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Samstag, 23. Dezember 2023

Die pubertären Wurzeln der Ideologien

Die Zwischenzeit der Adoleszenz besteht darin, eine Antithese zur Kindheit zu bilden. Adoleszente wollen keine Kinder mehr sein und lehnen deshalb alles Kindliche ab. Sie orientieren sich an Werten, die sie absolut setzen. Sie fordern die Erwachsenen und ihre Ansichten heraus. Sie treten mit neuen Ideen und neuen Programmen auf, die die Gesellschaft verändern und vorantreiben sollen. Sie kritisieren die Widersprüche der von den Erwachsenen eingerichteten Welt und fordern die Widerspruchsfreiheit ein. Sie vertreten ihre Ideale bedingungslos, und sie können das auch, weil sie noch keine Handlungen setzen können und noch keine Verantwortung tragen müssen. Oft werden sie deshalb von den Erwachsenen als Träumer oder als weltfremde Idealisten belächelt. Die Jugendlichen wiederum sehen in den Erwachsenen in ihren Haltungen festgefahren und stur im Festhalten an alten Strukturen und an ihrer Macht. Sie betrachten das Bestehende als Hemmschuh für ihr Fortkommen und bekämpfen es, um Freiräume für eine Neugestaltung zu gewinnen. Die Adoleszenten treten mit vielen Forderungen auf, die sie leicht stellen können, weil sie nicht die Verantwortung für deren Verwirklichung tragen können.

Offenbar dient es dem gesellschaftlichen Fortschritt, dass jede junge Generation mit einem Elan zur Erneuerung und zur Überwindung von alten Verkrustungen antritt. Sie zeigt die Widersprüche zwischen Moral und Praxis, zwischen Idealen und Realität auf und fordert oft radikal eine Kehrwende ein, zurück zu mehr Gerechtigkeit und Offenheit. Denn die Jugend braucht eine offene Welt, in der es viele Chancen gibt, nicht nur für wenige Privilegierte, sondern für alle. Sie wissen noch zu wenig über sich selbst und sind unsicher, ob sie ihren Platz in der Welt finden können. Deshalb neigen sie zu radikaleren Vorstellungen über die notwendigen Veränderungen als viele Erwachsene, die sich eine pragmatischere Sicht auf die Wirklichkeit erworben haben. 

Widersprüchliche Realität

Die Realität ist geprägt von Gegensätzen und Widersprüchen, und das Erwachsenenleben gelingt in dem Maß, in dem diese Widersprüchlichkeit sein darf, ausgehalten wird und den Rahmen für das Handeln bildet. Viele Vorkommnisse sind weder gut noch böse, oder beides, keinesfalls aber eindeutig zuordenbar. Wir täten uns leichter mit der Wirklichkeit, wenn es immer die Täter (die Bösen) auf der einen und die Opfer (die Guten) auf der anderen Seite gäbe. Aber Vereinfachungen haben immer ihren Preis, während die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten bestehen lassen zu können, die Handlungsfähigkeit erweitert. Wir können besser auf die Wirklichkeit und ihre Erfordernisse eingehen, wenn wir sie in ihrer Ambiguität tolerieren. Je mehr Sichtweisen wir entwickeln, desto mehr Optionen haben wir. 

Ideologien sind pubertäre Erlösungsfantasien 

Jede Ideologie stellt einen Versuch dar, Widersprüche auf Kosten der Realität zu harmonisieren. Das scheinbar eindeutige Benennen von einfachen Ursachen für Missstände begeistert viele Anhänger und Parteigänger. Vereinfachungen vermitteln Illusionen der Handlungsfähigkeit, weil sie vorgaukeln, dass mit der Beseitigung des so-genannten Bösen die Probleme gelöst werden und sang- und klanglos verschwinden. Die gesellschaftlichen Probleme sind allerdings immer komplex und können nicht durch ein einfaches Dreinhauen gelöst werden. Meist verstärken einfache Lösungsansätze die Probleme zusätzlich. Ein Beispiel bilden die ökonomischen Maßnahmen, die von vielen rechtspopulistischen Regierungen durchgeführt werden. Sie geben aus dem gesellschaftlichen Füllhorn gern Geschenke für ihre Klientel, die den Staatshaushalt belasten; und den kleinen Leuten wird dann auf andere Weise wieder das Geld aus der Tasche gezogen. Oft reduzieren diese Politiker die Steuern für die Reichen, was den Schlechterverdienern mehr Lasten aufbürdet, aber Geld von den Reicheren in die Parteikassen der Rechtsparteien spült, die damit ihre Propagandamaschinen betreiben können. 

Wir können erkennen, dass die Neigung zu Ideologien pubertäre Wurzeln hat. Jugendliche neigen zu radikalen Sichtweisen und einfachen Lösungswegen, wie sie von Ideologien angeboten werden. Z.B. wird gefordert, riesige Zäune zu bauen, um das Flüchtlingsproblem für das eigene Land zu lösen. Das Problem wird damit in andere Länder exportiert und im eigenen Land kann man sich selbstzufrieden abputzen. Das Problem wurde also nur von den eigenen Leuten und Anhängern weggeschoben, aber nicht gelöst. Echte Lösungsschritte müssen in den Herkunftsländern ansetzen, damit die Bedingungen dort so verbessert werden, dass niemand mehr flüchten will. Aber das sind langwierige und komplexe Bemühungen, die zwar nachhaltig wirken, aber in den Zielländern der Fluchtbewegungen nicht populär sind, weil sie keine unmittelbare Entlastung von den Ängsten bewirken, die durch die Migrationen ausgelöst werden. 

Ideologen und Ideologieanhänger sind in ihrer Weltsicht nicht erwachsen geworden. Sie befinden sich in einer Fundamentalopposition zur Realität, die die objektive Entsprechung der Erwachsenenwelt darstellt. Sie wollen eine Gegenwelt, nicht die Weiterentwicklung der bestehenden. Sie erhoffen sich schnelle Lösungen und übersehen die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit, indem sie die Komplexitäten auf Einfachheit reduzieren und damit alle Details und Zusammenhänge, die dem eigenen Weltbild widersprechen, ausblenden. Deshalb bringen sie im besten Fall Scheinlösungen oder nur kurzfristig wirksame Verbesserungen zustande. Der Verantwortungshorizont reicht nicht aus, um nachhaltige oder langfristig haltbare Maßnahmen zu verwirklichen.

Verantwortungsbewusstes politisches Handeln trägt der Komplexität Rechnung und versucht, verschiedene Interessenslagen zu bedienen. Im 21. Jahrhundert bedeutet das immer auch, dass die Perspektive des gesellschaftlichen Handelns immer auch die Bedürfnisse der Natur und der künftigen Generation mit einschließt – Bereichen, denen sonst nachhaltiger Schaden zugefügt wird. Viele rechtsextreme Politiker vermeiden diese wichtige Sicht, indem sie den Klimawandel leugnen und damit Raubbau an den Ressourcen des Planeten fördern, die auch die Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen einschränken. 

Reifes Erwachsensein

Das reife Erwachsensein besteht nicht in der Negation der Adoleszenz, sondern in einer Integration von Kindheit, Jugend und Erwachsenem. Im Sinn von Georg Wilhelm Friedrich Hegel geht es beim Fortschritt immer um eine Synthese aus These und Antithese, aber nicht um eine reine Negation der Negation. Die Pubertierenden neigen zwar zur Negation von Kindheit und Erwachsenenwelt, aber die Weiterentwicklung führt zur Synthese, zur Verbindung der Kräfte und Energien.

Erwachsene dürfen immer wieder mal kindlich und pubertär sein. Es sind Aspekte der Lebendigkeit, die unterschiedliche kreative Impulse enthalten, die in jedem Erwachsenenleben mitwirken sollten. Das Erwachsensein, das sich nur als Abkehr und Überwindung von Kindheit und Jugendzeit versteht, neigt zur emotionalen Trockenheit und schöpferischen Farblosigkeit. Die Hauptausrichtung der Erwachsenen ist der produktive Umgang mit der Realität und ihren Herausforderungen mit den Mitteln der Rationalität und Pragmatik. „Reine“ Erwachsene sind nur Verwalter der Realität und keine Gestalter. Die Impulse zur Gestaltung kommen aus der Kreativität des Kindes und des Jugendlichen. Sie erfordern die Fähigkeit, die Welt immer wieder ganz anders sehen zu können, als sie ist.  

Die frühkindlichen Wurzeln der Ideologien
Verschwörungstheorien und Normalitätsscham

Donnerstag, 21. Dezember 2023

Über das Leben mit Ungewissheiten

Eine Klientin hat endlich einen Abnehmer für ihr Geschäft, das sie schon lange verkaufen will, weil es ihr viel Anstrengung abverlangt und sie neue Perspektiven für ihr Leben sucht. Der neue Übernehmer ist sehr interessiert, aber die legalen Prozesse brauchen noch Zeit, und erst dann ist der Verkauf sicher. Da immer wieder Interessenten aufgetaucht sind, die dann nach einiger Zeit der Überlegung abgesprungen sind, bleibt sie auch jetzt in einer dauernden Anspannung, solange der Vertrag nicht unterschrieben ist.

Eine andere Klientin sucht schon länger einen Nachmieter für sich und denkt, dass sie niemanden finden wird. Das Problem beschäftigt sie und lässt ihr keine Ruhe. Auch wenn es nicht wirklich dringend ist, braucht sie doch das Geld und fürchtet, dass es viel zu lange dauern wird, bis jemand, der auch passen muss, auftaucht.

Ungewissheit ist ein Zustand, den Menschen schlecht aushalten können. Sie wollen die Zukunft unter Kontrolle haben, um sich in der Gegenwart sicher zu fühlen. Diesem Bedürfnis nach Kontrolle steht die Einsicht gegenüber, dass wir prinzipiell nichts über die Zukunft wissen können. Wir verfügen einzig über Wahrscheinlichkeiten, die uns erlauben, die Zukunft zu planen. Der sprichwörtliche Ziegel fällt vom Dach, während wir gerade vorbeikommen, und alle unsere Planungen sind über den Haufen geworfen. Mit vielem können wir rechnen, eben mit dem, was sich im Wahrscheinlichkeitsspektrum aufhält, aber jenseits dieser Bereiche gibt es immer Räume für Ungewissheiten und Überraschungen. Ungewisses führt zu Unsicherheit, und Unsicherheit löst Angst aus. Diese Angst entsteht schon, wenn unsere Fantasie in die Zukunft schweift und dort eine verschwommene Leerstelle vorfindet. Sobald die Aufmerksamkeit in die Gegenwart zurückkehrt, schwindet diese Angst. 

Aber unsere Gewohnheiten halten oft die Aufmerksamkeit gerade auf dem, was Angst macht, denn da könnte ja eine Gefahr drohen, auf die wir uns einstellen müssen. Lieber mit dem Schlimmsten rechnen, ist die Devise vieler Leute, mit dem Vorteil, dass es meistens doch nicht so arg kommt und damit eine positive Überraschung geschieht, aber mit dem Nachteil, dass die Zukunft mit Sorgen und Ängsten überladen wird und damit die Gegenwart andauernd überschattet und belastet ist. 

Die Schwierigkeiten, mit Ungewissheiten umgehen zu können, stammen oft aus einem mangelhaften Vertrauen ins Leben. Im Moment scheint alles ja ganz gut zu sein, aber es könnte sich schnell verschlechtern. Um die nächste Ecke schon könnte eine Unannehmlichkeit lauern. Also gehe ich lieber vorsichtig um die Ecke, eingestellt auf jedwede unliebsame Überraschung. 

Die Wurzel dafür liegt oft darin, dass die eigenen Eltern eine Unsicherheit in sich getragen haben, die sie auf das Kind übertragen haben. Sie konnten dem neuen Leben nicht vertrauen, das ihnen geschenkt wurde. Ein Kind, das mit dieser Unsicherheit empfangen wird, ist ebenfalls in seinem Lebensvertrauen erschüttert und trägt diese Ängstlichkeit weiter mit sich herum. Sie passt sich an die jeweiligen Umstände an, aber befürchtet leicht, dass leicht etwas Unerwartetes passieren könnte. Es reagiert klammernd und ängstlich, wenn die Mutter weggehen will oder gerät in Panik, wenn sie nicht gleich wieder kommt. Es ist im Kindergarten und in der Schule eher schüchtern und zurückhaltend. Auch im späteren Leben werden oft Gefahren gesehen, wo gar keine sind.

Die Ungewissheiten des Lebens annehmen zu können, weil sie zum Leben gehören, ist eine wichtige Lernaufgabe für jeden Menschen. Sie beinhaltet das Aushalten von Ängsten, verbunden mit der Herausforderung, die eigenen angsterfüllten Fantasien mit der Realität abzugleichen und die Handlungsspielräume auszuloten, die in jeder Situation liegen. Es ist ein kindlicher Anteil, der Ungewissheiten mit Angst verbindet, während der erwachsene Persönlichkeitsteil für die Realitätsprüfung zuständig ist. Kindliche Anteile melden sich oft mit starker emotionaler Ladung, um die ganze Aufmerksamkeit zu bekommen. Erwachsen werden heißt, sich der Macht der Gefühle nicht zu unterwerfen, sondern, ohne sie zu unterdrücken und zu übergehen, den Bezug zur Wirklichkeit aufrechtzuerhalten und aus ihm die innere Sicherheit zu gewinnen.

Das Leben ist ein beständiger Änderungsprozess. Über die Verläufe in der Zukunft können wir nur Vermutungen anstellen. Wir rechnen mit gewissen Wahrscheinlichkeiten, haben aber keine Gewissheit über ihr Eintreten. Wenn wir die Gelassenheit des Erwachsenseins mehr und mehr zulassen können, werden die Ungewissheiten zu Überraschungen und zu Aspekten des Abenteuers, das jedes Leben von Anfang bis Ende ist.

Zum Weiterlesen:
Von der Ungewissheit zur Mystik
Ungewissheit als Chance


Samstag, 20. Mai 2023

Pubertärer Wachstumswahn und die Klimakrise

Der Archetyp der Pubertät

Es ist der Wachstumswahn, der uns in die prekäre Situation gebracht hat. Er ist gespeist von einer pubertären Energie. Die Zeit der Adoleszenz stellte eine wichtige Phase im Aufwachsen dar, weil sie mit dem Abschied von der Familie und der Begründung des eigenen Lebensweges sowie mit der Öffnung für Sexualität und Intimität verbunden ist. Sie hat eine spezielle Zielrichtung und Ausdrucksform, die von den Jugendlichen auf verschiedenste Weise erlebt und umgesetzt wird. Der Archetyp der Pubertät beinhaltet das Ausbrechen und das Aufbrechen, das Bewusstsein von unbegrenzten Möglichkeiten, die Verachtung des Alten und die Angst vor dem Neuen. Er enthält eine besondere Form der Aggression, die mit dem Impuls der Befreiung verbunden ist. Es geht darum, der eigenen Individualität zum Durchbruch zu verhelfen und sie in die Welt zu bringen. Sie soll aus ihren Fesseln befreit werden, und das geht nicht ohne den Einsatz von Aggression. In der Dramaturgie dieser Phase gibt es die Kräfte des Beharrens und Festhaltens, die in jedem Familiensystem wirksam sind und gegen die sich die Aggression des Ausbrechens richtet. Die Rücksichtslosigkeit, die oft in solchen Vorgängen beobachtet werden kann, hängt mit der empfundenen Notwendigkeit und Unumgänglichkeit dieser riskanten Schritte zusammen, bei denen es nicht ohne Provokation geht.

Alle Elemente der Geburt wiederholen sich: Der Drang und Zwang zum Ausbrechen aus dem Vertrauten, das zum engen Gefängnis geworden ist, der Einsatz aller Kräfte, um den Todesängsten zu trotzen, die beim Durchgang durch den Gebärkanal entstehen können, Erfahrungen von Ohnmacht und Verzweiflung. 

Die Möglichkeitshorizonte, die sich in der Pubertät öffnen, haben den Sinn, neue Ideen in die Gesellschaft zu bringen, alte Gewohnheiten zu hinterfragen und die Welt zu verändern. Es sind die Kräfte der Erneuerung und des Umwälzens, mit denen jede Generation aufs Neue antritt, um die Welt besser auf die Aktualität einzustellen. Sie will sich einen bestimmenden Platz in der Gesellschaft erkämpfen und tritt deshalb mit Radikalität auf. Meist stoßen diese Vorstöße auf den Widerstand der schon „Etablierten“, die sich damit in ihrer Macht und in ihren Gewohnheiten in Frage gestellt fühlen. Aber jede Gesellschaft ist auf diese Impulse angewiesen, um lebendig zu bleiben und flexibel auf veränderte Lebensumstände reagieren zu können. Ohne die Revolten der Jungen geht der Saft schnell aus und die Gesellschaft versteinert oder vergreist. 

Das globale Bewusstsein vor dem Erwachsenwerden

In der Gesellschaftsentwicklung zeigen sich immer wieder Parallelen zum individuellen psychophysischen Wachstum. Die Entstehung des Kapitalismus ist verbunden mit dem Ausbrechen aus Wirtschaftsformen, die dem Großteil der Bevölkerung kaum ein Auskommen geboten haben sowie von Privilegien und extremen sozialen Ungleichheiten begleitet waren. Gegenüber der Subsistenzwirtschaft des Mittelalters brachte der Kapitalismus eine völlig neue Dynamik, die Zug um Zug die ganze Welt in Bann schlug. Es entstand der Anschein, der sich beim Zusammenbruch des kommunistischen Sowjetsystems 1989 zu bestätigen schien, dass mit dieser Wirtschaftsform für die größtmögliche Zahl an Menschen die größtmögliche Form des Glücks und Wohlstands entstehen würde. Voraussetzung ist einzig und allein, dass das Wachstum möglichst unbehindert voranschreiten kann. Die neoliberale Ideologie schien den endgültigen Triumph über alle anderen Wirtschaftsmodelle davonzutragen.

Doch der Schein trog, denn in ihrem Überschwang hatten die Wachstumsbegeisterten übersehen, dass sie wichtige Faktoren nicht bedacht hatten, die Endlichkeit der Ressourcen und die Begrenztheit der Fähigkeiten der natürlichen Systeme, die Folgen des kontinuierlichen Raubbaus auszugleichen. Diese systematische Achtlosigkeit gleicht der Rücksichtslosigkeit, mit der Teenager oft ihren Freiheitsdrang ausleben. Sie denken nicht an ein Morgen, weil sie den Eindruck haben, dass es ein solches für sie nicht gibt oder zu geben braucht. Das Leben im Moment mit aller Leidenschaft auszukosten und auszureizen,  kennzeichnet die Aufbruchsenergie der Jugend. Irgendwann neigt sie sich ihrem Ende zu und das Erwachsenwerden setzt ein. Damit wächst der Realismus, während der Übermut schwächer wird.

Ein Zeitalter der Verantwortung und der Vernunft steht an

Im Bereich der Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung dauert die pubertäre Phase schon weit über die Maßen an und der Übergang zu einer Erwachsenenperspektive wird viel zu lange hinausgezögert. Der rücksichtslose Egoismus der Menschengattung verursacht eine Katastrophe nach der nächsten, engstirnig und selbstbesessen taumeln wir dahin. Wir tun so, als hätten wir noch die Kontrolle, obwohl wir sie schon lange verloren haben.

Wir verfügen schon längst über genügend erwachsenen Realismus, um zu durchschauen, dass wir uns in einer Sackgasse befinden, der wir nur mit allen konzentrierten Anstrengungen entkommen können. Dazu muss die Rücksichtslosigkeit und Unbekümmertheit in Bezug auf andere Menschen und auf die Natur durch Nachhaltigkeit und Respekt ersetzt werden. Statt ohne Hemmung weiter zu expandieren, wie es typisch für die Adoleszenz ist, geht es um Schrumpfung und Verringerung. Um diese Wende zu schaffen, muss die pubertäre Einstellung überwunden werden. Alle die, die in ihr verharren wie z.B. die sogenannten Klimaleugner, die sich allem Wissen zum Trotz mit der Sturheit eines Teenagers im Recht fühlen, oder jene, die das Illusionstheater bedienen, mit dem sie ihr Nichthandeln und Hinauszögern begründen, haben nichts mehr an den Schalthebeln der Macht verloren. Sobald genügend Mitglieder der Zivilgesellschaft aus ihren pubertären Träumen aufwachen und die Kraft der Verantwortung spüren, die den treibenden Schwung der erwachsenen Weltsicht ausmacht, werden die politischen Entscheidungen aus der Vernunft und nicht aus dem Emotionalcocktail der Pubertät getroffen, den die Populisten bedienen. 

Wir sind alle Träger einer globalen Verantwortung, und je reicher die Gesellschaft ist, in der wir leben, desto höher ist diese Verantwortung und desto mehr müssen wir uns dafür einsetzen, dass die Vernunft an die Macht kommt. Unsere Handlungen oder Unterlassungen haben einen größeren Einfluss auf das Schicksal der Menschheit als das, was die Ärmeren und Benachteiligten tun oder nicht tun. Unsere Handlungsspielräume sind größer, nur müssen wir sie auf vernünftige und global ausgewogene Weise nutzen. Und davon sind wir noch weit entfernt. Haben wir den Mut, die Pubertät hinter uns zu lassen und erwachsen zu werden!

Zum Weiterlesen:
Ästhetik des Schrumpfens
Vom Ende der Wachstumsgesellschaft und von der Verfeinerung der Einfachheit
Realoptimismus angesichts der Klimakrise


Donnerstag, 11. August 2022

Die frühkindlichen Wurzeln der Ideologien

Ideologien sind Fantasiegebilde, die die Übersichtlichkeit in komplexen Situationen versprechen. Die Fantasie bewirkt, dass die Ideologie nur lose mit der Wirklichkeit in Verbindung steht, sie nimmt ein paar Elemente und filtert die meisten aus. Die von ihren Zusammenhängen isolierten Elemente werden verallgemeinert, deshalb All-Aussagen. Geben Sicherheit auf der Emotionalebene. Sicherheit auf der Emotionalebene brauchten wir als Embryos im Mutterleib. Deshalb ist jede Ideologie mitsamt ihren Symbolen geladen von embryonalen Themen. Ideologien dienen den frühkindlichen Sicherheitsbedürfnissen. Sie sind ungeeignet für das Verstehen der Realität und für das Entwickeln von konstruktiven Handlungen. Sie wirken retraumatisierend, d.h. sie verstärken die Traumalast, die vor allem in der pränatalen Phase entstanden ist und befestigen die Abwehr dagegen.

Ideologien wirken erwachsen und richten sich auch vorwiegend an Erwachsene. Denn sie werden in sprachlicher Form übermittelt und folgen einer Logik, die stringent wirkt, aber nur Sinn macht, wenn die jeweiligen Grundannahmen akzeptiert werden. Diese Grundlagen und Ausgangspunkte bleiben aber im Dunkeln und sollen außer Frage stehen. Jeder Versuch, die Vorannahmen herauszuarbeiten und mit der Realität zu konfrontieren, muss bekämpft werden, weil er das ganze Gebäude der Ideologie bedroht. Ideologien entstehen also nicht aus der Realität, sondern sie nutzen die Realität ausschnittsweise oder verzerrt, um das eigene Konzept und Narrativ plausibel zu machen und zu begründen.

Sie sind also kindlichen Ursprungs, vorrational, traumähnlich und emotional geladen. Sie tragen die Traumaenergie aller nicht geheilten frühen Verletzungen in sich. Sie kommen aus der rechten Gehirnhemisphäre und sprechen ihre Anhänger auf dieser Ebene an. Wie wir wissen, verfügen Embryos und Babys nur über die emotional geprägte rechte Gehirnhälfte. Die linke Hälfte entwickelt sich langsam während der Kindheit, verbunden mit dem Erwerb der Sprache. In diesem Prozess verändert sich die Wirklichkeitserfahrung: Ursprünglich gibt es keine klare Grenzen zwischen Realität und Fantasie; erst die linke Hemisphäre sorgt für die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion, zwischen innen und außen und zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Jede Traumaerfahrung bringt zurück in die vorrationale Sphäre des Erlebens und Wahrnehmens. Damit bieten sich kollektive Traumafelder als ideale Nährboden für Ideologien an. Die Pandemiezeit hat viele Beispiele für diesen Zusammenhang hervorgebracht. Menschen, die sich im Bann eines individuellen oder eines kollektiven Traumas befinden, sind gelähmt und verunsichert; sie klammern sich deshalb oft an die Strohhalme, die Ideologien oder Verschwörungstheorien anbieten. Selbst eine Idee ohne jeden Bezug zur Realität kann ein Stück Sicherheit und Orientierung bieten, das dringend benötigt wird. Auf diese Weise verbindet sich die Überlebenshoffnung mit der Theorie oder Ideologie bis hin zu einer Identifizierung. Wenn diese Fixierung erfolgt ist, muss die Ideologie um den scheinbaren Preis des Überlebens verteidigt werden. Das gedankliche Konstrukt ist voll mit Emotionen aufgeladen und wird mit unterstützenden Informationen abgesichert und vor widersprechenden Informationen abgeschottet. In Extremfällen wird das eigene Selbst über die Ideologie definiert.

Erwachsensein heißt, die eigenen Fantasien beständig an der Realität zu überprüfen, also das Innere mit dem Äußeren abzugleichen. Erwachsensein ist mit der Erfahrung der permanenten Veränderung, der Unbeständigkeit und des fortlaufenden Lernens vertraut. Erwachsenwerden bedeutet, sich von Identifikationen zu lösen und das eigene Selbst in jedem Moment neu zu definieren. Das erwachsene Selbst umfasst auch das kindliche Selbst, aber es ist dafür zuständig, dass es zwischen diesen beiden Instanzen eine klare Unterscheidung gibt, dass sich also das innere Kind nicht unerkannt in die erwachsenen Agenden einmischt.

Ideologien tragen nichts zum gesellschaftlichen Fortschritt bei, im Gegenteil, sie sind Hemmschuhe der sozialen und politischen Evolution. Die Aufklärung umfasst das Unterfangen, Ideologien mit der Realität zu konfrontieren und auf dieser Weise ihrer sinnstiftenden Macht zu entkleiden. Eine Welt ohne Ideologien ist eine Welt, in der die Erwachsenen das letzte Wort haben und die Verantwortung für die Entscheidungen tragen, die die Zukunft der Menschheit betreffen.

Zum Weiterlesen:
Kindsein und Erwachsensein
Das Kind in uns
Verschwörungstheorien und Normalitätsscham
Wirklichkeit und Fantasieprodukte

Donnerstag, 16. Juni 2022

Kindsein und Erwachsenensein

Die Kindheit ist eine begrenzte Phase, sie endet spätestens mit der Volljährigkeit, zumindest offiziell und dem Gesetz gemäß. Die Zeit des Spielens ist vorbei, der Ernst des Lebens beginnt, so lautet die traditionelle Richtschnur für diesen Übergang, der in der Regel den Abschied vom Elternhaus und die Begründung des eigenen Lebens unabhängig von den Bedingungen des Herkommens beinhaltet. 

Wir wissen zwar, dass wir in manchen Situationen emotional in die Kindheit zurückfallen, wenn wir uns z.B. maßlos über etwas ärgern oder an kleinen Dingen des Lebens verzweifeln oder bestimmte Gewohnheiten, die wir eigentlich loswerden wollen, nicht überwinden können. Wenn uns dringende Bedürfnisse plagen, können wir ungeduldig wie Kleinkinder werden. Wir sehen diese Rückfälle aber als Ausnahmen von der Regel und fühlen uns im Allgemeinen als Erwachsene, die die Kindheit schon lange hinter sich gelassen haben. Meistens sind solche Erlebnisse mit Scham gepaart, sie sind uns peinlich. Schließlich wollen wir als voll kompetente Erwachsene gelten, die sich keine Ausrutscher leisten und alle Dinge des Lebens gut im Griff haben. Wir wollen auch so von unseren Mitmenschen gesehen werden und erwarten, dass wir auf diese Weise und nur auf diese Weise Achtung und Respekt bekommen. Das Kindliche bezeichnen wir als kindisch, also als einen Mangel an Erwachsenensein und Reife. 

Wirkliches und reifes Erwachsensein ist dagegen inklusiv, indem es das Kindsein nicht ausschließt, sondern mit umfasst. Diese Haltung speist sich aus der Gesamtheit der Vorerfahrungen, bei denen jene aus der Kindheit eine besondere Bedeutung tragen. Wir sind in Frieden mit den Schwierigkeiten aus unserer Lebensgeschichte und nehmen aus jeder Lebensphase wertvolle Ressourcen für die Bewältigung der Alltagsherausforderungen mit. Solange wir einen Gegensatz zwischen dem Kindlichen und dem Erwachsenen für uns festhalten, sind wir mit unserer inneren Kindseite nicht versöhnt. 

Wenn wir hingegen das Kindsein als integralen  Bestandteil des Erwachsenenseins erkennen und verkörpern können, verfügen wir über einen offenen Zugang zu lebenswichtigen Quellen für Lebendigkeit und Kreativität in unserem Inneren. 

Werden wie die Kinder

„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen“ (Mt 18,3). Vielleicht können wir diese Bibelstelle so verstehen: Wenn ihr es nicht schafft, im Moment zu sein und von Moment zu Moment das Leben neu zu erfinden, werdet ihr kein Glück finden. Ihr werdet getrieben sein, den Idealen des Erwachsenseins nachzulaufen mit dem Gefühl, sie nie zu erreichen und zu erfüllen. Wenn ihr dem Kindlichen keinen Raum in eurem Innenleben gebt, findet ihr keine Ruhe.

Das Kind ist der Vater des Mannes

Dieser bekannte Satz von William Wordsworth (1802) wird so verstanden, dass das Kindsein eine prägende Wirkung auf das Erleben und Verhalten der Erwachsenen ausübt. Wir sind in gewisser Weise Produkte unserer Kindheitserfahrungen und der in dieser Zeit widerfahrenen Traumatisierungen. In dem Sinn, wie wir von unseren Vätern und Müttern gelernt haben, ist es wichtig, dass wir aus dieser Erfahrungsmenge lernen. Das Herauswachsen aus den kindlichen Prägungen ist die Arbeit des Reifens. Es besteht im bewussten Zurücklassen der vergangenen Erfahrungen und im Herausschälen der eigenen Identität, indem die elterlichen Erwartungen distanziert werden und die eigenen Ideale und Werte gefunden und gelebt werden, die ihre Wurzeln im kindlichen Welterfahren haben. 

Das innere Kind

Das „innere Kind“ ist keine Instanz, die nur in der Vorstellung existiert und in der Therapie genutzt wird, um verletzte und traumatisierte Anteile der Seele aufzuarbeiten. Vielmehr ist es ein permanent wirksamer Aspekt von uns selbst,  also ein wichtiges Element des Erlebens und Verhaltens. Es ist ein ganz zentraler Teil unserer Geschichte, aus den Jahren, in denen wir die emotionale Basis für den Rest unseres Lebens gebildet haben. Da wir nichts anderes sind, als das vorläufige Ergebnis dieser Geschichte, gehört es ganz intim zu uns. Es ist lebendig in allen Gefühlsregungen, in unserer Intuition, in unserer Neugier und Spielfreude.

Erwachsenwerden

Erwachsenwerden ist eine komplexe und langwierige Geschichte, die vermutlich ein Leben lang dauert. Es ist in dem Maß erfolgreich, in dem das Kindsein mitschwingen und mitwirken darf. Wenn das der Fall ist, bleiben wir in Balance zwischen Verantwortung und Flexibilität, zwischen Ernst und Leichtigkeit, zwischen Disziplin und Spontaneität. Wenn eine Seite zu stark überwiegt, kommen wir nicht weiter, sondern stecken entweder in einer Verbissenheit fest oder verlieren uns in Zerfahrenheit und Beliebigkeit. „Das Leben ist ein Kampf“: Das ist ein Satz aus dem verkrampften Erwachsenen-Ich, das auf das Kind vergessen hat. Erwachsensein ist so lange mühsam und anstrengend, als es den Bezug zum Kindlichen verloren hat und es nur mehr als kindisch abwertet.

Erwachsensein ist ebenso vielschichtig und mehr ein Projekt in Entwicklung als ein dauerhafter Zustand. Es muss in jedem Moment neu erfunden und neu gestaltet werden. Es beinhaltet die Reflexion, also die Selbstüberprüfung und Evaluierung. Teil dieser Selbsteinschätzung sollte immer auch sein, ob das Kindsein einen gebührenden Platz einnimmt und immer wieder zum spielerischen Umgang mit den Herausforderungen des Erwachsenseins einladen darf.

Das Erwachsenwerden ist nur in dem Maß möglich, in dem die Fundamente in der Kindheit dafür gelegt und ausreichend versorgt wurden. Wer unter materiellem Mangel leiden musste, kann sich als Erwachsener mit eigenen Kräften für den Aufbau eines guten Lebens einsetzen.  Wer emotionalen Mangel erlitten hat, wird sich schwer tun, auf dieser Ebene erwachsen zu werden. Er wird versuchen, den Mangel in Beziehungen auszugleichen und die Verantwortung für diesen Mangel nach außen auslagern, also anderen Menschen umzuhängen. Doch diese Strategie ist selber mangelhaft. Nur die verantwortungsvolle innere Auseinandersetzung mit den unerfüllten Bedürfnissen und offenen Gefühlszyklen holt die Entwicklungsversäumnisse nach und bessert das Fundament aus, wo es nicht stabil genug ist.

Verantwortungsübernahme

Erwachsensein hat mit Verantwortungsübernahme zu tun. Kinder tragen keine oder nur wenig Verantwortung für ihr Leben. Kindsein heißt, dass immer jemand anderer da ist, der dafür sorgt, dass alles, was zum Leben notwendig ist, vorhanden ist, materiell und emotional. Die Erziehung besteht darin, den Kindern immer mehr Verantwortung zu übertragen, bis sie diese ganz selber übernehmen können. Dann hat die Erziehung ihr Ziel erreicht und wird überflüssig. 

Die Erwachsenenverantwortung ist umfassend. Sie bezieht sich auf alles, was wir erleben, ob es unserem Tun oder Erfahren entspringt. Wir haben die Verantwortung für unsere Gefühle und Reaktionsweisen, für unsere Handlungen und ihre Folgen und für die Beziehungen, in denen wir leben.

Mit dieser Verantwortung verbunden ist die Autonomie. Sie bedeutet, sich selber die Regel geben zu können und sich daran zu halten. Erwachsene haben ein klares Verhältnis zur Selbstdisziplin und legen selbst die Prioritäten in ihrem Leben fest. Sie treffen die Entscheidungen, die für sie stimmen und an die sie sich dann halten. Sie geben sich die Orientierung in ihrem Leben selbst und legen die Werte fest, nach denen sie sich ausrichten. Sie passen ihre Orientierung immer wieder an die äußeren Gegebenheiten und ihre Erfordernisse an. Die dafür notwendige Disziplin muss aber nicht stur sein, sondern kann sich, wenn der Einfluss des Kindlichen zur Mitwirkung eingeladen ist, geschmeidig an die unterschiedlichen Situationen anpassen. 

Das Erwachsensein, das ein gutes Verhältnis zum Kindsein hat, hat ein klares Bewusstsein für das Spielerische, das immer dort zu Hilfe gerufen werden kann, wo die Erwachsenenlogik an ihre Grenze stößt und ein neuer Zugang die Verwirrung oder Verkrampfung lösen kann. Wenn das Erwachsenen-Ich mit der Wirklichkeit zu kämpfen beginnt, sollte das kindliche Ich einspringen und mit seiner Leichtigkeit und Fröhlichkeit das Spielerische beisteuern, das noch jeden Karren aus dem Dreck gezogen hat.

Zum Weiterlesen:
Das Kind in uns
Der Raub des Selbst
Der Narr


Sonntag, 23. Februar 2020

Das Pathos der Beschämung in der Klimadebatte

Wie in vielen anderen Fragen unseres Lebens ist auch beim aktuellen Thema „Klima“ die Scham in vielfacher Weise involviert. Es kann helfen, die eigenen Standpunkte und Handlungsmöglichkeiten in diesem Zusammenhang besser zu verstehen und zu positionieren, wenn wir die Rolle der Scham in diesem Zusammenhang untersuchen.

Die Scham spielt immer eine Doppelrolle. Zum einen hemmt sie uns, etwas zu tun, was den eigenen Maßstäben oder den Erwartungen anderer nicht entspricht. Zum anderen motiviert sie uns dazu, unser Verhalten zu verändern, damit sie nicht mehr auftreten muss.

Wenn wir ernstnehmen, was wir mit unserem Verhalten anrichten (wir, die Konsumenten, wir die Produzenten, wir die Dienstleister etc.), dann ist Scham angebracht. Diese Menschheitsgeneration hat so viele Ressourcen verbraucht wie keine zuvor, Bodenschätze konsumiert und Arten vernichtet wie keine zuvor. Und wir sind Teil davon, wie ökologisch und nachhaltig immer wir uns verhalten. Diese Scham konfrontiert uns mit unseren Vorfahren, die mit viel Weniger ihr Auslangen fanden und zufrieden leben konnten, und mit unseren Nachfahren, denen wir einen ausgeplünderten Planeten überlassen, ungewiss, wie sie damit zurechtkommen können. Wie stehen wir anders da als mit schamgesenktem Blick?

Diese Perspektive ist schwer verkraftbar, obwohl sie ein zentraler Teil der Wirklichkeit ist, in der wir uns befinden, weil die Scham belastet und ohnmächtig macht. Andererseits kann sie leicht verdrängt werden, weil es keine direkt Betroffenen in der eigenen Umgebung gibt. Die Vorfahren, die mit weniger Wohlstand ihr Auslangen fanden, betrachten wir mit Mitleid und leichter Verachtung. Die Kinder, die im Blick auf ihre Zukunft anklagen, leben in einem fetten Wohlstand. Die Pazifik-Insulaner, denen das Meerwasser an die Hausschwelle schwappt, sind weit weg. Die abgemagerten Eisbärenfotos wurden als Fake entlarvt.

Doch was wäre, wenn wir die Scham anerkennen und ihr in unserer Innenwelt Raum geben statt sie lässig beiseite zu schieben? Wir würden mit der Verantwortung konfrontiert, die mit unserem Anteil an der Krisensituation verbunden ist. Wir würden die Aufforderung hautnahe spüren, unser Handeln zu ändern, Gewohnheiten abzulegen und neue Wege einzuschlagen, die mit einem Verzicht auf bisherige Bequemlichkeiten einhergehen könnten. Wir wären dem Anspruch ausgesetzt, neue Einstellungen zu übernehmen, die mit Bescheidenheit und Einfachheit verbunden sind. Wir würden die Weite unseres Verantwortungsraumes wahrnehmen: Ausgedehnt auf alle lebenden Wesen, jetzt und in die Zukunft hinein. Wir würden nicht mehr isoliert in unseren engen Lebenskreisen dastehen, sondern als Weltbürger, als Akteure auf der Bühne des globalen Geschehens.

Da ist es wohl einfacher, mit kognitiven Taschenspielertricks unsere Scham zu überspielen und einfach so weiterzuleben, wie bisher, vielleicht mit ein paar besorgten Gesprächen über das Klima da und dort. Vielleicht, je nach aktueller Wetterlage, dramatisieren wir dabei manchmal und verharmlosen ein andermal. Wir machen uns klein und unscheinbar und verstecken uns wie Adam und Eva vor dem strengen Blick Gottes. Wir tun so, als gäbe es uns als Akteure und Mitverantwortliche nicht und als wäre die Klimakrise ein Katastrophenereignis in einer weitentlegenen Welt, während wir weiter aus dem Vollen schöpfen. Auf diese Weise leben wir bar jeder Verantwortung, wie unschuldige Kinder, die nicht wissen, was sie tun und was sie anrichten.


Die „Klimahysteriker“ und ihre Verspotter


Politiker, die es besser wissen und auf Basis der systematischen Schamvermeidung in ihren Wirtschaftszielen weiterbasteln, können nichts mit den Warnern anfangen, die darauf hinweisen, dass auf die Menschheit größere Probleme zukommen als die Steigerung des Wirtschaftswachstums und der Konzerngewinne. Sie unterstellen ihnen Verantwortungslosigkeit und Panikmache. Sie werten sie als Klimahysteriker ab, um sie in ein pathologisches Eck zu stellen. Sie ignorieren die Befunde von Tausenden von wissenschaftlichen Studien und tun so weiter wie bisher. Sie sind in ihrer Blase gefangen, in der es nur die Steigerung der eigenen Macht mit Hilfe eines ungezügelten Kapitalismus gibt. Mit ihrem offen zur Schau getragenen Zynismus wollen sie alle Andersdenkenden beschämen und sich selber von jeder Scham freisprechen.

Andere Politiker sehen nur die Probleme der Migration und übersehen deren Zusammenhang mit dem sich verändernden Klima. Ihre Hauptangst besteht darin, dass die eigene Kultur von einer fremden überlagert und ausgelöscht wird. Die Klimakrise erklären sie zur Erfindung von korrupten Wissenschaftlern, die damit von den wahren Problemen und drohenden Katastrophen ablenken wollen. Sie verstehen sich als Aufklärer und trauen nichts anderem als ihren selbstgebastelten Pseudowahrheiten. In ihrer Blase gibt es nur eins: Gierige Fremdländer, die an die eigenen Fleischtöpfe wollen und ignorante Leute, die blind in die Falle stolpern.


Die Klimaakteure und das Pathos der Beschämung


Die als Klimahysteriker verspotteten Aktivisten um Greta Thunberg und ihren Mitstreitern treten mit dem Pathos der Endzeitwarner auf, und niemand kann mit Gewissheit behaupten, dass sie darin unrecht haben. Dennoch können wir genauer auf den Gestus dieses Einsatzes schauen, um ihn und die Reaktionen auf ihn besser zu verstehen.

Umweltschützer und Grünenpolitiker haben seit jeher das Problem, dass sie als Moralisierer und Besserwisser gesehen und abgelehnt werden. Der Gestus des Belehrens, den sie für viele ausstrahlen, stößt auf die Gegenreaktion der Abwertung und Aggression. Wer mit dem erhobenen Zeigefinger dessen, der vor einer Gefahr warnt und zur dringenden Umkehr mahnt, konfrontiert ist, kann sich gemaßregelt und beschämt vorkommen. Einer moralischen Überlegenheit gegenüber kann man nur klein beigeben oder sie bekämpfen, indem sie entwertet oder lächerlich gemacht wird. Die meisten, die sich ertappt fühlen, reagieren mit der zweiten Möglichkeit, weil sie als Erwachsene sich nicht mehr unterordnen wollen, wie sie das als Kinder getan haben.

Wir alle kennen die Geste des mahnend erhobenen Fingers, der uns klein und das Gegenüber groß und mächtig macht. Dagegen regt sich der Geist der Opposition und Rebellion. Wenn zur Geste noch beschämende Worte kommen, wird die Situation bedrohlich. Und die neue Generation der Klimaaktivisten spart nicht mit unduldsamer Strenge, mit der die „Alten“ angeklagt werden. Sie haben nichts als Worte produziert und in ihren Taten die Katastrophe in Gang gesetzt und weiter befeuert. Sie haben sich nicht bloß geirrt oder unbewusst etwas Falsches gemacht, sondern wissend das Unglück vor- und aufbereitet. Sie gehören an den Pranger gestellt, damit alle sehen, was sie Unrechtes getan und verschuldet haben. Sie gehören öffentlich beschämt. Schämen soll sich, wer fliegt, Fleisch isst, Plastik verwendet und keine effektiven Gesetze zusammenbringt.

Dieses Pathos der Beschämung entsteht aus dem Gefühl der Not und der Dringlichkeit sowie der Hilflosigkeit und Ohnmächtigkeit einer übermächtigen erwachsenen Gesellschaft gegenüber, die sehenden Auges in die Katastrophe steuert, die ein anderer Teil dieser Gesellschaft mit den Mitteln der Wissenschaft vorausberechnet hat. Das Mittel der Beschämung gilt als ultima ratio angesichts einer sonst aussichtslosen Situation. Es will aufrütteln und zur Neuausrichtung des Handelns zwingen. 

Dieses Mittel kennen vermutlich alle aus ihrer Kindheit, als Erziehungsmittel. Wer etwas falsch gemacht hat, soll sich schämen und über die Erfahrung der Scham Verantwortung übernehmen und das eigene Verhalten verbessern. Es wird von Eltern oft in Extremsituationen angewendet, in denen sie mit anderen Mitteln nicht mehr weiterkommen, um das Kind „zur Räson“ zu bringen, um also aus einem emotionsgeleiteten kleinen Menschen einen vernunftgeleiteten zu bilden. 


Das Mittel der Beschämung im Modernisierungsprozess


Die Beschämung als Erziehungsmittel in Extremsituationen erregt viel Aufsehen in der Öffentlichkeit, überhaupt weil es die erste mächtige Jugendbewegung seit den 60er Jahren kennzeichnet. Diese war auch mit dem Pathos der Beschämung aufgetreten, mit dem der faschistoiden Nachkriegsgesellschaft der Spiegel vorgehalten wurde. Jene Bewegung mündete in einen Modernisierungsschub, der auch als Entstaubungsschub verstanden werden kann und z.B. die Normen des Familien- und Eherechts endlich der Zeit anpasste. Es steht zu hoffen, dass die Wortgewalt der jungen Warner zu einem ähnlichen Modernisierungsschub führt, mit dem die Normen der Güterproduktion, die ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammen, der postkapitalistischen oder metamodernen Zeit angepasst werden und das nachhaltige Wirtschaften zum Leitprinzip machen.

Es braucht also offenbar manchmal – in Zeiten, in denen es um die Abwendung von Unheil geht – die Umkehrung der moralischen Macht zwischen den Generationen und das Mittel der Beschämung, um diesen Machtwechsel zur Geltung zu bringen. 


Kindliche und erwachsene Reaktionen


Es darf allerdings dann nicht wundern, wenn jene, die sich eine wasserdichte Schamabwehr zugelegt haben, mit Aggression, Hass und Gegenpropaganda auf die Strategie der Beschämung reagieren. Sie nutzen die Überlebensstrategien, die sie als Kinder gegen ihre übermächtigen Eltern erlernt haben, um mit dem, was sie jetzt als Erwachsene in ihrem Lebensstil und in ihren Werten bedroht, fertig zu werden. Vermutlich befürchten sie insgeheim, dass die Mahner recht haben, so wie sie als Kinder auch annehmen mussten, dass die Eltern recht hatten, als sie von ihnen beschämt wurden. Beschämt zu werden ist schmerzhaft, vor allem für Kinder, die auf die Liebe ihrer Eltern angewiesen sind.

Umso mehr müssen jene bekämpft werden, die den Finger in die Schamwunde legen, auch wenn sich ein Erwachsener nicht mehr gegen jede Beschämung zur Wehr setzen muss, sondern nachschauen könnte, wo es gilt, Verantwortung zu übernehmen. Aber es ist der kindliche Teil, der zu kämpfen beginnt und die emotionale Bedrohung als real erlebt. Daraus ist die Vehemenz und untergriffige Gemeinheit zu verstehen, mit der manche Kritiker auf die junge Schwedin losgehen und sie beschimpfen, lächerlich machen, für krank erklären oder als eine Marionette ihrer selbstsüchtigen Eltern oder skrupelloser Geschäftsleute sehen. 

Beschämung kann also Aggressionen auslösen; in der öffentlichen Debatte, in der es um eine wichtige, wenn nicht sogar überlebenswichtige Frage der Menschheit geht, sollten solche kindlichen Reaktionen keinen Stellenwert haben. Der Stellenwert, den sie dennoch haben, gibt allerdings Auskunft über den Grad an Erwachsenheit, der in unserer Gesellschaft herrscht.

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Zum Anschauen:

Samstag, 22. Dezember 2018

Demokratie und Gefühle

Wir Menschen werden stark durch unsere Emotionen beeinflusst, und wir können auch stark von außen in unseren Emotionen beeinflusst werden. Wie wirkt sich diese Konstitution auf die Demokratie aus, die vielen als die entwickelteste Form zur Regulation von Gemeinwesen gilt? Wenn das zoon politicon kein animal rationale, sondern zuallererst ein Gefühlstier ist, muss das Auswirkungen auf die Willensbildungen in Demokratien haben. 

Gefühle sind einfache Formen der Wirklichkeitsverarbeitung. Sie arbeiten im Wesentlichen nach den Kriterien von sicher/bedrohlich und sympathisch/unsympathisch. Im ersteren Fall geht es darum zu spüren, was mir für mein eigenes Überleben weiterhilft bzw. gefährdet. Im zweiten Fall schätzen wir die Chancen ab, die wir im sozialen Feld haben und die dort den Grad unserer Zugehörigkeit und Sicherheit bestimmen. 

Die Demokratie in einem modernen Staat erfordert allerdings ein hohes Maß an Rationalität. Sie ist einerseits notwendig, weil so viele Aspekte beachtet werden müssen und andererseits, weil immer wieder eigene Interessen zugunsten des Gemeinwohls zurückgesteckt werden müssen. Es braucht weiters ein Eingehen auf die Interessen und Bedürfnisse anderer, und dazu sind viele der Emotionen im Weg. Drittens können wir nur mit Hilfe unserer Rationalität zwischen unseren Gefühlen und unseren Werten unterscheiden. 

Die Gefühle entstehen aus unseren Erfahrungen mit Bedürfnissen und deren Befriedigung in der Kindheit. Daraus haben sich unbewusst gesteuerte Gewohnheiten des Fühlens entwickelt, Muster, die aus unseren frühen Erfahrungen gespeist sind, auf Schlüsselreize reagieren und unser Verhalten lenken. 

Die Werte bilden sich im Lauf unserer Lebensgeschichte aus, beeinflusst von unserer Kultur, familialen Herkunft und unseren Erfahrungen. Wir können unsere Werte jederzeit rational überprüfen und mittels unseres Denkens sowie über den diskursiven Austausch mit anderen an ihrer Widerspruchsfreiheit arbeiten. Dadurch gelangen wir zu einer standfesten und zugleich flexiblen Position, die aktuelle Entwicklungen mit den eigenen Grundeinstellungen in Verbindung bringen und daraus klare Einschätzungen ableiten und Entscheidungen treffen kann. 

Emotionen sind vage und flüchtig. Sie verändern sich dauernd und werden häufig durch die immer gleichen oder ähnlichen Auslöser aktiviert. Wir hören ein bestimmtes politisches Argument und schon läuten die inneren Alarmglocken und wir fahren mit unseren Geschützen auf, ohne Rücksicht auf die näheren Umstände und Hintergründe. Solche Muster können wir nur verändern, wenn wir uns bewusst machen, was da gerade abläuft. Dazu brauchen wir eine innere Distanz zu den Gefühlen. Mit unserem Denken können wir daraufhin überprüfen, ob unsere Reaktion angemessen ist und ob es noch Aspekte der Realität gibt, die mitbeachtet werden sollten. 

Emotionen sind auch die Triebkraft hinter allen Entscheidungen, die wir treffen. Die Rationalität vermittelt die Werte und stellt Positionen klar, zwischen denen dann die Entscheidung getroffen wird. Oftmals überlegen Leute lange hin und her, wem bei einer Wahl die Stimme gegeben werden soll oder ob überhaupt gültig gewählt werden soll. Da werden im Kopf oder in einer Diskussion Argumente abgewogen, bis dann eine Seite stärker ist, für die das Gefühl aus dem Unterbewussten das Gewicht in die Waagschale legt.

Wird die Rationalität beiseitegelassen, entscheidet nur das Gefühl, das auch von äußeren situativen Einflüssen stärker abhängig ist als das Denken. Das machen sich die Manipulatoren und Populisten zunutze, die mit vielfältigen Tricks auf das Unterbewusste der Menschen einwirken wollen, um ihre Ziele durchzubringen – im Wirtschafts- wie im Politikmarketing. Sie brauchen nicht auf die Komplexität der Wirklichkeit Rücksicht zu nehmen, weil sie an die einfachen Emotionen appellieren. Ein Psychologieprofessor aus den USA hat festgestellt, dass der gegenwärtige Präsident die Gefühle von Fünfjährigen anspricht, dass er sie auf dieser Ebene erreicht und motiviert. 

Demagogen richten ihre Behauptungen nur nach dem Zweck, den sie erreichen wollen. Die “Wahrheit” einer Aussage wird nur mehr dadurch definiert, dass sie mit Autorität und Überzeugungskraft ausgesprochen wird. Kriterium ist die Person des Sprechers, der einen bedingungslosen Glauben an seine Deutungsautorität verlangt. Diese Form des Glaubens bringen nur Kleinkinder auf, die noch so wenig über die Wirklichkeit wissen, dass sie glauben müssen, was ihnen ihre Eltern erzählen. So wundert es nicht, wenn man in den begeisterten Augen von Populistenanhängern das kleinkindliche Staunen über die Zauberkraft ihrer Idole ablesen kann. 

Die Wahrheit von Aussagen unter Erwachsenen bezieht sich auf die Wirklichkeit: Inwieweit wird diese durch die Aussage korrekt beschrieben? Ideologien und Ideologen bedienen sich eines anderen Bezugspunkts, nämlich eben dieser Ideologie und ihres Wertesystem. Wahr sind Aussagen, die mit dem eigenen Konstrukt übereinstimmen, und wenn jemand kommt und sagt, die Realität ist aber anders, dann wird die eigene Position mit „alternativen Fakten” oder ähnlichen Verschleierungen gerechtfertigt.

Die Populisten vermitteln also ein Bild von der Wirklichkeit, das sie mit Hilfe ihrer Ideologie geschaffen (konstruiert) haben. Sie fordern ihre Anhänger dazu auf, diese Konstruktion kritiklos zu übernehmen, und diese tun dies auch, weil sie auf den Gefühlsstand von Kleinkindern regrediert sind. Kinder nehmen an, dass die Eltern immer Recht haben. Erst wenn sie größer sind, schauen sie in wikipedia nach, ob das Sonnensystem wirklich so viele Planeten hat, wie die Eltern behaupten. 

Die Nutzung der Rationalität ist anstrengend und manchmal mühsam. Gefühlsgesteuert zu sagen: Das gefällt mir und das gefällt mir nicht, ist einfach und geschieht schnell. Die „Arbeit des Begriffs”, wie sie der Philosoph Hegel genannt hat, erfordert Genauigkeit, Ausdauer, Forschergeist und die Bereitschaft zur Selbstüberprüfung. Das sind Qualitäten, die Erwachsene brauchen und über die sie auch verfügen, wenn sie ihren Aktivitäten nachgehen.  

Die Demokratie ist ein System, das diese Haltung auch in der Politik verlangt. Sie beruht auf der Annahme, dass Menschen, die ihre Arbeit verrichten, Geschäfte abschließen, Projekte verwirklichen, das tägliche Leben managen und Kinder großziehen, in der Lage sind, in Hinblick auf das Gemeinwesen die erwachsenen rationalen Qualitäten einbringen. Demokratie kann nicht funktionieren, wenn einer Masse von Kleinkindern die Entscheidung überantwortet wird, ob Krieg geführt wird oder nicht, wie es im Faschismus geschehen ist. Heute geht es um Fragen, ob es besser ist, bei einem gesamteuropäischen Gemeinschaftsprojekt mitzumachen oder nicht, ob man einem „Migrationspakt” beitreten soll oder nicht usw. Es scheint in weiten Bereichen so, und das lässt sich aus den vielfältigen Meinungskundgaben in Foren leicht herauslesen, als würden da nicht Erwachsene mit Argumenten und Wertüberlegungen diskutieren, sondern Kinder, die nur von diffusen Gefühlen geleitet sind und auch gar nicht verstehen, was sie damit anrichten. 

Viele Untersuchungen über Hassposter haben gezeigt, dass diese Menschen aus einem Zustand der Verantwortungslosigkeit heraus ihre Meldungen abschicken, ohne Rücksicht auf die Folgen – eben wie Kleinkinder, die losschreien, wenn ihnen etwas nicht passt, gleich wo und mit wem sie sind. Doch sind die Hassposter nur die Spitze eines Eisberges, den die vielen Menschen bilden, die ungeprüfte „Fakten” und Theorien übernehmen und mit dem Brustton der Überzeugung und Empörung weitergeben. 

Wir sollten uns bewusst sein, dass solche Aktionen und Haltungen, die allein von unbewussten Gefühlen gesteuert sind, die Demokratie untergraben und destabilisieren. Wir sollten uns bewusst sein, dass es in unserer Verantwortung liegt, solche Einstellungen in uns selber zu überprüfen und andere auf ihre ideologischen Engstellen aufmerksam zu machen. Demokratie ist ein gemeinschaftliches Projekt, das der permanenten Anstrengung des Diskurses und der rationalen Auseinandersetzung bedarf. Diese Anstrengung muss jeder aufbringen, der ein solches System will. Wer es nicht will, sollte sich über die Alternativen bewusst sein: Autoritäre Lenkung oder Chaos. Beides kennen wir aus der Geschichte, und wir leiden noch immer an den Folgen dieser Katastrophen.

In der aktuellen Oper „Die Weiden”, in der es um Populismus und Manipulation geht, heißt es: „Dreitausend Jahre Denken, und jetzt das?” Die Jahrtausende der Geistesgeschichte enthalten Schätze, die wir nutzen sollten, um unser Gemeinwesen so einzurichten, dass möglichst viele Menschen in ihm ein gutes Leben führen können. Für dieses Ziel ist es notwendig, die vielfältigen Qualitäten der Rationalität einzusetzen und unsere Gefühle zu verstehen und zu distanzieren. 

Der berühmte englische Psychoanalytiker Donald Winnicott hat 1952 geschrieben, dass die frühe Kindheitsentwicklung bestimmt, ob Demokratie möglich wird oder nicht. „Denn diejenigen, die gehemmt werden in der Entwicklung ihres Selbst, wirken destruktiv der Demokratie gegenüber.” 

Das bedeutet auch, dass jede Arbeit an der Entwicklung des Selbst ein aktiver Beitrag zur konstruktiven Weiterentwicklung der Demokratie darstellt. Und es ist dringend notwendig, dass an den Voraussetzungen für diese Entwicklung gearbeitet wird – von allen Teilnehmern an der Demokratie und noch mehr von den Hauptverantwortlichen, eben den gewählten und von den Staatsbürgern bezahlten Politikern. Denn wer als Politiker in die eigene ideologische Tasche arbeitet und nicht fürs Gemeinwohl, ist korrupt.  

Montag, 30. April 2018

Erwachsensein und Angst

Wie wir noch klein waren, hat uns Vieles Angst gemacht. Wir hatten noch so wenige Fähigkeiten, die komplexen Abläufe der Wirklichkeit zu durchschauen und Harmloses und Gefährliches voneinander zu unterscheiden. Deshalb konnte uns schnell etwas ängstigen – die Dunkelheit, fremd wirkende Menschen, abweisende Blicke des Vaters, Spinnen, das Schicksal von Märchenfiguren, der Tod eines Haustiers usw. An wichtigen Punkten unserer Entwicklung konnten uns für unsere Sicherheit entscheidende Ressourcen fehlen (z.B. die Nähe zur Mutter nach der Geburt, die Ermutigung durch die Mutter bei den ersten aufrechten Schritten, das Verständnis der Eltern bei Wutanfällen und Furcht). Wir haben immer wieder Situationen der emotionalen und kognitiven Überforderung erlebt, in denen wir uns verletzt, schutzlos, hilflos und verwirrt fühlten. 

Viele dieser Ängste haben unsere Kindheit überlebt, versteckt in unserem Unterbewussten. Als Erwachsene gibt es wesentlich weniger Notwendigkeiten, uns hilflos und schutzlos zu fühlen. Wir haben eine große Menge an Fähigkeiten und Kompetenzen erworben, um die Herausforderungen, vor die uns die Wirklichkeit stellt, zu meistern und die Prüfungen des Lebens zu bestehen. Wir haben auch die Kraft, nach Misserfolgen und Versagen wieder aufzustehen und weiterzugehen. 


Dürfen Erwachsene ängstlich sein?


Heißt nun Erwachsensein frei von Ängsten zu sein? Oft haben wir als Kinder gehört: Du bist ja schon groß, da brauchst du dich nicht mehr zu fürchten. So hat sich in uns die Annahme verfestigt, dass Erwachsensein mit Angstfreiheit verknüpft ist. Und deshalb neigen wir als Erwachsene dazu, unsere Ängste zu übersehen, zu ignorieren oder uns für sie zu schämen: Wie kann ich nur so dumm sein und mich wegen einer solchen Kleinigkeit ängstigen? 

Müssen wir als Erwachsene immer stark sein und ohne Furcht durchs Leben schreiten? Die meisten Ängste, die wir als Erwachsene erleben, sind mit Erfahrungen aus unserer Kindheit verbunden und werden aus ihnen gespeist. Diese Ängste können so stark sein, dass sie uns hindern, wichtige Ziele in unserem Leben zu erreichen und konstruktive Veränderungen vorzunehmen. Sie dienen oft dazu, dass wir in Gewohnheiten verharren, die nicht mehr sinnvoll sind, sondern uns innerlich einschränken und im Äußeren irritierende Reaktionen hervorrufen. Sie halten uns davon ab, viele der Chancen, die uns das Leben bietet, zu erkennen oder zu ergreifen. 

Erwachsene unterscheiden sich von Kindern nicht darin, dass sie keine Ängste mehr haben, sondern darin, dass sie sich von den Ängsten, die auftreten, wenn sie eben auftreten, nicht lähmen lassen. Es gibt zwar Erwachsene, die von sich behaupten, keine Ängste zu kennen, doch sind das meist solche, die ihre Ängste verdrängt und tief ins eigene Innere verbannt haben. Oft wollen sie sich durch besonders riskante Unternehmungen beweisen, wie angstfrei sie sind, während sie in Wirklichkeit dafür sorgen, dass ihre innere Angstabwehr verstärkt wird.

Vor allem Erwachsene, die sich mit ihren aus der Kindheit stammenden Ängsten auseinandergesetzt haben, lassen sich weit weniger ängstigen und können besser mit angstvollen Erlebnissen umgehen. Sie können ihre Ängste spüren und sie als Kraftquelle nutzen. Wenn sie vor neuen Situationen stehen, lassen sie sich nicht durch Furcht aufhalten, weiterzugehen und sich überraschen zu lassen. Dennoch kann auch eine gründliche Innenarbeit nicht vollständig vor allen Ängsten bewahren. Es kann im Leben immer wieder unvorhersehbare Herausforderungen geben, die unser Sicherheitsgefühl bedrohen und Ängste auslösen. 

Erwachsensein ist also nicht durch die Abwesenheit von Ängsten definiert, sondern durch ein anderes Umgehen mit ihnen. Sie können auftauchen und werden dann ernstgenommen, sie müssen also nicht unterdrückt werden, vielmehr bekommen sie Aufmerksamkeit, ohne aber die Handlungsfähigkeit zu blockieren. Ein Erwachsener ist fähig, mit und trotz einer Angst in eine neue Erfahrung hineinzugehen. Er kann seiner Angst respektvoll einen Platz in sich zuweisen, von dem aus sie dazu dienen kann, dass der neuen Situation mit entsprechender Vorsicht und Achtsamkeit auf mögliche Gefahren, aber auch mit einer besonderen Entschlossenheit begegnet wird.

Jede Erfahrung, die Hand in Hand mit einer inneren Angst bewältigt werden konnte, macht stärker und kräftigt das Selbstvertrauen, das dann für künftige Herausforderungen zur Verfügung steht. Wir können uns im Vollzug der aktiven Handlung selbst davon überzeugen, dass wir Ängste für unsere Ziele nutzen können, wenn wir sie ernstnehmen, ohne ihnen die Macht über uns und unsere Handlungsfähigkeit einzuräumen. Mutig sind wir dann, wenn wir uns von unserer Angst nicht unterkriegen lassen, wenn wir also trotz „innerem Schweinehund“ tun, was zu tun ist. Wer seine Ängste kennt, ist sicherer als wer meint, von Ängsten frei zu sein.


Bewusstheit und Verantwortung


Erwachsenwerden geht einher mit Bewusstwerden. Es entsteht in uns eine Instanz, die die Vorgänge, die in uns ablaufen, erkennen und reflektieren kann. Wir lernen, uns von unseren Emotionen zu unterscheiden. Wir sind nicht mehr bloß die Angst, sondern sie ist ein Gefühl in uns, das begrenzt ist und vorübergehen wird. Auf diese Weise werden wir immer erfolgreicher darin, uns nicht von Ängsten beherrschen zu lassen, bis wir einen Weg finden, sie zu unseren Kumpanen zu machen, die wir auf unsere Reise durch die Welt mitnehmen.

Erwachsensein bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen. Wir sind es, die in uns Ängste produzieren, wir brauchen nicht gegen äußere Instanzen zu kämpfen, wenn es in Wirklichkeit darum geht, die Ängste in uns zu befrieden. Wir stehen zu Ängsten, wenn sie da sind, weil wir wissen, dass wir sie aushalten und schließlich für uns nutzen können.


Integrativ mit unseren Ängsten umgehen


Reifung bedeutet also, einen integrierenden Umgang mit unseren Ängsten und unseren Angstneigungen zu entwickeln. Wir brauchen Situationen, die uns Angst machen, nicht mehr zu meiden; wir können sie, wenn nötig, mit erhöhter Vorsicht und Achtsamkeit angehen. Wir brauchen aber auch nicht angstmachende Situationen suchen, um uns und anderen zu beweisen, dass wir keine Angsthasen sind. Das Leben hat genug an Situationen für uns im Angebot, die unsere selbstgesetzten Grenzen immer wieder bereitwillig herausfordern, wenn wir nur unsere Sinne offen halten.

Persönliche Reifung ist ein lebenslanger Prozess. Wie es auch im Wort steckt, ist das Erwachsenwerden ein Wachstumsvorgang, der niemals abgeschlossen ist, sondern besonders in solchen Situationen zum Weiterwachsen gefordert ist, in denen sich eine Angst meldet. Erst der Tod ist für uns alle der letzte Wachstumsschritt, in drastischer Weise der Endpunkt und die Vollendung des Wachsens und Erwachsenwerdens.

Gibt es eine Vollendung schon vor dem Tod? Im Diskurs um die Erleuchtung als Ziel des inneren Wachsens ist oft davon die Rede. Deshalb setzen manche Autoren die Erleuchtung mit dem erreichten Erwachsensein gleich: Nicht mehr von Ängsten eingeschränkt und geblendet zu sein und damit Teile der Wirklichkeit von sich abspalten zu müssen, sondern die Wirklichkeit in jedem Moment in ihrer Gänze annehmen zu können. Andere Autoren sehen in der Erleuchtung das Wiederfinden der kindlichen Unschuld. Vielleicht besteht zwischen diesen beiden Konzepten gar kein Gegensatz, ebenso wenig, wie das Erwachsensein dem Kindsein entgegensteht: Ein Erwachsensein, das das ganze Leben in seiner Geschichtlichkeit einschließt, das mit allen Sinnen und Geisteskräften in der Gegenwart steht und das für alles, was die Zukunft bringen mag, offen ist.