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Dienstag, 16. Juli 2024

Faschismus - eine Annäherung an den Begriff

Rechtsextreme Strömungen sind im Aufwind, lesen wir jeden Tag. Woran erkennen wir, zu welchem Teil des politischen Spektrums eine bestimmte politische Partei gehört? Und was hat der Begriff Faschismus damit zu tun? In der aktuellen Debatte werden immer wieder den Begriff des Faschismus verwendet, ohne dass es klar ist, was damit gemeint ist. Denn auch die Rechte nutzt den Begriff, indem sie z.B. vom Woke-Faschismus oder vom Linksfaschismus spricht. Wir werden uns deshalb hier etwas eingehender mit dem Faschismus und seinen Grundelementen beschäftigen und dazu auch psychologische Hintergründe beleuchten. Damit kann mehr Klarheit geschaffen werden, um den Begriff treffsicher und sinngetreu zu verwenden, statt ihn bloß als Waffe im ideologischen Kampf zu benutzen.

Ich nutze hier eine Sammlung von zentralen Elementen, mit denen Jason Stanley, Philosophieprofessor in Yale, in einem Artikel im Standard den Begriff „Faschismus“ bestimmt hat. Wie wir wissen, stammt der Ausdruck aus Italien, wo er nach dem ersten Weltkrieg von Mussolini und seinen Parteigängern geprägt wurde. Er kommt aus der römischen Bezeichnung für die Rutenbündel der Liktoren, den fasces. Diese symbolisierten seinerzeit die Macht über Leben und Tod.

In der historischen Forschung ist der Begriff umstritten, weil er nur von Mussolinis Partei verwendet wurde. Doch gibt es gerade in der Zwischenkriegszeit eine Reihe anderer Bewegungen, die sich am italienischen Faschismus orientiert haben. Auch heute noch übt das Modell für viele eine große Anziehung aus, obwohl sich die Zeitbedingungen sehr verändert haben. Es sind aber die emotionalen Kernthemen, die unverändert attraktiv sind.

1) Das erste Element des Faschismus besteht in der Verklärung einer mystischen oder mystifizierten Vergangenheit. Was war, war auf geheimnisvolle Weise besser und muss deshalb wiederhergestellt werden. Alles, was schlecht in der Vergangenheit war, wird ausgeblendet und in die Gegenwart eingeblendet. Damit werden rückwärts gewendete Sehnsüchte von Menschen bedient, die glauben, dass sie im Vergleich zur Vergangenheit verloren haben – an Wohlstand, Sicherheit, Status. Es handelt sich im Grund um eine Form der Verklärung der Kindheit, die besonders bei Menschen auftaucht, die eine schwere Kindheit hatten, aber sich einbilden und einreden können, dass sie wunderbar war. Die Verdrängung des Leides der Vergangenheit wirkt in diesen Fällen so, dass Leid nur in und an der Gegenwart wahrgenommen wird.

2) Das zweite Element besteht im hemmungs- und schamlosen Einsatz von Propaganda, bei der es nicht um Wahrheit geht, sondern um den Gewinn von Sympathie. Fakten zählen nicht, wichtig ist nur, dass Anhänger mobilisiert und abhängig gemacht werden. Sie sollen auf einer emotionalen Ebene erreicht werden, indem ihr Zorn und Hass durch manipulierte Informationen mobilisiert wird. Dazu ist jedes Mittel recht. Lügen und Faktenverdrehungen werden systematisch und skrupellos eingesetzt. 

Wer von Kindheit an gewohnt ist, manipuliert, belogen und getäuscht zu werden, verliert das Gespür für den Unterschied zwischen wahr und falsch und glaubt, dass jeder Mensch egoistisch mit allen Mitteln der Wahrheitsverdrehung zu seinem Vorteil kommen will, und deshalb bleibt einem selbst nichts anderes übrig, als genauso vorzugehen. Selbstsüchtige Eltern prägen selbstsüchtige Kinder.

3) In die gleiche Kerbe schlägt das nächste Element, der Anti-Intellektualismus. Alle, die im Bildungssystem zu kurz gekommen, benachteiligt oder abgewertet wurden, finden ein Ventil für die Kränkungen im faschistischen Affekt gegen die „Eliten“, die Oberen, die Besserweggekommenen, die überheblichen Besserwisser. Sie sollen gedemütigt und entmachtet werden, als Rache für die eigenen Frustrationen. Der Generalverdacht und die Feindschaft gegen die Wissenschaften haben hier ihre Wurzeln.

Statt wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu nutzen, wird an Verschwörungstheorien geglaubt, die einfache Welterklärungsmodelle liefern, z.B. eine kleine Gruppe von Menschen regiert heimlich die ganze Welt. Abgesichert werden diese Theorien mit paranoiden Konstruktionen: Alles, was der Theorie widerspricht, oder alle, die dagegen sind, sind selber Teil der Verschwörung. Es gibt keine Korrekturmöglichkeiten bei diesen Theorien, sie gelten absolut und geben deshalb eine Sicherheit gegenüber den Wissenschaften, die alles in Frage stellen.

4) Beim nächsten Element geht es um die Betonung gesellschaftlicher Hierarchien, also um eine klare Abstufung von Über- und Unterordnung. Die Gedanken von Gleichheit und Gleichberechtigung werden abgelehnt, weil sie Unsicherheit erzeugen. Hier drückt sich der Wunsch nach einer eindeutigen Elternautorität aus, die in der Kindheit gefehlt hat. Die Demokratiefeindlichkeit der Faschisten ist die größte Gefahr, die von ihnen ausgeht, denn sie will der Willkür, die sich hinter den Bestrebungen nach klaren Hierarchien versteckt, Tür und Tor öffnen.

Demokratie wird in der Kindheit gelernt, oder sie wird nicht gelernt. Eltern, die ihre Kinder grundsätzlich achten und ihnen auf verschiedenen Ebenen als gleichrangig begegnen, geben ihren Kindern ein Wert- und Toleranzgefühl mit, das ihnen hilft, intuitiv die Grundidee der Demokratie zu verstehen. 

5) Daran reiht sich das nächste Element an: Der Ruf nach Recht und Ordnung. Da die Gegenwart als unsicher erlebt wird, muss die Exekutive gestärkt werden, die jede Störung der vorgegebenen Ordnung unterbindet. Damit soll die Gesellschaft auf ihrem gegenwärtigen Stand eingefroren werden, weil jede Veränderung noch weiter von der heilen Vergangenheit wegführen würde. Die Beschwörung von law and order kann so weit gehen, dass die rechtsstaatlichen Normen oder die Menschenrechte missachtet werden (vgl. den Ruf nach der Aufhebung des Asylrechts, der von rechtsgerichteten Parteien erhoben wird, oder die Eingriffe in die Unabhängigkeit der Rechtsinstanzen in Ländern, die von rechten Parteien regiert werden, oder der Sturm auf das Kapitol nach der Abwahl von Trump in den USA).

Erwachsene, die als Kinder in einem Regime von absolut geltenden Regeln aufgewachsen sind, neigen einerseits zur Rebellion und andererseits zur Unterordnung. Die faschistische Richtung deckt beides ab: Rebellion gegen die „Eliten“, also die ungerechten und selbstsüchtigen Eltern, und Unterordnung unter die Partei oder die Führer, die die guten Eltern repräsentieren, die man sich immer gewünscht hat.

6) Faschisten und Anhänger des Faschismus fühlen sich immer in einer Opferrolle – historisch betrachtet als Angehörige einer Nation, der Ungerechtigkeit widerfahren ist, oder sozial als Mitglieder einer Schicht oder Gruppe, die benachteiligt ist. Die angenommene Opferrolle kann nur durch die Übernahme einer Täterrolle ausgeglichen werden, und das ist die Wurzel der Gewaltbereitschaft, die Teil aller faschistischen Bewegungen ist.

Auch hier ist wieder einsichtig, dass die Opfererfahrung als Kind (z.B. durch eine Form des Missbrauchs) auf die eigene Gesellschaft als ganze übertragen wird.

7) Das nächste Element bezieht sich auf die Rolle der Sexualität. Hier wird einem patriarchalen Muster gefolgt, das in diesem Bereich Sicherheit geben soll. Es bleibt die Welt der Männer starr getrennt von der Welt der Frauen, und ebenso starr soll die Machtverteilung mit der Bevorzugung der Männer bestehen bleiben. Deshalb werden alle Bestrebungen des Feminismus ebenso bekämpft wie die Homosexualität und alle nichtbinäre Formen sexueller Orientierung. 

8) Ähnlich wie die Verklärung der Vergangenheit wirkt die Verherrlichung des Landlebens, das mit einer „natürlichen“, „gesunden“ Lebensform in Verbindung gebracht wird. Aus den Städten kommt alles Schlechte, sie sind der Ursprung von allem Unheil und vom Verfall der Sitten. Das wirkt wie ein Nachhall aus der Entstehung des Kapitalismus, durch den viele ihr Land verlassen mussten, um in den Städten Arbeit zu finden und in erbärmlichen Wohnverhältnissen zu leben. Das Leben am Land wird als Idyll gesehen, wie eine schöne Kindheit, die es nie gegeben hat oder die für immer verloren ist. 

In diesem Aspekt knüpft der Faschismus an die Strömungen der Romantik an, die zu Beginn der Industrialisierung mit der Idealisierung der Vergangenheit und des ländlichen Glücks ein melancholisches Zeitgefühl wiedergegeben haben. Die Romantik war im 19. Jahrhundert aber mit dem Liberalismus in der Ablehnung von autoritären Obrigkeiten verbündet. Dieser herrschafts- und machtkritische Aspekt ist in der faschistischen „Romantik“ völlig verschwunden.

9) Schließlich gibt es in der Vorstellungswelt der Faschisten einen klaren Unterschied zwischen den „Anständigen“ und „Fleißigen“ und den „Unanständigen“ und „Faulen“. Die Anhänger dieser rechtsextremen Richtung sehen sich auf der einen, der sauberen Seite und verachten die anderen, die sich nicht ihren Vorstellungen von Rechtschaffenheit und Fleiß fügen, die allerdings oft nur oberflächlich behauptet und vertreten werden. Denn auch Vertreter des Faschismus, die den Anstand im Mund führen, verhalten sich oft schamlos, wenn es um Gewalt oder Sexualität geht, oder liegen auf der faulen Decke, ohne zu merken, dass sie auf der Seite jener gelandet sind, die sie verachten. Das binäre, dichotome Schema ist typisch für ein faschistisches Weltbild, das immer eine Eindeutigkeit vorgeben möchte, die es in der Wirklichkeit nie gibt.

10) Mir erscheint noch ein weiteres Merkmal wichtig: Die Abneigung gegen Kunst, vor allem was ihre modernen Strömungen anbetrifft. Offenbar bedrohen Kunstrichtungen, die die normalen Wahrnehmungsgewohnheiten herausfordern, das Sicherheitsgefühl, das für Menschen mit faschistischen Neigungen das wichtigste ist. Außerdem kann die Kunst nie in ein Schwarz-Weiß-Schema von Gut und Böse eingepasst werden, wie es von Faschisten bevorzugt wird, sondern sie hat die Aufgabe, die Übergänge, Schattierungen und Nuancen darzustellen und dadurch die Rahmensetzungen, die durch die Konventionen errichtet wurden, zu überschreiten und zu sprengen. Die Verunsicherung, die jede Form von lebendiger Kunst auslösen will, ist allen Faschisten ein Dorn im Auge. Die Ursache für den Hass auf neuartige Kunstwerke kann in der Unterdrückung der kindlichen Kreativität durch verständnislose Eltern gefunden werden.

Aus all diesen Elementen wird klar, dass der Faschismus mit der Demokratie nicht verträglich ist. Genauer gesagt, sind seine Programme antidemokratisch. Alle faschistischen Bewegungen streben danach, die Macht bei sich zu monopolisieren, um dann die Demokratie abschaffen zu können, die durch ein autoritäres System ersetzt werden soll. Deshalb können demokratische Systeme nur dann überleben und weiterentwickelt werden, wenn der Einfluss der Rechtsparteien zurückgedrängt und verkleinert wird. Unabhängige Medien, die der Faktizität verpflichtet sind, unabhängige Wissenschaften, die die hohen Standards der Forschung folgen, und das Aufwachsen von jungen Generationen, die die Werte der Freiheit und Toleranz zu schätzen wissen und gegenüber propagandistischen und ideologischen Verführungen eine kritische Distanz wahren können, sind Garanten für den Fortbestand der Demokratie und für die Eindämmung der rechten Demokratiefeinde.

Der Faschismus und die mit dieser Ideologie verbundenen Rechtsparteien können außerdem wegen ihrer Rückwärtsgewandtheit und Wissenschaftsfeindlichkeit keine Lösungen für aktuelle und für voraussehbar kommende Probleme anbieten. Empirisch konnte nachgewiesen werden, dass rechtsgerichtete Regierungen in der Regel mit ihrer Wirtschaftspolitik die soziale Ungleichheit verstärken, also die wirtschaftliche Lage ihrer Anhänger verschlechtern. Rational betrachtet, gäbe es für niemanden einen Grund, rechte oder faschistische Parteien zu wählen. Deshalb liegt die einzige Chance für faschistische Strömungen, um an die Macht zu kommen, darin, die Gefühle der Menschen mit allen Mitteln der Propaganda und des systematischen Lügens zu manipulieren. Und deshalb liegt das Hauptgegengewicht gegen die rechten Strömungen nicht nur in der Aufrechterhaltung der Rationalität und des vernunftgeleiteten Diskurses, sondern auch in der Bewusstmachung und Aufarbeitung der emotionalen Hintergründe und Triebkräfte, die Menschen nach rechts abdriften lassen.

Freitag, 31. Juli 2020

Die Liebenden im 21. Jahrhundert

Die Liebenden“ bilden einen der klassischen Archetypen. Sie repräsentieren das Urbild und und zugleich die Idealform einer gelingenden Beziehung zwischen zwei Menschen. Vorzüglich geht es um Paarbeziehungen, aber auch alle anderen zwischenmenschlichen Beziehungen haben mit diesem Archetypen zu tun. Schließlich geht es auch um die Selbstbeziehung, um die Innendimension, die bei jeder „Außenbeziehung“ mitspielt.

Die Spannung, die mit jedem der Archetypen bezeichnet wird, hängt damit zusammen, dass der zeitlose Inhalt – das „Lieben“ als solches – mit den eigenen persönlichen Prägungen und dem kulturellen Entwicklungsstand in Verbindung gebracht werden muss. Was unter Liebe zu verstehen sei, ist einem Wandel in der Zeit unterworfen und muss fortwährend neu erschlossen und erarbeitet werden. Hier möchte ich ein paar Gedanken entwickeln, die mit dem Liebesbegriff unserer Zeit zu tun haben.


Das romantische Liebesideal


Unser Liebesideal ist stark von der Romantik geprägt, das zeigt uns jeder amerikanische Liebesfilm und jeder Romanbestseller. Ob ich glücklich bin im Leben, hängt davon ab, ob mich ein anderer Mensch vollständig und abgöttisch liebt. Wir wissen natürlich, dass solche Liebeserwartungen aus kindlichen Frustrationen abstammen, die aus der mangelnden Fähigkeit unserer Eltern im Bereich der „interaktiven Affektregulation*“ entstanden sind. In dem Maß, wie sie unsere emotionalen Bedürfnisse missverstanden oder übersehen haben, bilden sich innere Löcher, die dann durch erwachsene Liebesbeziehungen gefüllt werden sollten. 

Die romantische Liebe ist also geprägt vom Illusionsmodell der Füllung frühkindlicher emotionaler Löcher und Mängel, vom Versprechen, dass es irgendwo auf der Welt den Menschen gibt, der alles hat, was unser inneres verhungertes Wesen entbehrt. Diese Form der Liebe ist eng mit einer Sehnsucht verknüpft, die nie zufrieden ist und immer weiter suchen muss. Die Sehnsucht besagt, dass es einmal ein Ende geben müsste mit dem Leiden an der Liebe und der Frustration. Deshalb reimt sich Herz und Schmerz im Kitsch und deshalb geht jede Liebeskomödie und jedes Liebesdrama durch Phasen der Distanzierung und Verletzung und findet dann vielleicht zum Happy-End oder auch nicht. Denn in der Sehnsucht ahnen wir auch, dass wir einer Illusion nachrennen.

Im Ideal der romantischen Liebe steckt eine weitere Sehnsucht, die angesichts der steigenden Erwartungen an das Glücksversprechen Beziehung immer wichtiger wird. Es ist die Sehnsucht nach Unbefangenheit und Unschuld in der liebenden Begegnung. Sie befindet sich in einem Spannungsbogen zu den Ungewissheiten und Unsicherheiten im Feld der Begegnung, das oft einem Minenfeld gleicht: Eine falsche Bewegung, und die Bombe geht hoch. Ein Wort, ein Blick, eine Berührung, als lieblose Botschaft interpretiert, und schon ist die Liebe dahin. Kleine Fehler oder Missverständnisse können desaströse Konsequenzen haben.

Woher kommt die hohe Sensibilität und Empfindlichkeit, die wir in die Beziehungen hineinbringen? Woher kommt die Erwartung, dass bis in die kleinsten kommunikativen Nuancen ein optimales Eingehen auf die eigenen Bedürfnisse als selbstverständlich vorausgesetzt werden darf? Über viele Jahrhunderte zumindest der europäischen Geschichte war die liebevolle und zärtliche Liebesbeziehung, wie wir sie heute als trendsetzende Norm annehmen, die seltene Ausnahme. Ehepartnerschaften waren ökonomische Zweckgemeinschaften verbunden mit der Aufgabe, Kinder zu kriegen, die die eigene Altersversorgung absichern. Die wirtschaftlichen Überlebenszwänge waren so mächtig, dass sich ihnen alle emotionalen Befindlichkeiten unterordnen mussten.

Die Verfeinerung der Menschenrechte


Erst durch die Entlastung von diesen Zwängen, die durch die Phasen der Industrialisierung für immer mehr Menschen möglich wurde, konnte das romantische Liebesideal zum Leitbild werden, zum Maßstab für ein gelungenes Leben. Zugleich bewirkt die umfassende Absicherung der Existenz, wie sie in unserer Wirtschaftsform angestrebt wird, das Zutagetreten der feineren emotionalen Bedürfnisse, die in den Liebesbeziehungen erfüllt werden sollen. Da wir von vielen Existenzsorgen freigespielt sind, melden sich die tieferliegenden Mängel in den Emotionalkörpern. Der Fortschritt in der inneren Befreiung muss weitergehen. Es genügt nicht, dass die Menschenrechte auf einer allgemeinen Ebene respektiert werden, vielmehr ist das Ziel, alle Ebenen des Zusammenlebens mit Achtung und Wertschätzung zu durchdringen – ein hehres Ideal, das oft schon im Beziehungsalltag an Kleinigkeiten scheitern kann.

Die hohe Sensibilität vieler Menschen, Folge früher oder oft über Generationen weitergegebener Traumatisierungen, wird zunehmend als besondere Persönlichkeitsqualität geachtet und nicht mehr als z.B. „hysterisch“ pathologisiert. Denn es braucht sensible Menschen, damit subtile Machtstrukturen und Abwertungsmechanismen aufgedeckt werden können, die andere für selbstverständlich halten und ohne Hinterfragung praktizieren. Symptome dieser Entwicklung sind die Verfeinerung und Verschärfung von Standards, Verhaltensweisen – vor allem im sexuellen Bereich – an den Pranger zu stellen, die vor längerer Zeit gängig, vor kürzerer Zeit Kavaliersdelikt waren, und jetzt strafbar geworden sind.

Systematisch werden die Verzweigungen des patriarchalen Machtgefälles zwischen Männern und Frauen thematisiert und in der Öffentlichkeit diskutiert, und nur mehr rechtsgerichtete Politiker oder Publizisten können sich leisten, die Patriarchen in Schutz zu nehmen (und müssen mit Shit-Storms rechnen). Es ist ein Fortschritt über Bewusstsein der Menschenrechte, dass Macht, die ohne sachlichen Grund über Menschen ausgeübt wird, eingeschränkt werden muss. Menschen können Macht ausüben, indem sie Hass in sozialen Medien verbreiten oder Fotos von Intimbereichen machen und veröffentlichen. Das nicht mehr als bloß unangenehme Zeiterscheinung, sondern als Delikt gegen die Menschenrechte anzusehen, ist eine notwendige Entwicklung, um die Rechte der Personen und damit ihre Integrität effektiv zu schützen.

Sensibilität und Toleranz


Diese Entwicklung zu einer menschengerechteren Gesellschaft, die vom Wunsch nach mehr Liebe getragen ist, führt andererseits dazu, dass die individuellen Ansprüche steigen und damit die Möglichkeiten für Missverständnisse und Konflikte in Beziehungen anwachsen. Der  Zugewinn an Feinfühligkeit und Sensitivität kontrastiert mit einem Mangel an Toleranz für jede Unsicherheit oder Unbeholfenheit. Die neuen Standards werden oft mit der Wut eines hilflosen Kleinkindes eingefordert, und die erwachsene Person kombiniert sie mit der Drohung des Beziehungsabbruchs.

Wir brauchen also auch ein Weiterwachsen in der Kultur der Toleranz und der Nachsichtigkeit. Emotionale Lernprozesse entwickeln sich in ihren eigenen individuellen Geschwindigkeiten und nicht nach der Maßgabe von überzogenen Erwartungen und emotionalem Druck. Beides also, die Verfeinerung in der Thematisierung von kommunikativen Unstimmigkeiten und Lieblosigkeiten und die Kraft, sie auszuhalten ohne auszurasten, ist notwendig, um Liebesbeziehungen im 21. Jahrhundert in Balance halten zu können. Wir brauchen eine angemessene, gewaltfreie Sprache, um unsere individuellen Bedürfnisse und Erwartungen im Dialog abzustimmen und damit Räume für die liebende Begegnung öffnen.

* Unter der interaktionellen Affektregulation (nach Allan Shore) versteht man konkordante, auf die Bedürfnis- und Gefühlslage des Babys abgestimmte Reaktionen der Eltern, die die Grundlage für das Erlernen der schrittweisen Regulation der Gefühle beim Baby bilden. In den gelungenen affektiven Interaktionsprozessen zwischen Mutter und Kind wachsen die entsprechenden neuronalen Verschaltungen, die es dem Kind zunehmend erlauben, seine Gefühle in den Griff zu bekommen und eine erfüllte Selbstbeziehung aufzubauen. Näheres dazu in meinem neuen Buch: „Die Scham, das geheimnisvolle Gefühl“ (im Erscheinen).

Freitag, 23. August 2019

Durch Ambivalenzen wachsen

Wir sind widersprüchliche, keine aus- und durchharmonisierte Wesen. In unserem Fühlen, Wollen und Denken melden sich unterschiedliche und oft gegensätzliche Strebungen. Stellen wir uns ein voll harmonisches Musikstück vor, ohne Gegensätze und Spannungen – wie lange braucht es, bis es uns fad wird? Die Musik wird lebendig, wenn der jeweils nächste Ton als Überraschung kommt, einen unvorhersehbaren Akzent trägt und möglicherweise dem entgegensteht, was vorher war. Auch ein Bild ohne Kontraste vermag uns nicht zu fesseln. Und Romane brauchen alle paar Seiten unvorhersehbare Wendungen, damit wir sie nicht weglegen. Kreativität entsteht, wenn ein gewohnter Verlauf unterbrochen wird, nicht wenn er gleichmäßig und vorhersagbar weiterfließt. 

Wir brauchen also einige Toleranz für Ambivalenzen, falls wir kreativ sein wollen. Wir müssen es aushalten können, dass wir uns in ein unbekanntes Terrain begeben, in dem uns Überraschungen begegnen, die angenehm oder unangenehm sein können. Mit dieser Bereitschaft können wir die Widersprüchlichkeiten in unserer inneren Erfahrungswelt nutzen und in interessante Beiträge zur schöpferischen Wirklichkeit übersetzen. 


Blockierende Ambivalenzen


Es gibt aber auch Gegensätze, die uns zu schaffen machen, soweit, dass sie uns lähmen können. Denn Unterbrechungen können abrupt und intensiv auftreten, wie es Schocks tun. Sie reißen uns aus dem, was gerade ist, und katapultieren uns von einem Zustand in den anderen, meist von einem angenehmen in einen unangenehmen. Ein Schock führt nicht zu Kreativität, sondern zu Angst und Panik. Wir geraten schnell in starke Anspannung, manchmal sogar in einen Erstarrungszustand. Dann können wir unmöglich kreativ sein, sondern können uns nur darum kümmern, wieder in einen Normalzustand zurückzufinden.

Wenn die Spannungen zwischen zwei oder mehreren Polen zu stark werden, wirkt sich die Ambivalenz störend auf die innere Lage aus. Und besteht ein intensiver Spannungszustand zu lange, müssen Notfallmaßnahmen ergriffen werden. Diese reichen von Verdrängung über Dissoziationen bis zu körperlichen Erkrankungen. Denn das Immunsystem wird durch chronifizierte innere Spannungen in Mitleidenschaft gezogen und dadurch Viren und Bakterien leichteres Spiel gewähren.

Blockierende Ambivalenzen weisen auf einen tieferen Grund in uns selber hin. Sie machen uns auf sehr frühe Traumatisierungen aufmerksam, die uns widerfahren sind. Wenn z.B. die Mutter oder eine andere wichtige Bezugsperson unsere Kontaktangebote, unser Bedürfnis, unsere Liebe zu teilen, ignoriert oder ablehnt, sind wir gefangen in dem Konflikt, uns anzupassen oder unseren Weg zu Autonomie und Liebesfähigkeit zu finden (vgl. den vorigen Blogbeitrag).


Ambivalenzen in Beziehungen


In Beziehungen und Partnerschaften suchen wir die Übereinstimmungen und leiden an Disharmonien, vor allem wenn sie in Streitereien münden. Wir sehnen uns danach, dass die andere Person unsere Meinungen, Ansichten und Überzeugungen teilt, dass unsere Gefühle eins zu eins verstanden werden und unsere Absichten und Ziele übereinstimmen. Unter diesen Voraussetzungen stellen wir uns das Leben einfach und glücklich vor. 

Noch besser wäre es vielleicht, – so geht die romantische Fantasie weiter –, gleich direkt mit der anderen Person zu verschmelzen und wirklich ein ununterscheidbares Eins zu werden, wie das manchmal von der sexuellen Begegnung erwartet wird. Miteinander verschmolzen gibt es keine Gegensätze, keinen Konflikt und keinen Streit. Das Ei, das sich laut Platon zerteilt werden musste, wird wieder eins*. Oder, wie es bei Immanuel Kant heißt: „Oh wundervolle Harmonie, was er will, will auch sie.“ Es kann doch keine Liebe sein, wenn die Lebensziele, Konsumgewohnheiten, Geschmäcker und Gedankengebäude unterschiedlich sind? Liebe heißt Einssein, möglichst ununterscheidbar und widerspruchsfrei, so die romantische Theorie von der Liebe.

Das Leiden entsteht aber schnell am Widerspruch zwischen Theorie und Praxis. Auch wenn es Momente gibt, in denen das Eine und das Andere eins werden, die Personen sich tief verbunden fühlen und das gemeinsam Geteilte über dem Trennenden steht, sind weite Bereiche der Realität und ganz besonders im Beziehungsbereich durch Unterschiedlichkeiten geprägt. Das Leben präsentiert sich in jedem Moment anders, mit stetig neuen Herausforderungen. Was als Einssein erfahren wurde, zerfällt in Dualität, was sich als verschmolzen angefühlt hat, teilt sich. Wenn wir in dem Zustand der Getrenntheit die Einheit vermissen, leiden wir, statt die Unterschiedlichkeit wertzuschätzen und Gewinn aus ihr zu ziehen. 

Die romantische Liebeskonstruktion strebt einen ambivalenzfreien Raum an. Das macht ihre Realitätsferne aus, denn Widersprüche und Unterschiedlichkeiten gehören zum Leben wie das Salz in die Suppe. Die Liebe jenseits der Romantik besteht im Annehmen und Umarmen der Gegensätzlichkeiten statt in ihrer Aufhebung oder Übertünchung. Diese Liebe ist flexibel und kann mit den Drehungen und Wendungen des Lebens besser umgehen und an Herausforderungen wachsen.


Von der Ambivalenztoleranz zur Ambivalenzkompetenz 


Wenn wir das Geschehenlassen über das Tun stellen, kommen wir leichter mit Ambivalenzen zurecht. Wir begeben uns mit dem Anvertrauen ans Leben in das Fließen, das zwischen Polen navigiert. Wir üben uns in der Flexibilität, indem wir Ambivalenzen begrüßen, um sie zu erforschen und auszukosten. 

Denn nüchtern betrachtet, macht uns der Drang nach Vereinheitlichung mehr Probleme als er löst. Wir denken uns, das Leben wäre einfacher, wenn alles in uns aus einem Guss wäre, alles logisch oder psychologisch ineinander überginge, wenn alle Unterschiede in uns und um uns herum eingeebnet wären. Wir wollen nicht zerrissen sein zwischen zwei oder mehreren Herzen, die in unserer Brust um die Wette schlagen. Und wir wollen nicht mühsam Übereinkünfte mit anderen erkämpfen, die nicht von vornherein das Gleiche wollen wie wir. 

Wo es nicht um starke innere Konflikte geht, die ihre Wurzel in frühen Traumatisierungen haben, steckt hinter dem tagtäglichen Leiden an der Verschiedenheit  und Gegensätzlichkeit nicht viel mehr als der in uns allen inhärente Hang zu Bequemlichkeit und Konfliktscheu. Wir können uns natürlich mit Menschen und Umständen umgeben, in denen laufend bestätigt wird, was wir sowieso glauben und in dem das, was wir selber wollen, von den anderen bereitwillig geteilt wird. Wir können uns „Blasen“ schaffen, in denen wir mit all unseren Ecken und Kanten gemocht werden, in denen uns nichts konfrontiert oder herausfordert. Wir wollen auf unserem Kurs bleiben und damit nicht abgelenkt werden. Aber das ist auch Zeichen einer mangelnden Lernfähigkeit, denn aus jeder Erfahrung, die sich mit unserem bisherigen Erfahrungshorizont kreuzt, neue Einsichten gewinnen und unseren Horizont erweitern. Oft müssen wir hinter die vordergründige Erscheinung blicken, um tiefere Wahrheiten zu gewinnen, vor allem dann, wenn die neuen Erfahrungen schockierend und irritierend sind, wie z.B. die Konfrontation mit lebensfeindlichen Aktivitäten und gewaltfördernden Meinungen.

Letztlich freilich geht es darum, mit allem, was in uns und um uns herum passiert, in Einklang zu kommen, d.h. mit dem, wo sich ruhig etwas aus dem anderen entwickelt, und mit dem, wo Brüche und abrupte Wendungen geschehen. Wenn uns diese Vereinheitlichung gelingt, kommt aus jedem Moment das, was als nächstes geschehen soll, ob es jetzt zu irgendetwas anderem in uns in Widerspruch steht oder nicht. Die Übung der Ambivalenztoleranz und Ambivalenzkompetenz hilft uns auf diesem Weg.

* Platon im Symposion: „Nachdem nun die Gestalt entzweigeschnitten war, sehnte sich jedes nach seiner andern Hälfte und so kamen sie zusammen, umfassten sich mit den Armen und schlangen sich in einander, und über dem Begehren zusammen zu wachsen starben sie aus Hunger und sonstiger Fahrlässigkeit, weil sie nichts getrennt von einander tun wollten. [...] Von so langem her also ist die Liebe zu einander den Menschen angeboren, um die ursprüngliche Natur wiederherzustellen, und versucht aus zweien eins zu machen und die menschliche Natur zu heilen. Jeder von uns ist also ein Stück von einem Menschen, da wir ja zerschnitten, wie die Schollen, aus einem zwei geworden sind. Also sucht nun immer jedes sein anderes Stück.“

Zum Weiterlesen:
Mit Ambivalenzen leben

Samstag, 16. September 2017

Aida und die Illusion der romantischen Liebe

Die berühmte Oper Aida von Giuseppe Verdi entfaltet eine romantische Tragödie, die uns die Fatalität des romantischen Liebeskonzepts vor Augen führt. Das Dilemma steht schon am Anfang fest. Aida, die versklavte Tochter des Nachbarkönigs, liebt den aufstrebenden ägyptischen Feldherrn Radamez, der sie ebenfalls liebt. Die Tochter des Pharaos liebt nun Radamez, dieser sie aber nicht. Radamez bekommt das ersehnte Kommando für den Krieg gegen die Nachbarn, diese werden besiegt, und Aidas Vater wird gefangen genommen. Aida ist gespalten zwischen der Liebe zu Radamez und der zu ihrer Heimat und Familie. Schließlich endet alles tragisch, Radamez und Aida finden erst eingemauert in der Todeskammer zueinander.

Was verstehen die Protagonisten dieser Oper unter Liebe? Es ist eine Kraft, die nicht ihrer Kontrolle unterliegt und die sie nicht beeinflussen können. Soweit deckt sich das mit der Erfahrung vieler anderer Menschen. Die besondere Liebe, die wir einem anderen Menschen entgegenbringen, wenn wir uns verlieben, können wir nicht machen, können wir nicht durch bewusstes Handeln erzeugen. Sie trifft uns wie eine übergeordnete Macht. Außerdem kennen wir alle die Erfahrung, dass sich diese Form der Liebe nach einiger Zeit verflüchtigt. Sie wird schwächer und schwächer, macht aber im günstigen Fall einer anderen Form der Liebe Platz, die mehr Beständigkeit aufweist und die Grundlage für längerfristige Beziehungen bilden kann. Diese Form der Liebe ist vielfältiger, differenzierter und schließt tendenziell alle Ebenen unseres Seins mit ein. Wir tauschen uns mit unseren Partnern über die meisten Bereiche unseres Lebens aus und teilen viele dieser Erfahrungen. Dabei entstehen Gemeinsamkeiten und Unterschiede, die Konflikte auslösen und in der Versöhnung das Verständnis vertiefen. Diese Form der Liebe entwickelt sich in Übereinstimmung mit der Entwicklung der beteiligten Personen weiter, und die Liebenden arbeiten aktiv an dieser Entwicklung mit. Es ist eine Form der Liebe, die stärker und schwächer werden kann, die verloren gehen, aber auch wieder gefunden und neu erfunden werden kann.

Liebe als Schicksal


Im Kontext der romantischen Liebe taucht diese Form der wachsenden, der „arbeitenden“ und reflektierenden Liebe allerdings nicht auf. Liebe ist da oder sie ist nicht da, es gibt keine Auskunft darüber, wie und warum sie entsteht und was sie bedeutet, und für die im Wortsinn Betroffenen gibt es nur die Wahl, sich ihr hinzugeben oder sich ihr zu verweigern. Andererseits zeigt das romantische Drama die Abgründe dieser Form von Schicksalsabhängigkeit auf: Wenn die äußeren Umstände dagegen wirken, führt die Liebe nicht zur Vermehrung und Steigerung des Lebens, sondern in den Tod, der paradoxer Weise als Erfüllung der Liebe dargestellt wird.

Doch dieses Paradoxon ist die treibende Kraft der romantischen Liebe. Sie hat gar keinen anderen Ausweg: Jener ins Leben einer alltäglichen Gemeinsamkeit verliert sofort die romantische Strahlkraft. Zwei Herzen finden zueinander und können – brauchen – nicht mehr voneinander zu lassen, aber was passiert dann? Bloß ein „Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“? Die romantische Spannung ist weg, sobald sich die beiden finden und ihr normales, bald langweilig werdendes Beziehungsleben beginnen – da können sie gleich in eine Kerkerzelle eingemauert werden. Der Nervenkitzel der romantischen Liebe speist sich gerade daraus, dass die Protagonisten nicht zueinander finden und ein gemeinsames Leben beginnen können, mit allen Aufgaben und Pflichten, ein Leben, in dem das Holz gehackt, die Kinder versorgt und eine Einigung über das Fernsehprogramm des Abends gefunden werden muss.

Die hartnäckige Sehnsucht nach der Romantik in der Liebe, die unsere Kultur durchzieht, die Seiten der bunten Illustrierten und der sozialen Medien, die fettleibigen Taschenbuchromane und Geschichten der kitschigen Fernsehserien, sie alle zehren vom Konzept der hochgepeitschten Emotionen und unzähmbaren Gefühle, der Verwirrung und der Entmachtung der Vernunft. Die Chaotik des limbischen Systems wird zum Zentrum des Lebens erklärt, um das sich alles zu drehen hat und an dem alle anderen Ordnungsstrukturen zum Scheitern verurteilt sind.

Gegensatz von Liebe und Wirklichkeit


Offensichtlich liegt das eigentliche Scheitern der romantischen Manie im konstruierten Gegensatz zwischen Liebe und Wirklichkeit. Die Liebe wird in einen überwirklichen Raum abgeschoben, in dem es allein zur Erfüllung kommen kann; die Wirklichkeit der Lebenswelt mit den Abläufen des (Arbeits-)Alltags wird dagegen als oberflächlich, ereignislos und langweilig, und, was noch schlimmer ist, als Vergiftung der romantischen Liebe abgewertet. Die eigentümliche Dynamik, die von der Romantik aufgespannt wird, begünstigt den Eskapismus, die Flucht in eine illusionäre Erfüllung (in der Aida als Untergang in der eingemauerten Todeszelle dargestellt), verbunden mit der Verachtung der biederen und liebesfeindlichen Wirklichkeit, die sich ihrerseits rächt und die „wahre“ Liebe kaltblütig aushungert und schließlich erledigt. Deshalb gilt dem Romantiker diese Wirklichkeit als das Schlechte, Verderbliche, während die Überwelt der Liebe der einzige Ort ist, an dem das Leben zur Fülle gelangen kann.

Die Liebe in ihrer übersteigerten Form gelingt nur in Ausnahmefällen, selbst wenn sie die Norm sein sollte. Eigentlich wird sie geschenkt oder auferlegt, je nach Sichtweise. Jedenfalls kann sie nicht erarbeitet oder erkauft werden. Die übernatürliche Verwandtschaft zweier ineinander verschmolzenen Seelen kann nur durch ein übernatürliches Arrangement eingefädelt und entflammt werden. Für die Betroffenen, von den aus dem Hinterhalt gelenkten Pfeilen des Eros durchbohrt, gibt es kein Entrinnen.

Die Fatalität liegt darin, dass die romantische Sehnsucht nicht zur Ruhe kommen kann, bis sie ihr Ziel, die Vereinigung mit dem Seelenpartner, erreicht hat und dass andernfalls das Leben sinnlos und verfehlt ist; wird hingegen schicksalhaft geschenkt, was ersehnt ist, zerschellt jeder Versuch der Erfüllung an den unerbittlichen Mächten der Wirklichkeit.

Im Anderen sich selbst lieben


Charakteristisch für die romantische Liebe ist ihre narzisstische Verkürzung. Die enthusiastischen Gefühlsüberschwänge resultieren aus der Widerspiegelung der eigenen Liebe. Der romantisch Liebende erkennt sich in der anderen Person selbst und findet die eigene Besonderheit und Großartigkeit durch den liebenden Partner bestätigt. Er liebt sich im Liebespartner selbst und übersieht die Andersheit des Partners, der auf der unbewussten Ebene als Erweiterung des eigenen Selbst erlebt wird. Das Sich-Wiedererkennen im Anderen ist die Täuschung, die deutlich wird, sobald die Gefühlsströme versiegen. Dort begänne die eigentliche Aufgabe der Liebe: Die Andersheit des Anderen zu erkunden und in ihrer Verschiedenheit anzuerkennen und zu lieben. Die romantische Liebe scheitert also, wie jeder Narzissmus scheitern muss: An ihrer Selbstbezüglichkeit und Realitätsverweigerung.

In den Zeiten des Verliebtseins (s.u.) ist dieser Narzissmus ein normaler Mechanismus, der uns aus der Komfortzone lockt und zu neuen Verhaltensweisen wie Gedichteschreiben oder Dauertelefonaten verleitet. Problematisch wird die Sache erst, wenn daran zwanghaft festgehalten wird und an jeder Schwächung der Gefühlsintensität leiden und den Sinn des Lebens in Frage stellen.

Eine Zeiterscheinung


Nüchtern betrachtet, ist die romantische Liebe eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, auch wenn es schon Vorläufer gibt, die ins Mittelalter zurückreichen. Die Hochblüte der Liebesverfallenheit hängt mit der Ausfaltung des personalistischen Bewusstseins im Modell der Bewusstseinsevolution zusammen. Die im Zug der Herrschaftsübernahme der materialistischen Stufe atomisierte Person macht aus der Not die Tugend der Individualisierung, der Heraushebung ihrer Einzigartigkeit. Die allein wirksame und erfüllende Sozialform im Rahmen dieses Bewusstseins liegt in der Zweier-Liebesbeziehung, jede andere fällt ab dagegen und wird an ihr gemessen. Die Beziehungskiste als abgeschottete Insel der Glückseligkeit ist umgeben von der Trostlosigkeit einer immer stressiger werdenden Leistungs- und Arbeitswelt. Das ist die Sackgasse der Romantik.

Robert A. Johnson, US-amerikanischer und jungianischer Psychologe hat dieses Phänomen in seiner lesenswerten Analyse der Tristan-Erzählung als „Irrtum des Abendlandes“ bezeichnet, als folgenschweres Missverstehens dessen, was die Liebe zwischen Mann und Frau jenseits von narzisstischen Spiegel-Verzerrungen ausmacht: Traumvorstellung Liebe. Der Irrtum des Abendlandes (Walter Verlag).

Die alltagstaugliche Romantik


Zur Ehrenrettung der Romantik sollte noch erwähnt werden: Neben dieser extremen Ausgestaltung der Romantik gibt es die realistischeren, sanfteren Formen, mit Kerzenschein und Lavendelduft, die jeder Liebesbeziehung gut tun können, als bewusst inszeniertes Heraustreten aus der Routine der Alltagsverrichtungen und den Verflachungstendenzen in der Liebeskommunikation. Diese Spielart der Romantik abseits der Hochglanz- und Seitenblicke-Welt, die ohne die manische Besessenheit und Fixierung auf „die eine und wahre Liebe“ auskommt, ermöglicht das Feiern der Einzigartigkeit einer Liebesbeziehung und verbindet es mit ästhetischen Ansprüchen und verfeinertem Genießen. Sie lädt die Kreativität in die Beziehung ein und belebt und vertieft das gegenseitige Verstehen und Erkennen.

Der Zustand des Verliebtseins, der meist am Beginn einer Liebesbeziehung steht, wird oft als romantisch erfahren. Das Erleben eines unvergleichlichen Hochgefühls, des andauernden  Hingezogenseins zu der erwählten Person, der Begeisterung für den anderen Menschen und die Bereitschaft, alles dafür zu geben, lässt beide Partner zu neuen Menschen mit viel mehr Möglichkeiten und reicheren Gefühlen werden, etwas, wogegen die restlichen Bereiche des Lebens verblassen. Doch, ganz banal betrachtet, schwinden über die Wochen und Monate die Glückshormone, die im Überschwang des Verliebens ausgeschüttet werden, und der Realismus kehrt langsam aber sicher in die Beziehung ein. Die romantische Sehnsucht, also die Sehnsucht nach Romantik ist der Wunsch, die emotionale Urkraft des Verliebens erneut in sich aktivieren zu können.

Die Pflege der Romantik in einer längerdauernden Beziehung kann die Rolle erfüllen, Elemente der anfänglichen Phase des Verliebtseins neu zu beleben und in die Gegenwart in verwandelter Form einzubringen. Eingeschliffene Verhaltensweisen, Verhakungen im Zusammenleben und kommunikative Abnützungserscheinungen können durch spielerische und kreative Elemente aufgelockert und entkrampft werden. In diesem Sinn kann die richtig dosierte Romantik als Jungbrunnen einer in die Jahre gekommenen Beziehung dienen.

Die Sehnsucht nach dem verlorenen Zwilling


Ein eigenes Kapitel dieses Themas, das hier nur angedeutet werden kann, führt zurück zu den vorgeburtlichen Wurzeln des liebeszehrenden Begehrens. Es geht um die Spur der romantischen Illusion zurück zum Thema des verlorenen Zwillings, denn allzu offensichtlich sind die Ähnlichkeiten zwischen den Gestalten der romantischen Liebe, ihrer Sehnsucht und ihrem Scheitern, und der Dramaturgie einer pränatalen Zwillingsgeschichte, die mit dem Tod eines Zwillings endet. Die manische Illusion der romantischen Vereinigung kann als die Rückprojektion zur intakten Zwillingsbeziehung verstanden werden, in der ein tief inniges und unmittelbares Verstehen und eine einzigartige Verbindung vorherrschen; die traumatisierende Katastrophe des Verlustes des Zwillings spiegelt sich im Zerbrechen der Liebesbeziehung an den Widerständen der Realität. Die Macht und Unausweichlichkeit der romantischen Dramatik, die in den verschiedensten Formen und Varianten wieder und wieder durchgespielt werden muss, stammt aus dem unbewussten und unbewältigten Trauma.

Die marktdominierende Vorherrschaft der romantischen Liebe vor allen anderen Möglichkeiten der zwischenmenschlichen Bezogenheit könnte als Hinweis darauf verstanden werden, wie viele Menschen vom Drama im Mutterleib betroffen sind und sich deshalb immer wieder hingezogen fühlen, dessen Inszenierung im realen Beziehungsleben wie in künstlerischer Bearbeitung zu durchleben, um den tiefen Schmerz und die ausweglose Verzweiflung, die in die Zwillingsdramatik eingewoben sind, auf diese Weise zu heilen.

Donnerstag, 17. Juli 2014

Die Liebe und ihre Bedingungen - Vier Phasen

Liebe ist möglicherweise der komplexeste Begriff, über den wir verfügen, und der einfachste. Deshalb ist es schwierig, darüber zu schreiben, und sollte zugleich einfach sein. Unsere Fragen nach dem, was Liebe ist, beginnen immer in der Ära des Relativen, im Bereich der Gefühle, Konzepte und Ideen, die die Menschen in Bezug auf ihre Erfahrungen entwickeln.

Im Relativen ist die Liebe immer an Bedingungen geknüpft: Ich liebe dich, wenn du so oder so bist; ich liebe dich, wenn ich so oder so bin. Also: Wenn du mir Rosen schenkst, liebe ich dich. Wenn ich mich geliebt fühle, liebe ich dich auch, usw. Äußere oder innere Umstände bestimmen die Fähigkeit zu lieben. Liebe ist das, was im Rahmen der eigenen Konditionierungen möglich ist. Sie bricht ab, wenn die Bedingungen zu schwach werden und die Angst überhand nimmt.

Liebe ist lernfähig. Oder: Unser Umgang mit dieser Kraft hat ein Wachstums- und Entwicklungspotenzial. Wenn wir sagen, wir möchten lernen zu lieben, dann heißt das, dass wir mehr von diesem Potenzial entdecken und freilegen wollen. Es hat vor allem damit zu tun, unsere Ängste vor der Liebe Schritt für Schritt abzulegen. Schritt für Schritt lösen wir uns dabei von den Bedingungen, die sich im Lauf unseres Lebens an das, was wir als Liebe erfahren haben, angeheftet haben. Schritt für Schritt kommen wir uns selbst näher, und damit unserer Liebesfähigkeit.

Liebe will immer aus den Engen des Relativen herausführen. Sie sucht immer den Weg zur absoluten Wahrheit. Aber sie braucht andere Hilfen, um dorthin zu finden. Eine der Hilfen liegt in Wanderkarten, die die Stationen des Weges hervorstreichen. Hier können wir das Modell der Entwicklungsphasen im inneren Wachstum nutzen, um den Konditionen und Konditionierungen unserer Liebe besser auf die Spur zu kommen.

1. Phase:


Herkömmliche Konzepte der Liebe werden in Frage gestellt. Es gilt z.B. nicht mehr fraglos,  die eigenen Eltern zu lieben. Bei all den Verletzungen, die sie zugefügt haben - verdienen sie da überhaupt noch geliebt zu werden? Was war das für eine Liebe, die wir als Kinder den Eltern entgegengebracht haben? War das Naivität, gegründet auf Abhängigkeit, ein Gegengeschäft dafür, dass wir nicht alleine gelassen und dass wir grundversorgt werden? Götzenbilder und Illusionen werden vom Sockel gestürzt.

Dadurch wird bewusst, wie stark die eigene Liebesfähigkeit bisher von den Pfaden der Konditionierung geprägt und durchwirkt war. Die Enttäuschung darüber kann in den Zweifel münden, ob es überhaupt so etwas wie „echte" Liebe geben kann. Zum Beispiel kann jemand erkennen, dass die Liebe zu einem Beziehungspartner von der Sehnsucht geprägt war, endlich vom eigenen Vater geliebt zu werden. Oder dass die Anhänglichkeit an einen Partner nur von der Angst gesteuert wird, an den Verlust eines Zwillings erinnert zu werden, der in frühen Zeiten im Mutterleib abgegangen war. Liebe wurde offenbar mit Tauschgeschäften verwechselt.

Was bisher als Liebe verstanden worden war, wirkt jetzt schal und flach, weil es auf Illusionen und zurechtgebogenen Erfahrungen beruht. Deshalb werden die bestehenden Beziehungen in Frage gestellt und einer kritischen Überprüfung unterzogen, einschließlich der Beziehung zu sich selbst.

Häufig stellt uns diese Phase vor absurde Überlegungen wie eine Liebes-Bilanz. Wir stellen anhand einer Liebesbeziehung die Einnahmen den Ausgaben gegenüber, die Aktiva den Passiva. Wieviel habe ich getan und wieviel habe ich erlitten? Wieviel habe ich gegeben, wieviel dafür bekommen? Wir erstellen Berechnungspläne, wenn wir uns klar werden wollen, ob wir weiter in einer Beziehung bleiben wollen oder etwas Neues anfangen sollten. Wir wollen mit rationalen Überlegungen dem Phänomen der Liebe näherkommen, eine Verzweiflungstat. Denn die Liebe hat keine Affinität zu Verstandeskalkülen.

2. Phase:


Viele der Bedingungen, an die Liebe im bisherigen Leben geknüpft war, werden bewusst. Dazu müssen die eigenen Elternbeziehungen durchackert werden, denn sie enthalten die zahlreichen eingeprägten Bedingungen der Liebe. Schließlich waren unsere Eltern keine Heilige, sondern einfache Menschen mit den "normalen" Behinderungen der Liebesfähigkeit. Im Zug der Innenarbeit werden diese Programmierungen schrittweise aufgelöst. Zugleich werden subtilere Formen von Bedürfnissen aktiviert, die sich nach liebevoller Zuwendung sehnen, und deren Fehlen in den aktuellen Beziehungen umso schmerzhafter erlebt wird. So kann es gerade in dieser Phase zu vehementen Forderungen kommen: Endlich wollen wir das kriegen, was uns ein Leben lang vorenthalten wurde. Wir erkennen, was uns eigentlich zusteht, was unser Geburtsrecht ist, nämlich nicht mehr und nicht weniger als bedingungslos geliebt zu werden. Denn so sind wir selber in die Welt getreten: Mit dieser Offenheit, alles, was wir sind und haben, zu geben.

Doch nicht nur der Mangel und die Sehnsucht nach dem so lange Entbehrten plagt uns in dieser Phase. Momentweise wird die bedingungslose Liebe spürbar, als Idee und als Spüren im Erleben. Allerdings fehlt es noch an der Geschicklichkeit und dem Vertrauen, solche Erfahrungen in die festgefügten Kontexte der aktuellen Beziehungen zu übersetzen. Manchmal wird z.B. in Selbsterfahrungsgruppen eine Tiefe in der Begegnung mit fremden Menschen erlebt, die dann nur unbeholfen und unsicher in die mit Projektionen befrachteten Beziehungen zu den nahen und verwandten Menschen übertragen werden kann.

3. Phase:


Projektionen und Liebesbedingungen werden besser verstanden, und es wird leichter, ihre Wirkung auf einen selbst zu spüren. Wir erkennen, dass wir uns von uns selber abschneiden, wenn wir uns vor unseren Beziehungs- und Liebespartnern verschließen. Wir erkennen den Zusammenhang zwischen Selbstliebe und Liebe zzu anderen Menschen. Wir lernen, uns selber mehr und mehr anzunehmen und merken dabei, dass es uns leichter fällt, auch die anderen Menschen in ihren Schwächen und Gestörtheiten anzunehmen.

Der Unterschied zwischen bedingten Liebesformen und der unbedingten Liebe wird immer detaillierter erforscht. Verstanden wird auch der Unterschied zwischen dem, was in Bezug auf die Öffnung zur unbedingten Liebe gemacht werden kann, also der eigenen Anstrengung bedarf, und dem, was im Geschehen zugelassen werden kann.

Wechselseitige Abhängigkeiten werden bewusst. Das Eingeständnis, am Verlauf jedes kommunikativen Prozesses, an jedem bewussten und unbewussten Austausch mitzuwirken, .

Alle Konzepte von Liebe, die wir im Lauf unseres Lebens entwickelt haben, kommen auf den Prüfstein: "Liebe als immer eins sein", "Liebe als einander nähren", "Liebe als einander gehören", "Liebe als sexuelle Bestätigung", wie im Kollusionsmodell nach Jürg Willi. Die unbewusste Dynamik, die sich in jedem Konzept, in das die Liebe gepresst wird, verbirgt, wird freigelegt und, wenn es gelingt, aus zwanghaften Reaktionen in Spiele umgewandelt.

4. Phase:


Die unbedingte Liebe wird zum Normalfall. Störungen werden schnell wahrgenommen und können dann leicht behoben werden. Wir erleben es als Leiden an sich selbst, als selbstzugefügter Mangel, wenn wir erkennen, dass wir die Liebe in den Käfig von Bedingungen eingesperrt haben. Deshalb ist der Wunsch, wieder in den Zustand der Liebe zurückzukommen, so stark, dass wir alles unternehmen, um mit unseren Mitmenschen und mit uns selber wieder ins Reine zu kommen.

Die Liebe zeigt sich in ihrer Einfachheit: Wo die Angst Platz macht, ist Liebe, sie wartet nur darauf, dass sie wirken kann. Die Gewebe der romantischen Liebe mit ihren Verwirrungen und Verirrungen machen einer zauberhaften, in jedem Moment neu gewobenen Klarheit Platz, die Wirbel an Gefühlen ebben ab, weil deutlich wird, dass Liebe ein Seinszustand und kein bestimmtes Gefühlserleben ist. Dieser Seinszustand hat mit der Auflösung von inneren Grenzen zu tun, mit einer Öffnung für die Verbindung mit dem Ganzen und beruht auf dieser überindividuellen spirituellen Ebene, die nicht von Stimmungen und Gefühlslagen abhängig ist, sondern einfach da ist oder nicht.

Es braucht Zeit, sich an diese Einfachheit zu gewöhnen. Denn unsere Kultur ist voll von Verzerrungen des Liebesbegriffes, die uns fortwährend den Blick verstellen. Eine neue Kultur der einfachen Liebe hat wenig Publizität, aber umso mehr innere Resonanz und subversive Wirkung.