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Dienstag, 24. März 2026

Politik und Religion: Unheilige Allianzen

Die Religionen verstehen sich als Vermittler und Verwalter des Absoluten, also eines Wissens, das zeitlos gültig ist und nicht einem einzelnen Menschen zugeschrieben werden kann, sondern für alle Geltung hat. Die Politik verwaltet das gesellschaftliche Zusammenleben, das sich fortlaufend verändert. Die Politik hat es mit relativen Tatbeständen zu tun, zu denen es immer verschiedene Sichtweisen und Bewertungen gibt. Die Politik kümmert sich auch um die Machtverteilung, um die sich Menschen und Gruppierungen streiten.

Aus dieser Gegenüberstellung geht klar hervor, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Dennoch zeigt die Geschichte, dass die beiden Bereiche immer wieder vermischt wurden, meistens mit katastrophalen Folgen. Um dieser Verwechslung einen Riegel vorzuschieben, wurde in der Aufklärung die Trennung von Staat und Kirche vorgeschlagen und eingefordert. Sie ist inzwischen ein wichtiger Teil westlicher liberaler Verfassungen, aber in der Praxis kommt es noch immer zu Vermischungen, Überschneidungen und Grenzüberschreitungen, wie auch aktuelle Beispiele zeigen.

Menschen sind religiös und politisch

Die Tendenz zur Vermischung von Religion und Politik hat ihren Grund darin, dass Menschen sowohl religiös (am Absoluten interessiert) als auch politisch (an ihrem Gemeinwesen interessiert) sind. Daraus erwächst die Versuchung, das Absolute in die Politik hineinzuschwindeln und die Politik ins Absolute. Beiden Seiten wird mit dieser Vorgehensweise Schaden zugefügt. Die Folge von absoluten Wahrheitsansprüchen in der Politik ist in logischer Konsequenz die Gewaltanwendung zur Durchsetzung von Entscheidungen. Wer meint, absolut Recht zu haben, muss alle bekämpfen, die einer anderen Meinung sind, denn sie sind des Teufels, des mystischen Gegners des Absoluten. Umgekehrt: Die Politik, die sich ins Absolute hineindrängt, korrumpiert das Absolute zum Relativen. Das Absolute kann der Politik nicht unterworfen werden, aber sie kann es bis zur Unkenntlichkeit verzerren (z.B. indem kirchliche Würdenträger Waffen segnen oder die Gegner verteufeln). Politisches Alltagsgeschäft, das als religiös verbrämt wird, zerrt das Absolute auf den Marktplatz der Macht, auf dem es jeden Heiligenschein verliert. Das Absolute, das von der Macht berührt wird, zerfällt und verwandelt sich in Gift.

Von Gottes Gnaden?

Die Herrschaft von Gottes Gnaden ist der Traum jedes Machtmenschen. Denn eine von den höchsten Instanzen inthronisierte Position ist jeder menschlichen Kritik und Infragestellung entzogen. Allerdings beruht sie auf einem Missbrauch des Absoluten, weil das Absolute keine Macht zuspricht. Die Machtverteilung ist die Sache der Gesellschaft und wird auf der relativen Ebene entschieden.

Und die Gnade gebührt allerdings nur jenen, die ihre Macht dafür nutzen, die Machtlosen zu stärken und sich selbst so weit wie möglich zu entmächtigen, also auf die Macht zu verzichten, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat. Macht macht nur Sinn, wenn sie dem Gemeinwesen dient, und wird zum asozialen Selbstzweck, wenn sie Einzelinteressen auf Kosten der Mehrheit durchsetzen will.

Wer darüber hinaus vermeint, mit Gottes Gnade Krieg führen oder die Untertanen unterdrücken zu können, verwechselt sein Ego mit dem Absoluten und nutzt die Religion zur Rechtfertigung für Gewaltanwendung und subjektive Willkür.

Kriegerisches Sendungsbewusstsein

Der jüngste Krieg der USA und Israels gegen den Iran liefert manchen Leuten den Anlass, ihr religiöses Sendungsbewusstsein in den Dienst martialischer Interessen zu stellen. Der US-Senator Lindsey Graham von den Republikanern hat den Krieg als heiligen Krieg bezeichnet, weil man es mit religiösen Fanatikern zu tun hat, die vernichtet werden müssen – so spricht ein religiöser Fanatiker. Häufig redet er auch von einer heiligen Hölle (holy hell), die über das iranische Regime hereinbrechen soll. Außerdem ist er der Meinung, es handle sich bei diesem Krieg um einen Kampf des Guten gegen das Böse. Auch der US-Kriegsminister Pete Hegseth nutzt die Religion für seine Kriegsrhetorik. Er hat die US-Soldaten als Glaubenskrieger bezeichnet und einige seiner Kommandanten sollen ihren Truppen mitgeteilt haben, dass der Krieg von Gott geplant sei. In der israelischen Regierung sprechen Minister von einem Kampf zwischen „Licht“ und „Dunkelheit“ gegen den Iran. Sie lehnen Verhandlungslösungen als „Sünde“ ab, weil das Dunkle total vernichtet werden muss. Auf der anderen Seite herrscht eine ähnliche Rhetorik: Es geht um einen heiligen Kampf gegen die Aggressoren und um eine Entscheidungsschlacht zwischen dem „Haus des Islam“ und der „Welt der Ungläubigen“. Kriegsopfer sind automatisch Märtyrer für den Glauben.

Die Aufladung der Kriegsrechtfertigungen mit religiösen Inhalten verschärft die kriegerische Aggression und erschwert diplomatische Lösungen. Denn jede Seite fühlt sich vom Absoluten unterstützt und angestachelt. Es geht nicht mehr „nur“ um politische Machtansprüche, wirtschaftliche Vorteile, strategische Optionen usw., sondern um eine metaphysische Arena, in der sich die Mächte des Guten und des Bösen gegenüberstehen, sodass vom Ausgang des Kampfes abhängt, ob die Welt in Zukunft vom Licht oder von der Dunkelheit beherrscht wird. Die Situation ist deshalb so zerstörerisch und ausweglos, weil beide Seiten in ihrem Wahn dem gleichen Missbrauch des Absoluten verfallen sind. Es wirkt als stünden sich zwei verstörte Typen hasserfüllt gegenüber, und jeder hält sich selber für den Erlöser und den anderen für den Teufel, der vernichtet werden muss.

Unheilvolle Allianzen

Die unheilvolle Allianz von Thron und Altar hat eine Blutspur durch die Geschichte gezogen und in vielen Ländern letztlich dazu geführt, dass sich mehr und mehr Menschen von den Altären abgewandt haben und den Klerikern misstrauen. Denn eine Kirche, die das Absolute an die Macht verrät, hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Dennoch ist diese Mesalliance noch immer in Gebrauch, siehe z.B. die Absegnung des russischen Krieges gegen die Ukraine durch die russisch-orthodoxe Kirche. 

Während Parteien und Gruppierungen auf der linken Seite des politischen Spektrums traditionell religions- und kirchenkritisch auftreten und im Extremfall Religionen verbieten oder unterdrücken, versuchen viele rechtsorientierte Strömungen, Religion und Kirche für sich zu vereinnahmen und für die eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Vor allem fundamentalistische Gruppen bieten sich geradezu für solche Zwecke an, weil sich ihre autoritären Strukturen mit jenen der Rechtsparteien ähneln und beide ihre Positionen für absolut gültig erachten. So gibt es auch unheilvolle Allianzen zwischen Rechtsparteien und konservativen oder fundamentalistischen Kirchenvertretern oder Sekten. 

Zum Fundamentalismus gehört, dass aus den heiligen Texten direkt Richtlinien für die menschliche Lebenspraxis abgeleitet werden können. Wie gefastet wird, welche Rollen die Männer und die Frauen spielen, welche geschlechtlichen Orientierungen erlaubt sind und welche nicht oder welche Kleidung zu tragen ist, steht in den Schriften und hat deshalb absolute Geltung, die auch von staatlichen Organen eingefordert werden soll. Doch sind alle Texte relativ, in relativer Sprache verfasst und in ihren Bedeutungen dem Lauf der Geschichte unterworfen. Es gibt keine absolute gültigen Aussagen in den Schriften, sondern nur relative, auf die jeweiligen Zeitumstände bezogene Interpretationen. Das Absolute entzieht sich jeder Verbildlichung und Verschriftlichung. Es enthält nicht einmal konkrete Inhalte, sondern ist leer. Deshalb kann es nichts zur Klärung der Frage beitragen, ob Frauen Kopftücher tragen sollen oder nicht, ob sie Priesterinnen werden können oder nicht, ob sie den Männern übergeordnet sind oder nicht, geschweige denn, wer die Macht im Staat innehaben soll und wer nicht.

Die Trennung von Staat und Kirche

In den politischen Prozessen darf es in einer liberalen Demokratie keine religiöse Einmischung geben. Absolutheitsansprüche verzerren die Debatten und verhindern pragmatische Kompromisse. Sie verhärten die Fronten und erzeugen Hass und Gewaltbereitschaft. Politische Entscheidungen müssen auf der politischen Ebene durchgeführt und verantwortet werden. Das Absolute hat dazu nichts zu sagen und dabei nichts verloren. Im gesellschaftlichen Prozess hingegen, der politischen Entscheidungen vorangeht und nachfolgt, spielt das Religiöse immer eine Rolle, als Stimme unter vielen, mit einem besonderen Gewicht, das sich daran bemisst, wieweit das Religiöse dem Absoluten verpflichtet ist. 

Das Absolute und die Verantwortung für die Gesellschaft

Die Trennung von Religion und Politik bedeutet also nicht, dass sich die beiden Bereiche nicht umeinander kümmern müssen. Die Politik braucht das Absolute, um zu erkennen, worum es in Wirklichkeit, also jenseits der Machtausübung geht. Wie soll eine gerechte Gesellschaft beschaffen sein? Welche Werte sind unverzichtbar, um den Menschen ein gutes Leben zu garantieren? Die Botschaften aus dem Absoluten kommen als Ordnungsrufe, Ermahnungen oder Zurechtweisungen, als Gewissenserinnerungen von Menschen, die sich ihrer Verantwortung aus der Offenheit für Transzendenz und für die Anliegen der Gesellschaft bewusst sind. Zur Zeit des Alten Testaments waren es die Propheten, die auf die Abweichungen vom göttlichen Weg aufmerksam gemacht haben.

Moderne Propheten treten als visionäre Politiker auf. Sie streben nicht nach Macht,  geleitet von Angst und Gier, und wollen um jeden Preis daran festhalten. Sie haben ihre Überzeugung und ihr Engagement aus dem Absoluten gewonnen. Sie wissen aus diesem Kontakt um die Richtung, in der die Gesellschaft verändert werden muss. Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela sind solche wegweisende Menschen, die aus einer tief gegründeten Selbstverpflichtung zu Gerechtigkeit und Befreiung gehandelt haben und mit ihrem selbstlosen und authentischen Auftreten Millionen Anhänger gefunden haben, sodass sie die Gesellschaft in wichtigen Teil menschenwürdiger gestalten konnten.

Da wir als religiöse Menschen auch politische Menschen sind, obliegt es uns, in der Politik aktiv Stellung zu beziehen, wenn es zu Ungerechtigkeiten kommt. Im Licht des Absoluten sind alle Menschen gleich und haben die gleichen Rechte. Deshalb widerspricht eine ungerechte Gesellschaftsordnung dem Absoluten. Die Mächtigen müssen auf ihre egogeleiteten Fehlhandlungen aufmerksam gemacht und zur Rechenschaft gebracht werden. Wer sich dem Absoluten verpflichtet fühlt, kann sich nicht nur in die eigenen vier Wände zurückziehen und dort der Frömmigkeit huldigen, sondern sollte auch dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse besser werden. Wer schweigt, scheint zuzustimmen, hieß es bei den Römern. Wer nichts sagt, bestätigt die Umstände, auch wenn sie menschenfeindlich und ungerecht sind. Als Menschen können und sollen wir zu Sprachrohren des Absoluten werden, indem wir sein Licht auf alles richten, was im Schatten von Bosheiten, Gewalttaten und Manipulationen steckt. Der Maßstab des Absoluten ist an alles anzulegen, was Menschen hervorbringen. Nur so kann geklärt werden, ob es dem Besten der Menschheit oder nur der subjektiven Willkür, Bereicherung und Bestätigung einzelner dient.

Dazu gehört auch, jeden politischen Missbrauch des Absoluten anzuprangern. Jeder Rede vom geheiligten Krieg, jede Verherrlichung von Gewalt, jede Rechtfertigung von Unterdrückung, jede Untat mit Berufung auf eine höhere Instanz ist von diesem Missbrauch befallen und muss benannt und kritisiert werden. Religiös begründete Unmenschlichkeiten sind doppelt böse, in sich und dazu noch als Heuchelei und Frevel. 

Zum Weiterlesen:
Religion und Vertreibung


Mittwoch, 24. September 2025

Einsamkeit und Totalitarismus

Einsamkeit und Alleinsein

Die Einsamkeit ist ein schwerwiegender Leidenszustand. Sie hat nichts mit dem Alleinsein zu tun. Wer alleine ist, ist mit sich beschäftigt und kann mit sich selbst reden. Es kann ein produktiver Zustand sein, in dem neue Ideen entstehen oder einfach die Stille genossen wird. Im Alleinsein wissen wir, dass wir leicht jemanden für ein Gespräch finden können, wenn wir es brauchen. Wir fühlen uns sicher mit uns selbst und in unserer sozialen Umgebung.

Die Einsamkeit dagegen wird belastend und quälend erlebt. Denn sie ist ein Zustand der Beziehungslosigkeit, der oft mit einer gestörten Beziehung zu sich selbst einhergeht. Da wir im Gespräch miteinander kommunikative Wirklichkeiten erschaffen, führt der Mangel an solchen Wirklichkeiten zum Zweifel an sich selbst, zu einem Verlust an Wirklichkeit und damit auch an Wirksamkeit. Dazu kommt der Sinnverlust: Sinn kann nicht aus Mangel entstehen, sondern aus dem Austausch mit anderen und aus der wechselseitigen Bestätigung, die wir uns dabei geben. Oft wird also die Einsamkeit von Gefühlen der Irrealität und der Sinnlosigkeit begleitet und erzeugt Depressionen.

Verlassensein und nicht gesehen werden

Die Wurzel der Einsamkeit liegt in einem Verlassenwerden. Jemand, der einem sehr wichtig war, ist weggegangen. Diese Erfahrung müssen alte Menschen machen, die ihre Lebenspartner verlieren. Oft sterben sie bald nach dem Tod des Partners, vor allem, wenn es ihnen nicht gelingt, neue soziale Kontakte aufzubauen, die ihrem Leben Orientierung und Sinn geben. 

Die tiefere Wurzel liegt allerdings meist in sehr frühen Erfahrungen. Seit den Forschungen zur Bindungstheorie nach John Bowlby wissen wir, dass Kleinkinder verlässliche und resonante Beziehungen zu Erwachsenen brauchen, um sich sicher zu fühlen und um gesund aufwachsen zu können. Resonanz bedeutet dabei, dass die erwachsene Person die Bedürfnisse des Kindes verstehen und adäquat darauf reagieren kann. Dann fühlt sich das Kind erkannt und in seinem Sein bestätigt. Fehlt diese Resonanz, so entsteht ein Einsamkeitsgefühl, auch wenn andere Menschen da sind: „Niemand sieht mich.“ Und: „Niemand kann mich trösten.“ Diese frühe Einsamkeit ist mit Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht verbunden. Das Kind hat den Eindruck, verlassen worden zu sein, ohne Chance, die lebenswichtigen Kontakte wiederbeleben zu können. Aber auch die Scham ist eine mächtige Begleiterin dieser schlimmen Erfahrungen. Denn das Unbewusste zieht den Schluss aus dem Nichtgesehenwerden: „Ich bin so verlassen, weil ich es nicht wert bin, von anderen wahrgenommen genommen zu werden.“ Ein existenzielles schamerfülltes Unwertgefühl prägt sich in die Seele ein.

Eine noch tiefere Quelle der Einsamkeit taucht bei Menschen auf, die im Mutterleib einen Zwilling verloren haben. Sie waren von der Empfängnis an mit einem anderen Menschenwesen aufgewachsen, in einer intensiven Beziehung. Und dann ist etwas Grauenhaftes passiert – das Zwillingsgeschwister ist verloren gegangen, ist verschwunden, und plötzlich klafft ein riesiges Loch. Es kommt zu Gefühlen von Angst, Verwirrung, Wut und Scham, und schließlich bleibt nur mehr die Einsamkeit als quälender Zustand.

Die Wiederbelebung von frühen Einsamkeitserfahrungen

Verlusterlebnisse, die später im Leben auftreten, beleben solche Früherfahrungen des Verlassenwerdens aufs Neue, und all die Gefühle von Einsamkeit, Ohnmacht und Sinnlosigkeit tauchen mit voller Wucht auf und können Erwachsene aus ihrer Lebensbahn herausreißen. Oft hindert sie die aus den Mangelerfahrungen erworbene Bedürftigkeitsscham daran, therapeutische Hilfe zu suchen. Denn die Kompensation aus der kindlichen Erfahrung der Missachtung besteht darin, das Leben alleine schaffen zu müssen.

Das wichtigste Heilungsmittel, das die Psychotherapie anbieten kann, ist die bedingungslose und wertschätzende Beziehung. Sie dient dazu, den Mangel an Resonanz durch Empathie aufzufüllen und das Fehlen des Wahrgenommenseins durch aufmerksames Zuhören auszugleichen. Dadurch kann das Leiden an der Einsamkeit durch eine neue Erfahrung der zugewandten und liebevollen Präsenz überschrieben werden. Die Schamgefühle lösen sich auf, wenn das Gegenüber vermitteln kann, dass das eigene Sein geschätzt wird und dass alle Gefühle in Ordnung sind.

Einsamkeit als Wurzel für Autokratien

Die Philosophin Hannah Arendt hat den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Totalitarismus erforscht. Sie war der Auffassung, dass die Einsamkeit eine wesentliche Bedingung für die Entstehung von totalitären Regimen darstellt. Solche Herrschaftsformen entstehen auf dem Boden von gesellschaftlicher Zerrüttung, durch die Brüchigkeit von sozialen Bindungen, die durch sozioökonomische Krisen hervorgerufen werden. Wenn die Menschen den Eindruck haben, dass ihre Regierungen nicht mehr in der Lage sind, die bestehenden Probleme zu lösen, geraten sie in Zustände von Hilflosigkeit und Ohnmacht, bei denen autokratische Herrschaftsformen als einziger Ausweg erscheinen. 

Außerdem sind Menschen, wenn sie sich einsam und verlassen vorkommen, leichter manipulierbar. Es fehlt ihnen an kritischer Reflexion, die nur im Dialog entstehen kann, und an einer konstruktiven Selbstbeziehung, durch die sie ihre Werte und Einstellungen schärfen könnten. An die Stelle der autonomen Selbstbestimmung und Verantwortungsübernahme treten Ideologien, die eine Erklärung für alle Missstände anbieten und versprechen, die Einsamkeitsgefühle durch ein kollektives Wir-Gefühl („Wir sind das Volk“) zu überwinden. Der verlorengegangene Sinn wird von der Ideologie geliefert, an die bedingungslos geglaubt wird, weil sie den Anker für die eigene Daseinsberechtigung liefert.

Vermischung von Ideologie und Religion

Besonders effektiv für diese Zwecke eignen sich Ideologien, die sich mit religiösen Glaubensformen verbinden. So wird z.B. die Putin-Ideologie von der Wiederherstellung des Sowjetimperiums von der russisch-orthodoxen Kirche unterstützt. Aktuell können wir beobachten, dass sich die rechte MAGA-Bewegung von Donald Trump von einer säkularen Ideologie zu einer sektenartigen religiösen oder pseudoreligiösen Glaubensgemeinschaft verwandelt. Die Trauerfeier für den MAGA-Propagandisten Charlie Kirk war ein religiös aufgemotztes Massenspektakel, bei dem die Grenzen zwischen Glaube und Aberglaube zum Verschwimmen gebracht wurden. 

Die Kombination von Ideologie und Religion soll die Menschen noch stärker an die Gruppe (Gemeinschaft) binden und jede Form von kritischer Reflexion überflüssig machen. Die Entindividualisierung, die in der Massenhysterie geschieht, hebt für den Moment alle Einsamkeits- und Ohnmachtsgefühle auf. Auf diese Weise werden Menschen geformt, blinden Gehorsam und kritiklose Unterordnung zu zeigen – eine gestaltbare Masse, die willenlos den Zwecken des Autokraten dient. Mit dieser Machtbasis gelingt es dann, alle, die ihre geistige Unabhängigkeit außerhalb der Ideologiegemeinschaft bewahren konnten, zu unterdrücken und mundtot zu machen. Der Einheitsstaat mit einer Ideologie, einer Glaubensform und einer einheitlich fühlenden und denkenden Bevölkerung ist der Traum aller Diktatoren, mit dem sie ihre eigenen Einsamkeitstraumen verdrängen können.

Die Geschichte zeigt, dass alle Versuche von Gemeinschaftsbildungen auf der Grundlage von autoritärer Herrschaft und religiös verbrämter Ideologie in Gewalt münden und schließlich durch Gewalt untergehen. Es scheint, dass Teile der Menschheit diese bekannten Zusammenhänge in eigenen schmerzhaften Erfahrungen erleben müssen, um von solchen Scheinhoffnungen geheilt zu werden. Der Preis ist, wie wir auch aus der Geschichte wissen, immens hoch und belastet das kollektive Gewissen auf Generationen hinaus.

Zum Weiterlesen:
Einsamkeit und Sehnsucht
Digitale Einsamkeit und Covid
Die Trennungstheorie und wie wir wieder eins mit uns werden
Essenzdenken und Gewalt
Die Verharmlosung von Diktatoren und die Demokratie


Dienstag, 9. September 2025

Religion und Vertreibung

Die Geschichte des Nahostkonflikts ist auch eine Geschichte der Vertreibungen. Eine Folge von Kriegen ist zumeist die Flucht und Vertreibung von vielen Menschen, die ihre Leben inmitten der Zerstörungen retten wollen. Es sind vor allem die Älteren, die Frauen und die Kinder, die von diesem Schicksal betroffen sind.

Vertreibung bedeutet nicht nur den Verlust einer gewohnten, Sicherheit und Zugehörigkeit vermittelnden Umgebung, sondern auch eine Demütigung und Beschämung. In den meisten Fällen sind Vertreibungen mit traumatisierenden Verletzungen verbunden, wenn sie gewaltsam erzwungen werden. Jede Flucht geht mit Leid einher, und das Ankommen in einem fremden Land erzeugt in der Regel neues Leid und neue Beschämung: Für die Menschen dort wirkt der Flüchtling als Fremdling, als Eindringling, als möglicher Feind. Es bedarf langer und mühevoller Anstrengungen, um sich in der Fremde eine Heimat zu schaffen. Doch keine neue Heimat kann die alte, in der sich die Wurzeln der Herkunftsfamilie befinden, ersetzen. Der Makel der mangelhaften Zugehörigkeit wirkt oft in den nächsten Generationen weiter, und der Verlust der Heimat zeigt sich im Fehlen von Wurzeln und Bodenanbindung. Das Land, auf dem sich der Vertriebene bewegt, ist fremd; der vertraute sichere Boden ist verloren.

Eine Geschichte von Vertreibungen

Die Geschichte des jüdischen Volkes (wie auch die Geschichte anderer Völker) kann als Geschichte von Vertreibungen beschrieben werden. Die Ureltern, Adam und Eva, wurden beschämt aus dem Paradies vertrieben, in einer Urszene der Scham. Später wurden vermutlich Teile des Volkes als Sklaven nach Ägypten verschleppt und dort von Mose in die Freiheit ins Land Kanaan geführt, das Land, das Jahwe Mose versprochen hat.  Ab 597 v. Chr. mussten große Teile der Bevölkerung Judäas nach Babylon ziehen („babylonisches Exil“). Interessanterweise haben übrigens die Juden immer an ihrem Gott festgehalten, im Unterschied zu anderen Völkern, bei denen eine Gottheit so lange verehrt wurde, so lange es Siege gegeben hat, und nach Niederlagen schwand die Verehrung wie z.B. beim Gott Marduk der Babylonier. Der Grund für diesen Unterschied wird darin gesehen, dass der jüdische Gott nach den Propheten die Israeliten in die Niederlage geführt hat, damit sie für ihre Sünden büßen müssen. Es ist also ein Gott, der sein Volk durch Beschämung zu einem besseren Leben erziehen möchte (und daran immer wieder scheitert...).

Im Jahr 70 n.Chr. kam es zur Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer; es gab nun kein religiöses Zentrum der Religion mehr, und viele Juden verließen Jerusalem. Schließlich wurden die Juden unter Kaiser Hadrian im Jahr 135 aus Palästina vertrieben. Die Vertriebenen hielten aber über die Jahrhunderte am Glauben fest, dass sie wieder ins „Gelobte Land“ zurückkehren würden. Im Achtzehnbittengebet, dem Hauptgebet der Juden, ist dieser Glaube verankert.  Der Wunsch „Nächstes Jahr in Jerusalem“ wird am Ende des jüdischen Sederabends und des Versöhnungstags ausgesprochen. Er drückt die Hoffnung und Vision der Juden aus, nach Israel zurückzukehren, wo immer auch sie in der Diaspora waren.

Die Treue zum Glauben

Das jüdische Volk ist in der Geschichte mit dem Schicksal von Vertreibungen nicht einzigartig. Das Besondere liegt einerseits in dem Festhalten am Glauben trotz aller Zerstreuung in verschiedenste Länder und andererseits in der Verbindung von Land und Religion, die von den gläubigen Juden über die Generationen in der Fremde aufrechterhalten wurde. Das „Heilige Land“ ist für die Juden nicht nur heilig, weil sich dort heilige Stätten befinden, sondern etwas, das Gott dem jüdischen Volk versprochen und gegeben hat. Das Land selbst ist also Teil ihrer Religion. Der Anspruch auf das Land enthält damit eine absolute, also von Gott gegebene Rechtfertigung. Nach 1948, als die UNO die Staatsgründung von Israel proklamiert hat, wurde dieser Anspruch militärisch, eben gewaltsam durchgesetzt. Die darauf folgende Geschichte ist durchzogen von Kriegen, die immer auch diesen religiösen Aspekt beinhalten – bis zum heutigen Tag. 

Radikalisierung durch Religion

In fast allen dieser Nahostkriege war und ist die Vertreibung der ansässigen Araber, die in großer Zahl in Nachbarländer ihre Heimat verloren haben und flüchten mussten, ein schweres Schicksal und eine Schuld der Vertreiber. Die Staatsgründung hat den Juden erlaubt, von der Opfer- auf die Täterseite zu wechseln. Aus den Vertriebenen wurden Vertreiber, aus den Beschämten Beschämer. Israel ist (mit Unterstützung westlicher Staaten) die stärkste Militärmacht in der Region und verfügt über eigene Atomwaffen. Der Staat konnte sein Gebiet kontinuierlich ausweiten und die Palästinenser immer weiter zurückdrängen. Palästinensische Gebiete wurden mit jüdischen Siedlungen durchsetzt, und die Gründung eines autonomen palästinischen Staates wurde verhindert. Die religiöse Absicherung dieser Machtpolitik sorgt dafür, dass ethische Fragestellungen und Menschenrechte in diesem Konflikt zweitrangig sind. Es gibt zwar in Israel eine Zivilgesellschaft, die die Standards der Mitmenschlichkeit einmahnt und eine Trennung von Religion und Politik fordert, aber ihr Einfluss auf die Zyniker in der Regierung ist allzu gering.

Der aktuelle Gazakrieg wird befeuert und radikalisiert durch jüdische Extremisten, die Teil der Regierung sind und Druck ausüben, um die Palästinenser vollkommen aus dem Gazastreifen zu vertreiben. Es handelt sich um eine Unmenschlichkeit, die aus dem religiösen Anspruch auf das Land begründet wird und sich keinen Deut um das Leid der Menschen schert – ein weiteres Beispiel von religiös verbrämter Gewalttätigkeit. Der dieser Haltung innewohnende Hass erzeugt wiederum nur Hass bei den Opfern – und das Lechzen nach Rache. Der Konflikt wird noch mehr mit destruktiven Emotionen aufgeladen.

Eine psycho-logische Reaktion auf die mit Vertreibung verbundene Demütigung stellt eben die Rache dar, mit deren Hilfe die Opfer versuchen, ihre Beschämung zu überwinden. Die Gegengewalt bricht aus, sobald genügend Mittel gesammelt sind, um zurückschlagen zu können. Manchmal ist sie direkt gegen die Vertreiber gerichtet, manchmal gegen Stellvertreter oder Sündenböcke.

Ohne Vernunft keine Konfliktlösungen

Wenn die Mächtigen statt der Vernunft religiösen Dogmen folgen, kann es nur eine Form Konfliktlösung geben, nämlich die gewaltsame Durchsetzung des eigenen Standpunkts. Kompromisse sind ausgeschlossen. Wenn die eigenen Machtinteressen nicht durchgesetzt werden können, wird der Konflikt weiter am Leben erhalten und erzeugt über lange Zeiträume Zerstörung und Leid. Der jeweilige Status Quo kann nur mit Gewalt aufrechterhalten werden.

Als hätten wir nicht genug mit sozialen, politischen und ökonomischen Konflikten zu tun, werden immer wieder Ideologien, die aus Versatzstücken der Religion zusammengebastelt sind, in diese Konflikte hineingeschleust, mit der Folge, dass sie nicht nur unlösbar gemacht werden, sondern dass sie dazu noch emotional aufgeheizt werden. Da das Absolute unverhandelbar ist,  kann sich die andere Seite nur unterwerfen; wenn sie dazu nicht bereit ist, wird bis zur Erschöpfung weitergekämpft. Menschen, die dieses Schauspiel von außen beobachten, können sich nur angewidert von der Religion abwenden, die so schamlos missbraucht wird.

Die Widersprüche in den Religionen

In allen Religionen ist die Rede davon, dass Fremde aufgenommen und Vertriebene getröstet werden sollen. Jesus sagte: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35). Die christliche Pflicht gebietet demnach, Vertriebenen beizustehen und sie zu versorgen. In der Sure 4,36 sprach Muhammad davon, dass Gläubige für Fremde auf der Reise sorgen sollen. Deshalb versteht der Islam Gastfreundschaft und Trost für Vertriebene als religiöses Gebot. Außerdem war Muhammad mit seinen Anhängern auf der Flucht, da er aus Mekka vertrieben wurde. Im Alten Testament ist an verschiedenen Stellen die Rede davon, dass die Fremden, Witwen und Waisen besonders geschützt und getröstet werden sollen.

Der Widerspruch zwischen diesen religiösen Pflichten und der Praxis, den religiösen Eifer auf Gewalt und Unmenschlichkeit zu richten, ist schmerzhaft. Es tut weh zur Kenntnis zu nehmen, dass in den Kirchen, Moscheen und Synagogen  der Verzicht auf Gewalt und die Botschaft des Friedens gepredigt wird, und dass draußen Menschen mit religiöser Segnung umgebracht, vergewaltigt und vertrieben werden.

Zum Weiterlesen:
Religion und Krieg


Mittwoch, 20. August 2025

Religion und Krieg

Religionen verkünden das Absolute. Sie wollen die Menschen dazu bewegen, ihre Alltagssorgen hinter sich zu lassen und dem Absoluten die Priorität im Leben zu geben. Da das Glauben an das Absolute keine reine Gefühlssache sein kann, appellieren sie an die höheren kognitiven Funktionen, mit denen die Menschen ihre Impulse und Gefühle kontrollieren können.  In komplexen Konfliktfeldern kann nur mit Hilfe dieser Funktionen das Ausbrechen von Kriegen verhindert werden, bzw. kann nur über diesen Weg Friede nach Kriegen geschlossen werden. 

Der Friede spielt deshalb eine wichtige Rolle in den Religionen und steht im Zentrum der Botschaften von Religionsstiftern und hohen Vertretern von Religionsgemeinschaften. Und doch kommt es immer wieder vor, dass die Religionen an Kriegen beteiligt sind oder solche sogar auslösen. 

Die Übersetzungsprobleme des Absoluten

Die Verkündigung des Absoluten stößt immer wieder auf Schwierigkeiten, weil das Absolute in die Sphäre der relativen menschlichen Sprache übersetzt werden muss. Deshalb ist die Verkündigungspraxis untrennbar mit den menschlichen Schwächen, ihren Impulsen und Gefühlen verbunden. Alle Religionsstifter, alle Heiligen und Propheten waren Menschen mit Stärken und Schwächen. Sie waren vom Absoluten begeistert und fühlten sich davon in einer grundlegenden Weise verändert und befreit. In diesem Zustand waren sie für viele andere, die an ihren Sorgen und Ängsten litten, ein leuchtendes Vorbild, dem sie nachfolgten, um auch in einen Zustand des Glücks und der Befreiung zu gelangen. Mit jeder relativen Vermittlung, also mit jeder Predigt oder jedem heiligen Text, wird die Botschaft des Absoluten verwässert und widersprüchlicher. Jeder nimmt sich aus der Verkündigung das, was er gerade für die eigene Bedürfnislage braucht. Und schon dient die Religion nicht mehr der Annäherung an das Absolute, sondern ordnet sich den Interessen der Menschen unter. 

Deshalb kann z.B. die russisch-orthodoxe Kirche den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine rechtfertigen. Das Oberhaupt dieser Kirche bezeichnet den Krieg als „metaphysischen Kampf“ zwischen Russland (als Verteidiger traditioneller Werte, vor allem des Patriarchalismus) und einem „dekadenten“ Westen. Diese Position hat nichts mit dem Absoluten zu tun, sondern nutzt den Anschein der göttlichen Nähe für politische und kulturkämpferische Propaganda. Die militärische Gewalt wird unter Missbrauch religiöser Formeln geheiligt.

Zwar bringt jede Religion Strömungen hervor, die das Absolute wieder ins Zentrum stellen wollen (z.B. die Ordensgründungen oder die Reformationen im Christentum oder der Sufismus im Islam), doch werden diese Versuche der Zurückführung auf die eigentliche Botschaft entweder selbst wieder institutionalisiert oder sie bleiben Randphänomene. Die Reformation hat z.B. evangelikale Kirchen hervorgebracht, die in den USA strikt nationalistisch auftreten und die aggressive Migrationspolitik der gegenwärtigen Regierung unterstützen. 

Religion und Angsterzeugung

Es ist den Religionen gelungen, mehr Ethik ins Volk zu bringen. Insbesondere monotheistische Religionen (Christentum, Islam) nutzen das Jenseits als ethisches Korrektiv für das Diesseits. Wer hier nach dem Guten strebt, wird dort mit ewiger Glückseligkeit belohnt. Anders im Hinduismus: Wer hier Gutes bewirkt, kann mit einer besseren Wiedergeburt rechnen; wer nur Gutes tut, wird sogar vom schicksalhaften Rad der Wiedergeburten befreit. Zugleich haben die Religionen aber neue Ängste geschürt: Wer nicht ihren Richtlinien folgt, muss mit ewiger Verdammnis oder mit grauslichen Widergeburten rechnen. Das Tun des Guten wird mit der Angst vor Bestrafung verbunden, und das eigentliche Ziel der Religion, Menschen dazu zu bringen, von sich aus das Gute zu  tun, wird verfehlt. 

Die Angstmache der Religionen rückt sie näher zur Sphäre der Gewalt. In vielen Religionen hat dagegen das Prinzip der Gewaltfreiheit einen wichtigen Platz. Der große Vertreter des gewaltfreien Widerstandes, Mahatma Gandhi, hat die Idee der Gewaltfreiheit aus dem Hinduismus übernommen („Ahimsa“) und von der bloßen Vermeidung von Gewalt zu einer aktiven Haltung des Mitgefühls auch gegenüber Gegnern erweitert.

Muhammad spricht in frühen Suren des Korans von Gewaltfreiheit und von der Einschränkung der Gewalt. Der umstrittene Begriff des „Dschihad“ (eigentlich: „Anstrengung auf dem Weg Gottes“) wird in der späteren Schriften im Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen, in die der Prophet verwickelt war, auch auf militärische Handlungen ausgeweitet. Zur Verteidigung und zur Ausbreitung des Glaubens ist Gewalt nach der Scharia gerechtfertigt. 

Auch das Christentum ist in seiner Geschichte sehr ambivalent mit dem Thema Gewalt verstrickt. Bekanntlich wurden die Kreuzzüge mit äußerster Brutalität geführt. In verschiedenen Kriegen haben Kirchenvertreter Waffen gesegnet und Kriege gutgeheißen, wenn nicht sogar angezettelt. Diese unrühmlichen Rollen wurden durch die Wiedererinnerung an die Friedensbotschaft des Christentums  in längeren Lernprozessen zumindest von Teilen der Amtskirchen verabschiedet.

Vermischung von Absolutem und Relativem

Religionen enthalten immer absolute und relative Wahrheiten. Sobald sich Religionsvertreter in weltliche Belange einmischen, laufen sie Gefahr, den Absolutheitsanspruch der religiösen Wahrheit auf die relativen Dinge zu übertragen. Das Absolute ist ungeeignet, gesellschaftliche Konflikte zu lösen, vielmehr werden Kompromisse verhindert, sobald absolute Ansprüche erhoben werden. 

Aus dieser Vermischung erwächst der Fanatismus, in dessen Namen schon viele Gewalttaten begangen wurden. Im Gefühl der Rechtschaffenheit und Gottesfürchtigkeit wird Böses begangen, ohne Einsicht und Reue, sondern mit der Überzeugung, dem Guten nur auf diese Weise zum Durchbruch verhelfen zu können.

Höchste Erlaubnis für Gewalttätigkeit

Die von den Religionen in der Geschichte bis heute immer wieder entfachte Wucht an Aggressivität wurzelt darin, dass religiös geprägte Religionsvertreter aus missverstandener Treue an das Absolute Gewalt rechtfertigen und dazu ermutigen. Sie nutzen die Autorität des Absoluten, um ihren Anhängern einen Freibrief zu geben, ihre Wut an anderen Menschen auszulassen. Viele Menschen haben große Mengen an Wut in sich aufgestaut, gespeist aus den verschiedensten Quellen der eigenen Lebensgeschichte. Mit einem Heiligenschein versehen, darf sich die Wut an unschuldigen Opfern austoben, scheinbar als Dienst am Absoluten. In Wahrheit sind es Machtinteressen von verblendeten Menschen, die aus solchen angezettelten Blutvergießen ihren Nutzen ziehen. Die Vollstrecker der Gewalt dienen als nützliche Idioten der Anstifter, und diese hängen sich den Mantel des Absoluten um, um ungeschoren davon zu kommen und ihre Schäfchen ins Trockene bringen zu können.

Klare Grenzen als Voraussetzung für die Humanität

Dort, wo es gelingt, eine klare Grenze zwischen den absoluten und den relativen Wahrheiten zu ziehen, wird dem Kaiser gelassen, was des Kaisers ist, und Gott das, was Gottes ist. Die Kirche bleibt im Dorf, und die Heiligen versuchen nicht, auf mächtige Politiker zu spielen. Dann macht sich die Religion keine Finger mit den hässlichen Geschäften um Krieg und Gewalt schmutzig, sondern besinnt sich auf ihre eigentliche Rolle, die im Übersetzen des Absoluten in die relative Welt der Menschen besteht. 

In vielen Kulturräumen der Welt ist diese Grenzziehung noch immer verschwommen, und dadurch entsteht viel Unheil. Gewalttaten und Kriege werden im Namen und mit Billigung der Religion ausgeführt, scheinbar bewaffnet mit dem Segen Gottes und besessen von der Unerbittlichkeit des Absoluten. Die verführerische Macht absoluter Aussagen bringt noch immer viele Menschen dazu, an sie zu glauben und ihr ohne Kritik zu folgen. Unmenschliche Taten werden mit der Aussicht auf himmlischen Lohn verherrlicht, während sich die religiöse Botschaft gerade selbst ins Absurde dreht, gegen sich selbst gerichtet. Eher über lang als über kurz graben sich die Religionen in ihrem Machtrausch den Boden ab, auf dem sie entstanden sind. Sie merken nicht, dass sie sich mit den Kräften verbündet haben, die sie in ihren Predigten als den Teufel brandmarken. 

Menschen, die sich nicht von Absolutheitsansprüchen verführen und blenden lassen, wenden sich mit Abscheu von der Heuchelei und Verlogenheit von Religionen ab, die Wasser predigen und Blut trinken. Aufrechte und würdebewusste Menschen können nur glauben, was glaubhaft ist, was also von ethischer Integrität getragen ist. 

Gesellschaftlicher Bedeutungsverlust und spiritueller Gewinn

Die Krise des Christentums in den aufgeklärten Ländern West- und Nordeuropas hat mit den inneren Widersprüchen zu tun, die aus der Vermischung relativer Machtansprüche mit der absoluten Botschaft entstanden sind.  In der Rückbesinnung auf den ursprünglichen Verkündigungsauftrag haben sich diese Kirchen einerseits mehr der Mystik, also der direkten Erfahrung des Absoluten, und andererseits der Caritas, der Vermenschlichung des Absoluten im Einsatz für die Hilfsbedürftigen und Schwachen der Gesellschaft zugewandt und sind dadurch wieder glaubhaft geworden.

Der Deutungs- und Bedeutungsverlust der Religionen als Folge der Religionskritik der Aufklärung ist ein Prozess, der für die Vermenschlichung der Gesellschaften unabdingbar ist. Es handelt sich um eine Art der Gesundschrumpfung. Erst dann, wenn sich die Religionen auf ihren von ihren Stiftern vorgegebenen Weg der Liebe und Demut zurückbegeben, können sie den Menschen eine Orientierung anbieten, die sie aus der Gewaltbereitschaft zur Friedfertigkeit führt.

Die Religionen haben nur eine Zukunft, wenn sie sich bedingungslos auf die Seite der Friedensstifter stellen und in Kriegen nie auf der Täter-, sondern immer auf der Opferseite stehen. Indem sie auf alle Machtansprüche verzichten, können sie ihre Kräfte dem Dienst an den leidenden Menschen widmen. Sie gewinnen dadurch die ethische Integrität, mit der sie gegen alle destruktiven Strömungen auftreten können. Sie werden zu Vertretern der menschlichen Vernunft und unterstützen die Projekte der Vermenschlichung gegen die Egoismen. 

Zum Weiterlesen:
Braucht es einen Krieg? Wer braucht einen Krieg?
Kriege entstehen in den Köpfen
Krieg und Scham
Pazifismus in der Krise?

 

Sonntag, 7. Januar 2024

Die Frage nach dem Jenseits und die Scham

Viele Religionen beschäftigen sich mit der Frage über das Weiterleben nach dem Tod und bieten dazu ihre Glaubenswahrheiten an. Die gängigsten Antworten sind die Wiedergeburtslehre und die Lehre von Himmel und Hölle. Nach Religionszugehörigkeit betrachtet, könnte man sagen, dass ungefähr eine Hälfte der Menschheit mehr der einen und die andere mehr der anderen Richtung des Jenseitsglaubens anhängt.

Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, welche Rolle die Scham bei der Beantwortung dieser Frage spielt. Wir kennen den Zusammenhang von Frage und Antwort. Fragen kommen aus einem Spannungszustand, der durch die Antwort entspannt werden soll. Wir wissen etwas nicht, und das bereitet uns ein unangenehmes Gefühl. Wir suchen die Antwort, um das lästige Gefühl zu beseitigen. Jede Unwissenheit trägt ein kleines Element der Scham in sich, und das Wissen, das wir erlangen, löst die Scham auf. Wenn wir aber keine Antwort auf unsere Frage bekommen, bleibt die Schamspannung bestehen.

Dieser Zusammenhang zeigt sich bei den kleinen und kleinsten Unwissenheiten im Alltag in Form von kleinen und kleinsten Scham-Lösungszyklen. Bei den großen, letzten Fragen, die unser gesamtes Sein anbetreffen, sind diese Zyklen umso größer. Die Frage nach dem Jenseits unserer Lebenslaufbahn betrifft uns auf einer existenziellen Ebene. Unser Denken ist in der Lage, über unseren Tod hinaus zu fragen: Was ist mit der Seele, wenn der Körper stirbt? Die Vorstellung der radikalen Endlichkeit („Mit dem Tod ist alles aus“) hat etwas Schockierendes an sich. Alles, worauf wir in diesem Leben bauen, und alles, was wir in diesem Leben aufgebaut haben, soll mit einem Schlag beendet und verschwunden sein. Um uns vor dieser Radikalität der Endlichkeit zu schützen, glauben wir lieber an eine der Formen des Weiterlebens, entweder mit einer Chance, die dann eine Ewigkeit anhält, oder mit einer endlichen oder unendlichen Serie von Wiedergeburten. Diese Denkmöglichkeiten geben uns einen Trost und eine Beruhigung angesichts der drohenden Endlichkeit. Zugleich befrieden sie das Schamgefühl, das entsteht, wenn wir mit einer Frage ohne Antwort dastehen, so als wären wir wären keiner Antwort würdig.

Die Antworten auf Fragen geben uns ein Gefühl der Kontrolle. Wir sind nicht mehr einem ungewissen Schicksal ausgeliefert, auch dann nicht, wenn der Tod anklopft, sondern wir können darauf vertrauen, dass es irgendwie weitergeht und wir nicht völlig ausgelöscht werden. Wir verfügen über ein Stück Sicherheit, ein Stück Kontrolle in Hinblick auf den Tod.

Wir können uns dabei zwar nicht auf Wissen berufen, weil es aus der Jenseitswelt kein sicheres Wissen geben kann, aber wir können uns auf unsere Fähigkeit zum Glauben stützen. Durch das Glauben schützen wir uns vor der unheimlichen und existenziell bedrohlichen Vorstellung, im Moment des Todes in ein Nichts zu fallen. Wir müssen die Scham nicht mehr spüren, die uns bei dieser Vorstellung befällt.  

Der Umkehrschluss lautet allerdings, dass all die Scheinsicherheiten, die durch Erklärungsmodelle und Sinnangebote jenseits des Wissbaren vorgeschlagen werden, der Angst- und der Schamabwehr dienen. Sie vermitteln die Illusion von Kontrolle und befriedigen das Bedürfnis nach Sicherheit in einem Bereich, in dem es keine Sicherheit geben kann. Es wäre blamabel und bedrohlich zugleich, zugeben zu müssen, das eigene Leben über den Tod hinaus nicht kontrollieren zu können.

Wissen und Kontrolle

Verlässliches Wissen suchen wir deshalb, weil es uns Sicherheit gibt und uns erlaubt, die Wirklichkeit zu kontrollieren. Wenn wir herausgefunden haben, was Blitze sind, können wir Techniken entwickeln, die unsere Häuser vor Blitzschlägen schützen. Wir sind der Naturgewalt in dieser Hinsicht nicht mehr ausgesetzt, sondern halten sie unter Kontrolle. Wenn wir verstehen, dass Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt ausgesetzt waren, später als Erwachsene mit höherer Wahrscheinlichkeit selber gewalttätig werden, wissen wir, wie wir die Gewalttätigkeit unter Menschen verringern können.

Wo wir über kein Wissen verfügen, das uns Sicherheit geben könnte, strengen wir uns an, dieses Wissen zu erzeugen. Wir forschen nach den Ursachen und Zusammenhängen, bis wir wissen, wie die Dinge funktionieren und wie wir sie lenken und kontrollieren können, sodass sie uns nutzen oder zumindest nicht mehr schaden.

Mit jedem Wissen gewinnen wir also ein Gefühl der Macht über Vorgänge und Menschen und fühlen uns geschützt vor Risiken. Das Gefühl, die Kontrolle zu haben, erfüllt uns mit Stolz. Mit Mitleid betrachten wir frühere Zeiten, in denen z.B. die Risiken, an einer Bakterieninfektion zu sterben, viel höher waren als heute. Denn wir verfügen gegen diese Gefahr über wirksame Mittel, die wir durch Wissen gefunden haben. Wo dieses Wissen noch nicht vorhanden ist, z.B. bei noch immer unheilbaren Krankheiten, spüren wir einen Mangel, der uns Scham bereitet, und eine Bedrohung, die uns Angst macht. Und wir freuen uns und sind stolz, wenn den medizinischen Wissenschaften ein Erfolg in der Krankheitsbekämpfung gelungen ist.

Gerade deshalb sind uns Bereiche, in denen wir kein sicheres Wissen erlangen können, besonders suspekt. Sie bereiten uns ein mulmiges Gefühl. Wir wollen uns auch hier vor Gefahren schützen und schämen uns, wenn es uns nicht gelingt. Um diese Scham zu überwinden, hat die Menschheit Vorstellungen erfunden, die uns auch hier eine Sicherheit geben sollen. Wir sind zwar nie sicher, ob es sich nicht doch um Illusionen handelt. Dennoch wollen viele auf diese Einbildungen nicht verzichten.

Die Alternative wäre es, das Nichtwissen und Nichtwissenkönnen auszuhalten. Die absolute Grenze, die der Tod in jedes Menschenleben einführt, löst Widerstände und Unwillen aus, die aus unserem Ego kommen. Unsere Selbstsucht hält es nicht aus, wenn wir irgendwo über keine Kontrolle verfügen und in der Schwebe der Unsicherheit hängen bleiben. Insbesondere unser eigenes Ende ist mit der größten Angst behaftet, und eine der Hauptfunktionen des Egos besteht darin, uns vor der Vorstellung eines absoluten Endes zu schützen. Es will über den Tod hinaus die Kontrolle behalten.

Denn es ist für unser überzogenes Selbstbewusstsein ein Skandal, das eigene Ende und damit die zukünftige Nichtigkeit dessen, was wir jetzt sind, mitdenken zu müssen. Der Narzissmus, der in jede Ego-Selbstbestätigung enthalten ist, will diese Grenze um jeden Preis relativieren, indem er sich an die Hoffnung auf ein jenseitiges Leben anklammert. Mit einer Form des Jenseitsglaubens kann er und damit die gesamte Ego-Agenda bestehen bleiben, zumindest so lange der Körper die Denkvorgänge aufrechterhält.

Der Stolz der Nichtgläubigen

Aber auch die skeptische Haltung zu den Jenseitsfragen enthält emotionale Fixierungen, wenn sie mit Stolz vertreten wird. Die naiven Jenseitsgläubigen werden belächelt oder verachtet, während die eigene Überlegenheit im Nichtglauben genossen wird. Festgehaltener Stolz stellt eine Form der Schamabwehr dar. Die Scham, keine befriedigende Antwort auf die Frage nach der eigenen Endlichkeit finden zu können, wird in den Stolz umgemünzt, im eigenen Bewusstsein weiter entwickelt zu sein als jene, die am Glauben hängen. Das Ego findet seine Befriedigung in dieser Form der Überheblichkeit.

Das Aushalten der Endlichkeit

Was wäre, wenn wir uns nicht unserem Ego unterordnen und den Narzissmus der Selbstüberschätzung überwinden? Dazu müssen wir uns den Gefühlen der Scham und der Angst stellen, die mit der Akzeptanz einer absoluten Grenze unseres Kontrollstrebens auftauchen. Wenn wir uns diese Gefühle bewusst machen, können wir ihre Macht über uns und über unsere Jenseitsvorstellungen brechen. Es fällt uns dann leichter, uns einzugestehen, dass unsere Kontrolle an der Grenze des Diesseits endet. Das Jenseits entzieht sich unserem Einfluss und unserer Macht, also auch der , die wir durch das Wissen erlangen wollen.

Die Akzeptanz der absoluten Grenze für das Wissen und die Kontrolle führt uns zu einer Haltung der Bescheidenheit und Demut. Wir fügen uns in unsere Begrenztheit und Unvollkommenheit und erkennen darin besondere Qualitäten des Menschseins. Wir beschränken unsere Fähigkeit, die Wirklichkeit durch Wissen zu kontrollieren, auf das diesseitige Leben, auf das Meistern der aktuellen Probleme und Fragestellungen. Wir erkennen und nehmen die besondere Würde, die darin liegt, unsere Kräfte der Bewältigung unseres uns gegebenen Lebens zu widmen, gleich ob es nach dem Tod irgendwie weitergeht oder nicht. Wir gründen das Vertrauen in uns und in die Beziehungen zu den Menschen um uns herum, denen wir liebevoll begegnen.

Wir nutzen die Räume, die uns zur Verfügung stehen, um unser Wissen zu erweitern und zu vertiefen. Als Menschen haben wir aufgrund unserer ins Jenseits und ins Unendliche reichenden Intelligenz eine Sonderstellung in der Natur inne. Wir können dieser Sonderstellung aber nur dann gerecht werden und aus ihr sinnvollen Nutzen ziehen, wenn wir uns selbst überall dort beschränken, wo die Kontrolle durch das Wissen nur illusionär ist. Jede Überdehnung der Grenzen führt uns in eine Versuchung, mehr Macht auszuüben als uns zusteht. Und das tut weder uns gut noch allem anderen, worauf sich diese Macht auswirkt.

Ähnlich wie wir als Menschheit unser Verhältnis zur Natur nur dadurch ausgleichen können, dass wir unsere überschießenden Kontrollimpulse kontrollieren und einschränken, kommen wir dem Sinn unseres Lebens nur näher, wenn wir die absolute Grenze, die uns der Tod nun einmal setzt, in ihrer Absolutheit respektieren und der Versuchung widerstehen, die uns die verschiedenen Glaubensmodelle anbieten.

Auf die Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod haben wir die Wahl, an eines der Angebote aus den Religionen zu glauben oder auf jeden Glauben zu verzichten. In jedem Fall ist es sinnvoll und hilft bei der inneren Klärung, wenn wir nachprüfen, welche Ängste und vor allem welche Schamgefühle bei unserer Wahl mitspielen.

 Zum Weiterlesen:
Das Ego und die Idee der Unsterblichkeit
Theologie und Mystik zur Frage des Weiterlebens
Die zwei Wahrheiten und die Religionen
Wissen, Phantasie und Glaube
Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele

Freitag, 28. April 2023

Vom Gruppenegoismus zur globalen Ethik

Wir Menschen sind keine genetisch programmierten selbstsüchtigen Egoisten, wie der seinerzeitige Bestseller „Das egoistische Gen“ von dem Neo-Darwinisten Richard Dawkins suggeriert. Mittlerweile wissen wir, dass Menschen genetisch auf ein soziales Miteinander angelegt sind, u.a. dadurch, dass sie das Hormon Oxytocin zur Verfügung haben. Dieser Botenstoff sorgt dafür, dass sich Menschen aneinander binden und füreinander sorgen. Menschen können nur als Gruppenwesen wachsen, gedeihen und überleben. Die altruistische Rücksichtnahme und Kooperation in der Gruppe ist eines der Erfolgsgeheimnisse des homo sapiens, der es als einzige Art geschafft hat, zur dominanten Tierart auf diesem Planeten zu werden, mit der Fähigkeit, die Existenz aller anderen Arten zu bedrohen.  

Wir verfügen noch immer über das Gehirn und das Menü an Botenstoffen unserer frühsteinzeitlichen Vorfahren. Allerdings sind wir schon viele Jahrtausende in größeren Verbänden organisiert, für die unsere genetische Ausstattung nur mangelhaft eingestellt ist. Die Ur-Menschengruppen waren überschaubar, die Kommunikation lief unter Bekannten und Vertrauten, meist auch Verwandten. Das ist die Reichweite der Oxytocin-Bindungen, darüber hinaus schlägt der Effekt ins Gegenteil um. Denn das hochgelobte Hormon steckt auch hinter Neid und Schadenfreude. Es beeinflusst die Menschen, die eigene Gruppe gegenüber anderen zu bevorzugen. Deshalb spielt es auch eine Rolle beim Ethnozentrismus, bei der Hochschätzung der eigenen Gruppe oder Großgruppe, verbunden mit dem Misstrauen gegen andere Gruppen. Die Binnenbindungen werden verstärkt, und die Abneigung gegen das Außen, gegen alle, die nicht zur Gruppe gehören, wird gesteigert.

Wir können also auf keine genetische Hilfe zurückgreifen, wenn es darum geht, soziale Beziehungen über die eigene Vertrauensgruppe hinaus zu stiften. Solche Beziehungen sind allerdings für das Funktionieren von größeren sozialen Gruppen, geschweige denn für Formen der globalen Kooperation unerlässlich. Wir müssen die Einstellungen, Fähigkeiten und Kompetenzen dafür aus anderen Quellen schöpfen. Wir haben gewissermaßen keine Wahl darin, die Nächsten, das heißt die vertrauten Menschen um uns herum, zu lieben, und das ist auch keine besondere Leistung und erfordert kein Lernen. Wir wissen, dass grausame SS-Schlächter liebevolle Familienväter waren, und das ist kein Widerspruch, sondern ein Beweis für die Mächtigkeit von Botenstoffen und von deren Grenzen. Es zeigt den eklatanten Mangel an der Ausbildung von Mitmenschlichkeit über den Rahmen der familialen Kleingruppe hinaus, der in weiten Bereichen der Gesellschaft verbreitet ist.

Der Hass auf das Fremde

Der Hass auf das Fremde und Andersartige, an dem viele Menschen leiden und häufig dieses Leiden in Aggression ummünzen, ist aus der Angst vor etwas Unbekanntem gespeist, vor etwas oder jemandem, dessen Reaktion nicht vorhersehbar ist. Denn außerhalb der engen Bezugsgruppe ist das Netz an Erwartungen und an der Bereitschaft, Erwartungen zu entsprechen, viel gröber beschaffen. Deshalb steigt die Unsicherheit darin, wie andere auf einen selber reagieren, je weiter man sich von der Ursprungsgruppe entfernt. Die Gesichter, Minen, Gesten der bekannten Menschen haben wir verinnerlicht und können ihre verbalen und nonverbalen Sprachsignale lesen und übersetzen. Wir wissen, woran wir sind. Kaum redet jemand in einer anderen Sprache oder verwendet andere Gebärden, setzt die Unsicherheit ein, und ängstliche Naturen wittern sogleich Gefahren und geraten in Stress. 

Das Einfachste ist es dann eben, den Gebrauch einer fremden Sprache oder das Praktizieren fremder Gebräuche im eigenen Bereich zu verbieten. Aber das ist der feige Weg in die Isolation, in die engen Grenzen der Herkunftsgruppe. Es ist das Verharren im Immergleichen, in den Gewohnheiten und Gepflogenheiten, wie in einer Freundesgruppe, in der immer die gleichen Witze erzählt werden. Es ist der Rückzug auf vermeintliche Inseln der Seligkeit.

Fremdenliebe ist eine Lernaufgabe

Der größere Horizont der Menschlichkeit beginnt an den Grenzen der Menschen, die uns bekannt und vertraut sind. Der Respekt vor dem Fremden ist uns nicht in die Wiege gelegt, sondern ist eine Lernaufgabe, eine höhere Stufe der moralischen Einstellung. Es geht um eine Haltung, die nicht selbstverständlich ist und die nicht einfach zur Verfügung steht, sondern erworben werden muss. Sie stellt vor eine Wahl: Zwischen einer eingeschränkten, bedingten und einer allumfassenden Menschenliebe.  Es geht um die Entscheidung für das Wachstum in der Humanität, also dafür, dass das Gute allen Menschen zukommen soll und dass wir uns dafür einsetzen. 

Um es noch tiefer zu formulieren: Wir sprechen hier von einer Liebe, die keine prinzipiellen Grenzen hat, sondern alle Menschen umfasst, darüber hinaus alle Lebewesen und noch einmal darüber hinaus alles, was überhaupt existiert.  Die Fremden-, Fernen- und Feindesliebe gehört nicht zu unserer Grundausstattung, vielmehr können wir sie als Teil der Lebensaufgabe begreifen. Sie ist eine Stufe der moralischen Entwicklung, die uns von dem Gruppenegoismus zur allgemeinen Menschlichkeit führt. 

Die Religionen und die Menschenliebe

Die großen Religionen, die lange nach den großen Staatsgründungen entstanden sind, haben diese Erweiterung der Liebe in ihre zentralen ethischen Anliegen aufgenommen, eben weil sie nicht aus dem Grundrepertoire des Menschseins entspringt und weil sie für die Organisation des Zusammenlebens in größeren Staatsgebilden notwendig sind. Die meisten Religionen wollen die Menschen motivieren, ihren ethischen Horizont zu erweitern, über die eigenen Bedürfnisse und die der unmittelbaren Bezugsgruppen hinaus. Da die Impulse zu dieser Orientierung aufgrund der fehlenden hormonellen Ausstattung immer wieder versiegen, appellieren die Religionen mittels Geboten und Weisungen und motivieren mit Lohn- und Strafe-Versprechungen: Wer sich in seiner Haltung und in seinen Handlungen über den Gruppenegoismus hinaus entwickelt, kann mit einem bevorzugten Platz im Jenseits rechnen.

Im Christentum ist es die Nächstenliebe, die eben nicht auf die engsten Familienmitglieder und Freunde beschränkt ist, sondern sich auf jeden bezieht, der gerade in der Nähe ist und Not leidet. Das universelle Mitgefühl mit allen Wesen ist ein wichtiger Teil des buddhistischen Weges, ohne den niemand zur Erleuchtung gelangt. Die soziale Wohltätigkeit ist eine der Grundtugenden des Islams. Zumindest was die Mitmenschlichkeit und die Solidarität unter den Muslimen anbetrifft, geht diese Religion über den Tribalismus, also über die sozialen Verpflichtungen den eigenen Angehörigen gegenüber hinaus. Die Mitzwa ist ein Brauch im Judentum, bei dem regelmäßig die Mildtätigkeit gegenüber Bedürftigen praktiziert wird.  

Am weitesten geht wohl Jesus in der Bergpredigt: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten?“ 

Die zu lieben, die einen selber lieben und die einem sympathisch sind, ist einfach und selbstverständlich und erfordert keine ethische Anstrengung oder Selbstüberwindung. Die ethische Herausforderung beginnt bei den Menschen, bei denen es uns schwer fällt, in der Liebe zu bleiben. Das sind Andersdenkende, Fremde, Angehörige anderer Rassen, Menschen, die wir aus moralischen Gründen verachten, 

Die Kraft der ethischen Evolution

Die globalen Krisenphänomene im Verhältnis von Mensch und Natur, mit denen wir allerorts zu tun haben, sind – ohne jede Hysterie – schon viel zu weit fortgeschritten als dass wir in den nächsten Generationen zu den Werten von früher zurückkommen könnten. Sie stellen uns vor die Wahl: Den Kopf in den Sand stecken, wie das das Gros der Politiker mit Zustimmung des Gros der Bevölkerungen tut, oder eine Schritt in der Bewusstseinsevolution riskieren. Im Rahmen dieser Diskussion bedeutet es, den Schritt vom Gruppenegoismus zu einer ökologischen Ethik zu gehen, die die Interessen der Menschen mit den Belangen der Natur ausgleicht. Dieser Schritt gelingt nur, wenn wir unsere Liebesfähigkeit von den gewohnten Kleingruppen auf alle Mitglieder der Menschheit und auf die Natur ausweiten.

Die Evolution des moralischen Bewusstseins verläuft  nicht beliebig, sondern sie führt mit logischer Notwendigkeit vom Einzelnen zum Allgemeinen. Sie befindet sich in Einklang mit der Evolution der anderen Bereiche der Gesellschafts- und Bewusstseinsentwicklung. Die Ethik, wie wir schon lange wissen, muss ihren Bezugsrahmen von der Kleinräumigkeit auf die Globalität ausweiten, so wie sich Wirtschafts- und Rechtssysteme global ausgeweitet haben. Sie muss darüber hinaus die Natur mit umfassen, die schon immer Gegenstand der Ausbeutung war und nun in den Status eines Rechtssubjekts und eines ethischen Partners gehoben werden muss. Dieser Schritt ergibt sich aus den Anforderungen, vor denen wir stehen. Er wird nur dann geschehen, wenn sich immer mehr Menschen zu ihm entschließen, bis die notwendige kritische Masse erreicht ist. 

Zum Weiterlesen:
Die Schwachen und die Nächstenliebe
Keine Nachhaltigkeit ohne soziale Konfliktlösung
Erstspracheverbote und Zweitsprachgebote
Wann ist das Boot voll?


Montag, 20. Juni 2022

Die Illusion von Karma

Die Lehre vom Karma ist Teil der uralten hinduistischen Tradition. Sie fußt auf dem Glauben an die Wiedergeburt und hat ihre Absicht darin, die Menschen zu einem guten Leben anzuleiten. Denn angehäuftes schlechtes Karma wirkt sich auf schlechte Chancen für die nächste Wiedergeburt aus. Nach dem karmischen Grundprinzip hat jede Handlung eine moralisch ausgleichende Folge, also auf Gutes folgt Gutes, auf Böses Böses. Diese Folgen müssen sich nicht gleich danach, ja nicht einmal im gegenwärtigen Leben manifestieren, sondern können auch zeitverzögert, im Extremfall in einem weiteren reinkarnierten Leben auftreten. Bewertet werden dabei alle Formen des Handelns, physische wie geistige Taten (oder auch Versäumnisse), sie alle fallen unter dieses allgemeine Ursache-Wirkungsprinzip.

Bei monotheistischen Religionen gibt es oft ein Gericht, das nach dem Tod über das Leben jedes einzelnen Menschen urteilt und die individuellen Konsequenzen für das seelische Weiterleben festlegt. Im Unterschied dazu gilt das Karmaprinzip als universelles Gesetz, das unabhängig von irgendwelchen Instanzen wie ein Naturgesetz waltet.

Für das ethische Handeln ergibt sich der Appell, sein Leben danach auszurichten, möglichst wenig Karma für das nächste Leben anzusammeln, um sich damit aus dem ewigen Rad des Schicksals zu befreien. Insbesondere geht das Bestreben im Buddhismus danach, sich aus allen Versuchungen des Karmas herauszuhalten und alle Anhaftungen aus egoistischen Motiven zu überwinden. Die ersehnte Erleuchtung erfordert die vollständige Befreiung von allen Abhängigkeiten und Anhänglichkeiten an irdische und geistige Güter sowie an emotionale Muster. Sie gilt zugleich als Befreiung vom Karma und von der Notwendigkeit der Wiedergeburt.

Ich vertrete hier nun die These, dass das ethische Handeln ist in sich gut ist und von jedem bewussten Menschen als gut erkannt wird. Es ist also keine Karmalehre von Nöten, damit sich Menschen ethisch verhalten. Nur wer nicht erkannt hat, dass die Quelle der Ethik im eigenen Inneren und in den gesellschaftlichen Zusammenhängen liegt, braucht eine externe absolute Autorität (im Fall der monotheistischen Religionen) oder Konstruktionen, die als absolut gepredigt werden (im Fall der Reinkarnationslehre), um sich an ethische Regeln zu halten. Es ist in diesen Fällen nur die Angst vor Bestrafung, die dann vor unethischem Verhalten zurückschrecken lässt. Der eigenen inneren moralischen Autorität wird misstraut. 

Dieses Misstrauen hat auch seine Berechtigung. Denn diese innere Autorität kann sich nur dann ungebrochen entwickeln, wenn sie im eigenen Aufwachsen von den Eltern durch deren eigenes ethisches Verhalten gefördert wird. Hat die Entwicklung der Selbstautorität durch frühe Erfahrungen mit unethischen Autoritäten Schrammen erlitten, so wird eine äußere Autorität für die Antworten auf die großen Fragen des Lebens gesucht werden, entweder in Form einer in sich logisch erscheinenden Lehre oder in einer auf dem Glauben begründeten jenseitigen Autorität. Im Maß, in dem die eigene Integrität durch die Aufarbeitung der Verletzungen und Traumatisierungen gelungen ist, wird das Potenzial für das ethische Verhalten freigelegt und bereitgestellt. 

Dann ist gutes Handeln keine von außen aufgezwungene Anpassung an fremde Normen, sondern kommt aus dem eigenen Inneren kommende Wohlmeinen für die Mitmenschen. Mögen alle glücklich werden. Möge ich alles beiseitelassen, was diesem Glück im Weg steht, und alles in meinen Kräften Stehende tun, was dieses Glück befördert. Ethisches Verhalten hat die Belohnung in sich selbst, in der Bestärkung der eigenen Würde und Integrität und der Freude am Glück der anderen. 

Die Allgemeingültigkeit der Ethik 


Ethisches Handeln ist grundsätzlich allgemein einsichtig und nachvollziehbar. Es ist im Wesentlichen in allen Weisheitslehren und Religionen identisch: Es sollen die egoistischen Strebungen überwunden und stattdessen das gemeinschaftsdienlichen Leben gefördert werden. Diese selbstevidenten ethischen Grundsätze erwachsen aus der geheilten Seele. Es scheint, als würden sie alle Religionen aufgreifen, um ihre jeweiligen Konzepte der Todesbewältigung daran anzuhängen: Lebe gut, dann kommst du in den Himmel. Lebe gut, dann erwartet dich ein besseres Leben im nächsten Leben. Lebe gut, dann gehst du ins Nirvana ein. In Summe: Nur wenn du dich an die Religion hältst, kannst du dich ethisch richtig verhalten. Und damit ist es allein die Religion, die dir ein diesseitig und jenseitig erfülltes Leben garantieren kann. 

Diese Schlussfolgerungen gelten nur solange, solange wir nicht erkannt haben, dass die in sich einleuchtenden ethischen Leitlinien keine Religion brauchen, um verstanden und angewendet zu werden. Dazu kommt, dass alle Religionen in ihrer historischen Praxis genügend spezielle Probleme in Hinblick auf die Anwendung der Ethik gehabt haben und haben und viele Schlupflöcher aufweisen, über die sich dann das unethische Handeln breitmachen kann, unter dem heuchlerischen Denkmantel der Frömmigkeit. Aus der Geschichte ist es schwer möglich, die Wirksamkeit der Religionen auf die Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten zu begründen. Vielmehr gibt es die Phänomene, dass religiöse Inhalte als Grundlage für Ausreden bezüglich des ethischen Handelns verwendet werden. Hier ein Beispiel aus der Karma-Lehre: Es kann jemand behaupten: Mein vergangenes Leben hindert mich daran, jetzt gute Handlungen zu tun. Aufgrund meines Karmas kann ich nicht anders als anderen Menschen zu schaden. Oder im christlichen Kontext: Ich habe schon so schwer gesündigt, da macht es dann keinen Unterschied mehr, wenn ich noch ein paar Sünden anhänge.

Die universelle Gerechtigkeit und die Karma-Lehre


Die Karma-Lehre gilt bei ihren Anhängern als Garantin nicht nur für die persönliche Moral, sondern auch für eine universelle Gerechtigkeit. Manchmal fragen wir uns, warum Menschen, die offensichtlich viel Böses begehen, damit einfach wegkommen, nicht im Gefängnis landen und nach einem langen Leben einen friedlichen Tod inmitten von Reichtum sterben. Andererseits gibt es Menschen, die offensichtlich so viel Gutes tun, aber keinen Lohn ernten, sondern alle möglichen Leiden auf sich nehmen müssen. Das ist doch ungerecht: Wer Böses tut, soll dafür bestraft werden und selber leiden. Wer Gutes tut, soll ein gutes Leben haben. Laut Karma-Lehre kommt die Strafe unweigerlich, wenn nicht im aktuellen, dann in einem nächsten Leben. Das kann das Gerechtigkeitsempfinden beruhigen, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass es die Reinkarnation tatsächlich gibt. Sollte sich herausstellen (und das wissen wir, wenn überhaupt, erst nach unserem Tod), dass es ein neues Leben in einem neuen Körper gar nicht gibt, schauen wir durch die Finger und das ganze Gerechtigkeitskonzept bricht in sich zusammen wie ein Kartenhaus. 

Im christlichen Weltbild tröstet die Vorstellung, dass Bösewichter in der Hölle schmoren müssen und die Braven in den Himmel kommen. Sie sorgt ebenfalls für eine ausgleichende Gerechtigkeit. Auch hier ruht die entscheidende Voraussetzung, das Weiterleben nach dem Tod und die Existenz von Himmel und Hölle, auf tönernen Füßen. Was aber haben wir wirklich davon, dass das Böse seine gerechte Strafe findet? Böses Handeln muss bestraft werden, weil es die Gemeinschaft schädigt und ein friedvolles Zusammenleben behindert. Dafür sorgen das Polizeiwesen und der Rechtsstaat. Aber deshalb müssen wir einem Übeltäter keine bösen Gedanken schicken und ihm Böses wünschen – auch wenn das eine sehr menschliche Reaktion ist, vor allem, wenn uns selber das Böse widerfahren ist. Sind wir da nicht in einem Rachedenken verfangen? Spielen wir uns da nicht als Richter über andere Menschen auf? Sind solche Anmaßungen wirklich moralisch, oder tragen sie selber wieder zu schlechtem Karma bei oder bringen uns der Hölle ein Stück näher?

Ethik ohne Religion


Weiters stellt sich die Frage, ob wir auch mit dem Verzicht auf die Vorstellung von universeller Gerechtigkeit im Sinn des Karmaprinzips leben können. Es könnte sich um ein Konzept handeln, das aus einer beschränkten Sichtweise auf das Gute und Böse stammt und mit Maßstäben hantiert, die aus der eigenen Lebenserfahrung stammen, aber keine absolute Gültigkeit beanspruchen können. Oder hören wir dann auf, uns ethisch zu verhalten, weil es sowieso keine Konsequenzen hat? Wäre die Ethik nur ein Unterfangen, das funktioniert, weil böse Handlungen noch bösere Folgen haben und wir uns deshalb notgedrungen für das Gute entscheiden, dann braucht es eine transzendente Absicherung. Tun wir Gutes nur, weil uns dafür eine Belohnung winkt, ist es eigentlich kein Gutes, wie uns schon Immanuel Kant gezeigt hat, und wie wir das auch intuitiv spüren. Das Gute soll aus uns selber kommen und getan werden, gleich welche Reaktionen es nach zieht, gleich, ob wir daraus einen Gewinn ziehen oder nicht. Handeln wir nur aus der Suche nach einer entsprechenden Kompensation, so geht es uns um diese und nicht um die Verbesserung der Welt und des Lebens unserer Mitmenschen. 

Dazu kommt, dass wir uns nicht anmaßen sollten, zu wissen, was es mit der universellen Gerechtigkeit auf sich hat. Unser Denken, Konzeptualisieren und Ethisieren ist immer beschränkt und nicht geeignet, Aussagen über etwas Universelles zu tätigen, weil wir viel zu stark im Relativen befangen sind. Was wissen wir wirklich über das Ausmaß des Guten und des Bösen in der Welt? Was wissen wir über das Ausmaß des Guten und des Bösen in einzelnen Menschen, uns selber mit eingeschlossen? Wenn es eine geistige Instanz hinter allem gibt, die alle Fäden in der Hand hat und die Geschicke der Welt lenkt, muss sie so unendlich sein, dass wir sie mit unserem kleinen Geist nie fassen, geschweige denn nachzeichnen könnten. Wir können fantasieren, was das Richtige und das Falsche, das Gute und das Böse wäre, aber in diese Fantasien fließen immer unsere relativen Werte und Normen, unsere selbstgestrickten und übernommenen Ansichten hinein. 

Es scheint, dass die Vorstellungen einer universellen ausgleichenden Gerechtigkeit mehr unsere narzisstische Selbstüberhöhung bestätigen als mehr zur Erkenntnis der Wirklichkeit oder zur Verbesserung der Menschheit beitragen. Vielmehr sind sie von einer grundlegenden Redundanz gekennzeichnet, in dem Sinn, dass alles, was geschieht, dadurch erklärt wird, dass es dem Prinzip entspricht. Das Prinzip stimmt immer und hat immer Recht; der Preis für diese selbstbezogene Logik ist allerdings der Verlust an Bedeutung und Sinn, sie liefert keinen Erkenntnisgewinn. Handelt jemand böse, so kommt er in einer Vorstellungswelt in die Hölle, in einer anderen muss er ein schlechteres nächstes Leben auf sich nehmen. Es könnte so sein oder auch anders, das ist alles, was wir vom Standpunkt der menschlichen Vernunft aus sagen können: Wir wissen es nicht und können nie zu diesem Wissen gelangen. Die Prinzipien sind so angelegt, dass sie nicht überprüft werden können, sondern der Willkür des Glaubens unterliegen: Jeder kann glauben, was er will. 

Schließlich dürfen wir noch die Frage stellen: Ist die Welt besser geworden, weil die Menschen für ihre Untaten möglicherweise in die Hölle kommen oder als Wurm wiedergeboren werden? Vielleicht haben die Glaubenssysteme dazu beigetragen, dass sich in voraufgeklärten Zeiten die Menschen aus Angst vor negativen metaphysischen Konsequenzen mehr dem Guten zugewandt haben, aber selbst über diese These können wir nur spekulieren und genug Gegenbeispiele zitieren. Die Menschheitsgeschichte ist voll von Verbrechen und Grausamkeiten; ob es heute weniger oder mehr sind als in früheren Zeiten, können wir nicht berechnen und werden es auch nie berechnen können. Denn Leid ist nicht in Zahlen übersetzbar und immer subjektiv. 

Wenn wir das Gute und das Böse unterscheiden, brauchen wir einen ethischen Maßstab. Jeder Maßstab ist relativ, es gibt keinen, der für ein universelles Gesetz taugt, außer er ist so allgemein formuliert wie der kategorische Imperativ und muss dann für jeden Einzelfall konkretisiert und interpretiert werden, womit unweigerlich subjektive, zeit- und sozialgebundene Einflüsse dazukommen. Deshalb wird die letztliche ethische Autorität an eine oberste Instanz delegiert, über deren Bewertungskriterien wir wiederum kein Wissen haben. Allenthalben geraten wir an Punkte, an denen wir völlig im Dunkeln tappen, und unsere Fantasieprojektionen, die wir dann entwickeln, helfen uns auch nicht weiter.

Die unüberwindliche Beschränktheit der menschlichen Erkenntnis


Ludwig Wittgenstein hat bekanntlich seinen Tractatus mit dem Satz beendet: „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ Wir können diesen Satz hier weiterspinnen: Worüber es kein Wissen, sondern nur Spekulation gibt, darüber sollten wir bescheiden den Mund halten und mit dem Vorlieb nehmen, was uns mit unserer menschlichen Beschränktheit erkennen, wissen und erspüren können. Und über alles, was darüber hinausgeht, können wir nur mit den Achseln zucken. 

Für alle, die dennoch an die Karmalehre glauben wollen, schlage ich ein kleines Experiment vor: Wann immer sich das Thema in Gedanken meldet, indem wir z.B. an Ungerechtigkeiten in der Welt und im eigenen Leben denken, kurz innezuhalten: Was ändert sich dadurch, dass ich dieses Modell beiseite lasse und stattdessen meine Erkenntnisgrenzen akzeptiere? Wird mein aktuelles Leben einfacher oder komplizierter, leichter oder schwerer? Fühle ich mich besser oder schlechter? Oder macht es überhaupt keinen Unterschied? 

Wir sind frei in dem, was wir glauben und was nicht; wirklich frei aber nur, wenn wir alle Ängste erkannt und gelöst haben, die hinter unseren Glaubensbedürfnissen stehen. Dann fällt es uns leicht, zu der Beschränktheit unserer Einsichts- und Erkenntnisweisen zu stehen und das Illusionäre an den großen Antworten auf die großen Fragen zu durchschauen. 

Zum Weiterlesen:

Sonntag, 8. November 2020

Die Krisen und der Sinn

 Gemeinsinn  und Hintersinn

Der niedere oder der gemeine Sinn ist etwas, was wir aus persönlichen Motiven den Ereignissen anhängen. Sinn macht, was uns weiterhilft, was uns einen Erfolg gibt, was uns Freude bereitet, was uns mit anderen verbindet usw. Es gibt auf dieser Ebene die wichtige Unterscheidung zwischen dem Guten und dem Bösen. Wir können egoistischen und kurzfristigen Sinn darin finden, anderen zu schaden und uns auf ihre Kosten materiell oder emotionell zu bereichern. Der Sinn solcher Handlungen liegt darin, innere Ängste und Frustrationen zu überwinden. Er dient nur einem selber, während er anderen etwas wegnimmt. Das gute Handeln dagegen dehnt den Sinn vom Selbst zum Anderen aus. Es bereichert beide und wirkt wechselseitig.

Weiters gibt es noch so etwas wie einen Hintersinn, den wir mit psychologischen Methoden ausforschen können. Das Unbewusste hat seine eigene Sinnagenda, die der offiziellen Sinngebung nicht immer entspricht. In der psychologischen Innenerforschung oder mit therapeutischer Hilfe finden wir heraus, welche unbewussten Absichten unsere Handlungen antreiben, vor allem jene, die wir als störend, selbstwertschädigend oder sozial problematisch erleben. Indem wir den Hintersinn verstehen, lernen wir uns selber besser kennen und erweitern unsere Handlungsmöglichkeiten. Z.B. erkennen wir, dass wir unfreundlich zu einem unserer Kinder waren, weil wir von den eigenen Eltern in einer ähnlichen Situation abwertend behandelt wurden.

Der höhere Sinn

Einen höheren Sinn suchen wir, wenn uns gravierende Ereignisse, die uns in der Realität begegnen, unverständlich sind oder große Probleme bereiten, mit denen wir hadern und denen wir uns hilflos ausgeliefert fühlen. Vielen Menschen geht es während der gegenwärtigen Covid-Krise so – es gibt keine Verursacher, die einfach ausgeschaltet werden können, keine Strategien, die die Bedrohung restlos ausmerzen, und wir müssen massive Veränderungen und Einschränkungen in verschiedenen Lebensbereichen hinnehmen. 

Das zweite Thema, das dieser Tage in unserem Land präsent ist, ist der Terror, durch den völlig sinnlos Leben ausgelöscht werden, Verletzungen und Traumatisierungen entstehen. Manche Augenzeugen berichten, dass sie dazu auch andere Erfahrungen machten: Über die enorme Hilfsbereitschaft, über gegenseitige Unterstützung und geduldiges Annehmen der Situation bei vielen, die diese Nacht in irgendwelchen Kellern oder verbarrikadierten Lokalen zubringen mussten. Ein Betroffener sagte, dass ihn diese Erfahrungen im Erkennen des Guten im Menschen gestärkt haben – also eine Sinnstiftung aus dem Zentrum der Sinnlosigkeit. Die Sinnfrage führt in Paradoxien.

Wenn das, was geschieht, auf der individuellen Sinnebene jedem Sinn widerspricht, dann stellt sich die Frage, ob es nicht auf einer höheren Ebene einen Sinn gibt, der es erlaubt, die widrigen Umstände zu verstehen und mit ihnen in Frieden zu kommen.

Religiöse Sinnsysteme

Viele religiösen und spirituellen Lehren bieten einen solchen höheren Sinn an, der die Widersprüche des praktischen Lebens überwinden soll. Begnüge dich nicht mit dem, was dir in deiner kleinen Lebensperspektive mit ihrem Auf und Ab Sinn oder Sinnleere gibt, sondern suche den Sinn von allem in einem großen Ganzen: Das ist eine Perspektive, mit der viele Sucher auf den Weg gehen. Der Sinn kann z.B. darin gesehen werden, dass es einen Gott gibt, der das alles so eingerichtet hat und für den Sinn garantiert, auch wenn wir mit unserem beschränkten Geist nicht immer kapieren, worin er gerade liegt. Wir verlassen uns auf eine höhere Instanz, die uns einen höheren Sinn verspricht. 

Hier liegt das Problem in einer gewissen Redundanz. Gott ist die Sinninstanz. Alles, was wir nicht verstehen, versteht Gott. Wenn wir an ihn glauben, wird der Sinn mitgeliefert. Wir glauben also auch an die Sinnhaftigkeit der Welt mit all ihren Vorkommnissen, sobald wir an Gott glauben. Nichts und niemand jedoch garantiert uns, dass es diesen Gott überhaupt gibt. Er ist also nur eine Konstruktion unserer Glaubensimagination, und ebenso konstruieren wir den höheren Sinn, der von dieser Instanz beigestellt wird. Der höhere Sinn hängt also an der Existenz Gottes, die wir nur durch den Glauben sicherstellen können. Manche Theologen sprechen deshalb davon, dass sie glauben, weil es absurd ist. 

Außerdem löst der Gottesglaube die Frage nach der Akzeptanz und Sinnfindung in einem ganz wichtigen Bereich nicht: Wie ist es mit dem Bösen, das in der Welt geschieht, warum verhindert die göttliche Macht nicht jede Unmenschlichkeit? Was ist der Sinn in Mordanschlägen oder in Epidemien, die Menschenleben dahinraffen? Warum lässt ein Gott die Übel zu? Da braucht es umständliche und unbefriedigende Konstruktionen, eine weise und liebende Gottesvorstellung mit dem äußerst mangelhaften Zustand seiner Schöpfung in Einklang zu bringen. Gerade das Zurechtkommen mit den großen Herausforderungen der Menschheit und des individuellen Lebens erfordert intellektuelle Anstrengungen und das Begehen von verschlungenen Umwegen, bei denen der Sinn erst recht wieder auf der Strecke bleibt.

Es stellt sich zusätzlich die Frage, ob wir in der Sinnerwartung, die wir an Gott richten, nicht einem Autoritätsglauben folgen, der uns in der Kindheit selbstverständlich geworden ist. Als Kinder waren unsere Eltern die Haupt- und Zentralsinnstifter, gewissermaßen das Zentralorgan der Wahrheit und Sinnhaftigkeit wie die Parteizeitungen in Diktaturen. Andere konkurrierende Sinninstanzen sind erst später aufgetaucht. In unserer Unerfahrenheit haben wir anfangs alles für bare Münze genommen, was uns die Eltern beigebracht haben, ob es nun der Wirklichkeit und der emotional-sozialen Stimmigkeit entsprochen hat oder nicht. Es war jedenfalls eine relativ geschlossene Welt, in der die Sinnhaftigkeit von den Eltern garantiert war und die wir uns zurückwünschen, wenn wir als Erwachsene mit Unsicherheiten konfrontiert sind. Andererseits beinhaltet das Erwachsenensein die Fähigkeit, mit Ungewissheit zurechtzukommen. Wir neigen zur Regression, zum Flüchten ins Kindsein, wenn wir mit der Komplexität der erwachsenen Welt nicht zurechtkommen. Wir sind nie vollkommene Erwachsene und sollten uns dafür auch nicht verurteilen. Wir sollten uns allerdings bewusst sein, in welchem mentalen Zustand wir uns jeweils befinden, damit wir uns nicht selber täuschen und unsere Mitmenschen verwirren. 

Aus diesem Grund ist nichts falsch an einem Gottesglauben, wie auch am Nicht-Gottesglauben. Wir sollten uns bloß über die Motive im Klaren sein, die das Bedürfnis nach dem Glauben hervorbringt. Brauchen wir eine äußere Sinninstanz, die dem, was uns begegnet, einen höheren Sinn verleiht, dann können wir sie für den Zweck nutzen, uns mit Widrigkeiten auszusöhnen. Nutzen wir diese Sinninstanz nicht, so können wir auf anderen Wegen in Frieden mit der Wirklichkeit kommen.

Die Mystik und der Sinn

Der mystische oder spirituelle Zugang zu dieser Frage ist prinzipiell von religiösen Ansätzen verschieden. Religionen bieten Modelle oder Konstruktionen an, die aus etablierten Traditionen stammen, die meistens von göttlichen oder gottähnlichen Lehrern begründet wurden. Das Glauben selber ist zwar immer ein individueller Akt, aber bezieht sich auf vorgegebene Formen. Dazu kommt der Aspekt der Gemeinschaft der Gläubigen, die den vorgegebenen Modellen eine aktuelle soziale Unterstützung beistellt.

Beim genuin spirituellen Zugang geht es um die Bewusstheit im Moment, in dem, was jetzt gerade ist. Dieses jeweils aktuelle Erleben ist in sich sinnhaft, es braucht deshalb keine äußere Sinngebung oder zusätzliche Sinnperspektive. Im Moment der Erfahrung ist alles so, wie es ist, weder höher noch niedriger in seiner Sinnhaftigkeit. Jeder Moment ist einem anderen gleichwertig. 

Natürlich können wir diesen Grad an Bewusstheit nicht dauernd halten und fallen leicht durch Gewohnheiten, Ablenkungen und äußere Einflüsse heraus, die uns mit Sinnfragen konfrontieren. Wir fallen zurück in das Suchen nach Konzepten und Modellen, die uns verstehbar machen, was so schwer zu akzeptieren ist. Wir klammern uns an äußere Hilfen und Unterstützungsgerüste, um die Wirklichkeit annehmen zu können und handlungsfähig zu bleiben. 

Wir sollten uns in solchen Phasen nur darüber bewusst sein, dass wir gerade nicht unser volles erwachsenes Lebenspotenzial verwenden, sondern auf eine frühere Stufe unserer inneren Entwicklung zurückgegangen sind. Als Erwachsene benötigen wir keinen zusätzlichen Sinn, weil alles, was geschieht, seinen Sinn in sich trägt. Wir tun, was zu tun ist, nicht, weil es den Sinn vermehrt, sondern weil es aus unserem Inneren kommt und unserer Wirklichkeitserfahrung entspricht. Wenn uns unangenehme Erfahrungen begegnen, wenn wir uns mit Katastrophen und Krisen auseinandersetzen müssen, schauen wir darauf, was Abhilfe schaffen kann und setzen uns dafür ein statt nach dem Sinn zu suchen.

Was geschieht, im Außen und im Inneren, ohne oder mit unserem Zutun, braucht keinen Sinn. Sinn benötigen wir dann, wenn wir mit dem, was geschieht, in Zwiespalt geraten, indem wir nicht verstehen können und akzeptieren wollen, was uns die Wirklichkeit präsentiert. 

Zum Weiterlesen:

Vom Anfang und vom Ende der Sinnfrage

Krisenängste und ihr Jenseits


Freitag, 28. Dezember 2018

Die "Schande" und ihre Rolle bei der sozialen Kontrolle

In Märchen und Sagen wird oft ein entlarvter Missetäter „mit Schimpf und Schande“ verjagt. Das bedeutet eine ganz schlimme Demütigung, die den Ausschluss aus der Gemeinschaft verdient hat. Jede Würde ist verloren, und das Leben muss irgendwo anders von vorne begonnen werden. Was hat es mit der Schande auf sich?

Die Schande ist eine enge Verwandte der Scham. Sie trägt einen offizielleren Charakter, der viel mit öffentlicher und moralischer Bewertung zu tun hat. (Im Englischen oder Französischen gibt es übrigens diese Unterscheidung gar nicht.) Schande ist gewissermaßen die explizite, von außen kommende Form der Scham. Sie wird angewendet, wenn etwas geschehen ist, wofür sich jemand (innerlich) schämen müsste, während sich die Öffentlichkeit verpflichtet fühlt, das Geschehene als Schande zu brandmarken und den Täter der allgemeinen Verachtung preiszugeben.

Es gilt schon als Schande, wenn jemand sein Potenzial nicht ausschöpft und die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Es gilt erst recht als Schande, wenn jemand absichtlich und unverfroren Böses tut. Und ganz besonders gilt es als Schande, wenn jemand moralische Normen übertritt. Jedes angeprangerte Fehlverhalten, für das sich jemand schämen sollte, kann von den Mitmenschen als Schande bezeichnet werden.

Aber nicht nur Einzelpersonen können Schande auf sich laden. Es wird von vielen als Schande angesehen, wie die Schweiz in der Zeit des Nationalsozialismus schutzsuchende Juden abgewiesen hat. Ebenso können wir es schändlich finden, wenn reiche Länder asylsuchende Jugendliche ausweisen, die sich jahrelang im Integration bemüht haben, die Sprache erlernt und Ausbildungen absolviert haben. Und es darüber hinaus grenzt es an ein schändliches Verbrechen, wenn Behörden solche Schritte setzen, wissend, dass abgeschobene Asylsucher in manchen Rückkehrländern mit hoher Wahrscheinlichkeit bald umgebracht werden.


Schändliche Sexualität


Eine enge Verbindung gibt es zwischen dem Sexualverhalten und der Schande, vor allem dort, wo dieses Verhalten einer starken moralischen Kontrolle unterliegt. In ländlichen Gegenden galt es durch den Einfluss der katholischen Kirche vor einigen Jahrzehnten noch als schändlich, wenn Kinder unehelich empfangen und geboren wurden. Im katholischen Irland wurden den Müttern unehelich geborene Kinder systematisch von der Kirche weggenommen und in Heimen ausgebeutet, wenn nicht überhaupt umgebracht. Soweit die Macht der katholischen Kirche reichte: Wer aus welchen Gründen auch immer die Norm nicht einhielt, dass Kinder in einer aufrechten Ehe empfangen und geboren werden müssen, wurde sozialer Verachtung und Ausgrenzung ausgesetzt, die bis zur physischen Vernichtung reichte.

Hier spielt die seltsame Einschränkung und Moralisierung der Sexualität in der christlichen Tradition die maßgebliche Rolle, die man selber schändlich finden kann. Sexualität gilt nach dieser – ca. 300 Jahre nach Jesus Christus in das junge Christentum eingeführten – leibfeindlichen Auffassung als sündige Fleischeslust, die einzig zur Fortpflanzung als notwendiges Übel gerechtfertigt ist und dafür den Bestand einer ehelichen Gemeinschaft erfordert. Im Grund beginnt nach dieser Theorie die Schande schon dort, wo jemand die Sexualität als solche genießt, ohne mit ihr einen Vermehrungszweck zu verfolgen. Doch öffentlich sichtbar und damit zur Schande wird das Fehlverhalten, wenn es zur Schwangerschaft ohne ehelichen Kontext kommt.


Der Schatten fällt auf das Kind


Welche Auswirkungen kann die Schande auf das empfangene Kind haben? Wenn die Umstände des eigenen Lebensanfangs unter einem moralischen Problemdruck standen, weil sie von den Eltern und ihrer Umgebung als Schande erlebt wurden, kann sich dieses dunkle Gefühl über die Seele des Kindes breiten und dessen Leben überschatten. Das menschliche Zellgedächtnis speichert die Gefühle und Einstellungen der Eltern am Anfang des neuen Lebens und bewahrt sie im Unterbewusstsein auf. Von dort aus wirken sie als Hemmungen und Blockierungen später im Leben weiter. 

Als Folge kommt es zu Beeinträchtigungen für den Selbstwert und das Selbstvertrauen. Betroffene Personen haben auf einer tiefen Ebene das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist und dass sie keinen vollwertigen Platz in der Gesellschaft einnehmen dürfen. Sie müssen sich dauernd beweisen und denken dennoch, dass sie nicht genug tun. Ihre Aufmerksamkeit ist stark auf das Außen bezogen, auf die Angemessenheit des eigenen Tuns und die Reaktionen der anderen Menschen darauf. Sie neigen dazu, sich selber zu überwachen und leiden an einer latenten Angst, etwas Unrechtes oder zu wenig des Guten zu tun. 

Der Schatten der Schande kann eine destruktive Lebensspannung in Gang setzen, die in manchen Phasen stärker und in anderen schwächer aktiviert wird: Wegen des mangelnden Selbstvertrauens gelingt wenig im Leben, und in der Eigenwahrnehmung sehen alle Anderen diesen Mangel überdeutlich mit ihren kritischen und abwertenden Augen, was wiederum die eigene Motivation schwächt. Es kann über einige Zeit gelingen, sich immer wieder anzustrengen, um in der Gesellschaft Anerkennung zu gewinnen, aber viele Bemühungen werden oft vor dem Erfolg abgebrochen, wie z.B. bei einem Studienabbruch – gleichsam um der Außenwelt zu beweisen, dass man es nicht Wert ist, Erfolg zu haben. 

Diese selbstquälerische Dynamik kann dann schließlich in Burnout und Depressionen versiegen. Damit stellt sich erst recht ein Zustand her, der subjektiv stark mit Scham verbunden wird und, von außen betrachtet, als Schande. Ähnlich wie bei der Scham, entfaltet die Schande ihre selbstschädigende Wirkung, indem von den anderen Leuten vermutet wird, dass sie heimlich mit dem Finger auf einen zeigen und „Was für eine Schande!“ rufen, wodurch dann die eigenen Gefühle der Minderwertigkeit und moralischen Unzukömmlichkeit ausgelöst werden. Es findet keine Realitätsprüfung statt, indem nachgefragt würde, was andere Menschen wirklich über einen selbst denken, wie sie werten und urteilen. Die vermuteten Verurteilungen werden ohne Widerspruch angenommen. Da diese Vorgänge unbewusst ablaufen, findet auch keine Konfrontation mit der Realität statt, in der geklärt werden könnte, wem überhaupt ein Urteil über die eigene Person zusteht und nach welchen Wertkriterien dieses gerechtfertigt wäre.


Die ererbte Schande


Die ererbte Schande gehört zu den Eltern, die sich durch ihre Handlungen einem sozialen Druck ausgesetzt haben. Wenn jemand, der von dieser Form der Schande betroffen ist, erkennt, dass die Last auf dem eigenen Leben eigentlich ins Leben der Eltern gehört, löst sich der Schatten. Aus Liebe zu den belasteten Eltern nehmen die Kinder die Lasten der Eltern auf sich, in diesem Fall die Schande. In einem nächsten Schritt darf und muss den Eltern die Last zurückgegeben werden, wodurch das eigene Leben erleichtert und befreit wird.

Aus dieser Einsicht heraus wird dann erst deutlich, in welcher Zwangslage zwischen Leidenschaft und rigider Sexualkontrolle sich die Eltern befanden. Das Verständnis für den Mut der Eltern, sich für ihre Gefühle gegen die gesellschaftlichen Zwänge zu entscheiden, kann den Weg zur Dankbarkeit für das eigene Leben öffnen: trotz widriger Anfangsbedingungen sind viele Kräfte und Potenziale mit auf den Weg gegeben worden, die es, unbeschadet aller Schatten, zu nutzen gilt.

Das Einnehmen und Verstehen dieser Perspektive fördert das Engagement, mit dem solche menschenfeindlichen sozialen Normierungen und Kontrollvorkehrungen angeprangert und relativiert werden können. Mit diesem Bewusstsein wird der Vergangenheit mit ihren moralischen Verengungen die Macht über das eigene Leben genommen. 


Repressive Normen


Generationen haben unter Normen gelitten, die einem stark reduzierten und repressiven Menschenbild entsprungen sind. Eigentlich gehört dieses Menschenbild zu einem System gesellschaftlicher Zwänge, das in vormodernen Zeiten maßgeblich war. Damit das Erbrecht im landwirtschaftlichen Bereich das Weiterbestehen von ausreichenden Flächen gewährleisten kann, wurden die ehelichen und die unehelichen Kinder strikt unterschieden („mit Kind und Kegel“). Die einen erbten, die anderen nicht; die einen waren geachtet, die anderen verachtet. Den unehelichen Kindern wurde gewissermaßen die „Schandtat“ der Eltern umgehängt, als wären sie schuld daran, und sie waren deshalb dazu verurteilt, ein Leben lang die untersten Arbeiten zu verrichten, ohne jede Chance, selbst heiraten und einen Hof führen zu können. 

Immer wieder im Verlauf der Geschichte können wir solche Produktionen und Proklamationen von schändlichem Verhalten zum Zweck der Herrschaft und des Machterhalts beobachten. Den beherrschten Menschen werden Ängste eingeredet, damit sie ihre spontanen oder auch überlegten Impulse unterdrücken und kontrollieren und damit sie ein Misstrauen untereinander sowie zu sich selbst entwickeln. Menschen, die einander nicht vertrauen können, sind leichter zu beherrschen. Vor allem in Hinblick auf die Sexualmoral hat die Kirche dabei eine Schlüsselfunktion in der Machtausübung übernommen und über viele Jahrhunderte ausgespielt.

Die fehlende Einsicht in die historische Bedingtheit dieser Zusammenhänge ist mit verantwortlich dafür, dass die kirchlich verordnete Sexualkontrolle weiter wirken konnte, auch wenn sich die sozioökonomischen Umstände schon lange verändert hatten und das bäuerliche Erbrecht kaum mehr eine Rolle spielte. Umgekehrt haben die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Landwirtschaft und den damit verbundenen sozialen Regulierungen nur mehr eine Randfunktion überließen, auch zum rapiden Einflussverlust der Kirchen und der von ihnen vertretenen Moralvorstellungen geführt. Immer weniger Menschen billigen der Religion eine Mitsprache bei ihren Entscheidungen und Werten zu, offenbar unter dem Eindruck des massiven Schadens an den Seelen der Menschen, den die beschränkten und beschränkenden Gebote, die mit Hilfe des Instruments der Schande durchgesetzt wurden, hinterlassen haben. Niemand will sich heute noch wegen sexueller Vorlieben und Leidenschaften an einen moralischen Pranger stellen lassen, noch dabei mitwirken, dass gegen andere so verfahren wird. Solange sich die involvierten Personen mit Respekt und Achtung begegnen und solange die Verantwortung für entstehende Schwangerschaften gemeinsam übernommen wird, braucht es auch keine übergeordnete Normierungen und braucht es keine Vorgabe von Beschämung und keine Erklärungen von Schande in diesem Bereich.


Die „Rassenschande“


Als besonders bösartiges Beispiel des Missbrauchs der Schande für ideologische Zwecke sei hier der von den Nationalsozialisten propagierte Begriff der „Rassenschande“ erwähnt. Der Geschlechtsverkehr zwischen „Ariern“ und Juden wurde als „Schändung des deutschen Blutes“ (damit auch als Blutschande) dargestellt und ab 1935 unter Strafe gestellt. Der Begriff der Rassenschande diente zur Vorbereitung der systematischen Vernichtung der Juden im Dritten Reich.  Erfolgreich wurden mit den Mitteln der Propaganda soziale Ängste aufgebaut, indem Handlungen auf einmal massiv in aller Öffentlichkeit als Schande bezeichnet wurden, die vorher niemanden gestört hätten. Menschen auf dieser Weise mit Schimpf und Schande der öffentlichen Beschämung preiszugeben, war ein erster Schritt, sie ihrer Menschenwürde zu entkleiden; wer keine Würde hat, dessen Leben ist nichts mehr wert.

Mit dieser Indienstnahme der Schande als politisches Machtmittel griff der Nationalsozialismus, wie auch in anderen Bereichen, auf vormoderne gesellschaftliche Konventionen zurück. Damit wurden vor allem bei verunsicherten Menschen tiefer liegende Gefühlsschichten angesprochen, die dann als zerstörerische Brutalität zum Ausdruck kamen. Der Faschismus wird von vielen Forschern als Reaktion auf die Modernisierung der Gesellschaft und Wirtschaft verstanden, und von daher wird es auch verständlich, warum er sich extrem konservativer Wertvorstellungen bedient. Denn zur Modernisierung gehört die Schwächung der traditionellen freiheitsbeschränkenden Werte und der Aufbau und die Verbreitung der grundlegenden Menschenrechte.


Befreiung durch Modernisierung


Der Modernisierungsschub durch die Industrialisierung seit dem 18. Jahrhundert hat viele Menschen aus den Fesseln von moralischen Zwängen befreit und dem personalistischen Bewusstsein mit den Werten der Toleranz und der Entdiskriminierung zum Durchbruch verholfen. Der kreativen menschlichen Individualität wurde dadurch mehr Einfluss auf die Kulturentwicklung gegeben. Der Preis war allerdings die Entfremdung von der Natur, mit der frühere Gesellschaften noch enger verbunden waren.

Der Begriff der Schande hat seinen Anwendungsbereich seither von der Bewertung des individuellen Tuns mehr in den kulturellen und politischen Bereich verlagert, ausgenommen der Bereich der Kriminalität und Gewalttätigkeit. Was die Varianten der menschlichen Verhaltensweisen im Bereich der Sexualität anbetrifft, herrscht heutzutage viel mehr Toleranz, sodass Beurteilungen, die hier mit Schade operieren, antiquiert und verschroben klingen. Damit steigt der wechselseitige Respekt und die Achtung der Menschen füreinander, ein Beitrag zum sozialen Frieden.