche Kleingeist, der in solchen Positionen aufscheint, ist auch ein Kleinglaube, der ohne den Aberglauben nicht auskommen kann.

Der Missbrauch des Göttlichen für ideologische Zwecke

Aberglaube heißt in diesem Zusammenhang, dass das Göttliche, das Absolute für ideologische Zwecke missbraucht wird. Von diesem Missbrauch waren z.B. die Propheten des Alten Testaments auch nicht frei, indem sie Regelungen für das soziale Zusammenleben als göttliche Botschaften ausgaben, obwohl sie höchstens in dieser Zeit sinnvoll waren. Aber damals war das kritische Denken noch viel zu wenig entwickelt, mit dem der Unterschied zwischen relativen und absoluten Wahrheiten überprüft werden kann. Heute wissen wir um diese Form menschlicher Versuchung, subjektive oder gesellschaftlich geprägte Überzeugungen für absolute Wahrheiten zu halten. Deshalb stellt heute die Ignoranz dieser Schwäche einen Mangel an intellektueller Redlichkeit und Verantwortungsübernahme dar. Wer also im 21. Jahrhundert noch aus einer wörtlichen Auslegung von heiligen Schriften Regeln für das Leben in unserer Zeit ableiten will, begeht einen bewussten Missbrauch des Göttlichen, ist also ein Blasphemiker. Allerdings werden solche Leute dank der Aufklärung heutzutage nicht mehr verbrannt.

Die ahistorische Auslegung der heiligen Schriften führt eben zu absurden Schlussfolgerungen, indem Normen aus antiken Kleingesellschaften auf die komplexe Welt des 21. Jahrhunderts übertragen werden. Die Folge sind gesellschaftliche Spannungen und Konflikte: Minderheiten werden ausgegrenzt und beschämt statt geschützt. Die Unsicherheit bei den Betroffenen steigt, der gesellschaftliche Zusammenhalt wird brüchig.

Die ängstliche Orientierung an längst überholten Normen ist ein Zeichen der unterentwickelten Moral und führt zu einer beschämenden Beschränkung der Empathie. So hat beispielsweise Charlie Kirk die Steinigung von Homosexuellen nach dem Buch Leviticus als „perfektes Gesetz Gottes“ bezeichnet. Diese Einschätzung kann nur jemand vornehmen, der nicht berücksichtigt, dass all diese Texte in historischen Kontexten entstanden sind und dass ihre Bedeutung immer nur relativ zu diesen Zusammenhängen verstanden werden kann. Frühere Zeiten kannten grausame Bestrafungen für Delikte, die heute nur mehr die engstirnigsten Menschen stören, und die Menschheit sollte stolz darauf sein, diese Formen der Brutalität und Menschenfeindlichkeit überwunden zu haben. 

Es gibt Menschen, die einen Gott fantasieren, der sich an der grausamen Bestrafung von Menschen erfreut, wenn sie sich nicht an seine bornierten Regeln halten. Sie haben sich ein Gottesbild voll von Projektionen aus Hass- und Rachegefühlen erschaffen. Die eigenen aggressiven Gefühle werden ungefiltert auf einen Gott übertragen, der dann als jähzornige, im Grund aber als jämmerliche und armselige neurotische Person dasteht, voll von kleinlicher Rachsucht und voll von Hass auf alles, was ihm nicht gefällt. Und was ist dann das für ein Gott, der den Menschen vorschreiben will, ein Kopftuch zu tragen, oder der sich einmischt, mit wem sie ins Bett gehen? Nur eingefleischte Anhänger des Patriarchats, einer Ideologie, die für zahllose Gewaltakte verantwortlich ist, können an einen Gott glauben, der die Überordnung des Mannes über die Frau einfordert.

Die Unfähigkeit zu einer erwachsenen Ethik

Leider bleibt die ernüchternde Einsicht nicht erspart, dass bestimmte Gruppen entweder nicht fähig oder nicht bereit sind, ihr ethisches Bewusstsein auf die Höhe des 21. Jahrhunderts zu heben. Sie sind gefangen in kindlichen Moralvorstellungen, voll von Fantasien und Projektionen. Und es scheint auch so, dass diese Gruppen immer mehr Einfluss in der Öffentlichkeit einnehmen.

Dieser Befund ist aus mehreren Gründen bedauerlich und traurig. Zum einen bleibt keine Energie für die drängenden Probleme unserer Zeit, vor allem die unaufhaltsam weiter schreitende Erderwärmung, wenn moralische Verurteilungen aus vorantiken Quellen die Empörungswellen steuern. Die mediale Aufmerksamkeit und damit die öffentliche Meinung gehen dorthin, wo am meisten Lärm gemacht wird. Zum anderen wird der Fortschritt in der Moral behindert und bekämpft, der nötig wäre, um die weltweiten Probleme mit weltweitem Engagement anzugehen. Statt Hungersnöte, Flüchtlingselend, soziale Benachteiligungen einzudämmen, werden Probleme reproduziert, deren Lösungen schon längst am Tisch liegen und deren Umsetzung nur zugelassen werden müsste. 

Zum Weiterlesen:
Ethik aus der Steinzeit in der Rechtspropaganda
Religion und Vertreibung
Religion - ein Relikt?



Montag, 29. September 2025

Ethik aus der Steinzeit in der Rechtspropaganda

In der Debatte um Charlie Kirk sollte es weniger darum gehen, den Charakter des Attentatsopfers zu beurteilen (ob er ein „Guter“ oder ein „Böser“ war), sondern eher darum, was aus der Form der Propaganda, die er für rechtskonservative und rechtsextreme Richtungen in den USA betrieben hat, gelernt werden kann und was passiert, wenn diese Propaganda in die Politik eingreift. 

Die Basis der Werthaltungen und der Ethik und Theologie der von Kirk vorgebrachten Argumente und Argumentationslinien liegt weit zurück auf einem vormodernen, voraufklärerischen Niveau, genauer gesagt, vor der jungsteinzeitlichen Wende vor ca. 10 000 Jahren. Man kann deshalb mit Fug und Recht sagen, es handelt sich um ein steinzeitliches Moralverständnis. Das ist keine Abwertung, sondern eine historische Zuordnung. Dennoch wurde dieser Ansatz mit einer selbstüberzeugten Naivität vorgebracht, die zweieinhalb tausend Jahre der Geistesgeschichte souverän ignoriert. Das Gehirnschmalz einer großen Zahl von geistigen Größen und mutigen Erforschern der Grenzen des Wissens scheint angesichts der Ergüsse von Kirk und ähnlichen Propagandisten sinnlos vergeudet. 

Dieses skurrile Phänomen wäre weiter nicht erwähnenswert, hätte diese Art des Denkens und Wertens nicht Millionen von begeisterten Anhängern und wäre sie nicht die staatstragende Ideologie der weit nach rechts abgedrifteten US-Administration. Wir wissen aus der Geschichte des Faschismus und des Nationalsozialismus, dass vormoderne Ideologien zusammen mit hochmodernen Technologien eine explosive Mischung bilden, die letztendlich in Grausamkeiten und Gewaltorgien münden. Die menschliche Vernunft ist in einer beständigen gedanklichen Weiterentwicklung im Lauf der menschlichen Geschichte entstanden. Diese Entwicklung zu vernachlässigen, rächt sich, weil der Bezug vor allem zur sozialen Wirklichkeit verlorengeht. Ohne Vernunft bleibt die Emotionalität als Hauptquelle der Wahrheitsfindung, der Wirklichkeitserkennung und der Moral, und dafür ist sie nur sehr eingeschränkt brauchbar. 

Ohne Vernunft keine Ethik für komplexe Gesellschaften

Für die Regelung der sozialen Belange einer Menschheit, die über 8 Milliarden Personen umfasst, ist unsere Emotionalität nicht ausgestattet. Die Evolution hat sie für kleinere Gruppen ausgeformt, in denen sich die einzelnen Mitglieder gut kennen (face-to-face). In solchen Großfamilien haben die Menschen und ihre direkten Vorfahren über Millionen von Jahren gelebt. Erst seit der Jungsteinzeit sind übergeordnete soziale Gebilde entstanden, Fürstentümer, Staaten und Großreiche, in denen neue ethische Normen eingeführt werden mussten, die nicht durch die Grundemotionen abgedeckt waren.

Denn die Grundemotionen (Angst, Scham, Zorn, Traurigkeit, Freude und Interesse) dienen nur dazu, das soziale Leben in überschaubaren Gruppen zu regulieren. Für größere Verbände reichen die hormongesteuerten Gefühle nicht aus. Zum Beispiel hat das als Liebeshormon bekannte Oxytocin die Schattenseite, neben Liebesgefühlen für die Nächsten feindselige Gefühle gegen Fremde auszulösen. Um also von der Fürsorge für die Nahestehenden zum Respekt für Unbekannte und Fremde zu kommen, brauchen wir die Fähigkeiten höher entwickelter Gehirnteile, vor allem das Frontalhirn mit seiner komplexen Denkfähigkeit. Wir erkennen zwar ohne Nachdenken, was ein Mensch und was ein Tier ist, aber es ist nicht selbstverständlich, dass wir den unbekannten Menschen, denen wir begegnen, die gleiche Achtung und den gleichen Respekt entgegenbringen wie unseren Familienmitgliedern.

Von der Nächsten- zur Feindesliebe

Es ist der Schritt, der in der Bibel als Entwicklung von der Nächsten- zur Fremden- und gar zur Feindesliebe beschrieben ist. Buddha hat von einem universellen Mitgefühl gesprochen, das allen fühlenden Wesen gebührt. Um auf dieses weiter entwickelte moralische Niveau zu gelangen, benötigen wir die höheren Denkleistungen, mit deren Hilfe wir schließlich auch abstrakte Modelle wie die allgemeinen Menschenrechte oder den sozialen Ausgleich mit Benachteiligten und Schwächeren in der Gesellschaft verstehen können. 

Wir verfügen zwar über die Grundfähigkeit zur Empathie, zur Einfühlung in andere Lebewesen, also zum Nachvollziehen dessen, was sich im Gefühlserleben der Mitmenschen abspielt. Diese Fähigkeit ist uns nur zugänglich, wenn wir uns in einem entspannten Zustand befinden. Sind wir mit uns selbst in einer guten Verbindung, fällt es uns leicht, mitzubekommen, wie die Leute um uns herum gerade ticken. So können wir auch helfend und unterstützend eingreifen, wenn sich jemand in Not befindet. Über diese Fähigkeit verfügen schon Kleinkinder. Es braucht aber die Mitwirkung des frontalen Großhirns, um das Mitgefühl auf einen größeren Kreis von Menschen und schließlich auf die ganze Menschheit oder den ganzen Kosmos ausweiten zu können. 

Moralische Unreife aus Angst

Jeder Rechtsruck, also jedes Vordringen von vor-aufklärerischen Ideologien zeigt, dass viele Teile der Gesellschaft entweder noch nicht reif sind für dieses Niveau von Ethik und gesellschaftlicher Verantwortung oder dass sie unter dem Druck von Ängsten auf ein niedrigeres Niveau zurückgefallen sind. Die Anfälligkeit für rechte und rechtsextreme Propaganda ist nur bei Menschen gegeben, die auf ihre Vernunft verzichtet haben oder sich ihrer nicht bedienen können. Mit der fehlenden Reife ist gemeint, dass die kognitive Bildung und die Herzensbildung fehlen, die notwendig sind, um die vermeintliche Absolutheit der eigenen Standpunkte hinterfragen zu können. Die Fähigkeit zur Reflexion muss geübt werden, damit sie in die eigenen Einstellungen und Werthaltungen einfließen kann. Wer nie in den Genuss einer mittleren oder höheren Schulbildung gekommen ist, wird sich mit komplexeren Formen des moralischen Urteilens schwertun. Wer nie die Macht der Traumatisierungen verstanden hat, die die Fähigkeit zum Mitfühlen schwächt,  und der nie die Chance hatte, an ihnen zu arbeiten, bleibt gefangen im Käfig der Selbstbezogenheit. In unseren Breiten sind es deshalb vor allem die aus Traumatisierungen stammenden Ängste, die die Menschen auf einfachere Stufen in der Ethik zurückfallen lässt, für die es genügt, Empathie mit sich selbst zu haben und vielleicht auch noch mit vertrauten Mitmenschen. 

Die Verursachung von Daueraufregung, die Empörungsökonomie, hat genau den Sinn, die Aktivierung der erweiterten Empathie zu unterbinden. Versetze deine Mitmenschen andauernd in Angst, indem du ein drohendes Katastrophenszenario nach dem anderen vor ihnen ausbreitest, und schon sind sie ihres Mitgefühls enthoben, was sie dann im Notfall nicht zögern lässt, auch über Leichen zu gehen. Denn für Feinde, die einen bedrohen, braucht es kein Verständnis, sondern ein hartes Vorgehen.

Herzensbildung als Voraussetzung für die vernunftgeleitete Ethik

Je einfacher das Niveau der moralischen Argumentation ist, desto leichter kann es mit Angst aufgeladen werden. Denn die kritischen Instanzen, die prüfen können, ob den Ängsten reale Bedrohungen gegenüberstehen, stehen nicht zur Verfügung, weil sie eben gerade von den Ängsten blockiert werden. Es wird dann gewissermaßen aus dem Bauch heraus entschieden, ob eine Angst berechtigt ist, die jemand im Außen anstößt. Der Bauch kann allerdings die Wirklichkeit nicht erforschen, sondern trifft seine Einschätzungen auf der Grundlage von früher eingeprägten Angsterfahrungen.

Aus dieser Perspektive ist es damit vor allem die Herzensbildung unerlässlich, denn Menschen orientieren sich auch wider besseres Wissens nach rechter Propaganda. Unter Herzensbildung verstehe ich die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten und Schamgefühlen, die uns daran hindern, in unseren moralischen Urteilen und Haltungen über die engsten Kreise von vertrauten Menschen hinaus zu wachsen. Wenn es uns gelingt, das, was unser Herz verhärtet hat, weich werden zu lassen, dann sind wir in der Lage, unser Mitgefühl dorthin zu richten, wo es am notwendigsten gebraucht wird, zu den Leidenden und Schwachen in unserer Nähe und überall sonst.

Zum Weiterlesen:
Die Empörung - Motivation und Polarisierung
Intensitätssuche und Gewalt


Montag, 23. Juni 2025

Das "Recht des Stärkeren"

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war geprägt von dem Bemühen vieler Politiker, die Willkür einzelner Machthaber einzugrenzen und durch übergeordnete Gesetze zu regulieren. Es ist die UNO als weltweite Organisation entstanden, der mittlerweile fast alle Staaten der Welt angehören. Die EU wurde auch als Friedensprojekt gegründet, aus der Erkenntnis heraus, dass im 20. Jahrhundert die beiden Weltkriege ihren Anfang in Europa genommen haben. Es wurde internationale Gerichtshöfe ins Leben gerufen, um Kriegsverbrechen weltweit zu ahnden. Es hat in dieser Zeit immer wieder Kriege gegeben, die durch willkürliche Machtansprüche entfesselt wurden. Doch schien ein großer Teil der Weltbevölkerung und der Staaten von der Überzeugung getragen, dass das Recht (das nationale und das Völkerrecht) der Willkür vorangeht. Mächtige haben immer wieder versucht, das Recht in ihrem Sinn zu verbiegen, doch sind sie meist über kurz oder lang gescheitert. 

Wir erleben in dieser Zeit Entwicklungen, die den Anschein erwecken, dass der Konsens jener, die für die rechtliche Regulierung der Willkür eintreten, schwindet zugunsten jener, die das „Recht“ des Stärkeren propagieren und durchsetzen. Schon bei der ersten Präsidentschaft von Donald Trump wurde dieser Schritt vollzogen, doch vor allem nur im Inneren der USA. Viele dieser Willkürakte wurden von der darauf folgenden Regierung wieder rückgängig gemacht. Die zweite Präsidentschaft hat Trump nun von Anfang an ganz offen auf vielen Ebenen durch das Prinzip des Mächtigeren und Stärkeren gegenüber dem Recht ausgerichtet. Gerichtsentscheide werden von der Regierung einfach ignoriert, Richter diffamiert oder abgesetzt. Die Exekutive stellt sich über die Legislative und über die Jurisdiktion, und damit gibt es keine Gewaltenteilung mehr. Wo die Gewaltenteilung ausgehebelt ist, ist eine Diktatur entstanden – die USA befinden sich gerade auf diesem Weg.

Die Konkurrenz der Autokratien und die EU

Die mächtigsten Staaten der Welt, USA, Russland und China, sind damit Diktaturen oder Halbdiktaturen. Sie befinden sich in fortlaufenden Konkurrenzspannungen, die manchmal zu kriegerischen Auseinandersetzungen, oft über Stellvertreter, führen. Die EU, zwar als Wirtschaftsraum mächtig, kann diesen Staaten auf militärischem Gebiet  nichts entgegensetzen. Außerdem fehlt die politische Geschlossenheit in dem Vielstaatengebilde. Aber der Grundkonsens der EU besteht nach wie vor darin, der demokratischen Willensbildung, der Gewaltenteilung und der Korruptionskontrolle den Vorrang einzuräumen, auch wenn es einzelne rechtsgerichtete Regierungen gibt, die diesen Konsens zu unterlaufen versuchen. 

Die politische Weltlandschaft ist also zurzeit so beschaffen, dass die EU den einzigen demokratisch funktionierenden Gegenpol zu den drei autokratisch regierten Weltmächten darstellt. Als 1945 vorgeschlagen wurde, den Papst in die Neuordnung der Welt nach dem 2. Weltkrieg einzubinden, soll Stalin gefragt haben: „Wieviele Divisionen hat der Papst?“ Ähnlich scheint es sich mit dem moralischen Gewicht, das die EU in die Machtthemen der Welt einbringen will, zu verhalten. Wer über die größere Zerstörungskraft verfügt, kann vorgeben, wo es lang geht, wer nicht mit militärischer Übermacht drohen kann, muss sich fügen. Es helfen keine frommen Gebete und moralischen Appelle, wenn die Geschütze losdonnern und die Bombenteppiche ausgebreitet werden. 

Deshalb hat die EU nur die Wahl, weltpolitisch eine nachgeordnete Geige zu spielen oder aufzurüsten, um die europäischen Werte, die der Aufklärung verdankt und verpflichtet sind, mit Gewicht in die verschiedenen Konflikte einzubringen und damit für mehr Menschlichkeit und weniger Willkür zu sorgen. Die Weltlage ist zurzeit so beschaffen, dass es keinen anderen Player gibt, der diese Aufgabe wahrnimmt.

Die Rechtlosigkeit des „Rechts des Stärkeren“

Das „Recht des Stärkeren“, das von Diktatoren und autoritären Herrschern beansprucht wird, ist allerdings kein Recht, sondern besteht in der Außerkraftsetzung des geltenden Rechts. Es ist nichts als die gewaltsame Durchsetzung eigener Willkür. Der blanke Egoismus soll mit der Überstülpung des Begriffes des „Rechts“ eine moralische Legitimation erhalten. Was Recht ist, was erlaubt und was richtig ist, wird vom Machthaber festgelegt und durchgesetzt. Moralische Überlegungen spielen keine Rolle. 

Willkürherrschaft ist ungeeignet für eine moderne Gesellschaft.

Historisch betrachtet, geht die Zurückdrängung von Willkürherrschaft einher mit der Entwicklung von Rechtsstaaten, in denen die Herrschenden auf Gerechtigkeit und Ausgleich achten, damit die immer komplexer werdende Gesellschaft mit dem technischen und ökonomischen Fortschritt mitkommen kann. Es gibt in der Geschichte viele Beispiele, bei denen die Gesellschaft hinter dem Fortschritt zurückgeblieben ist, und dann kam es fast unweigerlich zu Unruhen und Aufständen. Die großen Revolutionen haben alle mit solchen Spannungszuständen zu tun. 

In einer modernen Gesellschaft ist das „Recht des Stärkeren“ dysfunktional und erzeugt massive Konflikte. Denn die Basis für die Abläufe auf allen Ebenen stellen die Werte der Aufklärung dar. Wenn diese Werte zugunsten voraufklärerischer Werte ignoriert werden, kann die Gesellschaft nicht mehr funktionieren und hat nur die Chance, sich auf eine überholte Form der Interaktion zurückzuentwickeln, wie das in autoritär geführten Staaten der Fall ist. Die Prinzipien wie Gleichheit, Rechtstaatlichkeit und Menschenrechte haben dort keinen Stellenwert. Das Leben der Individuen ist stark eingeschränkt und getragen von einem starken Risiko der Bestrafung, falls von den vorgegebenen Normen abgewichen wird.

Willkür ist untauglich, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Wenn sie überhandnimmt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder bricht die Gesellschaft irgendwann zusammen und zerfällt in voneinander abgeschottete Festungen oder die Willkür der Mächtigen wird gebrochen. Die Geschichte zeigt jedenfalls auf längere Sicht, dass die Willkür immer wieder in ihre Schranken gewiesen wird. Denn sie bedroht nicht nur die Individuen, sondern ist auch untauglich zur Regulierung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen.

Rechte werden verliehen, nicht angeeignet.

Der Terminus vom „Recht des Stärkeren“ enthält einen weiteren Pferdefuß: Recht ist nicht etwas, das sich Einzelpersonen oder Gruppen einfach nehmen, sondern es wird von der Gemeinschaft formuliert und dann Einzelnen zuerkannt oder abgesprochen. In tribalen Gemeinschaften beraten die Menschen untereinander, welche Regeln für alle gelten.  In Demokratien gibt es Parlamente, in denen diese Prozesse ablaufen. Es heißt, dass das Recht vom Volk ausgeht, also auf einer Zustimmung einer großen Mehrheit in der Gesellschaft aufbaut und auf Basis dieser Rückkoppelung laufend weiterentwickelt wird.

Die Äußerung des Obmanns der FPÖ Herbert Kickl, dass das Recht der Politik folgen muss, stellt eine Ansage für die Errichtung einer Autokratie dar. Das Recht ist der Gegenpol zur politischen Macht und setzt ihr dort Grenzen, wo die Interessen des Gemeinwohls verletzt statt gefördert werden. Zwar entsteht das Recht aus politischen Prozessen, aber wenn es in Geltung gesetzt ist, hat sich die Politik an die Gesetze zu halten und kann sie nur mit qualifizierten Mehrheiten abändern. Wenn Gesetze von Politikern willkürlich gebrochen oder ignoriert werden, müssen sie zur Rechenschaft gezogen werden. Um diese Konsequenzen zu vermeiden, tendieren rechte Politiker zu autoritären Regierungsformen, in denen das Recht nicht mehr vom Volk ausgeht, sondern von den Werten und Interessen der eigenen Partei oder der Führungsperson.

Um die sozialen Rückentwicklungen, die durch die Implementierung des „Rechts des Stärkeren“ in Gang gesetzt werden, hintanzuhalten, gilt es, wachsam gegenüber allen autoritären Tendenzen zu sein und die demokratischen Grundsätze und die Menschen mit allen Mitteln zu verteidigen.

Zum Weiterlesen:
Die Unverschämten und die Korruption
Die Unverschämten und ihr Kampf gegen die Aufklärung
Die Demokratie, die Verschämten und die Unverschämten
Die Verschämten und die Unverschämten

 

Freitag, 13. Juni 2025

Die Unverschämten und ihr Kampf gegen die Aufklärung

Die Unverschämten, die auf dem Machttrip sind, spüren, dass reflektierte, selbstbewusste und ethisch reife Menschen an dem Ast sägen, auf dem sie sich sesshaft und breit gemacht haben. Um ihr „Stimmvieh“ zu erhalten, das sie an die Macht bringt und dort hält, muss alles verhindert werden, was die Menschen von ihrer Scham befreit, denn nur Schambefangene sind in der Lage, den Unverschämten bedingungslos zu folgen. Also versuchen die unverschämten Machtpolitiker, das Bildungssystem zu ideologisieren, den obrigkeitlichen Gehorsam zu verstärken und jede Form von kritischer Reflexion zu diskreditieren oder zu unterbinden. Sie bekämpfen zu diesem Zweck auch die moderne Kunst und Kultur, die die Menschen aus ihren gewohnten Erfahrungsschienen herausholen und zum Nachdenken und Verändern von Sichtweisen motivieren will. Alles, was die Menschen innerlich freier macht und ihren Horizont erweitert, ist den Unverschämten ein Dorn im Auge. Denn sie wissen, dass ihre Macht darauf beruht, dass es genug Menschen gibt, die auf einem Bewusstseinsniveau verbleiben, das unterhalb oder vor der Aufklärung liegt. Ein zentrales Anliegen der Aufklärung war es ja, jede weltliche und geistliche Autorität auf den Prüfstand der kritischen Vernunft zu stellen und mit diesem Blick viele Emanzipationsbewegungen möglich zu machen. Wer die Prinzipien der Aufklärung verstanden und in die eigene Werthaltung übernommen hat, kann keinem populistischen Demagogen auf den Leim gehen.

Wer die Grundgedanken der Aufklärung nicht verstanden hat oder von zu vielen Ängsten davon abgehalten wird, entspricht hingegen dem Beuteschema der Rechtsdemagogen. Sie versuchen, Leute zu ködern, deren Werthorizont primär in der Stammesvergangenheit der Menschheit wurzelt, wo die Grundregel gilt, den nahen Menschen zu vertrauen und die entfernten oder fremden Menschen als Gefahr oder Bedrohung anzusehen. Solche archaischen Motive führen allerdings in moderneren komplexen Gesellschaften nur mehr zu Gruppenegoismen, die in Demokratien eingedämmt werden müssen, weil sie die Mächtigen und die Reichen auf Kosten der großen Mehrheit begünstigen. 

Die Vorläufer der Aufklärung waren Weisheitslehrer und Religionsstifter wie Buddha, Lao Tzu, Jesus und Muhammad. Sie haben den Menschen Mut gemacht, sich aus den Begrenztheiten der tribalen Regeln zu befreien und die Liebe und das Mitgefühl auf eine universelle Ebene zu erweitern. Nicht nur die Nächsten sollen geliebt werden, sondern auch die Fernsten. Das menschliche Mitgefühl hat keine Schranke an der eigenen Haustür, sondern gilt allem, was leidet. Diese Lehrer haben die Wirkung der Scham, die im kleinen Kreis darauf aufmerksam macht, dass wir uns lieblos verhalten haben, auf die gesamte Menschheit und noch darüber hinaus ausgeweitet. 

Die Aufklärung hat diese Impulse aufgegriffen und auf eine rationale Ebene gebracht, entkleidet der religiösen Dimension. Damit werden diese ethischen Prinzipien auf die ganze Menschheit hin verallgemeinerbar. Der kategorische Imperativ, den Immanuel Kant ausgearbeitet hat, trug dazu bei, diesen Ansatz zu verbreiten und damit den Gedanken des Weltbürgertums zu verbreiten.

Soziale Scham

Wir schämen uns, wenn wir Bettler sehen oder erfahren, dass Menschen in grausamer Weise deportiert werden. Wir schämen uns, wenn irgendwo auf der Welt ein schrecklicher Krieg tobt und wir es nicht schaffen, Frieden zu stiften. Die Unverschämten haben solche Schamregungen unterdrückt, während die Verschämten an ihrer Scham leiden. Um dieses Leiden zu lindern, schauen sie zu den Unverschämten auf, die ihnen erzählen, dass Bettler organisierte Kriminelle und Immigranten Parasiten sind, gegen die vorgegangen werden muss, um das eigene Volk zu schützen. Über Kriege werden immer wieder verbogene Begründungen hervorgebracht, wie z.B. die nicht vorhandene Nazi-Herrschaft in der Ukraine oder über nicht vorhandene Chemiefabriken im Irak.

Die Unverschämten werden also von den Verschämten als Leitfiguren gesucht, damit sie sich von der Scham und der damit verbundenen Schuld entlasten können. Die Schamlosen geben ihren Anhängern durch ihre demonstrative Unmenschlichkeit die Erlaubnis, die eigene Menschlichkeit über Bord zu werfen und mit zynischer Miene soziale Grausamkeiten und Grauslichkeiten gut zu heißen. Sie erteilen den Verschämten die Absolution aus ihrem scham- und schuldbeladenen sündhaften Dasein, indem sie archaische Formen der Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit unter dem Begriff des „Volkes“ reaktivieren.

Tribale Wurzeln der Fremdenfeindlichkeit

Die Funktionsweise der Demokratie kann nur mit einem aufgeklärten Bewusstsein verstanden werden. Diese Regierungsform, die auch eine Gesellschaftsform darstellt, erfordert das Übersteigen und Überwinden von tribalen Prägungen, die Oxytocin-gesteuert sind, die also die Bindungen zu den face-to-face-Gruppenmitgliedern intensivieren und vertiefen und zugleich das Misstrauen und die Feindschaft gegen alle, die nicht zur Gruppe gehören, verstärkt. Die archaischen hormonellen Einflüsse bewirken, dass Nahestehende bevorzugt und Fernstehende als Bedrohung erlebt werden. Sie fördern das Ausschließen, die Exklusion von allem, was als fremd erlebt wird. Sie sind also antidemokratisch – deshalb waren auch in der ersten bekannten Demokratie im Athen des Altertums Frauen, Unfreie und Zugezogene vom Mitbestimmungsprozess ausgeschlossen.

Die Vernunft als Wegbereiterin des moralischen Fortschritts

Diese Prägungen können nur mit Hilfe der Rationalität, also der Vernunft überwunden werden. Es heißt zwar, die eigene Haut ist einem immer am nächsten, aber eine komplexe Gesellschaft kann nur im Gleichgewicht bleiben, wenn genügend Menschen in der Lage sind, neben den eigenen Vorteilen auch die vieler anderer mitzubedenken. Dazu ist Vernunft von Nöten. Diese menschliche Ressource entwickelt sich durch Bildungsprozesse und verwirklicht sich im Medium des Reflektierens der Lebensumstände mit der Fähigkeit, verschiedene Blickpunkte einnehmen zu können. Sie wurde über 2000 Jahre nach der attischen Demokratie durch die Aufklärung ins Zentrum gestellt und als Maxime für Politik und Ethik eingefordert. 

Wenn z.B. eine Gesellschaft die Altersversorgung ausverhandelt, kann das nur gelingen, indem die älteren Leute, die nicht mehr im Arbeitsprozess sind, Verständnis für die Einzahler ins Pensionssystem haben, und die anderen das System des Ausgleichs unterstützen, das ihnen selbst einmal Vorteile bringen wird, obwohl sie aktuell auf einen Teil ihres Einkommens verzichten müssen. Der Sozialstaat beruht also auf der Vernunft. Die Jüngeren zahlen für die Älteren, die Gesunden für die Kranken, die Unbehinderten für die Behinderten, die Besserbemittelten für die Wenigerbemittelten.

Die Scham als Sensorium für mehr Menschlichkeit

Es ist die Scham, die im Hintergrund die Fäden zieht, wenn es um soziale Anliegen geht, indem sie die Mitmenschlichkeit einfordert. Die Scham lässt nicht zu, dass Menschen ausgegrenzt oder schlechter behandelt werden. Sie sorgt für den gesellschaftlichen Ausgleich in Kleingruppen und in demokratischen Regierungssystemen. Mit Unterstützung der Vernunft wird das Schamempfinden von den nahen Bezugsgruppen auf das gesellschaftliche Ganze ausgeweitet: Jedes Mitglied der Gesellschaft verdient die gleichen Rechte und Rücksichtnahmen. Das Leid jedes einzelnen Mitglieds betrifft alle anderen. Aus diesem Blickpunkt der Vernunft sind die Grundsätze von Demokratie und Sozialstaat abgeleitet, die das Ziel verfolgen, möglichst vielen Menschen zu existenzieller Sicherheit und allen zu mehr Wohlstand zu verhelfen. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn der Unverschämtheit, die als Egoismus in jedem Gesellschaftsmitglied wirksam ist, effektive Grenzen gesetzt werden. Das Schambewusstsein liefert die emotionale Motivation des Einsatzes für eine menschenwürdige Gesellschaft, in der alle in Gleichheit und Freiheit ihren Platz haben.

Die versuchte Verbannung der Aufklärung ins linke Eck

Ein Propagandatrick der Rechten besteht darin, die Aufklärung als linkes Projekt zu definieren und nicht als einen Fortschritt im Bewusstsein, der allen zugutekommt und der eine konsistente Fortsetzung der Botschaft des Christentums und anderer Religionen darstellt. Mit dieser Zuordnung wird suggeriert, dass es die Alternative gibt, die Aufklärung zu unterstützen und sich damit links zu positionieren und dass man gegen die Aufklärung sein kann, weil man nicht links sein will. Die Aufklärung ist in dieser selbst ideologisch formulierten Zuordnung eine beliebige, von politischen Interessen gesteuerte Angelegenheit, also eine ideologische Festlegung, die von anderen Ideologien bekämpft werden kann oder muss.  Der Fortschritt in der Ethik im Sinn einer Universalisierung wird auf diese Weise eingeebnet und zur politischen Meinung degradiert; mehr Menschlichkeit wird als willkürliche Moralisierung abgetan. Damit wird dem Weiterbestehen von Unmenschlichkeiten die Legitimation verliehen.

Es geht dann nicht mehr um einen Zugewinn an Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit, der notwendig wäre für die Stabilisierung des gesellschaftlichen und globalen Friedens. Es geht nicht mehr um die Entwicklung einer Ethik, die komplexen modernen Gesellschaftsstrukturen entspricht. Vielmehr wird das Bekenntnis zur Aufklärung in eine Wahl zwischen politischen Alternativen umgemünzt, die mit ihren jeweiligen Ideologien um Anhänger werben. Es wird so getan, als ginge es um willkürliche, interessensgeleitete Veränderungen im Gegensatz zur Bewahrung des Bestehenden, das um jeden Preis verteidigt werden muss wie die Naturheilkunde gegen mRNA-Impfungen. In Wirklichkeit gibt es im Bereich der Ethik ein Besser und ein Schlechter in Hinblick auf die Fähigkeit eines ethischen Systems, kompliziertere Zusammenhänge so regeln zu können, dass möglichst viele Personen zufriedengestellt und soziale Spannungen reduziert werden. 

Das Vorgehen der Rechtspopulisten hingegen setzt auf vormoderne oder sogar tribale Modelle der Konfliktregelung, die unter den heutigen Umständen wie die sprichwörtliche Anwendung des Holzhammers wirken. Es gibt immer wieder Beispiele, wo bei sozialen Spannungen schnelle Lösungen durch den Einsatz von Gewalt gewählt werden statt mit den Betroffenen zu reden. Solche plumpe Maßnahmen verschärfen und vertiefen dann nur die Spannungen und bereiten den Boden für noch mehr gesellschaftlichen Unfrieden. Statt zu kalmieren, wird Öl ins Feuer gegossen und auf heftigere Proteste mit noch mehr Gewalt geantwortet – eine eskalierende zerstörerische Entwicklung, die immer mehr Opfer fordert und steigenden Hass hervorruft.

Hinter derartigen Manövern steckt die Ideologisierung des Fortschritts in der Ethik durch den Versuch, dem Einsatz für mehr Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechte ein Mäntelchen der Unmoral umzuhängen. Damit wird der ethische Fortschritt in der Gesellschaft behindert und Unheil gesät. Denn wir haben nur die Wahl, die Ethik entsprechend den ökonomischen und sozialen Veränderungen weiterzuentwickeln oder zuzulassen, dass die Lösungsmöglichkeiten für die entstehenden Konflikte unzureichend bleiben.

Zum Weiterlesen:
Die Verschämten, die Unverschämten und die Demokratie
Die Verschämten und die Unverschämten


Dienstag, 20. Mai 2025

Aufklärung - der natürliche Feind rechter Ideologien

Aufklärung besteht nach Immanuel Kant in der Befreiung der Menschen aus der Unmündigkeit. Unmündigkeit bedeutet, die Verantwortung für das eigene Leben nicht tragen zu können oder zu dürfen. Die Botschaft der Aufklärung besagt, dass die erwachsenen Menschen ein Recht auf ihre Mündigkeit haben und dass dieses Recht gegen alle Bedrohungen geschützt werden muss.  Kant hat auch auf die Unmündigkeit im Denken hingewiesen – die obrigkeitliche Vorschreibung dessen, was die Menschen denken und für wahr halten sollten. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, so lautet die Losung der Aufklärung nach Kant. Er hat den Mangel an Mündigkeit vor allem auf fehlende Entschlossenheit und Feigheit zurückgeführt. Sich aus der „beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten“, hat er als schwieriges Unterfangen beschrieben. 

Kant ist aber auch auf die politischen Bedingungen eingegangen: „Ein größerer Grad bürgerlicher Freiheit scheint der Freiheit des Geistes des Volks vorteilhaft und setzt ihr doch unübersteigliche Schranken; ein Grad weniger von jener verschafft hingegen diesem Raum, sich nach allem seinen Vermögen auszubreiten. Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat: so wirkt dieser allmählich zurück auf die Sinnesart des Volks (wodurch dieses der Freiheit zu handeln nach und nach fähiger wird), und endlich auch sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln.“

Er vertritt die Auffassung, dass es einen Ausgleich zwischen den bürgerlichen Freiheiten und der staatlichen Kontrolle braucht, damit die Aufklärung gedeihen und in gemäßigten Bahnen verlaufen kann. Mehr Freiheit ermöglicht jedenfalls mehr freies Denken, und die Befreiung des Denkens führt zur würdigen Behandlung der Menschen. Ungeregeltes Denken läuft Gefahr, in die Irrationalität abzugleiten, sodass Gefühle statt dem Denken die Äußerungen dominieren. Die Folgen der schrankenlosen Meinungsfreiheit können wir an der ausufernden, von Hassbotschaften verschmutzen Landschaft auf diversen Plattformen der sogenannten sozialen Medien beobachten. Hier könnten nur staatliche Maßnahmen regulierend eingreifen. Zu viel an obrigkeitlicher Kontrolle wiederum unterdrückt die Freiheit und beschneidet die Menschenwürde.

Entmachtung von Ideologien

Die Aufklärung hat sich der Aufgabe verschrieben, Aberglaube, Irrationalität und Ideologien zu entlarven und zu entmachten. Es soll der menschlichen Vernunft die maßgebliche Rolle für die Gestaltung der Gesellschaft und des Staates eingeräumt werden. Rechtsgerichtete sind Gegner der Aufklärung, weil sie ihre Ideologie für sakrosankt erklärt haben – manchmal sogar im wörtlichen Sinn, also verbunden mit einem religiösen Anspruch. Deshalb interpretieren sie jeden Angriff auf ihre Ideologie als Angriff nicht nur auf die eigene Partei oder politische Ausrichtung, sondern gleich auf den Staat und das Volk insgesamt. Ihr politischer Kampf bemäntelt sich dann mit dem scheinbaren Einsatz für das Ganze, das sie allerdings mit ihrer Ideologie besetzt haben.

Der kritische Ansatz der Aufklärung ist also ihr natürlicher Feind. Sie droht, ihnen Die Grundlage ihres Weltbildes ist eine Ideologie, und die Aufklärung bedroht diese Ideologie und damit die Rechtfertigung ihres Weltbildes. Deshalb haben alle Rechten liberales Gedankengut, liberale Werte und die Ideen der Menschenrechte, die aus der Aufklärung entstanden sind, zu ihrem Feindbild auserkoren. Diese Feindschaft kann so weit reichen, dass die Bildungsinstitutionen unter Druck gesetzt werden, ideologische Inhalte zu vermitteln, statt kritisches Denken zu fördern.

Natürlich haben sich auch auf der linken Seite des politischen Spektrums Ideologien ausgebildet, die zum Beispiel für den Aufbau von repressiven kommunistischen Herrschaftsmodellen herhalten mussten. Andererseits ist auf der Seite der linken Intellektuellen schon früh die Ideologiekritik entstanden, mit Karl Marx, Theodor W. Adorno, Jean Paul Sartre und Louis Althusser als wichtigen Vertretern. Die Ideologiekritik steht in der Tradition der Aufklärung, die vor allem von liberalen und linken Denkern und Wissenschaftlern aufrechterhalten wird und eine Form der Selbstkritik und Selbstreinigung beinhaltet. Sie bildet eine Instanz zumindest zur Reflexion oder zur Korrektur von allen ideologischen Auswüchsen, ob von linker oder von rechter Seite.

Starrheit als Folge fehlender Selbstkontrolle

Ein Merkmal der Rechten besteht hingegen darin, in ihren Reihen über keine Korrekturmechanismen für ihre Ideologien zu verfügen. Vielmehr werden Kritiker schnell aus den eigenen Reihen ausgesondert. Allerfalls gibt es intern Auseinandersetzungen zwischen radikaleren und gemäßigten Strömungen. So sind aktuell die einzigen, die dem absolutistischen Machtkurs des gegenwärtigen US-Präsidenten Einhalt gebieten, noch radikalere Republikaner.

Das Fehlen einer ideologischen Selbstkontrolle bei den Rechten bewirkt, dass die Ideengebäude starr und monolithisch bleiben, was Anhänger anzieht, denen gesellschaftliche Änderungen und Weiterentwicklungen generell nicht geheuer sind. Da sich die Wirklichkeit beständig verändert, koppeln sich die rechten Ideologien immer weiter von ihr ab; sie kompensieren diesen Mangel damit, dass sie die Wirklichkeit solange zurechtzimmern, bis sie zur Ideologie passt. Es werden also die äußeren Bedingungen der Ideologie angepasst, indem sie so interpretiert werden, dass sie die Ideologie bestätigen; alles Widersprechende wird ausgeblendet. Für diese Umdeutung der Realität benötigen die rechten Machthaber und Interessensgruppen umfangreiche Propagandaapparate, die fortlaufend mit großem Aufwand die Unterschiede zwischen der Ideologie und den realen Gegebenheiten einebnen müssen. Wenn beispielsweise die Ideologie maßgeblich ist, dass Ausländer den eigenen Wohlstand bedrohen, müssen alle Befunde, die das Gegenteil belegen, umgedeutet oder abgewertet werden. Einzelfälle, die die Ideologie unterstützen, werden aufgebauscht, während Statistiken oder wissenschaftliche Studien unterdrückt werden, die gegen die Ideologie sprechen. Gleichermaßen wird vorgegangen, wenn es um die Kriminalität von Inländern und Ausländern geht.

Für alles Schlimme suchen die rechten Ideologien Sündenböcke, an deren Gefährlichkeit ohne jede Evidenz und gegen alle widersprechenden Fakten festgehalten werden muss, weil sonst die ganze ideologische Erzählung zusammenbrechen würde. Wenn z.B. alle gewusst hätten, dass es keine jüdische Rasse gibt und dass die Juden in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nur einen kleinen Teil des Bankengeschäftes in Deutschland kontrolliert haben, wären sie der nationalsozialistischen Propaganda nicht auf den Leim gegangen. 

Verblendung und Wiedergewinnung der Klarsicht

Ideologien dienen der Verblendung, also der Einschränkung der Klarsicht auf die Wirklichkeit, so wie sie ist. Sie suggerieren Erwartungen, wie die Realität sein soll, damit sie so wahrgenommen wird, wie es die Ideologie vorgibt. Die Aufklärung geht den umgekehrten Weg: Sie prüft die Realität und an der Realität die Ideologien. Taugt eine Ideologie dafür, die Wirklichkeit besser verständlich zu machen, sodass die praktische Orientierung erleichtert wird, oder erschwert sie dieses Verstehen und die daraus folgende Handlungsanleitung? Wenn wir der Aufklärung und ihren Maximen folgen, bleiben wir mit der Realität in Verbindung und verfügen damit über die größtmögliche Freiheit und Flexibilität für unsere Wertsetzungen und Handlungen. Außerdem orientiert sich unsere Ethik mit dieser Zugangsweise an der Menschlichkeit und am Gemeinwohl und nicht am Eigennutz, an Gruppenegoismen oder an den Interessen von Ideologien und Ideologen.

Zum Weiterlesen:
Hass, Zerstörung und Krieg
Taktiken zur Machtergreifung
Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff von rechts


Sonntag, 16. Februar 2025

Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff von rechts

Wir leben in Zeiten, in denen ein Kampf um die Deutungshoheit und die Wahrheitsfindung mit allen Mitteln geführt wird. Es stehen dabei nicht weniger als die liberalen Errungenschaften einer rationalen und demokratischen Wahrheitsfindung und damit die Grundlagen einer modernen Gesellschaft auf dem Spiel. Es werden von rechter und rechtsextremer Seite alle Register der Manipulation gezogen, um den Wahrheitsbegriff systematisch zu untergraben und damit der Willkür preiszugeben. Die angestrebte Folge ist, dass derjenige die Wahrheit prägt, der die Macht hat. Die Wahrheitszerstörung wird als Mittel zur Machtergreifung perfektioniert, um dann durchsetzen zu können, was die Menschen für wahr zu halten haben. Die Nationalsozialisten und die anderen faschistischen Regime haben das vor hundert Jahren vorexerziert, und ihre Nachahmer sind weltweit auf dem Vormarsch.

Hier werden ein paar der Manipulationstechniken beschrieben, die in aller Unverschämtheit die sozialen Medien fluten und mehr und mehr die öffentliche Debatte bestimmen. Alle, die weiterhin daran interessiert sind, dass die Wahrheit in einem liberalen Rahmen von Respekt und Achtung gefunden werden soll, müssen sich mit diesen manipulativen Untergriffen beschäftigen, um sie entlarven und bloßstellen zu können, sodass der öffentliche Diskurs von toxischen Elementen frei gehalten wird.

Bullshitting

Der US-Philosoph Harry Frankfurt hat diesen Begriff erstmals 1986 geprägt. Bullshitting wird mit „Humbug“, „Hohlsprech“ oder „Geschwurbel“ übersetzt. Das Wort „bull“ heißt nicht nur Stier, sondern hat auch die Bedeutung von lügen und täuschen. Dieses Phänomen tritt zunächst dann auf, wenn Menschen über Dinge reden, von denen sie nichts verstehen. Es geht dabei weniger um die Falschdarstellung von Dingen als um eine Täuschung über sich selbst. 

Näher betrachtet, wirkt die systematische Verwendung dieser Kommunikationsform schlimmer als Lügen, bei denen es um das Mitteilen von bewussten Unwahrheiten geht, wobei also der Lügner die Wahrheit grundsätzlich anerkennt und sie nur verstecken will. Beim Bullshitting wird die Grundlage der Wahrheit selbst angegriffen. Es wird das Recht auf das Ausdrücken der eigenen Sichtweise über jeden Wahrheitsbezug gestellt. Die Wahrheit liegt einzig und allein im Aussprechen dessen, was man sagt. Man maßt sich die Macht an, sagen zu können, was man will – wir verfügen ja über die liberale Errungenschaft der Meinungsfreiheit, die solange missbraucht wird, bis sie alle loswerden wollen. Ob das Gerede Sinn macht, sozialförderlich oder wirklichkeitsbezogen ist, zählt nicht. Es geht nur darum, im öffentlichen Diskurs möglichst viele giftige Rückstände zu hinterlassen, die andere dann wegräumen sollen. Hauptsache ist es, präsent zu sein und möglichst viel Raum einzunehmen, den die anderen, die Gegner, nicht haben.

Hannah Arendt, die scharfsinnige Kritikerin des Nationalsozialismus, hat schon vor vielen Jahren darauf verwiesen, dass fortgesetztes Lügen nicht darauf abzielt, dass die Leute schließlich an die Lüge glauben, sondern dass sichergestellt werden soll, dass niemand mehr an irgendetwas glaubt. Ein Volk, das nicht mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden kann, kann auch nicht zwischen richtig und falsch entscheiden – und mit einem solchen Volk kann man machen, was man will, so die Beobachtung von Hannah Arendt.

Der Conway-Move

In die gleiche Kerbe schlägt die berüchtigte Aussage von Trumps ehemaliger Sprecherin Kellyanne Conway, die  2017 von „alternativen Fakten“ sprach, als sie darauf angesprochen wurde, dass sie falsche Zahlen über die Teilnehmer bei Trumps erster Amtseinführung genannt habe. Nach dieser Auffassung gibt es nicht mehr nur Unterschiede zwischen Sichtweisen, sondern über die Wirklichkeit, die durch Fakten repräsentiert wird: Wenn A sagt, die Erde kreist um die Sonne, und B, die Sonne kreist um die Erde, dann sind das alternative Sichtweisen, die beide den gleichen Geltungsgrad beanspruchen. Niemand kann sagen, welche Aussage stimmt. Damit wird die Basis für die Bildung von konsensuellen Übereinstimmungen über die Existenz von Dingen geleugnet, weil für jeden andere Dinge existieren oder diese Dinge anders existieren und diese Unterschiede in den Existenzweisen akzeptiert werden müssen. Die Folge ist, dass sich dann als dominante „Wirklichkeit“ das durchsetzt, was mit mehr Macht verbreitet werden kann. Das ist die Gefahr, auf die George Orwell in seinem Roman 1984 hingewiesen hat: Die lückenlose Kontrolle der Meinungsverbreitung durch die Machthaber führt dazu, dass alle nur mehr das Gleiche denken. Es gibt keinen Bezugspunkt in der Realität, der ein sicheres Wissen bieten kann, sondern alles kann so gesehen werden oder auch anders. Die jeweiligen Machthaber entscheiden dann über das, was real ist und was nicht.

Der Marlboro-Move

In einer ähnlichen Form gibt es diesen Ansatz in der Wahrheitsrelativierung schon länger. Zunächst haben sich bestimmte Teile der Wirtschaft des Tricks bedient, Forschungsergebnisse, die gegen ihre Produkte gesprochen haben, durch den Hinweis auf Gegenstudien zu entkräften. Dazu wurden entsprechende Studien gefälscht. Dieses Vorgehen kennen wir aus der Tabakindustrie – von da auch der Name –, aber auch von der Zuckerindustrie. Zurzeit sind wir massiver Propaganda von der Ölindustrie ausgesetzt, die den hohen wissenschaftlichen Konsens über die Ursachen des Klimawandels ignoriert und suggerieren will, dass das nur Einzelmeinungen sind und dass die Leugner der menschengemachten Erwärmung der Atmosphäre mindestens genauso recht haben. 

Mit solchen Manövern wird gezielt an der Glaubwürdigkeit der Wissenschaften gesägt; sie werden so dargestellt, als könne man mit ihrer Hilfe jeden Standpunkt bestätigen und jedes Geschäftsinteresse bedienen. Die Verlässlichkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ausgefeilten Prüfinstanzen unterworfen sind, ist ein wichtiger Referenzpunkt für eine liberale Demokratie, und gerade deshalb ist sie den Gegnern dieser Staatsform ein Dorn im Auge. Mittels manipulativer und irreführender Rhetorik soll die Überzeugungskraft und die zentrale Rolle der Wissenschaften für die Wahrheitsfindung systematisch diskreditiert werden. Am Ende gibt es nur noch das Meinungsdiktat derer, die über genügend Macht und Geld verfügen.

Der “I Did My Own Research”-Move

Das Internet und die Plattformen für künstliche Intelligenz versetzen jeden in die Lage, Informationen zu sammeln. Man findet eine Seite, auf der jemand die eigene Meinung bestätigt, und schon verfügt man über eine Expertenmeinung und kann jeden anderen, der als Experte auftritt, übertrumpfen, auch wenn dieser auf wissenschaftlich anerkannte Forschungsarbeiten verweisen kann. Während der Pandemie-Zeit hat es nur so gewimmelt von selbsternannten Virologen und Impfexperten, die mit ihrem kursorisch angelesenen Halbwissen jeden ausgebildeten Virologen, der über jahrzehntelange Erfahrung in seinem Fachgebiet verfügte, als „Scharlatan“ verspotten oder als gekauften Büttel von Pharmakonzernen verleumden konnten. Ähnlich peinlich treten Leugner des menschengemachten Klimawandels auf, die in irgendeiner wissenschaftlichen Disziplin Experten oder sogar Nobelpreisträger sind, diese Position aber missbrauchen, indem sie ohne jede fachliche Qualifikation Erkenntnisse zu Klimafragen verbreiten und damit die Tausenden Klimawissenschaftler belehren wollen.

Der Bannon-Move 

Diese kommunikative Untugend ist nach dem ehemaligen Trump-Berater Steve Bannon, einem rechtsextremen Publizisten, benannt. Seine Schlachtruf ist bekannt: „Flood the zone with shit.“ Es geht darum, möglichst viele unsinnige, faktenfremde, hetzerische und hasserfüllte Botschaften in die mediale Landschaft hinauszuposaunen, ohne irgendeinen Wahrheitsanspruch, einfach nur mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu bekommen, laut zu sein und möglichst viel Verwirrung und Verunsicherung zu stiften. Wenn sich viele angeekelt von all dem „Scheiß“ abwenden, ist die Arena frei für die Meinungsdiktate der Autokraten.

Das Erbe der Aufklärung weiterführen

Für alle, denen es wichtig ist, das Erbe der Aufklärung zu bewahren und weiter zu entwickeln, geht es darum, sich den Wahrheitsbegriff nicht wegnehmen zu lassen, sondern ihn gegen alle Zerstörungsversuche zu verteidigen. Die Wahrheitsfindung, mit der die Menschheit den Weg von der Steinzeit bis in die Moderne erfolgreich beschritten hat, beruht auf zwei Zugängen: Die möglichst hohe Übereinstimmung zwischen der Theorie und der Wirklichkeit (die Korrespondenzwahrheit) und die möglichst hohe Übereinstimmung mit anderen Wahrheitssuchern (die Konsenswahrheit). Diese Formen der Wahrheitsfindung haben sich praktisch bewährt – alle Maschinen, Geräte und Bauwerke sowie alle komplexeren Formen des menschlichen Zusammenlebens sind aus der Anwendung dieser Zugänge zur Wirklichkeit entstanden. Im technischen Bereich besteht im Grund kein Problem; auch die Rechten wollen funktionierende Computer und sichere Hochhäuser. Aber die systematische Infragestellung der Wahrheitskompetenz der Wissenschaften, indem diese in den Dienst der Machtpolitik gestellt werden sollen, unterminiert selbst diesen Bereich. Diktatoren haben immer schon bestimmte naturwissenschaftliche Theorien und die damit verbundenen Forschungen, die nicht in ihre Ideologie passten, verboten und bekämpft. 

Besonders betroffen von den Attacken auf die Wissenschaften sind allerdings die Sozialwissenschaften. Denn sie forschen im Bereich des menschlichen Zusammenlebens, der von den Feinden der liberalen Demokratie mit allen Mitteln besetzt und umgestaltet werden soll. Deshalb sind diese Wissenschaften der natürliche Gegner für die selbsternannten Retter vor allem Bösen. Statt Formen der Kooperation zu fördern, geht es darum, möglichst überall das Recht des Stärkeren und Mächtigeren zu etablieren – aber damit kommt man in den Sozialwissenschaften nicht weit, und deshalb müssen eben diese Forschungsrichtungen unterdrückt werden. Die Trump-Administration hat schon eine lange Liste von Themen veröffentlicht, die nicht mehr mit Regierungsgeldern gefördert werden dürfen (z.B. Forschungen zum „Trauma“ oder zu indigenen Völkern); und auch private Geldgeber werden wohl unter Druck gesetzt werden, sodass ganze Forschungszweige stillgelegt werden müssen. Was auf Deutschland zukommen könnte, hat die AfD-Vorsitzende Alice Weidel kundgetan: „Soll ich sagen, was wir tun, wenn wir am Ruder sind? Wir schließen alle Gender-Studies und schmeißen alle diese Professoren raus.“ Soviel gilt also die Freiheit der Wissenschaften bei Rechtsparteien und unter den von ihnen angestrebten Diktaturen. 

Die Wahrheit muss über der Macht stehen

Nur eine starke und artikulierte liberale Zivilgesellschaft kann verhindern, dass die gezielt angewendeten Tricks der Meinungsmanipulation unter dem Deckmantel rechter Wahrheitsverbiegungen noch mehr Platz greift. Die Wahrheit darf niemals der Macht untergeordnet werden, denn dann bleibt die Freiheit auf der Strecke. Mit viel Einsatz haben Generationen vor uns die liberalen Grundrechte gegen autoritäre Staatssysteme errungen, die wir uns nicht von machtgeilen Möchtegerne-Diktatoren und ihren Speichelleckern und Mitläufern wegnehmen lassen dürfen. Die Alternative zu einer liberalen Demokratie ist eben eine illiberale, eine mit beschnittenen Freiheitsrechten, an deren Stelle eine unkontrollierte, korrupte und rücksichtslose Staatsmacht tritt, die den öffentlichen Diskursraum mit gleichgeschalteten Medien ausfüllt. Der Blick nach Orbán-Ungarn genügt, um zu sehen, wohin die Rechte steuert.

Zum Weiterlesen:
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Samstag, 19. März 2022

Krieg und Propaganda

Kriegszeiten sind Zeiten der Verunsicherung auf der individuellen und auf der kollektiven Ebene. Kriege produzieren vor allem Zerstörung, von Leben und Gütern. Kriege führen zur politischen Instabilität und belasten die Wirtschaft, weil Güter hergestellt werden, die Zerstörung anrichten und dann selbst zerstört werden. Kriegszeiten sind auch Zeiten der Verunsicherung, was Information und Wahrheit anbetrifft. Wenn das eigene Leben in Frage gestellt wird, wird auch das Vertrauen in die Mitmenschen erschüttert und es wird schwerer abzuschätzen, wer zuverlässig informiert und wer nur manipulieren will oder sonst Böses im Schilde führt.

Krieg und Propaganda

Spätestens seit der Neuzeit besteht ein Teil der Kriegsführung in Propaganda, also in Wahrheitsverwirrung und –verzerrung zum eigenen Vorteil. Dieser Teil wird immer wichtiger und mächtiger und damit die Auswirkungen immer zerstörerischer. Die Desinformation, die Kriege begleitet, dient verschiedenen Zwecken: Sie soll die Moral der eigenen Seite stärken und die des Gegners schwächen. Sie soll die eigenen Ziele als ehrenwert und moralisch gerechtfertigt herausstreichen und die Ziele des Gegners als verachtenswert und destruktiv brandmarken. Sie soll die eigene Kriegsführung als integer darstellen und die des Gegners als inhuman und grausam anprangern. Sie soll die eigenen Schwachstellen verschleiern und die des Gegners betonen. Sie dient also nicht der Wahrheitsfindung, sondern soll die Erreichung der Kriegsziele fördern. Sie soll nicht nur die feindliche Seite desorientieren, sondern auch die eigene Bevölkerung täuschen und verdummen. Kriegspropaganda dient dem Schüren von Hass auf den Gegner und der Glorifizierung der eigenen Nation.

Da Informationen heute weltweit vernetzt sind und überall gleichermaßen zugänglich sind, steht die Kriegspropaganda vor der paradoxen Situation, dass die eigenen Narrative neben denen des Gegners aufscheinen und keine Exklusivität mehr zuwege bringen, außer es gelingt einem Staat, die weltweite Vernetzung im eigenen Land durch zensurmaßnahmen unter Kontrolle zu bringen. 

Kriegspropaganda im 20. Jahrhundert

Früher, als die Informationskreise stärker voneinander abgeschottet waren – kaum jemand las im 1. Weltkrieg Zeitungen aus den gegnerischen Ländern oder aus neutralen Staaten, und die Zeitungen im eigenen Land konnten recht einfach zensuriert werden –, war es leichter, die eigene Bevölkerung einheitlich zu desinformieren und die Einstellungen zu prägen. Es konnte also ein kollektiv gültiges Narrativ erzeugt werden, das z.B. gerade am Ende des 1. Weltkrieges dazu führte, dass viele Leute in den unterlegenen Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn nicht verstehen konnten, warum der Krieg verloren war, wo doch die Nachrichten über Siege bis zuletzt verbreitet wurden. Die fehlenden Informationen über die eklatanten Schwächen und erschöpften Ressourcen der Militärs dieser Länder führten dort zum verbreiteten Unverständnis für die Kriegsfolgen, die als ungerechtfertigt und demütigend empfunden wurden. Daraus entwickelten sich neue Narrative wie z.B. die Dolchstoßlegende, die die Niederlage auf Saboteure im eigenen Land zurückführte und die dann vor allem zur Feindschaft gegen die Linke und gegen die Juden verwendet wurde. Insgesamt entstand das Gefühl, dass die zugefügte Niederlage und die darauf folgende Demütigung durch die Friedensverträge gerächt werden mussten. Dieses Motiv wurde dann von den Nationalsozialisten aufgegriffen und stellte eine Hauptursache für die Entfesselung des 2. Weltkriegs dar. Er ist also die Frucht von Desinformation und manipulativer Kriegspropaganda.

Die Nationalsozialisten waren es, die die Bedeutung der Propaganda zur Verschleierung der eigenen Ziele und zur Indoktrination der Bevölkerung erkannten und einen eigenen Propagandaminister installierten, Joseph Goebbels, der einer der treuesten Wegbegleiter Adolf Hitlers bis in die letzten Stunden war. Dem Volk wurden Volksempfänger angeboten, die nur die Frequenz des Deutschlandsenders empfangen konnten, und das Hören von „Feindsendern“ war streng verboten und wurde mit der Einlieferung in KZs bestraft. Die anderen Medien waren „gleichgestaltet“, durften also nur regierungsgetreue Nachrichten weitergeben. 

Dadurch konnten viele Gräueltaten der Kriegsführung und des NS-Terrors gegen Randgruppen, Minderheiten und Juden vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Die Kriegsberichterstattung war von Jubelmeldungen geprägt, Niederlagen kamen nicht vor. Allerdings wurde im Lauf des Krieges durch die Bombardierung des ganzen Landes deutlich, dass das Regime nicht in der Lage war, die eigene Bevölkerung zu schützen, trotz aller Siege und Frontbegradigungen und anderer aufgebauschter Meldungen, von denen die Medien voll waren. Langsam wurde deutlich, dass die feindlichen Truppen näher rückten, und die aufgebauten Illusionen zerbröckelten immer mehr. Die bedingungslose Kapitulation 1945 war nur eine logische Folge der katastrophalen Niederlage, die diesmal kaum jemanden überraschte, aber nur wenige mit Freude erfüllte.

Die folgende Ernüchterung und das Erwachen aus einer eingetrichterten Verblendung führte zunächst bei den meisten nicht zu einem Streben nach der Wahrheit, danach also, zu wissen, was wirklich abgelaufen ist und dazu, sich mit den Verbrechen, die im Namen des Volkes begangen wurden, auseinanderzusetzen. Vielmehr bestand der allgemeine Trend darin, das Geschehene möglichst schnell zu vergessen und in eine bessere Zukunft zu schauen. Die Last der kollektiven Traumen, die das NS-Regime und der Krieg hinterlassen hatten, wurde damit den nachfolgenden Generationen überlassen. Die Mittäter und Mitläufer wurden still und heimlich eingegliedert, und über die Schandtaten wurde ein Mantel des Schweigens gebreitet. Die Politik wurde den Eliten überlassen, nach dem Motto: Politisch Lied ist garstig Lied. Die Geschichtslehrer trachteten danach, genug Unterrichtszeit auf die Griechen, Römer und mittelalterlichen Helden zu verwenden, damit sie die desaströsen Kriege des 20. Jahrhunderts nicht behandeln mussten.

Erst langsam verbreiterte sich das Bedürfnis, mit den Schrecknissen und Grauslichkeiten der Vergangenheit ins Klare und Reine zu kommen. Die historische Aufklärung erlangte mit einer Generation mehr Breitenwirkung, die im ansteigenden Wohlstand groß geworden war, aber an der emotionalen Leere litt, die die Weltkriege in den Seelen der Kriegsteilnehmer hinterlassen hatten. Es richtete sich die Wut auf die Institutionen des Staates, dem die Verdrängung angelastet wurde. Die Protestbewegungen aus der Jugend der 60er Jahre führte zu gesellschaftlichen Reformen und zur Entstehung einer kritischen Zivilgesellschaft, die sich Informationen aus alternativen Quellen beschaffen konnte und dann gegen Ende des 20. Jahrhunderts durch das Internet enorm wachsen konnte. Parallel dazu kamen die Wunden und Schwären der Vergangenheit immer an die Öffentlichkeit, wie z.B. die amerikanische Fernsehsendung „Holocaust“, die Anfang der achtziger Jahre ein Gefühl für das Ausmaß der nationalsozialistischen Judenvernichtung in die Haushalte brachte. 

Unmerklich vollzog sich in diesen Prozessen eine Auseinandersetzung mit der Scham über die Unmenschlichkeiten in der eigenen Vergangenheit und Geschichte, die da und dort in Konflikten ausbrach, wie z.B. in der Waldheim-Affäre oder um die Ausstellungen zu den Verbrechen der Wehrmacht. Als Sammelbewegungen zur Schamverdrängung boten sich rechtsgerichtete Parteien an, die in Österreich ab den 80er Jahren und in Deutschland nach 2000 zu Klein- und Mittelparteien anwuchsen und in Österreich sogar zweimal in die Regierung gelangten.

Aufklärung und Gegenaufklärung

Die Geschichte der Information verläuft, wie an diesen Beispielen sichtbar wird, ambivalent. Jeder Schritt zur Aufklärung erzeugt Gegenaufklärung. Wir kennen diesen Prozess aus inneren Abläufen, wie sie z.B. bei der therapeutischen Aufarbeitung von Traumatisierungen erfolgen: Widerstände werden überwunden und Verdrängtes wird bewusst, worauf sich wieder Widerstände bilden, die die erreichten Fortschritte rückgängig machen wollen. 

Auf gesellschaftlicher Ebene formieren sich Gegenkräfte, wann immer unangenehme Wahrheiten aus der Geschichte an die Oberfläche kommen. Die Gegenkräfte nutzen die Desinformation, weil sie Wahrheiten bekämpfen müssen, denen sie durch das Erzeugen von Verwirrung die Grundlage entziehen wollen. Wie die biographische Wahrheit, die sich z.B. bei der Aufdeckung einer Missbrauchserfahrung zeigt, vor der Entdeckung geschützt werden muss, weil in ihr heftige und belastende Gefühle enthalten sind, soll auch die historische Wahrheit im Dunklen oder zumindest im Zwielicht verbleiben. Denn sie kränkt das nationale Selbstgefühl, beschmutzt das eigene Nest und besudelt die Heimat, die eigenen Wurzeln. Also werden die Informationen, die auftauchen, geleugnet (Holocaust-Leugner), verkleinert (die Opferzahlen der Shoa werden minimiert) oder in die ferne Vergangenheit abgeschoben („Es muss endlich Schluss sein mit dem ewigen Wühlen in der Vergangenheit!“).

Gibt es unabhängige Medien?

Jedes publizistische Medium braucht Geldgeber und Finanziers. Rein durch Verkauf und Abonnenten kann keine Zeitung qualitätsvolle Ergebnisse liefern. Insoferne ist der Wunsch oder die Forderung nach unabhängigen Medien illusorisch. Es macht aber einen wichtigen Unterschied, ob ein Medium den Anspruch vertritt, faktengetreu zu informieren oder nicht, und ob es sich nach diesem Maßstab messen lässt. Die Affäre um die gefälschten Tagebücher von Adolf Hitler, die der Stern 1983 veröffentlichte, war der Zeitschrift nach dem Auffliegen der Fälschung äußerst peinlich. Es können Fehler bei der Informationsbeschaffung passieren, aber sie werden auch eingestanden und korrigiert, wenn das Medium auf seinen Ruf wert legt. 

Medien wollen primär nicht manipulieren (außer es handelt sich um Medien, die direkt von politischen Parteien oder Gruppierungen betrieben werden), sondern Gewinn machen. Die einen machen Gewinn dadurch, dass sie es mit der Objektivität und Wahrheitstreue nicht so genau nehmen und lieber reißerisch harmlose Ereignisse aufbauschen, um mehr Leser anzulocken, die anderen dadurch, dass sie möglichst objektive Information versprechen und sich für journalistische Sorgfalt einsetzen. Es gibt also noch immer Zeitungen und andere Medienkanäle, die sich zum Titel „angesehen“ bekennen und Qualitätsjournalismus bieten, um dem Ruf gerecht zu werden und zu bleiben. Sie richten sich an Menschen, die an möglichst realitätsnahen Fakten interessiert sind und Informationen und Meinungen klar unterscheiden wollen, die unterschiedliche Sichtweisen erwägen und das Für und Wider zu gesellschaftlichen Fragen erörtern wollen. Es sind Medien, die Leserforen mit einem breiten Meinungsspektrum pflegen und im Austausch mit verschiedenen Informationsquellen, gesellschaftlichen Gruppen und Trends stehen. Es gibt genügend Menschen in der Zivilgesellschaft, die an solchen Informationsquellen interessiert sind, dass sie am Markt bestehen können, ohne in dieser Ausrichtung in Abhängigkeit von Geldgebern und ihren Interessen zu geraten.

Werden wir durch Medien manipuliert?

Die Manipulation durch die Medien gibt es nur dort, wo die mediale Landschaft gleichgeschaltet ist. Es ist dort zwar einfach, sich vor Manipulation zu schützen, indem man völlig auf Medienkonsum verzichtet. Andererseits fehlt die Möglichkeit, zu verlässlichen Informationen zu kommen, sodass der Zugang zu wichtigen Bereichen der Realität verloren geht. Deshalb erleben viele Menschen solche Systeme als Freiheitseinschränkung und wollen ihnen entrinnen.

Wo verschiedene Informationsquellen zugänglich sind, werden nur jene Personen manipuliert, die sich nicht die Mühe machen, die angebotenen Informationen zu sichten, indem Fakten und Meinungen unterschiedenen werden und die Quellen kritisch geprüft werden. Wer sich nicht manipulieren lassen will, prüft die Ursprünge und das Zustandekommen der Informationen, sodass der Spreu vom Weizen gesondert wird. Es ist keine einfache Aufgabe, weil die Informationslandschaft riesige Ausmaße angenommen hat und mit unheimlicher Geschwindigkeit weiter wächst. 

Wem vertrauen?

Zur unübersehbaren Menge an Information kommt die überwältigende Zahl an konkurrierenden Quellen und Anbietern. Informationen widersprechen sich häufig; wem kann man vertrauen? Wir haben die Naivität verloren, mit der frühere Generationen für bare Münze genommen haben, was das Radio oder das Fernsehen gezeigt haben oder was „schwarz auf weiß“ in einer Zeitung gestanden ist. Heute wissen wir, dass Informationsangebote von Interessen geleitet sind und vielfach manipulative Zwecke verfolgen. Ohne die Mühen des Sichtens und kritischen Überprüfen geht es nicht, den Fallen, die überall in der Medienwelt aufgestellt sind, zu entgehen. Informationsprüfung ist also Arbeit, Fiktion von Faktizität zu unterscheiden aber unerlässlich, um mit der modernen Lebenswelt zurechtkommen zu können und Orientierung zu gewinnen.

Die Mühen der Prüfung

Wenn wir uns dieser Mühe nicht unterziehen, tendieren wir dazu, nur meinungskonforme Informationskanäle zu nutzen und damit in unserer Blase zu bleiben. Bekanntlich sind virtuelle Plattformen darauf programmiert, uns mit Informationen zu füttern, die unsere Vorurteile, Werthaltungen und ideologischen Präferenzen verstärken. Bequemer ist es, beim eingeübten Denken in Schablonen zu bleiben, als alte Gewohnheiten abzulegen und neue Kontexte zu bilden. Die informationskritische Einstellung erfordert nicht nur Zeit, sondern auch Anstrengung und Veränderungsbereitschaft. Statt uns passiv von Medien berieseln zu lassen, bleiben wir in kritischer Distanz und in einer offenen Haltung, die auch bereit ist, sich mit alternativen Sichtweisen auseinanderzusetzen. Wir dehnen unseren Horizont, statt ihn einzuengen oder in der gewohnten Beengung zu belassen. 

Vertrauen verdienen jene Medien, in denen Fakteninformation von Meinungskundgabe unterschieden wird, bei denen die Quellen der Fakten einsichtig sind, in denen unterschiedliche Standpunkte diskutiert werden und die zu Selbstreflexion bereit sind, die also Fehlinformationen zugeben und korrigieren. Misstrauen verdienen jene Medien, in denen nur eine Sichtweise verbreitet wird, die zudem auf keiner verlässlichen Faktenbasis beruht, bei denen andere Ansichten nicht einmal in Foren oder Leserbriefen vorkommen und die keine Bereitschaft zur Selbstreflexion erkennen lassen. 

„Mainstream“ als Abwertung

Medienskeptiker, die die sich mit ihrer Meinung in einer Minderheitsposition wahrnehmen, verwenden gerne den Begriff der Mainstream-Medien in einem abwertenden Sinn. Sie gelten quasi als die Multis im Mediengeschäft, die entweder von Wirtschafts- oder Politikinteressen gelenkt sind und deshalb keine Glaubwürdigkeit haben. Medien mit weniger Verbreitung, Nischensender usw. verdienten dagegen mehr Vertrauen, nach der Logik: Wer am Markt schwächer ist, hat weniger Macht, wer weniger Macht hat, kann nicht manipulieren, wer nicht manipuliert, sagt die Wahrheit – so die Kurz-Schlussfolgerung.

Ob ein Medium einem „Mainstream“ angehört, ist weder ein Kriterium für Verlässlichkeit und Wahrheitstreue noch dagegen. Misstrauen verdienen allerdings jene Publizisten oder Publikationen, die für sich die Wahrheit reklamieren, bloß weil sie von der des „Mainstreams“ abweicht. 

So gilt es auch für die Medienlandschaft: Publizisten, die in einem Randmedium arbeiten, wollen mit abwegigen Ansichten Aufmerksamkeit erringen und nutzen dafür die Außenseiterrolle als Vorteil, oft ohne sich um den Realitätsbezug ihrer Aussagen zu kümmern. Gegen die Medien, die von den Mehrheiten konsumiert werden, wird Misstrauen gesät, weil diese mächtiger wären und deshalb von vornherein schon korrumpiert und manipulativ sind. Überdeckt werden dabei die eigene Manipulationsabsicht und die Interessen, die damit vertreten werden. Denn nicht selten stecken hinter Minderheitenpositionen, wie z.B. hinter jener der Impfgegner, potente Geldgeber mit wirtschaftlichen Interessen. Bei der Kriegsberichtserstattung liegt es auf der Hand, dass abwegige Theorien einer Kriegsseite nutzen sollen. So wird z.B. die Meinung vertreten, dass die russische Armee nicht in der Ukraine einmarschiert ist, sondern ein Krieg der Ukrainer untereinander tobt, womit klarerweise die russische Aggression verharmlost wird – Wasser auf die Mühlen der Aggressoren.

Eine Verschärfung des Mainstream-Vorwurfes stellt die Rede von der „Lügenpresse“ dar. Dieser aggressive Ausdruck gilt wird im Meinungskampf als politischer Kampfbegriff eingesetzt und wird gerne von jenen verwendet, die selber Lügen oder Halbwahrheiten verbreiten oder Fantasien mit Realität verwechseln und dabei nicht aufgedeckt werden wollen. Wer andere der Lüge bezichtigt, vermeint selber über die Wahrheit zu verfügen, aber will keine Presse, die den eigenen Standpunkt in Frage stellen und Ungereimtheiten aufzeigen könnte. 

Zum Weiterlesen:
Manipulation erkennen und entzaubern
Astroturfing - Manipulation vom Feinsten
Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?
Kollektiven Traumen hinter dem Angriff auf die Ukraine


Freitag, 20. August 2021

Aufklärung in Zeiten einer Pandemie

Bringt die aktuelle Krisensituation der Pandemie Fortschritte oder Rückschritte in Bezug auf das Projekt der Aufklärung? Die Befunde sind ambivalent, da sich neue Allianzen gebildet haben – Interessensgruppen, in denen sich politisch links und politisch rechts denkende Menschen zusammenfinden, in denen sich progressive und konservative Denkweisen überschneiden, in denen liberale und gegenaufklärerische Argumenten gleichermaßen vertreten werden. Damit die aus meiner Sicht für eine gedeihliche Weiterentwicklung der Menschheit Schlüsselrolle der Aufklärung vor manipulativen Zweckentfremdungen, Verzerrungen und Irreführungen frei bleibt, ist es wichtig, klar unterscheiden zu können, wo die Aufklärung an ihre Grenzen stößt und auf manipulative Weise Partikularinteressen für Allgemeininteressen ausgegeben werden.

Das Vermächtnis der Aufklärung  

Unter der Aufklärung verstehe ich das Unterfangen, die zwischenmenschlichen Angelegenheiten mit Hilfe der Vernunft zu regeln. Die Aufklärung ist im 18. Jahrhundert angetreten, allgemeine Freiheitsrechte, kritisches Denken und autonome Handlungsräume durchzusetzen. Die Menschen sollten ihr Leben nach selbstgewählten Grundsätzen und Werten ausrichten und gegenseitig respektieren. Außerdem sollten sie zu einem Diskurs fähig sein, in dem sich die besseren Argumente durchsetzen, wobei besser hier heißt, dass sie mehrheitsfähiger sind, also von möglichst vielen Menschen akzeptiert werden können. Dazu dient der konstante Bezug auf die Fakten, auf das, was der Fall ist, sprich auf die Wirklichkeit, die unabhängig von den Menschen besteht oder die sich in ihrem eigenen Innenleben befindet. Die Aufklärung ist untrennbar mit den Wissenschaften verbunden, die eine Form des Wissens zur Verfügung stellen, das prinzipiell von jedem Menschen nachgeprüft werden kann und damit der individuellen Willkür entzogen ist. Dieses Wissen soll mit Hilfe der wissenschaftlichen Selbstkontrolle, soweit es geht, vor dem Zugriff der Macht geschützt bleiben und allen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Aber nicht nur das Wissen unterliegt einer intersubjektiven Reflexion, also einer kritische Überprüfung, sondern das ganze Programm der Aufklärung braucht immer wieder die selbstreflexive Infragestellung der eigenen Positionen, um sie an die Erfordernisse der jeweiligen historischen Situation anzupassen. Was Aufklärung heißt und ist, muss fortlaufend aktualisiert werden.

Die Vernunft ist, wie aus dem Vorigen folgt, das Vermögen, nicht aus der beschränkten Eigenperspektive, sondern aus der Perspektive möglichst vieler anderer Menschen zu denken, zu argumentieren und zu handeln. Sie erfordert die Fähigkeit, die eigenen Überlebensmuster zu überschreiten und die damit verbundenen Ängste und Egoismen zu distanzieren, sodass sie sich nicht in das Denken, Urteilen und Handeln einmischen. Vom Standpunkt der Vernunft aus können wir zu Einsichten kommen, wie die Geschicke der Menschheit so gestaltet werden können, dass sie mehr dem Menschsein entsprechen, also dem, was die Menschen in ihrem Inneresten ausmacht und was sie aus diesem Inneren heraus wollen und anstreben.

Immanuel Kant hat darauf verwiesen, dass die Aufklärung den Mut benötigt, um praktisch werden zu können, um also in die Gesellschaft eingreifen zu können. Wir können darunter die Fähigkeit verstehen, die eigenen Ängste zu kennen, zu verstehen und sich davon frei zu machen. Mutige Menschen handeln geleitet von ihren Werten und Zielen, ohne sich von ihren Ängsten einschränken und bremsen zu lassen. Der Mut umfasst auch die Fähigkeit zur fortlaufenden Überprüfung und selbstreflexiven Kritik der eigenen Werte und Normen.

Vernunft in Krisenzeiten

Jede Krisensituation fordert dazu heraus, praktische Lösungen umzusetzen. Bei einem Feuer müssen zuerst die Menschen gerettet werden. Sodann muss das Feuer eingedämmt und gelöscht werden. Es sind aber auch Vernunftsgesichtspunkte notwendig, wie aus der Krise gelernt werden kann, damit sie sich nicht wiederholt, zum Beispiel: Wie ist ein vernünftiger Brandschutz machbar?

Wir leben in einer nun schon länger andauernden Krisensituation infolge der Corona-Pandemie. Sie hat vor allem in unseren Ländern mit ihren hohen Sicherheitsstandards und ausgeklügelten Mechanismen der Risikominimierung zu großen Verunsicherungen geführt. Für andere Weltteile, in denen die Grundunsicherheiten von vorn herein wesentlich höher sind, ist die Bedrohung durch den Virus nur eine von vielen anderen Herausforderungen, die tagtäglich bewältigt werden müssen.

Wissenschaften und Laien

Wir hingegen können uns auf dem relativ hohen Niveau des Krisenmanagements eine verzweigte Vernunftdebatte leisten. Die kritische Funktion der Vernunft wird genutzt, um die Maßnahmen, die die Behörden zur Eindämmung der Seuche unternehmen, zu überprüfen. Es gibt viele Infragestellungen, die die Wissenschaftlichkeit der Virusforschung und der Impfstoffforschung in Zweifel ziehen. Diese Diskussionen müssen im Rahmen der Wissenschaften ausgefochten und erledigt werden, was auch fortwährend geschieht.

Die Einmischung von Laien, die nur die Ansichten bestimmter Wissenschaftler, die aus dem wissenschaftlichen Mainstream ausscheren, oder verkürzte Interpretationen von wissenschaftlichen Ergebnissen wiedergeben und propagieren, ist hier nicht hilfreich und kippt schnell in emotionalisierte Debatten voll von ideologischen Einschüben. Ideologien entstehen häufig aus absolut gesetzten relativen wissenschaftlichen Erkenntnissen – aus vereinzelten Forschungsergebnissen werden ohne genaue Prüfung Wahrheiten geschmiedet, die keinen Widerspruch zulassen. Damit wird augenscheinlich die Orientierung an den Idealen der Aufklärung verlassen und die Basis für gleichrangige und konstruktive Diskussionen zerstört.

Grund- und Freiheitsrechte

Eine andere Richtung der Kritik zielt auf die Einschränkung der Grund- und Freiheitsrechte durch die Maßnahmen in der Pandemie-Bekämpfung. Sie beziehen sich auf die Individualfreiheiten, die durch die Aufklärung verankert wurden und ins allgemeine Selbstverständnis westlicher Bürger übergegangen sind. So viel Freiheit wie möglich, so wenig Einschränkungen wie notwendig, das ist die liberale Freiheitsnorm, die der menschlichen Selbstentfaltung möglichst viel Raum garantieren will. Jede Einmischung des Staates in diese Freiheitsrechte muss hieb- und stichfest sein, ansonsten drohen diktatorische Zustände.

Und hier scheiden sich die Geister: Darf der Staat vorschreiben, dass seine Bürger bei bestimmten Gelegenheiten Masken tragen müssen? Den verantwortlichen Vertreter der Staatsmacht obliegt es in diesem Zusammenhang, die Rechtsgüter abzuwägen – der Schutz der Menschen vor Ansteckung und Krankheit gegen die Beschränkung der Freiheit. Solche Entscheidungen können in einer Demokratie auf ihre Verfassungsgemäßheit geprüft werden, bzw. können die Entscheidungsträger bei einer Wahl ihre Posten verlieren. Der Disput über die Sachgemäßheit von solchen Abwägungsentscheidungen ist wichtig, und abweichende Meinungen müssen gehört und besprochen werden. Allerdings ist es auch vernünftig und notwendig, zu akzeptieren, wie die Regeln sind, auch wenn die eigene Meinung nicht durchgesetzt werden konnte. Sonst manövriert man sich an den Rand der Gesellschaft – und fühlt sich ausgegrenzt, obwohl die Verantwortung dabei bei einem selbst liegt. Manche geraten aus diesem Grund in eine radikale und aggressive Verweigerungshaltung dem Staat gegenüber.

Freiheit und Zwang

Darf der Staat bestimmte Personengruppen oder alle dazu zwingen, sich impfen zu lassen? Allerdings darf und muss der demokratische Staat das, was an Gesetzen von der Mehrheit des Parlaments beschlossen wird, durchsetzen, solange es verfassungskonform ist. Nicht alle müssen zustimmen, aber alle müssen sich an die Regeln halten, oder sie nehmen bewusst Sanktionen in Kauf. Rebellen gegen Gesetze hat es immer gegeben, sie machen darauf aufmerksam, dass es eine Minderheit gibt, die mit bestimmten Maßnahmen nicht einverstanden ist. Aber sie haben mit ihrer Haltung nicht automatisch recht, bloß weil ihre Sichtweisen von der Mehrheit nicht geteilt werden. Ihre Argumente und ihre Kommunikationsmöglichkeiten waren nicht stark genug, um im Konzert der Meinungen erfolgreich zu sein.

Es gibt keine Gesellschaft, die ohne Zwang auskommt. Jedes Zusammenleben erfordert die Einschränkung der eigenen Bedürfnisse und Interesse zugunsten des Gemeinsamen. Komplexere Gesellschaften brauchen komplexere Regeln, und deren Einhaltung muss erzwungen werden, wenn sie nicht freiwillig vollzogen wird. Sonst überwältigen die Einzelinteressen das Gemeinsame, und ein chaotisches Jeder-gegen-jeden bricht aus.

Allerdings ist es weder klug noch vernünftig, wenn eine demokratisch gewählte Regierung den Bogen überspannt und zu viel Zwang ausübt. Es geht immer auch um die Verhältnismäßigkeit zwischen dem Ausmaß an Freiheitseinschränkung und dem dadurch erhofften allgemeinen Gewinn für das Gemeinwohl. Die kritischen Stimmen der Betroffenen dienen als wichtige Rückmeldungen für den schwierigen Kurs des Regierens und Verwaltens in Krisenzeiten.

Der Wirklichkeitsbezug

Über Richtigkeit oder Falschheit von Behauptungen entscheidet deren Wirklichkeitsbezug: Wieweit beruht er auf allgemeinen, von allen nachvollziehbaren Erkenntnisbedingungen, oder wieweit sind diese subjektiv begründet und gefühlsgesteuert?

Die Pandemie-Gegner treten gerne mit dem Pathos der Aufklärung auf, manchmal sogar mit dem der Weltrettung vor dem Bösen. Sie verlassen das Terrain der Aufklärung aber dort, wo sie ihre Botschaften nicht auf abgesichertes Wissen stützen, sondern auf Einzelmeinungen, die dann mit dem eigenen „Gefühl“ als wahr erklärt werden. Gefühle sind keine Basis für die Aufklärung, sondern für die Verdunkelung. Denn Gefühle lassen keine Argumentation zu, sondern sind einfach, wie sie sind. Sie haben nicht die Aufgabe, komplexe Themen zu klären. Sie sind nicht dafür da, allgemeine, für alle Menschen gültige Prinzipien zu finden. Gefühle haben ihre eigene Komplexität, die mit ihrer engen Anbindung an die eigene Lebensgeschichte stammt. Deshalb sind sie immer nur subjektiv gültig und real. Ihr Dasein und ihr Wahrheitsanspruch ist auf das erlebende Subjekt beschränkt.

Die Wahrheit, um die es der Aufklärung geht, soll gerade nicht subjektiv sein, sondern eine über die Individuen hinausgehende Gültigkeit haben. Der Anspruch der Aufklärung erstreckt sich auf alle Menschen, oder, wie Kant es ausgedrückt hat, auf alle vernunftbegabte Wesen. Sie beruht deshalb auf einem rationalen Fundament, also auf sprachlich formulierbaren Gedanken, die im herrschafts- und gewaltfreien Diskurs eine intersubjektive Verständlichkeit anstreben.

Gefühle in der Politik

Gefühle spielen eine wichtige Rolle in der Politik, und die Aufgabe der Aufklärung liegt gerade darin, diese Rolle zu analysieren und zu thematisieren. Denn sie werden häufig zum Zweck der Durchsetzung von Machtinteressen instrumentalisiert. Das ist eine der klassischen Strategien von Demagogen und Populisten, also von Leuten, die nicht mit Hilfe der Aufklärung, sondern gegen sie Politik unter Verwendung von Manipulation betreiben wollen.

Wo also auch in den aktuellen Debatten um die Pandemie Gefühlsimpulse für rationale Argumente ausgegeben werden oder hinter diesen verborgen bleiben, gilt es, das aufklärerische Denken einzusetzen. Mit seiner Hilfe können wir zuordnen, was im Rahmen der Rationalität geredet, argumentiert und geschrieben wird und was in die Bereiche der Gefühlsökonomie, also der inneren Auseinandersetzung eines Menschen mit sich selbst gehört. Auf diese Weise bleibt das Anliegen der Aufklärung gewahrt und wird nicht mit anderen Argumentationsebenen oder Behauptungsszenarien vermischt.

Die Bewahrung der Aufklärung

Wir sollen und können unsere unterschiedlichen Ansichten und Meinungen haben und können uns sollen sie auch äußern. Die Meinungsfreiheit ist ein wichtiges Anliegen der Aufklärung. Um aber unser Zusammenleben zu erleichtern und die öffentlichen Diskurse in einem konstruktiven Rahmen ablaufen zu lassen, ist es notwendig, die Quellen und Hintergründe unserer Standpunkte zu berücksichtigen und Fakten (empirische Daten), wissenschaftlich gewonnenes Wissen und subjektive Schlussfolgerungen und Extrapolationen voneinander zu unterscheiden. Wir brauchen das Verständnis für die subjektiven Anteile, die in unser Verständnis von Objektivität einfließen und die Bereitschaft, unsere Subjektivität beiseite zu stellen, wenn wir in die Diskurse einsteigen.

Feindbilder und Vorurteile tragen wir alle in uns, aber wenn wir deren Ursprünge mit dem Verständnis der früh gebildeten Prägung unserer Gefühlsmuster entdeckt haben, können wir sie auflösen oder zumindest abschwächen, sodass sie sich dann nicht mehr in die Verzerrung faktischer Erkenntnisse und in unsere Gespräche mit unseren Mitmenschen sowie in alle anderen öffentlichen Äußerungen einmischen. Die Selbstreflexion beinhaltet die Fähigkeit, uns selber ein Stück zurückzunehmen. Das kommt uns zu Hilfe, wenn wir uns bemühen, die gemeinsamen Anliegen weiterzuentwickeln.

Zum Weiterlesen:

Krisenängste und ihr Jenseits
Zwischen Wissenschaft und Lügenproduktion
Von der Angst zur Ethik
Angstkonditionierung und Corona-Reaktion

Sonntag, 13. Mai 2018

Letzte Fragen ohne Antworten

Wir Menschen stellen gerne Fragen, unser Wissensdurst ist unbegrenzt. Wir tauschen uns oft untereinander aus, um Antworten zu finden. Neugierig wie wir sind, wollen wir alles, was es zu wissen gibt, wissen. Es könnte uns ja irgendwann einmal von Nutzen sein.

Und wir wollen weiterfragen und keine Grenze für unser Fragen akzeptieren. Nach Immanuel Kant gibt es ein „unhintertreibliches Bedürfnis“ im Menschen, Antworten auf die Fragen nach dem Sinn des Ganzen zu bekommen. Allerdings wird dieses Unterfangen an den Grenzen des Wissbaren schwierig. Zwar gibt es jede Menge Antworten auf die sogenannten letzten Fragen, aber keine, die allgemein überzeugen können. Vielmehr tummeln sich gerade in diesem Bereich eine Menge miteinander konkurrierender Angebote, die ihre Spannungen in der Geschichte häufig mit Gewalt ausgestritten haben, so als könne die brutale Unterwerfung des Gegners die Wahrheit der eigenen Ansicht bestätigen.

Das Ende der verbindlichen Antworten


Der Ausweg aus den Serien dieser blutigen Konflikte war zumindest in der gebildeten Schicht Europas im 18. Jahrhundert die Erkenntnis der Aufklärung, dass die religiöse Überzeugung Privatsache sein soll. Das hat zu einem Deutungs- und Bedeutungsverlust der organisierten Religionsgemeinschaften geführt. Einen Teil dieser Deutungshoheit haben die Wissenschaften übernommen, doch können sie gerade in den letzten Fragen keine Antworten liefern, weil ihre Erkenntnisse immer aus dem Rahmen der raum-zeitlichen Erfahrbarkeit stammen, während diese Fragen darüber hinaus zielen. So kann uns die Wissenschaft alle möglichen Modelle über den Urknall anbieten; die „eigentlichen“ Fragen bleiben, was davor war und ob es jemanden gibt, der das Ganze in Gang gesetzt hat, und was der Sinn des Unterfangens sein soll.

Was hindert uns daran, uns damit zufrieden zu geben, dass es Fragen gibt, auf die es keine Antworten gibt, und dass dazu vor allem die metaphysischen letzten Fragen zählen? Kant, der führende Philosoph der Aufklärung, hat schon darauf hingewiesen, dass gesicherte Erkenntnisse über alles, was jenseits unseres Erfahrungsraumes angesiedelt ist, nicht gefunden werden können. Alles was bleibt, sind Spekulationen. Und Spekulationen sind durch ihre Beliebigkeit, Veränderbarkeit und Austauschbarkeit gekennzeichnet: Es könnte so sein oder auch anders. Gott existiert oder eben nicht. Oder: die eine Antwort gefällt mir besser als die andere, die ist nicht nach meinem Geschmack. Übermorgen ziehe ich vielleicht die andere Möglichkeit vor. Heute finde ich den Sternenhimmel so wunderbar, also gibt es einen Gott. Morgen wird mir das ganze Unheil in der Welt bewusst, also kann es keinen Gott geben.

Bei den Religionen gehört die Kompetenz für verbindliche Antworten auf die letzten Fragen gewissermaßen zum Kerngeschäft. Eine Religion, die dazu nichts im Angebot hat, ist da gleich im Nachteil gegenüber der Konkurrenz. Je verbindlicher die Antwort, desto mehr Sicherheit kann den Gläubigen geboten werden. Deshalb auch wurden die absoluten Wahrheiten zu den letzten Fragen auch mit Zähnen und Klauen verteidigt, obwohl sie, nüchtern betrachtet, aus der Luft gegriffen sind. Die Autoritäten, die hinter den Wahrheiten stehen, sind die Religionsstifter und deren Schriften, andere Dokumente übernatürlicher Herkunft oder durch auserwählte Gemeinschaften erlangte Einsichten wie die auf Konzilien formulierten Dogmen der katholischen Kirche.

All das mag einen Skeptiker nicht zu überzeugen, und der Skeptiker werden es immer mehr. Die Texte wurden der historischen Textkritik unterzogen, das Leben der Religionsstifter wurde durchleuchtet, die Religionen untereinander verglichen, und dann bleibt vielleicht ein Kern übrig, der bei den meisten Religionen in ähnlicher Form auftaucht und nur unterschiedlich formuliert wird. Dieser Kern betrifft aber vor allem Aussagen darüber, wie die Menschen mit sich und miteinander umgehen sollen, während sich in den Fragen um die letzte Bestimmung der Menschen unterschiedlichste Szenarien zeigen. Die einen haben einen und nur einen, die anderen einen Gott in drei Gestalten, die dritten viele und die vierten gar keine Götter. Bei den einen ist das höchste Ziel, nach dem Tod im Nirvana zu verschwinden, während die anderen den Himmel anstreben und die dritten schauen müssen, dass sie es bei der nächsten Wiedergeburt besser erwischen. Einigkeit gibt es also bei Fragen der Ethik, aber nicht bei denen zur Metaphysik.

Wissen nichts zu wissen


Deshalb ist es wohl müßig, nach definitiven, für alle überzeugenden Antwort auf diese Fragen zu suchen. Im Grunde wissen wir, dass wir nicht wissen können, dass wir uns mit einer Grenze bescheiden müssen, über die hinaus es eben nur ein Glauben gibt. Auf die Frage nach dem letzten Sinn kommt also nur eine Antwort, die mit: „Ich glaube …“ beginnt und eine subjektive Sichtweise ausdrückt. Die Aussage verfügt über kein Pendant in der Wirklichkeit. Es ändert sich allenfalls etwas an der inneren Befindlichkeit der glaubenden Person, welche die Aussage tätigt. Schließen sich mehr Menschen einer Glaubensaussage an, wird eine soziale Wirklichkeit erzeugt, eine Glaubensgemeinschaft. Solche Gemeinschaften sind dadurch geprägt, dass sich ihr Zusammenhalt bloß auf solche selbsterzeugte soziale Wirklichkeiten gründet.

Offensichtlich geht es bei den letzten Fragen gar nicht um „letzte Bedürfnisse“, sondern um recht frühe. Wir suchen nach Bestätigung für unsere Glaubensannahmen, um uns sozial verbunden zu fühlen. Wir bilden Glaubensgemeinschaften, weil uns die Zugehörigkeit Vertrauen gibt. Wir halten uns an vorgegebene Antworten auf die letzten Fragen und fühlen uns dadurch sicherer. Wir beruhigen innere Ungewissheiten, Ängste und Unsicherheiten.

Wenn wir ganz im Moment sind, verbunden mit dem Inneren und Äußeren, brauchen wir keine Fragen. Die letzten Fragen tauchen auf, wenn wir uns aus dieser innigen und erfüllenden Verbundenheit mit dem Leben entfernt haben, und die letzten Antworten sollen uns die Spannung nehmen, unter der wir dann leiden. Was uns aus der Erfahrungseinheit herausführt, sind alte, unerledigte Themen, verbunden mit früh geprägten Gefühlsmustern. Je mehr von diesen Mustern wir in unserer Innenarbeit auflösen können, je weniger Ängste wir haben, desto geringer wird das Bedürfnis nach Antworten auf Fragen, zu denen es kein passendes Wissen gibt. Und desto leichter fällt es uns, in Bescheidenheit die Grenzen des Erkennbaren und Wissbaren zu akzeptieren und uns innerhalb dieser Grenzen konstruktiv und kreativ auszuleben.

Zum Weiterlesen:
Gott und das Ego
Das Absolute im Beschränkten
Reinkarnation - Glaube oder Symptom?